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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-17 14:21:12 -0800 |
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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind +stillschweigend korrigiert worden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ =antiqua gedruckter Text= + +======================================================================= + + + [Illustration] + + + + + =RUDOLF GREINZ= + + =Königin Heimat= + + Roman + + + 34. bis 39. Tausend + + [Illustration] + + L. Staackmann Verlag in Leipzig + + + + + Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig / 1939 + + + =Copyright 1921 by L. Staackmann Verlag in Leipzig= + + =Printed in Germany= + + + + + Erstes Kapitel + + +Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter +über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz +verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein +die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume +hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können +und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute +festlich geschmückt des Geliebten harrten. + +Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten. +Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee, +wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich +kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb. +Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste +tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu +verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte. + +Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren +Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit +dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die +schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen. + +Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten +mit einem Wettersturz gerechnet. Freilich, daß er sich so verheerend +einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet. + +Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag +war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen. + +Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur +Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton +die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu +Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der +Auferstehung des Herrn. + +Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins +nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend +die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen +hatten. + +Eine Bachstelze hüpfte über den Weg. Zierlich und äußerst vorsichtig +hüpfte sie von Zaun zu Zaun. Drehte das Köpfchen nach rechts und drehte +es dann nach links, als schüttelte sie unwillig ihr Haupt über solche +Art von Schnee und Frühlingslust. + +Ein paar Spatzen hatten sich inmitten der kleinen Talstraße +niedergelassen und suchten in dem Schnee nach Körnern. Sie fanden auch +Futter in den Spuren eines Pferdehaufens, der noch dampfte. + +Auf den Höhen der Berge jagte der Wind die grauen Wolken auseinander, +trieb sie in rasendem Lauf vor sich her und öffnete der Sonne einen +Spalt, so daß ihr warmer Strahl tröstend die vielen traurigen +Frühlingskinder küssen konnte. + +Wie doch so ein Sonnenstrahl mit einem Male alle Unbill vergessen +machte! Ein Aufatmen durchwehte die Natur. Bachstelzchen reckte, so +hoch es konnte, sein zierliches Köpfchen der Sonne entgegen, neugierig +und mißtrauisch zugleich, als wollte es nicht daran glauben, daß seine +mächtige Freundin nun tatsächlich über Kälte und Schnee Siegerin +bleiben werde. Es plusterte sein Gefieder und wetzte das Schnäbelchen +an dem Holzzaun, auf dem es saß. Zu beiden Seiten schloß der Zaun die +kleine Talstraße von den Feldern ab. + +Bachstelzchen sah neugierig und mit klugen Äuglein beobachtend umher +und gewahrte, daß der Schnee, der auf dem Zaune lag, zu glitzern anfing +und unter der milden Macht der Sonne sich langsam löste. Da ließ +Bachstelzchen einen frohen jubelnden Triller ertönen und flog davon, +hinauf zu den hohen Wipfeln der Obstbäume, und erzählte diesen, daß sie +nun nicht mehr zu bangen brauchten um den bräutlichen Schmuck. + +Ein stämmiger, groß gewachsener Mann ging mit weit ausholenden +Schritten die Straße entlang. Wuchtig, eilig und selbstbewußt. Er sah +weder nach rechts noch nach links, als er das Dorf durchschritt, und +nickte nur flüchtig dankend für den Gruß, den man ihm bot. + +Eine Gruppe von kleineren Kindern sah ihm nach. Etwas schüchtern und +verwundert; denn er war ihnen fremd. Sah auch nicht aus, als ob er aus +der hiesigen Gegend stammte; denn seine Kleidung war kein Bauerngewand. +Und doch wieder schien es, nach der sicheren Art seines Ganges zu +urteilen, daß er ein Kind der Berge war und auch hierher gehören mußte. + +Außerhalb des Dorfes zweigte ein Seitenweg von der kleinen Talstraße +ab. Führte im schmalen Pfad zwischen Felsen hindurch und zu einem +steilen Bergwald empor. + +Ein langsam feierliches Rauschen, an den vollen Ton einer Orgel +gemahnend, durchbrauste den mächtigen Dom des Hochwalds. So feierlich +und weihevoll war es, daß der stämmige Mann unwillkürlich lauschend und +in fast andächtiger Haltung stehen blieb. + +Ein seliges Lächeln verschönte einen Augenblick lang das derbe Gesicht +und verlieh ihm schier einen knabenhaften Ausdruck. Aufatmend nahm +der Mann den dunklen Filzhut von dem Kopf, zog ein großes, farbiges +Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich, vom raschen Gehen +erhitzt, den Schweiß aus der Stirne. + +Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken +Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die +dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen +Ausdruck. + +Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und +der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch +einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar +hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt +entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er +wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte. + +Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache +des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn +gebannt hielt. + +Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und +strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und +zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume. + +Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und +neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich +die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war, +den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten. + +Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male +geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und +ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging. + +Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur, +überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein +ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz +kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten +Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze +des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende +Laut der eisernen Spitze des Stockes bewirkte, daß ein paar Krähen in +der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen. + +Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen +Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich +elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen +Männerkehlen. + +Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental, +eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus. + +Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da +lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf. + +Die weißen Mauern der Häuser leuchteten auf, vom Sonnenglanz getroffen. +Ein grüner Kirchturm wies, gleich einem spitzen Finger, gegen Himmel, +und das kleine, goldene Kreuz des Turmes funkelte wie ein goldener +Tautropfen. + +Der schmale Gebirgsbach durchschlängelte wie ein smaragdenes Band in +anmutigen Windungen das Tal. Die samtbraunen Holzhäuser, die weich in +Wiesen eingebettet, einzeln und in Gruppen bis hoch hinauf die Berge +zierten, ließen ihre winzigen Fensterchen im Sonnenglanze gleich +Diamanten auf dunklem Grunde schimmern. + +Ein ernster, düsterer Berg mit breitem Rücken schloß das Tal beinahe +hermetisch von der Außenwelt ab. Zackige Bergspitzen bauten sich im +Süden auf und lugten neugierig über die Höhe des kleinen Hochtales, +das Veit Galler mit weit ausholenden Schritten jetzt durchwanderte. + +Ein regelrechtes Bergtal war es, mit schmalem Pfad und einem winzigen +Bächlein. Einige Bauernhöfe, alt, verwittert und aus Holz gebaut, lagen +verstreut umher. Abgesondert voneinander und nur durch einen schmalen +Fußsteig miteinander verbunden. + +An einem dieser kleinen Holzhäuser mußte Veit Galler vorbeigehen. Das +lag zu tiefst im Tal und hatte einige Meter ebenen Bodens vor sich. + +Ein paar Bretter querten das Bächlein, das im eiligen Lauf von dem +jäh ansteigenden Berg herablief. Eine hohe Felswand, zerklüftet und +zum Teil mit niederem Strauchwerk bewachsen, stand wie ein drohender +Wächter über diesen Ansiedelungen der Menschen. + +Der Schnee zeichnete scharf und kantig die Risse des grauen Felsens, +und wie ein weiches, duftiges Schleierband fiel das Bächlein +silberfarbig über die hohe Felswand. Grub sich dann eiligst in die +Bergmatten, floß, geschäftig murmelnd, in rasendem Lauf bis herab +zu dem Holzhaus in der kleinen Ebene und trennte das Haus von dem +gleichfalls aus Holz gebauten Stadel. + +Das Haus stand niedrig, wie erdrückt von der Größe seiner Umwelt. Es +war mehr breit als hoch; denn gleich über dem Erdgeschoß ragte schon +das mit Steinen beschwerte Schindeldach herein. Um das Haus, zu dem +ein paar holprige Steinstufen hinanführten, lief ebenerdig eine kleine +Holzaltane. Ohne Schmuck und Zier und nur von dem tief hereinhängenden +Dach schützend gedeckt. + +Ein kleiner, blonder Bub, rotwangig und dickköpfig, saß auf der +Schwelle des Hauseinganges. Das hübsche Gesicht war ungewaschen, das +glatte Haar zerzaust und das Näschen feucht. + +Der Bub steckte, als er Veit Galler erblickte, vor Verwunderung über +den fremden Mann gleich die ganze Faust in den Mund, glotzte ihn blöde +an und wußte nicht recht, sollte er jetzt davonlaufen oder lieber laut +zu schreien anfangen. + +Der Ausdruck des Erstaunens in dem kleinen pausbackigen Gesicht war so +komisch, daß Veit Galler stehen blieb und das Bübl freundlich anredete. + +»Wie hoaßt nacher du?« frug er gutmütig und in der Mundart dieser +Gegend. + +Der Knirps, der ungefähr sechs Jahre zählen mochte, erhob sich, +spreizte die dicken, kurzen Beine, die in derben langen Hosenröhren +staken, auseinander, wischte sich mit dem Ärmel seiner grauen +Lodenjoppe den Rotz von der Nase und schwieg. + +»Kannst nit reden, Bua? Wie du hoaßt, möcht' i wissen!« Veit Galler +schob den Filzhut aus der Stirn und stützte sich mit beiden Händen auf +seinen kräftigen Stock. + +Freundlich lachend sah er auf den Kleinen herab, wobei sich die dicken +Lippen auseinander schoben und ein gesundes, raubtierartiges Gebiß +sehen ließen. + +Die laute Stimme des Mannes lockte noch mehr Kinder aus dem Innern +des Hauses. Gleich zu viert kamen sie angerannt. Zwei Buben und zwei +Mädeln, bloßfüßig und nicht sehr sauber in ihrer Kleidung. + +Veit Galler fletschte sein Raubtiergebiß und meinte anerkennend: »No +mehr Kinder? Wieviel seid's nachher?« + +»Elfe!« sagte das größte Kind, ein Mädel mit strohblonden, dünnen +Zöpfen, zog die Schürze über das Gesicht und lief dann, erschrocken +über die eigene Kühnheit, in den dunklen, niedern Hauseingang zurück. + +»Elfe! Und du bist der jüngste? Ha?« frug Veit Galler den kleinen +stämmigen Buben, der zuerst dagewesen war. + +»Naa!« sagte sein älterer Bruder und rannte, über seine Heldentat +lachend, hinter der Schwester her. + +»Tut's enk fürchten vor mir?« frug Veit Galler gutmütig und neigte +sich tief zu den drei Kindern, die wie Schafe eng aneinander gedrückt +dastanden und ihn mit neugieriger Scheu, jedoch sehr eingehend +betrachteten. + +»Naa!« schrien sie alle drei zugleich, und flugs eilten sie, eines +hinter dem anderen, in das Innere des Hauses zurück. + +Nun kam ein junges Mädel zum Vorschein. Blutjung war sie und +bildhübsch. Klein und zierlich, mit auffallend blassem Gesicht, dunklem +Haar und leuchtenden blauen Augen. + +Ein voller kirschroter Mund war wie zur Frage halb geöffnet. Zwei +dunkle Zöpfe umrahmten den feinen Kopf, und nur mühsam hielt das +schmale, schwarze Samtband die kleinen Löckchen zurück, die sich unter +der Haarkrone eigenwillig loslösen wollten und auf die niedere Stirne +des Mädels fielen. + +Das Mädel war ärmlich, aber sauber gekleidet, trotzdem sie gerade von +der Arbeit weggelaufen sein mußte. Die dunkelfarbige Schürze war zum +Teil naß. Die Ärmel ihrer dunklen Jacke waren zurückgesteckt, und die +bloßen Arme glänzten rot und feucht und waren mit Seifenschaum bedeckt. + +»Teufel!« nickte Veit Galler. »Das lass' i mir g'fallen!« Dabei strich +er sich mit der Hand über den Schnurrbart und reckte sich zu seiner +ganzen stattlichen Größe empor. + +Eine tiefe Röte überzog das zarte Gesicht des Mädels unter den +bewundernden Blicken des Fremden. + +»Sein das deine G'schwister?« Veit Galler deutete mit dem dicken Finger +seiner plumpen Hand gegen das Hausinnere, und als das Mädel bejahend +nickte, frug er weiter: »Wie hoaßt man's nacher bei enk da?« + +»Mei' Vater ist der Söllerbauer!« antwortete das Mädel jetzt mit +heller, wohlklingender Stimme. + +»Söllerbauer?« wiederholte der Fremde nachdenklich. »Den müsset i döcht +aa kennen.« + +»Seid's nit von da?« frug jetzt das Mädel und sah forschend zu dem +Manne auf. + +»Wohl!« nickte der Fremde. »Eigentlich schon. Wirst mi aber +nit kennen.« Sein breiter Mund zeigte noch mehr wie zuvor die +Raubtierzähne. »Vom Bergl drent bin i dahoam.« Er wies mit dem Stock zu +der Anhöhe, die den bewaldeten Abschluß des kleinen Hochtales bildete. +»Wirst schon g'hört haben vom Kramer Veit, ha?« grinste er. + +»Der in Amerika ist?« forschte das Mädel neugierig. + +»Dersell'!« nickte der Fremde bestätigend. »Der bin i!« fügte er +selbstbewußt hinzu. + +Fast ängstlich drückte sich das Mädel an die braune Holzwand ihres +Vaterhauses. + +»Brauchst di nit z'fürchten, Madel ...« begütigte der Kramer. »I friß +di nit!« lachte er dann mit seinem breiten, gutmütigen Grinsen. + +»I fürcht' mi nit!« erwiderte das Mädel resolut. »I fürcht' mi +überhaupt nit!« wiederholte sie, und ein leichtes Zittern spielte dabei +um die Winkel des kleinen vollen Mundes. + +»Na, na!« machte der Kramer Veit zweifelnd. »Wird nit a so weit her +sein mit der Kuraschi.« + +»Wollt's nit einer giahn rasten?« lud ihn jetzt das Mädel ein. »Habt's +no a Stuck Weg bis hoam.« + +Noch ehe Veit Galler der Aufforderung folgen konnte, bogen zwei +Burschen um die Ecke des Stadels. + +»Ah, Regerl!« grüßte der größere von den beiden. »Magst mitgiahn aufi +aufs Alpl?« + +Das Gesicht des Mädels verfinsterte sich, als sie mit flüchtigem Blick +die Ankömmlinge streifte und sich dann wie geärgert abwandte. + +»Naa!« sagte sie kurz, und ohne auf die Burschen weiter zu achten, lud +sie den Kramer Veit nochmals ein, ins Haus zu kommen. »Kömmt's einer +in die Stuben, Kramer. A Glasl Schnaps ...« + +»Du, Regerl, an Schnaps mögen mir aa. Gelt, Florl?« sagte der größere +und kräftigere der beiden jungen Männer lustig. + +Sie mochten beide im gleichen Alter sein. Beide wohl kaum über zwanzig +Jahre, hübsch und schlank gewachsen. Nur war der Florl um beinahe einen +Kopf kleiner als sein Kamerad, aber biegsam wie ein junger Tannenbaum +und geschmeidig wie eine Gemse. Das Gesicht war zart und so fein wie +das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein brauner, krauser Bart rahmte es +ein, und kleine, helle Augen sahen scharf und listig und unternehmend +zugleich in die Welt. + +Die Burschen waren beide im Feiertagsgewand. Der hellgraue kurze +Lodenrock mit den schwarzen abgesteppten Sammetstulpen an den Ärmeln +brachte den jugendlich kräftigen Wuchs aufs vorteilhafteste zur +Geltung. Die dunklen Filzhüte waren mit Rosmarinzweiglein geziert und +saßen keck und schief, tief ins Gesicht gedrückt. + +»Hast koa Nagele für'n Huat, Regele?« fragte der Florl und versuchte +dem Mädel in das abgewendete Gesicht zu schauen. + +»Naa!« sagte das Mädel, ohne ihn anzublicken. »Wenn jetzt no nix blühen +tut. Weißt wohl.« + +Ihr Ton war nun weniger barsch, jedoch ausweichend und leicht verlegen. + +»Habt's ös zwoa so schön g'sungen da drunten?« erkundigte sich Veit +Galler und deutete mit dem Kopf in die Richtung des Haupttales, wo +in weiter Ferne das große, behäbige Dorf lag, mit den weißglänzenden +Häusern und der blaßgrünen Kirchturmspitze. + +»Habt's uns wohl g'hört?« frug der Florl mit seiner hohen Tenorstimme +übermütig zurück und rückte sich den Hut weit aus der Stirn. + +»'s war ja laut g'nug, daß i enk hab' hören können!« lachte der Kramer. +»Und du ...« wandte er sich an den größeren der beiden Burschen, »du +hast ja a sakrisch gute Stimm'! Könntest dir a schian's Geld verdienen +mit dera Stimm' ... wann d' möchtest.« + +»Mei!« machte der Florl geringschätzig. »Er singt ja nur die zweite +Stimm'. I sing' die erste!« erklärte er wichtig und mit Stolz. + +»Was ist's nacher mit dem Schnaps, Regerl?« gab sein Kamerad dem +Gespräch eine andere Wendung. »So a Stamperl können wir leicht +vertragen, bevor wir aufs Alpl aufi giahn, ha, Florl?« Scherzhaft +drängte er das Mädel vor sich her in das Haus hinein und zwängte es +übermütig an die braune, rohgezimmerte Holzwand des Eingangs. + +»Wann i iatz koan Schnaps kriag, Madel, kriag i a Bussel!« + +Wie ein junger Bär stand er vor ihr, groß und kräftig und voll von +tollpatschigem Übermut. + +Die Arme hielt er ausgebreitet vor dem kleinen Mädel, das sich tapfer +gegen seine Zärtlichkeiten wehrte. Mit beiden Fäusten schlug sie +unbarmherzig auf ihn ein und stieß mit den Füßen um sich, ohne zu +achten, wohin sie ihn traf. + +»Aus laßt mi!« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Lackel, damischer!« + +Der Bursch lachte ihr gutmütig ins Gesicht und beugte sich zu ihr +herab. Ihre Püffe und Schläge machten offenbar nicht den geringsten +Eindruck auf ihn. + +»Da schaug oaner an, was dös für a wilder Teufel sein kann!« neckte er +sie. »Magst aufpassen, Florl! Die hat Haar' auf die Zähnd!« + +»Laß mi in Fried', du!« Das Regerl wehrte sich noch immer gegen den +starken Griff des Burschen, der sie wie mit Eisenschrauben fest +umklammert hielt. + +»An Schnaps oder a Bussel?« fragte der Bursch und machte Miene, sich +das letztere gewaltsam zu nehmen. + +Unvermutet stieß ihm der Florl kräftig seinen Fuß in den Rücken. + +»Au ... du!« machte der andere, ließ von dem Mädel ab und ballte die +Fäuste gegen den Florl. + +»Laß 's Madel in Fried', Wastl!« sagte der Florl drohend und mit +finsterem Gesicht. + +»Wöllt's raffen?« lachte der Kramer Veit breit und dröhnend. + +»Naa!« machte der Wastl gutmütig. Er hatte jetzt gar keine Absicht +mehr böse zu werden, sondern begriff, daß er in seinem Übermut zu weit +gegangen war. + +»Sein wir wieder gut, Regerl?« Freundlich und beinahe bittend hielt er +dem Mädel seine große, breite Arbeitshand entgegen. + +»I sag's der Vef!« schmollte das Regerl schon halb versöhnt und +rieb sich mit der flachen Hand die Oberarme, die der Wastl so fest +umklammert hatte. »Völlig blaue Fleck' hat er mir druckt ... der Ruach +... der ungute!« schimpfte sie geärgert. + +»Bist schon du ungut!« lachte der Wastl und zeigte zwei Reihen gesunder +Zähne, die blendend weiß in dem dunklen, bartlosen Gesicht leuchteten. + +»Hast du jetzt alleweil an Grant ...« wollte er ihr Vorwürfe machen, +aber der Florl zog ihn am Rockärmel gewaltsam mit sich fort, hinein in +die Stube, wo der Kramer Veit bereits im Herrgottswinkel breitspurig +Platz genommen hatte. + +»Fein habt's es!« lobte der Kramer, streckte die Füße weit von sich +und lehnte sich so behaglich an das braune Holzgetäfel, als wäre es +eine weichgepolsterte Sofalehne. »Tut das gut!« machte er aufatmend. »I +sag's ja! Schian ist's auf der Welt! Aber am allerschönsten ist's döcht +bei uns in Tirol herin.« + +Die beiden jungen Burschen setzten sich zu ihm, jeder an eine andere +Tischecke, und sahen mit leichter Verlegenheit auf ihn. Sie wußten +nicht recht, was sie mit dem Fremden reden sollten. + +Der gelbe, unförmliche Kachelofen, der gleich neben der Tür in der Ecke +stand und einen großen Teil des freien Raumes einnahm, sprühte eine +wahre Gluthitze. + +Den beiden Burschen wurde es schwül in ihren lichtgrauen Lodenröcken, +und sie zogen dieselben aus und warfen sie in kühnem Schwung seitwärts +über die Achsel, so daß nur die eine Hälfte der Schulter davon bedeckt +wurde, während man auf der andern Seite der Achsel das blühweiße +Leinenhemd mit den langen Ärmeln sehen konnte. + +Die Stube war ein mäßig großer, niederer und düsterer Raum. Vier +winzige Fenster, an zwei Seiten des Eckzimmers verteilt, ließen +nur wenig von dem hellen Tageslicht eindringen. Die Fenster waren +vergittert und ohne Vorhang, und die Scheiben waren trübe und +ungeputzt. + +Ein viereckiger, rohgezimmerter Tisch stand in der Stubenecke. Kleine +Heiligenbilder in grellbunten Farben zierten die Ecke nebst dem großen, +unschönen Kruzifix. Eine Holztaube, das Sinnbild des heiligen Geistes, +die einmal weiß gewesen sein mochte, jetzt aber schmutziggrau aussah, +hing von der rauchgeschwärzten Stubendecke herab und baumelte an einem +dünnen Faden über dem Tisch. + +Eine Holzbank lief längs der Wände entlang und endigte dann als +Ofenbank. Es gab weder Stuhl noch Hocker in der Stube. Nur zwei Bänke +ohne Rückenlehne standen an dem Tisch, und auf ihnen hatten sich die +beiden Burschen niedergelassen. + +In einem Holzgehäuse, zur rechten Seite der Türe, war eine alte Wanduhr +eingebaut. Das Gehäuse war wurmstichig, und die bunt gemalten Blumen +waren arg verblaßt. + +An der Spitze dieser Uhr aber standen in weißen Farben zwei Namen +geschrieben. Es waren offenbar die Namen der Eltern des jetzigen +Besitzers; denn die Ziffern, welche die beiden Namen trennten, wiesen +eine Jahreszahl auf, die beinahe fünfzig Jahre zurücklag. + +In der Stube roch es unangenehm nach saurer Milch und ausgelassenem +Butterschmalz, ein Geruch, der augenscheinlich von der daneben +gelegenen Küche hereindrang. Ein kleines Schubfenster, das offen stand, +gewährte den Ausblick in die rußige, beinahe ganz dunkle Küche mit dem +offenen Herd, auf dem ein Feuerchen lustig flackerte. + +Eine Frau in mittleren Jahren streckte neugierig ihren Kopf durch das +Schubfenster. + +»Grüß Gott, Bäurin!« grüßte sie der Florl, der gerade mit dem Gesicht +ihr zugewendet dasaß und so der erste war, der sie gewahr wurde. + +»Grüß Gott aa!« kam es etwas mürrisch und verdrossen zurück. »Geht's +Feuer machen aufi?« erkundigte sie sich dann mit lässiger Neugierde. + +»Ja. Aufs Alpl aufi!« bestätigte der Florl. + +Die Kinder hatten sich in die Stube hineingedrängt. Ein halbes Dutzend +an der Zahl und wie die Orgelpfeifen in allen Größen. Sie waren alle +mangelhaft gekleidet, bloßfüßig und sahen schmutzig und ungewaschen aus. + +Ein paar der größeren Buben kletterten auf die Ofenbank und liefen +barfüßig, wie sie waren, die Bank entlang, flüsternd und kichernd und +einer über den andern stolpernd. + +Die kleineren Kinder drückten sich langsam in die Nähe des Tisches und +starrten mit offenem Munde auf den Fremden, über dessen Anblick sie +sich ersichtlich noch immer nicht beruhigen konnten. + +Die Mutter schimpfte mit schriller Stimme aus dem Küchenfenster. + +»Werd's aber giahn von der Bank oder nit! Wart' ... i kimm enk!« + +Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem +Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von +der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten +und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den +andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und +Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen +Höllenspektakel verursachten. + +Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche +in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus +einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches +angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes. + +»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas +vor ihn hin. + +»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken +entgegen. + +Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch. + +»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr +an. + +Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die +Stube. Die Neugierde hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den +fremden Besucher doch etwas genauer betrachten. + +Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes +Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war +nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und +sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus. + +Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem +noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin +war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl, +und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um +den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu +verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte +die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ +und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende +Beschäftigung für ihre Hände. + +Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen +und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen. +Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm +verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu +schreien an. + +»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr +einladend sein Schnapsglas hin. + +»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie +getrunken und sich mit der flachen Hand den Mund abgewischt hatte. +Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone +fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie +erklärend hinzu. + +»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer. + +»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a +so hoakel. Weißt wohl ...« + +»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein. + +Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen. + +»Geht's di was an?« frug sie scharf. + +Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit +ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm +und achtete nicht weiter auf die Gäste. + +»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer. + +»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen +mit'm Franzl.« + +»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl +gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die +am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran. + +»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert. + +»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.« + +»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch. + +»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz. + +Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz +sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.« + +Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A +Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu +der Bäurin. + +»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine +direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte. + +»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin +i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu. + +»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem +hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann. +»Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.« + +»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut +und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon +g'wöhnt von mir.« + +Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie +gesessen hatte. + +»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte +sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen. + +»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit. + +»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat +damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern +g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg. +Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir +recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz +g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt +wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil +g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.« + +Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch +ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der +Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher +wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen +verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh +erschien. + +»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in +das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe +getreten, die sich nun verabschiedete. + +Veit Galler schüttelte den Kopf. + +»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen +Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa +koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt, +da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er. + +»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der +Florl interessiert. + +»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man +zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.« + +»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon +viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den +Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte. + +»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no +epper dermachen, ha?« + +Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das +Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und +rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein. + +Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell +er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig +vom Hause weg emporführte. + +Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der +Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von +vorhin. + +»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt. +Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie. + +»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.« + +Der Wastl sträubte sich ein wenig. + +»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend und stieß den Florl, der +ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu. + +Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt +dem Regerl einen Gefallen zu erweisen. + +»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist +schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.« + +Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in +die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne. + +Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank +vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu +den beiden Burschen herabgestiegen war. + +»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar. + +»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit +dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen +blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen +lullte. + +»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's +an.« + +»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend. + +»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert. + +Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie +gleichgültig. + +»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause. + +Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich +rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben +wollten. + +Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten +ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit +zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das +tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von +jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat. + +Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen +Baches zog, gab das Echo zurück. + +Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes +Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht +zu rühren. + +Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön. +So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.« + +»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd. + +»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden +Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe +hinauf. + +Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels. + +»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig. + +Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein kurzer, flüchtiger +Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh. + +»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte +sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause +zu. + +Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er +sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?« +flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ... +du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an, +Dirndl! Daß d' es woaßt.« + +Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah +sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle +Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht. + +Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand. + +»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er +gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen +tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte. + +»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit +lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit +amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem +kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und +vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a +Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend. + +Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt +der Anhöhe des kleinen Bergtales zu. + +Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm +nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des +Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück. + +Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen. +Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah +unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg +hinangestürmt waren. + +Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge. +Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und +seine weißen Häuser sahen grau und düster aus. + + + + + Zweites Kapitel + + +Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen +Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah. + +Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten +lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl +kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die +Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte. + +Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen, +lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines +Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte. + +Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war, +aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach. + +Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger +Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen +die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der +Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in +die Höhe. + +Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die +drei wildbrausenden Berggesellen ein, ihr Schicksal von nun ab seiner +besseren, milderen Leitung anzuvertrauen. + +Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu +dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot, +stehen. + +Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in +der Abenddämmerung auf. + +Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten +Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf. +Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur +die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich +hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen. + +Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine +wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich +da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen +Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis +bedeckten Ferner ragten. + +Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie +winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen. + +In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht +den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen +gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male +wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die +drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern +und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und +blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte. + +Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime +war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte. + +Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es +war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen +wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe. + +Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den +schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer +den Kopf auf die Arme stützte. + +In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim +so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben +übermächtig in ihm auf. + +Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen +aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach +Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen +aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von +denen er erzählen gehört hatte. + +Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine +Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern +oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute +von damals seßhafter waren wie heutzutage, und daß einer, dem's in der +Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel. + +Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und +aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf +mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm +einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten, +fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre. + +Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die +Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast. +Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins +Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien +unten gewesen. + +Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der +Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben +zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden. + +Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch +der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen. + +Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die +sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte +mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst +aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus +dem dann Handschuhe erzeugt wurden. + +Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam auch weit im Land +herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit +gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer +alten Base übernehmen konnte. + +Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im +Dörfl ein. + +Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier +oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben +nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten +miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen +Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen +Kinderstimmen wieder. + +Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter +einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte. + +Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein +besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte, +baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im +Stall. + +Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum +Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens +aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter +gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück. + +Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief +sie, flink wie ein Reh, dem Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei +ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile +zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages. + +Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte +das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die +zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe +hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler +hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb +lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen. + +Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und +obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so +oft er nur konnte. + +Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate +dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch +niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten +einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an. + +So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe +geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in +der weiten Welt allein herumzuwandern anfing. + +Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu +ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde. + +Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg geworden. Groß und +üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden, +und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen +wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die +waren hell und schauten ernst und lachten selten. + +Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag +für Tag zu den Bauern auf die Stöhre. + +Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der +Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht +gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf +einem Berghof werden können. + +Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst, +und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz +sei. + +Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen +Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und +ging auf Stöhren. + +Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung +eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig, +als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen +einrichtete und seine Notburg heiratete. + +In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares. + +Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum, +das er übernommen hatte. Da gab es viel, was er daran auszubessern und +zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der +Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen. + +Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an +und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit +aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine +Kunst. + +Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle +im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein +gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der +Kramer Veit das tat. + +Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen +schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses +zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das +hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße. + +Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken, +die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das +braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender +Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten +und schmückten das Heim des jungen Paares. + +Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes +Häusl fand wie das vom Kramer Veit. + +Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht und Geschick +eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager. + +Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und +Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen +Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker, +und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende +Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf. + +Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke +herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten +über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der +durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen +Kramladens. + +Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der +Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen +gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab +es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur +wenig anzufangen wußten. + +Wenn sie Sonntags nach der Frühmesse zum Einkauf im Ladele waren, dann +belehrte der Kramer Veit eine jede einzelne der Kundinnen über die +Vorzüge der Gewürze und über deren Anwendung, und die Frauen kauften +die Ware und waren stolz auf den Besitz; aber sie benutzten sie nie. + +Auch Gebetbücher waren vorhanden, und farbige Heiligenbildchen, lose +und in kleinen Rahmen, hingen in der Nähe der Türe. Blechlöffel, +Schüsseln aus Blech und Schüsseln aus Holz, Krüge und Töpfe und +buntfarbige Schalen standen aufgestapelt am Fußboden umher. + +Weiße Zuckerröhrchen und grellrote Zuckerpfeifchen, auf denen man einen +richtigen schrillen Pfiff loslassen konnte, waren für die Kinderwelt +bestimmt. Herrliche Lebkuchen und bunte Zuckerln und ganz hervorragend +gute Biskotenherzen bildeten das Entzücken der bäuerlichen Jugend. + +Auf rein gar nichts hatte der Kramer Veit vergessen, und mit allen +Bedürfnissen der Zeit hatte er sein kleines Lager versehen. + +Von Zeit zu Zeit nahm der Veit seine Kraxe, belud sie schwer mit +Käselaiben und trug sie hinaus ins Inntal und bis hinauf nach +Innsbruck. Dort veräußerte er den Käs und füllte die Kraxe mit neuer +Ware für seinen Kramladen. + +Die Notburg hantierte im Haus herum, pflegte die Blumen am neuen +Söller, pflegte das kleine Gartl am Haus, versorgte den Laden und nähte +in ihren freien Stunden Wäsche und Schürzen und Unterröcke zum fertigen +Verkauf. + +Es war alles Glück und stiller Frieden in dem kleinen Häusl am +Kirchplatz. Der Veit und die Notburg hausten gut miteinander, und sie +schienen nur eines für das andere zu leben. Und trotzdem konnte die +Notburg innerlich nie so ganz froh werden. Eine geheime Sorge nagte an +ihr und trübte ihren Blick. Das war die Angst um ihren Mann, die sie +oft plötzlich überfiel und sie ruhelos und schlaflos machte. + +Die Notburg fühlte es, noch ehe der Veit es selber so recht wußte, daß +ihn die Heimat anfing zu drücken und zu beengen. Und sie wußte: über +kurz oder lang würde es den Mann hier nicht mehr leiden, und er würde +fortziehen von ihr in eine Welt, die ihrem Sinne fremd war. + +In ihrer bangenden Sorge fühlte sie deutlicher, wie er selber das tat, +das erste Wiedererwachen seiner Unrast. + +Oft saß das junge Weib in einer der vielen schlaflosen Nächte aufrecht +in ihrem Bett und beobachtete bei dem fahlen Schein des Mondlichtes, +das in die enge Kammer fiel, mit ängstlicher Spannung jeden Zug in dem +Gesicht ihres Mannes, der an ihrer Seite schlummerte. Und angstvoll +sah sie die Unruhe in seinem Gesicht, hörte sie das schwere Atmen der +starken Brust und das rastlose Herumwälzen im Bette. + +Sie sah, wie sich die kräftigen Hände zu Fäusten ballten und wie die +Glieder sich wie im Krampfe dehnten und reckten. + +Und bei Tage sah ihr scharf beobachtender Blick, wie das Gesicht des +Mannes allmählich den Ausdruck sonnigen Glückes einbüßte, wie es von +Tag zu Tag finsterer und mürrischer wurde, und wie der Veit übellaunig +und wortkarg zu werden begann. + +Und die Notburg wußte es mit Bestimmtheit: dies waren die Anzeichen +seiner neu erwachenden Unstetheit, und in heißer Angst betete sie zur +Schmerzensmutter am Seitenaltar der kleinen Dorfkirche mit aller +Inbrunst, deren sie fähig war ... + +»Laß mir den Veit, Gottesmutter! Laß ihn nit fortziehen von mir! Laß +mich ein Kind haben, Muttergottes, dann bleibt er lieber bei mir!« + +Denn das war der Schatten in der Ehe des jungen Paares. Jahr um Jahr +war vergangen, aber der Kindersegen war ihnen versagt geblieben. + +Die Notburg hätte sich mit der Kinderlosigkeit weit eher abgefunden. +Ihr war der Veit alles; aber sie wußte, daß ihr Mann die Kinder liebte. +Und hätten sie nur ein Kind ihr eigen nennen dürfen, wer weiß, ob nicht +doch alles anders für sie gekommen wäre. + +So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt +hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr +die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut. + +»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst +lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm +mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I +kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr +eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu +eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang +hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort. +»Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen. +Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I ~muß~ fort.« + +Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem +Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst +hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien. + +Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf +ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte +Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht. + +»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte +Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder +zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum +Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da +bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch +außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und +koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's +Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i ~muß~ arbeiten. I +muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich, +Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a +gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's +nit hart!« -- -- -- + +Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine +Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht +über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste +Abschiedsstunde. Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr +seither. + +Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort +verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte +sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht. + +Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag +die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch +verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes. + +In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem +Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie +preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu +dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte +ahnen, wie es innerlich um sie stand. + +Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener +Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und +ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie +dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so +stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde +stecken blieben. + +Der Veit hielt Wort. Als sich die ersten Anzeichen des erwachenden +Frühlings zeigten, kam er zurück, frisch und fröhlich wie in den ersten +Jahren ihrer Ehe und laut polternd vor Freude über das Wiedersehen mit +der Notburg. + +Aber die Frau war eine andere geworden. Ruhig und schier gleichgültig +empfing sie ihn und zeigte keine Freude. Sie hatte auch keine Freude +über das Geld, das er ihr brachte und mit strahlendem Gesicht ihr +vorzählte. Was war ihr das Geld, nachdem sie ihr Glück dafür hatte +hergeben müssen? + +Es war etwas geborsten in der Seele des Weibes. Was weich und hingebend +in ihr gewesen war, das war in den Stunden einsamer Sehnsucht +allmählich erstorben. Und die innere Kälte der Frau war so groß, daß es +den Veit zu frieren anfing in ihrer Gegenwart. + +Als der Veit das zweite Mal auf die Wanderschaft ging, fiel ihm der +Abschied leicht. Er war froh, daß er das stille, kalte Gesicht seiner +Frau nicht mehr zu schauen brauchte, das eine fortwährende Anklage für +ihn war. + +Und der Veit blieb länger und immer länger von der Heimat fern. Bis er +dann gar nach Amerika gegangen war und im Dörfl als verschollen galt. + +Doch immer, wenn der Mann im fremden Lande weilte, verblaßte das Bild +seiner Frau mit dem kalten, reglosen Gesicht, und die Notburg seiner +Jugend erstand ihm aufs neue. Ihr liebes, sanftes Gesichtchen und ihr +hingebendes Wesen war ihm stets gegenwärtig, und der starke Mann, der +im rücksichtslosesten Kampf ums Dasein stand, bangte sich nach ihr und +sehnte sich nach einem guten Wort aus ihrem Munde. + +Durch die räumliche Trennung war ihm sein Weib innerlich viel näher +gekommen; er vergaß ihre harte Art und entschuldigte sie. + +Er begriff die Schwere ihres Schicksals und nahm sich vor, wieder den +Weg zu ihr zurückzufinden. Bis er dann wieder bei ihr war. Da jagte ihn +ihre abweisende Kälte förmlich von der Heimat fort. + +Kein gutes, verzeihendes Wort, kein warmer Blick ... Die Notburg war +grausam geworden zu dem Manne, der stets aufs neue wieder bei ihr seine +Heimat suchte ... + +Ein dumpfes, schweres Stöhnen rang sich aus der Brust des einsamen +Mannes. + +Grausam! Hatte er ein Recht, sein Weib grausam zu schelten? Hatte er +nicht auf die grausamste Art das Lebensglück der Frau vernichtet? + +Veit Galler fühlte die Schwere seiner Schuld, und doch ... er bereute +nichts. + +Dem innersten Trieb seiner Natur war er gefolgt. Der Mann mit dem +festen, unbeugsamen Willen gehörte in die Welt hinaus. Dort hatte er +seine Kraft stählen können und hatte es zu etwas gebracht. + +Es war ihm nicht immer leicht geworden in der großen Welt da draußen, +dem Veit Galler. Das Leben hatte ihn gar oftmals hart angefaßt; aber +mit zäher Energie und einem eisernen Willen war er stets Sieger im +Kampf geblieben. + +Und war ein reicher Mann geworden ... + +Wohl kaum einer im ganzen Tale konnte solchen Reichtum aufweisen. Und +das Bewußtsein des erworbenen Besitzes machte den Veit stolz und +selbstbewußt und half ihm immer wieder über die trüben Stunden hinweg, +die auch ihn nicht verschonten. + +Der Veit wußte es wohl. All sein Reichtum machte auf die Notburg nur +geringen Eindruck. Mit kalten, gleichgültigen Augen wird sie auch heute +wieder auf das Gold schauen, das er ihr mitgebracht hatte und das er +jetzt spielend in den weiten Taschen seines Rockes klirren ließ. + +Der Mond stand nun in seiner kaltsilbrigen Pracht am Firmament, und +viele Tausende von Sternen glitzerten und funkelten am Himmel. Die +Bergfeuer der Karsamstagsnacht flammten zu Hunderten im Tal und an den +Bergen, die mit Lichtern besät bis hoch an den Rand der Almweiden waren. + +Veit Galler, der Krämer, genoß die stille Feier, und es kam ihm beinahe +vor, als hätte sich die Heimat heute für ihn geschmückt. + +Wie im leichten Silbernebel lagen die drei Hochtäler im Mondenschein. +Die schneeigen Bergkonturen erstanden traumhaft schön wie in einem +Feenland. + +Veit Galler, der Krämer, erhob sich von seinem unwirtlichen Sitz, +dehnte und reckte die schweren Glieder und faltete einen Augenblick die +Hände wie zum Gebet. + +Dann schüttelte er das Trübe dieser Stunde von sich und ging mit +festen, sicheren Schritten bergabwärts, seinem Heimatsdörfl zu. + + + + + Drittes Kapitel + + +Hoch droben am Berg, an der Seite, wo Veit Galler gesessen war, ohne +zu dessen Höhe hinaufsehen zu können, leuchteten ganz besonders große +Feuer ins Tal hinab. + +Fünf Holzstöße brannten da droben in regelrechten Abständen. Fast an +der Spitze des Berges aber loderte in hellen, lustigen Flammen ein +einzelner, mächtiger Holzstoß. Das war das Feuerl, von dem der Florl +seinem Mädel gesprochen hatte. + +Der Florl hatte schon seit etlichen Wochen Pech gesammelt und es in +einer der fünf Almhütten, vor denen heute die fünf Höhenfeuer brannten, +aufbewahrt. + +Das Pech hatte er sich heute geholt und es mit auf die Höhe genommen, +um es in den mächtigen Scheiterhaufen zu werfen. Denn das Pech machte +den Schein des Feuers ganz besonders hell und die Flammen auflodernd. +Das allerschönste und allergrößte und noch dazu das allerhöchste, das +war das Feuerl von dem Florl. + +Das Regele hatte einen weiten Weg tun müssen, um ihr Feuerl auch +richtig sehen zu können. + +Sie hatte, nachdem der Veit Galler fortgegangen war, rasch ein +dunkles Tuch übergeworfen und war mit flüchtigen Schritten von daheim +fortgelaufen. + +Ganz in unmittelbare Nähe, wo der Krämer saß, war das Mädel in +atemlosem Lauf gekommen, ohne daß der Mann sie bemerkt hätte. Sie hatte +ihn wohl erkannt, huschte aber rasch und lautlos und auf Umwegen an ihm +vorbei, hinunter dem Bergtal zu, wo ein hölzerner, schmaler Steg in +schwindelnder Höhe den brausenden Bach überspannte und zu der andern +Seite des Berges führte. + +Bei jedem Schritt, den man da tat, zitterte und krachte das +morsche Holz. Die Brücke schwankte und bog sich, als wollte sie +zusammenbrechen. Man mußte schon ganz schwindelfrei sein, um den engen +Steg, der kaum Raum für eine Person bot, zu überqueren. + +Bogenförmig überspannte die Brücke den Bergbach. Ein kleines, niedriges +Geländer zu beiden Seiten sollte Schutz gewähren gegen einen Fall in +die Tiefe. Wohl an die fünfzig Meter ging es hier in den Abgrund, und +brausend tobte der Wildbach in der engen Bergschlucht. + +Dieser Steg war der Teufelssteg, und ältere Leute mieden ihn in +abergläubischer Furcht. Nur jene benutzten ihn, welche die Bergmahd +jenseits des Baches zu mähen hatten, oder jene, welche den Weg kürzen +wollten, der zum Nachbarhochtal führte. Die meisten Leute aber gingen +den allgemein üblichen Talweg, wenn er auch zumindest um eine Stunde +länger war. + +»Weil's soviel schiach ist über'n Teufelssteg ...« sagten sie. »Und man +kann's doch nit wissen, ob nit amal a Unglück g'schiecht.« + +Vor etlichen Jahren war hier auch ein Unglück geschehen, und seither +mied man den Steg noch mehr wie zuvor. + +Das war, als die Philomena Abfalter hier ihrem Leben ein Ende gemacht +hatte. + +Die Mena ... An die Mena mußte das Regele jetzt lebhaft denken, wie sie +inmitten des leicht schaukelnden Steges stand und in das tobende Wasser +tief drunten schaute. + +Ob es bei der Mena wohl auch so gegangen war wie bei ihr? + +Das Regele erinnerte sich noch deutlich an die Mena. Ein dickes, +dralles, junges Ding, mit hochroten Backen und lustigen, dunklen Augen. +Und hatte ein Kind gehabt, die Mena. + +Das Regele erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. An +einem Sonntagmorgen war es gewesen vor der Frühmesse. Da hatte die +Mena vor der Kirchentüre knien müssen, einen Strohkranz auf dem Kopf, +und hatte nicht hinein dürfen in das Gotteshaus, bis der Priester kam +und sie aussegnete. Dann erst war die Schuld von ihr genommen und sie +würdig befunden worden, den heiligen Raum zu betreten. + +Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet +und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht +geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute, +die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel +vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen. + +Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen +die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere +Leute sie mit barschen Worten gehen hießen. + +Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht +anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das +schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten +schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden. + +Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte, +nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte. +Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben +und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern. + +Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen +Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht +heiraten konnte. + +Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War +davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der +Berghöfe als Knecht verdingt. + +Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer +mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre +Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein +den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der +Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern +nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid +bis zu ihrer schweren Stunde. + +Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte +ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und +nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die +öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz. + +Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und +der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein +inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's +nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie +kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft +schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken. + +Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können. +Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu +herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und +nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit +gehen hieß. + +Da war das Mädel davongelaufen, und kein Mensch hatte sie mehr zu sehen +gekriegt. + +Einige Tage nachher, als man auf die Suche ging, fand man den leblosen +Körper des Mädels zerschellt im Bache auf. Von der Teufelsbrücke war +sie herabgesprungen, und ohne Priester und ohne Gebet war sie in +ungeweihter Erde begraben worden. + +Zwei alte und einschichtige Bauersleute, ledige und ehrsame Jungfrauen, +hatten sich um Gotteslohn ihres Kindes angenommen. Das Moidele hieß +es und war ein scheues kleines Mädel mit einem dummen, ausdruckslosen +Gesichtchen. + +Hatte nicht viel Pflege, das Moidele, aber genug zu essen. Denn alte +Jungfern, das weiß man wohl, können mit so kleinem Zeug nicht gut +umgehen. Aber sie waren gut zu dem Kind; und wenn es böse Worte waren, +die das Moidele zu hören bekam, dann waren es die Kinder aus der +Nachbarschaft, die sie ihr nachriefen ... + +Das Regele beugte sich vor über den Steg, so daß er stark schaukelte +und sie ein leichter Schwindel überfiel. + +Wenn sie es jetzt nun auch so machen würde wie die Mena? Ob es wohl +sehr wehe tat ... ein Sprung da hinab ... und alles wäre zu Ende ... + +Das Regele aber hatte den Mut dazu nicht. Sie hatte aber auch den Mut +nicht, das auf sich zu nehmen, was die Mena auf sich genommen hatte. + +Da droben, dort, wo der Florl das hoch emporlodernde Feuer entzündet +hatte, das jetzt langsam zu verlöschen begann ... dort droben war es +angegangen zwischen ihnen beiden. + +Dort, wo heute abend die fünf Holzstöße flackerten, da standen fünf +Almhütten. Eine regelrechte Siedelung war es, und die Leute hierzulande +nennen diese Hütten nicht Almhütten, sondern Asten. Die Aste dient als +Zwischenstation vom Tal zur Alpe. Wenn es am Joch noch zu kalt ist, +dann weidet das Vieh auf der Aste. Das Heu der Almwiesen wird auf der +Aste eingelagert. + +Ein lustiges, reges Leben ist da mitunter im Frühjahr und im Herbst auf +den Asten. Und gar erst da droben, wo fünf Asten in enger Nachbarschaft +vereinigt waren. Da wird gesungen und getanzt und auf der Ziehharmonika +oder Zither Musik gemacht. + +Der Florl und der Wastl waren beide auf je einer der Asten bedienstet. +Den ganzen Sommer über waren sie da droben. Ein jeder von ihnen hatte +etliche Stück Vieh zu betreuen und nebenbei Käse und Butter zu machen. + +Arbeit gab's genug, und der Tag dauerte ihnen niemals lang. Ab und zu +kam Besuch vom Tal herauf. Das waren die Knechte von den Bauern, welche +die Butter und den Käse abzuholen hatten. + +Aber noch andern Besuch bekamen die Burschen manchmal, der ihnen lieb +war und den Tag verschönte. + +Die Perlmoserischen von dem kleinen Hochtal unten, in dem das Regele +daheim war, besaßen auch eine der fünf Asten. + +Gerade zwischen dem Florl und dem Wastl seiner war die von den +Perlmoserischen. Und da hauste der Jackl, der älteste Sohn des +Perlmoser. + +Da die Perlmoserischen keine fremden Dienstboten anstellten, mußten die +Töchter, die dem Jackl im Alter am nächsten waren, diejenigen Arbeiten +verrichten, die sonst von Rechts wegen eigentlich den Männern zukamen. +Sie trugen in schwerbeladenen Kraxen Käse und Butter ins Tal und +mähten mit kräftigen Armen, weitausholend das Gras der Almenmahd ihres +Vaters. + +Sie waren robuste, kernkräftige Mädeln, die drei Perlmoserischen. Ganz +besonders aber die Genovefa Perlmoser, kurz Vef genannt. + +Das war eine Freude, der bei der Arbeit zuzusehen. Wie die schaffen und +tragen konnte mit ihren neunzehn Jahren! Hochgewachsen und üppig war +sie, hatte hellblondes Haar mit dicken Zöpfen, ein zartrosiges Gesicht +und hellblaue, lachende Augen. Lachen tat sie überhaupt gern, die Vef. +Und zeigte dabei gesunde weiße Zähne und entzückende Grübchen in beiden +Wangen. + +Kein Wunder, daß dem Wastl die Vef so gut gefiel und daß er allen +Ernstes daran dachte, sie zu heiraten. + +Als der Wastl der Vef dies zum erstenmal sagte, da lachte das Mädel, +daß man's weithin hören konnte. + +»Möcht' wissen, von was wir zwoa heiraten sollten! Du nix und i nix +... Das gab' a nette Wirtschaft ab! Nua ... i amal nit! Zuerst muß i +wissen, wohin i nacher g'hör' ... sonst lass' i mi nit ein mit dir.« + +Und dabei blieb's. Sie war viel vorsichtiger in der Liebe, die Genovefa +Perlmoser, wie das kleine, dumme Regele. Freilich, das Regele war auch +noch jünger, ein halbes Kind und daß der Florl so ungestüm war und +es beim Küssen allein nicht bewenden ließ, das hatte sie wirklich zu +Anfang ihrer Liebschaft nicht wissen können. + +Aber schön war's doch gewesen! + +Wenn das Regele genauer darüber nachdachte, wie das eigentlich alles +so hatte kommen können, dann mußte sie immer wieder der verflixten +Singerei die Schuld geben. Die und nichts anderes trug die Hauptschuld. +Denn hätte die Perlmoser Vef das Regele nicht immer wieder geholt, daß +sie mit ihr singe, dann hätte der Florl nicht die Gelegenheit gefunden +für seine Annäherung. + +Die Perlmoser Vef und das Regele konnten nämlich gar so schön zusammen +singen. Und taten es auch gern. Schon von Kindheit auf übten die beiden +Nachbarskinder die schönsten Lieder und Jodler ein. Das Regele sang +mit glockenheller Stimme und nahm auch den höchsten Ton mit spielender +Leichtigkeit, und die Vef hatte einen weichen, vollen Alt, der warm und +innig klang wie der Ton einer Glocke aus edlem Metall. + +An den langen Winterabenden saßen sie gar oft in der überhitzten Stube +beim Perlmoser und sangen. Dann griff die Vef in die Saiten ihrer +Laute, und oft spielte das Regele die Begleitung auf der Zither. + +Die schönsten musikalischen Abende hatten sie da oben in ihrem einsamen +Bergtal. Die Vef und das Regele waren so aneinander gewöhnt, daß sie +vermeinten, die eine könne ohne die andere gar nicht so recht singen. + +So war es denn auch die Vef gewesen, die das Regele immer wieder +mit hinauf aufs Alpl nahm. Der Mutter war's freilich nicht immer +recht gewesen. Man tut ja gern eine Gefälligkeit und erst gar den +Nachbarsleuten; aber schließlich, das Regele war die Hauptarbeitskraft +zu Hause, und daheim blieb dann die Arbeit liegen. Denn oft kam das +Mädel tagelang nicht vom Alpl herunter. + +Daß es da droben oft bis spät in die Nacht hinein lustig zuging, das +wußte die Bäurin sehr wohl. Gar so lang war's ja schließlich nicht her, +seitdem sie selber jung gewesen war. Und sie gönnte ihrem Mädel ja gern +ein bissel Unterhaltung. + +Singen und Zitherspielen und auch ab und zu ein bissel Tanz, was war da +viel dabei. Die Mädeln gaben ja acht aufeinander, und das Regele konnte +ja kaum noch als ein richtiges ausgewachsenes Dirndl gelten. Wenigstens +sah die Mutter immer noch das Kind in ihr. + +Aber auch die andern Leute nahmen das Regele nicht ernst. So hatte der +Wastl das Regele mehr als einmal mitleidig ein Grispele geheißen, an +dem nichts sei wie Haut und Knochen. + +Der Wastl wäre also nicht zu fürchten gewesen. Dem Florl freilich, dem +traute die Bäurin nicht über den Weg. Der hatte ein so übermütiges +Spitzbubengesicht, und die Bäurin konnte ihn überhaupt nicht leiden. +Wenn er einmal beim Söllerbauer zukehrte, dann war sie immer mürrisch +und unfreundlich zu ihm und maß ihn mißtrauisch von der Seite. + +Als die Vef wieder einmal zum Söllerbauer herüberkam, um das Regele nur +grad für einen Tag aufs Alpl hinauf auszubitten ... »weil wir's iatz +grad gar so viel gneatig hab'n und 's Grummet döcht aa no trocken einer +bringen möchten ...« da meinte die Bäurin etwas besorgt: »Ös werd's +epper nit grad alleweil arbeiten da oben. I moan völlig, ös tanzt's die +halben Nächt' durch, weil's Madel alleweil gar a so verschlafen ist, +bald's aber kimmt.« + +»Tanzen tian mir freilich aa!« lachte die Vef ihr strahlendes Lachen. +»Zu was war'n wir denn jung? Beim Tag arbeiten, daß die Schwarten +krachen, und auf d' Nacht singen und aufspielen und tanzen.« + +»Mei ...« machte die Bäurin mürrisch und stemmte nachlässig den Arm in +die breite Hüfte. »I vergunn's enk wohl. Aber 's Regele ist grad so +viel jung no. Die gang' aa g'scheiter schlafen.« + +»Sell tut sie schon!« bestätigte das Mädel lebhaft. »Wir schlafen aft +schon aa, bald wir müd sein!« Sie lachte übermütig und zeigte dabei +ihre blendend weißen Zähne. + +»Tust mir halt a bissel achten aufs Madel, gelt, Vef?« bat die Bäurin +besorgt. »Woaßt wohl, dö Löder ...« + +»Wir sein alleweil beinand, wir Madeln!« beruhigte sie die Vef. »Da +g'schiecht nix. I schau' schon drauf. Und dö Löder haben wohl aa mehr +z' tian, als wie grad auf das Grispele aus zu sein.« + +Das Grispele! Dieser Spitzname, den ihr der Wastl aufgebracht, der war +dem Regele geblieben. Und daß man sie noch immer nicht für voll gelten +ließ, das war's ja auch, was dem Florl die Liebschaft mit ihr so leicht +machte. + +Niemand außer ihm selber schien das Regele als erwachsenes Mädel zu +betrachten. Das kam daher, weil sie so klein und zierlich war und ein +so kindliches Gesichtchen hatte. + +In dem kindlichen Gesicht aber hatte das Regele einen kleinen, +kirschroten Mund, dessen volle Lippen immer leicht fragend offen +standen. Und diese leicht geöffneten Lippen erschienen dem Florl +sehnsüchtig und hungrig und lockten ihn, sie einmal gewaltsam mit den +seinen zu schließen. + +Droben, wo das Feuerl heute abend zu höchst brannte, da war's gewesen, +wo der Bursch keck und übermütig das Regele um die Mitte nahm, ihr das +dunkle Köpfchen nach rückwärts bog und sie nach Herzenslust abküßte. + +»Du ... lass' mi ...« wehrte sich das Mädel schwach. »I schrei ...« + +»Schrei, wenn du kannst ... du ...« neckte sie der Florl übermütig und +zog das zarte Geschöpf zu sich ins Gras herab. Dann nahm er sie wie ein +Kind aufs Knie und busselte sie ab, daß ihr Hören und Sehen verging. + +»Hätt' nit denkt, daß deine Busseln gar a so fein schmecken!« neckte er +sie dann. »Völlig nit g'nug kunnt oans kriag'n davon.« + +Dem Regele schienen die seinen gleichfalls sehr zu munden. Wenigstens +machte sie keine Miene, sich aus seinen Armen loszureißen, sondern +hielt ihm immer wieder ihr kirschrotes Mäulchen entgegen. + +So nahm sich denn der Florl, was ihm das Mädel nicht weigerte. Eine +richtige leichtsinnige Liebschaft war's. Das erste Erwachen der Sinne +zweier unreifer Menschen. + +Eine heiße Liebe war's, die an nichts dachte, keine Folgen fürchtete +und nur dem seligen Augenblick sich hingab. + +Am Alpl unten merkten sie von nichts. Die Vef konnte mit Recht die +Söllerbäurin beruhigen. Das Regele war abends immer bei ihr und ihren +beiden Schwestern, tanzte und sang mit ihnen und schlief mit ihnen in +der niedern Holzkammer bis zum Morgengrauen. + +Tagsüber jedoch, wenn sie das Dirndl bei der Arbeit glaubten, da fand +das Regele immer einen Vorwand, sich von den übrigen abzusondern. Und +die andern achteten nicht weiter auf sie. Was konnte man denn beim +hellichten Tag anders tun als arbeiten? + +Der Florl war keck genug und kam nun auch zu seinem Mädel, wenn sie +drunten war im Elternhaus. Schlich zu ihr auf Umwegen und in der +Dunkelheit der Nacht, trotz Wind und Wetter. Und im Winter machte er +den weiten Weg zu ihr vom Tal herauf. Stapfte durch Schnee und Eis, und +der Söllerbauer wunderte sich oftmals in der Frühe, wenn er die Haustür +öffnete und den angefrorenen Schnee gewaltsam mit den Füßen von den +Pfosten stieß, über die frischen Spuren. + +»Wer ist denn grad wieder in der Nacht bei all'n Wind und Wetter da +aufergangen? A so a damischer Loder ... a damischer!« + +Und der Söllerbauer schüttelte unwillig seinen Kopf. »Dö jungen Leut' +von heutzutags ...« und dann brummte er etwas in seinen struppigen, +leicht ergrauten Bart hinein. + +Sein Verdacht lenkte sich auf den Nachbarshof und auf die +Perlmoserischen mit den drei bildsaubern Töchtern. Daß das Regele es +war, die den Fensterlbesuch in der Nacht erhalten hatte, an das dachte +kein Mensch am Hof, am wenigsten der Söllerbauer. + +Die Sorge der Mutter um das Dirndl war behoben, sowie sie das Regele +unter dem Schutz des väterlichen Daches wußte. Und gar so tief war die +Sorge auch nicht gewesen. Die Bäurin hatte an mehr zu denken den lieben +langen Tag, wie an das Regele. + +Da schrie ein Kind und wollte betreut sein, und dort balgte sich ein +anderes. Da hatte ein Bub ein Loch in die Hose gerissen, und dort stand +eine Schüssel nutzlos herum und war im Wege. Da mußte man schimpfen +und zanken und zwischendurch auch wieder ein bissel arbeiten und dann +wieder nach dem Regele schrein, daß es helfe, die Schäden zu heilen. + +In dem täglichen Ärger über Nichtigkeiten eines einförmigen Lebens +kam die Frau gar nicht dazu, sich viel um ihre älteste Tochter zu +bekümmern. Sie war bei ihr, und das genügte ihr. So bemerkte sie es +auch gar nicht, daß das Mädel von Tag zu Tag blässer wurde und mager +und schlecht auszusehen anfing. + +Denn nun hatte es das Regele mit der Angst zu tun. Die Folgen ihres +Leichtsinns waren nicht ausgeblieben, und lange dauerte es nicht mehr, +dann würde ihre Schande offenkundig werden. + +Das Regele wußte, daß der Vater sie in seinem Zorn halbtot schlagen +würde, und sie fürchtete sich vor dem Ausbruch seiner Wut. So gutmütig +der Söllerbauer für gewöhnlich war, so maßlos heftig konnte er im Zorne +sein. Und das Regele wußte auch, daß sie von nun ab keine gute Stunde +mehr bei der Mutter haben würde. Geächtet und verachtet würde sie +herumgehen, wie damals die Mena. + +Wenn das Regele dran dachte, daß sie nur mehr wenige Wochen ihre +Schande würde geheimhalten können, dann überlief es sie eiskalt. Nur +noch ein paar Wochen, und sie wußten es alle, wie es um sie stand ... + +Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte +mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe. + +Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das +Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so +reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie +brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ... +dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig, +und es war geschehen. + +Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig +ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest. + +Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender Bewegung, und unten +spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es, +als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht +auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu. + +Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ... +Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei. + +Und dann? + +Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl +kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder +nicht. + +Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der +Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von +Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein. + +Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den +Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war +doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern. + +Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber +sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres +Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten +Augen in die Tiefe starrte. + +Mochte das bleiche Gesicht der toten Mena auch locken da unten. Das +Regele würde ihr nicht folgen. Das vorhin war nur so eine Anwandlung +gewesen. Gott sei Dank ... das war nun glücklich überstanden. + +Von abergläubischer Furcht gepackt, flüchtete das Mädel jetzt von der +schmalen Brücke fort und achtete in ihrer Angst gar nicht, daß der Steg +in allen Fugen ächzte und krachte und sich heftig schaukelnd bog. + +Nur fort ... fort von da! Es war doch nicht ganz geheuer mit dem +Teufelssteg ... Bei einem Haar, und sie hätte sich in den Abgrund +gestürzt. Und das Gesicht der toten Mena hatte sie ganz deutlich aus +dem Wasser aufsteigen sehen ... + +Zitternd vor Kälte und Aufregung wickelte sich das Mädel fest in das +warme Tuch ein. + +Die Lichter auf den Bergen und im Tal waren nun verglommen, und auch +das Feuerl des Florl war nur mehr ein schwach leuchtender Punkt, gleich +einem verblassenden Stern. + +Was der Florl wohl dazu sagen würde, wenn das Regele verschwunden war? +Denn nun stand es in der Einsamkeit dieser Stunde bei dem Mädel fest, +daß sie nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Sie wollte und konnte +sich nicht aus dem Leben schaffen, aber sie wollte sich auch nicht der +Schande preisgeben. + +Allmählich hatte das Regele ihren atemlosen Lauf eingedämmt und ging +jetzt, ruhiger geworden, fast langsam die mondbeleuchteten Bergwiesen +hinan, dem Dörfl zu. + +Wohin sie jetzt wohl ihre Schritte lenken sollte? Zu dem Florl flüchten +in ihrer Not? + +Das hätte wenig Zweck gehabt. Der Florl konnte ihr ja nicht helfen und +sie nicht schützen. Wenn er auch immer wieder versichert hatte: »I +verlass' di nit, Madel. Ganz g'wiß nit. Und wie i 's Geld beinander +hab', heirat' i di ...