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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 06:38:13 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Eine feine Woche! - -Author: Fritz Pistorius - -Release Date: January 27, 2022 [eBook #67251] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE FEINE WOCHE! *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration: Zu Seite 117.] - - - - - Eine feine Woche! - - Von - - Fritz Pistorius - - Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«. - - Dritte Auflage. - - Berlin. - - Trowitzsch & Sohn. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - =Montag=: Paradeferien 5 - - =Dienstag=: Nachmittag frei 25 - - =Mittwoch=: Die schönste Enttäuschung 41 - - =Donnerstag=: Ein recht bewegter Vormittag. - - 1. ~Sic me servavit Apollo~ 53 - - 2. Strafe muß sein! 57 - - 3. Zu langstilig und zu kurzstielig 62 - - =Freitag=: Die Klassenpartie. - - 1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie 71 - - 2. Vorfreuden 76 - - 3. Ein armer Junge 80 - - 4. 2 ~m~ Schottisch 89 - - 5. Edler Wettstreit 95 - - 6. Würden und Ämter 102 - - 7. Der Überfall am Pechsee 107 - - 8. Auf hoher Warte 114 - - 9. Brennesseln und Regenwürmer 116 - - 10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen 129 - - 11. »Dieser Stein vom Seinestrande« 140 - - 12. Blattlaushumor 145 - - 13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel 150 - - 14. Aufregung von Anfang bis zu Ende 155 - - 15. Beim Kaffeetrinken 161 - - 16. Heimkehr 166 - - =Sonnabend=: Ferien 173 - - - - -Montag: Paradeferien. - - -»Na, nu schlägt’s dreizehn!« -- - -Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die Tischplatte -hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären ihm alle Geigen aus dem -Himmel gefallen. -- - -»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches Exerzitium -vergessen! Nee, so ein Pech!« - -Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen Lächeln in das -Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir haben heute Paradeferien!« - -»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe es gestern noch -schnell gemacht. Und nun habe ich es zu Hause liegen lassen! Nee, es -ist zu dumm!« - -»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!« - -»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich in die ~la main~! Ich -dachte, in der Zeitung gestern früh würde stehen, daß wir heute frei -hätten. Und --« - -Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja, ich verstehe -auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht --« - -Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach, quatsch’ nich, -Krause! Hier haben nur die Schulmeister das Recht. Und Bumsvallera hat -das Recht, mich nachher im Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir -Latein?« - -»In der dritten Stunde!« - -»In der ersten Französisch bei Fuchsen! ~Bon!~ Der Schuldiener muß -nachher mein Heft holen! Er mag wollen oder nicht, und es kann kosten, -was es will! Und dann --« - -Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr eintöniges Lied -los; die Jungen fahren herum. - -»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden Tag was -anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!« - -Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es ihm geht, so geht’s -sehr vielen oder beinahe allen Jungen. Immer fehlt ihnen etwas; immer -müssen sie hoffen, hier oder da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an -einer sicher drohenden Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal -Paradeferien! - -»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie machen!« -denkt ein Dummer, während schon gebetet wird. »Vielleicht, weil doch am -Sonnabend die Pfingstferien anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei -doch ebenso falsch. - -Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen ganz krampfhaft. - -»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am Freitag --« - -»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf. »~Ad~ Landpartie -ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am Freitag wird also die Partie -gemacht! Punktum!« Und ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der -Doktor Fuchs jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen -keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der Substantiva wird -gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft beim Extemporale, und zu -viel Trockenfütterung ist auch nicht dabei. Immerhin -- - -Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren. - -»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder ins -Lateinische zurück! ~Imago. -- Genitiv?~« - -Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich! Aber die -Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen nach der Seite des Flures hin. - -Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen Korridors, eine Tür -geöffnet worden wäre, und als wenn ein etwas verworrener Lärm einen -Augenblick daraus hätte hervorbringen wollen. Nur einen kleinen -Augenblick! Aber es war ihnen doch so! - -Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell anwachsend! Und -jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr! - -Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß, fragend, -ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu liegen. - -Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch nur: »Na, also doch!« - -Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische Exerzitium! -Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall kriegt -- wie er es schon -einmal getan hat! -- und sammelt die Hefte für Bumsvallera ein! Dann -liegt er doch drin im Wurstkessel! -- - -Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor erscheint auf der -Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt seinen Lippen. »Wollen Sie -die Schüler entlassen! Mit Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute -der Unterricht der Parade wegen aus!« - -Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben ihre Mappen -angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern durch die Klasse, als hinge -an den wenigen Sekunden, die man vielleicht später als die andern -Klassen hinauskäme, das Leben. Und heute auch noch beten! - -»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht an die lateinischen -Hefte. Der Junge, der heute zum Beten daran ist, läßt ihm auch keine -Zeit: - - »Anfang, Mitt’ und Ende, - Herr Gott, zum Besten wende!« - -Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet heute gerade sich -schicke für alle diejenigen, die in dem Augenblicke draußen auf -dem Tempelhofer Feld stehen, um dort ihr Examen vor dem obersten -Kriegsherrn abzulegen. - -Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter Eile. -Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine der Unter-Sekunden zieht -vorüber, aufgelöst, als wollte sie zum Sturm ansetzen. - -»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem Freunde hinüber. - -»Ich? Gar nichts!« - -»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?« - -»Och! Die Drängelei da!« - -»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?« - -Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte ich sein!« -- - -Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben es noch eiliger als -er selber. Schon packt ihn auch der Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du -mit nach dem Tempelhofer Feld?« - -»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der Mappe?« - -»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke! Komm -schnell!« -- -- -- - -Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht wenige aber schlagen -ruhig den Weg nach dem Elternhause zu ein. - -»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich und schwenkt -schnell mit einigen anderen nach der Belle-Alliance Straße hinüber. -Aber schon kommen sie zu spät zum Auszug der Truppen. - -»Ist denn der Kaiser schon vorbei?« - -»Nein!« -- »Ja!« -- »Der soll ja heute von Schöneberg drüben gekommen -sein!« -- »Ach, er ist ja schon eine kleine Ewigkeit vorbei!« -- »Es -wird ja bald wieder aus sein!« -- -- -- - -Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben am Steuerhaus, am -Rande des Tempelhofer Feldes, kommen sie geradeaus überhaupt nicht mehr -weiter. Sie versuchen, nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber -der Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken entgegen. - -»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!« schimpft -der Zeidler etwas beklommen. - -»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu jetzt! Immer durch!« - -So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des Kaiserin Augusta -Regiments. Dann die gepflasterte Straße hinunter. Da kann man schon die -Helmbüsche sehen, und einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine -lange Reihe Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht -vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen. -- - -Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem besten Willen -und mit dem geschicktesten Drängeln nicht, linke Schulter vornweg. Wie -eingekeilt stand die kleine Schar der Tertianer da. Aber sie waren -dafür wenigstens gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum, -die selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder auch jedes -Nicht-sehen-können hinnahmen. - -»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen. - -»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz klein wenig um, -so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige, mein Jungeken! Hinter -mir habe ick keene Oogen!« - -Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer an. »Nich -wahr, Paule, du sagst ooch: - - ›Wat du nich willst, det man dir dhu, - det füge lieber ’nen andern zu!‹« - -Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen, ob sie -nicht auch in Gefahr wären. Da aber legte sich auf einmal eine schwere -Hand auf seine Schulter, und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du, -nich drängeln! Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem[1] zu -markieren?« - - [1] Wilhelm. - -Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe auch, als -wenn sie dabei die kleine Anzapfung von ganzem Herzen dem dicken -Schulkameraden gönnten. - -Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der Berliner Dialekt -ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er glauben, alle Angriffe -dadurch besser parieren zu können, kurz, in unverfälschtem Berlinisch -entschlüpfte dem Gehege seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich -Willem!« - -»Na« -- der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte, war ebenso schnell -mit der Antwort fertig -- »denn entschuldijen Se man, Herr Hase[2], det -Sie mir beinahe jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der -heeßt: - - [2] Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht haben: - »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!« - - ›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht, - mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹« - -Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte hier die Parade -vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein großer Dicker vor der -kleinen Gruppe drehte sich langsam um und sagte milde und doch auch mit -so urkomischer Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht kann -ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!« - -Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte diese trockenen -Worte. Von drüben her indessen fragte einer boshaft: »Na, Sie da, -Männeken, Sie haben woll heite zum Reden injenommen?« - -Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte wieder: »Na, du, det -ick dir man nich uff’t Jedächtnis tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt -mir doch nich so mit Redensarten!« - -Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber kamen sie schön an und -mußten wieder etwas hören. - -»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die Nase in’t Buch!« - -Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s nu nich! Wir haben -ja jerade frei gekriegt, damit wir uns auch die Parade ansehen sollen!« - -Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn sich jemand die Butter -nicht vom Brot nehmen läßt. So lächelte denn auch hier der Mann nur -gutmütig und sagte begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut -zeijet auch der lahme Muck!« - -Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber. Auch andere. Der -eine der da in drangvoll fürchterlicher Enge Stehenden meinte sogar -treuherzig: »Nee, denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich -klassisch!« - -Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte nicht recht: sollte er in -der Korona dieser fidelen Urberliner bleiben oder vielleicht lieber -seinen Freunden nachlaufen. - -Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch heraus aus dem Knäuel. - -»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach. - -»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete der im Forteilen. -»Da kommt nachher der Kaiser durch!« - -Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten, kam ihnen -eine kleine Reihe von Gemeindeschülern entgegen, Arm in Arm, stramm -marschierend und dazu singend: - - »Hinaus in die Ferne, - vor’n Sechser fetten Speck! - Den eß ick do’ zu jerne, - den nimmt mir keener weck. - - Un wer det dhut, - den hau ick uff’n Hut, - den hau ick uff de Ne--ese, - det se blut!« - -Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze Geschichte; aber -sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem Wege. Kaum hatten die Sänger -dieses Lied beendet, da stimmte einer auch schon an: - - »Turner ziehn mit Pantin’n[3] - durch die jroße Stadt Ballin[4] --« - - [3] Holzschuhe. - - [4] Berlin. - -Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det is ja man nur wat -for Turner! Mal den Torjauer Marsch! Los!« - - »Fritze Weber - hat’n Keber[5] - an de Zunge - an de Lunge - an de Leber!« - - [5] Käfer. - -In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen die lustigen Töne. -Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen Bewegung in die starren Massen -gekommen. - -»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der Dicke mit Zeidler -hinter den Menschenmassen hinweg nach rechts hin in die Belle-Alliance -Straße wieder hinunter. - -Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel Fähnchen entgegen -und pries dabei seine Ware laut an: »Hier hochfeine Fähnchen, meine -Herrschaften! Allen Ansprichen jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz -mit Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie da! -Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz kann so wat nich jut -verdragen!« - -Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt. Nur mit einer -kühnen Schwenkung kam er um ihn herum, so daß er beinahe gegen den -Briefkasten fuhr, der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war. - -»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den Briefkasten rin!« -Diese Mahnung mußte der dicke Puntz schnell noch mit auf den Weg nehmen. - -Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man schon hinter -der schwarzen Wand der Menschen, die in tiefen Reihen am Rande des -Bürgersteiges standen, den Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der -einmal auf der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief -plötzlich: »Die Maikeber![6] Die Maikeber! Dicker! Schnell, schnell!« - - [6] Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin. - Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt, - stand früher in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es - in Berlin seinen Spitznamen daher hat, daß die beiden - Bataillone alljährlich gerade zur Maikäferzeit zur Parade - nach der Hauptstadt kamen. -- Am Offizierkasino des - Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke gegen - die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer - plastisch dargestellt, als scherzhafte Konzession an den - Berliner Volkswitz. - -Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße hinunter. Da fanden -sie einen kleinen Durchlaß durch die Menschenmauer und konnten beinahe -bis zum Straßendamm vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der -Dicke einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von der hin- und -herdrängenden Umgebung nicht wieder von seiner mühsam eroberten Stelle -fortgerissen zu werden. - -Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig gekleideter Mann -mit einigen Bekannten stand neben Zeidler, um das Truppenschauspiel -gleichfalls zu sehen. Arbeiter drängten sich dazwischen. - -»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren. Er hatte die -eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht nach der Richtung des -Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber die Straße fällt hier so ab! Und die -Bäume! Schlechte Akustik hier!« - -Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen: »Ick hab’ ’n -Schnuppen! Ick rieche nischt!« - -Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise los. Der Dicke -mußte sich fester an den Baum klammern. - -Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du, August, mit de -Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom klettern? Dazu mußte barfte[7] -Beene haben!« - - [7] barfüßig. - -Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!« - -»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst? Da feifst de dir -’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.« - -»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer väterlich. »Da oben -ieberfährt dir der Luftballon!« - -Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite; aber er mußte -sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm zuriefen: »Na, du! Wat du -schlau bist! Det mißte bei dir selber ooch janz jut aussehn!« - -»Rum, brrr, rumbumbum!« - -Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel verschlang alles. -Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf die schmucken Soldaten, die -mit einem strahlenden Antlitz wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte, -Kompanie nach Kompanie, Bataillon und Bataillon. - -»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem Dicken in tiefer -Bewegung eine Stimme. - -Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf; hier stand das -Volk in Waffen, das sich an der Disziplin der Truppen wieder zu der -alten, liebgewordenen Disziplin selber emporrichtete. Die Achtung -vor des Königs Rock, dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten -oder noch tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges -Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die Tausende, die die -schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen an sich vorbeiziehen -sahen, die Blüte des Vaterlandes. - -Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes Gefühl -auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das rollende Rasseln der -Trommeln, sie stimmten ihn feierlich, und -- er wußte selber nicht, -wie es kam -- das letzte Gedicht, das er in der Klasse gelernt und -sogar ungern gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz -ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf: - - »Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr! - Den Säbel in die Faust! - Das deutsche Volk -- ein großes Heer, - das, von den Alpen bis zum Meer, - ein zürnend Wetter braust. - - Und klopft an unsre Pforten an - des Fremdlings Übermut, - so opfert jeder deutsche Mann - mit Freuden Gut und Blut.« - -»Die Alexandrer[8]!« hieß es da auf einmal. »Die alten Helme!« - - [8] Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1. - -»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!« - -»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach, elegant, -jeschmacklos un ohne allen Prunk!« - -»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?« - -Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus. - -»Na, die mit de Entenbeene da!« - -»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung[9]!« - - [9] Mit gelbbraunen Ledergamaschen. - -»Ach so! Und so’n junger Leitnant!« - -»Mit so’n kleenen Schnurrbart!« - -»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!« - -»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick wie Fer--dinand!« - -Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf einmal eine ganz -empörte Stimme: »Na, wissen Se, Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick -sehe jeweenlich mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!« - -»Das zweite Garderegiment!« - -»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann da uff’t Pferd! -Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?« - -»Ja, die da vorne sint ville strammer!« - -»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein. »Der eine versteht’s -und der andere nicht! Es ist eben wieder mal das Ei des Kolumbus.« - -»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben ihm mit einem -leichten Spott in der Stimme. »Legt denn der olle Mann immer noch?« - -Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn plötzlich rief eine -Stimme von hinten vom Gitter eines der kleinen Vorgärten her: »Da -drüben kommen die Ulanen!« - -Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte; aber das zweite -Garderegiment marschierte gerade dazwischen. Es war also für ihn nicht -zu sehen, was drüben auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er -hörte nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die Reiter -machte. - -»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber Jlick scheinen se -do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n Einsatz rausjekommen!« - -Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden hatten. Nur -einer der Herren, die sich ganz dicht an der Bordschwelle befanden, -fragte, aber auch schon halb lachend: »Wie meinen Sie denn das?« - -»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem roten Einsatz hier ist -er rausgekommen!« - -Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch sprach, tippte dabei -mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt verstanden das natürlich auch -die Jungen, und sie stimmten in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn -sie auch nichts sehen konnten. - -Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter genauer an -und meinte dabei: »Ich muß Sie doch schon mal irgendwo gesehen haben!« - -»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint! Da komme ick -öfter hin und --« - -Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links her bannte aller -Sinne von neuem. - -»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!« - -Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles drängte nach vorwärts. - -»An der Spitze der Fahnenkompagnie!« - -»Wahrhaftig! Hut ab!« - -Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte flogen in die Luft. -»Hurra! Hurra!« - -Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen! Alles Uzen -und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen. Der Kaiser! Er -schweißte alles und alle durch seine bloße Erscheinung zusammen. _Ein_ -Volk, _ein_ Herz, _ein_ Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem -Manne zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra! Hurra!« -Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig: _Ein_ Volk, _ein_ -Herz, _ein_ Vaterland! Hinausziehen würden alle gegen den Feind der -heimischen Erde! Sie sollten es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann -dem Kaiser nach! ~Morituri te salutant!~ -- - -Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen, hatte in dem Augenblicke -Zeidler die Schultern schmal gemacht und huschte eben hinaus und -hindurch durch die jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter -ihm staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße weiter -hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem Bürgersteig immer neben dem -Kaiser und der Fahnenkompagnie hin. - -Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu undurchdringlicher -Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler um, neben dem er sich doch bis -jetzt so treu gehalten hatte. - -Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt nichts mehr zu -sehen, und hinweg über die Gneisenau Straße konnte man auch nicht. -Unwirsch stand der Junge endlich still. Er sah gerade noch die -letzten Fahnenspitzen hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da -verschwinden. - -Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle vorzudringen. -Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann aber konnte er sogar auf -die andere Seite der Straße gelangen, wo eben noch Kavallerie den -Kasernen zuzog. Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs -in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, von denen aber --- der Dicke achtete jetzt scharf darauf -- kein einziger mehr »mit dem -Einsatz rausgekommen war,« sogar die Artillerie, alles zog an seinem -freude- und farbentrunkenen Auge vorüber, unter dem Staunen und dem -Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor und die -letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten. - -Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die mit ihm am -frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. Wie spät mochte es jetzt -wohl --? Ach, da drüben war ja eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das -konnte doch wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön -war es doch gewesen! - -Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück? Ach, das hatte er -noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber -- nein -- die konnte vorläufig da -bleiben! Er war zu müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen, -von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja, der Kaiser, der -wußte, wie es einem Jungen zumute war! »Hurra! Ach so, ja!« -- -- -- - -Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem Halleschen -Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon wieder durch. Dicht -standen die Leute da an der Haltestelle. Na, wo denn nun lang? - -Endlich kam der Dicke zu Hause an. - -»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du dich denn rumgewälzt? -Und das Gesicht!« -- Sie schlug dabei die Hände vor Staunen über dem -Kopf zusammen. - -»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren bloß alle zur Parade! -Aber, Mama! Es war wirklich großartig! Na, die Woche fing gut an! So -könnte es meinetwegen weitergehen!« -- -- -- - - - - -Dienstag: Nachmittag frei. - - -»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen. »Gestern war’s -doch großartig! Aber heute nun Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde, -daß wir --« - -Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn gar nicht ausdenken. -Und dann noch eins: wie war’s doch gleich? Hatten sie denn nicht noch -was Besonderes für Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar -nicht die Aufgaben vorgelesen! Und -- ach Gott ja, das lateinische -Heft! Für den alten Bumsvallera! - -»Na, Junge, es ist schon spät!« -- Die Mama war immer etwas ängstlich -und drängte jetzt zur Eile. -- »Nu mach schon, daß du fortkommst!« - -Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber wie war das doch -gleich mit Französisch? Es war doch was! - -Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam mit dem Schwanze wedelnd -freudig auf ihn zu. Die beiden waren gut Freund miteinander, wie denn -der Dicke überhaupt alle Hunde der nächsten Straßen kannte. - -»Na, Cäsar, wie geht’s dir?« - -Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor. - -»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du! Du brauchst nicht -zur Schule! Strolch! Biste verrückt? Du hast wohl heute schon in Tran -getreten?« - -Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft. -- -- -- - -Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im Französischen -- -drin im Wurstkessel. - -»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der Doktor Fuchs. - -Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt und sieht -seinen Ordinarius an, als hätte er -- der Dicke natürlich! -- einen -moralischen Katzenjammer. Endlich ermannt er sich aber und bringt halb -stotternd hervor: »Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag -mußte ich für meine Mama zur Stadt!« - -»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!« - -»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann bin ich --« - -»N -- a?« - -Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und ziehen ganz merklich -die Ohren straff. - -»Da bin ich -- eingeschlafen!« - -»Sehr denkbar!« -- Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern. -- »Und was -nachher?« - -»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und dann war’s ja auch -Abend! Ich hatte auch meine Mappe nicht! Die hat unser Mädchen dann -erst von Zeidler geholt!« -- -- -- - -Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig zugehört und ab und zu -sogar genickt. Übrigens sind die Arbeiten auch durchgehends äußerst -nachlässig gemacht, so daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch -auf die Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade! Aber -nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer von euch hat -sich überhaupt die Parade oder den Aus- oder Einmarsch der Truppen -angesehen? Hand hoch!« - -Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so hochschießen! Weit -gefehlt! Er zählt und zählt, und er zählt nur einundzwanzig Mann. -Einundzwanzig von sechsunddreißig! Also eine Kleinigkeit über die -Hälfte der Jungen hat was von der Parade gesehen! - -»Na, Ernst?« -- Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. -- »Warum bist -_du_ denn nicht zur Parade gegangen?« - -»Ich -- hatte -- keine -- Zeit!« - -»Ach, Zeit!« - -»Ja, meine Tante war nicht da!« -- Es kommt das alles recht verlegen -und ungeschickt heraus. -- »Ich mußte da zu Hause bleiben!« - -Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen zu wissen als -alle die andern Jungen zusammen; er läßt den Primus jetzt ruhig laufen -und wendet sich an den Sekundus, den Tauscher. - -Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt er sich doch zu -der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine Eltern sagten, es wäre zu viel -Gedränge!« - -Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel zu finden. -Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen Klasse: »Wer hat denselben -Grund? Aber ehrlich!« - -Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und tun etwas verschämt -dabei: es sind außer dem Sekundus noch acht. Hier und da wird wie zur -Entschuldigung gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz -schwarz von Menschen!« - -»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?« - -Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach dem Temperament -der Jungen. Einer davon meldet sich krampfhaft, sieht aber dabei immer -noch fragend nach den andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!« - -»Also?« - -»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine Partie durch den -Grunewald gemacht. Mein Papa hat gesagt, wir sollen uns recht gesund -machen; da täten wir dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir -ihm auf dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.« - -Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das hier etwas -sonderbar und doch auch wieder drollig genug klingt. Der Vater, der -dieses Kraftwort gesprochen, gehört selber dem Wehrstande an, und -der Junge -- das weiß ja jeder in der Klasse -- der will auch einmal -Offizier werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen. - -»Also setzen! -- Ja! Was? Wo? Da war ja noch einer! -- Karnagel!« - -Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und sieht seinen -Ordinarius scheu und von unten herauf an, wie ein geprügeltes Hündlein: -»Ich habe auch nicht gedurft!« - -»Na, warum denn nicht, Otto?« - -Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon wieder leid, daß -er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen hat; er erinnert sich, -daß der Vater des Jungen oft seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt. -Aber es ist zu spät; denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und -platzt los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er das -letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!« - -»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein anderer seine -Weisheit an den Mann bringen. -- Grausame Kreatur doch, solch -Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen, daß er mit dem, was er sagen -will, einem andern wehe, sogar sehr wehe tun kann! -- »Herr Doktor! -Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! -- Doch! Ich -weiß es!« - -Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese Worte gar nicht -und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die Tränen in die Augen schießen, -zu beruhigen. »Na, laß nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst -du noch öfter sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber -mitmachen! Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da seid ihr ja -alle dabei! Die ist auch was wert!« - -Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft. Doktor Fuchs aber -hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas über diese Sache zu hören. -»Genug!« entscheidet er kurz. - -»Nein, nein, was anderes!« - -»Na, schnell!« - -»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht werden?« - -Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig hoch und -tun, als wenn ihnen die Sachen auf der Haut klebten, und als müßten sie -nun diese Sachen vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern -sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch heißer als -gestern!« - -»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor Fuchs. »Die -mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr Direktor verboten! Neulich -ist dabei ein Junge in der Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat -sich den Arm gebrochen! Los!« - -Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse, als ob er die -verlorene Zeit und sogar den gestrigen Paradetag nachholen müßte. Immer -schwüler aber wird es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften -Ventilation! Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen auf der -Stirn. - -Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am schlimmsten dran. -Dabei gehen dann natürlich auch seine Gedanken noch leichter spazieren -als sonst schon. Er stellt sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es -sein müßte, wenn er baden gehen könnte und nicht -- - -»Dicker!« - -Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun herhalten und kriegt -jede zweite Frage, daß er schließlich ganz schachmatt ist, als es zu -seiner Erlösung endlich läutet. Das war doch wahrhaftig gestern ein -schönrer Tag! Na, aber vielleicht -- - -Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag denn gar nicht mal -frei gibt?« - -»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute eine Bombenhitze!« - -»Och!« -- Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem Thermometer, das in die -Wand eingelassen ist und die Temperatur in der Klasse selbst anzeigt. --- »Och! Schon 30 Grad!« - -»Réaumur?« - -»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein! Das geht nicht mehr!« - -»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke zweifelnd und wie für -sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen mal schnell auf den Hof hinunter!« -- - -Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde fleißig gesprengt. -Eine wohltuende Kühle weht den Jungen entgegen, als sie aus der untern -Tür auf den Hof hinaustreten. Das ist ihnen aber gar nicht recht. -»Blödsinniger Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!« -- - -Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen zurück, die sich vor -dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt hatten. -- - -»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt hätte!« -- - -Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er berlinert immer; nur -dann nicht, wenn er vor dem Lehrer steht. -- - -»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und dann _müssen_ wir -frei kriegen!« - -»Na, von müssen ist nun keine Rede!« - -»Doch! Ich weiß es ganz genau!« - -»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer da -hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne hin!« -- - -Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen wieder hinein in -den »Schwitzkasten«. - -»Was haben wir denn jetzt?« - -»Erdkunde! Die Voralpen!« - -»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die Alpen!« -- - -So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede, daß nicht nur der -eine vor sich hindöste, sondern alle miteinander, wie sie da gebacken -waren. - -Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage: »Können nicht die -mittlern Fenster auch aufgemacht werden?« - -»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht. »Ist verboten! -Aber die Tür können wir aufmachen!« -- Er gibt dem Jungen, welcher -der Tür zunächst sitzt, das Zeichen, sie zu öffnen. Kaum aber öffnet -sich diese Tür, da tönt ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera -aus der Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee -der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na! Hier nicht -einschlafen, du!« - -Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los. - -»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische Herr ruhig. »Dann -schwitzen wir eben ein bißchen!« - -Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und verpesten geradezu -die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt so langsam herum und sieht -neugierig in die Klasse hinein. Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine -Betrachtung darüber: sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland -und kriecht dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer, die -Sonne geht im Osten auf und -- - -»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt ihm der Professor -auf den Pelz. - -Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein -- nein -- ich dachte -- ich -dachte --« - -»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel, wie du, denkt! -Nun passe mal gefälligst auf!« -- - -Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es ist zu schwül in der -Klasse. Bleischwer liegt es auf allen, und nur _ein_ Gedanke läßt hier -und da ein Gesicht aufleuchten: es _muß_ ja heute frei geben! Und -- -Gott sei Dank! -- heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der eklige -Nachmittag aus! -- -- -- - -Auf _den_ Gedanken haben sich -- während der zweiten Pause unten auf -dem Hofe -- alle Jungen zusammengefunden. Aber scheinbar auch eben nur -die Jungen; denn der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn -einer der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt nicht zu -sehen! - -Aber, was ist denn da los? -- Da vorne! -- Eben bildet sich da eine -Korona. Um den Schnorzel nämlich, den sonderbaren Jungen aus der -Quinta, der, wie alle die andern behaupten, »ein bißchen mit dem -Dämelsack geschlagen ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen; -alles redet auf ihn ein. - -»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden, die Tertianer. - -»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben Schnorzeln zum -Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.« - -»Na, und?« - -»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht erholen!« - -Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt. Als ihm jetzt -wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat denn nun der Direktor -gesagt?« da sieht er den Fragenden groß und glotzend an. Dann bückt er -sich plötzlich vor und beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer -einen Kreis um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend: -»’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!« - -Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer aber wenden -sich ab, und der dicke Puntz meint -- immer noch lachend --: »Dem hätte -ich ooch ’n Vogel gemacht! Aber noch ’n ganz andern!« - -Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen auch; aber wenn -der Direx den Schnorzel so angeschnauzt hat, dann will er doch sicher -nicht frei geben! Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar -unbehaglich. - -»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt der kleine -Köckeritz vor. - -»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden die schon vernünftig -werden!« - -Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht das Gesicht dabei! Aber -es hilft eben alles nichts: man muß wieder hinauf in die Klasse. - -Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt, die den Humor -nicht ganz verloren haben. Neben dem Brunnen steht ein Quartaner und -ladet mit schallender Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine -Herrschaften! Zur Durschtstillation!« Und oben neben der Klassentür hat -sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt und katzbuckelt da -allen freundlich entgegen: - - »Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné! - Macht vil Spaß un dhut nich weh!« - -Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung. Aber sofort -sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und zum Klassenthermometer -hingetreten. »Was?« ruft einer da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das -geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?« - -Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die Ecke -herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick ja, der Affe soll -mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh mal weck! Ick will mal dran -pusten!« - -Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34. - -»So! Det jeniejt vorläufig!« - -Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde beginnt. Und eine -Gluthitze dabei! Das Atmen wird Lehrer und Jungen schwer, und die -Arbeit schleicht müde und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es -mehr als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir doch frei -kriegen!« - -Die Pause ist kurz. - -»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?« fragt der Bonin den -Dicken. - -»Ih wo! Nich in de ~la main~! Wollen doch erst mal abwarten!« - -»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!« - -»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig wird, dann ist -er es immer noch nicht ganz und noch lange nicht!« -- -- -- - - * * * * * - -In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor Fuchs, dem Ordinarius. - -»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl, der triezt uns -dafür wieder so!« - -»Ach ja! Und bei der Hitze!« -- - -Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen, das war schon in -Ordnung; aber weniger heiß war es natürlich trotz alledem nicht. - -Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da sagte dann Doktor -Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch mal ein bißchen verschnaufen! -Anlehnen! Wollt ihr euch die Jacke ausziehen?« - -Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch keiner. - -Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin: »Herr Doktor! Ich -muß nachher zum Prediger!« - -»Schön! Freut mich!« - -Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint zögernd: »Ja, ich -weiß aber nicht! Wir gehen doch früher weg! Wir wissen nicht, ob wir -nachmittag dann wieder hermüssen!« - -Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!« sagt er ganz -gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest du nun wissen! Na, -dann komm mal vor! Dann werde ich’s dir ins Ohr sagen!« - -Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt! Und Doktor -Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie Bonin, der beugt sich ganz -geheimnisvoll zu ihm vor, als wenn er ihm das wirklich auch nur ganz -leise zuflüstern wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren -und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas aufschnappen. - -Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund, und -- während die -ganze Klasse den Atem anhält -- brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich -dir das sage, dann wissen das zweie!« - -Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und will sich eben wieder -aufrichten, während im selben Augenblicke die Klasse in lauten Jubel -ausbricht. Da aber öffnet sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener -erscheint auf der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide -nicht an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also darauf -geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen zu sehen. Sie -warten gewöhnlich auch erst einen kleinen Moment ab und richten sich -mit dem Gesicht und mit dem ganzen Menschen darnach. Heute aber sind -sie ungewöhnlich schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür -in die Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten Bonin -geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich über den Zettel, -den der Schuldiener in der Hand hält und eben, süßsauer lächelnd, dem -Ordinarius präsentiert. - -Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs, um 1 Uhr wird heute der -Unterricht geschlossen! Ihr habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag -ist natürlich frei!« - -Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na kann det olle Krokodil -sprengen, so ville et will.« So hat Fritze Köhn leise gesagt, und so -denken mit ihm alle die, die das gehört haben. Nicht lange dauert es -auch, da läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen, -frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter und nicht -die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen. -- - -Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen, steht der Schuldiener -breitspurig im Wege wie ein zürnender Gott. Er wenigstens scheint den -Jungen den Schulausfall doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann -es sich deshalb auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten -Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja ganz -besonders groß in so etwas: - - »Mitten auf der Elbe - schwimmt ein Krokodil, - wackelt mit dem Schwanze, - weiß nicht, was es will. - Bitte, jehn Se rechts - un bitte, jehn Se links! - Denn so’n Krokodil - is een jefährlich Dings!« - -Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied und diesen Mut mit -lautem Jubel. Aber wie erschrocken darüber trollt man sich dann -schleunigst hinaus. In aller Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das -ist ’ne feine Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun vielleicht -noch morgen sein?« - -Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen Klassenarbeit in -Geometrie! Junge! Junge! Junge! _Die_ Arbeit verhaue ich ganz sicher!« - -»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!« - -»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!« - -»Und der Kerl mit!« -- -- -- - -Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war die Woche nun schon -fein gewesen! -- -- -- - - - - -Mittwoch: Die schönste Enttäuschung. - - -Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch. Und endlich auch die -dritte Stunde. - -»O Gott, o Gott, o Gott!« - -Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte innerlich mit; -er wußte auch ganz genau, was das bedeuten sollte. - -»Mir ist ganz blümerant zumute!« - -Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und zog schließlich -mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe daraus hervor. - -»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick hab’s verstan’n!« - -Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern Figur -zusammenzuschieben. - -So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren Figuren -hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine Hand darnach aus, -um zuzugreifen und selber die Lösung zu versuchen. - -»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze über all die -Weisheit weg. - - »Das Berühren - der Fijüren - mit de Foten - is verboten!« - -»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite. »Die Geschichte -geht ja überhaupt auch gar nicht!« -- - -Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch obendrein tüchtig -ausgelacht. Und doch klang das Lachen so gar nicht wie das frische, -fröhliche Tertianerlachen sonst! - -»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer der Jungen wieder -hervor. Und wieder hatte er allen aus der Seele gesprochen. - -Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch; dort mühten sich -zweie um eine Figur, die aber leider das Schicksal der Köhnschen hatte: -sie wollte nicht stimmen. Überall ein ander Bild, und überall doch -gleichmäßig Angst und Sorge vor dieser Arbeit. - -Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die Sachen viel mehr mit -uns üben müssen! Wer hat’s denn überhaupt verstanden? Keiner! Oder der -Ehrenfried vielleicht!« - -»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch verdorben und -verekelt!« - -Rrrrrrrrrrrr! - -Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur flog der -schnurrende Laut über die Klasse hin und drückte den Kopf der Jungen -auf die Tischplatte hinunter. Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das -konnte ja gut werden! - -»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn und tat dabei, als -müßte er gerade jetzt einen Regenwurm verschlucken. -- -- -- - -Die Großen befehlen in der höchsten Not und im Augenblicke der Gefahr -ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten. Ein Junge denkt nicht daran, -so was zu tun. Er torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr -hinein. - -Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten sich Feder und -Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat gelegt. Im nächsten -Augenblick konnte ja doch -- - -Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen Korridor zu. Der -lange Sausig aber vorn an der Ecke hatte sich hoch aufgerichtet; er -blickte unverwandt nach der Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes -darin erwartete. Plötzlich stand er sogar schnell und leise -auf und machte ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu. -Storchenschritte! Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende des -langen Flures herum. - -Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken gefolgt: alles hielt den -Atem an. Der Frechdachs! Wenn jetzt der Professor Zirbel käme! Dem -Sausig konnte es dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand -keinen Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er mit seinen -Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv und schaudernd fiel der -entsetzte Blick wieder auf das geometrische Heft hinunter. - -Aber -- der Sausig stand immer noch da auf der Lauer! Zirbel kam doch -sonst so pünktlich und beinahe mit dem Glockenzeichen! Sollte da doch -etwas passiert sein? Vielleicht daß Zirbel -- - -Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück. - -»Raff! Raff!« - -»Wer?« -- Die Jungen wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten. --- »Wer?« - -»Raff! Raff!« - -»Bei dem haben wir ja gar nicht!« -- - -Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer näher. Und plötzlich -erscheint wirklich der Professor Raff in der Tür. Die Jungen -machen ein ganz erschrockenes, im nächsten Augenblicke aber schon -freudig-verblüfftes Gesicht. Sie springen auf. - -Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse hinein. -»Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr Professor Zirbel ist -erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure Diarien und kommt schnell in die -Unter-Sekunda ~O~! -- Na, macht schnell, Jungs!« - -Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin zurück. -- - -Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der Klasse gelegen, -er ist gebrochen. Also kein Extemporale! Der Gefahr entronnen! Ein -Alpdruck ist von jedem Herzen genommen. Wild schwirren die Ausrufe der -Freude durcheinander. - -»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!« - -»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht mehr!« - -»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun da schreiben läßt!« - -»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!« - -»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach, da liegt’s ja!« - -Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten und klopft mit -dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen Heizröhren. »Na, Jungs, -mal ein bißchen dalli!« - -Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der schönste Lockruf -hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine machen können! Im Nu ist auch -die Klasse jetzt leer, und fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der -Unter-Sekunda zu. Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten -mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge aus der Tertia. -Sie haben französische Lektüre. In der Sekunda, wie überall ja sonst -auch, blamiert man sich nicht gern und noch dazu vor einer Klasse, die -tiefer steht als man selber. -- - -»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff schnell noch, als die -beiden Busenfreunde, der Sausig und der dicke Puntz, absolut auf einer -Bank zusammensitzen wollen. - -»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal in euer Diarium einen -kleinen Aufsatz über die Parade oder über irgend etwas, was ihr am -Paradetag erlebt habt. Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!« - -Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie nicht Geometrie -schreiben, alles machen, was man von ihnen verlangt. Aber immer schielt -man doch etwas nach dem Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch -zu schön, so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören, wie -eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie« werden die angeredet -und lassen sich so behandeln! Na, ungefähr so, wie sie selber unten in -der Tertia bei Professor Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem -nicht Extemporale! Großartig wirklich! Ein feiner Tag! -- -- -- - - * * * * * - -Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der Ordinarius, das -Klassenzimmer betreten, da schossen die Hände der Jungen hoch. - -»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung? Für Herrn Professor -Zirbel! Die Algebrastunde!« - -»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich die geborenen -Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde nämlich von zwölf bis eins -fällt aus! Ihr geht also um zwölf Uhr nach Hause.« - -»Och!« -- »Oh, das ist fein!« - -Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so ruhig da! Er -blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein! Der hat nie -vergessen, daß er auch mal jung war und sich da gleichfalls über eine -ausgefallene Stunde gefreut hat! - -»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt ihr euch nun bald -genug gefreut? Dafür aber kaufen wir unsere Stunde jetzt ordentlich -aus!« - -Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale in Geometrie -und die Algebrastunde nachher auch noch frei! Was konnte es denn -überhaupt noch Besseres in der Welt geben! - -Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt die Jungen -eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach Hause zu ziehen, -während die andern Klassen mit dem Buch vor der Nase und der Sorge vor -der nächsten Stunde im Gesicht auf dem Hof herumschleichen würden, da -erschallt auf einmal die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine -Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!« - -»Nach Hause gehen!« -- Die Gesichter werden länger. Was soll denn nun -noch kommen? - -»Ja« -- Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die Klasse zu quälen --- »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch einen großen Schmerz antun!« --- Er wendet damit seine Augen zum Stundenplan an der Tür hin. -- »Ihr -habt doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!« - -Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit Ostern. Aber keiner -antwortet darauf. - -Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß ich euch, Jungs, nun -einen großen Schmerz antun!« - -Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch auch wieder wie -erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius. - -»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen --. Ist dir was, Köckeritz?« - -Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt. - -»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn seinem -Nebenmann zu. - -Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen dachte nur, daß nun -der Professor Zirbel morgen sicher wiederkommen würde. Und dann _doch_ -das Extemporale! Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte -man sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser dämlichen -Arbeit herumschleppen! - -Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte alle andern -angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der Doktor Fuchs schließlich mußte -jetzt unbändig über all die Angstmeier da in seiner Klasse lachen. - -»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade _den_ Schmerz muß -ich euch noch antun! Herr Professor Zirbel wird nämlich morgen auch -noch fehlen, und --« - -Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei! Ein wahres -Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen, -wenn ihr so ganz und gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen, -was ich euch noch sagen wollte!« - -Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse. - -»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch fehlen wird, und -da ihr doch die erste Stunde bei ihm hättet, so kommt ihr erst um neun -Uhr!« - -Erneuter Jubelausbruch. - -»Na, wartet mal!« -- Die Stimme des Ordinarius zwingt alle wieder zur -Ruhe. -- »Das dicke Ende kommt eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden -frei habt -- heute die letzte, morgen die erste! -- so übersetzt ihr -mir zu morgen extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche -Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!« - -Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird gemacht!« denkt -jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse hinaus; an den andern -vorüber, die da, in der großen Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe -herumlaufen und mit neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern -nachsehen. - -»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert der dicke Puntz -einmal um das andre. »Die kann so bleiben!« - -»Jott Strambach!« -- der »Ballina«, der Fritze Köhn, versichert das -frohlockend. -- »Als Raff sagte, wir sollten nach der Sekunda kommen, -da habe ick mir ja eens jelacht! Mein janzer Bauch war eene eenzijste -Falte!« - -Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie gleich mal probieren -wollten, wie es tut, wenn der Bauch eine einzige Falte ist. Alle aber -sind darin einig, daß das eine wirklich feine, sogar eine piekfeine -Woche ist. -- -- -- - - - - -Donnerstag: Ein recht bewegter Vormittag. - - -~Sic me servavit Apollo.~ - -Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch gleich Latein! Beim -alten Bumsvallera! Unheimlich war ja das Lateinische immer! Aber heute -gerade konnte es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln -waren zu repetieren. - -»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der kleine Köckeritz -schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera kann man noch so gut gelernt -haben; wenn’s das Unglück und der alte Querkopf wollen, so fallen wir -doch hinein!« - -Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche Regeln! Ganz -geschaffen, einen anständigen Menschen damit bis über die Ohren -hineinzulegen! -- Ich habe so’n Animum als wenn!« - -»Aber ich erst!« -- Sausig klapperte ordentlich mit den Zähnen. - -»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte der Dicke -nachdenklich und nach einem Augenblick des Schweigens. »Erstens lernen -wir was bei ihm, und zweitens hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich -habe zwar das Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu -kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu schlagen!« -- -- -- - -Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle andern die Regeln -so herbeten könnten, wie die, welche er zufällig zuerst aufgerufen -hatte; oder wollte er wirklich noch recht viel Übungssätze dazu -Übersetzen lassen: kurz, er ließ bald das Übungsbuch aufschlagen. -Gemütlich war so was nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei -doch nicht mit Tadel oder Stunde hinein. - -Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern Loch pfeifen. Der -Rippach, der Junge der dumme, übersetzte geradezu gottsjämmerlich -schlecht; so schlecht, daß es wahrhaftig kein Wunder war, daß der -alte Bumsvallera schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl -anherrschte: »Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln nicht! Nun -sag’ sie auf!« - -Der Junge fand sich nicht hinein. - -»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht, wie du sollst! Du -kriegst einen Tadel!« -- - -Dem Dicken und manchem andern noch wurde es schwül dabei. Hie und -da schlug dieser Tadel wie ein Blitz in die Klasse ein; ein halbes -Dutzend der Jungen stand schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden -Augenblick konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann diese -verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er sie dann nicht auch am -Schnürchen und durcheinander herbeten, dann --! Er saß wie auf Kohlen! -Kam er dran, dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern. -Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse, mit dem man doch -morgen eine Landpartie machen wollte! Die Sache war -- - -»Na, nun mal -- der -- Puntz!« - -Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in seinem ganzen -Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber so sehr er sich auch -zusammenriß, hier und da stockte er doch, und nun gebrauchte er sogar -den Akkusativ, und die Tücke des Schicksals wollte noch, daß gerade -hier der -- Dativ stehen mußte. - -»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube gar!« -- Bumsvallera -gebärdete sich ganz wild dabei. -- »Kannst du denn überhaupt --« - -Klirrr--r--r! - -Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich hingehauen. Dabei war -ihm das Buch mit seiner scharfen, harten Kante in die Quere gekommen, -und -- das ganze Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf -einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er sich nicht im -geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den Ärger an. Die Jungen wagten -ja nun nicht, auch nur einen Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen -und jubilierten sie vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat -uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« -- So dachte Fritze Köhn; so -dachte mit ihm auch manch andrer. -- - -Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf das sich -- nach -seiner eigenen Meinung -- die ganze Erregung des Lehrers entladen mußte. - -Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du denn die Regel? Ja? Na -gut! Sag’ sie mal auf!« - -Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel vibrierten. Er -wußte die Regel ganz bestimmt; und doch --. - -»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann --.« - -Rrrrrrrrr--. Die elektrische Glocke war die Erlöserin. - -»Na« -- der Alte richtete sich im selben Augenblicke hoch -- »na, -Puntz, heute kannst du auch sagen: ~Sic me servavit Apollo!~« -- - -Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn -getreten war. Die andern, die schon drangewesen und dabei reingefallen -waren, die taten ihm ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn -er so kurz vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst -wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß _er_ wenigstens so mit einem -blauen Auge davongekommen war. -- -- -- - -Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das durchgenommene -Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als er am Dicken vorbeiging, drohte -er ihm mit dem Zeigefinger: »Du, du, lernen!