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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:29:11 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Ecce Homo, by Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
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+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Ecce Homo
+
+Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
+Release Date: January, 2005 [EBook #7202]
+[This file was first posted on March 26, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ECCE HOMO ***
+
+
+
+
+This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg -
+DE" (http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/eccehomo/eccehomo.htm),
+prepared by juergen@redestb.es.
+
+
+
+
+Friedrich Nietzsche
+
+Ecce homo
+
+Wie man wird, was man ist
+
+
+
+
+Vorwort
+
+1.
+
+In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung
+an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde,
+scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte
+man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das
+Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der
+Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass
+man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen
+eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich
+lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im
+Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht
+lebe... Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die
+im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte
+revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der.
+Verwechselt mich vor Allem nicht!
+
+
+2.
+
+Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich
+bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als
+tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu
+meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich
+zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese
+nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese
+Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren
+und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte,
+was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von
+mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen,
+was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für
+"Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man
+hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre
+Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre
+Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und
+die Realität... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der
+Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten
+Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der
+umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die
+Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.
+
+
+3.
+
+Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine
+Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein,
+sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis
+ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im
+Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! -
+Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das
+freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden
+und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher
+in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche
+Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher
+moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht
+sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie
+ihrer grossen Namen kam für mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit
+erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer
+mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal
+-) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft,
+jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der
+Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die
+Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in
+vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man
+verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. -
+
+
+4.
+
+Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe
+mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher
+gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende
+hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche
+Höhenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne
+unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum
+der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den
+kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.
+Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von
+Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt.
+Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen
+halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht
+erbarmungswürdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es, welche
+den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die
+Welt."
+
+Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem
+sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
+Feigen.
+
+Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
+trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und
+reiner Himmel und Nachmittag -
+
+Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird
+nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und
+Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche
+Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu
+den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu
+sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben... Ist
+Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?... Aber was sagt er doch
+selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt?
+Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger",
+"Welt-Erlöser" und andrer décadent in einem solchen Falle sagen
+würde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders...
+
+Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!
+So will ich es.
+
+Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch:
+schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.
+
+Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss
+auch seine Freunde hassen können.
+
+Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler
+bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?
+
+Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?
+Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!
+
+Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
+Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!
+
+Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
+Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
+
+Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
+ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren...
+
+Friedrich Nietzsche.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+ Warum ich so weise bin.
+ Warum ich so klug bin.
+ Warum ich so gute Bücher schreibe.
+ Geburt der Tragödie.
+ Die Unzeitgemässen.
+ Menschliches, Allzumenschliches.
+ Morgenröthe.
+ La gaya scienza.
+ Also sprach Zarathustra.
+ Jenseits von Gut und Böse.
+ Genealogie der Moral.
+ Götzen-Dämmerung.
+ Der Fall Wagner.
+ Warum ich ein Schicksal bin.
+ Kriegserklärung.
+ Der Hammer redet
+
+
+
+
+An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube
+braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah
+rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf
+einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr,
+ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist
+unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben
+und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung - Alles Geschenke dieses
+Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem
+ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.
+
+
+
+Warum ich so weise bin.
+
+1.
+
+Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem
+Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein
+Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt.
+Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten
+Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang - dies,
+wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei
+im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht
+auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine
+feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par
+excellence hierfür, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater
+starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und
+morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, - eher eine
+gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen
+Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im
+sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt
+meiner Vitalität, - ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor
+mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur
+nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den
+nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in
+Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten"
+entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf
+Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte
+jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an
+Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenröthe" hervor. Die
+vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche
+das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur
+mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem
+Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner
+dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich
+bringt, - besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und
+dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen
+Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug
+bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als
+Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall:
+im Fall des Sokrates. - Alle krankhaften Störungen des Intellekts,
+selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis
+heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit
+ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut
+läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können.
+Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte
+schliesslich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur
+nervös." Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung;
+kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge
+der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems.
+Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich
+annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an
+Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange,
+allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet
+leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence.
+Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence
+erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst
+jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger
+für nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und was sonst
+mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk
+jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung
+selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach
+gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle
+und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche
+Arbeit des Décadence-Instinkts - das war meine längste Übung, meine
+eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister.
+Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven
+umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine
+"Umwerthung der Werthe" überhaupt möglich ist.
+
+
+2.
+
+Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen
+Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv
+gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während
+der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als
+summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich
+décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung
+aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr
+besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen - das verräth die unbedingte
+Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm
+mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die
+Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das zugeben - ist, dass man
+im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund
+werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch
+Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum
+Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene
+lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich
+selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen
+Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, - ich machte
+aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie...
+Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität
+waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der
+Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und
+Entmuthigung... Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit!
+Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus
+einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich
+ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine
+Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er
+erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu
+seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er
+sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe:
+er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist
+immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder
+Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt,
+indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener
+Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm
+angezüchtet haben, - er prüft den Reiz, der herankommt, er ist
+fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an "Unglück", noch
+an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu
+vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen
+muss. - Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich
+beschrieb eben mich.
+
+
+3.
+
+Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt
+zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem
+er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre
+Prediger - sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit
+berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur
+sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am
+wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die
+unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine
+Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben
+wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die
+ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen
+Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet
+eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den
+Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen höchsten
+Augenblicken,... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm
+zu wehren... Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche
+disharmonia praestabilita... Aber ich bekenne, dass der tiefste
+Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgründlicher
+Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. - Aber auch als Pole bin ich
+ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben,
+um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse
+instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles,
+was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, -
+ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein
+Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen
+anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner
+ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig
+sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste
+Mann war... Der Rest ist Schweigen... Alle herrschenden Begriffe über
+Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht
+überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem
+Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre
+das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein.
+Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf
+sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen.
+Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber
+Julius Cäsar könnte mein Vater sein - oder Alexander, dieser leibhafte
+Dionysos... In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die
+Post mir einen Dionysos-Kopf...
+
+
+4.
+
+Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das
+verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn
+es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das
+unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man
+mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall
+abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen
+gegen mich gehabt hätte, - vielleicht aber etwas zu viel Spuren
+von gutem Willen... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen
+Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren
+Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam.
+In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler
+Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine
+Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall
+bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner
+Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so
+verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werden kann
+- ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm
+etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den
+"Instrumenten" selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört
+hätten... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung
+gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter
+Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend,
+dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch,
+der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in
+den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in
+den Dühring'schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen
+Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe
+gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die
+gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss
+über Bayreuth, - aber er wollte mir's nicht glauben... Wenn trotzdem
+an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war
+nicht "der Wille", am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon
+hätte ich mich - ich deutete es eben an - über den guten Willen zu
+beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat.
+Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt
+hinsichtlich der sogenannten "selbstlosen" Triebe, der gesammten zu
+Rath und That bereiten "Nächstenliebe". Sie gilt mir an sich als
+Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, -
+das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den
+Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl
+vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn
+nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich
+sieht, - dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch
+in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein
+Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung
+des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als
+"Versuchung Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein grosser
+Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn
+überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben,
+hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren
+und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen
+Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe
+vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat - sein eigentlicher
+Beweis von Kraft...
+
+
+5.
+
+Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal
+und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich
+jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff
+"Vergeltung" so unzugänglich ist wie etwa der Begriff "gleiche
+Rechte", verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr
+grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede
+Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede
+"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit
+so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie
+vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit
+Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden... Man hat nur Etwas
+an mir schlimm zu machen, ich "vergelte" es, dessen sei man sicher:
+ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethäter" meinen Dank
+auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) - oder ihn um Etwas zu
+bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben... Auch scheint es
+mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch
+honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast
+immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein
+Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten
+Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind
+dyspeptisch. - Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt
+wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und,
+inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. -
+Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu
+haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun
+als Unrecht, - nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen
+wäre erst göttlich.
+
+
+6.
+
+Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment -
+wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu
+Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss
+es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn
+irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend
+gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche
+Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe
+wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig
+zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, - Alles verletzt. Mensch
+und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief,
+die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art
+Ressentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses
+Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus
+ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu
+hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen,
+an sich nehmen, in sich hineinnehmen, - überhaupt nicht mehr
+reagiren... Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht
+immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter
+den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des
+Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf.
+Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir,
+der wochenlang in einem Grabe schläft... Weil man zu schnell sich
+verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht
+mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab,
+als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte
+Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach
+der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist für Erschöpfte
+sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch
+von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen,
+zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das
+Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken - sein Böses:
+leider auch sein natürlichster Hang. - Das begriff jener tiefe
+Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene
+bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie
+das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von
+dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster
+Schritt zur Genesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu
+Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am
+Anfang der Lehre Buddha's - so redet nicht die Moral, so redet die
+Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem
+schädlicher als dem Schwachen selbst, - im andern Falle, wo eine
+reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein
+Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums
+ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den
+Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein
+aufgenommen hat - der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein
+Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persönliches
+Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an's
+Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als
+schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war,
+verbot ich sie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus",
+von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe
+unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie
+einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, - es
+war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, - als
+sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stören, mich
+gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: - in Wahrheit war
+es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. - Sich selbst wie ein Fatum
+nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zuständen die
+grosse Vernunft selbst.
+
+
+7.
+
+Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch.
+Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein
+- das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es
+bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich
+sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig
+zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum
+Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut
+wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. - Die Stärke des Angreifenden
+hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes
+Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners -
+oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch
+Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über
+Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine
+ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen
+hat, - über gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde - erste
+Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann
+man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich
+sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier
+Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich
+sind, - ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens:
+ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde,
+wo ich allein stehe, - wo ich mich allein compromittire... Ich habe
+nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das
+ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie
+Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken
+Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber
+schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen
+kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines
+altersschwachen Buchs bei der deutschen "Bildung", - ich ertappte
+diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer
+die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer "Cultur",
+welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Grossen
+verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede
+Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer
+Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des
+Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne
+aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person
+verbinde: für oder wider - das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem
+Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von
+dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, - die
+ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein
+Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen
+nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist.
+
+
+8.
+
+Darf ich noch. einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen,
+der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit
+macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des
+Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder - was sage ich? -
+das Innerlichste, die "Eingeweide" jeder Seele physiologisch wahrnehme
+- rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner,
+mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Hand bekomme: der
+viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in
+schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir
+fast bei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet
+habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen
+die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht
+wohlriechender... So wie ich mich immer gewöhnt habe - eine extreme
+Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme
+um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere
+ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen
+durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr
+mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht
+nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten,
+dass ich ihn mitfühle... Meine Humanität ist eine beständige
+Selbstüberwindung. - Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen,
+Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden
+Luft... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die
+Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit...
+Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. - Wer Augen für Farben hat,
+wird ihn diamanten nennen. - Der Ekel am Menschen, am "Gesindel" war
+immer meine grösste Gefahr... Will man die Worte hören, in denen
+Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?
+
+Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte
+mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen
+sitzt?
+
+Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte?
+Wahrlich, in's Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust
+wiederfände!-
+
+Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born
+der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!
+
+Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
+Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst.
+
+Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig
+strömt dir noch mein Herz entgegen:
+
+- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,
+schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner
+Kühle!
+
+Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die
+Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und
+Sommer-Mittag,
+
+- ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh
+kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde!
+
+Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen
+wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.
+
+Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie
+sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner
+Reinheit.
+
+Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
+Speise bringen in ihren Schnäbeln!
+
+Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer
+würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen.
+
+Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere!
+Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!
+
+Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,
+Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.
+
+Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
+meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.
+
+Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und
+solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:
+hütet euch, gegen den Wind zu speien!...
+
+
+
+Warum ich so klug bin.
+
+1.
+
+- Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich
+habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, - ich habe mich
+nicht verschwendet. - Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum
+Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen,
+in wiefern ich "sündhaft" sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein
+zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach
+dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichts
+Achtbares... Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich
+lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen
+grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim
+schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man
+that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art "böser Blick". Etwas, das
+fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug
+- das gehört eher schon zu meiner Moral. - "Gott", "Unsterblichkeit
+der Seele", "Erlösung", "Jenseits" lauter Begriffe, denen ich keine
+Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind
+nicht, - ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? - Ich kenne den
+Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss:
+er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu
+fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu
+lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns
+Denker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr
+sollt nicht denken!... Ganz anders interessirt mich eine Frage,
+an der mehr das "Heil der Menschheit" hängt, als an irgend einer
+Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum
+Handgebrauch, so formuliren: "wie hast gerade du dich zu ernähren,
+um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von
+moralinfreier Tugend zu kommen?" - Meine Erfahrungen sind hier so
+schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört,
+aus diesen Erfahrungen so spät "Vernunft" gelernt zu haben. Nur
+die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung - ihr
+"Idealismus" - erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier
+rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese "Bildung", welche von
+vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus
+problematischen, sogenannten "idealen" Zielen nachzujagen, zum
+Beispiel der "klassischen Bildung": - als ob es nicht von vornherein
+verurtheilt wäre, "klassisch", und "deutsch" in Einen Begriff zu
+einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, - man denke sich einmal einen
+"klassisch gebildeten" Leipziger! - In der That, ich habe bis zu
+meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, - moralisch
+ausgedrückt "unpersönlich", "selbstlos", "altruistisch", zum Heil
+der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch
+Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer's
+(1865), sehr ernsthaft meinen "Willen zum Leben". Sich zum Zweck
+unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben - dies Problem
+schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen.
+(Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die
+deutsche Küche überhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen!
+Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16.
+Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die
+fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise
+zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen
+Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen
+dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes - aus
+betrübten Eingeweiden... Der deutsche Geist ist eine Indigestion,
+er wird mit Nichts fertig. - Aber auch die englische Diät, die, im
+Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art
+"Rückkehr zur Natur", nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen
+Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere
+Füsse giebt - Engländerinnen-Füsse... Die beste Küche ist die
+Piemont's. - Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier
+des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein "Jammerthal" zu
+machen, - in München leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies
+ein wenig spät begriff, erlebt habe ich's eigentlich von Kindesbeinen
+an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs
+nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung.
+Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein
+mit schuld ist. Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich
+Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität
+ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine,
+stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es
+sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine
+Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache
+niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in
+der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit
+nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu
+giessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta
+war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch
+vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen
+Schulpforta... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich
+mich freilich immer strenger gegen jedwedes "geistige" Getränk: ich,
+ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner,
+der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte
+Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen.
+Wasser thut's... Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat,
+aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines
+Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass
+ich auch hier wieder über den Begriff "Wahrheit" mit aller Welt
+uneins bin: - bei mir schwebt der Geist über dem Wasser... Ein paar
+Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter
+zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in
+Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man
+muss die Grösse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind
+jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne
+Opferfeste nenne, die an der table d'hôte. - Keine Zwischenmahlzeiten,
+keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber
+energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn
+er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft
+zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten
+Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine
+Tasse dicken entölten Cacao's den Anfang machen lassen. - So wenig als
+möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien
+geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln
+ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. - Das
+Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die eigentliche Sünde wider
+den heiligen Geist.
+
+
+2.
+
+Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort
+und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer grosse
+Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat
+hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den
+Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass
+ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe
+entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er
+bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug
+bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit
+erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein... Eine zur
+schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit
+genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas
+"Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend,
+um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen.
+Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur
+Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der "Geist"
+selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die
+Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz,
+Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig
+sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft.
+Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen - diese Namen beweisen
+Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel,
+- das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit,
+grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen.
+Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter
+Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng,
+verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte
+zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die
+Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der
+Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und
+meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr
+feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise
+schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der
+Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit
+Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben bis auf die
+letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in
+falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg,
+Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel - ebenso viele
+Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner
+ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre
+es eine Thorheit, hier sogenannte "moralische" Ursachen geltend
+zu machen, - etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender
+Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand,
+ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die
+Unwissenheit in physiologicis - der verfluchte "Idealismus" - ist das
+eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dumme
+darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine
+Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses
+"Idealismus" erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen
+Instinkt-Abirrungen und "Bescheidenheiten" abseits der Aufgabe meines
+Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde - warum zum Mindesten
+nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner
+Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung
+eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher
+Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften,
+ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede
+feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es
+war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine "Selbstlosigkeit", ein
+Vergessen seiner Distanz, - Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als
+ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende war, wurde
+ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens - den
+"Idealismus". Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. -
+
+
+3.
+
+Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte,
+worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl
+seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein
+Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst
+Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen
+Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in
+fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, - was ich
+nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In
+tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich
+hüten, jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und
+das hiesse ja lesen... Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener
+tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde
+den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von
+aussen her zu vehement wirkt, zu tief "einschlägt"? Man muss dem
+Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn;
+eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten
+der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder
+Gedanke heimlich über die Mauer steigt? - Und das hiesse ja lesen...
+Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der
+Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr
+gescheuten Bücher! - Werden es deutsche Bücher sein?... Ich muss ein
+Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand
+ertappe. Was war es doch? - Eine ausgezeichnete Studie von Victor
+Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut
+benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem
+so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!... Sonst nehme ich
+meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im
+Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht
+nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht
+mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu
+lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher
+schon zu meinem Instinkte, als "Toleranz", "largeur du coeur" und
+andre "Nächstenliebe"... Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer
+Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur
+an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa
+"Bildung" nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der
+deutschen Bildung... Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in
+Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau
+Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks,
+die ich gehört habe... Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als
+das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst
+leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten
+Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne's
+Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe habe; dass
+mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht
+ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt:
+das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten
+Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht
+ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und
+zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im
+jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise - denn ihre Zahl ist gar nicht
+klein - die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole
+France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse
+hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin,
+Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar
+ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie
+verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das
+Missverständniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit
+Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den
+Geist in Frankreich "erlöst"... Stendhal, einer der schönsten Zufälle
+meines Lebens - denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall,
+niemals eine Empfehlung mir zugetrieben - ist ganz unschätzbar mit
+seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff,
+der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue
+Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine
+in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, - Prosper
+Mérimée in Ehren... Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch?
+Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte
+machen können: "die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht
+existirt"... Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste
+Einwand gegen das Dasein bisher? Gott...
+
+
+4.
+
+Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich
+suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich
+süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit,
+ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, - ich schätze
+den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den
+Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. - Und wie er
+das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei
+weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind - in
+einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit
+ihr gemacht haben. - Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein:
+ich fand alle diese Abgründe in mir, - mit dreizehn Jahren war ich für
+dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche
+in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die
+Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann.
+Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine
+Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte,
+dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an
+der Euterpe. - Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche,
+so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipirt hat.
+Dergleichen erräth man nicht, - man ist es oder man ist es nicht. Der
+grosse Dichter schöpft nur aus seiner Realität - bis zu dem Grade,
+dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält... Wenn, ich einen
+Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde
+im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von
+Schluchzen Herr zu werden. - Ich kenne keine herzzerreissendere
+Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um
+dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! - Versteht man den
+Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig
+macht... Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu
+fühlen... Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit... Und, dass ich
+es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord
+Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten
+Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz
+amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten
+Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten
+Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie
+selbst voraus... Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem
+ersten Realisten in jedem grossen Sinn des Wortes, um zu wissen, was
+er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat... Und zum
+Teufel, mein[e] Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra
+auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den von Richard
+Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht,
+zu errathen, dass der Verfasser von "Menschliches, Allzumenschliches"
+der Visionär des Zarathustra ist...
+
+
+5.
+
+Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort
+nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei
+weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen
+Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse
+den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen
+Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des
+Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle - der tiefen
+Augenblicke... Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben:
+über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. - Und hiermit
+komme ich nochmals auf Frankreich zurück, - ich habe keine Gründe,
+ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc
+genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn
+sich ähnlich finden... So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten
+Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Nähe eines Deutschen
+meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das
+erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als
+Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle "deutschen
+Tugenden" - Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder
+gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff
+"deutsch"; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, - wir
+werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es
+ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt,
+ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht...
+Wohlan! Wagner war ein Revolutionär - er lief vor den Deutschen
+davon... Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris;
+die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner's Kunst
+voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität,
+findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft
+in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène - es ist der
+Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen
+Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser
+Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig - Wagner war durchaus
+nicht gutmüthig... Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in
+"Jenseits von Gut und Böse" S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem
+er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik,
+jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern
+wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von
+Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen
+durch und durch... Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner's
+überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix
+verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht
+von Artisten wiedererkannt hat - er war vielleicht auch der letzte...
+Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen
+condescendirte, - dass er reichsdeutsch wurde... Soweit Deutschland
+reicht, verdirbt es die Cultur. -
+
+
+6.
+
+Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne
+Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man
+von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch
+nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift
+gegen alles Deutsche par excellence, - Gift, ich bestreite es nicht...
+Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab -
+mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ich Wagnerianer. Die älteren
+Werke Wagner's sah ich unter mir - noch zu gemein, zu "deutsch"...
+Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher
+Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit,
+wie der Tristan ist, - ich suche in allen Künsten vergebens. Alle
+Fremdheiten Lionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone
+des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's; er
+erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder
+werden - das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner... Ich
+nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade
+unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so
+weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für
+den, der niemals krank genug für diese "Wollust der Hölle" gewesen
+ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel
+anzuwenden. - Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand das
+Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen,
+zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark
+genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum
+Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den
+grossen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass
+wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses
+Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder
+zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein
+Missverständniss ist, so gewiss bin ich's und werde es immer sein. -
+Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst,
+meine Herrn Germanen!... Aber das holt man nicht nach.
+
+
+7.
+
+Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich
+eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein
+Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein
+kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmuth ist... ich werde nie
+zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man
+deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven,
+Croaten, Italiäner, Niederländer - oder Juden; im andren Falle
+Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich
+Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um
+gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei
+Gründen, Wagner's Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die
+vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt
+noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist - diesseits... Ich
+würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der
+Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich
+jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein
+andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.
+Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich
+weiss das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu
+denken.
+
+ An der Brücke stand
+ jüngst ich in brauner Nacht.
+ Fernher kam Gesang:
+ goldener Tropfen quoll's
+ über die zitternde Fläche weg.
+ Gondeln, Lichter, Musik
+ trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus...
+
+ Meine Seele, ein Saitenspiel,
+ sang sich, unsichtbar berührt,
+ heimlich ein Gondellied dazu,
+ zitternd vor bunter Seligkeit.
+ - Hörte Jemand ihr zu?...
+
+
+8.
+
+In Alledem - in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung
+- gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der
+Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn,
+nicht hören, nicht an sich herankommen lassen - erste Klugheit, erster
+Beweis dafür, dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das
+gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack.
+Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine
+"Selbstlosigkeit" sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein
+zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer
+wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass
+Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit
+werdend, eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung
+bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das
+Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche
+sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft.
+Man kann, bloss in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug
+werden, um sich nicht mehr wehren zu können. - Gesetzt, ich trete aus
+meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen
+Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren
+haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten
+und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche
+Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding,
+Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber
+zum Igel werden? - Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein
+doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben,
+sondern offne Hände...
+
+Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man
+so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen
+entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine "Freiheit", seine Initiative
+gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als
+Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur
+noch Bücher "wälzt" - der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags
+ungefähr 200 - verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich
+aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf
+einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er reagirt
+zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und
+Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, - er selber denkt
+nicht mehr... Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe
+geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der
+Gelehrte - ein décadent. - Das habe ich mit Augen gesehn: begabte,
+reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren "zu
+Schanden gelesen", bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss,
+damit sie Funken - "Gedanken" geben. - Frühmorgens beim Anbruch des
+Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch
+lesen - das nenne ich lasterhaft! - -
+
+
+9.
+
+An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf
+die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich
+das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung - der Selbstsucht...
+Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal
+der Aufgabe über ein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt,
+so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe
+zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist, setzt voraus,
+dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem
+Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren
+eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die
+Verzögerungen, die "Bescheidenheiten", der Ernst, auf Aufgaben
+verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse
+Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck [kommen]: wo
+nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen,
+Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen
+zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben
+für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der
+härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem
+ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der "selbstlosen"
+Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht,
+Selbstzucht. - Man muss die ganze Oberfläche des Bewusstseins -
+Bewusstsein ist eine Oberfläche - rein erhalten von irgend einem der
+grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder
+grossen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh "sich
+versteht" - - Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur
+Herrschaft berufne "Idee" in der Tiefe, - sie beginnt zu befehlen,
+sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet
+einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum
+Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, - sie bildet der Reihe
+nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der
+dominirenden Aufgabe, von "Ziel", "Zweck", "Sinn" verlauten lässt. -
+Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll.
+Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen
+nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor
+Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne dass diese sich stören,
+zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu
+trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts "versöhnen";
+eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist -
+dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft
+meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark,
+dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst,
+- dass alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten
+Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner
+Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, - es ist kein Zug von
+Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer
+heroischen Natur. Etwas "wollen", nach Etwas "streben", einen "Zweck",
+einen "Wunsch" im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung.
+Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft - eine weite
+Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich
+auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als
+es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer
+gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem
+vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um
+Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten... So
+war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, - ich hatte nie
+im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr
+alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne,
+dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von
+meinem Lehrer Ritschl für sein "Rheinisches Museum" zum Druck verlangt
+wurde ( Ritschl - ich sage es mit Verehrung - der einzige geniale
+Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene
+angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der
+sogar ein Deutscher sympathisch wird: - wir ziehn selbst, um zur
+Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit
+diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke,
+durchaus nicht unterschätzt haben...)
+
+
+10.
+
+An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird mich
+fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem
+Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst
+damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten bestimmt sei.
+Antwort: diese kleinen Dinge Ernährung, Ort, Clima, Erholung, die
+ganze Casuistik der Selbstsucht - sind über alle Begriffe hinaus
+wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muss man
+anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen
+hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger
+geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten
+Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe "Gott", "Seele",
+"Tugend", "Sünde", "Jenseits", "Wahrheit", "ewiges Leben"... Aber man
+hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre "Göttlichkeit" in ihnen
+gesucht... Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der
+Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man
+die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, - dass man die
+"kleinen" Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens
+selber verachten lehrte... Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade
+zweideutig... Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob
+nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben
+wäre!... Das, was heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr.
+- Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was
+hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe
+ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse.
+Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste
+Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese
+angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen überhaupt, - sie sind
+für mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und
+rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde
+unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen... Ich will dazu
+der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle
+Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug
+an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft
+geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus
+sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine
+anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos
+der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig
+hat, ist falsch... Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! - Das
+Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste
+von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes
+gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges
+gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht - oder vormacht, mit einer
+Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug
+von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende
+Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich
+schlief nie besser. - Ich kenne keine andre Art, mit grossen Aufgaben
+zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine
+wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene,
+irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen
+Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk!... Man darf keine Nerven
+haben... Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, - ich habe
+immer nur an der "Vielsamkeit" gelitten... In einer absurd frühen
+Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein
+menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt
+gesehn? - Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen
+Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in
+dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung.
+Wen ich verachte, der erräth, dass er von mir verachtet wird: ich
+empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe
+hat... Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man
+Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle
+Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger
+verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -,
+sondern es lieben...
+
+
+
+Warum ich so gute Bücher schreibe.
+
+1.
+
+Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. - Hier werde,
+bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder
+Nicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so
+nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist
+durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an
+der Zeit, Einige werden posthum geboren -- Irgend wann wird man
+Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben
+und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene
+Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre
+ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und
+Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass
+man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich,
+es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden,
+- dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele. - Nochmals
+gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von "bösem Willen";
+auch von litterarischem "bösen Willen" wüsste ich kaum einen Fall zu
+erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit... Es scheint mir eine
+der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er
+ein Buch von mir in die Hand nimmt, - ich nehme selbst an, er zieht
+dazu die Schuhe aus, - nicht von Stiefeln zu reden... Als sich einmal
+der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus
+meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung:
+sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine
+höhere Stufe der Sterblichen hinauf als "moderne" Menschen erreichen
+könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur
+wünschen, von den "Modernen", die ich kenne -, gelesen zu werden! -
+Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer's war,
+- ich sage "non legor, non legar". - Nicht, dass ich das Vergnügen
+unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu
+meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit,
+wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden
+Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu
+bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität
+wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form
+bedienen: so Etwas lese Niemand. - Zuletzt war es nicht Deutschland,
+sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein
+Aufsatz des Dr. V. Widmann im "Bund", über "Jenseits von Gut und
+Böse", unter dem Titel "Nietzsche's gefährliches Buch", und ein
+Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl
+Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben - ich
+hüte mich zu sagen wovon... Letzterer behandelte zum Beispiel meinen
+Zarathustra als "höhere Stilübung", mit dem Wunsche, ich möchte später
+doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung
+vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen
+Gefühle bemühe. - Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder
+Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf
+den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als
+alle "Werthe umzuwerthen", um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise,
+über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen - statt meinen Kopf mit
+einem Nagel zu treffen... Um so mehr versuche ich eine Erklärung. -
+Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr
+heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her
+keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen
+äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die
+gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur
+seltneren Erfahrung liegen, - dass es die erste Sprache für eine neue
+Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört,
+mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts
+da ist -. Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und,
+wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir
+verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht,
+nach seinem Bilde, - nicht selten einen Gegensatz von mir, zum
+Beispiel einen "Idealisten"; wer Nichts von mir verstanden hatte,
+leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. - Das Wort "Übermensch"
+zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz
+zu "modernen" Menschen, zu "guten" Menschen, zu Christen und andren
+Nihilisten - ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters
+der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit
+voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren
+Gegensatz in der Figur Zarathustra's zur Erscheinung gebracht worden
+ist, will sagen als "idealistischer" Typus einer höheren Art Mensch,
+halb "Heiliger", halb "Genie"... Andres gelehrtes Hornvieh hat mich
+seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so
+boshaft abgelehnte "Heroen-Cultus", jenes grossen Falschmünzers wider
+Wissen und Willen, Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich
+ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia
+als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. - Dass
+ich gegen Besprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen,
+ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine
+Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von
+dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu
+Gesicht, was über ein einzelnes Buch - es war "Jenseits von Gut und
+Böse" - gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber
+abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung - eine
+preussische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst
+lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats - allen Ernstes das Buch
+als ein "Zeichen der Zeit" zu verstehn wusste, als die echte rechte
+Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?
+
+
+2.
+
+Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser -
+lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen
+und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies
+unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in
+Kopenhagen, in Paris und New-York - überall bin ich entdeckt: ich
+bin es nicht in Europa's Flachland Deutschland... Und, dass ich es
+bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die
+weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber
+wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt
+sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten
+geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben,
+bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihren Trauben zusammengesucht
+haben. Soweit muss man Philosoph sein. - Man nennt nicht umsonst die
+Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird
+sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre.
+Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens
+bis zur Verlegenheit... Deutsch denken, deutsch fühlen - ich kann
+Alles, aber das geht über meine Kräfte... Mein alter Lehrer Ritschl
+behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen
+Abhandlungen wie ein Pariser romancier - absurd spannend. In Paris
+selbst ist man erstaunt über "toutes mes audaces et finesses" - der
+Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten
+Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt,
+das niemals dumm - "deutsch" - wird, esprit... Ich kann nicht anders.
