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-The Project Gutenberg eBook of Eine feine Woche!, by Fritz Pistorius
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Eine feine Woche!
-
-Author: Fritz Pistorius
-
-Release Date: January 27, 2022 [eBook #67251]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE FEINE WOCHE! ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-[Illustration: Zu Seite 117.]
-
-
-
-
- Eine feine Woche!
-
- Von
-
- Fritz Pistorius
-
- Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«.
-
- Dritte Auflage.
-
- Berlin.
-
- Trowitzsch & Sohn.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- =Montag=: Paradeferien 5
-
- =Dienstag=: Nachmittag frei 25
-
- =Mittwoch=: Die schönste Enttäuschung 41
-
- =Donnerstag=: Ein recht bewegter Vormittag.
-
- 1. ~Sic me servavit Apollo~ 53
-
- 2. Strafe muß sein! 57
-
- 3. Zu langstilig und zu kurzstielig 62
-
- =Freitag=: Die Klassenpartie.
-
- 1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie 71
-
- 2. Vorfreuden 76
-
- 3. Ein armer Junge 80
-
- 4. 2 ~m~ Schottisch 89
-
- 5. Edler Wettstreit 95
-
- 6. Würden und Ämter 102
-
- 7. Der Überfall am Pechsee 107
-
- 8. Auf hoher Warte 114
-
- 9. Brennesseln und Regenwürmer 116
-
- 10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen 129
-
- 11. »Dieser Stein vom Seinestrande« 140
-
- 12. Blattlaushumor 145
-
- 13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel 150
-
- 14. Aufregung von Anfang bis zu Ende 155
-
- 15. Beim Kaffeetrinken 161
-
- 16. Heimkehr 166
-
- =Sonnabend=: Ferien 173
-
-
-
-
-Montag: Paradeferien.
-
-
-»Na, nu schlägt’s dreizehn!« --
-
-Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die Tischplatte
-hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären ihm alle Geigen aus dem
-Himmel gefallen. --
-
-»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches Exerzitium
-vergessen! Nee, so ein Pech!«
-
-Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen Lächeln in das
-Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir haben heute Paradeferien!«
-
-»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe es gestern noch
-schnell gemacht. Und nun habe ich es zu Hause liegen lassen! Nee, es
-ist zu dumm!«
-
-»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!«
-
-»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich in die ~la main~! Ich
-dachte, in der Zeitung gestern früh würde stehen, daß wir heute frei
-hätten. Und --«
-
-Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja, ich verstehe
-auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht --«
-
-Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach, quatsch’ nich,
-Krause! Hier haben nur die Schulmeister das Recht. Und Bumsvallera hat
-das Recht, mich nachher im Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir
-Latein?«
-
-»In der dritten Stunde!«
-
-»In der ersten Französisch bei Fuchsen! ~Bon!~ Der Schuldiener muß
-nachher mein Heft holen! Er mag wollen oder nicht, und es kann kosten,
-was es will! Und dann --«
-
-Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr eintöniges Lied
-los; die Jungen fahren herum.
-
-»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden Tag was
-anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!«
-
-Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es ihm geht, so geht’s
-sehr vielen oder beinahe allen Jungen. Immer fehlt ihnen etwas; immer
-müssen sie hoffen, hier oder da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an
-einer sicher drohenden Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal
-Paradeferien!
-
-»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie machen!«
-denkt ein Dummer, während schon gebetet wird. »Vielleicht, weil doch am
-Sonnabend die Pfingstferien anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei
-doch ebenso falsch.
-
-Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen ganz krampfhaft.
-
-»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am Freitag --«
-
-»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf. »~Ad~ Landpartie
-ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am Freitag wird also die Partie
-gemacht! Punktum!« Und ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der
-Doktor Fuchs jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen
-keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der Substantiva wird
-gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft beim Extemporale, und zu
-viel Trockenfütterung ist auch nicht dabei. Immerhin --
-
-Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren.
-
-»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder ins
-Lateinische zurück! ~Imago. -- Genitiv?~«
-
-Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich! Aber die
-Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen nach der Seite des Flures hin.
-
-Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen Korridors, eine Tür
-geöffnet worden wäre, und als wenn ein etwas verworrener Lärm einen
-Augenblick daraus hätte hervorbringen wollen. Nur einen kleinen
-Augenblick! Aber es war ihnen doch so!
-
-Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell anwachsend! Und
-jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr!
-
-Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß, fragend,
-ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu liegen.
-
-Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch nur: »Na, also doch!«
-
-Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische Exerzitium!
-Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall kriegt -- wie er es schon
-einmal getan hat! -- und sammelt die Hefte für Bumsvallera ein! Dann
-liegt er doch drin im Wurstkessel! --
-
-Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor erscheint auf der
-Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt seinen Lippen. »Wollen Sie
-die Schüler entlassen! Mit Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute
-der Unterricht der Parade wegen aus!«
-
-Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben ihre Mappen
-angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern durch die Klasse, als hinge
-an den wenigen Sekunden, die man vielleicht später als die andern
-Klassen hinauskäme, das Leben. Und heute auch noch beten!
-
-»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht an die lateinischen
-Hefte. Der Junge, der heute zum Beten daran ist, läßt ihm auch keine
-Zeit:
-
- »Anfang, Mitt’ und Ende,
- Herr Gott, zum Besten wende!«
-
-Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet heute gerade sich
-schicke für alle diejenigen, die in dem Augenblicke draußen auf
-dem Tempelhofer Feld stehen, um dort ihr Examen vor dem obersten
-Kriegsherrn abzulegen.
-
-Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter Eile.
-Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine der Unter-Sekunden zieht
-vorüber, aufgelöst, als wollte sie zum Sturm ansetzen.
-
-»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem Freunde hinüber.
-
-»Ich? Gar nichts!«
-
-»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?«
-
-»Och! Die Drängelei da!«
-
-»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?«
-
-Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte ich sein!« --
-
-Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben es noch eiliger als
-er selber. Schon packt ihn auch der Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du
-mit nach dem Tempelhofer Feld?«
-
-»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der Mappe?«
-
-»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke! Komm
-schnell!« -- -- --
-
-Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht wenige aber schlagen
-ruhig den Weg nach dem Elternhause zu ein.
-
-»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich und schwenkt
-schnell mit einigen anderen nach der Belle-Alliance Straße hinüber.
-Aber schon kommen sie zu spät zum Auszug der Truppen.
-
-»Ist denn der Kaiser schon vorbei?«
-
-»Nein!« -- »Ja!« -- »Der soll ja heute von Schöneberg drüben gekommen
-sein!« -- »Ach, er ist ja schon eine kleine Ewigkeit vorbei!« -- »Es
-wird ja bald wieder aus sein!« -- -- --
-
-Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben am Steuerhaus, am
-Rande des Tempelhofer Feldes, kommen sie geradeaus überhaupt nicht mehr
-weiter. Sie versuchen, nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber
-der Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken entgegen.
-
-»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!« schimpft
-der Zeidler etwas beklommen.
-
-»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu jetzt! Immer durch!«
-
-So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des Kaiserin Augusta
-Regiments. Dann die gepflasterte Straße hinunter. Da kann man schon die
-Helmbüsche sehen, und einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine
-lange Reihe Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht
-vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen. --
-
-Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem besten Willen
-und mit dem geschicktesten Drängeln nicht, linke Schulter vornweg. Wie
-eingekeilt stand die kleine Schar der Tertianer da. Aber sie waren
-dafür wenigstens gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum,
-die selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder auch jedes
-Nicht-sehen-können hinnahmen.
-
-»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen.
-
-»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz klein wenig um,
-so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige, mein Jungeken! Hinter
-mir habe ick keene Oogen!«
-
-Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer an. »Nich
-wahr, Paule, du sagst ooch:
-
- ›Wat du nich willst, det man dir dhu,
- det füge lieber ’nen andern zu!‹«
-
-Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen, ob sie
-nicht auch in Gefahr wären. Da aber legte sich auf einmal eine schwere
-Hand auf seine Schulter, und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du,
-nich drängeln! Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem[1] zu
-markieren?«
-
- [1] Wilhelm.
-
-Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe auch, als
-wenn sie dabei die kleine Anzapfung von ganzem Herzen dem dicken
-Schulkameraden gönnten.
-
-Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der Berliner Dialekt
-ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er glauben, alle Angriffe
-dadurch besser parieren zu können, kurz, in unverfälschtem Berlinisch
-entschlüpfte dem Gehege seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich
-Willem!«
-
-»Na« -- der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte, war ebenso schnell
-mit der Antwort fertig -- »denn entschuldijen Se man, Herr Hase[2], det
-Sie mir beinahe jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der
-heeßt:
-
- [2] Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht haben:
- »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!«
-
- ›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht,
- mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹«
-
-Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte hier die Parade
-vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein großer Dicker vor der
-kleinen Gruppe drehte sich langsam um und sagte milde und doch auch mit
-so urkomischer Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht kann
-ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!«
-
-Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte diese trockenen
-Worte. Von drüben her indessen fragte einer boshaft: »Na, Sie da,
-Männeken, Sie haben woll heite zum Reden injenommen?«
-
-Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte wieder: »Na, du, det
-ick dir man nich uff’t Jedächtnis tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt
-mir doch nich so mit Redensarten!«
-
-Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber kamen sie schön an und
-mußten wieder etwas hören.
-
-»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die Nase in’t Buch!«
-
-Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s nu nich! Wir haben
-ja jerade frei gekriegt, damit wir uns auch die Parade ansehen sollen!«
-
-Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn sich jemand die Butter
-nicht vom Brot nehmen läßt. So lächelte denn auch hier der Mann nur
-gutmütig und sagte begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut
-zeijet auch der lahme Muck!«
-
-Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber. Auch andere. Der
-eine der da in drangvoll fürchterlicher Enge Stehenden meinte sogar
-treuherzig: »Nee, denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich
-klassisch!«
-
-Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte nicht recht: sollte er in
-der Korona dieser fidelen Urberliner bleiben oder vielleicht lieber
-seinen Freunden nachlaufen.
-
-Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch heraus aus dem Knäuel.
-
-»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach.
-
-»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete der im Forteilen.
-»Da kommt nachher der Kaiser durch!«
-
-Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten, kam ihnen
-eine kleine Reihe von Gemeindeschülern entgegen, Arm in Arm, stramm
-marschierend und dazu singend:
-
- »Hinaus in die Ferne,
- vor’n Sechser fetten Speck!
- Den eß ick do’ zu jerne,
- den nimmt mir keener weck.
-
- Un wer det dhut,
- den hau ick uff’n Hut,
- den hau ick uff de Ne--ese,
- det se blut!«
-
-Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze Geschichte; aber
-sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem Wege. Kaum hatten die Sänger
-dieses Lied beendet, da stimmte einer auch schon an:
-
- »Turner ziehn mit Pantin’n[3]
- durch die jroße Stadt Ballin[4] --«
-
- [3] Holzschuhe.
-
- [4] Berlin.
-
-Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det is ja man nur wat
-for Turner! Mal den Torjauer Marsch! Los!«
-
- »Fritze Weber
- hat’n Keber[5]
- an de Zunge
- an de Lunge
- an de Leber!«
-
- [5] Käfer.
-
-In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen die lustigen Töne.
-Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen Bewegung in die starren Massen
-gekommen.
-
-»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der Dicke mit Zeidler
-hinter den Menschenmassen hinweg nach rechts hin in die Belle-Alliance
-Straße wieder hinunter.
-
-Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel Fähnchen entgegen
-und pries dabei seine Ware laut an: »Hier hochfeine Fähnchen, meine
-Herrschaften! Allen Ansprichen jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz
-mit Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie da!
-Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz kann so wat nich jut
-verdragen!«
-
-Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt. Nur mit einer
-kühnen Schwenkung kam er um ihn herum, so daß er beinahe gegen den
-Briefkasten fuhr, der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war.
-
-»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den Briefkasten rin!«
-Diese Mahnung mußte der dicke Puntz schnell noch mit auf den Weg nehmen.
-
-Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man schon hinter
-der schwarzen Wand der Menschen, die in tiefen Reihen am Rande des
-Bürgersteiges standen, den Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der
-einmal auf der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief
-plötzlich: »Die Maikeber![6] Die Maikeber! Dicker! Schnell, schnell!«
-
- [6] Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin.
- Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt,
- stand früher in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es
- in Berlin seinen Spitznamen daher hat, daß die beiden
- Bataillone alljährlich gerade zur Maikäferzeit zur Parade
- nach der Hauptstadt kamen. -- Am Offizierkasino des
- Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke gegen
- die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer
- plastisch dargestellt, als scherzhafte Konzession an den
- Berliner Volkswitz.
-
-Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße hinunter. Da fanden
-sie einen kleinen Durchlaß durch die Menschenmauer und konnten beinahe
-bis zum Straßendamm vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der
-Dicke einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von der hin- und
-herdrängenden Umgebung nicht wieder von seiner mühsam eroberten Stelle
-fortgerissen zu werden.
-
-Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig gekleideter Mann
-mit einigen Bekannten stand neben Zeidler, um das Truppenschauspiel
-gleichfalls zu sehen. Arbeiter drängten sich dazwischen.
-
-»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren. Er hatte die
-eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht nach der Richtung des
-Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber die Straße fällt hier so ab! Und die
-Bäume! Schlechte Akustik hier!«
-
-Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen: »Ick hab’ ’n
-Schnuppen! Ick rieche nischt!«
-
-Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise los. Der Dicke
-mußte sich fester an den Baum klammern.
-
-Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du, August, mit de
-Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom klettern? Dazu mußte barfte[7]
-Beene haben!«
-
- [7] barfüßig.
-
-Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!«
-
-»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst? Da feifst de dir
-’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.«
-
-»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer väterlich. »Da oben
-ieberfährt dir der Luftballon!«
-
-Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite; aber er mußte
-sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm zuriefen: »Na, du! Wat du
-schlau bist! Det mißte bei dir selber ooch janz jut aussehn!«
-
-»Rum, brrr, rumbumbum!«
-
-Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel verschlang alles.
-Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf die schmucken Soldaten, die
-mit einem strahlenden Antlitz wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte,
-Kompanie nach Kompanie, Bataillon und Bataillon.
-
-»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem Dicken in tiefer
-Bewegung eine Stimme.
-
-Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf; hier stand das
-Volk in Waffen, das sich an der Disziplin der Truppen wieder zu der
-alten, liebgewordenen Disziplin selber emporrichtete. Die Achtung
-vor des Königs Rock, dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten
-oder noch tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges
-Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die Tausende, die die
-schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen an sich vorbeiziehen
-sahen, die Blüte des Vaterlandes.
-
-Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes Gefühl
-auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das rollende Rasseln der
-Trommeln, sie stimmten ihn feierlich, und -- er wußte selber nicht,
-wie es kam -- das letzte Gedicht, das er in der Klasse gelernt und
-sogar ungern gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz
-ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf:
-
- »Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr!
- Den Säbel in die Faust!
- Das deutsche Volk -- ein großes Heer,
- das, von den Alpen bis zum Meer,
- ein zürnend Wetter braust.
-
- Und klopft an unsre Pforten an
- des Fremdlings Übermut,
- so opfert jeder deutsche Mann
- mit Freuden Gut und Blut.«
-
-»Die Alexandrer[8]!« hieß es da auf einmal. »Die alten Helme!«
-
- [8] Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1.
-
-»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!«
-
-»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach, elegant,
-jeschmacklos un ohne allen Prunk!«
-
-»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?«
-
-Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus.
-
-»Na, die mit de Entenbeene da!«
-
-»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung[9]!«
-
- [9] Mit gelbbraunen Ledergamaschen.
-
-»Ach so! Und so’n junger Leitnant!«
-
-»Mit so’n kleenen Schnurrbart!«
-
-»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!«
-
-»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick wie Fer--dinand!«
-
-Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf einmal eine ganz
-empörte Stimme: »Na, wissen Se, Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick
-sehe jeweenlich mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!«
-
-»Das zweite Garderegiment!«
-
-»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann da uff’t Pferd!
-Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?«
-
-»Ja, die da vorne sint ville strammer!«
-
-»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein. »Der eine versteht’s
-und der andere nicht! Es ist eben wieder mal das Ei des Kolumbus.«
-
-»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben ihm mit einem
-leichten Spott in der Stimme. »Legt denn der olle Mann immer noch?«
-
-Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn plötzlich rief eine
-Stimme von hinten vom Gitter eines der kleinen Vorgärten her: »Da
-drüben kommen die Ulanen!«
-
-Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte; aber das zweite
-Garderegiment marschierte gerade dazwischen. Es war also für ihn nicht
-zu sehen, was drüben auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er
-hörte nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die Reiter
-machte.
-
-»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber Jlick scheinen se
-do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n Einsatz rausjekommen!«
-
-Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden hatten. Nur
-einer der Herren, die sich ganz dicht an der Bordschwelle befanden,
-fragte, aber auch schon halb lachend: »Wie meinen Sie denn das?«
-
-»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem roten Einsatz hier ist
-er rausgekommen!«
-
-Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch sprach, tippte dabei
-mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt verstanden das natürlich auch
-die Jungen, und sie stimmten in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn
-sie auch nichts sehen konnten.
-
-Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter genauer an
-und meinte dabei: »Ich muß Sie doch schon mal irgendwo gesehen haben!«
-
-»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint! Da komme ick
-öfter hin und --«
-
-Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links her bannte aller
-Sinne von neuem.
-
-»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!«
-
-Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles drängte nach vorwärts.
-
-»An der Spitze der Fahnenkompagnie!«
-
-»Wahrhaftig! Hut ab!«
-
-Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte flogen in die Luft.
-»Hurra! Hurra!«
-
-Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen! Alles Uzen
-und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen. Der Kaiser! Er
-schweißte alles und alle durch seine bloße Erscheinung zusammen. _Ein_
-Volk, _ein_ Herz, _ein_ Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem
-Manne zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra! Hurra!«
-Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig: _Ein_ Volk, _ein_
-Herz, _ein_ Vaterland! Hinausziehen würden alle gegen den Feind der
-heimischen Erde! Sie sollten es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann
-dem Kaiser nach! ~Morituri te salutant!~ --
-
-Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen, hatte in dem Augenblicke
-Zeidler die Schultern schmal gemacht und huschte eben hinaus und
-hindurch durch die jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter
-ihm staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße weiter
-hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem Bürgersteig immer neben dem
-Kaiser und der Fahnenkompagnie hin.
-
-Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu undurchdringlicher
-Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler um, neben dem er sich doch bis
-jetzt so treu gehalten hatte.
-
-Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt nichts mehr zu
-sehen, und hinweg über die Gneisenau Straße konnte man auch nicht.
-Unwirsch stand der Junge endlich still. Er sah gerade noch die
-letzten Fahnenspitzen hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da
-verschwinden.
-
-Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle vorzudringen.
-Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann aber konnte er sogar auf
-die andere Seite der Straße gelangen, wo eben noch Kavallerie den
-Kasernen zuzog. Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs
-in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, von denen aber
--- der Dicke achtete jetzt scharf darauf -- kein einziger mehr »mit dem
-Einsatz rausgekommen war,« sogar die Artillerie, alles zog an seinem
-freude- und farbentrunkenen Auge vorüber, unter dem Staunen und dem
-Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor und die
-letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten.
-
-Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die mit ihm am
-frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. Wie spät mochte es jetzt
-wohl --? Ach, da drüben war ja eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das
-konnte doch wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön
-war es doch gewesen!
-
-Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück? Ach, das hatte er
-noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber -- nein -- die konnte vorläufig da
-bleiben! Er war zu müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen,
-von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja, der Kaiser, der
-wußte, wie es einem Jungen zumute war! »Hurra! Ach so, ja!« -- -- --
-
-Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem Halleschen
-Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon wieder durch. Dicht
-standen die Leute da an der Haltestelle. Na, wo denn nun lang?
-
-Endlich kam der Dicke zu Hause an.
-
-»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du dich denn rumgewälzt?
-Und das Gesicht!« -- Sie schlug dabei die Hände vor Staunen über dem
-Kopf zusammen.
-
-»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren bloß alle zur Parade!
-Aber, Mama! Es war wirklich großartig! Na, die Woche fing gut an! So
-könnte es meinetwegen weitergehen!« -- -- --
-
-
-
-
-Dienstag: Nachmittag frei.
-
-
-»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen. »Gestern war’s
-doch großartig! Aber heute nun Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde,
-daß wir --«
-
-Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn gar nicht ausdenken.
-Und dann noch eins: wie war’s doch gleich? Hatten sie denn nicht noch
-was Besonderes für Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar
-nicht die Aufgaben vorgelesen! Und -- ach Gott ja, das lateinische
-Heft! Für den alten Bumsvallera!
-
-»Na, Junge, es ist schon spät!« -- Die Mama war immer etwas ängstlich
-und drängte jetzt zur Eile. -- »Nu mach schon, daß du fortkommst!«
-
-Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber wie war das doch
-gleich mit Französisch? Es war doch was!
-
-Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam mit dem Schwanze wedelnd
-freudig auf ihn zu. Die beiden waren gut Freund miteinander, wie denn
-der Dicke überhaupt alle Hunde der nächsten Straßen kannte.
-
-»Na, Cäsar, wie geht’s dir?«
-
-Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor.
-
-»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du! Du brauchst nicht
-zur Schule! Strolch! Biste verrückt? Du hast wohl heute schon in Tran
-getreten?«
-
-Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft. -- -- --
-
-Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im Französischen --
-drin im Wurstkessel.
-
-»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der Doktor Fuchs.
-
-Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt und sieht
-seinen Ordinarius an, als hätte er -- der Dicke natürlich! -- einen
-moralischen Katzenjammer. Endlich ermannt er sich aber und bringt halb
-stotternd hervor: »Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag
-mußte ich für meine Mama zur Stadt!«
-
-»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!«
-
-»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann bin ich --«
-
-»N -- a?«
-
-Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und ziehen ganz merklich
-die Ohren straff.
-
-»Da bin ich -- eingeschlafen!«
-
-»Sehr denkbar!« -- Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern. -- »Und was
-nachher?«
-
-»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und dann war’s ja auch
-Abend! Ich hatte auch meine Mappe nicht! Die hat unser Mädchen dann
-erst von Zeidler geholt!« -- -- --
-
-Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig zugehört und ab und zu
-sogar genickt. Übrigens sind die Arbeiten auch durchgehends äußerst
-nachlässig gemacht, so daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch
-auf die Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade! Aber
-nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer von euch hat
-sich überhaupt die Parade oder den Aus- oder Einmarsch der Truppen
-angesehen? Hand hoch!«
-
-Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so hochschießen! Weit
-gefehlt! Er zählt und zählt, und er zählt nur einundzwanzig Mann.
-Einundzwanzig von sechsunddreißig! Also eine Kleinigkeit über die
-Hälfte der Jungen hat was von der Parade gesehen!
-
-»Na, Ernst?« -- Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. -- »Warum bist
-_du_ denn nicht zur Parade gegangen?«
-
-»Ich -- hatte -- keine -- Zeit!«
-
-»Ach, Zeit!«
-
-»Ja, meine Tante war nicht da!« -- Es kommt das alles recht verlegen
-und ungeschickt heraus. -- »Ich mußte da zu Hause bleiben!«
-
-Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen zu wissen als
-alle die andern Jungen zusammen; er läßt den Primus jetzt ruhig laufen
-und wendet sich an den Sekundus, den Tauscher.
-
-Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt er sich doch zu
-der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine Eltern sagten, es wäre zu viel
-Gedränge!«
-
-Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel zu finden.
-Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen Klasse: »Wer hat denselben
-Grund? Aber ehrlich!«
-
-Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und tun etwas verschämt
-dabei: es sind außer dem Sekundus noch acht. Hier und da wird wie zur
-Entschuldigung gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz
-schwarz von Menschen!«
-
-»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?«
-
-Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach dem Temperament
-der Jungen. Einer davon meldet sich krampfhaft, sieht aber dabei immer
-noch fragend nach den andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!«
-
-»Also?«
-
-»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine Partie durch den
-Grunewald gemacht. Mein Papa hat gesagt, wir sollen uns recht gesund
-machen; da täten wir dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir
-ihm auf dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.«
-
-Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das hier etwas
-sonderbar und doch auch wieder drollig genug klingt. Der Vater, der
-dieses Kraftwort gesprochen, gehört selber dem Wehrstande an, und
-der Junge -- das weiß ja jeder in der Klasse -- der will auch einmal
-Offizier werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen.
-
-»Also setzen! -- Ja! Was? Wo? Da war ja noch einer! -- Karnagel!«
-
-Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und sieht seinen
-Ordinarius scheu und von unten herauf an, wie ein geprügeltes Hündlein:
-»Ich habe auch nicht gedurft!«
-
-»Na, warum denn nicht, Otto?«
-
-Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon wieder leid, daß
-er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen hat; er erinnert sich,
-daß der Vater des Jungen oft seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt.
-Aber es ist zu spät; denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und
-platzt los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er das
-letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!«
-
-»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein anderer seine
-Weisheit an den Mann bringen. -- Grausame Kreatur doch, solch
-Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen, daß er mit dem, was er sagen
-will, einem andern wehe, sogar sehr wehe tun kann! -- »Herr Doktor!
-Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! -- Doch! Ich
-weiß es!«
-
-Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese Worte gar nicht
-und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die Tränen in die Augen schießen,
-zu beruhigen. »Na, laß nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst
-du noch öfter sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber
-mitmachen! Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da seid ihr ja
-alle dabei! Die ist auch was wert!«
-
-Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft. Doktor Fuchs aber
-hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas über diese Sache zu hören.
-»Genug!« entscheidet er kurz.
-
-»Nein, nein, was anderes!«
-
-»Na, schnell!«
-
-»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht werden?«
-
-Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig hoch und
-tun, als wenn ihnen die Sachen auf der Haut klebten, und als müßten sie
-nun diese Sachen vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern
-sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch heißer als
-gestern!«
-
-»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor Fuchs. »Die
-mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr Direktor verboten! Neulich
-ist dabei ein Junge in der Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat
-sich den Arm gebrochen! Los!«
-
-Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse, als ob er die
-verlorene Zeit und sogar den gestrigen Paradetag nachholen müßte. Immer
-schwüler aber wird es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften
-Ventilation! Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen auf der
-Stirn.
-
-Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am schlimmsten dran.
-Dabei gehen dann natürlich auch seine Gedanken noch leichter spazieren
-als sonst schon. Er stellt sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es
-sein müßte, wenn er baden gehen könnte und nicht --
-
-»Dicker!«
-
-Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun herhalten und kriegt
-jede zweite Frage, daß er schließlich ganz schachmatt ist, als es zu
-seiner Erlösung endlich läutet. Das war doch wahrhaftig gestern ein
-schönrer Tag! Na, aber vielleicht --
-
-Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag denn gar nicht mal
-frei gibt?«
-
-»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute eine Bombenhitze!«
-
-»Och!« -- Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem Thermometer, das in die
-Wand eingelassen ist und die Temperatur in der Klasse selbst anzeigt.
--- »Och! Schon 30 Grad!«
-
-»Réaumur?«
-
-»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein! Das geht nicht mehr!«
-
-»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke zweifelnd und wie für
-sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen mal schnell auf den Hof hinunter!« --
-
-Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde fleißig gesprengt.
-Eine wohltuende Kühle weht den Jungen entgegen, als sie aus der untern
-Tür auf den Hof hinaustreten. Das ist ihnen aber gar nicht recht.
-»Blödsinniger Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!« --
-
-Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen zurück, die sich vor
-dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt hatten. --
-
-»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt hätte!« --
-
-Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er berlinert immer; nur
-dann nicht, wenn er vor dem Lehrer steht. --
-
-»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und dann _müssen_ wir
-frei kriegen!«
-
-»Na, von müssen ist nun keine Rede!«
-
-»Doch! Ich weiß es ganz genau!«
-
-»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer da
-hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne hin!« --
-
-Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen wieder hinein in
-den »Schwitzkasten«.
-
-»Was haben wir denn jetzt?«
-
-»Erdkunde! Die Voralpen!«
-
-»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die Alpen!« --
-
-So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede, daß nicht nur der
-eine vor sich hindöste, sondern alle miteinander, wie sie da gebacken
-waren.
-
-Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage: »Können nicht die
-mittlern Fenster auch aufgemacht werden?«
-
-»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht. »Ist verboten!
-Aber die Tür können wir aufmachen!« -- Er gibt dem Jungen, welcher
-der Tür zunächst sitzt, das Zeichen, sie zu öffnen. Kaum aber öffnet
-sich diese Tür, da tönt ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera
-aus der Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee
-der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na! Hier nicht
-einschlafen, du!«
-
-Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los.
-
-»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische Herr ruhig. »Dann
-schwitzen wir eben ein bißchen!«
-
-Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und verpesten geradezu
-die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt so langsam herum und sieht
-neugierig in die Klasse hinein. Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine
-Betrachtung darüber: sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland
-und kriecht dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer, die
-Sonne geht im Osten auf und --
-
-»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt ihm der Professor
-auf den Pelz.
-
-Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein -- nein -- ich dachte -- ich
-dachte --«
-
-»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel, wie du, denkt!
-Nun passe mal gefälligst auf!« --
-
-Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es ist zu schwül in der
-Klasse. Bleischwer liegt es auf allen, und nur _ein_ Gedanke läßt hier
-und da ein Gesicht aufleuchten: es _muß_ ja heute frei geben! Und --
-Gott sei Dank! -- heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der eklige
-Nachmittag aus! -- -- --
-
-Auf _den_ Gedanken haben sich -- während der zweiten Pause unten auf
-dem Hofe -- alle Jungen zusammengefunden. Aber scheinbar auch eben nur
-die Jungen; denn der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn
-einer der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt nicht zu
-sehen!
-
-Aber, was ist denn da los? -- Da vorne! -- Eben bildet sich da eine
-Korona. Um den Schnorzel nämlich, den sonderbaren Jungen aus der
-Quinta, der, wie alle die andern behaupten, »ein bißchen mit dem
-Dämelsack geschlagen ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen;
-alles redet auf ihn ein.
-
-»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden, die Tertianer.
-
-»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben Schnorzeln zum
-Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.«
-
-»Na, und?«
-
-»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht erholen!«
-
-Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt. Als ihm jetzt
-wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat denn nun der Direktor
-gesagt?« da sieht er den Fragenden groß und glotzend an. Dann bückt er
-sich plötzlich vor und beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer
-einen Kreis um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend:
-»’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!«
-
-Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer aber wenden
-sich ab, und der dicke Puntz meint -- immer noch lachend --: »Dem hätte
-ich ooch ’n Vogel gemacht! Aber noch ’n ganz andern!«
-
-Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen auch; aber wenn
-der Direx den Schnorzel so angeschnauzt hat, dann will er doch sicher
-nicht frei geben! Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar
-unbehaglich.
-
-»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt der kleine
-Köckeritz vor.
-
-»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden die schon vernünftig
-werden!«
-
-Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht das Gesicht dabei! Aber
-es hilft eben alles nichts: man muß wieder hinauf in die Klasse.
-
-Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt, die den Humor
-nicht ganz verloren haben. Neben dem Brunnen steht ein Quartaner und
-ladet mit schallender Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine
-Herrschaften! Zur Durschtstillation!« Und oben neben der Klassentür hat
-sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt und katzbuckelt da
-allen freundlich entgegen:
-
- »Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné!
- Macht vil Spaß un dhut nich weh!«
-
-Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung. Aber sofort
-sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und zum Klassenthermometer
-hingetreten. »Was?« ruft einer da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das
-geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?«
-
-Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die Ecke
-herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick ja, der Affe soll
-mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh mal weck! Ick will mal dran
-pusten!«
-
-Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34.
-
-»So! Det jeniejt vorläufig!«
-
-Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde beginnt. Und eine
-Gluthitze dabei! Das Atmen wird Lehrer und Jungen schwer, und die
-Arbeit schleicht müde und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es
-mehr als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir doch frei
-kriegen!«
-
-Die Pause ist kurz.
-
-»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?« fragt der Bonin den
-Dicken.
-
-»Ih wo! Nich in de ~la main~! Wollen doch erst mal abwarten!«
-
-»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!«
-
-»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig wird, dann ist
-er es immer noch nicht ganz und noch lange nicht!« -- -- --
-
- * * * * *
-
-In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor Fuchs, dem Ordinarius.
-
-»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl, der triezt uns
-dafür wieder so!«
-
-»Ach ja! Und bei der Hitze!« --
-
-Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen, das war schon in
-Ordnung; aber weniger heiß war es natürlich trotz alledem nicht.
-
-Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da sagte dann Doktor
-Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch mal ein bißchen verschnaufen!
-Anlehnen! Wollt ihr euch die Jacke ausziehen?«
-
-Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch keiner.
-
-Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin: »Herr Doktor! Ich
-muß nachher zum Prediger!«
-
-»Schön! Freut mich!«
-
-Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint zögernd: »Ja, ich
-weiß aber nicht! Wir gehen doch früher weg! Wir wissen nicht, ob wir
-nachmittag dann wieder hermüssen!«
-
-Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!« sagt er ganz
-gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest du nun wissen! Na,
-dann komm mal vor! Dann werde ich’s dir ins Ohr sagen!«
-
-Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt! Und Doktor
-Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie Bonin, der beugt sich ganz
-geheimnisvoll zu ihm vor, als wenn er ihm das wirklich auch nur ganz
-leise zuflüstern wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren
-und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas aufschnappen.
-
-Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund, und -- während die
-ganze Klasse den Atem anhält -- brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich
-dir das sage, dann wissen das zweie!«
-
-Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und will sich eben wieder
-aufrichten, während im selben Augenblicke die Klasse in lauten Jubel
-ausbricht. Da aber öffnet sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener
-erscheint auf der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide
-nicht an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also darauf
-geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen zu sehen. Sie
-warten gewöhnlich auch erst einen kleinen Moment ab und richten sich
-mit dem Gesicht und mit dem ganzen Menschen darnach. Heute aber sind
-sie ungewöhnlich schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür
-in die Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten Bonin
-geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich über den Zettel,
-den der Schuldiener in der Hand hält und eben, süßsauer lächelnd, dem
-Ordinarius präsentiert.
-
-Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs, um 1 Uhr wird heute der
-Unterricht geschlossen! Ihr habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag
-ist natürlich frei!«
-
-Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na kann det olle Krokodil
-sprengen, so ville et will.« So hat Fritze Köhn leise gesagt, und so
-denken mit ihm alle die, die das gehört haben. Nicht lange dauert es
-auch, da läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen,
-frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter und nicht
-die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen. --
-
-Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen, steht der Schuldiener
-breitspurig im Wege wie ein zürnender Gott. Er wenigstens scheint den
-Jungen den Schulausfall doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann
-es sich deshalb auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten
-Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja ganz
-besonders groß in so etwas:
-
- »Mitten auf der Elbe
- schwimmt ein Krokodil,
- wackelt mit dem Schwanze,
- weiß nicht, was es will.
- Bitte, jehn Se rechts
- un bitte, jehn Se links!
- Denn so’n Krokodil
- is een jefährlich Dings!«
-
-Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied und diesen Mut mit
-lautem Jubel. Aber wie erschrocken darüber trollt man sich dann
-schleunigst hinaus. In aller Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das
-ist ’ne feine Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun vielleicht
-noch morgen sein?«
-
-Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen Klassenarbeit in
-Geometrie! Junge! Junge! Junge! _Die_ Arbeit verhaue ich ganz sicher!«
-
-»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!«
-
-»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!«
-
-»Und der Kerl mit!« -- -- --
-
-Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war die Woche nun schon
-fein gewesen! -- -- --
-
-
-
-
-Mittwoch: Die schönste Enttäuschung.
-
-
-Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch. Und endlich auch die
-dritte Stunde.
-
-»O Gott, o Gott, o Gott!«
-
-Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte innerlich mit;
-er wußte auch ganz genau, was das bedeuten sollte.
-
-»Mir ist ganz blümerant zumute!«
-
-Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und zog schließlich
-mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe daraus hervor.
-
-»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick hab’s verstan’n!«
-
-Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern Figur
-zusammenzuschieben.
-
-So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren Figuren
-hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine Hand darnach aus,
-um zuzugreifen und selber die Lösung zu versuchen.
-
-»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze über all die
-Weisheit weg.
-
- »Das Berühren
- der Fijüren
- mit de Foten
- is verboten!«
-
-»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite. »Die Geschichte
-geht ja überhaupt auch gar nicht!« --
-
-Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch obendrein tüchtig
-ausgelacht. Und doch klang das Lachen so gar nicht wie das frische,
-fröhliche Tertianerlachen sonst!
-
-»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer der Jungen wieder
-hervor. Und wieder hatte er allen aus der Seele gesprochen.
-
-Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch; dort mühten sich
-zweie um eine Figur, die aber leider das Schicksal der Köhnschen hatte:
-sie wollte nicht stimmen. Überall ein ander Bild, und überall doch
-gleichmäßig Angst und Sorge vor dieser Arbeit.
-
-Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die Sachen viel mehr mit
-uns üben müssen! Wer hat’s denn überhaupt verstanden? Keiner! Oder der
-Ehrenfried vielleicht!«
-
-»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch verdorben und
-verekelt!«
-
-Rrrrrrrrrrrr!
-
-Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur flog der
-schnurrende Laut über die Klasse hin und drückte den Kopf der Jungen
-auf die Tischplatte hinunter. Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das
-konnte ja gut werden!
-
-»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn und tat dabei, als
-müßte er gerade jetzt einen Regenwurm verschlucken. -- -- --
-
-Die Großen befehlen in der höchsten Not und im Augenblicke der Gefahr
-ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten. Ein Junge denkt nicht daran,
-so was zu tun. Er torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr
-hinein.
-
-Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten sich Feder und
-Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat gelegt. Im nächsten
-Augenblick konnte ja doch --
-
-Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen Korridor zu. Der
-lange Sausig aber vorn an der Ecke hatte sich hoch aufgerichtet; er
-blickte unverwandt nach der Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes
-darin erwartete. Plötzlich stand er sogar schnell und leise
-auf und machte ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu.
-Storchenschritte! Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende des
-langen Flures herum.
-
-Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken gefolgt: alles hielt den
-Atem an. Der Frechdachs! Wenn jetzt der Professor Zirbel käme! Dem
-Sausig konnte es dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand
-keinen Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er mit seinen
-Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv und schaudernd fiel der
-entsetzte Blick wieder auf das geometrische Heft hinunter.
-
-Aber -- der Sausig stand immer noch da auf der Lauer! Zirbel kam doch
-sonst so pünktlich und beinahe mit dem Glockenzeichen! Sollte da doch
-etwas passiert sein? Vielleicht daß Zirbel --
-
-Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück.
-
-»Raff! Raff!«
-
-»Wer?« -- Die Jungen wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten.
--- »Wer?«
-
-»Raff! Raff!«
-
-»Bei dem haben wir ja gar nicht!« --
-
-Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer näher. Und plötzlich
-erscheint wirklich der Professor Raff in der Tür. Die Jungen
-machen ein ganz erschrockenes, im nächsten Augenblicke aber schon
-freudig-verblüfftes Gesicht. Sie springen auf.
-
-Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse hinein.
-»Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr Professor Zirbel ist
-erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure Diarien und kommt schnell in die
-Unter-Sekunda ~O~! -- Na, macht schnell, Jungs!«
-
-Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin zurück. --
-
-Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der Klasse gelegen,
-er ist gebrochen. Also kein Extemporale! Der Gefahr entronnen! Ein
-Alpdruck ist von jedem Herzen genommen. Wild schwirren die Ausrufe der
-Freude durcheinander.
-
-»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!«
-
-»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht mehr!«
-
-»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun da schreiben läßt!«
-
-»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!«
-
-»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach, da liegt’s ja!«
-
-Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten und klopft mit
-dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen Heizröhren. »Na, Jungs,
-mal ein bißchen dalli!«
-
-Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der schönste Lockruf
-hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine machen können! Im Nu ist auch
-die Klasse jetzt leer, und fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der
-Unter-Sekunda zu. Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten
-mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge aus der Tertia.
-Sie haben französische Lektüre. In der Sekunda, wie überall ja sonst
-auch, blamiert man sich nicht gern und noch dazu vor einer Klasse, die
-tiefer steht als man selber. --
-
-»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff schnell noch, als die
-beiden Busenfreunde, der Sausig und der dicke Puntz, absolut auf einer
-Bank zusammensitzen wollen.
-
-»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal in euer Diarium einen
-kleinen Aufsatz über die Parade oder über irgend etwas, was ihr am
-Paradetag erlebt habt. Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!«
-
-Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie nicht Geometrie
-schreiben, alles machen, was man von ihnen verlangt. Aber immer schielt
-man doch etwas nach dem Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch
-zu schön, so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören, wie
-eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie« werden die angeredet
-und lassen sich so behandeln! Na, ungefähr so, wie sie selber unten in
-der Tertia bei Professor Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem
-nicht Extemporale! Großartig wirklich! Ein feiner Tag! -- -- --
-
- * * * * *
-
-Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der Ordinarius, das
-Klassenzimmer betreten, da schossen die Hände der Jungen hoch.
-
-»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung? Für Herrn Professor
-Zirbel! Die Algebrastunde!«
-
-»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich die geborenen
-Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde nämlich von zwölf bis eins
-fällt aus! Ihr geht also um zwölf Uhr nach Hause.«
-
-»Och!« -- »Oh, das ist fein!«
-
-Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so ruhig da! Er
-blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein! Der hat nie
-vergessen, daß er auch mal jung war und sich da gleichfalls über eine
-ausgefallene Stunde gefreut hat!
-
-»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt ihr euch nun bald
-genug gefreut? Dafür aber kaufen wir unsere Stunde jetzt ordentlich
-aus!«
-
-Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale in Geometrie
-und die Algebrastunde nachher auch noch frei! Was konnte es denn
-überhaupt noch Besseres in der Welt geben!
-
-Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt die Jungen
-eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach Hause zu ziehen,
-während die andern Klassen mit dem Buch vor der Nase und der Sorge vor
-der nächsten Stunde im Gesicht auf dem Hof herumschleichen würden, da
-erschallt auf einmal die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine
-Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!«
-
-»Nach Hause gehen!« -- Die Gesichter werden länger. Was soll denn nun
-noch kommen?
-
-»Ja« -- Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die Klasse zu quälen
--- »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch einen großen Schmerz antun!«
--- Er wendet damit seine Augen zum Stundenplan an der Tür hin. -- »Ihr
-habt doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!«
-
-Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit Ostern. Aber keiner
-antwortet darauf.
-
-Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß ich euch, Jungs, nun
-einen großen Schmerz antun!«
-
-Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch auch wieder wie
-erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius.
-
-»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen --. Ist dir was, Köckeritz?«
-
-Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt.
-
-»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn seinem
-Nebenmann zu.
-
-Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen dachte nur, daß nun
-der Professor Zirbel morgen sicher wiederkommen würde. Und dann _doch_
-das Extemporale! Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte
-man sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser dämlichen
-Arbeit herumschleppen!
-
-Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte alle andern
-angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der Doktor Fuchs schließlich mußte
-jetzt unbändig über all die Angstmeier da in seiner Klasse lachen.
-
-»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade _den_ Schmerz muß
-ich euch noch antun! Herr Professor Zirbel wird nämlich morgen auch
-noch fehlen, und --«
-
-Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei! Ein wahres
-Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen,
-wenn ihr so ganz und gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen,
-was ich euch noch sagen wollte!«
-
-Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse.
-
-»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch fehlen wird, und
-da ihr doch die erste Stunde bei ihm hättet, so kommt ihr erst um neun
-Uhr!«
-
-Erneuter Jubelausbruch.