« - -Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich habe auch -gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran, daß es nicht wohl -angebracht war, dem alten Herrn mit einem Widerspruch zu kommen. So zog -der Junge lieber vor, nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem -Alten herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte Puntz -noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch mal so ab!« - -»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze Köhn seinen Senf -dazu. »Verjiß det nicht!« - -»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch eine feine -Woche! _Nun_ ist sie erst fein!« - -»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!« -- -- -- - - -Strafe muß sein! - -Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen verdenken, daß sie -zum Turnen liefen und stürzten? Ein Fach, das keins ist, weil’s nichts -dafür aufgibt, und Paperlink aller Ränke voll! Und immer lustig und zu -allen möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! Ein -Junger unter Jungen! - -Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen hinunter. Aber -- -was hatte der kleine Turnwart, der Paperlink, nur heute? Während ihm -sonst die Jungen die Hand geben durften und er diese »Patsche« auch -wieder tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem Rücken -herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig entgegengestreckten -»Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt durch die Jungen durch und durch. - -»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der kleine Köckeritz. - -»Ja,« -- Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes Gewissen -- »et’s -bloß jut, det wir nich dran schuld sin! Oder sint wer?« -- -- -- - -Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. -- - -Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben losschnarrte, -schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer feierlichen und ihm -doch sonst so ganz fremden Grandezza zur Turnglocke vor und läutete, -daß es allen durch Mark und Bein ging. - -»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja durch Mark un -Fennje!«[10] - - [10] Pfennige. - -»Na nu?« -- Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. Sie waren gewohnt, -sonst immer noch etwas Kürturnen zu haben. -- »Schon?« -- »Was ist denn -eigentlich heute mit dem los?« - -Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem er -- wie er einmal -selber verraten -- seiner Länge eine Elle hatte zusetzen wollen. Er -blickte starr auf den Fleck hin, auf dem die Klasse eigentlich nun bald -stehen sollte. - -Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte den andern. -»Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur passiert? Man ’n bißken fix -jetzt!« - -Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt die Blicke -erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer noch starr vor sich -hinsah. - -»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte der kleine -Köckeritz, der Frechdachs. - -Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und bewegte die Lippen. - -»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu reden.« (~NB.~ wenn -Paperlink feierlich werden wollte, dann redete er hochdeutsch.) »Ich -habe zu meinem größten Bedauern gehört, was ihr alles für Hanaken -- -ich wollte sagen, was ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die -nicht wert sind, Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von -Seiner Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen. -Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig Mann von der -Unter-Tertia ~O~ zu diesem Fest gegangen sind und fünfzehn also nicht. -Ich wenigstens finde, es wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher -Gelegenheit unsere feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und -euer deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten wolltet. -Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance Straße hätte auf einen -richtigen Jungen viel mehr wirken können als die gelehrtesten Reden -über die Vaterlandsliebe. Das ist _meine_ Meinung. Und deshalb werde -ich die Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen haben, -bestrafen.« - -Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen unten vor ihm zum -Teil recht betroffen, zum Teil recht schadenfroh dreinsahen. - -»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die Parade _nicht_ -angesehen hat!« - -Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern -oder ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch von Schoener und -Haeseler und Forster und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren -und so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. Sie -wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch etwas helfen. - -»Herr Turnwart!« -- von Schoener ist damit einen Schritt weiter -vorgetreten. -- »Karnagel kann eigentlich nicht dafür, daß er nicht -gegangen ist. Sein Vater ist dran schuld!« - -»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also muß _er_ ran!« - -von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder zurück. Ja, als -Sohn eines Offiziers hat er Disziplin im Leibe. - -»Drei ... sechs ...... fünfzehn! Stimmt! Erstens also zwiebele ich -euch, die ihr euch nicht über unser schönes Militär freuen konntet, -jetzt ein Viertelstündchen, und die _andern_ sehen zu. Und zweitens -dürfen die andern dann kürturnen, und _ihr_ seht zu. Die Paradejungen -aber dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, wie -es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, ihr, mit eurem -Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt nachher beim Zusehen in Reih -und Glied stehen! Und stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! -- Die -Parade austreten!« - -»Die Parade austreten?« -- Oh, die Jungen verstanden! Im Nu waren alle -Barren, Matratzen und alles, was sonst einen Raum zum Liegen bot, -»beflegelt«, während Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang -und die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s los. Nach -links und nach rechts hin ließ er das kleine Häuflein marschieren -und schwenken, die Turnhalle auf und die Turnhalle ab; er ließ sie -an Ort treten und im Laufschritt dahinstürzen, auf die schadenfrohen -Paradezuschauer zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal -vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die fünfzehn Mann -schließlich rauchten und dampften. Und endlich, endlich kam dann das -Kommando: »Halt!« - -»Ausrichten! -- Haeseler, man nich so schlapp dhun! -- Bonin, an deinen -Schuhen is ooch bloß die Ventilation jut! -- Schoener, dhu man nich so! -Willst woll Eindruck schinden? -- So! Nun habt ihr noch lange nicht -so geschwitzt wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor -Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung -- kehrt! Vorwärts -- marsch! -... Ganze Abteilung -- halt! Ganze Abteilung -- kehrt! So! Hier bleibt -ihr stehen und seht zu!« -- Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung -Kürturnen!« - -Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein Vergnügen gewesen, -jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen eine ganze halbe Stunde lang! -Wie es sonst nur in der allerletzten Stunde vor der großen Versetzung -gewesen war! Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der -gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so »duselig« zusehen! -Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen! - -Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen. - -»In Rotten antreten! Haltung!« - -Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten. - -»So!« -- Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, sein -gemütliches Gesicht. -- »Jetzt sind die Sünder wieder so gute Menschen -wie wir andern. Jetzt dürft ihr mir alle wieder zum Abschied vor den -Pfingstferien die Hand geben!« - -Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten die fünfzehn, -die Paperlink soeben so frisch und allerliebst und gründlich dabei -»gezwiebelt« hatte. -- -- -- - - -Zu langstilig und zu kurzstielig. - -»Na, das läßt sich ja immer schöner an!« - -Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als man endlich wieder -oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. Was konnte denn überhaupt nun -heute noch passieren? Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher -Geschichte! Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um -hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus treiben; -aber man riß sich eben auch kein Bein aus. - -Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die Pfingstferien! Der -dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken beinahe Juchhe! geschrien. - -Wo blieb aber nur Fuchs heute? - -Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! Eine der Quarten -marschierte draußen andächtig auf. Schnell trat auch jetzt der -Ordinarius in die Klasse und ließ seine Jungen so auseinanderrücken, -daß sich neben jeden ein Quartaner setzen konnte. - -Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, und langstiliger -noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar wollte Doktor Fuchs die -Quartaner nicht ganz brach liegen lassen und seinen eigenen Tertianern -das Quartanerpensum dabei in Erinnerung bringen. - -Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher Gelegenheit oft ein -dickes Fell: man ließ also auch in diesem Falle die ganze Geschichte -ruhig an sich vorüberplätschern und schwamm nur mit, wenn man wirklich -mal gezwungen wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß! - -Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl: ~summa summarum~ eine -feine Stunde! - -»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, sich zuweilen -recht gewählt auszudrücken, »es war eine Stunde, die sich wunderbar in -diese ganze, feine Woche hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden -wir mit Gottes Hilfe noch überstehen!« - -Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf den Mund. »Fertig -mit de Quasselstrippe?« fragte er schließlich. - -»Ja!« - -»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: Adjee Sie!« - -Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren durchaus der -Meinung von Fritze Köhn: so was konnte man eben gar nicht kurz genug -sagen! -- -- -- - -Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! Griechenland war -so weit weg und die Geschichte der alten Griechen noch viel weiter! -Zudem war es auch wieder heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß -man auf Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in der Stunde --- die Schuluhr draußen über der Turnhalle hatte gerade halb geschlagen --- mitten in der Stunde also meldete sich der Richter und sagte -höflich: »Herr Doktor, können nicht die Fenster oben _alle_ aufgemacht -werden?« - -Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja wohl bestimmte -Fensterwarte in dieser Klasse!« - -Die vier Größten sprangen auf. - -»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während Schilter und -Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem Fenster zu ergreifen und ihn -langsam und vorsichtig zur Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich -dann oben an der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt. - -»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius. - -»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht! -Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am besten machen wir das vorläufig -_nicht_ auf!« - -»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich bei euch hierdrin -in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! Geht’s wirklich nicht doch mal mit -dem Fenster, Mucius?« - -»Herr Oberlehrer!« -- Der kleine Zittel ist immer einer der schnellsten -auf dem Plan. -- »Das Fenster ist unter Plombenverschluß gelegt!« - -»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und tritt zu dem besagten -Fenster hinüber. - -Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und die zum obersten -Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange gelegt; die beiden Enden -dieser Schnur waren in einer kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein -Zettel war weiter darangebunden. Auf dem stand: - - »Vorsicht! Plombe! - Oeffnen bei Strafe verboten! - - Mucius, Fensterwart. - Im Auftrage der Klasse, - G. m. b. H.« - -Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, »dann müßte unten -in meiner Quinta an jedem Fenster solche Warnung hängen! Es wird schon -gehen!« - -Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch, -die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen -gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze -Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch -sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere -auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er -selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch eben _sein_ -Fenster! Aber _er_ würde -- - -Knipps! -- Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster -oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln. - -Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der -schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr! -zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke. - -Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel -los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen -sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen -Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer -in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt -umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber -einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten. - -Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch -schon der Direktor auf der Bildfläche. - -»Na nu? Was ist denn hier los?« - -Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze -Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für -den Schaden aufkommen, Herr Direktor!« - -»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der -Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet -hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch -ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie, -dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich -habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt, -daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade -vorbeiging« -- der Herr Direktor lachte wieder -- »da dachte ich mir -gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz -gefährlich an!« - -»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist -nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« -- -- -- - -Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe. -Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst -und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja -einen Heidenspaß. Die Zeit ~NB.~ verging doch dabei auch; die Zeit, die -kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und -gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren -dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die -dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine -Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein, -wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt -schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte, -daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war -- durch die -Schuld des Lehrers. -- - -»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?« - -»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!« - -»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?« - -»Ih wo!« - -»Na, wer weiß?« - -»Na freilich!« - -»Quatsch nich, Krause!« - -Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und -lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern -Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n -bißken kurzstieliger, meen’ ick!« - -Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den -»verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch -wieder mal!« - -»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!« - -»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« -- -- -- - - - - -Freitag: Die Klassenpartie. - - -Der alte Caesar und eine moderne Landpartie. - -Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des -Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die -Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat -ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang! - -So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und -vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der -feinsten Woche überhaupt herangekommen war. -- - -Langsam hatte sich eines Nachmittags -- noch im Mai war das gewesen! --- die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden. -Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen -gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen! -Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera! - -Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas -verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das ~Bellum -Gallicum~ hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf -den Tisch, daß es kracht. - -»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt -auch Caesar! Der ist mir lieber!« - -Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf. -Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der -Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich -nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa -hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen -Windbeutel auch nicht viel anfangen können. - -»U--ah!« -- Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit -in die Welt hinausstrecken kann. -- »U--ah! Dicker, nicht wahr, du hast -auch keine Lust!« - -»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?« - -»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?« - -»Du, dann übersetze mal schnell!« -- - -Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und -schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie -sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den -Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu -ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und -beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben. - -Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie -versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere -scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich -um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da -so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen -Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in -den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles -von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz. -Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen, -desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am -Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren. - -Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand -anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles -drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die -Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im -Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze, -ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage -fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben: -sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera! - -Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs! -Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar--!« - -Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen -Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so -schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in -diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz -nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten. -Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes -Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte -natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung -Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor -Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe -gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich -und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht -dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten -Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb. - -Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn -fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just -eben noch die Belgier die Stadt Bibrax. - -»Wieso?« -- »Wer hat das gesagt?« -- So ruft alles durcheinander. -- -»Woher weißt du das?« -- »Erzähle mal!« -- »Mit Fuchs allein? Oder eine -Schulpartie?« - -Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher -schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die -aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen -wie gewichtig: »Erst -- mal -- Ruhe -- im -- Saal! Großmutter will -tanzen!« - -»Unsinn! Sage mal schnell!« -- Wie konnte der dicke Puntz bloß so -rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! -- - -»Also, Jungs!« -- Hagen bleibt in dem Schneckenton. -- »Der -- Direx --- hat -- in -- der -- Sekunda -- gesagt: in der nächsten Woche sollen -alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut -deutsch Partie!« - -Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt -und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch -ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein -leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt: -»Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!« - -»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch -dicker als du!« - -»Vietz? Der hat sicher geflunkert!« - -»Du meinst, die Dicken flunkern alle!« - -»Ich werde dir gleich --« - -»Bumsvallera! Bums!« - -Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar. - -Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt -als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden -zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man -dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf -gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge -sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf -Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der -Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung, -in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste -Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los, -daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem -Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber -je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken -der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein -einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte. -Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch -sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt, -wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten -Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in -der Herde mit der ganzen Schule. -- -- -- - - -Vorfreuden. - -Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß, -entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!« - -Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!« - -Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen -einfach mal fragen.« - -Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir -schreiben es an die Tafel!« - -Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich: -»Ich werde die Verse dazu machen!« - -»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!« - -»Jetzt nicht! Morgen!« - -»Unsinn!« -- Der Fritze Köhn greift immer feste zu. -- »Jetzt haben -wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links -drehn!« - -Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das -Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!« - -Von hinten wird ~a tempo~ vorgeschlagen: - - »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, - und die Klasse war so fleißig!« - -Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt -auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm -nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide -gegriffen: - -»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon: - - »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, - und die Klasse war so fleißig.« -- - -»So!« -- - - »Will auch noch sehr fleißig sein!« - -»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!« - -Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben: - - »Denkt indes, es wäre fein, - nicht zu schwitzen in dieser Pein.« - -»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein -gewichtiges Urteil ab. - - »Sondern zu wandern weit hinaus - und möglichst spät zu kommen nach Haus.« - -Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und --- plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse. - -Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die -erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des -Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und -zuckt. - -Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf -das Katheder zu steigen, und -- er sieht die voll beschriebene Tafel, -die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er -liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig. - -Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um -und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!« - -O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste -aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über -den »größten Stoß Hefte«. - -Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über -die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!« - -Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar -schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige -Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür: -»Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n -Kopp, det er Plattbeene kricht!« - -Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus -zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt -und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und -weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse -machen. -- -- -- - -Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten -Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber -Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie -dann alle lesen!« - -In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter -oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und -nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster -Schrift an der Tafel. - -»Fein, Schmuck!« -- »Ach, _der_ Vers taugt nichts!« -- »Da muß noch -hinein, wohin wir wollen!« - -Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und -findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein -anderer auch nicht!« - -Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. -- - -Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig -wie gestern. - - »Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne, - Jugend tummelt sich draußen mit Wonne; - sämtliche Schulen fliegen schon aus, - nur unsere Klasse darf nicht hinaus! - Lehrer gehen doch auch gern ins Freie, - besonders im wunderschönen Maie! - Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai, - der Juni ist auch noch nicht vorbei! - Die Pfingsten sind ja nun heran, - die schönste Jahreszeit bricht an. - Gewähren Sie uns doch die eine Bitte, - beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte! - - Die Unter-Tertia ~O~.« - -Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als -müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen. -Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?« - -»Schmuck! Schmuck! Schmuck!« - -»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel -schreiben!« - -Schmuck freut sich mehr, als je ein ~poeta laureatus~ sich gefreut -hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs -fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf -steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die -Partie machen will.« - -Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die -Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon -schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« -- »Potsdam!« -- -»Königswusterhausen!« -- »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage, -Herr Doktor!« - -Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! ~Notabene~: hoffentlich -beteiligen sich alle an der Partie!« -- -- -- - - -Ein armer Junge. - -Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch -nicht!« - -Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber -lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört -zu: »Der ist immer der Spielverderber!« - -Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es -die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich -gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt -nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone -zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih, -das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra -bearbeiten!« - -Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt -er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den -kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn -er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt -den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein -Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu -denken. - -Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den -Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er -geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause -die Aufsicht zu führen hat. - -Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor -Fuchs winkt ihn zu sich hinan. - -»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?« - -»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!« - -»Warum?« - -»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!« - -»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel -größer als du!« - -»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten -Freunde!« - -Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so -daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links -und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber -sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz -vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig; -aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du -weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?« - -»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!« - -»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!« - -»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über -sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei -seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!« - -»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein -Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher -und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun -- jetzt halt mal die -Ohren steif! -- gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried -herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu -sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das -noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf -den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du -mir unsern Primus etwas in Ruhe!« - -»Herr Doktor!« -- Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als -das Lachen. -- »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es -ja auch gar nicht gemeint!« - -»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.« - -Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden -Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden -schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im -Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs -hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich -hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu -sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den -beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge -gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher -andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig -Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion -mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz -getan hat. - -Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn -Fuchs von dir?« - -Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht -doch Fuchs! Nachher!« - -Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß -ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹ -Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht -gehörte!« -- -- -- - -Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch -nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener -Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der -Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst -recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch -laufen. - -»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht -kommt Rat!« -- -- -- - -Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr -Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So -suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor -und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890 -in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr. -Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: -war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! ~NW~, Havelberger Straße 250. -Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann, -Schöneberg, Torgauer Straße 105.« - -Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach -der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte -dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. -Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich? -Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!« - -Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt -sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben -Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250. -Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des -Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3 -Treppen links. -- -- -- - -Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf -Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund -gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an. - -»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?« - -Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und -ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!« - -In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus. -Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der -Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel -über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die -jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der -Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von -vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge -eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt. - -»Guten Tag, mein Herr!« - -Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des -Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?« - -Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß -Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen -Augenblick sprechen.« - -»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?« - -Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines -Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick -eintreten, Herr Lehrer?« - -So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen umzusehen. Es ist -offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried; -denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und -auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der -ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist -sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst -reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck. - -Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt -der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den -pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen -sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten. - -»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit -hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein -lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken. -Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag -etwas schlafen.« - -Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und -warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht -ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als -er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide -können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried, -meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will -sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu -haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« -- Doktor Fuchs -hat das Geld schon in der Hand -- »ihm doch diese Mark und fünfzig -Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß -ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom -Vormund für unvorhergesehene Fälle.« - -Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie, -»ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der -Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen -hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist -noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als -mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade -noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja -das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!« - -»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten -darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.« - -Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen. -Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen -kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine -Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der -Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es -auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur -Last fällt!« - -»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie -aufgenommen?« - -Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so -ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge -lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein -letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen -Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja -durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch -bis jetzt gegangen!« - -»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es -Ihnen einmal danken!« - -»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen -absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder. -Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn -schicken wohin ich will. Nur,« -- die Frau lächelt dabei, als hätte das -schon recht spaßige Szenen gegeben -- »er kann nicht ›danke!‹ sagen; -das wird ihm doch nun einmal zu schwer!« - -»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber -ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?« - -»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch -sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja -mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!« - -Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst -scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat. - -»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß -er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf -andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen? -Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.« - -Doktor Fuchs muß dabei lächeln. - -»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich -erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die -Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.« - -»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« -- Dabei steht Doktor Fuchs auf. --- »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit -abgehalten!« - -»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es -der Ernst ja nicht selber tun kann.« -- - -Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend -nach dem Restaurant, wo er -- als Junggeselle -- täglich ißt. Er kann -alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein -Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und -Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der -Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein -Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn -einer mehr mit am Tisch sitzt!« -- Aber noch viel mehr beschäftigt -seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch -sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der -nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. -- -- -- - - -2 ~m~ Schottisch. - -Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch -schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem -Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er -mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. -- Na, freust du -dich nicht?« - -Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden -Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und -mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist -denn der Herr?« - -»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest -seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun -mitmachtest!« - -Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht -still und ruhig zur Tür hinaus. - -Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich -werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?« - -»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du -recht!« - -Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke. -Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und -schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch -ein. - -Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst -so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen. - -Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten -gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses -Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der -Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines -Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden -wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin -macht ein erstauntes Gesicht. - -»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist -die Kleine hier!« - -»Was soll es denn für Stoff sein?« - -»Ich weiß nicht, aber meine Tante -- solches hier! Bunt kariert!« - -»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!« - -Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine -- meine --« stottert -er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!« - -»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches -hier!« -- - -Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht -jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den -Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter -abschneiden?« - -»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 ~m~ Schottisch!« -- Er hat -außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst -dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er -dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig -Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und -freudig gehen sie nach Hause. - -»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!« - -Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,« -ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die -Partie!« - -»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast -doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein -Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann -würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich -freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!« - -»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch -nicht! Nein, das geht wirklich nicht!« - -»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind -da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.« - -Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt -- denn sie muß in -der Küche noch waschen -- sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe -herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst -nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht -gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur? -Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? -Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück -abgeschnitten ist!« -- - -Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am -Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. -- -- -- - -Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt -eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar -ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen. - -Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum. -Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz -traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der -Herr Lehrer!« - -Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt -und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt -das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?« - -Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel -einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! -So! Und --« - -»Du, Lenchen,« -- Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen -Plappermäulchen hingetreten -- »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst -du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?« - -Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du -sollst doch mitmachen!« - -»Das war ein Lehrer?« - -»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem -Tüchelchen am kleinen Bruder herum. - -»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?« - -Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was -sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das -Geld für dich gegeben!« - -Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in -die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir -das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?« - -Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja -selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich -gegeben! Was machen wir denn nun?« - -Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen -müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht -ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat -dir das Geld gegeben!« - -»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld -geben, Ernst. Aber ...« - -»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie -nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht -der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus. - -Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt -und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was -wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte -bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz -gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber -gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas -zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend -wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante -ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den -paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie -sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs -sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein! - -Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht -wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht -schlecht. -- -- -- - - -Edler Wettstreit. - -Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des -weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz -die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem -seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor -Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na, -Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt _du_ die Fahne -tragen!« - -Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen -Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und --« - -»Gut, gut! ~Ad~ Partie nachher in der Klasse!« - -Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der -ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner -Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt. - -Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor -Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die -Partie, aber ...« - -»Na freilich! Und nun drückt er sich!« - -»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch -was ganz andres!« - -Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und -gehört doch auch nicht zur Partie!« - -»Ja! Nein, nein! Ja!« - -»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!« - -»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der -kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er -- weil er --« - -»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!« - -»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst -Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei -will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm -in ein weißes Blättlein eingewickelt hat. - -»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und -deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst -Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon -alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also, -Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater, -und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten -gefreut hätte.« - -»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade -sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich -sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache. - -An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus -der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus -auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn -wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen -durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige -Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu -Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe -bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf -einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia -vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an -der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der -kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß -er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse -wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe -Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er -recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und -jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte. - -Das war -- der Ernst Ehrenfried. - -»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber. - -Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu -sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der -Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er -mit einem seiner Lehrer sprechen wollte. - -Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon -stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft: -»Herr Doktor! Herr Doktor!« - -»Na, wo brennt’s denn, Junge?« - -Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und -her. »Herr Doktor!« - -»Na ja doch, schieß nur los!« - -Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg! - -»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht -mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen, -daß er auch mitkann?« - -»Na, wieviel hast du denn drin?« - -»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch -mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!« - -»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!« - -»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß -Ehrenfried auch mitkommt.« - -Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der -Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat -er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz -war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den -klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und -jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben. - -Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch, -sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos -handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, -das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich -freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein -Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!« - -Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht. - -»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der -Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst -Ehrenfried kommt auch so mit!« - -Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er -dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse -zu. -- - -Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens -geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er -sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt -auch langsam herunterschreitet. - -»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein -Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?« - -»Herr Doktor!« -- Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in -die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er -weinen wollte. - -Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst -die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen -Kameraden auch einmal freuen können!« - -Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die -Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann -doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß -- daß -- dieses Geld -- -das Geld --« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, -daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der -Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt. - -»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch -nicht zum Weinen!« - -»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß -- daß --- Sie es gebracht hatten!« - -»Du hast das Geld schon verbraucht?« -- Es klingt beinahe aus dem -Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre. - -Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß -er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch -schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich -einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?« - -»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten -Zweck ausgegeben hast!« - -»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen -brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff -zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie -wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem -Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« -- - -Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen, -atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den -Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um -den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und -muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen -zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter -und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht -anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und -dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte, -aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!« - -Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen -soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das -Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere, -schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel -ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber -auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun -ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände -mehr miteinander.« - -Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie. - -»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch, -außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas -davon zu erfahren! -- Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die -Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das -nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!« - -Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor -Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« -- -- -- - -Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf -den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der -Unter-Tertia ~O~ zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf -zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an -ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. -- -- -- - - -Würden und Ämter. - -Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die -partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute -einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den -haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst -irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was -solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf -und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die -Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits -findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen -will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste. - -So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen, -daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch -in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. -Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und« --- dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um -- »und da möchte -ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. -- -Grunewald!« -- - -Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!« -vom dicken Puntz. - -Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der -Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen -zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald -ausgesöhnt. - -»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?« - -»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und -verächtlich. - -»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn? -Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der -Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den -kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?« - -Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu: -»Nein!« - -»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es -geht in den Grunewald!« - -Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er: -»Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für -die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!« - -Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch -schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch -fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll. - -Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage -- nun ist’s inzwischen schon -Freitag geworden -- selber wieder auf die Partie, als er von der -Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt. - -»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König -Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?« - -Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden. - -»Wer Wannsee?« - -Ein paar weniger. - -»Wer Nikolskoi?« - -Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr -lange her, daß er da war. - -»Wer Sakrow?« - -Einer. - -»Wer die Römerschanze?« - -Keiner. - -Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und -einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!« - -»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?« - -»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine -schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹« - -Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann: -»Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.« - -»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!« - -»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der -Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -- Zweitens: Ich brauche zwei -Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!« - -»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die -Musik liefern.« - -»Kannst du das?« - -»Ja, mit der Mundharmonika!« - -»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte -sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!« - -Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich -meinen photographischen Apparat mitbringen?« - -»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!« - -»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?« - -»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die -Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!« - -Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint -sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was -habe ich denn da zu tun?« - -»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner -abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!« - -Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und -verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?« - -»Darf nicht vorkommen!« - -»Aber wenn er fortlaufen _will_?« - -Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die -Geste des Hauens. - -Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher: -»Ja!« - -»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« -- Die Frage hat den Leverenz schon -halb zu Tode gequält. - -»Na, so ~en passant~! So viel uns Zeit bleibt.« - -»Ich werde einen Ball mitbringen.« - -»Meinetwegen! Aber kaum nötig!« - -»Können wir sackhüpfen?« - -»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!« - -»Essen wir zu Mittag?« - -»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75 -Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber -auch selbst was mitbringen!« - - * * * * * - -Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse -hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar -der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der -Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den -Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!« - -»Also noch einmal langsam! Greff -- Hagen -- Sausig und Woller. Gut! -Nehmen die Herrn die Wahl an?« - -Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe. - -»Kennt ihr auch den Grunewald genau?« - -»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.« - -»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich -werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die -Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant -war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am -letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!« - -»A--a--ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!« - -»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen -will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur -das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder -höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen -mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei -sich haben.« - -»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?« - -»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag -vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur -Partie-Unke.« - -Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt -Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen: -je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das -Vergnügen!« -- - - -Der Überfall am Pechsee. - -Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie -hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas -unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte -drum doch keiner die Partie. - -So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte -Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte -die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter, -die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach -ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch -einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde -zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf -den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof. -Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar -neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf -Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf -Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem -Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die -Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis -gekommen, daß zwölf Mann fehlten. - -»Wer sind denn die?