+Gott helfe mir! Amen. - Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus
+Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass
+ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig
+die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir
+verstanden?... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein
+welthistorisches Unthier, - ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf
+griechisch, der Antichrist...
+
+
+3.
+
+Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in
+einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an
+meine Schriften den Geschmack "verdirbt". Man hält einfach andre
+Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine
+Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt
+einzutreten, - man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist
+zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir
+aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen
+des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich
+kenne Abgründe, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir
+gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen,
+- ich störte selbst die Nachtruhe... Es giebt durchaus keine stolzere
+und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da
+das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man
+muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten
+Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon,
+ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben,
+man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die
+Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige,
+das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein
+Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins Gesicht. Ich habe
+an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die
+verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften
+zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will,
+meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei "unpersönlich": man
+wünscht mir Glück, wieder "so weit" zu sein, - auch ergäbe sich ein
+Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons... Die vollkommen
+lasterhaften "Geister", die "schönen Seelen", die in Grund und Boden
+Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern
+anfangen sollen, - folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne
+Folgerichtigkeit aller "schönen Seelen". Das Hornvieh unter meinen
+Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei
+nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel... Ich
+habe dies selbst über den Zarathustra gehört... Insgleichen ist jeder
+"Femininismus" im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich:
+man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten.
+Man muss sich selbst nie geschont haben, man muss die Härte in seinen
+Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth
+und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers
+ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus,
+ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner
+Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu
+sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt
+hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen?
+
+Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
+Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -
+
+euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
+Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:
+
+- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo
+ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen...
+
+
+4.
+
+Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des
+Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen,
+eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen - das ist der Sinn
+jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei
+mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des
+Stils - die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein
+Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand
+wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der
+Zeichen, über die Gebärden - alle Gesetze der Periode sind Kunst der
+Gebärde - nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. - Guter
+Stil an sich - eine reine Thorheit, blosser "Idealismus", etwa,
+wie das "Schöne an sich", wie das "Gute an sich", wie das "Ding an
+sich"... Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt - dass es
+Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass
+die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. - Mein Zarathustra
+zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen - ach! er wird noch
+lange zu suchen haben! - Man muss dessen werth sein, ihn zu hören...
+Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier
+verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen,
+von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu
+verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache
+möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am
+härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der
+deutschen Sprache kann, - was man überhaupt mit der Sprache kann.
+- Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik
+zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von
+übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem
+Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, "die sieben
+Siegel", überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was
+bisher Poesie hiess.
+
+
+5.
+
+- Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines
+Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter
+Leser gelangt - ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest,
+wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über
+die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den
+Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen,
+Kohlköpfen - erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum
+Beispiel jener Glaube, dass "unegoistisch" und "egoistisch" Gegensätze
+sind, während das ego selbst bloss ein "höherer Schwindel", ein
+"Ideal" ist... Es giebt weder egoistische, noch unegoistische
+Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der
+Satz "der Mensch strebt nach Glück"... Oder der Satz "das Glück
+ist der Lohn der Tugend"... Oder der Satz "Lust und Unlust sind
+Gegensätze"... Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle
+psychologica in Grund und Boden gefälscht - vermoralisirt - bis zu
+jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches"
+sein soll... Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen
+beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen
+zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus
+selbstlosen, aus bloss objektiven Männern... Darf ich anbei die
+Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner
+dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste
+Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine
+alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die
+"Emancipirten", denen das Zeug zu Kindern abgeht. - Zum Glück bin
+ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib
+zerreisst, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden...
+Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines
+Raubthier! Und so angenehm dabei!... Ein kleines Weib, das seiner
+Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen.
+- Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte
+am Weibe ist schon eine Form der Entartung... Bei allen sogenannten
+"schönen Seelen" giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem
+Grunde, - ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden.
+Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder
+Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit
+Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige
+Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten
+Rang. - Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist
+die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe - in ihren
+Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. -
+Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt -
+"erlöst"? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann
+ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. - "Emancipation des
+Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst
+gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, - der Kampf gegen
+den "Mann" ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem
+sie sich hinaufheben, als "Weib an sich", als "höheres Weib",
+als "Idealistin" von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes
+herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung,
+Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die
+Emancipirten die Anarchisten in der Welt des "Ewig-Weiblichen", die
+Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist... Eine
+ganze Gattung des bösartigsten "Idealismus" - der übrigens auch bei
+Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen
+alten Jungfrau - hat als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der
+Geschlechtsliebe zu vergiften... Und damit ich über meine in diesem
+Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse,
+will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster
+mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder
+wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heisst: "die Predigt
+der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede
+Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben
+durch den Begriff `unrein` ist das Verbrechen selbst am Leben, - ist
+die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens." -
+
+
+6.
+
+Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein
+curioses Stück Psychologie, das in "Jenseits von Gut und Böse"
+vorkommt, - ich verbiete übrigens jede Muthmassung darüber, wen ich
+an dieser Stelle beschreibe. "Das Genie des Herzens, wie es jener
+grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger
+der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele
+hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick
+blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu
+dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht - und
+nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang
+mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer
+innerlicher und gründlicher zu folgen... Das Genie des Herzens, das
+alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt,
+das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten
+giebt, - still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel
+auf ihnen spiegele... Das Genie des Herzens, das die tölpische
+und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den
+verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser
+Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für
+jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und
+Sandes begraben lag... Das Genie des Herzens, von dessen Berührung
+jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von
+fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber,
+sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht
+und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher
+zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben,
+voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und
+Zurückströmens..."
+
+
+
+Die Geburt der Tragödie.
+
+1.
+
+Um gegen die "Geburt der Tragödie" (1872) gerecht zu sein, wird
+man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst
+fascinirt, was an ihr verfehlt war - mit ihrer Nutzanwendung auf die
+Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war
+eben damit im Leben Wagner's ein Ereigniss: von da an gab es erst
+grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich
+daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es
+eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den
+Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei. - Ich fand die
+Schrift mehrmals citirt als "die Wiedergeburt der Tragödie aus dem
+Geiste der Musik": man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst,
+der Absicht, der Aufgabe Wagner's gehabt, - darüber wurde überhört,
+was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. "Griechenthum und
+Pessimismus": das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich
+als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem
+Pessimismus, - womit sie ihn überwanden... Die Tragödie gerade ist der
+Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer
+vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. - Mit einiger
+Neutralität in die Hand genommen, sieht die "Geburt der Tragödie" sehr
+unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter
+den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese
+Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten
+im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon
+glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch
+indifferent, - "undeutsch", wird man heute sagen - sie riecht
+anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem
+Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet. Eine "Idee" - der
+Gegensatz dionysisch und apollinisch - ins Metaphysische übersetzt;
+die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser "Idee"; in der
+Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik
+Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich
+gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen... Die Oper
+zum Beispiel und die Revolution. - Die zwei entscheidenden Neuerungen
+des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens
+bei den Griechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm
+die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das
+Verständniss des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen
+Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt.
+"Vernünftigkeit", gegen Instinkt. Die "Vernünftigkeit" um jeden Preis
+als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! - Tiefes feindseliges
+Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder
+apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe -
+die einzigen Werthe, die die "Geburt der Tragödie" anerkennt: es ist
+im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die
+äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die
+christlichen Priester wie auf eine "tückische Art von Zwergen", von
+"Unterirdischen" angespielt...
+
+
+2.
+
+Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner
+innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die
+Geschichte hat, entdeckt, - ich hatte ebendamit das wundervolle
+Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen
+war damit, dass ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig
+unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines
+psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie
+Gefahr laufen werde: - die Moral selbst als décadence-Symptom ist
+eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der
+Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche
+Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus
+hinweggesprungen! - Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: - den
+entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer
+Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in
+gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als
+typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel
+der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst,
+zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins
+selbst... Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja
+zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste,
+die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und
+aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts
+entbehrlich - die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten
+Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der
+Rangordnung der Werthe als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen,
+gutheissen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen
+Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth
+sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft nähert man
+sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für
+den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für den Schwachen,
+unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der
+Realität - das "Ideal"... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen:
+die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer
+Erhaltungs-Bedingungen. - Wer das Wort "Dionysisch" nicht nur
+begreift, sondern sich in dem Wort "dionysisch" begreift, hat keine
+Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig -
+er riecht die Verwesung...
+
+
+3.
+
+In wiefern ich ebendamit den Begriff "tragisch", die endliche
+Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden
+hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum
+Ausdruck gebracht. "Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen
+fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer
+seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das
+nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des
+tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,
+nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente
+Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über
+Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst
+Zusein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich
+schliesst..." In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den
+ersten tragischen Philosophen zu verstehn - das heisst den äussersten
+Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir
+giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches
+Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, - ich habe vergebens
+nach Anzeichen davon selbst bei den grossen Griechen der Philosophie,
+denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb
+mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir
+wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens
+und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie,
+das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler
+Ablehnung auch selbst des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter
+allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht
+worden ist. Die Lehre von der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom
+unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese
+Lehre Zarathustra's könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt
+worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre
+grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.
+
+
+4.
+
+Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir
+jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik
+zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen
+wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und
+Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die
+grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände
+nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden
+und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder
+möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen
+muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im
+Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die
+Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege
+hinter sich hat, ohne daran zu leiden... Ein Psychologe dürfte noch
+hinzufügen, dass was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik
+gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich
+die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört
+hatte, - dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und
+transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark
+als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift "Wagner in Bayreuth":
+an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die
+Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort "Zarathustra"
+hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des
+dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des
+Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen
+Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst
+hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht
+wieder. - Insgleichen hatte sich "der Gedanke von Bayreuth" in Etwas
+verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff
+sein wird: in jenen grossen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur
+grössten aller Aufgaben weihen - wer weiss? die Vision eines Festes,
+das ich noch erleben werde... Das Pathos der ersten Seiten ist
+welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die
+Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth,
+die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der
+eine unendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst
+psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur
+in die Wagners eingetragen das Nebeneinander der lichtesten und
+verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein
+Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen,
+die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit
+erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die
+Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von
+Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur
+wieder binden, nachdem er gelöst war... Man höre den welthistorischen
+Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff "tragische Gesinnung"
+eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser
+Schrift. Dies ist die fremdartigste "Objektivität", die es geben kann:
+die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf
+irgend eine zufällige Realität, - die Wahrheit über mich redete aus
+einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra
+mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und
+niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss
+Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der
+Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. -
+
+
+
+Die Unzeitgemässen.
+
+1.