« + +Jetzt konnte er sie ja nicht heiraten. Und bis er das Geld dazu +aufbringen würde, bis dahin konnten sie beide alte Leute werden. + +Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn +wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge +Menschenkinder in Liebe zueinander fanden? + +Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine +Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam +und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen. +Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin. + +Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer +Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie +zu ebener Erde Licht schimmern. + +Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht +verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das +gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte +es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch +nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen +Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen, +leichtsinnigen Mädels? + +Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und +die Bergstraße hinunter ins Haupttal. + +Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu +wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging, +desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln +gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige +Zuversicht. + +Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie +kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch +hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der +Heimat und der drohenden Schande! + +In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer +erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt +das Mädchen mutig fürbaß. + +Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den +stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie +von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie +noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn +antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber +wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit +gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing. + +Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das +Tal. Alles wär ihr hier fremd und unbekannt, und die Berge, die sich +dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu. + +Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen +Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im +Morgendämmer. + +Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen +Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort +von der Heimat, so weit als möglich. + +Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur +erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten +verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt +rüstig weiter. + +Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon +vermissen und ihr jemand nachschicken. + +Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein +Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn +sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war. + +Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres +Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena +gefolgt war? + +Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr +heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren +Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und +ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt hatte. Mit Vorwürfen hatte +sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl +war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort +verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut. + +Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl +jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde? + +Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam +sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und +mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer +kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr +begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne +auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der +Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum +entlang. + +Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher. +Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder +des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie. + +Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen +Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine +Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie +Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und +grausam. + +Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang ihres Heimatstales +vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da. +Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt, +erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem +Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in +sich auf. + +Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das +einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an +dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich, +und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt +verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig. + +Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das +Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie +wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen +und im Freien nächtigen. + +Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen +das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute +verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre +älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd +und schwer verständlich war. + +Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen +Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und +schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie +hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer +engern Heimat war weit schlichter. + +Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen +Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das +alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam +verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen +faßte. + +Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen +war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie +fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und +hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe. + +»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem +Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen. + +»An Dienst suchen.« + +»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere. + +Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie +gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen, +etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?« + +»Auf Schwaz, meinst?« + +»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl. + +»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln +resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn +d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's +Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend +hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die +Augen schossen. + +Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber +doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg +fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der +Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie +lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das +Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war. + +Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben +im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das +Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich. + +Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß +sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte. + +Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen +davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen +Häusern, die es dort geben sollte. + +Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor +mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie +die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das +feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel +zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück. + +Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder +zuversichtlicher geworden. Nun sah sie den stattlichen Ort vor sich +liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines +Berges. + +Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus +dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen +gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu +sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und +Häuser inmitten blühender Gärten. + +Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen +bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf +dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen. + +Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr +vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und +vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und +dumpf. + +Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr +beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde +Mädel in seinem ärmlichen Aufzug. + +Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte +sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe +der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die +Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie +aus dem dämmrigen Gäßchen hervor und ging zur Kirche. Vorsichtig und +unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß +ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße +mißtönigen Lärm verursachten. + +Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und +war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt +nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß +ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne +hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand. + +Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und +mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles +Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern +und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen. + +Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie +eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer +Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in +die frische, laue Frühlingsluft. + +»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und +sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm, +konnte aber kein Wort hervorbringen. + +»Wo bleibst denn?« erkundigte sich das Weiblein weiter. + +Erschrocken und furchtsam schaute das Mädel auf. Sie hatte sich auf der +Steintreppe der Kirche niedergelassen und schwer den schmerzenden Kopf +in die Hand gestützt. + +»Wo du bleibst?« wiederholte die Alte ihre Frage. + +Das Regele wies mit der Hand vor sich hin. »Da!« sagte sie tonlos. Sie +fand auch jetzt den Mut nicht, die Wahrheit einzugestehen. + +»Hast Verwandte da, ha?« + +Wieder nickte das Mädel und barg den Kopf in beide Hände. Daß es ihr so +schwer fiel, mit den Menschen zu reden, die es vielleicht gut mit ihr +meinten! + +Die Alte sah, daß das fremde Mädel keine Auskunft geben wollte und +plagte sie nicht weiter mit ihren Fragen. + +»Ist dir schon wieder besser, gelt?« + +Das Regele nickte bestätigend. In Wahrheit aber fühlte sie sich schwach +und krank. + +Die Alte war wieder in die Kirche zurückgegangen, und das Regele +schleppte sich müde und elend von dem Kirchenportal fort und schlich +langsam und demütig durch stille, einsame Gäßchen bis hinauf zu den +letzten Häusern, die zu Füßen eines alten Turmes lagen. Hier oben in +freier Höhe mit dem weiten Blick ins Inntal wurde ihr leichter. + +Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume +und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein +Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und +warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des +Ortes. + +An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich das Mädel niedergelassen +und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier +blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch +sah sie. + +Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger +Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer. + +Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich +schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber +so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen +anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig, +und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von +Minute zu Minute. + +Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte +schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die +Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz +gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte. + +Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen +in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde! + +Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme +fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher +kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an +dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß. + +Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz +faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen. +Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon. + +Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins +Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt +hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich +das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die +Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif. + +Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie +heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr +für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren. + +Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele +hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem +dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer +Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der +Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den +sie nun finden sollte. + +Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche +Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, +weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen +Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch quiekten +morsche Holzkreuze in dem Sturmwind. + +Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im +Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas +verdeckte. + +Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den +Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem +Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang. + +Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das +Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch. + +Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines +heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden +Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter +zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus +ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie +gekommen war. + +Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und +lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in +ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am +Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war? + +Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang. +Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal +die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte +sich das Feld der Toten, und es erschien ihr nicht mehr still und +lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden. +Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel +in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß +stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände. + +»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!« + +Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen +hatte. + +Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ... + +Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von +daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie +quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen. + +Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre +Hände. + +»Heilige Mutter Maria, hilf mir!« + +Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot. + +Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der +unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das +bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher +heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar +nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte. +Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht +schrie. + +»Heilige Muttergottes, hilf!« ... + +Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor zu öffnen kam, ein +blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf. + +Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern. +Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber. + +Und gebar einen Buben ... + +Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem +Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort. + +Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so +gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des +kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das +Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und +wollte auch an nichts denken. + +Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht +gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den +Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten. + +Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben +ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu +bleiben. + +Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch +immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen +leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ... + +Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen +Tuche eingewickelt im Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen +sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last? + +Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte +keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte +sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein. + +So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an. + +»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten, +polternden Art und fletschte die Raubtierzähne. + +Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels. + +»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut +und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding +auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?« +erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine +Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er +dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends +aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am +Wegrand hin und brachte sie zum reden. + +Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen +worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der +aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte. + +Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und +voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die +warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens. + +»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer +Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt +mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit +der Hand über die Wangen. + +Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos. + +»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine +Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des +Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann. +»Weil er nit amal rearen tut.« + +»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte +wenig Freude an dem Kind. + +»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter. + +»Naa.« + +»Nit? Ja ... und nachher?« + +»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig. + +Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken. + +»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er. + +Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die +Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem +Kramer Veit. + +Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte der Kramer zugehört. +Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen. + +»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin. + +»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und +weniger mutlos wie zuvor. + +Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen +an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das +derbe, kraftvolle Gesicht. + +»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n. +I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir +dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit +da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm +enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld +habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav +bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!« + +Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug +ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl +würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll +Vertrauen auf den Kramer Veit. + +Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine +Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das +Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu. + + + + + Viertes Kapitel + + +In der kleinen, behaglich ausgestatteten Stube, die an den Kramladen +anstieß, saß die Notburg und arbeitete. Einen ganzen Stoß Wäsche hatte +sie vor sich auf dem Tisch aufgestapelt, und neben ihrem Sitz auf +der Holzbank, die rings um die getäfelten Wände lief, lag noch ein +ansehnlicher Pack zum Ausbessern. Socken und Unterhosen und weiße und +farbige Hemden lagen da hübsch säuberlich gewaschen und geordnet zur +Flickarbeit hergerichtet. + +Recht zerlumpt war er eigentlich wieder heimgekommen, der Veit. So viel +Wäsche und Zeug er auch mitgebracht hatte, überall fehlte etwas. + +Zwei große Holzkoffer hatte der Bote, der einmal in jeder Woche seinen +mit Blachen überspannten Wagen hinaus ins Inntal fuhr, für den Veit +Galler mitgebracht. Bis zu dem stattlichen Dorf, dem Hauptort des +Tales, lieferte der Bote das Gepäck. Von dort aus mußte es abgeholt +werden; und da die beiden Koffer zum Aufladen für einen Maulesel +viel zu unbequem und schwer gewesen wären, mußte sich der Veit einen +Leiterwagen und ein Pferd ausborgen und sein Gepäck selber ins Dörfl +hinaufbringen. + +Das gab ein Geschau, als der Kramer Veit mit den großen, dunkel +angestrichenen Holzkoffern angerückt kam. Und ein neugieriges Fragen +von allen Seiten war es, was für schönes, wertvolles Zeug denn wohl in +dem Gepäck verborgen sein würde. + +»Mei ...« machte die Notburg und hob die Achseln gleichgültig. »Halt +aa grad' Wäsch' und a bissel a G'wand. Muß halt erst z'sammg'flickt +werden, weil's aa grad' umadum z'rissen ist.« + +»Freilich! Freilich!« pflichtete ihr die Fragerin, eine ältere Bäuerin +aus dem Nachbarhause, bei. »An oanschichtig's Mannsbild ... woaß man +wohl! Hat aa koan Mensch nit, der ihm eppas antat'! Wirst eppar gar +nimmer fertig werd'n mit der Arbeit, bis er wieder fort geht, der Veit, +ha?« fragte sie mit lauerndem Blick. + +»Ah wohl. I dermach's leicht no!« erwiderte die Notburg kurz und +schroff. + +»Freilich! Freilich! Derweil hast aa leicht. Woaß man wohl!« stimmte +die Nachbarin eifrig zu. + +Sie hätte gar zu gerne etwas von dem Inhalt der beiden Koffer gesehen +und war herüber gekommen, der Notburg ihre Hilfe beim Auspacken +anzubieten. Die Notburg aber ließ die Koffer inmitten der kleinen +Wohnstube stehen, wie sie waren, und klappte nur noch rasch die Deckel +zu, ehe sie sich gegen die Besucherin wandte. + +Die blieb unter der Türe stehen und getraute sich nicht weiter +hereinzukommen und auch nicht mehr weiter zu fragen. Die Notburg +machte ein so entschiedenes, abweisendes Gesicht und war so gar nicht +zugänglich für kleine nachbarliche Vertraulichkeiten. + +Wenn man's so recht betrachtete, war der Veit gerade auch nicht zu +neiden mit seinem mürrischen Weib, dachte die Bäuerin bei sich. Dann +kehrte sie wieder langsam in ihr eigenes Haus zurück und sah von dort +aus noch eine Weile neugierig durch das kleine Gitterfenster hinüber +zum Kramer. + +Geschah der Notburg eigentlich doch ganz recht, der Z'widerwurzen, wenn +ihr der Mann bald wieder durchging. Es war kein freundlicher Blick, +den die Nachbarin hinüber warf zur Notburg, deren Gestalt für einen +Augenblick am Hauseingang zu sehen war. + +Das glaubte einmal kein Mensch der Notburg, daß der Veit weiter nichts +als Wäsche und Kleider in den Koffern hatte! War ein recht ungut's +Ding, die Notburg! Hätte doch auch ein bissl was reden und deuten +können, was in den beiden Koffern steckte! + +Gar nicht mehr loskommen konnte die Nachbarin von den Koffern. +So geheimnisvoll und fremdländisch wie die aussahen! Und sollten +ordentlich schwer gewesen sein. »Völlig nit zum derlupfen ...« +erzählten die beiden Burschen, die dem Kramer Veit beim Abladen der +Koffer behilflich gewesen waren. + +Und der Veit hatte gar so viel lustig und selbstzufrieden +dreingeschaut. War in Hemdärmeln vor der Türe gestanden und hatte grad' +kommandiert. Und aus vollem Halse gelacht hatte er, weil ihm der eine +Koffer beinahe aus den Händen gerutscht war. + +Die Leute munkelten im Dörfl, daß dieser Koffer bestimmt voll Gold +gewesen war; denn ein paar Weiber, die beim Abladen ganz in der Nähe +gestanden waren, hätten darauf schwören können, daß sie deutlich etwas +darin hatten herumrollen hören, das wie Gold geklungen habe. + +Die Notburg hätte es weiter auch nicht nötig gehabt, so g'sparig zu +tun und den ganzen lieben langen Tag über ihrer Flickerei zu hocken. +Natürlich! Von reichen Leuten konnte man sparen lernen, und geizig +waren sie beide ganz gleich, die Notburg und der Veit. + +Kaum daß sich der Kramer etliche Wochen daheim ausgerastet hatte, war +er schon wieder auf und davon gegangen. Hatte seine Kraxen auf die +Schulter genommen und war damit nach Innsbruck hinauf gewandert. Ganz +wie in früheren Jahren, da er noch kein so wohlhabender Mann gewesen +war. + +Nur war die Kraxe, die er aus dem Tal hinaustrug, diesmal leer gewesen +und nicht mit Käselaiben schwer beladen wie in früheren Zeiten, so daß +man oft vor lauter Gewicht den Kopf des Trägers kaum mehr sehen konnte. +Ein bißchen bequemer und leichter hatte sich's der Kramer Veit also +doch jetzt eingerichtet. + +Die Leute im Dörfl sahen und belauerten ganz genau, was bei dem Kramer +vorging. Und die Notburg hatte jetzt oft auch an Werktagen einen ganz +regen Geschäftsverkehr im Ladele. An den Sonntagen aber, gleich nach +der Frühmesse, da gab's im Ladele jetzt Hochbetrieb. Aus den Berghöfen +der Nachbartäler kamen die Bauern und kauften ein. Sie mußten sich doch +mit eigenen Augen überzeugen, wie der Kramer Veit eigentlich jetzt +ausschaute, und was er zu erzählen wußte. + +Die Weiber kamen ins Ladele, kauften ein paar Kleinigkeiten und fingen +an, der Notburg ausführlich über ihr eigenes Leben und Treiben zu +berichten. Dabei spähten sie neugierig durch die Türe, die ins Innere +des Häuschens führte, ob sie den Veit nicht doch zu sehen kriegten. +Und wenn er sich nicht zeigte, dann fragten sie nach ihm. Wenn sie +schon einmal da herinnen waren, dann wollten sie ihn wenigstens auch zu +Gesicht kriegen. + +Es war sonderbar, wie rasch die Kunde von der Heimkehr des Kramer Veit +nach überallhin gedrungen war. Eine Neuigkeit benötigt weder Post noch +andere Verbindungsmittel. Sie fliegt förmlich durch die Luft, eilt von +Mund zu Mund bis in die entlegensten Berghöfe. In der Einsamkeit sind +die Menschen hungrig nach Ereignissen. Es berichtet der eine dem andern +ungefragt, was er gehört hat und was sich im Umkreis ereignet hat. + +Auch die Männer kamen an den Sonntagen nach der Frühmesse ins Ladele. +Standen mit ihren steifen, ungelenken Beinen breitspurig herum, +entzündeten sich umständlich ihre Pfeifen oder klopften die Asche +heraus und redeten dabei auf ihre Weise mit dem Kramer Veit. Sie +sprachen mit ihm ganz wie in früheren Zeiten, als ob er nie von ihnen +fortgewesen wäre, und sie lobten ihn untereinander, weil er sich immer +gleich geblieben war, gar nicht stolz geworden war und Anteil nahm an +ihren Interessen ganz so wie in früheren Jahren. + +Auch die Weiber sprachen sich leicht mit dem Veit. Viel leichter +wie mit der Notburg, der man ja jedes Wörtl förmlich aus dem Mund +herausziehen mußte. + +Das war beim Veit anders. Der erzählte ihnen frisch und lustig, was sie +wissen wollten, und lachte mit ihnen ... laut und polternd, daß es eine +Freude war, ihn anzusehen. + +Das gab oft einen Spektakel ab im Ladele! Die Notburg war an den vielen +Lärm gar nicht mehr gewöhnt und bekam einen ganz wirbligen Kopf davon. +Denn all die Jahre her, wo sie einsam hier gehaust hatte, war der +Geschäftsbetrieb nur flau gewesen. Auch an Sonntagen. Da kamen wohl +auch die Bäurinnen, aber sie hielten sich nicht lange auf im Ladele. +Denn ratschen und sich miteinander unterhalten, das konnte man am +Dorfplatz draußen weit besser, als in dem engen Raum drinnen. + +Jetzt aber, da der Veit hier war, jetzt war's völlig unterhaltsam +da drinnen. Der erzählte mit seiner lauten, polternden Stimme, und +die Weiber brauchten sich keinen Zwang anzutun, um ihre Stimmen +einzudämmen, sondern konnten auch mitreden, wie ihnen der Schnabel +gewachsen war. + +Reden aber, besonders wenn es recht freundlich klingen soll, bedeutet +bei den Bergbauern, daß sie sich gegenseitig mit der ganzen Kraft, +deren ihre Lungen fähig sind, anschreien. Das Schreien, das sind sie so +gewohnt und merken es gar nicht. Würden es auch arg verübeln, wenn man +sie darauf aufmerksam machte. + +Sie wohnen entlegen und oft stundenweit entfernt voneinander und +begegnen sich nur selten. Sehen sie einmal einen zufällig des Weges +kommen, dann grüßen sie ihn von ferne. Bieten ihm die Tageszeit und +halten für eine Weile mit der Arbeit im Feld inne. Und er ruft ihnen +den Gruß zurück und fügt wohl auch ein scherzhaftes Wörtl hinzu. + +Oft können sie die Gesichter gegenseitig kaum richtig unterscheiden +und sehen nur von ferne, ob es ein Bekannter ist, und ob er jung oder +alt sei. Aber sie hören gegenseitig ihre Stimmen und rufen sich die +Neuigkeiten aus der Ferne zu. + +So ein Geschnatter am Sonntagmorgen, wenn sich Bergbäurinnen +zusammenfinden, muß man gehört haben! Das schreit und lärmt in +langgezogener, etwas singender Mundart. Lauter gute, freundliche Worte, +die aber ungeübten Ohren unverständlich und rauh vorkommen. + +Veit Galler, der Krämer, aber verstand sie, und ihn störte der Lärm +der schreienden Stimmen nicht im mindesten. Er freute sich über den +heimischen Klang wie ein Kind, und dieser erschien ihm wohltönend und +schöner wie Musik. + +Völlig beliebt hatte sich der Kramer Veit seit seiner Rückkehr bei den +Bergbauern gemacht. Von allen Seiten lud man ihn ein, doch auch einmal +zu ihnen zu kommen und einen Schnaps bei ihnen zu trinken. + +Die Leute im Dörfl waren nicht so zuvorkommend wie die Bergeler. Das +kam daher, weil sie den Veit doch für einen ihnen Fremdgewordenen +hielten, für einen, der sich von ihnen zum Teil losgesagt hatte und +besser geworden war wie sie. Es war hauptsächlich Neid und Mißgunst, +die da keine richtige Freundschaft zu ihm aufkommen ließen ... + +Der Kramer Veit keuchte die kleine, sonnige Bergstraße vom Tal herauf +ins Dörfl. Hochbeladen war die Kraxe, und obenauf hatte er ein +sonderbares Bündel geschnürt. + +Aus den Türen und Fenstern guckten die Weiber und Kinder verstohlen auf +den Kramer und rieten, was wohl in dem Bündel sein würde. Ein junger +Bursch stand am Dorfplatz beim Brunnen und tränkte eine Kuh. + +»Hast schwar aufg'laden, Kramer?« + +»Ja. 's tut sich.« + +Weiter ging der Kramer bis vor sein Haus hin. Dort machte er auf der +Holzbank Rast und stellte die Kraxe nieder. Wischte sich umständlich +mit dem rotgeblumten Taschentuch den triefenden Schweiß von dem Gesicht +und klopfte dann an das Fenster der Stube, wo die Notburg in einer Ecke +über ihre Arbeit vertieft dasaß. + +»Notburg!« + +Die Notburg sah von ihrer Arbeit in der Stubenecke auf, legte dieselbe +langsam aus der Hand, ging gemächlich und ohne Aufregung zu dem +Fenster hin, öffnete es und versuchte den Kopf durch das vergitterte +Fensterkreuz zu stecken. Sie sah die Kraxe auf der Bank unten vor dem +Fenster stehen, sah, daß der Veit wieder einmal schwer aufgeladen +hatte, und schaute in sein erhitztes, fröhliches Gesicht. + +»Kommst nit einer?« fragte sie den Mann. + +»Naa!« lachte der Veit breit zu ihr hinauf und zeigte fletschend seine +gelbweißen Zähne, über die sich die wulstige Oberlippe weit nach oben +schob. »Komm' du z'erst außer!« forderte er sie auf und machte dabei +ein ganz pfiffiges Gesicht. + +»Zu was denn?« frug sie mürrisch zurück. + +Die Notburg war im Lauf der Jahre etwas dick und schwerfällig geworden +und liebte es nicht, unnötigerweise von ihrer bequemen Ruhe aufgestört +zu werden. + +»I hab' dir was mitbracht, Notburg ...« sagte der Veit und dämpfte +seine Stimme geheimnisvoll. »Geh' nur her da. Kimm ...« lud er sie ein +und winkte ihr mit dem Finger seiner plumpen Hand. »Du kannst besser +umgehen mit dem Zeug wia i. Bin froh, wenn i's abg'laden hab'!« fügte +er erleichtert aufatmend hinzu und runzelte leicht die Stirne. + +Da kam die Notburg aus der Ladentüre heraus. Langsam und gemächlich und +gar nicht neugierig. Groß und stattlich stand sie unter der Türe im +prallen Sonnenschein des Hochsommertages, und trotz ihrer vorgerückten +Jahre war sie noch immer eine hübsche Frau. + +Die schweren Zöpfe, die sie zur Krone gewunden um den Kopf trug, waren +jetzt freilich viel dünner geworden, und das helle Aschblond ihrer +Haare schimmerte im matten Grau. Das schwarze, schmale Samtband, das um +den Scheitel gelegt war und über das sich die Haarkrone aufbaute, stand +gut zu der grauen Farbe und verlieh dem Haar ein äußerst sauberes und +ordentliches Aussehen. + +Das einst sonngebräunte Gesicht der Frau war jetzt zart und beinahe +weiß vom vielen Stubenhocken und sah ernst und so strenge aus, als +hätte das Weib niemals im Leben das Lachen gekannt. + +Die Notburg hatte es gar nicht eilig mit dem Herauskommen und +war auch nicht im mindesten neugierig auf das, was der Veit ihr +mitgebracht hatte. Sie war nur herausgekommen, um ihm den Willen +zu tun. Freude hatte sie ja doch mit nichts. Es war ihr alles so +furchtbar gleichgültig, und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihre +Gleichgültigkeit zu verbergen. + +»Wirst Augen machen!« lachte der Veit und sah die Frau listig von der +Seite an, während er die Gurten von der Kraxe zu lösen begann. »Geh' +nur aber da von die Staffeln und schau dir's an!« Und dabei hielt er +der Notburg das Kind vom Regele entgegen, das er oben auf die Kraxe +geschnürt hatte. + +Mit ungeschickten Händen hielt er das kleine Bündel, aber doch zart +und fürsorglich. Und seine runden, etwas vorstehenden Augen hatten +einen etwas ängstlichen Ausdruck, als fürchtete er, das winzige +Wesen mit seinen derben Händen zu zerdrücken. Das Kind, das in dem +schwarzwollenen Tuch fest eingewickelt war, wimmerte leise und kläglich. + +»Hat Hunger!« sagte der Veit grinsend. »Mußt ihm gleich a Milchele +sieden, Notburg.« + +Die Notburg stand wie erstarrt auf der kleinen Treppe, die vom Ladele +herabführte. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Stand reglos +da und schaute abwechselnd mit ihren hellen Augen auf ihren Mann und +dann wieder auf das schwach wimmernde Bündel in seinen Händen. + +»Ha?« frug der Veit lustig. »Hab' i's nit g'sagt, daß du Augen machen +wirst? Gelt, das hättest nit erwartet?« meinte er laut und polternd. + +Die Notburg schüttelte langsam den Kopf. Aber sie sagte kein Wort. +Hielt den Mund fest zusammengepreßt, damit ihr ja kein Wörtl auskam, +und schaute nur immer auf den Veit und dann auf das Kind in seinem Arm. + +»Jetzt wie, Notburg ...« machte der Veit etwas ungeduldig, da sich die +Notburg noch immer nicht von der Stelle rührte. »Nimm dir's! Es g'hört +dir! Sollst es aufziehen ...« fügte er gutmütig und mit seinem breiten +Grinsen hinzu. »Damit's an ordentlich's Mannsbild abgibt. Da ... nimm's +und schau nit lang!« befahl er. »I hab's iatz lang g'nug g'schleppt und +derheb's schon völlig nimmer!« + +Langsam und zögernd kam die Notburg jetzt die Stufen herab dem Manne +entgegen. Sah ihm fest in die Augen ... aber sagte kein Wort. Hielt +dann die Arme ausgebreitet, und der Veit legte das wimmernde Bündel +hinein. + +»Jatz wohl!« meinte er erleichtert. »Und iatz kochst ihm a Milchele, +dem Buab'n!« gebot er beinahe herrisch. »A Lungl hat dir der Bua +g'habt unterwegs und a Kraft; möchst es nit glaben, daß der's Kind +vom Söllerbauer sein Regele ist!« erzählte er dann auf seine laute, +polternde Art. + +Langsam war die Notburg mit dem jetzt kräftig schreienden Kind in +das Haus hineingegangen und schaute unverwandt in das krebsrote +Gesichtchen. In der Stube drinnen legte sie das Kind auf den Tisch +neben die frisch gewaschene Wäsche, die zu einem Stoß aufgestapelt +dalag. Dann machte sie sich daran, das Kind aus seiner warmen Hülle zu +befreien. + +Das Kind, das stundenlang der Sonnenglut ausgesetzt auf der Kraxe +getragen worden war, dampfte förmlich in dem wollenen Tuch vor Hitze. +Jetzt, da es frei und ledig auf dem Tisch lag, ließ es mit Weinen nach +und streckte wohlig die rosigen Glieder. Dann steckte es das Fäustchen +in den Mund, sog eifrig daran, öffnete verwundert die hellblauen Augen +und starrte auf die fremde Frau, die sich zu ihm beugte. + +»Mei' Häuterle!« flüsterte die Notburg weich. »Nit amal a ordentlich's +Hemdl hat's an ...« sagte sie leise. »So a Häuterle, an arm's!« + +»Gelt?« Der Veit war hinter der Notburg in die kleine Wohnstube +getreten und stand jetzt neben seiner Frau. »A Häuterle ist's, gelt, +Notburg?« fragte er und versuchte ihr in die Augen zu schauen. »Und +gelt, i hab' recht g'habt, daß i dir's bracht hab'?« + +Um den streng geschlossenen Mund der alternden Frau zuckte es +leicht. »Was soll denn i damit anfangen?« frug sie schroff und ohne +aufzublicken. »I kann nit umgeh'n mit Kinder. Hab's nia nit g'lernt.« + +»Dös lernt sich schon!« versicherte der Veit, und seine Stimme klang +so weich wie seit langen Jahren nicht mehr. »Wirst sehen, Notburg, wie +schnell du dös kannst, dös Kinderwarten. Und wia gern du's kriegen +wirst, dös Häuterle! Völlig wia a eigenes. Pass' auf!« Leicht legte +der Veit seinen Arm um die Hüfte seines Weibes. »Und wenn i nit bei +dir bin, Notburg, nachher ist dir nimmer so derweillang, wirst sehen. +Hast was Lebendig's um dich, das di gern hat und um das di sorgen und +kümmern kannst. Ist dir alm abgangen, a Kindl, Notburg ...« sagte er +weich und fast flüsternd ... »Dir ... und mir aa! I gsteh's ein. Leicht +hätt's mi leichter g'litten da heroben, wenn so a Kleinigkeit im Haus +umanand g'wuzelt war'. Aber lass' lei, Notburg ...« wehrte er ab, als +die Frau Miene machte, sich aus seinem Arm zu lösen. Nur noch etwas +fester umschlang er sie, und es war lange her, daß die Stimme des +derben Mannes so zart und innig geklungen hatte. + +»Was uns der Herrgott nit g'schenkt hat, Notburg, das wollen wir uns +iatz selber nehmen. Und wollen das Kindl da aufziechen und es ganz als +wie's unsrige betrachten. Schau, Notburg ...« fuhr er leise redend fort +... »i werd' ja aa alleweil älter ... und gar so lang dauert's nimmer +... kimmt mir vor ... bis i wieder an Fried gib. Ziech mir'n auf, +den Bub'n, Weibl ...« bat er warm und innig ... »damit wir im Alter +no a Freud' erleben miteinander, gelt? Damit i aa weiß, für wem i mi +g'rackert und g'schunden hab', und wem unser Sach' amal g'hört.« + +Treuherzig und schlicht klangen die Worte des Mannes, und fest und warm +preßte er die Hand seiner Frau, die kühl wie immer in der seinen lag. + +Und der Veit versuchte es, ihr ganz so wie in früheren Zeiten in die +Augen zu schauen. Aber die Notburg hielt den Kopf gesenkt und beugte +sich tief über das kleine Wesen, das vor ihr auf dem Tische lag und +behaglich mit den mageren Beinchen strampelte. + +Sie beugte sich so tief über das Kind, die Notburg, damit der Veit +nicht merken solle, daß ihr die Augen feucht wurden und ihr Mund +krampfhaft zuckte vom verhaltenen Weinen. Aber der Veit sah es doch. +Sah's und freute sich. Und tat, was er seit vielen ... vielen Jahren +nicht mehr getan hatte. Er nahm die Notburg um die Mitte, bog ihr den +Kopf zurück und küßte sie auf den Mund. Lange und innig ... + +Und als der Herbst kam und Veit Galler abermals in die Fremde zog, da +ging die Notburg ein weites Stück mit ihrem Manne. Fast bis ins Tal +hinab. Und hatte kein wehes Gefühl des Abschieds im Herzen und fühlte +sich auch nicht mehr so trostlos verlassen. + +Mann und Frau hatten sich in diesen letzten Wochen ihres Beisammenseins +wieder gefunden. Hatten wieder zueinander geredet wie in ihren +Jugendtagen, hatten Pläne gemacht und von der Zukunft gesprochen. + +Und die Notburg wußte und fühlte es jetzt mit Bestimmtheit: nur mehr +etliche Jahrln, und der Veit würde bei ihr bleiben für immer. + + + + + Fünftes Kapitel + + +Veit Galler, der Krämer, war diesmal nicht allein fortgezogen aus der +Heimat. Den Florian Siegwein hatte er mit sich genommen und damit im +Dörfl ein übles Gerede angerichtet. + +Sie waren schlecht zu sprechen auf den Kramer Veit, im Dörfl. Schon +deshalb, weil er so gottlos gewesen war und das schlechte Mädel, +das Regele, von der Straße aufgeklaubt hatte und sie jetzt irgendwo +versteckt hielt. + +Darüber erzürnten sich die Leute recht. Denn wenn ein Mädel wie das +Regele, das beinahe selber noch ein Fratz war, so spottschlecht sein +konnte und ein Kind bekam, dann gebührte ihr die öffentliche Schande. +Wohin sollte denn das führen, wenn man so ein Mädel auch noch in Schutz +nahm und sie der Strafe entzog? + +Aber natürlich, der Kramer Veit! Der wußte und verstand wohl alles +besser, was sich schickte, als wie Kirche und Geistlichkeit! War völlig +ein Luthrischer oder gar ein Heid' geworden, der Kramer, und war kein +ordentlicher Christenmensch mehr. + +Die Notburg bekam manche bissige Redensart zu hören, weil sie das +Kind vom Regele aufgenommen hatte. So was gab nur böses Beispiel und +munterte förmlich zur Schlechtigkeit auf. Konnte ja alle ledigen +Kinder aufnehmen, die Notburg, wenn sie schon solche Freude am +Kinderwarten hatte. + +Das und ähnliches sagten ihr die Nachbarsleute offen ins Gesicht. Aber +die Notburg war keine, der man bissige Reden ungestraft hinreiben +durfte. Kräftig und derb entgegnete sie den höhnischen Angriffen, und +die Weiber wunderten sich nur, wie die Notburg doch immer wieder fest +zu ihrem Manne hielt. Jetzt noch mehr denn zuvor, erschien es ihnen. + +Sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, daß sich der Veit so +warmherzig um das Regele annahm, und sie begriff es auch, was sie alle +nicht begreifen konnten ... daß er nun gar auch den Florl noch aus der +Heimat fortlockte. + +Was der eigentlich mit dem Burschen in der Welt draußen anfangen wolle, +fragten sie immer wieder und schüttelten bedenklich die Köpfe. Gelernt +hatte der Florl ja nichts und konnte wohl kaum seinen Namen richtig zu +Papier bringen. Daß das mit dem Florl und dem Regele auf keinen Fall +ein gutes Ende nehmen würde, das prophezeiten sie einmal alle im Dörfl. + +Dem Kramer Veit war es zunächst selbst ein Rätsel, was er mit den +beiden jungen Leuten eigentlich beginnen sollte. Und als er damals +kurze Zeit, nachdem er das Kindl auf seiner Kraxe ins Dörfl getragen +hatte, zu dem Florl aufs Alpl hinaufgestiegen war und ihm getreu alles +von dem Regele berichtet hatte, da fuhr er sich wohl ein über das +andere Mal bedenklich mit der Hand durch das schüttere, graumelierte +Haar. + +Neben dem Wasserle auf einer Steinplatte waren die beiden gesessen und +etwas abseits von den Almhütten. Eine Holzröhre, vom Alter völlig mit +Moos bewachsen, leitete quellendes Brunnwasser, und leise murmelte es +durch die Röhre, plätscherte dann geschäftig als Brunnen, ergoß sich +über die holprigen Steine und formte sich dann zu einem Bächlein. +Brunnkresse, tiefblaue Vergißmeinnicht und sattgelbe Dotterblumen +wuchsen am Rande des Bächleins, das die Bergmahd durcheilend ins Tal +hinabrieselte. + +»So, Bua ... iatz woaßt es, wie's steht!« sagte der Veit und stierte +ernst und mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. »Und daß du's Dirndl +heiraten mußt ... dös wirst einsehen.« + +Forschend und scharf beobachtend sah er auf den Burschen, der ihm zur +Seite saß. In kurzen, abgetragenen Lederhosen und mit nackten Waden und +Füßen. Ein weißes Hemd, das jetzt nicht mehr weiß, sondern schmutzig +grau aussah, ließ vorn die Brust entblößt, die vom Sonnenbrand braunrot +wie die Haut eines Indianers geworden war. + +Auf dem Kopf saß keck herausfordernd ein spitzes Filzhütl, das einmal +wohl schwarz gewesen sein mochte, jetzt aber grünlich schillerte. +Eine kurze weiße Hahnenfeder schmückte das Hütl und erhöhte noch das +verwegene Aussehen des Burschen. + +Er machte entschieden einen verwilderten Eindruck, der Florl, mit +seinem ungepflegten, vollen braunen Haar, den listigen Augen und dem +krausen Spitzbart, der das feine, sonnverbrannte Gesicht umrahmte. + +Wie er so dasaß, die nackten Beine vom Quell des Wassers spielerisch +berieseln ließ und sich dabei eifrig immer wieder die Füße wusch, +schien es, als machte die Rede des Kramers nicht den geringsten +Eindruck auf ihn. Und doch war der Florl ganz bei der Sache und +heilsfroh, als er hörte, daß das Regele am Leben war. + +Es war ihm recht, daß der Veit das Kind als sein eigenes behalten +wollte und daß er das Mädel im Inntal draußen in einer Wirtschaft +untergebracht hatte. Für eine Basl hatte der Kramer das Regele bei den +Wirtsleuten ausgegeben. + +»A Tochter von a meiniger Basl ... die heiraten soll und halt aa gern +no eppas lernen möcht' ...« log er der Wirtin vor. Er kannte sie schon +seit vielen Jahren, und da er bei ihr stets ein guter Gast gewesen war, +hielt sie große Stücke auf den Veit. Sie fragte auch gar nicht lange +nach der Herkunft des Mädchens, und es genügte ihr, daß das Regele eine +Verwandte vom Kramer Veit war. + +Arbeitskräfte konnte man in einem Gasthaus immer brauchen, und +besonders zu Sommerszeiten, wo man noch dazu am Feld draußen alle Hände +voll zu tun hatte. Die Wirtin lud daher das Regele recht freundlich +ein, nur dazubleiben und halt überall zuzugreifen, wo sie eine Arbeit +sähe. + +»'s G'wand vom Dirndl bring' i aft schon her, bald i wieder kimm!« +versicherte der Veit, indem er der Wirtin die Hand zum Abschied +hinreichte. + +Er hatte es recht eilig, der Kramer, wieder zur Haustüre hinauszukommen +und zu seiner Kraxe, die er abseits vom Hause hatte stehen gelassen. +»Denn sonst hätt' am End' der kloane Sakra 's schreien ang'hebt ...« +erzählte der Veit lachend dem Florl ... »und nachher war's aus und +g'fahlt g'wesen bei der Wirtin ... woaß man wohl!« + +Der Florl erklärte sich mit allem einverstanden. Gern wolle er ja das +Regele heiraten, meinte er zögernd, aber ... und dabei stockte er und +rückte unruhig an seinem Filzhütl und schaute nachdenklich hinüber zu +den schwarzgrünen Wäldern in der Tiefe und zu den Bergen hinauf, die im +Hintergrund der drei Hochtäler sich noch majestätischer aufbauten wie +drunten vom Dörfl aus gesehen. + +»Aber?« forschte der Kramer Veit und sah mit seinen runden, etwas +hervorstehenden Augen scharf beobachtend auf den Burschen. Seine +wulstige Oberlippe war weit über die gelblichen Zähne emporgeschoben, +so daß es aussah, als lache er. Er lachte aber nicht, der Veit, sondern +war ernst und nachdenklich, wie er sich jetzt mit seinen beiden Händen +schwer auf den dicken Stock stützte. + +»Koa Geld, was?« forschte er dann über eine Weile. + +»Ja!« nickte der Florl und schlenkerte die braunen, nackten Füße +spielerisch im Brunnenwasser hin und her. + +Dann saßen sie beide wieder eine Weile schweigend, und der Quell, der +sie trennte, murmelte und brodelte im Holzrohr. Der Kramer Veit saß +weit nach vorn gebeugt und stützte das kurze, massige Kinn auf die +Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hielt. + +»Wann i dir aa a Geld leihen tat, damit dir eppas ankaufen kanntest +...« fing der Veit dann langsam zu reden an ... »ös derfets ja do nit +heiraten. Seid's no viel zu jung ... ös zwoa ... saget die Gemeinde.« + +Der Florl nickte leicht mit dem Kopf und kraulte sich bedenklich seinen +Bart. Sagte aber kein Wort. + +»So hab' i mir halt denkt, und hab's aa mit'n Regele abg'red't ... wann +ös zwoa halt mit mir gangets ... in die Welt außi ... woaßt wohl?« +Forschend sah der Kramer in das junge, etwas leichtsinnige Gesicht des +Burschen. + +»Hattest was dagegen, du?« frug er ihn dann, da ihm der Florl die +Antwort schuldig blieb. + +Der Florl schüttelte den Kopf. »Hab' nix einzuwenden dagegen!« meinte +er und spielte unablässig mit den Füßen im Wasser herum. + +»Also warst nachdem einverstanden damit?« frug der Kramer eindringlich. +»Du und 's Regele geht's mit mir auf Micheli fort, und du heiratest aft +'s Madel. Verstanden?« + +»Und i heirat' aft 's Madel!« wiederholte der Florl, hörte mit dem +Wasserplätschern auf, sah angelegentlich in die Luft, spitzte den Mund +und stieß einen leichten Pfiff aus. + +»Ja ... und ...?« Der Kramer runzelte mißtrauisch die breite, wuchtige +Stirn. »Was paßt dir aft nit?« frug er barsch. + +»Mir?« Der Florl schaute spitzbübisch auf den Kramer. »Mir paßt alles. +Aber mei' Bauer ... was der eppar dazu sagt. Hab' nit aufg'sagt auf +Micheli.« + +»Ah so! Dei' Bauer!« machte der Kramer Veit. »Werd' halt i a Wörtl +reden müssen mit dein' Bauer!« ... + +Mit dem Dienstherrn des Florl hatte der Kramer Veit dann noch eine +langwierige Auseinandersetzung. Er begriff nicht gleich, der Bauer, +weshalb er so mir nichts dir nichts seinen Knecht außerhalb der +üblichen Zeit sollte ziehen lassen. Schließlich gab er aber doch nach, +weil der Kramer unermüdlich und in einemfort auf ihn einredete. + +»Muaß halt an andern stellen, der Florl!« meinte der Bauer. »Aft mag +er von mir aus schon giahn, der Hallodri! Hab' ihn sonst nit ungern +g'habt. Hat aufs Viech aufpaßt und koan Arbeit nit g'scheucht. Hat aa +eppas vom Kasen verstanden, der Florl!« lobte er den Burschen. »Hatt' +ihm nia nit aufg'sagt, dem Buab'n ...« fügte er bedauernd hinzu und +klopfte sich umständlich die Pfeife aus. »Nia nit aufg'sagt hatt' i +ihm!« versicherte er nochmals eindringlich ... + +»Also ... dös hätt'n wir glücklich bei'nander!« meinte der Kramer Veit +zum Florl, als sich nun auch ein Ersatz für ihn gefunden hatte. »Jatz +war'n wir so weit, und 's Madel braucht nimmer lang zu rear'n draußen, +weil's so viel derweillang hat und ihr's gar so schiach dunkt im Tal +unten!« sagte er breit und polternd. »Aber, mei' Florl ...« meinte der +Veit dann in komischer Verzweiflung ... »was fang' i grad' mit enk zwoa +an! Können tut's ja hinten und vorn nix als wia Lieder singen und a +bissl Zither und Guitarr'g'spiel?« + +»Sell aa!« meinte der Florl seelenruhig. »Und Heumachen und Misttragen +und Kuhmelken und an Kas machen ...« zählte der Florl seine Fähigkeiten +an den Fingern ab. »Ist dös weiter nix'n?« frug er lustig. + +»Naa!« sagte der Kramer, sehr ernst werdend. »Dös ist nix. Kannst nit +brauchen in die großen Städt' ... woaßt wohl! Aber enker Singerei und +enker G'spiel, dös kann enk vielleicht a Geld einbringen, moanet i!« + +Da riß der Florl vor lauter Verwunderung seine beiden Augen auf, so +weit es nur anging. Und wußte nicht, ob bei dem Kramer Veit nicht doch +am Ende ein Radl im Oberstübchen locker geworden sei. + +»Dös Singen?« frug er, und nicht nur die Augen, sondern auch der Mund +stand ihm jetzt sperrangelweit offen. + +»Ja!« sagte der Kramer ernsthaft. »Dö Singerei. Habt's ja beide koane +unebene Stimmen nit und könnt's wohl aa alle G'sanglen und Jodler, wie +sie da herin bei uns der Brauch sein. Da könnt' völlig a bissel a Geld +außer schau'n bei der Sach' ...« sagte er nachdenklich und gedehnt. + +Und dann erzählte der Kramer Veit dem Florl, wie er in Amerika drüben +oft vom Heimweh geplagt worden sei. »Woaßt ... und grad' wenn i so auf +die Nacht unter dö ganz fremden Leut' in an Gasthaus g'hockt bin und dö +so g'racht und g'soffen haben und manchmal aa in dera fremden Sprach' +zu singen ang'hebt haben ... woaßt, Florl ... da ist mir grad' g'wesen, +als müsset i aufspringen und ihnen mit der Hand 's Maul zuheben, damit +sie nimmer singen können. Weil's alle mitanand koa anständige Stimm' +g'habt hab'n und aa koan ordentlich's Liedl nit haben singen können. +Und amal sein wir bei an Haar raufet worden. I und no a paar sölle +Löder. Hab'n grad' g'sungen und schiach tan, bis i's nimmer ausg'halten +hab' und g'sagt hab', sie soll'n 's Maul halten. Mei Lieber ... dös +hattest sechen sollen, wie die aufbegehrt haben! I soll's besser +machen, hab'n sie g'schrien ... wann i's könn', und sie wöll'n mir in +Schädel einhau'n ... hab'n 's g'moant. I hab' mi weiter nit g'fürchtet +vor'n Schädel einhau'n!« Der Kramer Veit fletschte die Zähne und reckte +seine mächtigen Glieder. »Dö hatt'n schon Augen g'macht, bald sie mi +angriffen hatten! Haben's aber nit tan. Sein viel zu viel b'soffen +g'wesen dazu. Aber oans g'sungen hab' i ihnen. A Lied mit an Jodler +drauf! Tuifel ... hab'n dir die Augen herg'macht! Nimmer auslassen +haben's mi und mir grad' oa Glasl Wein und oa Glasl Schnaps ums andere +eingeschenkt. Und alleweil hab' i wieder no oans singen müssen. Weil's +ihnen grad' so viel gut g'fallen hat. Und nix hab' i zu zahlen brauchen +denselbigen Abend. Der Wirt ist kommen und hat mi eing'laden, i soll ja +fein g'wiß wieder kommen und aa eppas singen. Ja mei ...« Der Kramer +Veit hielt mit seiner Erzählung inne und stieß kräftig seinen Stock in +den steinigen Erdboden. »Wenn i dir sag' ... völlig a G'schäft hab' i +dir mit der Zeit mit meiner Singerei g'macht. I hab's bald heraußen +g'habt, daß sich dös umanand g'red't hat, und daß, bald i mit singen +ang'hebt hab' ... die ganze Wirtsstuben voll Leut' g'wesen ist. Da bin +i zum Wirt gangen und hab' g'sagt, daß i nix mehr singen tua, außer er +zahlt mi dafür.« Der Veit grinste breit und schlau. »Ist weiter koa +Arbeit nit g'wesen für mi ... dös glaubt's mir wohl. Hab's gern tan ... +wenn i aa nit grad' an extra gute Stimm' g'habt hab' ... aber verdient +hab' i ganz anständig dermit. Dös Jodeln hab'n 's halt gar so viel gern +g'hört, dö Löder, dö ausländischen.« + +Still und beinahe andächtig horchend war der Florl dagesessen und hatte +den Kramer Veit mit keinem Worte unterbrochen. Die beiden saßen wieder +auf der Steinplatte und hatten den murmelnden Brunnen zwischen sich. + +Leise und gleichmäßig sprudelte das Wasser aus der Röhre und +plätscherte dann als fröhlicher Bach über die Bergmahd ins Tal hinab. +Abseits grasten die Kühe, und etliche lagerten im Gras und kauten blöde +und bedächtig ihre Mahlzeit wieder. + +Die Melcher von den Nachbarasten gingen ihrer Beschäftigung nach. +Lautlos war der Gang der nackten Sohlen, deren Haut schmutzig war und +kräftig und gelb wie gegerbtes Leder. Sie bekümmerten sich nicht viel +um den Kramer Veit, der jetzt schon öfters heraufgekommen war, den +Florl aufzusuchen. Und was die beiden gar so eifrig zu diskurieren +wußten, das würden sie schon noch bald genug erfahren ... + +Die Perlmoser Vef lachte aus vollem Halse, als man die Sache eines +Abends beim »hoangarten« besprach. Jetzt war's ja aufgekommen, weshalb +der Kramer Veit zum Florl aufs Alpl gekommen war. Der Florl sollte mit +ihm gehen, das Regele heiraten und im Amerikanischen drenten Tiroler +Lieder singen. Völlig nimmer halten konnte sich die Vef vor lauter +Lachen! + +Sie saßen wie immer alle versammelt, die Leute von den fünf Asten, +und warteten im Abenddämmer auf die Dunkelheit der Nacht. Alle kamen +sie herüber zu den Perlmoserischen und saßen dort auf der langen +rohgehobelten Bank vor der Türe. Ein ungewöhnlich dickes Brett war +diese Bank, über ein paar große Steine gelegt und knapp neben der +Eingangstüre, die nieder und rußgeschwärzt in die Küche führte. + +Ein kleines Holzgitter schloß die Küche ab, und auf der andern Seite +der Türe war eine runde Öffnung in den Holzbalken der Wand angebracht. +Da floß, von dem Innern der Küche hergeleitet, Trank für die Schweine +in den Trog, der an der andern Seite neben der Türe stand. + +Lieblicher Geruch von saurer Milch und Schweineduft durchtränkte +hier die Luft. Grunzend umstanden feiste Mutterschweine den Trog, so +gierig nach Futter, daß sie nicht nur den Rüssel, sondern auch die +Vorderpfoten hineinsteckten. Ängstlich quieckten die Jungen nebenher +und schrien, wenn ein ungeschickter Tritt der Mutter sie traf. Dann +ringelten sie die Schweifchen und rannten im Kreislauf und quietschend +davon. Und Schlamm und Kot bedeckte den etwas sumpfigen Erdboden vor +der Aste. + +Auf Holzpfosten gebaut, stand die Hütte da. Wie ein Tier, das seiner +Hinterfüße beraubt ist, stand sie da und spreizte plump und ungeschickt +die Beine. Lehnte sich mit dem Schindeldach, das mit großen Steinen +beschwert war, an die Bergmahd, und große Felsblöcke, welche die Form +von spitzigen Bergen hatten, lagen im Gras und drohten die kleine +Almhütte einzudrücken. Von vorn aus gesehen, standen diese Almhütten +förmlich in der Luft. Wenn man sich etwas bückte, dann konnte man ganz +bequem darunter herumgehen. + +Es war eine recht kleine Hütte, die Aste von den Perlmoserischen. +Gleich über dem Erdgeschoß hing das Dach herunter, und eng und nieder +war die rauchgeschwärzte Küche mit dem offenen Herd. Ein viereckiger +Tisch stand in einer Ecke, und zwei winzige Fensterchen, die nicht +größer waren wie Taschentücher, ließen einen Blick tun hinüber in die +Alpenwelt der Hochtäler. + +Von der Küche führte eine Tür, die nur schlecht in den Angeln saß, in +einen ganz engen Raum. Ein Verschlag war es und hatte nur eine einzige +Fensteröffnung. Da schliefen die drei Perlmosermädeln, und da hatte +auch das Regele geschlafen, wenn sie mit am Alpl war. + +Sie schliefen auf Strohsäcken und ohne Bettstatt. Kein Federbett war +vorhanden, nur ein buntüberzogener Polster und eine grobe Decke. Aber +sie verlangten sich gar nicht mehr, die Dirndln, und es kam ihnen vor, +als könne man in Gottes weiter Welt nirgends einen so köstlichen Schlaf +haben wie hier oben am Alpl ... + +»Daß es grad' a so eppas Narrisches aa geben kann!« lachte die Vef +ausgelassen, als die Rede von dem Florl und dem Regele ging. »Der +Kramer Veit muß döcht a halbeter Narr sein ...« meinte sie ... »daß er +auf so a Idee überhaupts kimmt. Der Florl und singen! Und dös Grispele +dazu. Das Regele! Daß dös grad' möglich ist!« wunderte sich das Mädel. +»Dö Amerikaner werden herschaug'n, wenn dös Grispele ang'ruckt kimmt!« +spöttelte die Vef boshaft. Völlig nimmer genug tun konnte sie sich, so +gut gefiel ihr der Spaß. + +»Aber a Stimm' hat sie weiter a gute! Da gibt's nix'n nit einzuwenden +dagegen!« verteidigte die Julie, die neben der Vef auf der Bank saß, +das Regele. + +Die Julie war die jüngste Schwester der Vef und gleichfalls groß +und üppig gewachsen, obwohl sie erst sechzehn Jahre zählte. War ein +kerngesunder Schlag, die Perlmoserischen. Hellblond und rosig sah die +Julie aus und hatte große blaue, etwas ausdruckslose Augen. Sie war +bei weitem nicht so hübsch wie die Vef, schien aber viel sanftmütiger +und gutmütiger zu sein als diese. + +»Dös hab' i aa ... a gute Stimm' ...« erwiderte die Vef verächtlich. +»Grad' a so gut wie 's Regele!« + +»Muaßt halt aa mit ummi giahn auf Amerika!« neckte einer, der Melcher, +ein sehniger, älterer Knecht, der in kurzen Hosen und schmutzig +färbigem Hemd auf der niedern Holzbank zwischen den beiden Mädchen saß. +»Könntest dir eppar an Haufen Geld verdienen ...« witzelte der Knecht +weiter, streckte die nackten Beine, die vom Stallschmutz förmlich +starrten, weit von sich, lehnte den Kopf behaglich an die braune +Balkenwand der Hütte und stützte die Hände kreuzweise darunter. Dann +gähnte er ein über das andere Mal laut und herausfordernd. »Uaah!« + +»Ja, und du kannst nachher als Gockel mitgiahn ...« neckte die Vef +zurück. »Weil du überhaupt koa Stimm' nit hast!« fügte sie schnippisch +hinzu. »Leicht tragt dös no mehra Geld ein, dös Krahen!« + +»Kunnt leicht sein!« mischte sich nun der Wastl in das Gespräch ein. +»Wann oans gar a so schiach tut ... wie du ...« Der Wastl konnte halt +das Necken nicht bleiben lassen, und wenn er nur eine Gelegenheit hiezu +fand, nützte er sie auch weidlich aus. + +»Du ...« warnte der Angegriffene. »Gelt, woaßt schon ...!« Boshaft +schielten die kleinen Augen auf den jungen Burschen. + +»Mir scheint, der Stanis hat eppar schon z' lang nimmer g'rafft!« sagte +da die Rosina sehr ruhig mit ihrer dunklen, weichen Stimme. + +Das sagte sie, weil der Stanis so ab und zu einmal ganz gerne einen +Streit vom Zaune brach, um dabei seine überschüssige Kraft auszulassen. + +Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und +über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er +hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige +Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln. +Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz +geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers +und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament. + +Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und +wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter +ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an. + +Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige +Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den +stärksten Burschen messen mußte. + +So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die +Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie +mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie +kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen über andere +machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und +dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige +Behendigkeit. + +Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen +vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte, +daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele +nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher, +länger als nötig mit den andern zusammen zu sein. + +»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab +und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die +beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken. +Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase +vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort +und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum +lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an +die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie +bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen +Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö +Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu. + +»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der +Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell' +hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.« + +Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom +Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte, +leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden +Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser +Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht +und verhöhnt zu werden. + +Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so +grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu +ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach. + +Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer +Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen +Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein +brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten +eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen +stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen +Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina, +was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel +zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn +wie eine Dornenkrone. + +Die Rosina saß meist schweigend da und beobachtete. Hielt auch nie viel +Freundschaft mit ihren Schwestern, war aber gleich diesen eine tüchtige +Arbeitskraft. + +Ohne seine drei Mädeln hätte sich der Perlmoser recht schwer getan. Sie +schufteten wie Knechte, so daß er es jetzt wenigstens etwas leichter +hatte und an seiner drückenden Schuldenlast abzahlen konnte. Bis dann +die kleineren Buben herangewachsen waren. Dann würde es auch wieder +besser gehen ... + +So oft die Sprache von der bevorstehenden Abreise des Florl ging, +beschlich den Wastl immer ein leises Unbehagen. Er konnte es sich +selbst nicht erklären, weshalb. Auch wenn die Vef noch so übermütig +darüber spottete und witzelte, sah er ihr doch immer nur mit Angst in +die Augen, als traute er ihr nicht so ganz. + +Er wußte, daß es um Haus und Hof beim Perlmoser schlecht stand, und +daß der Bauer wiederholt schon hatte alles aufbieten müssen, um sein +Anwesen vor der Gant zu bewahren. Wäre also gerade kein Wunder gewesen, +wenn sich die Vef ins Ausland hätte locken lassen ... + +Einmal, da nahm sich der Wastl ein Herz und stellte die Vef zur Rede. +Das war, wie die Perlmoser Mädeln oben am Alpl mit der Grummetmahd +fertig waren und wieder auf etliche Wochen hinunter mußten auf den Hof. + +Die Julie und die Rosina waren schon vorausgegangen. Die Vef aber +stand, den plumpen, unförmlichen Korb auf dem Rücken, vor der niedern +Hüttentüre und sah recht angelegentlich ins Tal hinab. Das tat sie +zum Schein, denn in Wirklichkeit hoffte sie, daß sich der Wastl noch +blicken lassen würde, um von ihr Abschied zu nehmen. + +Wenn auch die Vef manchmal recht barsch zu dem Burschen war, heimlich +hatte sie ihn lieb. Sie ließ es ihn aber nicht merken, daß ihr keiner +von allen Burschen so gut gefiel wie gerade der Wastl. + +So oft auch einer sich dem Mädchen genähert hatte und mit ihr anbandeln +wollte, sie hatte bis jetzt immer einen jeden abfahren lassen. Lachte +die Burschen aus auf ihre übermütige Weise und ließ sich mit keinem ein. + +Der Wastl wußte es nie so recht, wie er eigentlich mit der Vef daran +war. Tat er ihr schön, so gab sie ihm eine schnippische Rede, und wenn +er sie dann einige Tage nicht beachtete, dann führte sie geschickt ein +Gespräch mit ihm herbei und war fein und gefügig wie ein Lamberl. So +daß der Wastl wieder dreister wurde und von Liebe sprach. Holte sich +aber dann sofort wieder eine tüchtige Abfuhr von ihr. + +»Daß du di grad' nit schamst!« sagte das Mädel dann herrisch. »I sag' +dir's do alleweil, was i denk. Oaner, der umadum nix ist und nix hat +... den mag i nit. Und iatz erst recht nit, weil i wieder dös Unglück +siech mit'n Regele.« + +Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht +abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich +recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich. +Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine +Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde +er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen. + +Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und war trotzig und kam +nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit. +Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht +gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr, +und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer. + +Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam +und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock +war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die +weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und +beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung. + +Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone +des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie +Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte +sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch +nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied +war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut. + +Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den +demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen +Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die +der Vef so gut gefielen. + +Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg +kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr +heraus. + +Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in +die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang, +als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte, +gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und +einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen +konnte. + +Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die +vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor +sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl +vermutete. + +Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den +Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte +er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden +führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von +rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend, +und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In +wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an. + +Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie +dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb +(Streu) aus?« + +»I geh' aft schon!« sagte der Bursch, von ihrem kühlen Ton schon wieder +abgeschreckt. »Hab' dir lei B'hüat Gott sagen wollen.« + +Die Vef reichte ihm die Hand hin. »Also, Pfiat Gott nachher und +wohlaufleben!« sagte sie gleichgültig. Der Wastl hielt ihre Hand fest +in der seinen. + +»Sag', Vef ...« bat er dann und senkte den Blick scheu zu Boden ... +»aber sag' mir's auf Ehr' und G'wissen, wia's eigentlich steht. I halt' +das einfach nimmer länger aus!« stieß er gequält hervor. + +»Was soll i dir sagen? Daß was steht?« frug die Vef resolut. + +»I moan ... i will sagen ...« stotterte der Wastl ... »du sollst mi nit +a so schinden, Vef!« brach er los und fuhr sich mit der Hand über die +heiße Stirn. + +»I?« heuchelte die Vef verwundert. »I schind' di ja nit. Bist wohl +völlig ganz rapplig worden, moan i!« spottete sie dann. + +»Naa, no nit. Aber es könnt's oaner schon no werden mit dir!« sagte der +Wastl kleinlaut. + +Das Mädchen tat, als verstünde sie ihn nicht, und schüttelte lachend +den Kopf. + +»Jatz sag' mir grad' amal, was du eigentlich willst von mir!« befahl +sie und entzog ihm mit kräftigem Ruck ihre Hand, die er noch immer +festhielt. + +»Gern hab' i di ... Madel ...« preßte er gedrückt hervor und wischte +sich mit dem Ärmel seines dunkelfärbigen Hemdes über die feuchte +Stirne. »Gern ...« + +»Ja ... und von der Liab alloan wird man nit fett!« unterbrach sie ihn +grausam. + +Da sah der Wastl auf und sein weher Blick aus seinen großen, +ausdrucksvollen Augen traf sie ins Innerste. Etwas wie Mitleid regte +sich in ihr und ließ sie sanfter werden. + +»Bist ja a dummer Bua ...« fügte sie leise hinzu. »Wia oaner nur a so +dumm sein kann!« + +»Also, magst mi do a bissl, Vef?« frug der Wastl mit leiser Hoffnung. + +Die Vef schob die vollen Schultern gleichgültig in die Höhe. + +»Was nützet's aa, wenn i di möcht'?« frug sie zurück. »I hab' dir's ja +oft und oft schon g'sagt. Zu nix Guten tat' das amal nit führen. Kannt' +sein, daß es mir ging' wia 'n Regele!« Hart preßte sie den vollen, +sinnlichen Mund zusammen und schaute dem Burschen ernst in die Augen. +»'s ist besser a so, Wastl ...« sagte sie jetzt weich ... »Besser für +mi und aa für di!« + +»Vef?« Der Wastl hielt jetzt beide Hände des Mädels umklammert. »'s +hoaßt, du habst den Glöschl Hias abg'wiesen. Ist das wahr?« + +»Ja!« nickte sie. »I mag ihn nit.« + +»Und hätt' do a Güatl unten im Dorf ...« sagte der Wastl sinnend, und +seine tiefe, volle Stimme klang weh und bitter. »Kann vier Küh' halten +und an Ochsen ...« preßte er hervor. + +»Von mir aus!« sagte die Vef. »Von mir aus zwölfe! I mag'n nit!« + +Da leuchtete es in den Augen des Burschen auf. + +»Vef! Auf Ehr' und G'wissen! Hast an andern gern?« + +»Geht's di was an?« frug sie scharf zurück und wollte sich gewaltsam +von seinem festen Griff befreien. »Lass' mi ... du ...« gebot sie +energisch. + +»Naa, Vef. No nit!« stieß der Wastl hervor. »I will die Wahrheit +wissen!« + +»Und nachher?« + +»Nachher ...« Der Wastl schöpfte tief Atem. »Nachher ... nachher sag' i +mein' Dienst auf und ...« + +»Und?« + +»Und geh' ins Tal außi, so weit i derkimm ... grad' fort von da, damit +i di nit alleweil siech!« preßte er heiser hervor. + +»So!« Hart kam das Wort aus dem hübschen Mund des Mädels. »Aft gehst, +bald es da nit aushalten kannst!« stieß sie zornig hervor und stampfte +mit dem Fuß auf. »Lettfeig'n, elendige!« + +Ihr Zorn machte ihn kühner. + +»Aft ist's dir nit recht, Vef ...« jubelte er auf. »Aft soll i bleib'n +...« + +»Geh'!« wiederholte sie ... »wenn di g'lustet. I brauch' di nit.« + +»Nit?« Zweifelnd sah er ihr in die Augen und wurde auf einmal ganz +zuversichtlich ... »Schau, Vef ... wann du mi grad' a kloans ... kloans +bissele gern haben könntest ... i moan, i wisset an Ausweg, daß wir +zwoa do z'sammenkömmen taten!« sagte er bittend. + +»Möchtest amend gar aa auf Amerika ummi?« spöttelte sie schon wieder. + +Der Wastl schüttelte den Kopf. »Sell war' nix für mi!« sagte er +schwerfällig. »Könnt' mi nit entschließen dazu. I g'hör' in die Berg' +und du aa ... Madel!« fügte er warm hinzu. »Hab' alleweil an Zweifel +g'habt in die letzten Wochen, ob's di nit do amend ansiecht, dö Sach' +... ob du ...« + +Die Vef ließ ihn nicht ausreden, sondern lachte ihm hellauf ins Gesicht. + +»A so a Tolm ... a narreter. Ich sag's do alleweil, daß i nit narrisch +bin.« + +»Ah nit?« machte der Wastl erleichtert. + +»Naa. Aber schon gar nit. Hast mir iatz no a sölle Verrucktheit zu +sagen? I muß iatz hoamgiahn!« sagte sie barsch. + +»Zu sag'n hatt' i freili no eppas ...« kam es langsam über die Lippen +des Burschen. »Kann ja a Stückl mit dir giahn, wann's dir recht ist?« + +»Von mir aus.« + +So gingen die beiden jungen Leute die steile Berghalde hinunter dem +Perlmoserhof zu, der drunten im Tälchen stand. Die sinkende Sonne +leuchtete im feurigen Schein über die Bergspitzen der drei Hochtäler +und übergoß die Gletscher mit ihrem rosenroten Licht. + +Da sprach der Wastl von dem Plan, den er in seinem schlichten Sinn +ausgeheckt hatte. Und bei jedem Wort, das er sagte, wurde ihm leichter +und freier ums Herz. + +»Siegst, Vef ... wann du mi wirklich gern haben könntest ... grad' a +bissele ... i moan, i könnt's do machen, daß wir a Hoamatl kriagen +taten, wir zwoa!« sagte er weich. »War' freilich nur a kloanwinzig's +Gütl ... aber a Hoamatl war's döcht. Und siegst, Madl ...« fing er +dann über eine Weile wieder zu reden an, da ihn die Vef mit keiner +Silbe unterbrochen hatte ... »die Sach' ist a so. A Bruder von meiner +Mutter's Vater, dersell', der Göd (Taufpate) zu mir g'standen ist ... +der hat a Güatl. Ist an oanschichtig's Mannsbild und ist aa alm a +bißl oanzoachet g'wesen. In der Gungl enten hat er's Güatl. Ganz weit +hinten, wo man sich im Winter völlig nimmer halten kann vor lauter +Schnee und Eis. Bist schon amal drein g'wesen in der Gungl, Vef?« + +»Naa.« Die Vef schüttelte verneinend den Kopf, und ihre stets lachenden +blauen Augen bekamen einen ernsten, weichen Schimmer. »Einig'sechen +hab' i wohl oft in die Gungl ...« sagte sie sinnend. »Man sieht ganz +gut eini vom Alpl droben.« + +Der Wastl nickte. »Ja!« bestätigte er. »Aber in dö Gegend kannst nit +sechen, wo's Güatl ist. Dös liegt no tiefer drein im Tal. Völlig in a +Schlucht ist's drein, und wia auf der Alm schaut's dir aus da drinnen!« +berichtete er weiter. + +»Dös machet nix!« kam es leise über die Lippen des Mädchens. + +»Gelt, nit?« frohlockte der Bursch und faßte nach der Hand des Mädels. +»Gelt, a Hoamatl war's döcht?« + +Ernst sah das Mädchen vor sich hin. + +»Moanst, er übergibt's ... dei' Göd?« + +»Wann i zu ihm geh' und 's ihm derklär' und sagen könnt', wia's steht +zwischen uns zwoa ... könnt' sein, daß er's tat'!« meinte er langsam +und schwerfällig. »Und i wollt' arbeiten und schaffen, und nix war' mir +zu viel von der Fruah bis spat. Wann i di nur hätt', Vef!« versprach er +schlicht und innig. + +Nun gingen die beiden ein großes Stück des Weges bergab, und keines +sagte ein Wort. Unten sah man schon die grünen Wiesen des Tälchens +liegen und den schwarzgrünen Fichtenwald, der es fast wie ein Kranz +umsäumte. Hand in Hand gingen sie, und es geschah zum ersten Mal, daß +die Vef den Druck des Burschen warm erwiderte. + +»Wann i amal wissen tat, wohin i g'höret, aft hatt' i nix dagegen ...« +brach das Mädel dann das Schweigen. »Wann's aa no so kloan war' 's +Hoamatl ...« + +Da konnte sich der Wastl nimmer halten. Ganz wild war er vor lauter +Freude. + +»Also, hast mi do gern, Madel?« Er schrie die Frage jubelnd heraus, so +daß das Echo von den Felswänden des Berges widerklang. + +»Freilich hab' i di gern!« lachte die Vef jetzt und zeigte ihre weißen +Perlenzähne. »Moanst, i hätt' sonst den Glöschl Hias abg'wiesen? Ist ja +a feiner Mensch her.« + +»Aber i bin dir der lieber, ha?« Der Wastl wartete die Antwort gar +nicht erst ab. Schaute in die strahlenden Augen des Mädels, die innig +und verheißungsvoll aufleuchteten. + +»Madel ... Madel ...« stieß er hervor und zog sie kräftig in seine +jungen, starken Arme und küßte sie. + +Freilich, der Korb, den sie am Rücken trug, bildete ein großes +Hindernis für seine stürmischen Gefühle. Der mußte fort. Die Vef war +damit einverstanden, daß er ihr den Korb vom Rücken nahm und im weiten +Bogen gegen das Tälchen hinabwarf. War mit einem Male ganz gefügig, die +Vef, und duldete es sogar, daß der Wastl sie ganz gehörig abbusselte. +Sie setzte sich sogar zu ihm hin ins Gras und schmiegte sich fest und +weich in seinen Arm. + +»Hab' di ja alleweil gern g'habt, du Bua, du deppeter! Grad' verstanden +hast mi nit!« gestand sie ihm dann. »Und daß i dir's glei' sag'. Es +bleibt beim busseln ... verstehst mi? Bis wir verheirat' sein und dei' +Göd übergeb'n hat. Jetzt weißt es.« + +Ganz resolut war sie nun wieder und so ernst, daß sich der Wastl nimmer +getraute, ihr noch ein Bussel zu geben. Da lachte ihn das Mädel mit +ihren strahlenden blauen, übermütigen Augen an. Schlang ihren vollen, +weichen Arm um seinen Hals und preßte ihren Mund innig und heiß auf den +seinen. + +»I bin ja so froh, wenn i di kriag ... Wastl ... so froh ...« flüsterte +sie. + +Und lange ... lange saßen die zwei jungen Menschenkinder im Abenddämmer +und hielten sich fest umschlungen. Bis dann die Mondsichel silbern am +Firmament stand und weißer Nebeldunst vom Tal herauf zu den Bergen +stieg. Da erst trennten sie sich, die Vef und ihr Wastl. + + + + + Sechstes Kapitel + + +War das ein jauchzendes Glück in dem kleinen Berghöfl in der Gungl! +Drei Jahre hausten sie nun schon da, der Wastl und die Vef und +zwei kleine halbnackte Kinderchen strampelten in der engen Stube, +quietschten vergnügt und gaben der Vef alle Hände voll zu tun. + +Glückselig lachte die Vef und sang und schmetterte ihre Lieder hinaus +in die Alpenwelt. Sie schaffte und arbeitete und küßte dann wieder die +kleinen nudeldicken, blonden Buben. Und jeder Tag erschien ihr zu kurz +für das große Glück, das sie genoß. So schön war's auf der Welt und so +herrlich hier hinten im Tal und in dem engen Hüttl, das ihre Heimat +geworden war. + +Der Wastl arbeitete wie ein Ackergaul für Weib und Kinder und hatte +keinen anderen Gedanken wie sein junges Weib. Und hohe Zeit war es nun +wieder, daß das zweite Kindl aus der alten, wurmstichigen Holzwiege +kam; denn das dritte hatte schon seine Ankunft angekündigt, und wenn's +mit der Verliebtheit dieser beiden jungen Leute so weiter ging, dann +konnte das kleine Hüttl bald nicht mehr den reichen Kindersegen fassen. + +Sie hatten noch etliche Jahre aufeinander warten müssen, die Vef und +der Wastl. Sie seien noch zu jung zum heiraten, hatte die Gemeinde +erklärt; denn so junge unerfahrene Menschen läßt man nicht heiraten. +Die hausten meistens schlecht, brächten ihr Besitztum herunter und +fielen dann der Gemeinde zur Last. + +Das konnte man nicht dulden, und deshalb mußte die Liebe der beiden +noch ein wenig gebändigt werden. Bis der Wastl mündig geworden war ... +dann erst übergab ihm der Göd das Gütl und ging in den Austrag. + +Es hatte viel Überreden gebraucht, bis sich der alte Mann dazu +verstand. Aber schließlich, alt war er ja genug und auch nimmer ganz +fest mit'n G'sund. Der Winter war hart, rauh und lang in der Gungl +drinnen, und wenn man da jemand bei sich hatte, der einem ein bissl +Arbeit abnahm und auch ein bissl auf einen schaute, so wäre das gerade +ja auch nicht zu verachten, dachte er schließlich bei sich. Aber bis so +ein Bauer die Herrschaft über sein Reich ... und wenn es auch noch so +klein und unansehnlich ist ... aufgibt, braucht's einen gar gewaltigen +Entschluß. + +Als der Wastl das erste Mal zu dem Göd kam, um ihm sein Anliegen +vorzutragen, hatte er nur geringen Erfolg. + +Der Göd war ein großer, hagerer Mann. Schier Haut und Knochen war +der Alte und gemahnte an einen starken Baum im Hochwald, dessen Mark +verdorrt war. Aber die Knochen waren stark und die Adern straff wie +Stricke. Sein Gang war steif, denn die Beine wollten sich nicht mehr +recht in den Gelenken abbiegen. Der Rücken senkte sich leicht nach +vorne, aber der Göd hielt ihn mit aller Kraft aufrecht. + +Er ließ sich nicht so leicht unterkriegen von der Last der Jahre, der +alte Mann! Eisgrau war der Kopf, schmal und knochig, und eine gewaltige +Adlernase ragte kühn aus dem scharfgefurchten, bartlosen Gesicht. + +Die kleinen hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sahen aber scharf +wie die Augen eines Adlers. Und mit diesen scharfen Augen schaute der +Alte jetzt streng und abweisend auf den Wastl, der bittend zu ihm +gekommen war. + +»Kannst nit warten, Bua ... bis i hin bin?« frug er mit seiner heiseren +Stimme, die davon zeugte, daß der Göd mit 'm G'sund nit ganz richtig +war. »Aft kriagst alles. Bist ja mei' Godlkind!« fügte er hinzu. + +Der Wastl zog den Kopf ein und schaute gedrückt zu Boden. + +»Dös kann aa no zwanz'g Jahr' sein!« meinte er. »Und 's Madl ...« + +»Mei! 's Madl!« machte der Alte verächtlich. »'s Madl! Dös heirat' halt +derweil an andern.« + +»Dös soll sie aber nit!« brach der Wastl leidenschaftlich aus. »Dös +derleid' i nit.« + +Der Alte im derben, schäbiggrauen Lodenrock mit den plumpen, +bodenscheuen Hosen und unförmlichen Holzschuhen, saß eine Weile +beobachtend neben dem Burschen auf der Ofenbank der kleinen Stube. Die +flache Hand stützte er schwer auf die Bank, weil ihm das Aufrechtsitzen +hart ankam. Den grünlich schwarzen, spitzen Filzhut hatte er fast bis +über die Augen gerückt, und das rote Halstüchl, das er lose um den +dürren, adrigen Hals geschlungen trug, schien ihm auf einmal viel zu +eng zu werden. Sein zahnloser Mund mit den farblosen Lippen zitterte +leicht und unaufhörlich. + +»Dös derleidest nit!« wiederholte der Göd über eine Weile und machte +sich an seinem Halstüchl zu schaffen. »Dös derleidest nit!« brummte er +ein paarmal leise vor sich hin. »Ah a so! Wohl nit!« machte er dann +nachdenklich. + +»Naa.« + +Langsam und bedächtig nickte der Alte mit dem zittrigen Kopfe. Dann +meinte er schwerfällig: »Unseroans hat aa manches nit derlitten. +Unseroans! 's ist aber aft do aa gangen. Guat ist's gangen. Recht +guat!