« - -»Hagen -- Sausig -- Boenick -- Schulz -- Woller --« - -»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!« - -»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?« - -»Wir warten, und sie kriegen gleich was!« - -»Na, wir wollen mal sehen!« -- - -Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus -den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet -auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen -schnell weiter. - -Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist -auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs. - -»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten, -Herr Doktor?« - -»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch! -Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte -mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht -spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst -da ist, die oder wir.« - -»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt! -Wir müssen die ersten sein!« - -»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das -gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch -eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in -Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich -bombardieren!« -- - -Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander -hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da -puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder -fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet -hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da -sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng -klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen. - -»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?« - -Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den -Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben. - -»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!« - -Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so -vergnügt: »Alles in Ordnung!« - -»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer -neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will. - -»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen -Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören. - -»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber -nicht weiter auf Poseners Fragen ein. - -Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus. - -»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn. - -»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!« - -»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige. - -»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere. - -Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein -lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, -- -und Hagen -- wo kommt der auf einmal her? -- hat den dicken Puntz über -den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol, -bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und -Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da -und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel -surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die -Jungen werden ganz wild. - -»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber -Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du! -Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande -nehmen wir in die Mitte!« - -Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht -hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf -die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man -endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und -legen sich -- ~les uns les autres~ -- mehr oder weniger sanft auf die -Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch -einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne -wieder auseinanderhat. - -Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von -den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da -und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an. - -»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte -doch! War det ’n Klumpatsch!« - -»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?« - -»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen. - -»Es sollte ja auch ein Überfall sein!« - -»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum. - -»Wer hat mich denn hier gekratzt?« - -»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!« - -»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« -- - -So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als -der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« -- -Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. -- »Wenn ich hinten -gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein -Wilder auf mich zugesprungen!« - -Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was -denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!« - -Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz -zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein -Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere -ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!« - -»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie -mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 -Minuten!‹« - -Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie -beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!« - -»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette: -›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹« - -Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war -aber alles fein abgepaßt!« - -Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater! -Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das -Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der -Saubucht ein!‹« - -»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz -dazwischen. - -»Du bist wohl ver--!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst -ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!« - -»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen -lassen?« - -»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß -der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich -konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation -hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge -abgewehrt hat!« - -Ein fröhliches Lächeln allerseits. - -»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen. - -»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir -scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp, -Hurra!« - -»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden -und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am -Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht -entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und -mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter -besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren -Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen -Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die -Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. -- -- -- - -Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen -Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher, -sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser. - -»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. -- - - -Auf hoher Warte. - -»Zum Karlsberg!« heißt es endlich. - -Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den -gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann -einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur -Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot -der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel -hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern -drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht -aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem -Hauche verbrämt. - -So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die -Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer -vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, -rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König -Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um -den Fuß des Turmes. - -Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die -große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen -Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd -taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und -Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten -geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und -raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er -hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend -und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf -verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus -Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf -leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden -Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in -die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften -auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen -Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das -lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann -drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, -hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in -die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein. - -Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der -sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam -herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der -Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus -einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des -spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert -die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem, -dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft -verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne -gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen -Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird. - -Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen -Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in -diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern -Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist -das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es -will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein, -Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!« - -Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber -- wo -sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm -zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm; -aber die andern? Etwa -- gegen seinen Befehl -- doch auf dem Turm? -Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe -wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude. - -Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen -Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt -ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon -wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! -- - - -Brennesseln und Regenwürmer. - -Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter, -die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der -Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit -Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder -an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor. - -Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen -freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren -Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs -nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar. - -»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen -weiterfrühstücken!« - -Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der -dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit -steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal -von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz -dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr -sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen -wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar -Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder -von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich -sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine -Plätzchen hier! Na, wird’s bald? -- So!« - -Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben, -unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst -Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von -seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal -Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal -fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den -Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen, -sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will -aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen -Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel -festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes -Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses -Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, -freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter, -bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm, -Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz -sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!« - -»Meinst du?« - -»Ja! Ganz sicher!« - -»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! -- So! -- Na, -also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!« - -Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal -fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter -der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der -unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt. - -So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen -doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die -fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die -Stullen belegt sein, da das alles so mundet! - -Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar -Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und -zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der -Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da -kannst du schon fester zufassen!« - -Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige -mal!« - -»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!« - -»Wozu nimmst du denn den mit?« - -»Nicht doch, du! -- Für unser Rotkehlchen!« - -»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich -der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens. -Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß -er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt. - -»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel. - -»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs. - -»Na, sie sind doch schädlich!« - -»Schädlich? Wieso denn?« - -»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!« - -»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst -sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes -Erdboden! Weißt du das noch nicht?« - -Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?« - -»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die -fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter. -Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr -drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende -zuerst ins Loch ziehen!« - -Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas -zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!« - -»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein, -denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen -sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried -recht.« - -»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet, -»ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.« - -Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz -tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so -still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu -und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken: -»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr -Doktor,« -- der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein -- »warum -sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?« - -»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die -Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden -verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern -Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein -gedüngt, wieder von sich gegeben haben!« - -Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt -wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen. - -Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!« - -Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich -nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?« - -»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben -können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit -ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber -unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen -sie hervor und verrichten hier oben« -- dabei beugt sich Doktor Fuchs -zu Puntz hin und sagt nur halblaut -- »ihr Geschäftchen. Wer hat -denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete -Kotballen, meine ich.« - -Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich! -Herr Doktor!« - -»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der -Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer -wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.« - -Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr -Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!« - -Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen -sollen. - -»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann -müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. -- Also! -Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter -einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1 -Quadratkilometer?« - -»1000 × 1000 × 10.« - -»Das sind also doch 10000000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer. -Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? -- Dann hat sich -Darwin --. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?« - -»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter -im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht, -Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst -so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer -weiter.« - -Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr -Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch -gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.« - -Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler. -»Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!« - -»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch -viel näher als ich!« - -Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift ~sans façon~ -nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor -Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch -zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken. -»Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter -die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den -Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest, -wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird. -Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder -auf einen Quadratkilometer 2500000 Kilogramm oder 5000000 Pfund oder -50000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen -ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 ~mm~ geben. Na, Dicker, -bist du nun bekehrt?« - -»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.« - -»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld -- damals war -er noch jung -- Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er -dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem -Menschenalter wieder -- ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand -er die Kreideschicht 16 oder 17 ~cm~ unter der Oberfläche. Macht aufs -Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ ~cm~, auf 100 Jahre ½ ~m~, auf -200 Jahre 1 ~m~. ~Item~, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch -den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein, -die auf unsrer Erde leben!« - -Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde; -keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr. - -Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor -sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und -einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn -er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt -nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben -Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der -Giesel fertig. - -»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein. -Ja!« - -»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf. - -»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann -sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer! -Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!« - -Das macht die Jungen stutzig. - -»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!« - -Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert -schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch -aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben -liegen!« - -Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen. - -»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir -also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten -Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn -man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit -Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes -genau noch einmal so reichlich.« - -Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste -Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie -in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm -durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!« - -»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei -Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht. -Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber -zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht -lebensfähig.« - -»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!« - -»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden! -Na, Jungs, wollen wir weiter?« - -»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke -Puntz. - -»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also -~en avant, messieurs~!« -- - -Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer -etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet -sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch -alle?« - -Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!« - -»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie -sehen denn die aus?« - -»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!« - -»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!« - -»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!« - -»Warum, Dicker? Warum, Jungs?« - -Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf -den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich -Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun -die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf -sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das -Gift in die Wunde und zieht Blasen.« - -»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der -Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!« - -Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht -die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst -etwas über die Blätter streift. - -Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln -diese Härchen?« - -Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum -Schutze!« - -»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber -könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? -- -Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe -steht sie ihm!« - -»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?« - -»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« -- Doktor -Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. -- »Nun, seht mal -her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige -Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann -helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!« - -Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke -des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß -sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt, -wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten -Blüte zu Leibe gehen will.« - -»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er -wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die -Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!« - -Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell -zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung -müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur -diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die -besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch -fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr, -wie man das nennt, Jungs?« - -»Zuchtwahl!« -- Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge. - -Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja, -Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?« - -Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch -einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal -auch in Gräben und hinter Hecken?« - -Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier -immer unter den Eichen? - -Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung: -»Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.« - -»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das -sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen -Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!« - -Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor -Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt -und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal -solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« -- - -Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben -aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so -weit die Jungen auch um sich gucken. - -»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!« - -»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!« - -»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!« - -»Na, denn los! Sanfter Galopp!« - -Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos -kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle, -starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen -lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten -Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem -Lumpengesindel der Nesseln. - -»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft -hat. -- Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. -- »Na, -wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?« - -Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber -im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern -Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die -Nahrung und das Licht weg!« - -»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?« - -Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben -Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen -Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da -schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes -Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese -schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und -dünn wie Weidengerten! - -»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es -wird dir mal schlecht beim Militär gehen!« - -»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle -wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s -manchmal nicht zu best.« -- - - -Die dicke Hauskapelle und die Ameisen. - -Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht soeben ein -mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um Dittmer herum und scheint -auf ihn loszugehen; jetzt schlagen sie sogar auf ihn ein, und -dazwischen schallt es drohend: »Feste! Immer feste! Totschlagen!« - -Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. Schon von weitem -schreit er: »Was ist denn los? Was ist denn los?« - -Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr Doktor! Der Dittmer hat -sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!« - -Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen Augenblick -still und schnappt nach Luft. »Na, _der_ Schaden läßt sich ja kurieren!« - -Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie wild gebärdet. »So, -Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, »nun zieh erst mal die Jacke aus! -- -Und nun die Weste!« - -»Au! Das juckt, Herr Doktor!« - -»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles aus. Wir wollen -dir die Biester schon absuchen!« - -»Aber, Herr Doktor!« - -»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag umher! Das Hemde -kannst du ja anbehalten. Ganz als Naturgriechen wollen wir dich ja -nicht gleich sehen!« -- - -Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge--ameist, und gute und -schlechte Witze muß er dabei noch über sich ergehen lassen. - -»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, »es gibt also auch -springende Ameisen!« - -»So viel ich weiß, nicht!« - -»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben sprang so ein kleines, -schwarzes Tierchen hier herunter.« - -»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. »Springende Ameisen -heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird wohl nebenbei auch solche Tiere -haben!« - -Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß. - -»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst du ein paar! -Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!« - -»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke Puntz dem -Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in seinem Hemde einen -kolossalen Luftsprung macht. Zum Trost und zum Spott aber beruhigt ihn -der Dicke: »Du, die ist wirklich tot!« - -Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder in seinen -Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen Tag, als ob es hier und da -juckt, und er vermißt sich jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise -tottreten, die er fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern. - -»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese Beteuerungen. -»Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß uns erst mal über den Buckel -hinaufsein; auf dem schönen, breiten, ebenen Weg können wir dann alle -mehr zusammengehen. Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.« - -So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem großen Zaun -entlang. Über den froh dahinziehenden Jungen rauschen die Wipfel der -hochstämmigen Kiefern; leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen -schwimmen im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn und -zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine Mundharmonika -hervorzieht, und dünn, aber doch auch scharf genug fällt es ins Ohr, -das immer schöne, immer frische - - »Muß i denn, muß i denn - zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!« - -Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige fangen an zu singen, -und oben ist man auch schon auf den Havelbergen. Lang dehnt sich ein -schöner, breiter Weg zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor -dem sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs: »Da ganz -hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts ab und kommen wieder zur -Havel hinunter. Nun flott vorwärts! Die Hauskapelle voran!« - -»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?« - -»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! Du scheinst ja auch -ein ganzes Repertoire zu haben!« - -»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!« - -»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!« - -Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr. - - »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, - da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!« - -»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende ist, und das ist -sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. »Du mußt mal etwas spielen, -was alle können!« - -Sofort ertönt weiter: - - »Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich, - Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich, - Anne Marie, o gib mir einen Kuß! - Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!« - -So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, ab und zu -wohl auch mit einem Gassenhauer, der oft gerade mit der schönsten -Melodie in unser Ohr hineinhüpft, bis allen den lustigen Brüdern von -wanderfreudigen Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der -Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner Künstler! -Du mußt einmal Musik studieren!« - -»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika ab, »Musik -studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in unserer Fabrik! Damit -dürfte ich meinem Vater gerade kommen!« - -Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der Dicke aber behauptet, -er hätte keine Puste mehr im Leibe; jetzt wäre auch der Herr Doktor -Fuchs wieder an der Reihe; der hätte noch was von den Ameisen erzählen -wollen. - -»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß ich erst den Dittmer -fragen, ob er weiß, woher bei der Ameisengeschichte der brennende -Schmerz gekommen ist, den er empfunden hat.« - -»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich gezwickt.« - -»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch eine Säure, die nach -ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich wie bei der Brennessel. Diese -Säure ist schon stark genug, daß sie auch sowieso auf der Haut einen -brennenden Schmerz verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der -Wut oder in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.« - -»Aber, Herr Doktor!« -- Nun hagelt’s geradezu Fragen. -- »Ist denn die -Ameise wirklich das klügste Tier?« - -»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber sicher ist es, -daß die Ameisen unter allen Insekten die größten geistigen Fähigkeiten -zeigen.« - -Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; jeder will auch -etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor Fuchs wieder stehen, und er -setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. »Jungs,« sagt er, »jetzt müssen -wir auf diesem graden Wege noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und -links ist da wenig zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau -über die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde einmal -die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule verteilen.« - -»Ich!« -- »Ich!« -- »Ich!« -- »Herr Doktor!« -- »Herr Doktor!« - -»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung der Ameisen?« - -»Die Staatenbildung? Das ist schwer!« - -Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried. - -»Gut! Der Primus muß immer voran! -- Wer redet aber dann über die -Ameisenarbeiter im besonderen? -- -- Zum ersten! Zum zweiten! Zum --. -Also Manning! -- Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich -aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! -- Na?« - -Rohloff hält die Hand hoch. - -»Wer über die Nahrung der Ameisen? -- Körer? Gut! Na, das ist aber dann -auch genug. Na, nun los, Ernst Ehrenfried!« - -Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was am liebsten zu -hören. Alle drängen sich heran und lauschen andächtig. - -»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. »Etwas langsam -sprechen und laut genug! Na, nun schieß mal los!« -- - -»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde -oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier, -die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die -ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt: -zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der -nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben -nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach -einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern -fleißig gefüttert werden. Nach -- ich weiß nun nicht mehr genau, Herr -Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen --« - -»Nach vierzehn Tagen etwa.« - -»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die -sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen -die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß -aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen -sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus -den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen -haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art -zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den -Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere; -aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter -und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf -Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen -machen den Ameisenstaat aus.« - -»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient -eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?« - -»Nein! Nein! Nummer 1!« - -»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?« - -»Ich,« sagt Manning. - -»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?« - -»Ja!« -- Der Junge räuspert sich noch einmal. -- »Also, der Ehrenfried -hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den -Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn -nicht haben.« -- Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk -im Nacken. -- »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und -so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar -besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven -zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu -bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen -an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur -der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend -eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen -- auch der Mensch gehört -zu diesen Tierchen -- auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es -unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch -auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln -und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!« - -»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der -Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?« - -»Nummer 1!« schreien da natürlich alle. - -»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß -solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm -oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses -Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?« - -Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die -Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht, -das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die -sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.« - -»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. -- Na, wer ist jetzt dran?« - -»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles -über die Wohnung der Ameisen erzählt.« - -»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für -dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch -was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?« - -»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor -den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders -gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch -Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den -Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen -Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl -gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen. -Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint. -Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch -hinein.« - -Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in -einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante -ausziehen mußte.« - -»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer -beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.« - -»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten. -Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer -doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie -fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie -hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine -kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen -Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal -auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die -Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.« - -»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben -Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten. -Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt -wirklich wie Honig!« - -»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?« - -»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!« - -»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit -ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt -einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz -da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder -Blattläuse.« - -Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert -sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!« - -Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit. - -»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz -und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese -Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den -Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit -aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen -wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie -leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und -nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im -Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen -genannt, weil sie diese -- man möchte geradezu sagen -- melken.« - -Da lachen die Jungen laut auf. - -»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so -lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren -Enddarm entleeren!« - -Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! -- Die -Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.« - -»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten -um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen -aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm -hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den -Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie -da nun? Was meint ihr, Jungs?« - -»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß -die andern drüberkonnten!« - -»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!« - -»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring -geschleppt!« - -»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen -Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den -Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht, -schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man -sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« -- -- -- - - -»Dieser Stein vom Seinestrande.« - -Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die -Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit -Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er -von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen -und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade -den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und -wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später -rechtwinklig auf die alte Berlin--Potsdamer Landstraße zu stoßen. - -Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten -Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist. -Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern. - -»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer. - -»Frage do’ nich so dumm!« -- Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und -schnell denkender Berliner. -- »Damit keener runtersaust, wenn er ’n -Schwips hat.«[11] - - [11] Bezecht ist. - -»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee -liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!« - -Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?« - -»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein. -»Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!« - - [12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort. - -Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie -weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er -bei so viel Schnee doch weich genug.« - -»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man -eine Fettschicht auf den Rippen hat.« - -»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir -der bloße Neid! Wenn du man --« - -»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines -Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die -beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere. -Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr -erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte -sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu -geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt. -Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte -der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt -die Hand leicht an die Mütze. _Der_ Jubel nun erst! Das hätte sicher -zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier -gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und -die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht -gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der -Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte -Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den -die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen. - -Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die -Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in -Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht -und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend -und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, -weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme -stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum -und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch -näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; -aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, -so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden -freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man -hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere -Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als -man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. -- - -Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender -Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch -das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den -flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen -Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen -Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die -fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, -her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie -seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten, -aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in -reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen -Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie -Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden -wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man -durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst -hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich -elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und -mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs -macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in -einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht. - -Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit -tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu -der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein -walzen kannst!« - -Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll, -da wendet er sich blitzschnell und -- rennt mit der Nase gegen einen -aufgehobenen Arm. - -»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er -schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?« - -»Na, ich will die Enten zählen!« -- Ein ganzes Heer von Kriekenten -tummelt sich draußen auf dem Wasser. - -»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener! -Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost -nischt!« - -Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon -im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius -nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach -rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist -- ein Stück -von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871 -bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet -und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen -Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen. -Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat -sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -- ein echter -Brandenburger! -- damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er -einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in -das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs: - - »Dieser Stein vom Seinestrande, - hergepflanzt in deutsche Lande, - ruft, o Wanderer, dir zu: - Glück, wie wandelbar bist du!« - -Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist -das alles?« - -»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine -Tasse Schokolade zu haben?« - -Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!« -erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!« - - -Blattlaushumor. - -Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder -und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege -zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen -die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine -Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger -Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die -Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf -links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und -Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der -dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?« - -»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber -macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den -Dicken zum Trinken?« - -Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee. - -»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem -Schuß was drin.« - -»Aber,« -- Doktor Fuchs sieht nach der Uhr -- »wenn ihr wollt, Jungs, -dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit -können wir dransetzen.« - -»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!« - -»Wir wollen abstimmen!« - -Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat -sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur -die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich -einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, -so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt. -Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat -er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen -Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich -eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um -ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an. - -»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das, -Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?« - -Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist -zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!« - -»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« -- Doktor Fuchs schaut umher. -- »Da -unter dem Baum liegen wir im Schatten!« - -So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte -weiter; da lagern sie sich. - -»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?« - -»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur -zum Baden!« - -»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?« - -»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne -heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?« - -»Doch!« - -»Na, warum lachst du denn?« - -Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der -Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.« - -»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!« - -Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß -gefragt, ob er den größten Automaten kennt!« - -»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?« - -»Nein, nein! Kennen wir nicht!« - -»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe -einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!« - -Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch -lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß -auch was!« - -»Na, dann gib’s zum besten!« - -»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der -Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt -eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ -- ›Ja,‹ sagt -er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will, -soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹« - -Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner -ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen -sitzt heute so locker! - -Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken -aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei -auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft -haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst -richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen! -Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen -sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte -dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt -freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der -dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz -erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit -- denn er ist in großer -Verlegenheit! Man sieht es ihm an! -- in seiner Verlegenheit glotzt -er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar -nichts zu sehen ist. Und trotzdem er -- nun schon eine geschlagene -Minute lang -- noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber -des ganzen Aufstandes. - -Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?« --- »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« -- »Warum lacht ihr denn? -Mensch antworte doch!« -- »Lache doch nicht so!« -- »Warum lachst du -denn?« - -So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus -keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den -Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin -scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen -Gesellschaft zu sein. - -»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da -alle miteinander?« - -Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt -er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um -Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir -herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle -und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da --- habe ich -- da bin ich --« - -Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht -mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich --- ich -- ich --« - -»Ja« -- jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -- »Herr -Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder -lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell -geplatzt!« - -Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das -richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu -natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu -sehr gekitzelt!« - -Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los. - -Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf. -»Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist -durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum -wachsen!« - -Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar -selber wieder mit. - -_Ein_ Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem -gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das -allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt -und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie -ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. -- -- -- - - -Vom Wannsee nach der Pfaueninsel. - -So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof -vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig -angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von -Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht. - -Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr -Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns. -Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem -Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang -der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah, -Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! ~Voilà des fortifications! Un -fort! Un fort!~‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur -die Wasserwerke sind.« - -»Ja« -- Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die -Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau -hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der -Bahn aus kaum zu sehen sein wird -- »ja, das Ding sieht allerdings -Kasematten nicht ganz unähnlich.« - -Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher, -frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten. -Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an -den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen -Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar -herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die -Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im -Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt -Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine -Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt. - -Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von -üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die -vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees -lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen -hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße -Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche -von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen -Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot -wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu, -die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt -wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen -Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses -lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames -Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so -verrufenen Brandenburger Landes. -- - -»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« -- Dem Dicken wird es so eigen -im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee -links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen -schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon -so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen -vorübergleiten läßt. - -Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht -man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen, -wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder -Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig -aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und -der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte. -Während das starre Eisenauge früher nach Süden -- nach Deutschland -herüber -- schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter -hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. -- - -Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an -den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott -weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch -mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg -weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich -erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen -Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich -drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran. - -Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will -man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag -essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch -zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem -langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die -beste Stimmung zu versetzen. - -Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das -ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei -das Ränzel ab; man kramt darin herum und -- läßt auf einmal alles -stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner -nämlich. - -»Put! Put! Put!« - -Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die -ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst -einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas -ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade _alle_ Hühner haben; -denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle -nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger, -sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das -ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring -am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun -sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das -auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt -dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts. - -Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,« -meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! -- Aber das ist doch -ein windiger Bruder!« - -»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?« - -Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne -Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat -lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner, -die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring -durch.« - -Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen -sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter: -»Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den -Ring auf die rechte Pfote?« - -»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das -linke aus!« - -Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen -uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!« - -»Na« -- jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe -- »nein, Jungens, nun -seht mal her!« -- Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche -heraus. -- »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht -ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses -Jahr. -- Seht ihr? -- Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr -ist!« - -Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch -die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu -schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der -sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke -Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je -früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!« - -~Exest colloquium.