+
+Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass
+ich kein "Hans der Träumer" war, dass es mir Vergnügen macht, den
+Degen zu ziehn, - vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich
+frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf
+die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne
+Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse "öffentliche Meinung".
+Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der grosse
+Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser
+Bildung - oder gar ihren Sieg über Frankreich... Die zweite
+Unzeitgemässe (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und
+-Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an's Licht -:
+das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an
+der "Unpersönlichkeit" des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der
+"Theilung der Arbeit". Der Zweck geht verloren, die Cultur: - das
+Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt... In dieser
+Abhandlung wurde der "historische Sinn", auf den dies Jahrhundert
+stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen
+des Verfalls. - In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als
+Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung
+des Begriffs "Cultur", zwei Bilder der härtesten Selbstsucht,
+Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässe Typen par excellence,
+voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum "Reich",
+"Bildung", "Christenthum", "Bismarck", "Erfolg" hiess, - Schopenhauer
+und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche...
+
+
+2.
+
+Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen
+Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll.
+Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, -
+dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht,
+vielleicht etwas ganz Anderes... Die Antwort kam von allen Seiten und
+durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich
+als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als
+Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom "alten und neuen Glauben"
+lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner
+Schrift her in der Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde,
+denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt
+hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand,
+antworteten so bieder und grob, als ich's irgendwie wünschen konnte;
+- die preussischen Entgegnungen waren klüger, - sie hatten mehr
+"Berliner Blau" in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger
+Blatt, die berüchtigten "Grenzboten"; ich hatte mühe, die entrüsteten
+Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich
+nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen
+Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehn gab, mein
+Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der
+alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner
+aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten
+Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem
+preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich
+Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff "Cultur" holen könne.
+Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor
+wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem
+Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine grosse
+Bestimmung für mich voraus, - eine Art Krisis und höchste Entscheidung
+im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten
+und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das,
+was mich zu Schopenhauer führte. - Bei weitem am besten gehört, am
+bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere
+Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen
+Deutschen, der die Feder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz
+in der "Augsburger Zeitung"; man kann ihn heute, in einer etwas
+vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier
+war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung,
+allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des
+deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen.
+Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift,
+für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der
+Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste
+polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, - in der gerade
+für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik.
+Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über
+die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute
+spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in
+gleicher Verachtung gegen die "ersten Schriftsteller" dieser Nation,
+endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken -
+jenen "höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die
+Anklagebank bringt"... Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu
+unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel
+gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer
+düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten
+Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten
+im "Reich", die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist "unter dem
+Schatten meines Schwertes"... Im Grunde hatte ich eine Maxime
+Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft
+mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt
+hatte! den ersten deutschen Freigeist!... In der That, eine ganz
+neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist
+mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und
+amerikanische Species von "libres penseurs". Mit ihnen als mit
+unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der "modernen Ideen"
+befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem
+von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit
+"verbessern", nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin,
+was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es
+verstünden, - sie glauben allesammt noch ans "Ideal"... Ich bin der
+erste Immoralist.
+
+
+3.
+
+Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten
+Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur
+psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte
+ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird
+zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das
+Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung
+bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen
+zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als
+Psychologie treiben: - ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein
+neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte,
+ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach
+seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei berühmte
+und ganz und [gar] noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man
+eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein
+Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies
+ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der
+dritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des
+Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. - Jetzt, wo ich aus
+einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniss diese
+Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss
+von mir reden. Die Schrift "Wagner in Bayreuth" ist eine Vision meiner
+Zukunft; dagegen ist in "Schopenhauer als Erzieher" meine innerste
+Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniss!...
+Was ich heute bin, wo ich heute bin - in einer Höhe, wo ich nicht mehr
+Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich
+damals noch! - Aber ich sah das Land, - ich betrog mich nicht einen
+Augenblick über Weg, Meer, Gefahr - und Erfolg! Die grosse Ruhe im
+Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche
+nicht nur eine Verheissung bleiben soll! - Hier ist jedes Wort erlebt,
+tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte
+darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der grossen
+Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als
+Einwand. - Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren
+Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff
+"Philosoph" meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch
+einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen
+"Wiederkäuern" und andren Professoren der Philosophie: darüber giebt
+diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier
+im Grunde nicht "Schopenhauer als Erzieher", sondern sein Gegensatz,
+"Nietzsche als Erzieher", zu Worte kommt. - In Anbetracht, dass damals
+mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich
+mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten
+nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein
+kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber,
+was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein
+kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um
+Eins werden zu können, - um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine
+Zeit lang auch Gelehrter sein. -
+
+
+
+Menschliches, Allzumenschliches.
+
+Mit zwei Fortsetzungen.
+
+1.
+
+"Menschliches, Allzumenschliches" ist das Denkmal einer Krisis. Es
+heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt
+einen Sieg aus - ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in
+meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der
+Titel sagt "wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich - Menschliches, ach nur
+Allzumenschliches!"... Ich kenne den Menschen besser... - In keinem
+andren Sinne will das Wort "freier Geist" hier verstanden werden: ein
+frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat.
+Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch
+klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse
+Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine
+leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In
+diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige
+Todesfeier Voltaire's ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon
+für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im
+Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem ein grandseigneur
+des Geistes: genau das, was ich auch bin. - Der Name Voltaire auf
+einer Schrift von mir - das war wirklich ein Fortschritt - zu mir...
+Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der
+alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, - wo es seine
+Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel
+in den Händen, die durchaus kein "fackelndes" Licht giebt, mit
+einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals
+hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver
+und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte
+Gliedmaassen - dies Alles selbst wäre noch "Idealismus". Ein Irrthum
+nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht
+widerlegt - es erfriert... Hier zum Beispiel erfriert "das Genie";
+eine Ecke weiter erfriert "der Heilige"; unter einem dicken Eiszapfen
+erfriert "der Held"; am Schluss erfriert "der Glaube", die sogenannte
+"Überzeugung", auch das "Mitleiden" kühlt sich bedeutend ab - fast
+überall erfriert "das Ding an sich"...
+
+
+2.
+
+Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten
+Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was
+mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff
+davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen
+waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in
+Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte... Wo war ich doch? Ich
+erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst
+blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen - eine ferne Insel der
+Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen
+Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die
+sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen
+hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? - Man hatte
+Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner
+geworden! - Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche
+Bier!... Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten
+Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des Geschmacks Wagners Kunst
+allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen "Tugenden"
+behängt wiederzufinden. - Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich
+habe drei Generationen "erlebt", vom seligen Brendel an, der Wagner
+mit Hegel verwechselte, bis zu den "Idealisten" der Bayreuther
+Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, - ich habe alle Art
+Bekenntnisse "schöner Seelen" über Wagner gehört. Ein Königreich für
+Ein gescheidtes Wort! - In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft!
+Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt
+darunter, nicht einmal der Antisemit. - Der arme Wagner! Wohin war
+er gerathen! - Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber
+unter Deutsche!... Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt,
+einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen,
+denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der "Geist"
+aus, auf den hin man das "Reich" gründete... Genug, ich reiste mitten
+drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine
+charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich
+bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in
+Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine
+Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum
+und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar",
+einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich
+vielleicht in "Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden
+lassen.
+
+
+3.
+
+Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner
+- ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der
+einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss
+ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein,
+dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit
+Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit
+bereits verschwendet sei, - wie nutzlos, wie willkürlich sich meine
+ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte
+mich dieser falschen Bescheidenheit... Zehn Jahre hinter mir, wo ganz
+eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo
+ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über
+einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike
+Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen - dahin war
+es mit mir gekommen! - Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz
+abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines
+Wissens und die "Idealitäten" taugten den Teufel was! - Ein geradezu
+brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts
+mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften,
+- selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder
+zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang.
+Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer,
+instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten "Beruf", zu dem
+man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nach einer Betäubung
+des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, - zum
+Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick
+habe ich entdeckt, dass für eine grosse Anzahl junger Männer der
+gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine
+zweite. In Deutschland, im "Reich", um unzweideutig zu reden, sind nur
+zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter
+einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen... Diese verlangen nach
+Wagner als nach einem Opiat, - sie vergessen sich, sie werden sich
+einen Augenblick los... Was sage ich! fünf bis sechs Stunden!
+
+
+4.
+
+Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch
+längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben,
+die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut - Alles schien mir
+jener unwürdigen "Selbstlosigkeit" vorziehenswerth, in die ich zuerst
+aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus
+Trägheit, aus sogenanntem "Pflichtgefühl" hängen geblieben war. -
+Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und
+gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines
+Vaters her zu Hülfe, - im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen
+Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden
+Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein
+Wohlwollen damals eingebüsst und viel noch hinzugewonnen. Die
+Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr
+aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie
+beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum
+Warten und Geduldigsein... Aber das heisst ja denken!... Meine Augen
+allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch:
+Philologie: ich war vom "Buch" erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr -
+die grösste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! - Jenes unterste
+Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem
+beständigen Hören-Müssen auf andre Selbste (- und das heisst ja
+lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, - aber endlich
+redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in
+den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur
+die "Morgenröthe" oder etwa den "Wanderer und seinen Schatten" sich
+anzusehn, um zu begreifen, was diese "Rückkehr zu mir" war: eine
+höchste Art von Genesung selbst!... Die andre folgte bloss daraus.
+
+
+5.
+
+Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen
+Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten "höheren
+Schwindel", "Idealismus", "schönen Gefühl", und andren Weiblichkeiten
+ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent
+niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine endgültige Form
+in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen
+als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der
+Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf
+dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er
+schrieb ab, er corrigirte auch, - er war im Grunde der eigentliche
+Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich
+fertig mir zu Händen kam - zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken
+-, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch
+ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes
+Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich "seinem
+theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath". -
+Diese Kreuzung der zwei Bücher - mir war's, als ob ich einen ominösen
+Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten?...
+Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir schwiegen beide. - Um
+diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff,
+wozu es höchste Zeit gewesen war. - Unglaublich! Wagner war fromm
+geworden...
+
+
+6.
+
+Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren
+Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der
+Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr
+ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir
+instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen "ich" umgieng und
+dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde,
+den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie
+überstrahlte - zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass... Andre
+waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern,
+zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt,
+dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus
+verstehn zu müssen glaubten... In Wahrheit enthielt es den Widerspruch
+gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede
+zur Genealogie der Moral nachlesen. - Die Stelle lautet: welches
+ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten
+Denker, der Verfasser des Buchs "über den Ursprung der moralischen
+Empfindungen" (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner
+ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt
+ist? "Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht
+näher als der physische - denn es giebt keine intelligible Welt..."
+Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag
+der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann
+vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft - 1890! - als die Axt
+dienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss" der Menschheit an
+die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen oder zum Fluche der
+Menschheit, wer wüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der
+erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem
+Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen Erkenntnisse
+haben...
+
+
+
+Morgenröthe.
+
+Gedanken über die Moral als Vorurtheil.
+
+1.
+
+Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es
+den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: - man wird ganz andre und
+viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige
+Feinheit in den Nüstern hat. Weder grosses, noch auch kleines
+Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel
+um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss,
+nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied
+nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen
+Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im
+Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt,
+kein Angriff, keine Bosheit, - dass es vielmehr in der Sonne liegt,
+rund, glücklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich
+sonnt. Zuletzt war ich's selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz
+des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei
+Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte.
+Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs,
+fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches
+wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten
+Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine
+kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen,
+Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu
+machen - nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes,
+der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit
+etwas Spitzem, mit der Feder... "Es giebt so viele Morgenröthen, die
+noch nicht geleuchtet haben" - diese indische Inschrift steht auf der
+Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes
+bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag - ah, eine
+ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! - anhebt? In einer Umwerthung
+aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem
+Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten,
+verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein
+Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus,
+es giebt ihnen "die Seele", das gute Gewissen, das hohe Recht und
+Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen,
+sie kommt nur nicht mehr in Betracht... Dies Buch schliesst mit einem
+"Oder?", - es ist das einzige Buch, das mit einem "Oder?" schliesst...
+
+
+2.
+
+Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der
+Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurückschaut
+und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der
+Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten
+Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus
+der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten
+Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr
+gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der
+Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch
+gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist
+deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der
+Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles
+im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine
+endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im
+Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität,
+der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon
+nicht aufkommen zu lassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den
+schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen,
+den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten "Heiligen", diesen
+Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das
+entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der Priester (-
+eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur
+innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt
+Herr geworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als
+Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen
+und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer
+über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt...
+Aber alle Welt ist mit mir uneins... Für einen Physiologen lässt
+ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des
+Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt,
+seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, "Egoismus" mit
+vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der
+Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint
+jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden
+mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der
+Menschheit: darum conservirt er das Entartende - um diesen Preis
+beherrscht er sie... Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die
+Hülfsbegriffe der Moral, "Seele", "Geist", "freier Wille", "Gott",
+wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren?... Wenn man
+den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das
+heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus
+der Verachtung des Leibes "das Heil der Seele" construirt, was ist das
+Anderes, als ein Recept zur décadence? - Der Verlust an Schwergewicht,
+der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die "Selbstlosigkeit"
+mit Einem Worte - das hiess bisher Moral... Mit der "Morgenröthe" nahm
+ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. -
+
+
+
+Die fröhliche Wissenschaft.
+
+("la gaya scienza")
+
+Die "Morgenröthe" ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig.
+Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza:
+fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen
+zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den
+wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe - das ganze
+Buch ist sein Geschenk - verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus
+hier die "Wissenschaft" fröhlich geworden ist:
+
+ Der du mit dem Flammenspeere
+ Meiner Seele Eis zertheilt,
+ Dass sie brausend nun zum Meere
+ Ihrer höchsten Hoffnung eilt:
+ Heller stets und stets gesunder,
+ Frei im liebevollsten Muss
+ Also preist sie deine Wunder,
+ Schönster Januarius!
+
+Was hier "höchste Hoffnung" heisst, wer kann darüber im Zweifel sein,
+der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten
+Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? - Oder der die granitnen Sätze
+am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle
+Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? - Die Lieder des Prinzen
+Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz
+ausdrücklich an den provencialischen Begriff der "gaya scienza", an
+jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene
+wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen
+Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, "anden Mistral",
+ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral
+hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. -
+
+
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+Ein Buch für Alle und Keinen.
+
+1.
+
+Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die
+Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese
+höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann
+-, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt
+hingeworfen, mit der Unterschrift: "6000 Fuss jenseits von Mensch und
+Zeit". Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder;
+bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte
+ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. - Rechne ich von diesem Tage ein
+paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und
+im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in
+der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik
+rechnen; - sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören,
+eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit
+Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte,
+entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast,
+einem gleichfalls "Wiedergebornen", dass der Phönix Musik mit
+leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns
+vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis
+zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen
+eintretenden Niederkunft im Februar 1883 - die Schlusspartie,
+dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe,
+wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard
+Wagner in Venedig starb - so ergeben sich achtzehn Monate für die
+Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den
+Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde
+ein Elephanten-Weibchen bin. - In die Zwischenzeit gehört die "gaya
+scienza", die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem
+hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie
+giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des
+Zarathustra. - Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus
+auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur
+vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist: ein
+vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres,
+wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos
+genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal
+zu meinem Gedächtniss singen. - Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil
+ein Missverständniss darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist
+die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals
+befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten
+des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen,
+warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. Der Schmerz gilt
+nicht als Einwand gegen das Leben: "Hast du kein Glück mehr übrig mir
+zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein..." Vielleicht hat auch
+meine Musik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht
+c. Druckfehler.) - Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener
+anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen
+Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit
+war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maassen regnerisch;
+ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe
+See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das
+Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis
+meines Satzes, dass alles Entscheidende "trotzdem", entsteht, war es
+dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein
+Zarathustra entstand. - Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung
+auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien
+vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es
+nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa
+Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft
+ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser
+Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt;
+ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum
+letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. - Auf
+diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor
+Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich...
+
+
+2.
+
+Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische
+Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit
+nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher
+zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der
+Schlussabschnitte des fünften Buchs der "gaya scienza". "Wir Neuen,
+Namenlosen, Schlechtverständlichen - heisst es daselbst - wir
+Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem
+neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit,
+einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle
+Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen
+Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle
+Küsten dieses idealischen `Mittelmeers` umschifft zu haben, wer aus
+den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem
+Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem
+Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem
+Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils:
+der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die grosse Gesundheit - eine
+solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt
+und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt, preisgeben
+muss... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir
+Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und Oft genug
+schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als
+man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund,
+- will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch
+unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn
+hat, ein jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine
+Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und
+Göttlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser
+sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu
+ersättigen sind!... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken
+und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am
+gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist
+unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun
+mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht
+nicht einmal mehr zusehn... Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein
+wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir
+Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht
+darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst
+ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem
+spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den
+das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits
+so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie
+Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das
+Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens,
+welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn
+es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige
+Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie
+deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt - und mit dem,
+trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche
+Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet,
+der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt."
+
+
+3.
+
+- Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen
+Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten?
+Im andren Falle will ich's beschreiben. Mit dem geringsten Rest von
+Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss
+Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu
+sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn,
+dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas
+sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und
+umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht
+nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz
+leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern,
+- ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzükkung, deren ungeheure
+Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der
+Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes
+Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner
+Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe,
+in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt,
+sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige
+Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt
+rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt - die
+Länge, das Bedürfniss nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe
+das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen
+deren Druck und Spannung... Alles geschieht im höchsten Grade
+unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von
+Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit... Die Unfreiwilligkeit des
+Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff
+mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste,
+der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an
+ein Wort Zarathustra's zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen
+und sich zum Gleichnisse anböten (- "hier kommen alle Dinge liebkosend
+zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken
+reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier
+springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will
+hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen -"). Dies
+ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man
+Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen
+darf "es ist auch die meine".
+
+
+4.
+
+Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein
+schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm - es war
+nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des
+Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig
+gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, - ich
+wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft
+gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die
+Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen
+meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den
+Zweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder
+zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden,
+nachdem mich meine Mühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht
+hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst
+aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob
+man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. - Auf einer
+loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht
+und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied
+gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese
+Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich
+herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand "todt vor
+Unsterblichkeit..." Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der
+erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich
+den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle,
+weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im
+Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza's, der damals
+zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten
+Zarathustra - und war fertig. Kaum ein Jahr, für's Ganze gerechnet.
+Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza's sind mir
+durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie,
+welche den Titel "von alten und neuen Tafeln" trägt, wurde im
+beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren
+maurischen Felsenneste Eza gedichtet, - die Muskel-Behendheit war
+bei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten
+floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die "Seele" aus dem
+Spiele... Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne
+einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs
+sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ich war von einer
+vollkomm[n]en Rüstigkeit und Geduld.
+
+
+5.
+
+Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor
+Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst
+es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei
+Lebzeiten. - Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne:
+alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht,
+unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist
+er nunmehr schwach - er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr
+nicht mehr in's Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie
+wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit
+eingeknüpft ist - und es nunmehr auf sich haben!... Es zerdrückt
+beinahe.. - Die rancune des Grossen! - Ein Andres ist die schauerliche
+Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht
+Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde:
+neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im besten Falle eine Art Revolte.
+Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast
+von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tiefer
+beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, - die vornehmen
+Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. -
+Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche,
+eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der
+ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede
+schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten
+heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit
+gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. - Ich wage
+noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungern sich bewegt,
+den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, - dem
+Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff
+ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer
+Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken,
+noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich...
+
+
+6.
+
+Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite:
+es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss
+von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff "dionysisch" wurde
+hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von
+menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein
+Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft
+und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustra
+gehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit
+erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die
+Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die
+Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und
+giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in
+der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: "ich
+schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen
+mit mir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer
+heiligeren Bergen." Man rechne den Geist und die Güte aller grossen
+Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede
+Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er
+auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter
+gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser
+jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer
+neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der
+menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste
+strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss
+bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger,
+was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der
+Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen
+worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine
+Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet
+hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die
+Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher
+unerrathenen Zukünften. Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die
+bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache
+zur Natur der Bildlichkeit. - Und wie Zarathustra herabsteigt und
+zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die
+Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet!
+- Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff
+"Übermensch" ward hier höchste Realität, - in einer unendlichen Ferne
+liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm. Das
+Halkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und
+Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra.
+ist nie geträumt worden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt
+sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum
+Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man
+hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach
+seinem Gleichniss zu suchen.
+
+- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter
+kann,
+
+die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren
+und schweifen kann,
+
+die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt,
+
+die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen
+und Verlangen will -
+
+die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen
+einholt,
+
+die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet,
+
+die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
+Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben - -
+
+Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine
+andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra
+ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut,
+zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines
+neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal,
+ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste
+und jenseitigste sein kann - Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der,
+welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat,
+welcher den "abgründlichsten Gedanken" gedacht hat, trotzdem darin
+keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige
+Wiederkunft findet, - vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja
+zu allen Dingen selbst zu sein, "das ungeheure unbegrenzte Ja- und
+Amen-sagen"... "In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes
+Jasagen"... Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.