« wiederholte er. + +»Göd!« Gequält sah der Bursch dem Alten in die Augen, die ihn mit einem +Male hart und grausam dünkten. »Seid's iatz an alter Mann, Göd! Und +könnt's Euch leicht nimmer vorstellen, was a junger empfindet. Wenn oan +a Madel alles ist auf der Welt. Himmel und Herrgott und ...« + +Da hob der alte Mann den Zeigefinger seiner knochigen rechten Hand +warnend in die Höhe. So steif und ungelenk war der und zitterte +bedenklich. + +»Tua nit freveln, Bua!« warnte er. »Der Herrgott ist mehrar wia a Weib! +Tua nit freveln! Nit freveln!« wiederholte er mit seiner heiseren +Stimme. Aber dann gab er doch wenigstens seine Einwilligung, daß der +Wastl die Vef zu ihm bringen durfte. + +»Magst sie schon bringen, dei' Madl ...« meinte er, etwas weicher +gestimmt. »Anschaug'n kann i sie ja. Aber das sell sag' i dir glei' +... deswegen übergib i no lang nit. Und wann sie aa no a so a schian's +Fötzl hermacht. Dassell rührt mi nit, sag' i dir. Schon gar nit!« ... + +Es hat ihn aber dann doch umgestimmt, den Göd, als er die ehrliche +und fast kindliche Freude des Mädels über das Hoamatl sah. Völlig +gerührt war der alte Mann geworden, weil die Vef alles so schön fand +und die Gegend so lobte. Da wurde ihm der Blick feucht, und die Stimme +zitterte, und der zahnlose Mund zog sich noch mehr in die Breite und +wurde zum freundlichen Grinsen. + +»Ah a so!« machte er. »Schian dunkt's di da, Madel! Wohl schian? Ist +freili schian. Freilich! Wann's aa nit extra groß ist. Zwoa Goaß und a +Kuah! Ist wohl epper z'wenig für enk zwoa, ha?« + +Die Vef schüttelte den Kopf und lachte wie immer ihr strahlendes +lustiges Lachen. + +»Ah sell tut's leicht!« meinte sie sehr zufrieden. »Und halten wollt' +i Enk, Göd ... wie mein' eigenen Vater!« sagte sie warm und nahm die +blutleere kalte Hand des Alten in ihre warme Hand. »Sollt's es recht +... recht fein haben bei uns!« versprach sie. + +Der Alte blinzelte mit seinen kleinen Augen, die so tief in ihren +Höhlen lagen, erst auf den Wastl und dann auf die Vef, die vor ihm in +der Stube standen. Dann zog er die scharfe Adlernase ein paarmal in die +Höhe, als müsse er durch sie eine höhere Erleuchtung einschnuppern. + +»Ist a toll's Mensch her ... dei' Madl!« lobte er dann befriedigt. +»Und aa a schian's Mensch her. Kannst a Freud' hab'n dermit. A recht a +saubers Mensch, dei' Vef!« murmelte er zufrieden vor sich hin. »Kann aa +ordentlich zugreifen bei der Arbeit ...« überlegte er. »Sölle Arm' wia +die dir herhat ... recht an ordentlich's Weibets, kam' mir amal für!« +nickte er immer wieder vor sich hin. + +Damit war die Sache eigentlich gewonnen, und sie hatten nur mehr auf +die Gemeindebewilligung zu warten. Die ließ dann freilich noch ein +paar Jahre auf sich warten, und der alte Mann in der Gungl, der immer +gebrechlicher und kränker wurde, drängte schließlich selber zu der +Heirat und konnte es kaum mehr erwarten, bis das junge Paar in seine +Hütte einzog. + +Ein kleines, enges Reich war das Gütl vom Göd. Die Heimat vom Regele +war im Vergleich ein großer Holzpalast. + +Der Göd war in eine kleine Kammer neben der Stube gezogen. In der Stube +selbst schliefen die jungen Leute mit ihren Kindern, und in der Küche +wohnten sie zum großen Teil. + +Da wiegte die Vef ihr jüngstes Kind und herzte ihren Erstgeborenen im +seligen Glück. Und innig und dankbar genoß sie die Liebe ihres Mannes, +der ihr wie ein treuer Knecht ergeben war. + +Das Regiment im Haus aber hatte die Vef inne. Das war nun schon einmal +so. Auch der Alte fügte sich ihr gerne, brummte darüber und schmunzelte +dazu. War nicht mehr zu viel nutz auf der Welt, der alte Mann. Saß +fast den ganzen Tag steif und zittrig in der rauchgeschwärzten kleinen +Kuchel auf der Bank neben dem offenen Herd und wärmte sich. Blinzelte +in die Luft und brummte unverständliche Laute vor sich hin ... + +Und wieder war's Sommer geworden in der Gungl. Die Vef hatte den Göd +mit der Aufsicht ihrer Kinder betraut und ging hinaus auf die Mahd, +ihrem Mann zu helfen. Der trug auf hochbeladener Kraxe das Heu in den +Stadel ein, und die Last war so schwer, daß der junge starke Körper bei +jedem Schritt zitterte und die Brust keuchte. + +Von steiler Halde trug er das Heu, und langsam und vorsichtig, aber +sicher setzte er die nackten Füße auf den schlüpfrigen Boden. Ein +Fehltritt nur, und der Wastl wäre ausgerutscht, hätte sich, da er +nirgends einen Halt hätte finden können, überkugeln müssen und wäre +abgestürzt. + +Ein mühsam schweres Ernten war das hier hinten in der Gungl. Zu +Lasttieren wurden die Menschen, und im mühseligen, nimmer rastenden +Fleiß mußten sie dem spröden Erdreich schier jede Kartoffel abringen. + +Die Felswände, mit langen Gräsern bewachsen, die wie Schleier +darüberfielen, ragten glatt und mächtig oberhalb der Mahd zum steilen +Berg empor. Hie und da hatte auf brüchigem Felsvorsprung ein Strauch +oder Bäumchen sich eingenistet, und seine Wurzel gedieh und sog an dem +spärlichen Erdreich, das ihm hier Nahrung bot. + +Im engen Tal brauste der Bach. Wild und ungebärdig. Haushohe Felsblöcke +lagen darin und hielten den Wellen Widerpart. Das brodelte und schäumte +und bäumte sich auf in wildem Grimm, formte sich zum Kessel und +spritzte in weißem Gischt zornig empor. + +Große und kleinere Felsblöcke lagen auch verstreut in den grasigen +Halden und in unmittelbarer Nähe der Hütte. Ein windschiefer Zaun +grenzte das kleine Besitztum ab und machte es als Anwesen kenntlich. + +Sogar eine kleine Gasse führte hier vorbei. Die war so steil und +steinig, daß nur die abgehärteten Füße dieser Bergmenschen ohne +Schmerzen sie gehen konnten. Dieser steinige Weg führte tiefer ins Tal +hinein, bis zu dem Rand des Gletschers. Almen lagen da drinnen, auf +denen zur Sommerszeit das Vieh aufgetrieben wurde. + +Die Vef hatte ein hellfärbiges Tüchl schützend gegen den Sonnenbrand +über den Kopf gebunden, die Ärmel ihrer dunklen Jacke weit +zurückgeschoben und den Rock vorne hochgeschürzt. So stand sie auf der +Mahd und zog mit dem Rechen das Heu zu einem Haufen zusammen. + +Ziemlich hoch oben auf der Halde arbeitete sie, dort wo die Felswände +anfingen und die Luft schwer zu drücken schien durch die Macht der +emporragenden Wände. Der Wastl trug gerade wieder seine gefährliche +Heulast zum Stadel herab, der knapp hinter seinem Häusl stand. + +Im Gassl unten trieb ein Mann etliche Schweine vorbei. »Tschöh ... +tschöh ... tschöh ...« lockte er; denn die Tiere, eigenwillig wie sie +nun einmal sind, wollten nicht vorbei an der Hütte. Offenbar witterten +sie gutes Futter in der Nähe und wünschten Einkehr hier zu halten. + +»Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte der Mann, und ungeduldig +hieb er mit seinem Stock auf die Schweine ein, daß sie grunzend und +schreiend vorwärts liefen. + +Die Vef hielt mit der Arbeit inne und schaute von ihrer Höhe aus +neugierig zu dem Wanderer herab, der sich kleinwinzig ausnahm. Sie +hielt die Hand vor die Augen, um besser zu unterscheiden, wer der +Wanderer sei. + +»Weit aus?« rief sie ihm mit ihrer weittragenden vollen Stimme zu. + +»Nimmer gar weit!« rief er zurück. + +An dem Klang der Stimme erkannte sie ihn. + +»Jessas! Der Stanis!« rief sie freudig herunter. »Grüß di Gott, Stanis!« + +Und dann warf sie den Rechen beiseite und kam, so schnell sie es +vermochte, über die Halde heruntergelaufen, um den alten Bekannten vom +Alpl zu begrüßen. + +»Muaßt schon einer giahn, Stanis ...« lud sie ihn ein. »A Maulvoll +Milch kosten und a Brot und an Butter essen. Hab' erst heut' in der +Fruah frisch gekübelt!« erzählte sie. + +»Ja ... und meine Facken?« wies der Stanis ärgerlich mit dem Stock auf +die Schweine, die schon wieder ihren eigenwilligen Weg laufen wollten. + +»Dö locken wir einer da und geben ihnen an Trank. Wart', i hilf dir!« +Und resolut wie sie war, half sie dem Stanis die Schweine in den Stall +treiben. + +»Schlagt dir guat an, die Gungl!« neckte der Stanis, als er in der +Küche beim Tische saß und aus der hölzernen Milchschüssel trank. +»Ausgezeichnet!« Vom Fuß bis zum Kopf musterte er sie dreist und +frech. »Hast no mehra sölle Fratzen?« meinte er dann, auf die beiden +Kinderchen deutend. + +»Bis iatz grad lei dö zwoa!« sagte die Vef und hielt dem Stanis voll +Stolz das nackte dicke Bübl entgegen, damit er es gebührend bewundern +solle. + +»Wia alt bist aft'n du?« frug der Stanis und beugte sich zu dem +größeren Kinde, das nur mit dem färbigen Hemdchen bekleidet am Boden +saß. + +»Der? Der ist zwoa Jahr auf Martini und der kloane acht Monat. Aber +so viel a braver! So viel a braver Bua!« lobte sie und putzte das +kleine Stumpfnäschen mit ihrer Schürze. »Gelt, Ahndl, brav ist er, der +Luisele?« + +Der Alte auf der Herdbank, im Lodenrock und mit dem Hut am Kopf, +brummte mit seinem zittrigen, zahnlosen Mund unverständlich vor sich +hin. Die Vef war aber ganz zufrieden mit dem, was sie für eine Antwort +hielt. Gleich wandte sie sich wieder dem Stanis zu. »Gelt, und toll ist +er?« frug sie voll Mutterstolz. + +»Was geiht's aft eppar iatz ab? Zwilling?« frug der Stanis boshaft. + +»Von mir aus aa. Je mehr Kinder, desto liaber!« lachte die Vef. + +Da mußte der Stanis laut herauslachen über das ehrliche Geständnis. + +»Wo hast aft dein' Alten, den Wastl?« + +»Werd' glei kömmen.« Sie öffnete die Türe und rief mit ihrer schönen +dunkeln Stimme den Namen ihres Mannes. + +»Wastl! Einer giahn! Der Stanis ist da!« + +Es dauerte eine Weile, bis der Wastl kam. Der Stanis aber erzählte +indes, was sich in der Heimat draußen in der letzten Zeit ereignet +hatte. + +»Der Kramer Veit ist wieder kömmen!« berichtete er nach einer kleineren +Pause. + +»Ah wohl!« machte die Vef interessiert und setzte sich mit dem jüngsten +Kind am Schoß zu dem Stanis auf die Bank hin, während das größere auf +allen Vieren am Boden herumkroch. »Wohl wieder kömmen?« frug sie. »Hat +er was verzählt vom Regele und vom Florl? Sein's iatz verheirat' ... dö +zwoa?« forschte sie neugierig. + +»Freilich verheiratet. Sein aa mitkömmen dö zwoa!« berichtete der +Stanis und schnitt sich mit seinem großen Taschenmesser ein gewaltiges +Stück Brot ab, das er dann fingerdick mit Butter bestrich. + +»Was du nit sagst? Da sein's?« verwunderte sich die Vef. + +Da kam der Wastl zur Stubentür herein und mußte sich tief bücken, damit +er nicht an den Balken anstieß. »Grüaß di Gott, Stanis!« + +»Grüaß Gott aa!« + +Er sah gealtert aus, der Wastl, mitgenommen von der harten Arbeit, und +tiefe Furchen hatten sich vorzeitig in dem jungen, wetterharten Gesicht +eingegraben. + +»Horch, Wastl, was der Stanis verzählt!« rief die Vef wichtig. »Der +Florl und 's Regele sein hoamkömmen mit'n Kramer Veit.« + +»Wohl kömmen? Ah so!« sagte der Wastl und setzte sich aufatmend neben +sein Weib. Sein Gesicht war noch aufgedunsen und hochrot von der +schweren Arbeit, und dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn und +machten das hereinhängende schwarze Haar feucht glänzen. »Was machen's +nacher, dö zwoa?« erkundigte sich der Wastl ziemlich gleichgültig. + +»Faulenzen tian's!« sagte der Stanis scharf. »Und nobel sein dir dö +zwoa g'worden! Am hellichten Werktag laufen's im Sonntagsg'wand umadum!« + +»Haben's Kinder?« forschte die Vef interessiert. + +»Naa. Haben koane.« + +»Nit?« meinte sie verwundert und drückte ihr kleines Bübl, das vor +Wonne krähte und sie aus hellen runden Augen anlachte, innig an ihre +volle Brust. »Koane Kinder?« + +»Aber dös oane ... dös Büabl ... dös hat die Notburg no alleweil?« frug +der Wastl. + +»Dös hat die Notburg no alleweil!« bestätigte der Stanis. »Laßt's aa +nit her, die Notburg, und recht hat sie!« erzählte er weiter. »Söllene +zwoa, wie dir dö sein!« sagte er verächtlich und kaute laut schmatzend +sein Butterbrot. + +»Ja ... und haben's aft döcht a Geld verdient mit der Singerei?« frug +die Vef weiter. + +»Freilich! A woltern a Geld haben's verdient, sagt der Kramer Veit. +Söllene zwoa, wie dir dö sein!« entrüstete er sich weiter. »Wöllen iatz +no a paar Madeln und Buab'n mitlocken zu dera Singerei Aber dem Kramer +Veit ist die Sach' nit ganz g'recht. Er tu' da nimmer mit, hat er +erklärt.« Verächtlich spuckte der Stanis im weiten Bogen zur Seite. + +»Dös sell glab' i schon!« meinte der Wastl schwerfällig, äußerte sich +aber in keiner Weise, wieso er zu dieser Ansicht kam. + +»Ja, und was sagt aft der Söllerbauer dazu?« frug die Vef interessiert. + +»Nix'n sagt er. Was soll er aa sag'n? Aber dei' Vater larmt dir anders, +Vef!« + +»Mei' Vater?« + +»Freili ... dei' Vater.« + +»Ja ... z'wegen was denn?« frug die Vef betroffen. »Was geht denn dös +mein' Vater an?« + +»Wann die Rosina aa mittuan will, bei dera Singerei.« + +»Dö Rosina?« Die Vef war aufgesprungen und legte den Säugling achtlos +in die Wiege hinein. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften. War +ein stattlich schönes Weib geworden, die Vef, trotz der ärmlichen +Kleidung und trotz des Kindersegens. »Jatz bin i's do nimmer! Die +Rosina? Ja ... was sagst aft iatz du, Wastl?« frug sie ihren Mann +scharf, als ob dieser Schuld an der Sache trüge. + +»Nix sag' i. Soll halt giahn, wenn sie's g'lustet.« + +»Kimmst du bald amal zur Rosina, Stanis?« erkundigte sich die Vef. + +»Kann leicht sein.« + +»Sag' ... sie soll einer giahn zu mir in die Gungl. Lang dauert's ja +do nimmer, bis das Kloane kommt, und da mag sie mir auswarten. Und dö +Flausen, dö treib' i ihr aft aus, dös woaß i!« erklärte das junge Weib +resolut ... + +Die Rosina hat sich aber bei der Vef nicht blicken lassen. Die Julie +war statt ihrer gekommen zum Auswarten, und der Florl und das Regele +waren auch mitgekommen, um die alten Freunde aufzusuchen. + +Die Vef und der Wastl rissen da freilich beide Augen auf, als sie das +Regele und den Florl wiedersahen. So verändert, wie die waren, und +kamen ihnen so fremd vor, daß sich der Wastl und auch die Vef anfangs +wirklich hart taten mit reden. + +Das Regele tat ganz besonders geziert und redete eine Sprache, wie man +sie in dieser Gegend herum nicht gewohnt war. Und fein angezogen war +sie! Hatte ein schwarzsamtenes Miederleibchen und ein helles Seidentuch +darein gesteckt, und ihr Hals guckte blühweiß und schlank daraus +hervor. Eine große goldene Brosche hielt das Tüchl ziemlich tief am +Halsausschnitt zusammen, und in den zierlichen Ohren hatte sie ein Paar +goldene Ohrgehänge, die viel zu lang und schwer waren für die feinen +Läppchen und sie unnatürlich in die Länge zogen. + +Aber dem Regele schienen die schweren Ohrringe ganz besonders gut zu +gefallen; denn sie drehte und wendete das feine Köpfchen nach allen +Seiten, um sie ja recht zur Geltung zu bringen. Wie ein kokettes +verliebtes Kanarienvogerl war sie und lachte lieb und zutraulich, wenn +sie mit dem Wastl sprach. Und wenn sie mit der Vef sprach, dann war +es, als ob ein ganz klein wenig Herablassung in ihrem Blick läge. Und +eine helle Seidenschürze hatte das Regele, die so kostbar war wie jene, +welche die reichen Bäurinnen nur an den allerhöchsten Festtagen zu +tragen pflegten. + +Die Vef konnte sich im Anfang gar nicht satt sehen an dem Regele. So +gut gefiel sie ihr. So fein und nobel wie sie aussah und so hübsch und +jung dabei. Wie ein junges Dirndl von zwanzig Jahren war das Regele und +sah gar nicht aus wie eine verheiratete Frau. + +Der Florl erzählte lachend, wie man das Regele draußen in der Welt +immer für ein Fräulein halte, und wie es kein Mensch wisse, daß das +bildhübsche Tiroler Mädel seine rechtlich angetraute Gattin sei. + +»Fräulein Regina sagen die Leut' zu mein' Grispele!« lachte der Florl +überlaut, und es klang doch etwas erzwungen, wenn man mit feinem +fühlendem Ohr zu hören verstand. Wenigstens erschien das dem Wastl +so, der, die Arme auf die Knie gelegt, vornüber geneigt dasaß und +aufmerksam zuhorchte. + +»Und Verehrer hat dir die ...« prahlte der Florl weiter und legte +seinen Arm um die zierliche Figur der kleinen Frau ... »könnt' eins +völlig eifersüchtig werden, wie dö fremden Mannderleut' damit tun ...« +meinte er. + +Die Vef schlug die vollen Arme über den Kopf zusammen. + +»Und dös derlabst du, Florl?« frug sie voll Verwunderung. »Und bist nit +amal eifersüchtig?« + +Hellauf lachte da der Florl und zog das Regele eng an sich. »Ist ja do +~mei'~ Weibl!« sagte er stolz. »Und g'hört koan als mir alloan. +Und dös andere, dös g'hört mit zum G'schäft!« erklärte er. + +»Was g'hört mit zum G'schäft?« frug da der Wastl auf seine +schwerfällige Art und runzelte bedenklich die Stirn. »Wann i mei' Weib +...« + +»Bua, das verstehst du nit!« erklärte ihm der Florl mit herablassender +Miene. »Dös ist dir ganz an andere Sach' und nit a so wie bei uns +herinnen. Siehst, wann sich so a frisches Tiroler Dirndl hinstellt +und zu jodeln anfangt, dann ist's aa jedesmal, als ob ihr alle Herzen +zufliegen taten. Aber das Jodeln und schian singen allein tut's nit. +Kannst mir's glauben. Da muß aa a bißl a Aufmachung dabei sein. Eppas +fürs Aug'. Und zu der Aufmachung g'hört's aa, daß wir's nit an jeden +auf die Nas'n binden, daß wir verheirat' sein. A ledig's Dirndl wirkt +besser als wie a verheirat's Weib. Kannst mir glauben.« + +Selbstbewußt und energisch hatte der Florl gesprochen, und die Vef +und der Wastl hatten ihm in lautloser Stille zugehört. Sie saßen +in der düstern Küche am Tisch und bewirteten ihre Gäste mit Milch +und Butterbrot. Am Boden rutschte das älteste Bübl in seinem grauen +Flanellhemdchen, und das jüngste strampelte in der Wiege und schrie +gebieterisch nach der Mutter. + +Die Vef eilte zu ihm und nahm es auf ihren Schoß. Der Göd saß auf der +Herdbank, den Hut am Kopf und wie immer in seinem grauen, abgetragenen +Lodenrock mit den schwarzen Samtaufschlägen an den Ärmeln, und murmelte +leise und unverständlich vor sich hin und bezeigte keinerlei Interesse +an den fremden Besuchern. + +Die Julie hatte sich schon heimisch gemacht; denn sie sollte ja nun +etliche Wochen bei der Schwester bleiben. Sie hatte das Werktagsgewand +angezogen und versuchte nun eine kleine freundschaftliche Annäherung +mit dem kleinen blonden Buben am Fußboden herbeizuführen. Der wich ihr +aber standhaft aus, rutschte so weit er konnte von ihr weg und zu dem +Alten hinüber, der auf der Herdbank saß. + +Von da aus betrachtete er die Julie neugierig, aber mit ausgesprochenem +Mißtrauen; und als die Julie ihre Annäherungsversuche so weit trieb, +daß sie den Kleinen auf ihren Arm nahm, da brüllte der Wicht ganz +ungebärdig und wollte sich gar nicht mehr beruhigen lassen. + +Erst als die Vef den Buben nahm und ihn mit einem tüchtigen Klaps +dem Wastl aufs Knie setzte, hörte er zu schreien auf. Er sah aber +unausgesetzt und mit zornigem Gesichtchen zu der neuen Tante hinüber, +stets bereit, bei dem geringsten Annäherungsversuch von ihrer Seite in +ein erneutes Gebrüll auszubrechen. + +»Der hat a Stimm'!« meinte der Florl anerkennend, und das Regele +schnitt ein so wehleidiges und zimperliches Gesicht, daß man es ihr +wohl anmerken konnte, wie unleidlich und zuwider ihr Kindergeschrei +geworden war. + +»Gibt amal an guten Sänger ab ... mit der Lungl!« erklärte der Florl +mit Bestimmtheit. + +»Möchtest ihn leicht mitnehmen auf deine Reisen?« lachte die Vef und +schaukelte ihren Jüngsten unaufhörlich im Arm hin und her. + +»Den? Naa. Der ist mir no zu jung!« sagte der Florl lachend. »Aber enk +zwoa, di und den Wastl! Enk könnt' i gut brauchen.« + +Dem Wastl war, seit der Florl und die Regina zu Besuch hier weilten, +etwas beklommen zumute. Er wußte nicht recht, was es war, aber es +freute ihn durchaus nicht, daß die beiden zu ihnen gekommen waren. Er +fühlte: diese beiden paßten nicht mehr zu ihnen und auch nicht mehr in +die Einsamkeit dieser Berge. + +Aus dem Florl war ein Herr geworden. Ein viel feinerer Herr wie aus +dem Kramer Veit, der sich trotz jahrelanger Abwesenheit von der Heimat +in Sprache und Art doch immer gleichgeblieben war. Der Florl aber fand +nicht mehr den richtigen Ton, wenn er mit seinen Landsleuten sprach. Es +war etwas Fremdes in seinem Wesen, etwas, das sowohl den Wastl wie auch +die Vef von ihm abstieß. + +Ein selbstbewußter und selbstsicherer Mann war der Florl geworden. Die +elastische, biegsame Figur von ehedem hatte er eingebüßt, war voll und +breitschultrig geworden, und die Tracht der Heimat, die er trug, paßte +so wenig zu ihm, daß es aussah wie eine Verkleidung und als habe er sie +nur zum Spaß angezogen. + +Das feine, beinahe mädchenhafte Gesicht, das dem Florl früher eigen +war, sah jetzt schwammig und aufgedunsen aus und zeugte vom gesättigten +Genuß. Er hatte das Zarte und Frische eingebüßt und auch den übermütig +verwegenen Ausdruck, und etwas Bestimmtes, berechnend Schlaues war an +dessen Stelle getreten. Der kurze, braune Krausbart, der das Gesicht +umrahmt hatte, war jetzt nach städtischer Mode zugestutzt, und die +hellen Augen schauten herausfordernd und etwas frech in die Welt. + +Als der Florl jetzt die Antwort gab, schaute der Wastl bis ins Innerste +erschrocken auf sein Weib. Die Vef aber lachte nur, laut und übermütig, +wie sie es stets getan hatte, und küßte ihr blondes Bübl, das auf ihrem +Schoße jauchzte und lachte, leidenschaftlich. + +»So a Tolm ... a narrischer!« schimpfte sie dann lustig darauf los. +»Wir sollten da mittian? Nit zwanz'g Ross' bringeten mi amal außi aus +der Gungl!« erklärte sie mit Bestimmtheit. + +Erleichtert schaute der Wastl zu dem Göd hinüber, der noch immer +teilnahmslos dasaß und nur leise mit dem Kopfe nickte. + +»Könnt ihr zwei nimmer singen?« frug da das Regele in ihrer gezierten +Sprache, die sie sich zugelegt hatte. »Habt's es ganz verlernt bei +enkerer Arbeit?« Eine leise Geringschätzung lag in dieser Frage. Die +Vef parierte aber kräftig den Hieb. + +»Ah wohl!« sagte sie resolut. »Singen können wir no gut. I und mei' +Wastl. Leicht besser wia ös zwoa!« + +»Geht's, singt's amal oans!« forderte die Julie auf um dem Gespräch, +das jetzt peinlich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben. + +Da sangen die Vef und ihr Wastl, und der Florl und das Regele hörten +zu. Schönheit und unverbrauchte Kraft lag in ihren Stimmen und eine +Wärme und Innigkeit, wenn sie von der Heimat sangen, daß es dem Florl +ganz eigen ums Herz wurde. + +~Diese~ Innigkeit, das wußte er, die brachte weder er noch das +Regele mehr auf, wenn sie den fremden Menschen draußen die Lieder ihrer +Heimat sangen. Und beifällig nickte er immer wieder mit dem Kopfe, und +als die beiden geendigt hatten, da jubelte es in ihm auf, und übermütig +sprang er empor, hob sein Regele wie ein Kind in die Luft und wirbelte +sie im Tanz in der Küche herum. + +Er pfiff und klatschte dazu mit den Händen, schlug sich aufs Knie und +auf die Fußsohlen und führte einen regelrechten und ausgelassenen +Schuhplattler auf. Und es war so befreiend frisch und ungezwungen, so +voll Lebensfreude und toller Lebenslust, ein Tanz voll von Naturkraft +und echtem Triebgefühl, wie er nur in Gottes herrlicher Bergwelt +entstehen kann und nur hier vollendet in seiner echten, ungekünstelten +Wirkung getanzt werden kann. + +Das Regele wiegte sich geschmeidig und neckisch in ihren Hüften und +jauchzte und lachte, da sie den Florl so übermütig sah, und freute +sich wie ein Kind. Und jetzt erst, nachdem das Echte, Ursprüngliche in +diesen beiden jungen Menschen wieder zum Durchbruch gekommen war, jetzt +war auch die alte Herzlichkeit zwischen den Freunden wiederhergestellt. + +Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren +Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und +berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten +und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten +ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von +diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten +sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie +wunschlos glücklich waren. + +Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten +der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der +fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto +fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen +zuhörten. + +Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen +Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen +Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld +einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen. +Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und +jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit +weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele +Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen. + +Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche +Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar +und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl +durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen +Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit. + +»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die +Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden +Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl +und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier +unglaublich vor. + +Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues +Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf +zurück. + +»An altmodischer Mensch ist's, der Kramer Veit!« sagte er unwirsch. +»Kann nimmer mittun mit junge Leut'!« + +»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das +Regele schnippisch und mit gekränkter Miene. + +Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur +um etwas zu sagen. + +»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an +Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an +den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?« + +»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu. + +Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen +dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß +jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem +Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über +den kleinen Lockenkopf fuhr. + +»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir +richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit +kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz +besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich, +wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns. +A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia +wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack +von die herrischen Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der +Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös +muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.« + +»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte +ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für +an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh' +g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl, +dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so +daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses +an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte. + +»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i +mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle +Mannsbilder so dazustiahn!« + +Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte +sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich +viel schöner aus a so.« + +Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb +ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr +schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...« + +»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang +beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie +dasjenige vom Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ... +warum nit? Das derlabest du aa.« + +»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang +in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt +ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer +an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und +an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß +die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute +auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit +zahnlosem Munde vor sich hin murmelte. + +Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche. +Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese +Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so +wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte. + +Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe, +um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere +Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans +Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im +eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus. + +»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach +außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam. + +Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?« +frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was +die Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und +gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.« + +Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der +Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte +der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und +hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge. +Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so +grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war. + +»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der +winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.« + +»Tian wir beten!« mahnte die Vef. + +Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der +kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war +aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete +laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen. + +Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete +sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der +Natur, die so mächtig waren. + +Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete +in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im +Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen des Regens, im Ächzen +und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat +sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die +heilige Heimat. + +Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern +machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen +Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und +über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und +Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen +Heimat. + +Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte +in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines +unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin +und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als +Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden. + +Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und +unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die +Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid +und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir +sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von +ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ... + +Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die +Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern +Herzen. Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer +und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe +Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin, +wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden +trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht +ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre +Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ... + +Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen +Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst, +treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem +Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich +... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz' +uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem +Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem +heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner +Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht +für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein +Name! + + + + + Siebentes Kapitel + + +Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten, +hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine +innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr +eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast +interesselos gegenübergestanden hatten. + +Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die +Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die +Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt. + +Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner +Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben +können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele. + +Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und +verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber +aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten +sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes +überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren +sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch +immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder +in ihrem Wesen. + +Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der +nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So +erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein +Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter, +bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk +von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte. + +Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen +Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch, +so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch +freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben. + +»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem +Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?« + +Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte, +breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken, +auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden. + +»Hast koa Zung', Anderl?« + +Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte, +aber redete kein Wort. + +»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös +wieder her?« + +»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden +Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!« + +Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran +und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte, +wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze +seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich. + +»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig. + +Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf. +»Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei' +Muatter!« + +»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.« + +»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so +gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war +aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube +ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern +umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr +hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend +und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm +zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte. + +»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele +neuerdings. + +Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der +Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele +jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war es, +mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den +Knirps. + +»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich +heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste, +in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum +Bewundern hinhielt. + +»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter +der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.« + +»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer +wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig +jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies. + +»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl +unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.« + +»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt. +»Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu. + +Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor +und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte +Gesichtl. + +»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut +halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann +fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen +Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für +wen hast denn alle Abend beten müssen?« + +Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie +zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in +dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur +wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes, +das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt. + +»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von +vorhin. + +»Für di!« erklärte der Bub trotzig. + +»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise. + +»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich, +daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im +kindlichen Trotz abwandte. + +Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug +sie schnippisch. + +»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte +er eigensinnig. + +»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen +Brauen. + +»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt. + +»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja +nix getan.« + +»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!« +erzählte der Kleine. + +»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie, +seit sie nun in der Heimat weilten, diese Rede der Geringschätzung +gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom +Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes. + +»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug +zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte +der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl +eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am +Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen +mußte. + +»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen +und pfiff leise vor sich hin. + +»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele +über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube +der Notburg geherrscht hatte. + +»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern +alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit +dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt +aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du +kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s +Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser +gangen ist.« + +Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort +mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr +auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube. + +Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden +seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen +Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der +Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie +dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt, +die voll Glanz und Erfolg für sie war. + +Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten +Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh +gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im +Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie +mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl +nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen. + +Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und +Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld +aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis. +Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld +erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht +einleuchten. + +»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit. +»Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ... +dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit +macht. Aber lei so umananderziechen und 's Maul aufreißen und singen +... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend. + +Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen, +daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar +nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und +ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf +er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige +Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen +muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.« + +Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das +elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl, +hier bloß geduldet zu sein. + +Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar +bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen +alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle +Hände voll zu tun. + +Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn +hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie +gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim +und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben +können, meinte der Söllerbauer. + +Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die +Arbeit gingen, dann schliefen der Florl und das Regele bis tief in den +Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem +Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen, +geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen. + +Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn +das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den +Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte. + +Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das +war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit +abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit +zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin +und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich +halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand +schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da +spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig +herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler. + +Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der +Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft +entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem +Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten +die Türe vor der Nase zugeworfen hätte. + +Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten +Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei. +Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich +nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu +schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an. + +Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche +Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen +an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde. + +Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten +prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der +Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein +eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete +scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen; +denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl +aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr +beneiden sollten wie den Kramer Veit. + +»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele +und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon +geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher +kriechen's vor mir, das weiß i!« + +Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der +Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er +das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß +er es auch erreichen würde. + +Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste +Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren +eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen. +Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er +nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten. + +Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem +Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte +er ganz entschieden erklärt. + +»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal +zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon +bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen +hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er +sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i +muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk +g'schadet ... dö habt's nit vertragen.« + +Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter +des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die +urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf. +Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl +wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen +war. + +»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden +fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no +andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat +ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie. +»I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der +am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal +herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner +mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn +man ihn siecht.« + +Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus +überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine +mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend +fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die +jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...« +beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die +Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.« + +Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem +Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu +bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen +vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und +Nacht drückte. + +Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem Herbst mit dem +Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von +nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies +erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina +in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei +weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ... + +Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde +es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit +der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit. + +Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu +sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als +ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend +seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte. + +Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit +auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie +immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der +kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster +hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich +und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen +stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl +die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete. + +»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ... »i rat' dir no amal. +Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau, +i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a +Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst +kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.« + +Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit +die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen +Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen. + +»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und +könnt's no etline Kinder kriagen und ...« + +Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle +Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!« + +Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte +auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den +kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen, +und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd +an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und +gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor. + +Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl. + +»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht +... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt, +Regele?« + +Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den leichten Sinn der jungen +Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei +ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte +sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an +die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd' +draußen.« + +Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem +Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses +Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn +sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie +ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn +des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck +in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem +jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach. + +»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und +hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an +Wirt aus dir! Magst?« + +Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt +gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu +überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel +ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz +verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem +gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er +denn nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer. + +»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er +ernst und nachdenklich. + +»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus +brauchen.« + +Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der +Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick. + +»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum +Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener +Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft +gesessen hatte. + +Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er +nicht erwartet. + +»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin, +Florl!« sagte er kopfschüttelnd. + +»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du +baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's +Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?« + +Noch immer verstand der Veit den Florl nicht. + +»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer +Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen. + +»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz +bestimmt. + +»Von draußen ...?« + +Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A +neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem +Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit. +Wirst's sechen ... 's geht.« + +Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der +Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war, +und zögerte einzuschlagen. + +»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug +er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl +drinnen es getan haben würde. + +»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit +zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen +außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da, +Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ... +»wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n +nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber ~eins~ +hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir ~da~ und +nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st +und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ... +daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.« + +Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte +wie in dieser Stunde. Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den +Vorschlag einging. + +»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen +Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die +Hand gestützt hielt. + +»Morgen in einer Woche.« + +»Und du nimmst die andern mit?« + +»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie +wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.« + +Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös +Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck, +so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber +dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und +dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach' +mach' ... kann sein aa nit.« ... + +Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber +zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner +geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle. + +»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit +zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die +ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst +mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und +wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl. + +Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete. + +»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können +... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's +selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor +die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl +zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst +wohl, gelt, Kramer?« -- -- -- + +Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort. +Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen +interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging +ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und +abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. -- -- -- + +Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und +seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch +droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge +und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte. + + + + + Achtes Kapitel + + +Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an +den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu +weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid +mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen, +schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling. + +Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier +herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos +und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr +vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh +verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort +oben doch nicht wie hier in der Gungl. + +Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern +einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl +und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren +können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag +schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der +alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So +mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen +lebten und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den +Fensterscheiben hinausschauen konnten. + +Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und +bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen +Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees +und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick, +auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und +flatterndes Tuch. + +Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit +dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche +vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach +einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern +bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo +buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche +zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in +abergläubischer Furcht schaudern. + +Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an +die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar +waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt +erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen. + +Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht +übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre. +Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr der Wastl +rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der +Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich. +Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges, +lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein +Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten. + +Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und +herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter +der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der +Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende. + +Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte +dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte. +Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann +eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle +in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und +in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er +dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie +immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt. + +Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd +herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der +Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl +wiegte das Jüngste in der Wiege. + +Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der +Wastl vermied es, viel mit ihr zu reden. Würde schon wieder besser +werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man +wieder mehr hinaus konnte ins Freie. + +Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune +seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht +viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der +Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich +mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme: +»Essengiahn!« + +Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr +schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie +eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend +dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging +mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne +aufgetragen stand. + +»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch +immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf +nicht mehr ... + +Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer +Unmut war mit einem Male verflogen. + +»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als +sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich +zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr +und gebrochen in den tiefen Höhlen. + +»Jessus Maria!« + +Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe +Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod +gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun +wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte. + +Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte +sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge +Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres +Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar +nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war. + +»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos. + +Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den +weckst du nimmer auf.« + +Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf +einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl +hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um +ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen. + +Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei +sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt +erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere +und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing. + +Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar +keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre! +Die Vef mußte bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im +Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten. + +Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in +der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch +mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken, +wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein +liebes für sie übrig hatte. + +»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden +könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile +mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl +stimmte ihr dann traurig bei. + +»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef, +und aa no die Kinder!« tröstete er dann ... + +Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl +und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an +diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was +die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach +der Heimat? + +Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich +die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd +war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit +seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die +Sehnsucht nach dem Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig +sein konnte. + +Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht +nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und +zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und +seinen Kindern. + +Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich +nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der +Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in +das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie +fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte. + +Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in +diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit +fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz +aus Holz gebaut. + +Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es +weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt' +man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß +der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.« + +»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz +begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt +schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die +Augen eines Kindes vor der Christbescherung. + +»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n +hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem +Ton. + +Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen +draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's +di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in +aller Behaglichkeit seine Pfeife. + +»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt +nimmer einer kommen können.« + +»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?« + +»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen +in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte +recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband. + +»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse. + +»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit +ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere +Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech +nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die +Rosina so a fein's Leben hat.« + +»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt +ehrlich erschrocken. + +Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die +Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös +verbieten soll?« + +»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen +Weile. + +»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders +aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die +Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern +heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb +am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der +Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets +ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn +der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In +diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur +daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch +war wie diese. + +»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer +kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war. + +»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und +häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa +Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi +bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du. +Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich +um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ... + +Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter. +Jetzt schrie sie nicht allein den Wastl an, sondern auch die Kinder +waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne +eine wirkliche Ursache dafür zu haben. + +Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude +an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und +das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und +helläugig wie ihre Mutter. + +Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr +übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher, +dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden. + +Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer, +daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden +der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war +ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und +schonungslos einzugestehen ... + +Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und +wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da +fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren +Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen. + +Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt +war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube +hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab +und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die +Heumahd hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu +während der Arbeit verfault. + +Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen, +als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten +abwarten, die ja doch wieder kommen mußten. + +Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der +Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann +fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit +vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz +vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der +Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen +und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben. + +Seit dem Tod des alten Göd hatten sie nun etwas mehr Platz in der +kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu +benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige +Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich +sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So +aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie +gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom +Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß. + +»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an +offenes Wörtl mit dir reden.« + +Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen Stube. Seite an +Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits +in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen +matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube. + +Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie +jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus +und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem +einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die +Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch +gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand. + +»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so +haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden +und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.« + +Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu +sagen hätte. + +Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich +vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun, +wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef +gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier +herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen +in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als +schleunigst die Flucht zu ergreifen. + +Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie +so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß. + +»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang +sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber +der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten +kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge +Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig +eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas +... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast +hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß +und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt. + +Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen +Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der +Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn +seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was +die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte. + +Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die +Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das +Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen +Hand zornig auf die Tischplatte schlug. + +»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was +i moan! Verkaufen sollst dö Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer +bleib'n da herin!« + +Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst +erschrocken. + +»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen +ins Gesicht. »Aber Vef!« + +»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib. +»Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was +du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i +einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an. + +»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit +gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal +gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme. + +»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer +so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und +stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit, +daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's +mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern +und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's +Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und +wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern +hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und +geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!« + +So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders +helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen +anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten. +Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich +ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur +das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die +Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug. + +Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser +und weniger leidenschaftlich. + +»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst +sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr +hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn +und stieg ihm heiß und bitter in die Augen. + +Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren +Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur, +daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich +jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend. + +»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte +ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit +kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer ~müssen~! Siegst ... +wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die +Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so g'worden. +Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i +war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi +g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist +... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ... +~der~ hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i +... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt +als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I +hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens +in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die +Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er +mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat +betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer +sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat, +vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ' +g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ... +zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein +und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der +Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet +hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ... +daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt, +versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und +träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ... kannst mir's +glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste +hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt +... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf +voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End' +wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig. +»Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller +Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.« + +Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand +nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise +zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd +fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I +hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber +naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja +... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung. +Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein! +Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig +neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie +mit ihrer Beichte weiterfuhr. + +»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe +tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir +iatz zeitenweis für.« + +Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen +vor den Fenstern das monotone Rieseln des Regens. Und ab und zu der +schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß +und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte. + +»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem +Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen +sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet, +daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht. +Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir +fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ... +daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß +nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß +mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu +g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es +dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die +Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort +und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete +sehnsuchtsvoll die Arme aus. + +»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan +so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert +mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa +Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa +nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern +kimmt ang'ruckt bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's +nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane +Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a +so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix. +Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld +mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline +Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns +an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung +sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir +zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander. +Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so +dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's +war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a +schianer's Hoamatl?