~ Es war doch wohl ein strammer Marsch von den -Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem -gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier -arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor -Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. -- - -Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor -Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. -- -- -- - - -Aufregung von Anfang bis zu Ende. - -Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig -geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen. -Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich -jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen -scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt -und taprig sind wie die jungen Puten. - -An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten -doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze -Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser -zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das -Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da -könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber. - -Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen -vor, und -- wie kam das? -- auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor -Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz -zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach. -Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel -von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im -Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim -Köckeritz. - -Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so -schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf -den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja -gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht -Herzschlag? -- - -Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der -Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine -Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt -an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die -schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die -Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede -Muskel ist gelähmt. - -Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment -erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf -und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!« - -»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!« - -»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!« - -»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du -hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und -Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu -Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der -allerbravste von allen! -- So, und nun, meine Herrschaften, alle noch -mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal -hinauszusetzen!« - -So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den -Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und -bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze -Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht -mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins -Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen -ein Paar Hosen von mir!« -- -- -- - -Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in -der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt. -Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen -erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke -Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte -Gebhardt uns doch photographieren!« - -»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben -im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel -hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte -ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!« - -Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die -Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers -erzählt da Doktor Fuchs. - -Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen -und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt. -Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine -Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel -hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas -langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt -auf einen Augenblick wieder das Interesse. - -Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder -dicht zusammen. - -»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder -Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte -eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem -Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen -mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also -auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich, -sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht -haben!« -- -- -- - -Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell -einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die -sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind -dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon -schmecken lassen. - -So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen -nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um -die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, -Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.« - -»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über -mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!« - -So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den -Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam -lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von -Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor. - -Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu. -Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu -ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur -halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre -Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo -darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe -herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen. - -Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er -möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden. -Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr -sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu -dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im -Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der -hört ihn gewöhnlich gar nicht. - -»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf -der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?« - -Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem -Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus -’n bißken in der Havel angeln!« - -Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die -Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge -ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die -richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken, -Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du -dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!« - -Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner -Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!« - -»Du, halt die Luft an!« - -Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel -besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu. - -»Und Fritze Köhn kann sich --« - -»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er -Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die -Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!« - -»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? -- Ich will neben Sie!« -- - -»Du!« -- Die Rauferei soll wieder losgehen. -- »Du läufst schon die -ganze Zeit neben ihm. Ich --« - -»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig -dazwischen. - -Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick! --- Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch _eine_ Aufnahme machen?« - -Das ist im Handumdrehen geschehen. - -Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt -die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort -fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe -der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner -jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu -errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid -ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« -- -- -- - -So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem -Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel -noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee -unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken -zurückzukehren. -- -- -- - - -Beim Kaffeetrinken. - -Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt -in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten -müssen. - -Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt -auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der -Hochachtung!« - -Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn -jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb -auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der -nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür -herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten -im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben -den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?« - -»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!« - -Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja, -seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu -schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« -- - -Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt -worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen _den_ zöge er doch den -kürzern. -- -- -- - -»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß -du da nicht an!« -- Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne -herum und gießt den Kaffee ein. -- »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?« - -Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen -Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des ~Dr.~ Herrn -Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein -Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der -Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen -mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet -hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich -nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]« - - [13] kriegst. - -Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen -müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den -Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. -- - -Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge -wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden -möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so -wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer -schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu -können. - -»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich! -Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« -- - -So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit, -Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen. - -»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee, -den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14] - - [14] sehr stark. - -»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!« - -»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird -furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] -- - - [15] verrückt. - -Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt. - -»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage -zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n -Nappkuchen mit zur Schule geben!« - -»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt -zum Trost das größte Stück!« - -Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich -mich sicher totkorrigieren!« - -Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar -kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!« - -»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen -wir schließlich auch so!« - -Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein -Extemporale mehr schreiben!« -- - -»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört -auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee -ge--ge--geschmissen!« - -»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn --« - -»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs. - -Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so -wat lebt nich und zappelt noch!« - -»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!« - -»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die -Fliege angesungen!« - -»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!« - -»Na ja,« -- der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben -- »da -ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee -gefallen!« - -Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er -denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!« - -Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die -kleine Fischerin gesungen: - - ›Flieje du, du jroße! - Fall nich in de Sooße! - Fall nich in den Kaffeetopp, - sonst krist du ’n Katzenkopp!‹« - -Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie -einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!« - -Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen -Quasselfritze!« -- - -Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher -Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer -Aufmerksamkeit lauscht. - -»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!« - -»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe -noch nie ’n Arzt gebraucht!« - -»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!« - -»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt --- jetzt ist sie tot! -- die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so -gestorben!« -- -- -- - -Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt -jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht: -»Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die -Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der -Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das -Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!« - -Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt -noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?« - -»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem -Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich -in Bier!« -- -- -- - -Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs -Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof -Wannsee rüsten muß. - - -Heimkehr. - -Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf -Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte. - -Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum -Tunnel hinunterführt. - -»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten -sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich -Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!« - -Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die -ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?« - -»Noch nicht! Abwarten!« -- - -Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum -Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will -der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen. - -»Nee! Noch nich!« - -»Warum denn nicht?« - -»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!« - -»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!« - -»Halt!« -- Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. -- »Wir -stehen doch alle noch da drüben!« - -»Au, Mensch, bist du verrückt?« - -»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und -sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium -aller derer, die das mit angesehen haben. - -»Ja, aber -- aber --« -- damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf --- »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« -- Er sieht die andern -Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber. - -»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig. -»Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon -leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen -besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle -zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit -andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus, -daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s -zum Streit und zur Beschwerde, so habt _ihr_ immer unrecht, und das -Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!« - -»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!« - -»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« -- - -Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen -unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer -auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich -die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein -Konzert an! - -Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem -Wagen vorüber. - -»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein -Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!« - -Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter, -Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt -und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr -wollt. Wo ist unser Feldwebel?« - -»Hier!« -- Aus der einen Ecke taucht Doef empor. - -»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!« - -Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber -sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann -- weiß Doktor Fuchs --- kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da -eben hinten der Spektakel von neuem angeht. -- - -»Du, Doofkopp!«[16] nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t -jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau -machen lassen!« - - [16] Doof = taub, dumm. - -Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren -Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!« - -Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer -vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle -dabei und fassen zu. - -Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels -ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen, -die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden, -ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es -stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal -diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar -Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt -sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf -seinen Beinen. - -Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im -Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?« - -Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst. -»Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!« - -Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, Jungs, was -macht ihr denn nun schon wieder?« - -Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der -- der -- Doef, -der macht ’n wilden Mann!« - -Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. »Ja,« -verteidigt er sich, »ich -- ich wollte es mit Maßen und die nicht!« - -Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber entscheidet er kurz: -»Wir wollen mal den Ring hier sprengen. Fritze Köhn und du, ihr geht -ganz nach hinten! Puntz und Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und -du nebenan! Doef bleibt mit euch beiden hier!« - -Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als sich aber jetzt der -Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall von neuem los. Doktor Fuchs -indessen sagt vorläufig nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die -Fahrgeschwindigkeit wieder verlangsamt. Da erst schreitet er die ganze -Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: »Nikolassee jetzt! Also -Ruhe im Saal!« - -»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu. - -Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt man an zu kichern -und zu lachen. Weshalb? Warum? Worüber? Wenn die Jungen _das_ sagen -könnten! Man legt sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den -Nachbar nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter -die kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende -ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und lacht wieder, bis -sich der Zug von neuem in Bewegung setzt und man zu denen ans Fenster -stürzt, die da inzwischen Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr -hereinkam. -- - -Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor Fuchs selber -zu sich genommen hatte. Der Junge saß da wie versteinert; er sah zum -Fenster hinaus und tat, als wenn er gar nicht hörte, daß der kleine -Achim Köckeritz von seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein -ganzes Pfund Butter aufgefressen hatte. - -»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen schweigsamen Nachbar, -»du hast wohl gar nicht gehört, was ich erzählt habe?« - -»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet mit dem -ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange nich so jelacht! Weißt -du aber auch, wie Lack dekliniert wird?« - -»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch etwas -schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut. - -»Na, mache mal!« - -»Der Lack, des Lacks, dem Lack --« - -»Na, siehste woll! _Demlack!_[17] Det stimmt janz jenau!« - - [17] Demlack = Dummkopf. - -Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch Doktor Fuchs -lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. Er sogar nicht zum -wenigsten. -- -- -- - -Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich in einer Ecke -recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar so, als wollte er ein -Schläfchen riskieren. Er hätte auch gar nicht nötig gehabt, zu seinem -Nachbar zu sagen: »Du, höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich -Straße wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und nicht erst -auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder Station vorher. Und -deren Reihe war lang. -- - -Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen Appetit gestillt und -sich auf das Sofa hatte fallen lassen, um seine Erlebnisse bequemer zu -erzählen, da schlief er doch immer schon halb dabei ein. - -»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den Köckeritz, den -hat Fuchs aus dem Wasser geholt! -- Aber eigentlich war’s Ehrenfried!« - -»Was?« -- Vater und Mutter rücken dem Jungen näher. -- »Wen hat er aus -dem Wasser geholt?« - -»Ja, die dachten vielleicht -- ich war -- eine Blattlaus! Aber -- -ich --« - -»Wie? -- Was? -- Junge, du schläfst ja schon!« - -»Ja! Seine Hosen -- waren auf -- Vater Ehreckes -- Schmerbauch -- -eingerichtet, und den haben -- sie dann in die Brennesseln -- gesetzt --- und --« - -»Wen? Was?« -- Alles um den Jungen herum lacht laut auf. -- »Den -Schmerbauch?« - -Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des Sofas -zurückgesunken und -- schläft. -- -- -- - - * * * * * - -Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, um erst den -Achim Köckeritz und dann den Ernst Ehrenfried persönlich abzuliefern. -Dem letzteren öffnete seine mutige Tat draußen an der Fähre zur -Pfaueninsel bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer -Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein Leben zu -bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in der höchsten Not -so edel angenommen haben, einst mehr zu helfen, als nur mit »2 ~m~ -Schottisch!« -- - -Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: »Gott sei -Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen war und nach -diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein Haupt zur Ruhe legen -konnte. -- -- -- - - - - -Sonnabend: Ferien. - - -Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und instinktiv nach der -Uhr griff, war es acht. - -»Donnerwetter ja!« -- Ein blasser Schrecken durchzuckte den Jungen; -doch ebenso schnell war die Erlösung da: »Ach, es sind ja Ferien!« - -Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen zurückfallen ließ! -Ja, diese Wonne mußte man fühlen! Er fühlte sie; _er_ durchkostete sie; -er _erhöhte_ sie sich dadurch, daß er noch einmal an die Partie von -gestern dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten oder -doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er jetzt im Bette -liegen bleiben und etwas lesen oder lieber aufstehen sollte, um so die -Ferien mit noch größerem Bewußtsein und mit noch größerem Behagen zu -genießen. - -In _dem_ Augenblicke fiel gerade unter seinem Fenster ein erster Schlag -und Bums! Und wieder Bums und Schlag! Und Bums um Schlag! Und Schlag um -Bums! - -»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!« -- - -Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los, Junge?« - -»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?« - -»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor dem Fest darf an jedem -Tage geklopft werden!« - -»Auch schon so früh?« - -»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf und mache etwas schnell -dabei!« -- - -Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er sich also wirklich -dazu. Und ein halbes Stündchen später -- heute ließ er sich mehr Zeit -als sonst! -- saß er am Frühstückstisch. - -»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend nämlich hast du nur -Unsinn geredet!« - -»Ich? Unsinn? Wann denn?« - -Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage entgegen und -wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?« - -»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach werde ich euch mal die -ganze Partie erzählen! Wenn Papa auch dabei sein kann!« - -»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber dann werde ich -mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden müssen; denn morgen und -übermorgen fahren wir alle zu Onkel Fritz nach Fürsten--. Na nu? Was -ist denn los, Junge?« - -Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen wollte, -hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer, so daß die -Mutter erschrocken dazwischenfahren muß: »Junge, die unten! Die müssen -ja denken, die Decke kommt runter!« - -»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen: ›Ick frei mir nur so!‹ -Wann fahren wir denn weg, Mama?« - -»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst heute vormittag -noch gleich deine Schularbeiten machen!« - -»Mama!« -- Das Gesicht des Jungen strahlt, als hätte er die Butter -nicht auf seine Schrippe, sondern auf seine Pausbacken geschmiert. -- -»Mama! Wir haben ja _gar_ nichts auf! Das war überhaupt die feinste -Woche, die ich in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste! -Und nun noch die Ferien dazu!« - -»Ja, was aber nun?« - -»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was sich heute noch machen -läßt!« - -»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten oder repetieren!« - -»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze, schöne Woche so -verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama! Aber ich meinte nur, so würde -Fritze Köhn sagen. Ach, es ist doch zu schön!« -- Der Dicke griff dabei -nach der dritten Schrippe. -- »Aber halt! Mama, was meinst du? Bin ich -gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen? Sage es mal ganz offen -und ehrlich! Ich muß es wissen!« - -Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du gesund bist? Na, ich hoffe -doch! Junge, wie kommst du denn überhaupt auf eine solche Frage?« - -»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie von gestern -nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor Fuchs eine Postkarte -schreiben. Das brauche ich also nicht! Das ist jedenfalls nur für -Ehrenfried und Köckeritz!« - -Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse lachen: »_Du_ -brauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du müßtest gerade schreiben, -daß du einen fürchterlichen Appetit entwickelst!« - -»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner dritten Schrippe, »ich höre -jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich noch frühstücken, ehe ich zu -Zeidler gehe!« -- - -Das tat er denn auch. -- -- -- - -Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner! Hätte er aber -einen modernen Tertianer gekannt und zum Beispiel den dicken Puntz nach -dieser »feinen Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber -verbessert und geschrieben: - - »Alles in der Welt läßt sich ertragen, - _sogar_ eine Reihe von schönen Tagen!« - - - - -Vom gleichen Verfasser erschien im gleichen Verlage: - - -Mit Gott für König und Vaterland! - -Erlebnisse eines preußischen Jungen. ▣ Von =F. Pistorius=. ▣ - - Band I: =Das Unglücksjahr 1806.= 3. Aufl. - - Band II: =Preußens Erwachen 1807/09.= 2. Aufl. - - Band III: =Das Volk steht auf! 1813.= 2. Aufl. - -Prächtige Geschenkbände mit buntfarb. Titelbild und Karten ~à~ 4 M. - -▪ Jeder Band ist ein abgeschlossenes Ganzes. ▪ - - -_Urteile (über die Bände I--III)_: - -[Illustration] - -Das ist ein herrliches Buch für unsere deutsche Jugend. Es erzählt die -Schicksale der Söhne des Prenzlauer Gutsbesitzers Pistorius, Fritz und -Traugott, die mit jugendlichem Heldenmut in den Zeiten der tiefsten -Erniedrigung Preußens ihrem König und Vaterlande dienen, der eine als -tapferer Offizier, der jüngere als Kundschafter und Lazarettgehilfe. Es -ist alles mit dramatischer Lebendigkeit und mit peinlicher historischer -Treue erzählt. Unseren Jungens werden die Augen leuchten und die -Herzen glühen, wenn sie diese von flammender Vaterlandsliebe zeugenden -Berichte aus Deutschlands schmachvoller Zeit lesen, die mit dem Anbruch -der großen Freiheitsbewegung eindrucksvoll schließen. Wir vermuten -wohl richtig, daß der Verf. für diese lebendigen Schilderungen sein -Familienarchiv hat benutzen können. - - =Christl. Bücherschatz.= - -Pistorius erzählt uns in seiner glühenden Schreibweise aus der -schwersten Zeit unseres deutschen Vaterlandes. Doch nicht uns -- -sondern seinen Jungen erzählt er! Aber wie er erzählt! Wir glauben -uns bei der Lektüre in die Stube des Erzählers versetzt, glauben -seine Stimme zu vernehmen. Und so wie Pistorius die Ereignisse des -denkwürdigen Jahres erzählt hat, so hat er sie auch niedergeschrieben --- _flott_, _anschaulich_, _lebendig_, _packend_, alles in allem -- ein -echter Pistorius! - - =Tägliche Rundschau, Berlin.= - -An überirdischen Idealgestalten berauscht sich wohl die Jugend, aber -der Rausch verfliegt bald; dieser märkische Junge ist von so gutem, -nüchternem Schrot und Korn, daß man nur wünschen möchte, unsere moderne -Jugend nähme sich Traugott Pistorius zum Exempel. - - =Professor L. Freytag im »Pädagogischen Archiv«.= - -[Illustration] - -Pistorius wollte der deutschen Jugend es ermöglichen, die furchtbar -schwere und dann herrlich ausklingende Zeit mitzuerleben. Das ist -ihm auch in hervorragender Weise gelungen. Die Verknüpfung der -Lebensschicksale seines Helden mit den Generalen Blücher, Bülow, -York, mit der Lützowschen Freischar (Theodor Körner) zeigt die -Geschicklichkeit des Schriftstellers. Die ganze Schwere des Druckes, -der auf dem preußischen Volke gelagert hat, wird deutlich in den -Wirkungen, die er ausübt. So ist es ein Buch, das nicht nur der Jugend -Interesse abgewinnt, sondern auch den Mann ergreift. - - =Die Reformation.= - - -Fritz Pistorius: - -_Von Jungen, die werden._ - -Neue Geschichten :: vom Doktor Fuchs. - -Zweite Auflage. :: Mit Buchschmuck. :: Gebunden 3 M. - -Fröhlicher, glücklicher Schulhumor leuchtet auch aus diesem neuen -Pistorius-Buch. - - =Reclams Universum.= - -Wer nach der Lektüre der früheren Bücher gedacht haben sollte, daß das -Thema nun erschöpft sei, wird mit Staunen sehen, daß Pistorius hier -noch 25 neue Schulfälle sozusagen aus dem Ärmel schüttelt, und dazu so -interessante, wie das Kapitel vom Pumpgenie, von der Ehrlichkeit, zu -der ein flunkernder Schüler erzogen wird, vom neugebackenen Tertianer, -von den Schülertypen des langsamen und dummen Kerls, des genialen und -des liederlichen und des Wildlings. - - =Reichsbote.= - -Ein frisches frohes Buch, den Freunden der Jugend und dieser selbst zur -Freude und Erquickung geschrieben. - - =Mainzer Journal.= - - -_Eine feine Woche!_ - -Mit Titelbild und Einbandzeichnung. Dritte Auflage. Stattlich gebd. 3 M. - -Ich habe das Buch, oder vielmehr das Buch hat mich nicht losgelassen, -bis ich es ganz gelesen hatte. Das ist so recht etwas für unsere -Jungen! _Das_ Buch werden sie verschlingen. Die Probe, die ich mit -einigen Schülern machte, bestätigte meine Ansicht: bald wurde ich von -den andern bestürmt, es ihnen auch zu leihen. Das ist nur natürlich, -denn die geschilderten kleinen Leiden und Freuden unserer Schuljugend -sind so unmittelbar aus dem Leben gegriffen und so launig und fesselnd -erzählt, daß jeder Schüler sich sagen muß: das hat einer geschrieben, -der Verständnis für uns Pennäler besitzt. Ich bin übrigens überzeugt, -daß das Buch in den Klassenbibliotheken zu den begehrtesten gehören -wird. - - Gymnasial-Oberlehrer =~Dr.~ Hermann.= - - -Auf der Wildbahn. - -Ferienabenteuer in deutschen Jagdgründen. - -Für Jung und Alt nach eigenen Erlebnissen erzählt - -von - -=A. Becker.= - -Mit 9 Vollbildern und 18 Textillustrationen von Professor Woldemar -Friedrich. - -Mit einem Situationsplan. - - Neue billige Ausgabe, prächtig gebd. 5.50 M. - Ausgabe mit getonten Bildern gebd. 7 M. - -Das ist _ein Knabenbuch, wie es kaum seinesgleichen gibt_. So frisch -und froh und spannend, daß einem der Atem fast stillsteht vor -Erwartung, und doch frei von nervenreizender Aufregung erzählt es. - - =Daheim.= - -[Illustration] - -»Bitte wieder so eines!« Mit diesen Worten, die eine schlichte -Schülerkritik enthalten, gab der erste Entleiher das Buch zurück. - - =Professor Dr. Thomas=-Ohrdruf. - -In dem vorliegenden Buche sehen wir den _deutschen Wald_ mit allem, was -in ihm lebt ... Verfasser erweist sich als ein Meister der Darstellung; -köstlicher Humor wechselt ab mit sachkundiger, von jeder Schulmeisterei -sich fernhaltender Belehrung. - - =Professor Dr. K. Kraepelin=-Hamburg - im »Hamburg. Correspondent«. - -Mein eigenes Urteil genügte mir nach dem Lesen des Buches noch nicht. -Darum wendete ich mich an zuständigere Richter: ich gab es meinen -Jungen. Die haben sich darum gerissen! Damit hat »Rom« gesprochen. - - =Professor ~Dr.~ Fr. Seiler=-Wernigerode - in der »Täglichen Rundschau«. - -Meine Jungen haben noch keine Erzählung mit solchem Eifer gelesen, auch -nicht den Lederstrumpf, wie diese Jagdgeschichten aus der Heimat. - - =Hannoversches Sonntagsblatt.= - -... Ich habe »Auf der Wildbahn« gelesen, von Anfang bis zu Ende, mit -stiller Freude und wachsendem Frohgefühl. Das ist ja ein wunderbar -schönes Buch. - -Drei Jungen, wackere, prächtige Jungen, oder richtiger Jünglinge -sind es, die während der Ferien und oft auch an den Sonntagen Stadt- -und Schulluft hinter sich lassen, um ein benachbartes, wald- und -wasserreiches Landgut aufzusuchen. Wie sie nun da unter Führung -eines wackeren Weidmannes, einer herrlichen Idealgestalt, eines -Helfers in allen Nöten -- ach, und sie geraten in mancherlei Not -- -die Natur kennen und lieben lernen, wie sie sie belauschen in ihrer -geheimnisvollen stillen Tätigkeit, wie ihr wunderbares Leben ihnen -offenbar wird, wie sie durch mancherlei kleine, frohe Abenteuer, -viele heitere Jagderlebnisse, Wanderungen und Fahrten immer mehr mit -dem Walde verwachsen, wie er im erwachenden Lenzesleben, in seiner -Sommerpracht, im Herbstrauschen und im Winterzauber immer den gleichen -Reiz auf sie ausübt, wie das alles nun so allmählich in ihr Herz -wächst und sie an Körper und Geist gesund und stark und groß und frei -macht -- das ist alles so einfach, so schön, so natürlich, mit so -liebenswürdigem Humor erzählt, daß man sich gar nicht davon losreißen -kann. - - =Hermann Brandstädter=, - Verf. von »Wie Friedel eine Heimat fand«, »Erichs Ferien« usw. - -... Ich möchte den Knaben oder jungen Mann kennen lernen, dem das -Buch nicht gefällt ... Ganz aus dem Geiste eines geweckten Knaben -geschrieben, zählt die Jugendschrift zu den besten, die mir seit Jahren -zur Kritik vorgelegen haben ... - - =Franz Woenig=, Lit.-Kritiker des »Leipziger Tageblatt«. - - -Homers Ilias. - -[Illustration] - -Neue metrische Übersetzung von Professor =Hans Georg Meyer=. - -Mit 24 Kopfleisten von _Hans Krause_. - -:: Hochelegant gebunden 5 M. 50 Pf. :: - -So erschließt Hans Georg Meyer, Professor am Grauen Kloster zu -Berlin, als erster das vollgültige Bild der gewaltigen Dichtung --- dem erwachsenen Leser zur lichten Freude, dem jugendlichen zur -Begeisterung, die für den Urtext das Verständnis bereitet, das unter -der Schwierigkeit der schleppenden Lektüre bisher meist verloren ging. - - =Königsbg. Hartung’sche Zeitung.= - -_Als Übersetzer Homers_ wird für den deutschen Leser _künftig nur Meyer -in Betracht kommen_. Mit Vergnügen und mit naiver Hingabe erfreut sich -die Jugend des Zaubers der Sprache in dieser Übersetzung. - - =Preußische Jahrbücher.= - -Hier spricht ein Dichter zu uns, der sich vollständig in die Welt -Homers einzuleben verstand und in eigenartig packender Sprache die -Kämpfe um Troja vor Augen zaubert. - - =Das XX. Jahrhundert.= - -Alle Nebentöne, an denen die _Ilias noch reicher_ als die Odyssee ist, -kommen zum Erklingen. - - =A. D. B. Zeitschrift.= - -In _leuchtender Schönheit_ ist die unsterbliche Weltdichtung in dieser -Bearbeitung wiedererstanden. Die Verse sind von herrlichem Klang, und -die straffere Zusammenfassung ist eine wahre Wohltat. Wie in neuem Gold -geprägt erscheint die alte liebe Voßübersetzung in diesem metrischen -Meisterwerk. - - =Detlev v. Liliencrons’s Literarischer Jahresbericht.= - -[Illustration] - - -Druck von Trowitzsch & Sohn, Berlin ~SW~ 48. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Folgen - von Gedankenstrichen und die Darstellung der Ellipsen wurden - vereinheitlicht. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE FEINE WOCHE! *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Eine feine Woche!</span>, by Fritz Pistorius</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Eine feine Woche!</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Fritz Pistorius</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 27, 2022 [eBook #67251]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>EINE FEINE WOCHE!</span> ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter illowp60" id="cover"> - <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-001"> - <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Zu Seite 117.</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Eine feine Woche!</h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Fritz Pistorius</p> - -<p class="center">Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«.</p> - -<p class="center p2">Dritte Auflage.</p> - -<p class="center p2"><b>Berlin.</b></p> - -<p class="center">Trowitzsch & Sohn. -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> - -<tr> -<td><b>Montag</b>: Paradeferien</td> - <td class="tdr"><a href="#Montag">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Dienstag</b>: Nachmittag frei</td> - <td class="tdr"><a href="#Dienstag">25</a></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Mittwoch</b>: Die schönste Enttäuschung</td> - <td class="tdr"><a href="#Mittwoch">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Donnerstag</b>: <a href="#Donnerstag">Ein recht bewegter Vormittag.</a></td><td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">1. <em class="antiqua">Sic me servavit Apollo</em></td> - <td class="tdr"><a href="#do-1">53</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">2. Strafe muß sein!</td> - <td class="tdr"><a href="#do-2">57</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">3. Zu langstilig und zu kurzstielig</td> - <td class="tdr"><a href="#do-3">62</a></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Freitag</b>: <a href="#Freitag">Die Klassenpartie.</a></td><td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-1">71</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">2. Vorfreuden</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-2">76</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">3. Ein armer Junge</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-3">80</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">4. 2 <em class="antiqua">m</em> Schottisch</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-4">89</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">5. Edler Wettstreit</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-5">95</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">6. Würden und Ämter</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-6">102</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">7. Der Überfall am Pechsee</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-7">107</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">8. Auf hoher Warte</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-8">114</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">9. Brennesseln und Regenwürmer</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-9">116</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-10">129</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">11. »Dieser Stein vom Seinestrande«</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-11">140</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">12. Blattlaushumor</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-12">145</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-13">150</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">14. Aufregung von Anfang bis zu Ende</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-14">155</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">15. Beim Kaffeetrinken</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-15">161</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdm2">16. Heimkehr</td> - <td class="tdr"><a href="#fr-16">166</a></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Sonnabend</b>: Ferien</td> - <td class="tdr"><a href="#Sonnabend">173</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p> -<h2 class="nobreak box" id="Montag">Montag:<br /> -Paradeferien.</h2> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop-q">»Na, nu schlägt’s dreizehn!« –</p> - -<p>Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die -Tischplatte hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären -ihm alle Geigen aus dem Himmel gefallen. –</p> - -<p>»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches -Exerzitium vergessen! Nee, so ein Pech!«</p> - -<p>Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen -Lächeln in das Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir -haben heute Paradeferien!«</p> - -<p>»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe -es gestern noch schnell gemacht. Und nun habe ich es zu -Hause liegen lassen! Nee, es ist zu dumm!«</p> - -<p>»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!«</p> - -<p>»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich -in die <em class="antiqua">la main</em>! Ich dachte, in der Zeitung gestern früh -würde stehen, daß wir heute frei hätten. Und –«</p> - -<p>Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja, -ich verstehe auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht –«</p> - -<p>Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach, -quatsch’ nich, Krause! Hier haben nur die Schulmeister das -Recht. Und Bumsvallera hat das Recht, mich nachher im -Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir Latein?«</p> - -<p>»In der dritten Stunde!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span></p> - -<p>»In der ersten Französisch bei Fuchsen! <em class="antiqua">Bon!</em> Der -Schuldiener muß nachher mein Heft holen! Er mag wollen -oder nicht, und es kann kosten, was es will! Und dann –«</p> - -<p>Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr -eintöniges Lied los; die Jungen fahren herum.</p> - -<p>»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden -Tag was anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!«</p> - -<p>Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es -ihm geht, so geht’s sehr vielen oder beinahe allen Jungen. -Immer fehlt ihnen etwas; immer müssen sie hoffen, hier oder -da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an einer sicher drohenden -Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal Paradeferien!</p> - -<p>»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie -machen!« denkt ein Dummer, während schon gebetet -wird. »Vielleicht, weil doch am Sonnabend die Pfingstferien -anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei doch ebenso falsch.</p> - -<p>Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen -ganz krampfhaft.</p> - -<p>»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am -Freitag –«</p> - -<p>»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf. -»<em class="antiqua">Ad</em> Landpartie ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am -Freitag wird also die Partie gemacht! Punktum!« Und -ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der Doktor Fuchs -jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen -keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der -Substantiva wird gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft -beim Extemporale, und zu viel Trockenfütterung ist auch -nicht dabei. Immerhin –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p> - -<p>Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren.</p> - -<p>»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder -ins Lateinische zurück! <em class="antiqua">Imago. – Genitiv?</em>«</p> - -<p>Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich! -Aber die Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen -nach der Seite des Flures hin.</p> - -<p>Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen -Korridors, eine Tür geöffnet worden wäre, und als wenn -ein etwas verworrener Lärm einen Augenblick daraus hätte -hervorbringen wollen. Nur einen kleinen Augenblick! Aber -es war ihnen doch so!</p> - -<p>Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell -anwachsend! Und jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr!</p> - -<p>Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß, -fragend, ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu -liegen.</p> - -<p>Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch -nur: »Na, also doch!«</p> - -<p>Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische -Exerzitium! Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall -kriegt – wie er es schon einmal getan hat! – und sammelt -die Hefte für Bumsvallera ein! Dann liegt er doch drin -im Wurstkessel! –</p> - -<p>Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor -erscheint auf der Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt -seinen Lippen. »Wollen Sie die Schüler entlassen! Mit -Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute der Unterricht -der Parade wegen aus!«</p> - -<p>Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -ihre Mappen angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern -durch die Klasse, als hinge an den wenigen Sekunden, die -man vielleicht später als die andern Klassen hinauskäme, -das Leben. Und heute auch noch beten!</p> - -<p>»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht -an die lateinischen Hefte. Der Junge, der heute zum Beten -daran ist, läßt ihm auch keine Zeit:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Anfang, Mitt’ und Ende,</div> - <div class="verse indent0">Herr Gott, zum Besten wende!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet -heute gerade sich schicke für alle diejenigen, die in dem -Augenblicke draußen auf dem Tempelhofer Feld stehen, -um dort ihr Examen vor dem obersten Kriegsherrn abzulegen.</p> - -<p>Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter -Eile. Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine -der Unter-Sekunden zieht vorüber, aufgelöst, als wollte sie -zum Sturm ansetzen.</p> - -<p>»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem -Freunde hinüber.</p> - -<p>»Ich? Gar nichts!«</p> - -<p>»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?«</p> - -<p>»Och! Die Drängelei da!«</p> - -<p>»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?«</p> - -<p>Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte -ich sein!« –</p> - -<p>Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben -es noch eiliger als er selber. Schon packt ihn auch der -Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du mit nach dem Tempelhofer -Feld?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p> - -<p>»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der -Mappe?«</p> - -<p>»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke! -Komm schnell!« – – –</p> - -<p>Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht -wenige aber schlagen ruhig den Weg nach dem Elternhause -zu ein.</p> - -<p>»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich -und schwenkt schnell mit einigen anderen nach der -Belle-Alliance Straße hinüber. Aber schon kommen sie zu -spät zum Auszug der Truppen.</p> - -<p>»Ist denn der Kaiser schon vorbei?«</p> - -<p>»Nein!« – »Ja!« – »Der soll ja heute von Schöneberg -drüben gekommen sein!« – »Ach, er ist ja schon eine kleine -Ewigkeit vorbei!« – »Es wird ja bald wieder aus -sein!« – – –</p> - -<p>Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben -am Steuerhaus, am Rande des Tempelhofer Feldes, kommen -sie geradeaus überhaupt nicht mehr weiter. Sie versuchen, -nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber der -Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken -entgegen.</p> - -<p>»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!« -schimpft der Zeidler etwas beklommen.</p> - -<p>»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu -jetzt! Immer durch!«</p> - -<p>So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des -Kaiserin Augusta Regiments. Dann die gepflasterte Straße -hinunter. Da kann man schon die Helmbüsche sehen, und -einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine lange Reihe<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht -vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen. –</p> - -<p>Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem -besten Willen und mit dem geschicktesten Drängeln nicht, -linke Schulter vornweg. Wie eingekeilt stand die kleine -Schar der Tertianer da. Aber sie waren dafür wenigstens -gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum, die -selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder -auch jedes Nicht-sehen-können hinnahmen.</p> - -<p>»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen.</p> - -<p>»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz -klein wenig um, so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige, -mein Jungeken! Hinter mir habe ick keene Oogen!«</p> - -<p>Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer -an. »Nich wahr, Paule, du sagst ooch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">›Wat du nich willst, det man dir dhu,</div> - <div class="verse indent0">det füge lieber ’nen andern zu!‹«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen, -ob sie nicht auch in Gefahr wären. Da aber -legte sich auf einmal eine schwere Hand auf seine Schulter, -und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du, nich drängeln! -Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> zu -markieren?«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Wilhelm.</p> -</div> -</div> - -<p>Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe -auch, als wenn sie dabei die kleine Anzapfung von -ganzem Herzen dem dicken Schulkameraden gönnten.</p> - -<p>Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der -Berliner Dialekt ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> -glauben, alle Angriffe dadurch besser parieren zu können, -kurz, in unverfälschtem Berlinisch entschlüpfte dem Gehege -seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich Willem!«</p> - -<p>»Na« – der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte, -war ebenso schnell mit der Antwort fertig – »denn entschuldijen -Se man, Herr Hase<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, det Sie mir beinahe -jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der heeßt:</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht -haben: »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!«</p> -</div> -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht,</div> - <div class="verse indent0">mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte -hier die Parade vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein -großer Dicker vor der kleinen Gruppe drehte sich langsam -um und sagte milde und doch auch mit so urkomischer -Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht -kann ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!«</p> - -<p>Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte -diese trockenen Worte. Von drüben her indessen fragte -einer boshaft: »Na, Sie da, Männeken, Sie haben woll -heite zum Reden injenommen?«</p> - -<p>Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte -wieder: »Na, du, det ick dir man nich uff’t Jedächtnis -tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt mir doch nich so -mit Redensarten!«</p> - -<p>Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber -kamen sie schön an und mußten wieder etwas hören.</p> - -<p>»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die -Nase in’t Buch!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p> - -<p>Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s -nu nich! Wir haben ja jerade frei gekriegt, damit wir uns -auch die Parade ansehen sollen!«</p> - -<p>Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn -sich jemand die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. So -lächelte denn auch hier der Mann nur gutmütig und sagte -begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut zeijet -auch der lahme Muck!«</p> - -<p>Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber. -Auch andere. Der eine der da in drangvoll fürchterlicher -Enge Stehenden meinte sogar treuherzig: »Nee, -denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich -klassisch!«</p> - -<p>Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte -nicht recht: sollte er in der Korona dieser fidelen Urberliner -bleiben oder vielleicht lieber seinen Freunden nachlaufen.</p> - -<p>Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch -heraus aus dem Knäuel.</p> - -<p>»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach.</p> - -<p>»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete -der im Forteilen. »Da kommt nachher der Kaiser durch!«</p> - -<p>Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten, -kam ihnen eine kleine Reihe von Gemeindeschülern -entgegen, Arm in Arm, stramm marschierend und -dazu singend:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hinaus in die Ferne,</div> - <div class="verse indent0">vor’n Sechser fetten Speck!</div> - <div class="verse indent0">Den eß ick do’ zu jerne,</div> - <div class="verse indent0">den nimmt mir keener weck.</div><span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Un wer det dhut,</div> - <div class="verse indent0">den hau ick uff’n Hut,</div> - <div class="verse indent0">den hau ick uff de Ne–ese,</div> - <div class="verse indent0">det se blut!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze -Geschichte; aber sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem -Wege. Kaum hatten die Sänger dieses Lied beendet, da -stimmte einer auch schon an:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Turner ziehn mit Pantin’n<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></div> - <div class="verse indent0">durch die jroße Stadt Ballin<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> –«</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Holzschuhe.</p> - -</div> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Berlin.</p> -</div> -</div> - -<p>Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det -is ja man nur wat for Turner! Mal den Torjauer -Marsch! Los!«</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Fritze Weber</div> - <div class="verse indent0">hat’n Keber<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></div> - <div class="verse indent0">an de Zunge</div> - <div class="verse indent0">an de Lunge</div> - <div class="verse indent0">an de Leber!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Käfer.</p> -</div> -</div> - -<p>In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen -die lustigen Töne. Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen -Bewegung in die starren Massen gekommen.</p> - -<p>»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der -Dicke mit Zeidler hinter den Menschenmassen hinweg nach -rechts hin in die Belle-Alliance Straße wieder hinunter.</p> - -<p>Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel -Fähnchen entgegen und pries dabei seine Ware laut an: -»Hier hochfeine Fähnchen, meine Herrschaften! Allen Ansprichen<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz mit -Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie -da! Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz -kann so wat nich jut verdragen!«</p> - -<p>Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt. -Nur mit einer kühnen Schwenkung kam er um -ihn herum, so daß er beinahe gegen den Briefkasten fuhr, -der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war.</p> - -<p>»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den -Briefkasten rin!« Diese Mahnung mußte der dicke Puntz -schnell noch mit auf den Weg nehmen.</p> - -<p>Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man -schon hinter der schwarzen Wand der Menschen, die in -tiefen Reihen am Rande des Bürgersteiges standen, den -Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der einmal auf -der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief -plötzlich: »Die Maikeber!<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> Die Maikeber! Dicker! Schnell, -schnell!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin. -Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt, stand früher -in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es in Berlin seinen -Spitznamen daher hat, daß die beiden Bataillone alljährlich gerade -zur Maikäferzeit zur Parade nach der Hauptstadt kamen. – Am -Offizierkasino des Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke -gegen die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer plastisch -dargestellt, als scherzhafte Konzession an den Berliner Volkswitz.</p> -</div> -</div> - -<p>Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße -hinunter. Da fanden sie einen kleinen Durchlaß durch die -Menschenmauer und konnten beinahe bis zum Straßendamm -vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der Dicke<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von -der hin- und herdrängenden Umgebung nicht wieder von -seiner mühsam eroberten Stelle fortgerissen zu werden.</p> - -<p>Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig -gekleideter Mann mit einigen Bekannten stand neben Zeidler, -um das Truppenschauspiel gleichfalls zu sehen. Arbeiter -drängten sich dazwischen.</p> - -<p>»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren. -Er hatte die eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht -nach der Richtung des Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber -die Straße fällt hier so ab! Und die Bäume! Schlechte -Akustik hier!«</p> - -<p>Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen: -»Ick hab’ ’n Schnuppen! Ick rieche nischt!«</p> - -<p>Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise -los. Der Dicke mußte sich fester an den Baum klammern.</p> - -<p>Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du, -August, mit de Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom -klettern? Dazu mußte barfte<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Beene haben!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> barfüßig.</p> -</div> -</div> - -<p>Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!«</p> - -<p>»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst? -Da feifst de dir ’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.«</p> - -<p>»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer -väterlich. »Da oben ieberfährt dir der Luftballon!«</p> - -<p>Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite; -aber er mußte sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm -zuriefen: »Na, du! Wat du schlau bist! Det mißte bei -dir selber ooch janz jut aussehn!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span></p> - -<p>»Rum, brrr, rumbumbum!«</p> - -<p>Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel -verschlang alles. Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf -die schmucken Soldaten, die mit einem strahlenden Antlitz -wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte, Kompanie nach -Kompanie, Bataillon und Bataillon.</p> - -<p>»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem -Dicken in tiefer Bewegung eine Stimme.</p> - -<p>Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf; -hier stand das Volk in Waffen, das sich an der Disziplin -der Truppen wieder zu der alten, liebgewordenen Disziplin -selber emporrichtete. Die Achtung vor des Königs Rock, -dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten oder noch -tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges -Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die -Tausende, die die schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen -an sich vorbeiziehen sahen, die Blüte des Vaterlandes.</p> - -<p>Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes -Gefühl auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das -rollende Rasseln der Trommeln, sie stimmten ihn feierlich, -und – er wußte selber nicht, wie es kam – das letzte -Gedicht, das er in der Klasse gelernt und sogar ungern -gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz -ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr!</div> - <div class="verse indent0">Den Säbel in die Faust!</div> - <div class="verse indent0">Das deutsche Volk – ein großes Heer,</div> - <div class="verse indent0">das, von den Alpen bis zum Meer,</div> - <div class="verse indent0">ein zürnend Wetter braust.</div><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und klopft an unsre Pforten an</div> - <div class="verse indent0">des Fremdlings Übermut,</div> - <div class="verse indent0">so opfert jeder deutsche Mann</div> - <div class="verse indent0">mit Freuden Gut und Blut.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Die Alexandrer<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>!« hieß es da auf einmal. »Die alten -Helme!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1.</p> -</div> -</div> - -<p>»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!«</p> - -<p>»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach, -elegant, jeschmacklos un ohne allen Prunk!«</p> - -<p>»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?«</p> - -<p>Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus.</p> - -<p>»Na, die mit de Entenbeene da!«</p> - -<p>»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Mit gelbbraunen Ledergamaschen.</p> -</div> -</div> - -<p>»Ach so! Und so’n junger Leitnant!«</p> - -<p>»Mit so’n kleenen Schnurrbart!«</p> - -<p>»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!«</p> - -<p>»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick -wie Fer–dinand!«</p> - -<p>Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf -einmal eine ganz empörte Stimme: »Na, wissen Se, -Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick sehe jeweenlich -mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!«</p> - -<p>»Das zweite Garderegiment!«</p> - -<p>»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann -da uff’t Pferd! Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?«</p> - -<p>»Ja, die da vorne sint ville strammer!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p> - -<p>»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein. -»Der eine versteht’s und der andere nicht! Es ist eben -wieder mal das Ei des Kolumbus.«</p> - -<p>»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben -ihm mit einem leichten Spott in der Stimme. »Legt denn -der olle Mann immer noch?