+
+
+7.
+
+- Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich
+allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des
+Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18)
+mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche
+Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste
+Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme,
+zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die
+Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt
+zu sein, nicht zu lieben.
+
+Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
+meine Seele ist ein springender Brunnen.
+
+Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
+meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
+
+Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine
+Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der
+Liebe.
+
+Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine
+Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
+
+Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten
+des Lichts saugen!
+
+Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
+Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
+
+Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
+zurück, die aus mir brechen.
+
+Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
+dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
+
+Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
+das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
+Nächte der Sehnsucht.
+
+Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
+Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!
+
+Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
+zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
+überbrücken.
+
+Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen,
+welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, - also
+hungere ich nach Bosheit.
+
+Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
+dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich
+nach Bosheit.
+
+Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner
+Einsamkeit.
+
+Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
+selber müde an ihrem Überflusse!
+
+Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere;
+wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
+Austheilen.
+
+Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine
+Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.
+
+Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
+Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
+
+Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
+mit ihrem Lichte - mir schweigen sie.
+
+Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes:
+erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
+
+Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen -
+also wandelt jede Sonne.
+
+Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem
+unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
+
+Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft
+aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des
+Lichtes Eutern!
+
+Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
+ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.
+
+Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
+Und Einsamkeit!
+
+Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach
+Rede verlangt mich.
+
+Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
+meine Seele ist ein springender Brunnen.
+
+Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine
+Seele ist das Lied eines Liebenden. -
+
+
+8.
+
+Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden:
+so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen
+Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne... Wer
+weiss ausser mir, was Ariadne ist!... Von allen solchen Räthseln hatte
+Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, dass je jemand auch hier
+nur Räthsel sah. - Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine
+Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht
+vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur
+Erlösung auch alles Vergangenen.
+
+Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener
+Zukunft, die ich schaue.
+
+Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
+zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.
+
+Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
+Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre?
+
+Die Vergangnen zu erlösen und alles "Es war" umzuschaffen in ein "So
+wollte ich es!" das hiesse mir erst Erlösung.
+
+An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn
+allein "der Mensch" sein kann - kein Gegenstand der Liebe oder gar des
+Mitleidens - auch über den grossen Ekel am Menschen ist Zarathustra
+Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein
+hässlicher Stein, der des Bildners bedarf.
+
+Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh
+dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!
+
+Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust;
+und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil
+Wille zur Zeugung in ihr ist.
+
+Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu
+schaffen, wenn Götter - da wären?
+
+Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger
+Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
+
+Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der
+Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
+
+Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
+stäuben Stücke: was schiert mich das!
+
+Vollenden will ich's, denn ein Schatten kam zu mir, - aller Dinge
+Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!
+
+Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich
+noch - die Götter an!...
+
+Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers
+giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte
+des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender Weise
+zu den Vorbedingungen. Der Imperativ "werdet hart!", die unterste
+Gewissheit darüber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das
+eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. -
+
+
+
+Jenseits von Gut und Böse.
+
+Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
+
+1.
+
+Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich
+vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war,
+kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die
+Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, - die
+Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet
+der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke
+heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten würden. - Von da an sind
+alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut
+als jemand auf Angeln?... Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld
+nicht an mir. Die Fische fehlten...
+
+
+2.
+
+Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität,
+die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die
+moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem
+Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen,
+einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule
+des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er
+je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur
+auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben... Alle die
+Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu
+diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte
+"Objektivität" zum Beispiel, das "Mitgefühl mit allem Leidenden",
+der "historische Sinn" mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem
+Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die
+"Wissenschaftlichkeit". - Erwägt man, dass das Buch nach dem
+Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische
+régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine
+ungeheure Nöthigung fern zu sehn - Zarathustra ist weitsichtiger noch
+als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns
+scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der
+Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden,
+aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form,
+in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde,
+die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit
+gehandhabt, - das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts... Alles
+das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche
+Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht?...
+Theologisch geredet - man höre zu, denn ich rede selten als Theologe
+- war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks
+unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott
+zu sein... Er hatte Alles zu schön gemacht... Der Teufel ist bloss der
+Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage...
+
+
+
+Genealogie der Moral.
+
+Eine Streitschrift.
+
+Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind
+vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der
+Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist.
+Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. - Jedes Mal
+ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch
+selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich
+mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten
+aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, - bis endlich ein
+tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts
+treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen
+Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar.
+- Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des
+Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des
+Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem "Geiste",
+- eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen
+die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die
+Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt
+wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der
+Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach
+aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten
+und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht
+gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher
+die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals,
+stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille
+zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter
+den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute
+de mieux, - weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen
+Concurrenten hatte. "Denn der Mensch will lieber noch das Nichts
+wollen als nicht wollen"... Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal - bis auf
+Zarathustra. - Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten
+eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. - Dies Buch
+enthält die erste Psychologie des Priesters.
+
+
+
+Götzen-Dämmerung.
+
+Wie man mit dem Hammer philosophirt.
+
+1.
+
+Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll
+im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass
+ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt
+die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres,
+Umwerfenderes, - Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon
+geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang
+mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heisst, ist ganz
+einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung -
+auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit...
+
+
+2.
+
+Es giebt keine Realität, keine "Idealität", die in dieser
+Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger
+Euphemismus!...) Nicht bloss die ewigen Götzen, auch die
+allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die "modernen Ideen" zum
+Beispiel. Ein grosser Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall
+fallen Früchte nieder - Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines
+allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt
+selbst einige todt, - es sind ihrer zu viele...
+
+Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr,
+das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für "Wahrheiten"
+in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites
+Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir "der Wille" ein
+Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher
+abwärts lief... Die schiefe Bahn - man nannte sie den Weg zur
+"Wahrheit"... Es ist zu Ende mit allem "dunklen Drang", der gute
+Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst...
+Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg
+aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben,
+vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter...
+Eben damit bin ich auch ein Schicksal. - -
+
+
+3.
+
+Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur
+einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung
+an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt,
+jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen
+mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das
+Vorwort entstand am 3. September 1888: als ich Morgens, nach dieser
+Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir,
+den das Oberengadin mir je gezeigt hat - durchsichtig, glühend in den
+Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich
+schliessend. - Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria, durch
+Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast
+dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines
+unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen,
+sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief
+in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an,
+meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die
+gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via
+Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in
+dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo
+Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich
+einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es
+war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September
+grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Müssiggang eines Gottes
+am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur
+"Götzen-Dämmerung", deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im
+September gewesen war. - Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt,
+auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, - ein Claude
+Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger
+Vollkommenheit.
+
+
+
+Der Fall Wagner.
+
+Ein Musikanten-Problem.
+
+1.
+
+Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der
+Musik wie an einer offnen Wunde leiden. - Woran ich leide, wenn
+ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren
+weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, - dass sie
+décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist... Gesetzt
+aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache,
+wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift
+voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen
+Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten - ridendo dicere
+severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde - ist die
+Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der
+alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein
+schweres Geschütz aufzufahren? - Ich hielt alles Entscheidende in
+dieser Sache bei mir zurück, - ich habe Wagner geliebt. - Zuletzt
+liegt ein Angriff auf einen feineren "Unbekannten", den nicht leicht
+ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe - oh ich habe noch
+ganz andre "Unbekannte" aufzudecken als einen Cagliostro der Musik
+- noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer
+träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation,
+die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen
+zu nähren und den "Glauben" so gut wie die Wissenschaftlichkeit,
+die "christliche Liebe" so gut wie den Antisemitismus, den Willen
+zur Macht (zum "Reich") so gut wie das évangile des humbles
+ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt... Dieser Mangel an
+Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und
+"Selbstlosigkeit"! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der
+Allem gleiche Rechte giebt, - der Alles schmackhaft findet... Ohne
+allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten... Als ich das letzte Mal
+Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern
+und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich
+selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der
+echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch,
+keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen
+Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung
+listiger Kirchenmusik... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind
+Idealisten...
+
+
+2.
+
+Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen
+ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von
+ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern
+der grosse Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich
+abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswürste der Politik (oder
+der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen in Acht
+gethan. Man muss vorerst "deutsch" sein, "Rasse" sein, dann kann man
+über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden - man setzt
+sie fest... "Deutsch" ist ein Argument, "Deutschland, Deutschland über
+Alles" ein Princip, die Germanen sind die "sittliche Weltordnung"
+in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger
+der Freiheit, im Verhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die
+Wiederhersteller der Moral, des "kategorischen Imperativs",... Es
+giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich,
+selbst eine antisemitische, - es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung
+und Herr von Treitschke schämt sich nicht... Jüngst machte ein
+Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen
+ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen
+als eine "Wahrheit", zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: "Die
+Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes
+- die aesthetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt." - Bei
+solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust,
+ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was
+sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen
+von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen!... Und immer
+aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der
+Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei
+ihnen Instinkt gewordnen Unwahrhaftigkeit, aus "Idealismus"... Die
+Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten grossen
+Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine
+höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden,
+die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der
+Niedergangs-Werthe zum Sieg gelangt waren - und bis in die Instinkte
+der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch, hat
+die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum
+wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag... Das Christenthum,
+diese Religion gewordne Verneinung des Willens zum Leben!... Luther,
+ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner "Unmöglichkeit",
+die Kirche angriff und sie - folglich! - wiederherstellte... Die
+Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu
+dichten... Luther - und die "sittliche Wiedergeburt"! Zum Teufel mit
+aller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die
+Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und
+Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine
+vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum
+alten "Ideal", Versöhnungen zwischen Wahrheit und "Ideal", im Grunde
+Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht
+auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant - diese zwei grössten
+Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa's! -
+Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei
+décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille
+sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische
+und wirtschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen,
+mit ihren "Freiheits-Kriegen" Europa um den Sinn, um das Wunder von
+Sinn in der Existenz Napoleon's gebracht, - sie haben damit Alles,
+was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste
+Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus, diese
+névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der
+Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst
+um seinen Sinn, um seine Vernunft - sie haben es in eine Sackgasse
+gebracht. - Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse?...
+Eine Aufgabe gross genug, die Völker wieder zu binden?...
+
+
+3.