« + +So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz +Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr +weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so +glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen, +genießenden Liebe. + +Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war +er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere +war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die +Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm auf der Seele lag, wich +vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die +Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog +die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu +denken vermocht. + +In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos +wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und +Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom +alten Göd in der Gungl. + + + + + Neuntes Kapitel + + +Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem +ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm +Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte. + +Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er +es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor +aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge +auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten. + +Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer +geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von +einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem +berechnenden Ernst Platz gemacht. + +Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt, +die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war +mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch +eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor +moralischem Untergang würde bewahren können. + +Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung +anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er +war sich der großen Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt +geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen +Truppe. + +Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer +Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen +hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem +hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines +wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und +Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein +dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken. + +Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die +sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und +lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und +gehorchten sie. + +Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer +Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand +und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu +Erfolg. + +Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau +geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter +Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche +Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben +kleinen Vögelchens. + +Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie war. Er hätte sie gar +nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und +unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben, +das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr +liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und +seine engere Bergheimat. + +Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß +sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das +vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der +Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus +dem Regele die Regina geworden. + +Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte +es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen +Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch +andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so +vertraut waren. + +Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen. +In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen +wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen +Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und +das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter +seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein +großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste +Ungerechtigkeit. Und wenn ein Streit oder eine Verstimmung unter +seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und +ausgleichende Element. + +Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die +schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und +mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes +Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz. + +Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten +nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen +junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem +Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein +Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich +mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen. + +Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner +Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn +die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete, +konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken. + +Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich +zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld +verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem +Gelde kleben. Das mußte ~rein~ erworben werden; denn der Florian +Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher +Mann dastehen. + +Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder allein zu Gast +geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten +und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in +seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab. + +»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit +alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir +Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut +und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen +diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig +genug und auch jeder List gewachsen. + +So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit +denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen, +auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die +manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte. + +Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte, +mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines +Kanarienweibchens. + +Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die +kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war +dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen, +so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu +sehen. + +Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war +jene Erkenntnis, die der Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das +in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte +er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern +und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren. +Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich +aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering +schätzten oder gar verachteten. + +Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser +Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen +einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem. +Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich +geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein +Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die +bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ... +wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er +nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld +einnahmen. + +Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach +Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und +fanden sich die Eheleute ganz genau. + +Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung, +die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl +kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß das +Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf +ihren Florl, der seine Sache so gut machte. + +Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den +beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte. +Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er +verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in +solchen Sachen. + +»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein, +der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts +bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser. +Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's +aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch +erwartete und auch nicht geduldet hätte. + +Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus +in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen +zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große +Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen, +dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer +ihr Haus voll von Fremden haben. + +Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine +Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen +kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß +der Florian mit seiner Frau ganz allein, und nur mächtige Koffer waren +rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen. + +In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern +Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das +Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen +Landen aufgenommen hatte. + +Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel +Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und +ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der +Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen. + +Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der +Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu +die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den +Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen. + +Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders +vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem +zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und +sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen +aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand +darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen +Ernstes nachkam. + +Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden +Frauen ab. Die Regina schraubte sich, wo sie nur konnte, von ihren +Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer +Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte, +desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin. + +Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache +gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche +und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern +in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem +Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen. + +In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land. +Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut +gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab. + +In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der +grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher +nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein +den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der +Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte. + +Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut +gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit +bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge +Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal zogen und das +Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten. + +Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in +den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab, +mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und +wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war, +so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand +ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und +ungemein sicheren Trott. + +Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales +eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die +Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der +Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein +recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle +Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in +wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren. + +Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter +Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen, +gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine +andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie +nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte +man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl +herauf zur Regina, um sie zu begrüßen, und brachten ihr als »Grüß +Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als +Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte +Milch und Butter und Eier und zahlte gut. + +Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der +Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus +voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert +wurde. + +Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller +Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina +am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und +eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte. +Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich +vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz, +ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen, +und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im +Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war. + +Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von +hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und +sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß +nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen +gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie +sich überraschend schnell angeeignet. + +Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder +an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und +Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort +ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den +Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst. + +Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein +Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer +Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina, +und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr +auf Geheiß des Florian Siegwein dabei. + +»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon +während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im +Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich, +faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.« + +Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer +Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der +Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen, +wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und +durchsangen und durchtanzten die halben Nächte. + +Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die +Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl +gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie +ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen. + +Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er +wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum +Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch +die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann +wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht. + +Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und +erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter +Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner +tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine +frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich +an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so +hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen +machen können. + +Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden +Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer +für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu +finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends +anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen. + +Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so +lange Zeit hindurch müßig im Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen +starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an, +den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den +Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten +daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen. + +Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer +als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier +in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel +mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian +Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten. + +Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und +es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz +nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge +zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm +schlimme Stunden der Sorge. + +Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen +Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war. +Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg +war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem +Florian auch Besserung versprochen hatten ... + +Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein +Anliegen vorgetragen. Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer +nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht +wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses +sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich +gedrückt und kleinlaut drein. + +Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das +Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben +abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines +Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen +von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er, +auf den Vorschlag des Wastl einzugehen. + +»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig +vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern +mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's +döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's +do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia +an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian +eindringlich. + +Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und +fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf +ein und starrte nachdenklich zu Boden. + +»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef +will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan +für uns alle. Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl +kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend. + +Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem +Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden, +waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte +ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er +dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft +niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte, +glaubte er es auch von seinem Weibe. + +Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu +wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den +Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte +er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen? + +Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar +Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß. +Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell +nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu +und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer +dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig. + +Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen +ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort. +Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute +ihm nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl +hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die +Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug. + +Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger +Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und +ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie +rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte +in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre. + + + + + Zehntes Kapitel + + +Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des +Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt. + +In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu +lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal +herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen, +an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder +schlechten Tag auswächst. + +Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den +glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon, +daß die Natur im Sterben begriffen war. + +Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes +Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und +mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer +neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke +festhielt. + +Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine +Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen +heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den +Zweitjüngsten auf dem Arme trug. + +Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es +ihn die Vef so hieß. Die Vef hatte in diesen letzten Tagen, die sie +noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem +Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war +er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne +Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges +Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ... +und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum. + +Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren +Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie +wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß +ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen +damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe +geschehe alles, was sie vorhatte. + +Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig +war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der +Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau +so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten +Wunsch erfüllen und heiraten. + +Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem +er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht +daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und +grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine +Herrschaft abzutreten. + +So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern +alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung +gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte, +sobald er verheiratet war. + +Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine +blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre +zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen +neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung +übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind +wie ein eigenes zu halten. + +Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als +sich der Wastl näher erklärte, begriff sie. + +»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem +Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen +müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen +Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a +meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter. +Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ... +für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil +unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt, +als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.« + +So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten +Tränen in die Augen schossen. Sie überwand aber diese Schwäche und +suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können. + +Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen. +Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den +Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber +schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte. + +Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl +hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen +Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im +Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen? + +»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird +nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr +hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's +dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost. + +Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von +einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl +fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den +Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt +war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig +einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an +ihnen vorüberging. + +Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen Töchtern, der Rosina +und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf +den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit +der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts +verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm +lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme. + +Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld +mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber +keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und +Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die +Sache kam. + +»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken +lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ... +wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i +nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden. + +Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen +Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert +werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für +Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem +gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt +sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen. + +Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu. Nie und nimmer, so +hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern, +und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der +Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den +Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden. +Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und +viel Geld ins Land hereinbrachte ... + +Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und +dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das +damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die +Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder +ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet. + +Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs +der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten +zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl +die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes +Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte +ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und +mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das +ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas +aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das +blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum +mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam konnten sie +noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband, +das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am +Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte +zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets +zu machen pflegte. + +Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause +gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt, +sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich +auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat, +war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach +die Rede verschlug. + +Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl +einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort +darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und +sie sich gegen ihren Mann auflehnte. + +»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ... +»und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte +der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und +gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und +i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die +Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir +zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit +verachten, kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja +weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht +... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du +sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn +und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher, +bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's +und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk +meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit. +»Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie +unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!« +sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will +mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in +mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei +so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache +träfe. + +Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib +trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war +heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner +Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine +Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die +Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl +machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu +finden. + +Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen, bis sich der Wastl +schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind +der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie +ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben +wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein. + +Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden +alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie +hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige +Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und +gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den +Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten, +handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen +in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.« + +So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie +doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut +der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn +der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm. + +Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert +werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen, +um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein +Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den +Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er +nicht kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch +bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf +gewesen war. + +Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille +erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast, +als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne +Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine +Hoffnungsfreudigkeit in sich. + +Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl +übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern +in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh +und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen +Weibes wie Eisesschauer. + +Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne, +das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis +wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie ~mußte~ fest +bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem +starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab +und machte sie gefühllos für alles, was um sie war. + +Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief, +plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er +mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht +die blaugefrorenen Händchen des Kindes. + +Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel, wurden leichter +und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu +beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im +finsteren Grau. + +Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der +Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ... + +Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und +lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den +schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer +Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock +klammerte. + +Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin, +wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah +ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde +Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig +emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch +nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und +mit ödem Herzen. + +Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in +seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das +unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds +von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen +Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch +traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das so stark und +überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste. + +Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die +Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend. + +Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch +einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch +auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen +Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die +Mutter begraben wurde. + +Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines +Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter +jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie +starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie +Abschied von ihr nehmen konnten. + +Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und +abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die +Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die +Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn +betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen +Kindern an dem Lager der sterbenden Frau. + +Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie, +vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den +die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte. + +Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher +folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene +Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog. + +Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als +Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten +arbeiten müssen wie die Erwachsenen. + +Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot! +Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten +Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei +Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten, +bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war +ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein +zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte +man schonen für den Kirchgang am Sonntag. + +Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt +wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der +Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen +Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den +jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den +Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem +Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef +in das Gütl vom Göd eingezogen war. + +Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne +innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ... + +Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer +lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich +und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen +aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten. + +Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden +Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen, +herrlichen Raum zu verhüllen hatte. + +Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der +Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte. +Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn +durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete. +Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem +Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ... +eine Königin ... voll Pracht und Glanz. + +Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ... + +Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes. + +Königin Heimat ... + +Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger +Andacht ... wie ein Gebet ... + +Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die +schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg +ein, der von der Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn +dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren +Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und +mit einem toten Herzen. + +Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in +ihr erstorben. + + + + + Elftes Kapitel + + +Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter +Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und +sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den +feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen +und Königinnen. + +Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft +gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende +Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren. + +Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl. +Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie +wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur +wie ein kurzer, rauschender Traum. + +Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten. +Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger +Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr +urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen. + +Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch +hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und +nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause +auf. + +Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben +anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche +Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer +Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte. + +Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen +Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef +nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war. +Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke +nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen, +ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite. + +Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte +sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art, +sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre +Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei +und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit +im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft +auszeichnet. + +Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große +Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine +Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe +trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte. + +Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre +Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller +Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt, +daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die +Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz +allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte. + +Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene +Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und +Würde die Tracht ihres Landes. + +Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen +seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit +den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt +und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer +hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber +sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch +ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren. + +Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der +gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen +in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr +bedächtig in seinen Äußerungen. + +Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die +von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr +gelenkig abbiegen lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der +Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte. + +Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten +Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider +und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig +im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten +Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn +alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz +beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar +keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner +Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn +mitgenommen zu haben. + +Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und +greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und +zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte. + +Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder +seine alte Vef, ~sein~ Weib, nicht die gewandte, schöne Frau, +welche all die fremden Leute so verehrten. + +Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum +Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine +Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen +Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht +noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute seinem Weibe unbedingt und war +von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt. + +Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht. +Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter +Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen, +die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter +Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der +besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft +Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht +hatten. + +Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und +recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß +der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine, +unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal +gar nicht. + +Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so +unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf +Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war. + +Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm +die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen +Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die +Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines +Unternehmens zugunsten der Vef. + +Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu. +Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in +den Wintermonaten recht gerne daheim blieb. + +Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt +die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb +die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas +unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob +man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten +und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in +den Bergen wie in ihrer Jugend. + +Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem +Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit, +die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr +Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den +langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die +Menge fremder Gäste. + +Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden. +Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und +besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine +Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr. + +Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer +Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und +kümmerte sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der +Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht +erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber +mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und +sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese +ja doch nie würde erreichen können. + +Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle +Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin +des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von +frühmorgens bis in die späte Nacht hinein. + +Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von +Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der +geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu +gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine +große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand +verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der +andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen. + +Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich +solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren, +desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft +er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und +er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach. + +Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und +das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und +viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb +aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war. +Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht +durch ihre Eifersucht. + +Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach +Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig +wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst +ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer +wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen +können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten +auf und davon gelaufen wären. + +Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich +jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der +versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche +Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte +kam. + +Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war +jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen +zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon +einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit +Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft +zu betätigen. + +Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen, das er gemeinsam +mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So +erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines, +gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem +stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben +im Gasthof zu lärmend war. + +Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison; +denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze +bis in den frühen Morgen hinein. + +Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind +der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im +Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und +hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit. + +Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem +Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden +Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff +es eisig von den Fernern herüber. + +Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten +hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes +Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen, +mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und +weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser +Frau aus. + +Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde +Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das +Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren +müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre +mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren. + +Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und +hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt +aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie +für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß +sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr. + +Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden +und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte. + +In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es +war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte. +Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die +Notburg gegen diese Frau empfand. + +Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder +im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie +der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der +Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit +zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt +völlig zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn +vollkommen bewußt und handelte auch danach. + +Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl +der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur +nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis +geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte +sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit. +In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und +traumlos schlafen wie vor Jahren. + +Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei +jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete +der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit +einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend +litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach +seinen Kindern. + +Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er +an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit +keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete. + +Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die +Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und +dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein +Mensch wußte, wohin er ging. + +Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der ahnte, daß der Wastl +Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle +Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er +wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren +... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt. + +Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit +Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne. + +Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte +sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr +eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den +Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie +Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie +immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem +Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von +nun ab vorstellte. + +Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte +und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab, +der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß +sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört +mit ihren Freunden unterhalten konnte. + +Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte +der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit, +und seine traurige, stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen +Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte. + +In diesen letzten Jahren waren sich Mann und Frau innerlich immer +fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes +Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte +förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau, +noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine +fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren +hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem +Herzen. + +Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie +in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden, +und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu +müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war +erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu +ihren Kindern verschwunden. + +Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er +teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef +dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden. + +Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im +Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der +Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen sie im +Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den +Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef. + +Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg +aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so, +wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen, +diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie +nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken, +daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof +heruntergeholt hatte. + +Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war, +lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten +verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte +der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele +sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang +fortgeblieben war. + +Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im +Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich, +noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem +großen Dorf wohnte. + +Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von +den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie +sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung +ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit, +der allerjüngste war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so +widerstandsfähig wie in früheren Jahren. + +In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr +beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den +Wastl zu schimpfen anfing. + +»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe +Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ... +»Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß +grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und +voll Vorwurf. + +Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg. +Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl +aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte +sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach +Jungenart. + +»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad' +schimpfen anz'heben.« + +»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er, +bald man ihn braucht.« + +»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen. +Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.« + +»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg +über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann +man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll +Mitleid hinzu. + +Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in +dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war +der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern. + +Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es +wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen +und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah +die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers +Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz. + +»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über +eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie +erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und +ungewöhnlich laut kam er ihr vor. + +Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der +Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine +Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses +Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten. +Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen +nach ihm trug. + +»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit +ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes +saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so +daß es beinahe leuchtete. + +Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne +Mitgefühl. + +Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon +recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem +Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib! + +So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose +junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig +umherging. + +Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging +die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum +Fenster hinaus. + +»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer +herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.« + +Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an, +die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck +von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und +einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen +Leuten und ihrer Umwelt paßte. + +Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat, +sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina +aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne +Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant +geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte. +Ihr Gesicht war bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die +hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer +zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte +Löckchen um ihre feine Stirn. + +Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll, +aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen +die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam +jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche +Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in +früheren Zeiten. + +Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das +geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder +schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und +doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem. + +Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem +armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen +Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen +Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge +und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine +fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst +vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders +in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte. + +Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf beobachtend auf die Frau +mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf +einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war. + +»Vef!« + +Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf. + +»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug +der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines +nachsichtigen Vaters. + +Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen, +fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie +gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle +Frage an sie gewagt hatte. + +»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf +Veit Galler. + +»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ... +und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind +g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst +hören, Vef ... was i no mein'?« + +Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich +vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm +empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest +aufeinander gepreßt. + +»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang +gut und weich. »Leicht nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'. +Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann +sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst +euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei' +Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad +das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir, +kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ... +wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil +sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt. +Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus, +Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's +sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist +zu ihr. Aber es ~ist~ kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und +kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!« + +Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der +Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen +Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm +die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander, +unterbrach ihn aber mit keinem Wort. + +»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und +legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ... +»wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann +sein, daß du koa Lieb mehr hast für ihn. Aber er ... ~er~ hat di +gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen +nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine +Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene +Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und +oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein' +Mann. Besinn' dich, daß du sei' ~Weib~ bist und die Mutter von +seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der +Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu +spat ist.« + +Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört. +Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor. + +Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und +dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer +Veit und sah ihm ernst in die Augen. + +»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne +Schärfe. + +»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa +sein ...« + +»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad +du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich, +daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit +... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er +mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i gib's zu +... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten +und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für +mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef +entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ... +dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen +und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn +i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ... +kimmt mir für.« -- + +Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die +Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins +Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag. + + + + + Zwölftes Kapitel + + +Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm. +Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und +sprach ihm das Leben ab. + +Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang +das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele +betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht +viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig +verständnislos gegenüber. + +Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der +das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind +Erleichterung zu verschaffen. + +Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser +Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male +wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl +gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren, +aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie +es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde +sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben +bis zuletzt. + +Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem +Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit +ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder +faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht +sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich +verzweifelt gegen den Erstickungstod. + +Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen +des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur +Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses +Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll +umsorgte sie es. + +Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte +unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes +sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich +hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm +ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort +und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die +glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte +es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute +verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben +fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre +Sorge. + +Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im +Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz +suchend an ihrer Brust. + +Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme +aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann +legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin +und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen. + +Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des +Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl +angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben +seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten. + +»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und +wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte +laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes +Leid und das Elend seines Lebens. + +Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot +vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr +an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien +gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den +Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu +der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren +Schoß. + +»Notburg! Notburg!« + +Das war alles. + +Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef. +Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem +Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte +legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ... + +Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten +Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte, +lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar. +Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen +gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen. +Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße +Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu +beten und sie zu ehren. + +Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und +still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken +Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte +Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren. + +Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet +war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall +und bei allen überflüssig. + +Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln, +und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das +kleine Mädele mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie +nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie +sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen +Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen, +furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen +schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind +Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe. + +Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater +weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und +die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch +so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ... + +Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die +Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am +Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar +wohl, was dem Mann jetzt not tat. + +Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat +und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte +und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische +Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen +waren. + +Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der +Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum +andern. + +»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der +Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht +wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh' +nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat +no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal +g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden +mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl, +und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ... +in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir. +Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!« + +Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen +Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden +Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes +und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch +ausgießt. + +Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter +Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit +ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden +Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende, +weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der +heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und +fast weihevoll lag ringsum die Natur. + +Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war alles ganz genau +so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als +Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren +die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau +dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche +kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und +Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute +ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann +mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef. + +Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit +dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu +glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch +weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte +drinnen nicht die seinen waren. + +Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus +seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er +als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der +Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen. + +Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren +Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre +Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre +Zukunft zu sprechen. + +Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der +Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er +dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden +Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt +gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das +hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren. + +Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner +Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden +sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der +Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner +Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte. + +Und endlich hub der Wastl zu reden an. + +»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s +könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?« + +»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und +nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen +Gedanken. + +»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann +neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den +Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen. + +»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht +fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch +immer zu tragen pflegte. »Kann sein.« + +Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die +Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr. + +»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an +... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser +und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als +müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ... +i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch +einmal. + +Er konnte sich eine Trennung von der Vef noch immer nicht vorstellen. +Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das +ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender +die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er +ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto +widerwärtiger wurde er ihr. + +Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen +bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu +Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit +dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach +Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib +zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung +niederrangen und ertöteten ... + +Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl +zurückkamen, da hörten sie, daß die Vef mit ihren beiden Schwestern +abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft +seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen. +Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder. + +Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt +hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg +in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter +Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden +Augen an. + +Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit +wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ... + +Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen +Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr +ihre Schwester, die Rosina. + +Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn, +der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen +nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu +berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht +mehr in die Heimat zurück wollte. + + + + + Dreizehntes Kapitel + + +Er hatte die Lust am Reisen völlig verloren, der Florian Siegwein. +Am liebsten wäre er jetzt daheim geblieben bei der Regina und seinem +kleinen Töchterchen. Der Ärger, den er fortwährend mit der Vef und auch +mit den übrigen Mitgliedern hatte, verleidete ihm die Freude an seinem +Unternehmen. + +Aber der Florian brauchte Geld, und zwar viel Geld, denn sein Geschäft +in der Heimat dehnte sich immer mehr aus und verschluckte große Summen. +Der Florian hatte bauen müssen; denn das Gasthaus war viel zu klein +geworden für all die fremden Besucher, die nun aus aller Herren Ländern +in immer reicherer Zahl herbeiströmten. + +Ein stattlicher, großer Neubau erhob sich jetzt neben dem alten +Haus und war mit allem Behagen eines vornehmen Hotels ausgerüstet. +Bescheiden und unansehnlich wirkte das Holzhaus, das der Kramer Veit +errichtet hatte, neben dem großen Mauerblock, der weiß und protzig +dastand und so gar nicht in diese Alpengegend hereinpaßte. + +Mit jedem Jahr vermehrten sich die Fremden, und die Bauern im Dörfl +verstanden ihren Vorteil und richteten sich nach den Bedürfnissen +der fremden Besucher ein. Wer nur eine überflüssige Stube hatte, +der verwendete sie als Fremdenzimmer, und drunten im Hauptort des +Tales hatte sich ein ganz besonders lebhafter Verkehr entwickelt. +Postkutschen fuhren und Wägen, zweispännige und vierspännige; und +vornehme Leute hielten sich oft wochenlang in dem Dorfe auf. + +Veit Galler aber hatte seinen Kramladen verkauft. Wie der Florian +Siegwein die Freude am Reisen verloren hatte, so hatte der Kramer die +Lust an den Fremden eingebüßt. Denn sie brachten einen Ton ins Land, +der dem Kramer nicht gefallen wollte. + +So sehr er früher stolz gewesen war, wenn Fremde die Schönheit +seiner Heimat staunend bewunderten, so wenig gefiel ihm die tolle +Ausgelassenheit, der sich manche der Fremden hingaben. Er empfand es +wie die Entweihung eines Heiligtums, daß man droben im Gasthaus nur +Tanz und Trunk zu kennen schien, statt sich, wie es vordem doch der +Fall gewesen war, dem stillen Zauber der Einsamkeit und der Berge +hinzugeben. + +Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen. +Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige +Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten +und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große +Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr +als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste +immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden +daheim abzahlen konnte. + +Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen +er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der +fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian +mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner +anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit +geworden. + +Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef +wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen +nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt +würde. + +Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute; +wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene +Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche +Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein +fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib. +Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese, +sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können. + +Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib +körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl +sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier +nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte, +überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein +frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich ihr bot. +Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und +genießen. + +Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte +ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker +geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die +Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur +die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen. + +Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen +die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit +der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat +noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten +fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm +kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch +herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da +denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?« + +Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die +Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die +Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand. + +Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer +und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem +Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof +und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte +ihn auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in +dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem +Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte. + +»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden +Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian +blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte +und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl +innerlich erbarmte. + +»Schau, Wastl ... verlang' dir's nimmer, das Leben!« versuchte der +Florian den alten Freund zu trösten. »Hast's ja viel schöner daheim. +I tauschet glei' mit dir, wenn i könnt', und hänget die verflixte +Singerei auf'n Nagel!« redete er ihm gut zu. Aber der Wastl wollte +keinen Trost. + +»Du ... ja ... Du hast dei' Weib dahoam. Das ist anders!« sagte er +einfach, aber der Ton schnitt dem Florl ins Herz. + +Völlig aufdringlich war der Wastl dem Florian geworden, je näher der +Tag der Abreise herankam. Wollte absolut mit und lungerte und lauerte +um den Alpengasthof herum und bat und flehte, sowie er den Florl zu +Gesicht bekam. Schließlich wurde der Florl grob gegen ihn. Konnte sich +nicht anders helfen. + +»Wenn i dir's sag' ... daß i di nit brauchen kann!« fuhr er den Wastl +unwirsch an. »Sei do koa Lapp nit! Die Vef will di nit, und i brauch' +di nit. Hast ja überhaupt koa Stimm' mehr!