«</p> - -<p>Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn -plötzlich rief eine Stimme von hinten vom Gitter eines der -kleinen Vorgärten her: »Da drüben kommen die Ulanen!«</p> - -<p>Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte; -aber das zweite Garderegiment marschierte gerade dazwischen. -Es war also für ihn nicht zu sehen, was drüben -auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er hörte -nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die -Reiter machte.</p> - -<p>»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber -Jlick scheinen se do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n -Einsatz rausjekommen!«</p> - -<p>Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden -hatten. Nur einer der Herren, die sich ganz dicht -an der Bordschwelle befanden, fragte, aber auch schon halb -lachend: »Wie meinen Sie denn das?«</p> - -<p>»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem -roten Einsatz hier ist er rausgekommen!«</p> - -<p>Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch -sprach, tippte dabei mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt -verstanden das natürlich auch die Jungen, und sie stimmten -in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn sie auch nichts -sehen konnten.</p> - -<p>Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -genauer an und meinte dabei: »Ich muß Sie doch -schon mal irgendwo gesehen haben!«</p> - -<p>»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint! -Da komme ick öfter hin und –«</p> - -<p>Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links -her bannte aller Sinne von neuem.</p> - -<p>»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!«</p> - -<p>Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles -drängte nach vorwärts.</p> - -<p>»An der Spitze der Fahnenkompagnie!«</p> - -<p>»Wahrhaftig! Hut ab!«</p> - -<p>Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte -flogen in die Luft. »Hurra! Hurra!«</p> - -<p>Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen! -Alles Uzen und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen. -Der Kaiser! Er schweißte alles und alle durch seine -bloße Erscheinung zusammen. <em class="gesperrt">Ein</em> Volk, <em class="gesperrt">ein</em> Herz, <em class="gesperrt">ein</em> -Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem Manne -zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra! -Hurra!« Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig: -<em class="gesperrt">Ein</em> Volk, <em class="gesperrt">ein</em> Herz, <em class="gesperrt">ein</em> Vaterland! Hinausziehen -würden alle gegen den Feind der heimischen Erde! Sie sollten -es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann dem Kaiser -nach! <em class="antiqua">Morituri te salutant!</em> –</p> - -<p>Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen, -hatte in dem Augenblicke Zeidler die Schultern schmal -gemacht und huschte eben hinaus und hindurch durch die -jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter ihm -staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße -weiter hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -Bürgersteig immer neben dem Kaiser und der Fahnenkompagnie -hin.</p> - -<p>Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu -undurchdringlicher Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler -um, neben dem er sich doch bis jetzt so treu gehalten hatte.</p> - -<p>Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt -nichts mehr zu sehen, und hinweg über die Gneisenau -Straße konnte man auch nicht. Unwirsch stand der Junge -endlich still. Er sah gerade noch die letzten Fahnenspitzen -hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da verschwinden.</p> - -<p>Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle -vorzudringen. Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann -aber konnte er sogar auf die andere Seite der Straße gelangen, -wo eben noch Kavallerie den Kasernen zuzog. -Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs -in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, -von denen aber – der Dicke achtete jetzt scharf darauf – -kein einziger mehr »mit dem Einsatz rausgekommen war,« -sogar die Artillerie, alles zog an seinem freude- und farbentrunkenen -Auge vorüber, unter dem Staunen und dem -Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor -und die letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten.</p> - -<p>Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die -mit ihm am frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. -Wie spät mochte es jetzt wohl –? Ach, da drüben war ja -eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das konnte doch -wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön -war es doch gewesen!</p> - -<p>Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück?<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -Ach, das hatte er noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber -– nein – die konnte vorläufig da bleiben! Er war zu -müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen, -von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja, -der Kaiser, der wußte, wie es einem Jungen zumute war! -»Hurra! Ach so, ja!« – – –</p> - -<p>Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem -Halleschen Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon -wieder durch. Dicht standen die Leute da an der Haltestelle. -Na, wo denn nun lang?</p> - -<p>Endlich kam der Dicke zu Hause an.</p> - -<p>»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du -dich denn rumgewälzt? Und das Gesicht!« – Sie schlug -dabei die Hände vor Staunen über dem Kopf zusammen.</p> - -<p>»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren -bloß alle zur Parade! Aber, Mama! Es war wirklich -großartig! Na, die Woche fing gut an! So könnte es -meinetwegen weitergehen!« – – –</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p> -<h2 class="nobreak box" id="Dienstag">Dienstag:<br /> -Nachmittag frei.</h2> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span></p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop-q">»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen. -»Gestern war’s doch großartig! Aber heute nun -Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde, daß wir –«</p> - -<p>Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn -gar nicht ausdenken. Und dann noch eins: wie war’s doch -gleich? Hatten sie denn nicht noch was Besonderes für -Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar nicht -die Aufgaben vorgelesen! Und – ach Gott ja, das lateinische -Heft! Für den alten Bumsvallera!</p> - -<p>»Na, Junge, es ist schon spät!« – Die Mama war -immer etwas ängstlich und drängte jetzt zur Eile. – »Nu -mach schon, daß du fortkommst!«</p> - -<p>Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber -wie war das doch gleich mit Französisch? Es war doch was!</p> - -<p>Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam -mit dem Schwanze wedelnd freudig auf ihn zu. Die beiden -waren gut Freund miteinander, wie denn der Dicke überhaupt -alle Hunde der nächsten Straßen kannte.</p> - -<p>»Na, Cäsar, wie geht’s dir?«</p> - -<p>Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor.</p> - -<p>»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du! -Du brauchst nicht zur Schule! Strolch! Biste verrückt? -Du hast wohl heute schon in Tran getreten?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p> - -<p>Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft. – – –</p> - -<p>Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im -Französischen – drin im Wurstkessel.</p> - -<p>»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der -Doktor Fuchs.</p> - -<p>Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt -und sieht seinen Ordinarius an, als hätte er – der -Dicke natürlich! – einen moralischen Katzenjammer. Endlich -ermannt er sich aber und bringt halb stotternd hervor: -»Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag -mußte ich für meine Mama zur Stadt!«</p> - -<p>»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!«</p> - -<p>»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann -bin ich –«</p> - -<p>»N – a?«</p> - -<p>Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und -ziehen ganz merklich die Ohren straff.</p> - -<p>»Da bin ich – eingeschlafen!«</p> - -<p>»Sehr denkbar!« – Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern. -– »Und was nachher?«</p> - -<p>»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und -dann war’s ja auch Abend! Ich hatte auch meine Mappe -nicht! Die hat unser Mädchen dann erst von Zeidler -geholt!« – – –</p> - -<p>Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig -zugehört und ab und zu sogar genickt. Übrigens sind die -Arbeiten auch durchgehends äußerst nachlässig gemacht, so -daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch auf die -Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade! -Aber nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -von euch hat sich überhaupt die Parade oder den Aus- -oder Einmarsch der Truppen angesehen? Hand hoch!«</p> - -<p>Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so -hochschießen! Weit gefehlt! Er zählt und zählt, und er -zählt nur einundzwanzig Mann. Einundzwanzig von sechsunddreißig! -Also eine Kleinigkeit über die Hälfte der Jungen -hat was von der Parade gesehen!</p> - -<p>»Na, Ernst?« – Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. – -»Warum bist <em class="gesperrt">du</em> denn nicht zur Parade gegangen?«</p> - -<p>»Ich – hatte – keine – Zeit!«</p> - -<p>»Ach, Zeit!«</p> - -<p>»Ja, meine Tante war nicht da!« – Es kommt das -alles recht verlegen und ungeschickt heraus. – »Ich mußte -da zu Hause bleiben!«</p> - -<p>Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen -zu wissen als alle die andern Jungen zusammen; -er läßt den Primus jetzt ruhig laufen und wendet sich an -den Sekundus, den Tauscher.</p> - -<p>Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt -er sich doch zu der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine -Eltern sagten, es wäre zu viel Gedränge!«</p> - -<p>Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel -zu finden. Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen -Klasse: »Wer hat denselben Grund? Aber ehrlich!«</p> - -<p>Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und -tun etwas verschämt dabei: es sind außer dem Sekundus -noch acht. Hier und da wird wie zur Entschuldigung -gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz -schwarz von Menschen!«</p> - -<p>»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p> - -<p>Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach -dem Temperament der Jungen. Einer davon meldet sich -krampfhaft, sieht aber dabei immer noch fragend nach den -andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!«</p> - -<p>»Also?«</p> - -<p>»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine -Partie durch den Grunewald gemacht. Mein Papa hat -gesagt, wir sollen uns recht gesund machen; da täten wir -dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir ihm auf -dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.«</p> - -<p>Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das -hier etwas sonderbar und doch auch wieder drollig genug -klingt. Der Vater, der dieses Kraftwort gesprochen, gehört -selber dem Wehrstande an, und der Junge – das weiß -ja jeder in der Klasse – der will auch einmal Offizier -werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen.</p> - -<p>»Also setzen! – Ja! Was? Wo? Da war ja noch -einer! – Karnagel!«</p> - -<p>Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und -sieht seinen Ordinarius scheu und von unten herauf an, -wie ein geprügeltes Hündlein: »Ich habe auch nicht -gedurft!«</p> - -<p>»Na, warum denn nicht, Otto?«</p> - -<p>Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon -wieder leid, daß er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen -hat; er erinnert sich, daß der Vater des Jungen oft -seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt. Aber es ist zu spät; -denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und platzt -los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er -das letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span></p> - -<p>»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein -anderer seine Weisheit an den Mann bringen. – Grausame -Kreatur doch, solch Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen, -daß er mit dem, was er sagen will, einem andern -wehe, sogar sehr wehe tun kann! – »Herr Doktor! -Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! – -Doch! Ich weiß es!«</p> - -<p>Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese -Worte gar nicht und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die -Tränen in die Augen schießen, zu beruhigen. »Na, laß -nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst du noch öfter -sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber mitmachen! -Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da -seid ihr ja alle dabei! Die ist auch was wert!«</p> - -<p>Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft. -Doktor Fuchs aber hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas -über diese Sache zu hören. »Genug!« entscheidet er kurz.</p> - -<p>»Nein, nein, was anderes!«</p> - -<p>»Na, schnell!«</p> - -<p>»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht -werden?«</p> - -<p>Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig -hoch und tun, als wenn ihnen die Sachen -auf der Haut klebten, und als müßten sie nun diese Sachen -vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern -sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch -heißer als gestern!«</p> - -<p>»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor -Fuchs. »Die mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr -Direktor verboten! Neulich ist dabei ein Junge in der<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat sich den Arm -gebrochen! Los!«</p> - -<p>Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse, -als ob er die verlorene Zeit und sogar den gestrigen -Paradetag nachholen müßte. Immer schwüler aber wird -es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften Ventilation! -Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen -auf der Stirn.</p> - -<p>Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am -schlimmsten dran. Dabei gehen dann natürlich auch seine -Gedanken noch leichter spazieren als sonst schon. Er stellt -sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es sein müßte, wenn -er baden gehen könnte und nicht –</p> - -<p>»Dicker!«</p> - -<p>Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun -herhalten und kriegt jede zweite Frage, daß er schließlich -ganz schachmatt ist, als es zu seiner Erlösung endlich läutet. -Das war doch wahrhaftig gestern ein schönrer Tag! Na, -aber vielleicht –</p> - -<p>Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag -denn gar nicht mal frei gibt?«</p> - -<p>»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute -eine Bombenhitze!«</p> - -<p>»Och!« – Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem -Thermometer, das in die Wand eingelassen ist und die -Temperatur in der Klasse selbst anzeigt. – »Och! Schon -30 Grad!«</p> - -<p>»Réaumur?«</p> - -<p>»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein! -Das geht nicht mehr!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span></p> - -<p>»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke -zweifelnd und wie für sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen -mal schnell auf den Hof hinunter!« –</p> - -<p>Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde -fleißig gesprengt. Eine wohltuende Kühle weht den Jungen -entgegen, als sie aus der untern Tür auf den Hof hinaustreten. -Das ist ihnen aber gar nicht recht. »Blödsinniger -Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!« –</p> - -<p>Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen -zurück, die sich vor dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt -hatten. –</p> - -<p>»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt -hätte!« –</p> - -<p>Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er -berlinert immer; nur dann nicht, wenn er vor dem Lehrer -steht. –</p> - -<p>»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und -dann <em class="gesperrt">müssen</em> wir frei kriegen!«</p> - -<p>»Na, von müssen ist nun keine Rede!«</p> - -<p>»Doch! Ich weiß es ganz genau!«</p> - -<p>»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer -da hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne -hin!« –</p> - -<p>Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen -wieder hinein in den »Schwitzkasten«.</p> - -<p>»Was haben wir denn jetzt?«</p> - -<p>»Erdkunde! Die Voralpen!«</p> - -<p>»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die -Alpen!« –</p> - -<p>So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede,<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> -daß nicht nur der eine vor sich hindöste, sondern -alle miteinander, wie sie da gebacken waren.</p> - -<p>Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage: -»Können nicht die mittlern Fenster auch aufgemacht werden?«</p> - -<p>»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht. -»Ist verboten! Aber die Tür können wir aufmachen!« – -Er gibt dem Jungen, welcher der Tür zunächst sitzt, das Zeichen, -sie zu öffnen. Kaum aber öffnet sich diese Tür, da tönt -ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera aus der -Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee -der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na! -Hier nicht einschlafen, du!«</p> - -<p>Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los.</p> - -<p>»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische -Herr ruhig. »Dann schwitzen wir eben ein bißchen!«</p> - -<p>Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und -verpesten geradezu die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt -so langsam herum und sieht neugierig in die Klasse hinein. -Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine Betrachtung darüber: -sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland und kriecht -dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer, -die Sonne geht im Osten auf und –</p> - -<p>»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt -ihm der Professor auf den Pelz.</p> - -<p>Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein – nein – ich -dachte – ich dachte –«</p> - -<p>»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel, -wie du, denkt! Nun passe mal gefälligst auf!« –</p> - -<p>Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es -ist zu schwül in der Klasse. Bleischwer liegt es auf allen,<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -und nur <em class="gesperrt">ein</em> Gedanke läßt hier und da ein Gesicht aufleuchten: -es <em class="gesperrt">muß</em> ja heute frei geben! Und – Gott sei -Dank! – heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der -eklige Nachmittag aus! – – –</p> - -<p>Auf <em class="gesperrt">den</em> Gedanken haben sich – während der zweiten -Pause unten auf dem Hofe – alle Jungen zusammengefunden. -Aber scheinbar auch eben nur die Jungen; denn -der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn einer -der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt -nicht zu sehen!</p> - -<p>Aber, was ist denn da los? – Da vorne! – Eben -bildet sich da eine Korona. Um den Schnorzel nämlich, den -sonderbaren Jungen aus der Quinta, der, wie alle die -andern behaupten, »ein bißchen mit dem Dämelsack geschlagen -ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen; -alles redet auf ihn ein.</p> - -<p>»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden, -die Tertianer.</p> - -<p>»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben -Schnorzeln zum Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.«</p> - -<p>»Na, und?«</p> - -<p>»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht -erholen!«</p> - -<p>Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt. -Als ihm jetzt wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat -denn nun der Direktor gesagt?« da sieht er den Fragenden -groß und glotzend an. Dann bückt er sich plötzlich vor und -beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer einen Kreis -um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend: -»’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p> - -<p>Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer -aber wenden sich ab, und der dicke Puntz meint – immer -noch lachend –: »Dem hätte ich ooch ’n Vogel gemacht! -Aber noch ’n ganz andern!«</p> - -<p>Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen -auch; aber wenn der Direx den Schnorzel so angeschnauzt -hat, dann will er doch sicher nicht frei geben! -Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar unbehaglich.</p> - -<p>»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt -der kleine Köckeritz vor.</p> - -<p>»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden -die schon vernünftig werden!«</p> - -<p>Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht -das Gesicht dabei! Aber es hilft eben alles nichts: man -muß wieder hinauf in die Klasse.</p> - -<p>Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt, -die den Humor nicht ganz verloren haben. Neben dem -Brunnen steht ein Quartaner und ladet mit schallender -Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine Herrschaften! -Zur Durschtstillation!« Und oben neben der -Klassentür hat sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt -und katzbuckelt da allen freundlich entgegen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné!</div> - <div class="verse indent0">Macht vil Spaß un dhut nich weh!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung. -Aber sofort sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und -zum Klassenthermometer hingetreten. »Was?« ruft einer -da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das geht doch nicht -mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span></p> - -<p>Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die -Ecke herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick -ja, der Affe soll mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh -mal weck! Ick will mal dran pusten!«</p> - -<p>Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34.</p> - -<p>»So! Det jeniejt vorläufig!«</p> - -<p>Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde -beginnt. Und eine Gluthitze dabei! Das Atmen wird -Lehrer und Jungen schwer, und die Arbeit schleicht müde -und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es mehr -als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir -doch frei kriegen!«</p> - -<p>Die Pause ist kurz.</p> - -<p>»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?« -fragt der Bonin den Dicken.</p> - -<p>»Ih wo! Nich in de <em class="antiqua">la main</em>! Wollen doch erst mal -abwarten!«</p> - -<p>»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!«</p> - -<p>»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig -wird, dann ist er es immer noch nicht ganz und -noch lange nicht!« – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor -Fuchs, dem Ordinarius.</p> - -<p>»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl, -der triezt uns dafür wieder so!«</p> - -<p>»Ach ja! Und bei der Hitze!« –</p> - -<p>Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen, -das war schon in Ordnung; aber weniger heiß war es -natürlich trotz alledem nicht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span></p> - -<p>Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da -sagte dann Doktor Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch -mal ein bißchen verschnaufen! Anlehnen! Wollt ihr euch -die Jacke ausziehen?«</p> - -<p>Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch -keiner.</p> - -<p>Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin: -»Herr Doktor! Ich muß nachher zum Prediger!«</p> - -<p>»Schön! Freut mich!«</p> - -<p>Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint -zögernd: »Ja, ich weiß aber nicht! Wir gehen doch früher -weg! Wir wissen nicht, ob wir nachmittag dann wieder -hermüssen!«</p> - -<p>Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!« -sagt er ganz gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest -du nun wissen! Na, dann komm mal vor! Dann werde -ich’s dir ins Ohr sagen!«</p> - -<p>Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt! -Und Doktor Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie -Bonin, der beugt sich ganz geheimnisvoll zu ihm vor, als -wenn er ihm das wirklich auch nur ganz leise zuflüstern -wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren -und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas -aufschnappen.</p> - -<p>Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund, -und – während die ganze Klasse den Atem anhält – -brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich dir das sage, -dann wissen das zweie!«</p> - -<p>Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und -will sich eben wieder aufrichten, während im selben Augenblicke<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -die Klasse in lauten Jubel ausbricht. Da aber öffnet -sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener erscheint auf -der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide nicht -an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also -darauf geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen -zu sehen. Sie warten gewöhnlich auch erst einen kleinen -Moment ab und richten sich mit dem Gesicht und mit dem -ganzen Menschen darnach. Heute aber sind sie ungewöhnlich -schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür in die -Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten -Bonin geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich -über den Zettel, den der Schuldiener in der Hand hält und -eben, süßsauer lächelnd, dem Ordinarius präsentiert.</p> - -<p>Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs, -um 1 Uhr wird heute der Unterricht geschlossen! Ihr -habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag ist natürlich -frei!«</p> - -<p>Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na -kann det olle Krokodil sprengen, so ville et will.« So hat -Fritze Köhn leise gesagt, und so denken mit ihm alle die, -die das gehört haben. Nicht lange dauert es auch, da -läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen, -frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter -und nicht die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen. –</p> - -<p>Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen, -steht der Schuldiener breitspurig im Wege wie ein zürnender -Gott. Er wenigstens scheint den Jungen den Schulausfall -doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann es sich deshalb -auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja -ganz besonders groß in so etwas:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mitten auf der Elbe</div> - <div class="verse indent0">schwimmt ein Krokodil,</div> - <div class="verse indent0">wackelt mit dem Schwanze,</div> - <div class="verse indent0">weiß nicht, was es will.</div> - <div class="verse indent0">Bitte, jehn Se rechts</div> - <div class="verse indent0">un bitte, jehn Se links!</div> - <div class="verse indent0">Denn so’n Krokodil</div> - <div class="verse indent0">is een jefährlich Dings!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied -und diesen Mut mit lautem Jubel. Aber wie erschrocken -darüber trollt man sich dann schleunigst hinaus. In aller -Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das ist ’ne feine -Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun -vielleicht noch morgen sein?«</p> - -<p>Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen -Klassenarbeit in Geometrie! Junge! Junge! Junge! <em class="gesperrt">Die</em> -Arbeit verhaue ich ganz sicher!«</p> - -<p>»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!«</p> - -<p>»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!«</p> - -<p>»Und der Kerl mit!« – – –</p> - -<p>Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war -die Woche nun schon fein gewesen! – – –</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p> -<h2 class="nobreak box" id="Mittwoch">Mittwoch:<br /> -Die schönste Enttäuschung.</h2> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span></p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch. -Und endlich auch die dritte Stunde.</p> - -<p>»O Gott, o Gott, o Gott!«</p> - -<p>Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte -innerlich mit; er wußte auch ganz genau, was das bedeuten -sollte.</p> - -<p>»Mir ist ganz blümerant zumute!«</p> - -<p>Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und -zog schließlich mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe -daraus hervor.</p> - -<p>»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick -hab’s verstan’n!«</p> - -<p>Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern -Figur zusammenzuschieben.</p> - -<p>So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren -Figuren hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine -Hand darnach aus, um zuzugreifen und selber die Lösung -zu versuchen.</p> - -<p>»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze -über all die Weisheit weg.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Das Berühren</div> - <div class="verse indent0">der Fijüren</div> - <div class="verse indent0">mit de Foten</div> - <div class="verse indent0">is verboten!«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p> -<p>»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite. -»Die Geschichte geht ja überhaupt auch gar nicht!« –</p> - -<p>Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch -obendrein tüchtig ausgelacht. Und doch klang das Lachen -so gar nicht wie das frische, fröhliche Tertianerlachen sonst!</p> - -<p>»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer -der Jungen wieder hervor. Und wieder hatte er allen aus -der Seele gesprochen.</p> - -<p>Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch; -dort mühten sich zweie um eine Figur, die aber leider das -Schicksal der Köhnschen hatte: sie wollte nicht stimmen. -Überall ein ander Bild, und überall doch gleichmäßig Angst -und Sorge vor dieser Arbeit.</p> - -<p>Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die -Sachen viel mehr mit uns üben müssen! Wer hat’s denn -überhaupt verstanden? Keiner! Oder der Ehrenfried vielleicht!«</p> - -<p>»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch -verdorben und verekelt!«</p> - -<p>Rrrrrrrrrrrr!</p> - -<p>Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur -flog der schnurrende Laut über die Klasse hin und -drückte den Kopf der Jungen auf die Tischplatte hinunter. -Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das konnte ja gut -werden!</p> - -<p>»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn -und tat dabei, als müßte er gerade jetzt einen Regenwurm -verschlucken. – – –</p> - -<p>Die Großen befehlen in der höchsten Not und im -Augenblicke der Gefahr ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten.<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -Ein Junge denkt nicht daran, so was zu tun. Er -torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr hinein.</p> - -<p>Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten -sich Feder und Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat -gelegt. Im nächsten Augenblick konnte ja doch –</p> - -<p>Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen -Korridor zu. Der lange Sausig aber vorn an der Ecke -hatte sich hoch aufgerichtet; er blickte unverwandt nach der -Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes darin erwartete. -Plötzlich stand er sogar schnell und leise auf und machte -ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu. Storchenschritte! -Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende -des langen Flures herum.</p> - -<p>Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken -gefolgt: alles hielt den Atem an. Der Frechdachs! Wenn -jetzt der Professor Zirbel käme! Dem Sausig konnte es -dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand keinen -Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er -mit seinen Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv -und schaudernd fiel der entsetzte Blick wieder auf das geometrische -Heft hinunter.</p> - -<p>Aber – der Sausig stand immer noch da auf der -Lauer! Zirbel kam doch sonst so pünktlich und beinahe mit -dem Glockenzeichen! Sollte da doch etwas passiert sein? -Vielleicht daß Zirbel –</p> - -<p>Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück.</p> - -<p>»Raff! Raff!«</p> - -<p>»Wer?« – Die Jungen wußten nicht recht, was sie -daraus machen sollten. – »Wer?«</p> - -<p>»Raff! Raff!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p> - -<p>»Bei dem haben wir ja gar nicht!« –</p> - -<p>Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer -näher. Und plötzlich erscheint wirklich der Professor Raff in -der Tür. Die Jungen machen ein ganz erschrockenes, im -nächsten Augenblicke aber schon freudig-verblüfftes Gesicht. -Sie springen auf.</p> - -<p>Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse -hinein. »Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr -Professor Zirbel ist erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure -Diarien und kommt schnell in die Unter-Sekunda <em class="antiqua">O</em>! – Na, -macht schnell, Jungs!«</p> - -<p>Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin -zurück. –</p> - -<p>Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der -Klasse gelegen, er ist gebrochen. Also kein Extemporale! -Der Gefahr entronnen! Ein Alpdruck ist von jedem Herzen -genommen. Wild schwirren die Ausrufe der Freude durcheinander.</p> - -<p>»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!«</p> - -<p>»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht -mehr!«</p> - -<p>»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun -da schreiben läßt!«</p> - -<p>»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!«</p> - -<p>»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach, -da liegt’s ja!«</p> - -<p>Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten -und klopft mit dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen -Heizröhren. »Na, Jungs, mal ein bißchen dalli!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p> - -<p>Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der -schönste Lockruf hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine -machen können! Im Nu ist auch die Klasse jetzt leer, und -fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der Unter-Sekunda zu. -Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten -mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge -aus der Tertia. Sie haben französische Lektüre. In der -Sekunda, wie überall ja sonst auch, blamiert man sich nicht -gern und noch dazu vor einer Klasse, die tiefer steht als -man selber. –</p> - -<p>»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff -schnell noch, als die beiden Busenfreunde, der Sausig und -der dicke Puntz, absolut auf einer Bank zusammensitzen -wollen.</p> - -<p>»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal -in euer Diarium einen kleinen Aufsatz über die Parade oder -über irgend etwas, was ihr am Paradetag erlebt habt. -Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!«</p> - -<p>Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie -nicht Geometrie schreiben, alles machen, was man von ihnen -verlangt. Aber immer schielt man doch etwas nach dem -Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch zu schön, -so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören, -wie eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie« -werden die angeredet und lassen sich so behandeln! Na, -ungefähr so, wie sie selber unten in der Tertia bei Professor -Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem nicht Extemporale! -Großartig wirklich! Ein feiner Tag! – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -Ordinarius, das Klassenzimmer betreten, da schossen die -Hände der Jungen hoch.</p> - -<p>»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung? -Für Herrn Professor Zirbel! Die Algebrastunde!«</p> - -<p>»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich -die geborenen Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde -nämlich von zwölf bis eins fällt aus! Ihr geht -also um zwölf Uhr nach Hause.«</p> - -<p>»Och!« – »Oh, das ist fein!«</p> - -<p>Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so -ruhig da! Er blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein! -Der hat nie vergessen, daß er auch mal jung war und sich -da gleichfalls über eine ausgefallene Stunde gefreut hat!</p> - -<p>»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt -ihr euch nun bald genug gefreut? Dafür aber kaufen wir -unsere Stunde jetzt ordentlich aus!«</p> - -<p>Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale -in Geometrie und die Algebrastunde nachher auch -noch frei! Was konnte es denn überhaupt noch Besseres -in der Welt geben!</p> - -<p>Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt -die Jungen eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach -Hause zu ziehen, während die andern Klassen mit dem Buch vor -der Nase und der Sorge vor der nächsten Stunde im Gesicht -auf dem Hof herumschleichen würden, da erschallt auf einmal -die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine -Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!«</p> - -<p>»Nach Hause gehen!« – Die Gesichter werden länger. -Was soll denn nun noch kommen?</p> - -<p>»Ja« – Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -Klasse zu quälen – »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch -einen großen Schmerz antun!« – Er wendet damit seine -Augen zum Stundenplan an der Tür hin. – »Ihr habt -doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!«</p> - -<p>Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit -Ostern. Aber keiner antwortet darauf.</p> - -<p>Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß -ich euch, Jungs, nun einen großen Schmerz antun!«</p> - -<p>Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch -auch wieder wie erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius.</p> - -<p>»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen –. Ist -dir was, Köckeritz?«</p> - -<p>Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt.</p> - -<p>»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn -seinem Nebenmann zu.</p> - -<p>Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen -dachte nur, daß nun der Professor Zirbel morgen sicher -wiederkommen würde. Und dann <em class="gesperrt">doch</em> das Extemporale! -Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte man -sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser -dämlichen Arbeit herumschleppen!</p> - -<p>Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte -alle andern angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der -Doktor Fuchs schließlich mußte jetzt unbändig über all die -Angstmeier da in seiner Klasse lachen.</p> - -<p>»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade -<em class="gesperrt">den</em> Schmerz muß ich euch noch antun! Herr Professor -Zirbel wird nämlich morgen auch noch fehlen, und –«</p> - -<p>Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei! -Ein wahres Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen, wenn ihr so ganz und -gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen, was ich -euch noch sagen wollte!«</p> - -<p>Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse.</p> - -<p>»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch -fehlen wird, und da ihr doch die erste Stunde bei ihm -hättet, so kommt ihr erst um neun Uhr!«</p> - -<p>Erneuter Jubelausbruch.</p> - -<p>»Na, wartet mal!« – Die Stimme des Ordinarius -zwingt alle wieder zur Ruhe. – »Das dicke Ende kommt -eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden frei habt – heute -die letzte, morgen die erste! – so übersetzt ihr mir zu morgen -extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche -Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!«</p> - -<p>Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird -gemacht!« denkt jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse -hinaus; an den andern vorüber, die da, in der großen -Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe herumlaufen und mit -neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern nachsehen.</p> - -<p>»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert -der dicke Puntz einmal um das andre. »Die kann so bleiben!«</p> - -<p>»Jott Strambach!« – der »Ballina«, der Fritze Köhn, -versichert das frohlockend. – »Als Raff sagte, wir sollten -nach der Sekunda kommen, da habe ick mir ja eens jelacht! -Mein janzer Bauch war eene eenzijste Falte!«</p> - -<p>Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie -gleich mal probieren wollten, wie es tut, wenn der Bauch -eine einzige Falte ist. Alle aber sind darin einig, daß das -eine wirklich feine, sogar eine piekfeine Woche ist. – – –</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p> -<h2 class="nobreak box" id="Donnerstag">Donnerstag:<br /> -Ein recht bewegter Vormittag.</h2> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span></p> - -<h3 id="do-1"><em class="antiqua">Sic me servavit Apollo.</em></h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-u.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch -gleich Latein! Beim alten Bumsvallera! Unheimlich -war ja das Lateinische immer! Aber heute gerade konnte -es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln -waren zu repetieren.</p> - -<p>»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der -kleine Köckeritz schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera -kann man noch so gut gelernt haben; wenn’s das Unglück -und der alte Querkopf wollen, so fallen wir doch hinein!«</p> - -<p>Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche -Regeln! Ganz geschaffen, einen anständigen Menschen damit -bis über die Ohren hineinzulegen! – Ich habe so’n Animum -als wenn!«</p> - -<p>»Aber ich erst!« – Sausig klapperte ordentlich mit -den Zähnen.</p> - -<p>»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte -der Dicke nachdenklich und nach einem Augenblick des -Schweigens. »Erstens lernen wir was bei ihm, und zweitens -hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich habe zwar das -Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu -kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu -schlagen!« – – –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span></p> - -<p>Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle -andern die Regeln so herbeten könnten, wie die, welche er -zufällig zuerst aufgerufen hatte; oder wollte er wirklich noch -recht viel Übungssätze dazu Übersetzen lassen: kurz, er ließ -bald das Übungsbuch aufschlagen. Gemütlich war so was -nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei doch nicht mit -Tadel oder Stunde hinein.</p> - -<p>Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern -Loch pfeifen. Der Rippach, der Junge der dumme, übersetzte -geradezu gottsjämmerlich schlecht; so schlecht, daß es -wahrhaftig kein Wunder war, daß der alte Bumsvallera -schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl anherrschte: -»Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln -nicht! Nun sag’ sie auf!«</p> - -<p>Der Junge fand sich nicht hinein.</p> - -<p>»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht, -wie du sollst! Du kriegst einen Tadel!« –</p> - -<p>Dem Dicken und manchem andern noch wurde es -schwül dabei. Hie und da schlug dieser Tadel wie ein Blitz -in die Klasse ein; ein halbes Dutzend der Jungen stand -schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden Augenblick -konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann -diese verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er -sie dann nicht auch am Schnürchen und durcheinander herbeten, -dann –! Er saß wie auf Kohlen! Kam er dran, -dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern. -Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse, -mit dem man doch morgen eine Landpartie machen wollte! -Die Sache war –</p> - -<p>»Na, nun mal – der – Puntz!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> - -<p>Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in -seinem ganzen Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber -so sehr er sich auch zusammenriß, hier und da stockte er doch, -und nun gebrauchte er sogar den Akkusativ, und die Tücke -des Schicksals wollte noch, daß gerade hier der – Dativ -stehen mußte.</p> - -<p>»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube -gar!« – Bumsvallera gebärdete sich ganz wild dabei. – -»Kannst du denn überhaupt –«</p> - -<p>Klirrr–r–r!</p> - -<p>Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich -hingehauen. Dabei war ihm das Buch mit seiner scharfen, -harten Kante in die Quere gekommen, und – das ganze -Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf -einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er -sich nicht im geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den -Ärger an. Die Jungen wagten ja nun nicht, auch nur einen -Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen und jubilierten sie -vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat -uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« – So dachte -Fritze Köhn; so dachte mit ihm auch manch andrer. –</p> - -<p>Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf -das sich – nach seiner eigenen Meinung – die ganze Erregung -des Lehrers entladen mußte.</p> - -<p>Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du -denn die Regel? Ja? Na gut! Sag’ sie mal auf!«</p> - -<p>Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel -vibrierten. Er wußte die Regel ganz bestimmt; und -doch –.</p> - -<p>»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann –.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span></p> - -<p>Rrrrrrrrr–. Die elektrische Glocke war die Erlöserin.</p> - -<p>»Na« – der Alte richtete sich im selben Augenblicke -hoch – »na, Puntz, heute kannst du auch sagen: <em class="antiqua">Sic me -servavit Apollo!</em>« –</p> - -<p>Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der -Schweiß auf die Stirn getreten war. Die andern, die schon -drangewesen und dabei reingefallen waren, die taten ihm -ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn er so kurz -vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst -wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß <em class="gesperrt">er</em> wenigstens so -mit einem blauen Auge davongekommen war. – – –</p> - -<p>Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das -durchgenommene Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als -er am Dicken vorbeiging, drohte er ihm mit dem Zeigefinger: -»Du, du, lernen!«</p> - -<p>Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich -habe auch gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran, -daß es nicht wohl angebracht war, dem alten Herrn mit -einem Widerspruch zu kommen. So zog der Junge lieber vor, -nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem Alten -herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte -Puntz noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch -mal so ab!«</p> - -<p>»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze -Köhn seinen Senf dazu. »Verjiß det nicht!«</p> - -<p>»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch -eine feine Woche! <em class="gesperrt">Nun</em> ist sie erst fein!«</p> - -<p>»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!« – – –</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span></p> - -<h3 id="do-2">Strafe muß sein!</h3> -</div> - -<p>Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen -verdenken, daß sie zum Turnen liefen und stürzten? Ein -Fach, das keins ist, weil’s nichts dafür aufgibt, und Paperlink -aller Ränke voll! Und immer lustig und zu allen -möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! -Ein Junger unter Jungen!</p> - -<p>Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen -hinunter. Aber – was hatte der kleine Turnwart, der -Paperlink, nur heute? Während ihm sonst die Jungen die -Hand geben durften und er diese »Patsche« auch wieder -tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem -Rücken herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig -entgegengestreckten »Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt -durch die Jungen durch und durch.</p> - -<p>»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der -kleine Köckeritz.</p> - -<p>»Ja,« – Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes -Gewissen – »et’s bloß jut, det wir nich dran schuld sin! -Oder sint wer?« – – –</p> - -<p>Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. –</p> - -<p>Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben -losschnarrte, schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer -feierlichen und ihm doch sonst so ganz fremden Grandezza -zur Turnglocke vor und läutete, daß es allen durch Mark und -Bein ging.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p> - -<p>»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja -durch Mark un Fennje!«<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Pfennige.</p> -</div> -</div> - -<p>»Na nu?« – Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. -Sie waren gewohnt, sonst immer noch etwas Kürturnen zu -haben. – »Schon?« – »Was ist denn eigentlich heute mit -dem los?«</p> - -<p>Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem -er – wie er einmal selber verraten – seiner Länge eine -Elle hatte zusetzen wollen. Er blickte starr auf den Fleck hin, -auf dem die Klasse eigentlich nun bald stehen sollte.</p> - -<p>Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte -den andern. »Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur -passiert? Man ’n bißken fix jetzt!«</p> - -<p>Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt -die Blicke erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer -noch starr vor sich hinsah.</p> - -<p>»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte -der kleine Köckeritz, der Frechdachs.</p> - -<p>Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und -bewegte die Lippen.</p> - -<p>»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu -reden.« (<em class="antiqua">NB.</em> wenn Paperlink feierlich werden wollte, dann -redete er hochdeutsch.) »Ich habe zu meinem größten Bedauern -gehört, was ihr alles für Hanaken – ich wollte sagen, was -ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die nicht wert sind, -Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von Seiner -Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen. -Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -Mann von der Unter-Tertia <em class="antiqua">O</em> zu diesem Fest gegangen -sind und fünfzehn also nicht. Ich wenigstens finde, es -wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher Gelegenheit unsere -feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und euer -deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten -wolltet. Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance -Straße hätte auf einen richtigen Jungen viel mehr wirken -können als die gelehrtesten Reden über die Vaterlandsliebe. -Das ist <em class="gesperrt">meine</em> Meinung. Und deshalb werde ich die -Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen -haben, bestrafen.«</p> - -<p>Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen -unten vor ihm zum Teil recht betroffen, zum Teil recht -schadenfroh dreinsahen.</p> - -<p>»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die -Parade <em class="gesperrt">nicht</em> angesehen hat!«</p> - -<p>Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen -Augenblick zu zögern oder ohne auch nur mit der Wimper -zu zucken. Auch von Schoener und Haeseler und Forster -und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren und -so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. -Sie wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch -etwas helfen.</p> - -<p>»Herr Turnwart!« – von Schoener ist damit einen -Schritt weiter vorgetreten. – »Karnagel kann eigentlich -nicht dafür, daß er nicht gegangen ist. Sein Vater ist -dran schuld!«</p> - -<p>»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also -muß <em class="gesperrt">er</em> ran!«</p> - -<p>von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> -zurück. Ja, als Sohn eines Offiziers hat er Disziplin -im Leibe.</p> - -<p>»Drei … sechs …… fünfzehn! Stimmt! -Erstens also zwiebele ich euch, die ihr euch nicht über unser -schönes Militär freuen konntet, jetzt ein Viertelstündchen, -und die <em class="gesperrt">andern</em> sehen zu. Und zweitens dürfen die andern -dann kürturnen, und <em class="gesperrt">ihr</em> seht zu. Die Paradejungen aber -dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, -wie es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, -ihr, mit eurem Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt -nachher beim Zusehen in Reih und Glied stehen! Und -stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! – Die Parade -austreten!«</p> - -<p>»Die Parade austreten?« – Oh, die Jungen verstanden! -Im Nu waren alle Barren, Matratzen und alles, was -sonst einen Raum zum Liegen bot, »beflegelt«, während -Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang und -die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s -los. Nach links und nach rechts hin ließ er das kleine -Häuflein marschieren und schwenken, die Turnhalle auf und -die Turnhalle ab; er ließ sie an Ort treten und im Laufschritt -dahinstürzen, auf die schadenfrohen Paradezuschauer -zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal -vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die -fünfzehn Mann schließlich rauchten und dampften. Und -endlich, endlich kam dann das Kommando: »Halt!«</p> - -<p>»Ausrichten! – Haeseler, man nich so schlapp dhun! -– Bonin, an deinen Schuhen is ooch bloß die Ventilation -jut! – Schoener, dhu man nich so! Willst woll Eindruck -schinden? – So! Nun habt ihr noch lange nicht so geschwitzt<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor -Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung – kehrt! Vorwärts -– marsch! … Ganze Abteilung – halt! Ganze Abteilung -– kehrt! So! Hier bleibt ihr stehen und seht zu!« – -Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung Kürturnen!«</p> - -<p>Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein -Vergnügen gewesen, jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen -eine ganze halbe Stunde lang! Wie es sonst nur in der -allerletzten Stunde vor der großen Versetzung gewesen war! -Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der -gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so -»duselig« zusehen! Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen!</p> - -<p>Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen.</p> - -<p>»In Rotten antreten! Haltung!«</p> - -<p>Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten.</p> - -<p>»So!« – Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, -sein gemütliches Gesicht. – »Jetzt sind die Sünder -wieder so gute Menschen wie wir andern. Jetzt dürft ihr -mir alle wieder zum Abschied vor den Pfingstferien die -Hand geben!«</p> - -<p>Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten -die fünfzehn, die Paperlink soeben so frisch und allerliebst -und gründlich dabei »gezwiebelt« hatte. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p> - -<h3 id="do-3">Zu langstilig und zu kurzstielig.</h3> -</div> - -<p>»Na, das läßt sich ja immer schöner an!«</p> - -<p>Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als -man endlich wieder oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. -Was konnte denn überhaupt nun heute noch passieren? -Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher Geschichte! -Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um -hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus -treiben; aber man riß sich eben auch kein Bein aus.</p> - -<p>Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die -Pfingstferien! Der dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken -beinahe Juchhe! geschrien.</p> - -<p>Wo blieb aber nur Fuchs heute?</p> - -<p>Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! -Eine der Quarten marschierte draußen andächtig auf. Schnell -trat auch jetzt der Ordinarius in die Klasse und ließ seine -Jungen so auseinanderrücken, daß sich neben jeden ein -Quartaner setzen konnte.</p> - -<p>Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, -und langstiliger noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar -wollte Doktor Fuchs die Quartaner nicht ganz brach liegen -lassen und seinen eigenen Tertianern das Quartanerpensum -dabei in Erinnerung bringen.</p> - -<p>Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher -Gelegenheit oft ein dickes Fell: man ließ also auch in diesem -Falle die ganze Geschichte ruhig an sich vorüberplätschern<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -und schwamm nur mit, wenn man wirklich mal gezwungen -wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß!</p> - -<p>Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl: -<em class="antiqua">summa summarum</em> eine feine Stunde!</p> - -<p>»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, -sich zuweilen recht gewählt auszudrücken, »es war eine -Stunde, die sich wunderbar in diese ganze, feine Woche -hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden wir mit -Gottes Hilfe noch überstehen!«</p> - -<p>Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf -den Mund. »Fertig mit de Quasselstrippe?« fragte er -schließlich.</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: -Adjee Sie!«</p> - -<p>Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren -durchaus der Meinung von Fritze Köhn: so was konnte -man eben gar nicht kurz genug sagen! – – –</p> - -<p>Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! -Griechenland war so weit weg und die Geschichte der alten -Griechen noch viel weiter! Zudem war es auch wieder -heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß man auf -Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in -der Stunde – die Schuluhr draußen über der Turnhalle -hatte gerade halb geschlagen – mitten in der Stunde also -meldete sich der Richter und sagte höflich: »Herr Doktor, -können nicht die Fenster oben <em class="gesperrt">alle</em> aufgemacht werden?«</p> - -<p>Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja -wohl bestimmte Fensterwarte in dieser Klasse!«</p> - -<p>Die vier Größten sprangen auf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span></p> - -<p>»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während -Schilter und Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem -Fenster zu ergreifen und ihn langsam und vorsichtig zur -Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich dann oben an -der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt.</p> - -<p>»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius.</p> - -<p>»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und -manchmal geht’s nicht! Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am -besten machen wir das vorläufig <em class="gesperrt">nicht</em> auf!«</p> - -<p>»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich -bei euch hierdrin in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! -Geht’s wirklich nicht doch mal mit dem Fenster, Mucius?«</p> - -<p>»Herr Oberlehrer!« – Der kleine Zittel ist immer -einer der schnellsten auf dem Plan. – »Das Fenster ist -unter Plombenverschluß gelegt!«</p> - -<p>»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und -tritt zu dem besagten Fenster hinüber.</p> - -<p>Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und -die zum obersten Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange -gelegt; die beiden Enden dieser Schnur waren in einer -kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein Zettel war weiter -darangebunden. Auf dem stand:</p> - -<p class="center"> -»Vorsicht! Plombe!<br /> -Oeffnen bei Strafe verboten! -</p> -<div class="bright"> -<p class="center"> -Mucius, Fensterwart.<br /> -Im Auftrage der Klasse,<br /> -G. m. b. H.« -</p> -</div> - -<p>Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, -»dann müßte unten in meiner Quinta an jedem Fenster -solche Warnung hängen! Es wird schon gehen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p> - -<p>Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu -drücken. Doch, die kleine Schnur, so dünn sie auch sein -mochte, leistete einen gewissen Widerstand. Die Jungen -sahen gespannten Blickes auf die ganze Manipulation hin. -Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch -sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und -wenn der andere auch sogar vielleicht Professor war. -Passierte was dran, dann war er selber doch Fuchsen dafür -verantwortlich, und es war doch eben <em class="gesperrt">sein</em> Fenster! Aber -<em class="gesperrt">er</em> würde –</p> - -<p>Knipps! – Da war die dünne Schnur gerissen. -Rupps! fuhr das Fenster oben auf. Krach! sprang der -Flügel aus den Angeln.</p> - -<p>Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn -schon sauste der schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu -Boden, und klirr! klirr! klirr! zerschmetterte sich die Scheibe -unten an den Dielen in tausend Stücke.</p> - -<p>Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber -brach der Spektakel los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein -Heulen! Dort vorn am Fenster bogen sich die nächsten -mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen -Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank -dem Lehrer in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten -sich ein paar direkt umarmt, und man hätte nur noch -zweifelhaft sein können, ob sie lieber einen Schunkelwalzer -oder einen Indianertanz aufführen wollten.</p> - -<p>Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick -erschien auch schon der Direktor auf der Bildfläche.</p> - -<p>»Na nu? Was ist denn hier los?«</p> - -<p>Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -erklärte die ganze Sache. Und verlegen lächelnd fügte er -hinzu: »Ich werde natürlich für den Schaden aufkommen, -Herr Direktor!«</p> - -<p>»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« -erwiderte indessen der Direktor ablehnend. »Die Fabrik, -die diese Verschlüsse eingerichtet hat, ist der Stadt zu einer -tadellosen Leistung verpflichtet, und doch ist beinahe in -jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie, -dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! -Ich habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine -wirkliche Angst gehabt, daß mit den Dingern was passieren -könnte. Und als ich draußen gerade vorbeiging« – der -Herr Direktor lachte wieder – »da dachte ich mir gleich, -daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja -ganz gefährlich an!«</p> - -<p>»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. -»Es ist nur gut, daß kein Unglück sonst dabei -vorgekommen ist!« – – –</p> - -<p>Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen -schließlich ganz schnuppe. Aber der entsetzliche Krach, die -Verlegenheit des Lehrers, die Angst und die Aufregung -des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja einen -Heidenspaß. Die Zeit <em class="antiqua">NB.</em> verging doch dabei auch; die -Zeit, die kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt -wurde. Na, kurz und gut, höchst willkommen die ganze -Geschichte! Die alten Griechen waren dabei weit, weit -weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die dummen -Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt -keine Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine -Stunde wieder mal, fein, wie die ganze Woche! Beinahe<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span> -war es sogar jammerschade, daß es jetzt schon läutete und -man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte, -daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen -war – durch die Schuld des Lehrers. –</p> - -<p>»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er -dabei machte?