-
-»Na, wartet mal!« -- Die Stimme des Ordinarius zwingt alle wieder zur
-Ruhe. -- »Das dicke Ende kommt eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden
-frei habt -- heute die letzte, morgen die erste! -- so übersetzt ihr
-mir zu morgen extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche
-Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!«
-
-Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird gemacht!« denkt
-jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse hinaus; an den andern
-vorüber, die da, in der großen Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe
-herumlaufen und mit neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern
-nachsehen.
-
-»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert der dicke Puntz
-einmal um das andre. »Die kann so bleiben!«
-
-»Jott Strambach!« -- der »Ballina«, der Fritze Köhn, versichert das
-frohlockend. -- »Als Raff sagte, wir sollten nach der Sekunda kommen,
-da habe ick mir ja eens jelacht! Mein janzer Bauch war eene eenzijste
-Falte!«
-
-Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie gleich mal probieren
-wollten, wie es tut, wenn der Bauch eine einzige Falte ist. Alle aber
-sind darin einig, daß das eine wirklich feine, sogar eine piekfeine
-Woche ist. -- -- --
-
-
-
-
-Donnerstag: Ein recht bewegter Vormittag.
-
-
-~Sic me servavit Apollo.~
-
-Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch gleich Latein! Beim
-alten Bumsvallera! Unheimlich war ja das Lateinische immer! Aber heute
-gerade konnte es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln
-waren zu repetieren.
-
-»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der kleine Köckeritz
-schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera kann man noch so gut gelernt
-haben; wenn’s das Unglück und der alte Querkopf wollen, so fallen wir
-doch hinein!«
-
-Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche Regeln! Ganz
-geschaffen, einen anständigen Menschen damit bis über die Ohren
-hineinzulegen! -- Ich habe so’n Animum als wenn!«
-
-»Aber ich erst!« -- Sausig klapperte ordentlich mit den Zähnen.
-
-»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte der Dicke
-nachdenklich und nach einem Augenblick des Schweigens. »Erstens lernen
-wir was bei ihm, und zweitens hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich
-habe zwar das Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu
-kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu schlagen!« -- -- --
-
-Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle andern die Regeln
-so herbeten könnten, wie die, welche er zufällig zuerst aufgerufen
-hatte; oder wollte er wirklich noch recht viel Übungssätze dazu
-Übersetzen lassen: kurz, er ließ bald das Übungsbuch aufschlagen.
-Gemütlich war so was nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei
-doch nicht mit Tadel oder Stunde hinein.
-
-Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern Loch pfeifen. Der
-Rippach, der Junge der dumme, übersetzte geradezu gottsjämmerlich
-schlecht; so schlecht, daß es wahrhaftig kein Wunder war, daß der
-alte Bumsvallera schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl
-anherrschte: »Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln nicht! Nun
-sag’ sie auf!«
-
-Der Junge fand sich nicht hinein.
-
-»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht, wie du sollst! Du
-kriegst einen Tadel!« --
-
-Dem Dicken und manchem andern noch wurde es schwül dabei. Hie und
-da schlug dieser Tadel wie ein Blitz in die Klasse ein; ein halbes
-Dutzend der Jungen stand schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden
-Augenblick konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann diese
-verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er sie dann nicht auch am
-Schnürchen und durcheinander herbeten, dann --! Er saß wie auf Kohlen!
-Kam er dran, dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern.
-Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse, mit dem man doch
-morgen eine Landpartie machen wollte! Die Sache war --
-
-»Na, nun mal -- der -- Puntz!«
-
-Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in seinem ganzen
-Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber so sehr er sich auch
-zusammenriß, hier und da stockte er doch, und nun gebrauchte er sogar
-den Akkusativ, und die Tücke des Schicksals wollte noch, daß gerade
-hier der -- Dativ stehen mußte.
-
-»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube gar!« -- Bumsvallera
-gebärdete sich ganz wild dabei. -- »Kannst du denn überhaupt --«
-
-Klirrr--r--r!
-
-Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich hingehauen. Dabei war
-ihm das Buch mit seiner scharfen, harten Kante in die Quere gekommen,
-und -- das ganze Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf
-einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er sich nicht im
-geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den Ärger an. Die Jungen wagten
-ja nun nicht, auch nur einen Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen
-und jubilierten sie vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat
-uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« -- So dachte Fritze Köhn; so
-dachte mit ihm auch manch andrer. --
-
-Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf das sich -- nach
-seiner eigenen Meinung -- die ganze Erregung des Lehrers entladen mußte.
-
-Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du denn die Regel? Ja? Na
-gut! Sag’ sie mal auf!«
-
-Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel vibrierten. Er
-wußte die Regel ganz bestimmt; und doch --.
-
-»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann --.«
-
-Rrrrrrrrr--. Die elektrische Glocke war die Erlöserin.
-
-»Na« -- der Alte richtete sich im selben Augenblicke hoch -- »na,
-Puntz, heute kannst du auch sagen: ~Sic me servavit Apollo!~« --
-
-Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn
-getreten war. Die andern, die schon drangewesen und dabei reingefallen
-waren, die taten ihm ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn
-er so kurz vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst
-wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß _er_ wenigstens so mit einem
-blauen Auge davongekommen war. -- -- --
-
-Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das durchgenommene
-Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als er am Dicken vorbeiging, drohte
-er ihm mit dem Zeigefinger: »Du, du, lernen!«
-
-Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich habe auch
-gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran, daß es nicht wohl
-angebracht war, dem alten Herrn mit einem Widerspruch zu kommen. So zog
-der Junge lieber vor, nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem
-Alten herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte Puntz
-noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch mal so ab!«
-
-»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze Köhn seinen Senf
-dazu. »Verjiß det nicht!«
-
-»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch eine feine
-Woche! _Nun_ ist sie erst fein!«
-
-»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!« -- -- --
-
-
-Strafe muß sein!
-
-Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen verdenken, daß sie
-zum Turnen liefen und stürzten? Ein Fach, das keins ist, weil’s nichts
-dafür aufgibt, und Paperlink aller Ränke voll! Und immer lustig und zu
-allen möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! Ein
-Junger unter Jungen!
-
-Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen hinunter. Aber --
-was hatte der kleine Turnwart, der Paperlink, nur heute? Während ihm
-sonst die Jungen die Hand geben durften und er diese »Patsche« auch
-wieder tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem Rücken
-herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig entgegengestreckten
-»Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt durch die Jungen durch und durch.
-
-»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der kleine Köckeritz.
-
-»Ja,« -- Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes Gewissen -- »et’s
-bloß jut, det wir nich dran schuld sin! Oder sint wer?« -- -- --
-
-Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. --
-
-Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben losschnarrte,
-schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer feierlichen und ihm
-doch sonst so ganz fremden Grandezza zur Turnglocke vor und läutete,
-daß es allen durch Mark und Bein ging.
-
-»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja durch Mark un
-Fennje!«[10]
-
- [10] Pfennige.
-
-»Na nu?« -- Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. Sie waren gewohnt,
-sonst immer noch etwas Kürturnen zu haben. -- »Schon?« -- »Was ist denn
-eigentlich heute mit dem los?«
-
-Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem er -- wie er einmal
-selber verraten -- seiner Länge eine Elle hatte zusetzen wollen. Er
-blickte starr auf den Fleck hin, auf dem die Klasse eigentlich nun bald
-stehen sollte.
-
-Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte den andern.
-»Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur passiert? Man ’n bißken fix
-jetzt!«
-
-Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt die Blicke
-erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer noch starr vor sich
-hinsah.
-
-»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte der kleine
-Köckeritz, der Frechdachs.
-
-Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und bewegte die Lippen.
-
-»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu reden.« (~NB.~ wenn
-Paperlink feierlich werden wollte, dann redete er hochdeutsch.) »Ich
-habe zu meinem größten Bedauern gehört, was ihr alles für Hanaken --
-ich wollte sagen, was ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die
-nicht wert sind, Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von
-Seiner Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen.
-Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig Mann von der
-Unter-Tertia ~O~ zu diesem Fest gegangen sind und fünfzehn also nicht.
-Ich wenigstens finde, es wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher
-Gelegenheit unsere feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und
-euer deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten wolltet.
-Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance Straße hätte auf einen
-richtigen Jungen viel mehr wirken können als die gelehrtesten Reden
-über die Vaterlandsliebe. Das ist _meine_ Meinung. Und deshalb werde
-ich die Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen haben,
-bestrafen.«
-
-Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen unten vor ihm zum
-Teil recht betroffen, zum Teil recht schadenfroh dreinsahen.
-
-»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die Parade _nicht_
-angesehen hat!«
-
-Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern
-oder ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch von Schoener und
-Haeseler und Forster und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren
-und so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. Sie
-wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch etwas helfen.
-
-»Herr Turnwart!« -- von Schoener ist damit einen Schritt weiter
-vorgetreten. -- »Karnagel kann eigentlich nicht dafür, daß er nicht
-gegangen ist. Sein Vater ist dran schuld!«
-
-»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also muß _er_ ran!«
-
-von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder zurück. Ja, als
-Sohn eines Offiziers hat er Disziplin im Leibe.
-
-»Drei ... sechs ...... fünfzehn! Stimmt! Erstens also zwiebele ich
-euch, die ihr euch nicht über unser schönes Militär freuen konntet,
-jetzt ein Viertelstündchen, und die _andern_ sehen zu. Und zweitens
-dürfen die andern dann kürturnen, und _ihr_ seht zu. Die Paradejungen
-aber dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, wie
-es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, ihr, mit eurem
-Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt nachher beim Zusehen in Reih
-und Glied stehen! Und stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! -- Die
-Parade austreten!«
-
-»Die Parade austreten?« -- Oh, die Jungen verstanden! Im Nu waren alle
-Barren, Matratzen und alles, was sonst einen Raum zum Liegen bot,
-»beflegelt«, während Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang
-und die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s los. Nach
-links und nach rechts hin ließ er das kleine Häuflein marschieren
-und schwenken, die Turnhalle auf und die Turnhalle ab; er ließ sie
-an Ort treten und im Laufschritt dahinstürzen, auf die schadenfrohen
-Paradezuschauer zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal
-vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die fünfzehn Mann
-schließlich rauchten und dampften. Und endlich, endlich kam dann das
-Kommando: »Halt!«
-
-»Ausrichten! -- Haeseler, man nich so schlapp dhun! -- Bonin, an deinen
-Schuhen is ooch bloß die Ventilation jut! -- Schoener, dhu man nich so!
-Willst woll Eindruck schinden? -- So! Nun habt ihr noch lange nicht
-so geschwitzt wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor
-Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung -- kehrt! Vorwärts -- marsch!
-... Ganze Abteilung -- halt! Ganze Abteilung -- kehrt! So! Hier bleibt
-ihr stehen und seht zu!« -- Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung
-Kürturnen!«
-
-Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein Vergnügen gewesen,
-jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen eine ganze halbe Stunde lang!
-Wie es sonst nur in der allerletzten Stunde vor der großen Versetzung
-gewesen war! Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der
-gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so »duselig« zusehen!
-Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen!
-
-Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen.
-
-»In Rotten antreten! Haltung!«
-
-Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten.
-
-»So!« -- Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, sein
-gemütliches Gesicht. -- »Jetzt sind die Sünder wieder so gute Menschen
-wie wir andern. Jetzt dürft ihr mir alle wieder zum Abschied vor den
-Pfingstferien die Hand geben!«
-
-Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten die fünfzehn,
-die Paperlink soeben so frisch und allerliebst und gründlich dabei
-»gezwiebelt« hatte. -- -- --
-
-
-Zu langstilig und zu kurzstielig.
-
-»Na, das läßt sich ja immer schöner an!«
-
-Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als man endlich wieder
-oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. Was konnte denn überhaupt nun
-heute noch passieren? Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher
-Geschichte! Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um
-hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus treiben;
-aber man riß sich eben auch kein Bein aus.
-
-Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die Pfingstferien! Der
-dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken beinahe Juchhe! geschrien.
-
-Wo blieb aber nur Fuchs heute?
-
-Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! Eine der Quarten
-marschierte draußen andächtig auf. Schnell trat auch jetzt der
-Ordinarius in die Klasse und ließ seine Jungen so auseinanderrücken,
-daß sich neben jeden ein Quartaner setzen konnte.
-
-Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, und langstiliger
-noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar wollte Doktor Fuchs die
-Quartaner nicht ganz brach liegen lassen und seinen eigenen Tertianern
-das Quartanerpensum dabei in Erinnerung bringen.
-
-Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher Gelegenheit oft ein
-dickes Fell: man ließ also auch in diesem Falle die ganze Geschichte
-ruhig an sich vorüberplätschern und schwamm nur mit, wenn man wirklich
-mal gezwungen wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß!
-
-Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl: ~summa summarum~ eine
-feine Stunde!
-
-»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, sich zuweilen
-recht gewählt auszudrücken, »es war eine Stunde, die sich wunderbar in
-diese ganze, feine Woche hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden
-wir mit Gottes Hilfe noch überstehen!«
-
-Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf den Mund. »Fertig
-mit de Quasselstrippe?« fragte er schließlich.
-
-»Ja!«
-
-»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: Adjee Sie!«
-
-Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren durchaus der
-Meinung von Fritze Köhn: so was konnte man eben gar nicht kurz genug
-sagen! -- -- --
-
-Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! Griechenland war
-so weit weg und die Geschichte der alten Griechen noch viel weiter!
-Zudem war es auch wieder heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß
-man auf Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in der Stunde
--- die Schuluhr draußen über der Turnhalle hatte gerade halb geschlagen
--- mitten in der Stunde also meldete sich der Richter und sagte
-höflich: »Herr Doktor, können nicht die Fenster oben _alle_ aufgemacht
-werden?«
-
-Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja wohl bestimmte
-Fensterwarte in dieser Klasse!«
-
-Die vier Größten sprangen auf.
-
-»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während Schilter und
-Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem Fenster zu ergreifen und ihn
-langsam und vorsichtig zur Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich
-dann oben an der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt.
-
-»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius.
-
-»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht!
-Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am besten machen wir das vorläufig
-_nicht_ auf!«
-
-»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich bei euch hierdrin
-in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! Geht’s wirklich nicht doch mal mit
-dem Fenster, Mucius?«
-
-»Herr Oberlehrer!« -- Der kleine Zittel ist immer einer der schnellsten
-auf dem Plan. -- »Das Fenster ist unter Plombenverschluß gelegt!«
-
-»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und tritt zu dem besagten
-Fenster hinüber.
-
-Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und die zum obersten
-Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange gelegt; die beiden Enden
-dieser Schnur waren in einer kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein
-Zettel war weiter darangebunden. Auf dem stand:
-
- »Vorsicht! Plombe!
- Oeffnen bei Strafe verboten!
-
- Mucius, Fensterwart.
- Im Auftrage der Klasse,
- G. m. b. H.«
-
-Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, »dann müßte unten
-in meiner Quinta an jedem Fenster solche Warnung hängen! Es wird schon
-gehen!«
-
-Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch,
-die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen
-gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze
-Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch
-sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere
-auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er
-selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch eben _sein_
-Fenster! Aber _er_ würde --
-
-Knipps! -- Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster
-oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln.
-
-Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der
-schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr!
-zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke.
-
-Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel
-los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen
-sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen
-Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer
-in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt
-umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber
-einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten.
-
-Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch
-schon der Direktor auf der Bildfläche.
-
-»Na nu? Was ist denn hier los?«
-
-Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze
-Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für
-den Schaden aufkommen, Herr Direktor!«
-
-»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der
-Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet
-hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch
-ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie,
-dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich
-habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt,
-daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade
-vorbeiging« -- der Herr Direktor lachte wieder -- »da dachte ich mir
-gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz
-gefährlich an!«
-
-»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist
-nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« -- -- --
-
-Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe.
-Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst
-und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja
-einen Heidenspaß. Die Zeit ~NB.~ verging doch dabei auch; die Zeit, die
-kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und
-gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren
-dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die
-dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine
-Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein,
-wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt
-schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte,
-daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war -- durch die
-Schuld des Lehrers. --
-
-»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?«
-
-»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!«
-
-»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«
-
-»Ih wo!«
-
-»Na, wer weiß?«
-
-»Na freilich!«
-
-»Quatsch nich, Krause!«
-
-Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und
-lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern
-Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n
-bißken kurzstieliger, meen’ ick!«
-
-Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den
-»verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch
-wieder mal!«
-
-»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!«
-
-»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« -- -- --
-
-
-
-
-Freitag: Die Klassenpartie.
-
-
-Der alte Caesar und eine moderne Landpartie.
-
-Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des
-Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die
-Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat
-ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!
-
-So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und
-vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der
-feinsten Woche überhaupt herangekommen war. --
-
-Langsam hatte sich eines Nachmittags -- noch im Mai war das gewesen!
--- die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden.
-Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen
-gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen!
-Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera!
-
-Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas
-verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das ~Bellum
-Gallicum~ hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf
-den Tisch, daß es kracht.
-
-»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt
-auch Caesar! Der ist mir lieber!«
-
-Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf.
-Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der
-Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich
-nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa
-hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen
-Windbeutel auch nicht viel anfangen können.
-
-»U--ah!« -- Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit
-in die Welt hinausstrecken kann. -- »U--ah! Dicker, nicht wahr, du hast
-auch keine Lust!«
-
-»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?«
-
-»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«
-
-»Du, dann übersetze mal schnell!« --
-
-Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und
-schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie
-sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den
-Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu
-ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und
-beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben.
-
-Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie
-versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere
-scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich
-um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da
-so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen
-Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in
-den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles
-von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz.
-Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen,
-desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am
-Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren.
-
-Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand
-anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles
-drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die
-Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im
-Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze,
-ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage
-fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben:
-sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!
-
-Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs!
-Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar--!«
-
-Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen
-Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so
-schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in
-diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz
-nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten.
-Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes
-Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte
-natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung
-Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor
-Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe
-gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich
-und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht
-dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten
-Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb.
-
-Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn
-fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just
-eben noch die Belgier die Stadt Bibrax.
-
-»Wieso?« -- »Wer hat das gesagt?« -- So ruft alles durcheinander. --
-»Woher weißt du das?« -- »Erzähle mal!« -- »Mit Fuchs allein? Oder eine
-Schulpartie?«
-
-Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher
-schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die
-aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen
-wie gewichtig: »Erst -- mal -- Ruhe -- im -- Saal! Großmutter will
-tanzen!«
-
-»Unsinn! Sage mal schnell!« -- Wie konnte der dicke Puntz bloß so
-rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! --
-
-»Also, Jungs!« -- Hagen bleibt in dem Schneckenton. -- »Der -- Direx
--- hat -- in -- der -- Sekunda -- gesagt: in der nächsten Woche sollen
-alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut
-deutsch Partie!«
-
-Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt
-und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch
-ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein
-leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt:
-»Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«
-
-»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch
-dicker als du!«
-
-»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«
-
-»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«
-
-»Ich werde dir gleich --«
-
-»Bumsvallera! Bums!«
-
-Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar.
-
-Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt
-als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden
-zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man
-dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf
-gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge
-sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf
-Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der
-Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung,
-in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste
-Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los,
-daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem
-Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber
-je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken
-der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein
-einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte.
-Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch
-sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt,
-wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten
-Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in
-der Herde mit der ganzen Schule. -- -- --
-
-
-Vorfreuden.
-
-Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß,
-entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!«
-
-Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!«
-
-Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen
-einfach mal fragen.«
-
-Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir
-schreiben es an die Tafel!«
-
-Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich:
-»Ich werde die Verse dazu machen!«
-
-»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«
-
-»Jetzt nicht! Morgen!«
-
-»Unsinn!« -- Der Fritze Köhn greift immer feste zu. -- »Jetzt haben
-wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links
-drehn!«
-
-Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das
-Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«
-
-Von hinten wird ~a tempo~ vorgeschlagen:
-
- »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,
- und die Klasse war so fleißig!«
-
-Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt
-auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm
-nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide
-gegriffen:
-
-»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:
-
- »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,
- und die Klasse war so fleißig.« --
-
-»So!« --
-
- »Will auch noch sehr fleißig sein!«
-
-»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!«
-
-Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:
-
- »Denkt indes, es wäre fein,
- nicht zu schwitzen in dieser Pein.«
-
-»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein
-gewichtiges Urteil ab.
-
- »Sondern zu wandern weit hinaus
- und möglichst spät zu kommen nach Haus.«
-
-Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und
--- plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse.
-
-Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die
-erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des
-Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und
-zuckt.
-
-Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf
-das Katheder zu steigen, und -- er sieht die voll beschriebene Tafel,
-die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er
-liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig.
-
-Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um
-und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!«
-
-O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste
-aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über
-den »größten Stoß Hefte«.
-
-Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über
-die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!«
-
-Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar
-schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige
-Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür:
-»Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n
-Kopp, det er Plattbeene kricht!«
-
-Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus
-zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt
-und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und
-weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse
-machen. -- -- --
-
-Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten
-Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber
-Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie
-dann alle lesen!«
-
-In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter
-oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und
-nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster
-Schrift an der Tafel.
-
-»Fein, Schmuck!« -- »Ach, _der_ Vers taugt nichts!« -- »Da muß noch
-hinein, wohin wir wollen!«
-
-Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und
-findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein
-anderer auch nicht!«
-
-Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. --
-
-Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig
-wie gestern.
-
- »Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne,
- Jugend tummelt sich draußen mit Wonne;
- sämtliche Schulen fliegen schon aus,
- nur unsere Klasse darf nicht hinaus!
- Lehrer gehen doch auch gern ins Freie,
- besonders im wunderschönen Maie!
- Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai,
- der Juni ist auch noch nicht vorbei!
- Die Pfingsten sind ja nun heran,
- die schönste Jahreszeit bricht an.
- Gewähren Sie uns doch die eine Bitte,
- beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!
-
- Die Unter-Tertia ~O~.«
-
-Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als
-müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen.
-Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?«
-
-»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«
-
-»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel
-schreiben!«
-
-Schmuck freut sich mehr, als je ein ~poeta laureatus~ sich gefreut
-hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs
-fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf
-steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die
-Partie machen will.«
-
-Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die
-Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon
-schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« -- »Potsdam!« --
-»Königswusterhausen!« -- »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage,
-Herr Doktor!«
-
-Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! ~Notabene~: hoffentlich
-beteiligen sich alle an der Partie!« -- -- --
-
-
-Ein armer Junge.
-
-Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch
-nicht!«
-
-Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber
-lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört
-zu: »Der ist immer der Spielverderber!«
-
-Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es
-die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich
-gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt
-nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone
-zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih,
-das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra
-bearbeiten!«
-
-Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt
-er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den
-kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn
-er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt
-den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein
-Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu
-denken.
-
-Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den
-Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er
-geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause
-die Aufsicht zu führen hat.
-
-Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor
-Fuchs winkt ihn zu sich hinan.
-
-»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?«
-
-»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!«
-
-»Warum?«
-
-»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!«
-
-»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel
-größer als du!«
-
-»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten
-Freunde!«
-
-Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so
-daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links
-und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber
-sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz
-vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig;
-aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du
-weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?«
-
-»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!«
-
-»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!«
-
-»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über
-sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei
-seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!«
-
-»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein
-Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher
-und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun -- jetzt halt mal die
-Ohren steif! -- gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried
-herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu
-sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das
-noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf
-den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du
-mir unsern Primus etwas in Ruhe!«
-
-»Herr Doktor!« -- Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als
-das Lachen. -- »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es
-ja auch gar nicht gemeint!«
-
-»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«
-
-Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden
-Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden
-schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im
-Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs
-hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich
-hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu
-sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den
-beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge
-gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher
-andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig
-Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion
-mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz
-getan hat.
-
-Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn
-Fuchs von dir?«
-
-Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht
-doch Fuchs! Nachher!«
-
-Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß
-ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹
-Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht
-gehörte!« -- -- --
-
-Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch
-nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener
-Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der
-Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst
-recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch
-laufen.
-
-»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht
-kommt Rat!« -- -- --
-
-Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr
-Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So
-suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor
-und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890
-in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr.
-Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters:
-war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! ~NW~, Havelberger Straße 250.
-Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann,
-Schöneberg, Torgauer Straße 105.«
-
-Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach
-der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte
-dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen.
-Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich?
-Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!«
-
-Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt
-sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben
-Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250.
-Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des
-Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3
-Treppen links. -- -- --
-
-Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf
-Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund
-gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an.
-
-»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«
-
-Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und
-ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«
-
-In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus.
-Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der
-Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel
-über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die
-jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der
-Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von
-vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge
-eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.
-
-»Guten Tag, mein Herr!«
-
-Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des
-Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«
-
-Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß
-Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen
-Augenblick sprechen.«
-
-»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«
-
-Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines
-Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick
-eintreten, Herr Lehrer?«
-
-So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen umzusehen. Es ist
-offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried;
-denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und
-auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der
-ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist
-sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst
-reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck.
-
-Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt
-der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den
-pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen
-sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten.
-
-»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit
-hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein
-lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken.
-Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag
-etwas schlafen.«
-
-Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und
-warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht
-ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als
-er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide
-können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried,
-meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will
-sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu
-haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« -- Doktor Fuchs
-hat das Geld schon in der Hand -- »ihm doch diese Mark und fünfzig
-Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß
-ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom
-Vormund für unvorhergesehene Fälle.«
-
-Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie,
-»ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der
-Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen
-hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist
-noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als
-mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade
-noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja
-das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!«
-
-»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten
-darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.«
-
-Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen.
-Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen
-kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine
-Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der
-Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es
-auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur
-Last fällt!«
-
-»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie
-aufgenommen?«
-
-Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so
-ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge
-lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein
-letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen
-Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja
-durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch
-bis jetzt gegangen!«
-
-»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es
-Ihnen einmal danken!«
-
-»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen
-absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder.
-Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn
-schicken wohin ich will. Nur,« -- die Frau lächelt dabei, als hätte das
-schon recht spaßige Szenen gegeben -- »er kann nicht ›danke!‹ sagen;
-das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«
-
-»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber
-ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?«
-
-»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch
-sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja
-mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!«
-
-Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst
-scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.
-
-»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß
-er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf
-andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen?
-Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«
-
-Doktor Fuchs muß dabei lächeln.
-
-»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich
-erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die
-Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.«
-
-»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« -- Dabei steht Doktor Fuchs auf.
--- »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit
-abgehalten!«
-
-»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es
-der Ernst ja nicht selber tun kann.« --
-
-Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend
-nach dem Restaurant, wo er -- als Junggeselle -- täglich ißt. Er kann
-alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein
-Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und
-Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der
-Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein
-Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn
-einer mehr mit am Tisch sitzt!« -- Aber noch viel mehr beschäftigt
-seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch
-sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der
-nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. -- -- --
-
-
-2 ~m~ Schottisch.
-
-Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch
-schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem
-Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er
-mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. -- Na, freust du
-dich nicht?«
-
-Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden
-Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und
-mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist
-denn der Herr?«
-
-»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest
-seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun
-mitmachtest!«
-
-Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht
-still und ruhig zur Tür hinaus.
-
-Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich
-werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«
-
-»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du
-recht!«
-
-Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke.
-Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und
-schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch
-ein.
-
-Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst
-so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen.
-
-Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten
-gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses
-Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der
-Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines
-Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden
-wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin
-macht ein erstauntes Gesicht.
-
-»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist
-die Kleine hier!«
-
-»Was soll es denn für Stoff sein?«
-
-»Ich weiß nicht, aber meine Tante -- solches hier! Bunt kariert!«
-
-»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«
-
-Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine -- meine --« stottert
-er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!«
-
-»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches
-hier!« --
-
-Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht
-jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den
-Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter
-abschneiden?«
-
-»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 ~m~ Schottisch!« -- Er hat
-außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst
-dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er
-dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig
-Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und
-freudig gehen sie nach Hause.
-
-»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«
-
-Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,«
-ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die
-Partie!«
-
-»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast
-doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein
-Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann
-würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich
-freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«
-
-»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch
-nicht! Nein, das geht wirklich nicht!«
-
-»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind
-da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.«
-
-Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt -- denn sie muß in
-der Küche noch waschen -- sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe
-herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst
-nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht
-gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur?
-Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft?
-Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück
-abgeschnitten ist!« --
-
-Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am
-Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. -- -- --
-
-Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt
-eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar
-ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.
-
-Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum.
-Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz
-traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der
-Herr Lehrer!«
-
-Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt
-und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt
-das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?«
-
-Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel
-einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld!
-So! Und --«
-
-»Du, Lenchen,« -- Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen
-Plappermäulchen hingetreten -- »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst
-du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?«
-
-Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du
-sollst doch mitmachen!«
-
-»Das war ein Lehrer?«
-
-»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem
-Tüchelchen am kleinen Bruder herum.
-
-»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«
-
-Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was
-sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das
-Geld für dich gegeben!«
-
-Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in
-die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir
-das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«
-
-Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja
-selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich
-gegeben! Was machen wir denn nun?«
-
-Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen
-müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht
-ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat
-dir das Geld gegeben!«
-
-»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld
-geben, Ernst. Aber ...«
-
-»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie
-nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht
-der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus.
-
-Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt
-und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was
-wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte
-bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz
-gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber
-gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas
-zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend
-wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante
-ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den
-paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie
-sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs
-sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein!
-
-Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht
-wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht
-schlecht. -- -- --
-
-
-Edler Wettstreit.
-
-Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des
-weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz
-die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem
-seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor
-Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na,
-Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt _du_ die Fahne
-tragen!«
-
-Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen
-Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und --«
-
-»Gut, gut! ~Ad~ Partie nachher in der Klasse!«
-
-Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der
-ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner
-Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt.
-
-Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor
-Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die
-Partie, aber ...«
-
-»Na freilich! Und nun drückt er sich!«
-
-»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch
-was ganz andres!«
-
-Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und
-gehört doch auch nicht zur Partie!«
-
-»Ja! Nein, nein! Ja!«
-
-»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«
-
-»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der
-kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er -- weil er --«
-
-»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«
-
-»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst
-Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei
-will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm
-in ein weißes Blättlein eingewickelt hat.
-
-»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und
-deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst
-Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon
-alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also,
-Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater,
-und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten
-gefreut hätte.«
-
-»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade
-sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich
-sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache.
-
-An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus
-der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus
-auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn
-wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen
-durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige
-Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu
-Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe
-bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf
-einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia
-vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an
-der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der
-kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß
-er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse
-wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe
-Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er
-recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und
-jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte.
-
-Das war -- der Ernst Ehrenfried.
-
-»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber.
-
-Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu
-sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der
-Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er
-mit einem seiner Lehrer sprechen wollte.
-
-Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon
-stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft:
-»Herr Doktor! Herr Doktor!«
-
-»Na, wo brennt’s denn, Junge?«
-
-Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und
-her. »Herr Doktor!«
-
-»Na ja doch, schieß nur los!«
-
-Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg!
-
-»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht
-mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen,
-daß er auch mitkann?«
-
-»Na, wieviel hast du denn drin?«
-
-»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch
-mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!«
-
-»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!«
-
-»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß
-Ehrenfried auch mitkommt.«
-
-Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der
-Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat
-er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz
-war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den
-klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und
-jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben.
-
-Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch,
-sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos
-handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher,
-das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich
-freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein
-Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«
-
-Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.
-
-»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der
-Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst
-Ehrenfried kommt auch so mit!«
-
-Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er
-dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse
-zu. --
-
-Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens
-geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er
-sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt
-auch langsam herunterschreitet.
-
-»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein
-Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?«
-
-»Herr Doktor!« -- Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in
-die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er
-weinen wollte.
-
-Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst
-die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen
-Kameraden auch einmal freuen können!«
-
-Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die
-Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann
-doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß -- daß -- dieses Geld --
-das Geld --« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend,
-daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der
-Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.
-
-»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch
-nicht zum Weinen!«
-
-»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß -- daß
--- Sie es gebracht hatten!«
-
-»Du hast das Geld schon verbraucht?« -- Es klingt beinahe aus dem
-Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.
-
-Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß
-er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch
-schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich
-einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«
-
-»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten
-Zweck ausgegeben hast!«
-
-»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen
-brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff
-zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie
-wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem
-Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« --
-
-Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen,
-atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den
-Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um
-den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und
-muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen
-zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter
-und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht
-anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und
-dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte,
-aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«
-
-Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen
-soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das
-Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere,
-schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel
-ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber
-auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun
-ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände
-mehr miteinander.«
-
-Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.
-
-»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch,
-außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas
-davon zu erfahren! -- Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die
-Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das
-nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!«
-
-Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor
-Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« -- -- --
-
-Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf
-den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der
-Unter-Tertia ~O~ zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf
-zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an
-ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. -- -- --
-
-
-Würden und Ämter.
-
-Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die
-partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute
-einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den
-haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst
-irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was
-solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf
-und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die
-Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits
-findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen
-will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.
-
-So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen,
-daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch
-in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden.
-Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und«
--- dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um -- »und da möchte
-ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. --
-Grunewald!« --
-
-Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!«
-vom dicken Puntz.
-
-Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der
-Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen
-zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald
-ausgesöhnt.
-
-»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?«
-
-»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und
-verächtlich.
-
-»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn?
-Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der
-Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den
-kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«
-
-Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu:
-»Nein!«
-
-»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es
-geht in den Grunewald!«
-
-Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er:
-»Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für
-die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!«
-
-Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch
-schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch
-fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll.
-
-Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage -- nun ist’s inzwischen schon
-Freitag geworden -- selber wieder auf die Partie, als er von der
-Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt.
-
-»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König
-Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«
-
-Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.
-
-»Wer Wannsee?«
-
-Ein paar weniger.
-
-»Wer Nikolskoi?«
-
-Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr
-lange her, daß er da war.
-
-»Wer Sakrow?«
-
-Einer.
-
-»Wer die Römerschanze?«
-
-Keiner.
-
-Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und
-einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!«
-
-»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?«
-
-»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine
-schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹«
-
-Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann:
-»Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«
-
-»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«
-
-»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der
-Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -- Zweitens: Ich brauche zwei
-Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«
-
-»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die
-Musik liefern.«
-
-»Kannst du das?«
-
-»Ja, mit der Mundharmonika!«
-
-»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte
-sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!«
-
-Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich
-meinen photographischen Apparat mitbringen?«
-
-»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«
-
-»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«
-
-»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die
-Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!«
-
-Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint
-sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was
-habe ich denn da zu tun?«
-
-»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner
-abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!«
-
-Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und
-verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?«
-
-»Darf nicht vorkommen!«
-
-»Aber wenn er fortlaufen _will_?«
-
-Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die
-Geste des Hauens.
-
-Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher:
-»Ja!«
-
-»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« -- Die Frage hat den Leverenz schon
-halb zu Tode gequält.
-
-»Na, so ~en passant~! So viel uns Zeit bleibt.«
-
-»Ich werde einen Ball mitbringen.«
-
-»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«
-
-»Können wir sackhüpfen?«
-
-»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«
-
-»Essen wir zu Mittag?«
-
-»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75
-Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber
-auch selbst was mitbringen!«
-
- * * * * *
-
-Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse
-hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar
-der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der
-Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den
-Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«
-
-»Also noch einmal langsam! Greff -- Hagen -- Sausig und Woller. Gut!
-Nehmen die Herrn die Wahl an?«
-
-Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe.
-
-»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«
-
-»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«
-
-»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich
-werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die
-Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant
-war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am
-letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«
-
-»A--a--ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!«
-
-»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen
-will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur
-das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder
-höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen
-mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei
-sich haben.«
-
-»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«
-
-»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag
-vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur
-Partie-Unke.«
-
-Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt
-Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen:
-je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das
-Vergnügen!« --
-
-
-Der Überfall am Pechsee.
-
-Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie
-hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas
-unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte
-drum doch keiner die Partie.
-
-So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte
-Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte
-die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter,
-die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach
-ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch
-einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde
-zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf
-den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof.
-Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar
-neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf
-Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf
-Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem
-Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die
-Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis
-gekommen, daß zwölf Mann fehlten.
-
-»Wer sind denn die?«
-
-»Hagen -- Sausig -- Boenick -- Schulz -- Woller --«
-
-»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!«
-
-»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«
-
-»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«
-
-»Na, wir wollen mal sehen!« --
-
-Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus
-den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet
-auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen
-schnell weiter.
-
-Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist
-auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs.
-
-»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten,
-Herr Doktor?«
-
-»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch!
-Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte
-mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht
-spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst
-da ist, die oder wir.«
-
-»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt!
-Wir müssen die ersten sein!«
-
-»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das
-gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch
-eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in
-Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich
-bombardieren!« --
-
-Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander
-hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da
-puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder
-fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet
-hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da
-sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng
-klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.
-
-»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«
-
-Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den
-Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben.
-
-»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«
-
-Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so
-vergnügt: »Alles in Ordnung!«
-
-»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer
-neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will.
-
-»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen
-Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören.
-
-»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber
-nicht weiter auf Poseners Fragen ein.
-
-Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus.
-
-»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.
-
-»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!«
-
-»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige.
-
-»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere.
-
-Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein
-lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, --
-und Hagen -- wo kommt der auf einmal her? -- hat den dicken Puntz über
-den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol,
-bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und
-Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da
-und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel
-surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die
-Jungen werden ganz wild.
-
-»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber
-Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du!
-Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande
-nehmen wir in die Mitte!«
-
-Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht
-hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf
-die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man
-endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und
-legen sich -- ~les uns les autres~ -- mehr oder weniger sanft auf die
-Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch
-einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne
-wieder auseinanderhat.
-
-Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von
-den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da
-und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.
-
-»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte
-doch! War det ’n Klumpatsch!«
-
-»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«
-
-»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen.
-
-»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«
-
-»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.
-
-»Wer hat mich denn hier gekratzt?«
-
-»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«
-
-»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« --
-
-So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als
-der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« --
-Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. -- »Wenn ich hinten
-gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein
-Wilder auf mich zugesprungen!«
-
-Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was
-denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!«
-
-Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz
-zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein
-Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere
-ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!«
-
-»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie
-mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4
-Minuten!‹«
-
-Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie
-beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!«
-
-»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette:
-›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹«
-
-Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war
-aber alles fein abgepaßt!«
-
-Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater!
-Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das
-Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der
-Saubucht ein!‹«
-
-»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz
-dazwischen.
-
-»Du bist wohl ver--!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst
-ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«
-
-»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen
-lassen?«
-
-»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß
-der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich
-konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation
-hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge
-abgewehrt hat!«
-
-Ein fröhliches Lächeln allerseits.
-
-»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.
-
-»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir
-scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp,
-Hurra!«
-
-»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden
-und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am
-Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht
-entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und
-mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter
-besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren
-Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen
-Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die
-Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. -- -- --
-
-Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen
-Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher,
-sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser.
-
-»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. --
-
-
-Auf hoher Warte.
-
-»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.
-
-Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den
-gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann
-einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur
-Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot
-der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel
-hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern
-drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht
-aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem
-Hauche verbrämt.
-
-So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die
-Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer
-vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem,
-rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König
-Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um
-den Fuß des Turmes.
-
-Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die
-große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen
-Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd
-taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und
-Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten
-geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und
-raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er
-hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend
-und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf
-verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus
-Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf
-leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden
-Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in
-die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften
-auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen
-Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das
-lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann
-drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf,
-hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in
-die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.
-
-Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der
-sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam
-herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der
-Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus
-einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des
-spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert
-die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem,
-dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft
-verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne
-gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen
-Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.
-
-Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen
-Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in
-diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern
-Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist
-das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es
-will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein,
-Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«
-
-Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber -- wo
-sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm
-zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm;
-aber die andern? Etwa -- gegen seinen Befehl -- doch auf dem Turm?
-Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe
-wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.
-
-Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen
-Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt
-ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon
-wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! --
-
-
-Brennesseln und Regenwürmer.
-
-Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter,
-die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der
-Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit
-Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder
-an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.
-
-Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen
-freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren
-Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs
-nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.
-
-»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen
-weiterfrühstücken!«
-
-Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der
-dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit
-steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal
-von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz
-dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr
-sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen
-wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar
-Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder
-von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich
-sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine
-Plätzchen hier! Na, wird’s bald? -- So!«
-
-Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben,
-unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst
-Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von
-seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal
-Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal
-fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den
-Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen,
-sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will
-aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen
-Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel
-festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes
-Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses
-Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian,
-freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter,
-bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm,
-Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz
-sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«
-
-»Meinst du?«
-
-»Ja! Ganz sicher!«
-
-»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! -- So! -- Na,
-also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!«
-
-Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal
-fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter
-der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der
-unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.
-
-So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen
-doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die
-fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die
-Stullen belegt sein, da das alles so mundet!
-
-Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar
-Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und
-zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der
-Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da
-kannst du schon fester zufassen!«
-
-Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige
-mal!«
-
-»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!«
-
-»Wozu nimmst du denn den mit?«
-
-»Nicht doch, du! -- Für unser Rotkehlchen!«
-
-»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich
-der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens.
-Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß
-er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.
-
-»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel.
-
-»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.
-
-»Na, sie sind doch schädlich!«
-
-»Schädlich? Wieso denn?«
-
-»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«
-
-»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst
-sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes
-Erdboden! Weißt du das noch nicht?«
-
-Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«
-
-»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die
-fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter.
-Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr
-drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende
-zuerst ins Loch ziehen!«
-
-Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas
-zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!«
-
-»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein,
-denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen
-sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried
-recht.«
-
-»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet,
-»ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«
-
-Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz
-tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so
-still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu
-und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken:
-»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr
-Doktor,« -- der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein -- »warum
-sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?«
-
-»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die
-Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden
-verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern
-Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein
-gedüngt, wieder von sich gegeben haben!«
-
-Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt
-wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen.
-
-Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«
-
-Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich
-nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?«
-
-»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben
-können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit
-ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber
-unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen
-sie hervor und verrichten hier oben« -- dabei beugt sich Doktor Fuchs
-zu Puntz hin und sagt nur halblaut -- »ihr Geschäftchen. Wer hat
-denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete
-Kotballen, meine ich.«
-
-Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich!
-Herr Doktor!«
-
-»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der
-Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer
-wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«
-
-Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr
-Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!«
-
-Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen
-sollen.
-
-»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann
-müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. -- Also!
-Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter
-einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1
-Quadratkilometer?«
-
-»1000 × 1000 × 10.«
-
-»Das sind also doch 10000000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer.
-Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? -- Dann hat sich
-Darwin --. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«
-
-»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter
-im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht,
-Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst
-so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer
-weiter.«
-
-Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr
-Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch
-gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.«
-
-Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler.
-»Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!«
-
-»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch
-viel näher als ich!«
-
-Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift ~sans façon~
-nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor
-Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch
-zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken.
-»Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter
-die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den
-Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest,
-wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird.
-Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder
-auf einen Quadratkilometer 2500000 Kilogramm oder 5000000 Pfund oder
-50000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen
-ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 ~mm~ geben. Na, Dicker,
-bist du nun bekehrt?«
-
-»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.«
-
-»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld -- damals war
-er noch jung -- Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er
-dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem
-Menschenalter wieder -- ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand
-er die Kreideschicht 16 oder 17 ~cm~ unter der Oberfläche. Macht aufs
-Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ ~cm~, auf 100 Jahre ½ ~m~, auf
-200 Jahre 1 ~m~. ~Item~, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch
-den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein,
-die auf unsrer Erde leben!«
-
-Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde;
-keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr.
-
-Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor
-sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und
-einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn
-er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt
-nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben
-Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der
-Giesel fertig.
-
-»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein.
-Ja!«
-
-»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.
-
-»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann
-sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer!
-Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!«
-
-Das macht die Jungen stutzig.
-
-»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!«
-
-Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert
-schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch
-aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben
-liegen!«
-
-Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.
-
-»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir
-also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten
-Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn
-man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit
-Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes
-genau noch einmal so reichlich.«
-
-Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste
-Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie
-in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm
-durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«
-
-»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei
-Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht.
-Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber
-zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht
-lebensfähig.«
-
-»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!«
-
-»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden!