« sagte er brutal. + +Da ging der Wastl, aber nicht hinunter zum Kramer Veit und der Notburg, +sondern hinaus in das stattliche Dorf im Tal. Dort wußte er von einem +Mann, der ihm das Gütl vom Göd abzukaufen wünschte. Und der Wastl +verkaufte sein Heimatl und bekam Geld dafür. Der kleine Martl aber +mußte hinaus, Bauernknecht machen auf einem fremden Hof, wie es der +Vater in der Jugend gemußt hatte. Und der Jackl und sein Weib fluchten +dem Wastl; denn der Wastl hatte ohne Rücksicht gehandelt und sie alle +obdachlos gemacht. + +Der alte Perlmoser wetterte und schrie. Verfluchte alle, die Töchter +und den Schwiegersohn und den Florian Siegwein und den Kramer Veit. +Denn dieser war der eigentliche Urheber an allem Leid, das über den +Perlmoserhof gekommen war. + +Ein rüstiger alter Mann, verbissen und innerlich mit allen zerfahren, +das war der Perlmoser. Und sein Weib, die Perlmoserin, alt und +gebrochen, legte sich nieder zum sterben. Sie war ehrlich müde geworden +am Leben und verstand die Zeit und ihren Wandel nicht. War gut für das +Weib, daß es sterben durfte. + +So hatte denn der Jackl wieder ein Heim für sich und die Seinen; denn +der Vater übergab ihm nun den Hof und ging in den Austrag. Stellte nur +die eine Bedingung. Niemals dürfe der Jackl den Siegweinischen drüben +auch nur ein Ei abliefern. Und niemals dürfe er einen Verkehr haben +mit den Schwestern und mit des Siegweins Leuten. Das versprach der +Jackl und hielt es auch. -- -- -- + +Und abermals waren etliche Jahre vergangen, und droben im Alpengasthof +feierte man ein Fest. Die Perlmoser Julie hielt Hochzeit, heiratete, +aber keinen der feinen Herren, die ihre Verehrer waren, sondern einen +der Sänger, die mit dem Florian gereist waren. Und wollten in der +Heimat bleiben, die jungen Leute, einen Gasthof auftun, drunten in der +Nähe der Schlucht, wo die drei Wildbäche ineinanderflossen. + +Es ging hoch her bei der Hochzeitsfeier der Julie. War ein halb +städtisches und halb ländliches Fest. Mehr ein Theater, um den fremden +Gästen einmal die Gebräuche einer Bauernhochzeit vorzuführen. Es +fehlten die Verwandten und nächsten Freunde der Braut, und der Florian +mußte Brautvater und die Regina Brautmutter machen. + +In langem Zug zogen sie vom Gasthof herab in die kleine Dorfkirche, und +die Bauern des Dörfels schauten bei dem eigenartigen Schauspiel zu und +lachten darüber. Sie lachten über den koketten Aufzug der Braut, die +sich in ihrer Bühnentracht zur Kirche begab, und viele empörten sich +über den schamlosen Ausschnitt des schwarzen, samtenen Miederleibchens. +Aber den Fremden, die in der Hauptsache das Kirchlein füllten, gefiel +es, und sie hielten die pomphafte Aufmachung für echten Bauernbrauch. + +War eigentümlich, wie wenig die Fremden in Wirklichkeit von dem wahren +Bauerntum in sich aufnahmen. Sie lebten oft wochenlang unter den +Bauern, sahen ihre Arbeit und hörten ihre Sprache. Aber von ihren +wirklichen Sitten, von ihren Gebräuchen und ihrer Art ahnten sie +nur wenig. Die Bauern blieben verschlossen und mißtrauisch gegen +alles Fremde und nützten nur ihren Vorteil aus. Waren freundlich und +erwiderten die Anreden, aber sie sprachen anders wie sonst und über +Dinge, die dem Bauer eigentlich gleichgültig sind. + +Am Abend der Hochzeit hielt der Florian Siegwein zu Ehren des +Brautpaares einen großen Bauernball ab. Und alle, die da wollten, +konnten kommen, um mitzutanzen. Es tanzte das Stadtfräulein mit dem +Melcherknecht vom Alpl droben und der feine Stadtherr mit der derben +Bauernmagd, und bis zum frühen Morgengrauen dauerte das Fest. + +Auch der Stanis hatte sich eingefunden und wirbelte mit affenartiger +Behendigkeit im tollen Tanz. Es war erstaunlich, wie geschmeidig der +Melcher trotz seiner vorgerückten Jahre noch geblieben war. Konnte es +im Schuhplatteln noch immer mit den jüngsten Burschen aufnehmen und war +rauflustig trotz seines stark ergrauten Bartes wie in jungen Jahren. +Sie vermieden es noch immer, die jungen Burschen, mit dem Stanis +anzubandeln; denn sie fürchteten sich, eine Niederlage zu erleiden. + +Und heute hatte der Stanis wieder einmal weit über den Durst getrunken. +War aber trotzdem immer noch standfest auf den Beinen, der kleine Kerl, +und ließ auch nicht einen einzigen Tanz aus. Und just die feschesten +Tänzerinnen wählte er sich. Er machte Witze, daß die Damen erröteten +und die Burschen vor Vergnügen laut gröhlten. + +Die Herren aber, die es hörten, ärgerten sich über den ausgelassenen +alten Kerl und verlangten von dem Florian Siegwein, daß er ihn +entferne. Dem Stanis gefiel es jedoch so ausgezeichnet auf dem Ball, +daß er gutwillig gewiß nicht ging. Das wußte der Florian ganz genau und +war einigermaßen in Verlegenheit, wie er den Stanis losbringen sollte. + +Es fand sich keiner der Burschen, der den Stanis mit Gewalt +hinausgeschmissen hätte. Sie wollten es nicht verderben mit ihm; denn +sie mochten ihn alle gut leiden und fürchteten seine Rache. Aller List, +die sowohl der Florian wie auch die Regina anwandten, widerstand der +Stanis. + +Er wünschte diese tolle Nacht voll auszunützen und blieb ... allen +Bemühungen zum Trotz ... fest auf seinem Posten. Hüpfte und tollte und +gröhlte und wurde den Damen immer aufdringlicher. Er küßte sie beim +Tanz ganz ungeniert auf den Mund, gerade so, als ob es eine Bauerndirn +gewesen wäre; und ganz verliebt tat er mit einer kleinen blonden Frau, +die ihm besonders gut zu gefallen schien. + +Wie eine Klette hing er sich an ihr an, umarmte sie mit tolpatschiger +Zärtlichkeit und ließ sie nicht mehr los. Und alles Wehren der jungen +Frau war vergeblich. Auch als sich der Florian, von dem Gatten der Dame +aufgestachelt, dem Stanis energisch in den Weg stellte, half es nichts. +Der Stanis parierte dem Florian einfach nicht, frech und unverschämt +wie ein Junger. + +»Mach' di ... du ...« warnte der Stanis und schob den Florian mit einem +seiner kunstvollen Rauferkniffe, die ihn so unüberwindlich machten, +beiseite, so daß der stämmige Mann in weitem Bogen in den Saal flog. + +»Hast g'nuag iatz ... Florl ... oder magst no oane fangen?« höhnte er +ihn dann. + +Sie standen alle im Kreise um den Rauflustigen, der die junge Frau mit +dem einen Arm fest umklammert hielt, so daß sie ihm nicht entfliehen +konnte. Und da viele der Burschen stark angetrunken waren, belustigten +sie sich über den witzigen alten Kerl, lachten ihm zu und forderten ihn +noch zum Widerstand auf. + +»Recht, Stanis! G'halt dir's lei dei' Weibl!« rief einer. + +»Gib ihr a Bussl!« munterte ihn ein anderer auf. Niemand schien ein +Gefühl für die Lage der Dame zu haben, die ganz verzagt zu weinen +begann. Daß dieser Spaß so enden würde, das hatten sie sich denn doch +nicht vorgestellt. + +Die meisten Herren und Damen hatten, als die Situation ungemütlich +wurde, den Saal fluchtartig verlassen, so daß zuletzt nur die +Bauernburschen mit ihren Dirndeln übrig blieben. Der Gatte der Dame sah +sich allein und verlassen dem Stanis gegenüber. + +»Lassen Sie meine Frau los ... unverschämter Kerl!« sagte er zornig. +Er war jung, stattlich und groß und von vornehmer Herkunft. + +Boshaft blinzelte der Melcher aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem +Herrn empor. + +»Ist's leicht dei' Weibl?« höhnte er. + +Der Herr gab dem frechen Kerl statt jeder Antwort eine schallende +Ohrfeige. Das half. Mit einem so jähen Ruck ließ der Stanis sein Opfer +los, daß die junge Frau taumelnd nach rückwärts fiel und von einigen +hilfsbereiten Burschen aufgehoben werden mußte. + +Der Stanis aber sprang, einer Wildkatze ähnlich, seinen Gegner an. +Umklammerte ihn und würgte ihn am Hals. Der Fremde wehrte sich mit viel +Geschick, und der Florian eilte zur Hilfe herbei, dazu noch einige der +Burschen. Aber der Stanis klammerte sich an den Fremden und hing ihm +am Halse. Die Püffe und Stöße, die der Stanis nun von allen Seiten +erhielt, reizten ihn zur höchsten Wut. + +Noch nie war es vorgekommen, daß er bei einer Rauferei unterlegen wäre. +Und daß sie nun alle gegen ihn waren, empfand er als Heimtücke und +Niedertracht. Er kannte keinen Unterschied des Standes, der Stanis. +Rauferei blieb Rauferei. Wer auf dem Tanzboden anwesend war, mußte sich +seine Späße eben gefallen lassen. Und wer das nicht wollte, mit dem +raufte er halt. Aber die andern sollten ihn in Ruhe lassen und sich +nicht einmischen. Mit dem hearrischen Tolm wollte er allein fertig +werden. + +Der Stanis brüllte, außer sich vor Zorn, wie ein wildes Tier, als man +ihn gewaltsam von dem Herrn zu trennen versuchte. Seine Füße baumelten +in der Luft, und seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners, daß +dieser blaurot im Gesicht wurde und hart nach Luft rang. + +Und in dieser Angst stieß er den Stanis mit den Füßen und brachte ihn +zu Fall. Fiel aber über ihn, denn der Kerl ... toll vor Wut ... ließ +nicht von ihm ab. Und pfauchte und pfiff vor sinnlosem Zorn. Und würgte +den Hals des Fremden, der schwer über ihm lag. Und der Stanis fühlte, +wie seine Finger, die sich in den Hals des Gegners gleich Eisenklammern +einkrallten, gewaltsam gelöst wurden, und in seiner sinnlosen Wut, die +tierisch und nicht menschlich war, öffnete er den Mund und biß in das +Fleisch des Gegners. + +Ein weher Schrei und dann ein pfauchender Laut und noch ein Biß, und +Blut quoll aus dem Gesicht des fremden Herrn. + +Der Stanis aber ließ von seinem Opfer ab. Er hatte dem Gegner die +Nase abgebissen, und mit der Tat kehrte ihm die Ruhe wieder und das +Bewußtsein. Er fühlte aber keine Reue, sondern stolze Genugtuung. Denn +nun war er trotz der Überzahl der Gegner doch nicht unterlegen. + +Und gleich einem Sieger schaute er im Kreise herum, schaute auf die +angstvoll erschrockenen Gesichter und auf das entstellte blutige +Antlitz des Fremden. Und lachte ... Lachte ... und ließ sich willig +und ohne Gegenwehr hinabführen in das stattliche Dorf, wo der Gendarm +wohnte ... + +Als ihn die Richter für seine rohe Tat zu einigen Jahren Zuchthaus +verurteilten, da lachte der Stanis nicht mehr. Es war das Schlimmste, +was ihm widerfahren konnte, diese jahrelange Freiheitsberaubung. Und +es schürte nur noch mehr den Haß, den er in seinem Innern stets gegen +die fremden Leute gehabt hatte. Aber er bereute seine Tat trotz allem +nicht. + + + + + Vierzehntes Kapitel + + +Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war +es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit. + +»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es +half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an +die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals +überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr +widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse +in ihrer Nähe weilen. + +Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder +zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu +Land, solange ihm das Geld ausreichte. + +Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst +ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts +mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte +und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich +ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam +zurückgezogen. + +Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und +durften auch nicht mehr vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian +hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz, +der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war, +hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine +Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte. + +Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute +in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß. +Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen +und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute. + +Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene +Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien +verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte +tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den +sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern. + +Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der +Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über. +Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste, +war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest, +die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam +und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde +Erdreich. + +Es war nur noch die Vef übrig von den alten Kräften des Florian +Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und +war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne +Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte +dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst +erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz +war. + +Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für +sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem, +was ihr einst lieb und teuer gewesen war. + +Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg. +Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem +Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor +blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche, +resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der +den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter +kam. + +In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war +nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl +erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde +es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um +einen Verdienst umtun. + +Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur +wieder hätte arbeiten dürfen. Aber arbeiten war gleichbedeutend mit +der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus +Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen. + +Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der +großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann +und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war +nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu +sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie +bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt. + +Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz, +um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am +Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte. + +Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben +quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch +wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen +Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand, +die Vef zu stellen. + +Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef, +und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine +kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz +allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein +bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem. + +So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und wenn die Vef hörte, +wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig +in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte +und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die +Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm +in die Heimat zurück ... + +Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem, +rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt +so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die +Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig +niederträufelt. + +Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach +Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und +Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in +festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten +und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen. + +Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in +der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die +Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer +stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber +ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden +Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt. + +Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl +noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion +und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde +und sich kümmerlich durchbringen müßte. + +Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden +Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen +hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das +erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung. + +Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte +ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche +Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie +ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig +scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme +und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat +nach einer Nachfolgerin für die Vef. + +Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef +sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für +ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets +gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das +seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser +herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze, +vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam. Voll und reich +war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene +Gesicht gleich einer schweren Krone. + +Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer +nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß +man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine +einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun +können. + +Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit +kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine +Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen. + +So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes +reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor +Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er +unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine +Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz +erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und +steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr. + +Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch +gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der +Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je +nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen. + +Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen. Hatte ihn gehen +heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl +dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken +ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie +duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern +sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug +kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren. + +War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut +und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der +Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt +davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden. + +Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im +Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der +Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte +sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen +Gehsteig. + +Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die +Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares +Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große +Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in +Falten, als der Wastl auf sie zukam. + +»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große, +derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er. + +Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie +unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte +sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den +offen gehaltenen Wagen steigen. + +Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...« +stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig +stampfte die Vef mit dem Fuße auf. + +»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in +den Wagen und warf den Schlag zu. + +»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem +Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften. + +Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder +gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte, +traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick +taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut +heiß und schwer zu Kopf. + +»Pack' dich!« + +Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit +ihr davongefahren. + +Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen +und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er. +Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren. +Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem +anderen. + +Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm +mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden +Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner +ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und +folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm. + +Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von +ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter +dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand. + +Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb +ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des +Hauses gegeben hätte. + +Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt. +Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß +die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache +lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch +immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein +war und das Wort zur Phrase geworden war. + +War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr +... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen +Haus. + +Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am +Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die +Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er +an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken +... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich! +hatte sie zu ihm gesagt. + +Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug +eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge +mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber +achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit +der Nacht. + +Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein +von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und +wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar +nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef. + +So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke +graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig, +fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit +schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort +nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so +dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen. + +Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben +war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen +Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ... +Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen in seinem Kopf +herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und +da drinnen ... ehrlos ... + +Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher +und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem +steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer +näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten +gestanden hatte. + +Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler +des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen +Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib +kommen mußte. + +Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu +atmen. + +Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor +dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und +dort zu schlafen schien. + +Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm +regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit +ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte +Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und +die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und +machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz. + +Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und +schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die +Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander +heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu +warten hatten. + +Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt +stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste +in den Taschen des Mantelrocks. + +Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und +sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter +Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes. + +Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich +ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr +Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden +Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander +und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein +gereiztes Tier auf das Weib zu springen. + +Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu +sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den +Schlag zu und stieg auf den Bock. + +»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl +auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter +Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte ihn nicht; denn der Lärm +der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn. + +Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war. +Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber. + +Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest +in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte +Angst. + +»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann +sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut +schauten, hatten einen fremden, wilden Blick. + +»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...« + +Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit +die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?« + +Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das +ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen, +daß es sie heftig schmerzte. + +»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo +bist g'wesen?« + +Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und +Kälte. Aber sie war nicht feig. + +»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden +Augen an. + +Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an +sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit +Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie. + +»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und +mei' Weib!« + +»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand +und krümmte sich unter seinem festen Griff. + +»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast +mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...« + +»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi +graust vor dir!« + +Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er +auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne +zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die +Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die +Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht +seiner Kraft. + +Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus. +Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer +... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor +ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu +sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt. +Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß +gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war. + +Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch +die Straßen der Stadt, die sich im frühen Wintermorgen immer mehr +belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden. +Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer +war's in ihm ... trostlos leer. + +Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall +aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins +Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es +ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem +Kranken die Zähne klapperten. + +Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos +und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem +Tisch der Schenke lag. + + + + + Fünfzehntes Kapitel + + +In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein +dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall +war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden. + +Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden +Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit +von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal +zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen +und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können. + +Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian. +Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel +gesetzt. + +In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins +Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines +fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache +gewachsen. + +Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen +Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein. +Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus +errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker +während der Sommermonate seines Amtes waltete. Eine Kramerei mit +großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle +Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte. + +Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern +und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der +Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer +Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner +Aufdringlichkeit die ganze Gegend. + +Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren +Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten +redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten +sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem +gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das +groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten. + +In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese +geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren +nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch +wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben. +Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu +finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina. + +Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch +immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte +sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt war, so +schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen. + +Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina +war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den +Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen +auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin +gekommen wären. + +Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie +viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere +Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die +Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des +großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht +doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging. + +So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war +einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die +Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern +betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden +Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche +ließen. + +Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die +Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und +blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte. + +Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von +der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau, +die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war. + +Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie +hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener +junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum +Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben. + +Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch +war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger +Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur +Bauerschaft und keine zum Handelsmann. + +Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten +nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er +eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten +denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts +aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für +keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der +Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm +der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben. + +Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen +großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder +und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch +gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es +der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als +die Scholle, auf der er stand und arbeitete. + +Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber +er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr +mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und +erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe. + +Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres, +als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände +unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus, +dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und +träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft, +die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der +Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den +Pflegeeltern Freude zu bereiten. + +Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein +Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu +und fleißig. + +Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers +und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke +ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in +der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden +Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum +Kramer Veit. + +»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ... +ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no +verlottern.« + +Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren +nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das +Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine +beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt +gefunden. + +Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte, +wie die alten Kramersleute sie aufbrachten? + +Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen +Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und +verglich. + +Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach +Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner +Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl +machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden. +Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe +entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser +und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu +tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den +drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des +Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen, +und das machte ihn hart und unchristlich. + +Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll +Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden +war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn +er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern. + +Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein +halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da +waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer +angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht +gewesen wäre. + +Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die +Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte +der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das +gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen. + +Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil +gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da +er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm. + +Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von +seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er +hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina +jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh +es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch +würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht +hereinbrechen würde. + +Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf +der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die +Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts +wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen +doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten. +Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und +taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der +ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch +richtig auszunutzen. + +Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen, +weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben. + +Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht +eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten +nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die +Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie, +weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben +angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk, +und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit +verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern +des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß. + +Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie. + +Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu +haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein +wahrer Diener seines Volkes ... + +Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das +Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen +in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl +geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und +trauerte redlich und aufrichtig um ihn. + +Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und +gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte +Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten. + +Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das +Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt. +Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen +wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ... + +Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit +seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne +gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie +einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll +Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für +den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges +Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ... + +Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand +der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens. + +Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein +Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa +recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten +die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die +Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben, +wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun +kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir +recht ... Bua ... Ganz recht.« + +Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl +geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort +davon. -- -- -- + +Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die +Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran +dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und +das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen +empfangen sollte. + +Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes +ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie +war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter +Existenz. -- -- -- + +Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man den Anderl zum Priester +weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und +Hof. + +Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn +die Regina war bettelarm geworden. + + + + + Sechzehntes Kapitel + + +Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein +nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch +leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache +genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte. + +Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte +sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald. +Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens, +die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von +ihnen beschieden. + +Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem +tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und +Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und +verfluchte sich und ihr ganzes Leben. + +Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um +ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die +Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war, +lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller +Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr +stand. + +Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ +sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus +ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte, +daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da +machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest +ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen +und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden. + +Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib +gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte +wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef +noch eine Stellung als Sängerin erreichen. + +Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf. +Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und +konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem +sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und +überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt +doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz. + +Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim +eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es +um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser +Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll. +Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher. + +Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und +inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen +und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach +dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur +zur vermehrten Qual wurde. + +Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie +vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und +scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf, +und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte +sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden. +Hatte noch Scham in sich trotz allem. + +Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein +verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie +kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene +denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl +... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an +den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder. + +Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren +einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht +nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl. + +Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten. +Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg +verkommen sei. + +Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr +einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren. + +Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden +auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie +jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ... +Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und +auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh +hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh +gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte +liegen dürfen ... + +Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen +Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und +ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes, +aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen +Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und +versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des +Leides ein. + +In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ... +endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und +murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein +sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von +jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr. +Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen. + +Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie +lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den +Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in +den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid +... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das +Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig +Frömmigkeit. + +Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie +konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend +nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem +fremden, flachen Land. + +Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende +Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre +Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble +von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten +Luft. + +So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man +sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und +beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten +die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft. +Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte +trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen. + +Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch. +Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft +hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte +vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine +geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch +ein Jahr. + +Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er +sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun +würde, das wußte die Vef genau. + +Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche +Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn +er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht +mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn +verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte +halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel! + +Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der +Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten +Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt +einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es +in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt. +Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen. + +Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die +Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit +rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese +Weise ihren Unterhalt. + +Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch +absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn +dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und +Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute, +die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten +Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war. + +Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig +zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die +Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang. +Abend für Abend. + +Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam. + +Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen +Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt. +Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein +Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht +gebrauchen. + +Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat +zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann +wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam. +Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten +Zeiten und kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem +Rausch heraus. + +Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud +alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und +kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und +ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn +das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das +der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte. + +Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er +verkehrte, und mochten ihn gut leiden. + +Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in +der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine +gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel. + +Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag. + +Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat. + +Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des +Mannes. + +Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef +... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich +wohl recht verändert hatte ... die Vef ... + +Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig +Herzklopfen, als es endlich Abend wurde. + +Die Vef ... und wieder in der Heimat ... + +Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und +zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer +wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat +weilte. + +Und dann sah er sie. + +Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und +spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und +ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten +auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der +Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr +wehe tun. + +Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende +Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen +Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin, +hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die +Ringe in den Ohren befestigte. + +Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte +die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im +Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer +in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und +müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen. + +Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt +hatte. Jetzt reute es ihn, da er sie so elend sah, und er schämte +sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte. + +Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef? + +Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war +ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von +einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem +rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen, +die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische +standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben +und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse. + +Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein, +und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für +gewöhnlich zu verkehren pflegte. + +Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte +ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische +hinüber, wo die Vef saß und spielte. + +Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon +gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals +verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der +Vergangenheit. + +Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und +lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich +wirken. + +Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war, +und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie +damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte. +Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht +bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die +Augen und träumte im Wachen. + +»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit +dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit +da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er +geärgert hinzu. + +Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren +und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im +Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die +dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer +Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich +gut, waren aber keine Freunde. + +Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des +Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten +gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der +Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen, +jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er +schämte sich für ihn. + +Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte +hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef +war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen +haltend, von Tisch zu Tisch. + +Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische, +und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte, +wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein +Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten. + +Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich, +wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren +... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ... +wie damals ... + +Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang, +indem er ihn unwillig anstieß. + +»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er +ärgerlich. + +Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und +umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein +großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf +den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark. + +Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu +Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen, +und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da +begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder. + +Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der Frau und ein tiefes +Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in +viele Scherben ... + +Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef. +Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten. + +Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte +voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern. +Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er +besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da +und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich +froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von +seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten +kam mit ihr, sie nicht verlassen. + +Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern. +Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal +gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen. + +Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich +und an jedem Abend. + +Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker, +der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm +vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder +der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt +und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und +sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er es der Vef +achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton +weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte. + +»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!« +Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier +einen Brocken Fleisch zuwirft. + +Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren, +beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein. + +»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich +auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in +mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte +brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals +flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete. + +»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch. + +Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und +Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde +stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg. + +»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig +besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die +Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag. +Der Fremde wieherte laut und trunken. + +»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht machst du's einem?« gröhlte +er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?« + +Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine +lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich +vernehmen konnte. + +Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere +munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf. + +Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das +Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich +zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten. +Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem +Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte. + +»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!« + +»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand +gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen. + +Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen +und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser +nicht mehr rühren konnte. + +»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte +ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit +mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie +im Ekel. + +Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu Kopf vor Wut und +unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend +zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug. + +»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl +begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch +nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.« + +»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste. +»Dös nimmst z'ruck!« + +»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig +gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er +verächtlich. + +»Du!« + +Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und +würgte ihn. + +»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef +...« + +»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!« + +Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen. +Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie +schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden +trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie +alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und +würgte ihn. + +Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde +blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot. + +Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder +geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus. + +Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der +Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich +erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen +und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam. + +Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und +dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand +der Nordkette auf. + +Weshalb noch weiter leben? Wozu? + +Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die +Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde. + +Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk, +das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos. + +Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von +den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen. + +Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der +Richtung gegen die Stadt zurück. + +Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden. + + + + + Siebzehntes Kapitel + + +Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie +starb, hatte sie noch eine Freude. + +Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten. +Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt. + +»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ... +gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.« + +»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich +klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids. + +»Ja.« + +»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?« + +»Ja.« + +»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles +...« + +»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau. +»Alles.« + +Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und +sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig. + +»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?« + +Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie +leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum +Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln. + +»Nix mehr.« + +»Und deine Buben ... Vef ...?« + +Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie +mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber +doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas +Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden +Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam. + +Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn +noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres +Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch +einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und +lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof, +die sie damals gewesen war. + +Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge +Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit. +Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen +und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem +kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner +herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund. +Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd. + +»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester +sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen. + +»Kennst die Gungl?« + +»Nein, Vef.« + +Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da +und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den +Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen +Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend +umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in +weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der +Schellen von weidendem Almvieh. + +Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau +lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ... +alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ... +sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat +... so kühl und feucht ... + +So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht +viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und +betete voll Inbrunst am Lager der Frau. + +»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach +Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!« + +Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände +wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester +das Totenlicht. + +»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit +lauter, wohltönender Stimme. + +Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte +empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und +erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher. + +»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit +matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein +der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ... +und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...« + +Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das +Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch +einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und +gewaltig und voll Gold ... + +Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben +war, noch eine Pflicht zu erfüllen. + +Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder +hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn +gehen heißen, um dem Wastl beizustehen. + +»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!« +hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen. +Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun +zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung. + +Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein +Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte. + +Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie +diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht +saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und +schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und +große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und +die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur +zulässig war. + +Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an +Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren +begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines +Heimatstales zurück. + +Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht. +Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat +fehlte dem Wastl. + +»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder +erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no +amal. Und i hab's tun ~müassen~. 's ist gleich iatz!« fügte er +dann traurig hinzu. + +Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der +Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der +Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie eine +Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer +wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete +nichts. + +Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand, +um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu +verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen +Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. + +Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als +Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal +gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er +wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben, +aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte +Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war. + +Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so +lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er +sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen +Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und +biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der +Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders +sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden +waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des +Mannes, so oft er an seine Söhne dachte. + +Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der +Vef verschwiegen, daß mit den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer +Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien +war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters +geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig +von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte, +als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern. + +Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen +hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten +große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern +zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch +eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt +gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als +sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der +Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen +Burschen mit Empörung. + +Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und +vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich +verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer +veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue +Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack. + +Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die +Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals +darob schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger +ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank +fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute. + +Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit +und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten +Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede. + +Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar +bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten +nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum +und fühlten sich überall überflüssig. + +Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter +ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche +Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten +trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit. + +Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den +Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht +gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da +zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren, +und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die +Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und +ohne Liebe zur Scholle. + +Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des +alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz +fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt +genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten. + +Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate +hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern +von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller +guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder +Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche +Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach +ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das +einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte +der Genuß. + +Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer +Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert +und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend +und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser +Leichtsinn brachte ihm Verderben. + +Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache +herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig +gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet. + +»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a Lump und koa ordentliches +Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ... +das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War +ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl. + +Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein +Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch +einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu. + +»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer +seufzend. + +War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und +fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der +Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt, +der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er +schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer +wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und +alle heiligen Eide schwor. + +Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte, +um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs +Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge +Lumpereien. + +Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen +Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis, +das in dem Hauptort des Tales war. + +Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er +davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus +und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden +mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so +zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor +allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte, +und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales. + +Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer +Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die +barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus, +waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und +ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine +Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und +war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ. + +Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen +neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen +umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich +darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig +im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit +weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden +des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor. + +In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank, +auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von +der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da, +einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen. + +Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte +eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart +wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten +die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht. + +Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und +sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit +und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten, +weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts +mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen +die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig +arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft +hatte er wohl auch nimmer gar viel. + +So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig +eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte +er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er +keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne +Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde +dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war. + +Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die +Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze +machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker +droben am Alpl gut leiden konnten. + +War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen +Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle +Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten +Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal +waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter +die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise +anbettelte. + +Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung, +bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte +sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft +schielenden Augen nach. + +So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte +ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis +erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins +Gefängnis eingeliefert hatte. + +Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst +gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl +einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten +und zu Boden geschaut. + +»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der +Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er +damit den Wastl getroffen hatte. + +Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende +Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind +zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten +ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters. + +Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im +Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort, +nachdem der Stanis ausgeredet hatte. + +Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so +kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den +man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem +Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem +Zuchthaus heraus. + +Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete, +da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner +Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe +er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten. +Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin. + +Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem +Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß. + +»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen. +»'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone. + +Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem +großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von +der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes. + +Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich +beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und +zupfte ihn energisch am Arm. + +»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a +bissl ... ha?« + +Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug +er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis +wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen. + +Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte +er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er +eindringlich hinzu. + +»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl. + +»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah +er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre +Manndl herabschaute. + +»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?« + +»Ja.« + +Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen +anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde. + +»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem +andern auf. + +»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos. + +Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus. + +»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist +do dei' Bua ... dei' Kind ...« + +»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?« + +»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös +fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz +mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an +alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es +nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A +Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil +antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam +und in der Stadt ... oaner ...« + +Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß +ihn zu Boden. + +»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut +blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...« + +Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig, daß er sich flink wie +ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und +dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs +empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt +davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den +Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so! +Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!« + +Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder +beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen +aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander +zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe. + +Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht +und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der +Michl nun ein Zuchthäusler wurde. + +Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den +darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis +abermals zu ihm in die Gartenecke kam. + +Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem +tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen +herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ... +aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf. + +Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine +kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof +gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich. +Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges +bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel +und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht +verstecken sollen. + +Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der +Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des +Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen +das Haupttal zu. + +Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und +jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich +hatte. Damals ... + +Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend +neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er +schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab' +denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab' +nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns +herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine +Stimme. + +»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn +nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha? +Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia +fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht +fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und +im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen +sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen +ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a +so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil +aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan. +Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt. +Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö +verfluachten!