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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:29:11 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Ecce Homo + +Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche + +Release Date: January, 2005 [EBook #7202] +[This file was first posted on March 26, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ECCE HOMO *** + + + + +This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - +DE" (http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/eccehomo/eccehomo.htm), +prepared by juergen@redestb.es. + + + + +Friedrich Nietzsche + +Ecce homo + +Wie man wird, was man ist + + + + +Vorwort + +1. + +In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung +an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, +scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte +man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das +Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der +Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass +man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen +eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich +lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im +Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht +lebe... Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die +im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte +revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der. +Verwechselt mich vor Allem nicht! + + +2. + +Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich +bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als +tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu +meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich +zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese +nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese +Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren +und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, +was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von +mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, +was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für +"Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man +hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre +Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre +Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und +die Realität... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der +Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten +Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der +umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die +Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre. + + +3. + +Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine +Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, +sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis +ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im +Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! - +Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das +freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden +und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher +in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche +Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher +moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht +sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie +ihrer grossen Namen kam für mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit +erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer +mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal +-) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft, +jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der +Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die +Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in +vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man +verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. - + + +4. + +Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe +mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher +gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende +hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche +Höhenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne +unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum +der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den +kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen. +Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von +Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. +Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen +halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht +erbarmungswürdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es, welche +den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die +Welt." + +Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem +sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen +Feigen. + +Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun +trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und +reiner Himmel und Nachmittag - + +Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird +nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und +Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche +Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu +den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu +sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben... Ist +Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?... Aber was sagt er doch +selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt? +Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger", +"Welt-Erlöser" und andrer décadent in einem solchen Falle sagen +würde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders... + +Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! +So will ich es. + +Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: +schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch. + +Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss +auch seine Freunde hassen können. + +Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler +bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen? + +Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? +Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage! + +Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! +Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen! + +Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle +Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben. + +Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn +ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren... + +Friedrich Nietzsche. + + + + +Inhalt + + Warum ich so weise bin. + Warum ich so klug bin. + Warum ich so gute Bücher schreibe. + Geburt der Tragödie. + Die Unzeitgemässen. + Menschliches, Allzumenschliches. + Morgenröthe. + La gaya scienza. + Also sprach Zarathustra. + Jenseits von Gut und Böse. + Genealogie der Moral. + Götzen-Dämmerung. + Der Fall Wagner. + Warum ich ein Schicksal bin. + Kriegserklärung. + Der Hammer redet + + + + +An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube +braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah +rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf +einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, +ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist +unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben +und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung - Alles Geschenke dieses +Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem +ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben. + + + +Warum ich so weise bin. + +1. + +Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem +Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein +Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. +Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten +Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang - dies, +wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei +im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht +auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine +feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par +excellence hierfür, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater +starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und +morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, - eher eine +gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen +Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im +sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt +meiner Vitalität, - ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor +mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur +nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den +nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in +Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten" +entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf +Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte +jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an +Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenröthe" hervor. Die +vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche +das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur +mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem +Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner +dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich +bringt, - besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und +dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen +Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug +bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als +Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall: +im Fall des Sokrates. - Alle krankhaften Störungen des Intellekts, +selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis +heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit +ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut +läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können. +Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte +schliesslich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur +nervös." Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; +kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge +der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems. +Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich +annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an +Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange, +allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet +leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence. +Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence +erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst +jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger +für nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und was sonst +mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk +jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung +selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach +gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle +und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche +Arbeit des Décadence-Instinkts - das war meine längste Übung, meine +eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister. +Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven +umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine +"Umwerthung der Werthe" überhaupt möglich ist. + + +2. + +Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen +Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv +gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während +der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als +summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich +décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung +aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr +besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen - das verräth die unbedingte +Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm +mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die +Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das zugeben - ist, dass man +im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund +werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch +Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum +Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene +lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich +selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen +Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, - ich machte +aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie... +Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität +waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der +Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und +Entmuthigung... Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit! +Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus +einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich +ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine +Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er +erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu +seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er +sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe: +er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist +immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder +Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt, +indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener +Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm +angezüchtet haben, - er prüft den Reiz, der herankommt, er ist +fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an "Unglück", noch +an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu +vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen +muss. - Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich +beschrieb eben mich. + + +3. + +Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt +zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem +er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre +Prediger - sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit +berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur +sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am +wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die +unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine +Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben +wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die +ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen +Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet +eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den +Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen höchsten +Augenblicken,... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm +zu wehren... Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche +disharmonia praestabilita... Aber ich bekenne, dass der tiefste +Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgründlicher +Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. - Aber auch als Pole bin ich +ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben, +um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse +instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles, +was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, - +ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein +Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen +anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner +ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig +sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste +Mann war... Der Rest ist Schweigen... Alle herrschenden Begriffe über +Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht +überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem +Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre +das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein. +Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf +sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen. +Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber +Julius Cäsar könnte mein Vater sein - oder Alexander, dieser leibhafte +Dionysos... In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die +Post mir einen Dionysos-Kopf... + + +4. + +Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das +verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn +es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das +unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man +mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall +abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen +gegen mich gehabt hätte, - vielleicht aber etwas zu viel Spuren +von gutem Willen... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen +Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren +Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam. +In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler +Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine +Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall +bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner +Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so +verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werden kann +- ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm +etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den +"Instrumenten" selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört +hätten... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung +gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter +Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend, +dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch, +der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in +den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in +den Dühring'schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen +Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe +gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die +gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss +über Bayreuth, - aber er wollte mir's nicht glauben... Wenn trotzdem +an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war +nicht "der Wille", am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon +hätte ich mich - ich deutete es eben an - über den guten Willen zu +beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat. +Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt +hinsichtlich der sogenannten "selbstlosen" Triebe, der gesammten zu +Rath und That bereiten "Nächstenliebe". Sie gilt mir an sich als +Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, - +das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den +Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl +vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn +nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich +sieht, - dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch +in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein +Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung +des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als +"Versuchung Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein grosser +Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn +überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, +hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren +und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen +Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe +vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat - sein eigentlicher +Beweis von Kraft... + + +5. + +Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal +und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich +jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff +"Vergeltung" so unzugänglich ist wie etwa der Begriff "gleiche +Rechte", verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr +grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede +Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede +"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit +so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie +vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit +Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden... Man hat nur Etwas +an mir schlimm zu machen, ich "vergelte" es, dessen sei man sicher: +ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethäter" meinen Dank +auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) - oder ihn um Etwas zu +bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben... Auch scheint es +mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch +honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast +immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein +Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten +Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind +dyspeptisch. - Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt +wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und, +inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. - +Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu +haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun +als Unrecht, - nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen +wäre erst göttlich. + + +6. + +Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment - +wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu +Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss +es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn +irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend +gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche +Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe +wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig +zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, - Alles verletzt. Mensch +und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, +die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art +Ressentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses +Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus +ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu +hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen, +an sich nehmen, in sich hineinnehmen, - überhaupt nicht mehr +reagiren... Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht +immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter +den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des +Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf. +Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir, +der wochenlang in einem Grabe schläft... Weil man zu schnell sich +verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht +mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab, +als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte +Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach +der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist für Erschöpfte +sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch +von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen, +zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das +Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken - sein Böses: +leider auch sein natürlichster Hang. - Das begriff jener tiefe +Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene +bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie +das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von +dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster +Schritt zur Genesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu +Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am +Anfang der Lehre Buddha's - so redet nicht die Moral, so redet die +Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem +schädlicher als dem Schwachen selbst, - im andern Falle, wo eine +reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein +Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums +ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den +Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein +aufgenommen hat - der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein +Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persönliches +Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an's +Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als +schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war, +verbot ich sie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus", +von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe +unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie +einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, - es +war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, - als +sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stören, mich +gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: - in Wahrheit war +es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. - Sich selbst wie ein Fatum +nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zuständen die +grosse Vernunft selbst. + + +7. + +Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch. +Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein +- das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es +bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich +sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig +zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum +Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut +wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. - Die Stärke des Angreifenden +hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes +Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners - +oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch +Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über +Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine +ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen +hat, - über gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde - erste +Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann +man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich +sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier +Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich +sind, - ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens: +ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde, +wo ich allein stehe, - wo ich mich allein compromittire... Ich habe +nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das +ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie +Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken +Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber +schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen +kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines +altersschwachen Buchs bei der deutschen "Bildung", - ich ertappte +diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer +die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer "Cultur", +welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Grossen +verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede +Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer +Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des +Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne +aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person +verbinde: für oder wider - das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem +Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von +dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, - die +ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein +Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen +nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist. + + +8. + +Darf ich noch. einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen, +der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit +macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des +Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder - was sage ich? - +das Innerlichste, die "Eingeweide" jeder Seele physiologisch wahrnehme +- rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner, +mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Hand bekomme: der +viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in +schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir +fast bei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet +habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen +die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht +wohlriechender... So wie ich mich immer gewöhnt habe - eine extreme +Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme +um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere +ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen +durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr +mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht +nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, +dass ich ihn mitfühle... Meine Humanität ist eine beständige +Selbstüberwindung. - Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen, +Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden +Luft... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die +Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit... +Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. - Wer Augen für Farben hat, +wird ihn diamanten nennen. - Der Ekel am Menschen, am "Gesindel" war +immer meine grösste Gefahr... Will man die Worte hören, in denen +Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet? + +Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte +mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen +sitzt? + +Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? +Wahrlich, in's Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust +wiederfände!- + +Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born +der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt! + +Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den +Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst. + +Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig +strömt dir noch mein Herz entgegen: + +- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, +schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner +Kühle! + +Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die +Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und +Sommer-Mittag, + +- ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh +kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! + +Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen +wir hier allen Unreinen und ihrem Durste. + +Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie +sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner +Reinheit. + +Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen +Speise bringen in ihren Schnäbeln! + +Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer +würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen. + +Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! +Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern! + +Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern, +Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde. + +Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit +meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft. + +Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und +solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: +hütet euch, gegen den Wind zu speien!... + + + +Warum ich so klug bin. + +1. + +- Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich +habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, - ich habe mich +nicht verschwendet. - Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum +Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen, +in wiefern ich "sündhaft" sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein +zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach +dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichts +Achtbares... Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich +lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen +grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim +schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man +that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art "böser Blick". Etwas, das +fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug +- das gehört eher schon zu meiner Moral. - "Gott", "Unsterblichkeit +der Seele", "Erlösung", "Jenseits" lauter Begriffe, denen ich keine +Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind +nicht, - ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? - Ich kenne den +Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: +er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu +fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu +lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns +Denker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr +sollt nicht denken!... Ganz anders interessirt mich eine Frage, +an der mehr das "Heil der Menschheit" hängt, als an irgend einer +Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum +Handgebrauch, so formuliren: "wie hast gerade du dich zu ernähren, +um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von +moralinfreier Tugend zu kommen?" - Meine Erfahrungen sind hier so +schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört, +aus diesen Erfahrungen so spät "Vernunft" gelernt zu haben. Nur +die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung - ihr +"Idealismus" - erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier +rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese "Bildung", welche von +vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus +problematischen, sogenannten "idealen" Zielen nachzujagen, zum +Beispiel der "klassischen Bildung": - als ob es nicht von vornherein +verurtheilt wäre, "klassisch", und "deutsch" in Einen Begriff zu +einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, - man denke sich einmal einen +"klassisch gebildeten" Leipziger! - In der That, ich habe bis zu +meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, - moralisch +ausgedrückt "unpersönlich", "selbstlos", "altruistisch", zum Heil +der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch +Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer's +(1865), sehr ernsthaft meinen "Willen zum Leben". Sich zum Zweck +unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben - dies Problem +schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen. +(Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die +deutsche Küche überhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! +Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16. +Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die +fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise +zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen +Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen +dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes - aus +betrübten Eingeweiden... Der deutsche Geist ist eine Indigestion, +er wird mit Nichts fertig. - Aber auch die englische Diät, die, im +Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art +"Rückkehr zur Natur", nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen +Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere +Füsse giebt - Engländerinnen-Füsse... Die beste Küche ist die +Piemont's. - Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier +des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein "Jammerthal" zu +machen, - in München leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies +ein wenig spät begriff, erlebt habe ich's eigentlich von Kindesbeinen +an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs +nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. +Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein +mit schuld ist. Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich +Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität +ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, +stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es +sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine +Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache +niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in +der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit +nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu +giessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta +war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch +vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen +Schulpforta... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich +mich freilich immer strenger gegen jedwedes "geistige" Getränk: ich, +ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, +der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte +Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. +Wasser thut's... Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, +aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines +Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass +ich auch hier wieder über den Begriff "Wahrheit" mit aller Welt +uneins bin: - bei mir schwebt der Geist über dem Wasser... Ein paar +Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter +zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in +Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man +muss die Grösse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind +jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne +Opferfeste nenne, die an der table d'hôte. - Keine Zwischenmahlzeiten, +keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber +energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn +er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft +zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten +Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine +Tasse dicken entölten Cacao's den Anfang machen lassen. - So wenig als +möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien +geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln +ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. - Das +Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die eigentliche Sünde wider +den heiligen Geist. + + +2. + +Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort +und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer grosse +Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat +hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den +Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass +ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe +entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er +bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug +bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit +erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein... Eine zur +schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit +genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas +"Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, +um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen. +Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur +Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der "Geist" +selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die +Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz, +Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig +sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft. +Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen - diese Namen beweisen +Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel, +- das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit, +grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen. +Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter +Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng, +verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte +zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die +Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der +Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und +meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr +feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise +schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der +Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit +Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben bis auf die +letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in +falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg, +Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel - ebenso viele +Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner +ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre +es eine Thorheit, hier sogenannte "moralische" Ursachen geltend +zu machen, - etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender +Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand, +ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die +Unwissenheit in physiologicis - der verfluchte "Idealismus" - ist das +eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dumme +darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine +Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses +"Idealismus" erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen +Instinkt-Abirrungen und "Bescheidenheiten" abseits der Aufgabe meines +Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde - warum zum Mindesten +nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner +Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung +eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher +Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften, +ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede +feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es +war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine "Selbstlosigkeit", ein +Vergessen seiner Distanz, - Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als +ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende war, wurde +ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens - den +"Idealismus". Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. - + + +3. + +Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte, +worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl +seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein +Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst +Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen +Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in +fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, - was ich +nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In +tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich +hüten, jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und +das hiesse ja lesen... Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener +tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde +den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von +aussen her zu vehement wirkt, zu tief "einschlägt"? Man muss dem +Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn; +eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten +der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder +Gedanke heimlich über die Mauer steigt? - Und das hiesse ja lesen... +Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der +Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr +gescheuten Bücher! - Werden es deutsche Bücher sein?... Ich muss ein +Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand +ertappe. Was war es doch? - Eine ausgezeichnete Studie von Victor +Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut +benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem +so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!... Sonst nehme ich +meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im +Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht +nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht +mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu +lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher +schon zu meinem Instinkte, als "Toleranz", "largeur du coeur" und +andre "Nächstenliebe"... Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer +Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur +an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa +"Bildung" nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der +deutschen Bildung... Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in +Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau +Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks, +die ich gehört habe... Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als +das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst +leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten +Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne's +Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe habe; dass +mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht +ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt: +das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten +Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht +ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und +zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im +jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise - denn ihre Zahl ist gar nicht +klein - die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole +France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse +hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin, +Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar +ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie +verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das +Missverständniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit +Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den +Geist in Frankreich "erlöst"... Stendhal, einer der schönsten Zufälle +meines Lebens - denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall, +niemals eine Empfehlung mir zugetrieben - ist ganz unschätzbar mit +seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff, +der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue +Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine +in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, - Prosper +Mérimée in Ehren... Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch? +Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte +machen können: "die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht +existirt"... Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste +Einwand gegen das Dasein bisher? Gott... + + +4. + +Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich +suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich +süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit, +ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, - ich schätze +den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den +Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. - Und wie er +das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei +weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind - in +einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit +ihr gemacht haben. - Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein: +ich fand alle diese Abgründe in mir, - mit dreizehn Jahren war ich für +dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche +in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die +Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann. +Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine +Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte, +dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an +der Euterpe. - Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche, +so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipirt hat. +Dergleichen erräth man nicht, - man ist es oder man ist es nicht. Der +grosse Dichter schöpft nur aus seiner Realität - bis zu dem Grade, +dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält... Wenn, ich einen +Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde +im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von +Schluchzen Herr zu werden. - Ich kenne keine herzzerreissendere +Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um +dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! - Versteht man den +Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig +macht... Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu +fühlen... Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit... Und, dass ich +es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord +Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten +Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz +amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten +Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten +Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie +selbst voraus... Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem +ersten Realisten in jedem grossen Sinn des Wortes, um zu wissen, was +er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat... Und zum +Teufel, mein[e] Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra +auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den von Richard +Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht, +zu errathen, dass der Verfasser von "Menschliches, Allzumenschliches" +der Visionär des Zarathustra ist... + + +5. + +Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort +nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei +weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen +Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse +den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen +Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des +Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle - der tiefen +Augenblicke... Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: +über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. - Und hiermit +komme ich nochmals auf Frankreich zurück, - ich habe keine Gründe, +ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc +genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn +sich ähnlich finden... So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten +Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Nähe eines Deutschen +meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das +erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als +Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle "deutschen +Tugenden" - Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder +gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff +"deutsch"; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, - wir +werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es +ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt, +ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht... +Wohlan! Wagner war ein Revolutionär - er lief vor den Deutschen +davon... Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris; +die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner's Kunst +voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität, +findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft +in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène - es ist der +Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen +Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser +Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig - Wagner war durchaus +nicht gutmüthig... Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in +"Jenseits von Gut und Böse" S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem +er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik, +jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern +wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von +Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen +durch und durch... Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner's +überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix +verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht +von Artisten wiedererkannt hat - er war vielleicht auch der letzte... +Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen +condescendirte, - dass er reichsdeutsch wurde... Soweit Deutschland +reicht, verdirbt es die Cultur. - + + +6. + +Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne +Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man +von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch +nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift +gegen alles Deutsche par excellence, - Gift, ich bestreite es nicht... +Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab - +mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ich Wagnerianer. Die älteren +Werke Wagner's sah ich unter mir - noch zu gemein, zu "deutsch"... +Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher +Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit, +wie der Tristan ist, - ich suche in allen Künsten vergebens. Alle +Fremdheiten Lionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone +des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's; er +erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder +werden - das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner... Ich +nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade +unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so +weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für +den, der niemals krank genug für diese "Wollust der Hölle" gewesen +ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel +anzuwenden. - Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand das +Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen, +zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark +genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum +Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den +grossen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass +wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses +Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder +zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein +Missverständniss ist, so gewiss bin ich's und werde es immer sein. - +Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst, +meine Herrn Germanen!... Aber das holt man nicht nach. + + +7. + +Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich +eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein +Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein +kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmuth ist... ich werde nie +zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man +deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven, +Croaten, Italiäner, Niederländer - oder Juden; im andren Falle +Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich +Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um +gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei +Gründen, Wagner's Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die +vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt +noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist - diesseits... Ich +würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der +Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich +jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein +andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig. +Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich +weiss das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu +denken. + + An der Brücke stand + jüngst ich in brauner Nacht. + Fernher kam Gesang: + goldener Tropfen quoll's + über die zitternde Fläche weg. + Gondeln, Lichter, Musik + trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus... + + Meine Seele, ein Saitenspiel, + sang sich, unsichtbar berührt, + heimlich ein Gondellied dazu, + zitternd vor bunter Seligkeit. + - Hörte Jemand ihr zu?... + + +8. + +In Alledem - in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung +- gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der +Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn, +nicht hören, nicht an sich herankommen lassen - erste Klugheit, erster +Beweis dafür, dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das +gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. +Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine +"Selbstlosigkeit" sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein +zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer +wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass +Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit +werdend, eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung +bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das +Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche +sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft. +Man kann, bloss in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug +werden, um sich nicht mehr wehren zu können. - Gesetzt, ich trete aus +meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen +Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren +haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten +und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche +Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, +Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber +zum Igel werden? - Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein +doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben, +sondern offne Hände... + +Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man +so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen +entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine "Freiheit", seine Initiative +gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als +Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur +noch Bücher "wälzt" - der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags +ungefähr 200 - verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich +aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf +einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er reagirt +zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und +Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, - er selber denkt +nicht mehr... Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe +geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der +Gelehrte - ein décadent. - Das habe ich mit Augen gesehn: begabte, +reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren "zu +Schanden gelesen", bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss, +damit sie Funken - "Gedanken" geben. - Frühmorgens beim Anbruch des +Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch +lesen - das nenne ich lasterhaft! - - + + +9. + +An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf +die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich +das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung - der Selbstsucht... +Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal +der Aufgabe über ein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt, +so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe +zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist, setzt voraus, +dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem +Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren +eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die +Verzögerungen, die "Bescheidenheiten", der Ernst, auf Aufgaben +verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse +Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck [kommen]: wo +nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen, +Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen +zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben +für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der +härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem +ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der "selbstlosen" +Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht, +Selbstzucht. - Man muss die ganze Oberfläche des Bewusstseins - +Bewusstsein ist eine Oberfläche - rein erhalten von irgend einem der +grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder +grossen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh "sich +versteht" - - Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur +Herrschaft berufne "Idee" in der Tiefe, - sie beginnt zu befehlen, +sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet +einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum +Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, - sie bildet der Reihe +nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der +dominirenden Aufgabe, von "Ziel", "Zweck", "Sinn" verlauten lässt. - +Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll. +Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen +nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor +Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne dass diese sich stören, +zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu +trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts "versöhnen"; +eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist - +dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft +meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark, +dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst, +- dass alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten +Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner +Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, - es ist kein Zug von +Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer +heroischen Natur. Etwas "wollen", nach Etwas "streben", einen "Zweck", +einen "Wunsch" im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung. +Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft - eine weite +Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich +auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als +es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer +gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem +vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um +Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten... So +war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, - ich hatte nie +im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr +alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne, +dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von +meinem Lehrer Ritschl für sein "Rheinisches Museum" zum Druck verlangt +wurde ( Ritschl - ich sage es mit Verehrung - der einzige geniale +Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene +angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der +sogar ein Deutscher sympathisch wird: - wir ziehn selbst, um zur +Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit +diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke, +durchaus nicht unterschätzt haben...) + + +10. + +An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird mich +fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem +Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst +damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten bestimmt sei. +Antwort: diese kleinen Dinge Ernährung, Ort, Clima, Erholung, die +ganze Casuistik der Selbstsucht - sind über alle Begriffe hinaus +wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muss man +anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen +hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger +geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten +Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe "Gott", "Seele", +"Tugend", "Sünde", "Jenseits", "Wahrheit", "ewiges Leben"... Aber man +hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre "Göttlichkeit" in ihnen +gesucht... Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der +Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man +die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, - dass man die +"kleinen" Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens +selber verachten lehrte... Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade +zweideutig... Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob +nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben +wäre!... Das, was heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr. +- Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was +hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe +ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse. +Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste +Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese +angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen überhaupt, - sie sind +für mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und +rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde +unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen... Ich will dazu +der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle +Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug +an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft +geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus +sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine +anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos +der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig +hat, ist falsch... Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! - Das +Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste +von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes +gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges +gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht - oder vormacht, mit einer +Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug +von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende +Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich +schlief nie besser. - Ich kenne keine andre Art, mit grossen Aufgaben +zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine +wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene, +irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen +Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk!... Man darf keine Nerven +haben... Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, - ich habe +immer nur an der "Vielsamkeit" gelitten... In einer absurd frühen +Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein +menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt +gesehn? - Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen +Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in +dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung. +Wen ich verachte, der erräth, dass er von mir verachtet wird: ich +empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe +hat... Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man +Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle +Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger +verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -, +sondern es lieben... + + + +Warum ich so gute Bücher schreibe. + +1. + +Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. - Hier werde, +bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder +Nicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so +nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist +durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an +der Zeit, Einige werden posthum geboren -- Irgend wann wird man +Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben +und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene +Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre +ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und +Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass +man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich, +es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden, +- dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele. - Nochmals +gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von "bösem Willen"; +auch von litterarischem "bösen Willen" wüsste ich kaum einen Fall zu +erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit... Es scheint mir eine +der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er +ein Buch von mir in die Hand nimmt, - ich nehme selbst an, er zieht +dazu die Schuhe aus, - nicht von Stiefeln zu reden... Als sich einmal +der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus +meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung: +sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine +höhere Stufe der Sterblichen hinauf als "moderne" Menschen erreichen +könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur +wünschen, von den "Modernen", die ich kenne -, gelesen zu werden! - +Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer's war, +- ich sage "non legor, non legar". - Nicht, dass ich das Vergnügen +unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu +meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit, +wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden +Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu +bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität +wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form +bedienen: so Etwas lese Niemand. - Zuletzt war es nicht Deutschland, +sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein +Aufsatz des Dr. V. Widmann im "Bund", über "Jenseits von Gut und +Böse", unter dem Titel "Nietzsche's gefährliches Buch", und ein +Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl +Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben - ich +hüte mich zu sagen wovon... Letzterer behandelte zum Beispiel meinen +Zarathustra als "höhere Stilübung", mit dem Wunsche, ich möchte später +doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung +vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen +Gefühle bemühe. - Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder +Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf +den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als +alle "Werthe umzuwerthen", um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise, +über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen - statt meinen Kopf mit +einem Nagel zu treffen... Um so mehr versuche ich eine Erklärung. - +Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr +heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her +keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen +äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die +gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur +seltneren Erfahrung liegen, - dass es die erste Sprache für eine neue +Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört, +mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts +da ist -. Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und, +wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir +verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht, +nach seinem Bilde, - nicht selten einen Gegensatz von mir, zum +Beispiel einen "Idealisten"; wer Nichts von mir verstanden hatte, +leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. - Das Wort "Übermensch" +zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz +zu "modernen" Menschen, zu "guten" Menschen, zu Christen und andren +Nihilisten - ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters +der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit +voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren +Gegensatz in der Figur Zarathustra's zur Erscheinung gebracht worden +ist, will sagen als "idealistischer" Typus einer höheren Art Mensch, +halb "Heiliger", halb "Genie"... Andres gelehrtes Hornvieh hat mich +seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so +boshaft abgelehnte "Heroen-Cultus", jenes grossen Falschmünzers wider +Wissen und Willen, Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich +ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia +als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. - Dass +ich gegen Besprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen, +ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine +Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von +dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu +Gesicht, was über ein einzelnes Buch - es war "Jenseits von Gut und +Böse" - gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber +abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung - eine +preussische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst +lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats - allen Ernstes das Buch +als ein "Zeichen der Zeit" zu verstehn wusste, als die echte rechte +Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche? + + +2. + +Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser - +lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen +und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies +unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in +Kopenhagen, in Paris und New-York - überall bin ich entdeckt: ich +bin es nicht in Europa's Flachland Deutschland... Und, dass ich es +bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die +weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber +wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt +sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten +geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben, +bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihren Trauben zusammengesucht +haben. Soweit muss man Philosoph sein. - Man nennt nicht umsonst die +Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird +sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre. +Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens +bis zur Verlegenheit... Deutsch denken, deutsch fühlen - ich kann +Alles, aber das geht über meine Kräfte... Mein alter Lehrer Ritschl +behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen +Abhandlungen wie ein Pariser romancier - absurd spannend. In Paris +selbst ist man erstaunt über "toutes mes audaces et finesses" - der +Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten +Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt, +das niemals dumm - "deutsch" - wird, esprit... Ich kann nicht anders. +Gott helfe mir! Amen. - Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus +Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass +ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig +die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir +verstanden?... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein +welthistorisches Unthier, - ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf +griechisch, der Antichrist... + + +3. + +Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in +einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an +meine Schriften den Geschmack "verdirbt". Man hält einfach andre +Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine +Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt +einzutreten, - man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist +zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir +aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen +des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich +kenne Abgründe, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir +gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen, +- ich störte selbst die Nachtruhe... Es giebt durchaus keine stolzere +und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da +das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man +muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten +Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon, +ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben, +man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die +Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige, +das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein +Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins Gesicht. Ich habe +an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die +verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften +zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will, +meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei "unpersönlich": man +wünscht mir Glück, wieder "so weit" zu sein, - auch ergäbe sich ein +Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons... Die vollkommen +lasterhaften "Geister", die "schönen Seelen", die in Grund und Boden +Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern +anfangen sollen, - folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne +Folgerichtigkeit aller "schönen Seelen". Das Hornvieh unter meinen +Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei +nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel... Ich +habe dies selbst über den Zarathustra gehört... Insgleichen ist jeder +"Femininismus" im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich: +man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten. +Man muss sich selbst nie geschont haben, man muss die Härte in seinen +Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth +und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers +ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus, +ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner +Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu +sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt +hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen? + +Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen +Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, - + +euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit +Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird: + +- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo +ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen... + + +4. + +Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des +Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen, +eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen - das ist der Sinn +jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei +mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des +Stils - die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein +Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand +wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der +Zeichen, über die Gebärden - alle Gesetze der Periode sind Kunst der +Gebärde - nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. - Guter +Stil an sich - eine reine Thorheit, blosser "Idealismus", etwa, +wie das "Schöne an sich", wie das "Gute an sich", wie das "Ding an +sich"... Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt - dass es +Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass +die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. - Mein Zarathustra +zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen - ach! er wird noch +lange zu suchen haben! - Man muss dessen werth sein, ihn zu hören... +Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier +verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen, +von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu +verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache +möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am +härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der +deutschen Sprache kann, - was man überhaupt mit der Sprache kann. +- Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik +zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von +übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem +Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, "die sieben +Siegel", überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was +bisher Poesie hiess. + + +5. + +- Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines +Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter +Leser gelangt - ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest, +wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über +die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den +Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen, +Kohlköpfen - erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum +Beispiel jener Glaube, dass "unegoistisch" und "egoistisch" Gegensätze +sind, während das ego selbst bloss ein "höherer Schwindel", ein +"Ideal" ist... Es giebt weder egoistische, noch unegoistische +Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der +Satz "der Mensch strebt nach Glück"... Oder der Satz "das Glück +ist der Lohn der Tugend"... Oder der Satz "Lust und Unlust sind +Gegensätze"... Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle +psychologica in Grund und Boden gefälscht - vermoralisirt - bis zu +jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches" +sein soll... Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen +beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen +zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus +selbstlosen, aus bloss objektiven Männern... Darf ich anbei die +Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner +dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste +Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine +alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die +"Emancipirten", denen das Zeug zu Kindern abgeht. - Zum Glück bin +ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib +zerreisst, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden... +Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines +Raubthier! Und so angenehm dabei!... Ein kleines Weib, das seiner +Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen. +- Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte +am Weibe ist schon eine Form der Entartung... Bei allen sogenannten +"schönen Seelen" giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem +Grunde, - ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden. +Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder +Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit +Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige +Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten +Rang. - Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist +die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe - in ihren +Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. - +Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt - +"erlöst"? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann +ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. - "Emancipation des +Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst +gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, - der Kampf gegen +den "Mann" ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem +sie sich hinaufheben, als "Weib an sich", als "höheres Weib", +als "Idealistin" von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes +herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung, +Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die +Emancipirten die Anarchisten in der Welt des "Ewig-Weiblichen", die +Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist... Eine +ganze Gattung des bösartigsten "Idealismus" - der übrigens auch bei +Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen +alten Jungfrau - hat als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der +Geschlechtsliebe zu vergiften... Und damit ich über meine in diesem +Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse, +will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster +mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder +wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heisst: "die Predigt +der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede +Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben +durch den Begriff `unrein` ist das Verbrechen selbst am Leben, - ist +die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens." - + + +6. + +Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein +curioses Stück Psychologie, das in "Jenseits von Gut und Böse" +vorkommt, - ich verbiete übrigens jede Muthmassung darüber, wen ich +an dieser Stelle beschreibe. "Das Genie des Herzens, wie es jener +grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger +der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele +hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick +blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu +dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht - und +nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang +mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer +innerlicher und gründlicher zu folgen... Das Genie des Herzens, das +alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, +das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten +giebt, - still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel +auf ihnen spiegele... Das Genie des Herzens, das die tölpische +und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den +verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser +Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für +jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und +Sandes begraben lag... Das Genie des Herzens, von dessen Berührung +jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von +fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber, +sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht +und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher +zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, +voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und +Zurückströmens..." + + + +Die Geburt der Tragödie. + +1. + +Um gegen die "Geburt der Tragödie" (1872) gerecht zu sein, wird +man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst +fascinirt, was an ihr verfehlt war - mit ihrer Nutzanwendung auf die +Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war +eben damit im Leben Wagner's ein Ereigniss: von da an gab es erst +grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich +daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es +eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den +Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei. - Ich fand die +Schrift mehrmals citirt als "die Wiedergeburt der Tragödie aus dem +Geiste der Musik": man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst, +der Absicht, der Aufgabe Wagner's gehabt, - darüber wurde überhört, +was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. "Griechenthum und +Pessimismus": das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich +als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem +Pessimismus, - womit sie ihn überwanden... Die Tragödie gerade ist der +Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer +vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. - Mit einiger +Neutralität in die Hand genommen, sieht die "Geburt der Tragödie" sehr +unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter +den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese +Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten +im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon +glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch +indifferent, - "undeutsch", wird man heute sagen - sie riecht +anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem +Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet. Eine "Idee" - der +Gegensatz dionysisch und apollinisch - ins Metaphysische übersetzt; +die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser "Idee"; in der +Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik +Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich +gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen... Die Oper +zum Beispiel und die Revolution. - Die zwei entscheidenden Neuerungen +des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens +bei den Griechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm +die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das +Verständniss des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen +Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt. +"Vernünftigkeit", gegen Instinkt. Die "Vernünftigkeit" um jeden Preis +als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! - Tiefes feindseliges +Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder +apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe - +die einzigen Werthe, die die "Geburt der Tragödie" anerkennt: es ist +im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die +äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die +christlichen Priester wie auf eine "tückische Art von Zwergen", von +"Unterirdischen" angespielt... + + +2. + +Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner +innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die +Geschichte hat, entdeckt, - ich hatte ebendamit das wundervolle +Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen +war damit, dass ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig +unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines +psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie +Gefahr laufen werde: - die Moral selbst als décadence-Symptom ist +eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der +Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche +Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus +hinweggesprungen! - Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: - den +entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer +Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in +gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als +typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel +der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, +zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins +selbst... Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja +zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste, +die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und +aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts +entbehrlich - die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten +Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der +Rangordnung der Werthe als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen, +gutheissen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen +Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth +sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft nähert man +sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für +den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für den Schwachen, +unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der +Realität - das "Ideal"... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen: +die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer +Erhaltungs-Bedingungen. - Wer das Wort "Dionysisch" nicht nur +begreift, sondern sich in dem Wort "dionysisch" begreift, hat keine +Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig - +er riecht die Verwesung... + + +3. + +In wiefern ich ebendamit den Begriff "tragisch", die endliche +Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden +hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum +Ausdruck gebracht. "Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen +fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer +seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das +nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des +tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, +nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente +Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über +Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst +Zusein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich +schliesst..." In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den +ersten tragischen Philosophen zu verstehn - das heisst den äussersten +Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir +giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches +Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, - ich habe vergebens +nach Anzeichen davon selbst bei den grossen Griechen der Philosophie, +denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb +mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir +wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens +und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, +das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler +Ablehnung auch selbst des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter +allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht +worden ist. Die Lehre von der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom +unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese +Lehre Zarathustra's könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt +worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre +grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon. + + +4. + +Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir +jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik +zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen +wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und +Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die +grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände +nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden +und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder +möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen +muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im +Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die +Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege +hinter sich hat, ohne daran zu leiden... Ein Psychologe dürfte noch +hinzufügen, dass was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik +gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich +die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört +hatte, - dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und +transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark +als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift "Wagner in Bayreuth": +an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die +Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort "Zarathustra" +hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des +dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des +Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen +Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst +hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht +wieder. - Insgleichen hatte sich "der Gedanke von Bayreuth" in Etwas +verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff +sein wird: in jenen grossen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur +grössten aller Aufgaben weihen - wer weiss? die Vision eines Festes, +das ich noch erleben werde... Das Pathos der ersten Seiten ist +welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die +Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth, +die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der +eine unendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst +psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur +in die Wagners eingetragen das Nebeneinander der lichtesten und +verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein +Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen, +die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit +erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die +Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von +Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur +wieder binden, nachdem er gelöst war... Man höre den welthistorischen +Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff "tragische Gesinnung" +eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser +Schrift. Dies ist die fremdartigste "Objektivität", die es geben kann: +die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf +irgend eine zufällige Realität, - die Wahrheit über mich redete aus +einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra +mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und +niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss +Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der +Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. - + + + +Die Unzeitgemässen. + +1. + +Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass +ich kein "Hans der Träumer" war, dass es mir Vergnügen macht, den +Degen zu ziehn, - vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich +frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf +die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne +Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse "öffentliche Meinung". +Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der grosse +Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser +Bildung - oder gar ihren Sieg über Frankreich... Die zweite +Unzeitgemässe (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und +-Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an's Licht -: +das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an +der "Unpersönlichkeit" des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der +"Theilung der Arbeit". Der Zweck geht verloren, die Cultur: - das +Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt... In dieser +Abhandlung wurde der "historische Sinn", auf den dies Jahrhundert +stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen +des Verfalls. - In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als +Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung +des Begriffs "Cultur", zwei Bilder der härtesten Selbstsucht, +Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässe Typen par excellence, +voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum "Reich", +"Bildung", "Christenthum", "Bismarck", "Erfolg" hiess, - Schopenhauer +und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche... + + +2. + +Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen +Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll. +Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, - +dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht, +vielleicht etwas ganz Anderes... Die Antwort kam von allen Seiten und +durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich +als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als +Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom "alten und neuen Glauben" +lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner +Schrift her in der Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde, +denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt +hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand, +antworteten so bieder und grob, als ich's irgendwie wünschen konnte; +- die preussischen Entgegnungen waren klüger, - sie hatten mehr +"Berliner Blau" in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger +Blatt, die berüchtigten "Grenzboten"; ich hatte mühe, die entrüsteten +Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich +nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen +Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehn gab, mein +Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der +alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner +aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten +Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem +preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich +Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff "Cultur" holen könne. +Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor +wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem +Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine grosse +Bestimmung für mich voraus, - eine Art Krisis und höchste Entscheidung +im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten +und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das, +was mich zu Schopenhauer führte. - Bei weitem am besten gehört, am +bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere +Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen +Deutschen, der die Feder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz +in der "Augsburger Zeitung"; man kann ihn heute, in einer etwas +vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier +war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung, +allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des +deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen. +Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift, +für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der +Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste +polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, - in der gerade +für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik. +Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über +die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute +spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in +gleicher Verachtung gegen die "ersten Schriftsteller" dieser Nation, +endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken - +jenen "höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die +Anklagebank bringt"... Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu +unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel +gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer +düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten +Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten +im "Reich", die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist "unter dem +Schatten meines Schwertes"... Im Grunde hatte ich eine Maxime +Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft +mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt +hatte! den ersten deutschen Freigeist!... In der That, eine ganz +neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist +mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und +amerikanische Species von "libres penseurs". Mit ihnen als mit +unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der "modernen Ideen" +befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem +von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit +"verbessern", nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin, +was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es +verstünden, - sie glauben allesammt noch ans "Ideal"... Ich bin der +erste Immoralist. + + +3. + +Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten +Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur +psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte +ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird +zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das +Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung +bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen +zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als +Psychologie treiben: - ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein +neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte, +ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach +seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei berühmte +und ganz und [gar] noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man +eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein +Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies +ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der +dritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des +Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. - Jetzt, wo ich aus +einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniss diese +Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss +von mir reden. Die Schrift "Wagner in Bayreuth" ist eine Vision meiner +Zukunft; dagegen ist in "Schopenhauer als Erzieher" meine innerste +Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniss!... +Was ich heute bin, wo ich heute bin - in einer Höhe, wo ich nicht mehr +Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich +damals noch! - Aber ich sah das Land, - ich betrog mich nicht einen +Augenblick über Weg, Meer, Gefahr - und Erfolg! Die grosse Ruhe im +Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche +nicht nur eine Verheissung bleiben soll! - Hier ist jedes Wort erlebt, +tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte +darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der grossen +Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als +Einwand. - Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren +Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff +"Philosoph" meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch +einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen +"Wiederkäuern" und andren Professoren der Philosophie: darüber giebt +diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier +im Grunde nicht "Schopenhauer als Erzieher", sondern sein Gegensatz, +"Nietzsche als Erzieher", zu Worte kommt. - In Anbetracht, dass damals +mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich +mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten +nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein +kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber, +was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein +kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um +Eins werden zu können, - um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine +Zeit lang auch Gelehrter sein. - + + + +Menschliches, Allzumenschliches. + +Mit zwei Fortsetzungen. + +1. + +"Menschliches, Allzumenschliches" ist das Denkmal einer Krisis. Es +heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt +einen Sieg aus - ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in +meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der +Titel sagt "wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich - Menschliches, ach nur +Allzumenschliches!"... Ich kenne den Menschen besser... - In keinem +andren Sinne will das Wort "freier Geist" hier verstanden werden: ein +frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat. +Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch +klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse +Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine +leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In +diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige +Todesfeier Voltaire's ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon +für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im +Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem ein grandseigneur +des Geistes: genau das, was ich auch bin. - Der Name Voltaire auf +einer Schrift von mir - das war wirklich ein Fortschritt - zu mir... +Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der +alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, - wo es seine +Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel +in den Händen, die durchaus kein "fackelndes" Licht giebt, mit +einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals +hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver +und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte +Gliedmaassen - dies Alles selbst wäre noch "Idealismus". Ein Irrthum +nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht +widerlegt - es erfriert... Hier zum Beispiel erfriert "das Genie"; +eine Ecke weiter erfriert "der Heilige"; unter einem dicken Eiszapfen +erfriert "der Held"; am Schluss erfriert "der Glaube", die sogenannte +"Überzeugung", auch das "Mitleiden" kühlt sich bedeutend ab - fast +überall erfriert "das Ding an sich"... + + +2. + +Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten +Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was +mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff +davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen +waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in +Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte... Wo war ich doch? Ich +erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst +blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen - eine ferne Insel der +Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen +Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die +sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen +hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? - Man hatte +Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner +geworden! - Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche +Bier!... Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten +Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des Geschmacks Wagners Kunst +allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen "Tugenden" +behängt wiederzufinden. - Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich +habe drei Generationen "erlebt", vom seligen Brendel an, der Wagner +mit Hegel verwechselte, bis zu den "Idealisten" der Bayreuther +Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, - ich habe alle Art +Bekenntnisse "schöner Seelen" über Wagner gehört. Ein Königreich für +Ein gescheidtes Wort! - In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft! +Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt +darunter, nicht einmal der Antisemit. - Der arme Wagner! Wohin war +er gerathen! - Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber +unter Deutsche!... Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, +einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, +denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der "Geist" +aus, auf den hin man das "Reich" gründete... Genug, ich reiste mitten +drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine +charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich +bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in +Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine +Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum +und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar", +einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich +vielleicht in "Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden +lassen. + + +3. + +Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner +- ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der +einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss +ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein, +dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit +Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit +bereits verschwendet sei, - wie nutzlos, wie willkürlich sich meine +ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte +mich dieser falschen Bescheidenheit... Zehn Jahre hinter mir, wo ganz +eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo +ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über +einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike +Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen - dahin war +es mit mir gekommen! - Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz +abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines +Wissens und die "Idealitäten" taugten den Teufel was! - Ein geradezu +brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts +mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften, +- selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder +zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang. +Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer, +instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten "Beruf", zu dem +man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nach einer Betäubung +des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, - zum +Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick +habe ich entdeckt, dass für eine grosse Anzahl junger Männer der +gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine +zweite. In Deutschland, im "Reich", um unzweideutig zu reden, sind nur +zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter +einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen... Diese verlangen nach +Wagner als nach einem Opiat, - sie vergessen sich, sie werden sich +einen Augenblick los... Was sage ich! fünf bis sechs Stunden! + + +4. + +Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch +längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben, +die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut - Alles schien mir +jener unwürdigen "Selbstlosigkeit" vorziehenswerth, in die ich zuerst +aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus +Trägheit, aus sogenanntem "Pflichtgefühl" hängen geblieben war. - +Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und +gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines +Vaters her zu Hülfe, - im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen +Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden +Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein +Wohlwollen damals eingebüsst und viel noch hinzugewonnen. Die +Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr +aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie +beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum +Warten und Geduldigsein... Aber das heisst ja denken!... Meine Augen +allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch: +Philologie: ich war vom "Buch" erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr - +die grösste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! - Jenes unterste +Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem +beständigen Hören-Müssen auf andre Selbste (- und das heisst ja +lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, - aber endlich +redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in +den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur +die "Morgenröthe" oder etwa den "Wanderer und seinen Schatten" sich +anzusehn, um zu begreifen, was diese "Rückkehr zu mir" war: eine +höchste Art von Genesung selbst!... Die andre folgte bloss daraus. + + +5. + +Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen +Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten "höheren +Schwindel", "Idealismus", "schönen Gefühl", und andren Weiblichkeiten +ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent +niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine endgültige Form +in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen +als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der +Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf +dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er +schrieb ab, er corrigirte auch, - er war im Grunde der eigentliche +Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich +fertig mir zu Händen kam - zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken +-, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch +ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes +Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich "seinem +theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath". - +Diese Kreuzung der zwei Bücher - mir war's, als ob ich einen ominösen +Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten?... +Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir schwiegen beide. - Um +diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff, +wozu es höchste Zeit gewesen war. - Unglaublich! Wagner war fromm +geworden... + + +6. + +Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren +Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der +Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr +ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir +instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen "ich" umgieng und +dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde, +den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie +überstrahlte - zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass... Andre +waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern, +zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt, +dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus +verstehn zu müssen glaubten... In Wahrheit enthielt es den Widerspruch +gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede +zur Genealogie der Moral nachlesen. - Die Stelle lautet: welches +ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten +Denker, der Verfasser des Buchs "über den Ursprung der moralischen +Empfindungen" (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner +ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt +ist? "Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht +näher als der physische - denn es giebt keine intelligible Welt..." +Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag +der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann +vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft - 1890! - als die Axt +dienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss" der Menschheit an +die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen oder zum Fluche der +Menschheit, wer wüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der +erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem +Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen Erkenntnisse +haben... + + + +Morgenröthe. + +Gedanken über die Moral als Vorurtheil. + +1. + +Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es +den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: - man wird ganz andre und +viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige +Feinheit in den Nüstern hat. Weder grosses, noch auch kleines +Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel +um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss, +nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied +nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen +Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im +Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt, +kein Angriff, keine Bosheit, - dass es vielmehr in der Sonne liegt, +rund, glücklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich +sonnt. Zuletzt war ich's selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz +des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei +Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte. +Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs, +fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches +wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten +Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine +kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen, +Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu +machen - nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes, +der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit +etwas Spitzem, mit der Feder... "Es giebt so viele Morgenröthen, die +noch nicht geleuchtet haben" - diese indische Inschrift steht auf der +Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes +bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag - ah, eine +ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! - anhebt? In einer Umwerthung +aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem +Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten, +verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein +Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus, +es giebt ihnen "die Seele", das gute Gewissen, das hohe Recht und +Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen, +sie kommt nur nicht mehr in Betracht... Dies Buch schliesst mit einem +"Oder?", - es ist das einzige Buch, das mit einem "Oder?" schliesst... + + +2. + +Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der +Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurückschaut +und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der +Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten +Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus +der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten +Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr +gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der +Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch +gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist +deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der +Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles +im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine +endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im +Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität, +der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon +nicht aufkommen zu lassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den +schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen, +den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten "Heiligen", diesen +Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das +entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der Priester (- +eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur +innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt +Herr geworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als +Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen +und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer +über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt... +Aber alle Welt ist mit mir uneins... Für einen Physiologen lässt +ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des +Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt, +seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, "Egoismus" mit +vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der +Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint +jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden +mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der +Menschheit: darum conservirt er das Entartende - um diesen Preis +beherrscht er sie... Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die +Hülfsbegriffe der Moral, "Seele", "Geist", "freier Wille", "Gott", +wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren?... Wenn man +den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das +heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus +der Verachtung des Leibes "das Heil der Seele" construirt, was ist das +Anderes, als ein Recept zur décadence? - Der Verlust an Schwergewicht, +der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die "Selbstlosigkeit" +mit Einem Worte - das hiess bisher Moral... Mit der "Morgenröthe" nahm +ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. - + + + +Die fröhliche Wissenschaft. + +("la gaya scienza") + +Die "Morgenröthe" ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig. +Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza: +fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen +zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den +wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe - das ganze +Buch ist sein Geschenk - verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus +hier die "Wissenschaft" fröhlich geworden ist: + + Der du mit dem Flammenspeere + Meiner Seele Eis zertheilt, + Dass sie brausend nun zum Meere + Ihrer höchsten Hoffnung eilt: + Heller stets und stets gesunder, + Frei im liebevollsten Muss + Also preist sie deine Wunder, + Schönster Januarius! + +Was hier "höchste Hoffnung" heisst, wer kann darüber im Zweifel sein, +der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten +Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? - Oder der die granitnen Sätze +am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle +Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? - Die Lieder des Prinzen +Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz +ausdrücklich an den provencialischen Begriff der "gaya scienza", an +jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene +wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen +Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, "anden Mistral", +ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral +hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. - + + + +Also sprach Zarathustra. + +Ein Buch für Alle und Keinen. + +1. + +Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die +Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese +höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann +-, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt +hingeworfen, mit der Unterschrift: "6000 Fuss jenseits von Mensch und +Zeit". Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; +bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte +ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. - Rechne ich von diesem Tage ein +paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und +im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in +der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik +rechnen; - sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören, +eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit +Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte, +entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast, +einem gleichfalls "Wiedergebornen", dass der Phönix Musik mit +leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns +vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis +zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen +eintretenden Niederkunft im Februar 1883 - die Schlusspartie, +dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe, +wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard +Wagner in Venedig starb - so ergeben sich achtzehn Monate für die +Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den +Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde +ein Elephanten-Weibchen bin. - In die Zwischenzeit gehört die "gaya +scienza", die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem +hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie +giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des +Zarathustra. - Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus +auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur +vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist: ein +vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres, +wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos +genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal +zu meinem Gedächtniss singen. - Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil +ein Missverständniss darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist +die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals +befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten +des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen, +warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. Der Schmerz gilt +nicht als Einwand gegen das Leben: "Hast du kein Glück mehr übrig mir +zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein..." Vielleicht hat auch +meine Musik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht +c. Druckfehler.) - Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener +anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen +Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit +war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maassen regnerisch; +ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe +See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das +Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis +meines Satzes, dass alles Entscheidende "trotzdem", entsteht, war es +dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein +Zarathustra entstand. - Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung +auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien +vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es +nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa +Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft +ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser +Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt; +ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum +letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. - Auf +diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor +Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich... + + +2. + +Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische +Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit +nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher +zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der +Schlussabschnitte des fünften Buchs der "gaya scienza". "Wir Neuen, +Namenlosen, Schlechtverständlichen - heisst es daselbst - wir +Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem +neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, +einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle +Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen +Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle +Küsten dieses idealischen `Mittelmeers` umschifft zu haben, wer aus +den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem +Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem +Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem +Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils: +der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die grosse Gesundheit - eine +solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt +und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt, preisgeben +muss... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir +Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und Oft genug +schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als +man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund, +- will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch +unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn +hat, ein jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine +Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und +Göttlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser +sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu +ersättigen sind!... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken +und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am +gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist +unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun +mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht +nicht einmal mehr zusehn... Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein +wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir +Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht +darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst +ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem +spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den +das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits +so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie +Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das +Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, +welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn +es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige +Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie +deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt - und mit dem, +trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche +Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, +der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt." + + +3. + +- Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen +Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? +Im andren Falle will ich's beschreiben. Mit dem geringsten Rest von +Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss +Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu +sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, +dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas +sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und +umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht +nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz +leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, +- ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzükkung, deren ungeheure +Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der +Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes +Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner +Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe, +in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, +sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige +Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt +rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt - die +Länge, das Bedürfniss nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe +das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen +deren Druck und Spannung... Alles geschieht im höchsten Grade +unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von +Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit... Die Unfreiwilligkeit des +Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff +mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste, +der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an +ein Wort Zarathustra's zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen +und sich zum Gleichnisse anböten (- "hier kommen alle Dinge liebkosend +zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken +reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier +springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will +hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen -"). Dies +ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man +Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen +darf "es ist auch die meine". + + +4. + +Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein +schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm - es war +nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des +Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig +gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, - ich +wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft +gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die +Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen +meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den +Zweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder +zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden, +nachdem mich meine Mühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht +hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst +aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob +man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. - Auf einer +loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht +und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied +gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese +Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich +herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand "todt vor +Unsterblichkeit..." Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der +erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich +den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle, +weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im +Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza's, der damals +zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten +Zarathustra - und war fertig. Kaum ein Jahr, für's Ganze gerechnet. +Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza's sind mir +durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie, +welche den Titel "von alten und neuen Tafeln" trägt, wurde im +beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren +maurischen Felsenneste Eza gedichtet, - die Muskel-Behendheit war +bei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten +floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die "Seele" aus dem +Spiele... Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne +einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs +sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ich war von einer +vollkomm[n]en Rüstigkeit und Geduld. + + +5. + +Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor +Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst +es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei +Lebzeiten. - Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne: +alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, +unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist +er nunmehr schwach - er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr +nicht mehr in's Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie +wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit +eingeknüpft ist - und es nunmehr auf sich haben!... Es zerdrückt +beinahe.. - Die rancune des Grossen! - Ein Andres ist die schauerliche +Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht +Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde: +neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im besten Falle eine Art Revolte. +Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast +von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tiefer +beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, - die vornehmen +Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. - +Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche, +eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der +ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede +schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten +heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit +gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. - Ich wage +noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungern sich bewegt, +den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, - dem +Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff +ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer +Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, +noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich... + + +6. + +Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite: +es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss +von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff "dionysisch" wurde +hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von +menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein +Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft +und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustra +gehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit +erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die +Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die +Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und +giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in +der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: "ich +schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen +mit mir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer +heiligeren Bergen." Man rechne den Geist und die Güte aller grossen +Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede +Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er +auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter +gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser +jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer +neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der +menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste +strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss +bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger, +was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der +Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen +worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine +Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet +hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die +Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher +unerrathenen Zukünften. Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die +bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache +zur Natur der Bildlichkeit. - Und wie Zarathustra herabsteigt und +zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die +Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet! +- Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff +"Übermensch" ward hier höchste Realität, - in einer unendlichen Ferne +liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm. Das +Halkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und +Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra. +ist nie geträumt worden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt +sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum +Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man +hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach +seinem Gleichniss zu suchen. + +- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter +kann, + +die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren +und schweifen kann, + +die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt, + +die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen +und Verlangen will - + +die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen +einholt, + +die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet, + +die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und +Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben - - + +Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine +andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra +ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut, +zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines +neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal, +ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste +und jenseitigste sein kann - Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der, +welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, +welcher den "abgründlichsten Gedanken" gedacht hat, trotzdem darin +keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige +Wiederkunft findet, - vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja +zu allen Dingen selbst zu sein, "das ungeheure unbegrenzte Ja- und +Amen-sagen"... "In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes +Jasagen"... Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal. + + +7. + +- Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich +allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des +Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18) +mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche +Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste +Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme, +zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die +Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt +zu sein, nicht zu lieben. + +Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch +meine Seele ist ein springender Brunnen. + +Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch +meine Seele ist das Lied eines Liebenden. + +Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine +Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der +Liebe. + +Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine +Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin. + +Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten +des Lichts saugen! + +Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und +Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke. + +Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich +zurück, die aus mir brechen. + +Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, +dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen. + +Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; +das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten +Nächte der Sehnsucht. + +Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh +Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung! + +Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist +zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu +überbrücken. + +Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen, +welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, - also +hungere ich nach Bosheit. + +Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; +dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich +nach Bosheit. + +Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner +Einsamkeit. + +Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer +selber müde an ihrem Überflusse! + +Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; +wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter +Austheilen. + +Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine +Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände. + +Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh +Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden! + +Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie +mit ihrem Lichte - mir schweigen sie. + +Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes: +erbarmungslos wandelt es seine Bahnen. + +Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen - +also wandelt jede Sonne. + +Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem +unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte. + +Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft +aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des +Lichtes Eutern! + +Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst +ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste. + +Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem! +Und Einsamkeit! + +Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach +Rede verlangt mich. + +Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch +meine Seele ist ein springender Brunnen. + +Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine +Seele ist das Lied eines Liebenden. - + + +8. + +Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: +so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen +Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne... Wer +weiss ausser mir, was Ariadne ist!... Von allen solchen Räthseln hatte +Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, dass je jemand auch hier +nur Räthsel sah. - Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine +Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht +vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur +Erlösung auch alles Vergangenen. + +Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener +Zukunft, die ich schaue. + +Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und +zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall. + +Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch +Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre? + +Die Vergangnen zu erlösen und alles "Es war" umzuschaffen in ein "So +wollte ich es!" das hiesse mir erst Erlösung. + +An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn +allein "der Mensch" sein kann - kein Gegenstand der Liebe oder gar des +Mitleidens - auch über den grossen Ekel am Menschen ist Zarathustra +Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein +hässlicher Stein, der des Bildners bedarf. + +Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh +dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe! + +Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust; +und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil +Wille zur Zeugung in ihr ist. + +Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu +schaffen, wenn Götter - da wären? + +Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger +Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. + +Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der +Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss! + +Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine +stäuben Stücke: was schiert mich das! + +Vollenden will ich's, denn ein Schatten kam zu mir, - aller Dinge +Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir! + +Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich +noch - die Götter an!... + +Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers +giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte +des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender Weise +zu den Vorbedingungen. Der Imperativ "werdet hart!", die unterste +Gewissheit darüber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das +eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. - + + + +Jenseits von Gut und Böse. + +Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. + +1. + +Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich +vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war, +kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die +Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, - die +Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet +der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke +heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten würden. - Von da an sind +alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut +als jemand auf Angeln?... Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld +nicht an mir. Die Fische fehlten... + + +2. + +Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität, +die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die +moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem +Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen, +einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule +des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er +je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur +auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben... Alle die +Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu +diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte +"Objektivität" zum Beispiel, das "Mitgefühl mit allem Leidenden", +der "historische Sinn" mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem +Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die +"Wissenschaftlichkeit". - Erwägt man, dass das Buch nach dem +Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische +régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine +ungeheure Nöthigung fern zu sehn - Zarathustra ist weitsichtiger noch +als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns +scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der +Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden, +aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form, +in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde, +die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit +gehandhabt, - das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts... Alles +das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche +Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht?... +Theologisch geredet - man höre zu, denn ich rede selten als Theologe +- war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks +unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott +zu sein... Er hatte Alles zu schön gemacht... Der Teufel ist bloss der +Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage... + + + +Genealogie der Moral. + +Eine Streitschrift. + +Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind +vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der +Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist. +Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. - Jedes Mal +ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch +selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich +mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten +aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, - bis endlich ein +tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts +treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen +Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar. +- Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des +Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des +Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem "Geiste", +- eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen +die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die +Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt +wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der +Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach +aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten +und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht +gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher +die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals, +stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille +zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter +den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute +de mieux, - weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen +Concurrenten hatte. "Denn der Mensch will lieber noch das Nichts +wollen als nicht wollen"... Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal - bis auf +Zarathustra. - Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten +eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. - Dies Buch +enthält die erste Psychologie des Priesters. + + + +Götzen-Dämmerung. + +Wie man mit dem Hammer philosophirt. + +1. + +Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll +im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass +ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt +die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres, +Umwerfenderes, - Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon +geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang +mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heisst, ist ganz +einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung - +auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit... + + +2. + +Es giebt keine Realität, keine "Idealität", die in dieser +Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger +Euphemismus!...) Nicht bloss die ewigen Götzen, auch die +allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die "modernen Ideen" zum +Beispiel. Ein grosser Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall +fallen Früchte nieder - Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines +allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt +selbst einige todt, - es sind ihrer zu viele... + +Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr, +das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für "Wahrheiten" +in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites +Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir "der Wille" ein +Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher +abwärts lief... Die schiefe Bahn - man nannte sie den Weg zur +"Wahrheit"... Es ist zu Ende mit allem "dunklen Drang", der gute +Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst... +Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg +aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, +vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter... +Eben damit bin ich auch ein Schicksal. - - + + +3. + +Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur +einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung +an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt, +jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen +mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das +Vorwort entstand am 3. September 1888: als ich Morgens, nach dieser +Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir, +den das Oberengadin mir je gezeigt hat - durchsichtig, glühend in den +Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich +schliessend. - Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria, durch +Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast +dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines +unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen, +sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief +in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an, +meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die +gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via +Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in +dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo +Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich +einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es +war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September +grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Müssiggang eines Gottes +am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur +"Götzen-Dämmerung", deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im +September gewesen war. - Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt, +auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, - ein Claude +Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger +Vollkommenheit. + + + +Der Fall Wagner. + +Ein Musikanten-Problem. + +1. + +Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der +Musik wie an einer offnen Wunde leiden. - Woran ich leide, wenn +ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren +weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, - dass sie +décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist... Gesetzt +aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache, +wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift +voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen +Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten - ridendo dicere +severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde - ist die +Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der +alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein +schweres Geschütz aufzufahren? - Ich hielt alles Entscheidende in +dieser Sache bei mir zurück, - ich habe Wagner geliebt. - Zuletzt +liegt ein Angriff auf einen feineren "Unbekannten", den nicht leicht +ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe - oh ich habe noch +ganz andre "Unbekannte" aufzudecken als einen Cagliostro der Musik +- noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer +träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation, +die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen +zu nähren und den "Glauben" so gut wie die Wissenschaftlichkeit, +die "christliche Liebe" so gut wie den Antisemitismus, den Willen +zur Macht (zum "Reich") so gut wie das évangile des humbles +ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt... Dieser Mangel an +Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und +"Selbstlosigkeit"! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der +Allem gleiche Rechte giebt, - der Alles schmackhaft findet... Ohne +allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten... Als ich das letzte Mal +Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern +und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich +selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der +echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch, +keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen +Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung +listiger Kirchenmusik... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind +Idealisten... + + +2. + +Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen +ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von +ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern +der grosse Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich +abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswürste der Politik (oder +der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen in Acht +gethan. Man muss vorerst "deutsch" sein, "Rasse" sein, dann kann man +über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden - man setzt +sie fest... "Deutsch" ist ein Argument, "Deutschland, Deutschland über +Alles" ein Princip, die Germanen sind die "sittliche Weltordnung" +in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger +der Freiheit, im Verhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die +Wiederhersteller der Moral, des "kategorischen Imperativs",... Es +giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich, +selbst eine antisemitische, - es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung +und Herr von Treitschke schämt sich nicht... Jüngst machte ein +Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen +ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen +als eine "Wahrheit", zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: "Die +Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes +- die aesthetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt." - Bei +solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, +ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was +sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen +von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen!... Und immer +aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der +Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei +ihnen Instinkt gewordnen Unwahrhaftigkeit, aus "Idealismus"... Die +Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten grossen +Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine +höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden, +die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der +Niedergangs-Werthe zum Sieg gelangt waren - und bis in die Instinkte +der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch, hat +die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum +wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag... Das Christenthum, +diese Religion gewordne Verneinung des Willens zum Leben!... Luther, +ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner "Unmöglichkeit", +die Kirche angriff und sie - folglich! - wiederherstellte... Die +Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu +dichten... Luther - und die "sittliche Wiedergeburt"! Zum Teufel mit +aller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die +Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und +Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine +vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum +alten "Ideal", Versöhnungen zwischen Wahrheit und "Ideal", im Grunde +Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht +auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant - diese zwei grössten +Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa's! - +Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei +décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille +sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische +und wirtschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen, +mit ihren "Freiheits-Kriegen" Europa um den Sinn, um das Wunder von +Sinn in der Existenz Napoleon's gebracht, - sie haben damit Alles, +was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste +Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus, diese +névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der +Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst +um seinen Sinn, um seine Vernunft - sie haben es in eine Sackgasse +gebracht. - Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse?... +Eine Aufgabe gross genug, die Völker wieder zu binden?... + + +3. + +- Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die +Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus +einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis +jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser +machen. - Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu +sein!... Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen, +Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immer mehr sein? - +Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter +zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste" +Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, +Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind +Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass +der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der +Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei +von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet +wird. Der "deutsche Geist" ist meine schlechte Luft: ich athme schwer +in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, +die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein +siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die +Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in +Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, - sie haben bis +heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der +Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse... Und wenn +man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt +beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er +hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal +flach. - Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese +Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über +sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort "deutsch" nicht als +internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in +Vorschlag bringen? - In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der +deutsche Kaiser seine "christliche Pflicht", die Sklaven in Afrika +zu befreien: unter uns andren Europäern hiesse das dann einfach +"deutsch"... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das +Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist, +geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief +hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von +Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen +Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren +begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen... + + +4. + +- Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen +Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter +der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den +deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren +ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) - die Deutschen sind für mich +unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen +Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das +Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenprüfe", ist, ob er ein +Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung +zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man +gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den +weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die +Deutschen sind canaille - ach! sie sind so gutmüthig... Man erniedrigt +sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich... +Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard +Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt... +Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen +erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr +unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht... Ich halte +diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft +ist, die keine Finger für nuances hat - wehe mir! ich bin eine nuance +-, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann... +Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine... +Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber +das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie schämen sich nicht +einmal, bloss Deutsche zu sein... Sie reden über Alles mit, sie halten +sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich +entschieden... - Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese +Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von +délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen. +Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin +ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert +nicht, dass ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am +wenigsten meine Freunde, - ich hoffe zuletzt, dass dies meiner +Humanität gegen sie keinen Abbruch gethan hat! Es giebt fünf, sechs +Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. - +Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren +erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im +Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass... Ich sage es jedem +meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie der Mühe für werth genug +hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den +kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was +gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr +darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige +Anmaassung?... Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine +Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde +Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein +Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des +Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde +empörte... An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen +über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit +noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen +gehalten hat? - Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das +Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur. +Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die +welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor +dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in +Convulsionen versetzen wird, den "Fall Wagner" in die Welt geschickt: +die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen +und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! - Ist das erreicht? - Zum +Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment... +Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen, +eine alte Freundin, sie lache jetzt über mich... Und dies in einem +Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, - wo +kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen' mich sein +kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. - + + + +Warum ich ein Schicksal bin. + +1. + +Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die +Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es +keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine +Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, +gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. +- Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter - +Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach +der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen... Ich will keine +"Gläubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu +glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche +Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird +errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten, +dass man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber +noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem +oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher +als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist +furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. - Umwerthung aller +Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung +der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos +will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich +gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss... Ich +erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge +als Lüge empfand - roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... Ich +widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der +Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, +wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff +dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen. +Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. +Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, +werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine +Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden +ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg +aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft +gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, +wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf +Erden grosse Politik. + + +2. + +Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? - Sie +steht in meinem Zarathustra. + +- und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein +Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen. + +Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die +schöpferische. + +Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; +dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich +kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum +Vernichten gemäss ist, - in Beidem gehorche ich meiner dionysischen +Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin +der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. - + + +3. + +Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was +gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name +Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes +Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil. +Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das +eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, - die Übersetzung der +Moral in's Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist +sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort. +Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral: +folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur, +dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker - +die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz +der sogenannten "sittlichen Weltordnung" -: das Wichtigere ist, +Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und +sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst den +Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die +Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als +alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen +schiessen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich?... Die +Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung +des Moralisten in seinen Gegensatz - in mich - das bedeutet in meinem +Munde der Name Zarathustra. + + +4. + +Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich +schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der +höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine +andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und +Herrschaft gekommen ist, die décadence-Moral, handgreiflicher geredet, +die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als +den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des +Wohlwollens, ins Grosse gerechnet, mir bereits als Folge der décadence +gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden +und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten +Bedingung. - Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten +Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muss +man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, - muss man +seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist +die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis, +wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um +jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der +Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen +jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt +als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die +niaiserie par excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in +seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es +der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen - aus Mitleiden etwa +mit den armen Leuten... In der grossen Ökonomie des Ganzen sind die +Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden, +im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger +als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte "Güte"; man +muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der +Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu +gönnen. Ich werde einen grossen Anlass haben, die über die Maassen +unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines +optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste, +der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist +und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen reden nie die +Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten; +in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den +Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum +Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges +Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles +"guter Mensch", Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, "schöne Seele" +- oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden +solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse +die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei +herunterbringen. - Und dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man +Moral... In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald "die letzten +Menschen", bald den "Anfang vom Ende"; vor Allem empfindet er sie als +die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit +als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen. + +Die Guten - die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom +Ende - + +- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie +opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft! + +Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende... + +Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden +der Guten ist der schädlichste Schaden. + + +5. + +Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich ein Freund +der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art +aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art +geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das +Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss +der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die +Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" für ihre Optik +in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den +schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen +Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der "Besten" gerade sei +es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe; +aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, "fortzuschweben +in ferne Zukünfte", - er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch, +ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniss zu den Guten +übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen +Teufel nennen würden... + +Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel +an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen +Übermenschen - Teufel heissen! + +So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der +Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte... + +An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen, +um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er +concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug +dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst, +sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich, +damit erst kann der Mensch Grösse haben... + + +6. + +- Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist +zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz +darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit +abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt: +dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte +psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war +bisher die Circe aller Denker, - sie standen in ihrem Dienst. - Wer +ist vor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser +Art von Ideal - der Weltverleumdung! - emporquillt? Wer hat auch nur +zu ahnen gewagt, dass es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter +den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz "höherer +Schwindler" "Idealist"? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie. +- Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein +Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste... Der Ekel am +Menschen ist meine Gefahr... + + +7. + +Hat man mich verstanden? - Was mich abgrenzt, was mich bei Seite +stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche +Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das +den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher +die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die grösste Unsauberkeit, +die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner +Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jede +Ursächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei +in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem +Christenthum ist das Verbrechen par excellence - das Verbrechen am +Leben... Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten, +die Philosophen und die alten Weiber - fünf, sechs Augenblicke der +Geschichte abgerechnet, mich als siebenten - in diesem Punkte sind sie +alle einander würdig. Der Christ war bisher das "moralische Wesen", +ein. Curiosum ohne Gleichen - und, als "moralisches Wesen", absürder, +verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch +der grösste Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte. +Die christliche Moral - die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die +eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist +nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick entsetzt, +nicht der Jahrtausende lange Mangel an "gutem Willen", an Zucht, an +Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verräth: +- es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche +Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren +empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der +Menschheit hängen blieb!... In diesem Maasse sich vergreifen, nicht +als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit!... Dass man die +allerersten Instinkte des Leben[s] verachten lehrte; dass man eine +"Seele", einen "Geist" erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; dass +man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas +Unreines empfinden lehrt; dass man in der tiefsten Nothwendigkeit +zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (- das Wort schon +ist verleumderisch! -) das böse Princip sucht; dass man +umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der +Instinkt-Widersprüchlichkeit, im "Selbstlosen", im Verlust an +Schwergewicht, in der "Entpersönlichung" und "Nächstenliebe" (- +Nächstensucht!) den höheren Werth, was sage ich! den Werth an sich +sieht!... Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie +es immer? - Was feststeht, ist, dass ihr nur Décadence-Werthe als +oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die +Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache "ich gehe zu Grunde", +in den Imperativ übersetzt: "ihr sollt alle zu Grunde gehn" - und +nicht nur in den Imperativ!... Diese einzige Moral, die bisher gelehrt +worden ist, die Entselbstungs-Moral, verräth einen Willen zum Ende, +sie verneint im untersten Grunde das Leben. - Hier bliebe die +Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern +nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der +Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, - die in der +christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth... Und in der That, +das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit, +Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents: daher die +Umwerthung aller Werthe ins Lebensfeindliche, daher die Moral... +Definition der Moral: Moral - die Idiosynkrasie von décadents, mit +der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen - und mit Erfolg. Ich lege +Werth auf diese Definition. - + + +8. + +- Hat man mich verstanden? - Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich +nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte. +- Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das +nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie +aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, - er bricht die +Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt +nach ihm... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am +Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, +ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher +"Wahrheit" hiess, ist als die schädlichste, tückischste, +unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die +Menschheit zu "verbessern" als die List, das Leben selbst auszusaugen, +blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus... Wer die Moral entdeckt, +hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder +geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig +gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die +verhängnissvollste Art von Missgeburten darin, verhängnissvoll, weil +sie fascinirten... Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz-Begriff +zum Leben, - in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, +die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit +gebracht! Der Begriff "Jenseits", "wahre Welt" erfunden, um die +einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, - um kein Ziel, keine +Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! +Der Begriff "Seele", "Geist", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele", +erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - "heilig" - zu +machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von +Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, +Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der +Gesundheit das "Heil der Seele" - will sagen eine folie circulaire +zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff "Sünde" +erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff "freier +Wille", um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen +die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des +"Selbstlosen", des "Sich-selbst-Verleugnenden" das eigentliche +décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das +Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum +Werthzeichen überhaupt gemacht, zur "Pflicht", zur "Heiligkeit", zum +"Göttlichen" im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im +Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, +Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was +zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal +aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den +jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen +gemacht - dieser heisst nunmehr der Böse... Und das Alles wurde +geglaubt als Moral! - Ecrasez l'infâme!-- + + +9. + +- Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ECCE HOMO *** + +This file should be named 7202-8.txt or 7202-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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