-Na, Jungs, wollen wir weiter?«
-
-»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke
-Puntz.
-
-»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also
-~en avant, messieurs~!« --
-
-Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer
-etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet
-sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch
-alle?«
-
-Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!«
-
-»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie
-sehen denn die aus?«
-
-»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«
-
-»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!«
-
-»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«
-
-»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«
-
-Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf
-den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich
-Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun
-die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf
-sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das
-Gift in die Wunde und zieht Blasen.«
-
-»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der
-Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!«
-
-Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht
-die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst
-etwas über die Blätter streift.
-
-Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln
-diese Härchen?«
-
-Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum
-Schutze!«
-
-»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber
-könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? --
-Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe
-steht sie ihm!«
-
-»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«
-
-»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« -- Doktor
-Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. -- »Nun, seht mal
-her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige
-Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann
-helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«
-
-Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke
-des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß
-sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt,
-wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten
-Blüte zu Leibe gehen will.«
-
-»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er
-wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die
-Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!«
-
-Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell
-zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung
-müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur
-diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die
-besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch
-fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr,
-wie man das nennt, Jungs?«
-
-»Zuchtwahl!« -- Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge.
-
-Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja,
-Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«
-
-Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch
-einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal
-auch in Gräben und hinter Hecken?«
-
-Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier
-immer unter den Eichen?
-
-Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung:
-»Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.«
-
-»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das
-sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen
-Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!«
-
-Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor
-Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt
-und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal
-solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« --
-
-Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben
-aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so
-weit die Jungen auch um sich gucken.
-
-»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!«
-
-»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«
-
-»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«
-
-»Na, denn los! Sanfter Galopp!«
-
-Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos
-kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle,
-starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen
-lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten
-Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem
-Lumpengesindel der Nesseln.
-
-»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft
-hat. -- Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. -- »Na,
-wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«
-
-Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber
-im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern
-Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die
-Nahrung und das Licht weg!«
-
-»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«
-
-Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben
-Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen
-Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da
-schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes
-Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese
-schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und
-dünn wie Weidengerten!
-
-»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es
-wird dir mal schlecht beim Militär gehen!«
-
-»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle
-wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s
-manchmal nicht zu best.« --
-
-
-Die dicke Hauskapelle und die Ameisen.
-
-Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht soeben ein
-mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um Dittmer herum und scheint
-auf ihn loszugehen; jetzt schlagen sie sogar auf ihn ein, und
-dazwischen schallt es drohend: »Feste! Immer feste! Totschlagen!«
-
-Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. Schon von weitem
-schreit er: »Was ist denn los? Was ist denn los?«
-
-Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr Doktor! Der Dittmer hat
-sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!«
-
-Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen Augenblick
-still und schnappt nach Luft. »Na, _der_ Schaden läßt sich ja kurieren!«
-
-Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie wild gebärdet. »So,
-Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, »nun zieh erst mal die Jacke aus! --
-Und nun die Weste!«
-
-»Au! Das juckt, Herr Doktor!«
-
-»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles aus. Wir wollen
-dir die Biester schon absuchen!«
-
-»Aber, Herr Doktor!«
-
-»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag umher! Das Hemde
-kannst du ja anbehalten. Ganz als Naturgriechen wollen wir dich ja
-nicht gleich sehen!« --
-
-Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge--ameist, und gute und
-schlechte Witze muß er dabei noch über sich ergehen lassen.
-
-»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, »es gibt also auch
-springende Ameisen!«
-
-»So viel ich weiß, nicht!«
-
-»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben sprang so ein kleines,
-schwarzes Tierchen hier herunter.«
-
-»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. »Springende Ameisen
-heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird wohl nebenbei auch solche Tiere
-haben!«
-
-Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß.
-
-»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst du ein paar!
-Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!«
-
-»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke Puntz dem
-Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in seinem Hemde einen
-kolossalen Luftsprung macht. Zum Trost und zum Spott aber beruhigt ihn
-der Dicke: »Du, die ist wirklich tot!«
-
-Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder in seinen
-Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen Tag, als ob es hier und da
-juckt, und er vermißt sich jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise
-tottreten, die er fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern.
-
-»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese Beteuerungen.
-»Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß uns erst mal über den Buckel
-hinaufsein; auf dem schönen, breiten, ebenen Weg können wir dann alle
-mehr zusammengehen. Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.«
-
-So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem großen Zaun
-entlang. Über den froh dahinziehenden Jungen rauschen die Wipfel der
-hochstämmigen Kiefern; leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen
-schwimmen im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn und
-zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine Mundharmonika
-hervorzieht, und dünn, aber doch auch scharf genug fällt es ins Ohr,
-das immer schöne, immer frische
-
- »Muß i denn, muß i denn
- zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!«
-
-Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige fangen an zu singen,
-und oben ist man auch schon auf den Havelbergen. Lang dehnt sich ein
-schöner, breiter Weg zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor
-dem sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs: »Da ganz
-hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts ab und kommen wieder zur
-Havel hinunter. Nun flott vorwärts! Die Hauskapelle voran!«
-
-»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?«
-
-»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! Du scheinst ja auch
-ein ganzes Repertoire zu haben!«
-
-»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!«
-
-»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!«
-
-Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr.
-
- »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
- da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!«
-
-»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende ist, und das ist
-sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. »Du mußt mal etwas spielen,
-was alle können!«
-
-Sofort ertönt weiter:
-
- »Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich,
- Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich,
- Anne Marie, o gib mir einen Kuß!
- Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!«
-
-So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, ab und zu
-wohl auch mit einem Gassenhauer, der oft gerade mit der schönsten
-Melodie in unser Ohr hineinhüpft, bis allen den lustigen Brüdern von
-wanderfreudigen Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der
-Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner Künstler!
-Du mußt einmal Musik studieren!«
-
-»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika ab, »Musik
-studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in unserer Fabrik! Damit
-dürfte ich meinem Vater gerade kommen!«
-
-Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der Dicke aber behauptet,
-er hätte keine Puste mehr im Leibe; jetzt wäre auch der Herr Doktor
-Fuchs wieder an der Reihe; der hätte noch was von den Ameisen erzählen
-wollen.
-
-»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß ich erst den Dittmer
-fragen, ob er weiß, woher bei der Ameisengeschichte der brennende
-Schmerz gekommen ist, den er empfunden hat.«
-
-»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich gezwickt.«
-
-»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch eine Säure, die nach
-ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich wie bei der Brennessel. Diese
-Säure ist schon stark genug, daß sie auch sowieso auf der Haut einen
-brennenden Schmerz verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der
-Wut oder in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.«
-
-»Aber, Herr Doktor!« -- Nun hagelt’s geradezu Fragen. -- »Ist denn die
-Ameise wirklich das klügste Tier?«
-
-»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber sicher ist es,
-daß die Ameisen unter allen Insekten die größten geistigen Fähigkeiten
-zeigen.«
-
-Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; jeder will auch
-etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor Fuchs wieder stehen, und er
-setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. »Jungs,« sagt er, »jetzt müssen
-wir auf diesem graden Wege noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und
-links ist da wenig zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau
-über die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde einmal
-die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule verteilen.«
-
-»Ich!« -- »Ich!« -- »Ich!« -- »Herr Doktor!« -- »Herr Doktor!«
-
-»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung der Ameisen?«
-
-»Die Staatenbildung? Das ist schwer!«
-
-Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried.
-
-»Gut! Der Primus muß immer voran! -- Wer redet aber dann über die
-Ameisenarbeiter im besonderen? -- -- Zum ersten! Zum zweiten! Zum --.
-Also Manning! -- Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich
-aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! -- Na?«
-
-Rohloff hält die Hand hoch.
-
-»Wer über die Nahrung der Ameisen? -- Körer? Gut! Na, das ist aber dann
-auch genug. Na, nun los, Ernst Ehrenfried!«
-
-Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was am liebsten zu
-hören. Alle drängen sich heran und lauschen andächtig.
-
-»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. »Etwas langsam
-sprechen und laut genug! Na, nun schieß mal los!« --
-
-»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde
-oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier,
-die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die
-ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt:
-zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der
-nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben
-nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach
-einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern
-fleißig gefüttert werden. Nach -- ich weiß nun nicht mehr genau, Herr
-Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen --«
-
-»Nach vierzehn Tagen etwa.«
-
-»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die
-sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen
-die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß
-aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen
-sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus
-den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen
-haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art
-zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den
-Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere;
-aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter
-und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf
-Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen
-machen den Ameisenstaat aus.«
-
-»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient
-eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?«
-
-»Nein! Nein! Nummer 1!«
-
-»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«
-
-»Ich,« sagt Manning.
-
-»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«
-
-»Ja!« -- Der Junge räuspert sich noch einmal. -- »Also, der Ehrenfried
-hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den
-Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn
-nicht haben.« -- Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk
-im Nacken. -- »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und
-so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar
-besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven
-zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu
-bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen
-an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur
-der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend
-eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen -- auch der Mensch gehört
-zu diesen Tierchen -- auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es
-unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch
-auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln
-und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!«
-
-»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der
-Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?«
-
-»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.
-
-»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß
-solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm
-oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses
-Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«
-
-Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die
-Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht,
-das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die
-sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«
-
-»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. -- Na, wer ist jetzt dran?«
-
-»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles
-über die Wohnung der Ameisen erzählt.«
-
-»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für
-dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch
-was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?«
-
-»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor
-den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders
-gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch
-Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den
-Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen
-Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl
-gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen.
-Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint.
-Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch
-hinein.«
-
-Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in
-einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante
-ausziehen mußte.«
-
-»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer
-beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.«
-
-»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten.
-Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer
-doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie
-fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie
-hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine
-kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen
-Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal
-auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die
-Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«
-
-»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben
-Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten.
-Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt
-wirklich wie Honig!«
-
-»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?«
-
-»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«
-
-»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit
-ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt
-einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz
-da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder
-Blattläuse.«
-
-Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert
-sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«
-
-Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.
-
-»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz
-und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese
-Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den
-Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit
-aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen
-wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie
-leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und
-nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im
-Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen
-genannt, weil sie diese -- man möchte geradezu sagen -- melken.«
-
-Da lachen die Jungen laut auf.
-
-»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so
-lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren
-Enddarm entleeren!«
-
-Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! -- Die
-Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.«
-
-»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten
-um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen
-aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm
-hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den
-Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie
-da nun? Was meint ihr, Jungs?«
-
-»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß
-die andern drüberkonnten!«
-
-»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!«
-
-»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring
-geschleppt!«
-
-»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen
-Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den
-Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht,
-schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man
-sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« -- -- --
-
-
-»Dieser Stein vom Seinestrande.«
-
-Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die
-Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit
-Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er
-von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen
-und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade
-den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und
-wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später
-rechtwinklig auf die alte Berlin--Potsdamer Landstraße zu stoßen.
-
-Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten
-Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist.
-Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.
-
-»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.
-
-»Frage do’ nich so dumm!« -- Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und
-schnell denkender Berliner. -- »Damit keener runtersaust, wenn er ’n
-Schwips hat.«[11]
-
- [11] Bezecht ist.
-
-»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee
-liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«
-
-Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«
-
-»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein.
-»Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«
-
- [12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.
-
-Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie
-weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er
-bei so viel Schnee doch weich genug.«
-
-»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man
-eine Fettschicht auf den Rippen hat.«
-
-»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir
-der bloße Neid! Wenn du man --«
-
-»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines
-Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die
-beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere.
-Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr
-erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte
-sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu
-geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt.
-Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte
-der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt
-die Hand leicht an die Mütze. _Der_ Jubel nun erst! Das hätte sicher
-zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier
-gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und
-die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht
-gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der
-Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte
-Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den
-die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.
-
-Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die
-Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in
-Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht
-und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend
-und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen,
-weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme
-stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum
-und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch
-näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern;
-aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen,
-so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden
-freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man
-hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere
-Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als
-man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. --
-
-Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender
-Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch
-das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den
-flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen
-Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen
-Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die
-fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch,
-her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie
-seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten,
-aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in
-reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen
-Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie
-Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden
-wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man
-durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst
-hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich
-elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und
-mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs
-macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in
-einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.
-
-Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit
-tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu
-der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein
-walzen kannst!«
-
-Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll,
-da wendet er sich blitzschnell und -- rennt mit der Nase gegen einen
-aufgehobenen Arm.
-
-»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er
-schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«
-
-»Na, ich will die Enten zählen!« -- Ein ganzes Heer von Kriekenten
-tummelt sich draußen auf dem Wasser.
-
-»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener!
-Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost
-nischt!«
-
-Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon
-im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius
-nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach
-rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist -- ein Stück
-von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871
-bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet
-und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen
-Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen.
-Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat
-sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -- ein echter
-Brandenburger! -- damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er
-einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in
-das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:
-
- »Dieser Stein vom Seinestrande,
- hergepflanzt in deutsche Lande,
- ruft, o Wanderer, dir zu:
- Glück, wie wandelbar bist du!«
-
-Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist
-das alles?«
-
-»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine
-Tasse Schokolade zu haben?«
-
-Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!«
-erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!«
-
-
-Blattlaushumor.
-
-Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder
-und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege
-zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen
-die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine
-Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger
-Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die
-Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf
-links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und
-Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der
-dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«
-
-»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber
-macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den
-Dicken zum Trinken?«
-
-Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee.
-
-»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem
-Schuß was drin.«
-
-»Aber,« -- Doktor Fuchs sieht nach der Uhr -- »wenn ihr wollt, Jungs,
-dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit
-können wir dransetzen.«
-
-»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!«
-
-»Wir wollen abstimmen!«
-
-Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat
-sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur
-die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich
-einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum,
-so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt.
-Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat
-er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen
-Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich
-eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um
-ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an.
-
-»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das,
-Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?«
-
-Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist
-zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«
-
-»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« -- Doktor Fuchs schaut umher. -- »Da
-unter dem Baum liegen wir im Schatten!«
-
-So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte
-weiter; da lagern sie sich.
-
-»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«
-
-»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur
-zum Baden!«
-
-»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«
-
-»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne
-heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?«
-
-»Doch!«
-
-»Na, warum lachst du denn?«
-
-Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der
-Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«
-
-»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!«
-
-Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß
-gefragt, ob er den größten Automaten kennt!«
-
-»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«
-
-»Nein, nein! Kennen wir nicht!«
-
-»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe
-einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!«
-
-Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch
-lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß
-auch was!«
-
-»Na, dann gib’s zum besten!«
-
-»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der
-Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt
-eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ -- ›Ja,‹ sagt
-er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will,
-soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹«
-
-Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner
-ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen
-sitzt heute so locker!
-
-Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken
-aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei
-auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft
-haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst
-richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen!
-Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen
-sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte
-dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt
-freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der
-dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz
-erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit -- denn er ist in großer
-Verlegenheit! Man sieht es ihm an! -- in seiner Verlegenheit glotzt
-er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar
-nichts zu sehen ist. Und trotzdem er -- nun schon eine geschlagene
-Minute lang -- noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber
-des ganzen Aufstandes.
-
-Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?«
--- »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« -- »Warum lacht ihr denn?
-Mensch antworte doch!« -- »Lache doch nicht so!« -- »Warum lachst du
-denn?«
-
-So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus
-keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den
-Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin
-scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen
-Gesellschaft zu sein.
-
-»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da
-alle miteinander?«
-
-Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt
-er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um
-Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir
-herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle
-und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da
--- habe ich -- da bin ich --«
-
-Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht
-mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich
--- ich -- ich --«
-
-»Ja« -- jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -- »Herr
-Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder
-lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell
-geplatzt!«
-
-Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das
-richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu
-natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu
-sehr gekitzelt!«
-
-Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los.
-
-Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf.
-»Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist
-durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum
-wachsen!«
-
-Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar
-selber wieder mit.
-
-_Ein_ Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem
-gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das
-allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt
-und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie
-ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. -- -- --
-
-
-Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.
-
-So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof
-vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig
-angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von
-Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.
-
-Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr
-Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns.
-Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem
-Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang
-der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah,
-Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! ~Voilà des fortifications! Un
-fort! Un fort!~‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur
-die Wasserwerke sind.«
-
-»Ja« -- Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die
-Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau
-hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der
-Bahn aus kaum zu sehen sein wird -- »ja, das Ding sieht allerdings
-Kasematten nicht ganz unähnlich.«
-
-Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher,
-frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten.
-Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an
-den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen
-Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar
-herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die
-Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im
-Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt
-Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine
-Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.
-
-Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von
-üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die
-vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees
-lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen
-hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße
-Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche
-von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen
-Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot
-wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu,
-die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt
-wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen
-Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses
-lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames
-Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so
-verrufenen Brandenburger Landes. --
-
-»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« -- Dem Dicken wird es so eigen
-im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee
-links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen
-schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon
-so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen
-vorübergleiten läßt.
-
-Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht
-man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen,
-wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder
-Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig
-aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und
-der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte.
-Während das starre Eisenauge früher nach Süden -- nach Deutschland
-herüber -- schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter
-hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. --
-
-Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an
-den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott
-weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch
-mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg
-weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich
-erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen
-Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich
-drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran.
-
-Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will
-man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag
-essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch
-zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem
-langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die
-beste Stimmung zu versetzen.
-
-Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das
-ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei
-das Ränzel ab; man kramt darin herum und -- läßt auf einmal alles
-stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner
-nämlich.
-
-»Put! Put! Put!«
-
-Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die
-ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst
-einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas
-ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade _alle_ Hühner haben;
-denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle
-nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger,
-sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das
-ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring
-am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun
-sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das
-auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt
-dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts.
-
-Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,«
-meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! -- Aber das ist doch
-ein windiger Bruder!«
-
-»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?«
-
-Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne
-Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat
-lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner,
-die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring
-durch.«
-
-Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen
-sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter:
-»Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den
-Ring auf die rechte Pfote?«
-
-»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das
-linke aus!«
-
-Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen
-uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!«
-
-»Na« -- jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe -- »nein, Jungens, nun
-seht mal her!« -- Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche
-heraus. -- »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht
-ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses
-Jahr. -- Seht ihr? -- Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr
-ist!«
-
-Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch
-die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu
-schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der
-sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke
-Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je
-früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!«
-
-~Exest colloquium.~ Es war doch wohl ein strammer Marsch von den
-Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem
-gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier
-arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor
-Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. --
-
-Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor
-Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. -- -- --
-
-
-Aufregung von Anfang bis zu Ende.
-
-Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig
-geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen.
-Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich
-jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen
-scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt
-und taprig sind wie die jungen Puten.
-
-An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten
-doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze
-Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser
-zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das
-Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da
-könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.
-
-Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen
-vor, und -- wie kam das? -- auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor
-Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz
-zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach.
-Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel
-von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im
-Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim
-Köckeritz.
-
-Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so
-schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf
-den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja
-gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht
-Herzschlag? --
-
-Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der
-Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine
-Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt
-an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die
-schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die
-Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede
-Muskel ist gelähmt.
-
-Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment
-erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf
-und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«
-
-»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«
-
-»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!«
-
-»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du
-hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und
-Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu
-Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der
-allerbravste von allen! -- So, und nun, meine Herrschaften, alle noch
-mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal
-hinauszusetzen!«
-
-So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den
-Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und
-bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze
-Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht
-mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins
-Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen
-ein Paar Hosen von mir!« -- -- --
-
-Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in
-der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt.
-Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen
-erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke
-Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte
-Gebhardt uns doch photographieren!«
-
-»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben
-im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel
-hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte
-ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!«
-
-Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die
-Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers
-erzählt da Doktor Fuchs.
-
-Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen
-und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt.
-Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine
-Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel
-hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas
-langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt
-auf einen Augenblick wieder das Interesse.
-
-Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder
-dicht zusammen.
-
-»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder
-Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte
-eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem
-Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen
-mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also
-auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich,
-sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht
-haben!« -- -- --
-
-Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell
-einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die
-sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind
-dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon
-schmecken lassen.
-
-So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen
-nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um
-die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor,
-Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«
-
-»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über
-mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!«
-
-So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den
-Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam
-lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von
-Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.
-
-Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu.
-Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu
-ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur
-halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre
-Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo
-darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe
-herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.
-
-Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er
-möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden.
-Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr
-sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu
-dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im
-Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der
-hört ihn gewöhnlich gar nicht.
-
-»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf
-der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?«
-
-Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem
-Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus
-’n bißken in der Havel angeln!«
-
-Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die
-Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge
-ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die
-richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken,
-Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du
-dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«
-
-Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner
-Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«
-
-»Du, halt die Luft an!«
-
-Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel
-besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.
-
-»Und Fritze Köhn kann sich --«
-
-»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er
-Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die
-Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!«
-
-»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? -- Ich will neben Sie!« --
-
-»Du!« -- Die Rauferei soll wieder losgehen. -- »Du läufst schon die
-ganze Zeit neben ihm. Ich --«
-
-»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig
-dazwischen.
-
-Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick!
--- Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch _eine_ Aufnahme machen?«
-
-Das ist im Handumdrehen geschehen.
-
-Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt
-die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort
-fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe
-der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner
-jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu
-errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid
-ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« -- -- --
-
-So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem
-Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel
-noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee
-unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken
-zurückzukehren. -- -- --
-
-
-Beim Kaffeetrinken.
-
-Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt
-in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten
-müssen.
-
-Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt
-auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der
-Hochachtung!«
-
-Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn
-jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb
-auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der
-nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür
-herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten
-im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben
-den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?«
-
-»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«
-
-Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja,
-seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu
-schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« --
-
-Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt
-worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen _den_ zöge er doch den
-kürzern. -- -- --
-
-»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß
-du da nicht an!« -- Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne
-herum und gießt den Kaffee ein. -- »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«
-
-Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen
-Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des ~Dr.~ Herrn
-Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein
-Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der
-Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen
-mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet
-hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich
-nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]«
-
- [13] kriegst.
-
-Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen
-müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den
-Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. --
-
-Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge
-wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden
-möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so
-wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer
-schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu
-können.
-
-»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich!
-Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« --
-
-So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit,
-Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen.
-
-»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee,
-den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14]
-
- [14] sehr stark.
-
-»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«
-
-»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird
-furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] --
-
- [15] verrückt.
-
-Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt.
-
-»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage
-zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n
-Nappkuchen mit zur Schule geben!«
-
-»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt
-zum Trost das größte Stück!«
-
-Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich
-mich sicher totkorrigieren!«
-
-Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar
-kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!«
-
-»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen
-wir schließlich auch so!«
-
-Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein
-Extemporale mehr schreiben!« --
-
-»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört
-auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee
-ge--ge--geschmissen!«
-
-»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn --«
-
-»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.
-
-Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so
-wat lebt nich und zappelt noch!«
-
-»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!«
-
-»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die
-Fliege angesungen!«
-
-»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!«
-
-»Na ja,« -- der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben -- »da
-ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee
-gefallen!«
-
-Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er
-denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!«
-
-Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die
-kleine Fischerin gesungen:
-
- ›Flieje du, du jroße!
- Fall nich in de Sooße!
- Fall nich in den Kaffeetopp,
- sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«
-
-Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie
-einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!«
-
-Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen
-Quasselfritze!« --
-
-Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher
-Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer
-Aufmerksamkeit lauscht.
-
-»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«
-
-»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe
-noch nie ’n Arzt gebraucht!«
-
-»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«
-
-»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt
--- jetzt ist sie tot! -- die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so
-gestorben!« -- -- --
-
-Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt
-jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht:
-»Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die
-Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der
-Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das
-Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!«
-
-Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt
-noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«
-
-»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem
-Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich
-in Bier!« -- -- --
-
-Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs
-Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof
-Wannsee rüsten muß.
-
-
-Heimkehr.
-
-Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf
-Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte.
-
-Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum
-Tunnel hinunterführt.
-
-»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten
-sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich
-Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!«
-
-Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die
-ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?«
-
-»Noch nicht! Abwarten!« --
-
-Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum
-Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will
-der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen.
-
-»Nee! Noch nich!«
-
-»Warum denn nicht?«
-
-»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«
-
-»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!«
-
-»Halt!« -- Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. -- »Wir
-stehen doch alle noch da drüben!«
-
-»Au, Mensch, bist du verrückt?«
-
-»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und
-sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium
-aller derer, die das mit angesehen haben.
-
-»Ja, aber -- aber --« -- damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf
--- »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« -- Er sieht die andern
-Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber.
-
-»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig.
-»Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon
-leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen
-besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle
-zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit
-andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus,
-daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s
-zum Streit und zur Beschwerde, so habt _ihr_ immer unrecht, und das
-Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!«
-
-»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«
-
-»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« --
-
-Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen
-unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer
-auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich
-die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein
-Konzert an!
-
-Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem
-Wagen vorüber.
-
-»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein
-Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!«
-
-Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter,
-Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt
-und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr
-wollt. Wo ist unser Feldwebel?«
-
-»Hier!« -- Aus der einen Ecke taucht Doef empor.
-
-»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«
-
-Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber
-sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann -- weiß Doktor Fuchs
--- kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da
-eben hinten der Spektakel von neuem angeht. --
-
-»Du, Doofkopp!«[16] nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t
-jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau
-machen lassen!«
-
- [16] Doof = taub, dumm.
-
-Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren
-Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«
-
-Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer
-vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle
-dabei und fassen zu.
-
-Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels
-ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen,
-die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden,
-ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es
-stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal
-diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar
-Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt
-sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf
-seinen Beinen.
-
-Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im
-Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?«
-
-Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst.
-»Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!«
-
-Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, Jungs, was
-macht ihr denn nun schon wieder?«
-
-Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der -- der -- Doef,
-der macht ’n wilden Mann!«
-
-Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. »Ja,«
-verteidigt er sich, »ich -- ich wollte es mit Maßen und die nicht!«
-
-Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber entscheidet er kurz:
-»Wir wollen mal den Ring hier sprengen. Fritze Köhn und du, ihr geht
-ganz nach hinten! Puntz und Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und
-du nebenan! Doef bleibt mit euch beiden hier!«
-
-Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als sich aber jetzt der
-Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall von neuem los. Doktor Fuchs
-indessen sagt vorläufig nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die
-Fahrgeschwindigkeit wieder verlangsamt. Da erst schreitet er die ganze
-Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: »Nikolassee jetzt! Also
-Ruhe im Saal!«
-
-»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu.
-
-Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt man an zu kichern
-und zu lachen. Weshalb? Warum? Worüber? Wenn die Jungen _das_ sagen
-könnten! Man legt sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den
-Nachbar nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter
-die kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende
-ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und lacht wieder, bis
-sich der Zug von neuem in Bewegung setzt und man zu denen ans Fenster
-stürzt, die da inzwischen Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr
-hereinkam. --
-
-Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor Fuchs selber
-zu sich genommen hatte. Der Junge saß da wie versteinert; er sah zum
-Fenster hinaus und tat, als wenn er gar nicht hörte, daß der kleine
-Achim Köckeritz von seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein
-ganzes Pfund Butter aufgefressen hatte.
-
-»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen schweigsamen Nachbar,
-»du hast wohl gar nicht gehört, was ich erzählt habe?«
-
-»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet mit dem
-ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange nich so jelacht! Weißt
-du aber auch, wie Lack dekliniert wird?«
-
-»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch etwas
-schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut.
-
-»Na, mache mal!«
-
-»Der Lack, des Lacks, dem Lack --«
-
-»Na, siehste woll! _Demlack!_[17] Det stimmt janz jenau!«
-
- [17] Demlack = Dummkopf.
-
-Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch Doktor Fuchs
-lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. Er sogar nicht zum
-wenigsten. -- -- --
-
-Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich in einer Ecke
-recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar so, als wollte er ein
-Schläfchen riskieren. Er hätte auch gar nicht nötig gehabt, zu seinem
-Nachbar zu sagen: »Du, höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich
-Straße wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und nicht erst
-auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder Station vorher. Und
-deren Reihe war lang. --
-
-Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen Appetit gestillt und
-sich auf das Sofa hatte fallen lassen, um seine Erlebnisse bequemer zu
-erzählen, da schlief er doch immer schon halb dabei ein.
-
-»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den Köckeritz, den
-hat Fuchs aus dem Wasser geholt! -- Aber eigentlich war’s Ehrenfried!«
-
-»Was?« -- Vater und Mutter rücken dem Jungen näher. -- »Wen hat er aus
-dem Wasser geholt?«
-
-»Ja, die dachten vielleicht -- ich war -- eine Blattlaus! Aber --
-ich --«
-
-»Wie? -- Was? -- Junge, du schläfst ja schon!«
-
-»Ja! Seine Hosen -- waren auf -- Vater Ehreckes -- Schmerbauch --
-eingerichtet, und den haben -- sie dann in die Brennesseln -- gesetzt
--- und --«
-
-»Wen? Was?« -- Alles um den Jungen herum lacht laut auf. -- »Den
-Schmerbauch?«
-
-Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des Sofas
-zurückgesunken und -- schläft. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, um erst den
-Achim Köckeritz und dann den Ernst Ehrenfried persönlich abzuliefern.
-Dem letzteren öffnete seine mutige Tat draußen an der Fähre zur
-Pfaueninsel bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer
-Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein Leben zu
-bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in der höchsten Not
-so edel angenommen haben, einst mehr zu helfen, als nur mit »2 ~m~
-Schottisch!« --
-
-Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: »Gott sei
-Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen war und nach
-diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein Haupt zur Ruhe legen
-konnte. -- -- --
-
-
-
-
-Sonnabend: Ferien.
-
-
-Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und instinktiv nach der
-Uhr griff, war es acht.
-
-»Donnerwetter ja!« -- Ein blasser Schrecken durchzuckte den Jungen;
-doch ebenso schnell war die Erlösung da: »Ach, es sind ja Ferien!«
-
-Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen zurückfallen ließ!
-Ja, diese Wonne mußte man fühlen! Er fühlte sie; _er_ durchkostete sie;
-er _erhöhte_ sie sich dadurch, daß er noch einmal an die Partie von
-gestern dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten oder
-doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er jetzt im Bette
-liegen bleiben und etwas lesen oder lieber aufstehen sollte, um so die
-Ferien mit noch größerem Bewußtsein und mit noch größerem Behagen zu
-genießen.
-
-In _dem_ Augenblicke fiel gerade unter seinem Fenster ein erster Schlag
-und Bums! Und wieder Bums und Schlag! Und Bums um Schlag! Und Schlag um
-Bums!
-
-»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!« --
-
-Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los, Junge?«
-
-»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?«
-
-»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor dem Fest darf an jedem
-Tage geklopft werden!«
-
-»Auch schon so früh?«
-
-»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf und mache etwas schnell
-dabei!« --
-
-Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er sich also wirklich
-dazu. Und ein halbes Stündchen später -- heute ließ er sich mehr Zeit
-als sonst! -- saß er am Frühstückstisch.
-
-»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend nämlich hast du nur
-Unsinn geredet!«
-
-»Ich? Unsinn? Wann denn?«
-
-Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage entgegen und
-wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?«
-
-»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach werde ich euch mal die
-ganze Partie erzählen! Wenn Papa auch dabei sein kann!«
-
-»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber dann werde ich
-mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden müssen; denn morgen und
-übermorgen fahren wir alle zu Onkel Fritz nach Fürsten--. Na nu? Was
-ist denn los, Junge?«
-
-Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen wollte,
-hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer, so daß die
-Mutter erschrocken dazwischenfahren muß: »Junge, die unten! Die müssen
-ja denken, die Decke kommt runter!«
-
-»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen: ›Ick frei mir nur so!‹
-Wann fahren wir denn weg, Mama?«
-
-»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst heute vormittag
-noch gleich deine Schularbeiten machen!«
-
-»Mama!« -- Das Gesicht des Jungen strahlt, als hätte er die Butter
-nicht auf seine Schrippe, sondern auf seine Pausbacken geschmiert. --
-»Mama! Wir haben ja _gar_ nichts auf! Das war überhaupt die feinste
-Woche, die ich in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste!
-Und nun noch die Ferien dazu!«
-
-»Ja, was aber nun?«
-
-»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was sich heute noch machen
-läßt!«
-
-»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten oder repetieren!«
-
-»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze, schöne Woche so
-verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama! Aber ich meinte nur, so würde
-Fritze Köhn sagen. Ach, es ist doch zu schön!« -- Der Dicke griff dabei
-nach der dritten Schrippe. -- »Aber halt! Mama, was meinst du? Bin ich
-gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen? Sage es mal ganz offen
-und ehrlich! Ich muß es wissen!«
-
-Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du gesund bist? Na, ich hoffe
-doch! Junge, wie kommst du denn überhaupt auf eine solche Frage?«
-
-»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie von gestern
-nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor Fuchs eine Postkarte
-schreiben. Das brauche ich also nicht! Das ist jedenfalls nur für
-Ehrenfried und Köckeritz!«
-
-Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse lachen: »_Du_
-brauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du müßtest gerade schreiben,
-daß du einen fürchterlichen Appetit entwickelst!«
-
-»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner dritten Schrippe, »ich höre
-jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich noch frühstücken, ehe ich zu
-Zeidler gehe!« --
-
-Das tat er denn auch. -- -- --
-
-Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner! Hätte er aber
-einen modernen Tertianer gekannt und zum Beispiel den dicken Puntz nach
-dieser »feinen Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber
-verbessert und geschrieben:
-
- »Alles in der Welt läßt sich ertragen,
- _sogar_ eine Reihe von schönen Tagen!«
-
-
-
-
-Vom gleichen Verfasser erschien im gleichen Verlage:
-
-
-Mit Gott für König und Vaterland!
-
-Erlebnisse eines preußischen Jungen. ▣ Von =F. Pistorius=. ▣
-
- Band I: =Das Unglücksjahr 1806.= 3. Aufl.
-
- Band II: =Preußens Erwachen 1807/09.= 2. Aufl.
-
- Band III: =Das Volk steht auf! 1813.= 2. Aufl.
-
-Prächtige Geschenkbände mit buntfarb. Titelbild und Karten ~à~ 4 M.
-
-▪ Jeder Band ist ein abgeschlossenes Ganzes. ▪
-
-
-_Urteile (über die Bände I--III)_:
-
-[Illustration]
-
-Das ist ein herrliches Buch für unsere deutsche Jugend. Es erzählt die
-Schicksale der Söhne des Prenzlauer Gutsbesitzers Pistorius, Fritz und
-Traugott, die mit jugendlichem Heldenmut in den Zeiten der tiefsten
-Erniedrigung Preußens ihrem König und Vaterlande dienen, der eine als
-tapferer Offizier, der jüngere als Kundschafter und Lazarettgehilfe. Es
-ist alles mit dramatischer Lebendigkeit und mit peinlicher historischer
-Treue erzählt. Unseren Jungens werden die Augen leuchten und die
-Herzen glühen, wenn sie diese von flammender Vaterlandsliebe zeugenden
-Berichte aus Deutschlands schmachvoller Zeit lesen, die mit dem Anbruch
-der großen Freiheitsbewegung eindrucksvoll schließen. Wir vermuten
-wohl richtig, daß der Verf. für diese lebendigen Schilderungen sein
-Familienarchiv hat benutzen können.
-
- =Christl. Bücherschatz.=
-
-Pistorius erzählt uns in seiner glühenden Schreibweise aus der
-schwersten Zeit unseres deutschen Vaterlandes. Doch nicht uns --
-sondern seinen Jungen erzählt er! Aber wie er erzählt! Wir glauben
-uns bei der Lektüre in die Stube des Erzählers versetzt, glauben
-seine Stimme zu vernehmen. Und so wie Pistorius die Ereignisse des
-denkwürdigen Jahres erzählt hat, so hat er sie auch niedergeschrieben
--- _flott_, _anschaulich_, _lebendig_, _packend_, alles in allem -- ein
-echter Pistorius!
-
- =Tägliche Rundschau, Berlin.=
-
-An überirdischen Idealgestalten berauscht sich wohl die Jugend, aber
-der Rausch verfliegt bald; dieser märkische Junge ist von so gutem,
-nüchternem Schrot und Korn, daß man nur wünschen möchte, unsere moderne
-Jugend nähme sich Traugott Pistorius zum Exempel.
-
- =Professor L. Freytag im »Pädagogischen Archiv«.=
-
-[Illustration]
-
-Pistorius wollte der deutschen Jugend es ermöglichen, die furchtbar
-schwere und dann herrlich ausklingende Zeit mitzuerleben. Das ist
-ihm auch in hervorragender Weise gelungen. Die Verknüpfung der
-Lebensschicksale seines Helden mit den Generalen Blücher, Bülow,
-York, mit der Lützowschen Freischar (Theodor Körner) zeigt die
-Geschicklichkeit des Schriftstellers. Die ganze Schwere des Druckes,
-der auf dem preußischen Volke gelagert hat, wird deutlich in den
-Wirkungen, die er ausübt. So ist es ein Buch, das nicht nur der Jugend
-Interesse abgewinnt, sondern auch den Mann ergreift.
-
- =Die Reformation.=
-
-
-Fritz Pistorius:
-
-_Von Jungen, die werden._
-
-Neue Geschichten :: vom Doktor Fuchs.
-
-Zweite Auflage. :: Mit Buchschmuck. :: Gebunden 3 M.
-
-Fröhlicher, glücklicher Schulhumor leuchtet auch aus diesem neuen
-Pistorius-Buch.
-
- =Reclams Universum.=
-
-Wer nach der Lektüre der früheren Bücher gedacht haben sollte, daß das
-Thema nun erschöpft sei, wird mit Staunen sehen, daß Pistorius hier
-noch 25 neue Schulfälle sozusagen aus dem Ärmel schüttelt, und dazu so
-interessante, wie das Kapitel vom Pumpgenie, von der Ehrlichkeit, zu
-der ein flunkernder Schüler erzogen wird, vom neugebackenen Tertianer,
-von den Schülertypen des langsamen und dummen Kerls, des genialen und
-des liederlichen und des Wildlings.
-
- =Reichsbote.=
-
-Ein frisches frohes Buch, den Freunden der Jugend und dieser selbst zur
-Freude und Erquickung geschrieben.
-
- =Mainzer Journal.=
-
-
-_Eine feine Woche!_
-
-Mit Titelbild und Einbandzeichnung. Dritte Auflage. Stattlich gebd. 3 M.
-
-Ich habe das Buch, oder vielmehr das Buch hat mich nicht losgelassen,
-bis ich es ganz gelesen hatte. Das ist so recht etwas für unsere
-Jungen! _Das_ Buch werden sie verschlingen. Die Probe, die ich mit
-einigen Schülern machte, bestätigte meine Ansicht: bald wurde ich von
-den andern bestürmt, es ihnen auch zu leihen. Das ist nur natürlich,
-denn die geschilderten kleinen Leiden und Freuden unserer Schuljugend
-sind so unmittelbar aus dem Leben gegriffen und so launig und fesselnd
-erzählt, daß jeder Schüler sich sagen muß: das hat einer geschrieben,
-der Verständnis für uns Pennäler besitzt. Ich bin übrigens überzeugt,
-daß das Buch in den Klassenbibliotheken zu den begehrtesten gehören
-wird.
-
- Gymnasial-Oberlehrer =~Dr.~ Hermann.=
-
-
-Auf der Wildbahn.
-
-Ferienabenteuer in deutschen Jagdgründen.
-
-Für Jung und Alt nach eigenen Erlebnissen erzählt
-
-von
-
-=A. Becker.=
-
-Mit 9 Vollbildern und 18 Textillustrationen von Professor Woldemar
-Friedrich.
-
-Mit einem Situationsplan.
-
- Neue billige Ausgabe, prächtig gebd. 5.50 M.
- Ausgabe mit getonten Bildern gebd. 7 M.
-
-Das ist _ein Knabenbuch, wie es kaum seinesgleichen gibt_. So frisch
-und froh und spannend, daß einem der Atem fast stillsteht vor
-Erwartung, und doch frei von nervenreizender Aufregung erzählt es.
-
- =Daheim.=
-
-[Illustration]
-
-»Bitte wieder so eines!« Mit diesen Worten, die eine schlichte
-Schülerkritik enthalten, gab der erste Entleiher das Buch zurück.
-
- =Professor Dr. Thomas=-Ohrdruf.
-
-In dem vorliegenden Buche sehen wir den _deutschen Wald_ mit allem, was
-in ihm lebt ... Verfasser erweist sich als ein Meister der Darstellung;
-köstlicher Humor wechselt ab mit sachkundiger, von jeder Schulmeisterei
-sich fernhaltender Belehrung.
-
- =Professor Dr. K. Kraepelin=-Hamburg
- im »Hamburg. Correspondent«.
-
-Mein eigenes Urteil genügte mir nach dem Lesen des Buches noch nicht.
-Darum wendete ich mich an zuständigere Richter: ich gab es meinen
-Jungen. Die haben sich darum gerissen! Damit hat »Rom« gesprochen.
-
- =Professor ~Dr.~ Fr. Seiler=-Wernigerode
- in der »Täglichen Rundschau«.
-
-Meine Jungen haben noch keine Erzählung mit solchem Eifer gelesen, auch
-nicht den Lederstrumpf, wie diese Jagdgeschichten aus der Heimat.
-
- =Hannoversches Sonntagsblatt.=
-
-... Ich habe »Auf der Wildbahn« gelesen, von Anfang bis zu Ende, mit
-stiller Freude und wachsendem Frohgefühl. Das ist ja ein wunderbar
-schönes Buch.
-
-Drei Jungen, wackere, prächtige Jungen, oder richtiger Jünglinge
-sind es, die während der Ferien und oft auch an den Sonntagen Stadt-
-und Schulluft hinter sich lassen, um ein benachbartes, wald- und
-wasserreiches Landgut aufzusuchen. Wie sie nun da unter Führung
-eines wackeren Weidmannes, einer herrlichen Idealgestalt, eines
-Helfers in allen Nöten -- ach, und sie geraten in mancherlei Not --
-die Natur kennen und lieben lernen, wie sie sie belauschen in ihrer
-geheimnisvollen stillen Tätigkeit, wie ihr wunderbares Leben ihnen
-offenbar wird, wie sie durch mancherlei kleine, frohe Abenteuer,
-viele heitere Jagderlebnisse, Wanderungen und Fahrten immer mehr mit
-dem Walde verwachsen, wie er im erwachenden Lenzesleben, in seiner
-Sommerpracht, im Herbstrauschen und im Winterzauber immer den gleichen
-Reiz auf sie ausübt, wie das alles nun so allmählich in ihr Herz
-wächst und sie an Körper und Geist gesund und stark und groß und frei
-macht -- das ist alles so einfach, so schön, so natürlich, mit so
-liebenswürdigem Humor erzählt, daß man sich gar nicht davon losreißen
-kann.
-
- =Hermann Brandstädter=,
- Verf. von »Wie Friedel eine Heimat fand«, »Erichs Ferien« usw.
-
-... Ich möchte den Knaben oder jungen Mann kennen lernen, dem das
-Buch nicht gefällt ... Ganz aus dem Geiste eines geweckten Knaben
-geschrieben, zählt die Jugendschrift zu den besten, die mir seit Jahren
-zur Kritik vorgelegen haben ...
-
- =Franz Woenig=, Lit.-Kritiker des »Leipziger Tageblatt«.
-
-
-Homers Ilias.
-
-[Illustration]
-
-Neue metrische Übersetzung von Professor =Hans Georg Meyer=.
-
-Mit 24 Kopfleisten von _Hans Krause_.
-
-:: Hochelegant gebunden 5 M. 50 Pf. ::
-
-So erschließt Hans Georg Meyer, Professor am Grauen Kloster zu
-Berlin, als erster das vollgültige Bild der gewaltigen Dichtung
--- dem erwachsenen Leser zur lichten Freude, dem jugendlichen zur
-Begeisterung, die für den Urtext das Verständnis bereitet, das unter
-der Schwierigkeit der schleppenden Lektüre bisher meist verloren ging.