«</p> - -<p>»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf -gekriegt hätte!«</p> - -<p>»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«</p> - -<p>»Ih wo!«</p> - -<p>»Na, wer weiß?«</p> - -<p>»Na freilich!«</p> - -<p>»Quatsch nich, Krause!«</p> - -<p>Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. -Und mit listig und lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: -»Ob die Zappen an den an’nern Fenstern nich auch en -bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n bißken -kurzstieliger, meen’ ick!«</p> - -<p>Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten -sie doch nur Über den »verrückten« Einfall. »Ach nein! -Aber eine feine Stunde war es doch wieder mal!«</p> - -<p>»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie -die ganze Woche!«</p> - -<p>»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das -Allerfeinste!« – – –</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span></p> -<h2 class="nobreak box" id="Freitag">Freitag:<br /> -Die Klassenpartie.</h2> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p> - -<h3 id="fr-1">Der alte Caesar -und eine moderne Landpartie.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-j.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop-j">Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der -Mühsal des Klassen- und besonders des Tertianerlebens, -das ist die Partie, die Klassenpartie! Und als ein -wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat ja ist, wirft -sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!</p> - -<p>So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia -gewesen, und vielerlei ist darüber zu berichten, bevor -noch dieser Freitag der feinsten Woche überhaupt herangekommen -war. –</p> - -<p>Langsam hatte sich eines Nachmittags – noch im -Mai war das gewesen! – die Unter-Tertia in dem großen -Klassenzimmer zusammengefunden. Müde und mißmutig. -Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen gestohlen -bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten -Schulwegen! Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! -Und bei Bumsvallera!</p> - -<p>Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne -Mütze etwas verwegen ins Genick gerückt und zieht unter -der Weste das <em class="antiqua">Bellum Gallicum</em> hervor. Er wirft das -braun gebundene Büchlein vor sich auf den Tisch, daß -es kracht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p> - -<p>»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von -unserm Schlächter heißt auch Caesar! Der ist mir lieber!«</p> - -<p>Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige -Köckeritz laut auf. Er ist kein schlechter Schüler, aber -doch ein leichter Bruder, dem der Reichtum des Vaters -nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich nicht halb -so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche -Papa hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber -mit dem kleinen Windbeutel auch nicht viel anfangen können.</p> - -<p>»U–ah!« – Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl -seine Arme so weit in die Welt hinausstrecken kann. – -»U–ah! Dicker, nicht wahr, du hast auch keine Lust!«</p> - -<p>»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein -übersetzen?«</p> - -<p>»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«</p> - -<p>»Du, dann übersetze mal schnell!« –</p> - -<p>Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den -nächsten Haken und schwankt da ein ganzes Weilchen hin -und her, ganz nachdenklich, ob sie sich bei solcher niederträchtigen -Behandlung nicht lieber platt auf den Boden -legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß -zu ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so -nett bedeckt und beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust -noch Zeit, sie aufzuheben.</p> - -<p>Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen -Köckeritz. Sie versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax -zu stürmen. Und auch andere scheint das noch außerordentlich -zu interessieren; denn bald hat sich um Köckeritz -ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da so -dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -sie einen Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während -aber doch sonst alles in den Trichter hinunter und zu Tal -läuft, so strömt hier scheinbar alles von unten nach oben. -Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz. Und je -weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen, -desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; -denn da oben am Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß -die meisten Ohren.</p> - -<p>Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch -höher, weil noch jemand anders wissen möchte, was nun -eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles drängt sich heutzutage -zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die Jungen -da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch -unten im Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, -wider alle Naturgesetze, ein kräftiges Wort gegen die unverschämte -Drängelei von oben zutage fördert, so hat doch -jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben: sie -stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!</p> - -<p>Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse -herein: »Jungs! Partie, Partie! Vor den großen Ferien -noch! Eine Klassenpar–!«</p> - -<p>Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! -Bei seinen Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme -gewesen; aber so schnell war er wirklich nie aus solcher -Klemme herausgekommen wie in diesem Augenblicke, als alle -diese Tertianer, die ihm eben noch ganz nahe auf den Leib -gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten. Plötzlich -saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes -Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut -weg. Er hatte natürlich unten in dem Loch nichts von der<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span> -sieghaften Ankündigung Hagens gehört; er glaubte vielmehr -scheinbar, daß der Professor Bumsvallera ganz überraschend -den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe gekommen wäre. -Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich -und war so erstaunt darüber und machte selber ein so -dummes Gesicht dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und -mitten in seinem letzten Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, -stecken blieb.</p> - -<p>Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; -denn um ihn fluteten jetzt die Kameraden alle herum und -bestürmten ihn, wie just eben noch die Belgier die Stadt -Bibrax.</p> - -<p>»Wieso?« – »Wer hat das gesagt?« – So ruft alles -durcheinander. – »Woher weißt du das?« – »Erzähle -mal!« – »Mit Fuchs allein? Oder eine Schulpartie?«</p> - -<p>Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er -hat seine Bücher schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig -seine Hände, wie um die aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. -Und dann sagt er ebenso gemessen wie gewichtig: »Erst – -mal – Ruhe – im – Saal! Großmutter will tanzen!«</p> - -<p>»Unsinn! Sage mal schnell!« – Wie konnte der dicke -Puntz bloß so rapide den Professor Bumsvallera und den -alten Caesar vergessen! –</p> - -<p>»Also, Jungs!« – Hagen bleibt in dem Schneckenton. -– »Der – Direx – hat – in – der – Sekunda -– gesagt: in der nächsten Woche sollen alle Klassen einen -Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut -deutsch Partie!«</p> - -<p>Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher -seiner Weste gehängt und sieht triumphierend im Kreise<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -herum. Er schmunzelt dabei noch ganz urgemütlich und -macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein leibhaftiger -Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt: »Na, -du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«</p> - -<p>»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist -übrigens noch dicker als du!«</p> - -<p>»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«</p> - -<p>»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«</p> - -<p>»Ich werde dir gleich –«</p> - -<p>»Bumsvallera! Bums!«</p> - -<p>Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor -dem großen Caesar.</p> - -<p>Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit -besser abgepaßt als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, -ja, der war entschieden zu früh gekommen. Der -hätte wirklich noch warten sollen, bis man dem Hagen ein -klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf gewaschen -hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der -Zunge sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung -darauf Platz gehabt? Nein, nein! Das ging -heute eben schauderhaft trotz der Trichterarbeit des kleinen -Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung, in seinem Eifer, -aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste Übersetzung -herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera -drauf los, daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon -frühere Generationen dem Professor Ketzel eben den Spitznamen -Bumsvallera gegeben hatten. Aber je schlimmer es -jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken der -Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der -Stunde kein einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -gemacht werden müßte. Kaum hatte man also um 4 Uhr -die Klassentür hinter sich, so wurde auch sofort auf dem Flur -schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt, wie man -Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten -Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! -Nicht in der Herde mit der ganzen Schule. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-2">Vorfreuden.</h3> -</div> - -<p>Was tun? Als man nach der Pause wieder in die -Klasse hinauf muß, entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus -muß es Fuchsen sagen!«</p> - -<p>Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? -Der Mummelgreis!«</p> - -<p>Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde -Fuchsen einfach mal fragen.«</p> - -<p>Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel -damit ab. »Wir schreiben es an die Tafel!«</p> - -<p>Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug -und erbietet sich: »Ich werde die Verse dazu machen!«</p> - -<p>»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«</p> - -<p>»Jetzt nicht! Morgen!«</p> - -<p>»Unsinn!« – Der Fritze Köhn greift immer feste zu. – -»Jetzt haben wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer -sonst ’n Schnörgel nach links drehn!«</p> - -<p>Da steht auch schon alles um Schmuck herum und -schiebt ihn auf das Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span></p> - -<p>Von hinten wird <em class="antiqua">a tempo</em> vorgeschlagen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,</div> - <div class="verse indent0">und die Klasse war so fleißig!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen -und schreibt auch schon diese beiden Musterverse an. Und -um seinen Dichterruhm nicht unrettbar zu verlieren, hat -jetzt auch Schmuck nach der Kreide gegriffen:</p> - -<p>»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,</div> - <div class="verse indent0">und die Klasse war so fleißig.« –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»So!« –</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Will auch noch sehr fleißig sein!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber -nischt versprechen!«</p> - -<p>Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Denkt indes, es wäre fein,</div> - <div class="verse indent0">nicht zu schwitzen in dieser Pein.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder -sein gewichtiges Urteil ab.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sondern zu wandern weit hinaus</div> - <div class="verse indent0">und möglichst spät zu kommen nach Haus.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht -nun einmal da, und – plötzlich tritt auch der Ordinarius in -die Klasse.</p> - -<p>Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber -Doktor Fuchs die erhobene Hand schnell und mit einem -kleinen Knall des Daumens und des Mittelfingers senkt, -da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und zuckt.</p> - -<p>Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs -dreht sich herum, um auf das Katheder zu steigen, und –<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -er sieht die voll beschriebene Tafel, die doch sonst in ihrer -unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er liest jetzt -die Verse halblaut und recht bedächtig.</p> - -<p>Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich -schaudernd um und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber -den größten Stoß Hefte!«</p> - -<p>O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende -aller Partiegelüste aus; aber die Klasse freut sich doch -stürmisch über das »Brr!« und über den »größten Stoß -Hefte«.</p> - -<p>Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. -»Na, also Jungs, über die Sache läßt sich reden, aber erst -müßt ihr mal bessere Verse machen!«</p> - -<p>Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind -furchtbar schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch -gleich gewichtige Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert -am Ende der Stunde dafür: »Schmuck muß zu morjen -anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n Kopp, det -er Plattbeene kricht!«</p> - -<p>Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern -durchaus zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er -wird verhauen!« So denkt und sagt jetzt jeder, und das -glaubt schließlich auch Schmuck. Und weil er nicht verhauen -werden will, so will er auch anständige Verse machen. – – –</p> - -<p>Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und -alles stürmt am nächsten Morgen auf den Klassenbarden -ein. Jeder will die Verse sehen. Aber Schmuck bleibt fest: -»Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie dann alle -lesen!«</p> - -<p>In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span> -der Pegasusreiter oben, mit Erlaubnis des inspizierenden -Herrn draußen auf dem Flur. Und nachher prangen denn -auch die erhofften Verse in Schmucks schönster Schrift an -der Tafel.</p> - -<p>»Fein, Schmuck!« – »Ach, <em class="gesperrt">der</em> Vers taugt nichts!« – -»Da muß noch hinein, wohin wir wollen!«</p> - -<p>Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt -sich Puntz und findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte -es nicht so gekonnt! Und ein anderer auch nicht!«</p> - -<p>Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. –</p> - -<p>Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die -Verse ebenso bedächtig wie gestern.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne,</div> - <div class="verse indent0">Jugend tummelt sich draußen mit Wonne;</div> - <div class="verse indent0">sämtliche Schulen fliegen schon aus,</div> - <div class="verse indent0">nur unsere Klasse darf nicht hinaus!</div> - <div class="verse indent0">Lehrer gehen doch auch gern ins Freie,</div> - <div class="verse indent0">besonders im wunderschönen Maie!</div> - <div class="verse indent0">Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai,</div> - <div class="verse indent0">der Juni ist auch noch nicht vorbei!</div> - <div class="verse indent0">Die Pfingsten sind ja nun heran,</div> - <div class="verse indent0">die schönste Jahreszeit bricht an.</div> - <div class="verse indent0">Gewähren Sie uns doch die eine Bitte,</div> - <div class="verse indent0">beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center"> -Die Unter-Tertia <em class="antiqua">O</em>.« -</p> - -<p>Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch -einen Augenblick, als müßte er sich erst von seinem Staunen -über solche Leistung erholen. Dann sagt er aber: »Schön! -Wer ist der Poeta?«</p> - -<p>»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p> - -<p>»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun -noch kein Trauerspiel schreiben!«</p> - -<p>Schmuck freut sich mehr, als je ein <em class="antiqua">poeta laureatus</em> sich gefreut -hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun -Doktor Fuchs fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder -einen Zettel mit. Darauf steht neben eurem Namen der Ort -wohin der Träger dieses Namens die Partie machen will.«</p> - -<p>Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich -die Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und -schon schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« – -»Potsdam!« – »Königswusterhausen!« – »Zwei Tage, -Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage, Herr Doktor!«</p> - -<p>Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! <em class="antiqua">Notabene</em>: -hoffentlich beteiligen sich alle an der Partie!« – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-3">Ein armer Junge.</h3> -</div> - -<p>Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. -»Ich weiß es noch nicht!«</p> - -<p>Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick -aber lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, -dem Hänsel, empört zu: »Der ist immer der Spielverderber!«</p> - -<p>Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich -gesagt, daß es die ganze Klasse gehört haben muß. Auch -Dr. Fuchs hat es sicherlich gehört; indes, er will es offenbar -nicht gehört haben; denn er sagt nur in scheinbar zürnendem, -dabei aber auch lustig schmollendem Tone zu Ehrenfried hin:<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span> -»Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih, das -wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus -nachher mal extra bearbeiten!«</p> - -<p>Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und -ganz verwirrt setzt er sich nieder. Zugleich aber hat -auch ein Blick des Ordinarius den kleinen, impulsiven -Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn er sagt -nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt -jetzt den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich -Doktor Fuchs an sein Pensum, und vierzig Minuten lang -hat kein Junge Zeit, an die Partie zu denken.</p> - -<p>Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als -ob er den Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es -offenbar vergessen; er geht auch schnurstracks auf den Hof, -wo er allerdings in dieser Pause die Aufsicht zu führen hat.</p> - -<p>Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den -Weg, und Doktor Fuchs winkt ihn zu sich hinan.</p> - -<p>»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit -Ehrenfried vor?«</p> - -<p>»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer -ein bißchen!«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht -ausstehen!«</p> - -<p>»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch -viel älter und viel größer als du!«</p> - -<p>»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst -ja die besten Freunde!«</p> - -<p>Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen -Köckeritz her, so daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span> -mit den Augen nach links und nach rechts zu blinzeln, um -seine Bekannten zu suchen. Endlich aber sagt Doktor Fuchs: -»Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz vernünftiger -Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig; -aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in -denen er lebt. Du weißt doch, daß er keinen Vater und -keine Mutter mehr hat?«</p> - -<p>»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von -uns gesagt!«</p> - -<p>»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf -unserer Schule!«</p> - -<p>»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch -keinem was über sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er -draußen in Moabit wohnt, bei seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher -Fabrikarbeiter!«</p> - -<p>»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, -mein Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er -ist sicher ein sehr ehrlicher und fleißiger Mann, und das sagt -viel! Und nun – jetzt halt mal die Ohren steif! – gefällt -es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried herumhakst. -Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine -Waise zu sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht -verstehst du das noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt -es mir glauben, daß das auf den armen Ernst Ehrenfried -drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du mir unsern -Primus etwas in Ruhe!«</p> - -<p>»Herr Doktor!« – Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das -Weinen näher als das Lachen. – »Wir sind ja sonst die besten -Freunde. So hatte ich es ja auch gar nicht gemeint!«</p> - -<p>»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span></p> - -<p>Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon -auf die beiden Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung -schnell Frieden schließen und versuchen, sich in -dem Kreis der Jungen, der sich im Handumdrehen um sie -herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs hat -schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu -sich hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne -noch ein Wort zu sagen, die beiden Dickschädel aneinander. -Das tut, auch ohne Worte, den beiden sehr gut und freut -alle andern riesig. Und da sich kein Junge gern auslachen -läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher andere -dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig -Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei -seiner Inspektion mit einem Jungen sprechen, wie er es -eben mit dem kleinen Köckeritz getan hat.</p> - -<p>Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: -»Was wollte denn Fuchs von dir?«</p> - -<p>Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das -Maul jetzt! Das sieht doch Fuchs! Nachher!«</p> - -<p>Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, -er hat gehört, daß ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried -ist immer der Spielverderber!‹ Da hat er mir eine Standpauke -gehalten, daß sich das nicht gehörte!« – – –</p> - -<p>Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse -wenigstens, doch nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, -dem Ehrenfried aus eigener Tasche das Geld zur Partie -zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der Ernst Ehrenfried -trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst -recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem -Nachmittag noch laufen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span></p> - -<p>»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und -über Nacht kommt Rat!« – – –</p> - -<p>Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor -Fuchs nur bis 11 Uhr Unterricht, während doch seine Klasse -erst um 1 Uhr herauskam. So suchte er denn um -11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor und -las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren -am 1. Mai 1890 in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter -I. Semester. Schulalter 1 Jahr. Wohnung des Vaters: -Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: war -Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! <em class="antiqua">NW</em>, Havelberger -Straße 250. Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. -Vormund: Silber, Schutzmann, Schöneberg, Torgauer -Straße 105.«</p> - -<p>Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? -Nach Schöneberg und nach der Torgauer Straße? »Die weiß -ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte dabei doch auch gleich -die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. Also aus nach -Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich? -Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein -Vierteltausend!«</p> - -<p>Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg -und wickelt sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und -nach einem guten halben Stündchen steht er draußen vor -der Mietskaserne Havelberger Straße 250. Der stille Portier, -wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des Hauses -nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, -3 Treppen links. – – –</p> - -<p>Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen -von etwa fünf Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -linken Hand in den Mund gesteckt und sieht den vornehmen -Besucher staunend an.</p> - -<p>»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«</p> - -<p>Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche -zurück und ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«</p> - -<p>In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus -der Küche heraus. Sie war gerade beim Kartoffelschälen -und hat die Schalen noch in der Schürze; die Schürze -aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel über den -linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, -die jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte -Hand schnell an der Schürze abwischt. An dieser Schürze -hängt noch ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, -während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge eben aus -der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.</p> - -<p>»Guten Tag, mein Herr!«</p> - -<p>Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der -Ordinarius des Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«</p> - -<p>Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: -»Ja, ja!« so daß Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich -Sie vielleicht einmal auf einen Augenblick sprechen.«</p> - -<p>»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«</p> - -<p>Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die -Tür eines Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen -Sie einen Augenblick eintreten, Herr Lehrer?«</p> - -<p>So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen -umzusehen. Es ist offenbar das Arbeits-, Wohn- und -Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried; denn da, auf dem -kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und auf -dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -der ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. -Alles ist sauber zusammengelegt, und auch das ganze -Zimmerchen macht einen höchst reinlichen, wenn auch sehr -einfachen und ärmlichen Eindruck.</p> - -<p>Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie -hat sich statt der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere -Schürze vorgebunden; den pausbäckigen Kleinen hat sie auf -dem Arm, während die beiden Mädchen sich wie kleine -Wächterinnen neben ihr halten.</p> - -<p>»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die -Kinder mit hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen -Augenblick allein lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen -wollen, so kann ich ihn wecken. Er hat nämlich Nachtarbeit -gehabt, und dann muß er immer am Vormittag etwas -schlafen.«</p> - -<p>Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft -sprechen, und warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren -Bewegungen, doch recht ruhig mit dem Munde sind. So -spricht er also auch nur halblaut, als er sagt: »Nein, nein, -lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide können -das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau -Ehrenfried, meine Klasse macht in der nächsten Woche einen -Ausflug, und da will sich der Ernst ausschließen. Ich glaube -aber den Grund dazu erraten zu haben, und nun möchte -ich Sie bitten, ihm doch diese« – Doktor Fuchs hat das -Geld schon in der Hand – »ihm doch diese Mark und -fünfzig Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen -Sie nicht verraten, daß ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht -sagen Sie ihm, es wäre das vom Vormund für unvorhergesehene -Fälle.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span></p> - -<p>Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« -antwortet sie, »ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit -dem Vormund, das glaubt der Ernst doch nicht! Der -kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen hergeben. -Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da -ist noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was -noch da war, als mein Schwager starb, ist alles verkauft, -und nun reicht das Geld gerade noch, daß der Ernst ein -paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja das -Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst -manches!«</p> - -<p>»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß -nicht, ob ich Sie bitten darf, ihm zu sagen, Sie selber -wollen es ihm geben.«</p> - -<p>Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde -er gar nicht nehmen. Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, -daß ich so viel Geld nicht abstoßen kann, und da ist der -Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine Waise, und -wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber -der Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, -und wenn er es auch nicht sagt, aber es tut ihm doch -immer sehr leid, daß er uns zur Last fällt!«</p> - -<p>»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in -Ihre Familie aufgenommen?«</p> - -<p>Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte -ja das so ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst -bekämen. Aber der Junge lernt doch nun mal so gut, -und als sein Vater starb, da war es sein letzter Wunsch, -daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen -Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> -werden wir ja durchkommen, auch wenn einer mehr mit -am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch bis jetzt gegangen!«</p> - -<p>»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter -Junge. Der wird es Ihnen einmal danken!«</p> - -<p>»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns -an den Augen absehen kann. Und die Kinder hängen an -ihm wie an einem älteren Bruder. Mir hilft er auch, wo -er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn schicken -wohin ich will. Nur,« – die Frau lächelt dabei, als hätte -das schon recht spaßige Szenen gegeben – »er kann nicht -›danke!‹ sagen; das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«</p> - -<p>»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was -sagen können. Aber ist denn der Ernst immer so still und -ernst gewesen?«</p> - -<p>»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes -Kind. Aber seit auch sein Vater gestorben ist, da kann er -nicht mehr lachen. Er spielt ja mit den Kindern hier sehr -nett; aber er kann nicht mehr lachen!«</p> - -<p>Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, -daß der Ernst scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.</p> - -<p>»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte -ich gern, daß er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, -daß er auch einmal auf andere Gedanken kommt. Darf ich -Ihnen denn nicht das Geld hierlassen? Dann braucht er -doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«</p> - -<p>Doktor Fuchs muß dabei lächeln.</p> - -<p>»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein -Herr, dem ich erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen -will, weil er nicht die Mittel dazu hat, der hat mir -das Geld für ihn gegeben.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span></p> - -<p>»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« – Dabei steht -Doktor Fuchs auf. – »Ich habe Sie nun wohl auch schon -etwas lange von Ihrer Arbeit abgehalten!«</p> - -<p>»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für -das Geld, da es der Ernst ja nicht selber tun kann.« –</p> - -<p>Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der -aber geht sinnend nach dem Restaurant, wo er – als -Junggeselle – täglich ißt. Er kann alle die Gedanken und -Bilder nicht loswerden, die soeben in sein Empfinden eingetreten -sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und Liebe, -welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen -in der Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne -viele Worte üben! »Mein Mann sagt, mit Gottes Hilfe -werden wir ja noch durchkommen, auch wenn einer mehr -mit am Tisch sitzt!« – Aber noch viel mehr beschäftigt seine -Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl -durch sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last -zu sein, und der nicht mehr lachen kann, nachdem auch -sein Vater gestorben ist. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-4">2 <em class="antiqua">m</em> Schottisch.</h3> -</div> - -<p>Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da -ruft sie ihm auch schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich -habe heute früh einem Herrn erzählt, daß du die Schulpartie -nicht mitmachen willst. Da hat er mir eine Mark und fünfzig -Pfennig für dich gegeben. – Na, freust du dich nicht?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span></p> - -<p>Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn -er holt jeden Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem -Kuhstall nebenan herauf, und mit ernstem Gesicht sagt er: -»Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist denn der Herr?«</p> - -<p>»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr -meinte auch, du brauchtest seinen Namen nicht zu wissen; -er würde sich aber freuen, wenn du nun mitmachtest!«</p> - -<p>Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf -genommen und geht still und ruhig zur Tür hinaus.</p> - -<p>Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: -»Tante, ich werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«</p> - -<p>»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! -Das machst du recht!«</p> - -<p>Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die -beiden Geldstücke. Er wickelt sie sauber und sicher in ein -Stückchen Zeitungspapier und schlägt dann das Paketchen -zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch ein.</p> - -<p>Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit -des sonst so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, -etwas zu sagen.</p> - -<p>Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er -seine Schularbeiten gemacht hat, die drei Kinder und geht -mit ihnen hinunter. Dieses Mal freilich nicht nach dem -Spielplatz hinüber, sondern nach der Wilsnacker Straße. -Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines -Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig -werden wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. -Die Verkäuferin macht ein erstauntes Gesicht.</p> - -<p>»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das -Marthchen? Das ist die Kleine hier!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p> - -<p>»Was soll es denn für Stoff sein?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, aber meine Tante – solches hier! -Bunt kariert!«</p> - -<p>»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«</p> - -<p>Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine – -meine –« stottert er, »meine Tante sagt, das kostet eine -Mark fünfzig bis zwei Mark!«</p> - -<p>»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist -Schottisch! Solches hier!« –</p> - -<p>Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. -Die Verkäuferin sieht jetzt die Kinder kaum noch. Sie -wirft das Paketchen Zeug auf den Ladentisch. »Hier kostet -das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter abschneiden?«</p> - -<p>»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 <em class="antiqua">m</em> -Schottisch!« – Er hat außer der Mark fünfzig Pfennig -noch vierzig Pfennig, die er einst dadurch gespart hat, daß -er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er dem Vormund -nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig -dreißig Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen -in die Arme, und freudig gehen sie nach Hause.</p> - -<p>»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«</p> - -<p>Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme -Frau. »Aber, Ernst,« ruft sie, »das Geld durftest du nicht -so ausgeben! Das war für die Partie!«</p> - -<p>»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. -Du hast doch neulich auch zu Onkel gesagt, -daß Marthchen so notwendig ein Kleidchen braucht. Und -könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann würdest -du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. -Ich freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span></p> - -<p>»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; -aber das geht doch nicht! Nein, das geht wirklich -nicht!«</p> - -<p>»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die -andern Jungen sind da immer so wild. Das Geld haben -wir nun besser angewendet.«</p> - -<p>Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt – -denn sie muß in der Küche noch waschen – sie wälzt doch -immer den Gedanken im Kopfe herum: »Aber nun wird -sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst nicht mitmacht! -Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar -nicht gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie -mache ich denn das nur? Wie mache ich denn das nur? -Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? Die nehmen es -sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück -abgeschnitten ist!« –</p> - -<p>Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu -sagen, wenn er am Abend nach Hause kommt. Der würde -ja schon einen Ausweg finden. – – –</p> - -<p>Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, -den fand jetzt eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, -das Lenchen. Und das sogar ganz ungezwungen und -ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.</p> - -<p>Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen -Brüderchen herum. Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen -über die Schultern und sagt ganz traumverloren: »Nun -sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der Herr -Lehrer!«</p> - -<p>Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der -am Tische sitzt und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> -legt das Buch hin und fragt das Lenchen: »Was für ein -Herr Lehrer denn?«</p> - -<p>Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; -es hat sie im Spiel einfach überhört. »So! Und dann -schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! So! Und –«</p> - -<p>»Du, Lenchen,« – Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu -dem kleinen Plappermäulchen hingetreten – »was für ein -Lehrer denn? Lenchen! Hörst du denn nicht? Was für -ein Lehrer denn?«</p> - -<p>Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti -das Geld gegeben hat. Du sollst doch mitmachen!«</p> - -<p>»Das war ein Lehrer?«</p> - -<p>»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt -weiter mit dem Tüchelchen am kleinen Bruder herum.</p> - -<p>»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«</p> - -<p>Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie -weiß doch nicht, was sie darauf antworten soll: »Ganz -anders als Vati! Und der hat Mutti das Geld für dich -gegeben!«</p> - -<p>Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die -paar Schritte in die Küche hinaus: »Tante, Tante, -Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir das Geld für mich -gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«</p> - -<p>Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, -da du nun ja selber darauf kommst, ja, der war hier und -hat mir das Geld für dich gegeben! Was machen wir -denn nun?«</p> - -<p>Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den -Küchenstuhl setzen müssen, und auch das Lenchen kommt -jetzt in die Küche herein und sieht ihm ängstlich ins Gesicht.<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -»Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat dir das Geld gegeben!«</p> - -<p>»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von -meinem Wirtschaftsgeld geben, Ernst. Aber …«</p> - -<p>»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, -warum ich die Partie nicht mitmachen kann. Laß nur! -Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht der Junge auch -schon wieder aus der Küche hinaus.</p> - -<p>Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In -seinem Innern zuckt und reißt es an ihm herum. Wie -soll er das bloß anstellen? Und was wird Doktor Fuchs denken? -Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte -bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam -sich wie ein ganz gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er -das auch noch alles selber gestehen! Ihm wurde es schon -sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas zu sagen! -Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz -elend wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl -sein. Die arme Tante ängstigte sich nun auch. Auf keinen -Fall aber konnte sie etwas von den paar Pfennigen abgeben, -mit denen sie für Essen und Trinken der Familie -sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte -es Doktor Fuchs sagen! Gleich am andern Morgen auf dem -Flur! Ganz allein!</p> - -<p>Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. -In der Nacht wurde er durch schreckliche Träume gequält, -und er schlief recht schlecht. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p> - -<h3 id="fr-5">Edler Wettstreit.</h3> -</div> - -<p>Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient -den Mittelflur des weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, -sprang der kleine Köckeritz die Treppe herauf. Der -sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem seine Beine -nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß -Doktor Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm -gesagt hatte: »Na, Achim, wenn mal die Sperlinge -Stiftungsfest haben, mußt <em class="gesperrt">du</em> die Fahne tragen!«</p> - -<p>Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und -direkt vor seinen Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir -machen doch die Partie und –«</p> - -<p>»Gut, gut! <em class="antiqua">Ad</em> Partie nachher in der Klasse!«</p> - -<p>Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, -so zieht der ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm -so den Weg zu seiner Klasse, die noch ein paar Schritte -weiter den Flur hinunter liegt.</p> - -<p>Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick -schon wieder vor Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr -Doktor, wir machen doch die Partie, aber …«</p> - -<p>»Na freilich! Und nun drückt er sich!«</p> - -<p>»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, -aber es ist doch was ganz andres!«</p> - -<p>Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört -zur Partie und gehört doch auch nicht zur Partie!«</p> - -<p>»Ja! Nein, nein! Ja!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p> - -<p>»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«</p> - -<p>»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu -Hause erzählt. Der kann doch die Partie nicht mitmachen, -weil er – weil er –«</p> - -<p>»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«</p> - -<p>»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, -dem Ernst Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit -er mitmachen kann!« Dabei will der Achim dem Doktor -Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm in ein -weißes Blättlein eingewickelt hat.</p> - -<p>»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein -Prachtkerl! Und deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm -als Ordinarius des armen Ernst Ehrenfried für dieses Anerbieten -herzlich danke. Aber es wäre schon alles erledigt. -Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also, -Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem -Herrn Vater, und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich -mich über sein Anerbieten gefreut hätte.«</p> - -<p>»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog -auch nicht gerade sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig -und fidel. Er dachte sich sicherlich auch nicht allzuviel bei -der Sache.</p> - -<p>An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den -würdigen Sekundus der Klasse, über den Haufen. Der -trug als Sekundus neben dem Primus auch die Last -einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; -denn wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher -Kasse wissen durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, -daß immer einige Pfennige da waren. Wovon sollte sich -denn auch sonst die Klasse zu Neujahr einen neuen Wandkalender<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -kaufen oder eine zerbrochene Scheibe bezahlen, die -natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf einmal -zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer -Tertia vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart -also, der stand jetzt an der Tür und hatte schon ein kleines -Weilchen darauf gewartet, daß der kleine Köckeritz da vor -Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß er nun hinter -Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse -wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor -der Treppe Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch -inspizieren. Da nickte er recht herzlich einem Jungen zu, -der offenbar die Treppe heraufkam und jetzt gerade mit -dem Kopf hochtauchte.</p> - -<p>Das war – der Ernst Ehrenfried.</p> - -<p>»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal -um sich selber.</p> - -<p>Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs -auch etwas zu sagen; denn er hatte die Mütze wieder -abgenommen und trug sie in der Hand, und einen puterroten -Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er mit -einem seiner Lehrer sprechen wollte.</p> - -<p>Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, -und schon stand er jetzt neben seinem Ordinarius -und meldete sich krampfhaft: »Herr Doktor! Herr Doktor!«</p> - -<p>»Na, wo brennt’s denn, Junge?«</p> - -<p>Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so -sonderbar hin und her. »Herr Doktor!«</p> - -<p>»Na ja doch, schieß nur los!«</p> - -<p>Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit -genug weg!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p> - -<p>»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die -Partie nicht mitmachen. Können wir da nicht aus der -Klassenkasse etwas Geld nehmen, daß er auch mitkann?«</p> - -<p>»Na, wieviel hast du denn drin?«</p> - -<p>»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf -Hefte. Die werden doch mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. -Das sind noch 75 Pfennige!«</p> - -<p>»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld -verfügen!«</p> - -<p>»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle -dafür, daß Ehrenfried auch mitkommt.«</p> - -<p>Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta -immer der Beste und der Primus der Klasse gewesen; seit -aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat er von diesem Ehrenposten -zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz war -Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich -unter den klügern und fleißigern, freilich auch ältern -Mitschüler gestellt, und jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried -auch bei der Partie haben.</p> - -<p>Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er -schätzt es hoch, sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos -ist und jetzt so selbstlos handelt. So sagt er denn mit inniger -Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, das ist wirklich nett -von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich freue mich, -daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, -mein Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«</p> - -<p>Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.</p> - -<p>»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses -Mal der Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon -erledigt: der Ernst Ehrenfried kommt auch so mit!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span></p> - -<p>Da legt sich das helle Staunen in die Augen des -kleinen Kassenwarts; er dreht sich dann, ohne noch ein Wort -zu sagen, um und geht der Klasse zu. –</p> - -<p>Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke -des Türpfostens geguckt. Als er den Tauscher der Klasse -näher kommen sieht, faßt er sich ein Herz und geht Doktor -Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt auch langsam herunterschreitet.</p> - -<p>»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da -kommt ja auch mein Primus an! Na, was gibt’s Neues, -Ernst?«</p> - -<p>»Herr Doktor!« – Der Ernst kann nicht weiter. Die -Tränen treten ihm in die Augen; es zuckt so eigentümlich -über sein Gesicht hin, als ob er weinen wollte.</p> - -<p>Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: -»Also, du willst die Partie mitmachen! Das freut mich, -Ernst! Man muß sich mit seinen Kameraden auch einmal -freuen können!«</p> - -<p>Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die -hellen Tränen über die Backen. »Nein, Herr Doktor,« -sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann doch nicht mitkommen. -Ich wußte nicht, daß – daß – dieses Geld – -das Geld –« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, -daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das -Sprechzimmer zieht, das in der Flucht der Klassen in der -Mitte des Flures liegt.</p> - -<p>»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die -ganze Sache ist doch nicht zum Weinen!«</p> - -<p>»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich -wußte nicht, daß – daß – Sie es gebracht hatten!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p> - -<p>»Du hast das Geld schon verbraucht?« – Es klingt -beinahe aus dem Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs -etwas enttäuscht wäre.</p> - -<p>Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er -glaubt, jetzt muß er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, -damit dieser nicht noch schlechter von ihm denkt. So -trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich einmal alles -schnell erzählen, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar -Pfennige zu einem guten Zweck ausgegeben hast!«</p> - -<p>»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das -kleine Marthchen brauchte schon lange ein Kleid. Da habe -ich für das Geld den Stoff zu diesem Kleide gekauft. Meine -Tante wollte mir ja das Geld für Sie wiedergeben; aber -das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem Vormund -gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« –</p> - -<p>Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte -hervorgestoßen, atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber -Doktor Fuchs sieht jetzt in den Seelenadel seines Primus -hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um den armen -Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt -und muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung -nicht aufkommen zu lassen. Dann aber legt er die -Hand dem armen Jungen auf die Schulter und sagt: »Mein -lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht anders -von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen -und dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind -einfache und schlichte, aber edeldenkende Menschen. Sie -haben deine Dankbarkeit verdient!«</p> - -<p>Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht,<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -was er sagen soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle -über die andere über das Gesicht jagt. Und doch ist ihm -jetzt so wohl, daß er dieses schwere, schwere Geständnis -vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel -ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du -mir aber auch eine Freude machen und doch mitkommen. -Und da wir beide ja nun ganz offen miteinander stehen, -so machen wir beide auch keine Umstände mehr miteinander.«</p> - -<p>Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.</p> - -<p>»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, -und kein Mensch, außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, -braucht etwas davon zu erfahren! – Na, aber -Ernst, du willst mir doch nicht die Freude verderben! Nein, -nein, ich möchte aber wirklich, daß du das nimmst! Nun -geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen -wäre!«</p> - -<p>Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber -gibt er Doktor Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke -schön, Herr Doktor!« – – –</p> - -<p>Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen -Sprechzimmer auf den Flur hinaus: der eine ging schnell -und leichten Schrittes der Unter-Tertia <em class="antiqua">O</em> zu, der andere -aber wandte sich den Flur weiter hinauf zur Quarta hin, -wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an ihm -herumwürgte und ihm an der Kehle säße. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span></p> - -<h3 id="fr-6">Würden und Ämter.</h3> -</div> - -<p>Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse -tritt, sind die partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat -ja gesagt, sie sollen heute einen Zettel mitbringen mit dem -Ziel der Partie. Und den Zettel, den haben nun alle da, -viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst irgend ein -Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, -was solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige -Miene auf und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer -Reihenfolge ab. Die Jungen finden das durchaus richtig, -während Doktor Fuchs seinerseits findet, daß eigentlich keiner -unter vier Meilen von Berlin weg landen will. Potsdam, -Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.</p> - -<p>So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man -kann nicht gerade sagen, daß ihr bescheiden gewesen seid. -Es wundert mich nur, daß ihr alle noch in Europa bleiben -wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. Da -werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein -müssen, und« – dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem -Katheder um – »und da möchte ich nur auch schnell -meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. – Grunewald!« –</p> - -<p>Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der -Katzensprung!« vom dicken Puntz.</p> - -<p>Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses -»Aaach,« »der Katzensprung!« in demselben Tone nach, so<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span> -daß einige schon anfangen zu lachen. Die sind schon wieder -halb und halb mit dem Grunewald ausgesöhnt.</p> - -<p>»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den -Grunewald gesehen?«</p> - -<p>»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig -und gedehnt und verächtlich.</p> - -<p>»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst -du denn? Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten -Sonntag, da ist der Grunewald ganz anders geworden! -Ich sage dir bloß, ganz anders! Den kennst du gar nicht -wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«</p> - -<p>Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und -überzeugungstreu: »Nein!«</p> - -<p>»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt -sein! Also es geht in den Grunewald!«</p> - -<p>Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde -erklärt er: »Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei -eben die armen Deibel. Für die würde es bis Bernau doch -zu teuer sein!«</p> - -<p>Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man -sich denn auch schon am nächsten Tage mit dem Grunewald -ausgesöhnt. Nur will man noch fragen, wohin es im Grunewald -selbst gehen soll.</p> - -<p>Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage – nun -ist’s inzwischen schon Freitag geworden – selber wieder auf -die Partie, als er von der Inspektion draußen auf dem -Mittelflur in die Klasse kommt.</p> - -<p>»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer -kennt denn den König Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span></p> - -<p>Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.</p> - -<p>»Wer Wannsee?«</p> - -<p>Ein paar weniger.</p> - -<p>»Wer Nikolskoi?«</p> - -<p>Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens -ist es schon sehr lange her, daß er da war.</p> - -<p>»Wer Sakrow?«</p> - -<p>Einer.</p> - -<p>»Wer die Römerschanze?«</p> - -<p>Keiner.</p> - -<p>Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine -Gesellschaft! Und einige wollten da gleich nach Werder und -wer weiß wohin. Na also!«</p> - -<p>»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der -Römerschanze?«</p> - -<p>»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher -die Beine schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: -›So weit wie möglich!‹«</p> - -<p>Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs -fortfahren kann: »Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«</p> - -<p>»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«</p> - -<p>»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! -Morgen wird mir der Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -– Zweitens: Ich brauche zwei Schrittmacher. -Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«</p> - -<p>»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich -werde lieber die Musik liefern.«</p> - -<p>»Kannst du das?«</p> - -<p>»Ja, mit der Mundharmonika!«</p> - -<p>»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle!<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> -Wollte sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre -Hauskapelle!«</p> - -<p>Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: -»Darf ich meinen photographischen Apparat mitbringen?«</p> - -<p>»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«</p> - -<p>»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«</p> - -<p>»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel -oder die Kompagniemutter. Das muß der Doef -werden!«</p> - -<p>Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken -trüge. Er scheint sich aber die Sache erst überlegen zu -müssen. Endlich fragt er: »Was habe ich denn da zu tun?«</p> - -<p>»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf -sehen, daß uns keiner abhandenkommt. Wir müssen also -immer volle Zahl haben!«</p> - -<p>Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist -Praktikus und verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: -»Wenn nun einer doch fortläuft?«</p> - -<p>»Darf nicht vorkommen!«</p> - -<p>»Aber wenn er fortlaufen <em class="gesperrt">will</em>?«</p> - -<p>Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, -und er macht die Geste des Hauens.</p> - -<p>Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, -aber sicher: »Ja!«</p> - -<p>»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« – Die Frage hat -den Leverenz schon halb zu Tode gequält.</p> - -<p>»Na, so <em class="antiqua">en passant</em>! So viel uns Zeit bleibt.«</p> - -<p>»Ich werde einen Ball mitbringen.«</p> - -<p>»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p> - -<p>»Können wir sackhüpfen?«</p> - -<p>»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«</p> - -<p>»Essen wir zu Mittag?«</p> - -<p>»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. -Preis etwa 75 Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen -sagen. Ihr könnt euch aber auch selbst was mitbringen!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius -in der Klasse hat, werden noch zwei oder drei Minuten der -Pause auf dem Altar der bevorstehenden Partie geopfert. -Am nächsten Montag steht der Primus auf und erklärt: -»Herr Doktor, die meisten Stimmen für den Vergnügungsausschuß -haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«</p> - -<p>»Also noch einmal langsam! Greff – Hagen – Sausig -und Woller. Gut! Nehmen die Herrn die Wahl an?«</p> - -<p>Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken -mit dem Kopfe.</p> - -<p>»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«</p> - -<p>»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«</p> - -<p>»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen -Augenblick hier. Ich werde in die Klasse kommen. Und -nun wieder für alle! Wir machen die Partie noch nicht am -nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant war, sondern -erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am -letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«</p> - -<p>»A–a–ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag -aus!«</p> - -<p>»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen -gar nichts kaufen will, der muß sich Essen und Trinken<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> -mitbringen. Der würde nur das Fahrgeld bis zur Station -Grunewald und zurück von Wannsee oder höchstens von -Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen mitbringt, -muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber -darf keiner bei sich haben.«</p> - -<p>»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«</p> - -<p>»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott -für den Freitag vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, -Hänsel, ernenne ich zur Partie-Unke.«</p> - -<p>Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt -auslachen, erklärt Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur -noch eins will ich sagen: je fleißiger man vorher arbeitet, -desto größer ist nachher das Vergnügen!« –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-7">Der Überfall am Pechsee.</h3> -</div> - -<p>Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten -von der Partie hatte sprechen können, da ja an jedem Tage -dieser »feinen Woche« etwas unregelmäßig war und vom -Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte drum doch -keiner die Partie.</p> - -<p>So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der -heiß ersehnte Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! -Vom hellen Osten her strahlte die Sonne, als freue sie sich -über all die fröhlichen Jungengesichter, die schon um sechs -Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach ihr -ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span> -mußte noch einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und -das Portemonnaie wurde zur Vorsicht wieder und immer -wieder hervorgeholt und ein Blick auf den Mammon geworfen, -der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof. -Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station -ein paar neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, -auf Tiergarten, auf Zoologischer Garten, sogar auf Savigny -Platz und Charlottenburg. Auf Station Zoologischer Garten -hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem Hallo und -Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber -war die Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit -zu dem sicheren Ergebnis gekommen, daß zwölf Mann -fehlten.</p> - -<p>»Wer sind denn die?«</p> - -<p>»Hagen – Sausig – Boenick – Schulz – Woller –«</p> - -<p>»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr -Doktor!«</p> - -<p>»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«</p> - -<p>»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«</p> - -<p>»Na, wir wollen mal sehen!