+
+- Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die
+Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus
+einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis
+jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser
+machen. - Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu
+sein!... Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen,
+Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immer mehr sein? -
+Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter
+zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste"
+Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel,
+Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind
+Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass
+der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der
+Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei
+von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet
+wird. Der "deutsche Geist" ist meine schlechte Luft: ich athme schwer
+in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis,
+die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein
+siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die
+Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in
+Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, - sie haben bis
+heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der
+Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse... Und wenn
+man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt
+beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er
+hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal
+flach. - Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese
+Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über
+sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort "deutsch" nicht als
+internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in
+Vorschlag bringen? - In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der
+deutsche Kaiser seine "christliche Pflicht", die Sklaven in Afrika
+zu befreien: unter uns andren Europäern hiesse das dann einfach
+"deutsch"... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das
+Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist,
+geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief
+hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von
+Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen
+Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren
+begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen...
+
+
+4.
+
+- Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen
+Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter
+der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den
+deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren
+ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) - die Deutschen sind für mich
+unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen
+Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das
+Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenprüfe", ist, ob er ein
+Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung
+zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man
+gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den
+weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die
+Deutschen sind canaille - ach! sie sind so gutmüthig... Man erniedrigt
+sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich...
+Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard
+Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt...
+Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen
+erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr
+unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht... Ich halte
+diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft
+ist, die keine Finger für nuances hat - wehe mir! ich bin eine nuance
+-, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann...
+Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine...
+Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber
+das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie schämen sich nicht
+einmal, bloss Deutsche zu sein... Sie reden über Alles mit, sie halten
+sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich
+entschieden... - Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese
+Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von
+délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen.
+Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin
+ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert
+nicht, dass ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am
+wenigsten meine Freunde, - ich hoffe zuletzt, dass dies meiner
+Humanität gegen sie keinen Abbruch gethan hat! Es giebt fünf, sechs
+Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. -
+Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren
+erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im
+Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass... Ich sage es jedem
+meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie der Mühe für werth genug
+hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den
+kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was
+gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr
+darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige
+Anmaassung?... Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine
+Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde
+Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein
+Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des
+Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde
+empörte... An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen
+über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit
+noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen
+gehalten hat? - Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das
+Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur.
+Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die
+welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor
+dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in
+Convulsionen versetzen wird, den "Fall Wagner" in die Welt geschickt:
+die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen
+und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! - Ist das erreicht? - Zum
+Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment...
+Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen,
+eine alte Freundin, sie lache jetzt über mich... Und dies in einem
+Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, - wo
+kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen' mich sein
+kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. -
+
+
+
+Warum ich ein Schicksal bin.
+
+1.
+
+Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die
+Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es
+keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine
+Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt,
+gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.
+- Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter -
+Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach
+der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen... Ich will keine
+"Gläubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu
+glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche
+Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird
+errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten,
+dass man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber
+noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem
+oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher
+als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist
+furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. - Umwerthung aller
+Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung
+der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos
+will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich
+gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss... Ich
+erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge
+als Lüge empfand - roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... Ich
+widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der
+Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter,
+wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff
+dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen.
+Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses.
+Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt,
+werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine
+Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden
+ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg
+aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft
+gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben,
+wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf
+Erden grosse Politik.
+
+
+2.
+
+Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? - Sie
+steht in meinem Zarathustra.
+
+- und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein
+Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.
+
+Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die
+schöpferische.
+
+Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat;
+dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich
+kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum
+Vernichten gemäss ist, - in Beidem gehorche ich meiner dionysischen
+Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin
+der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. -
+
+
+3.
+
+Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was
+gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name
+Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes
+Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil.
+Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das
+eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, - die Übersetzung der
+Moral in's Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist
+sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort.
+Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral:
+folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur,
+dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker -
+die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz
+der sogenannten "sittlichen Weltordnung" -: das Wichtigere ist,
+Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und
+sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst den
+Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die
+Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als
+alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen
+schiessen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich?... Die
+Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung
+des Moralisten in seinen Gegensatz - in mich - das bedeutet in meinem
+Munde der Name Zarathustra.
+
+
+4.
+
+Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich
+schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der
+höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine
+andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und
+Herrschaft gekommen ist, die décadence-Moral, handgreiflicher geredet,
+die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als
+den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des
+Wohlwollens, ins Grosse gerechnet, mir bereits als Folge der décadence
+gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden
+und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten
+Bedingung. - Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten
+Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muss
+man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, - muss man
+seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist
+die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis,
+wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um
+jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der
+Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen
+jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt
+als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die
+niaiserie par excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in
+seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es
+der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen - aus Mitleiden etwa
+mit den armen Leuten... In der grossen Ökonomie des Ganzen sind die
+Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden,
+im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger
+als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte "Güte"; man
+muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der
+Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu
+gönnen. Ich werde einen grossen Anlass haben, die über die Maassen
+unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines
+optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste,
+der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist
+und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen reden nie die
+Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten;
+in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den
+Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum
+Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges
+Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles
+"guter Mensch", Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, "schöne Seele"
+- oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden
+solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse
+die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei
+herunterbringen. - Und dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man
+Moral... In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald "die letzten
+Menschen", bald den "Anfang vom Ende"; vor Allem empfindet er sie als
+die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit
+als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen.
+
+Die Guten - die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom
+Ende -
+
+- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
+opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!
+
+Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende...
+
+Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden
+der Guten ist der schädlichste Schaden.
+
+
+5.
+
+Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich ein Freund
+der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art
+aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art
+geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das
+Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss
+der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die
+Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" für ihre Optik
+in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den
+schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen
+Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der "Besten" gerade sei
+es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe;
+aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, "fortzuschweben
+in ferne Zukünfte", - er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch,
+ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniss zu den Guten
+übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen
+Teufel nennen würden...
+
+Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel
+an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen
+Übermenschen - Teufel heissen!
+
+So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der
+Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte...
+
+An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen,
+um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er
+concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug
+dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst,
+sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich,
+damit erst kann der Mensch Grösse haben...
+
+
+6.
+
+- Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist
+zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz
+darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit
+abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt:
+dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte
+psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war
+bisher die Circe aller Denker, - sie standen in ihrem Dienst. - Wer
+ist vor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser
+Art von Ideal - der Weltverleumdung! - emporquillt? Wer hat auch nur
+zu ahnen gewagt, dass es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter
+den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz "höherer
+Schwindler" "Idealist"? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie.
+- Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein
+Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste... Der Ekel am
+Menschen ist meine Gefahr...
+
+
+7.
+
+Hat man mich verstanden? - Was mich abgrenzt, was mich bei Seite
+stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche
+Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das
+den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher
+die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die grösste Unsauberkeit,
+die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner
+Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jede
+Ursächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei
+in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem
+Christenthum ist das Verbrechen par excellence - das Verbrechen am
+Leben... Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten,
+die Philosophen und die alten Weiber - fünf, sechs Augenblicke der
+Geschichte abgerechnet, mich als siebenten - in diesem Punkte sind sie
+alle einander würdig. Der Christ war bisher das "moralische Wesen",
+ein. Curiosum ohne Gleichen - und, als "moralisches Wesen", absürder,
+verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch
+der grösste Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte.
+Die christliche Moral - die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die
+eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist
+nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick entsetzt,
+nicht der Jahrtausende lange Mangel an "gutem Willen", an Zucht, an
+Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verräth:
+- es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche
+Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren
+empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der
+Menschheit hängen blieb!... In diesem Maasse sich vergreifen, nicht
+als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit!... Dass man die
+allerersten Instinkte des Leben[s] verachten lehrte; dass man eine
+"Seele", einen "Geist" erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; dass
+man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas
+Unreines empfinden lehrt; dass man in der tiefsten Nothwendigkeit
+zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (- das Wort schon
+ist verleumderisch! -) das böse Princip sucht; dass man
+umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der
+Instinkt-Widersprüchlichkeit, im "Selbstlosen", im Verlust an
+Schwergewicht, in der "Entpersönlichung" und "Nächstenliebe" (-
+Nächstensucht!) den höheren Werth, was sage ich! den Werth an sich
+sieht!... Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie
+es immer? - Was feststeht, ist, dass ihr nur Décadence-Werthe als
+oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die
+Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache "ich gehe zu Grunde",
+in den Imperativ übersetzt: "ihr sollt alle zu Grunde gehn" - und
+nicht nur in den Imperativ!... Diese einzige Moral, die bisher gelehrt
+worden ist, die Entselbstungs-Moral, verräth einen Willen zum Ende,
+sie verneint im untersten Grunde das Leben. - Hier bliebe die
+Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern
+nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der
+Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, - die in der
+christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth... Und in der That,
+das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit,
+Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents: daher die
+Umwerthung aller Werthe ins Lebensfeindliche, daher die Moral...
+Definition der Moral: Moral - die Idiosynkrasie von décadents, mit
+der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen - und mit Erfolg. Ich lege
+Werth auf diese Definition. -
+
+
+8.
+
+- Hat man mich verstanden? - Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich
+nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte.
+- Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das
+nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie
+aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, - er bricht die
+Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt
+nach ihm... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am
+Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn,
+ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher
+"Wahrheit" hiess, ist als die schädlichste, tückischste,
+unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die
+Menschheit zu "verbessern" als die List, das Leben selbst auszusaugen,
+blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus... Wer die Moral entdeckt,
+hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder
+geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig
+gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die
+verhängnissvollste Art von Missgeburten darin, verhängnissvoll, weil
+sie fascinirten... Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz-Begriff
+zum Leben, - in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische,
+die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit
+gebracht! Der Begriff "Jenseits", "wahre Welt" erfunden, um die
+einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, - um kein Ziel, keine
+Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten!
+Der Begriff "Seele", "Geist", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele",
+erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - "heilig" - zu
+machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von
+Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit,
+Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der
+Gesundheit das "Heil der Seele" - will sagen eine folie circulaire
+zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff "Sünde"
+erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff "freier
+Wille", um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen
+die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des
+"Selbstlosen", des "Sich-selbst-Verleugnenden" das eigentliche
+décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das
+Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum
+Werthzeichen überhaupt gemacht, zur "Pflicht", zur "Heiligkeit", zum
+"Göttlichen" im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im
+Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken,
+Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was
+zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal
+aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den
+jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen
+gemacht - dieser heisst nunmehr der Böse... Und das Alles wurde
+geglaubt als Moral! - Ecrasez l'infâme!--
+
+
+9.
+
+- Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ECCE HOMO ***
+
+This file should be named 7202-8.txt or 7202-8.zip
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
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+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
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+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
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+method other than by check or money order.
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+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
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+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
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+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
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+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
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+ or other equivalent proprietary form).
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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