-
- =Königsbg. Hartung’sche Zeitung.=
-
-_Als Übersetzer Homers_ wird für den deutschen Leser _künftig nur Meyer
-in Betracht kommen_. Mit Vergnügen und mit naiver Hingabe erfreut sich
-die Jugend des Zaubers der Sprache in dieser Übersetzung.
-
- =Preußische Jahrbücher.=
-
-Hier spricht ein Dichter zu uns, der sich vollständig in die Welt
-Homers einzuleben verstand und in eigenartig packender Sprache die
-Kämpfe um Troja vor Augen zaubert.
-
- =Das XX. Jahrhundert.=
-
-Alle Nebentöne, an denen die _Ilias noch reicher_ als die Odyssee ist,
-kommen zum Erklingen.
-
- =A. D. B. Zeitschrift.=
-
-In _leuchtender Schönheit_ ist die unsterbliche Weltdichtung in dieser
-Bearbeitung wiedererstanden. Die Verse sind von herrlichem Klang, und
-die straffere Zusammenfassung ist eine wahre Wohltat. Wie in neuem Gold
-geprägt erscheint die alte liebe Voßübersetzung in diesem metrischen
-Meisterwerk.
-
- =Detlev v. Liliencrons’s Literarischer Jahresbericht.=
-
-[Illustration]
-
-
-Druck von Trowitzsch & Sohn, Berlin ~SW~ 48.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Folgen
- von Gedankenstrichen und die Darstellung der Ellipsen wurden
- vereinheitlicht.
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Eine feine Woche!</span>, by Fritz Pistorius</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Eine feine Woche!</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Fritz Pistorius</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 27, 2022 [eBook #67251]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>EINE FEINE WOCHE!</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-001">
- <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Zu Seite 117.</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Eine feine Woche!</h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Fritz Pistorius</p>
-
-<p class="center">Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«.</p>
-
-<p class="center p2">Dritte Auflage.</p>
-
-<p class="center p2"><b>Berlin.</b></p>
-
-<p class="center">Trowitzsch &amp; Sohn.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-
-<tr>
-<td><b>Montag</b>: Paradeferien</td>
- <td class="tdr"><a href="#Montag">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Dienstag</b>: Nachmittag frei</td>
- <td class="tdr"><a href="#Dienstag">25</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Mittwoch</b>: Die schönste Enttäuschung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Mittwoch">41</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Donnerstag</b>: <a href="#Donnerstag">Ein recht bewegter Vormittag.</a></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">1. <em class="antiqua">Sic me servavit Apollo</em></td>
- <td class="tdr"><a href="#do-1">53</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">2. Strafe muß sein!</td>
- <td class="tdr"><a href="#do-2">57</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">3. Zu langstilig und zu kurzstielig</td>
- <td class="tdr"><a href="#do-3">62</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Freitag</b>: <a href="#Freitag">Die Klassenpartie.</a></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-1">71</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">2. Vorfreuden</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-2">76</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">3. Ein armer Junge</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-3">80</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">4. 2 <em class="antiqua">m</em> Schottisch</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-4">89</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">5. Edler Wettstreit</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-5">95</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">6. Würden und Ämter</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-6">102</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">7. Der Überfall am Pechsee</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-7">107</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">8. Auf hoher Warte</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-8">114</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">9. Brennesseln und Regenwürmer</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-9">116</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-10">129</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">11. »Dieser Stein vom Seinestrande«</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-11">140</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">12. Blattlaushumor</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-12">145</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-13">150</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">14. Aufregung von Anfang bis zu Ende</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-14">155</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">15. Beim Kaffeetrinken</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-15">161</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdm2">16. Heimkehr</td>
- <td class="tdr"><a href="#fr-16">166</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Sonnabend</b>: Ferien</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sonnabend">173</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
-<h2 class="nobreak box" id="Montag">Montag:<br />
-Paradeferien.</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-n.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop-q">»Na, nu schlägt’s dreizehn!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die
-Tischplatte hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären
-ihm alle Geigen aus dem Himmel gefallen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches
-Exerzitium vergessen! Nee, so ein Pech!«</p>
-
-<p>Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen
-Lächeln in das Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir
-haben heute Paradeferien!«</p>
-
-<p>»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe
-es gestern noch schnell gemacht. Und nun habe ich es zu
-Hause liegen lassen! Nee, es ist zu dumm!«</p>
-
-<p>»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!«</p>
-
-<p>»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich
-in die <em class="antiqua">la main</em>! Ich dachte, in der Zeitung gestern früh
-würde stehen, daß wir heute frei hätten. Und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja,
-ich verstehe auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach,
-quatsch’ nich, Krause! Hier haben nur die Schulmeister das
-Recht. Und Bumsvallera hat das Recht, mich nachher im
-Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir Latein?«</p>
-
-<p>»In der dritten Stunde!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span></p>
-
-<p>»In der ersten Französisch bei Fuchsen! <em class="antiqua">Bon!</em> Der
-Schuldiener muß nachher mein Heft holen! Er mag wollen
-oder nicht, und es kann kosten, was es will! Und dann&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr
-eintöniges Lied los; die Jungen fahren herum.</p>
-
-<p>»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden
-Tag was anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!«</p>
-
-<p>Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es
-ihm geht, so geht’s sehr vielen oder beinahe allen Jungen.
-Immer fehlt ihnen etwas; immer müssen sie hoffen, hier oder
-da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an einer sicher drohenden
-Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal Paradeferien!</p>
-
-<p>»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie
-machen!« denkt ein Dummer, während schon gebetet
-wird. »Vielleicht, weil doch am Sonnabend die Pfingstferien
-anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei doch ebenso falsch.</p>
-
-<p>Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen
-ganz krampfhaft.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am
-Freitag&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf.
-»<em class="antiqua">Ad</em> Landpartie ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am
-Freitag wird also die Partie gemacht! Punktum!« Und
-ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der Doktor Fuchs
-jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen
-keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der
-Substantiva wird gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft
-beim Extemporale, und zu viel Trockenfütterung ist auch
-nicht dabei. Immerhin&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p>
-
-<p>Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren.</p>
-
-<p>»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder
-ins Lateinische zurück! <em class="antiqua">Imago. &ndash; Genitiv?</em>«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich!
-Aber die Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen
-nach der Seite des Flures hin.</p>
-
-<p>Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen
-Korridors, eine Tür geöffnet worden wäre, und als wenn
-ein etwas verworrener Lärm einen Augenblick daraus hätte
-hervorbringen wollen. Nur einen kleinen Augenblick! Aber
-es war ihnen doch so!</p>
-
-<p>Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell
-anwachsend! Und jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr!</p>
-
-<p>Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß,
-fragend, ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu
-liegen.</p>
-
-<p>Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch
-nur: »Na, also doch!«</p>
-
-<p>Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische
-Exerzitium! Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall
-kriegt &ndash; wie er es schon einmal getan hat! &ndash; und sammelt
-die Hefte für Bumsvallera ein! Dann liegt er doch drin
-im Wurstkessel!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor
-erscheint auf der Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt
-seinen Lippen. »Wollen Sie die Schüler entlassen! Mit
-Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute der Unterricht
-der Parade wegen aus!«</p>
-
-<p>Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-ihre Mappen angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern
-durch die Klasse, als hinge an den wenigen Sekunden, die
-man vielleicht später als die andern Klassen hinauskäme,
-das Leben. Und heute auch noch beten!</p>
-
-<p>»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht
-an die lateinischen Hefte. Der Junge, der heute zum Beten
-daran ist, läßt ihm auch keine Zeit:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Anfang, Mitt’ und Ende,</div>
- <div class="verse indent0">Herr Gott, zum Besten wende!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet
-heute gerade sich schicke für alle diejenigen, die in dem
-Augenblicke draußen auf dem Tempelhofer Feld stehen,
-um dort ihr Examen vor dem obersten Kriegsherrn abzulegen.</p>
-
-<p>Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter
-Eile. Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine
-der Unter-Sekunden zieht vorüber, aufgelöst, als wollte sie
-zum Sturm ansetzen.</p>
-
-<p>»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem
-Freunde hinüber.</p>
-
-<p>»Ich? Gar nichts!«</p>
-
-<p>»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?«</p>
-
-<p>»Och! Die Drängelei da!«</p>
-
-<p>»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?«</p>
-
-<p>Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte
-ich sein!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben
-es noch eiliger als er selber. Schon packt ihn auch der
-Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du mit nach dem Tempelhofer
-Feld?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p>
-
-<p>»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der
-Mappe?«</p>
-
-<p>»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke!
-Komm schnell!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht
-wenige aber schlagen ruhig den Weg nach dem Elternhause
-zu ein.</p>
-
-<p>»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich
-und schwenkt schnell mit einigen anderen nach der
-Belle-Alliance Straße hinüber. Aber schon kommen sie zu
-spät zum Auszug der Truppen.</p>
-
-<p>»Ist denn der Kaiser schon vorbei?«</p>
-
-<p>»Nein!« &ndash; »Ja!« &ndash; »Der soll ja heute von Schöneberg
-drüben gekommen sein!« &ndash; »Ach, er ist ja schon eine kleine
-Ewigkeit vorbei!« &ndash; »Es wird ja bald wieder aus
-sein!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben
-am Steuerhaus, am Rande des Tempelhofer Feldes, kommen
-sie geradeaus überhaupt nicht mehr weiter. Sie versuchen,
-nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber der
-Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken
-entgegen.</p>
-
-<p>»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!«
-schimpft der Zeidler etwas beklommen.</p>
-
-<p>»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu
-jetzt! Immer durch!«</p>
-
-<p>So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des
-Kaiserin Augusta Regiments. Dann die gepflasterte Straße
-hinunter. Da kann man schon die Helmbüsche sehen, und
-einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine lange Reihe<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht
-vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem
-besten Willen und mit dem geschicktesten Drängeln nicht,
-linke Schulter vornweg. Wie eingekeilt stand die kleine
-Schar der Tertianer da. Aber sie waren dafür wenigstens
-gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum, die
-selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder
-auch jedes Nicht-sehen-können hinnahmen.</p>
-
-<p>»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen.</p>
-
-<p>»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz
-klein wenig um, so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige,
-mein Jungeken! Hinter mir habe ick keene Oogen!«</p>
-
-<p>Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer
-an. »Nich wahr, Paule, du sagst ooch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">›Wat du nich willst, det man dir dhu,</div>
- <div class="verse indent0">det füge lieber ’nen andern zu!‹«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen,
-ob sie nicht auch in Gefahr wären. Da aber
-legte sich auf einmal eine schwere Hand auf seine Schulter,
-und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du, nich drängeln!
-Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> zu
-markieren?«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Wilhelm.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe
-auch, als wenn sie dabei die kleine Anzapfung von
-ganzem Herzen dem dicken Schulkameraden gönnten.</p>
-
-<p>Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der
-Berliner Dialekt ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
-glauben, alle Angriffe dadurch besser parieren zu können,
-kurz, in unverfälschtem Berlinisch entschlüpfte dem Gehege
-seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich Willem!«</p>
-
-<p>»Na« &ndash; der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte,
-war ebenso schnell mit der Antwort fertig &ndash; »denn entschuldijen
-Se man, Herr Hase<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, det Sie mir beinahe
-jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der heeßt:</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht
-haben: »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!«</p>
-</div>
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht,</div>
- <div class="verse indent0">mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte
-hier die Parade vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein
-großer Dicker vor der kleinen Gruppe drehte sich langsam
-um und sagte milde und doch auch mit so urkomischer
-Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht
-kann ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!«</p>
-
-<p>Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte
-diese trockenen Worte. Von drüben her indessen fragte
-einer boshaft: »Na, Sie da, Männeken, Sie haben woll
-heite zum Reden injenommen?«</p>
-
-<p>Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte
-wieder: »Na, du, det ick dir man nich uff’t Jedächtnis
-tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt mir doch nich so
-mit Redensarten!«</p>
-
-<p>Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber
-kamen sie schön an und mußten wieder etwas hören.</p>
-
-<p>»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die
-Nase in’t Buch!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p>
-
-<p>Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s
-nu nich! Wir haben ja jerade frei gekriegt, damit wir uns
-auch die Parade ansehen sollen!«</p>
-
-<p>Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn
-sich jemand die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. So
-lächelte denn auch hier der Mann nur gutmütig und sagte
-begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut zeijet
-auch der lahme Muck!«</p>
-
-<p>Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber.
-Auch andere. Der eine der da in drangvoll fürchterlicher
-Enge Stehenden meinte sogar treuherzig: »Nee,
-denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich
-klassisch!«</p>
-
-<p>Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte
-nicht recht: sollte er in der Korona dieser fidelen Urberliner
-bleiben oder vielleicht lieber seinen Freunden nachlaufen.</p>
-
-<p>Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch
-heraus aus dem Knäuel.</p>
-
-<p>»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach.</p>
-
-<p>»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete
-der im Forteilen. »Da kommt nachher der Kaiser durch!«</p>
-
-<p>Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten,
-kam ihnen eine kleine Reihe von Gemeindeschülern
-entgegen, Arm in Arm, stramm marschierend und
-dazu singend:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Hinaus in die Ferne,</div>
- <div class="verse indent0">vor’n Sechser fetten Speck!</div>
- <div class="verse indent0">Den eß ick do’ zu jerne,</div>
- <div class="verse indent0">den nimmt mir keener weck.</div><span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Un wer det dhut,</div>
- <div class="verse indent0">den hau ick uff’n Hut,</div>
- <div class="verse indent0">den hau ick uff de Ne&ndash;ese,</div>
- <div class="verse indent0">det se blut!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze
-Geschichte; aber sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem
-Wege. Kaum hatten die Sänger dieses Lied beendet, da
-stimmte einer auch schon an:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Turner ziehn mit Pantin’n<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></div>
- <div class="verse indent0">durch die jroße Stadt Ballin<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>&nbsp;&ndash;«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Holzschuhe.</p>
-
-</div>
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Berlin.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det
-is ja man nur wat for Turner! Mal den Torjauer
-Marsch! Los!«</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Fritze Weber</div>
- <div class="verse indent0">hat’n Keber<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></div>
- <div class="verse indent0">an de Zunge</div>
- <div class="verse indent0">an de Lunge</div>
- <div class="verse indent0">an de Leber!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Käfer.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen
-die lustigen Töne. Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen
-Bewegung in die starren Massen gekommen.</p>
-
-<p>»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der
-Dicke mit Zeidler hinter den Menschenmassen hinweg nach
-rechts hin in die Belle-Alliance Straße wieder hinunter.</p>
-
-<p>Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel
-Fähnchen entgegen und pries dabei seine Ware laut an:
-»Hier hochfeine Fähnchen, meine Herrschaften! Allen Ansprichen<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
-jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz mit
-Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie
-da! Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz
-kann so wat nich jut verdragen!«</p>
-
-<p>Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt.
-Nur mit einer kühnen Schwenkung kam er um
-ihn herum, so daß er beinahe gegen den Briefkasten fuhr,
-der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war.</p>
-
-<p>»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den
-Briefkasten rin!« Diese Mahnung mußte der dicke Puntz
-schnell noch mit auf den Weg nehmen.</p>
-
-<p>Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man
-schon hinter der schwarzen Wand der Menschen, die in
-tiefen Reihen am Rande des Bürgersteiges standen, den
-Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der einmal auf
-der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief
-plötzlich: »Die Maikeber!<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> Die Maikeber! Dicker! Schnell,
-schnell!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin.
-Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt, stand früher
-in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es in Berlin seinen
-Spitznamen daher hat, daß die beiden Bataillone alljährlich gerade
-zur Maikäferzeit zur Parade nach der Hauptstadt kamen. &ndash; Am
-Offizierkasino des Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke
-gegen die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer plastisch
-dargestellt, als scherzhafte Konzession an den Berliner Volkswitz.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße
-hinunter. Da fanden sie einen kleinen Durchlaß durch die
-Menschenmauer und konnten beinahe bis zum Straßendamm
-vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der Dicke<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von
-der hin- und herdrängenden Umgebung nicht wieder von
-seiner mühsam eroberten Stelle fortgerissen zu werden.</p>
-
-<p>Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig
-gekleideter Mann mit einigen Bekannten stand neben Zeidler,
-um das Truppenschauspiel gleichfalls zu sehen. Arbeiter
-drängten sich dazwischen.</p>
-
-<p>»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren.
-Er hatte die eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht
-nach der Richtung des Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber
-die Straße fällt hier so ab! Und die Bäume! Schlechte
-Akustik hier!«</p>
-
-<p>Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen:
-»Ick hab’ ’n Schnuppen! Ick rieche nischt!«</p>
-
-<p>Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise
-los. Der Dicke mußte sich fester an den Baum klammern.</p>
-
-<p>Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du,
-August, mit de Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom
-klettern? Dazu mußte barfte<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Beene haben!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> barfüßig.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!«</p>
-
-<p>»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst?
-Da feifst de dir ’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.«</p>
-
-<p>»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer
-väterlich. »Da oben ieberfährt dir der Luftballon!«</p>
-
-<p>Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite;
-aber er mußte sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm
-zuriefen: »Na, du! Wat du schlau bist! Det mißte bei
-dir selber ooch janz jut aussehn!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span></p>
-
-<p>»Rum, brrr, rumbumbum!«</p>
-
-<p>Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel
-verschlang alles. Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf
-die schmucken Soldaten, die mit einem strahlenden Antlitz
-wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte, Kompanie nach
-Kompanie, Bataillon und Bataillon.</p>
-
-<p>»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem
-Dicken in tiefer Bewegung eine Stimme.</p>
-
-<p>Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf;
-hier stand das Volk in Waffen, das sich an der Disziplin
-der Truppen wieder zu der alten, liebgewordenen Disziplin
-selber emporrichtete. Die Achtung vor des Königs Rock,
-dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten oder noch
-tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges
-Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die
-Tausende, die die schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen
-an sich vorbeiziehen sahen, die Blüte des Vaterlandes.</p>
-
-<p>Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes
-Gefühl auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das
-rollende Rasseln der Trommeln, sie stimmten ihn feierlich,
-und &ndash; er wußte selber nicht, wie es kam &ndash; das letzte
-Gedicht, das er in der Klasse gelernt und sogar ungern
-gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz
-ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr!</div>
- <div class="verse indent0">Den Säbel in die Faust!</div>
- <div class="verse indent0">Das deutsche Volk &ndash; ein großes Heer,</div>
- <div class="verse indent0">das, von den Alpen bis zum Meer,</div>
- <div class="verse indent0">ein zürnend Wetter braust.</div><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und klopft an unsre Pforten an</div>
- <div class="verse indent0">des Fremdlings Übermut,</div>
- <div class="verse indent0">so opfert jeder deutsche Mann</div>
- <div class="verse indent0">mit Freuden Gut und Blut.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Die Alexandrer<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>!« hieß es da auf einmal. »Die alten
-Helme!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!«</p>
-
-<p>»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach,
-elegant, jeschmacklos un ohne allen Prunk!«</p>
-
-<p>»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?«</p>
-
-<p>Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus.</p>
-
-<p>»Na, die mit de Entenbeene da!«</p>
-
-<p>»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Mit gelbbraunen Ledergamaschen.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Ach so! Und so’n junger Leitnant!«</p>
-
-<p>»Mit so’n kleenen Schnurrbart!«</p>
-
-<p>»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!«</p>
-
-<p>»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick
-wie Fer&ndash;dinand!«</p>
-
-<p>Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf
-einmal eine ganz empörte Stimme: »Na, wissen Se,
-Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick sehe jeweenlich
-mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!«</p>
-
-<p>»Das zweite Garderegiment!«</p>
-
-<p>»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann
-da uff’t Pferd! Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?«</p>
-
-<p>»Ja, die da vorne sint ville strammer!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p>
-
-<p>»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein.
-»Der eine versteht’s und der andere nicht! Es ist eben
-wieder mal das Ei des Kolumbus.«</p>
-
-<p>»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben
-ihm mit einem leichten Spott in der Stimme. »Legt denn
-der olle Mann immer noch?«</p>
-
-<p>Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn
-plötzlich rief eine Stimme von hinten vom Gitter eines der
-kleinen Vorgärten her: »Da drüben kommen die Ulanen!«</p>
-
-<p>Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte;
-aber das zweite Garderegiment marschierte gerade dazwischen.
-Es war also für ihn nicht zu sehen, was drüben
-auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er hörte
-nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die
-Reiter machte.</p>
-
-<p>»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber
-Jlick scheinen se do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n
-Einsatz rausjekommen!«</p>
-
-<p>Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden
-hatten. Nur einer der Herren, die sich ganz dicht
-an der Bordschwelle befanden, fragte, aber auch schon halb
-lachend: »Wie meinen Sie denn das?«</p>
-
-<p>»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem
-roten Einsatz hier ist er rausgekommen!«</p>
-
-<p>Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch
-sprach, tippte dabei mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt
-verstanden das natürlich auch die Jungen, und sie stimmten
-in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn sie auch nichts
-sehen konnten.</p>
-
-<p>Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-genauer an und meinte dabei: »Ich muß Sie doch
-schon mal irgendwo gesehen haben!«</p>
-
-<p>»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint!
-Da komme ick öfter hin und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links
-her bannte aller Sinne von neuem.</p>
-
-<p>»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!«</p>
-
-<p>Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles
-drängte nach vorwärts.</p>
-
-<p>»An der Spitze der Fahnenkompagnie!«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig! Hut ab!«</p>
-
-<p>Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte
-flogen in die Luft. »Hurra! Hurra!«</p>
-
-<p>Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen!
-Alles Uzen und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen.
-Der Kaiser! Er schweißte alles und alle durch seine
-bloße Erscheinung zusammen. <em class="gesperrt">Ein</em> Volk, <em class="gesperrt">ein</em> Herz, <em class="gesperrt">ein</em>
-Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem Manne
-zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra!
-Hurra!« Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig:
-<em class="gesperrt">Ein</em> Volk, <em class="gesperrt">ein</em> Herz, <em class="gesperrt">ein</em> Vaterland! Hinausziehen
-würden alle gegen den Feind der heimischen Erde! Sie sollten
-es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann dem Kaiser
-nach! <em class="antiqua">Morituri te salutant!</em>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen,
-hatte in dem Augenblicke Zeidler die Schultern schmal
-gemacht und huschte eben hinaus und hindurch durch die
-jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter ihm
-staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße
-weiter hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
-Bürgersteig immer neben dem Kaiser und der Fahnenkompagnie
-hin.</p>
-
-<p>Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu
-undurchdringlicher Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler
-um, neben dem er sich doch bis jetzt so treu gehalten hatte.</p>
-
-<p>Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt
-nichts mehr zu sehen, und hinweg über die Gneisenau
-Straße konnte man auch nicht. Unwirsch stand der Junge
-endlich still. Er sah gerade noch die letzten Fahnenspitzen
-hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da verschwinden.</p>
-
-<p>Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle
-vorzudringen. Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann
-aber konnte er sogar auf die andere Seite der Straße gelangen,
-wo eben noch Kavallerie den Kasernen zuzog.
-Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs
-in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen,
-von denen aber &ndash; der Dicke achtete jetzt scharf darauf &ndash;
-kein einziger mehr »mit dem Einsatz rausgekommen war,«
-sogar die Artillerie, alles zog an seinem freude- und farbentrunkenen
-Auge vorüber, unter dem Staunen und dem
-Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor
-und die letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten.</p>
-
-<p>Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die
-mit ihm am frühen Vormittag die Penne verlassen hatten.
-Wie spät mochte es jetzt wohl&nbsp;&ndash;? Ach, da drüben war ja
-eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das konnte doch
-wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön
-war es doch gewesen!</p>
-
-<p>Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück?<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-Ach, das hatte er noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber
-&ndash; nein &ndash; die konnte vorläufig da bleiben! Er war zu
-müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen,
-von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja,
-der Kaiser, der wußte, wie es einem Jungen zumute war!
-»Hurra! Ach so, ja!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem
-Halleschen Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon
-wieder durch. Dicht standen die Leute da an der Haltestelle.
-Na, wo denn nun lang?</p>
-
-<p>Endlich kam der Dicke zu Hause an.</p>
-
-<p>»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du
-dich denn rumgewälzt? Und das Gesicht!« &ndash; Sie schlug
-dabei die Hände vor Staunen über dem Kopf zusammen.</p>
-
-<p>»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren
-bloß alle zur Parade! Aber, Mama! Es war wirklich
-großartig! Na, die Woche fing gut an! So könnte es
-meinetwegen weitergehen!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p>
-<h2 class="nobreak box" id="Dienstag">Dienstag:<br />
-Nachmittag frei.</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span></p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop-q">»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen.
-»Gestern war’s doch großartig! Aber heute nun
-Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde, daß wir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn
-gar nicht ausdenken. Und dann noch eins: wie war’s doch
-gleich? Hatten sie denn nicht noch was Besonderes für
-Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar nicht
-die Aufgaben vorgelesen! Und &ndash; ach Gott ja, das lateinische
-Heft! Für den alten Bumsvallera!</p>
-
-<p>»Na, Junge, es ist schon spät!« &ndash; Die Mama war
-immer etwas ängstlich und drängte jetzt zur Eile. &ndash; »Nu
-mach schon, daß du fortkommst!«</p>
-
-<p>Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber
-wie war das doch gleich mit Französisch? Es war doch was!</p>
-
-<p>Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam
-mit dem Schwanze wedelnd freudig auf ihn zu. Die beiden
-waren gut Freund miteinander, wie denn der Dicke überhaupt
-alle Hunde der nächsten Straßen kannte.</p>
-
-<p>»Na, Cäsar, wie geht’s dir?«</p>
-
-<p>Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor.</p>
-
-<p>»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du!
-Du brauchst nicht zur Schule! Strolch! Biste verrückt?
-Du hast wohl heute schon in Tran getreten?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p>
-
-<p>Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im
-Französischen &ndash; drin im Wurstkessel.</p>
-
-<p>»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der
-Doktor Fuchs.</p>
-
-<p>Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt
-und sieht seinen Ordinarius an, als hätte er &ndash; der
-Dicke natürlich! &ndash; einen moralischen Katzenjammer. Endlich
-ermannt er sich aber und bringt halb stotternd hervor:
-»Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag
-mußte ich für meine Mama zur Stadt!«</p>
-
-<p>»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!«</p>
-
-<p>»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann
-bin ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»N &ndash; a?«</p>
-
-<p>Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und
-ziehen ganz merklich die Ohren straff.</p>
-
-<p>»Da bin ich &ndash; eingeschlafen!«</p>
-
-<p>»Sehr denkbar!« &ndash; Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern.
-&ndash; »Und was nachher?«</p>
-
-<p>»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und
-dann war’s ja auch Abend! Ich hatte auch meine Mappe
-nicht! Die hat unser Mädchen dann erst von Zeidler
-geholt!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig
-zugehört und ab und zu sogar genickt. Übrigens sind die
-Arbeiten auch durchgehends äußerst nachlässig gemacht, so
-daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch auf die
-Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade!
-Aber nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
-von euch hat sich überhaupt die Parade oder den Aus-
-oder Einmarsch der Truppen angesehen? Hand hoch!«</p>
-
-<p>Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so
-hochschießen! Weit gefehlt! Er zählt und zählt, und er
-zählt nur einundzwanzig Mann. Einundzwanzig von sechsunddreißig!
-Also eine Kleinigkeit über die Hälfte der Jungen
-hat was von der Parade gesehen!</p>
-
-<p>»Na, Ernst?« &ndash; Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. &ndash;
-»Warum bist <em class="gesperrt">du</em> denn nicht zur Parade gegangen?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; hatte &ndash; keine &ndash; Zeit!«</p>
-
-<p>»Ach, Zeit!«</p>
-
-<p>»Ja, meine Tante war nicht da!« &ndash; Es kommt das
-alles recht verlegen und ungeschickt heraus. &ndash; »Ich mußte
-da zu Hause bleiben!«</p>
-
-<p>Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen
-zu wissen als alle die andern Jungen zusammen;
-er läßt den Primus jetzt ruhig laufen und wendet sich an
-den Sekundus, den Tauscher.</p>
-
-<p>Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt
-er sich doch zu der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine
-Eltern sagten, es wäre zu viel Gedränge!«</p>
-
-<p>Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel
-zu finden. Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen
-Klasse: »Wer hat denselben Grund? Aber ehrlich!«</p>
-
-<p>Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und
-tun etwas verschämt dabei: es sind außer dem Sekundus
-noch acht. Hier und da wird wie zur Entschuldigung
-gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz
-schwarz von Menschen!«</p>
-
-<p>»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p>
-
-<p>Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach
-dem Temperament der Jungen. Einer davon meldet sich
-krampfhaft, sieht aber dabei immer noch fragend nach den
-andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Also?«</p>
-
-<p>»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine
-Partie durch den Grunewald gemacht. Mein Papa hat
-gesagt, wir sollen uns recht gesund machen; da täten wir
-dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir ihm auf
-dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.«</p>
-
-<p>Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das
-hier etwas sonderbar und doch auch wieder drollig genug
-klingt. Der Vater, der dieses Kraftwort gesprochen, gehört
-selber dem Wehrstande an, und der Junge &ndash; das weiß
-ja jeder in der Klasse &ndash; der will auch einmal Offizier
-werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen.</p>
-
-<p>»Also setzen! &ndash; Ja! Was? Wo? Da war ja noch
-einer! &ndash; Karnagel!«</p>
-
-<p>Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und
-sieht seinen Ordinarius scheu und von unten herauf an,
-wie ein geprügeltes Hündlein: »Ich habe auch nicht
-gedurft!«</p>
-
-<p>»Na, warum denn nicht, Otto?«</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon
-wieder leid, daß er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen
-hat; er erinnert sich, daß der Vater des Jungen oft
-seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt. Aber es ist zu spät;
-denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und platzt
-los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er
-das letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span></p>
-
-<p>»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein
-anderer seine Weisheit an den Mann bringen. &ndash; Grausame
-Kreatur doch, solch Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen,
-daß er mit dem, was er sagen will, einem andern
-wehe, sogar sehr wehe tun kann! &ndash; »Herr Doktor!
-Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! &ndash;
-Doch! Ich weiß es!«</p>
-
-<p>Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese
-Worte gar nicht und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die
-Tränen in die Augen schießen, zu beruhigen. »Na, laß
-nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst du noch öfter
-sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber mitmachen!
-Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da
-seid ihr ja alle dabei! Die ist auch was wert!«</p>
-
-<p>Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft.
-Doktor Fuchs aber hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas
-über diese Sache zu hören. »Genug!« entscheidet er kurz.</p>
-
-<p>»Nein, nein, was anderes!«</p>
-
-<p>»Na, schnell!«</p>
-
-<p>»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht
-werden?«</p>
-
-<p>Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig
-hoch und tun, als wenn ihnen die Sachen
-auf der Haut klebten, und als müßten sie nun diese Sachen
-vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern
-sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch
-heißer als gestern!«</p>
-
-<p>»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor
-Fuchs. »Die mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr
-Direktor verboten! Neulich ist dabei ein Junge in der<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat sich den Arm
-gebrochen! Los!«</p>
-
-<p>Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse,
-als ob er die verlorene Zeit und sogar den gestrigen
-Paradetag nachholen müßte. Immer schwüler aber wird
-es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften Ventilation!
-Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen
-auf der Stirn.</p>
-
-<p>Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am
-schlimmsten dran. Dabei gehen dann natürlich auch seine
-Gedanken noch leichter spazieren als sonst schon. Er stellt
-sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es sein müßte, wenn
-er baden gehen könnte und nicht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Dicker!«</p>
-
-<p>Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun
-herhalten und kriegt jede zweite Frage, daß er schließlich
-ganz schachmatt ist, als es zu seiner Erlösung endlich läutet.
-Das war doch wahrhaftig gestern ein schönrer Tag! Na,
-aber vielleicht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag
-denn gar nicht mal frei gibt?«</p>
-
-<p>»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute
-eine Bombenhitze!«</p>
-
-<p>»Och!« &ndash; Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem
-Thermometer, das in die Wand eingelassen ist und die
-Temperatur in der Klasse selbst anzeigt. &ndash; »Och! Schon
-30 Grad!«</p>
-
-<p>»Réaumur?«</p>
-
-<p>»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein!
-Das geht nicht mehr!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span></p>
-
-<p>»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke
-zweifelnd und wie für sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen
-mal schnell auf den Hof hinunter!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde
-fleißig gesprengt. Eine wohltuende Kühle weht den Jungen
-entgegen, als sie aus der untern Tür auf den Hof hinaustreten.
-Das ist ihnen aber gar nicht recht. »Blödsinniger
-Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen
-zurück, die sich vor dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt
-hatten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt
-hätte!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er
-berlinert immer; nur dann nicht, wenn er vor dem Lehrer
-steht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und
-dann <em class="gesperrt">müssen</em> wir frei kriegen!«</p>
-
-<p>»Na, von müssen ist nun keine Rede!«</p>
-
-<p>»Doch! Ich weiß es ganz genau!«</p>
-
-<p>»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer
-da hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne
-hin!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen
-wieder hinein in den »Schwitzkasten«.</p>
-
-<p>»Was haben wir denn jetzt?«</p>
-
-<p>»Erdkunde! Die Voralpen!«</p>
-
-<p>»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die
-Alpen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede,<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
-daß nicht nur der eine vor sich hindöste, sondern
-alle miteinander, wie sie da gebacken waren.</p>
-
-<p>Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage:
-»Können nicht die mittlern Fenster auch aufgemacht werden?«</p>
-
-<p>»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht.
-»Ist verboten! Aber die Tür können wir aufmachen!« &ndash;
-Er gibt dem Jungen, welcher der Tür zunächst sitzt, das Zeichen,
-sie zu öffnen. Kaum aber öffnet sich diese Tür, da tönt
-ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera aus der
-Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee
-der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na!
-Hier nicht einschlafen, du!«</p>
-
-<p>Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los.</p>
-
-<p>»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische
-Herr ruhig. »Dann schwitzen wir eben ein bißchen!«</p>
-
-<p>Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und
-verpesten geradezu die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt
-so langsam herum und sieht neugierig in die Klasse hinein.
-Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine Betrachtung darüber:
-sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland und kriecht
-dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer,
-die Sonne geht im Osten auf und&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt
-ihm der Professor auf den Pelz.</p>
-
-<p>Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein &ndash; nein &ndash; ich
-dachte &ndash; ich dachte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel,
-wie du, denkt! Nun passe mal gefälligst auf!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es
-ist zu schwül in der Klasse. Bleischwer liegt es auf allen,<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-und nur <em class="gesperrt">ein</em> Gedanke läßt hier und da ein Gesicht aufleuchten:
-es <em class="gesperrt">muß</em> ja heute frei geben! Und &ndash; Gott sei
-Dank! &ndash; heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der
-eklige Nachmittag aus!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf <em class="gesperrt">den</em> Gedanken haben sich &ndash; während der zweiten
-Pause unten auf dem Hofe &ndash; alle Jungen zusammengefunden.
-Aber scheinbar auch eben nur die Jungen; denn
-der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn einer
-der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt
-nicht zu sehen!</p>
-
-<p>Aber, was ist denn da los? &ndash; Da vorne! &ndash; Eben
-bildet sich da eine Korona. Um den Schnorzel nämlich, den
-sonderbaren Jungen aus der Quinta, der, wie alle die
-andern behaupten, »ein bißchen mit dem Dämelsack geschlagen
-ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen;
-alles redet auf ihn ein.</p>
-
-<p>»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden,
-die Tertianer.</p>
-
-<p>»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben
-Schnorzeln zum Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.«</p>
-
-<p>»Na, und?«</p>
-
-<p>»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht
-erholen!«</p>
-
-<p>Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt.
-Als ihm jetzt wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat
-denn nun der Direktor gesagt?« da sieht er den Fragenden
-groß und glotzend an. Dann bückt er sich plötzlich vor und
-beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer einen Kreis
-um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend:
-»’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p>
-
-<p>Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer
-aber wenden sich ab, und der dicke Puntz meint &ndash; immer
-noch lachend&nbsp;&ndash;: »Dem hätte ich ooch ’n Vogel gemacht!
-Aber noch ’n ganz andern!«</p>
-
-<p>Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen
-auch; aber wenn der Direx den Schnorzel so angeschnauzt
-hat, dann will er doch sicher nicht frei geben!
-Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar unbehaglich.</p>
-
-<p>»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt
-der kleine Köckeritz vor.</p>
-
-<p>»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden
-die schon vernünftig werden!«</p>
-
-<p>Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht
-das Gesicht dabei! Aber es hilft eben alles nichts: man
-muß wieder hinauf in die Klasse.</p>
-
-<p>Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt,
-die den Humor nicht ganz verloren haben. Neben dem
-Brunnen steht ein Quartaner und ladet mit schallender
-Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine Herrschaften!
-Zur Durschtstillation!« Und oben neben der
-Klassentür hat sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt
-und katzbuckelt da allen freundlich entgegen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné!</div>
- <div class="verse indent0">Macht vil Spaß un dhut nich weh!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung.
-Aber sofort sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und
-zum Klassenthermometer hingetreten. »Was?« ruft einer
-da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das geht doch nicht
-mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span></p>
-
-<p>Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die
-Ecke herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick
-ja, der Affe soll mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh
-mal weck! Ick will mal dran pusten!«</p>
-
-<p>Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34.</p>
-
-<p>»So! Det jeniejt vorläufig!«</p>
-
-<p>Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde
-beginnt. Und eine Gluthitze dabei! Das Atmen wird
-Lehrer und Jungen schwer, und die Arbeit schleicht müde
-und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es mehr
-als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir
-doch frei kriegen!«</p>
-
-<p>Die Pause ist kurz.</p>
-
-<p>»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?«
-fragt der Bonin den Dicken.</p>
-
-<p>»Ih wo! Nich in de <em class="antiqua">la main</em>! Wollen doch erst mal
-abwarten!«</p>
-
-<p>»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!«</p>
-
-<p>»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig
-wird, dann ist er es immer noch nicht ganz und
-noch lange nicht!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor
-Fuchs, dem Ordinarius.</p>
-
-<p>»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl,
-der triezt uns dafür wieder so!«</p>
-
-<p>»Ach ja! Und bei der Hitze!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen,
-das war schon in Ordnung; aber weniger heiß war es
-natürlich trotz alledem nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span></p>
-
-<p>Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da
-sagte dann Doktor Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch
-mal ein bißchen verschnaufen! Anlehnen! Wollt ihr euch
-die Jacke ausziehen?«</p>
-
-<p>Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch
-keiner.</p>
-
-<p>Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin:
-»Herr Doktor! Ich muß nachher zum Prediger!«</p>
-
-<p>»Schön! Freut mich!«</p>
-
-<p>Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint
-zögernd: »Ja, ich weiß aber nicht! Wir gehen doch früher
-weg! Wir wissen nicht, ob wir nachmittag dann wieder
-hermüssen!«</p>
-
-<p>Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!«
-sagt er ganz gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest
-du nun wissen! Na, dann komm mal vor! Dann werde
-ich’s dir ins Ohr sagen!«</p>
-
-<p>Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt!
-Und Doktor Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie
-Bonin, der beugt sich ganz geheimnisvoll zu ihm vor, als
-wenn er ihm das wirklich auch nur ganz leise zuflüstern
-wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren
-und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas
-aufschnappen.</p>
-
-<p>Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund,
-und &ndash; während die ganze Klasse den Atem anhält &ndash;
-brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich dir das sage,
-dann wissen das zweie!«</p>
-
-<p>Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und
-will sich eben wieder aufrichten, während im selben Augenblicke<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-die Klasse in lauten Jubel ausbricht. Da aber öffnet
-sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener erscheint auf
-der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide nicht
-an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also
-darauf geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen
-zu sehen. Sie warten gewöhnlich auch erst einen kleinen
-Moment ab und richten sich mit dem Gesicht und mit dem
-ganzen Menschen darnach. Heute aber sind sie ungewöhnlich
-schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür in die
-Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten
-Bonin geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich
-über den Zettel, den der Schuldiener in der Hand hält und
-eben, süßsauer lächelnd, dem Ordinarius präsentiert.</p>
-
-<p>Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs,
-um 1 Uhr wird heute der Unterricht geschlossen! Ihr
-habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag ist natürlich
-frei!«</p>
-
-<p>Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na
-kann det olle Krokodil sprengen, so ville et will.« So hat
-Fritze Köhn leise gesagt, und so denken mit ihm alle die,
-die das gehört haben. Nicht lange dauert es auch, da
-läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen,
-frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter
-und nicht die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen,
-steht der Schuldiener breitspurig im Wege wie ein zürnender
-Gott. Er wenigstens scheint den Jungen den Schulausfall
-doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann es sich deshalb
-auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja
-ganz besonders groß in so etwas:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Mitten auf der Elbe</div>
- <div class="verse indent0">schwimmt ein Krokodil,</div>
- <div class="verse indent0">wackelt mit dem Schwanze,</div>
- <div class="verse indent0">weiß nicht, was es will.</div>
- <div class="verse indent0">Bitte, jehn Se rechts</div>
- <div class="verse indent0">un bitte, jehn Se links!</div>
- <div class="verse indent0">Denn so’n Krokodil</div>
- <div class="verse indent0">is een jefährlich Dings!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied
-und diesen Mut mit lautem Jubel. Aber wie erschrocken
-darüber trollt man sich dann schleunigst hinaus. In aller
-Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das ist ’ne feine
-Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun
-vielleicht noch morgen sein?«</p>
-
-<p>Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen
-Klassenarbeit in Geometrie! Junge! Junge! Junge! <em class="gesperrt">Die</em>
-Arbeit verhaue ich ganz sicher!«</p>
-
-<p>»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!«</p>
-
-<p>»Und der Kerl mit!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war
-die Woche nun schon fein gewesen!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
-<h2 class="nobreak box" id="Mittwoch">Mittwoch:<br />
-Die schönste Enttäuschung.</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span></p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch.
-Und endlich auch die dritte Stunde.</p>
-
-<p>»O Gott, o Gott, o Gott!«</p>
-
-<p>Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte
-innerlich mit; er wußte auch ganz genau, was das bedeuten
-sollte.</p>
-
-<p>»Mir ist ganz blümerant zumute!«</p>
-
-<p>Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und
-zog schließlich mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe
-daraus hervor.</p>
-
-<p>»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick
-hab’s verstan’n!«</p>
-
-<p>Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern
-Figur zusammenzuschieben.</p>
-
-<p>So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren
-Figuren hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine
-Hand darnach aus, um zuzugreifen und selber die Lösung
-zu versuchen.</p>
-
-<p>»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze
-über all die Weisheit weg.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Das Berühren</div>
- <div class="verse indent0">der Fijüren</div>
- <div class="verse indent0">mit de Foten</div>
- <div class="verse indent0">is verboten!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
-<p>»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite.
-»Die Geschichte geht ja überhaupt auch gar nicht!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch
-obendrein tüchtig ausgelacht. Und doch klang das Lachen
-so gar nicht wie das frische, fröhliche Tertianerlachen sonst!</p>
-
-<p>»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer
-der Jungen wieder hervor. Und wieder hatte er allen aus
-der Seele gesprochen.</p>
-
-<p>Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch;
-dort mühten sich zweie um eine Figur, die aber leider das
-Schicksal der Köhnschen hatte: sie wollte nicht stimmen.
-Überall ein ander Bild, und überall doch gleichmäßig Angst
-und Sorge vor dieser Arbeit.</p>
-
-<p>Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die
-Sachen viel mehr mit uns üben müssen! Wer hat’s denn
-überhaupt verstanden? Keiner! Oder der Ehrenfried vielleicht!«</p>
-
-<p>»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch
-verdorben und verekelt!«</p>
-
-<p>Rrrrrrrrrrrr!</p>
-
-<p>Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur
-flog der schnurrende Laut über die Klasse hin und
-drückte den Kopf der Jungen auf die Tischplatte hinunter.
-Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das konnte ja gut
-werden!</p>
-
-<p>»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn
-und tat dabei, als müßte er gerade jetzt einen Regenwurm
-verschlucken.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Großen befehlen in der höchsten Not und im
-Augenblicke der Gefahr ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten.<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-Ein Junge denkt nicht daran, so was zu tun. Er
-torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr hinein.</p>
-
-<p>Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten
-sich Feder und Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat
-gelegt. Im nächsten Augenblick konnte ja doch&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen
-Korridor zu. Der lange Sausig aber vorn an der Ecke
-hatte sich hoch aufgerichtet; er blickte unverwandt nach der
-Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes darin erwartete.
-Plötzlich stand er sogar schnell und leise auf und machte
-ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu. Storchenschritte!
-Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende
-des langen Flures herum.</p>
-
-<p>Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken
-gefolgt: alles hielt den Atem an. Der Frechdachs! Wenn
-jetzt der Professor Zirbel käme! Dem Sausig konnte es
-dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand keinen
-Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er
-mit seinen Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv
-und schaudernd fiel der entsetzte Blick wieder auf das geometrische
-Heft hinunter.</p>
-
-<p>Aber &ndash; der Sausig stand immer noch da auf der
-Lauer! Zirbel kam doch sonst so pünktlich und beinahe mit
-dem Glockenzeichen! Sollte da doch etwas passiert sein?
-Vielleicht daß Zirbel&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück.</p>
-
-<p>»Raff! Raff!«</p>
-
-<p>»Wer?« &ndash; Die Jungen wußten nicht recht, was sie
-daraus machen sollten. &ndash; »Wer?«</p>
-
-<p>»Raff! Raff!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p>
-
-<p>»Bei dem haben wir ja gar nicht!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer
-näher. Und plötzlich erscheint wirklich der Professor Raff in
-der Tür. Die Jungen machen ein ganz erschrockenes, im
-nächsten Augenblicke aber schon freudig-verblüfftes Gesicht.
-Sie springen auf.</p>
-
-<p>Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse
-hinein. »Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr
-Professor Zirbel ist erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure
-Diarien und kommt schnell in die Unter-Sekunda <em class="antiqua">O</em>! &ndash; Na,
-macht schnell, Jungs!«</p>
-
-<p>Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin
-zurück.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der
-Klasse gelegen, er ist gebrochen. Also kein Extemporale!
-Der Gefahr entronnen! Ein Alpdruck ist von jedem Herzen
-genommen. Wild schwirren die Ausrufe der Freude durcheinander.</p>
-
-<p>»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!«</p>
-
-<p>»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht
-mehr!«</p>
-
-<p>»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun
-da schreiben läßt!«</p>
-
-<p>»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!«</p>
-
-<p>»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach,
-da liegt’s ja!«</p>
-
-<p>Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten
-und klopft mit dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen
-Heizröhren. »Na, Jungs, mal ein bißchen dalli!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p>
-
-<p>Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der
-schönste Lockruf hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine
-machen können! Im Nu ist auch die Klasse jetzt leer, und
-fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der Unter-Sekunda zu.
-Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten
-mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge
-aus der Tertia. Sie haben französische Lektüre. In der
-Sekunda, wie überall ja sonst auch, blamiert man sich nicht
-gern und noch dazu vor einer Klasse, die tiefer steht als
-man selber.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff
-schnell noch, als die beiden Busenfreunde, der Sausig und
-der dicke Puntz, absolut auf einer Bank zusammensitzen
-wollen.</p>
-
-<p>»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal
-in euer Diarium einen kleinen Aufsatz über die Parade oder
-über irgend etwas, was ihr am Paradetag erlebt habt.
-Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!«</p>
-
-<p>Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie
-nicht Geometrie schreiben, alles machen, was man von ihnen
-verlangt. Aber immer schielt man doch etwas nach dem
-Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch zu schön,
-so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören,
-wie eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie«
-werden die angeredet und lassen sich so behandeln! Na,
-ungefähr so, wie sie selber unten in der Tertia bei Professor
-Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem nicht Extemporale!
-Großartig wirklich! Ein feiner Tag!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
-Ordinarius, das Klassenzimmer betreten, da schossen die
-Hände der Jungen hoch.</p>
-
-<p>»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung?
-Für Herrn Professor Zirbel! Die Algebrastunde!«</p>
-
-<p>»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich
-die geborenen Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde
-nämlich von zwölf bis eins fällt aus! Ihr geht
-also um zwölf Uhr nach Hause.«</p>
-
-<p>»Och!« &ndash; »Oh, das ist fein!«</p>
-
-<p>Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so
-ruhig da! Er blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein!
-Der hat nie vergessen, daß er auch mal jung war und sich
-da gleichfalls über eine ausgefallene Stunde gefreut hat!</p>
-
-<p>»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt
-ihr euch nun bald genug gefreut? Dafür aber kaufen wir
-unsere Stunde jetzt ordentlich aus!«</p>
-
-<p>Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale
-in Geometrie und die Algebrastunde nachher auch
-noch frei! Was konnte es denn überhaupt noch Besseres
-in der Welt geben!</p>
-
-<p>Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt
-die Jungen eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach
-Hause zu ziehen, während die andern Klassen mit dem Buch vor
-der Nase und der Sorge vor der nächsten Stunde im Gesicht
-auf dem Hof herumschleichen würden, da erschallt auf einmal
-die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine
-Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!«</p>
-
-<p>»Nach Hause gehen!« &ndash; Die Gesichter werden länger.
-Was soll denn nun noch kommen?</p>
-
-<p>»Ja« &ndash; Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-Klasse zu quälen &ndash; »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch
-einen großen Schmerz antun!« &ndash; Er wendet damit seine
-Augen zum Stundenplan an der Tür hin. &ndash; »Ihr habt
-doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!«</p>
-
-<p>Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit
-Ostern. Aber keiner antwortet darauf.</p>
-
-<p>Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß
-ich euch, Jungs, nun einen großen Schmerz antun!«</p>
-
-<p>Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch
-auch wieder wie erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius.</p>
-
-<p>»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen&nbsp;&ndash;. Ist
-dir was, Köckeritz?«</p>
-
-<p>Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt.</p>
-
-<p>»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn
-seinem Nebenmann zu.</p>
-
-<p>Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen
-dachte nur, daß nun der Professor Zirbel morgen sicher
-wiederkommen würde. Und dann <em class="gesperrt">doch</em> das Extemporale!
-Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte man
-sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser
-dämlichen Arbeit herumschleppen!</p>
-
-<p>Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte
-alle andern angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der
-Doktor Fuchs schließlich mußte jetzt unbändig über all die
-Angstmeier da in seiner Klasse lachen.</p>
-
-<p>»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade
-<em class="gesperrt">den</em> Schmerz muß ich euch noch antun! Herr Professor
-Zirbel wird nämlich morgen auch noch fehlen, und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei!
-Ein wahres Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen, wenn ihr so ganz und
-gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen, was ich
-euch noch sagen wollte!«</p>
-
-<p>Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse.</p>
-
-<p>»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch
-fehlen wird, und da ihr doch die erste Stunde bei ihm
-hättet, so kommt ihr erst um neun Uhr!«</p>
-
-<p>Erneuter Jubelausbruch.</p>
-
-<p>»Na, wartet mal!« &ndash; Die Stimme des Ordinarius
-zwingt alle wieder zur Ruhe. &ndash; »Das dicke Ende kommt
-eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden frei habt &ndash; heute
-die letzte, morgen die erste! &ndash; so übersetzt ihr mir zu morgen
-extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche
-Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!«</p>
-
-<p>Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird
-gemacht!« denkt jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse
-hinaus; an den andern vorüber, die da, in der großen
-Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe herumlaufen und mit
-neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern nachsehen.</p>
-
-<p>»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert
-der dicke Puntz einmal um das andre. »Die kann so bleiben!«</p>
-
-<p>»Jott Strambach!« &ndash; der »Ballina«, der Fritze Köhn,
-versichert das frohlockend. &ndash; »Als Raff sagte, wir sollten
-nach der Sekunda kommen, da habe ick mir ja eens jelacht!
-Mein janzer Bauch war eene eenzijste Falte!«</p>
-
-<p>Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie
-gleich mal probieren wollten, wie es tut, wenn der Bauch
-eine einzige Falte ist. Alle aber sind darin einig, daß das
-eine wirklich feine, sogar eine piekfeine Woche ist.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p>
-<h2 class="nobreak box" id="Donnerstag">Donnerstag:<br />
-Ein recht bewegter Vormittag.</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span></p>
-
-<h3 id="do-1"><em class="antiqua">Sic me servavit Apollo.</em></h3>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-u.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch
-gleich Latein! Beim alten Bumsvallera! Unheimlich
-war ja das Lateinische immer! Aber heute gerade konnte
-es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln
-waren zu repetieren.</p>
-
-<p>»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der
-kleine Köckeritz schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera
-kann man noch so gut gelernt haben; wenn’s das Unglück
-und der alte Querkopf wollen, so fallen wir doch hinein!«</p>
-
-<p>Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche
-Regeln! Ganz geschaffen, einen anständigen Menschen damit
-bis über die Ohren hineinzulegen! &ndash; Ich habe so’n Animum
-als wenn!«</p>
-
-<p>»Aber ich erst!« &ndash; Sausig klapperte ordentlich mit
-den Zähnen.</p>
-
-<p>»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte
-der Dicke nachdenklich und nach einem Augenblick des
-Schweigens. »Erstens lernen wir was bei ihm, und zweitens
-hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich habe zwar das
-Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu
-kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu
-schlagen!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span></p>
-
-<p>Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle
-andern die Regeln so herbeten könnten, wie die, welche er
-zufällig zuerst aufgerufen hatte; oder wollte er wirklich noch
-recht viel Übungssätze dazu Übersetzen lassen: kurz, er ließ
-bald das Übungsbuch aufschlagen. Gemütlich war so was
-nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei doch nicht mit
-Tadel oder Stunde hinein.</p>
-
-<p>Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern
-Loch pfeifen. Der Rippach, der Junge der dumme, übersetzte
-geradezu gottsjämmerlich schlecht; so schlecht, daß es
-wahrhaftig kein Wunder war, daß der alte Bumsvallera
-schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl anherrschte:
-»Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln
-nicht! Nun sag’ sie auf!«</p>
-
-<p>Der Junge fand sich nicht hinein.</p>
-
-<p>»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht,
-wie du sollst! Du kriegst einen Tadel!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dem Dicken und manchem andern noch wurde es
-schwül dabei. Hie und da schlug dieser Tadel wie ein Blitz
-in die Klasse ein; ein halbes Dutzend der Jungen stand
-schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden Augenblick
-konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann
-diese verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er
-sie dann nicht auch am Schnürchen und durcheinander herbeten,
-dann&nbsp;&ndash;! Er saß wie auf Kohlen! Kam er dran,
-dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern.
-Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse,
-mit dem man doch morgen eine Landpartie machen wollte!
-Die Sache war&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Na, nun mal &ndash; der &ndash; Puntz!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<p>Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in
-seinem ganzen Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber
-so sehr er sich auch zusammenriß, hier und da stockte er doch,
-und nun gebrauchte er sogar den Akkusativ, und die Tücke
-des Schicksals wollte noch, daß gerade hier der &ndash; Dativ
-stehen mußte.</p>
-
-<p>»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube
-gar!« &ndash; Bumsvallera gebärdete sich ganz wild dabei. &ndash;
-»Kannst du denn überhaupt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Klirrr&ndash;r&ndash;r!</p>
-
-<p>Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich
-hingehauen. Dabei war ihm das Buch mit seiner scharfen,
-harten Kante in die Quere gekommen, und &ndash; das ganze
-Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf
-einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er
-sich nicht im geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den
-Ärger an. Die Jungen wagten ja nun nicht, auch nur einen
-Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen und jubilierten sie
-vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat
-uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« &ndash; So dachte
-Fritze Köhn; so dachte mit ihm auch manch andrer.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf
-das sich &ndash; nach seiner eigenen Meinung &ndash; die ganze Erregung
-des Lehrers entladen mußte.</p>
-
-<p>Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du
-denn die Regel? Ja? Na gut! Sag’ sie mal auf!«</p>
-
-<p>Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel
-vibrierten. Er wußte die Regel ganz bestimmt; und
-doch&nbsp;&ndash;.</p>
-
-<p>»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span></p>
-
-<p>Rrrrrrrrr&ndash;. Die elektrische Glocke war die Erlöserin.</p>
-
-<p>»Na« &ndash; der Alte richtete sich im selben Augenblicke
-hoch &ndash; »na, Puntz, heute kannst du auch sagen: <em class="antiqua">Sic me
-servavit Apollo!</em>«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der
-Schweiß auf die Stirn getreten war. Die andern, die schon
-drangewesen und dabei reingefallen waren, die taten ihm
-ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn er so kurz
-vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst
-wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß <em class="gesperrt">er</em> wenigstens so
-mit einem blauen Auge davongekommen war.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das
-durchgenommene Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als
-er am Dicken vorbeiging, drohte er ihm mit dem Zeigefinger:
-»Du, du, lernen!«</p>
-
-<p>Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich
-habe auch gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran,
-daß es nicht wohl angebracht war, dem alten Herrn mit
-einem Widerspruch zu kommen. So zog der Junge lieber vor,
-nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem Alten
-herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte
-Puntz noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch
-mal so ab!«</p>
-
-<p>»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze
-Köhn seinen Senf dazu. »Verjiß det nicht!«</p>
-
-<p>»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch
-eine feine Woche! <em class="gesperrt">Nun</em> ist sie erst fein!«</p>
-
-<p>»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span></p>
-
-<h3 id="do-2">Strafe muß sein!</h3>
-</div>
-
-<p>Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen
-verdenken, daß sie zum Turnen liefen und stürzten? Ein
-Fach, das keins ist, weil’s nichts dafür aufgibt, und Paperlink
-aller Ränke voll! Und immer lustig und zu allen
-möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt!
-Ein Junger unter Jungen!</p>
-
-<p>Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen
-hinunter. Aber &ndash; was hatte der kleine Turnwart, der
-Paperlink, nur heute? Während ihm sonst die Jungen die
-Hand geben durften und er diese »Patsche« auch wieder
-tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem
-Rücken herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig
-entgegengestreckten »Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt
-durch die Jungen durch und durch.</p>
-
-<p>»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der
-kleine Köckeritz.</p>
-
-<p>»Ja,« &ndash; Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes
-Gewissen &ndash; »et’s bloß jut, det wir nich dran schuld sin!
-Oder sint wer?«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben
-losschnarrte, schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer
-feierlichen und ihm doch sonst so ganz fremden Grandezza
-zur Turnglocke vor und läutete, daß es allen durch Mark und
-Bein ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p>
-
-<p>»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja
-durch Mark un Fennje!«<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Pfennige.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Na nu?« &ndash; Die Jungen sehen ganz erstaunt auf.
-Sie waren gewohnt, sonst immer noch etwas Kürturnen zu
-haben. &ndash; »Schon?« &ndash; »Was ist denn eigentlich heute mit
-dem los?«</p>
-
-<p>Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem
-er &ndash; wie er einmal selber verraten &ndash; seiner Länge eine
-Elle hatte zusetzen wollen. Er blickte starr auf den Fleck hin,
-auf dem die Klasse eigentlich nun bald stehen sollte.</p>
-
-<p>Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte
-den andern. »Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur
-passiert? Man ’n bißken fix jetzt!«</p>
-
-<p>Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt
-die Blicke erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer
-noch starr vor sich hinsah.</p>
-
-<p>»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte
-der kleine Köckeritz, der Frechdachs.</p>
-
-<p>Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und
-bewegte die Lippen.</p>
-
-<p>»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu
-reden.« (<em class="antiqua">NB.</em> wenn Paperlink feierlich werden wollte, dann
-redete er hochdeutsch.) »Ich habe zu meinem größten Bedauern
-gehört, was ihr alles für Hanaken &ndash; ich wollte sagen, was
-ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die nicht wert sind,
-Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von Seiner
-Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen.
-Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
-Mann von der Unter-Tertia <em class="antiqua">O</em> zu diesem Fest gegangen
-sind und fünfzehn also nicht. Ich wenigstens finde, es
-wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher Gelegenheit unsere
-feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und euer
-deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten
-wolltet. Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance
-Straße hätte auf einen richtigen Jungen viel mehr wirken
-können als die gelehrtesten Reden über die Vaterlandsliebe.
-Das ist <em class="gesperrt">meine</em> Meinung. Und deshalb werde ich die
-Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen
-haben, bestrafen.«</p>
-
-<p>Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen
-unten vor ihm zum Teil recht betroffen, zum Teil recht
-schadenfroh dreinsahen.</p>
-
-<p>»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die
-Parade <em class="gesperrt">nicht</em> angesehen hat!«</p>
-
-<p>Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen
-Augenblick zu zögern oder ohne auch nur mit der Wimper
-zu zucken. Auch von Schoener und Haeseler und Forster
-und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren und
-so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten.
-Sie wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch
-etwas helfen.</p>
-
-<p>»Herr Turnwart!« &ndash; von Schoener ist damit einen
-Schritt weiter vorgetreten. &ndash; »Karnagel kann eigentlich
-nicht dafür, daß er nicht gegangen ist. Sein Vater ist
-dran schuld!«</p>
-
-<p>»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also
-muß <em class="gesperrt">er</em> ran!«</p>
-
-<p>von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
-zurück. Ja, als Sohn eines Offiziers hat er Disziplin
-im Leibe.</p>
-
-<p>»Drei … sechs …… fünfzehn! Stimmt!
-Erstens also zwiebele ich euch, die ihr euch nicht über unser
-schönes Militär freuen konntet, jetzt ein Viertelstündchen,
-und die <em class="gesperrt">andern</em> sehen zu. Und zweitens dürfen die andern
-dann kürturnen, und <em class="gesperrt">ihr</em> seht zu. Die Paradejungen aber
-dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren,
-wie es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel,
-ihr, mit eurem Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt
-nachher beim Zusehen in Reih und Glied stehen! Und
-stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! &ndash; Die Parade
-austreten!«</p>
-
-<p>»Die Parade austreten?« &ndash; Oh, die Jungen verstanden!
-Im Nu waren alle Barren, Matratzen und alles, was
-sonst einen Raum zum Liegen bot, »beflegelt«, während
-Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang und
-die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s
-los. Nach links und nach rechts hin ließ er das kleine
-Häuflein marschieren und schwenken, die Turnhalle auf und
-die Turnhalle ab; er ließ sie an Ort treten und im Laufschritt
-dahinstürzen, auf die schadenfrohen Paradezuschauer
-zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal
-vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die
-fünfzehn Mann schließlich rauchten und dampften. Und
-endlich, endlich kam dann das Kommando: »Halt!«</p>
-
-<p>»Ausrichten! &ndash; Haeseler, man nich so schlapp dhun!
-&ndash; Bonin, an deinen Schuhen is ooch bloß die Ventilation
-jut! &ndash; Schoener, dhu man nich so! Willst woll Eindruck
-schinden? &ndash; So! Nun habt ihr noch lange nicht so geschwitzt<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor
-Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung &ndash; kehrt! Vorwärts
-&ndash; marsch! … Ganze Abteilung &ndash; halt! Ganze Abteilung
-&ndash; kehrt! So! Hier bleibt ihr stehen und seht zu!« &ndash;
-Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung Kürturnen!«</p>
-
-<p>Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein
-Vergnügen gewesen, jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen
-eine ganze halbe Stunde lang! Wie es sonst nur in der
-allerletzten Stunde vor der großen Versetzung gewesen war!
-Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der
-gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so
-»duselig« zusehen! Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen!</p>
-
-<p>Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen.</p>
-
-<p>»In Rotten antreten! Haltung!«</p>
-
-<p>Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten.</p>
-
-<p>»So!« &ndash; Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches,
-sein gemütliches Gesicht. &ndash; »Jetzt sind die Sünder
-wieder so gute Menschen wie wir andern. Jetzt dürft ihr
-mir alle wieder zum Abschied vor den Pfingstferien die
-Hand geben!«</p>
-
-<p>Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten
-die fünfzehn, die Paperlink soeben so frisch und allerliebst
-und gründlich dabei »gezwiebelt« hatte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p>
-
-<h3 id="do-3">Zu langstilig und zu kurzstielig.</h3>
-</div>
-
-<p>»Na, das läßt sich ja immer schöner an!«</p>
-
-<p>Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als
-man endlich wieder oben saß und auf Doktor Fuchs wartete.
-Was konnte denn überhaupt nun heute noch passieren?
-Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher Geschichte!
-Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um
-hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus
-treiben; aber man riß sich eben auch kein Bein aus.</p>
-
-<p>Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die
-Pfingstferien! Der dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken
-beinahe Juchhe! geschrien.</p>
-
-<p>Wo blieb aber nur Fuchs heute?</p>
-
-<p>Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe!
-Eine der Quarten marschierte draußen andächtig auf. Schnell
-trat auch jetzt der Ordinarius in die Klasse und ließ seine
-Jungen so auseinanderrücken, daß sich neben jeden ein
-Quartaner setzen konnte.</p>
-
-<p>Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an,
-und langstiliger noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar
-wollte Doktor Fuchs die Quartaner nicht ganz brach liegen
-lassen und seinen eigenen Tertianern das Quartanerpensum
-dabei in Erinnerung bringen.</p>
-
-<p>Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher
-Gelegenheit oft ein dickes Fell: man ließ also auch in diesem
-Falle die ganze Geschichte ruhig an sich vorüberplätschern<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-und schwamm nur mit, wenn man wirklich mal gezwungen
-wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß!</p>
-
-<p>Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl:
-<em class="antiqua">summa summarum</em> eine feine Stunde!</p>
-
-<p>»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand,
-sich zuweilen recht gewählt auszudrücken, »es war eine
-Stunde, die sich wunderbar in diese ganze, feine Woche
-hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden wir mit
-Gottes Hilfe noch überstehen!«</p>
-
-<p>Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf
-den Mund. »Fertig mit de Quasselstrippe?« fragte er
-schließlich.</p>
-
-<p>»Ja!«</p>
-
-<p>»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn:
-Adjee Sie!«</p>
-
-<p>Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren
-durchaus der Meinung von Fritze Köhn: so was konnte
-man eben gar nicht kurz genug sagen!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde!
-Griechenland war so weit weg und die Geschichte der alten
-Griechen noch viel weiter! Zudem war es auch wieder
-heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß man auf
-Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in
-der Stunde &ndash; die Schuluhr draußen über der Turnhalle
-hatte gerade halb geschlagen &ndash; mitten in der Stunde also
-meldete sich der Richter und sagte höflich: »Herr Doktor,
-können nicht die Fenster oben <em class="gesperrt">alle</em> aufgemacht werden?«</p>
-
-<p>Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja
-wohl bestimmte Fensterwarte in dieser Klasse!«</p>
-
-<p>Die vier Größten sprangen auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span></p>
-
-<p>»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während
-Schilter und Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem
-Fenster zu ergreifen und ihn langsam und vorsichtig zur
-Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich dann oben an
-der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt.</p>
-
-<p>»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius.</p>
-
-<p>»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und
-manchmal geht’s nicht! Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am
-besten machen wir das vorläufig <em class="gesperrt">nicht</em> auf!«</p>
-
-<p>»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich
-bei euch hierdrin in der Tat etwas sehr schwül, Jungs!
-Geht’s wirklich nicht doch mal mit dem Fenster, Mucius?«</p>
-
-<p>»Herr Oberlehrer!« &ndash; Der kleine Zittel ist immer
-einer der schnellsten auf dem Plan. &ndash; »Das Fenster ist
-unter Plombenverschluß gelegt!«</p>
-
-<p>»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und
-tritt zu dem besagten Fenster hinüber.</p>
-
-<p>Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und
-die zum obersten Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange
-gelegt; die beiden Enden dieser Schnur waren in einer
-kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein Zettel war weiter
-darangebunden. Auf dem stand:</p>
-
-<p class="center">
-»Vorsicht! Plombe!<br />
-Oeffnen bei Strafe verboten!
-</p>
-<div class="bright">
-<p class="center">
-Mucius, Fensterwart.<br />
-Im Auftrage der Klasse,<br />
-G. m. b. H.«
-</p>
-</div>
-
-<p>Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich,
-»dann müßte unten in meiner Quinta an jedem Fenster
-solche Warnung hängen! Es wird schon gehen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p>Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu
-drücken. Doch, die kleine Schnur, so dünn sie auch sein
-mochte, leistete einen gewissen Widerstand. Die Jungen
-sahen gespannten Blickes auf die ganze Manipulation hin.
-Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch
-sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und
-wenn der andere auch sogar vielleicht Professor war.
-Passierte was dran, dann war er selber doch Fuchsen dafür
-verantwortlich, und es war doch eben <em class="gesperrt">sein</em> Fenster! Aber
-<em class="gesperrt">er</em> würde&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Knipps! &ndash; Da war die dünne Schnur gerissen.
-Rupps! fuhr das Fenster oben auf. Krach! sprang der
-Flügel aus den Angeln.</p>
-
-<p>Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn
-schon sauste der schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu
-Boden, und klirr! klirr! klirr! zerschmetterte sich die Scheibe
-unten an den Dielen in tausend Stücke.</p>
-
-<p>Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber
-brach der Spektakel los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein
-Heulen! Dort vorn am Fenster bogen sich die nächsten
-mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen
-Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank
-dem Lehrer in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten
-sich ein paar direkt umarmt, und man hätte nur noch
-zweifelhaft sein können, ob sie lieber einen Schunkelwalzer
-oder einen Indianertanz aufführen wollten.</p>
-
-<p>Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick
-erschien auch schon der Direktor auf der Bildfläche.</p>
-
-<p>»Na nu? Was ist denn hier los?«</p>
-
-<p>Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-erklärte die ganze Sache. Und verlegen lächelnd fügte er
-hinzu: »Ich werde natürlich für den Schaden aufkommen,
-Herr Direktor!«</p>
-
-<p>»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,«
-erwiderte indessen der Direktor ablehnend. »Die Fabrik,
-die diese Verschlüsse eingerichtet hat, ist der Stadt zu einer
-tadellosen Leistung verpflichtet, und doch ist beinahe in
-jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie,
-dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig!
-Ich habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine
-wirkliche Angst gehabt, daß mit den Dingern was passieren
-könnte. Und als ich draußen gerade vorbeiging« &ndash; der
-Herr Direktor lachte wieder &ndash; »da dachte ich mir gleich,
-daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja
-ganz gefährlich an!«</p>
-
-<p>»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer.
-»Es ist nur gut, daß kein Unglück sonst dabei
-vorgekommen ist!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen
-schließlich ganz schnuppe. Aber der entsetzliche Krach, die
-Verlegenheit des Lehrers, die Angst und die Aufregung
-des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja einen
-Heidenspaß. Die Zeit <em class="antiqua">NB.</em> verging doch dabei auch; die
-Zeit, die kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt
-wurde. Na, kurz und gut, höchst willkommen die ganze
-Geschichte! Die alten Griechen waren dabei weit, weit
-weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die dummen
-Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt
-keine Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine
-Stunde wieder mal, fein, wie die ganze Woche! Beinahe<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span>
-war es sogar jammerschade, daß es jetzt schon läutete und
-man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte,
-daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen
-war &ndash; durch die Schuld des Lehrers.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er
-dabei machte?«</p>
-
-<p>»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf
-gekriegt hätte!«</p>
-
-<p>»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«</p>
-
-<p>»Ih wo!«</p>
-
-<p>»Na, wer weiß?«</p>
-
-<p>»Na freilich!«</p>
-
-<p>»Quatsch nich, Krause!«</p>
-
-<p>Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen.
-Und mit listig und lustig blinkenden Äuglein fährt er fort:
-»Ob die Zappen an den an’nern Fenstern nich auch en
-bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n bißken
-kurzstieliger, meen’ ick!«</p>
-
-<p>Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten
-sie doch nur Über den »verrückten« Einfall. »Ach nein!
-Aber eine feine Stunde war es doch wieder mal!«</p>
-
-<p>»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie
-die ganze Woche!«</p>
-
-<p>»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das
-Allerfeinste!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span></p>
-<h2 class="nobreak box" id="Freitag">Freitag:<br />
-Die Klassenpartie.</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p>
-
-<h3 id="fr-1">Der alte Caesar
-und eine moderne Landpartie.</h3>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-j.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop-j">Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der
-Mühsal des Klassen- und besonders des Tertianerlebens,
-das ist die Partie, die Klassenpartie! Und als ein
-wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat ja ist, wirft
-sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!</p>
-
-<p>So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia
-gewesen, und vielerlei ist darüber zu berichten, bevor
-noch dieser Freitag der feinsten Woche überhaupt herangekommen
-war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Langsam hatte sich eines Nachmittags &ndash; noch im
-Mai war das gewesen! &ndash; die Unter-Tertia in dem großen
-Klassenzimmer zusammengefunden. Müde und mißmutig.
-Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen gestohlen
-bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten
-Schulwegen! Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein!
-Und bei Bumsvallera!</p>
-
-<p>Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne
-Mütze etwas verwegen ins Genick gerückt und zieht unter
-der Weste das <em class="antiqua">Bellum Gallicum</em> hervor. Er wirft das
-braun gebundene Büchlein vor sich auf den Tisch, daß
-es kracht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p>
-
-<p>»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von
-unserm Schlächter heißt auch Caesar! Der ist mir lieber!«</p>
-
-<p>Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige
-Köckeritz laut auf. Er ist kein schlechter Schüler, aber
-doch ein leichter Bruder, dem der Reichtum des Vaters
-nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich nicht halb
-so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche
-Papa hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber
-mit dem kleinen Windbeutel auch nicht viel anfangen können.</p>
-
-<p>»U&ndash;ah!« &ndash; Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl
-seine Arme so weit in die Welt hinausstrecken kann. &ndash;
-»U&ndash;ah! Dicker, nicht wahr, du hast auch keine Lust!«</p>
-
-<p>»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein
-übersetzen?«</p>
-
-<p>»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«</p>
-
-<p>»Du, dann übersetze mal schnell!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den
-nächsten Haken und schwankt da ein ganzes Weilchen hin
-und her, ganz nachdenklich, ob sie sich bei solcher niederträchtigen
-Behandlung nicht lieber platt auf den Boden
-legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß
-zu ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so
-nett bedeckt und beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust
-noch Zeit, sie aufzuheben.</p>
-
-<p>Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen
-Köckeritz. Sie versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax
-zu stürmen. Und auch andere scheint das noch außerordentlich
-zu interessieren; denn bald hat sich um Köckeritz
-ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da so
-dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-sie einen Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während
-aber doch sonst alles in den Trichter hinunter und zu Tal
-läuft, so strömt hier scheinbar alles von unten nach oben.
-Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz. Und je
-weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen,
-desto andächtiger werden sie auch aufgenommen;
-denn da oben am Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß
-die meisten Ohren.</p>
-
-<p>Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch
-höher, weil noch jemand anders wissen möchte, was nun
-eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles drängt sich heutzutage
-zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die Jungen
-da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch
-unten im Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar,
-wider alle Naturgesetze, ein kräftiges Wort gegen die unverschämte
-Drängelei von oben zutage fördert, so hat doch
-jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben: sie
-stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!</p>
-
-<p>Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse
-herein: »Jungs! Partie, Partie! Vor den großen Ferien
-noch! Eine Klassenpar&ndash;!«</p>
-
-<p>Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können!
-Bei seinen Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme
-gewesen; aber so schnell war er wirklich nie aus solcher
-Klemme herausgekommen wie in diesem Augenblicke, als alle
-diese Tertianer, die ihm eben noch ganz nahe auf den Leib
-gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten. Plötzlich
-saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes
-Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut
-weg. Er hatte natürlich unten in dem Loch nichts von der<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span>
-sieghaften Ankündigung Hagens gehört; er glaubte vielmehr
-scheinbar, daß der Professor Bumsvallera ganz überraschend
-den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe gekommen wäre.
-Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich
-und war so erstaunt darüber und machte selber ein so
-dummes Gesicht dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und
-mitten in seinem letzten Wort, in der »Klassenpartie« nämlich,
-stecken blieb.</p>
-
-<p>Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein;
-denn um ihn fluteten jetzt die Kameraden alle herum und
-bestürmten ihn, wie just eben noch die Belgier die Stadt
-Bibrax.</p>
-
-<p>»Wieso?« &ndash; »Wer hat das gesagt?« &ndash; So ruft alles
-durcheinander. &ndash; »Woher weißt du das?« &ndash; »Erzähle
-mal!« &ndash; »Mit Fuchs allein? Oder eine Schulpartie?«</p>
-
-<p>Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er
-hat seine Bücher schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig
-seine Hände, wie um die aufgeregten Wellen zu beschwichtigen.
-Und dann sagt er ebenso gemessen wie gewichtig: »Erst &ndash;
-mal &ndash; Ruhe &ndash; im &ndash; Saal! Großmutter will tanzen!«</p>
-
-<p>»Unsinn! Sage mal schnell!« &ndash; Wie konnte der dicke
-Puntz bloß so rapide den Professor Bumsvallera und den
-alten Caesar vergessen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Also, Jungs!« &ndash; Hagen bleibt in dem Schneckenton.
-&ndash; »Der &ndash; Direx &ndash; hat &ndash; in &ndash; der &ndash; Sekunda
-&ndash; gesagt: in der nächsten Woche sollen alle Klassen einen
-Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut
-deutsch Partie!«</p>
-
-<p>Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher
-seiner Weste gehängt und sieht triumphierend im Kreise<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-herum. Er schmunzelt dabei noch ganz urgemütlich und
-macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein leibhaftiger
-Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt: »Na,
-du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«</p>
-
-<p>»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist
-übrigens noch dicker als du!«</p>
-
-<p>»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«</p>
-
-<p>»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«</p>
-
-<p>»Ich werde dir gleich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bumsvallera! Bums!«</p>
-
-<p>Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor
-dem großen Caesar.</p>
-
-<p>Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit
-besser abgepaßt als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera,
-ja, der war entschieden zu früh gekommen. Der
-hätte wirklich noch warten sollen, bis man dem Hagen ein
-klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf gewaschen
-hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der
-Zunge sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung
-darauf Platz gehabt? Nein, nein! Das ging
-heute eben schauderhaft trotz der Trichterarbeit des kleinen
-Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung, in seinem Eifer,
-aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste Übersetzung
-herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera
-drauf los, daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon
-frühere Generationen dem Professor Ketzel eben den Spitznamen
-Bumsvallera gegeben hatten. Aber je schlimmer es
-jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken der
-Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der
-Stunde kein einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-gemacht werden müßte. Kaum hatte man also um 4 Uhr
-die Klassentür hinter sich, so wurde auch sofort auf dem Flur
-schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt, wie man
-Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten
-Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich!
-Nicht in der Herde mit der ganzen Schule.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-2">Vorfreuden.</h3>
-</div>
-
-<p>Was tun? Als man nach der Pause wieder in die
-Klasse hinauf muß, entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus
-muß es Fuchsen sagen!«</p>
-
-<p>Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried?
-Der Mummelgreis!«</p>
-
-<p>Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde
-Fuchsen einfach mal fragen.«</p>
-
-<p>Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel
-damit ab. »Wir schreiben es an die Tafel!«</p>
-
-<p>Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug
-und erbietet sich: »Ich werde die Verse dazu machen!«</p>
-
-<p>»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«</p>
-
-<p>»Jetzt nicht! Morgen!«</p>
-
-<p>»Unsinn!« &ndash; Der Fritze Köhn greift immer feste zu. &ndash;
-»Jetzt haben wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer
-sonst ’n Schnörgel nach links drehn!«</p>
-
-<p>Da steht auch schon alles um Schmuck herum und
-schiebt ihn auf das Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span></p>
-
-<p>Von hinten wird <em class="antiqua">a tempo</em> vorgeschlagen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,</div>
- <div class="verse indent0">und die Klasse war so fleißig!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen
-und schreibt auch schon diese beiden Musterverse an. Und
-um seinen Dichterruhm nicht unrettbar zu verlieren, hat
-jetzt auch Schmuck nach der Kreide gegriffen:</p>
-
-<p>»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,</div>
- <div class="verse indent0">und die Klasse war so fleißig.«&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>»So!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Will auch noch sehr fleißig sein!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber
-nischt versprechen!«</p>
-
-<p>Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Denkt indes, es wäre fein,</div>
- <div class="verse indent0">nicht zu schwitzen in dieser Pein.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder
-sein gewichtiges Urteil ab.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sondern zu wandern weit hinaus</div>
- <div class="verse indent0">und möglichst spät zu kommen nach Haus.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht
-nun einmal da, und &ndash; plötzlich tritt auch der Ordinarius in
-die Klasse.</p>
-
-<p>Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber
-Doktor Fuchs die erhobene Hand schnell und mit einem
-kleinen Knall des Daumens und des Mittelfingers senkt,
-da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und zuckt.</p>
-
-<p>Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs
-dreht sich herum, um auf das Katheder zu steigen, und &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-er sieht die voll beschriebene Tafel, die doch sonst in ihrer
-unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er liest jetzt
-die Verse halblaut und recht bedächtig.</p>
-
-<p>Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich
-schaudernd um und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber
-den größten Stoß Hefte!«</p>
-
-<p>O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende
-aller Partiegelüste aus; aber die Klasse freut sich doch
-stürmisch über das »Brr!« und über den »größten Stoß
-Hefte«.</p>
-
-<p>Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte.
-»Na, also Jungs, über die Sache läßt sich reden, aber erst
-müßt ihr mal bessere Verse machen!«</p>
-
-<p>Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind
-furchtbar schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch
-gleich gewichtige Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert
-am Ende der Stunde dafür: »Schmuck muß zu morjen
-anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n Kopp, det
-er Plattbeene kricht!«</p>
-
-<p>Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern
-durchaus zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er
-wird verhauen!« So denkt und sagt jetzt jeder, und das
-glaubt schließlich auch Schmuck. Und weil er nicht verhauen
-werden will, so will er auch anständige Verse machen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und
-alles stürmt am nächsten Morgen auf den Klassenbarden
-ein. Jeder will die Verse sehen. Aber Schmuck bleibt fest:
-»Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie dann alle
-lesen!«</p>
-
-<p>In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span>
-der Pegasusreiter oben, mit Erlaubnis des inspizierenden
-Herrn draußen auf dem Flur. Und nachher prangen denn
-auch die erhofften Verse in Schmucks schönster Schrift an
-der Tafel.</p>
-
-<p>»Fein, Schmuck!« &ndash; »Ach, <em class="gesperrt">der</em> Vers taugt nichts!« &ndash;
-»Da muß noch hinein, wohin wir wollen!«</p>
-
-<p>Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt
-sich Puntz und findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte
-es nicht so gekonnt! Und ein anderer auch nicht!«</p>
-
-<p>Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die
-Verse ebenso bedächtig wie gestern.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne,</div>
- <div class="verse indent0">Jugend tummelt sich draußen mit Wonne;</div>
- <div class="verse indent0">sämtliche Schulen fliegen schon aus,</div>
- <div class="verse indent0">nur unsere Klasse darf nicht hinaus!</div>
- <div class="verse indent0">Lehrer gehen doch auch gern ins Freie,</div>
- <div class="verse indent0">besonders im wunderschönen Maie!</div>
- <div class="verse indent0">Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai,</div>
- <div class="verse indent0">der Juni ist auch noch nicht vorbei!</div>
- <div class="verse indent0">Die Pfingsten sind ja nun heran,</div>
- <div class="verse indent0">die schönste Jahreszeit bricht an.</div>
- <div class="verse indent0">Gewähren Sie uns doch die eine Bitte,</div>
- <div class="verse indent0">beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="center">
-Die Unter-Tertia <em class="antiqua">O</em>.«
-</p>
-
-<p>Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch
-einen Augenblick, als müßte er sich erst von seinem Staunen
-über solche Leistung erholen. Dann sagt er aber: »Schön!
-Wer ist der Poeta?«</p>
-
-<p>»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p>
-
-<p>»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun
-noch kein Trauerspiel schreiben!«</p>
-
-<p>Schmuck freut sich mehr, als je ein <em class="antiqua">poeta laureatus</em> sich gefreut
-hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun
-Doktor Fuchs fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder
-einen Zettel mit. Darauf steht neben eurem Namen der Ort
-wohin der Träger dieses Namens die Partie machen will.«</p>
-
-<p>Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich
-die Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und
-schon schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« &ndash;
-»Potsdam!« &ndash; »Königswusterhausen!« &ndash; »Zwei Tage,
-Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage, Herr Doktor!«</p>
-
-<p>Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! <em class="antiqua">Notabene</em>:
-hoffentlich beteiligen sich alle an der Partie!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-3">Ein armer Junge.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden.
-»Ich weiß es noch nicht!«</p>
-
-<p>Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick
-aber lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar,
-dem Hänsel, empört zu: »Der ist immer der Spielverderber!«</p>
-
-<p>Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich
-gesagt, daß es die ganze Klasse gehört haben muß. Auch
-Dr. Fuchs hat es sicherlich gehört; indes, er will es offenbar
-nicht gehört haben; denn er sagt nur in scheinbar zürnendem,
-dabei aber auch lustig schmollendem Tone zu Ehrenfried hin:<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
-»Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih, das
-wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus
-nachher mal extra bearbeiten!«</p>
-
-<p>Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und
-ganz verwirrt setzt er sich nieder. Zugleich aber hat
-auch ein Blick des Ordinarius den kleinen, impulsiven
-Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn er sagt
-nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt
-jetzt den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich
-Doktor Fuchs an sein Pensum, und vierzig Minuten lang
-hat kein Junge Zeit, an die Partie zu denken.</p>
-
-<p>Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als
-ob er den Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es
-offenbar vergessen; er geht auch schnurstracks auf den Hof,
-wo er allerdings in dieser Pause die Aufsicht zu führen hat.</p>
-
-<p>Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den
-Weg, und Doktor Fuchs winkt ihn zu sich hinan.</p>
-
-<p>»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit
-Ehrenfried vor?«</p>
-
-<p>»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer
-ein bißchen!«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht
-ausstehen!«</p>
-
-<p>»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch
-viel älter und viel größer als du!«</p>
-
-<p>»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst
-ja die besten Freunde!«</p>
-
-<p>Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen
-Köckeritz her, so daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span>
-mit den Augen nach links und nach rechts zu blinzeln, um
-seine Bekannten zu suchen. Endlich aber sagt Doktor Fuchs:
-»Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz vernünftiger
-Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig;
-aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in
-denen er lebt. Du weißt doch, daß er keinen Vater und
-keine Mutter mehr hat?«</p>
-
-<p>»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von
-uns gesagt!«</p>
-
-<p>»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf
-unserer Schule!«</p>
-
-<p>»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch
-keinem was über sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er
-draußen in Moabit wohnt, bei seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher
-Fabrikarbeiter!«</p>
-
-<p>»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter,
-mein Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er
-ist sicher ein sehr ehrlicher und fleißiger Mann, und das sagt
-viel! Und nun &ndash; jetzt halt mal die Ohren steif! &ndash; gefällt
-es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried herumhakst.
-Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine
-Waise zu sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht
-verstehst du das noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt
-es mir glauben, daß das auf den armen Ernst Ehrenfried
-drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du mir unsern
-Primus etwas in Ruhe!«</p>
-
-<p>»Herr Doktor!« &ndash; Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das
-Weinen näher als das Lachen. &ndash; »Wir sind ja sonst die besten
-Freunde. So hatte ich es ja auch gar nicht gemeint!«</p>
-
-<p>»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span></p>
-
-<p>Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon
-auf die beiden Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung
-schnell Frieden schließen und versuchen, sich in
-dem Kreis der Jungen, der sich im Handumdrehen um sie
-herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs hat
-schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu
-sich hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne
-noch ein Wort zu sagen, die beiden Dickschädel aneinander.