« –</p> - -<p>Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald -ein. Alles springt aus den Wagen; eiligst geht man hinunter, -und ohne Aufenthalt schreitet auch Doktor Fuchs mit -seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen schnell -weiter.</p> - -<p>Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen -will, da ist auf einmal der Doef wieder neben -Doktor Fuchs.</p> - -<p>»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf -die zwölf warten, Herr Doktor?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p> - -<p>»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! -Ja doch! Das hatte ich ja ganz vergessen! Also -der Vergnügungsausschuß wollte mit ein paar andern was -ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht spätestens -sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer -zuerst da ist, die oder wir.«</p> - -<p>»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein -bißchen dalli jetzt! Wir müssen die ersten sein!«</p> - -<p>»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst -gern. Das gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse -bleiben! Und dann noch eins, Jungs! Lest mal feste -Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in Saubucht nach -uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich bombardieren!« –</p> - -<p>Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- -und hintereinander hin. Friedlich und wohl auch einmal -nicht friedlich; denn hier und da puffen sich auch zwei etwas -freundschaftlich ab, und hin und wieder fliegt sogar ein Kienapfel -jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet hat und -darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn -da sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes -und doch streng klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.</p> - -<p>»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«</p> - -<p>Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig -an den Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen -geblieben.</p> - -<p>»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«</p> - -<p>Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und -lächelt auf einmal so vergnügt: »Alles in Ordnung!«</p> - -<p>»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> -Posener, der immer neben Doktor Fuchs geht und ihn -offenbar angenehm unterhalten will.</p> - -<p>»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem -so verächtlichen Tonfall, daß auch alle das glauben, die es -hören.</p> - -<p>»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor -Fuchs kurz, geht aber nicht weiter auf Poseners Fragen ein.</p> - -<p>Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem -Wäldchen heraus.</p> - -<p>»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.</p> - -<p>»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist -ja breit genug!«</p> - -<p>»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da -einige.</p> - -<p>»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen -andere.</p> - -<p>Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem -Pechsee ab, als ein lautes, stürmendes Hallo von vorn -erschallt. Und Kienäpfel fliegen, – und Hagen – wo -kommt der auf einmal her? – hat den dicken Puntz über -den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps -auf den Südpol, bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. -Sausig und Woller und Schulz und die andern, die noch -fehlten, die sind auf einmal auch da und stürmen mit -Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel -surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach -dem andern; die Jungen werden ganz wild.</p> - -<p>»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will -davonlaufen. Aber Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. -»Du da drüben! Und du und du und du! Und wir<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span> -andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die -Bande nehmen wir in die Mitte!«</p> - -<p>Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte -Kienäpfelschlacht hebt an. Herüber und hinüber fliegt -es. Je mehr die Wurfgeschosse auf die Neige gehen, desto -näher rückt man sich auf den Leib, bis man endlich handgemein -wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare -und legen sich – <em class="antiqua">les uns les autres</em> – mehr oder weniger -sanft auf die Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« -Aber er muß doch noch einige kräftige Wörtlein dazu reden, -bis er die eifrigsten Kampfhähne wieder auseinanderhat.</p> - -<p>Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; -aber das Spiel ist von den Jungen doch ziemlich ernst genommen -worden. Überall steht man da und schöpft tief -Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.</p> - -<p>»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt -Fritze Köhn. »Jotte doch! War det ’n Klumpatsch!«</p> - -<p>»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«</p> - -<p>»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer -noch dazwischen.</p> - -<p>»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«</p> - -<p>»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.</p> - -<p>»Wer hat mich denn hier gekratzt?«</p> - -<p>»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«</p> - -<p>»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für -Backobst!« –</p> - -<p>So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem -Schopfe da, als der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: -»Sehen Sie, Herr Doktor!« – Er klopft sich dabei die -Nadeln und den Sand ab. – »Wenn ich hinten gegangen<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> -wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein -Wilder auf mich zugesprungen!«</p> - -<p>Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade -ganz nett, Dicker! Was denkst du wohl, wie gut das einem -wohlbeleibten Menschen tut!«</p> - -<p>Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon -wieder ganz zufrieden und blickt eben belustigt auf den -Leverenz hin, der wie ein Harlekin vor seinem Ordinarius -hin- und hertanzt und einmal ums andere ruft: »Ich war -die erste Stafette, Herr Doktor!«</p> - -<p>»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine -Meldung! Sehen Sie mal, Herr Doktor! ›Der Feind -kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 Minuten!‹«</p> - -<p>Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. -»Ich habe Sie beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, -Herr Doktor!«</p> - -<p>»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der -zweiten Stafette: ›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten -in das Wäldchen ein!‹«</p> - -<p>Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen -sind: »Das war aber alles fein abgepaßt!«</p> - -<p>Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne -ich von meinem Vater! Hier ist die Meldung der dritten -Stafette: ›Der Feind verläßt das Wäldchen um 8 Uhr -46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der Saubucht -ein!‹«</p> - -<p>»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine -Köckeritz dazwischen.</p> - -<p>»Du bist wohl ver–!« wehrt Hagen in aller Ruhe und -freundschaftlichst ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span></p> - -<p>»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir -wohl einrahmen lassen?«</p> - -<p>»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich -konstatiere, daß der Überfall des Feindes als wohl gelungen -bezeichnet werden muß. Ich konstatiere aber auch, daß -meine Truppe sich schnell in die Situation hineingefunden -und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge abgewehrt -hat!«</p> - -<p>Ein fröhliches Lächeln allerseits.</p> - -<p>»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.</p> - -<p>»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt -Doktor Fuchs. »Wir scheiden mit einem Hurra von dieser -glorreichen Stätte. Hipp, hipp, Hurra!«</p> - -<p>»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind -jetzt zufrieden und wieder gut Freund. Aber während man -hurtig durch die Senke am Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, -immer am Zaune der Saubucht entlang, lösen -sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und mit -für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter -besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker -und mit ihren Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen -im Vergleiche zu diesen Jungen, die schon nach fünf -Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die Dichtung -wieder zur Wahrheit gemacht haben. – – –</p> - -<p>Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor -dem lieben, kleinen Restaurant Saubucht und verträgt sich -wieder bei etwas gräulicher, sterilisierter Milch und schäumendem -Selterwasser.</p> - -<p>»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. –</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span></p> - -<h3 id="fr-8">Auf hoher Warte.</h3> -</div> - -<p>»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.</p> - -<p>Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke -hinunter. Den gegenüberliegenden Abhang hinauf. An -einer Schonung vorbei und dann einen breiten Weg hinan. -Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur Rechten, etwas -nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot -der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel -und Wipfel hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt -gesehen, verdämmern drei Hügelzüge, einer hinter -den andern gelegt und vom leicht aufsteigenden Dunst der tief -unten liegenden Havel mit sanft bläulichem Hauche verbrämt.</p> - -<p>So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen -hinaus auf die Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht -und sich so jetzt quer vor den Weg der Jungenschar legt. -Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, rötlichem Mauerstein, -wie ihn der felsarme Märker brennt, der König Wilhelms -Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe -um den Fuß des Turmes.</p> - -<p>Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor -Fuchs weg über die große, steinerne Freitreppe. Sie stehen -jetzt an dem schwarzgrauen Stein, der so sicher um die -Plattform herumläuft, und bewundernd taucht der Blick -hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und Seenbildes, -das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten -geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> -Rücken rauscht und raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. -Rechts und links steigt er hinab zum Saume des Wasserspiegels, -der sich glitzernd und blitzend und vom Morgenwehen -leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf verliert -sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus -Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata -Morgana auf leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber -an den eckig-hochragenden Sandwällen, von deren -einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in die Havelflut -stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften -auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten -dem jenseitigen Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt -und sich einhüllt in das lauschige, weiche Gewand schattender -Laubbäume. Lichter wird dann drüben die Gegend und -lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, hinweg über -die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen -in die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.</p> - -<p>Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den -Blick? Auf der sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden -Havel ziehen sie langsam herauf, und merklich kaum kommen -sie näher: fünf, sechs, sieben der Schiffe mit weißlich schimmernden -Segeln! Schwänen vergleichbar, aus einer weit -größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des spiegelnden -Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert -die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen -mit sattgrünem, dunklem Bande lieblich dieses Bild, das -im Hintergrunde durch den sanft verdämmernden Nikolskoier -Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne gerückten Türme -von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen -Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span></p> - -<p>Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte -des herrlichen Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit -seinen Tertianern, versunken in diese Waldes-, Seen- und -Flurenpracht. Als da Hagen von der andern Seite herumgesprungen -kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was -ist das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß -es heißen, wie es will! Bewundere nur diese Natur! -Kapsele dir das Bild im Auge ein, Hagen! So was -Schönes siehst du so bald nicht wieder!«</p> - -<p>Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. -Aber – wo sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum -eigentlichen Turm zurückgetreten und schauen da auf das -Standbild des Königs Wilhelm; aber die andern? Etwa – -gegen seinen Befehl – doch auf dem Turm? Nein! In -dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe -wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.</p> - -<p>Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind -bei dem kleinen Brunnen unten vor der breiten Rampe. -Aber da ja keiner mehr erhitzt ist, so gönnt er jedem gern -den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon wieder essen. -Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-9">Brennesseln und Regenwürmer.</h3> -</div> - -<p>Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der -Chaussee weiter, die nun hinunterführt an die Havel, um -dort unten am steilen Abfall der Havelberge hinzulaufen.<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit Hurra den -Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter -wieder an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.</p> - -<p>Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen -dahin, bis man einen freien Durchblick durch die hochstrebenden -Kiefernstämme auf den klaren Spiegel der Havel -unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs nieder; -um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.</p> - -<p>»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr -meinetwegen weiterfrühstücken!«</p> - -<p>Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht -im Leibe; nur der dicke Puntz ist schon so müde, daß er -sich ohne viele Umstände und mit steifen Beinen auf den -Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal von der -Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz -dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich -dann sehr sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt -die Beine zusammen wie ein Schneider und fängt an, sein -Frühstück auszuwickeln. Ein paar Schritte weiter aber sind -im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder von ihnen -gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich -sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, -Schreier, das feine Plätzchen hier! Na, wird’s bald? – -So!«</p> - -<p>Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, -da hat eben, unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen -Primus, den Ernst Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und -zieht ihn ohne viele Worte von seinem Platze weg. Den -will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal Zeit, -etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei -Mann den Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem -Biereifer zwingen wollen, sich auf eine stattliche Brennessel -zu setzen. Doktor Fuchs will aufspringen; da lassen die -beiden los. Drewian macht gerade noch einen Luftsprung -zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel -festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller -andern noch ein halbes Dutzend mal um seine eigene Achse -dreht; denn die Brennessel hat dieses Zufassen übel genommen. -Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, -freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden -Missetäter, bis der eine von denen ganz trocken meint: -»Der Drewian ist ja dumm, Herr Doktor! Hätte er nicht -so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz sanft auf die Sache -drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«</p> - -<p>»Meinst du?«</p> - -<p>»Ja! Ganz sicher!«</p> - -<p>»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich -her! – So! – Na, also Dittmer, nun los! Setze dich -drauf!«</p> - -<p>Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich -muß erst mal fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. -Na, denn man tau!« Und unter der schallenden Heiterkeit -der andern sitzt er auch schon auf der unschuldigen Brennessel, -die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.</p> - -<p>So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich -aber sitzen doch alle, und das Frühstücken ist in vollem -Gange. Was haben die fürsorglichen Mütter da nicht -alles eingepackt! Und wie gut müssen die Stullen belegt -sein, da das alles so mundet!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span></p> - -<p>Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein -zweites Paar Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als -hätte er die feinsten und zerbrechlichsten Glassachen zwischen -seinen Stullen liegen. Und der Hagen sagt da sogleich: -»Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da kannst du -schon fester zufassen!«</p> - -<p>Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast -du da, Greff? Zeige mal!«</p> - -<p>»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm -gesehen haben!«</p> - -<p>»Wozu nimmst du denn den mit?«</p> - -<p>»Nicht doch, du! – Für unser Rotkehlchen!«</p> - -<p>»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und -richtig, da windet sich der Regenwurm schon zwischen den -mageren Grasstengeln des Waldbodens. Aber Greff hat -ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß -er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.</p> - -<p>»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der -lange Fendel.</p> - -<p>»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.</p> - -<p>»Na, sie sind doch schädlich!«</p> - -<p>»Schädlich? Wieso denn?«</p> - -<p>»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«</p> - -<p>»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes -haben, ja! Aber sonst sind für uns die Regenwürmer die -nützlichsten Tiere mit auf Gottes Erdboden! Weißt du das -noch nicht?«</p> - -<p>Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«</p> - -<p>»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, -Herr Doktor, die fressen nicht die Wurzeln, die fressen die<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span> -angefaulten Blätter. Die holen sie sich in der Nacht in ihre -Röhren hinein. Das ist sehr drollig; die Blätter fassen sie -immer so an, daß sie das spitzeste Ende zuerst ins Loch -ziehen!«</p> - -<p>Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz -fragt etwas zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein -zu sehen!«</p> - -<p>»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem -Zweifler um, »nein, denke mal, Dicker, die können ja überhaupt -nicht sehen, und doch wissen sie ganz genau, wo das -spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried recht.«</p> - -<p>»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt -neben Puntz kniet, »ich mache doch auch die Augen zu und -fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«</p> - -<p>Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den -Händen dem Puntz tastend über Kopf und Gesicht. Der -hält auch merkwürdigerweise so still! Aber eben als Hagen -die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu und beißt ihm -in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken: -»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. -Aber, Herr Doktor,« – der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig -sein – »warum sollen denn die Regenwürmer mit -die nützlichsten Tiere sein?«</p> - -<p>»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten -nach oben an die Erdoberfläche schaffen und so ständig für -die Menschen den Boden verbessern. Kein Mensch kann -sagen, wie oft die Regenwürmer unsern Acker- und Gartenboden -im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein gedüngt, -wieder von sich gegeben haben!«</p> - -<p>Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt.<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span> -Das klingt wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs -veritabel auslachen.</p> - -<p>Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«</p> - -<p>Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, -das verstehe ich nicht. Fressen denn die Regenwürmer -Erde?«</p> - -<p>»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst -ihre Gänge graben können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, -da drängen sie wohl mit ihrer Kopfspitze die Erdschollen -und Krümelstückchen auseinander; aber unten müssen -sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen sie -hervor und verrichten hier oben« – dabei beugt sich Doktor -Fuchs zu Puntz hin und sagt nur halblaut – »ihr Geschäftchen. -Wer hat denn schon mal so was gesehen? Solche -kleine, ringelförmig geordnete Kotballen, meine ich.«</p> - -<p>Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt -hatten. »Ich! ich! Herr Doktor!«</p> - -<p>»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser -ganzer Ackerboden der Dünger der Regenwürmer. Der -geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer wieder durch -den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«</p> - -<p>Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube -ich nicht, Herr Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die -sagen’s bloß nicht!«</p> - -<p>Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie -sich dazu stellen sollen.</p> - -<p>»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger -zusammen! Dann müssen wir nämlich erst ein kleines -Rechenexempel anstellen. – Also! Genaue Untersuchungen -haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter einer<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span> -Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf -1 Quadratkilometer?«</p> - -<p>»1000 × 1000 × 10.«</p> - -<p>»Das sind also doch 10 000 000 Regenwürmer auf -1 Quadratkilometer. Wieviel Milliarden haben wir also -da auf unserer Erde? – Dann hat sich Darwin –. Übrigens, -wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«</p> - -<p>»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein -englischer Gelehrter im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, -daß alles, was heute besteht, Tiere und Pflanzen, -nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst so geworden -ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich -noch immer weiter.«</p> - -<p>Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los -werden: »Herr Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. -Der hat doch auch gesagt, daß der Mensch von -den Affen abstammt.«</p> - -<p>Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter -Zweifler. »Von den Affen?« nimmt er auf. »Na -du vielleicht, Achim! Ich nicht!«</p> - -<p>»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem -Orang-Utan noch viel näher als ich!«</p> - -<p>Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift -<em class="antiqua">sans façon</em> nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich -hinter Doktor Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt -diesem Zwiegespräch zugehört; jetzt aber faßt er mit -festem Griff die Hand des Dicken. »Nicht, Dicker! Immer -Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter die -Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig -den Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> -Weise stellte er fest, wieviel Erde von den Würmern an die -Oberfläche heraufgeschafft wird. Da fand er, daß alljährlich -auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder auf einen -Quadratkilometer 2 500 000 Kilogramm oder 5 000 000 Pfund -oder 50 000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die -betreffenden Flächen ausstreuen, so würde das eine Erdschicht -von 3 <em class="antiqua">mm</em> geben. Na, Dicker, bist du nun bekehrt?«</p> - -<p>»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es -immer noch nicht.«</p> - -<p>»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein -Feld – damals war er noch jung – Kreidestückchen streuen -lassen. Das Feld aber ließ er dann unberührt und brach -liegen und untersuchte die Sache nach einem Menschenalter -wieder – ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da -fand er die Kreideschicht 16 oder 17 <em class="antiqua">cm</em> unter der Oberfläche. -Macht aufs Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ <em class="antiqua">cm</em>, -auf 100 Jahre ½ <em class="antiqua">m</em>, auf 200 Jahre 1 <em class="antiqua">m</em>. <em class="antiqua">Item</em>, wie oft -mag wohl unser Erdboden schon durch den Magen der -Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen -sein, die auf unsrer Erde leben!«</p> - -<p>Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor -Fuchs’ Munde; keiner spricht ein Wort, als erwarte eben -jeder noch mehr.</p> - -<p>Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der -knurrt etwas vor sich hin, als wäre er mit der Sache nicht -so ganz zufrieden und einverstanden. Der Ordinarius kennt -ihn schon darin; aber er weiß, wenn er jetzt den Langen -fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt nichts. -So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> -Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden -wollen, da ist der Giesel fertig.</p> - -<p>»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen -kann Zufall sein. Ja!«</p> - -<p>»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.</p> - -<p>»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet -zum Beispiel, dann sinken doch die Steine ganz alleine in -die Erde ein und immer tiefer! Mit der Kreide kann’s -doch auch so gewesen sein!«</p> - -<p>Das macht die Jungen stutzig.</p> - -<p>»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die -nicht ein!«</p> - -<p>Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er -reflektiert schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer -doch schließlich auch aufgefressen haben. Und dann müßte -diese Kreide doch gerade wieder oben liegen!«</p> - -<p>Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.</p> - -<p>»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. -So können wir also keinen Zweifler überzeugen. Aber man -hat auch noch einen direkten Beweis dafür erbracht, daß -die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn man hat -ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr -es mit Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der -Ertrag des Feldes genau noch einmal so reichlich.«</p> - -<p>Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden -der beste Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt -schüchtern, genau wie in der Klasse: »Herr Doktor, nicht -wahr? Wenn man einen Regenwurm durchschneidet, so -wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«</p> - -<p>»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -und hat einmal zwei Kopfstücke und zwei Schwanzstücke -für sich allein auch zusammengenäht. Dann wuchsen die -einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber zusammen. -Indes, trotzdem war das zusammengenähte -Doppelpaar doch nicht lebensfähig.«</p> - -<p>»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz -verrückte Idee!«</p> - -<p>»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles -untersucht werden! Na, Jungs, wollen wir weiter?«</p> - -<p>»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« -fragt der dicke Puntz.</p> - -<p>»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es -jetzt zu spät! Also <em class="antiqua">en avant, messieurs</em>!« –</p> - -<p>Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch -schnell noch einer etwas ein oder schnürte an seinem -Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet sich inzwischen an den -großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch alle?«</p> - -<p>Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, -Herr Doktor!«</p> - -<p>»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. -Hahaha! Wie sehen denn die aus?«</p> - -<p>»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«</p> - -<p>»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich -freilich nicht!«</p> - -<p>»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«</p> - -<p>»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«</p> - -<p>Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf -es sagen: »Ja, auf den Blättern stehen solche steifen -Haare; aber das sind eigentlich Röhrchen, die mit einer -flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun die Pflanze<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span> -anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf -sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen -fließt dann das Gift in die Wunde und zieht Blasen.«</p> - -<p>»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da -stehen welche unter der Eiche! Die wollen wir uns einmal -ansehen!«</p> - -<p>Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert -sogar und bricht die kleinen Haarstangen ab, indem man -mit einem Grashalm oder sonst etwas über die Blätter streift.</p> - -<p>Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum -haben aber die Nesseln diese Härchen?«</p> - -<p>Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen -nämlich alle. »Zum Schutze!«</p> - -<p>»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht -ihr das; aber könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die -Schutzvorrichtungen hat? – Na, seht ihr? Und der Hagen -könnte sie mit der Hand greifen, so nahe steht sie ihm!«</p> - -<p>»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«</p> - -<p>»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« -– Doktor Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. -– »Nun, seht mal her, Jungs!« Als aber alle -Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige Drängelei entstehen -will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann -helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«</p> - -<p>Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, -seht mal die Gelenke des Stieles an! Unter diesen Gelenken -ist die Pflanze so klebrig, daß sie sich da gleichsam einen -leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt, wie auf -Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen -roten Blüte zu Leibe gehen will.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p> - -<p>»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt -vielleicht, er wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das -nicht recht komisch? Die Pflanze kann sich doch nicht selber -solchen Ring umlegen!«</p> - -<p>Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er -gibt schnell zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu -ihrer Erklärung müsse man auf viel frühere Perioden -zurückgehen. Immer nur diejenigen der Pflanzen hätten -sich erhalten, die zufällig die besten Schutzvorrichtungen -gehabt hätten, und die hätten sich auch fortgepflanzt, bis -nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr, wie -man das nennt, Jungs?«</p> - -<p>»Zuchtwahl!« – Einige hatten das Wort bereits auf -der Zunge.</p> - -<p>Da kommt aber auch schon ein anderer Junge -dazwischengefahren. »Ja, Herr Doktor, warum stehen -denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«</p> - -<p>Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die -Brennessel noch einmal? Ja, Jungs, warum stehen die -immer unten den Eichen? Manchmal auch in Gräben und -hinter Hecken?«</p> - -<p>Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, -warum stehen die hier immer unter den Eichen?</p> - -<p>Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz -vernünftigen Erklärung: »Die werden wohl Schatten und -Feuchtigkeit brauchen.«</p> - -<p>»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter -den Eichen? Das sieht ja gerade so aus, als ob die -Brennesseln allein von allen Waldpflanzen Feuchtigkeit -haben wollten!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p> - -<p>Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig -bleiben; Doktor Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber -er meint: »Jungs, das könnt und das sollt ihr allein -finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal solche -Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« –</p> - -<p>Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge -angelangt; da oben aber ist weit und breit keine -Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so weit die Jungen -auch um sich gucken.</p> - -<p>»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie -doch! Da! So schräg durch!«</p> - -<p>»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«</p> - -<p>»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«</p> - -<p>»Na, denn los! Sanfter Galopp!«</p> - -<p>Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang -hinunter. Atemlos kommt man im Grunde des Tales an. -Richtig! Da steht eine prachtvolle, starke Eiche, die schon -manchen Sturm über sich hat dahinbrausen lassen. In -ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten -Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen -unter all dem Lumpengesindel der Nesseln.</p> - -<p>»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er -sich etwas verschnauft hat. – Ihm wird das Laufen offenbar -schwerer als den Jungen. – »Na, wer kann mir nun -sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«</p> - -<p>Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln -brauchen Schatten. Aber im Schatten wachsen sie dann -zu schnell hoch und nehmen den andern Pflanzen, die -nicht so schnell wachsen und groß werden können, die -Nahrung und das Licht weg!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span></p> - -<p>»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«</p> - -<p>Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach -dieser halben Minute Pause da unten an, wieder den Berg -hochzuklettern. Als indessen Doktor Fuchs und der dicke -Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da schallt von -oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes -Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben -doch diese schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die -sind doch oft so schlank und dünn wie Weidengerten!</p> - -<p>»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder -mit der letzte. Es wird dir mal schlecht beim Militär -gehen!«</p> - -<p>»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die -würden sich alle wundern, wenn ich der erste wäre! So -ist’s ganz gut! Die ersten haben’s manchmal nicht zu best.« –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-10">Die dicke Hauskapelle und die Ameisen.</h3> -</div> - -<p>Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht -soeben ein mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um -Dittmer herum und scheint auf ihn loszugehen; jetzt schlagen -sie sogar auf ihn ein, und dazwischen schallt es drohend: -»Feste! Immer feste! Totschlagen!«</p> - -<p>Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. -Schon von weitem schreit er: »Was ist denn los? Was -ist denn los?«</p> - -<p>Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -Doktor! Der Dittmer hat sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!«</p> - -<p>Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen -Augenblick still und schnappt nach Luft. »Na, <em class="gesperrt">der</em> Schaden -läßt sich ja kurieren!«</p> - -<p>Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie -wild gebärdet. »So, Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, -»nun zieh erst mal die Jacke aus! – Und nun die Weste!«</p> - -<p>»Au! Das juckt, Herr Doktor!«</p> - -<p>»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles -aus. Wir wollen dir die Biester schon absuchen!«</p> - -<p>»Aber, Herr Doktor!«</p> - -<p>»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag -umher! Das Hemde kannst du ja anbehalten. Ganz als -Naturgriechen wollen wir dich ja nicht gleich sehen!« –</p> - -<p>Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge–ameist, -und gute und schlechte Witze muß er dabei noch über sich -ergehen lassen.</p> - -<p>»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, -»es gibt also auch springende Ameisen!«</p> - -<p>»So viel ich weiß, nicht!«</p> - -<p>»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben -sprang so ein kleines, schwarzes Tierchen hier herunter.«</p> - -<p>»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. -»Springende Ameisen heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird -wohl nebenbei auch solche Tiere haben!«</p> - -<p>Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß.</p> - -<p>»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst -du ein paar! Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!«</p> - -<p>»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -Puntz dem Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in -seinem Hemde einen kolossalen Luftsprung macht. Zum -Trost und zum Spott aber beruhigt ihn der Dicke: »Du, -die ist wirklich tot!«</p> - -<p>Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder -in seinen Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen -Tag, als ob es hier und da juckt, und er vermißt sich -jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise tottreten, die er -fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern.</p> - -<p>»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese -Beteuerungen. »Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß -uns erst mal über den Buckel hinaufsein; auf dem schönen, -breiten, ebenen Weg können wir dann alle mehr zusammengehen. -Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.«</p> - -<p>So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem -großen Zaun entlang. Über den froh dahinziehenden -Jungen rauschen die Wipfel der hochstämmigen Kiefern; -leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen schwimmen -im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn -und zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine -Mundharmonika hervorzieht, und dünn, aber doch auch -scharf genug fällt es ins Ohr, das immer schöne, immer frische</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Muß i denn, muß i denn</div> - <div class="verse indent0">zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige -fangen an zu singen, und oben ist man auch schon auf den -Havelbergen. Lang dehnt sich ein schöner, breiter Weg -zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor dem -sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs:<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -»Da ganz hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts -ab und kommen wieder zur Havel hinunter. Nun flott -vorwärts! Die Hauskapelle voran!«</p> - -<p>»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! -Du scheinst ja auch ein ganzes Repertoire zu haben!«</p> - -<p>»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!«</p> - -<p>»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!«</p> - -<p>Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,</div> - <div class="verse indent0">da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende -ist, und das ist sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. -»Du mußt mal etwas spielen, was alle können!«</p> - -<p>Sofort ertönt weiter:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich,</div> - <div class="verse indent0">Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich,</div> - <div class="verse indent0">Anne Marie, o gib mir einen Kuß!</div> - <div class="verse indent0">Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, -ab und zu wohl auch mit einem Gassenhauer, der -oft gerade mit der schönsten Melodie in unser Ohr hineinhüpft, -bis allen den lustigen Brüdern von wanderfreudigen -Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der -Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner -Künstler! Du mußt einmal Musik studieren!«</p> - -<p>»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika -ab, »Musik studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in -unserer Fabrik! Damit dürfte ich meinem Vater gerade -kommen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p> - -<p>Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der -Dicke aber behauptet, er hätte keine Puste mehr im Leibe; -jetzt wäre auch der Herr Doktor Fuchs wieder an der Reihe; -der hätte noch was von den Ameisen erzählen wollen.</p> - -<p>»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß -ich erst den Dittmer fragen, ob er weiß, woher bei der -Ameisengeschichte der brennende Schmerz gekommen ist, den -er empfunden hat.«</p> - -<p>»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich -gezwickt.«</p> - -<p>»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch -eine Säure, die nach ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich -wie bei der Brennessel. Diese Säure ist schon stark genug, -daß sie auch sowieso auf der Haut einen brennenden Schmerz -verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der Wut oder -in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.«</p> - -<p>»Aber, Herr Doktor!« – Nun hagelt’s geradezu -Fragen. – »Ist denn die Ameise wirklich das klügste Tier?«</p> - -<p>»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber -sicher ist es, daß die Ameisen unter allen Insekten die -größten geistigen Fähigkeiten zeigen.«</p> - -<p>Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; -jeder will auch etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor -Fuchs wieder stehen, und er setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. -»Jungs,« sagt er, »jetzt müssen wir auf diesem graden Wege -noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und links ist da wenig -zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau über -die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde -einmal die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule -verteilen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span></p> - -<p>»Ich!« – »Ich!« – »Ich!« – »Herr Doktor!« – »Herr -Doktor!«</p> - -<p>»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung -der Ameisen?«</p> - -<p>»Die Staatenbildung? Das ist schwer!«</p> - -<p>Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried.</p> - -<p>»Gut! Der Primus muß immer voran! – Wer redet -aber dann über die Ameisenarbeiter im besonderen? – – -Zum ersten! Zum zweiten! Zum –. Also Manning! – -Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich -aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! – Na?«</p> - -<p>Rohloff hält die Hand hoch.</p> - -<p>»Wer über die Nahrung der Ameisen? – Körer? Gut! -Na, das ist aber dann auch genug. Na, nun los, Ernst -Ehrenfried!«</p> - -<p>Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was -am liebsten zu hören. Alle drängen sich heran und lauschen -andächtig.</p> - -<p>»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. -»Etwas langsam sprechen und laut genug! Na, nun schieß -mal los!« –</p> - -<p>»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt -in die Erde oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein -etwa ein Dutzend Eier, die sich zu Larven entwickeln, bei der -mangelhaften Nahrung aber, die ihnen die Mutter nur verschaffen -kann, zu Arbeitern werden, das heißt: zu geschlechtslosen -Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der -nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in -ihrem ganzen Leben nichts weiter als Eier legen. Aus -diesen Eiern schlüpfen schon nach einigen Tagen kleine, weiße<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> -Larven aus, die von den alten Arbeitern fleißig gefüttert -werden. Nach – ich weiß nun nicht mehr genau, Herr -Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen –«</p> - -<p>»Nach vierzehn Tagen etwa.«</p> - -<p>»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; -das sind dann die sogenannten Ameiseneier. Nach abermals -vierzehn Tagen aber zerbeißen die Arbeiter die Puppen, -und die junge Brut kriecht heraus; sie muß aber noch von -den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen -sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen -erst aus den Eiern, die im Spätsommer gelegt -werden. Die Männchen und Weibchen haben überhaupt -weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art zu -sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter -den Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose -Tiere; aber sie haben einen viel größern Kopf als die -gewöhnlichen Arbeiter und einen furchtbar starken Oberkiefer. -Das sind die Soldaten, die auf Ordnung sehen und -bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen -machen den Ameisenstaat aus.«</p> - -<p>»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor -Fuchs. »Das verdient eine Nummer 1. Hat einer von -der geehrten Festversammlung was dagegen?«</p> - -<p>»Nein! Nein! Nummer 1!«</p> - -<p>»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«</p> - -<p>»Ich,« sagt Manning.</p> - -<p>»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja!« – Der Junge räuspert sich noch einmal. – -»Also, der Ehrenfried hat schon gesagt, daß die Arbeiter -eben nur arbeiten. Sie haben den Arbeitstrieb, den wir<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span> -Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn nicht -haben.« – Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der -Schalk im Nacken. – »Also, die Arbeitsameisen haben den -Arbeitstrieb, und so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr -bis abends um 10 Uhr. Und zwar besteht ihre Arbeit -darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven zu -füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das -Nest zu bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal -legen sie auch Straßen an, die von dem Neste aus strahlenförmig -weggehen, und die immer nur der Ameisenkolonie -gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend eine andere -Ameise oder sonst ein Tierchen – auch der Mensch gehört -zu diesen Tierchen – auf diesen Wegen betreffen läßt, so -wird es unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen -freilich nicht; der Mensch auch nicht. Dann müssen die -Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln und verschließen -und am Morgen wieder aufschließen. Das ist -doch alles!«</p> - -<p>»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs -schnell bei der Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm -geben, Jungs?«</p> - -<p>»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.</p> - -<p>»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried -hat doch gesagt, daß solche Ameisenmutter ihr Nest unter -der Erde oder in einem Baumstamm oder unter einem -Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses Nest -oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«</p> - -<p>Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: -»Ja, die Kolonie wird doch immer größer, und was man -so vom Ameisennest sieht, das sind immer so Nadeln und<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die sind so draufgeschleppt -zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«</p> - -<p>»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. – Na, -wer ist jetzt dran?«</p> - -<p>»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat -ja nun schon alles über die Wohnung der Ameisen erzählt.«</p> - -<p>»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! -Na warte nur, für dich findet sich schon wieder etwas -anderes! Aber, Körer ist uns noch was schuldig. Nicht -wahr? Was war es denn?«</p> - -<p>»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, -was ihnen vor den Schnabel kommt. Sie fressen eben -alle andern Insekten. Besonders gerne fressen sie auch die -Larven von andern Insekten. Außerdem noch Raupen, -Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch -von den Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten -einen Gänsekopf in einen Ameisenhaufen gepackt; den -hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl gefressen. Schließlich -sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen. Ach, das -war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber -geweint. Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, -sie kamen doch hinein.«</p> - -<p>Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte -in Friedenau in einer Parterrewohnung. Da waren die -Ameisen so arg, daß meine Tante ausziehen mußte.«</p> - -<p>»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit -Tran und Teer beschmieren müssen. So haben wir sie -weggekriegt.«</p> - -<p>»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich -vom Leibe halten. Auch den Geruch von Petersilie mögen<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -sie nicht. Aber etwas hat Körer doch noch vergessen, oder -er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie fressen nicht alles, -was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie hegen und -pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist -eine kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon -einmal einen Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter -sind doch manchmal auf der Oberseite so klebrig. -Dieses Klebrige nun, das mögen die Ameisen gern; das -schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«</p> - -<p>»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim -Köckeritz neben Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben -einen Holunderbaum im Garten. Ich habe erst gestern -abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt wirklich wie -Honig!«</p> - -<p>»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was -das ist?«</p> - -<p>»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«</p> - -<p>»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in -Wirklichkeit ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse -haben nämlich solch Blatt einfach als ihren Appartement -betrachtet, und, was der Achim Köckeritz da abgeleckt hat, -das war einfach die Ausleerung der Schild- oder Blattläuse.«</p> - -<p>Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas -herum; aber er meistert sich noch einmal und sagt bloß -entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«</p> - -<p>Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.</p> - -<p>»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor -Fuchs. »Ganz und gar ungefährlich! Na also, zu unserer -Sache zurück! Um diese Blattlausausleerung immer zu<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -haben, postieren sich einige von den Ameisen neben die Tierchen -und schützen sie vor ihren Feinden. Damit aber der schöne, -süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen -wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche -Ställe. Sie leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst -etwas über ihnen fest, und nun kann’s regnen, so viel es -will, die Blattläuse sitzen eben dann im Trocknen. Man -hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen -genannt, weil sie diese – man möchte geradezu sagen – -melken.«</p> - -<p>Da lachen die Jungen laut auf.</p> - -<p>»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und -streicheln nämlich so lange mit ihren Fühlern an den Tierchen -herum, bis die Blattläuse ihren Enddarm entleeren!«</p> - -<p>Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine -Schlauheit! – Die Ameisen denken dann doch genau so -wie die Menschen.«</p> - -<p>»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in -seinem Garten um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. -Auf dem Baume saßen aber bei den Blattläusen -noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm hinuntergeklettert -kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden -sie den Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. -Was machten sie da nun? Was meint ihr, Jungs?«</p> - -<p>»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine -Brücke, daß die andern drüberkonnten!«</p> - -<p>»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim -Angriff!«</p> - -<p>»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den -Teerring geschleppt!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span></p> - -<p>»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ -waren eben die armen Blattläuse. Die Ameisen kriegten -sie zu packen und klebten sie auf den Teerring, bis sie selber -da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht, schlau sind -die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann -man sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen -nützen.« – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-11">»Dieser Stein vom Seinestrande.«</h3> -</div> - -<p>Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn -hier fallen die Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, -lange bevor noch ein Germane mit Albrecht dem Bären -wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er von -jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland -geschaffen und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da -schneidet die Chaussee gerade den letzten Zipfel der hier -niedriger auslaufenden Havelberge durch und wendet sich -dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so -später rechtwinklig auf die alte Berlin–Potsdamer Landstraße -zu stoßen.</p> - -<p>Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem -aufgeschütteten Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden -Steinen eingefaßt ist. Zwischen diesen Steinen -muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.</p> - -<p>»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.</p> - -<p>»Frage do’ nich so dumm!« – Fritze Köhn ist eben<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -ein zappeliger und schnell denkender Berliner. – »Damit -keener runtersaust, wenn er ’n Schwips hat.«<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Bezecht ist.</p> -</div> -</div> - -<p>»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun -im Winter Schnee liegt? Dann sieht man doch die weißen -Steine nicht!«</p> - -<p>Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter -Schnee liegt?«</p> - -<p>»Schafsneese!«<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> wirft Fritze Köhn wieder mit größter -Gemütsruhe ein. »Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.</p> -</div> -</div> - -<p>Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß -nicht! Ich würde sie weiß lassen. Wenn wirklich jemand -da hinunterschlittert, dann fällt er bei so viel Schnee doch -weich genug.«</p> - -<p>»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, -wenn man eine Fettschicht auf den Rippen hat.«</p> - -<p>»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, -»das ist ja bei dir der bloße Neid! Wenn du man –«</p> - -<p>»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die -Glocke eines Fahrrades von hinten, und sofort brüllt -einer: »Hurra!« Denn die beiden Männer, die mit ihrem -Fahrrad herankommen, sind Offiziere. Jetzt bricht es geradezu -betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr erregen und -begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte sich -in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit -zu geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar -durchgeflitzt. Als indessen das Hurra kein Ende nehmen<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -will, da springt der letzte der beiden so stürmisch Gefeierten -vom Fahrrade herunter. Er legt die Hand leicht an die -Mütze. <em class="gesperrt">Der</em> Jubel nun erst! Das hätte sicher zwischen -dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier -gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest -gegeben, und die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen -müssen, wenn nicht gerade hier und in diesem -Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der Chaussee -weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die -alte Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen -Kiefernhang zu, den die Grunewaldwanderer das »Große -Fenster« nennen.</p> - -<p>Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen -Jahrhunderten die Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht -da, von der Winterkälte in Eis geschlagen, von der Sommerhitze -gedörrt, vom Sturme gepeitscht und gekappt, vom -Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend und gedeihend -und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, -weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem -Riesenstamme stehen die Jungen staunend und bewundernd -still; sie wandern herum und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. -Endlich treten sie auch näher hinzu. Vier Mann -fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; aber der -erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, so -daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die -beiden freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der -ist wert, daß man hinauswandert und bei seinem Anblicke -begreifen lernt, daß der magere Boden der sandigen Mark -viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als man -glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p> - -<p>Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in -schweigender Betrachtung zu verweilen, besonders wenn -hundert Schritte davon durch das spärliche, lispelnde Schilf -das Wasser leise plätschernd an den flachen Strand heranzieht, -und wenn dort drüben die Höhen des »Großen -Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der -Brust der Jungen Gedanken erwecken an Klettern und -Stürmen. So zieht denn jetzt die fröhliche Jungenschar -hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, her. Je -weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die -Linie seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und -die allerkommunsten, aber für den unbefangenen Jungen -doch seltsamsten Schneckengehäuse in reichlichster Fülle und -verführerisch umhergestreut. Und die trockenen Rohrstengel -müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie -Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg -und werden wieder fortgeworfen. Der und jener versucht -auch einmal, wie weit man durch den schwammigen, wassergetränkten -Ufersaum an die Havel selbst hinankommen kann. -Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich -elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen -Schritten und mit hängenden Ohren den festen Sandboden -wiederzugewinnen. Unterwegs macht er vielleicht noch -einen Extrasprung; denn er wollte gerade in einen Kuhfladen -treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.</p> - -<p>Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das -alles laut und mit tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; -schließlich kommt er sogar zu der Behauptung: »Dunnerschock -ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein walzen kannst!«</p> - -<p>Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> -Klaps kriegen soll, da wendet er sich blitzschnell und – -rennt mit der Nase gegen einen aufgehobenen Arm.</p> - -<p>»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder -kurz uff!« muß er schon wieder schimpfen. »Wat machst de -denn mit de Vorderflosse hoch?«</p> - -<p>»Na, ich will die Enten zählen!« – Ein ganzes Heer -von Kriekenten tummelt sich draußen auf dem Wasser.</p> - -<p>»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! -Det kann keener! Zähle die Kühe da! Bis zehn -kommst de noch! Det macht Effekt un kost nischt!«</p> - -<p>Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So -ziehen also auch schon im nächsten Augenblick wieder die -Jungen friedlich ihrem Ordinarius nach, der gleich am Eingang -des Cladower Sandwerders etwas nach rechts abbiegt. -Hundert Schritte weiter nämlich ist – ein Stück -von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im -Jahre 1871 bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses -Säulenpaar gerettet und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, -aber wundersam schönen Ecke des kieferndurchdufteten -Havellandes wieder erstehen lassen. Märkischer -Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und -hat sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -– ein echter Brandenburger! – damit ausdrücken, daß er -zähe festhalte, was er einmal in Besitz genommen. Auf -der Wasserseite jedoch läßt er eine in das Mauerwerk eingelassene -Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dieser Stein vom Seinestrande,</div> - <div class="verse indent0">hergepflanzt in deutsche Lande,</div> - <div class="verse indent0">ruft, o Wanderer, dir zu:</div> - <div class="verse indent0">Glück, wie wandelbar bist du!«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p> -<p>Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt -nun doch noch: »Ist das alles?«</p> - -<p>»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst -wohl noch eine Tasse Schokolade zu haben?«</p> - -<p>Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. -»Die nimmt der!« erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn -so sachteken schläuer davon!«</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-12">Blattlaushumor.</h3> -</div> - -<p>Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm -zwischen Werder und Festland geht’s jetzt zurück und dann -rechts ab auf ödem Sandwege zwischen Brombeergebüsch -dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen die kurzen -Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie -keine Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch -den Brandenburger Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie -einsinken bis an die Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser -hin, bis auf einmal scharf links die Pumpstation emportaucht -und das bunte Gewimmel der Tische und Stühle in -den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt -der dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«</p> - -<p>»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken -wollen! Das aber macht beim Marsche nur müde und matt. -Hat einer noch etwas für den Dicken zum Trinken?«</p> - -<p>Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter -Kaffee, Tee.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span></p> - -<p>»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm -Wasser mit ’nem Schuß was drin.«</p> - -<p>»Aber,« – Doktor Fuchs sieht nach der Uhr – »wenn -ihr wollt, Jungs, dann können wir hier noch fünf bis -zehn Minuten lagern. So viel Zeit können wir dransetzen.«</p> - -<p>»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß -faul!«</p> - -<p>»Wir wollen abstimmen!«</p> - -<p>Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: -er hat sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. -Und als die andern nur die Miene machen, auch -einen Augenblick zu rasten, da legt er sich einfach ganz lang -hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, so daß -er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden -liegt. Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom -Paradetage, hat er in die aufgestützten Hände gelegt und -blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäuglein zufrieden auf -den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich eine kleine Schar, -bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um ihn -herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich -an.</p> - -<p>»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: -»Wie ist denn das, Gebhardt, kannst du uns hier nicht -photographieren?«</p> - -<p>Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. -»Jetzt ist zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«</p> - -<p>»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« – Doktor Fuchs schaut -umher. – »Da unter dem Baum liegen wir im Schatten!