« + +Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war +er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon +immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und +ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines +Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne +Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich, +und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige +Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner +Überzeugung. + +»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll +ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?« + +Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig +flackernden Augen. + +»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte +der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr +derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von +denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in +der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das +große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö +alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir +nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil +a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?« + +Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht +recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte. + +Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der +Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und +starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber +sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit +langem nicht mehr. + +Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn +bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der +eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß +und dessen Ursache. + +Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen +das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem +Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde. + +Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er +kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er +zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis +er triumphierend wieder aufs neue erstand. + +Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm +der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine +Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen +Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe. + +Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war +das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger +Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das +aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen, +daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen +lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein +und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch +nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher +Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum +Lump wurde? + +Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die +Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab +und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ... + +Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat +für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und +alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst +wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben +nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin +umherlagerten. + +Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte +der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein +ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ... +das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von +Grund aus vernichtet würde. + +War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und +sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen +Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen +hatte. + +Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht +vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und +jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei +Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden +... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann +erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ... + +Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein +Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten +mit dem Bösen. + +Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis? +Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung +unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der +Martl wirklich noch ordentlich war? + +Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der +Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging +und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld +genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche +Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken +... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen +so alten, einfältigen Menschen ... + +Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch +nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel +außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den +Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War +doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel +besser draußen herumwandern, der Wastl. + +Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht +Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem +Heu. + +Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen zu dürfen! Völlig +gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl +mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche +Heubett ein, tief und wohlig, und schlief. + +Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher, +ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus, +sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg +gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim +Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben +aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit. + +Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So +eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und +schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und +auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte. + +Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und +trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals +betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem +Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl +war, sein Bub. + +War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann. +Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und +merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte. +Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig. + +Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe +seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute +sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben +aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann +heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen. + +Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und +Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange +warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er +hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und +morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ... + +Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg +zu dem großen Hotel hinan. + +Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem +Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war. + +Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel +sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in +den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef +und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ... + +Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und +keinen Hunger mehr. + +Trinken ... nur trinken ... + +Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die +Kellnerin den alten, geduckten Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie +seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm +dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da +forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab. + +Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß +allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische +und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die +einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen +Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie +sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das +majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von +drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag. + +Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig +alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man +ihn gehen hieß. + +Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr +trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und +stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die +Luft zu befördern. + +Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren +spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und +angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm der Wastl so +hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die +Kellnerin. + +»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!« +sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!« + +»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und +ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ... +einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein +Fremder! + +»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem +Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung +wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich +lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines +Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor +sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen. +Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig. +Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und +höhnisch ihm nachklang. + +»Gesindel!« + +Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen +Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der +Stanis. »Gesindel!« + +In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend +den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den +Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der +hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte +nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die +Vef ... + +Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende. + +»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los +von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder. + +Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau. +Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu +denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken +in seinem Kopf. + +Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten +... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein +Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte +und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann, +der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel! + +Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!« +Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die +ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ... + +War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich +betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie +mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt schon wieder ganz +nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte +ihm vom vielen Denken. + +Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und +schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit +damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und +vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen +... damals noch, als die Vef lebte. + +Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt +in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken +gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht +immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr +denken ... + +Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig. +Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der +Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der +Wastl ... ganz pfiffig ... + +Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo +die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am +Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl. + +Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels. +Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit +... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich +die Tür auftat und jemand aus dem großen Haus kam und zu dem Hunde +ging, um ihn zu beruhigen. + +War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der +Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll +nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ... +alle ... + +Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen +das große Haus. + +»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle +seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!« + +Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig +tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder +zornig knurrte, leise und grollend. + +Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren +scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und +hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für +die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten. + +»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War +gescheut, der Stanis! Aber feig! + +Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig +von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an. + +Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz +sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören +konnten. + +Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft +hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das +große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel +... So war's recht. + +Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug +... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund +knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen. + +Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man +unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und +auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und +leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt. + +Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig +hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es +so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön +war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen. + +Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig +... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und +lächelte schadenfroh. + +»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber +Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle +miteinander!« + +Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der fing das Feuer, daß es +eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt. + +Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln +Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen +konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster +drohende Bergwand. + +Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an +den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber +sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von +selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor +und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und +brausend im Sturmwind. + +Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine +Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen. + +Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben +konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten. +Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand +verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht +erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze +feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ... +Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten +Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl +drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die entfesselten +Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ... +beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ... + +Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz +gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand +dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ... + +Sie fanden am frühen Tag einen alten Mann. Der irrte umher in den +Wiesen und Feldern, barhäuptig und mit schweren Füßen. Sein Gesicht war +gelb und fahl und die dunkeln Augen leer und ohne Seele. + +Und er wußte von nichts mehr, und wußte auch nicht mehr, wer er sei. + +Der Wastl hatte den Verstand verloren. + + + + + Achtzehntes Kapitel + + +Ein neues Geschlecht war erstanden im Tal. Jene, die damals noch Kinder +waren, als das Regele von Schande getrieben aus der Heimat flüchtete, +waren gereifte Männer und hatten Familien gegründet, und etliche von +ihnen lagen auch schon unter der Erde. Und alle waren sie tot, die +guten Bekannten von einst. Der alte Perlmoser und der Söllerbauer +und sein Weib, und auch die Julie, die dann Wirtin geworden war. Die +Perlmoser Rosina aber blieb verschollen. War nie mehr in die Heimat +zurückgekehrt. Und auch vom Lois, dem Sohn des Wastl, hatte man wenig +mehr gehört. + +Das Moidele, die das Kind der toten Mena war, wartete und pflegte die +alten Kramersleute bis zuletzt. War gutmütig und nicht recht gescheut, +aber dankbar und treu und anhänglich. Und die Regina war gestorben und +die alte Mutter Notburg. + +Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber +nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle +dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl, +den armen Narren. + +Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach +einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und +lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas zuleide und +folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf +draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann +sterben durfte. + +Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina +war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit +der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte +sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und +fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl +erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus +besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen +Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer +Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen. + +War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen +und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden +war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als +die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und +der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn +nur schlecht verbergen. + +Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch. +Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz +allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im +Flüstertone. + +Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der +Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das +Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War +still und verträumt und sinnierte viel und einsam. + +Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine +Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm +er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der +Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich +zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot. + +Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und +sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll +Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen +war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit +den strahlenden Augen der Vef. + +Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute +waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der +Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch +waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der +Scholle, der sie entstammten. + +Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken +und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher. +Und vieles, was er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel +ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern, +mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen +wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler, +zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten +auch als Sänger umher. + +Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten +Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste +im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten +Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne +und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte +Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und +vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie +Bauern. + +Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die +Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die +Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so +oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und +sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft. + +»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern +schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen +in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i +ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht hab'. Und hab' nit alleweil +an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen +an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl +alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi +denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt +mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die +Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und +die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit +derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist. +Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue +G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.« + +Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon +leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen. + +»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte +der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten +ihm leid ... die Menschen. + +»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s +braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch +über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und +hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's, +und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern +dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat. Aufklären hättet's +müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen +außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr +die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so +gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten +die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen +mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl! +An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan. +Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.« + +Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte +... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's +nur?« + +Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte +es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit +doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und +die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit +allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und +tat ihm weh. + +Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit. +So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl +gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte. + +Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der +alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer +Veit. Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der +Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben +nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten +müsse ... + +Eine breite Fahrstraße führte vom Tal herauf zu dem neuen Alpenhotel, +das jetzt am Eingang des Dorfes erbaut worden war. Groß und schön lag +es da, und sein Bau paßte sich der Gegend dieses Tales an. + +Droben aber, an jener Stelle, wo der Wastl das Feuer angelegt hatte, +stand eine stattliche Kirche. Weiß und freundlich und weit sichtbar +leuchtete der spitze Turm ins Tal. Und viele kamen, um dort zu +wallfahrten ... + +Auch der Kramer Veit pilgerte dorthin. Fast jeden Tag, wenn die Sonne +freundlich war und warm. Und wenn es ihm unten im Haus etwas zu lebhaft +wurde vom reichlichen Kindersegen. War halt schon recht ... recht alt, +der Veit, und sehnte sich nach Ruhe. + +Hatte sein Geschäft in Richtigkeit gebracht, der alte Mann. Ob er's +auch recht getroffen hatte? Die Bauerschaft mit Vieh und Stall und +Äckern, das sollte dem Martl gehören, wenn der Veit einmal nimmer war. +Die Villa aber und alles Geld, das er besaß, dem Andreas Siegwein und +seiner Schwester. + +Ob es so recht war? Gott allein wußte das. Er, der Veit Galler, der +irrende Mensch, glaubte, daß es so gut sei. Und hatte es oftmals im +Leben so geglaubt und trotzdem schlecht getroffen. Wie damals, als er +sich barmherzig um das verlassene Regele angenommen hatte. Und war doch +alles, was jener Tat entsprang, zum Unheil geworden. + +Alles? Nein. Das fremde Büabl, das der Kramer Veit damals auf der +Kraxen seinem Weibe in brennender Sonnenglut heimgetragen hatte ... das +war zum Glück gewesen. Für ihn und die Notburg und für alle im Tal. +Denn alle liebten sie den Priester Andreas Siegwein ... der den Stolz +des wahren Menschentums erkannte ... barmherzig war und gut. + +Veit Galler, der Krämer, aber wartete auf den Tod. Wartete ruhig +und ohne Bangen ... wie auf einen lieben Freund. Saß droben auf der +Bank vor der neuen Kirche und ließ die Sonne auf seine alten Glieder +scheinen. Und sah hinüber zu den fernen Bergen. Hörte ganz matt nur +mehr und gedämpft das Brausen der drei wilden Gebirgsbäche, die sich +tief drunten im Tal zusammenschlossen, und fühlte den heiligen Frieden +dieser Einsamkeit. + +Dort, wo seine Villa stand ... da balgten sich die Kinder des Martl in +den grünen Wiesen. Sie jagten die Kühe und trieben sie im Spiel. Herbst +war's, und der Martl ackerte im Feld. Ging hinterm Pflug einher, mit +schwerfälligem Schritt. Und sein junges Weib schritt vor ihm und führte +den Ochsen. Trug ein helles Tuch überm Kopf als Schutz gegen die Sonne, +die noch heftig brannte. + +Wie wohl sie dem Greise tat, diese wärmende Oktobersonne! Und wie wohl +der Frieden des Tales. Jetzt waren sie nun abermals fortgezogen ... +die fremden Gäste ... und geheiligt war das Land. + +Mächtig, majestätisch und groß standen die Berge. Und hatten einen +Wolkenschleier ums Haupt gelegt. Wie eine Krone, aus der weiße +Eiszacken frei und ungehemmt zum Himmel ragten. Wie eine Krone war's +... eine silbernschwere leuchtende Königskrone. + +Königin Heimat! + +Und Veit Galler, der Krämer ... schlief ein, auf der Bank sitzend, die +vor der neuen Kirche stand, und hatte das Gesicht der Sonne zugewendet. + +Und wachte nie mehr auf. + + + + + Werke von Rudolf Greinz + + + In Staackmanns Romanbibliothek + + Jeder Band in Ganzleinen RM 3.50 + + + Allerseelen + + Ein Tiroler Roman. 140. Tausend + + + Der Garten Gottes + + Roman. 79. Tausend + + + Gordian der Tyrann + + Eine lustige Kleinstadtgeschichte. 22. Tausend + + + Der Hirt von Zenoberg + + Roman. 31. Tausend + + + Die Stadt am Inn + + Roman. 62. Tausend + + + Der Turm des Schweigens + + Roman. 22. Tausend + + + Zauber des Südens + + Roman. 35. Tausend + + + In Staackmanns Kleinen Geschenkausgaben + + + Tiroler Bauernbibel + + Mit Buchschmuck von Hans Pape. 32. Tausend Gebunden RM 2.50 + + + L. Staackmann Verlag in Leipzig + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 *** diff --git a/75128-h/75128-h.htm b/75128-h/75128-h.htm new file mode 100644 index 0000000..0afdc60 --- /dev/null +++ b/75128-h/75128-h.htm @@ -0,0 +1,10089 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Königin Heimat | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both;} + +h1 { + font-size: 270% } + +h2,.s2 { + font-size: 175% } + +.s3 { + font-size: 125% } + +.s4 { + font-size: 110% } + +.s5 { + font-size: 90% } + +h2, .s2{ + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.0em; + page-break-before: avoid } + +.p0 { text-indent: 0em; } + +p { + text-indent: 1.0em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p4 {margin-top: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +.padtop5 {padding-top: 5em;} +.padbot5 {padding-bottom: 5em;} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.bbox {border: 2px solid; + padding: 1em; + page-break-before: avoid; + page-break-after: avoid;} + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal;} + +.antiqua { + font-style: italic} + +.center {text-align: center;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} + +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +.figright { + float: right; + clear: right; + margin-left: 1em; + margin-bottom: 1em; + margin-top: 1em; + margin-right: -5%; + padding: 0; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +.x-ebookmaker .figright { + float: none; + text-align: center; + margin-left: 0 } + +/* comment out next line and uncomment the following one for floating figright on ebookmaker output */ + + .x-ebookmaker .figright {float: right;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +/* Illustration classes */ +.illowe4 {width: 4em;} +.illowe24 {width: 24em;} +.illowp46 {width: 46%;} + +/* Illustration classes (e-Books)*/ +.x-ebookmaker .illowe4 {width: 8%; margin: auto 46%;} +.x-ebookmaker .illowe24 {width: 48%; margin: auto 26%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und +Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich +offensichtliche Druckfehler sind korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46 padbot5" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> +<figure class="figright illowe4" id="illu-001_2"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 center padtop5"> RUDOLF GREINZ</p> + +<h1>Königin Heimat</h1><br> +<p class="s3 center">Roman</p> + +<p class="p4 center">34. bis 39. Tausend</p><br> + +<figure class="figcenter illowe24" id="illu-003_2"> + <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="s3 center">L. Staackmann Verlag in Leipzig</p><br> + </div> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 center">Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig / 1939</p><br> +<p class="center"><em class="antiqua">Copyright 1921 by L. Staackmann Verlag in Leipzig<br> +Printed in Germany</em></p><br> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2>Erstes Kapitel</h2> +</div> + +<p>Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter +über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz +verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein +die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume +hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können +und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute +festlich geschmückt des Geliebten harrten.</p> + +<p>Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten. +Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee, +wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich +kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb. +Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste +tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu +verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte.</p> + +<p>Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren +Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit +dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die +schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen.</p> + +<p>Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten +mit einem Wettersturz gerechnet.<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> Freilich, daß er sich so verheerend +einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet.</p> + +<p>Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag +war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen.</p> + +<p>Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur +Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton +die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu +Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der +Auferstehung des Herrn.</p> + +<p>Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins +nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend +die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen +hatten.</p> + +<p>Eine Bachstelze hüpfte über den Weg. Zierlich und äußerst vorsichtig +hüpfte sie von Zaun zu Zaun. Drehte das Köpfchen nach rechts und drehte +es dann nach links, als schüttelte sie unwillig ihr Haupt über solche +Art von Schnee und Frühlingslust.</p> + +<p>Ein paar Spatzen hatten sich inmitten der kleinen Talstraße +niedergelassen und suchten in dem Schnee nach Körnern. Sie fanden auch +Futter in den Spuren eines Pferdehaufens, der noch dampfte.</p> + +<p>Auf den Höhen der Berge jagte der Wind die grauen Wolken auseinander, +trieb sie in rasendem Lauf vor sich her und öffnete der Sonne einen +Spalt, so daß ihr warmer Strahl tröstend die vielen traurigen +Frühlingskinder küssen konnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<p>Wie doch so ein Sonnenstrahl mit einem Male alle Unbill vergessen +machte! Ein Aufatmen durchwehte die Natur. Bachstelzchen reckte, so +hoch es konnte, sein zierliches Köpfchen der Sonne entgegen, neugierig +und mißtrauisch zugleich, als wollte es nicht daran glauben, daß seine +mächtige Freundin nun tatsächlich über Kälte und Schnee Siegerin +bleiben werde. Es plusterte sein Gefieder und wetzte das Schnäbelchen +an dem Holzzaun, auf dem es saß. Zu beiden Seiten schloß der Zaun die +kleine Talstraße von den Feldern ab.</p> + +<p>Bachstelzchen sah neugierig und mit klugen Äuglein beobachtend umher +und gewahrte, daß der Schnee, der auf dem Zaune lag, zu glitzern anfing +und unter der milden Macht der Sonne sich langsam löste. Da ließ +Bachstelzchen einen frohen jubelnden Triller ertönen und flog davon, +hinauf zu den hohen Wipfeln der Obstbäume, und erzählte diesen, daß sie +nun nicht mehr zu bangen brauchten um den bräutlichen Schmuck.</p> + +<p>Ein stämmiger, groß gewachsener Mann ging mit weit ausholenden +Schritten die Straße entlang. Wuchtig, eilig und selbstbewußt. Er sah +weder nach rechts noch nach links, als er das Dorf durchschritt, und +nickte nur flüchtig dankend für den Gruß, den man ihm bot.</p> + +<p>Eine Gruppe von kleineren Kindern sah ihm nach. Etwas schüchtern und +verwundert; denn er war ihnen fremd. Sah auch nicht aus, als ob er aus +der hiesigen Gegend stammte; denn seine Kleidung war kein Bauerngewand. +Und doch wieder schien es, nach der<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> sicheren Art seines Ganges zu +urteilen, daß er ein Kind der Berge war und auch hierher gehören mußte.</p> + +<p>Außerhalb des Dorfes zweigte ein Seitenweg von der kleinen Talstraße +ab. Führte im schmalen Pfad zwischen Felsen hindurch und zu einem +steilen Bergwald empor.</p> + +<p>Ein langsam feierliches Rauschen, an den vollen Ton einer Orgel +gemahnend, durchbrauste den mächtigen Dom des Hochwalds. So feierlich +und weihevoll war es, daß der stämmige Mann unwillkürlich lauschend und +in fast andächtiger Haltung stehen blieb.</p> + +<p>Ein seliges Lächeln verschönte einen Augenblick lang das derbe Gesicht +und verlieh ihm schier einen knabenhaften Ausdruck. Aufatmend nahm +der Mann den dunklen Filzhut von dem Kopf, zog ein großes, farbiges +Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich, vom raschen Gehen +erhitzt, den Schweiß aus der Stirne.</p> + +<p>Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken +Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die +dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen +Ausdruck.</p> + +<p>Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und +der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch +einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar +hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt +entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> +wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte.</p> + +<p>Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache +des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn +gebannt hielt.</p> + +<p>Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und +strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und +zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume.</p> + +<p>Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und +neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich +die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war, +den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten.</p> + +<p>Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male +geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und +ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging.</p> + +<p>Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur, +überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein +ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz +kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten +Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze +des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende +Laut der eisernen Spitze des Stockes<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> bewirkte, daß ein paar Krähen in +der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen.</p> + +<p>Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen +Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich +elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen +Männerkehlen.</p> + +<p>Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental, +eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus.</p> + +<p>Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da +lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf.</p> + +<p>Die weißen Mauern der Häuser leuchteten auf, vom Sonnenglanz getroffen. +Ein grüner Kirchturm wies, gleich einem spitzen Finger, gegen Himmel, +und das kleine, goldene Kreuz des Turmes funkelte wie ein goldener +Tautropfen.</p> + +<p>Der schmale Gebirgsbach durchschlängelte wie ein smaragdenes Band in +anmutigen Windungen das Tal. Die samtbraunen Holzhäuser, die weich in +Wiesen eingebettet, einzeln und in Gruppen bis hoch hinauf die Berge +zierten, ließen ihre winzigen Fensterchen im Sonnenglanze gleich +Diamanten auf dunklem Grunde schimmern.</p> + +<p>Ein ernster, düsterer Berg mit breitem Rücken schloß das Tal beinahe +hermetisch von der Außenwelt ab. Zackige Bergspitzen bauten sich im +Süden auf und lugten neugierig über die Höhe des kleinen Hochtales,<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> +das Veit Galler mit weit ausholenden Schritten jetzt durchwanderte.</p> + +<p>Ein regelrechtes Bergtal war es, mit schmalem Pfad und einem winzigen +Bächlein. Einige Bauernhöfe, alt, verwittert und aus Holz gebaut, lagen +verstreut umher. Abgesondert voneinander und nur durch einen schmalen +Fußsteig miteinander verbunden.</p> + +<p>An einem dieser kleinen Holzhäuser mußte Veit Galler vorbeigehen. Das +lag zu tiefst im Tal und hatte einige Meter ebenen Bodens vor sich.</p> + +<p>Ein paar Bretter querten das Bächlein, das im eiligen Lauf von dem +jäh ansteigenden Berg herablief. Eine hohe Felswand, zerklüftet und +zum Teil mit niederem Strauchwerk bewachsen, stand wie ein drohender +Wächter über diesen Ansiedelungen der Menschen.</p> + +<p>Der Schnee zeichnete scharf und kantig die Risse des grauen Felsens, +und wie ein weiches, duftiges Schleierband fiel das Bächlein +silberfarbig über die hohe Felswand. Grub sich dann eiligst in die +Bergmatten, floß, geschäftig murmelnd, in rasendem Lauf bis herab +zu dem Holzhaus in der kleinen Ebene und trennte das Haus von dem +gleichfalls aus Holz gebauten Stadel.</p> + +<p>Das Haus stand niedrig, wie erdrückt von der Größe seiner Umwelt. Es +war mehr breit als hoch; denn gleich über dem Erdgeschoß ragte schon +das mit Steinen beschwerte Schindeldach herein. Um das Haus, zu dem +ein paar holprige Steinstufen hinanführten, lief ebenerdig eine kleine +Holzaltane. Ohne Schmuck<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> und Zier und nur von dem tief hereinhängenden +Dach schützend gedeckt.</p> + +<p>Ein kleiner, blonder Bub, rotwangig und dickköpfig, saß auf der +Schwelle des Hauseinganges. Das hübsche Gesicht war ungewaschen, das +glatte Haar zerzaust und das Näschen feucht.</p> + +<p>Der Bub steckte, als er Veit Galler erblickte, vor Verwunderung über +den fremden Mann gleich die ganze Faust in den Mund, glotzte ihn blöde +an und wußte nicht recht, sollte er jetzt davonlaufen oder lieber laut +zu schreien anfangen.</p> + +<p>Der Ausdruck des Erstaunens in dem kleinen pausbackigen Gesicht war so +komisch, daß Veit Galler stehen blieb und das Bübl freundlich anredete.</p> + +<p>»Wie hoaßt nacher du?« frug er gutmütig und in der Mundart dieser +Gegend.</p> + +<p>Der Knirps, der ungefähr sechs Jahre zählen mochte, erhob sich, +spreizte die dicken, kurzen Beine, die in derben langen Hosenröhren +staken, auseinander, wischte sich mit dem Ärmel seiner grauen +Lodenjoppe den Rotz von der Nase und schwieg.</p> + +<p>»Kannst nit reden, Bua? Wie du hoaßt, möcht' i wissen!« Veit Galler +schob den Filzhut aus der Stirn und stützte sich mit beiden Händen auf +seinen kräftigen Stock.</p> + +<p>Freundlich lachend sah er auf den Kleinen herab, wobei sich die dicken +Lippen auseinander schoben und ein gesundes, raubtierartiges Gebiß +sehen ließen.</p> + +<p>Die laute Stimme des Mannes lockte noch mehr Kinder aus dem Innern +des Hauses. Gleich zu viert<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> kamen sie angerannt. Zwei Buben und zwei +Mädeln, bloßfüßig und nicht sehr sauber in ihrer Kleidung.</p> + +<p>Veit Galler fletschte sein Raubtiergebiß und meinte anerkennend: »No +mehr Kinder? Wieviel seid's nachher?«</p> + +<p>»Elfe!« sagte das größte Kind, ein Mädel mit strohblonden, dünnen +Zöpfen, zog die Schürze über das Gesicht und lief dann, erschrocken +über die eigene Kühnheit, in den dunklen, niedern Hauseingang zurück.</p> + +<p>»Elfe! Und du bist der jüngste? Ha?« frug Veit Galler den kleinen +stämmigen Buben, der zuerst dagewesen war.</p> + +<p>»Naa!« sagte sein älterer Bruder und rannte, über seine Heldentat +lachend, hinter der Schwester her.</p> + +<p>»Tut's enk fürchten vor mir?« frug Veit Galler gutmütig und neigte +sich tief zu den drei Kindern, die wie Schafe eng aneinander gedrückt +dastanden und ihn mit neugieriger Scheu, jedoch sehr eingehend +betrachteten.</p> + +<p>»Naa!« schrien sie alle drei zugleich, und flugs eilten sie, eines +hinter dem anderen, in das Innere des Hauses zurück.</p> + +<p>Nun kam ein junges Mädel zum Vorschein. Blutjung war sie und +bildhübsch. Klein und zierlich, mit auffallend blassem Gesicht, dunklem +Haar und leuchtenden blauen Augen.</p> + +<p>Ein voller kirschroter Mund war wie zur Frage halb geöffnet. Zwei +dunkle Zöpfe umrahmten den feinen Kopf, und nur mühsam hielt das +schmale,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> schwarze Samtband die kleinen Löckchen zurück, die sich unter +der Haarkrone eigenwillig loslösen wollten und auf die niedere Stirne +des Mädels fielen.</p> + +<p>Das Mädel war ärmlich, aber sauber gekleidet, trotzdem sie gerade von +der Arbeit weggelaufen sein mußte. Die dunkelfarbige Schürze war zum +Teil naß. Die Ärmel ihrer dunklen Jacke waren zurückgesteckt, und die +bloßen Arme glänzten rot und feucht und waren mit Seifenschaum bedeckt.</p> + +<p>»Teufel!« nickte Veit Galler. »Das lass' i mir g'fallen!« Dabei strich +er sich mit der Hand über den Schnurrbart und reckte sich zu seiner +ganzen stattlichen Größe empor.</p> + +<p>Eine tiefe Röte überzog das zarte Gesicht des Mädels unter den +bewundernden Blicken des Fremden.</p> + +<p>»Sein das deine G'schwister?« Veit Galler deutete mit dem dicken Finger +seiner plumpen Hand gegen das Hausinnere, und als das Mädel bejahend +nickte, frug er weiter: »Wie hoaßt man's nacher bei enk da?«</p> + +<p>»Mei' Vater ist der Söllerbauer!« antwortete das Mädel jetzt mit +heller, wohlklingender Stimme.</p> + +<p>»Söllerbauer?« wiederholte der Fremde nachdenklich. »Den müsset i döcht +aa kennen.«</p> + +<p>»Seid's nit von da?« frug jetzt das Mädel und sah forschend zu dem +Manne auf.</p> + +<p>»Wohl!« nickte der Fremde. »Eigentlich schon. Wirst mi aber +nit kennen.« Sein breiter Mund zeigte noch mehr wie zuvor die +Raubtierzähne. »Vom Bergl drent bin i dahoam.« Er wies mit dem Stock zu +der Anhöhe,<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> die den bewaldeten Abschluß des kleinen Hochtales bildete. +»Wirst schon g'hört haben vom Kramer Veit, ha?« grinste er.</p> + +<p>»Der in Amerika ist?« forschte das Mädel neugierig.</p> + +<p>»Dersell'!« nickte der Fremde bestätigend. »Der bin i!« fügte er +selbstbewußt hinzu.</p> + +<p>Fast ängstlich drückte sich das Mädel an die braune Holzwand ihres +Vaterhauses.</p> + +<p>»Brauchst di nit z'fürchten, Madel ...« begütigte der Kramer. »I friß +di nit!« lachte er dann mit seinem breiten, gutmütigen Grinsen.</p> + +<p>»I fürcht' mi nit!« erwiderte das Mädel resolut. »I fürcht' mi +überhaupt nit!« wiederholte sie, und ein leichtes Zittern spielte dabei +um die Winkel des kleinen vollen Mundes.</p> + +<p>»Na, na!« machte der Kramer Veit zweifelnd. »Wird nit a so weit her +sein mit der Kuraschi.«</p> + +<p>»Wollt's nit einer giahn rasten?« lud ihn jetzt das Mädel ein. »Habt's +no a Stuck Weg bis hoam.«</p> + +<p>Noch ehe Veit Galler der Aufforderung folgen konnte, bogen zwei +Burschen um die Ecke des Stadels.</p> + +<p>»Ah, Regerl!« grüßte der größere von den beiden. »Magst mitgiahn aufi +aufs Alpl?«</p> + +<p>Das Gesicht des Mädels verfinsterte sich, als sie mit flüchtigem Blick +die Ankömmlinge streifte und sich dann wie geärgert abwandte.</p> + +<p>»Naa!« sagte sie kurz, und ohne auf die Burschen weiter zu achten, lud +sie den Kramer Veit nochmals<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> ein, ins Haus zu kommen. »Kömmt's einer +in die Stuben, Kramer. A Glasl Schnaps ...«</p> + +<p>»Du, Regerl, an Schnaps mögen mir aa. Gelt, Florl?« sagte der größere +und kräftigere der beiden jungen Männer lustig.</p> + +<p>Sie mochten beide im gleichen Alter sein. Beide wohl kaum über zwanzig +Jahre, hübsch und schlank gewachsen. Nur war der Florl um beinahe einen +Kopf kleiner als sein Kamerad, aber biegsam wie ein junger Tannenbaum +und geschmeidig wie eine Gemse. Das Gesicht war zart und so fein wie +das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein brauner, krauser Bart rahmte es +ein, und kleine, helle Augen sahen scharf und listig und unternehmend +zugleich in die Welt.</p> + +<p>Die Burschen waren beide im Feiertagsgewand. Der hellgraue kurze +Lodenrock mit den schwarzen abgesteppten Sammetstulpen an den Ärmeln +brachte den jugendlich kräftigen Wuchs aufs vorteilhafteste zur +Geltung. Die dunklen Filzhüte waren mit Rosmarinzweiglein geziert und +saßen keck und schief, tief ins Gesicht gedrückt.</p> + +<p>»Hast koa Nagele für'n Huat, Regele?« fragte der Florl und versuchte +dem Mädel in das abgewendete Gesicht zu schauen.</p> + +<p>»Naa!« sagte das Mädel, ohne ihn anzublicken. »Wenn jetzt no nix blühen +tut. Weißt wohl.«</p> + +<p>Ihr Ton war nun weniger barsch, jedoch ausweichend und leicht verlegen.</p> + +<p>»Habt's ös zwoa so schön g'sungen da drunten?« erkundigte sich Veit +Galler und deutete mit dem Kopf<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> in die Richtung des Haupttales, wo +in weiter Ferne das große, behäbige Dorf lag, mit den weißglänzenden +Häusern und der blaßgrünen Kirchturmspitze.</p> + +<p>»Habt's uns wohl g'hört?« frug der Florl mit seiner hohen Tenorstimme +übermütig zurück und rückte sich den Hut weit aus der Stirn.</p> + +<p>»'s war ja laut g'nug, daß i enk hab' hören können!« lachte der Kramer. +»Und du ...« wandte er sich an den größeren der beiden Burschen, »du +hast ja a sakrisch gute Stimm'! Könntest dir a schian's Geld verdienen +mit dera Stimm' ... wann d' möchtest.«</p> + +<p>»Mei!« machte der Florl geringschätzig. »Er singt ja nur die zweite +Stimm'. I sing' die erste!« erklärte er wichtig und mit Stolz.</p> + +<p>»Was ist's nacher mit dem Schnaps, Regerl?« gab sein Kamerad dem +Gespräch eine andere Wendung. »So a Stamperl können wir leicht +vertragen, bevor wir aufs Alpl aufi giahn, ha, Florl?« Scherzhaft +drängte er das Mädel vor sich her in das Haus hinein und zwängte es +übermütig an die braune, rohgezimmerte Holzwand des Eingangs.</p> + +<p>»Wann i iatz koan Schnaps kriag, Madel, kriag i a Bussel!«</p> + +<p>Wie ein junger Bär stand er vor ihr, groß und kräftig und voll von +tollpatschigem Übermut.</p> + +<p>Die Arme hielt er ausgebreitet vor dem kleinen Mädel, das sich tapfer +gegen seine Zärtlichkeiten wehrte. Mit beiden Fäusten schlug sie +unbarmherzig auf ihn ein und stieß mit den Füßen um sich, ohne zu +achten, wohin sie ihn traf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>»Aus laßt mi!« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Lackel, damischer!«</p> + +<p>Der Bursch lachte ihr gutmütig ins Gesicht und beugte sich zu ihr +herab. Ihre Püffe und Schläge machten offenbar nicht den geringsten +Eindruck auf ihn.</p> + +<p>»Da schaug oaner an, was dös für a wilder Teufel sein kann!« neckte er +sie. »Magst aufpassen, Florl! Die hat Haar' auf die Zähnd!«</p> + +<p>»Laß mi in Fried', du!« Das Regerl wehrte sich noch immer gegen den +starken Griff des Burschen, der sie wie mit Eisenschrauben fest +umklammert hielt.</p> + +<p>»An Schnaps oder a Bussel?« fragte der Bursch und machte Miene, sich +das letztere gewaltsam zu nehmen.</p> + +<p>Unvermutet stieß ihm der Florl kräftig seinen Fuß in den Rücken.</p> + +<p>»Au ... du!« machte der andere, ließ von dem Mädel ab und ballte die +Fäuste gegen den Florl.</p> + +<p>»Laß 's Madel in Fried', Wastl!« sagte der Florl drohend und mit +finsterem Gesicht.</p> + +<p>»Wöllt's raffen?« lachte der Kramer Veit breit und dröhnend.</p> + +<p>»Naa!« machte der Wastl gutmütig. Er hatte jetzt gar keine Absicht +mehr böse zu werden, sondern begriff, daß er in seinem Übermut zu weit +gegangen war.</p> + +<p>»Sein wir wieder gut, Regerl?« Freundlich und beinahe bittend hielt er +dem Mädel seine große, breite Arbeitshand entgegen.</p> + +<p>»I sag's der Vef!« schmollte das Regerl schon halb<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> versöhnt und +rieb sich mit der flachen Hand die Oberarme, die der Wastl so fest +umklammert hatte. »Völlig blaue Fleck' hat er mir druckt ... der Ruach +... der ungute!« schimpfte sie geärgert.</p> + +<p>»Bist schon du ungut!« lachte der Wastl und zeigte zwei Reihen gesunder +Zähne, die blendend weiß in dem dunklen, bartlosen Gesicht leuchteten.</p> + +<p>»Hast du jetzt alleweil an Grant ...« wollte er ihr Vorwürfe machen, +aber der Florl zog ihn am Rockärmel gewaltsam mit sich fort, hinein in +die Stube, wo der Kramer Veit bereits im Herrgottswinkel breitspurig +Platz genommen hatte.</p> + +<p>»Fein habt's es!« lobte der Kramer, streckte die Füße weit von sich +und lehnte sich so behaglich an das braune Holzgetäfel, als wäre es +eine weichgepolsterte Sofalehne. »Tut das gut!« machte er aufatmend. »I +sag's ja! Schian ist's auf der Welt! Aber am allerschönsten ist's döcht +bei uns in Tirol herin.«</p> + +<p>Die beiden jungen Burschen setzten sich zu ihm, jeder an eine andere +Tischecke, und sahen mit leichter Verlegenheit auf ihn. Sie wußten +nicht recht, was sie mit dem Fremden reden sollten.</p> + +<p>Der gelbe, unförmliche Kachelofen, der gleich neben der Tür in der Ecke +stand und einen großen Teil des freien Raumes einnahm, sprühte eine +wahre Gluthitze.</p> + +<p>Den beiden Burschen wurde es schwül in ihren lichtgrauen Lodenröcken, +und sie zogen dieselben aus und warfen sie in kühnem Schwung seitwärts +über die Achsel, so daß nur die eine Hälfte der Schulter<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> davon bedeckt +wurde, während man auf der andern Seite der Achsel das blühweiße +Leinenhemd mit den langen Ärmeln sehen konnte.</p> + +<p>Die Stube war ein mäßig großer, niederer und düsterer Raum. Vier +winzige Fenster, an zwei Seiten des Eckzimmers verteilt, ließen +nur wenig von dem hellen Tageslicht eindringen. Die Fenster waren +vergittert und ohne Vorhang, und die Scheiben waren trübe und ungeputzt.</p> + +<p>Ein viereckiger, rohgezimmerter Tisch stand in der Stubenecke. Kleine +Heiligenbilder in grellbunten Farben zierten die Ecke nebst dem großen, +unschönen Kruzifix. Eine Holztaube, das Sinnbild des heiligen Geistes, +die einmal weiß gewesen sein mochte, jetzt aber schmutziggrau aussah, +hing von der rauchgeschwärzten Stubendecke herab und baumelte an einem +dünnen Faden über dem Tisch.</p> + +<p>Eine Holzbank lief längs der Wände entlang und endigte dann als +Ofenbank. Es gab weder Stuhl noch Hocker in der Stube. Nur zwei Bänke +ohne Rückenlehne standen an dem Tisch, und auf ihnen hatten sich die +beiden Burschen niedergelassen.</p> + +<p>In einem Holzgehäuse, zur rechten Seite der Türe, war eine alte Wanduhr +eingebaut. Das Gehäuse war wurmstichig, und die bunt gemalten Blumen +waren arg verblaßt.</p> + +<p>An der Spitze dieser Uhr aber standen in weißen Farben zwei Namen +geschrieben. Es waren offenbar die Namen der Eltern des jetzigen +Besitzers; denn die Ziffern, welche die beiden Namen trennten, wiesen<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> +eine Jahreszahl auf, die beinahe fünfzig Jahre zurücklag.</p> + +<p>In der Stube roch es unangenehm nach saurer Milch und ausgelassenem +Butterschmalz, ein Geruch, der augenscheinlich von der daneben +gelegenen Küche hereindrang. Ein kleines Schubfenster, das offen stand, +gewährte den Ausblick in die rußige, beinahe ganz dunkle Küche mit dem +offenen Herd, auf dem ein Feuerchen lustig flackerte.</p> + +<p>Eine Frau in mittleren Jahren streckte neugierig ihren Kopf durch das +Schubfenster.</p> + +<p>»Grüß Gott, Bäurin!« grüßte sie der Florl, der gerade mit dem Gesicht +ihr zugewendet dasaß und so der erste war, der sie gewahr wurde.</p> + +<p>»Grüß Gott aa!« kam es etwas mürrisch und verdrossen zurück. »Geht's +Feuer machen aufi?« erkundigte sie sich dann mit lässiger Neugierde.</p> + +<p>»Ja. Aufs Alpl aufi!« bestätigte der Florl.</p> + +<p>Die Kinder hatten sich in die Stube hineingedrängt. Ein halbes Dutzend +an der Zahl und wie die Orgelpfeifen in allen Größen. Sie waren alle +mangelhaft gekleidet, bloßfüßig und sahen schmutzig und ungewaschen aus.</p> + +<p>Ein paar der größeren Buben kletterten auf die Ofenbank und liefen +barfüßig, wie sie waren, die Bank entlang, flüsternd und kichernd und +einer über den andern stolpernd.</p> + +<p>Die kleineren Kinder drückten sich langsam in die Nähe des Tisches und +starrten mit offenem Munde auf den Fremden, über dessen Anblick sie +sich ersichtlich noch immer nicht beruhigen konnten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Die Mutter schimpfte mit schriller Stimme aus dem Küchenfenster.</p> + +<p>»Werd's aber giahn von der Bank oder nit! Wart' ... i kimm enk!«</p> + +<p>Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem +Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von +der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten +und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den +andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und +Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen +Höllenspektakel verursachten.</p> + +<p>Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche +in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus +einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches +angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes.</p> + +<p>»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas +vor ihn hin.</p> + +<p>»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken +entgegen.</p> + +<p>Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch.</p> + +<p>»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr +an.</p> + +<p>Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die +Stube. Die Neugierde<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den +fremden Besucher doch etwas genauer betrachten.</p> + +<p>Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes +Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war +nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und +sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus.</p> + +<p>Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem +noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin +war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl, +und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um +den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu +verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte +die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ +und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende +Beschäftigung für ihre Hände.</p> + +<p>Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen +und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen. +Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm +verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu +schreien an.</p> + +<p>»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr +einladend sein Schnapsglas hin.</p> + +<p>»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie +getrunken und sich mit der flachen Hand den<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Mund abgewischt hatte. +Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone +fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie +erklärend hinzu.</p> + +<p>»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer.</p> + +<p>»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a +so hoakel. Weißt wohl ...«</p> + +<p>»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein.</p> + +<p>Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen.</p> + +<p>»Geht's di was an?« frug sie scharf.</p> + +<p>Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit +ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm +und achtete nicht weiter auf die Gäste.</p> + +<p>»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer.</p> + +<p>»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen +mit'm Franzl.«</p> + +<p>»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl +gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die +am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran.</p> + +<p>»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert.</p> + +<p>»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> + +<p>»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch.</p> + +<p>»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz.</p> + +<p>Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz +sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.«</p> + +<p>Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A +Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu +der Bäurin.</p> + +<p>»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine +direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte.</p> + +<p>»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin +i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu.</p> + +<p>»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem +hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann. +»Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.«</p> + +<p>»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut +und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon +g'wöhnt von mir.«</p> + +<p>Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie +gesessen hatte.</p> + +<p>»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte +sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen.</p> + +<p>»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat +damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern +g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg. +Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir +recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz +g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt +wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil +g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.«</p> + +<p>Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch +ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der +Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher +wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen +verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh +erschien.</p> + +<p>»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in +das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe +getreten, die sich nun verabschiedete.</p> + +<p>Veit Galler schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen +Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa +koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt, +da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der +Florl interessiert.</p> + +<p>»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man +zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.«</p> + +<p>»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon +viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den +Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte.</p> + +<p>»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no +epper dermachen, ha?«</p> + +<p>Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das +Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und +rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein.</p> + +<p>Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell +er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig +vom Hause weg emporführte.</p> + +<p>Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der +Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von +vorhin.</p> + +<p>»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt. +Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie.</p> + +<p>»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.«</p> + +<p>Der Wastl sträubte sich ein wenig.</p> + +<p>»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> und stieß den Florl, der +ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu.</p> + +<p>Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt +dem Regerl einen Gefallen zu erweisen.</p> + +<p>»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist +schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.«</p> + +<p>Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in +die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne.</p> + +<p>Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank +vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu +den beiden Burschen herabgestiegen war.</p> + +<p>»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar.</p> + +<p>»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit +dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen +blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen +lullte.</p> + +<p>»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's +an.«</p> + +<p>»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend.</p> + +<p>»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert.</p> + +<p>Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie +gleichgültig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause.</p> + +<p>Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich +rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben +wollten.</p> + +<p>Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten +ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit +zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das +tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von +jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat.</p> + +<p>Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen +Baches zog, gab das Echo zurück.</p> + +<p>Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes +Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht +zu rühren.</p> + +<p>Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön. +So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.«</p> + +<p>»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd.</p> + +<p>»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden +Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe +hinauf.</p> + +<p>Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels.</p> + +<p>»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig.</p> + +<p>Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> kurzer, flüchtiger +Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh.</p> + +<p>»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte +sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause +zu.</p> + +<p>Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er +sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?« +flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ... +du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an, +Dirndl! Daß d' es woaßt.«</p> + +<p>Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah +sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle +Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht.</p> + +<p>Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand.</p> + +<p>»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er +gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen +tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte.</p> + +<p>»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit +lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit +amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem +kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und +vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a +Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<p>Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt +der Anhöhe des kleinen Bergtales zu.</p> + +<p>Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm +nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des +Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück.</p> + +<p>Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen. +Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah +unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg +hinangestürmt waren.</p> + +<p>Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge. +Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und +seine weißen Häuser sahen grau und düster aus.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<h2>Zweites Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen +Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah.</p> + +<p>Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten +lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl +kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die +Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte.</p> + +<p>Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen, +lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines +Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte.</p> + +<p>Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war, +aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach.</p> + +<p>Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger +Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen +die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der +Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in +die Höhe.</p> + +<p>Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die +drei wildbrausenden Berggesellen<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> ein, ihr Schicksal von nun ab seiner +besseren, milderen Leitung anzuvertrauen.</p> + +<p>Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu +dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot, +stehen.</p> + +<p>Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in +der Abenddämmerung auf.</p> + +<p>Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten +Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf. +Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur +die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich +hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.</p> + +<p>Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine +wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich +da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen +Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis +bedeckten Ferner ragten.</p> + +<p>Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie +winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.</p> + +<p>In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht +den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen +gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male +wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die +drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> +und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und +blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.</p> + +<p>Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime +war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.</p> + +<p>Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es +war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen +wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.</p> + +<p>Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den +schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer +den Kopf auf die Arme stützte.</p> + +<p>In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim +so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben +übermächtig in ihm auf.</p> + +<p>Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen +aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach +Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen +aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von +denen er erzählen gehört hatte.</p> + +<p>Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine +Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern +oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute +von damals seßhafter waren wie heutzutage,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und daß einer, dem's in der +Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.</p> + +<p>Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und +aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf +mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm +einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten, +fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre.</p> + +<p>Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die +Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast. +Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins +Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien +unten gewesen.</p> + +<p>Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der +Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben +zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden.</p> + +<p>Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch +der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen.</p> + +<p>Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die +sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte +mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst +aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus +dem dann Handschuhe erzeugt wurden.</p> + +<p>Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> auch weit im Land +herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit +gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer +alten Base übernehmen konnte.</p> + +<p>Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im +Dörfl ein.</p> + +<p>Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier +oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben +nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten +miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen +Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen +Kinderstimmen wieder.</p> + +<p>Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter +einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte.</p> + +<p>Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein +besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte, +baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im +Stall.</p> + +<p>Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum +Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens +aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter +gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.</p> + +<p>Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief +sie, flink wie ein Reh, dem<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei +ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile +zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.</p> + +<p>Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte +das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die +zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe +hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler +hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb +lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.</p> + +<p>Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und +obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so +oft er nur konnte.</p> + +<p>Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate +dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch +niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten +einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.</p> + +<p>So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe +geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in +der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.</p> + +<p>Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu +ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.</p> + +<p>Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> geworden. Groß und +üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden, +und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen +wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die +waren hell und schauten ernst und lachten selten.</p> + +<p>Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag +für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.</p> + +<p>Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der +Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht +gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf +einem Berghof werden können.</p> + +<p>Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst, +und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz +sei.</p> + +<p>Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen +Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und +ging auf Stöhren.</p> + +<p>Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung +eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig, +als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen +einrichtete und seine Notburg heiratete.</p> + +<p>In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares.</p> + +<p>Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum, +das er übernommen hatte. Da<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> gab es viel, was er daran auszubessern und +zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der +Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen.</p> + +<p>Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an +und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit +aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine +Kunst.</p> + +<p>Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle +im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein +gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der +Kramer Veit das tat.</p> + +<p>Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen +schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses +zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das +hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße.</p> + +<p>Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken, +die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das +braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender +Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten +und schmückten das Heim des jungen Paares.</p> + +<p>Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes +Häusl fand wie das vom Kramer Veit.</p> + +<p>Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> und Geschick +eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager.</p> + +<p>Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und +Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen +Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker, +und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende +Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf.</p> + +<p>Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke +herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten +über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der +durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen +Kramladens.</p> + +<p>Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der +Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen +gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab +es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur +wenig anzufangen wußten.</p> + +<p>Wenn sie Sonntags nach der Frühmesse zum Einkauf im Ladele waren, dann +belehrte der Kramer Veit eine jede einzelne der Kundinnen über die +Vorzüge der Gewürze und über deren Anwendung, und die Frauen kauften +die Ware und waren stolz auf den Besitz; aber sie benutzten sie nie.</p> + +<p>Auch Gebetbücher waren vorhanden, und farbige Heiligenbildchen, lose +und in kleinen Rahmen, hingen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> in der Nähe der Türe. Blechlöffel, +Schüsseln aus Blech und Schüsseln aus Holz, Krüge und Töpfe und +buntfarbige Schalen standen aufgestapelt am Fußboden umher.</p> + +<p>Weiße Zuckerröhrchen und grellrote Zuckerpfeifchen, auf denen man einen +richtigen schrillen Pfiff loslassen konnte, waren für die Kinderwelt +bestimmt. Herrliche Lebkuchen und bunte Zuckerln und ganz hervorragend +gute Biskotenherzen bildeten das Entzücken der bäuerlichen Jugend.</p> + +<p>Auf rein gar nichts hatte der Kramer Veit vergessen, und mit allen +Bedürfnissen der Zeit hatte er sein kleines Lager versehen.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit nahm der Veit seine Kraxe, belud sie schwer mit +Käselaiben und trug sie hinaus ins Inntal und bis hinauf nach +Innsbruck. Dort veräußerte er den Käs und füllte die Kraxe mit neuer +Ware für seinen Kramladen.</p> + +<p>Die Notburg hantierte im Haus herum, pflegte die Blumen am neuen +Söller, pflegte das kleine Gartl am Haus, versorgte den Laden und nähte +in ihren freien Stunden Wäsche und Schürzen und Unterröcke zum fertigen +Verkauf.</p> + +<p>Es war alles Glück und stiller Frieden in dem kleinen Häusl am +Kirchplatz. Der Veit und die Notburg hausten gut miteinander, und sie +schienen nur eines für das andere zu leben. Und trotzdem konnte die +Notburg innerlich nie so ganz froh werden. Eine geheime Sorge nagte an +ihr und trübte ihren Blick. Das war die Angst um ihren Mann, die sie +oft<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> plötzlich überfiel und sie ruhelos und schlaflos machte.