-Das tut, auch ohne Worte, den beiden sehr gut und freut
-alle andern riesig. Und da sich kein Junge gern auslachen
-läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher andere
-dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig
-Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei
-seiner Inspektion mit einem Jungen sprechen, wie er es
-eben mit dem kleinen Köckeritz getan hat.</p>
-
-<p>Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt:
-»Was wollte denn Fuchs von dir?«</p>
-
-<p>Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das
-Maul jetzt! Das sieht doch Fuchs! Nachher!«</p>
-
-<p>Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach,
-er hat gehört, daß ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried
-ist immer der Spielverderber!‹ Da hat er mir eine Standpauke
-gehalten, daß sich das nicht gehörte!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse
-wenigstens, doch nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran,
-dem Ehrenfried aus eigener Tasche das Geld zur Partie
-zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der Ernst Ehrenfried
-trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst
-recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem
-Nachmittag noch laufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span></p>
-
-<p>»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und
-über Nacht kommt Rat!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor
-Fuchs nur bis 11 Uhr Unterricht, während doch seine Klasse
-erst um 1 Uhr herauskam. So suchte er denn um
-11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor und
-las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren
-am 1. Mai 1890 in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter
-I. Semester. Schulalter 1 Jahr. Wohnung des Vaters:
-Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: war
-Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! <em class="antiqua">NW</em>, Havelberger
-Straße 250. Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter.
-Vormund: Silber, Schutzmann, Schöneberg, Torgauer
-Straße 105.«</p>
-
-<p>Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen?
-Nach Schöneberg und nach der Torgauer Straße? »Die weiß
-ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte dabei doch auch gleich
-die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. Also aus nach
-Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich?
-Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein
-Vierteltausend!«</p>
-
-<p>Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg
-und wickelt sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und
-nach einem guten halben Stündchen steht er draußen vor
-der Mietskaserne Havelberger Straße 250. Der stille Portier,
-wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des Hauses
-nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel,
-3 Treppen links.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen
-von etwa fünf Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span>
-linken Hand in den Mund gesteckt und sieht den vornehmen
-Besucher staunend an.</p>
-
-<p>»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«</p>
-
-<p>Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche
-zurück und ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«</p>
-
-<p>In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus
-der Küche heraus. Sie war gerade beim Kartoffelschälen
-und hat die Schalen noch in der Schürze; die Schürze
-aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel über den
-linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor,
-die jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte
-Hand schnell an der Schürze abwischt. An dieser Schürze
-hängt noch ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren,
-während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge eben aus
-der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.</p>
-
-<p>»Guten Tag, mein Herr!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der
-Ordinarius des Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«</p>
-
-<p>Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt:
-»Ja, ja!« so daß Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich
-Sie vielleicht einmal auf einen Augenblick sprechen.«</p>
-
-<p>»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«</p>
-
-<p>Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die
-Tür eines Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen
-Sie einen Augenblick eintreten, Herr Lehrer?«</p>
-
-<p>So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen
-umzusehen. Es ist offenbar das Arbeits-, Wohn- und
-Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried; denn da, auf dem
-kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und auf
-dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-der ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial.
-Alles ist sauber zusammengelegt, und auch das ganze
-Zimmerchen macht einen höchst reinlichen, wenn auch sehr
-einfachen und ärmlichen Eindruck.</p>
-
-<p>Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie
-hat sich statt der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere
-Schürze vorgebunden; den pausbäckigen Kleinen hat sie auf
-dem Arm, während die beiden Mädchen sich wie kleine
-Wächterinnen neben ihr halten.</p>
-
-<p>»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die
-Kinder mit hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen
-Augenblick allein lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen
-wollen, so kann ich ihn wecken. Er hat nämlich Nachtarbeit
-gehabt, und dann muß er immer am Vormittag etwas
-schlafen.«</p>
-
-<p>Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft
-sprechen, und warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren
-Bewegungen, doch recht ruhig mit dem Munde sind. So
-spricht er also auch nur halblaut, als er sagt: »Nein, nein,
-lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide können
-das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau
-Ehrenfried, meine Klasse macht in der nächsten Woche einen
-Ausflug, und da will sich der Ernst ausschließen. Ich glaube
-aber den Grund dazu erraten zu haben, und nun möchte
-ich Sie bitten, ihm doch diese« &ndash; Doktor Fuchs hat das
-Geld schon in der Hand &ndash; »ihm doch diese Mark und
-fünfzig Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen
-Sie nicht verraten, daß ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht
-sagen Sie ihm, es wäre das vom Vormund für unvorhergesehene
-Fälle.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span></p>
-
-<p>Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,«
-antwortet sie, »ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit
-dem Vormund, das glaubt der Ernst doch nicht! Der
-kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen hergeben.
-Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da
-ist noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was
-noch da war, als mein Schwager starb, ist alles verkauft,
-und nun reicht das Geld gerade noch, daß der Ernst ein
-paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja das
-Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst
-manches!«</p>
-
-<p>»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß
-nicht, ob ich Sie bitten darf, ihm zu sagen, Sie selber
-wollen es ihm geben.«</p>
-
-<p>Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde
-er gar nicht nehmen. Er weiß ganz genau, Herr Lehrer,
-daß ich so viel Geld nicht abstoßen kann, und da ist der
-Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine Waise, und
-wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber
-der Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig,
-und wenn er es auch nicht sagt, aber es tut ihm doch
-immer sehr leid, daß er uns zur Last fällt!«</p>
-
-<p>»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in
-Ihre Familie aufgenommen?«</p>
-
-<p>Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte
-ja das so ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst
-bekämen. Aber der Junge lernt doch nun mal so gut,
-und als sein Vater starb, da war es sein letzter Wunsch,
-daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen
-Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-werden wir ja durchkommen, auch wenn einer mehr mit
-am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch bis jetzt gegangen!«</p>
-
-<p>»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter
-Junge. Der wird es Ihnen einmal danken!«</p>
-
-<p>»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns
-an den Augen absehen kann. Und die Kinder hängen an
-ihm wie an einem älteren Bruder. Mir hilft er auch, wo
-er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn schicken
-wohin ich will. Nur,« &ndash; die Frau lächelt dabei, als hätte
-das schon recht spaßige Szenen gegeben &ndash; »er kann nicht
-›danke!‹ sagen; das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«</p>
-
-<p>»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was
-sagen können. Aber ist denn der Ernst immer so still und
-ernst gewesen?«</p>
-
-<p>»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes
-Kind. Aber seit auch sein Vater gestorben ist, da kann er
-nicht mehr lachen. Er spielt ja mit den Kindern hier sehr
-nett; aber er kann nicht mehr lachen!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut,
-daß der Ernst scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.</p>
-
-<p>»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte
-ich gern, daß er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut,
-daß er auch einmal auf andere Gedanken kommt. Darf ich
-Ihnen denn nicht das Geld hierlassen? Dann braucht er
-doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs muß dabei lächeln.</p>
-
-<p>»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein
-Herr, dem ich erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen
-will, weil er nicht die Mittel dazu hat, der hat mir
-das Geld für ihn gegeben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span></p>
-
-<p>»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« &ndash; Dabei steht
-Doktor Fuchs auf. &ndash; »Ich habe Sie nun wohl auch schon
-etwas lange von Ihrer Arbeit abgehalten!«</p>
-
-<p>»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für
-das Geld, da es der Ernst ja nicht selber tun kann.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der
-aber geht sinnend nach dem Restaurant, wo er &ndash; als
-Junggeselle &ndash; täglich ißt. Er kann alle die Gedanken und
-Bilder nicht loswerden, die soeben in sein Empfinden eingetreten
-sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und Liebe,
-welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen
-in der Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne
-viele Worte üben! »Mein Mann sagt, mit Gottes Hilfe
-werden wir ja noch durchkommen, auch wenn einer mehr
-mit am Tisch sitzt!« &ndash; Aber noch viel mehr beschäftigt seine
-Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl
-durch sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last
-zu sein, und der nicht mehr lachen kann, nachdem auch
-sein Vater gestorben ist.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-4">2 <em class="antiqua">m</em> Schottisch.</h3>
-</div>
-
-<p>Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da
-ruft sie ihm auch schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich
-habe heute früh einem Herrn erzählt, daß du die Schulpartie
-nicht mitmachen willst. Da hat er mir eine Mark und fünfzig
-Pfennig für dich gegeben. &ndash; Na, freust du dich nicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span></p>
-
-<p>Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn
-er holt jeden Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem
-Kuhstall nebenan herauf, und mit ernstem Gesicht sagt er:
-»Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist denn der Herr?«</p>
-
-<p>»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr
-meinte auch, du brauchtest seinen Namen nicht zu wissen;
-er würde sich aber freuen, wenn du nun mitmachtest!«</p>
-
-<p>Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf
-genommen und geht still und ruhig zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig:
-»Tante, ich werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«</p>
-
-<p>»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen!
-Das machst du recht!«</p>
-
-<p>Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die
-beiden Geldstücke. Er wickelt sie sauber und sicher in ein
-Stückchen Zeitungspapier und schlägt dann das Paketchen
-zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch ein.</p>
-
-<p>Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit
-des sonst so spröden Ernst; sie hütet sich indessen,
-etwas zu sagen.</p>
-
-<p>Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er
-seine Schularbeiten gemacht hat, die drei Kinder und geht
-mit ihnen hinunter. Dieses Mal freilich nicht nach dem
-Spielplatz hinüber, sondern nach der Wilsnacker Straße.
-Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines
-Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig
-werden wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten.
-Die Verkäuferin macht ein erstauntes Gesicht.</p>
-
-<p>»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das
-Marthchen? Das ist die Kleine hier!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p>
-
-<p>»Was soll es denn für Stoff sein?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, aber meine Tante &ndash; solches hier!
-Bunt kariert!«</p>
-
-<p>»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«</p>
-
-<p>Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine &ndash;
-meine&nbsp;&ndash;« stottert er, »meine Tante sagt, das kostet eine
-Mark fünfzig bis zwei Mark!«</p>
-
-<p>»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist
-Schottisch! Solches hier!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid.
-Die Verkäuferin sieht jetzt die Kinder kaum noch. Sie
-wirft das Paketchen Zeug auf den Ladentisch. »Hier kostet
-das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter abschneiden?«</p>
-
-<p>»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 <em class="antiqua">m</em>
-Schottisch!« &ndash; Er hat außer der Mark fünfzig Pfennig
-noch vierzig Pfennig, die er einst dadurch gespart hat, daß
-er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er dem Vormund
-nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig
-dreißig Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen
-in die Arme, und freudig gehen sie nach Hause.</p>
-
-<p>»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«</p>
-
-<p>Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme
-Frau. »Aber, Ernst,« ruft sie, »das Geld durftest du nicht
-so ausgeben! Das war für die Partie!«</p>
-
-<p>»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen.
-Du hast doch neulich auch zu Onkel gesagt,
-daß Marthchen so notwendig ein Kleidchen braucht. Und
-könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann würdest
-du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen.
-Ich freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span></p>
-
-<p>»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint;
-aber das geht doch nicht! Nein, das geht wirklich
-nicht!«</p>
-
-<p>»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die
-andern Jungen sind da immer so wild. Das Geld haben
-wir nun besser angewendet.«</p>
-
-<p>Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt &ndash;
-denn sie muß in der Küche noch waschen &ndash; sie wälzt doch
-immer den Gedanken im Kopfe herum: »Aber nun wird
-sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst nicht mitmacht!
-Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar
-nicht gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie
-mache ich denn das nur? Wie mache ich denn das nur?
-Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? Die nehmen es
-sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück
-abgeschnitten ist!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu
-sagen, wenn er am Abend nach Hause kommt. Der würde
-ja schon einen Ausweg finden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte,
-den fand jetzt eben das kleine, fünfjährige Töchterchen,
-das Lenchen. Und das sogar ganz ungezwungen und
-ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.</p>
-
-<p>Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen
-Brüderchen herum. Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen
-über die Schultern und sagt ganz traumverloren: »Nun
-sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der Herr
-Lehrer!«</p>
-
-<p>Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der
-am Tische sitzt und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
-legt das Buch hin und fragt das Lenchen: »Was für ein
-Herr Lehrer denn?«</p>
-
-<p>Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet;
-es hat sie im Spiel einfach überhört. »So! Und dann
-schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! So! Und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du, Lenchen,« &ndash; Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu
-dem kleinen Plappermäulchen hingetreten &ndash; »was für ein
-Lehrer denn? Lenchen! Hörst du denn nicht? Was für
-ein Lehrer denn?«</p>
-
-<p>Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti
-das Geld gegeben hat. Du sollst doch mitmachen!«</p>
-
-<p>»Das war ein Lehrer?«</p>
-
-<p>»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt
-weiter mit dem Tüchelchen am kleinen Bruder herum.</p>
-
-<p>»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«</p>
-
-<p>Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie
-weiß doch nicht, was sie darauf antworten soll: »Ganz
-anders als Vati! Und der hat Mutti das Geld für dich
-gegeben!«</p>
-
-<p>Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die
-paar Schritte in die Küche hinaus: »Tante, Tante,
-Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir das Geld für mich
-gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«</p>
-
-<p>Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst,
-da du nun ja selber darauf kommst, ja, der war hier und
-hat mir das Geld für dich gegeben! Was machen wir
-denn nun?«</p>
-
-<p>Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den
-Küchenstuhl setzen müssen, und auch das Lenchen kommt
-jetzt in die Küche herein und sieht ihm ängstlich ins Gesicht.<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-»Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat dir das Geld gegeben!«</p>
-
-<p>»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von
-meinem Wirtschaftsgeld geben, Ernst. Aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen,
-warum ich die Partie nicht mitmachen kann. Laß nur!
-Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht der Junge auch
-schon wieder aus der Küche hinaus.</p>
-
-<p>Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In
-seinem Innern zuckt und reißt es an ihm herum. Wie
-soll er das bloß anstellen? Und was wird Doktor Fuchs denken?
-Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte
-bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam
-sich wie ein ganz gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er
-das auch noch alles selber gestehen! Ihm wurde es schon
-sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas zu sagen!
-Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz
-elend wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl
-sein. Die arme Tante ängstigte sich nun auch. Auf keinen
-Fall aber konnte sie etwas von den paar Pfennigen abgeben,
-mit denen sie für Essen und Trinken der Familie
-sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte
-es Doktor Fuchs sagen! Gleich am andern Morgen auf dem
-Flur! Ganz allein!</p>
-
-<p>Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand.
-In der Nacht wurde er durch schreckliche Träume gequält,
-und er schlief recht schlecht.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p>
-
-<h3 id="fr-5">Edler Wettstreit.</h3>
-</div>
-
-<p>Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient
-den Mittelflur des weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt,
-sprang der kleine Köckeritz die Treppe herauf. Der
-sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem seine Beine
-nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß
-Doktor Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm
-gesagt hatte: »Na, Achim, wenn mal die Sperlinge
-Stiftungsfest haben, mußt <em class="gesperrt">du</em> die Fahne tragen!«</p>
-
-<p>Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und
-direkt vor seinen Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir
-machen doch die Partie und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gut, gut! <em class="antiqua">Ad</em> Partie nachher in der Klasse!«</p>
-
-<p>Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben,
-so zieht der ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm
-so den Weg zu seiner Klasse, die noch ein paar Schritte
-weiter den Flur hinunter liegt.</p>
-
-<p>Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick
-schon wieder vor Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr
-Doktor, wir machen doch die Partie, aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na freilich! Und nun drückt er sich!«</p>
-
-<p>»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie,
-aber es ist doch was ganz andres!«</p>
-
-<p>Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört
-zur Partie und gehört doch auch nicht zur Partie!«</p>
-
-<p>»Ja! Nein, nein! Ja!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p>
-
-<p>»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu
-Hause erzählt. Der kann doch die Partie nicht mitmachen,
-weil er &ndash; weil er&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«</p>
-
-<p>»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor,
-dem Ernst Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit
-er mitmachen kann!« Dabei will der Achim dem Doktor
-Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm in ein
-weißes Blättlein eingewickelt hat.</p>
-
-<p>»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein
-Prachtkerl! Und deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm
-als Ordinarius des armen Ernst Ehrenfried für dieses Anerbieten
-herzlich danke. Aber es wäre schon alles erledigt.
-Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also,
-Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem
-Herrn Vater, und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich
-mich über sein Anerbieten gefreut hätte.«</p>
-
-<p>»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog
-auch nicht gerade sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig
-und fidel. Er dachte sich sicherlich auch nicht allzuviel bei
-der Sache.</p>
-
-<p>An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den
-würdigen Sekundus der Klasse, über den Haufen. Der
-trug als Sekundus neben dem Primus auch die Last
-einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart;
-denn wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher
-Kasse wissen durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl,
-daß immer einige Pfennige da waren. Wovon sollte sich
-denn auch sonst die Klasse zu Neujahr einen neuen Wandkalender<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-kaufen oder eine zerbrochene Scheibe bezahlen, die
-natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf einmal
-zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer
-Tertia vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart
-also, der stand jetzt an der Tür und hatte schon ein kleines
-Weilchen darauf gewartet, daß der kleine Köckeritz da vor
-Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß er nun hinter
-Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse
-wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor
-der Treppe Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch
-inspizieren. Da nickte er recht herzlich einem Jungen zu,
-der offenbar die Treppe heraufkam und jetzt gerade mit
-dem Kopf hochtauchte.</p>
-
-<p>Das war &ndash; der Ernst Ehrenfried.</p>
-
-<p>»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal
-um sich selber.</p>
-
-<p>Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs
-auch etwas zu sagen; denn er hatte die Mütze wieder
-abgenommen und trug sie in der Hand, und einen puterroten
-Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er mit
-einem seiner Lehrer sprechen wollte.</p>
-
-<p>Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried,
-und schon stand er jetzt neben seinem Ordinarius
-und meldete sich krampfhaft: »Herr Doktor! Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Na, wo brennt’s denn, Junge?«</p>
-
-<p>Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so
-sonderbar hin und her. »Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Na ja doch, schieß nur los!«</p>
-
-<p>Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit
-genug weg!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p>
-
-<p>»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die
-Partie nicht mitmachen. Können wir da nicht aus der
-Klassenkasse etwas Geld nehmen, daß er auch mitkann?«</p>
-
-<p>»Na, wieviel hast du denn drin?«</p>
-
-<p>»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf
-Hefte. Die werden doch mit 15 Pfennigen das Stück verkauft.
-Das sind noch 75 Pfennige!«</p>
-
-<p>»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld
-verfügen!«</p>
-
-<p>»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle
-dafür, daß Ehrenfried auch mitkommt.«</p>
-
-<p>Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta
-immer der Beste und der Primus der Klasse gewesen; seit
-aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat er von diesem Ehrenposten
-zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz war
-Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich
-unter den klügern und fleißigern, freilich auch ältern
-Mitschüler gestellt, und jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried
-auch bei der Partie haben.</p>
-
-<p>Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er
-schätzt es hoch, sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos
-ist und jetzt so selbstlos handelt. So sagt er denn mit inniger
-Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, das ist wirklich nett
-von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich freue mich,
-daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her,
-mein Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«</p>
-
-<p>Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.</p>
-
-<p>»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses
-Mal der Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon
-erledigt: der Ernst Ehrenfried kommt auch so mit!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span></p>
-
-<p>Da legt sich das helle Staunen in die Augen des
-kleinen Kassenwarts; er dreht sich dann, ohne noch ein Wort
-zu sagen, um und geht der Klasse zu.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke
-des Türpfostens geguckt. Als er den Tauscher der Klasse
-näher kommen sieht, faßt er sich ein Herz und geht Doktor
-Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt auch langsam herunterschreitet.</p>
-
-<p>»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da
-kommt ja auch mein Primus an! Na, was gibt’s Neues,
-Ernst?«</p>
-
-<p>»Herr Doktor!« &ndash; Der Ernst kann nicht weiter. Die
-Tränen treten ihm in die Augen; es zuckt so eigentümlich
-über sein Gesicht hin, als ob er weinen wollte.</p>
-
-<p>Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand:
-»Also, du willst die Partie mitmachen! Das freut mich,
-Ernst! Man muß sich mit seinen Kameraden auch einmal
-freuen können!«</p>
-
-<p>Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die
-hellen Tränen über die Backen. »Nein, Herr Doktor,«
-sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann doch nicht mitkommen.
-Ich wußte nicht, daß &ndash; daß &ndash; dieses Geld &ndash;
-das Geld&nbsp;&ndash;« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend,
-daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das
-Sprechzimmer zieht, das in der Flucht der Klassen in der
-Mitte des Flures liegt.</p>
-
-<p>»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die
-ganze Sache ist doch nicht zum Weinen!«</p>
-
-<p>»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich
-wußte nicht, daß &ndash; daß &ndash; Sie es gebracht hatten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p>
-
-<p>»Du hast das Geld schon verbraucht?« &ndash; Es klingt
-beinahe aus dem Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs
-etwas enttäuscht wäre.</p>
-
-<p>Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er
-glaubt, jetzt muß er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären,
-damit dieser nicht noch schlechter von ihm denkt. So
-trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich einmal alles
-schnell erzählen, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar
-Pfennige zu einem guten Zweck ausgegeben hast!«</p>
-
-<p>»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das
-kleine Marthchen brauchte schon lange ein Kleid. Da habe
-ich für das Geld den Stoff zu diesem Kleide gekauft. Meine
-Tante wollte mir ja das Geld für Sie wiedergeben; aber
-das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem Vormund
-gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte
-hervorgestoßen, atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber
-Doktor Fuchs sieht jetzt in den Seelenadel seines Primus
-hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um den armen
-Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt
-und muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung
-nicht aufkommen zu lassen. Dann aber legt er die
-Hand dem armen Jungen auf die Schulter und sagt: »Mein
-lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht anders
-von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen
-und dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind
-einfache und schlichte, aber edeldenkende Menschen. Sie
-haben deine Dankbarkeit verdient!«</p>
-
-<p>Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht,<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-was er sagen soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle
-über die andere über das Gesicht jagt. Und doch ist ihm
-jetzt so wohl, daß er dieses schwere, schwere Geständnis
-vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel
-ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du
-mir aber auch eine Freude machen und doch mitkommen.
-Und da wir beide ja nun ganz offen miteinander stehen,
-so machen wir beide auch keine Umstände mehr miteinander.«</p>
-
-<p>Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.</p>
-
-<p>»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig,
-und kein Mensch, außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich,
-braucht etwas davon zu erfahren! &ndash; Na, aber
-Ernst, du willst mir doch nicht die Freude verderben! Nein,
-nein, ich möchte aber wirklich, daß du das nimmst! Nun
-geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen
-wäre!«</p>
-
-<p>Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber
-gibt er Doktor Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke
-schön, Herr Doktor!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen
-Sprechzimmer auf den Flur hinaus: der eine ging schnell
-und leichten Schrittes der Unter-Tertia <em class="antiqua">O</em> zu, der andere
-aber wandte sich den Flur weiter hinauf zur Quarta hin,
-wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an ihm
-herumwürgte und ihm an der Kehle säße.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span></p>
-
-<h3 id="fr-6">Würden und Ämter.</h3>
-</div>
-
-<p>Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse
-tritt, sind die partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat
-ja gesagt, sie sollen heute einen Zettel mitbringen mit dem
-Ziel der Partie. Und den Zettel, den haben nun alle da,
-viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst irgend ein
-Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß,
-was solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige
-Miene auf und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer
-Reihenfolge ab. Die Jungen finden das durchaus richtig,
-während Doktor Fuchs seinerseits findet, daß eigentlich keiner
-unter vier Meilen von Berlin weg landen will. Potsdam,
-Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.</p>
-
-<p>So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man
-kann nicht gerade sagen, daß ihr bescheiden gewesen seid.
-Es wundert mich nur, daß ihr alle noch in Europa bleiben
-wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. Da
-werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein
-müssen, und« &ndash; dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem
-Katheder um &ndash; »und da möchte ich nur auch schnell
-meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. &ndash; Grunewald!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der
-Katzensprung!« vom dicken Puntz.</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses
-»Aaach,« »der Katzensprung!« in demselben Tone nach, so<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
-daß einige schon anfangen zu lachen. Die sind schon wieder
-halb und halb mit dem Grunewald ausgesöhnt.</p>
-
-<p>»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den
-Grunewald gesehen?«</p>
-
-<p>»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig
-und gedehnt und verächtlich.</p>
-
-<p>»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst
-du denn? Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten
-Sonntag, da ist der Grunewald ganz anders geworden!
-Ich sage dir bloß, ganz anders! Den kennst du gar nicht
-wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«</p>
-
-<p>Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und
-überzeugungstreu: »Nein!«</p>
-
-<p>»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt
-sein! Also es geht in den Grunewald!«</p>
-
-<p>Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde
-erklärt er: »Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei
-eben die armen Deibel. Für die würde es bis Bernau doch
-zu teuer sein!«</p>
-
-<p>Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man
-sich denn auch schon am nächsten Tage mit dem Grunewald
-ausgesöhnt. Nur will man noch fragen, wohin es im Grunewald
-selbst gehen soll.</p>
-
-<p>Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage &ndash; nun
-ist’s inzwischen schon Freitag geworden &ndash; selber wieder auf
-die Partie, als er von der Inspektion draußen auf dem
-Mittelflur in die Klasse kommt.</p>
-
-<p>»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer
-kennt denn den König Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span></p>
-
-<p>Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.</p>
-
-<p>»Wer Wannsee?«</p>
-
-<p>Ein paar weniger.</p>
-
-<p>»Wer Nikolskoi?«</p>
-
-<p>Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens
-ist es schon sehr lange her, daß er da war.</p>
-
-<p>»Wer Sakrow?«</p>
-
-<p>Einer.</p>
-
-<p>»Wer die Römerschanze?«</p>
-
-<p>Keiner.</p>
-
-<p>Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine
-Gesellschaft! Und einige wollten da gleich nach Werder und
-wer weiß wohin. Na also!«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der
-Römerschanze?«</p>
-
-<p>»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher
-die Beine schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein:
-›So weit wie möglich!‹«</p>
-
-<p>Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs
-fortfahren kann: »Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«</p>
-
-<p>»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst!
-Morgen wird mir der Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen.
-&ndash; Zweitens: Ich brauche zwei Schrittmacher.
-Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«</p>
-
-<p>»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich
-werde lieber die Musik liefern.«</p>
-
-<p>»Kannst du das?«</p>
-
-<p>»Ja, mit der Mundharmonika!«</p>
-
-<p>»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle!<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-Wollte sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre
-Hauskapelle!«</p>
-
-<p>Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet:
-»Darf ich meinen photographischen Apparat mitbringen?«</p>
-
-<p>»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«</p>
-
-<p>»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel
-oder die Kompagniemutter. Das muß der Doef
-werden!«</p>
-
-<p>Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken
-trüge. Er scheint sich aber die Sache erst überlegen zu
-müssen. Endlich fragt er: »Was habe ich denn da zu tun?«</p>
-
-<p>»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf
-sehen, daß uns keiner abhandenkommt. Wir müssen also
-immer volle Zahl haben!«</p>
-
-<p>Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist
-Praktikus und verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs:
-»Wenn nun einer doch fortläuft?«</p>
-
-<p>»Darf nicht vorkommen!«</p>
-
-<p>»Aber wenn er fortlaufen <em class="gesperrt">will</em>?«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt,
-und er macht die Geste des Hauens.</p>
-
-<p>Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos,
-aber sicher: »Ja!«</p>
-
-<p>»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« &ndash; Die Frage hat
-den Leverenz schon halb zu Tode gequält.</p>
-
-<p>»Na, so <em class="antiqua">en passant</em>! So viel uns Zeit bleibt.«</p>
-
-<p>»Ich werde einen Ball mitbringen.«</p>
-
-<p>»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p>
-
-<p>»Können wir sackhüpfen?«</p>
-
-<p>»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«</p>
-
-<p>»Essen wir zu Mittag?«</p>
-
-<p>»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke.
-Preis etwa 75 Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen
-sagen. Ihr könnt euch aber auch selbst was mitbringen!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius
-in der Klasse hat, werden noch zwei oder drei Minuten der
-Pause auf dem Altar der bevorstehenden Partie geopfert.
-Am nächsten Montag steht der Primus auf und erklärt:
-»Herr Doktor, die meisten Stimmen für den Vergnügungsausschuß
-haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«</p>
-
-<p>»Also noch einmal langsam! Greff &ndash; Hagen &ndash; Sausig
-und Woller. Gut! Nehmen die Herrn die Wahl an?«</p>
-
-<p>Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken
-mit dem Kopfe.</p>
-
-<p>»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«</p>
-
-<p>»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«</p>
-
-<p>»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen
-Augenblick hier. Ich werde in die Klasse kommen. Und
-nun wieder für alle! Wir machen die Partie noch nicht am
-nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant war, sondern
-erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am
-letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«</p>
-
-<p>»A&ndash;a&ndash;ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag
-aus!«</p>
-
-<p>»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen
-gar nichts kaufen will, der muß sich Essen und Trinken<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-mitbringen. Der würde nur das Fahrgeld bis zur Station
-Grunewald und zurück von Wannsee oder höchstens von
-Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen mitbringt,
-muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber
-darf keiner bei sich haben.«</p>
-
-<p>»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«</p>
-
-<p>»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott
-für den Freitag vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber,
-Hänsel, ernenne ich zur Partie-Unke.«</p>
-
-<p>Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt
-auslachen, erklärt Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur
-noch eins will ich sagen: je fleißiger man vorher arbeitet,
-desto größer ist nachher das Vergnügen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-7">Der Überfall am Pechsee.</h3>
-</div>
-
-<p>Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten
-von der Partie hatte sprechen können, da ja an jedem Tage
-dieser »feinen Woche« etwas unregelmäßig war und vom
-Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte drum doch
-keiner die Partie.</p>
-
-<p>So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der
-heiß ersehnte Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag!
-Vom hellen Osten her strahlte die Sonne, als freue sie sich
-über all die fröhlichen Jungengesichter, die schon um sechs
-Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach ihr
-ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
-mußte noch einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und
-das Portemonnaie wurde zur Vorsicht wieder und immer
-wieder hervorgeholt und ein Blick auf den Mammon geworfen,
-der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof.
-Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station
-ein paar neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue,
-auf Tiergarten, auf Zoologischer Garten, sogar auf Savigny
-Platz und Charlottenburg. Auf Station Zoologischer Garten
-hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem Hallo und
-Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber
-war die Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit
-zu dem sicheren Ergebnis gekommen, daß zwölf Mann
-fehlten.</p>
-
-<p>»Wer sind denn die?«</p>
-
-<p>»Hagen &ndash; Sausig &ndash; Boenick &ndash; Schulz &ndash; Woller&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr
-Doktor!«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«</p>
-
-<p>»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«</p>
-
-<p>»Na, wir wollen mal sehen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald
-ein. Alles springt aus den Wagen; eiligst geht man hinunter,
-und ohne Aufenthalt schreitet auch Doktor Fuchs mit
-seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen schnell
-weiter.</p>
-
-<p>Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen
-will, da ist auf einmal der Doef wieder neben
-Doktor Fuchs.</p>
-
-<p>»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf
-die zwölf warten, Herr Doktor?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p>
-
-<p>»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel!
-Ja doch! Das hatte ich ja ganz vergessen! Also
-der Vergnügungsausschuß wollte mit ein paar andern was
-ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht spätestens
-sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer
-zuerst da ist, die oder wir.«</p>
-
-<p>»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein
-bißchen dalli jetzt! Wir müssen die ersten sein!«</p>
-
-<p>»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst
-gern. Das gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse
-bleiben! Und dann noch eins, Jungs! Lest mal feste
-Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in Saubucht nach
-uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich bombardieren!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben-
-und hintereinander hin. Friedlich und wohl auch einmal
-nicht friedlich; denn hier und da puffen sich auch zwei etwas
-freundschaftlich ab, und hin und wieder fliegt sogar ein Kienapfel
-jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet hat und
-darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn
-da sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes
-und doch streng klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.</p>
-
-<p>»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«</p>
-
-<p>Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig
-an den Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen
-geblieben.</p>
-
-<p>»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und
-lächelt auf einmal so vergnügt: »Alles in Ordnung!«</p>
-
-<p>»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
-Posener, der immer neben Doktor Fuchs geht und ihn
-offenbar angenehm unterhalten will.</p>
-
-<p>»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem
-so verächtlichen Tonfall, daß auch alle das glauben, die es
-hören.</p>
-
-<p>»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor
-Fuchs kurz, geht aber nicht weiter auf Poseners Fragen ein.</p>
-
-<p>Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem
-Wäldchen heraus.</p>
-
-<p>»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.</p>
-
-<p>»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist
-ja breit genug!«</p>
-
-<p>»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da
-einige.</p>
-
-<p>»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen
-andere.</p>
-
-<p>Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem
-Pechsee ab, als ein lautes, stürmendes Hallo von vorn
-erschallt. Und Kienäpfel fliegen, &ndash; und Hagen &ndash; wo
-kommt der auf einmal her? &ndash; hat den dicken Puntz über
-den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps
-auf den Südpol, bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet.
-Sausig und Woller und Schulz und die andern, die noch
-fehlten, die sind auf einmal auch da und stürmen mit
-Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel
-surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach
-dem andern; die Jungen werden ganz wild.</p>
-
-<p>»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will
-davonlaufen. Aber Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß.
-»Du da drüben! Und du und du und du! Und wir<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
-andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die
-Bande nehmen wir in die Mitte!«</p>
-
-<p>Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte
-Kienäpfelschlacht hebt an. Herüber und hinüber fliegt
-es. Je mehr die Wurfgeschosse auf die Neige gehen, desto
-näher rückt man sich auf den Leib, bis man endlich handgemein
-wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare
-und legen sich &ndash; <em class="antiqua">les uns les autres</em> &ndash; mehr oder weniger
-sanft auf die Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!«
-Aber er muß doch noch einige kräftige Wörtlein dazu reden,
-bis er die eifrigsten Kampfhähne wieder auseinanderhat.</p>
-
-<p>Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert;
-aber das Spiel ist von den Jungen doch ziemlich ernst genommen
-worden. Überall steht man da und schöpft tief
-Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.</p>
-
-<p>»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt
-Fritze Köhn. »Jotte doch! War det ’n Klumpatsch!«</p>
-
-<p>»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«</p>
-
-<p>»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer
-noch dazwischen.</p>
-
-<p>»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«</p>
-
-<p>»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.</p>
-
-<p>»Wer hat mich denn hier gekratzt?«</p>
-
-<p>»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«</p>
-
-<p>»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für
-Backobst!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem
-Schopfe da, als der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt:
-»Sehen Sie, Herr Doktor!« &ndash; Er klopft sich dabei die
-Nadeln und den Sand ab. &ndash; »Wenn ich hinten gegangen<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
-wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein
-Wilder auf mich zugesprungen!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade
-ganz nett, Dicker! Was denkst du wohl, wie gut das einem
-wohlbeleibten Menschen tut!«</p>
-
-<p>Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon
-wieder ganz zufrieden und blickt eben belustigt auf den
-Leverenz hin, der wie ein Harlekin vor seinem Ordinarius
-hin- und hertanzt und einmal ums andere ruft: »Ich war
-die erste Stafette, Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine
-Meldung! Sehen Sie mal, Herr Doktor! ›Der Feind
-kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 Minuten!‹«</p>
-
-<p>Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran.
-»Ich habe Sie beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen,
-Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der
-zweiten Stafette: ›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten
-in das Wäldchen ein!‹«</p>
-
-<p>Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen
-sind: »Das war aber alles fein abgepaßt!«</p>
-
-<p>Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne
-ich von meinem Vater! Hier ist die Meldung der dritten
-Stafette: ›Der Feind verläßt das Wäldchen um 8 Uhr
-46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der Saubucht
-ein!‹«</p>
-
-<p>»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine
-Köckeritz dazwischen.</p>
-
-<p>»Du bist wohl ver&ndash;!« wehrt Hagen in aller Ruhe und
-freundschaftlichst ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span></p>
-
-<p>»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir
-wohl einrahmen lassen?«</p>
-
-<p>»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich
-konstatiere, daß der Überfall des Feindes als wohl gelungen
-bezeichnet werden muß. Ich konstatiere aber auch, daß
-meine Truppe sich schnell in die Situation hineingefunden
-und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge abgewehrt
-hat!«</p>
-
-<p>Ein fröhliches Lächeln allerseits.</p>
-
-<p>»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.</p>
-
-<p>»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt
-Doktor Fuchs. »Wir scheiden mit einem Hurra von dieser
-glorreichen Stätte. Hipp, hipp, Hurra!«</p>
-
-<p>»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind
-jetzt zufrieden und wieder gut Freund. Aber während man
-hurtig durch die Senke am Pechsee und dann weiter hinaufschreitet,
-immer am Zaune der Saubucht entlang, lösen
-sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und mit
-für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter
-besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker
-und mit ihren Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen
-im Vergleiche zu diesen Jungen, die schon nach fünf
-Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die Dichtung
-wieder zur Wahrheit gemacht haben.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor
-dem lieben, kleinen Restaurant Saubucht und verträgt sich
-wieder bei etwas gräulicher, sterilisierter Milch und schäumendem
-Selterwasser.</p>
-
-<p>»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span></p>
-
-<h3 id="fr-8">Auf hoher Warte.</h3>
-</div>
-
-<p>»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.</p>
-
-<p>Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke
-hinunter. Den gegenüberliegenden Abhang hinauf. An
-einer Schonung vorbei und dann einen breiten Weg hinan.
-Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur Rechten, etwas
-nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot
-der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel
-und Wipfel hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt
-gesehen, verdämmern drei Hügelzüge, einer hinter
-den andern gelegt und vom leicht aufsteigenden Dunst der tief
-unten liegenden Havel mit sanft bläulichem Hauche verbrämt.</p>
-
-<p>So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen
-hinaus auf die Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht
-und sich so jetzt quer vor den Weg der Jungenschar legt.
-Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, rötlichem Mauerstein,
-wie ihn der felsarme Märker brennt, der König Wilhelms
-Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe
-um den Fuß des Turmes.</p>
-
-<p>Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor
-Fuchs weg über die große, steinerne Freitreppe. Sie stehen
-jetzt an dem schwarzgrauen Stein, der so sicher um die
-Plattform herumläuft, und bewundernd taucht der Blick
-hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und Seenbildes,
-das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten
-geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
-Rücken rauscht und raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald.
-Rechts und links steigt er hinab zum Saume des Wasserspiegels,
-der sich glitzernd und blitzend und vom Morgenwehen
-leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf verliert
-sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus
-Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata
-Morgana auf leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber
-an den eckig-hochragenden Sandwällen, von deren
-einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in die Havelflut
-stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften
-auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten
-dem jenseitigen Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt
-und sich einhüllt in das lauschige, weiche Gewand schattender
-Laubbäume. Lichter wird dann drüben die Gegend und
-lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, hinweg über
-die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen
-in die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.</p>
-
-<p>Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den
-Blick? Auf der sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden
-Havel ziehen sie langsam herauf, und merklich kaum kommen
-sie näher: fünf, sechs, sieben der Schiffe mit weißlich schimmernden
-Segeln! Schwänen vergleichbar, aus einer weit
-größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des spiegelnden
-Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert
-die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen
-mit sattgrünem, dunklem Bande lieblich dieses Bild, das
-im Hintergrunde durch den sanft verdämmernden Nikolskoier
-Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne gerückten Türme
-von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen
-Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span></p>
-
-<p>Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte
-des herrlichen Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit
-seinen Tertianern, versunken in diese Waldes-, Seen- und
-Flurenpracht. Als da Hagen von der andern Seite herumgesprungen
-kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was
-ist das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß
-es heißen, wie es will! Bewundere nur diese Natur!
-Kapsele dir das Bild im Auge ein, Hagen! So was
-Schönes siehst du so bald nicht wieder!«</p>
-
-<p>Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln.
-Aber &ndash; wo sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum
-eigentlichen Turm zurückgetreten und schauen da auf das
-Standbild des Königs Wilhelm; aber die andern? Etwa &ndash;
-gegen seinen Befehl &ndash; doch auf dem Turm? Nein! In
-dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe
-wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.</p>
-
-<p>Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind
-bei dem kleinen Brunnen unten vor der breiten Rampe.
-Aber da ja keiner mehr erhitzt ist, so gönnt er jedem gern
-den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon wieder essen.
-Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-9">Brennesseln und Regenwürmer.</h3>
-</div>
-
-<p>Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der
-Chaussee weiter, die nun hinunterführt an die Havel, um
-dort unten am steilen Abfall der Havelberge hinzulaufen.<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit Hurra den
-Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter
-wieder an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.</p>
-
-<p>Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen
-dahin, bis man einen freien Durchblick durch die hochstrebenden
-Kiefernstämme auf den klaren Spiegel der Havel
-unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs nieder;
-um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.</p>
-
-<p>»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr
-meinetwegen weiterfrühstücken!«</p>
-
-<p>Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht
-im Leibe; nur der dicke Puntz ist schon so müde, daß er
-sich ohne viele Umstände und mit steifen Beinen auf den
-Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal von der
-Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz
-dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich
-dann sehr sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt
-die Beine zusammen wie ein Schneider und fängt an, sein
-Frühstück auszuwickeln. Ein paar Schritte weiter aber sind
-im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder von ihnen
-gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich
-sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal,
-Schreier, das feine Plätzchen hier! Na, wird’s bald? &ndash;
-So!«</p>
-
-<p>Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet,
-da hat eben, unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen
-Primus, den Ernst Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und
-zieht ihn ohne viele Worte von seinem Platze weg. Den
-will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal Zeit,
-etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei
-Mann den Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem
-Biereifer zwingen wollen, sich auf eine stattliche Brennessel
-zu setzen. Doktor Fuchs will aufspringen; da lassen die
-beiden los. Drewian macht gerade noch einen Luftsprung
-zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel
-festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller
-andern noch ein halbes Dutzend mal um seine eigene Achse
-dreht; denn die Brennessel hat dieses Zufassen übel genommen.
-Selbstverständlich schimpft nun der Drewian,
-freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden
-Missetäter, bis der eine von denen ganz trocken meint:
-»Der Drewian ist ja dumm, Herr Doktor! Hätte er nicht
-so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz sanft auf die Sache
-drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«</p>
-
-<p>»Meinst du?«</p>
-
-<p>»Ja! Ganz sicher!«</p>
-
-<p>»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich
-her! &ndash; So! &ndash; Na, also Dittmer, nun los! Setze dich
-drauf!«</p>
-
-<p>Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich
-muß erst mal fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind.