«</p> - -<p>So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige -dreißig Schritte weiter; da lagern sie sich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p> - -<p>»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«</p> - -<p>»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar -nicht her! Oder nur zum Baden!«</p> - -<p>»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden -noch manches Schöne heute sehen! Was denn? Das -glaubst du wohl nicht, Rogall?«</p> - -<p>»Doch!«</p> - -<p>»Na, warum lachst du denn?«</p> - -<p>Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt -dann: »Der Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«</p> - -<p>»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal -los, Sausig!«</p> - -<p>Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe -den Rogall bloß gefragt, ob er den größten Automaten -kennt!«</p> - -<p>»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«</p> - -<p>»Nein, nein! Kennen wir nicht!«</p> - -<p>»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man -oben eine Scheibe einwirft, kommt unten ein Schutzmann -raus!«</p> - -<p>Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während -aber alle noch lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: -»Herr Doktor, ich weiß auch was!«</p> - -<p>»Na, dann gib’s zum besten!«</p> - -<p>»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner -Junge mit der Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. -Und der Junge heult! Da kommt eine Frau und fragt -ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ – ›Ja,‹ sagt er da, -›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -will, soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt -gar keiner!‹«</p> - -<p>Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die -sich der Berliner ja immer plastisch vorstellt, ist an sich -spaßig genug. Und das Lachen sitzt heute so locker!</p> - -<p>Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so -daß alle erschrocken aufspringen: der kleine Heerhaufen -nebenan ist mit lautem Aufschrei auseinandergeflogen. Die -einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft haben, kriechen -blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst richten sie -sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen! -Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin -und wälzen sich auch vor Lachen und können da gar kein -Ende finden. In der Mitte dieses soeben noch so idyllischen -Schäferbildes aber, das jetzt freilich einer Szene aus dem -Tollhause gleicht, da liegt ruhig der dicke Puntz und blinzelt -aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz erschrocken um -sich. In seiner Verlegenheit – denn er ist in großer Verlegenheit! -Man sieht es ihm an! – in seiner Verlegenheit -glotzt er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees -hinaus, wo doch gar nichts zu sehen ist. Und trotzdem er – -nun schon eine geschlagene Minute lang – noch kein Wort -gesprochen, ist er dennoch der Urheber des ganzen Aufstandes.</p> - -<p>Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: -»Was ist denn los?« – »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« – -»Warum lacht ihr denn? Mensch antworte doch!« – »Lache -doch nicht so!« – »Warum lachst du denn?«</p> - -<p>So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort -jedoch ist aus keinem herauszubekommen, bis sich schließlich -Doktor Fuchs an den Dicken wendet. Der tut ja zwar auch<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -ganz sonderbar, aber immerhin scheint er noch der einzig ruhige -und vernünftige Mensch in der ganzen Gesellschaft zu sein.</p> - -<p>»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was -habt ihr denn da alle miteinander?«</p> - -<p>Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, -und dabei sagt er bedächtig und mit beinahe weinerlichem -Gesicht: »Ja, ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor! -Aber die fingen auf einmal alle an, an mir herumzustreicheln -und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle und -sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. -Und da – habe ich – da bin ich –«</p> - -<p>Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. -Er kann gar nicht mehr weitersprechen und stottert jetzt nur -noch einmal ums andere: »Ich – ich – ich –«</p> - -<p>»Ja« – jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -– »Herr Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« -Aber er muß doch wieder lachen und prustet plötzlich heraus: -»Dem ist nur ein bißchen das Fell geplatzt!«</p> - -<p>Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der -findet jetzt das richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat -die Blattlaus beinahe zu natürlich gespielt! Aber er war -nicht dran schuld! Wir haben ihn zu sehr gekitzelt!«</p> - -<p>Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste -Lachen noch einmal los.</p> - -<p>Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und -spaßigen Seite auf. »Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s -ihnen man ordentlich! Das ist durchaus menschlich! Komm! -Da laß dir also keine grauen Haare drum wachsen!«</p> - -<p>Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. -Jetzt lachte er sogar selber wieder mit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Ein</em> Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken -noch außerdem gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; -das herzhafte Lachen, das allen das Zwerchfell wirklich -einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt und ausgeschüttert -hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie ein -Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-13">Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.</h3> -</div> - -<p>So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter -weiter, an Belitzhof vorbei und nun ein Stückchen die -Chaussee hin, vorüber an dem niedrig angelegten Mauerwerk -der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von -Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.</p> - -<p>Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs -hinan. »Herr Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund -meines Vaters bei uns. Da sind wir mit ihm hier -nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem Schwedischen -Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da -sprang der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie -er wie besessen: ›Ah, Sie saggen, daß Berlin ist nicht -Festung! <em class="antiqua">Voilà des fortifications! Un fort! Un fort!</em>‹ -Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur -die Wasserwerke sind.«</p> - -<p>»Ja« – Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, -und auch die Jungen schauen jetzt neugierig auf den -niedrigen, roten Ziegelbau hinüber, der mit Erde bedeckt<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -ist, so daß er in der Tat von der Bahn aus kaum zu sehen -sein wird – »ja, das Ding sieht allerdings Kasematten -nicht ganz unähnlich.«</p> - -<p>Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend -wirklicher, frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise -glauben könnten. Während man also über das Sandfeld -halb rechts wegschreitet und an den ersten Villen von -Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen Erzählungen -von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine -Schar herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks -von Tertianern für die Schönheit dieser Villen und Gärten -aus Tausend und eine Nacht. Nein, im Handumdrehen -gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und -folgt Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke -schwenkt und seine Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.</p> - -<p>Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen -Nische von üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen -Kanzlers, und über die vorn abschließende Hecke weg -schweift der Blick auf des Wannsees lichthelle Fläche hinunter, -die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen hochragender -Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln -weiße Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht -eine silberne Furche von dem Landungssteg unten hinüber -nach dem Paradies des Schwedischen Pavillons. Majestätisch -strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot wie ein -mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel -zu, die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei -Cladow begrenzt wird. Von Süden her aber schimmert -die weiße Fläche des »Kleinen Wannsees« herüber, und<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses lieblichste -aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames -Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit -des sonst so verrufenen Brandenburger Landes. –</p> - -<p>»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« – Dem -Dicken wird es so eigen im Magen, als man das schöngelegene -Restaurant am Knie der Chaussee links liegen -läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen -schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber -man hat schon so viel des Schönen gehabt, daß man -vieles jetzt achtlos vor den Augen vorübergleiten läßt.</p> - -<p>Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der -geräumigen Schanze, macht man wieder Halt. Da stehen -unsre Jungen und lassen sich erzählen, wie die Dänen -das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder Kadettenhauses -steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig -aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder -deutsch wurde und der dänische Leu dem preußischen Adler -nach der Mark folgen mußte. Während das starre Eisenauge -früher nach Süden – nach Deutschland herüber – -schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter -hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. –</p> - -<p>Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief -unten herum und an den Grotten des Aussichtsturmes -hoch oben vorbei. Dann geht es flott weiter hinaus, -hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch -mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen -Waldweg weg zur großen und wunderbar gepflegten -Chaussee. Die steigt allmählich erst sanft an, -führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite -schiebt sich drüben endlich die von der Geschichte verklärte -Pfaueninsel heran.</p> - -<p>Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. -Aber erst will man im Restaurant diesseits des Wassers, -beim Vater Ehrecke, zu Mittag essen. Dieses Mittagessen -ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch zehn Minuten -fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem -langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den -Magen in die beste Stimmung zu versetzen.</p> - -<p>Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten -Garten aus. Das ist ja für einen Jungen immer schon -eine wichtige Sache. Man legt dabei das Ränzel ab; -man kramt darin herum und – läßt auf einmal alles -stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, -die Hühner nämlich.</p> - -<p>»Put! Put! Put!«</p> - -<p>Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, -während die ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in -die Luft heben und langhalsig erst einmal zusehen, ob denn -die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas ergattern -können. Aber die Jungen wollen gerade <em class="gesperrt">alle</em> Hühner -haben; denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz -Sonderbares entdeckt: alle nämlich tragen Ringe wie die -Menschen; freilich nicht an einem Finger, sondern am -Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja -das ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn -meint, die mit dem Ring am linken Bein, die wären -verlobt und die andern verheiratet. Da nun sein Urteil -immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor -Fuchs blitzt dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber -er sagt nichts.</p> - -<p>Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. -»Ja, der Hahn da,« meint er bedächtig, »der ist auch noch -verlobt! – Aber das ist doch ein windiger Bruder!«</p> - -<p>»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine -drauf?«</p> - -<p>Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben -schon verschiedne Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr -einfach. Jeden ersten im Monat lege ich einige Ringe da -neben den Futternapf, und alle die Hühner, die sich verloben -wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring durch.«</p> - -<p>Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen -nicht recht, sollen sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz -aber forscht jetzt weiter: »Na, wenn sie sich aber nun -verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den Ring auf die -rechte Pfote?«</p> - -<p>»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte -Bein gegen das linke aus!«</p> - -<p>Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« -ruft er, »Sie lügen uns aber heute ganz fürchterlich die -Hucke voll!«</p> - -<p>»Na« – jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe – »nein, -Jungens, nun seht mal her!« – Dabei holt er verschiedene -Ringe aus der Tasche heraus. – »Solch Ring kann auf- -und zugeknipst werden! So! Hier seht ihr auch eine -Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses -Jahr. – Seht ihr? – Solchen kriegt also ein Huhn, das -von diesem Jahr ist!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p> - -<p>Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, -interessiert es auch die Jungen nicht mehr, besonders da -der Kellner jetzt auch etwas zu schnabulieren bringt. Da -ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der sich sonst Ruhe -und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke Puntz, -und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: -»Je früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher -wieder Appetit!«</p> - -<p><em class="antiqua">Exest colloquium.</em> Es war doch wohl ein strammer -Marsch von den Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet -die Freude aus dem gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit -welchem Appetit man hier arbeitet. Das gefällt ihm, und -so erzählt er beim Essen dem Doktor Fuchs und den Jungen -noch manche Schnurre. –</p> - -<p>Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon -sammelt sich erst vor Doktor Fuchs, der dann die Summe -an den Kellner abführt. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-14">Aufregung von Anfang bis zu Ende.</h3> -</div> - -<p>Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon -ungeduldig geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus -dem Lokal hinaussetzen. Doktor Fuchs will der erste sein. -Er weiß wohl warum; man will sich jetzt zur Pfaueninsel -übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen scharf achtgeben. -Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt -und taprig sind wie die jungen Puten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span></p> - -<p>An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, -aber sie warten doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß -Doktor Fuchs seine ganze Lungenkraft gebrauchen muß, um -die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser zurückzuhalten. Es -hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das Fährboot ist -gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, -da könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.</p> - -<p>Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da -drängen die Jungen vor, und – wie kam das? – auf -einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor Fuchs sieht gerade -noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz zusammenschlägt. -Im selben Augenblick springt ein anderer Junge -nach. Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber -reißt sich die Stiefel von den Beinen und den Rock vom -Leibe. Jetzt steht er auch schon im Wasser und hat den -Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim -Köckeritz.</p> - -<p>Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber -auch alles so schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst -Ehrenfried sitzt auf den Steinen; neben ihm liegt der kleine -Achim Köckeritz. Der kann ja gar nicht von dem Augenblick -da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht Herzschlag? –</p> - -<p>Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich -wie der Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich -zu sein für seine Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen -und rüttelt und schüttelt an ihm herum, während -er den Kopf des Kleinen geradelegt und die schlaffen, -kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die -Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; -jede Muskel ist gelähmt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p> - -<p>Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem -er einen Moment erst starr in den Himmel hineingesehen, -richtet er sich plötzlich auf und ruft empört aus: -»Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«</p> - -<p>»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«</p> - -<p>»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe -ich gekriegt!«</p> - -<p>»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs -oder nicht! Du hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s -hübsch folgen! Dicker und Sausig, nehmt mal den Achim -unter den Arm und führt ihn hinüber zu Vater Ehrecke! -Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der -allerbravste von allen! – So, und nun, meine Herrschaften, -alle noch mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur -einen Fuß aus dem Lokal hinauszusetzen!«</p> - -<p>So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor -Fuchs dabei auf den Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen -haben sich der Sachen erbarmt und bringen sie mit. Vater -Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze Geschichte; er -weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht -mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so -lange ins Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, -Herr Doktor, kriegen ein Paar Hosen von mir!« – – –</p> - -<p>Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, -besonders in der Gegend, wo beim älteren Menschen -sonst der Bauch zu sitzen pflegt. Als er damit wieder auf -der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen erst leise und -lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke Puntz -kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag -sollte Gebhardt uns doch photographieren!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p> - -<p>»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor -sich hin. »Oben im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, -wollen wir mal zur Pfaueninsel hinüber. Da ihr aber gesehen -habt, was alles vorkommen kann, so bitte ich mir jetzt -die größte Ruhe und Ordnung aus!«</p> - -<p>Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man -bummelt so über die Pfaueninsel weg, und alles Historische -aus dem Leben des alten Kaisers erzählt da Doktor Fuchs.</p> - -<p>Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen -vorüber; im großen und ganzen indessen scheint ihnen doch -die Pfaueninsel zu ausgedehnt. Wer hätte denn auch gedacht, -daß sich dieses scheinbar ganz kleine Fleckchen Erde -so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel hinziehen -würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas langstilig, -und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter -belebt auf einen Augenblick wieder das Interesse.</p> - -<p>Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs -seine Jungen wieder dicht zusammen.</p> - -<p>»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte -ich mir wieder Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich -meinen Plan etwas. Ich wollte eigentlich mit euch oben -auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem Herrn -Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen -mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir -werden also auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden -nicht gleich, sondern nachdem wir noch die kleine -Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht haben!« – – –</p> - -<p>Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs -springt schnell einmal ins Haus hinein, um nach den beiden -Patienten zu sehen. Die sind unter der Obhut der wackern<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span> -Hausfrau gut aufgehoben; sie sind dabei fröhlich und guter -Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon schmecken lassen.</p> - -<p>So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß -seine Jungen nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria -treiben. Als er eben um die Ecke biegt, ruft der Herr -Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, Herr Doktor! Ich -habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«</p> - -<p>»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben -sich so sehr über mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch -eine Photographie davon gönne!«</p> - -<p>So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg -links hinauf, den Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald -hin. Es ist ein wundersam lauschiger Weg. Plötzlich hebt -sich die Peter-Pauls Kirche von Nikolskoi, wo die Gebeine -Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.</p> - -<p>Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges -und Neues dazu. Einige der Jungen stürmen die -Treppe hinauf und sehen sich oben zu ihrer Überraschung -auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur -halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie -unten andre Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr -herumlaufen. Großes Hallo darob! Sogleich stürmen diese -andern auf der entgegengesetzten Treppe herauf, während -die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.</p> - -<p>Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem -Gebhardt ruhig, er möchte seinen Apparat zurechtmachen. -Hier soll photographiert werden. Das zieht die Jungen -wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr sammeln -sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden -zu dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span> -kleinen Gebhardt im Kopf davon werden; nur den Jungen -nicht; denn wer den Lärm macht, der hört ihn gewöhnlich -gar nicht.</p> - -<p>»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch -Drewians Nase auf der Platte Platz? Wo stecken wir denn -die sonst hin?«</p> - -<p>Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt -er mit trocknem Humor. »Die is janz jut! Damit wird er -nachher oben von Nikolskoi aus ’n bißken in der Havel angeln!«</p> - -<p>Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen -ist, als um die Nasen gelaufen wurde. Während er aber -immer sonst ein ruhiger Junge ist, der wenig sagt, jetzt hat -er im nächsten Augenblick schon die richtige Antwort gefunden: -»Die halte ich neben deine Hängebacken, Dicker! -Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, -daß du dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«</p> - -<p>Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, -Dicker! Dein kleiner Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«</p> - -<p>»Du, halt die Luft an!«</p> - -<p>Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit -deinem Stups viel besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.</p> - -<p>»Und Fritze Köhn kann sich –«</p> - -<p>»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht -hinein, dem er Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. -»Nun verfügt euch mal in die Türnische da! Nein, nein! -So nicht! Die Kleinen vorn!«</p> - -<p>»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? – Ich will -neben Sie!« –</p> - -<p>»Du!« – Die Rauferei soll wieder losgehen. – »Du -läufst schon die ganze Zeit neben ihm. Ich –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span></p> - -<p>»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt -der Ordinarius kräftig dazwischen.</p> - -<p>Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: -»Einen Augenblick! – Danke! Herr Doktor, darf ich schnell -noch <em class="gesperrt">eine</em> Aufnahme machen?«</p> - -<p>Das ist im Handumdrehen geschehen.</p> - -<p>Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen -sich jetzt die Jungen. Hier führen einige wie wild -einen Indianertanz auf; dort fangen zwei an, sich zu raufen, -und wieder andre sind an die Steinrampe der Rotunde -vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner -jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde -breit ist, zu errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. -»Donnerwetter, Jungs! Seid ihr verrückt? Hier stehen -wir an einer Kirche!« – – –</p> - -<p>So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf -nach dem Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem -kiefernbestandenen Sandbuckel noch zwanzig Minuten weiter -bis Moorlake, wo man auf der Chaussee unten an der -Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken -zurückzukehren. – – –</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-15">Beim Kaffeetrinken.</h3> -</div> - -<p>Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater -Ehrecke. Man sitzt in der Tat; denn die Beine haben heute -doch schon so manches leisten müssen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p> - -<p>Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke -Puntz springt auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse -erhebt sich zum Zeichen der Hochachtung!«</p> - -<p>Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der -Klasse gewesen, wenn jemand einmal etwas ganz Besondres -geleistet hatte. Grade deshalb auch lachen jetzt alle wieder -so herzlich; sogar der Ordinarius, der nämlich eben mit -Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür -herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis -jetzt hatten im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. -Fritze Köhn befühlt eben den Achim Köckeritz: »Biste denn -schon trocken?«</p> - -<p>»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«</p> - -<p>Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche -Ton gewesen. »Ja, seh ick ooch!« antwortet er schnell. -»Brauchst nich jleich so zu schreien! Ick meente man bloß: -hinter de Ohren!« –</p> - -<p>Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag -belegt worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen <em class="gesperrt">den</em> -zöge er doch den kürzern. – – –</p> - -<p>»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. -»Nun wieder setzen! Stoß du da nicht an!« – Der -Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne herum und -gießt den Kaffee ein. – »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«</p> - -<p>Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen -Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des -<em class="antiqua">Dr.</em> Herrn Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat -diesen Napfkuchen ein Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz -selber wollte nicht, bis ihm der Fritze Köhn auf die Jacke -gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen mißtest de<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet hat! -Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m -mer dich nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de -Motten krist?<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> kriegst.</p> -</div> -</div> - -<p>Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich -auslachen lassen müssen; er hatte zwar noch was vor sich -hingebrummt, aber den Napfkuchen, den hatte er doch dann -seine zehn Minuten getragen. –</p> - -<p>Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem -Auge wachten dabei die Jungen darüber, daß -ja auch die Teile gleich werden möchten. Da freilich Doktor -Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so wagte ja kein -Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer -schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen -zu können.</p> - -<p>»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind -alle gleich! Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« –</p> - -<p>So saß man denn und trank und aß. Aber dabei -hatte man immer noch Zeit, Gedanken und Zunge etwas -spazieren gehen zu lassen.</p> - -<p>»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar -wieder an, »den Kaffee, den trink mit Verstand! Det ’s -’n ordentlich vierstrehniger!«<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> sehr stark.</p> -</div> -</div> - -<p>»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«</p> - -<p>»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe -steijen. Mancher wird furchtbar leicht brejenklietrig!«<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> –</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> verrückt.</p> -</div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p> - -<p>Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn -geschwatzt.</p> - -<p>»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man -halb soviel Kourage zum Schenken hätte, wie wir zum -Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n Nappkuchen mit -zur Schule geben!«</p> - -<p>»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten -Fehler macht, kriegt zum Trost das größte Stück!«</p> - -<p>Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber -nicht! Sonst muß ich mich sicher totkorrigieren!«</p> - -<p>Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da -wollen wir lieber gar kein Extemporale mehr schreiben, -Herr Doktor!«</p> - -<p>»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. -»Kuchen vertragen wir schließlich auch so!«</p> - -<p>Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn -wir kein Extemporale mehr schreiben!« –</p> - -<p>»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am -Ende der Tafel empört auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz -hat mir eine Fliege in den Kaffee ge–ge–geschmissen!«</p> - -<p>»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn –«</p> - -<p>»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.</p> - -<p>Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso -schnell: »Na, so wat lebt nich und zappelt noch!«</p> - -<p>»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie -zappelt noch!«</p> - -<p>»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. -»Der hat die Fliege angesungen!«</p> - -<p>»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! -Wahrhaftig!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span></p> - -<p>»Na ja,« – der kleine Köckeritz kann den Schalk im -Nacken haben – »da ist ihr eben schlimm davon geworden, -und da ist sie Hagen in den Kaffee gefallen!«</p> - -<p>Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. -»Was hat er denn gebrummt?« fragt man. -»Sage doch mal!«</p> - -<p>Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt -hat? Er hat die kleine Fischerin gesungen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">›Flieje du, du jroße!</div> - <div class="verse indent0">Fall nich in de Sooße!</div> - <div class="verse indent0">Fall nich in den Kaffeetopp,</div> - <div class="verse indent0">sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem -Fritze Köhn zu wie einem kranken Schimmel: »Fritze, mach -mal weiter!«</p> - -<p>Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick -bin do’ keen Quasselfritze!« –</p> - -<p>Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher -Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, -aber mit großer Aufmerksamkeit lauscht.</p> - -<p>»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«</p> - -<p>»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein -Papa Doktor ist! Ich habe noch nie ’n Arzt gebraucht!«</p> - -<p>»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«</p> - -<p>»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat -seine Frau gewohnt – jetzt ist sie tot! – die hat auch nie -’n Arzt gehabt. Die ist so gestorben!« – – –</p> - -<p>Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen -Schluck läßt jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht -er auf und spricht: »Obgleich es der dicke Puntz schon vor<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span> -mir getan hat, muß ich die Herren doch noch einmal bemühen. -Wir erheben uns alle zum Zeichen der Dankbarkeit -und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf -das Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen -spendiert hat!«</p> - -<p>Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. -Nur Hagen fragt noch nachher: »Muß man denn -sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«</p> - -<p>»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze -Köhn mit richtigem Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen -ooch in Kaffee injestippt und nich in Bier!« – – –</p> - -<p>Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen -da, bis es etwa sechs Uhr geworden ist und man sich endlich -zur Rückkehr nach dem Bahnhof Wannsee rüsten muß.</p> - -<div class="chapter"> -<h3 id="fr-16">Heimkehr.</h3> -</div> - -<p>Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel -Uhr ist man auf Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später -haben alle ihre Fahrkarte.</p> - -<p>Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, -die zum Tunnel hinunterführt.</p> - -<p>»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen -sich die ersten sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest -kommen«. So drückt sich Fritze Köhn aus. »So! Tretet -nur da rechts hin!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p> - -<p>Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so -kommt immer wieder die ganz erstaunte Frage: »Gehen -wir denn nicht auf den Bahnsteig?«</p> - -<p>»Noch nicht! Abwarten!« –</p> - -<p>Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die -zum Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere -Doef. Jetzt eben will der letzte mit seiner Fahrkarte an -ihm vorüberstürzen.</p> - -<p>»Nee! Noch nich!«</p> - -<p>»Warum denn nicht?«</p> - -<p>»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«</p> - -<p>»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da -kommt der Zug!«</p> - -<p>»Halt!« – Doef hat den Jungen mit eisernem Griff -gepackt. – »Wir stehen doch alle noch da drüben!«</p> - -<p>»Au, Mensch, bist du verrückt?«</p> - -<p>»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß -er zurückfliegt und sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, -zum unendlichen Gaudium aller derer, die das mit angesehen -haben.</p> - -<p>»Ja, aber – aber –« – damit rappelt sich der -dumme Peter wieder auf – »warum fahren wir denn -nicht mit dem Zug?« – Er sieht die andern Jungen und -tritt schnell zu ihnen hinüber.</p> - -<p>»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs -bedächtig. »Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam -und ist jedenfalls schon leidlich voll. Eigentlich aber müßte -ich jeden von euch in einen Wagen besonders stecken; da -das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle zusammen in -einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span> -andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte -ich mir aus, daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz -Radau macht. Kommt’s zum Streit und zur Beschwerde, -so habt <em class="gesperrt">ihr</em> immer unrecht, und das Publikum kriegt Recht! -Merkt euch das!«</p> - -<p>»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«</p> - -<p>»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« –</p> - -<p>Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat -Zeit, seine Jungen unterzubringen. Aber diese Jungen, die -eben noch sanft wie die Lämmer auf dem Bahnsteig standen, -die sind auf einmal wie die Wilden, als sich die Wagentür -vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein -Konzert an!</p> - -<p>Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert -und schaudernd an dem Wagen vorüber.</p> - -<p>»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten -Abteil wie ein Rasender herum. »Immer feste! -Dann kommt keiner mehr rein!«</p> - -<p>Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her -vor. »Donnerwetter, Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst -den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt und wir sind in -Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr wollt. -Wo ist unser Feldwebel?«</p> - -<p>»Hier!« – Aus der einen Ecke taucht Doef empor.</p> - -<p>»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«</p> - -<p>Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. -Schließlich aber sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« -sagt, dann – weiß Doktor Fuchs – kann er sich auf ihn -verlassen; denn schon muß er wieder fort, da eben hinten -der Spektakel von neuem angeht. –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p> - -<p>»Du, Doofkopp!«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das -Wort. »Haste’t jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns -also ruhig ’n bißken Radau machen lassen!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Doof = taub, dumm.</p> -</div> -</div> - -<p>Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich -schweren Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«</p> - -<p>Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. -Und als jetzt einer vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber -den Doef raus!« da sind alle dabei und fassen zu.</p> - -<p>Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft -ihres Feldwebels ganz elend unterschätzt. Im nächsten -Augenblick sind die neun Jungen, die doch eben noch vor -ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden, ein unentwirrbarer -Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem -es stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis -auf einmal diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen -und Dröhnen ein paar Tertianer an die Seitenwände und -auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt sich aus der Flut empor -wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf seinen Beinen.</p> - -<p>Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil -heran. »Gott im Himmel! Hier ist wohl Mord und -Totschlag? Was ist denn los?«</p> - -<p>Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem -Fenster zunächst. »Wat hier los is? Meine Hosendräjer -sint los! Weiter nischt!«</p> - -<p>Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, -Jungs, was macht ihr denn nun schon wieder?«</p> - -<p>Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der -– der – Doef, der macht ’n wilden Mann!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p> - -<p>Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. -»Ja,« verteidigt er sich, »ich – ich wollte es mit -Maßen und die nicht!«</p> - -<p>Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber -entscheidet er kurz: »Wir wollen mal den Ring hier sprengen. -Fritze Köhn und du, ihr geht ganz nach hinten! Puntz und -Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und du nebenan! -Doef bleibt mit euch beiden hier!«</p> - -<p>Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als -sich aber jetzt der Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall -von neuem los. Doktor Fuchs indessen sagt vorläufig -nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die Fahrgeschwindigkeit -wieder verlangsamt. Da erst schreitet er -die ganze Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: -»Nikolassee jetzt! Also Ruhe im Saal!«</p> - -<p>»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu.</p> - -<p>Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt -man an zu kichern und zu lachen. Weshalb? Warum? -Worüber? Wenn die Jungen <em class="gesperrt">das</em> sagen könnten! Man legt -sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den Nachbar -nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter die -kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende -ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und -lacht wieder, bis sich der Zug von neuem in Bewegung setzt -und man zu denen ans Fenster stürzt, die da inzwischen -Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr hereinkam. –</p> - -<p>Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor -Fuchs selber zu sich genommen hatte. Der Junge saß da -wie versteinert; er sah zum Fenster hinaus und tat, als -wenn er gar nicht hörte, daß der kleine Achim Köckeritz von<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> -seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein ganzes -Pfund Butter aufgefressen hatte.</p> - -<p>»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen -schweigsamen Nachbar, »du hast wohl gar nicht gehört, was -ich erzählt habe?«</p> - -<p>»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet -mit dem ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange -nich so jelacht! Weißt du aber auch, wie Lack dekliniert wird?«</p> - -<p>»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch -etwas schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut.</p> - -<p>»Na, mache mal!«</p> - -<p>»Der Lack, des Lacks, dem Lack –«</p> - -<p>»Na, siehste woll! <em class="gesperrt">Demlack!</em><a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> Det stimmt janz jenau!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Demlack = Dummkopf.</p> -</div> -</div> - -<p>Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch -Doktor Fuchs lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. -Er sogar nicht zum wenigsten. – – –</p> - -<p>Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich -in einer Ecke recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar -so, als wollte er ein Schläfchen riskieren. Er hätte auch -gar nicht nötig gehabt, zu seinem Nachbar zu sagen: »Du, -höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich Straße -wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und -nicht erst auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder -Station vorher. Und deren Reihe war lang. –</p> - -<p>Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen -Appetit gestillt und sich auf das Sofa hatte fallen lassen, -um seine Erlebnisse bequemer zu erzählen, da schlief er doch -immer schon halb dabei ein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span></p> - -<p>»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den -Köckeritz, den hat Fuchs aus dem Wasser geholt! – Aber -eigentlich war’s Ehrenfried!«</p> - -<p>»Was?« – Vater und Mutter rücken dem Jungen -näher. – »Wen hat er aus dem Wasser geholt?«</p> - -<p>»Ja, die dachten vielleicht – ich war – eine Blattlaus! -Aber – ich –«</p> - -<p>»Wie? – Was? – Junge, du schläfst ja schon!«</p> - -<p>»Ja! Seine Hosen – waren auf – Vater Ehreckes -– Schmerbauch – eingerichtet, und den haben – sie dann -in die Brennesseln – gesetzt – und –«</p> - -<p>»Wen? Was?« – Alles um den Jungen herum lacht -laut auf. – »Den Schmerbauch?«</p> - -<p>Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des -Sofas zurückgesunken und – schläft. – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, -um erst den Achim Köckeritz und dann den Ernst -Ehrenfried persönlich abzuliefern. Dem letzteren öffnete -seine mutige Tat draußen an der Fähre zur Pfaueninsel -bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer -Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein -Leben zu bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in -der höchsten Not so edel angenommen haben, einst mehr -zu helfen, als nur mit »2 <em class="antiqua">m</em> Schottisch!« –</p> - -<p>Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: -»Gott sei Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen -war und nach diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein -Haupt zur Ruhe legen konnte. – – –</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p> - -<h2 class="nobreak box" id="Sonnabend">Sonnabend:<br /> -Ferien.</h2> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span></p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und -instinktiv nach der Uhr griff, war es acht.</p> - -<p>»Donnerwetter ja!« – Ein blasser Schrecken durchzuckte -den Jungen; doch ebenso schnell war die Erlösung -da: »Ach, es sind ja Ferien!«</p> - -<p>Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen -zurückfallen ließ! Ja, diese Wonne mußte man fühlen! -Er fühlte sie; <em class="gesperrt">er</em> durchkostete sie; er <em class="gesperrt">erhöhte</em> sie sich -dadurch, daß er noch einmal an die Partie von gestern -dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten -oder doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er -jetzt im Bette liegen bleiben und etwas lesen oder lieber -aufstehen sollte, um so die Ferien mit noch größerem Bewußtsein -und mit noch größerem Behagen zu genießen.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">dem</em> Augenblicke fiel gerade unter seinem Fenster -ein erster Schlag und Bums! Und wieder Bums und Schlag! -Und Bums um Schlag! Und Schlag um Bums!</p> - -<p>»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!« –</p> - -<p>Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los, -Junge?«</p> - -<p>»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?«</p> - -<p>»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor -dem Fest darf an jedem Tage geklopft werden!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span></p> - -<p>»Auch schon so früh?«</p> - -<p>»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf -und mache etwas schnell dabei!« –</p> - -<p>Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er -sich also wirklich dazu. Und ein halbes Stündchen später -– heute ließ er sich mehr Zeit als sonst! – saß er am -Frühstückstisch.</p> - -<p>»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend -nämlich hast du nur Unsinn geredet!«</p> - -<p>»Ich? Unsinn? Wann denn?«</p> - -<p>Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage -entgegen und wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?«</p> - -<p>»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach -werde ich euch mal die ganze Partie erzählen! Wenn -Papa auch dabei sein kann!«</p> - -<p>»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber -dann werde ich mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden -müssen; denn morgen und übermorgen fahren wir -alle zu Onkel Fritz nach Fürsten–. Na nu? Was ist -denn los, Junge?«</p> - -<p>Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen -wollte, hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer, -so daß die Mutter erschrocken dazwischenfahren muß: -»Junge, die unten! Die müssen ja denken, die Decke kommt -runter!«</p> - -<p>»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen: -›Ick frei mir nur so!‹ Wann fahren wir denn weg, -Mama?«</p> - -<p>»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst -heute vormittag noch gleich deine Schularbeiten machen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p> - -<p>»Mama!« – Das Gesicht des Jungen strahlt, als -hätte er die Butter nicht auf seine Schrippe, sondern auf -seine Pausbacken geschmiert. – »Mama! Wir haben ja <em class="gesperrt">gar</em> -nichts auf! Das war überhaupt die feinste Woche, die ich -in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste! -Und nun noch die Ferien dazu!«</p> - -<p>»Ja, was aber nun?«</p> - -<p>»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was -sich heute noch machen läßt!«</p> - -<p>»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten -oder repetieren!«</p> - -<p>»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze, -schöne Woche so verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama! -Aber ich meinte nur, so würde Fritze Köhn sagen. Ach, es -ist doch zu schön!« – Der Dicke griff dabei nach der -dritten Schrippe. – »Aber halt! Mama, was meinst du? -Bin ich gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen? -Sage es mal ganz offen und ehrlich! Ich muß es wissen!«</p> - -<p>Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du -gesund bist? Na, ich hoffe doch! Junge, wie kommst du -denn überhaupt auf eine solche Frage?«</p> - -<p>»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie -von gestern nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor -Fuchs eine Postkarte schreiben. Das brauche ich also nicht! -Das ist jedenfalls nur für Ehrenfried und Köckeritz!«</p> - -<p>Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse -lachen: »<em class="gesperrt">Du</em> brauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du -müßtest gerade schreiben, daß du einen fürchterlichen Appetit -entwickelst!«</p> - -<p>»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner dritten<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span> -Schrippe, »ich höre jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich -noch frühstücken, ehe ich zu Zeidler gehe!« –</p> - -<p>Das tat er denn auch. – – –</p> - -<p>Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner! -Hätte er aber einen modernen Tertianer gekannt -und zum Beispiel den dicken Puntz nach dieser »feinen -Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber verbessert -und geschrieben:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Alles in der Welt läßt sich ertragen,</div> - <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">sogar</em> eine Reihe von schönen Tagen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Vom gleichen Verfasser erschien im gleichen Verlage:</p> -</div> - -<p class="h2">Mit Gott für König und Vaterland!</p> - -<p class="center">Erlebnisse eines preußischen Jungen. ▣ Von <b>F. Pistorius</b>. ▣</p> - -<ul class="nodeco"> -<li>Band I: <b class="larger">Das Unglücksjahr 1806.</b> 3. Aufl.</li> -<li>Band II: <b class="larger">Preußens Erwachen 1807/09.</b> 2. Aufl.</li> -<li>Band III: <b class="larger">Das Volk steht auf! 1813.</b> 2. Aufl.</li> -</ul> - -<p class="center">Prächtige Geschenkbände mit buntfarb. Titelbild und Karten <em class="antiqua">à</em> 4 M.</p> - -<p class="center">▪ Jeder Band ist ein abgeschlossenes Ganzes. ▪</p> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Urteile (über die Bände I–III)</em>:</p> - -<div class="figright illowp40" id="illu-180"> - <img class="w100" src="images/illu-180.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<p>Das ist ein herrliches Buch für unsere deutsche Jugend. Es erzählt -die Schicksale der Söhne des Prenzlauer Gutsbesitzers Pistorius, -Fritz und Traugott, die mit -jugendlichem Heldenmut in den -Zeiten der tiefsten Erniedrigung -Preußens ihrem König und -Vaterlande dienen, der eine als -tapferer Offizier, der jüngere -als Kundschafter und Lazarettgehilfe. -Es ist alles mit dramatischer -Lebendigkeit und mit -peinlicher historischer Treue erzählt. -Unseren Jungens werden -die Augen leuchten und die -Herzen glühen, wenn sie diese -von flammender Vaterlandsliebe -zeugenden Berichte aus Deutschlands -schmachvoller Zeit lesen, -die mit dem Anbruch der großen -Freiheitsbewegung eindrucksvoll -schließen. Wir vermuten wohl -richtig, daß der Verf. für diese -lebendigen Schilderungen sein -Familienarchiv hat benutzen -können.</p> - -<p class="mright"> -<b>Christl. Bücherschatz.</b> -</p> - -<p>Pistorius erzählt uns in seiner glühenden Schreibweise aus der -schwersten Zeit unseres deutschen Vaterlandes. Doch nicht uns – -sondern seinen Jungen erzählt er! Aber wie er erzählt! Wir glauben -uns bei der Lektüre in die Stube des Erzählers versetzt, glauben seine -Stimme zu vernehmen. Und so wie Pistorius die Ereignisse des denkwürdigen -Jahres erzählt hat, so hat er sie auch niedergeschrieben – -<em class="gesperrt">flott</em>, <em class="gesperrt">anschaulich</em>, <em class="gesperrt">lebendig</em>, <em class="gesperrt">packend</em>, alles in allem – ein echter -Pistorius!</p> - -<p class="mright"> -<b>Tägliche Rundschau, Berlin.</b> -</p> - -<p>An überirdischen Idealgestalten berauscht sich wohl die Jugend, -aber der Rausch verfliegt bald; dieser märkische Junge ist von so gutem, -nüchternem Schrot und Korn, daß man nur wünschen möchte, unsere -moderne Jugend nähme sich Traugott Pistorius zum Exempel.</p> - -<p class="mright"> -<b>Professor L. Freytag im »Pädagogischen Archiv«.</b> -</p> - -<div class="figright illowp40" id="illu-181"> - <img class="w100" src="images/illu-181.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<p>Pistorius wollte der deutschen -Jugend es ermöglichen, -die furchtbar schwere und dann -herrlich ausklingende Zeit mitzuerleben. -Das ist ihm auch -in hervorragender Weise gelungen. -Die Verknüpfung der -Lebensschicksale seines Helden -mit den Generalen Blücher, -Bülow, York, mit der Lützowschen -Freischar (Theodor Körner) -zeigt die Geschicklichkeit -des Schriftstellers. Die ganze -Schwere des Druckes, der auf -dem preußischen Volke gelagert -hat, wird deutlich in den Wirkungen, -die er ausübt. So ist -es ein Buch, das nicht nur der -Jugend Interesse abgewinnt, -sondern auch den Mann ergreift.</p> - -<p class="mright"> -<b>Die Reformation.</b> -</p> - -<p class="h2">Fritz Pistorius:</p> - -<p class="noind s120"><span class="u"><b>Von Jungen, die werden.</b></span></p> - -<p class="center">Neue Geschichten ::<br /> -vom Doktor Fuchs.</p> - -<p class="center">Zweite Auflage. :: Mit Buchschmuck. :: Gebunden 3 M.</p> - -<p>Fröhlicher, glücklicher Schulhumor leuchtet auch aus diesem -neuen Pistorius-Buch.</p> - -<p class="mright"> -<b>Reclams Universum.</b> -</p> - -<p>Wer nach der Lektüre der früheren Bücher gedacht haben -sollte, daß das Thema nun erschöpft sei, wird mit Staunen sehen, -daß Pistorius hier noch 25 neue Schulfälle sozusagen aus dem -Ärmel schüttelt, und dazu so interessante, wie das Kapitel vom -Pumpgenie, von der Ehrlichkeit, zu der ein flunkernder Schüler -erzogen wird, vom neugebackenen Tertianer, von den Schülertypen -des langsamen und dummen Kerls, des genialen und des -liederlichen und des Wildlings.</p> - -<p class="mright"> -<b>Reichsbote.</b> -</p> - -<p>Ein frisches frohes Buch, den Freunden der Jugend und -dieser selbst zur Freude und Erquickung geschrieben.</p> - -<p class="mright"> -<b>Mainzer Journal.</b> -</p> - -<p class="noind s120"><span class="u"><b>Eine feine Woche!</b></span></p> - -<p class="center">Mit Titelbild und Einbandzeichnung. -Dritte Auflage. Stattlich gebd. 3 M.</p> - -<p>Ich habe das Buch, oder vielmehr das Buch hat mich nicht -losgelassen, bis ich es ganz gelesen hatte. Das ist so recht etwas -für unsere Jungen! <em class="gesperrt">Das</em> Buch werden sie verschlingen. Die Probe, -die ich mit einigen Schülern machte, bestätigte meine Ansicht: -bald wurde ich von den andern bestürmt, es ihnen auch zu leihen. -Das ist nur natürlich, denn die geschilderten kleinen Leiden und -Freuden unserer Schuljugend sind so unmittelbar aus dem Leben -gegriffen und so launig und fesselnd erzählt, daß jeder Schüler -sich sagen muß: das hat einer geschrieben, der Verständnis für -uns Pennäler besitzt. Ich bin übrigens überzeugt, daß das Buch -in den Klassenbibliotheken zu den begehrtesten gehören wird.</p> - -<p class="mright"> -Gymnasial-Oberlehrer <b><em class="antiqua">Dr.</em> Hermann.</b> -</p> - -<p class="h2">Auf der Wildbahn.</p> - -<p class="center">Ferienabenteuer in deutschen Jagdgründen.</p> - -<p class="center">Für Jung und Alt nach eigenen Erlebnissen erzählt</p> - -<p class="center smaller">von</p> - -<p class="center"><b>A. Becker.</b></p> - -<p class="center">Mit 9 Vollbildern und 18 Textillustrationen -von Professor Woldemar Friedrich.</p> - -<p class="center smaller">Mit einem Situationsplan.</p> - -<p class="center"> -Neue billige Ausgabe, prächtig gebd. 5.50 M.<br /> -Ausgabe mit getonten Bildern gebd. 7 M. -</p> - -<p>Das ist <em class="gesperrt">ein Knabenbuch, wie es kaum seinesgleichen gibt</em>. -So frisch und froh und spannend, daß einem der Atem fast stillsteht -vor Erwartung, und doch frei -von nervenreizender Aufregung -erzählt es.</p> - -<p class="mright"> -<b>Daheim.</b> -</p> - -<div class="figright illowp40" id="illu-183"> - <img class="w100" src="images/illu-183.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<p>»Bitte wieder so eines!« -Mit diesen Worten, die eine -schlichte Schülerkritik enthalten, -gab der erste Entleiher das -Buch zurück.</p> - -<p class="mright"> -<b>Professor Dr. Thomas</b>-Ohrdruf. -</p> - -<p>In dem vorliegenden Buche -sehen wir den <em class="gesperrt">deutschen Wald</em> -mit allem, was in ihm lebt … -Verfasser erweist sich als ein -Meister der Darstellung; köstlicher -Humor wechselt ab mit -sachkundiger, von jeder Schulmeisterei -sich fernhaltender Belehrung.</p> - -<p class="mright"> -<b>Professor Dr. K. Kraepelin</b>-Hamburg<br /> -im »Hamburg. Correspondent«. -</p> - -<p>Mein eigenes Urteil genügte mir nach dem Lesen des Buches noch -nicht. Darum wendete ich mich an zuständigere Richter: ich gab es -meinen Jungen. Die haben sich darum gerissen! Damit hat »Rom« -gesprochen.</p> - -<p class="mright"> -<b>Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Fr. Seiler</b>-Wernigerode<br /> -in der »Täglichen Rundschau«. -</p> - -<p>Meine Jungen haben noch keine Erzählung mit solchem Eifer -gelesen, auch nicht den Lederstrumpf, wie diese Jagdgeschichten aus der -Heimat.</p> - -<p class="mright"> -<b>Hannoversches Sonntagsblatt.</b> -</p> - -<p>… Ich habe »Auf der Wildbahn« gelesen, von Anfang bis zu -Ende, mit stiller Freude und wachsendem Frohgefühl. Das ist ja ein -wunderbar schönes Buch.</p> - -<p>Drei Jungen, wackere, prächtige Jungen, oder richtiger Jünglinge -sind es, die während der Ferien und oft auch an den Sonntagen Stadt- -und Schulluft hinter sich lassen, um ein benachbartes, wald- und wasserreiches -Landgut aufzusuchen. Wie sie nun da unter Führung eines -wackeren Weidmannes, einer herrlichen Idealgestalt, eines Helfers in -allen Nöten – ach, und sie geraten in mancherlei Not – die Natur -kennen und lieben lernen, wie sie sie belauschen in ihrer geheimnisvollen -stillen Tätigkeit, wie ihr wunderbares Leben ihnen offenbar wird, wie -sie durch mancherlei kleine, frohe Abenteuer, viele heitere Jagderlebnisse, -Wanderungen und Fahrten immer mehr mit dem Walde verwachsen, -wie er im erwachenden Lenzesleben, in seiner Sommerpracht, im Herbstrauschen -und im Winterzauber immer den gleichen Reiz auf sie ausübt, -wie das alles nun so allmählich in ihr Herz wächst und sie an Körper -und Geist gesund und stark und groß und frei macht – das ist alles so -einfach, so schön, so natürlich, mit so liebenswürdigem Humor erzählt, -daß man sich gar nicht davon losreißen kann.</p> - -<p class="mright"> -<b>Hermann Brandstädter</b>,<br /> -Verf. von »Wie Friedel eine Heimat fand«, »Erichs Ferien« usw. -</p> - -<p>… Ich möchte den Knaben oder jungen Mann kennen lernen, -dem das Buch nicht gefällt … Ganz aus dem Geiste eines geweckten -Knaben geschrieben, zählt die Jugendschrift zu den besten, die mir seit -Jahren zur Kritik vorgelegen haben …</p> - -<p class="mright"> -<b>Franz Woenig</b>, Lit.-Kritiker des »Leipziger Tageblatt«. -</p> - -<p class="h2">Homers Ilias.</p> - -<div class="figright illowp25" id="illu-185a"> - <img class="w100" src="images/illu-185a.jpg" alt="Homer" /> -</div> - -<p>Neue metrische Übersetzung -von Professor <b>Hans Georg Meyer</b>.</p> - -<p>Mit 24 Kopfleisten von <em class="gesperrt">Hans Krause</em>.</p> - -<p>:: Hochelegant gebunden 5 M. 50 Pf. ::</p> - -<p>So erschließt Hans Georg Meyer, Professor am Grauen Kloster -zu Berlin, als erster das vollgültige Bild der gewaltigen Dichtung – -dem erwachsenen Leser zur lichten Freude, dem jugendlichen zur Begeisterung, -die für den Urtext das Verständnis bereitet, das unter der -Schwierigkeit der schleppenden Lektüre bisher meist verloren ging.</p> - -<p class="mright"> -<b>Königsbg. Hartung’sche Zeitung.</b> -</p> - -<p><em class="gesperrt">Als Übersetzer Homers</em> wird für den deutschen Leser <em class="gesperrt">künftig -nur Meyer in Betracht kommen</em>. Mit Vergnügen und mit naiver -Hingabe erfreut sich die Jugend des Zaubers der Sprache in dieser -Übersetzung.</p> - -<p class="mright"> -<b>Preußische Jahrbücher.</b> -</p> - -<p>Hier spricht ein Dichter zu uns, der sich vollständig in die Welt -Homers einzuleben verstand und in eigenartig packender Sprache die -Kämpfe um Troja vor Augen zaubert.</p> - -<p class="mright"> -<b>Das XX. Jahrhundert.</b> -</p> - -<p>Alle Nebentöne, an denen die <em class="gesperrt">Ilias noch reicher</em> als die Odyssee -ist, kommen zum Erklingen.</p> - -<p class="mright"> -<b>A. D. B. Zeitschrift.</b> -</p> - -<p>In <em class="gesperrt">leuchtender Schönheit</em> ist die unsterbliche Weltdichtung in -dieser Bearbeitung wiedererstanden. Die Verse sind von herrlichem -Klang, und die straffere Zusammenfassung ist eine wahre Wohltat. Wie -in neuem Gold geprägt erscheint die alte liebe Voßübersetzung in diesem -metrischen Meisterwerk.</p> - -<p class="mright"> -<b>Detlev v. Liliencrons’s Literarischer Jahresbericht.</b> -</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-185b"> - <img class="w100" src="images/illu-185b.jpg" alt="Aus Ilias" /> -</div> - -<p class="center smaller p2">Druck von Trowitzsch & Sohn, Berlin <em class="antiqua">SW</em> 48.</p> - -<hr class="chapter x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Folgen von Gedankenstrichen und die Darstellung der Ellipsen -wurden vereinheitlicht.</p> -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>EINE FEINE WOCHE!</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67251-h/images/cover.jpg b/old/67251-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7d72e82..0000000 --- a/old/67251-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/drop-a.jpg b/old/67251-h/images/drop-a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0ba73ea..0000000 --- a/old/67251-h/images/drop-a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/drop-d.jpg b/old/67251-h/images/drop-d.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e36407d..0000000 --- a/old/67251-h/images/drop-d.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/drop-j.jpg b/old/67251-h/images/drop-j.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 04d2447..0000000 --- a/old/67251-h/images/drop-j.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/drop-n.jpg b/old/67251-h/images/drop-n.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0ab149b..0000000 --- a/old/67251-h/images/drop-n.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/drop-u.jpg b/old/67251-h/images/drop-u.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 675c0f2..0000000 --- a/old/67251-h/images/drop-u.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/illu-001.jpg b/old/67251-h/images/illu-001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 86d5497..0000000 --- a/old/67251-h/images/illu-001.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/illu-180.jpg b/old/67251-h/images/illu-180.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 74fc8db..0000000 --- a/old/67251-h/images/illu-180.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/illu-181.jpg b/old/67251-h/images/illu-181.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a6cbb28..0000000 --- a/old/67251-h/images/illu-181.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/illu-183.jpg b/old/67251-h/images/illu-183.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4d84376..0000000 --- a/old/67251-h/images/illu-183.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/illu-185a.jpg b/old/67251-h/images/illu-185a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b7e02a0..0000000 --- a/old/67251-h/images/illu-185a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67251-h/images/illu-185b.jpg b/old/67251-h/images/illu-185b.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5382d76..0000000 --- a/old/67251-h/images/illu-185b.jpg +++ /dev/null |