</p> + +<p>Die Notburg fühlte es, noch ehe der Veit es selber so recht wußte, daß +ihn die Heimat anfing zu drücken und zu beengen. Und sie wußte: über +kurz oder lang würde es den Mann hier nicht mehr leiden, und er würde +fortziehen von ihr in eine Welt, die ihrem Sinne fremd war.</p> + +<p>In ihrer bangenden Sorge fühlte sie deutlicher, wie er selber das tat, +das erste Wiedererwachen seiner Unrast.</p> + +<p>Oft saß das junge Weib in einer der vielen schlaflosen Nächte aufrecht +in ihrem Bett und beobachtete bei dem fahlen Schein des Mondlichtes, +das in die enge Kammer fiel, mit ängstlicher Spannung jeden Zug in dem +Gesicht ihres Mannes, der an ihrer Seite schlummerte. Und angstvoll +sah sie die Unruhe in seinem Gesicht, hörte sie das schwere Atmen der +starken Brust und das rastlose Herumwälzen im Bette.</p> + +<p>Sie sah, wie sich die kräftigen Hände zu Fäusten ballten und wie die +Glieder sich wie im Krampfe dehnten und reckten.</p> + +<p>Und bei Tage sah ihr scharf beobachtender Blick, wie das Gesicht des +Mannes allmählich den Ausdruck sonnigen Glückes einbüßte, wie es von +Tag zu Tag finsterer und mürrischer wurde, und wie der Veit übellaunig +und wortkarg zu werden begann.</p> + +<p>Und die Notburg wußte es mit Bestimmtheit: dies waren die Anzeichen +seiner neu erwachenden Unstetheit, und in heißer Angst betete sie zur +Schmerzensmutter<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> am Seitenaltar der kleinen Dorfkirche mit aller +Inbrunst, deren sie fähig war ...</p> + +<p>»Laß mir den Veit, Gottesmutter! Laß ihn nit fortziehen von mir! Laß +mich ein Kind haben, Muttergottes, dann bleibt er lieber bei mir!«</p> + +<p>Denn das war der Schatten in der Ehe des jungen Paares. Jahr um Jahr +war vergangen, aber der Kindersegen war ihnen versagt geblieben.</p> + +<p>Die Notburg hätte sich mit der Kinderlosigkeit weit eher abgefunden. +Ihr war der Veit alles; aber sie wußte, daß ihr Mann die Kinder liebte. +Und hätten sie nur ein Kind ihr eigen nennen dürfen, wer weiß, ob nicht +doch alles anders für sie gekommen wäre.</p> + +<p>So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt +hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr +die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut.</p> + +<p>»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst +lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm +mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I +kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr +eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu +eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang +hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort. +»Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen. +Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I <em class="gesperrt">muß</em> fort.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<p>Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem +Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst +hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien.</p> + +<p>Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf +ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte +Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht.</p> + +<p>»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte +Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder +zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum +Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da +bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch +außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und +koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's +Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i <em class="gesperrt">muß</em> arbeiten. I +muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich, +Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a +gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's +nit hart!« — — —</p> + +<p>Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine +Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht +über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste +Abschiedsstunde.<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr +seither.</p> + +<p>Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort +verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte +sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht.</p> + +<p>Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag +die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch +verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes.</p> + +<p>In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem +Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie +preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu +dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte +ahnen, wie es innerlich um sie stand.</p> + +<p>Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener +Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und +ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie +dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so +stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde +stecken blieben.</p> + +<p>Der Veit hielt Wort. Als sich die ersten Anzeichen des erwachenden +Frühlings zeigten, kam er zurück, frisch und fröhlich wie in den ersten +Jahren ihrer<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Ehe und laut polternd vor Freude über das Wiedersehen mit +der Notburg.</p> + +<p>Aber die Frau war eine andere geworden. Ruhig und schier gleichgültig +empfing sie ihn und zeigte keine Freude. Sie hatte auch keine Freude +über das Geld, das er ihr brachte und mit strahlendem Gesicht ihr +vorzählte. Was war ihr das Geld, nachdem sie ihr Glück dafür hatte +hergeben müssen?</p> + +<p>Es war etwas geborsten in der Seele des Weibes. Was weich und hingebend +in ihr gewesen war, das war in den Stunden einsamer Sehnsucht +allmählich erstorben. Und die innere Kälte der Frau war so groß, daß es +den Veit zu frieren anfing in ihrer Gegenwart.</p> + +<p>Als der Veit das zweite Mal auf die Wanderschaft ging, fiel ihm der +Abschied leicht. Er war froh, daß er das stille, kalte Gesicht seiner +Frau nicht mehr zu schauen brauchte, das eine fortwährende Anklage für +ihn war.</p> + +<p>Und der Veit blieb länger und immer länger von der Heimat fern. Bis er +dann gar nach Amerika gegangen war und im Dörfl als verschollen galt.</p> + +<p>Doch immer, wenn der Mann im fremden Lande weilte, verblaßte das Bild +seiner Frau mit dem kalten, reglosen Gesicht, und die Notburg seiner +Jugend erstand ihm aufs neue. Ihr liebes, sanftes Gesichtchen und ihr +hingebendes Wesen war ihm stets gegenwärtig, und der starke Mann, der +im rücksichtslosesten Kampf ums Dasein stand, bangte sich nach ihr und +sehnte sich nach einem guten Wort aus ihrem Munde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> + +<p>Durch die räumliche Trennung war ihm sein Weib innerlich viel näher +gekommen; er vergaß ihre harte Art und entschuldigte sie.</p> + +<p>Er begriff die Schwere ihres Schicksals und nahm sich vor, wieder den +Weg zu ihr zurückzufinden. Bis er dann wieder bei ihr war. Da jagte ihn +ihre abweisende Kälte förmlich von der Heimat fort.</p> + +<p>Kein gutes, verzeihendes Wort, kein warmer Blick ... Die Notburg war +grausam geworden zu dem Manne, der stets aufs neue wieder bei ihr seine +Heimat suchte ...</p> + +<p>Ein dumpfes, schweres Stöhnen rang sich aus der Brust des einsamen +Mannes.</p> + +<p>Grausam! Hatte er ein Recht, sein Weib grausam zu schelten? Hatte er +nicht auf die grausamste Art das Lebensglück der Frau vernichtet?</p> + +<p>Veit Galler fühlte die Schwere seiner Schuld, und doch ... er bereute +nichts.</p> + +<p>Dem innersten Trieb seiner Natur war er gefolgt. Der Mann mit dem +festen, unbeugsamen Willen gehörte in die Welt hinaus. Dort hatte er +seine Kraft stählen können und hatte es zu etwas gebracht.</p> + +<p>Es war ihm nicht immer leicht geworden in der großen Welt da draußen, +dem Veit Galler. Das Leben hatte ihn gar oftmals hart angefaßt; aber +mit zäher Energie und einem eisernen Willen war er stets Sieger im +Kampf geblieben.</p> + +<p>Und war ein reicher Mann geworden ...</p> + +<p>Wohl kaum einer im ganzen Tale konnte solchen Reichtum aufweisen. Und +das Bewußtsein des erworbenen<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Besitzes machte den Veit stolz und +selbstbewußt und half ihm immer wieder über die trüben Stunden hinweg, +die auch ihn nicht verschonten.</p> + +<p>Der Veit wußte es wohl. All sein Reichtum machte auf die Notburg nur +geringen Eindruck. Mit kalten, gleichgültigen Augen wird sie auch heute +wieder auf das Gold schauen, das er ihr mitgebracht hatte und das er +jetzt spielend in den weiten Taschen seines Rockes klirren ließ.</p> + +<p>Der Mond stand nun in seiner kaltsilbrigen Pracht am Firmament, und +viele Tausende von Sternen glitzerten und funkelten am Himmel. Die +Bergfeuer der Karsamstagsnacht flammten zu Hunderten im Tal und an den +Bergen, die mit Lichtern besät bis hoch an den Rand der Almweiden waren.</p> + +<p>Veit Galler, der Krämer, genoß die stille Feier, und es kam ihm beinahe +vor, als hätte sich die Heimat heute für ihn geschmückt.</p> + +<p>Wie im leichten Silbernebel lagen die drei Hochtäler im Mondenschein. +Die schneeigen Bergkonturen erstanden traumhaft schön wie in einem +Feenland.</p> + +<p>Veit Galler, der Krämer, erhob sich von seinem unwirtlichen Sitz, +dehnte und reckte die schweren Glieder und faltete einen Augenblick die +Hände wie zum Gebet.</p> + +<p>Dann schüttelte er das Trübe dieser Stunde von sich und ging mit +festen, sicheren Schritten bergabwärts, seinem Heimatsdörfl zu.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<h2>Drittes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Hoch droben am Berg, an der Seite, wo Veit Galler gesessen war, ohne +zu dessen Höhe hinaufsehen zu können, leuchteten ganz besonders große +Feuer ins Tal hinab.</p> + +<p>Fünf Holzstöße brannten da droben in regelrechten Abständen. Fast an +der Spitze des Berges aber loderte in hellen, lustigen Flammen ein +einzelner, mächtiger Holzstoß. Das war das Feuerl, von dem der Florl +seinem Mädel gesprochen hatte.</p> + +<p>Der Florl hatte schon seit etlichen Wochen Pech gesammelt und es in +einer der fünf Almhütten, vor denen heute die fünf Höhenfeuer brannten, +aufbewahrt.</p> + +<p>Das Pech hatte er sich heute geholt und es mit auf die Höhe genommen, +um es in den mächtigen Scheiterhaufen zu werfen. Denn das Pech machte +den Schein des Feuers ganz besonders hell und die Flammen auflodernd. +Das allerschönste und allergrößte und noch dazu das allerhöchste, das +war das Feuerl von dem Florl.</p> + +<p>Das Regele hatte einen weiten Weg tun müssen, um ihr Feuerl auch +richtig sehen zu können.</p> + +<p>Sie hatte, nachdem der Veit Galler fortgegangen war, rasch ein +dunkles Tuch übergeworfen und war mit flüchtigen Schritten von daheim +fortgelaufen.</p> + +<p>Ganz in unmittelbare Nähe, wo der Krämer saß,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> war das Mädel in +atemlosem Lauf gekommen, ohne daß der Mann sie bemerkt hätte. Sie hatte +ihn wohl erkannt, huschte aber rasch und lautlos und auf Umwegen an ihm +vorbei, hinunter dem Bergtal zu, wo ein hölzerner, schmaler Steg in +schwindelnder Höhe den brausenden Bach überspannte und zu der andern +Seite des Berges führte.</p> + +<p>Bei jedem Schritt, den man da tat, zitterte und krachte das +morsche Holz. Die Brücke schwankte und bog sich, als wollte sie +zusammenbrechen. Man mußte schon ganz schwindelfrei sein, um den engen +Steg, der kaum Raum für eine Person bot, zu überqueren.</p> + +<p>Bogenförmig überspannte die Brücke den Bergbach. Ein kleines, niedriges +Geländer zu beiden Seiten sollte Schutz gewähren gegen einen Fall in +die Tiefe. Wohl an die fünfzig Meter ging es hier in den Abgrund, und +brausend tobte der Wildbach in der engen Bergschlucht.</p> + +<p>Dieser Steg war der Teufelssteg, und ältere Leute mieden ihn in +abergläubischer Furcht. Nur jene benutzten ihn, welche die Bergmahd +jenseits des Baches zu mähen hatten, oder jene, welche den Weg kürzen +wollten, der zum Nachbarhochtal führte. Die meisten Leute aber gingen +den allgemein üblichen Talweg, wenn er auch zumindest um eine Stunde +länger war.</p> + +<p>»Weil's soviel schiach ist über'n Teufelssteg ...« sagten sie. »Und man +kann's doch nit wissen, ob nit amal a Unglück g'schiecht.«</p> + +<p>Vor etlichen Jahren war hier auch ein Unglück<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> geschehen, und seither +mied man den Steg noch mehr wie zuvor.</p> + +<p>Das war, als die Philomena Abfalter hier ihrem Leben ein Ende gemacht +hatte.</p> + +<p>Die Mena ... An die Mena mußte das Regele jetzt lebhaft denken, wie sie +inmitten des leicht schaukelnden Steges stand und in das tobende Wasser +tief drunten schaute.</p> + +<p>Ob es bei der Mena wohl auch so gegangen war wie bei ihr?</p> + +<p>Das Regele erinnerte sich noch deutlich an die Mena. Ein dickes, +dralles, junges Ding, mit hochroten Backen und lustigen, dunklen Augen. +Und hatte ein Kind gehabt, die Mena.</p> + +<p>Das Regele erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. An +einem Sonntagmorgen war es gewesen vor der Frühmesse. Da hatte die +Mena vor der Kirchentüre knien müssen, einen Strohkranz auf dem Kopf, +und hatte nicht hinein dürfen in das Gotteshaus, bis der Priester kam +und sie aussegnete. Dann erst war die Schuld von ihr genommen und sie +würdig befunden worden, den heiligen Raum zu betreten.</p> + +<p>Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet +und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht +geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute, +die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel +vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen +die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere +Leute sie mit barschen Worten gehen hießen.</p> + +<p>Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht +anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das +schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten +schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden.</p> + +<p>Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte, +nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte. +Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben +und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern.</p> + +<p>Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen +Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht +heiraten konnte.</p> + +<p>Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War +davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der +Berghöfe als Knecht verdingt.</p> + +<p>Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer +mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre +Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein +den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der +Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> +nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid +bis zu ihrer schweren Stunde.</p> + +<p>Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte +ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und +nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die +öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz.</p> + +<p>Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und +der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein +inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's +nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie +kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft +schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken.</p> + +<p>Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können. +Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu +herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und +nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit +gehen hieß.</p> + +<p>Da war das Mädel davongelaufen, und kein Mensch hatte sie mehr zu sehen +gekriegt.</p> + +<p>Einige Tage nachher, als man auf die Suche ging, fand man den leblosen +Körper des Mädels zerschellt im Bache auf. Von der Teufelsbrücke war +sie herabgesprungen, und ohne Priester und ohne Gebet war sie in +ungeweihter Erde begraben worden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Zwei alte und einschichtige Bauersleute, ledige und ehrsame Jungfrauen, +hatten sich um Gotteslohn ihres Kindes angenommen. Das Moidele hieß +es und war ein scheues kleines Mädel mit einem dummen, ausdruckslosen +Gesichtchen.</p> + +<p>Hatte nicht viel Pflege, das Moidele, aber genug zu essen. Denn alte +Jungfern, das weiß man wohl, können mit so kleinem Zeug nicht gut +umgehen. Aber sie waren gut zu dem Kind; und wenn es böse Worte waren, +die das Moidele zu hören bekam, dann waren es die Kinder aus der +Nachbarschaft, die sie ihr nachriefen ...</p> + +<p>Das Regele beugte sich vor über den Steg, so daß er stark schaukelte +und sie ein leichter Schwindel überfiel.</p> + +<p>Wenn sie es jetzt nun auch so machen würde wie die Mena? Ob es wohl +sehr wehe tat ... ein Sprung da hinab ... und alles wäre zu Ende ...</p> + +<p>Das Regele aber hatte den Mut dazu nicht. Sie hatte aber auch den Mut +nicht, das auf sich zu nehmen, was die Mena auf sich genommen hatte.</p> + +<p>Da droben, dort, wo der Florl das hoch emporlodernde Feuer entzündet +hatte, das jetzt langsam zu verlöschen begann ... dort droben war es +angegangen zwischen ihnen beiden.</p> + +<p>Dort, wo heute abend die fünf Holzstöße flackerten, da standen fünf +Almhütten. Eine regelrechte Siedelung war es, und die Leute hierzulande +nennen diese Hütten nicht Almhütten, sondern Asten. Die Aste dient als +Zwischenstation vom Tal zur Alpe. Wenn es am Joch noch zu kalt ist, +dann weidet das Vieh<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> auf der Aste. Das Heu der Almwiesen wird auf der +Aste eingelagert.</p> + +<p>Ein lustiges, reges Leben ist da mitunter im Frühjahr und im Herbst auf +den Asten. Und gar erst da droben, wo fünf Asten in enger Nachbarschaft +vereinigt waren. Da wird gesungen und getanzt und auf der Ziehharmonika +oder Zither Musik gemacht.</p> + +<p>Der Florl und der Wastl waren beide auf je einer der Asten bedienstet. +Den ganzen Sommer über waren sie da droben. Ein jeder von ihnen hatte +etliche Stück Vieh zu betreuen und nebenbei Käse und Butter zu machen.</p> + +<p>Arbeit gab's genug, und der Tag dauerte ihnen niemals lang. Ab und zu +kam Besuch vom Tal herauf. Das waren die Knechte von den Bauern, welche +die Butter und den Käse abzuholen hatten.</p> + +<p>Aber noch andern Besuch bekamen die Burschen manchmal, der ihnen lieb +war und den Tag verschönte.</p> + +<p>Die Perlmoserischen von dem kleinen Hochtal unten, in dem das Regele +daheim war, besaßen auch eine der fünf Asten.</p> + +<p>Gerade zwischen dem Florl und dem Wastl seiner war die von den +Perlmoserischen. Und da hauste der Jackl, der älteste Sohn des +Perlmoser.</p> + +<p>Da die Perlmoserischen keine fremden Dienstboten anstellten, mußten die +Töchter, die dem Jackl im Alter am nächsten waren, diejenigen Arbeiten +verrichten, die sonst von Rechts wegen eigentlich den Männern zukamen. +Sie trugen in schwerbeladenen Kraxen Käse<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> und Butter ins Tal und +mähten mit kräftigen Armen, weitausholend das Gras der Almenmahd ihres +Vaters.</p> + +<p>Sie waren robuste, kernkräftige Mädeln, die drei Perlmoserischen. Ganz +besonders aber die Genovefa Perlmoser, kurz Vef genannt.</p> + +<p>Das war eine Freude, der bei der Arbeit zuzusehen. Wie die schaffen und +tragen konnte mit ihren neunzehn Jahren! Hochgewachsen und üppig war +sie, hatte hellblondes Haar mit dicken Zöpfen, ein zartrosiges Gesicht +und hellblaue, lachende Augen. Lachen tat sie überhaupt gern, die Vef. +Und zeigte dabei gesunde weiße Zähne und entzückende Grübchen in beiden +Wangen.</p> + +<p>Kein Wunder, daß dem Wastl die Vef so gut gefiel und daß er allen +Ernstes daran dachte, sie zu heiraten.</p> + +<p>Als der Wastl der Vef dies zum erstenmal sagte, da lachte das Mädel, +daß man's weithin hören konnte.</p> + +<p>»Möcht' wissen, von was wir zwoa heiraten sollten! Du nix und i nix +... Das gab' a nette Wirtschaft ab! Nua ... i amal nit! Zuerst muß i +wissen, wohin i nacher g'hör' ... sonst lass' i mi nit ein mit dir.«</p> + +<p>Und dabei blieb's. Sie war viel vorsichtiger in der Liebe, die Genovefa +Perlmoser, wie das kleine, dumme Regele. Freilich, das Regele war auch +noch jünger, ein halbes Kind und daß der Florl so ungestüm war und +es beim Küssen allein nicht bewenden ließ, das hatte sie wirklich zu +Anfang ihrer Liebschaft nicht wissen können.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>Aber schön war's doch gewesen!</p> + +<p>Wenn das Regele genauer darüber nachdachte, wie das eigentlich alles +so hatte kommen können, dann mußte sie immer wieder der verflixten +Singerei die Schuld geben. Die und nichts anderes trug die Hauptschuld. +Denn hätte die Perlmoser Vef das Regele nicht immer wieder geholt, daß +sie mit ihr singe, dann hätte der Florl nicht die Gelegenheit gefunden +für seine Annäherung.</p> + +<p>Die Perlmoser Vef und das Regele konnten nämlich gar so schön zusammen +singen. Und taten es auch gern. Schon von Kindheit auf übten die beiden +Nachbarskinder die schönsten Lieder und Jodler ein. Das Regele sang +mit glockenheller Stimme und nahm auch den höchsten Ton mit spielender +Leichtigkeit, und die Vef hatte einen weichen, vollen Alt, der warm und +innig klang wie der Ton einer Glocke aus edlem Metall.</p> + +<p>An den langen Winterabenden saßen sie gar oft in der überhitzten Stube +beim Perlmoser und sangen. Dann griff die Vef in die Saiten ihrer +Laute, und oft spielte das Regele die Begleitung auf der Zither.</p> + +<p>Die schönsten musikalischen Abende hatten sie da oben in ihrem einsamen +Bergtal. Die Vef und das Regele waren so aneinander gewöhnt, daß sie +vermeinten, die eine könne ohne die andere gar nicht so recht singen.</p> + +<p>So war es denn auch die Vef gewesen, die das Regele immer wieder +mit hinauf aufs Alpl nahm. Der Mutter war's freilich nicht immer +recht gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Man tut ja gern eine Gefälligkeit und erst gar den +Nachbarsleuten; aber schließlich, das Regele war die Hauptarbeitskraft +zu Hause, und daheim blieb dann die Arbeit liegen. Denn oft kam das +Mädel tagelang nicht vom Alpl herunter.</p> + +<p>Daß es da droben oft bis spät in die Nacht hinein lustig zuging, das +wußte die Bäurin sehr wohl. Gar so lang war's ja schließlich nicht her, +seitdem sie selber jung gewesen war. Und sie gönnte ihrem Mädel ja gern +ein bissel Unterhaltung.</p> + +<p>Singen und Zitherspielen und auch ab und zu ein bissel Tanz, was war da +viel dabei. Die Mädeln gaben ja acht aufeinander, und das Regele konnte +ja kaum noch als ein richtiges ausgewachsenes Dirndl gelten. Wenigstens +sah die Mutter immer noch das Kind in ihr.</p> + +<p>Aber auch die andern Leute nahmen das Regele nicht ernst. So hatte der +Wastl das Regele mehr als einmal mitleidig ein Grispele geheißen, an +dem nichts sei wie Haut und Knochen.</p> + +<p>Der Wastl wäre also nicht zu fürchten gewesen. Dem Florl freilich, dem +traute die Bäurin nicht über den Weg. Der hatte ein so übermütiges +Spitzbubengesicht, und die Bäurin konnte ihn überhaupt nicht leiden. +Wenn er einmal beim Söllerbauer zukehrte, dann war sie immer mürrisch +und unfreundlich zu ihm und maß ihn mißtrauisch von der Seite.</p> + +<p>Als die Vef wieder einmal zum Söllerbauer herüberkam, um das Regele nur +grad für einen Tag aufs Alpl hinauf auszubitten ... »weil wir's iatz<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> +grad gar so viel gneatig hab'n und 's Grummet döcht aa no trocken einer +bringen möchten ...« da meinte die Bäurin etwas besorgt: »Ös werd's +epper nit grad alleweil arbeiten da oben. I moan völlig, ös tanzt's die +halben Nächt' durch, weil's Madel alleweil gar a so verschlafen ist, +bald's aber kimmt.«</p> + +<p>»Tanzen tian mir freilich aa!« lachte die Vef ihr strahlendes Lachen. +»Zu was war'n wir denn jung? Beim Tag arbeiten, daß die Schwarten +krachen, und auf d' Nacht singen und aufspielen und tanzen.«</p> + +<p>»Mei ...« machte die Bäurin mürrisch und stemmte nachlässig den Arm in +die breite Hüfte. »I vergunn's enk wohl. Aber 's Regele ist grad so +viel jung no. Die gang' aa g'scheiter schlafen.«</p> + +<p>»Sell tut sie schon!« bestätigte das Mädel lebhaft. »Wir schlafen aft +schon aa, bald wir müd sein!« Sie lachte übermütig und zeigte dabei +ihre blendend weißen Zähne.</p> + +<p>»Tust mir halt a bissel achten aufs Madel, gelt, Vef?« bat die Bäurin +besorgt. »Woaßt wohl, dö Löder ...«</p> + +<p>»Wir sein alleweil beinand, wir Madeln!« beruhigte sie die Vef. »Da +g'schiecht nix. I schau' schon drauf. Und dö Löder haben wohl aa mehr +z' tian, als wie grad auf das Grispele aus zu sein.«</p> + +<p>Das Grispele! Dieser Spitzname, den ihr der Wastl aufgebracht, der war +dem Regele geblieben. Und daß man sie noch immer nicht für voll gelten +ließ, das war's ja auch, was dem Florl die Liebschaft mit ihr so leicht +machte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>Niemand außer ihm selber schien das Regele als erwachsenes Mädel zu +betrachten. Das kam daher, weil sie so klein und zierlich war und ein +so kindliches Gesichtchen hatte.</p> + +<p>In dem kindlichen Gesicht aber hatte das Regele einen kleinen, +kirschroten Mund, dessen volle Lippen immer leicht fragend offen +standen. Und diese leicht geöffneten Lippen erschienen dem Florl +sehnsüchtig und hungrig und lockten ihn, sie einmal gewaltsam mit den +seinen zu schließen.</p> + +<p>Droben, wo das Feuerl heute abend zu höchst brannte, da war's gewesen, +wo der Bursch keck und übermütig das Regele um die Mitte nahm, ihr das +dunkle Köpfchen nach rückwärts bog und sie nach Herzenslust abküßte.</p> + +<p>»Du ... lass' mi ...« wehrte sich das Mädel schwach. »I schrei ...«</p> + +<p>»Schrei, wenn du kannst ... du ...« neckte sie der Florl übermütig und +zog das zarte Geschöpf zu sich ins Gras herab. Dann nahm er sie wie ein +Kind aufs Knie und busselte sie ab, daß ihr Hören und Sehen verging.</p> + +<p>»Hätt' nit denkt, daß deine Busseln gar a so fein schmecken!« neckte er +sie dann. »Völlig nit g'nug kunnt oans kriag'n davon.«</p> + +<p>Dem Regele schienen die seinen gleichfalls sehr zu munden. Wenigstens +machte sie keine Miene, sich aus seinen Armen loszureißen, sondern +hielt ihm immer wieder ihr kirschrotes Mäulchen entgegen.</p> + +<p>So nahm sich denn der Florl, was ihm das Mädel<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> nicht weigerte. Eine +richtige leichtsinnige Liebschaft war's. Das erste Erwachen der Sinne +zweier unreifer Menschen.</p> + +<p>Eine heiße Liebe war's, die an nichts dachte, keine Folgen fürchtete +und nur dem seligen Augenblick sich hingab.</p> + +<p>Am Alpl unten merkten sie von nichts. Die Vef konnte mit Recht die +Söllerbäurin beruhigen. Das Regele war abends immer bei ihr und ihren +beiden Schwestern, tanzte und sang mit ihnen und schlief mit ihnen in +der niedern Holzkammer bis zum Morgengrauen.</p> + +<p>Tagsüber jedoch, wenn sie das Dirndl bei der Arbeit glaubten, da fand +das Regele immer einen Vorwand, sich von den übrigen abzusondern. Und +die andern achteten nicht weiter auf sie. Was konnte man denn beim +hellichten Tag anders tun als arbeiten?</p> + +<p>Der Florl war keck genug und kam nun auch zu seinem Mädel, wenn sie +drunten war im Elternhaus. Schlich zu ihr auf Umwegen und in der +Dunkelheit der Nacht, trotz Wind und Wetter. Und im Winter machte er +den weiten Weg zu ihr vom Tal herauf. Stapfte durch Schnee und Eis, und +der Söllerbauer wunderte sich oftmals in der Frühe, wenn er die Haustür +öffnete und den angefrorenen Schnee gewaltsam mit den Füßen von den +Pfosten stieß, über die frischen Spuren.</p> + +<p>»Wer ist denn grad wieder in der Nacht bei all'n Wind und Wetter da +aufergangen? A so a damischer Loder ... a damischer!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Und der Söllerbauer schüttelte unwillig seinen Kopf. »Dö jungen Leut' +von heutzutags ...« und dann brummte er etwas in seinen struppigen, +leicht ergrauten Bart hinein.</p> + +<p>Sein Verdacht lenkte sich auf den Nachbarshof und auf die +Perlmoserischen mit den drei bildsaubern Töchtern. Daß das Regele es +war, die den Fensterlbesuch in der Nacht erhalten hatte, an das dachte +kein Mensch am Hof, am wenigsten der Söllerbauer.</p> + +<p>Die Sorge der Mutter um das Dirndl war behoben, sowie sie das Regele +unter dem Schutz des väterlichen Daches wußte. Und gar so tief war die +Sorge auch nicht gewesen. Die Bäurin hatte an mehr zu denken den lieben +langen Tag, wie an das Regele.</p> + +<p>Da schrie ein Kind und wollte betreut sein, und dort balgte sich ein +anderes. Da hatte ein Bub ein Loch in die Hose gerissen, und dort stand +eine Schüssel nutzlos herum und war im Wege. Da mußte man schimpfen +und zanken und zwischendurch auch wieder ein bissel arbeiten und dann +wieder nach dem Regele schrein, daß es helfe, die Schäden zu heilen.</p> + +<p>In dem täglichen Ärger über Nichtigkeiten eines einförmigen Lebens +kam die Frau gar nicht dazu, sich viel um ihre älteste Tochter zu +bekümmern. Sie war bei ihr, und das genügte ihr. So bemerkte sie es +auch gar nicht, daß das Mädel von Tag zu Tag blässer wurde und mager +und schlecht auszusehen anfing.</p> + +<p>Denn nun hatte es das Regele mit der Angst zu tun. Die Folgen ihres +Leichtsinns waren nicht ausgeblieben,<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> und lange dauerte es nicht mehr, +dann würde ihre Schande offenkundig werden.</p> + +<p>Das Regele wußte, daß der Vater sie in seinem Zorn halbtot schlagen +würde, und sie fürchtete sich vor dem Ausbruch seiner Wut. So gutmütig +der Söllerbauer für gewöhnlich war, so maßlos heftig konnte er im Zorne +sein. Und das Regele wußte auch, daß sie von nun ab keine gute Stunde +mehr bei der Mutter haben würde. Geächtet und verachtet würde sie +herumgehen, wie damals die Mena.</p> + +<p>Wenn das Regele dran dachte, daß sie nur mehr wenige Wochen ihre +Schande würde geheimhalten können, dann überlief es sie eiskalt. Nur +noch ein paar Wochen, und sie wußten es alle, wie es um sie stand ...</p> + +<p>Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte +mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe.</p> + +<p>Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das +Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so +reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie +brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ... +dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig, +und es war geschehen.</p> + +<p>Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig +ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest.</p> + +<p>Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Bewegung, und unten +spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es, +als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht +auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu.</p> + +<p>Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ... +Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei.</p> + +<p>Und dann?</p> + +<p>Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl +kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder +nicht.</p> + +<p>Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der +Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von +Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein.</p> + +<p>Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den +Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war +doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern.</p> + +<p>Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber +sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres +Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten +Augen in die Tiefe starrte.</p> + +<p>Mochte das bleiche Gesicht der toten Mena auch locken da unten. Das +Regele würde ihr nicht folgen. Das vorhin war nur so eine Anwandlung +gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Gott sei Dank ... das war nun glücklich überstanden.</p> + +<p>Von abergläubischer Furcht gepackt, flüchtete das Mädel jetzt von der +schmalen Brücke fort und achtete in ihrer Angst gar nicht, daß der Steg +in allen Fugen ächzte und krachte und sich heftig schaukelnd bog.</p> + +<p>Nur fort ... fort von da! Es war doch nicht ganz geheuer mit dem +Teufelssteg ... Bei einem Haar, und sie hätte sich in den Abgrund +gestürzt. Und das Gesicht der toten Mena hatte sie ganz deutlich aus +dem Wasser aufsteigen sehen ...</p> + +<p>Zitternd vor Kälte und Aufregung wickelte sich das Mädel fest in das +warme Tuch ein.</p> + +<p>Die Lichter auf den Bergen und im Tal waren nun verglommen, und auch +das Feuerl des Florl war nur mehr ein schwach leuchtender Punkt, gleich +einem verblassenden Stern.</p> + +<p>Was der Florl wohl dazu sagen würde, wenn das Regele verschwunden war? +Denn nun stand es in der Einsamkeit dieser Stunde bei dem Mädel fest, +daß sie nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Sie wollte und konnte +sich nicht aus dem Leben schaffen, aber sie wollte sich auch nicht der +Schande preisgeben.</p> + +<p>Allmählich hatte das Regele ihren atemlosen Lauf eingedämmt und ging +jetzt, ruhiger geworden, fast langsam die mondbeleuchteten Bergwiesen +hinan, dem Dörfl zu.</p> + +<p>Wohin sie jetzt wohl ihre Schritte lenken sollte? Zu dem Florl flüchten +in ihrer Not?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>Das hätte wenig Zweck gehabt. Der Florl konnte ihr ja nicht helfen und +sie nicht schützen. Wenn er auch immer wieder versichert hatte: »I +verlass' di nit, Madel. Ganz g'wiß nit. Und wie i 's Geld beinander +hab', heirat' i di ...«</p> + +<p>Jetzt konnte er sie ja nicht heiraten. Und bis er das Geld dazu +aufbringen würde, bis dahin konnten sie beide alte Leute werden.</p> + +<p>Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn +wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge +Menschenkinder in Liebe zueinander fanden?</p> + +<p>Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine +Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam +und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen. +Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin.</p> + +<p>Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer +Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie +zu ebener Erde Licht schimmern.</p> + +<p>Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht +verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das +gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte +es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch +nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen +Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen, +leichtsinnigen Mädels?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<p>Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und +die Bergstraße hinunter ins Haupttal.</p> + +<p>Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu +wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging, +desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln +gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige +Zuversicht.</p> + +<p>Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie +kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch +hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der +Heimat und der drohenden Schande!</p> + +<p>In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer +erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt +das Mädchen mutig fürbaß.</p> + +<p>Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den +stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie +von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie +noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn +antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber +wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit +gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing.</p> + +<p>Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das +Tal. Alles wär ihr hier<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> fremd und unbekannt, und die Berge, die sich +dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu.</p> + +<p>Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen +Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im +Morgendämmer.</p> + +<p>Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen +Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort +von der Heimat, so weit als möglich.</p> + +<p>Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur +erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten +verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt +rüstig weiter.</p> + +<p>Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon +vermissen und ihr jemand nachschicken.</p> + +<p>Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein +Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn +sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war.</p> + +<p>Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres +Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena +gefolgt war?</p> + +<p>Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr +heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren +Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und +ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> hatte. Mit Vorwürfen hatte +sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl +war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort +verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut.</p> + +<p>Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl +jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde?</p> + +<p>Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam +sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und +mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer +kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr +begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne +auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der +Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum +entlang.</p> + +<p>Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher. +Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder +des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie.</p> + +<p>Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen +Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine +Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie +Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und +grausam.</p> + +<p>Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> ihres Heimatstales +vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da. +Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt, +erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem +Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in +sich auf.</p> + +<p>Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das +einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an +dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich, +und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt +verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig.</p> + +<p>Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das +Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie +wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen +und im Freien nächtigen.</p> + +<p>Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen +das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute +verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre +älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd +und schwer verständlich war.</p> + +<p>Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen +Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und +schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie +hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer +engern Heimat war weit schlichter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<p>Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen +Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das +alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam +verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen +faßte.</p> + +<p>Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen +war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie +fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und +hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe.</p> + +<p>»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem +Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen.</p> + +<p>»An Dienst suchen.«</p> + +<p>»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere.</p> + +<p>Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie +gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen, +etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?«</p> + +<p>»Auf Schwaz, meinst?«</p> + +<p>»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl.</p> + +<p>»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln +resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn +d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's +Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend +hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die +Augen schossen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber +doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg +fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der +Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie +lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das +Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war.</p> + +<p>Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben +im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das +Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich.</p> + +<p>Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß +sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte.</p> + +<p>Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen +davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen +Häusern, die es dort geben sollte.</p> + +<p>Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor +mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie +die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das +feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel +zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück.</p> + +<p>Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder +zuversichtlicher geworden. Nun<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> sah sie den stattlichen Ort vor sich +liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines +Berges.</p> + +<p>Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus +dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen +gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu +sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und +Häuser inmitten blühender Gärten.</p> + +<p>Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen +bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf +dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen.</p> + +<p>Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr +vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und +vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und +dumpf.</p> + +<p>Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr +beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde +Mädel in seinem ärmlichen Aufzug.</p> + +<p>Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte +sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe +der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die +Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie +aus dem dämmrigen Gäßchen hervor<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und ging zur Kirche. Vorsichtig und +unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß +ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße +mißtönigen Lärm verursachten.</p> + +<p>Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und +war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt +nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß +ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne +hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand.</p> + +<p>Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und +mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles +Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern +und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen.</p> + +<p>Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie +eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer +Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in +die frische, laue Frühlingsluft.</p> + +<p>»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und +sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm, +konnte aber kein Wort hervorbringen.</p> + +<p>»Wo bleibst denn?« erkundigte sich das Weiblein weiter.</p> + +<p>Erschrocken und furchtsam schaute das Mädel auf. Sie hatte sich auf der +Steintreppe der Kirche niedergelassen<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> und schwer den schmerzenden Kopf +in die Hand gestützt.</p> + +<p>»Wo du bleibst?« wiederholte die Alte ihre Frage.</p> + +<p>Das Regele wies mit der Hand vor sich hin. »Da!« sagte sie tonlos. Sie +fand auch jetzt den Mut nicht, die Wahrheit einzugestehen.</p> + +<p>»Hast Verwandte da, ha?«</p> + +<p>Wieder nickte das Mädel und barg den Kopf in beide Hände. Daß es ihr so +schwer fiel, mit den Menschen zu reden, die es vielleicht gut mit ihr +meinten!</p> + +<p>Die Alte sah, daß das fremde Mädel keine Auskunft geben wollte und +plagte sie nicht weiter mit ihren Fragen.</p> + +<p>»Ist dir schon wieder besser, gelt?«</p> + +<p>Das Regele nickte bestätigend. In Wahrheit aber fühlte sie sich schwach +und krank.</p> + +<p>Die Alte war wieder in die Kirche zurückgegangen, und das Regele +schleppte sich müde und elend von dem Kirchenportal fort und schlich +langsam und demütig durch stille, einsame Gäßchen bis hinauf zu den +letzten Häusern, die zu Füßen eines alten Turmes lagen. Hier oben in +freier Höhe mit dem weiten Blick ins Inntal wurde ihr leichter.</p> + +<p>Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume +und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein +Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und +warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des +Ortes.</p> + +<p>An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> das Mädel niedergelassen +und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier +blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch +sah sie.</p> + +<p>Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger +Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer.</p> + +<p>Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich +schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber +so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen +anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig, +und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von +Minute zu Minute.</p> + +<p>Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte +schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die +Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz +gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.</p> + +<p>Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen +in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!</p> + +<p>Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme +fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher +kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an +dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<p>Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz +faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen. +Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.</p> + +<p>Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins +Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt +hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich +das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die +Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.</p> + +<p>Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie +heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr +für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.</p> + +<p>Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele +hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem +dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer +Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der +Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den +sie nun finden sollte.</p> + +<p>Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche +Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, +weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen +Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> quiekten +morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.</p> + +<p>Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im +Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas +verdeckte.</p> + +<p>Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den +Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem +Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.</p> + +<p>Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das +Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.</p> + +<p>Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines +heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden +Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter +zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus +ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie +gekommen war.</p> + +<p>Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und +lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in +ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am +Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?</p> + +<p>Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang. +Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal +die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte +sich das Feld der Toten, und es erschien ihr<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> nicht mehr still und +lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden. +Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel +in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß +stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.</p> + +<p>»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«</p> + +<p>Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen +hatte.</p> + +<p>Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ...</p> + +<p>Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von +daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie +quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen.</p> + +<p>Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre +Hände.</p> + +<p>»Heilige Mutter Maria, hilf mir!«</p> + +<p>Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot.</p> + +<p>Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der +unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das +bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher +heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar +nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte. +Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht +schrie.</p> + +<p>»Heilige Muttergottes, hilf!« ...</p> + +<p>Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> zu öffnen kam, ein +blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf.</p> + +<p>Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern. +Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber.</p> + +<p>Und gebar einen Buben ...</p> + +<p>Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem +Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort.</p> + +<p>Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so +gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des +kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das +Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und +wollte auch an nichts denken.</p> + +<p>Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht +gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den +Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten.</p> + +<p>Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben +ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu +bleiben.</p> + +<p>Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch +immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen +leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ...</p> + +<p>Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen +Tuche eingewickelt im<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen +sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last?</p> + +<p>Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte +keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte +sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein.</p> + +<p>So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an.</p> + +<p>»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten, +polternden Art und fletschte die Raubtierzähne.</p> + +<p>Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels.</p> + +<p>»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut +und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding +auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?« +erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine +Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er +dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends +aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am +Wegrand hin und brachte sie zum reden.</p> + +<p>Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen +worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der +aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und +voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die +warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens.</p> + +<p>»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer +Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt +mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit +der Hand über die Wangen.</p> + +<p>Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos.</p> + +<p>»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine +Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des +Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann. +»Weil er nit amal rearen tut.«</p> + +<p>»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte +wenig Freude an dem Kind.</p> + +<p>»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter.</p> + +<p>»Naa.«</p> + +<p>»Nit? Ja ... und nachher?«</p> + +<p>»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig.</p> + +<p>Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken.</p> + +<p>»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er.</p> + +<p>Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die +Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem +Kramer Veit.</p> + +<p>Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> der Kramer zugehört. +Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen.</p> + +<p>»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin.</p> + +<p>»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und +weniger mutlos wie zuvor.</p> + +<p>Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen +an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das +derbe, kraftvolle Gesicht.</p> + +<p>»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n. +I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir +dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit +da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm +enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld +habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav +bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!«</p> + +<p>Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug +ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl +würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll +Vertrauen auf den Kramer Veit.</p> + +<p>Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine +Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das +Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<h2>Viertes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>In der kleinen, behaglich ausgestatteten Stube, die an den Kramladen +anstieß, saß die Notburg und arbeitete. Einen ganzen Stoß Wäsche hatte +sie vor sich auf dem Tisch aufgestapelt, und neben ihrem Sitz auf +der Holzbank, die rings um die getäfelten Wände lief, lag noch ein +ansehnlicher Pack zum Ausbessern. Socken und Unterhosen und weiße und +farbige Hemden lagen da hübsch säuberlich gewaschen und geordnet zur +Flickarbeit hergerichtet.</p> + +<p>Recht zerlumpt war er eigentlich wieder heimgekommen, der Veit. So viel +Wäsche und Zeug er auch mitgebracht hatte, überall fehlte etwas.</p> + +<p>Zwei große Holzkoffer hatte der Bote, der einmal in jeder Woche seinen +mit Blachen überspannten Wagen hinaus ins Inntal fuhr, für den Veit +Galler mitgebracht. Bis zu dem stattlichen Dorf, dem Hauptort des +Tales, lieferte der Bote das Gepäck. Von dort aus mußte es abgeholt +werden; und da die beiden Koffer zum Aufladen für einen Maulesel +viel zu unbequem und schwer gewesen wären, mußte sich der Veit einen +Leiterwagen und ein Pferd ausborgen und sein Gepäck selber ins Dörfl +hinaufbringen.</p> + +<p>Das gab ein Geschau, als der Kramer Veit mit den großen, dunkel +angestrichenen Holzkoffern angerückt kam. Und ein neugieriges Fragen +von allen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Seiten war es, was für schönes, wertvolles Zeug denn wohl in +dem Gepäck verborgen sein würde.</p> + +<p>»Mei ...« machte die Notburg und hob die Achseln gleichgültig. »Halt +aa grad' Wäsch' und a bissel a G'wand. Muß halt erst z'sammg'flickt +werden, weil's aa grad' umadum z'rissen ist.«</p> + +<p>»Freilich! Freilich!« pflichtete ihr die Fragerin, eine ältere Bäuerin +aus dem Nachbarhause, bei. »An oanschichtig's Mannsbild ... woaß man +wohl! Hat aa koan Mensch nit, der ihm eppas antat'! Wirst eppar gar +nimmer fertig werd'n mit der Arbeit, bis er wieder fort geht, der Veit, +ha?« fragte sie mit lauerndem Blick.</p> + +<p>»Ah wohl. I dermach's leicht no!« erwiderte die Notburg kurz und +schroff.</p> + +<p>»Freilich! Freilich! Derweil hast aa leicht. Woaß man wohl!« stimmte +die Nachbarin eifrig zu.</p> + +<p>Sie hätte gar zu gerne etwas von dem Inhalt der beiden Koffer gesehen +und war herüber gekommen, der Notburg ihre Hilfe beim Auspacken +anzubieten. Die Notburg aber ließ die Koffer inmitten der kleinen +Wohnstube stehen, wie sie waren, und klappte nur noch rasch die Deckel +zu, ehe sie sich gegen die Besucherin wandte.</p> + +<p>Die blieb unter der Türe stehen und getraute sich nicht weiter +hereinzukommen und auch nicht mehr weiter zu fragen. Die Notburg +machte ein so entschiedenes, abweisendes Gesicht und war so gar nicht +zugänglich für kleine nachbarliche Vertraulichkeiten.</p> + +<p>Wenn man's so recht betrachtete, war der Veit<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> gerade auch nicht zu +neiden mit seinem mürrischen Weib, dachte die Bäuerin bei sich. Dann +kehrte sie wieder langsam in ihr eigenes Haus zurück und sah von dort +aus noch eine Weile neugierig durch das kleine Gitterfenster hinüber +zum Kramer.</p> + +<p>Geschah der Notburg eigentlich doch ganz recht, der Z'widerwurzen, wenn +ihr der Mann bald wieder durchging. Es war kein freundlicher Blick, +den die Nachbarin hinüber warf zur Notburg, deren Gestalt für einen +Augenblick am Hauseingang zu sehen war.</p> + +<p>Das glaubte einmal kein Mensch der Notburg, daß der Veit weiter nichts +als Wäsche und Kleider in den Koffern hatte! War ein recht ungut's +Ding, die Notburg! Hätte doch auch ein bissl was reden und deuten +können, was in den beiden Koffern steckte!</p> + +<p>Gar nicht mehr loskommen konnte die Nachbarin von den Koffern. +So geheimnisvoll und fremdländisch wie die aussahen! Und sollten +ordentlich schwer gewesen sein. »Völlig nit zum derlupfen ...« +erzählten die beiden Burschen, die dem Kramer Veit beim Abladen der +Koffer behilflich gewesen waren.</p> + +<p>Und der Veit hatte gar so viel lustig und selbstzufrieden +dreingeschaut. War in Hemdärmeln vor der Türe gestanden und hatte grad' +kommandiert. Und aus vollem Halse gelacht hatte er, weil ihm der eine +Koffer beinahe aus den Händen gerutscht war.</p> + +<p>Die Leute munkelten im Dörfl, daß dieser Koffer bestimmt voll Gold +gewesen war; denn ein paar Weiber, die beim Abladen ganz in der Nähe +gestanden<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> waren, hätten darauf schwören können, daß sie deutlich etwas +darin hatten herumrollen hören, das wie Gold geklungen habe.</p> + +<p>Die Notburg hätte es weiter auch nicht nötig gehabt, so g'sparig zu +tun und den ganzen lieben langen Tag über ihrer Flickerei zu hocken. +Natürlich! Von reichen Leuten konnte man sparen lernen, und geizig +waren sie beide ganz gleich, die Notburg und der Veit.</p> + +<p>Kaum daß sich der Kramer etliche Wochen daheim ausgerastet hatte, war +er schon wieder auf und davon gegangen. Hatte seine Kraxen auf die +Schulter genommen und war damit nach Innsbruck hinauf gewandert. Ganz +wie in früheren Jahren, da er noch kein so wohlhabender Mann gewesen +war.</p> + +<p>Nur war die Kraxe, die er aus dem Tal hinaustrug, diesmal leer gewesen +und nicht mit Käselaiben schwer beladen wie in früheren Zeiten, so daß +man oft vor lauter Gewicht den Kopf des Trägers kaum mehr sehen konnte. +Ein bißchen bequemer und leichter hatte sich's der Kramer Veit also +doch jetzt eingerichtet.</p> + +<p>Die Leute im Dörfl sahen und belauerten ganz genau, was bei dem Kramer +vorging. Und die Notburg hatte jetzt oft auch an Werktagen einen ganz +regen Geschäftsverkehr im Ladele. An den Sonntagen aber, gleich nach +der Frühmesse, da gab's im Ladele jetzt Hochbetrieb. Aus den Berghöfen +der Nachbartäler kamen die Bauern und kauften ein. Sie mußten sich doch +mit eigenen Augen überzeugen, wie<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> der Kramer Veit eigentlich jetzt +ausschaute, und was er zu erzählen wußte.</p> + +<p>Die Weiber kamen ins Ladele, kauften ein paar Kleinigkeiten und fingen +an, der Notburg ausführlich über ihr eigenes Leben und Treiben zu +berichten. Dabei spähten sie neugierig durch die Türe, die ins Innere +des Häuschens führte, ob sie den Veit nicht doch zu sehen kriegten. +Und wenn er sich nicht zeigte, dann fragten sie nach ihm. Wenn sie +schon einmal da herinnen waren, dann wollten sie ihn wenigstens auch zu +Gesicht kriegen.</p> + +<p>Es war sonderbar, wie rasch die Kunde von der Heimkehr des Kramer Veit +nach überallhin gedrungen war. Eine Neuigkeit benötigt weder Post noch +andere Verbindungsmittel. Sie fliegt förmlich durch die Luft, eilt von +Mund zu Mund bis in die entlegensten Berghöfe. In der Einsamkeit sind +die Menschen hungrig nach Ereignissen. Es berichtet der eine dem andern +ungefragt, was er gehört hat und was sich im Umkreis ereignet hat.</p> + +<p>Auch die Männer kamen an den Sonntagen nach der Frühmesse ins Ladele. +Standen mit ihren steifen, ungelenken Beinen breitspurig herum, +entzündeten sich umständlich ihre Pfeifen oder klopften die Asche +heraus und redeten dabei auf ihre Weise mit dem Kramer Veit. Sie +sprachen mit ihm ganz wie in früheren Zeiten, als ob er nie von ihnen +fortgewesen wäre, und sie lobten ihn untereinander, weil er sich immer +gleich geblieben war, gar nicht stolz geworden war und Anteil nahm an +ihren Interessen ganz so wie in früheren Jahren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Auch die Weiber sprachen sich leicht mit dem Veit. Viel leichter +wie mit der Notburg, der man ja jedes Wörtl förmlich aus dem Mund +herausziehen mußte.</p> + +<p>Das war beim Veit anders. Der erzählte ihnen frisch und lustig, was sie +wissen wollten, und lachte mit ihnen ... laut und polternd, daß es eine +Freude war, ihn anzusehen.</p> + +<p>Das gab oft einen Spektakel ab im Ladele! Die Notburg war an den vielen +Lärm gar nicht mehr gewöhnt und bekam einen ganz wirbligen Kopf davon. +Denn all die Jahre her, wo sie einsam hier gehaust hatte, war der +Geschäftsbetrieb nur flau gewesen. Auch an Sonntagen. Da kamen wohl +auch die Bäurinnen, aber sie hielten sich nicht lange auf im Ladele. +Denn ratschen und sich miteinander unterhalten, das konnte man am +Dorfplatz draußen weit besser, als in dem engen Raum drinnen.</p> + +<p>Jetzt aber, da der Veit hier war, jetzt war's völlig unterhaltsam +da drinnen. Der erzählte mit seiner lauten, polternden Stimme, und +die Weiber brauchten sich keinen Zwang anzutun, um ihre Stimmen +einzudämmen, sondern konnten auch mitreden, wie ihnen der Schnabel +gewachsen war.</p> + +<p>Reden aber, besonders wenn es recht freundlich klingen soll, bedeutet +bei den Bergbauern, daß sie sich gegenseitig mit der ganzen Kraft, +deren ihre Lungen fähig sind, anschreien. Das Schreien, das sind sie so +gewohnt und merken es gar nicht. Würden es auch arg verübeln, wenn man +sie darauf aufmerksam machte.</p> + +<p>Sie wohnen entlegen und oft stundenweit entfernt<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> voneinander und +begegnen sich nur selten. Sehen sie einmal einen zufällig des Weges +kommen, dann grüßen sie ihn von ferne. Bieten ihm die Tageszeit und +halten für eine Weile mit der Arbeit im Feld inne. Und er ruft ihnen +den Gruß zurück und fügt wohl auch ein scherzhaftes Wörtl hinzu.</p> + +<p>Oft können sie die Gesichter gegenseitig kaum richtig unterscheiden +und sehen nur von ferne, ob es ein Bekannter ist, und ob er jung oder +alt sei. Aber sie hören gegenseitig ihre Stimmen und rufen sich die +Neuigkeiten aus der Ferne zu.</p> + +<p>So ein Geschnatter am Sonntagmorgen, wenn sich Bergbäurinnen +zusammenfinden, muß man gehört haben! Das schreit und lärmt in +langgezogener, etwas singender Mundart. Lauter gute, freundliche Worte, +die aber ungeübten Ohren unverständlich und rauh vorkommen.</p> + +<p>Veit Galler, der Krämer, aber verstand sie, und ihn störte der Lärm +der schreienden Stimmen nicht im mindesten. Er freute sich über den +heimischen Klang wie ein Kind, und dieser erschien ihm wohltönend und +schöner wie Musik.</p> + +<p>Völlig beliebt hatte sich der Kramer Veit seit seiner Rückkehr bei den +Bergbauern gemacht. Von allen Seiten lud man ihn ein, doch auch einmal +zu ihnen zu kommen und einen Schnaps bei ihnen zu trinken.</p> + +<p>Die Leute im Dörfl waren nicht so zuvorkommend wie die Bergeler. Das +kam daher, weil sie den Veit doch für einen ihnen Fremdgewordenen +hielten, für einen, der sich von ihnen zum Teil losgesagt hatte<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und +besser geworden war wie sie. Es war hauptsächlich Neid und Mißgunst, +die da keine richtige Freundschaft zu ihm aufkommen ließen ...</p> + +<p>Der Kramer Veit keuchte die kleine, sonnige Bergstraße vom Tal herauf +ins Dörfl. Hochbeladen war die Kraxe, und obenauf hatte er ein +sonderbares Bündel geschnürt.</p> + +<p>Aus den Türen und Fenstern guckten die Weiber und Kinder verstohlen auf +den Kramer und rieten, was wohl in dem Bündel sein würde. Ein junger +Bursch stand am Dorfplatz beim Brunnen und tränkte eine Kuh.</p> + +<p>»Hast schwar aufg'laden, Kramer?«</p> + +<p>»Ja. 's tut sich.«</p> + +<p>Weiter ging der Kramer bis vor sein Haus hin. Dort machte er auf der +Holzbank Rast und stellte die Kraxe nieder. Wischte sich umständlich +mit dem rotgeblumten Taschentuch den triefenden Schweiß von dem Gesicht +und klopfte dann an das Fenster der Stube, wo die Notburg in einer Ecke +über ihre Arbeit vertieft dasaß.</p> + +<p>»Notburg!«</p> + +<p>Die Notburg sah von ihrer Arbeit in der Stubenecke auf, legte dieselbe +langsam aus der Hand, ging gemächlich und ohne Aufregung zu dem +Fenster hin, öffnete es und versuchte den Kopf durch das vergitterte +Fensterkreuz zu stecken. Sie sah die Kraxe auf der Bank unten vor dem +Fenster stehen, sah, daß der Veit wieder einmal schwer aufgeladen +hatte, und schaute in sein erhitztes, fröhliches Gesicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<p>»Kommst nit einer?« fragte sie den Mann.</p> + +<p>»Naa!« lachte der Veit breit zu ihr hinauf und zeigte fletschend seine +gelbweißen Zähne, über die sich die wulstige Oberlippe weit nach oben +schob. »Komm' du z'erst außer!« forderte er sie auf und machte dabei +ein ganz pfiffiges Gesicht.</p> + +<p>»Zu was denn?« frug sie mürrisch zurück.</p> + +<p>Die Notburg war im Lauf der Jahre etwas dick und schwerfällig geworden +und liebte es nicht, unnötigerweise von ihrer bequemen Ruhe aufgestört +zu werden.</p> + +<p>»I hab' dir was mitbracht, Notburg ...« sagte der Veit und dämpfte +seine Stimme geheimnisvoll. »Geh' nur her da. Kimm ...« lud er sie ein +und winkte ihr mit dem Finger seiner plumpen Hand. »Du kannst besser +umgehen mit dem Zeug wia i. Bin froh, wenn i's abg'laden hab'!« fügte +er erleichtert aufatmend hinzu und runzelte leicht die Stirne.</p> + +<p>Da kam die Notburg aus der Ladentüre heraus. Langsam und gemächlich und +gar nicht neugierig. Groß und stattlich stand sie unter der Türe im +prallen Sonnenschein des Hochsommertages, und trotz ihrer vorgerückten +Jahre war sie noch immer eine hübsche Frau.</p> + +<p>Die schweren Zöpfe, die sie zur Krone gewunden um den Kopf trug, waren +jetzt freilich viel dünner geworden, und das helle Aschblond ihrer +Haare schimmerte im matten Grau. Das schwarze, schmale Samtband, das um +den Scheitel gelegt war und über das sich die Haarkrone aufbaute, stand +gut zu der<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> grauen Farbe und verlieh dem Haar ein äußerst sauberes und +ordentliches Aussehen.</p> + +<p>Das einst sonngebräunte Gesicht der Frau war jetzt zart und beinahe +weiß vom vielen Stubenhocken und sah ernst und so strenge aus, als +hätte das Weib niemals im Leben das Lachen gekannt.</p> + +<p>Die Notburg hatte es gar nicht eilig mit dem Herauskommen und +war auch nicht im mindesten neugierig auf das, was der Veit ihr +mitgebracht hatte. Sie war nur herausgekommen, um ihm den Willen +zu tun. Freude hatte sie ja doch mit nichts. Es war ihr alles so +furchtbar gleichgültig, und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihre +Gleichgültigkeit zu verbergen.</p> + +<p>»Wirst Augen machen!« lachte der Veit und sah die Frau listig von der +Seite an, während er die Gurten von der Kraxe zu lösen begann. »Geh' +nur aber da von die Staffeln und schau dir's an!« Und dabei hielt er +der Notburg das Kind vom Regele entgegen, das er oben auf die Kraxe +geschnürt hatte.</p> + +<p>Mit ungeschickten Händen hielt er das kleine Bündel, aber doch zart +und fürsorglich. Und seine runden, etwas vorstehenden Augen hatten +einen etwas ängstlichen Ausdruck, als fürchtete er, das winzige +Wesen mit seinen derben Händen zu zerdrücken. Das Kind, das in dem +schwarzwollenen Tuch fest eingewickelt war, wimmerte leise und kläglich.</p> + +<p>»Hat Hunger!« sagte der Veit grinsend. »Mußt ihm gleich a Milchele +sieden, Notburg.«</p> + +<p>Die Notburg stand wie erstarrt auf der kleinen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Treppe, die vom Ladele +herabführte. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Stand reglos +da und schaute abwechselnd mit ihren hellen Augen auf ihren Mann und +dann wieder auf das schwach wimmernde Bündel in seinen Händen.</p> + +<p>»Ha?« frug der Veit lustig. »Hab' i's nit g'sagt, daß du Augen machen +wirst? Gelt, das hättest nit erwartet?« meinte er laut und polternd.</p> + +<p>Die Notburg schüttelte langsam den Kopf. Aber sie sagte kein Wort. +Hielt den Mund fest zusammengepreßt, damit ihr ja kein Wörtl auskam, +und schaute nur immer auf den Veit und dann auf das Kind in seinem Arm.</p> + +<p>»Jetzt wie, Notburg ...« machte der Veit etwas ungeduldig, da sich die +Notburg noch immer nicht von der Stelle rührte. »Nimm dir's! Es g'hört +dir! Sollst es aufziehen ...« fügte er gutmütig und mit seinem breiten +Grinsen hinzu. »Damit's an ordentlich's Mannsbild abgibt. Da ... nimm's +und schau nit lang!« befahl er. »I hab's iatz lang g'nug g'schleppt und +derheb's schon völlig nimmer!«</p> + +<p>Langsam und zögernd kam die Notburg jetzt die Stufen herab dem Manne +entgegen. Sah ihm fest in die Augen ... aber sagte kein Wort. Hielt +dann die Arme ausgebreitet, und der Veit legte das wimmernde Bündel +hinein.</p> + +<p>»Jatz wohl!« meinte er erleichtert. »Und iatz kochst ihm a Milchele, +dem Buab'n!« gebot er beinahe herrisch. »A Lungl hat dir der Bua +g'habt unterwegs und a Kraft; möchst es nit glaben, daß der's Kind<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +vom Söllerbauer sein Regele ist!« erzählte er dann auf seine laute, +polternde Art.</p> + +<p>Langsam war die Notburg mit dem jetzt kräftig schreienden Kind in +das Haus hineingegangen und schaute unverwandt in das krebsrote +Gesichtchen. In der Stube drinnen legte sie das Kind auf den Tisch +neben die frisch gewaschene Wäsche, die zu einem Stoß aufgestapelt +dalag. Dann machte sie sich daran, das Kind aus seiner warmen Hülle zu +befreien.</p> + +<p>Das Kind, das stundenlang der Sonnenglut ausgesetzt auf der Kraxe +getragen worden war, dampfte förmlich in dem wollenen Tuch vor Hitze. +Jetzt, da es frei und ledig auf dem Tisch lag, ließ es mit Weinen nach +und streckte wohlig die rosigen Glieder. Dann steckte es das Fäustchen +in den Mund, sog eifrig daran, öffnete verwundert die hellblauen Augen +und starrte auf die fremde Frau, die sich zu ihm beugte.</p> + +<p>»Mei' Häuterle!« flüsterte die Notburg weich. »Nit amal a ordentlich's +Hemdl hat's an ...« sagte sie leise. »So a Häuterle, an arm's!«</p> + +<p>»Gelt?« Der Veit war hinter der Notburg in die kleine Wohnstube +getreten und stand jetzt neben seiner Frau. »A Häuterle ist's, gelt, +Notburg?« fragte er und versuchte ihr in die Augen zu schauen. »Und +gelt, i hab' recht g'habt, daß i dir's bracht hab'?«</p> + +<p>Um den streng geschlossenen Mund der alternden Frau zuckte es +leicht. »Was soll denn i damit anfangen?« frug sie schroff und ohne +aufzublicken. »I kann nit umgeh'n mit Kinder. Hab's nia nit g'lernt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<p>»Dös lernt sich schon!« versicherte der Veit, und seine Stimme klang +so weich wie seit langen Jahren nicht mehr. »Wirst sehen, Notburg, wie +schnell du dös kannst, dös Kinderwarten. Und wia gern du's kriegen +wirst, dös Häuterle! Völlig wia a eigenes. Pass' auf!« Leicht legte +der Veit seinen Arm um die Hüfte seines Weibes. »Und wenn i nit bei +dir bin, Notburg, nachher ist dir nimmer so derweillang, wirst sehen. +Hast was Lebendig's um dich, das di gern hat und um das di sorgen und +kümmern kannst. Ist dir alm abgangen, a Kindl, Notburg ...« sagte er +weich und fast flüsternd ... »Dir ... und mir aa! I gsteh's ein. Leicht +hätt's mi leichter g'litten da heroben, wenn so a Kleinigkeit im Haus +umanand g'wuzelt war'. Aber lass' lei, Notburg ...« wehrte er ab, als +die Frau Miene machte, sich aus seinem Arm zu lösen. Nur noch etwas +fester umschlang er sie, und es war lange her, daß die Stimme des +derben Mannes so zart und innig geklungen hatte.</p> + +<p>»Was uns der Herrgott nit g'schenkt hat, Notburg, das wollen wir uns +iatz selber nehmen. Und wollen das Kindl da aufziechen und es ganz als +wie's unsrige betrachten. Schau, Notburg ...« fuhr er leise redend fort +... »i werd' ja aa alleweil älter ... und gar so lang dauert's nimmer +... kimmt mir vor ... bis i wieder an Fried gib. Ziech mir'n auf, +den Bub'n, Weibl ...« bat er warm und innig ... »damit wir im Alter +no a Freud' erleben miteinander, gelt? Damit i aa weiß, für wem i mi +g'rackert und g'schunden hab', und wem unser Sach' amal g'hört.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Treuherzig und schlicht klangen die Worte des Mannes, und fest und warm +preßte er die Hand seiner Frau, die kühl wie immer in der seinen lag.</p> + +<p>Und der Veit versuchte es, ihr ganz so wie in früheren Zeiten in die +Augen zu schauen. Aber die Notburg hielt den Kopf gesenkt und beugte +sich tief über das kleine Wesen, das vor ihr auf dem Tische lag und +behaglich mit den mageren Beinchen strampelte.</p> + +<p>Sie beugte sich so tief über das Kind, die Notburg, damit der Veit +nicht merken solle, daß ihr die Augen feucht wurden und ihr Mund +krampfhaft zuckte vom verhaltenen Weinen. Aber der Veit sah es doch. +Sah's und freute sich. Und tat, was er seit vielen ... vielen Jahren +nicht mehr getan hatte. Er nahm die Notburg um die Mitte, bog ihr den +Kopf zurück und küßte sie auf den Mund. Lange und innig ...</p> + +<p>Und als der Herbst kam und Veit Galler abermals in die Fremde zog, da +ging die Notburg ein weites Stück mit ihrem Manne. Fast bis ins Tal +hinab. Und hatte kein wehes Gefühl des Abschieds im Herzen und fühlte +sich auch nicht mehr so trostlos verlassen.</p> + +<p>Mann und Frau hatten sich in diesen letzten Wochen ihres Beisammenseins +wieder gefunden. Hatten wieder zueinander geredet wie in ihren +Jugendtagen, hatten Pläne gemacht und von der Zukunft gesprochen.</p> + +<p>Und die Notburg wußte und fühlte es jetzt mit Bestimmtheit: nur mehr +etliche Jahrln, und der Veit würde bei ihr bleiben für immer.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<h2>Fünftes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Veit Galler, der Krämer, war diesmal nicht allein fortgezogen aus der +Heimat. Den Florian Siegwein hatte er mit sich genommen und damit im +Dörfl ein übles Gerede angerichtet.</p> + +<p>Sie waren schlecht zu sprechen auf den Kramer Veit, im Dörfl. Schon +deshalb, weil er so gottlos gewesen war und das schlechte Mädel, +das Regele, von der Straße aufgeklaubt hatte und sie jetzt irgendwo +versteckt hielt.</p> + +<p>Darüber erzürnten sich die Leute recht. Denn wenn ein Mädel wie das +Regele, das beinahe selber noch ein Fratz war, so spottschlecht sein +konnte und ein Kind bekam, dann gebührte ihr die öffentliche Schande. +Wohin sollte denn das führen, wenn man so ein Mädel auch noch in Schutz +nahm und sie der Strafe entzog?</p> + +<p>Aber natürlich, der Kramer Veit! Der wußte und verstand wohl alles +besser, was sich schickte, als wie Kirche und Geistlichkeit! War völlig +ein Luthrischer oder gar ein Heid' geworden, der Kramer, und war kein +ordentlicher Christenmensch mehr.</p> + +<p>Die Notburg bekam manche bissige Redensart zu hören, weil sie das +Kind vom Regele aufgenommen hatte. So was gab nur böses Beispiel und +munterte förmlich zur Schlechtigkeit auf. Konnte ja alle ledigen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> +Kinder aufnehmen, die Notburg, wenn sie schon solche Freude am +Kinderwarten hatte.</p> + +<p>Das und ähnliches sagten ihr die Nachbarsleute offen ins Gesicht. Aber +die Notburg war keine, der man bissige Reden ungestraft hinreiben +durfte. Kräftig und derb entgegnete sie den höhnischen Angriffen, und +die Weiber wunderten sich nur, wie die Notburg doch immer wieder fest +zu ihrem Manne hielt. Jetzt noch mehr denn zuvor, erschien es ihnen.</p> + +<p>Sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, daß sich der Veit so +warmherzig um das Regele annahm, und sie begriff es auch, was sie alle +nicht begreifen konnten ... daß er nun gar auch den Florl noch aus der +Heimat fortlockte.</p> + +<p>Was der eigentlich mit dem Burschen in der Welt draußen anfangen wolle, +fragten sie immer wieder und schüttelten bedenklich die Köpfe. Gelernt +hatte der Florl ja nichts und konnte wohl kaum seinen Namen richtig zu +Papier bringen. Daß das mit dem Florl und dem Regele auf keinen Fall +ein gutes Ende nehmen würde, das prophezeiten sie einmal alle im Dörfl.</p> + +<p>Dem Kramer Veit war es zunächst selbst ein Rätsel, was er mit den +beiden jungen Leuten eigentlich beginnen sollte. Und als er damals +kurze Zeit, nachdem er das Kindl auf seiner Kraxe ins Dörfl getragen +hatte, zu dem Florl aufs Alpl hinaufgestiegen war und ihm getreu alles +von dem Regele berichtet hatte, da fuhr er sich wohl ein über das +andere Mal<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> bedenklich mit der Hand durch das schüttere, graumelierte +Haar.</p> + +<p>Neben dem Wasserle auf einer Steinplatte waren die beiden gesessen und +etwas abseits von den Almhütten. Eine Holzröhre, vom Alter völlig mit +Moos bewachsen, leitete quellendes Brunnwasser, und leise murmelte es +durch die Röhre, plätscherte dann geschäftig als Brunnen, ergoß sich +über die holprigen Steine und formte sich dann zu einem Bächlein. +Brunnkresse, tiefblaue Vergißmeinnicht und sattgelbe Dotterblumen +wuchsen am Rande des Bächleins, das die Bergmahd durcheilend ins Tal +hinabrieselte.</p> + +<p>»So, Bua ... iatz woaßt es, wie's steht!« sagte der Veit und stierte +ernst und mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. »Und daß du's Dirndl +heiraten mußt ... dös wirst einsehen.«</p> + +<p>Forschend und scharf beobachtend sah er auf den Burschen, der ihm zur +Seite saß. In kurzen, abgetragenen Lederhosen und mit nackten Waden und +Füßen. Ein weißes Hemd, das jetzt nicht mehr weiß, sondern schmutzig +grau aussah, ließ vorn die Brust entblößt, die vom Sonnenbrand braunrot +wie die Haut eines Indianers geworden war.