-Na, denn man tau!« Und unter der schallenden Heiterkeit
-der andern sitzt er auch schon auf der unschuldigen Brennessel,
-die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.</p>
-
-<p>So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich
-aber sitzen doch alle, und das Frühstücken ist in vollem
-Gange. Was haben die fürsorglichen Mütter da nicht
-alles eingepackt! Und wie gut müssen die Stullen belegt
-sein, da das alles so mundet!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span></p>
-
-<p>Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein
-zweites Paar Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als
-hätte er die feinsten und zerbrechlichsten Glassachen zwischen
-seinen Stullen liegen. Und der Hagen sagt da sogleich:
-»Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da kannst du
-schon fester zufassen!«</p>
-
-<p>Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast
-du da, Greff? Zeige mal!«</p>
-
-<p>»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm
-gesehen haben!«</p>
-
-<p>»Wozu nimmst du denn den mit?«</p>
-
-<p>»Nicht doch, du! &ndash; Für unser Rotkehlchen!«</p>
-
-<p>»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und
-richtig, da windet sich der Regenwurm schon zwischen den
-mageren Grasstengeln des Waldbodens. Aber Greff hat
-ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß
-er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.</p>
-
-<p>»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der
-lange Fendel.</p>
-
-<p>»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.</p>
-
-<p>»Na, sie sind doch schädlich!«</p>
-
-<p>»Schädlich? Wieso denn?«</p>
-
-<p>»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«</p>
-
-<p>»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes
-haben, ja! Aber sonst sind für uns die Regenwürmer die
-nützlichsten Tiere mit auf Gottes Erdboden! Weißt du das
-noch nicht?«</p>
-
-<p>Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«</p>
-
-<p>»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß,
-Herr Doktor, die fressen nicht die Wurzeln, die fressen die<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span>
-angefaulten Blätter. Die holen sie sich in der Nacht in ihre
-Röhren hinein. Das ist sehr drollig; die Blätter fassen sie
-immer so an, daß sie das spitzeste Ende zuerst ins Loch
-ziehen!«</p>
-
-<p>Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz
-fragt etwas zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein
-zu sehen!«</p>
-
-<p>»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem
-Zweifler um, »nein, denke mal, Dicker, die können ja überhaupt
-nicht sehen, und doch wissen sie ganz genau, wo das
-spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried recht.«</p>
-
-<p>»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt
-neben Puntz kniet, »ich mache doch auch die Augen zu und
-fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«</p>
-
-<p>Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den
-Händen dem Puntz tastend über Kopf und Gesicht. Der
-hält auch merkwürdigerweise so still! Aber eben als Hagen
-die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu und beißt ihm
-in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken:
-»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt.
-Aber, Herr Doktor,« &ndash; der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig
-sein &ndash; »warum sollen denn die Regenwürmer mit
-die nützlichsten Tiere sein?«</p>
-
-<p>»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten
-nach oben an die Erdoberfläche schaffen und so ständig für
-die Menschen den Boden verbessern. Kein Mensch kann
-sagen, wie oft die Regenwürmer unsern Acker- und Gartenboden
-im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein gedüngt,
-wieder von sich gegeben haben!«</p>
-
-<p>Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt.<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span>
-Das klingt wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs
-veritabel auslachen.</p>
-
-<p>Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«</p>
-
-<p>Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor,
-das verstehe ich nicht. Fressen denn die Regenwürmer
-Erde?«</p>
-
-<p>»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst
-ihre Gänge graben können! Oben an der lockeren Erdoberfläche,
-da drängen sie wohl mit ihrer Kopfspitze die Erdschollen
-und Krümelstückchen auseinander; aber unten müssen
-sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen sie
-hervor und verrichten hier oben« &ndash; dabei beugt sich Doktor
-Fuchs zu Puntz hin und sagt nur halblaut &ndash; »ihr Geschäftchen.
-Wer hat denn schon mal so was gesehen? Solche
-kleine, ringelförmig geordnete Kotballen, meine ich.«</p>
-
-<p>Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt
-hatten. »Ich! ich! Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser
-ganzer Ackerboden der Dünger der Regenwürmer. Der
-geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer wieder durch
-den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«</p>
-
-<p>Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube
-ich nicht, Herr Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die
-sagen’s bloß nicht!«</p>
-
-<p>Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie
-sich dazu stellen sollen.</p>
-
-<p>»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger
-zusammen! Dann müssen wir nämlich erst ein kleines
-Rechenexempel anstellen. &ndash; Also! Genaue Untersuchungen
-haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter einer<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span>
-Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf
-1 Quadratkilometer?«</p>
-
-<p>»1000 × 1000 × 10.«</p>
-
-<p>»Das sind also doch 10&nbsp;000&nbsp;000 Regenwürmer auf
-1 Quadratkilometer. Wieviel Milliarden haben wir also
-da auf unserer Erde? &ndash; Dann hat sich Darwin&nbsp;&ndash;. Übrigens,
-wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein
-englischer Gelehrter im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt,
-daß alles, was heute besteht, Tiere und Pflanzen,
-nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst so geworden
-ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich
-noch immer weiter.«</p>
-
-<p>Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los
-werden: »Herr Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie.
-Der hat doch auch gesagt, daß der Mensch von
-den Affen abstammt.«</p>
-
-<p>Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter
-Zweifler. »Von den Affen?« nimmt er auf. »Na
-du vielleicht, Achim! Ich nicht!«</p>
-
-<p>»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem
-Orang-Utan noch viel näher als ich!«</p>
-
-<p>Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift
-<em class="antiqua">sans façon</em> nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich
-hinter Doktor Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt
-diesem Zwiegespräch zugehört; jetzt aber faßt er mit
-festem Griff die Hand des Dicken. »Nicht, Dicker! Immer
-Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter die
-Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig
-den Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
-Weise stellte er fest, wieviel Erde von den Würmern an die
-Oberfläche heraufgeschafft wird. Da fand er, daß alljährlich
-auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder auf einen
-Quadratkilometer 2&nbsp;500&nbsp;000 Kilogramm oder 5&nbsp;000&nbsp;000 Pfund
-oder 50&nbsp;000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die
-betreffenden Flächen ausstreuen, so würde das eine Erdschicht
-von 3 <em class="antiqua">mm</em> geben. Na, Dicker, bist du nun bekehrt?«</p>
-
-<p>»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es
-immer noch nicht.«</p>
-
-<p>»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein
-Feld &ndash; damals war er noch jung &ndash; Kreidestückchen streuen
-lassen. Das Feld aber ließ er dann unberührt und brach
-liegen und untersuchte die Sache nach einem Menschenalter
-wieder &ndash; ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da
-fand er die Kreideschicht 16 oder 17 <em class="antiqua">cm</em> unter der Oberfläche.
-Macht aufs Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ <em class="antiqua">cm</em>,
-auf 100 Jahre ½ <em class="antiqua">m</em>, auf 200 Jahre 1 <em class="antiqua">m</em>. <em class="antiqua">Item</em>, wie oft
-mag wohl unser Erdboden schon durch den Magen der
-Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen
-sein, die auf unsrer Erde leben!«</p>
-
-<p>Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor
-Fuchs’ Munde; keiner spricht ein Wort, als erwarte eben
-jeder noch mehr.</p>
-
-<p>Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der
-knurrt etwas vor sich hin, als wäre er mit der Sache nicht
-so ganz zufrieden und einverstanden. Der Ordinarius kennt
-ihn schon darin; aber er weiß, wenn er jetzt den Langen
-fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt nichts.
-So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
-Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden
-wollen, da ist der Giesel fertig.</p>
-
-<p>»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen
-kann Zufall sein. Ja!«</p>
-
-<p>»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.</p>
-
-<p>»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet
-zum Beispiel, dann sinken doch die Steine ganz alleine in
-die Erde ein und immer tiefer! Mit der Kreide kann’s
-doch auch so gewesen sein!«</p>
-
-<p>Das macht die Jungen stutzig.</p>
-
-<p>»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die
-nicht ein!«</p>
-
-<p>Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er
-reflektiert schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer
-doch schließlich auch aufgefressen haben. Und dann müßte
-diese Kreide doch gerade wieder oben liegen!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.</p>
-
-<p>»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören.
-So können wir also keinen Zweifler überzeugen. Aber man
-hat auch noch einen direkten Beweis dafür erbracht, daß
-die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn man hat
-ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr
-es mit Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der
-Ertrag des Feldes genau noch einmal so reichlich.«</p>
-
-<p>Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden
-der beste Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt
-schüchtern, genau wie in der Klasse: »Herr Doktor, nicht
-wahr? Wenn man einen Regenwurm durchschneidet, so
-wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«</p>
-
-<p>»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-und hat einmal zwei Kopfstücke und zwei Schwanzstücke
-für sich allein auch zusammengenäht. Dann wuchsen die
-einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber zusammen.
-Indes, trotzdem war das zusammengenähte
-Doppelpaar doch nicht lebensfähig.«</p>
-
-<p>»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz
-verrückte Idee!«</p>
-
-<p>»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles
-untersucht werden! Na, Jungs, wollen wir weiter?«</p>
-
-<p>»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?«
-fragt der dicke Puntz.</p>
-
-<p>»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es
-jetzt zu spät! Also <em class="antiqua">en avant, messieurs</em>!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch
-schnell noch einer etwas ein oder schnürte an seinem
-Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet sich inzwischen an den
-großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch alle?«</p>
-
-<p>Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle,
-Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen.
-Hahaha! Wie sehen denn die aus?«</p>
-
-<p>»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«</p>
-
-<p>»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich
-freilich nicht!«</p>
-
-<p>»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«</p>
-
-<p>»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«</p>
-
-<p>Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf
-es sagen: »Ja, auf den Blättern stehen solche steifen
-Haare; aber das sind eigentlich Röhrchen, die mit einer
-flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun die Pflanze<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
-anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf
-sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen
-fließt dann das Gift in die Wunde und zieht Blasen.«</p>
-
-<p>»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da
-stehen welche unter der Eiche! Die wollen wir uns einmal
-ansehen!«</p>
-
-<p>Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert
-sogar und bricht die kleinen Haarstangen ab, indem man
-mit einem Grashalm oder sonst etwas über die Blätter streift.</p>
-
-<p>Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum
-haben aber die Nesseln diese Härchen?«</p>
-
-<p>Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen
-nämlich alle. »Zum Schutze!«</p>
-
-<p>»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht
-ihr das; aber könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die
-Schutzvorrichtungen hat? &ndash; Na, seht ihr? Und der Hagen
-könnte sie mit der Hand greifen, so nahe steht sie ihm!«</p>
-
-<p>»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«</p>
-
-<p>»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?«
-&ndash; Doktor Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt.
-&ndash; »Nun, seht mal her, Jungs!« Als aber alle
-Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige Drängelei entstehen
-will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann
-helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«</p>
-
-<p>Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs,
-seht mal die Gelenke des Stieles an! Unter diesen Gelenken
-ist die Pflanze so klebrig, daß sie sich da gleichsam einen
-leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt, wie auf
-Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen
-roten Blüte zu Leibe gehen will.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p>
-
-<p>»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt
-vielleicht, er wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das
-nicht recht komisch? Die Pflanze kann sich doch nicht selber
-solchen Ring umlegen!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er
-gibt schnell zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu
-ihrer Erklärung müsse man auf viel frühere Perioden
-zurückgehen. Immer nur diejenigen der Pflanzen hätten
-sich erhalten, die zufällig die besten Schutzvorrichtungen
-gehabt hätten, und die hätten sich auch fortgepflanzt, bis
-nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr, wie
-man das nennt, Jungs?«</p>
-
-<p>»Zuchtwahl!« &ndash; Einige hatten das Wort bereits auf
-der Zunge.</p>
-
-<p>Da kommt aber auch schon ein anderer Junge
-dazwischengefahren. »Ja, Herr Doktor, warum stehen
-denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«</p>
-
-<p>Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die
-Brennessel noch einmal? Ja, Jungs, warum stehen die
-immer unten den Eichen? Manchmal auch in Gräben und
-hinter Hecken?«</p>
-
-<p>Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja,
-warum stehen die hier immer unter den Eichen?</p>
-
-<p>Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz
-vernünftigen Erklärung: »Die werden wohl Schatten und
-Feuchtigkeit brauchen.«</p>
-
-<p>»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter
-den Eichen? Das sieht ja gerade so aus, als ob die
-Brennesseln allein von allen Waldpflanzen Feuchtigkeit
-haben wollten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p>
-
-<p>Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig
-bleiben; Doktor Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber
-er meint: »Jungs, das könnt und das sollt ihr allein
-finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal solche
-Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge
-angelangt; da oben aber ist weit und breit keine
-Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so weit die Jungen
-auch um sich gucken.</p>
-
-<p>»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie
-doch! Da! So schräg durch!«</p>
-
-<p>»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«</p>
-
-<p>»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«</p>
-
-<p>»Na, denn los! Sanfter Galopp!«</p>
-
-<p>Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang
-hinunter. Atemlos kommt man im Grunde des Tales an.
-Richtig! Da steht eine prachtvolle, starke Eiche, die schon
-manchen Sturm über sich hat dahinbrausen lassen. In
-ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten
-Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen
-unter all dem Lumpengesindel der Nesseln.</p>
-
-<p>»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er
-sich etwas verschnauft hat. &ndash; Ihm wird das Laufen offenbar
-schwerer als den Jungen. &ndash; »Na, wer kann mir nun
-sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«</p>
-
-<p>Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln
-brauchen Schatten. Aber im Schatten wachsen sie dann
-zu schnell hoch und nehmen den andern Pflanzen, die
-nicht so schnell wachsen und groß werden können, die
-Nahrung und das Licht weg!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span></p>
-
-<p>»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«</p>
-
-<p>Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach
-dieser halben Minute Pause da unten an, wieder den Berg
-hochzuklettern. Als indessen Doktor Fuchs und der dicke
-Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da schallt von
-oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes
-Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben
-doch diese schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die
-sind doch oft so schlank und dünn wie Weidengerten!</p>
-
-<p>»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder
-mit der letzte. Es wird dir mal schlecht beim Militär
-gehen!«</p>
-
-<p>»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die
-würden sich alle wundern, wenn ich der erste wäre! So
-ist’s ganz gut! Die ersten haben’s manchmal nicht zu best.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-10">Die dicke Hauskapelle und die Ameisen.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht
-soeben ein mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um
-Dittmer herum und scheint auf ihn loszugehen; jetzt schlagen
-sie sogar auf ihn ein, und dazwischen schallt es drohend:
-»Feste! Immer feste! Totschlagen!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf.
-Schon von weitem schreit er: »Was ist denn los? Was
-ist denn los?«</p>
-
-<p>Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-Doktor! Der Dittmer hat sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!«</p>
-
-<p>Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen
-Augenblick still und schnappt nach Luft. »Na, <em class="gesperrt">der</em> Schaden
-läßt sich ja kurieren!«</p>
-
-<p>Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie
-wild gebärdet. »So, Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs,
-»nun zieh erst mal die Jacke aus! &ndash; Und nun die Weste!«</p>
-
-<p>»Au! Das juckt, Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles
-aus. Wir wollen dir die Biester schon absuchen!«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag
-umher! Das Hemde kannst du ja anbehalten. Ganz als
-Naturgriechen wollen wir dich ja nicht gleich sehen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge&ndash;ameist,
-und gute und schlechte Witze muß er dabei noch über sich
-ergehen lassen.</p>
-
-<p>»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn,
-»es gibt also auch springende Ameisen!«</p>
-
-<p>»So viel ich weiß, nicht!«</p>
-
-<p>»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben
-sprang so ein kleines, schwarzes Tierchen hier herunter.«</p>
-
-<p>»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan.
-»Springende Ameisen heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird
-wohl nebenbei auch solche Tiere haben!«</p>
-
-<p>Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß.</p>
-
-<p>»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst
-du ein paar! Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!«</p>
-
-<p>»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
-Puntz dem Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in
-seinem Hemde einen kolossalen Luftsprung macht. Zum
-Trost und zum Spott aber beruhigt ihn der Dicke: »Du,
-die ist wirklich tot!«</p>
-
-<p>Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder
-in seinen Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen
-Tag, als ob es hier und da juckt, und er vermißt sich
-jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise tottreten, die er
-fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern.</p>
-
-<p>»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese
-Beteuerungen. »Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß
-uns erst mal über den Buckel hinaufsein; auf dem schönen,
-breiten, ebenen Weg können wir dann alle mehr zusammengehen.
-Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.«</p>
-
-<p>So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem
-großen Zaun entlang. Über den froh dahinziehenden
-Jungen rauschen die Wipfel der hochstämmigen Kiefern;
-leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen schwimmen
-im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn
-und zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine
-Mundharmonika hervorzieht, und dünn, aber doch auch
-scharf genug fällt es ins Ohr, das immer schöne, immer frische</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Muß i denn, muß i denn</div>
- <div class="verse indent0">zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige
-fangen an zu singen, und oben ist man auch schon auf den
-Havelbergen. Lang dehnt sich ein schöner, breiter Weg
-zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor dem
-sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs:<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
-»Da ganz hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts
-ab und kommen wieder zur Havel hinunter. Nun flott
-vorwärts! Die Hauskapelle voran!«</p>
-
-<p>»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger!
-Du scheinst ja auch ein ganzes Repertoire zu haben!«</p>
-
-<p>»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!«</p>
-
-<p>»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!«</p>
-
-<p>Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,</div>
- <div class="verse indent0">da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende
-ist, und das ist sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen.
-»Du mußt mal etwas spielen, was alle können!«</p>
-
-<p>Sofort ertönt weiter:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich,</div>
- <div class="verse indent0">Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich,</div>
- <div class="verse indent0">Anne Marie, o gib mir einen Kuß!</div>
- <div class="verse indent0">Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander,
-ab und zu wohl auch mit einem Gassenhauer, der
-oft gerade mit der schönsten Melodie in unser Ohr hineinhüpft,
-bis allen den lustigen Brüdern von wanderfreudigen
-Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der
-Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner
-Künstler! Du mußt einmal Musik studieren!«</p>
-
-<p>»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika
-ab, »Musik studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in
-unserer Fabrik! Damit dürfte ich meinem Vater gerade
-kommen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
-
-<p>Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der
-Dicke aber behauptet, er hätte keine Puste mehr im Leibe;
-jetzt wäre auch der Herr Doktor Fuchs wieder an der Reihe;
-der hätte noch was von den Ameisen erzählen wollen.</p>
-
-<p>»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß
-ich erst den Dittmer fragen, ob er weiß, woher bei der
-Ameisengeschichte der brennende Schmerz gekommen ist, den
-er empfunden hat.«</p>
-
-<p>»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich
-gezwickt.«</p>
-
-<p>»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch
-eine Säure, die nach ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich
-wie bei der Brennessel. Diese Säure ist schon stark genug,
-daß sie auch sowieso auf der Haut einen brennenden Schmerz
-verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der Wut oder
-in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Doktor!« &ndash; Nun hagelt’s geradezu
-Fragen. &ndash; »Ist denn die Ameise wirklich das klügste Tier?«</p>
-
-<p>»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber
-sicher ist es, daß die Ameisen unter allen Insekten die
-größten geistigen Fähigkeiten zeigen.«</p>
-
-<p>Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas;
-jeder will auch etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor
-Fuchs wieder stehen, und er setzt ein hochwichtiges Gesicht auf.
-»Jungs,« sagt er, »jetzt müssen wir auf diesem graden Wege
-noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und links ist da wenig
-zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau über
-die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde
-einmal die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule
-verteilen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span></p>
-
-<p>»Ich!« &ndash; »Ich!« &ndash; »Ich!« &ndash; »Herr Doktor!« &ndash; »Herr
-Doktor!«</p>
-
-<p>»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung
-der Ameisen?«</p>
-
-<p>»Die Staatenbildung? Das ist schwer!«</p>
-
-<p>Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried.</p>
-
-<p>»Gut! Der Primus muß immer voran! &ndash; Wer redet
-aber dann über die Ameisenarbeiter im besonderen? &ndash;&nbsp;&ndash;
-Zum ersten! Zum zweiten! Zum&nbsp;&ndash;. Also Manning! &ndash;
-Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich
-aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! &ndash; Na?«</p>
-
-<p>Rohloff hält die Hand hoch.</p>
-
-<p>»Wer über die Nahrung der Ameisen? &ndash; Körer? Gut!
-Na, das ist aber dann auch genug. Na, nun los, Ernst
-Ehrenfried!«</p>
-
-<p>Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was
-am liebsten zu hören. Alle drängen sich heran und lauschen
-andächtig.</p>
-
-<p>»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs.
-»Etwas langsam sprechen und laut genug! Na, nun schieß
-mal los!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt
-in die Erde oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein
-etwa ein Dutzend Eier, die sich zu Larven entwickeln, bei der
-mangelhaften Nahrung aber, die ihnen die Mutter nur verschaffen
-kann, zu Arbeitern werden, das heißt: zu geschlechtslosen
-Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der
-nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in
-ihrem ganzen Leben nichts weiter als Eier legen. Aus
-diesen Eiern schlüpfen schon nach einigen Tagen kleine, weiße<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
-Larven aus, die von den alten Arbeitern fleißig gefüttert
-werden. Nach &ndash; ich weiß nun nicht mehr genau, Herr
-Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nach vierzehn Tagen etwa.«</p>
-
-<p>»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein;
-das sind dann die sogenannten Ameiseneier. Nach abermals
-vierzehn Tagen aber zerbeißen die Arbeiter die Puppen,
-und die junge Brut kriecht heraus; sie muß aber noch von
-den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen
-sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen
-erst aus den Eiern, die im Spätsommer gelegt
-werden. Die Männchen und Weibchen haben überhaupt
-weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art zu
-sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter
-den Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose
-Tiere; aber sie haben einen viel größern Kopf als die
-gewöhnlichen Arbeiter und einen furchtbar starken Oberkiefer.
-Das sind die Soldaten, die auf Ordnung sehen und
-bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen
-machen den Ameisenstaat aus.«</p>
-
-<p>»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor
-Fuchs. »Das verdient eine Nummer 1. Hat einer von
-der geehrten Festversammlung was dagegen?«</p>
-
-<p>»Nein! Nein! Nummer 1!«</p>
-
-<p>»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«</p>
-
-<p>»Ich,« sagt Manning.</p>
-
-<p>»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Ja!« &ndash; Der Junge räuspert sich noch einmal. &ndash;
-»Also, der Ehrenfried hat schon gesagt, daß die Arbeiter
-eben nur arbeiten. Sie haben den Arbeitstrieb, den wir<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span>
-Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn nicht
-haben.« &ndash; Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der
-Schalk im Nacken. &ndash; »Also, die Arbeitsameisen haben den
-Arbeitstrieb, und so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr
-bis abends um 10 Uhr. Und zwar besteht ihre Arbeit
-darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven zu
-füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das
-Nest zu bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal
-legen sie auch Straßen an, die von dem Neste aus strahlenförmig
-weggehen, und die immer nur der Ameisenkolonie
-gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend eine andere
-Ameise oder sonst ein Tierchen &ndash; auch der Mensch gehört
-zu diesen Tierchen &ndash; auf diesen Wegen betreffen läßt, so
-wird es unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen
-freilich nicht; der Mensch auch nicht. Dann müssen die
-Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln und verschließen
-und am Morgen wieder aufschließen. Das ist
-doch alles!«</p>
-
-<p>»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs
-schnell bei der Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm
-geben, Jungs?«</p>
-
-<p>»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.</p>
-
-<p>»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried
-hat doch gesagt, daß solche Ameisenmutter ihr Nest unter
-der Erde oder in einem Baumstamm oder unter einem
-Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses Nest
-oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«</p>
-
-<p>Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen:
-»Ja, die Kolonie wird doch immer größer, und was man
-so vom Ameisennest sieht, das sind immer so Nadeln und<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die sind so draufgeschleppt
-zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«</p>
-
-<p>»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. &ndash; Na,
-wer ist jetzt dran?«</p>
-
-<p>»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat
-ja nun schon alles über die Wohnung der Ameisen erzählt.«</p>
-
-<p>»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen!
-Na warte nur, für dich findet sich schon wieder etwas
-anderes! Aber, Körer ist uns noch was schuldig. Nicht
-wahr? Was war es denn?«</p>
-
-<p>»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles,
-was ihnen vor den Schnabel kommt. Sie fressen eben
-alle andern Insekten. Besonders gerne fressen sie auch die
-Larven von andern Insekten. Außerdem noch Raupen,
-Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch
-von den Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten
-einen Gänsekopf in einen Ameisenhaufen gepackt; den
-hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl gefressen. Schließlich
-sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen. Ach, das
-war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber
-geweint. Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen,
-sie kamen doch hinein.«</p>
-
-<p>Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte
-in Friedenau in einer Parterrewohnung. Da waren die
-Ameisen so arg, daß meine Tante ausziehen mußte.«</p>
-
-<p>»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit
-Tran und Teer beschmieren müssen. So haben wir sie
-weggekriegt.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich
-vom Leibe halten. Auch den Geruch von Petersilie mögen<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-sie nicht. Aber etwas hat Körer doch noch vergessen, oder
-er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie fressen nicht alles,
-was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie hegen und
-pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist
-eine kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon
-einmal einen Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter
-sind doch manchmal auf der Oberseite so klebrig.
-Dieses Klebrige nun, das mögen die Ameisen gern; das
-schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim
-Köckeritz neben Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben
-einen Holunderbaum im Garten. Ich habe erst gestern
-abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt wirklich wie
-Honig!«</p>
-
-<p>»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was
-das ist?«</p>
-
-<p>»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«</p>
-
-<p>»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in
-Wirklichkeit ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse
-haben nämlich solch Blatt einfach als ihren Appartement
-betrachtet, und, was der Achim Köckeritz da abgeleckt hat,
-das war einfach die Ausleerung der Schild- oder Blattläuse.«</p>
-
-<p>Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas
-herum; aber er meistert sich noch einmal und sagt bloß
-entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«</p>
-
-<p>Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.</p>
-
-<p>»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor
-Fuchs. »Ganz und gar ungefährlich! Na also, zu unserer
-Sache zurück! Um diese Blattlausausleerung immer zu<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-haben, postieren sich einige von den Ameisen neben die Tierchen
-und schützen sie vor ihren Feinden. Damit aber der schöne,
-süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen
-wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche
-Ställe. Sie leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst
-etwas über ihnen fest, und nun kann’s regnen, so viel es
-will, die Blattläuse sitzen eben dann im Trocknen. Man
-hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen
-genannt, weil sie diese &ndash; man möchte geradezu sagen &ndash;
-melken.«</p>
-
-<p>Da lachen die Jungen laut auf.</p>
-
-<p>»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und
-streicheln nämlich so lange mit ihren Fühlern an den Tierchen
-herum, bis die Blattläuse ihren Enddarm entleeren!«</p>
-
-<p>Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine
-Schlauheit! &ndash; Die Ameisen denken dann doch genau so
-wie die Menschen.«</p>
-
-<p>»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in
-seinem Garten um einen Baumstamm einen Teerring gezogen.
-Auf dem Baume saßen aber bei den Blattläusen
-noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm hinuntergeklettert
-kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden
-sie den Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten.
-Was machten sie da nun? Was meint ihr, Jungs?«</p>
-
-<p>»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine
-Brücke, daß die andern drüberkonnten!«</p>
-
-<p>»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim
-Angriff!«</p>
-
-<p>»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den
-Teerring geschleppt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span></p>
-
-<p>»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹
-waren eben die armen Blattläuse. Die Ameisen kriegten
-sie zu packen und klebten sie auf den Teerring, bis sie selber
-da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht, schlau sind
-die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann
-man sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen
-nützen.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-11">»Dieser Stein vom Seinestrande.«</h3>
-</div>
-
-<p>Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn
-hier fallen die Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange,
-lange bevor noch ein Germane mit Albrecht dem Bären
-wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er von
-jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland
-geschaffen und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da
-schneidet die Chaussee gerade den letzten Zipfel der hier
-niedriger auslaufenden Havelberge durch und wendet sich
-dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so
-später rechtwinklig auf die alte Berlin&ndash;Potsdamer Landstraße
-zu stoßen.</p>
-
-<p>Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem
-aufgeschütteten Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden
-Steinen eingefaßt ist. Zwischen diesen Steinen
-muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.</p>
-
-<p>»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.</p>
-
-<p>»Frage do’ nich so dumm!« &ndash; Fritze Köhn ist eben<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-ein zappeliger und schnell denkender Berliner. &ndash; »Damit
-keener runtersaust, wenn er ’n Schwips hat.«<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Bezecht ist.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun
-im Winter Schnee liegt? Dann sieht man doch die weißen
-Steine nicht!«</p>
-
-<p>Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter
-Schnee liegt?«</p>
-
-<p>»Schafsneese!«<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> wirft Fritze Köhn wieder mit größter
-Gemütsruhe ein. »Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß
-nicht! Ich würde sie weiß lassen. Wenn wirklich jemand
-da hinunterschlittert, dann fällt er bei so viel Schnee doch
-weich genug.«</p>
-
-<p>»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders,
-wenn man eine Fettschicht auf den Rippen hat.«</p>
-
-<p>»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut,
-»das ist ja bei dir der bloße Neid! Wenn du man&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die
-Glocke eines Fahrrades von hinten, und sofort brüllt
-einer: »Hurra!« Denn die beiden Männer, die mit ihrem
-Fahrrad herankommen, sind Offiziere. Jetzt bricht es geradezu
-betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr erregen und
-begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte sich
-in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit
-zu geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar
-durchgeflitzt. Als indessen das Hurra kein Ende nehmen<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span>
-will, da springt der letzte der beiden so stürmisch Gefeierten
-vom Fahrrade herunter. Er legt die Hand leicht an die
-Mütze. <em class="gesperrt">Der</em> Jubel nun erst! Das hätte sicher zwischen
-dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier
-gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest
-gegeben, und die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen
-müssen, wenn nicht gerade hier und in diesem
-Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der Chaussee
-weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die
-alte Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen
-Kiefernhang zu, den die Grunewaldwanderer das »Große
-Fenster« nennen.</p>
-
-<p>Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen
-Jahrhunderten die Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht
-da, von der Winterkälte in Eis geschlagen, von der Sommerhitze
-gedörrt, vom Sturme gepeitscht und gekappt, vom
-Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend und gedeihend
-und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen,
-weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem
-Riesenstamme stehen die Jungen staunend und bewundernd
-still; sie wandern herum und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht.
-Endlich treten sie auch näher hinzu. Vier Mann
-fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; aber der
-erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, so
-daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die
-beiden freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der
-ist wert, daß man hinauswandert und bei seinem Anblicke
-begreifen lernt, daß der magere Boden der sandigen Mark
-viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als man
-glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p>
-
-<p>Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in
-schweigender Betrachtung zu verweilen, besonders wenn
-hundert Schritte davon durch das spärliche, lispelnde Schilf
-das Wasser leise plätschernd an den flachen Strand heranzieht,
-und wenn dort drüben die Höhen des »Großen
-Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der
-Brust der Jungen Gedanken erwecken an Klettern und
-Stürmen. So zieht denn jetzt die fröhliche Jungenschar
-hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, her. Je
-weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die
-Linie seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und
-die allerkommunsten, aber für den unbefangenen Jungen
-doch seltsamsten Schneckengehäuse in reichlichster Fülle und
-verführerisch umhergestreut. Und die trockenen Rohrstengel
-müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie
-Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg
-und werden wieder fortgeworfen. Der und jener versucht
-auch einmal, wie weit man durch den schwammigen, wassergetränkten
-Ufersaum an die Havel selbst hinankommen kann.
-Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich
-elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen
-Schritten und mit hängenden Ohren den festen Sandboden
-wiederzugewinnen. Unterwegs macht er vielleicht noch
-einen Extrasprung; denn er wollte gerade in einen Kuhfladen
-treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.</p>
-
-<p>Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das
-alles laut und mit tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude;
-schließlich kommt er sogar zu der Behauptung: »Dunnerschock
-ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein walzen kannst!«</p>
-
-<p>Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
-Klaps kriegen soll, da wendet er sich blitzschnell und &ndash;
-rennt mit der Nase gegen einen aufgehobenen Arm.</p>
-
-<p>»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder
-kurz uff!« muß er schon wieder schimpfen. »Wat machst de
-denn mit de Vorderflosse hoch?«</p>
-
-<p>»Na, ich will die Enten zählen!« &ndash; Ein ganzes Heer
-von Kriekenten tummelt sich draußen auf dem Wasser.</p>
-
-<p>»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst!
-Det kann keener! Zähle die Kühe da! Bis zehn
-kommst de noch! Det macht Effekt un kost nischt!«</p>
-
-<p>Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So
-ziehen also auch schon im nächsten Augenblick wieder die
-Jungen friedlich ihrem Ordinarius nach, der gleich am Eingang
-des Cladower Sandwerders etwas nach rechts abbiegt.
-Hundert Schritte weiter nämlich ist &ndash; ein Stück
-von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im
-Jahre 1871 bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses
-Säulenpaar gerettet und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen,
-aber wundersam schönen Ecke des kieferndurchdufteten
-Havellandes wieder erstehen lassen. Märkischer
-Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und
-hat sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er
-&ndash; ein echter Brandenburger! &ndash; damit ausdrücken, daß er
-zähe festhalte, was er einmal in Besitz genommen. Auf
-der Wasserseite jedoch läßt er eine in das Mauerwerk eingelassene
-Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Dieser Stein vom Seinestrande,</div>
- <div class="verse indent0">hergepflanzt in deutsche Lande,</div>
- <div class="verse indent0">ruft, o Wanderer, dir zu:</div>
- <div class="verse indent0">Glück, wie wandelbar bist du!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p>
-<p>Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt
-nun doch noch: »Ist das alles?«</p>
-
-<p>»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst
-wohl noch eine Tasse Schokolade zu haben?«</p>
-
-<p>Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn.
-»Die nimmt der!« erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn
-so sachteken schläuer davon!«</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-12">Blattlaushumor.</h3>
-</div>
-
-<p>Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm
-zwischen Werder und Festland geht’s jetzt zurück und dann
-rechts ab auf ödem Sandwege zwischen Brombeergebüsch
-dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen die kurzen
-Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie
-keine Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch
-den Brandenburger Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie
-einsinken bis an die Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser
-hin, bis auf einmal scharf links die Pumpstation emportaucht
-und das bunte Gewimmel der Tische und Stühle in
-den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt
-der dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«</p>
-
-<p>»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken
-wollen! Das aber macht beim Marsche nur müde und matt.
-Hat einer noch etwas für den Dicken zum Trinken?«</p>
-
-<p>Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter
-Kaffee, Tee.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span></p>
-
-<p>»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm
-Wasser mit ’nem Schuß was drin.«</p>
-
-<p>»Aber,« &ndash; Doktor Fuchs sieht nach der Uhr &ndash; »wenn
-ihr wollt, Jungs, dann können wir hier noch fünf bis
-zehn Minuten lagern. So viel Zeit können wir dransetzen.«</p>
-
-<p>»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß
-faul!«</p>
-
-<p>»Wir wollen abstimmen!«</p>
-
-<p>Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden:
-er hat sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt.
-Und als die andern nur die Miene machen, auch
-einen Augenblick zu rasten, da legt er sich einfach ganz lang
-hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, so daß
-er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden
-liegt. Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom
-Paradetage, hat er in die aufgestützten Hände gelegt und
-blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäuglein zufrieden auf
-den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich eine kleine Schar,
-bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um ihn
-herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich
-an.</p>
-
-<p>»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu:
-»Wie ist denn das, Gebhardt, kannst du uns hier nicht
-photographieren?«</p>
-
-<p>Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter.
-»Jetzt ist zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«</p>
-
-<p>»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« &ndash; Doktor Fuchs schaut
-umher. &ndash; »Da unter dem Baum liegen wir im Schatten!«</p>
-
-<p>So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige
-dreißig Schritte weiter; da lagern sie sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p>
-
-<p>»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«</p>
-
-<p>»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar
-nicht her! Oder nur zum Baden!«</p>
-
-<p>»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden
-noch manches Schöne heute sehen! Was denn? Das
-glaubst du wohl nicht, Rogall?«</p>
-
-<p>»Doch!«</p>
-
-<p>»Na, warum lachst du denn?«</p>
-
-<p>Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt
-dann: »Der Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«</p>
-
-<p>»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal
-los, Sausig!«</p>
-
-<p>Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe
-den Rogall bloß gefragt, ob er den größten Automaten
-kennt!«</p>
-
-<p>»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«</p>
-
-<p>»Nein, nein! Kennen wir nicht!«</p>
-
-<p>»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man
-oben eine Scheibe einwirft, kommt unten ein Schutzmann
-raus!«</p>
-
-<p>Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während
-aber alle noch lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft:
-»Herr Doktor, ich weiß auch was!«</p>
-
-<p>»Na, dann gib’s zum besten!«</p>
-
-<p>»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner
-Junge mit der Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle.
-Und der Junge heult! Da kommt eine Frau und fragt
-ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ &ndash; ›Ja,‹ sagt er da,
-›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-will, soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt
-gar keiner!‹«</p>
-
-<p>Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die
-sich der Berliner ja immer plastisch vorstellt, ist an sich
-spaßig genug. Und das Lachen sitzt heute so locker!</p>
-
-<p>Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so
-daß alle erschrocken aufspringen: der kleine Heerhaufen
-nebenan ist mit lautem Aufschrei auseinandergeflogen. Die
-einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft haben, kriechen
-blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst richten sie
-sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen!
-Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin
-und wälzen sich auch vor Lachen und können da gar kein
-Ende finden. In der Mitte dieses soeben noch so idyllischen
-Schäferbildes aber, das jetzt freilich einer Szene aus dem
-Tollhause gleicht, da liegt ruhig der dicke Puntz und blinzelt
-aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz erschrocken um
-sich. In seiner Verlegenheit &ndash; denn er ist in großer Verlegenheit!
-Man sieht es ihm an! &ndash; in seiner Verlegenheit
-glotzt er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees
-hinaus, wo doch gar nichts zu sehen ist. Und trotzdem er &ndash;
-nun schon eine geschlagene Minute lang &ndash; noch kein Wort
-gesprochen, ist er dennoch der Urheber des ganzen Aufstandes.</p>
-
-<p>Da kommen die andern von drüben herübergesprungen:
-»Was ist denn los?« &ndash; »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« &ndash;
-»Warum lacht ihr denn? Mensch antworte doch!« &ndash; »Lache
-doch nicht so!« &ndash; »Warum lachst du denn?«</p>
-
-<p>So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort
-jedoch ist aus keinem herauszubekommen, bis sich schließlich
-Doktor Fuchs an den Dicken wendet. Der tut ja zwar auch<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-ganz sonderbar, aber immerhin scheint er noch der einzig ruhige
-und vernünftige Mensch in der ganzen Gesellschaft zu sein.</p>
-
-<p>»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was
-habt ihr denn da alle miteinander?«</p>
-
-<p>Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf,
-und dabei sagt er bedächtig und mit beinahe weinerlichem
-Gesicht: »Ja, ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor!
-Aber die fingen auf einmal alle an, an mir herumzustreicheln
-und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle und
-sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus.
-Und da &ndash; habe ich &ndash; da bin ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen.
-Er kann gar nicht mehr weitersprechen und stottert jetzt nur
-noch einmal ums andere: »Ich &ndash; ich &ndash; ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja« &ndash; jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt
-&ndash; »Herr Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!«
-Aber er muß doch wieder lachen und prustet plötzlich heraus:
-»Dem ist nur ein bißchen das Fell geplatzt!«</p>
-
-<p>Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der
-findet jetzt das richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat
-die Blattlaus beinahe zu natürlich gespielt! Aber er war
-nicht dran schuld! Wir haben ihn zu sehr gekitzelt!«</p>
-
-<p>Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste
-Lachen noch einmal los.</p>
-
-<p>Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und
-spaßigen Seite auf. »Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s
-ihnen man ordentlich! Das ist durchaus menschlich! Komm!
-Da laß dir also keine grauen Haare drum wachsen!«</p>
-
-<p>Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort.
-Jetzt lachte er sogar selber wieder mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ein</em> Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken
-noch außerdem gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde;
-das herzhafte Lachen, das allen das Zwerchfell wirklich
-einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt und ausgeschüttert
-hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie ein
-Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-13">Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.</h3>
-</div>
-
-<p>So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter
-weiter, an Belitzhof vorbei und nun ein Stückchen die
-Chaussee hin, vorüber an dem niedrig angelegten Mauerwerk
-der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von
-Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.</p>
-
-<p>Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs
-hinan. »Herr Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund
-meines Vaters bei uns. Da sind wir mit ihm hier
-nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem Schwedischen
-Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da
-sprang der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie
-er wie besessen: ›Ah, Sie saggen, daß Berlin ist nicht
-Festung! <em class="antiqua">Voilà des fortifications! Un fort! Un fort!</em>‹
-Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur
-die Wasserwerke sind.«</p>
-
-<p>»Ja« &ndash; Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen,
-und auch die Jungen schauen jetzt neugierig auf den
-niedrigen, roten Ziegelbau hinüber, der mit Erde bedeckt<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span>
-ist, so daß er in der Tat von der Bahn aus kaum zu sehen
-sein wird &ndash; »ja, das Ding sieht allerdings Kasematten
-nicht ganz unähnlich.«</p>
-
-<p>Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend
-wirklicher, frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise
-glauben könnten. Während man also über das Sandfeld
-halb rechts wegschreitet und an den ersten Villen von
-Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen Erzählungen
-von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine
-Schar herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks
-von Tertianern für die Schönheit dieser Villen und Gärten
-aus Tausend und eine Nacht. Nein, im Handumdrehen
-gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und
-folgt Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke
-schwenkt und seine Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.</p>
-
-<p>Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen
-Nische von üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen
-Kanzlers, und über die vorn abschließende Hecke weg
-schweift der Blick auf des Wannsees lichthelle Fläche hinunter,
-die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen hochragender
-Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln
-weiße Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht
-eine silberne Furche von dem Landungssteg unten hinüber
-nach dem Paradies des Schwedischen Pavillons. Majestätisch
-strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot wie ein
-mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel
-zu, die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei
-Cladow begrenzt wird. Von Süden her aber schimmert
-die weiße Fläche des »Kleinen Wannsees« herüber, und<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses lieblichste
-aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames
-Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit
-des sonst so verrufenen Brandenburger Landes.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« &ndash; Dem
-Dicken wird es so eigen im Magen, als man das schöngelegene
-Restaurant am Knie der Chaussee links liegen
-läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen
-schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber
-man hat schon so viel des Schönen gehabt, daß man
-vieles jetzt achtlos vor den Augen vorübergleiten läßt.</p>
-
-<p>Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der
-geräumigen Schanze, macht man wieder Halt. Da stehen
-unsre Jungen und lassen sich erzählen, wie die Dänen
-das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder Kadettenhauses
-steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig
-aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder
-deutsch wurde und der dänische Leu dem preußischen Adler
-nach der Mark folgen mußte. Während das starre Eisenauge
-früher nach Süden &ndash; nach Deutschland herüber &ndash;
-schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter
-hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief
-unten herum und an den Grotten des Aussichtsturmes
-hoch oben vorbei. Dann geht es flott weiter hinaus,
-hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch
-mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen
-Waldweg weg zur großen und wunderbar gepflegten
-Chaussee. Die steigt allmählich erst sanft an,
-führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite
-schiebt sich drüben endlich die von der Geschichte verklärte
-Pfaueninsel heran.</p>
-
-<p>Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen.
-Aber erst will man im Restaurant diesseits des Wassers,
-beim Vater Ehrecke, zu Mittag essen. Dieses Mittagessen
-ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch zehn Minuten
-fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem
-langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den
-Magen in die beste Stimmung zu versetzen.</p>
-
-<p>Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten
-Garten aus. Das ist ja für einen Jungen immer schon
-eine wichtige Sache. Man legt dabei das Ränzel ab;
-man kramt darin herum und &ndash; läßt auf einmal alles
-stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt,
-die Hühner nämlich.</p>
-
-<p>»Put! Put! Put!«</p>
-
-<p>Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt,
-während die ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in
-die Luft heben und langhalsig erst einmal zusehen, ob denn
-die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas ergattern
-können. Aber die Jungen wollen gerade <em class="gesperrt">alle</em> Hühner
-haben; denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz
-Sonderbares entdeckt: alle nämlich tragen Ringe wie die
-Menschen; freilich nicht an einem Finger, sondern am
-Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja
-das ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn
-meint, die mit dem Ring am linken Bein, die wären
-verlobt und die andern verheiratet. Da nun sein Urteil
-immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor
-Fuchs blitzt dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber
-er sagt nichts.</p>
-
-<p>Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein.
-»Ja, der Hahn da,« meint er bedächtig, »der ist auch noch
-verlobt! &ndash; Aber das ist doch ein windiger Bruder!«</p>
-
-<p>»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine
-drauf?«</p>
-
-<p>Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben
-schon verschiedne Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr
-einfach. Jeden ersten im Monat lege ich einige Ringe da
-neben den Futternapf, und alle die Hühner, die sich verloben
-wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring durch.«</p>
-
-<p>Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen
-nicht recht, sollen sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz
-aber forscht jetzt weiter: »Na, wenn sie sich aber nun
-verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den Ring auf die
-rechte Pfote?«</p>
-
-<p>»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte
-Bein gegen das linke aus!«</p>
-
-<p>Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,«
-ruft er, »Sie lügen uns aber heute ganz fürchterlich die
-Hucke voll!«</p>
-
-<p>»Na« &ndash; jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe &ndash; »nein,
-Jungens, nun seht mal her!« &ndash; Dabei holt er verschiedene
-Ringe aus der Tasche heraus. &ndash; »Solch Ring kann auf-
-und zugeknipst werden! So! Hier seht ihr auch eine
-Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses
-Jahr. &ndash; Seht ihr? &ndash; Solchen kriegt also ein Huhn, das
-von diesem Jahr ist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p>
-
-<p>Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist,
-interessiert es auch die Jungen nicht mehr, besonders da
-der Kellner jetzt auch etwas zu schnabulieren bringt. Da
-ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der sich sonst Ruhe
-und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke Puntz,
-und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich:
-»Je früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher
-wieder Appetit!«</p>
-
-<p><em class="antiqua">Exest colloquium.</em> Es war doch wohl ein strammer
-Marsch von den Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet
-die Freude aus dem gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit
-welchem Appetit man hier arbeitet. Das gefällt ihm, und
-so erzählt er beim Essen dem Doktor Fuchs und den Jungen
-noch manche Schnurre.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon
-sammelt sich erst vor Doktor Fuchs, der dann die Summe
-an den Kellner abführt.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-14">Aufregung von Anfang bis zu Ende.</h3>
-</div>
-
-<p>Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon
-ungeduldig geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus
-dem Lokal hinaussetzen. Doktor Fuchs will der erste sein.
-Er weiß wohl warum; man will sich jetzt zur Pfaueninsel
-übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen scharf achtgeben.
-Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt
-und taprig sind wie die jungen Puten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span></p>
-
-<p>An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar,
-aber sie warten doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß
-Doktor Fuchs seine ganze Lungenkraft gebrauchen muß, um
-die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser zurückzuhalten. Es
-hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das Fährboot ist
-gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein,
-da könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.</p>
-
-<p>Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da
-drängen die Jungen vor, und &ndash; wie kam das? &ndash; auf
-einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor Fuchs sieht gerade
-noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz zusammenschlägt.
-Im selben Augenblick springt ein anderer Junge
-nach. Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber
-reißt sich die Stiefel von den Beinen und den Rock vom
-Leibe. Jetzt steht er auch schon im Wasser und hat den
-Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim
-Köckeritz.</p>
-
-<p>Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber
-auch alles so schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst
-Ehrenfried sitzt auf den Steinen; neben ihm liegt der kleine
-Achim Köckeritz. Der kann ja gar nicht von dem Augenblick
-da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht Herzschlag?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich
-wie der Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich
-zu sein für seine Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen
-und rüttelt und schüttelt an ihm herum, während
-er den Kopf des Kleinen geradelegt und die schlaffen,
-kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die
-Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich;
-jede Muskel ist gelähmt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p>
-
-<p>Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem
-er einen Moment erst starr in den Himmel hineingesehen,
-richtet er sich plötzlich auf und ruft empört aus:
-»Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«</p>
-
-<p>»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«</p>
-
-<p>»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe
-ich gekriegt!«</p>
-
-<p>»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs
-oder nicht! Du hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s
-hübsch folgen! Dicker und Sausig, nehmt mal den Achim
-unter den Arm und führt ihn hinüber zu Vater Ehrecke!
-Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der
-allerbravste von allen! &ndash; So, und nun, meine Herrschaften,
-alle noch mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur
-einen Fuß aus dem Lokal hinauszusetzen!«</p>
-
-<p>So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor
-Fuchs dabei auf den Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen
-haben sich der Sachen erbarmt und bringen sie mit. Vater
-Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze Geschichte; er
-weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht
-mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so
-lange ins Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie,
-Herr Doktor, kriegen ein Paar Hosen von mir!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich,
-besonders in der Gegend, wo beim älteren Menschen
-sonst der Bauch zu sitzen pflegt. Als er damit wieder auf
-der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen erst leise und
-lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke Puntz
-kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag
-sollte Gebhardt uns doch photographieren!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p>
-
-<p>»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor
-sich hin. »Oben im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen,
-wollen wir mal zur Pfaueninsel hinüber. Da ihr aber gesehen
-habt, was alles vorkommen kann, so bitte ich mir jetzt
-die größte Ruhe und Ordnung aus!«</p>
-
-<p>Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man
-bummelt so über die Pfaueninsel weg, und alles Historische
-aus dem Leben des alten Kaisers erzählt da Doktor Fuchs.</p>
-
-<p>Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen
-vorüber; im großen und ganzen indessen scheint ihnen doch
-die Pfaueninsel zu ausgedehnt. Wer hätte denn auch gedacht,
-daß sich dieses scheinbar ganz kleine Fleckchen Erde
-so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel hinziehen
-würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas langstilig,
-und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter
-belebt auf einen Augenblick wieder das Interesse.</p>
-
-<p>Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs
-seine Jungen wieder dicht zusammen.</p>
-
-<p>»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte
-ich mir wieder Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich
-meinen Plan etwas. Ich wollte eigentlich mit euch oben
-auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem Herrn
-Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen
-mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir
-werden also auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden
-nicht gleich, sondern nachdem wir noch die kleine
-Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht haben!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs
-springt schnell einmal ins Haus hinein, um nach den beiden
-Patienten zu sehen. Die sind unter der Obhut der wackern<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-Hausfrau gut aufgehoben; sie sind dabei fröhlich und guter
-Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon schmecken lassen.</p>
-
-<p>So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß
-seine Jungen nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria
-treiben. Als er eben um die Ecke biegt, ruft der Herr
-Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, Herr Doktor! Ich
-habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben
-sich so sehr über mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch
-eine Photographie davon gönne!«</p>
-
-<p>So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg
-links hinauf, den Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald
-hin. Es ist ein wundersam lauschiger Weg. Plötzlich hebt
-sich die Peter-Pauls Kirche von Nikolskoi, wo die Gebeine
-Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.</p>
-
-<p>Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges
-und Neues dazu. Einige der Jungen stürmen die
-Treppe hinauf und sehen sich oben zu ihrer Überraschung
-auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur
-halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie
-unten andre Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr
-herumlaufen. Großes Hallo darob! Sogleich stürmen diese
-andern auf der entgegengesetzten Treppe herauf, während
-die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.</p>
-
-<p>Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem
-Gebhardt ruhig, er möchte seinen Apparat zurechtmachen.
-Hier soll photographiert werden. Das zieht die Jungen
-wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr sammeln
-sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden
-zu dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span>
-kleinen Gebhardt im Kopf davon werden; nur den Jungen
-nicht; denn wer den Lärm macht, der hört ihn gewöhnlich
-gar nicht.</p>
-
-<p>»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch
-Drewians Nase auf der Platte Platz? Wo stecken wir denn
-die sonst hin?«</p>
-
-<p>Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt
-er mit trocknem Humor. »Die is janz jut! Damit wird er
-nachher oben von Nikolskoi aus ’n bißken in der Havel angeln!«</p>
-
-<p>Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen
-ist, als um die Nasen gelaufen wurde. Während er aber
-immer sonst ein ruhiger Junge ist, der wenig sagt, jetzt hat
-er im nächsten Augenblick schon die richtige Antwort gefunden:
-»Die halte ich neben deine Hängebacken, Dicker!
-Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn,
-daß du dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«</p>
-
-<p>Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht,
-Dicker! Dein kleiner Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«</p>
-
-<p>»Du, halt die Luft an!«</p>
-
-<p>Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit
-deinem Stups viel besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.</p>
-
-<p>»Und Fritze Köhn kann sich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht
-hinein, dem er Übrigens ganz belustigt gelauscht hat.
-»Nun verfügt euch mal in die Türnische da! Nein, nein!
-So nicht! Die Kleinen vorn!«</p>
-
-<p>»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? &ndash; Ich will
-neben Sie!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Du!« &ndash; Die Rauferei soll wieder losgehen. &ndash; »Du
-läufst schon die ganze Zeit neben ihm. Ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span></p>
-
-<p>»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt
-der Ordinarius kräftig dazwischen.</p>
-
-<p>Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen:
-»Einen Augenblick! &ndash; Danke! Herr Doktor, darf ich schnell
-noch <em class="gesperrt">eine</em> Aufnahme machen?«</p>
-
-<p>Das ist im Handumdrehen geschehen.</p>
-
-<p>Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen
-sich jetzt die Jungen. Hier führen einige wie wild
-einen Indianertanz auf; dort fangen zwei an, sich zu raufen,
-und wieder andre sind an die Steinrampe der Rotunde
-vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner
-jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde
-breit ist, zu errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum.
-»Donnerwetter, Jungs! Seid ihr verrückt? Hier stehen
-wir an einer Kirche!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf
-nach dem Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem
-kiefernbestandenen Sandbuckel noch zwanzig Minuten weiter
-bis Moorlake, wo man auf der Chaussee unten an der
-Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken
-zurückzukehren.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-15">Beim Kaffeetrinken.</h3>
-</div>
-
-<p>Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater
-Ehrecke. Man sitzt in der Tat; denn die Beine haben heute
-doch schon so manches leisten müssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p>
-
-<p>Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke
-Puntz springt auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse
-erhebt sich zum Zeichen der Hochachtung!«</p>
-
-<p>Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der
-Klasse gewesen, wenn jemand einmal etwas ganz Besondres
-geleistet hatte. Grade deshalb auch lachen jetzt alle wieder
-so herzlich; sogar der Ordinarius, der nämlich eben mit
-Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür
-herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis
-jetzt hatten im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen.
-Fritze Köhn befühlt eben den Achim Köckeritz: »Biste denn
-schon trocken?«</p>
-
-<p>»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«</p>
-
-<p>Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche
-Ton gewesen. »Ja, seh ick ooch!« antwortet er schnell.
-»Brauchst nich jleich so zu schreien! Ick meente man bloß:
-hinter de Ohren!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag
-belegt worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen <em class="gesperrt">den</em>
-zöge er doch den kürzern.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs.
-»Nun wieder setzen! Stoß du da nicht an!« &ndash; Der
-Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne herum und
-gießt den Kaffee ein. &ndash; »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«</p>
-
-<p>Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen
-Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des
-<em class="antiqua">Dr.</em> Herrn Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat
-diesen Napfkuchen ein Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz
-selber wollte nicht, bis ihm der Fritze Köhn auf die Jacke
-gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen mißtest de<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet hat!
-Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m
-mer dich nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de
-Motten krist?<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> kriegst.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich
-auslachen lassen müssen; er hatte zwar noch was vor sich
-hingebrummt, aber den Napfkuchen, den hatte er doch dann
-seine zehn Minuten getragen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem
-Auge wachten dabei die Jungen darüber, daß
-ja auch die Teile gleich werden möchten. Da freilich Doktor
-Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so wagte ja kein
-Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer
-schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen
-zu können.</p>
-
-<p>»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind
-alle gleich! Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So saß man denn und trank und aß. Aber dabei
-hatte man immer noch Zeit, Gedanken und Zunge etwas
-spazieren gehen zu lassen.</p>
-
-<p>»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar
-wieder an, »den Kaffee, den trink mit Verstand! Det ’s
-’n ordentlich vierstrehniger!«<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> sehr stark.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«</p>
-
-<p>»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe
-steijen. Mancher wird furchtbar leicht brejenklietrig!«<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> verrückt.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p>
-
-<p>Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn
-geschwatzt.</p>
-
-<p>»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man
-halb soviel Kourage zum Schenken hätte, wie wir zum
-Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n Nappkuchen mit
-zur Schule geben!«</p>
-
-<p>»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten
-Fehler macht, kriegt zum Trost das größte Stück!«</p>
-
-<p>Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber
-nicht! Sonst muß ich mich sicher totkorrigieren!«</p>
-
-<p>Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da
-wollen wir lieber gar kein Extemporale mehr schreiben,
-Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz.
-»Kuchen vertragen wir schließlich auch so!«</p>
-
-<p>Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn
-wir kein Extemporale mehr schreiben!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am
-Ende der Tafel empört auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz
-hat mir eine Fliege in den Kaffee ge&ndash;ge&ndash;geschmissen!«</p>
-
-<p>»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.</p>
-
-<p>Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso
-schnell: »Na, so wat lebt nich und zappelt noch!«</p>
-
-<p>»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie
-zappelt noch!«</p>
-
-<p>»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder.
-»Der hat die Fliege angesungen!«</p>
-
-<p>»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt!
-Wahrhaftig!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span></p>
-
-<p>»Na ja,« &ndash; der kleine Köckeritz kann den Schalk im
-Nacken haben &ndash; »da ist ihr eben schlimm davon geworden,
-und da ist sie Hagen in den Kaffee gefallen!«</p>
-
-<p>Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen.
-»Was hat er denn gebrummt?« fragt man.
-»Sage doch mal!«</p>
-
-<p>Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt
-hat? Er hat die kleine Fischerin gesungen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">›Flieje du, du jroße!</div>
- <div class="verse indent0">Fall nich in de Sooße!</div>
- <div class="verse indent0">Fall nich in den Kaffeetopp,</div>
- <div class="verse indent0">sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem
-Fritze Köhn zu wie einem kranken Schimmel: »Fritze, mach
-mal weiter!«</p>
-
-<p>Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick
-bin do’ keen Quasselfritze!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher
-Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig,
-aber mit großer Aufmerksamkeit lauscht.</p>
-
-<p>»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«</p>
-
-<p>»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein
-Papa Doktor ist! Ich habe noch nie ’n Arzt gebraucht!«</p>
-
-<p>»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«</p>
-
-<p>»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat
-seine Frau gewohnt &ndash; jetzt ist sie tot! &ndash; die hat auch nie
-’n Arzt gehabt. Die ist so gestorben!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen
-Schluck läßt jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht
-er auf und spricht: »Obgleich es der dicke Puntz schon vor<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-mir getan hat, muß ich die Herren doch noch einmal bemühen.
-Wir erheben uns alle zum Zeichen der Dankbarkeit
-und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf
-das Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen
-spendiert hat!«</p>
-
-<p>Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel.
-Nur Hagen fragt noch nachher: »Muß man denn
-sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«</p>
-
-<p>»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze
-Köhn mit richtigem Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen
-ooch in Kaffee injestippt und nich in Bier!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen
-da, bis es etwa sechs Uhr geworden ist und man sich endlich
-zur Rückkehr nach dem Bahnhof Wannsee rüsten muß.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="fr-16">Heimkehr.</h3>
-</div>
-
-<p>Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel
-Uhr ist man auf Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später
-haben alle ihre Fahrkarte.</p>
-
-<p>Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt,
-die zum Tunnel hinunterführt.</p>
-
-<p>»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen
-sich die ersten sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest
-kommen«. So drückt sich Fritze Köhn aus. »So! Tretet
-nur da rechts hin!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p>
-
-<p>Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so
-kommt immer wieder die ganz erstaunte Frage: »Gehen
-wir denn nicht auf den Bahnsteig?«</p>
-
-<p>»Noch nicht! Abwarten!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die
-zum Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere
-Doef. Jetzt eben will der letzte mit seiner Fahrkarte an
-ihm vorüberstürzen.</p>
-
-<p>»Nee! Noch nich!«</p>
-
-<p>»Warum denn nicht?«</p>
-
-<p>»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«</p>
-
-<p>»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da
-kommt der Zug!«</p>
-
-<p>»Halt!« &ndash; Doef hat den Jungen mit eisernem Griff
-gepackt. &ndash; »Wir stehen doch alle noch da drüben!«</p>
-
-<p>»Au, Mensch, bist du verrückt?«</p>
-
-<p>»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß
-er zurückfliegt und sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt,
-zum unendlichen Gaudium aller derer, die das mit angesehen
-haben.</p>
-
-<p>»Ja, aber &ndash; aber&nbsp;&ndash;« &ndash; damit rappelt sich der
-dumme Peter wieder auf &ndash; »warum fahren wir denn
-nicht mit dem Zug?« &ndash; Er sieht die andern Jungen und
-tritt schnell zu ihnen hinüber.</p>
-
-<p>»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs
-bedächtig. »Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam
-und ist jedenfalls schon leidlich voll. Eigentlich aber müßte
-ich jeden von euch in einen Wagen besonders stecken; da
-das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle zusammen in
-einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
-andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte
-ich mir aus, daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz
-Radau macht. Kommt’s zum Streit und zur Beschwerde,
-so habt <em class="gesperrt">ihr</em> immer unrecht, und das Publikum kriegt Recht!
-Merkt euch das!«</p>
-
-<p>»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«</p>
-
-<p>»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat
-Zeit, seine Jungen unterzubringen. Aber diese Jungen, die
-eben noch sanft wie die Lämmer auf dem Bahnsteig standen,
-die sind auf einmal wie die Wilden, als sich die Wagentür
-vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein
-Konzert an!</p>
-
-<p>Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert
-und schaudernd an dem Wagen vorüber.</p>
-
-<p>»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten
-Abteil wie ein Rasender herum. »Immer feste!
-Dann kommt keiner mehr rein!«</p>
-
-<p>Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her
-vor. »Donnerwetter, Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst
-den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt und wir sind in
-Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr wollt.
-Wo ist unser Feldwebel?«</p>
-
-<p>»Hier!« &ndash; Aus der einen Ecke taucht Doef empor.</p>
-
-<p>»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«</p>
-
-<p>Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen.
-Schließlich aber sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja«
-sagt, dann &ndash; weiß Doktor Fuchs &ndash; kann er sich auf ihn
-verlassen; denn schon muß er wieder fort, da eben hinten
-der Spektakel von neuem angeht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p>
-
-<p>»Du, Doofkopp!«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das
-Wort. »Haste’t jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns
-also ruhig ’n bißken Radau machen lassen!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Doof = taub, dumm.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich
-schweren Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«</p>
-
-<p>Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt.
-Und als jetzt einer vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber
-den Doef raus!« da sind alle dabei und fassen zu.</p>
-
-<p>Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft
-ihres Feldwebels ganz elend unterschätzt. Im nächsten
-Augenblick sind die neun Jungen, die doch eben noch vor
-ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden, ein unentwirrbarer
-Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem
-es stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis
-auf einmal diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen
-und Dröhnen ein paar Tertianer an die Seitenwände und
-auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt sich aus der Flut empor
-wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf seinen Beinen.</p>
-
-<p>Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil
-heran. »Gott im Himmel! Hier ist wohl Mord und
-Totschlag? Was ist denn los?«</p>
-
-<p>Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem
-Fenster zunächst. »Wat hier los is? Meine Hosendräjer
-sint los! Weiter nischt!«</p>
-
-<p>Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter,
-Jungs, was macht ihr denn nun schon wieder?«</p>
-
-<p>Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der
-&ndash; der &ndash; Doef, der macht ’n wilden Mann!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p>
-
-<p>Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt.
-»Ja,« verteidigt er sich, »ich &ndash; ich wollte es mit
-Maßen und die nicht!«</p>
-
-<p>Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber
-entscheidet er kurz: »Wir wollen mal den Ring hier sprengen.
-Fritze Köhn und du, ihr geht ganz nach hinten! Puntz und
-Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und du nebenan!
-Doef bleibt mit euch beiden hier!«</p>
-
-<p>Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als
-sich aber jetzt der Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall
-von neuem los. Doktor Fuchs indessen sagt vorläufig
-nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die Fahrgeschwindigkeit
-wieder verlangsamt. Da erst schreitet er
-die ganze Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen:
-»Nikolassee jetzt! Also Ruhe im Saal!«</p>
-
-<p>»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu.</p>
-
-<p>Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt
-man an zu kichern und zu lachen. Weshalb? Warum?
-Worüber? Wenn die Jungen <em class="gesperrt">das</em> sagen könnten! Man legt
-sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den Nachbar
-nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter die
-kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende
-ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und
-lacht wieder, bis sich der Zug von neuem in Bewegung setzt
-und man zu denen ans Fenster stürzt, die da inzwischen
-Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr hereinkam.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor
-Fuchs selber zu sich genommen hatte. Der Junge saß da
-wie versteinert; er sah zum Fenster hinaus und tat, als
-wenn er gar nicht hörte, daß der kleine Achim Köckeritz von<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein ganzes
-Pfund Butter aufgefressen hatte.</p>
-
-<p>»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen
-schweigsamen Nachbar, »du hast wohl gar nicht gehört, was
-ich erzählt habe?«</p>
-
-<p>»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet
-mit dem ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange
-nich so jelacht! Weißt du aber auch, wie Lack dekliniert wird?«</p>
-
-<p>»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch
-etwas schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut.</p>
-
-<p>»Na, mache mal!«</p>
-
-<p>»Der Lack, des Lacks, dem Lack&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na, siehste woll! <em class="gesperrt">Demlack!</em><a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> Det stimmt janz jenau!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Demlack = Dummkopf.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch
-Doktor Fuchs lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus.
-Er sogar nicht zum wenigsten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich
-in einer Ecke recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar
-so, als wollte er ein Schläfchen riskieren. Er hätte auch
-gar nicht nötig gehabt, zu seinem Nachbar zu sagen: »Du,
-höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich Straße
-wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und
-nicht erst auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder
-Station vorher. Und deren Reihe war lang.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen
-Appetit gestillt und sich auf das Sofa hatte fallen lassen,
-um seine Erlebnisse bequemer zu erzählen, da schlief er doch
-immer schon halb dabei ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span></p>
-
-<p>»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den
-Köckeritz, den hat Fuchs aus dem Wasser geholt! &ndash; Aber
-eigentlich war’s Ehrenfried!«</p>
-
-<p>»Was?« &ndash; Vater und Mutter rücken dem Jungen
-näher. &ndash; »Wen hat er aus dem Wasser geholt?«</p>
-
-<p>»Ja, die dachten vielleicht &ndash; ich war &ndash; eine Blattlaus!
-Aber &ndash; ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie? &ndash; Was? &ndash; Junge, du schläfst ja schon!«</p>
-
-<p>»Ja! Seine Hosen &ndash; waren auf &ndash; Vater Ehreckes
-&ndash; Schmerbauch &ndash; eingerichtet, und den haben &ndash; sie dann
-in die Brennesseln &ndash; gesetzt &ndash; und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wen? Was?« &ndash; Alles um den Jungen herum lacht
-laut auf. &ndash; »Den Schmerbauch?«</p>
-
-<p>Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des
-Sofas zurückgesunken und &ndash; schläft.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren,
-um erst den Achim Köckeritz und dann den Ernst
-Ehrenfried persönlich abzuliefern. Dem letzteren öffnete
-seine mutige Tat draußen an der Fähre zur Pfaueninsel
-bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer
-Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein
-Leben zu bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in
-der höchsten Not so edel angenommen haben, einst mehr
-zu helfen, als nur mit »2 <em class="antiqua">m</em> Schottisch!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen:
-»Gott sei Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen
-war und nach diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein
-Haupt zur Ruhe legen konnte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak box" id="Sonnabend">Sonnabend:<br />
-Ferien.</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span></p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und
-instinktiv nach der Uhr griff, war es acht.</p>
-
-<p>»Donnerwetter ja!« &ndash; Ein blasser Schrecken durchzuckte
-den Jungen; doch ebenso schnell war die Erlösung
-da: »Ach, es sind ja Ferien!«</p>
-
-<p>Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen
-zurückfallen ließ! Ja, diese Wonne mußte man fühlen!
-Er fühlte sie; <em class="gesperrt">er</em> durchkostete sie; er <em class="gesperrt">erhöhte</em> sie sich
-dadurch, daß er noch einmal an die Partie von gestern
-dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten
-oder doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er
-jetzt im Bette liegen bleiben und etwas lesen oder lieber
-aufstehen sollte, um so die Ferien mit noch größerem Bewußtsein
-und mit noch größerem Behagen zu genießen.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">dem</em> Augenblicke fiel gerade unter seinem Fenster
-ein erster Schlag und Bums! Und wieder Bums und Schlag!
-Und Bums um Schlag! Und Schlag um Bums!</p>
-
-<p>»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los,
-Junge?«</p>
-
-<p>»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?«</p>
-
-<p>»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor
-dem Fest darf an jedem Tage geklopft werden!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span></p>
-
-<p>»Auch schon so früh?«</p>
-
-<p>»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf
-und mache etwas schnell dabei!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er
-sich also wirklich dazu. Und ein halbes Stündchen später
-&ndash; heute ließ er sich mehr Zeit als sonst! &ndash; saß er am
-Frühstückstisch.</p>
-
-<p>»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend
-nämlich hast du nur Unsinn geredet!«</p>
-
-<p>»Ich? Unsinn? Wann denn?«</p>
-
-<p>Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage
-entgegen und wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?«</p>
-
-<p>»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach
-werde ich euch mal die ganze Partie erzählen! Wenn
-Papa auch dabei sein kann!«</p>
-
-<p>»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber
-dann werde ich mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden
-müssen; denn morgen und übermorgen fahren wir
-alle zu Onkel Fritz nach Fürsten&ndash;. Na nu? Was ist
-denn los, Junge?«</p>
-
-<p>Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen
-wollte, hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer,
-so daß die Mutter erschrocken dazwischenfahren muß:
-»Junge, die unten! Die müssen ja denken, die Decke kommt
-runter!«</p>
-
-<p>»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen:
-›Ick frei mir nur so!‹ Wann fahren wir denn weg,
-Mama?«</p>
-
-<p>»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst
-heute vormittag noch gleich deine Schularbeiten machen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p>
-
-<p>»Mama!« &ndash; Das Gesicht des Jungen strahlt, als
-hätte er die Butter nicht auf seine Schrippe, sondern auf
-seine Pausbacken geschmiert. &ndash; »Mama! Wir haben ja <em class="gesperrt">gar</em>
-nichts auf! Das war überhaupt die feinste Woche, die ich
-in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste!
-Und nun noch die Ferien dazu!«</p>
-
-<p>»Ja, was aber nun?«</p>
-
-<p>»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was
-sich heute noch machen läßt!«</p>
-
-<p>»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten
-oder repetieren!«</p>
-
-<p>»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze,
-schöne Woche so verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama!
-Aber ich meinte nur, so würde Fritze Köhn sagen. Ach, es
-ist doch zu schön!« &ndash; Der Dicke griff dabei nach der
-dritten Schrippe. &ndash; »Aber halt! Mama, was meinst du?
-Bin ich gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen?
-Sage es mal ganz offen und ehrlich! Ich muß es wissen!«</p>
-
-<p>Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du
-gesund bist? Na, ich hoffe doch! Junge, wie kommst du
-denn überhaupt auf eine solche Frage?«</p>
-
-<p>»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie
-von gestern nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor
-Fuchs eine Postkarte schreiben. Das brauche ich also nicht!
-Das ist jedenfalls nur für Ehrenfried und Köckeritz!«</p>
-
-<p>Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse
-lachen: »<em class="gesperrt">Du</em> brauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du
-müßtest gerade schreiben, daß du einen fürchterlichen Appetit
-entwickelst!«</p>
-
-<p>»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner dritten<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
-Schrippe, »ich höre jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich
-noch frühstücken, ehe ich zu Zeidler gehe!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das tat er denn auch.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner!
-Hätte er aber einen modernen Tertianer gekannt
-und zum Beispiel den dicken Puntz nach dieser »feinen
-Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber verbessert
-und geschrieben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Alles in der Welt läßt sich ertragen,</div>
- <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">sogar</em> eine Reihe von schönen Tagen!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Vom gleichen Verfasser erschien im gleichen Verlage:</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Mit Gott für König und Vaterland!</p>
-
-<p class="center">Erlebnisse eines preußischen Jungen. ▣ Von <b>F. Pistorius</b>. ▣</p>
-
-<ul class="nodeco">
-<li>Band I: <b class="larger">Das Unglücksjahr 1806.</b> 3. Aufl.</li>
-<li>Band II: <b class="larger">Preußens Erwachen 1807/09.</b> 2. Aufl.</li>
-<li>Band III: <b class="larger">Das Volk steht auf! 1813.</b> 2. Aufl.</li>
-</ul>
-
-<p class="center">Prächtige Geschenkbände mit buntfarb. Titelbild und Karten <em class="antiqua">à</em> 4 M.</p>
-
-<p class="center">▪ Jeder Band ist ein abgeschlossenes Ganzes. ▪</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Urteile (über die Bände I&ndash;III)</em>:</p>
-
-<div class="figright illowp40" id="illu-180">
- <img class="w100" src="images/illu-180.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<p>Das ist ein herrliches Buch für unsere deutsche Jugend. Es erzählt
-die Schicksale der Söhne des Prenzlauer Gutsbesitzers Pistorius,
-Fritz und Traugott, die mit
-jugendlichem Heldenmut in den
-Zeiten der tiefsten Erniedrigung
-Preußens ihrem König und
-Vaterlande dienen, der eine als
-tapferer Offizier, der jüngere
-als Kundschafter und Lazarettgehilfe.
-Es ist alles mit dramatischer
-Lebendigkeit und mit
-peinlicher historischer Treue erzählt.
-Unseren Jungens werden
-die Augen leuchten und die
-Herzen glühen, wenn sie diese
-von flammender Vaterlandsliebe
-zeugenden Berichte aus Deutschlands
-schmachvoller Zeit lesen,
-die mit dem Anbruch der großen
-Freiheitsbewegung eindrucksvoll
-schließen. Wir vermuten wohl
-richtig, daß der Verf. für diese
-lebendigen Schilderungen sein
-Familienarchiv hat benutzen
-können.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Christl. Bücherschatz.</b>
-</p>
-
-<p>Pistorius erzählt uns in seiner glühenden Schreibweise aus der
-schwersten Zeit unseres deutschen Vaterlandes. Doch nicht uns &ndash;
-sondern seinen Jungen erzählt er! Aber wie er erzählt! Wir glauben
-uns bei der Lektüre in die Stube des Erzählers versetzt, glauben seine
-Stimme zu vernehmen. Und so wie Pistorius die Ereignisse des denkwürdigen
-Jahres erzählt hat, so hat er sie auch niedergeschrieben &ndash;
-<em class="gesperrt">flott</em>, <em class="gesperrt">anschaulich</em>, <em class="gesperrt">lebendig</em>, <em class="gesperrt">packend</em>, alles in allem &ndash; ein echter
-Pistorius!</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Tägliche Rundschau, Berlin.</b>
-</p>
-
-<p>An überirdischen Idealgestalten berauscht sich wohl die Jugend,
-aber der Rausch verfliegt bald; dieser märkische Junge ist von so gutem,
-nüchternem Schrot und Korn, daß man nur wünschen möchte, unsere
-moderne Jugend nähme sich Traugott Pistorius zum Exempel.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Professor L. Freytag im »Pädagogischen Archiv«.</b>
-</p>
-
-<div class="figright illowp40" id="illu-181">
- <img class="w100" src="images/illu-181.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<p>Pistorius wollte der deutschen
-Jugend es ermöglichen,
-die furchtbar schwere und dann
-herrlich ausklingende Zeit mitzuerleben.
-Das ist ihm auch
-in hervorragender Weise gelungen.
-Die Verknüpfung der
-Lebensschicksale seines Helden
-mit den Generalen Blücher,
-Bülow, York, mit der Lützowschen
-Freischar (Theodor Körner)
-zeigt die Geschicklichkeit
-des Schriftstellers. Die ganze
-Schwere des Druckes, der auf
-dem preußischen Volke gelagert
-hat, wird deutlich in den Wirkungen,
-die er ausübt. So ist
-es ein Buch, das nicht nur der
-Jugend Interesse abgewinnt,
-sondern auch den Mann ergreift.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Die Reformation.</b>
-</p>
-
-<p class="h2">Fritz Pistorius:</p>
-
-<p class="noind s120"><span class="u"><b>Von Jungen, die werden.</b></span></p>
-
-<p class="center">Neue Geschichten ::<br />
-vom Doktor Fuchs.</p>
-
-<p class="center">Zweite Auflage. :: Mit Buchschmuck. :: Gebunden 3 M.</p>
-
-<p>Fröhlicher, glücklicher Schulhumor leuchtet auch aus diesem
-neuen Pistorius-Buch.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Reclams Universum.</b>
-</p>
-
-<p>Wer nach der Lektüre der früheren Bücher gedacht haben
-sollte, daß das Thema nun erschöpft sei, wird mit Staunen sehen,
-daß Pistorius hier noch 25 neue Schulfälle sozusagen aus dem
-Ärmel schüttelt, und dazu so interessante, wie das Kapitel vom
-Pumpgenie, von der Ehrlichkeit, zu der ein flunkernder Schüler
-erzogen wird, vom neugebackenen Tertianer, von den Schülertypen
-des langsamen und dummen Kerls, des genialen und des
-liederlichen und des Wildlings.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Reichsbote.</b>
-</p>
-
-<p>Ein frisches frohes Buch, den Freunden der Jugend und
-dieser selbst zur Freude und Erquickung geschrieben.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Mainzer Journal.</b>
-</p>
-
-<p class="noind s120"><span class="u"><b>Eine feine Woche!</b></span></p>
-
-<p class="center">Mit Titelbild und Einbandzeichnung.
-Dritte Auflage. Stattlich gebd. 3 M.</p>
-
-<p>Ich habe das Buch, oder vielmehr das Buch hat mich nicht
-losgelassen, bis ich es ganz gelesen hatte. Das ist so recht etwas
-für unsere Jungen! <em class="gesperrt">Das</em> Buch werden sie verschlingen. Die Probe,
-die ich mit einigen Schülern machte, bestätigte meine Ansicht:
-bald wurde ich von den andern bestürmt, es ihnen auch zu leihen.
-Das ist nur natürlich, denn die geschilderten kleinen Leiden und
-Freuden unserer Schuljugend sind so unmittelbar aus dem Leben
-gegriffen und so launig und fesselnd erzählt, daß jeder Schüler
-sich sagen muß: das hat einer geschrieben, der Verständnis für
-uns Pennäler besitzt. Ich bin übrigens überzeugt, daß das Buch
-in den Klassenbibliotheken zu den begehrtesten gehören wird.</p>
-
-<p class="mright">
-Gymnasial-Oberlehrer <b><em class="antiqua">Dr.</em> Hermann.</b>
-</p>
-
-<p class="h2">Auf der Wildbahn.</p>
-
-<p class="center">Ferienabenteuer in deutschen Jagdgründen.</p>
-
-<p class="center">Für Jung und Alt nach eigenen Erlebnissen erzählt</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="center"><b>A. Becker.</b></p>
-
-<p class="center">Mit 9 Vollbildern und 18 Textillustrationen
-von Professor Woldemar Friedrich.</p>
-
-<p class="center smaller">Mit einem Situationsplan.</p>
-
-<p class="center">
-Neue billige Ausgabe, prächtig gebd. 5.50 M.<br />
-Ausgabe mit getonten Bildern gebd. 7 M.
-</p>
-
-<p>Das ist <em class="gesperrt">ein Knabenbuch, wie es kaum seinesgleichen gibt</em>.
-So frisch und froh und spannend, daß einem der Atem fast stillsteht
-vor Erwartung, und doch frei
-von nervenreizender Aufregung
-erzählt es.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Daheim.</b>
-</p>
-
-<div class="figright illowp40" id="illu-183">
- <img class="w100" src="images/illu-183.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<p>»Bitte wieder so eines!«
-Mit diesen Worten, die eine
-schlichte Schülerkritik enthalten,
-gab der erste Entleiher das
-Buch zurück.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Professor Dr. Thomas</b>-Ohrdruf.
-</p>
-
-<p>In dem vorliegenden Buche
-sehen wir den <em class="gesperrt">deutschen Wald</em>
-mit allem, was in ihm lebt&nbsp;…
-Verfasser erweist sich als ein
-Meister der Darstellung; köstlicher
-Humor wechselt ab mit
-sachkundiger, von jeder Schulmeisterei
-sich fernhaltender Belehrung.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Professor Dr. K. Kraepelin</b>-Hamburg<br />
-im »Hamburg. Correspondent«.
-</p>
-
-<p>Mein eigenes Urteil genügte mir nach dem Lesen des Buches noch
-nicht. Darum wendete ich mich an zuständigere Richter: ich gab es
-meinen Jungen. Die haben sich darum gerissen! Damit hat »Rom«
-gesprochen.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Fr. Seiler</b>-Wernigerode<br />
-in der »Täglichen Rundschau«.
-</p>
-
-<p>Meine Jungen haben noch keine Erzählung mit solchem Eifer
-gelesen, auch nicht den Lederstrumpf, wie diese Jagdgeschichten aus der
-Heimat.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Hannoversches Sonntagsblatt.</b>
-</p>
-
-<p>… Ich habe »Auf der Wildbahn« gelesen, von Anfang bis zu
-Ende, mit stiller Freude und wachsendem Frohgefühl. Das ist ja ein
-wunderbar schönes Buch.</p>
-
-<p>Drei Jungen, wackere, prächtige Jungen, oder richtiger Jünglinge
-sind es, die während der Ferien und oft auch an den Sonntagen Stadt-
-und Schulluft hinter sich lassen, um ein benachbartes, wald- und wasserreiches
-Landgut aufzusuchen. Wie sie nun da unter Führung eines
-wackeren Weidmannes, einer herrlichen Idealgestalt, eines Helfers in
-allen Nöten &ndash; ach, und sie geraten in mancherlei Not &ndash; die Natur
-kennen und lieben lernen, wie sie sie belauschen in ihrer geheimnisvollen
-stillen Tätigkeit, wie ihr wunderbares Leben ihnen offenbar wird, wie
-sie durch mancherlei kleine, frohe Abenteuer, viele heitere Jagderlebnisse,
-Wanderungen und Fahrten immer mehr mit dem Walde verwachsen,
-wie er im erwachenden Lenzesleben, in seiner Sommerpracht, im Herbstrauschen
-und im Winterzauber immer den gleichen Reiz auf sie ausübt,
-wie das alles nun so allmählich in ihr Herz wächst und sie an Körper
-und Geist gesund und stark und groß und frei macht &ndash; das ist alles so
-einfach, so schön, so natürlich, mit so liebenswürdigem Humor erzählt,
-daß man sich gar nicht davon losreißen kann.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Hermann Brandstädter</b>,<br />
-Verf. von »Wie Friedel eine Heimat fand«, »Erichs Ferien« usw.
-</p>
-
-<p>… Ich möchte den Knaben oder jungen Mann kennen lernen,
-dem das Buch nicht gefällt … Ganz aus dem Geiste eines geweckten
-Knaben geschrieben, zählt die Jugendschrift zu den besten, die mir seit
-Jahren zur Kritik vorgelegen haben&nbsp;…</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Franz Woenig</b>, Lit.-Kritiker des »Leipziger Tageblatt«.
-</p>
-
-<p class="h2">Homers Ilias.</p>
-
-<div class="figright illowp25" id="illu-185a">
- <img class="w100" src="images/illu-185a.jpg" alt="Homer" />
-</div>
-
-<p>Neue metrische Übersetzung
-von Professor <b>Hans Georg Meyer</b>.</p>
-
-<p>Mit 24 Kopfleisten von <em class="gesperrt">Hans Krause</em>.</p>
-
-<p>:: Hochelegant gebunden 5 M. 50 Pf. ::</p>
-
-<p>So erschließt Hans Georg Meyer, Professor am Grauen Kloster
-zu Berlin, als erster das vollgültige Bild der gewaltigen Dichtung &ndash;
-dem erwachsenen Leser zur lichten Freude, dem jugendlichen zur Begeisterung,
-die für den Urtext das Verständnis bereitet, das unter der
-Schwierigkeit der schleppenden Lektüre bisher meist verloren ging.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Königsbg. Hartung’sche Zeitung.</b>
-</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Als Übersetzer Homers</em> wird für den deutschen Leser <em class="gesperrt">künftig
-nur Meyer in Betracht kommen</em>. Mit Vergnügen und mit naiver
-Hingabe erfreut sich die Jugend des Zaubers der Sprache in dieser
-Übersetzung.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Preußische Jahrbücher.</b>
-</p>
-
-<p>Hier spricht ein Dichter zu uns, der sich vollständig in die Welt
-Homers einzuleben verstand und in eigenartig packender Sprache die
-Kämpfe um Troja vor Augen zaubert.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Das XX. Jahrhundert.</b>
-</p>
-
-<p>Alle Nebentöne, an denen die <em class="gesperrt">Ilias noch reicher</em> als die Odyssee
-ist, kommen zum Erklingen.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>A. D. B. Zeitschrift.</b>
-</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">leuchtender Schönheit</em> ist die unsterbliche Weltdichtung in
-dieser Bearbeitung wiedererstanden. Die Verse sind von herrlichem
-Klang, und die straffere Zusammenfassung ist eine wahre Wohltat. Wie
-in neuem Gold geprägt erscheint die alte liebe Voßübersetzung in diesem
-metrischen Meisterwerk.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Detlev v. Liliencrons’s Literarischer Jahresbericht.</b>
-</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-185b">
- <img class="w100" src="images/illu-185b.jpg" alt="Aus Ilias" />
-</div>
-
-<p class="center smaller p2">Druck von Trowitzsch &amp; Sohn, Berlin <em class="antiqua">SW</em> 48.</p>
-
-<hr class="chapter x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Folgen von Gedankenstrichen und die Darstellung der Ellipsen
-wurden vereinheitlicht.</p>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>EINE FEINE WOCHE!</span> ***</div>
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-</div>
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-Defect you cause.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
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-
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-Most people start at our website which has the main PG search
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-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/drop-a.jpg b/old/67251-h/images/drop-a.jpg
deleted file mode 100644
index 0ba73ea..0000000
--- a/old/67251-h/images/drop-a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/drop-d.jpg b/old/67251-h/images/drop-d.jpg
deleted file mode 100644
index e36407d..0000000
--- a/old/67251-h/images/drop-d.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/drop-j.jpg b/old/67251-h/images/drop-j.jpg
deleted file mode 100644
index 04d2447..0000000
--- a/old/67251-h/images/drop-j.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/drop-n.jpg b/old/67251-h/images/drop-n.jpg
deleted file mode 100644
index 0ab149b..0000000
--- a/old/67251-h/images/drop-n.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/drop-u.jpg b/old/67251-h/images/drop-u.jpg
deleted file mode 100644
index 675c0f2..0000000
--- a/old/67251-h/images/drop-u.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/illu-001.jpg b/old/67251-h/images/illu-001.jpg
deleted file mode 100644
index 86d5497..0000000
--- a/old/67251-h/images/illu-001.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/illu-180.jpg b/old/67251-h/images/illu-180.jpg
deleted file mode 100644
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/illu-181.jpg b/old/67251-h/images/illu-181.jpg
deleted file mode 100644
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/illu-183.jpg b/old/67251-h/images/illu-183.jpg
deleted file mode 100644
index 4d84376..0000000
--- a/old/67251-h/images/illu-183.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/illu-185a.jpg b/old/67251-h/images/illu-185a.jpg
deleted file mode 100644
index b7e02a0..0000000
--- a/old/67251-h/images/illu-185a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67251-h/images/illu-185b.jpg b/old/67251-h/images/illu-185b.jpg
deleted file mode 100644
index 5382d76..0000000
--- a/old/67251-h/images/illu-185b.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