</p> + +<p>Auf dem Kopf saß keck herausfordernd ein spitzes Filzhütl, das einmal +wohl schwarz gewesen sein mochte, jetzt aber grünlich schillerte. +Eine kurze weiße Hahnenfeder schmückte das Hütl und erhöhte noch das +verwegene Aussehen des Burschen.</p> + +<p>Er machte entschieden einen verwilderten Eindruck, der Florl, mit +seinem ungepflegten, vollen braunen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Haar, den listigen Augen und dem +krausen Spitzbart, der das feine, sonnverbrannte Gesicht umrahmte.</p> + +<p>Wie er so dasaß, die nackten Beine vom Quell des Wassers spielerisch +berieseln ließ und sich dabei eifrig immer wieder die Füße wusch, +schien es, als machte die Rede des Kramers nicht den geringsten +Eindruck auf ihn. Und doch war der Florl ganz bei der Sache und +heilsfroh, als er hörte, daß das Regele am Leben war.</p> + +<p>Es war ihm recht, daß der Veit das Kind als sein eigenes behalten +wollte und daß er das Mädel im Inntal draußen in einer Wirtschaft +untergebracht hatte. Für eine Basl hatte der Kramer das Regele bei den +Wirtsleuten ausgegeben.</p> + +<p>»A Tochter von a meiniger Basl ... die heiraten soll und halt aa gern +no eppas lernen möcht' ...« log er der Wirtin vor. Er kannte sie schon +seit vielen Jahren, und da er bei ihr stets ein guter Gast gewesen war, +hielt sie große Stücke auf den Veit. Sie fragte auch gar nicht lange +nach der Herkunft des Mädchens, und es genügte ihr, daß das Regele eine +Verwandte vom Kramer Veit war.</p> + +<p>Arbeitskräfte konnte man in einem Gasthaus immer brauchen, und +besonders zu Sommerszeiten, wo man noch dazu am Feld draußen alle Hände +voll zu tun hatte. Die Wirtin lud daher das Regele recht freundlich +ein, nur dazubleiben und halt überall zuzugreifen, wo sie eine Arbeit +sähe.</p> + +<p>»'s G'wand vom Dirndl bring' i aft schon her,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> bald i wieder kimm!« +versicherte der Veit, indem er der Wirtin die Hand zum Abschied +hinreichte.</p> + +<p>Er hatte es recht eilig, der Kramer, wieder zur Haustüre hinauszukommen +und zu seiner Kraxe, die er abseits vom Hause hatte stehen gelassen. +»Denn sonst hätt' am End' der kloane Sakra 's schreien ang'hebt ...« +erzählte der Veit lachend dem Florl ... »und nachher war's aus und +g'fahlt g'wesen bei der Wirtin ... woaß man wohl!«</p> + +<p>Der Florl erklärte sich mit allem einverstanden. Gern wolle er ja das +Regele heiraten, meinte er zögernd, aber ... und dabei stockte er und +rückte unruhig an seinem Filzhütl und schaute nachdenklich hinüber zu +den schwarzgrünen Wäldern in der Tiefe und zu den Bergen hinauf, die im +Hintergrund der drei Hochtäler sich noch majestätischer aufbauten wie +drunten vom Dörfl aus gesehen.</p> + +<p>»Aber?« forschte der Kramer Veit und sah mit seinen runden, etwas +hervorstehenden Augen scharf beobachtend auf den Burschen. Seine +wulstige Oberlippe war weit über die gelblichen Zähne emporgeschoben, +so daß es aussah, als lache er. Er lachte aber nicht, der Veit, sondern +war ernst und nachdenklich, wie er sich jetzt mit seinen beiden Händen +schwer auf den dicken Stock stützte.</p> + +<p>»Koa Geld, was?« forschte er dann über eine Weile.</p> + +<p>»Ja!« nickte der Florl und schlenkerte die braunen, nackten Füße +spielerisch im Brunnenwasser hin und her.</p> + +<p>Dann saßen sie beide wieder eine Weile schweigend,<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> und der Quell, der +sie trennte, murmelte und brodelte im Holzrohr. Der Kramer Veit saß +weit nach vorn gebeugt und stützte das kurze, massige Kinn auf die +Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hielt.</p> + +<p>»Wann i dir aa a Geld leihen tat, damit dir eppas ankaufen kanntest +...« fing der Veit dann langsam zu reden an ... »ös derfets ja do nit +heiraten. Seid's no viel zu jung ... ös zwoa ... saget die Gemeinde.«</p> + +<p>Der Florl nickte leicht mit dem Kopf und kraulte sich bedenklich seinen +Bart. Sagte aber kein Wort.</p> + +<p>»So hab' i mir halt denkt, und hab's aa mit'n Regele abg'red't ... wann +ös zwoa halt mit mir gangets ... in die Welt außi ... woaßt wohl?« +Forschend sah der Kramer in das junge, etwas leichtsinnige Gesicht des +Burschen.</p> + +<p>»Hattest was dagegen, du?« frug er ihn dann, da ihm der Florl die +Antwort schuldig blieb.</p> + +<p>Der Florl schüttelte den Kopf. »Hab' nix einzuwenden dagegen!« meinte +er und spielte unablässig mit den Füßen im Wasser herum.</p> + +<p>»Also warst nachdem einverstanden damit?« frug der Kramer eindringlich. +»Du und 's Regele geht's mit mir auf Micheli fort, und du heiratest aft +'s Madel. Verstanden?«</p> + +<p>»Und i heirat' aft 's Madel!« wiederholte der Florl, hörte mit dem +Wasserplätschern auf, sah angelegentlich in die Luft, spitzte den Mund +und stieß einen leichten Pfiff aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> + +<p>»Ja ... und ...?« Der Kramer runzelte mißtrauisch die breite, wuchtige +Stirn. »Was paßt dir aft nit?« frug er barsch.</p> + +<p>»Mir?« Der Florl schaute spitzbübisch auf den Kramer. »Mir paßt alles. +Aber mei' Bauer ... was der eppar dazu sagt. Hab' nit aufg'sagt auf +Micheli.«</p> + +<p>»Ah so! Dei' Bauer!« machte der Kramer Veit. »Werd' halt i a Wörtl +reden müssen mit dein' Bauer!« ...</p> + +<p>Mit dem Dienstherrn des Florl hatte der Kramer Veit dann noch eine +langwierige Auseinandersetzung. Er begriff nicht gleich, der Bauer, +weshalb er so mir nichts dir nichts seinen Knecht außerhalb der +üblichen Zeit sollte ziehen lassen. Schließlich gab er aber doch nach, +weil der Kramer unermüdlich und in einemfort auf ihn einredete.</p> + +<p>»Muaß halt an andern stellen, der Florl!« meinte der Bauer. »Aft mag +er von mir aus schon giahn, der Hallodri! Hab' ihn sonst nit ungern +g'habt. Hat aufs Viech aufpaßt und koan Arbeit nit g'scheucht. Hat aa +eppas vom Kasen verstanden, der Florl!« lobte er den Burschen. »Hatt' +ihm nia nit aufg'sagt, dem Buab'n ...« fügte er bedauernd hinzu und +klopfte sich umständlich die Pfeife aus. »Nia nit aufg'sagt hatt' i +ihm!« versicherte er nochmals eindringlich ...</p> + +<p>»Also ... dös hätt'n wir glücklich bei'nander!« meinte der Kramer Veit +zum Florl, als sich nun auch ein Ersatz für ihn gefunden hatte. »Jatz +war'n wir<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> so weit, und 's Madel braucht nimmer lang zu rear'n draußen, +weil's so viel derweillang hat und ihr's gar so schiach dunkt im Tal +unten!« sagte er breit und polternd. »Aber, mei' Florl ...« meinte der +Veit dann in komischer Verzweiflung ... »was fang' i grad' mit enk zwoa +an! Können tut's ja hinten und vorn nix als wia Lieder singen und a +bissl Zither und Guitarr'g'spiel?«</p> + +<p>»Sell aa!« meinte der Florl seelenruhig. »Und Heumachen und Misttragen +und Kuhmelken und an Kas machen ...« zählte der Florl seine Fähigkeiten +an den Fingern ab. »Ist dös weiter nix'n?« frug er lustig.</p> + +<p>»Naa!« sagte der Kramer, sehr ernst werdend. »Dös ist nix. Kannst nit +brauchen in die großen Städt' ... woaßt wohl! Aber enker Singerei und +enker G'spiel, dös kann enk vielleicht a Geld einbringen, moanet i!«</p> + +<p>Da riß der Florl vor lauter Verwunderung seine beiden Augen auf, so +weit es nur anging. Und wußte nicht, ob bei dem Kramer Veit nicht doch +am Ende ein Radl im Oberstübchen locker geworden sei.</p> + +<p>»Dös Singen?« frug er, und nicht nur die Augen, sondern auch der Mund +stand ihm jetzt sperrangelweit offen.</p> + +<p>»Ja!« sagte der Kramer ernsthaft. »Dö Singerei. Habt's ja beide koane +unebene Stimmen nit und könnt's wohl aa alle G'sanglen und Jodler, wie +sie da herin bei uns der Brauch sein. Da könnt' völlig<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> a bissel a Geld +außer schau'n bei der Sach' ...« sagte er nachdenklich und gedehnt.</p> + +<p>Und dann erzählte der Kramer Veit dem Florl, wie er in Amerika drüben +oft vom Heimweh geplagt worden sei. »Woaßt ... und grad' wenn i so auf +die Nacht unter dö ganz fremden Leut' in an Gasthaus g'hockt bin und dö +so g'racht und g'soffen haben und manchmal aa in dera fremden Sprach' +zu singen ang'hebt haben ... woaßt, Florl ... da ist mir grad' g'wesen, +als müsset i aufspringen und ihnen mit der Hand 's Maul zuheben, damit +sie nimmer singen können. Weil's alle mitanand koa anständige Stimm' +g'habt hab'n und aa koan ordentlich's Liedl nit haben singen können. +Und amal sein wir bei an Haar raufet worden. I und no a paar sölle +Löder. Hab'n grad' g'sungen und schiach tan, bis i's nimmer ausg'halten +hab' und g'sagt hab', sie soll'n 's Maul halten. Mei Lieber ... dös +hattest sechen sollen, wie die aufbegehrt haben! I soll's besser +machen, hab'n sie g'schrien ... wann i's könn', und sie wöll'n mir in +Schädel einhau'n ... hab'n 's g'moant. I hab' mi weiter nit g'fürchtet +vor'n Schädel einhau'n!« Der Kramer Veit fletschte die Zähne und reckte +seine mächtigen Glieder. »Dö hatt'n schon Augen g'macht, bald sie mi +angriffen hatten! Haben's aber nit tan. Sein viel zu viel b'soffen +g'wesen dazu. Aber oans g'sungen hab' i ihnen. A Lied mit an Jodler +drauf! Tuifel ... hab'n dir die Augen herg'macht! Nimmer auslassen +haben's mi und mir grad' oa Glasl Wein und oa Glasl Schnaps ums andere +eingeschenkt. Und alleweil<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> hab' i wieder no oans singen müssen. Weil's +ihnen grad' so viel gut g'fallen hat. Und nix hab' i zu zahlen brauchen +denselbigen Abend. Der Wirt ist kommen und hat mi eing'laden, i soll ja +fein g'wiß wieder kommen und aa eppas singen. Ja mei ...« Der Kramer +Veit hielt mit seiner Erzählung inne und stieß kräftig seinen Stock in +den steinigen Erdboden. »Wenn i dir sag' ... völlig a G'schäft hab' i +dir mit der Zeit mit meiner Singerei g'macht. I hab's bald heraußen +g'habt, daß sich dös umanand g'red't hat, und daß, bald i mit singen +ang'hebt hab' ... die ganze Wirtsstuben voll Leut' g'wesen ist. Da bin +i zum Wirt gangen und hab' g'sagt, daß i nix mehr singen tua, außer er +zahlt mi dafür.« Der Veit grinste breit und schlau. »Ist weiter koa +Arbeit nit g'wesen für mi ... dös glaubt's mir wohl. Hab's gern tan ... +wenn i aa nit grad' an extra gute Stimm' g'habt hab' ... aber verdient +hab' i ganz anständig dermit. Dös Jodeln hab'n 's halt gar so viel gern +g'hört, dö Löder, dö ausländischen.«</p> + +<p>Still und beinahe andächtig horchend war der Florl dagesessen und hatte +den Kramer Veit mit keinem Worte unterbrochen. Die beiden saßen wieder +auf der Steinplatte und hatten den murmelnden Brunnen zwischen sich.</p> + +<p>Leise und gleichmäßig sprudelte das Wasser aus der Röhre und +plätscherte dann als fröhlicher Bach über die Bergmahd ins Tal hinab. +Abseits grasten die Kühe, und etliche lagerten im Gras und kauten blöde +und bedächtig ihre Mahlzeit wieder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> + +<p>Die Melcher von den Nachbarasten gingen ihrer Beschäftigung nach. +Lautlos war der Gang der nackten Sohlen, deren Haut schmutzig war und +kräftig und gelb wie gegerbtes Leder. Sie bekümmerten sich nicht viel +um den Kramer Veit, der jetzt schon öfters heraufgekommen war, den +Florl aufzusuchen. Und was die beiden gar so eifrig zu diskurieren +wußten, das würden sie schon noch bald genug erfahren ...</p> + +<p>Die Perlmoser Vef lachte aus vollem Halse, als man die Sache eines +Abends beim »hoangarten« besprach. Jetzt war's ja aufgekommen, weshalb +der Kramer Veit zum Florl aufs Alpl gekommen war. Der Florl sollte mit +ihm gehen, das Regele heiraten und im Amerikanischen drenten Tiroler +Lieder singen. Völlig nimmer halten konnte sich die Vef vor lauter +Lachen!</p> + +<p>Sie saßen wie immer alle versammelt, die Leute von den fünf Asten, +und warteten im Abenddämmer auf die Dunkelheit der Nacht. Alle kamen +sie herüber zu den Perlmoserischen und saßen dort auf der langen +rohgehobelten Bank vor der Türe. Ein ungewöhnlich dickes Brett war +diese Bank, über ein paar große Steine gelegt und knapp neben der +Eingangstüre, die nieder und rußgeschwärzt in die Küche führte.</p> + +<p>Ein kleines Holzgitter schloß die Küche ab, und auf der andern Seite +der Türe war eine runde Öffnung in den Holzbalken der Wand angebracht. +Da floß, von dem Innern der Küche hergeleitet, Trank für die Schweine +in den Trog, der an der andern Seite neben der Türe stand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>Lieblicher Geruch von saurer Milch und Schweineduft durchtränkte +hier die Luft. Grunzend umstanden feiste Mutterschweine den Trog, so +gierig nach Futter, daß sie nicht nur den Rüssel, sondern auch die +Vorderpfoten hineinsteckten. Ängstlich quieckten die Jungen nebenher +und schrien, wenn ein ungeschickter Tritt der Mutter sie traf. Dann +ringelten sie die Schweifchen und rannten im Kreislauf und quietschend +davon. Und Schlamm und Kot bedeckte den etwas sumpfigen Erdboden vor +der Aste.</p> + +<p>Auf Holzpfosten gebaut, stand die Hütte da. Wie ein Tier, das seiner +Hinterfüße beraubt ist, stand sie da und spreizte plump und ungeschickt +die Beine. Lehnte sich mit dem Schindeldach, das mit großen Steinen +beschwert war, an die Bergmahd, und große Felsblöcke, welche die Form +von spitzigen Bergen hatten, lagen im Gras und drohten die kleine +Almhütte einzudrücken. Von vorn aus gesehen, standen diese Almhütten +förmlich in der Luft. Wenn man sich etwas bückte, dann konnte man ganz +bequem darunter herumgehen.</p> + +<p>Es war eine recht kleine Hütte, die Aste von den Perlmoserischen. +Gleich über dem Erdgeschoß hing das Dach herunter, und eng und nieder +war die rauchgeschwärzte Küche mit dem offenen Herd. Ein viereckiger +Tisch stand in einer Ecke, und zwei winzige Fensterchen, die nicht +größer waren wie Taschentücher, ließen einen Blick tun hinüber in die +Alpenwelt der Hochtäler.</p> + +<p>Von der Küche führte eine Tür, die nur schlecht<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> in den Angeln saß, in +einen ganz engen Raum. Ein Verschlag war es und hatte nur eine einzige +Fensteröffnung. Da schliefen die drei Perlmosermädeln, und da hatte +auch das Regele geschlafen, wenn sie mit am Alpl war.</p> + +<p>Sie schliefen auf Strohsäcken und ohne Bettstatt. Kein Federbett war +vorhanden, nur ein buntüberzogener Polster und eine grobe Decke. Aber +sie verlangten sich gar nicht mehr, die Dirndln, und es kam ihnen vor, +als könne man in Gottes weiter Welt nirgends einen so köstlichen Schlaf +haben wie hier oben am Alpl ...</p> + +<p>»Daß es grad' a so eppas Narrisches aa geben kann!« lachte die Vef +ausgelassen, als die Rede von dem Florl und dem Regele ging. »Der +Kramer Veit muß döcht a halbeter Narr sein ...« meinte sie ... »daß er +auf so a Idee überhaupts kimmt. Der Florl und singen! Und dös Grispele +dazu. Das Regele! Daß dös grad' möglich ist!« wunderte sich das Mädel. +»Dö Amerikaner werden herschaug'n, wenn dös Grispele ang'ruckt kimmt!« +spöttelte die Vef boshaft. Völlig nimmer genug tun konnte sie sich, so +gut gefiel ihr der Spaß.</p> + +<p>»Aber a Stimm' hat sie weiter a gute! Da gibt's nix'n nit einzuwenden +dagegen!« verteidigte die Julie, die neben der Vef auf der Bank saß, +das Regele.</p> + +<p>Die Julie war die jüngste Schwester der Vef und gleichfalls groß +und üppig gewachsen, obwohl sie erst sechzehn Jahre zählte. War ein +kerngesunder Schlag, die Perlmoserischen. Hellblond und rosig sah die +Julie<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> aus und hatte große blaue, etwas ausdruckslose Augen. Sie war +bei weitem nicht so hübsch wie die Vef, schien aber viel sanftmütiger +und gutmütiger zu sein als diese.</p> + +<p>»Dös hab' i aa ... a gute Stimm' ...« erwiderte die Vef verächtlich. +»Grad' a so gut wie 's Regele!«</p> + +<p>»Muaßt halt aa mit ummi giahn auf Amerika!« neckte einer, der Melcher, +ein sehniger, älterer Knecht, der in kurzen Hosen und schmutzig +färbigem Hemd auf der niedern Holzbank zwischen den beiden Mädchen saß. +»Könntest dir eppar an Haufen Geld verdienen ...« witzelte der Knecht +weiter, streckte die nackten Beine, die vom Stallschmutz förmlich +starrten, weit von sich, lehnte den Kopf behaglich an die braune +Balkenwand der Hütte und stützte die Hände kreuzweise darunter. Dann +gähnte er ein über das andere Mal laut und herausfordernd. »Uaah!«</p> + +<p>»Ja, und du kannst nachher als Gockel mitgiahn ...« neckte die Vef +zurück. »Weil du überhaupt koa Stimm' nit hast!« fügte sie schnippisch +hinzu. »Leicht tragt dös no mehra Geld ein, dös Krahen!«</p> + +<p>»Kunnt leicht sein!« mischte sich nun der Wastl in das Gespräch ein. +»Wann oans gar a so schiach tut ... wie du ...« Der Wastl konnte halt +das Necken nicht bleiben lassen, und wenn er nur eine Gelegenheit hiezu +fand, nützte er sie auch weidlich aus.</p> + +<p>»Du ...« warnte der Angegriffene. »Gelt, woaßt schon ...!« Boshaft +schielten die kleinen Augen auf den jungen Burschen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>»Mir scheint, der Stanis hat eppar schon z' lang nimmer g'rafft!« sagte +da die Rosina sehr ruhig mit ihrer dunklen, weichen Stimme.</p> + +<p>Das sagte sie, weil der Stanis so ab und zu einmal ganz gerne einen +Streit vom Zaune brach, um dabei seine überschüssige Kraft auszulassen.</p> + +<p>Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und +über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er +hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige +Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln. +Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz +geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers +und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament.</p> + +<p>Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und +wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter +ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an.</p> + +<p>Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige +Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den +stärksten Burschen messen mußte.</p> + +<p>So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die +Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie +mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie +kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> über andere +machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und +dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige +Behendigkeit.</p> + +<p>Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen +vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte, +daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele +nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher, +länger als nötig mit den andern zusammen zu sein.</p> + +<p>»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab +und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die +beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken. +Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase +vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort +und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum +lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an +die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie +bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen +Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö +Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu.</p> + +<p>»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der +Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell' +hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom +Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte, +leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden +Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser +Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht +und verhöhnt zu werden.</p> + +<p>Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so +grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu +ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach.</p> + +<p>Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer +Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen +Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein +brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten +eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen +stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen +Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina, +was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel +zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn +wie eine Dornenkrone.</p> + +<p>Die Rosina saß meist schweigend da und beobachtete. Hielt auch nie viel +Freundschaft mit ihren Schwestern, war aber gleich diesen eine tüchtige +Arbeitskraft.</p> + +<p>Ohne seine drei Mädeln hätte sich der Perlmoser recht schwer getan. Sie +schufteten wie Knechte, so daß<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> er es jetzt wenigstens etwas leichter +hatte und an seiner drückenden Schuldenlast abzahlen konnte. Bis dann +die kleineren Buben herangewachsen waren. Dann würde es auch wieder +besser gehen ...</p> + +<p>So oft die Sprache von der bevorstehenden Abreise des Florl ging, +beschlich den Wastl immer ein leises Unbehagen. Er konnte es sich +selbst nicht erklären, weshalb. Auch wenn die Vef noch so übermütig +darüber spottete und witzelte, sah er ihr doch immer nur mit Angst in +die Augen, als traute er ihr nicht so ganz.</p> + +<p>Er wußte, daß es um Haus und Hof beim Perlmoser schlecht stand, und +daß der Bauer wiederholt schon hatte alles aufbieten müssen, um sein +Anwesen vor der Gant zu bewahren. Wäre also gerade kein Wunder gewesen, +wenn sich die Vef ins Ausland hätte locken lassen ...</p> + +<p>Einmal, da nahm sich der Wastl ein Herz und stellte die Vef zur Rede. +Das war, wie die Perlmoser Mädeln oben am Alpl mit der Grummetmahd +fertig waren und wieder auf etliche Wochen hinunter mußten auf den Hof.</p> + +<p>Die Julie und die Rosina waren schon vorausgegangen. Die Vef aber +stand, den plumpen, unförmlichen Korb auf dem Rücken, vor der niedern +Hüttentüre und sah recht angelegentlich ins Tal hinab. Das tat sie +zum Schein, denn in Wirklichkeit hoffte sie, daß sich der Wastl noch +blicken lassen würde, um von ihr Abschied zu nehmen.</p> + +<p>Wenn auch die Vef manchmal recht barsch zu dem<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Burschen war, heimlich +hatte sie ihn lieb. Sie ließ es ihn aber nicht merken, daß ihr keiner +von allen Burschen so gut gefiel wie gerade der Wastl.</p> + +<p>So oft auch einer sich dem Mädchen genähert hatte und mit ihr anbandeln +wollte, sie hatte bis jetzt immer einen jeden abfahren lassen. Lachte +die Burschen aus auf ihre übermütige Weise und ließ sich mit keinem ein.</p> + +<p>Der Wastl wußte es nie so recht, wie er eigentlich mit der Vef daran +war. Tat er ihr schön, so gab sie ihm eine schnippische Rede, und wenn +er sie dann einige Tage nicht beachtete, dann führte sie geschickt ein +Gespräch mit ihm herbei und war fein und gefügig wie ein Lamberl. So +daß der Wastl wieder dreister wurde und von Liebe sprach. Holte sich +aber dann sofort wieder eine tüchtige Abfuhr von ihr.</p> + +<p>»Daß du di grad' nit schamst!« sagte das Mädel dann herrisch. »I sag' +dir's do alleweil, was i denk. Oaner, der umadum nix ist und nix hat +... den mag i nit. Und iatz erst recht nit, weil i wieder dös Unglück +siech mit'n Regele.«</p> + +<p>Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht +abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich +recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich. +Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine +Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde +er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen.</p> + +<p>Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> war trotzig und kam +nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit. +Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht +gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr, +und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer.</p> + +<p>Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam +und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock +war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die +weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und +beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung.</p> + +<p>Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone +des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie +Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte +sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch +nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied +war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut.</p> + +<p>Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den +demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen +Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die +der Vef so gut gefielen.</p> + +<p>Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg +kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr +heraus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in +die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang, +als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte, +gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und +einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen +konnte.</p> + +<p>Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die +vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor +sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl +vermutete.</p> + +<p>Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den +Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte +er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden +führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von +rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend, +und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In +wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an.</p> + +<p>Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie +dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb +(Streu) aus?«</p> + +<p>»I geh' aft schon!« sagte der Bursch, von ihrem kühlen Ton schon wieder +abgeschreckt. »Hab' dir lei B'hüat Gott sagen wollen.«</p> + +<p>Die Vef reichte ihm die Hand hin. »Also, Pfiat<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Gott nachher und +wohlaufleben!« sagte sie gleichgültig. Der Wastl hielt ihre Hand fest +in der seinen.</p> + +<p>»Sag', Vef ...« bat er dann und senkte den Blick scheu zu Boden ... +»aber sag' mir's auf Ehr' und G'wissen, wia's eigentlich steht. I halt' +das einfach nimmer länger aus!« stieß er gequält hervor.</p> + +<p>»Was soll i dir sagen? Daß was steht?« frug die Vef resolut.</p> + +<p>»I moan ... i will sagen ...« stotterte der Wastl ... »du sollst mi nit +a so schinden, Vef!« brach er los und fuhr sich mit der Hand über die +heiße Stirn.</p> + +<p>»I?« heuchelte die Vef verwundert. »I schind' di ja nit. Bist wohl +völlig ganz rapplig worden, moan i!« spottete sie dann.</p> + +<p>»Naa, no nit. Aber es könnt's oaner schon no werden mit dir!« sagte der +Wastl kleinlaut.</p> + +<p>Das Mädchen tat, als verstünde sie ihn nicht, und schüttelte lachend +den Kopf.</p> + +<p>»Jatz sag' mir grad' amal, was du eigentlich willst von mir!« befahl +sie und entzog ihm mit kräftigem Ruck ihre Hand, die er noch immer +festhielt.</p> + +<p>»Gern hab' i di ... Madel ...« preßte er gedrückt hervor und wischte +sich mit dem Ärmel seines dunkelfärbigen Hemdes über die feuchte +Stirne. »Gern ...«</p> + +<p>»Ja ... und von der Liab alloan wird man nit fett!« unterbrach sie ihn +grausam.</p> + +<p>Da sah der Wastl auf und sein weher Blick aus seinen großen, +ausdrucksvollen Augen traf sie ins<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Innerste. Etwas wie Mitleid regte +sich in ihr und ließ sie sanfter werden.</p> + +<p>»Bist ja a dummer Bua ...« fügte sie leise hinzu. »Wia oaner nur a so +dumm sein kann!«</p> + +<p>»Also, magst mi do a bissl, Vef?« frug der Wastl mit leiser Hoffnung.</p> + +<p>Die Vef schob die vollen Schultern gleichgültig in die Höhe.</p> + +<p>»Was nützet's aa, wenn i di möcht'?« frug sie zurück. »I hab' dir's ja +oft und oft schon g'sagt. Zu nix Guten tat' das amal nit führen. Kannt' +sein, daß es mir ging' wia 'n Regele!« Hart preßte sie den vollen, +sinnlichen Mund zusammen und schaute dem Burschen ernst in die Augen. +»'s ist besser a so, Wastl ...« sagte sie jetzt weich ... »Besser für +mi und aa für di!«</p> + +<p>»Vef?« Der Wastl hielt jetzt beide Hände des Mädels umklammert. »'s +hoaßt, du habst den Glöschl Hias abg'wiesen. Ist das wahr?«</p> + +<p>»Ja!« nickte sie. »I mag ihn nit.«</p> + +<p>»Und hätt' do a Güatl unten im Dorf ...« sagte der Wastl sinnend, und +seine tiefe, volle Stimme klang weh und bitter. »Kann vier Küh' halten +und an Ochsen ...« preßte er hervor.</p> + +<p>»Von mir aus!« sagte die Vef. »Von mir aus zwölfe! I mag'n nit!«</p> + +<p>Da leuchtete es in den Augen des Burschen auf.</p> + +<p>»Vef! Auf Ehr' und G'wissen! Hast an andern gern?«</p> + +<p>»Geht's di was an?« frug sie scharf zurück und<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> wollte sich gewaltsam +von seinem festen Griff befreien. »Lass' mi ... du ...« gebot sie +energisch.</p> + +<p>»Naa, Vef. No nit!« stieß der Wastl hervor. »I will die Wahrheit +wissen!«</p> + +<p>»Und nachher?«</p> + +<p>»Nachher ...« Der Wastl schöpfte tief Atem. »Nachher ... nachher sag' i +mein' Dienst auf und ...«</p> + +<p>»Und?«</p> + +<p>»Und geh' ins Tal außi, so weit i derkimm ... grad' fort von da, damit +i di nit alleweil siech!« preßte er heiser hervor.</p> + +<p>»So!« Hart kam das Wort aus dem hübschen Mund des Mädels. »Aft gehst, +bald es da nit aushalten kannst!« stieß sie zornig hervor und stampfte +mit dem Fuß auf. »Lettfeig'n, elendige!«</p> + +<p>Ihr Zorn machte ihn kühner.</p> + +<p>»Aft ist's dir nit recht, Vef ...« jubelte er auf. »Aft soll i bleib'n +...«</p> + +<p>»Geh'!« wiederholte sie ... »wenn di g'lustet. I brauch' di nit.«</p> + +<p>»Nit?« Zweifelnd sah er ihr in die Augen und wurde auf einmal ganz +zuversichtlich ... »Schau, Vef ... wann du mi grad' a kloans ... kloans +bissele gern haben könntest ... i moan, i wisset an Ausweg, daß wir +zwoa do z'sammenkömmen taten!« sagte er bittend.</p> + +<p>»Möchtest amend gar aa auf Amerika ummi?« spöttelte sie schon wieder.</p> + +<p>Der Wastl schüttelte den Kopf. »Sell war' nix<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> für mi!« sagte er +schwerfällig. »Könnt' mi nit entschließen dazu. I g'hör' in die Berg' +und du aa ... Madel!« fügte er warm hinzu. »Hab' alleweil an Zweifel +g'habt in die letzten Wochen, ob's di nit do amend ansiecht, dö Sach' +... ob du ...«</p> + +<p>Die Vef ließ ihn nicht ausreden, sondern lachte ihm hellauf ins Gesicht.</p> + +<p>»A so a Tolm ... a narreter. Ich sag's do alleweil, daß i nit narrisch +bin.«</p> + +<p>»Ah nit?« machte der Wastl erleichtert.</p> + +<p>»Naa. Aber schon gar nit. Hast mir iatz no a sölle Verrucktheit zu +sagen? I muß iatz hoamgiahn!« sagte sie barsch.</p> + +<p>»Zu sag'n hatt' i freili no eppas ...« kam es langsam über die Lippen +des Burschen. »Kann ja a Stückl mit dir giahn, wann's dir recht ist?«</p> + +<p>»Von mir aus.«</p> + +<p>So gingen die beiden jungen Leute die steile Berghalde hinunter dem +Perlmoserhof zu, der drunten im Tälchen stand. Die sinkende Sonne +leuchtete im feurigen Schein über die Bergspitzen der drei Hochtäler +und übergoß die Gletscher mit ihrem rosenroten Licht.</p> + +<p>Da sprach der Wastl von dem Plan, den er in seinem schlichten Sinn +ausgeheckt hatte. Und bei jedem Wort, das er sagte, wurde ihm leichter +und freier ums Herz.</p> + +<p>»Siegst, Vef ... wann du mi wirklich gern haben könntest ... grad' a +bissele ... i moan, i könnt's do machen, daß wir a Hoamatl kriagen +taten, wir zwoa!« sagte er weich. »War' freilich nur a kloanwinzig's<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> +Gütl ... aber a Hoamatl war's döcht. Und siegst, Madl ...« fing er +dann über eine Weile wieder zu reden an, da ihn die Vef mit keiner +Silbe unterbrochen hatte ... »die Sach' ist a so. A Bruder von meiner +Mutter's Vater, dersell', der Göd (Taufpate) zu mir g'standen ist ... +der hat a Güatl. Ist an oanschichtig's Mannsbild und ist aa alm a +bißl oanzoachet g'wesen. In der Gungl enten hat er's Güatl. Ganz weit +hinten, wo man sich im Winter völlig nimmer halten kann vor lauter +Schnee und Eis. Bist schon amal drein g'wesen in der Gungl, Vef?«</p> + +<p>»Naa.« Die Vef schüttelte verneinend den Kopf, und ihre stets lachenden +blauen Augen bekamen einen ernsten, weichen Schimmer. »Einig'sechen +hab' i wohl oft in die Gungl ...« sagte sie sinnend. »Man sieht ganz +gut eini vom Alpl droben.«</p> + +<p>Der Wastl nickte. »Ja!« bestätigte er. »Aber in dö Gegend kannst nit +sechen, wo's Güatl ist. Dös liegt no tiefer drein im Tal. Völlig in a +Schlucht ist's drein, und wia auf der Alm schaut's dir aus da drinnen!« +berichtete er weiter.</p> + +<p>»Dös machet nix!« kam es leise über die Lippen des Mädchens.</p> + +<p>»Gelt, nit?« frohlockte der Bursch und faßte nach der Hand des Mädels. +»Gelt, a Hoamatl war's döcht?«</p> + +<p>Ernst sah das Mädchen vor sich hin.</p> + +<p>»Moanst, er übergibt's ... dei' Göd?«</p> + +<p>»Wann i zu ihm geh' und 's ihm derklär' und sagen könnt', wia's steht +zwischen uns zwoa ... könnt'<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> sein, daß er's tat'!« meinte er langsam +und schwerfällig. »Und i wollt' arbeiten und schaffen, und nix war' mir +zu viel von der Fruah bis spat. Wann i di nur hätt', Vef!« versprach er +schlicht und innig.</p> + +<p>Nun gingen die beiden ein großes Stück des Weges bergab, und keines +sagte ein Wort. Unten sah man schon die grünen Wiesen des Tälchens +liegen und den schwarzgrünen Fichtenwald, der es fast wie ein Kranz +umsäumte. Hand in Hand gingen sie, und es geschah zum ersten Mal, daß +die Vef den Druck des Burschen warm erwiderte.</p> + +<p>»Wann i amal wissen tat, wohin i g'höret, aft hatt' i nix dagegen ...« +brach das Mädel dann das Schweigen. »Wann's aa no so kloan war' 's +Hoamatl ...«</p> + +<p>Da konnte sich der Wastl nimmer halten. Ganz wild war er vor lauter +Freude.</p> + +<p>»Also, hast mi do gern, Madel?« Er schrie die Frage jubelnd heraus, so +daß das Echo von den Felswänden des Berges widerklang.</p> + +<p>»Freilich hab' i di gern!« lachte die Vef jetzt und zeigte ihre weißen +Perlenzähne. »Moanst, i hätt' sonst den Glöschl Hias abg'wiesen? Ist ja +a feiner Mensch her.«</p> + +<p>»Aber i bin dir der lieber, ha?« Der Wastl wartete die Antwort gar +nicht erst ab. Schaute in die strahlenden Augen des Mädels, die innig +und verheißungsvoll aufleuchteten.</p> + +<p>»Madel ... Madel ...« stieß er hervor und zog sie kräftig in seine +jungen, starken Arme und küßte sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>Freilich, der Korb, den sie am Rücken trug, bildete ein großes +Hindernis für seine stürmischen Gefühle. Der mußte fort. Die Vef war +damit einverstanden, daß er ihr den Korb vom Rücken nahm und im weiten +Bogen gegen das Tälchen hinabwarf. War mit einem Male ganz gefügig, die +Vef, und duldete es sogar, daß der Wastl sie ganz gehörig abbusselte. +Sie setzte sich sogar zu ihm hin ins Gras und schmiegte sich fest und +weich in seinen Arm.</p> + +<p>»Hab' di ja alleweil gern g'habt, du Bua, du deppeter! Grad' verstanden +hast mi nit!« gestand sie ihm dann. »Und daß i dir's glei' sag'. Es +bleibt beim busseln ... verstehst mi? Bis wir verheirat' sein und dei' +Göd übergeb'n hat. Jetzt weißt es.«</p> + +<p>Ganz resolut war sie nun wieder und so ernst, daß sich der Wastl nimmer +getraute, ihr noch ein Bussel zu geben. Da lachte ihn das Mädel mit +ihren strahlenden blauen, übermütigen Augen an. Schlang ihren vollen, +weichen Arm um seinen Hals und preßte ihren Mund innig und heiß auf den +seinen.</p> + +<p>»I bin ja so froh, wenn i di kriag ... Wastl ... so froh ...« flüsterte +sie.</p> + +<p>Und lange ... lange saßen die zwei jungen Menschenkinder im Abenddämmer +und hielten sich fest umschlungen. Bis dann die Mondsichel silbern am +Firmament stand und weißer Nebeldunst vom Tal herauf zu den Bergen +stieg. Da erst trennten sie sich, die Vef und ihr Wastl.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> + +<h2>Sechstes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>War das ein jauchzendes Glück in dem kleinen Berghöfl in der Gungl! +Drei Jahre hausten sie nun schon da, der Wastl und die Vef und +zwei kleine halbnackte Kinderchen strampelten in der engen Stube, +quietschten vergnügt und gaben der Vef alle Hände voll zu tun.</p> + +<p>Glückselig lachte die Vef und sang und schmetterte ihre Lieder hinaus +in die Alpenwelt. Sie schaffte und arbeitete und küßte dann wieder die +kleinen nudeldicken, blonden Buben. Und jeder Tag erschien ihr zu kurz +für das große Glück, das sie genoß. So schön war's auf der Welt und so +herrlich hier hinten im Tal und in dem engen Hüttl, das ihre Heimat +geworden war.</p> + +<p>Der Wastl arbeitete wie ein Ackergaul für Weib und Kinder und hatte +keinen anderen Gedanken wie sein junges Weib. Und hohe Zeit war es nun +wieder, daß das zweite Kindl aus der alten, wurmstichigen Holzwiege +kam; denn das dritte hatte schon seine Ankunft angekündigt, und wenn's +mit der Verliebtheit dieser beiden jungen Leute so weiter ging, dann +konnte das kleine Hüttl bald nicht mehr den reichen Kindersegen fassen.</p> + +<p>Sie hatten noch etliche Jahre aufeinander warten müssen, die Vef und +der Wastl. Sie seien noch zu<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> jung zum heiraten, hatte die Gemeinde +erklärt; denn so junge unerfahrene Menschen läßt man nicht heiraten. +Die hausten meistens schlecht, brächten ihr Besitztum herunter und +fielen dann der Gemeinde zur Last.</p> + +<p>Das konnte man nicht dulden, und deshalb mußte die Liebe der beiden +noch ein wenig gebändigt werden. Bis der Wastl mündig geworden war ... +dann erst übergab ihm der Göd das Gütl und ging in den Austrag.</p> + +<p>Es hatte viel Überreden gebraucht, bis sich der alte Mann dazu +verstand. Aber schließlich, alt war er ja genug und auch nimmer ganz +fest mit'n G'sund. Der Winter war hart, rauh und lang in der Gungl +drinnen, und wenn man da jemand bei sich hatte, der einem ein bissl +Arbeit abnahm und auch ein bissl auf einen schaute, so wäre das gerade +ja auch nicht zu verachten, dachte er schließlich bei sich. Aber bis so +ein Bauer die Herrschaft über sein Reich ... und wenn es auch noch so +klein und unansehnlich ist ... aufgibt, braucht's einen gar gewaltigen +Entschluß.</p> + +<p>Als der Wastl das erste Mal zu dem Göd kam, um ihm sein Anliegen +vorzutragen, hatte er nur geringen Erfolg.</p> + +<p>Der Göd war ein großer, hagerer Mann. Schier Haut und Knochen war +der Alte und gemahnte an einen starken Baum im Hochwald, dessen Mark +verdorrt war. Aber die Knochen waren stark und die Adern straff wie +Stricke. Sein Gang war steif, denn die Beine wollten sich nicht mehr +recht in den Gelenken<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> abbiegen. Der Rücken senkte sich leicht nach +vorne, aber der Göd hielt ihn mit aller Kraft aufrecht.</p> + +<p>Er ließ sich nicht so leicht unterkriegen von der Last der Jahre, der +alte Mann! Eisgrau war der Kopf, schmal und knochig, und eine gewaltige +Adlernase ragte kühn aus dem scharfgefurchten, bartlosen Gesicht.</p> + +<p>Die kleinen hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sahen aber scharf +wie die Augen eines Adlers. Und mit diesen scharfen Augen schaute der +Alte jetzt streng und abweisend auf den Wastl, der bittend zu ihm +gekommen war.</p> + +<p>»Kannst nit warten, Bua ... bis i hin bin?« frug er mit seiner heiseren +Stimme, die davon zeugte, daß der Göd mit 'm G'sund nit ganz richtig +war. »Aft kriagst alles. Bist ja mei' Godlkind!« fügte er hinzu.</p> + +<p>Der Wastl zog den Kopf ein und schaute gedrückt zu Boden.</p> + +<p>»Dös kann aa no zwanz'g Jahr' sein!« meinte er. »Und 's Madl ...«</p> + +<p>»Mei! 's Madl!« machte der Alte verächtlich. »'s Madl! Dös heirat' halt +derweil an andern.«</p> + +<p>»Dös soll sie aber nit!« brach der Wastl leidenschaftlich aus. »Dös +derleid' i nit.«</p> + +<p>Der Alte im derben, schäbiggrauen Lodenrock mit den plumpen, +bodenscheuen Hosen und unförmlichen Holzschuhen, saß eine Weile +beobachtend neben dem Burschen auf der Ofenbank der kleinen Stube. Die<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> +flache Hand stützte er schwer auf die Bank, weil ihm das Aufrechtsitzen +hart ankam. Den grünlich schwarzen, spitzen Filzhut hatte er fast bis +über die Augen gerückt, und das rote Halstüchl, das er lose um den +dürren, adrigen Hals geschlungen trug, schien ihm auf einmal viel zu +eng zu werden. Sein zahnloser Mund mit den farblosen Lippen zitterte +leicht und unaufhörlich.</p> + +<p>»Dös derleidest nit!« wiederholte der Göd über eine Weile und machte +sich an seinem Halstüchl zu schaffen. »Dös derleidest nit!« brummte er +ein paarmal leise vor sich hin. »Ah a so! Wohl nit!« machte er dann +nachdenklich.</p> + +<p>»Naa.«</p> + +<p>Langsam und bedächtig nickte der Alte mit dem zittrigen Kopfe. Dann +meinte er schwerfällig: »Unseroans hat aa manches nit derlitten. +Unseroans! 's ist aber aft do aa gangen. Guat ist's gangen. Recht +guat!« wiederholte er.</p> + +<p>»Göd!« Gequält sah der Bursch dem Alten in die Augen, die ihn mit einem +Male hart und grausam dünkten. »Seid's iatz an alter Mann, Göd! Und +könnt's Euch leicht nimmer vorstellen, was a junger empfindet. Wenn oan +a Madel alles ist auf der Welt. Himmel und Herrgott und ...«</p> + +<p>Da hob der alte Mann den Zeigefinger seiner knochigen rechten Hand +warnend in die Höhe. So steif und ungelenk war der und zitterte +bedenklich.</p> + +<p>»Tua nit freveln, Bua!« warnte er. »Der Herrgott ist mehrar wia a Weib! +Tua nit freveln! Nit<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> freveln!« wiederholte er mit seiner heiseren +Stimme. Aber dann gab er doch wenigstens seine Einwilligung, daß der +Wastl die Vef zu ihm bringen durfte.</p> + +<p>»Magst sie schon bringen, dei' Madl ...« meinte er, etwas weicher +gestimmt. »Anschaug'n kann i sie ja. Aber das sell sag' i dir glei' +... deswegen übergib i no lang nit. Und wann sie aa no a so a schian's +Fötzl hermacht. Dassell rührt mi nit, sag' i dir. Schon gar nit!« ...</p> + +<p>Es hat ihn aber dann doch umgestimmt, den Göd, als er die ehrliche +und fast kindliche Freude des Mädels über das Hoamatl sah. Völlig +gerührt war der alte Mann geworden, weil die Vef alles so schön fand +und die Gegend so lobte. Da wurde ihm der Blick feucht, und die Stimme +zitterte, und der zahnlose Mund zog sich noch mehr in die Breite und +wurde zum freundlichen Grinsen.</p> + +<p>»Ah a so!« machte er. »Schian dunkt's di da, Madel! Wohl schian? Ist +freili schian. Freilich! Wann's aa nit extra groß ist. Zwoa Goaß und a +Kuah! Ist wohl epper z'wenig für enk zwoa, ha?«</p> + +<p>Die Vef schüttelte den Kopf und lachte wie immer ihr strahlendes +lustiges Lachen.</p> + +<p>»Ah sell tut's leicht!« meinte sie sehr zufrieden. »Und halten wollt' +i Enk, Göd ... wie mein' eigenen Vater!« sagte sie warm und nahm die +blutleere kalte Hand des Alten in ihre warme Hand. »Sollt's es recht +... recht fein haben bei uns!« versprach sie.</p> + +<p>Der Alte blinzelte mit seinen kleinen Augen, die so tief in ihren +Höhlen lagen, erst auf den Wastl und<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> dann auf die Vef, die vor ihm in +der Stube standen. Dann zog er die scharfe Adlernase ein paarmal in die +Höhe, als müsse er durch sie eine höhere Erleuchtung einschnuppern.</p> + +<p>»Ist a toll's Mensch her ... dei' Madl!« lobte er dann befriedigt. +»Und aa a schian's Mensch her. Kannst a Freud' hab'n dermit. A recht a +saubers Mensch, dei' Vef!« murmelte er zufrieden vor sich hin. »Kann aa +ordentlich zugreifen bei der Arbeit ...« überlegte er. »Sölle Arm' wia +die dir herhat ... recht an ordentlich's Weibets, kam' mir amal für!« +nickte er immer wieder vor sich hin.</p> + +<p>Damit war die Sache eigentlich gewonnen, und sie hatten nur mehr auf +die Gemeindebewilligung zu warten. Die ließ dann freilich noch ein +paar Jahre auf sich warten, und der alte Mann in der Gungl, der immer +gebrechlicher und kränker wurde, drängte schließlich selber zu der +Heirat und konnte es kaum mehr erwarten, bis das junge Paar in seine +Hütte einzog.</p> + +<p>Ein kleines, enges Reich war das Gütl vom Göd. Die Heimat vom Regele +war im Vergleich ein großer Holzpalast.</p> + +<p>Der Göd war in eine kleine Kammer neben der Stube gezogen. In der Stube +selbst schliefen die jungen Leute mit ihren Kindern, und in der Küche +wohnten sie zum großen Teil.</p> + +<p>Da wiegte die Vef ihr jüngstes Kind und herzte ihren Erstgeborenen im +seligen Glück. Und innig und dankbar genoß sie die Liebe ihres Mannes, +der ihr wie ein treuer Knecht ergeben war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> + +<p>Das Regiment im Haus aber hatte die Vef inne. Das war nun schon einmal +so. Auch der Alte fügte sich ihr gerne, brummte darüber und schmunzelte +dazu. War nicht mehr zu viel nutz auf der Welt, der alte Mann. Saß +fast den ganzen Tag steif und zittrig in der rauchgeschwärzten kleinen +Kuchel auf der Bank neben dem offenen Herd und wärmte sich. Blinzelte +in die Luft und brummte unverständliche Laute vor sich hin ...</p> + +<p>Und wieder war's Sommer geworden in der Gungl. Die Vef hatte den Göd +mit der Aufsicht ihrer Kinder betraut und ging hinaus auf die Mahd, +ihrem Mann zu helfen. Der trug auf hochbeladener Kraxe das Heu in den +Stadel ein, und die Last war so schwer, daß der junge starke Körper bei +jedem Schritt zitterte und die Brust keuchte.</p> + +<p>Von steiler Halde trug er das Heu, und langsam und vorsichtig, aber +sicher setzte er die nackten Füße auf den schlüpfrigen Boden. Ein +Fehltritt nur, und der Wastl wäre ausgerutscht, hätte sich, da er +nirgends einen Halt hätte finden können, überkugeln müssen und wäre +abgestürzt.</p> + +<p>Ein mühsam schweres Ernten war das hier hinten in der Gungl. Zu +Lasttieren wurden die Menschen, und im mühseligen, nimmer rastenden +Fleiß mußten sie dem spröden Erdreich schier jede Kartoffel abringen.</p> + +<p>Die Felswände, mit langen Gräsern bewachsen, die wie Schleier +darüberfielen, ragten glatt und mächtig oberhalb der Mahd zum steilen +Berg empor. Hie und<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> da hatte auf brüchigem Felsvorsprung ein Strauch +oder Bäumchen sich eingenistet, und seine Wurzel gedieh und sog an dem +spärlichen Erdreich, das ihm hier Nahrung bot.</p> + +<p>Im engen Tal brauste der Bach. Wild und ungebärdig. Haushohe Felsblöcke +lagen darin und hielten den Wellen Widerpart. Das brodelte und schäumte +und bäumte sich auf in wildem Grimm, formte sich zum Kessel und +spritzte in weißem Gischt zornig empor.</p> + +<p>Große und kleinere Felsblöcke lagen auch verstreut in den grasigen +Halden und in unmittelbarer Nähe der Hütte. Ein windschiefer Zaun +grenzte das kleine Besitztum ab und machte es als Anwesen kenntlich.</p> + +<p>Sogar eine kleine Gasse führte hier vorbei. Die war so steil und +steinig, daß nur die abgehärteten Füße dieser Bergmenschen ohne +Schmerzen sie gehen konnten. Dieser steinige Weg führte tiefer ins Tal +hinein, bis zu dem Rand des Gletschers. Almen lagen da drinnen, auf +denen zur Sommerszeit das Vieh aufgetrieben wurde.</p> + +<p>Die Vef hatte ein hellfärbiges Tüchl schützend gegen den Sonnenbrand +über den Kopf gebunden, die Ärmel ihrer dunklen Jacke weit +zurückgeschoben und den Rock vorne hochgeschürzt. So stand sie auf der +Mahd und zog mit dem Rechen das Heu zu einem Haufen zusammen.</p> + +<p>Ziemlich hoch oben auf der Halde arbeitete sie, dort wo die Felswände +anfingen und die Luft schwer zu drücken schien durch die Macht der +emporragenden<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Wände. Der Wastl trug gerade wieder seine gefährliche +Heulast zum Stadel herab, der knapp hinter seinem Häusl stand.</p> + +<p>Im Gassl unten trieb ein Mann etliche Schweine vorbei. »Tschöh ... +tschöh ... tschöh ...« lockte er; denn die Tiere, eigenwillig wie sie +nun einmal sind, wollten nicht vorbei an der Hütte. Offenbar witterten +sie gutes Futter in der Nähe und wünschten Einkehr hier zu halten.</p> + +<p>»Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte der Mann, und ungeduldig +hieb er mit seinem Stock auf die Schweine ein, daß sie grunzend und +schreiend vorwärts liefen.</p> + +<p>Die Vef hielt mit der Arbeit inne und schaute von ihrer Höhe aus +neugierig zu dem Wanderer herab, der sich kleinwinzig ausnahm. Sie +hielt die Hand vor die Augen, um besser zu unterscheiden, wer der +Wanderer sei.</p> + +<p>»Weit aus?« rief sie ihm mit ihrer weittragenden vollen Stimme zu.</p> + +<p>»Nimmer gar weit!« rief er zurück.</p> + +<p>An dem Klang der Stimme erkannte sie ihn.</p> + +<p>»Jessas! Der Stanis!« rief sie freudig herunter. »Grüß di Gott, Stanis!«</p> + +<p>Und dann warf sie den Rechen beiseite und kam, so schnell sie es +vermochte, über die Halde heruntergelaufen, um den alten Bekannten vom +Alpl zu begrüßen.</p> + +<p>»Muaßt schon einer giahn, Stanis ...« lud sie ihn ein. »A Maulvoll +Milch kosten und a Brot und an<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Butter essen. Hab' erst heut' in der +Fruah frisch gekübelt!« erzählte sie.</p> + +<p>»Ja ... und meine Facken?« wies der Stanis ärgerlich mit dem Stock auf +die Schweine, die schon wieder ihren eigenwilligen Weg laufen wollten.</p> + +<p>»Dö locken wir einer da und geben ihnen an Trank. Wart', i hilf dir!« +Und resolut wie sie war, half sie dem Stanis die Schweine in den Stall +treiben.</p> + +<p>»Schlagt dir guat an, die Gungl!« neckte der Stanis, als er in der +Küche beim Tische saß und aus der hölzernen Milchschüssel trank. +»Ausgezeichnet!« Vom Fuß bis zum Kopf musterte er sie dreist und +frech. »Hast no mehra sölle Fratzen?« meinte er dann, auf die beiden +Kinderchen deutend.</p> + +<p>»Bis iatz grad lei dö zwoa!« sagte die Vef und hielt dem Stanis voll +Stolz das nackte dicke Bübl entgegen, damit er es gebührend bewundern +solle.</p> + +<p>»Wia alt bist aft'n du?« frug der Stanis und beugte sich zu dem +größeren Kinde, das nur mit dem färbigen Hemdchen bekleidet am Boden +saß.</p> + +<p>»Der? Der ist zwoa Jahr auf Martini und der kloane acht Monat. Aber +so viel a braver! So viel a braver Bua!« lobte sie und putzte das +kleine Stumpfnäschen mit ihrer Schürze. »Gelt, Ahndl, brav ist er, der +Luisele?«</p> + +<p>Der Alte auf der Herdbank, im Lodenrock und mit dem Hut am Kopf, +brummte mit seinem zittrigen, zahnlosen Mund unverständlich vor sich +hin. Die Vef war aber ganz zufrieden mit dem, was sie für<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> eine Antwort +hielt. Gleich wandte sie sich wieder dem Stanis zu. »Gelt, und toll ist +er?« frug sie voll Mutterstolz.</p> + +<p>»Was geiht's aft eppar iatz ab? Zwilling?« frug der Stanis boshaft.</p> + +<p>»Von mir aus aa. Je mehr Kinder, desto liaber!« lachte die Vef.</p> + +<p>Da mußte der Stanis laut herauslachen über das ehrliche Geständnis.</p> + +<p>»Wo hast aft dein' Alten, den Wastl?«</p> + +<p>»Werd' glei kömmen.« Sie öffnete die Türe und rief mit ihrer schönen +dunkeln Stimme den Namen ihres Mannes.</p> + +<p>»Wastl! Einer giahn! Der Stanis ist da!«</p> + +<p>Es dauerte eine Weile, bis der Wastl kam. Der Stanis aber erzählte +indes, was sich in der Heimat draußen in der letzten Zeit ereignet +hatte.</p> + +<p>»Der Kramer Veit ist wieder kömmen!« berichtete er nach einer kleineren +Pause.</p> + +<p>»Ah wohl!« machte die Vef interessiert und setzte sich mit dem jüngsten +Kind am Schoß zu dem Stanis auf die Bank hin, während das größere auf +allen Vieren am Boden herumkroch. »Wohl wieder kömmen?« frug sie. »Hat +er was verzählt vom Regele und vom Florl? Sein's iatz verheirat' ... dö +zwoa?« forschte sie neugierig.</p> + +<p>»Freilich verheiratet. Sein aa mitkömmen dö zwoa!« berichtete der +Stanis und schnitt sich mit seinem großen Taschenmesser ein gewaltiges +Stück Brot ab, das er dann fingerdick mit Butter bestrich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<p>»Was du nit sagst? Da sein's?« verwunderte sich die Vef.</p> + +<p>Da kam der Wastl zur Stubentür herein und mußte sich tief bücken, damit +er nicht an den Balken anstieß. »Grüaß di Gott, Stanis!«</p> + +<p>»Grüaß Gott aa!«</p> + +<p>Er sah gealtert aus, der Wastl, mitgenommen von der harten Arbeit, und +tiefe Furchen hatten sich vorzeitig in dem jungen, wetterharten Gesicht +eingegraben.</p> + +<p>»Horch, Wastl, was der Stanis verzählt!« rief die Vef wichtig. »Der +Florl und 's Regele sein hoamkömmen mit'n Kramer Veit.«</p> + +<p>»Wohl kömmen? Ah so!« sagte der Wastl und setzte sich aufatmend neben +sein Weib. Sein Gesicht war noch aufgedunsen und hochrot von der +schweren Arbeit, und dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn und +machten das hereinhängende schwarze Haar feucht glänzen. »Was machen's +nacher, dö zwoa?« erkundigte sich der Wastl ziemlich gleichgültig.</p> + +<p>»Faulenzen tian's!« sagte der Stanis scharf. »Und nobel sein dir dö +zwoa g'worden! Am hellichten Werktag laufen's im Sonntagsg'wand umadum!«</p> + +<p>»Haben's Kinder?« forschte die Vef interessiert.</p> + +<p>»Naa. Haben koane.«</p> + +<p>»Nit?« meinte sie verwundert und drückte ihr kleines Bübl, das vor +Wonne krähte und sie aus hellen runden Augen anlachte, innig an ihre +volle Brust. »Koane Kinder?«</p> + +<p>»Aber dös oane ... dös Büabl ... dös hat die Notburg no alleweil?« frug +der Wastl.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>»Dös hat die Notburg no alleweil!« bestätigte der Stanis. »Laßt's aa +nit her, die Notburg, und recht hat sie!« erzählte er weiter. »Söllene +zwoa, wie dir dö sein!« sagte er verächtlich und kaute laut schmatzend +sein Butterbrot.</p> + +<p>»Ja ... und haben's aft döcht a Geld verdient mit der Singerei?« frug +die Vef weiter.</p> + +<p>»Freilich! A woltern a Geld haben's verdient, sagt der Kramer Veit. +Söllene zwoa, wie dir dö sein!« entrüstete er sich weiter. »Wöllen iatz +no a paar Madeln und Buab'n mitlocken zu dera Singerei Aber dem Kramer +Veit ist die Sach' nit ganz g'recht. Er tu' da nimmer mit, hat er +erklärt.« Verächtlich spuckte der Stanis im weiten Bogen zur Seite.</p> + +<p>»Dös sell glab' i schon!« meinte der Wastl schwerfällig, äußerte sich +aber in keiner Weise, wieso er zu dieser Ansicht kam.</p> + +<p>»Ja, und was sagt aft der Söllerbauer dazu?« frug die Vef interessiert.</p> + +<p>»Nix'n sagt er. Was soll er aa sag'n? Aber dei' Vater larmt dir anders, +Vef!«</p> + +<p>»Mei' Vater?«</p> + +<p>»Freili ... dei' Vater.«</p> + +<p>»Ja ... z'wegen was denn?« frug die Vef betroffen. »Was geht denn dös +mein' Vater an?«</p> + +<p>»Wann die Rosina aa mittuan will, bei dera Singerei.«</p> + +<p>»Dö Rosina?« Die Vef war aufgesprungen und legte den Säugling achtlos +in die Wiege hinein. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften. War +ein<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> stattlich schönes Weib geworden, die Vef, trotz der ärmlichen +Kleidung und trotz des Kindersegens. »Jatz bin i's do nimmer! Die +Rosina? Ja ... was sagst aft iatz du, Wastl?« frug sie ihren Mann +scharf, als ob dieser Schuld an der Sache trüge.</p> + +<p>»Nix sag' i. Soll halt giahn, wenn sie's g'lustet.«</p> + +<p>»Kimmst du bald amal zur Rosina, Stanis?« erkundigte sich die Vef.</p> + +<p>»Kann leicht sein.«</p> + +<p>»Sag' ... sie soll einer giahn zu mir in die Gungl. Lang dauert's ja +do nimmer, bis das Kloane kommt, und da mag sie mir auswarten. Und dö +Flausen, dö treib' i ihr aft aus, dös woaß i!« erklärte das junge Weib +resolut ...</p> + +<p>Die Rosina hat sich aber bei der Vef nicht blicken lassen. Die Julie +war statt ihrer gekommen zum Auswarten, und der Florl und das Regele +waren auch mitgekommen, um die alten Freunde aufzusuchen.</p> + +<p>Die Vef und der Wastl rissen da freilich beide Augen auf, als sie das +Regele und den Florl wiedersahen. So verändert, wie die waren, und +kamen ihnen so fremd vor, daß sich der Wastl und auch die Vef anfangs +wirklich hart taten mit reden.</p> + +<p>Das Regele tat ganz besonders geziert und redete eine Sprache, wie man +sie in dieser Gegend herum nicht gewohnt war. Und fein angezogen war +sie! Hatte ein schwarzsamtenes Miederleibchen und ein helles Seidentuch +darein gesteckt, und ihr Hals guckte blühweiß und schlank daraus +hervor. Eine große<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> goldene Brosche hielt das Tüchl ziemlich tief am +Halsausschnitt zusammen, und in den zierlichen Ohren hatte sie ein Paar +goldene Ohrgehänge, die viel zu lang und schwer waren für die feinen +Läppchen und sie unnatürlich in die Länge zogen.</p> + +<p>Aber dem Regele schienen die schweren Ohrringe ganz besonders gut zu +gefallen; denn sie drehte und wendete das feine Köpfchen nach allen +Seiten, um sie ja recht zur Geltung zu bringen. Wie ein kokettes +verliebtes Kanarienvogerl war sie und lachte lieb und zutraulich, wenn +sie mit dem Wastl sprach. Und wenn sie mit der Vef sprach, dann war +es, als ob ein ganz klein wenig Herablassung in ihrem Blick läge. Und +eine helle Seidenschürze hatte das Regele, die so kostbar war wie jene, +welche die reichen Bäurinnen nur an den allerhöchsten Festtagen zu +tragen pflegten.</p> + +<p>Die Vef konnte sich im Anfang gar nicht satt sehen an dem Regele. So +gut gefiel sie ihr. So fein und nobel wie sie aussah und so hübsch und +jung dabei. Wie ein junges Dirndl von zwanzig Jahren war das Regele und +sah gar nicht aus wie eine verheiratete Frau.</p> + +<p>Der Florl erzählte lachend, wie man das Regele draußen in der Welt +immer für ein Fräulein halte, und wie es kein Mensch wisse, daß das +bildhübsche Tiroler Mädel seine rechtlich angetraute Gattin sei.</p> + +<p>»Fräulein Regina sagen die Leut' zu mein' Grispele!« lachte der Florl +überlaut, und es klang doch etwas erzwungen, wenn man mit feinem +fühlendem<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Ohr zu hören verstand. Wenigstens erschien das dem Wastl +so, der, die Arme auf die Knie gelegt, vornüber geneigt dasaß und +aufmerksam zuhorchte.</p> + +<p>»Und Verehrer hat dir die ...« prahlte der Florl weiter und legte +seinen Arm um die zierliche Figur der kleinen Frau ... »könnt' eins +völlig eifersüchtig werden, wie dö fremden Mannderleut' damit tun ...« +meinte er.</p> + +<p>Die Vef schlug die vollen Arme über den Kopf zusammen.</p> + +<p>»Und dös derlabst du, Florl?« frug sie voll Verwunderung. »Und bist nit +amal eifersüchtig?«</p> + +<p>Hellauf lachte da der Florl und zog das Regele eng an sich. »Ist ja do +<em class="gesperrt">mei'</em> Weibl!« sagte er stolz. »Und g'hört koan als mir alloan. +Und dös andere, dös g'hört mit zum G'schäft!« erklärte er.</p> + +<p>»Was g'hört mit zum G'schäft?« frug da der Wastl auf seine +schwerfällige Art und runzelte bedenklich die Stirn. »Wann i mei' Weib +...«</p> + +<p>»Bua, das verstehst du nit!« erklärte ihm der Florl mit herablassender +Miene. »Dös ist dir ganz an andere Sach' und nit a so wie bei uns +herinnen. Siehst, wann sich so a frisches Tiroler Dirndl hinstellt +und zu jodeln anfangt, dann ist's aa jedesmal, als ob ihr alle Herzen +zufliegen taten. Aber das Jodeln und schian singen allein tut's nit. +Kannst mir's glauben. Da muß aa a bißl a Aufmachung dabei sein. Eppas +fürs Aug'. Und zu der Aufmachung g'hört's aa, daß wir's nit an jeden +auf die Nas'n binden, daß wir verheirat' sein. A ledig's<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> Dirndl wirkt +besser als wie a verheirat's Weib. Kannst mir glauben.«</p> + +<p>Selbstbewußt und energisch hatte der Florl gesprochen, und die Vef +und der Wastl hatten ihm in lautloser Stille zugehört. Sie saßen +in der düstern Küche am Tisch und bewirteten ihre Gäste mit Milch +und Butterbrot. Am Boden rutschte das älteste Bübl in seinem grauen +Flanellhemdchen, und das jüngste strampelte in der Wiege und schrie +gebieterisch nach der Mutter.</p> + +<p>Die Vef eilte zu ihm und nahm es auf ihren Schoß. Der Göd saß auf der +Herdbank, den Hut am Kopf und wie immer in seinem grauen, abgetragenen +Lodenrock mit den schwarzen Samtaufschlägen an den Ärmeln, und murmelte +leise und unverständlich vor sich hin und bezeigte keinerlei Interesse +an den fremden Besuchern.</p> + +<p>Die Julie hatte sich schon heimisch gemacht; denn sie sollte ja nun +etliche Wochen bei der Schwester bleiben. Sie hatte das Werktagsgewand +angezogen und versuchte nun eine kleine freundschaftliche Annäherung +mit dem kleinen blonden Buben am Fußboden herbeizuführen. Der wich ihr +aber standhaft aus, rutschte so weit er konnte von ihr weg und zu dem +Alten hinüber, der auf der Herdbank saß.</p> + +<p>Von da aus betrachtete er die Julie neugierig, aber mit ausgesprochenem +Mißtrauen; und als die Julie ihre Annäherungsversuche so weit trieb, +daß sie den Kleinen auf ihren Arm nahm, da brüllte der Wicht<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> ganz +ungebärdig und wollte sich gar nicht mehr beruhigen lassen.</p> + +<p>Erst als die Vef den Buben nahm und ihn mit einem tüchtigen Klaps +dem Wastl aufs Knie setzte, hörte er zu schreien auf. Er sah aber +unausgesetzt und mit zornigem Gesichtchen zu der neuen Tante hinüber, +stets bereit, bei dem geringsten Annäherungsversuch von ihrer Seite in +ein erneutes Gebrüll auszubrechen.</p> + +<p>»Der hat a Stimm'!« meinte der Florl anerkennend, und das Regele +schnitt ein so wehleidiges und zimperliches Gesicht, daß man es ihr +wohl anmerken konnte, wie unleidlich und zuwider ihr Kindergeschrei +geworden war.</p> + +<p>»Gibt amal an guten Sänger ab ... mit der Lungl!« erklärte der Florl +mit Bestimmtheit.</p> + +<p>»Möchtest ihn leicht mitnehmen auf deine Reisen?« lachte die Vef und +schaukelte ihren Jüngsten unaufhörlich im Arm hin und her.</p> + +<p>»Den? Naa. Der ist mir no zu jung!« sagte der Florl lachend. »Aber enk +zwoa, di und den Wastl! Enk könnt' i gut brauchen.«</p> + +<p>Dem Wastl war, seit der Florl und die Regina zu Besuch hier weilten, +etwas beklommen zumute. Er wußte nicht recht, was es war, aber es +freute ihn durchaus nicht, daß die beiden zu ihnen gekommen waren. Er +fühlte: diese beiden paßten nicht mehr zu ihnen und auch nicht mehr in +die Einsamkeit dieser Berge.</p> + +<p>Aus dem Florl war ein Herr geworden. Ein viel<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> feinerer Herr wie aus +dem Kramer Veit, der sich trotz jahrelanger Abwesenheit von der Heimat +in Sprache und Art doch immer gleichgeblieben war. Der Florl aber fand +nicht mehr den richtigen Ton, wenn er mit seinen Landsleuten sprach. Es +war etwas Fremdes in seinem Wesen, etwas, das sowohl den Wastl wie auch +die Vef von ihm abstieß.</p> + +<p>Ein selbstbewußter und selbstsicherer Mann war der Florl geworden. Die +elastische, biegsame Figur von ehedem hatte er eingebüßt, war voll und +breitschultrig geworden, und die Tracht der Heimat, die er trug, paßte +so wenig zu ihm, daß es aussah wie eine Verkleidung und als habe er sie +nur zum Spaß angezogen.</p> + +<p>Das feine, beinahe mädchenhafte Gesicht, das dem Florl früher eigen +war, sah jetzt schwammig und aufgedunsen aus und zeugte vom gesättigten +Genuß. Er hatte das Zarte und Frische eingebüßt und auch den übermütig +verwegenen Ausdruck, und etwas Bestimmtes, berechnend Schlaues war an +dessen Stelle getreten. Der kurze, braune Krausbart, der das Gesicht +umrahmt hatte, war jetzt nach städtischer Mode zugestutzt, und die +hellen Augen schauten herausfordernd und etwas frech in die Welt.</p> + +<p>Als der Florl jetzt die Antwort gab, schaute der Wastl bis ins Innerste +erschrocken auf sein Weib. Die Vef aber lachte nur, laut und übermütig, +wie sie es stets getan hatte, und küßte ihr blondes Bübl, das auf ihrem +Schoße jauchzte und lachte, leidenschaftlich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> + +<p>»So a Tolm ... a narrischer!« schimpfte sie dann lustig darauf los. +»Wir sollten da mittian? Nit zwanz'g Ross' bringeten mi amal außi aus +der Gungl!« erklärte sie mit Bestimmtheit.</p> + +<p>Erleichtert schaute der Wastl zu dem Göd hinüber, der noch immer +teilnahmslos dasaß und nur leise mit dem Kopfe nickte.</p> + +<p>»Könnt ihr zwei nimmer singen?« frug da das Regele in ihrer gezierten +Sprache, die sie sich zugelegt hatte. »Habt's es ganz verlernt bei +enkerer Arbeit?« Eine leise Geringschätzung lag in dieser Frage. Die +Vef parierte aber kräftig den Hieb.</p> + +<p>»Ah wohl!« sagte sie resolut. »Singen können wir no gut. I und mei' +Wastl. Leicht besser wia ös zwoa!«</p> + +<p>»Geht's, singt's amal oans!« forderte die Julie auf um dem Gespräch, +das jetzt peinlich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben.</p> + +<p>Da sangen die Vef und ihr Wastl, und der Florl und das Regele hörten +zu. Schönheit und unverbrauchte Kraft lag in ihren Stimmen und eine +Wärme und Innigkeit, wenn sie von der Heimat sangen, daß es dem Florl +ganz eigen ums Herz wurde.</p> + +<p><em class="gesperrt">Diese</em> Innigkeit, das wußte er, die brachte weder er noch das +Regele mehr auf, wenn sie den fremden Menschen draußen die Lieder ihrer +Heimat sangen. Und beifällig nickte er immer wieder mit dem Kopfe, und +als die beiden geendigt hatten, da jubelte es in ihm auf, und übermütig +sprang er empor, hob sein Regele wie ein Kind in die Luft und wirbelte +sie im Tanz in der Küche herum.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<p>Er pfiff und klatschte dazu mit den Händen, schlug sich aufs Knie und +auf die Fußsohlen und führte einen regelrechten und ausgelassenen +Schuhplattler auf. Und es war so befreiend frisch und ungezwungen, so +voll Lebensfreude und toller Lebenslust, ein Tanz voll von Naturkraft +und echtem Triebgefühl, wie er nur in Gottes herrlicher Bergwelt +entstehen kann und nur hier vollendet in seiner echten, ungekünstelten +Wirkung getanzt werden kann.</p> + +<p>Das Regele wiegte sich geschmeidig und neckisch in ihren Hüften und +jauchzte und lachte, da sie den Florl so übermütig sah, und freute +sich wie ein Kind. Und jetzt erst, nachdem das Echte, Ursprüngliche in +diesen beiden jungen Menschen wieder zum Durchbruch gekommen war, jetzt +war auch die alte Herzlichkeit zwischen den Freunden wiederhergestellt.</p> + +<p>Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren +Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und +berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten +und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten +ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von +diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten +sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie +wunschlos glücklich waren.</p> + +<p>Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten +der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der +fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> +fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen +zuhörten.</p> + +<p>Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen +Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen +Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld +einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen. +Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und +jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit +weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele +Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen.</p> + +<p>Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche +Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar +und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl +durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen +Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit.</p> + +<p>»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die +Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden +Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl +und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier +unglaublich vor.</p> + +<p>Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues +Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf +zurück.</p> + +<p>»An altmodischer Mensch ist's, der Kramer Veit!«<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> sagte er unwirsch. +»Kann nimmer mittun mit junge Leut'!«</p> + +<p>»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das +Regele schnippisch und mit gekränkter Miene.</p> + +<p>Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur +um etwas zu sagen.</p> + +<p>»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an +Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an +den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?«</p> + +<p>»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu.</p> + +<p>Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen +dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß +jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem +Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über +den kleinen Lockenkopf fuhr.</p> + +<p>»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir +richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit +kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz +besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich, +wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns. +A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia +wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack +von die herrischen<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der +Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös +muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.«</p> + +<p>»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte +ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für +an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh' +g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl, +dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so +daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses +an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte.</p> + +<p>»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i +mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle +Mannsbilder so dazustiahn!«</p> + +<p>Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte +sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich +viel schöner aus a so.«</p> + +<p>Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb +ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr +schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...«</p> + +<p>»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang +beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie +dasjenige vom<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ... +warum nit? Das derlabest du aa.«</p> + +<p>»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang +in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt +ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer +an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und +an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß +die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute +auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit +zahnlosem Munde vor sich hin murmelte.</p> + +<p>Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche. +Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese +Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so +wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte.</p> + +<p>Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe, +um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere +Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans +Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im +eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus.</p> + +<p>»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach +außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam.</p> + +<p>Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?« +frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was +die<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und +gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.«</p> + +<p>Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der +Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte +der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und +hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge. +Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so +grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war.</p> + +<p>»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der +winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.«</p> + +<p>»Tian wir beten!« mahnte die Vef.</p> + +<p>Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der +kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war +aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete +laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen.</p> + +<p>Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete +sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der +Natur, die so mächtig waren.</p> + +<p>Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete +in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im +Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> des Regens, im Ächzen +und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat +sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die +heilige Heimat.</p> + +<p>Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern +machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen +Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und +über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und +Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen +Heimat.</p> + +<p>Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte +in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines +unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin +und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als +Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden.</p> + +<p>Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und +unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die +Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid +und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir +sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von +ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ...</p> + +<p>Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die +Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern +Herzen.<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer +und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe +Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin, +wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden +trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht +ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre +Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ...</p> + +<p>Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen +Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst, +treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem +Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich +... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz' +uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem +Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem +heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner +Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht +für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein +Name!</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<h2>Siebentes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten, +hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine +innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr +eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast +interesselos gegenübergestanden hatten.</p> + +<p>Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die +Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die +Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.</p> + +<p>Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner +Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben +können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.</p> + +<p>Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und +verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber +aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten +sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes +überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren +sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch +immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder +in ihrem Wesen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der +nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So +erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein +Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter, +bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk +von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.</p> + +<p>Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen +Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch, +so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch +freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.</p> + +<p>»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem +Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«</p> + +<p>Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte, +breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken, +auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.</p> + +<p>»Hast koa Zung', Anderl?«</p> + +<p>Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte, +aber redete kein Wort.</p> + +<p>»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös +wieder her?«</p> + +<p>»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden +Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p> + +<p>Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran +und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte, +wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze +seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich.</p> + +<p>»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig.</p> + +<p>Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf. +»Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei' +Muatter!«</p> + +<p>»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.«</p> + +<p>»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so +gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war +aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube +ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern +umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr +hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend +und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm +zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte.</p> + +<p>»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele +neuerdings.</p> + +<p>Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der +Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele +jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> es, +mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den +Knirps.</p> + +<p>»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich +heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste, +in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum +Bewundern hinhielt.</p> + +<p>»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter +der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.«</p> + +<p>»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer +wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig +jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies.</p> + +<p>»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl +unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.«</p> + +<p>»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt. +»Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu.</p> + +<p>Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor +und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte +Gesichtl.</p> + +<p>»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut +halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann +fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen +Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für +wen hast denn alle Abend beten müssen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie +zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in +dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur +wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes, +das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt.</p> + +<p>»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von +vorhin.</p> + +<p>»Für di!« erklärte der Bub trotzig.</p> + +<p>»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise.</p> + +<p>»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich, +daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im +kindlichen Trotz abwandte.</p> + +<p>Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug +sie schnippisch.</p> + +<p>»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte +er eigensinnig.</p> + +<p>»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen +Brauen.</p> + +<p>»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt.</p> + +<p>»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja +nix getan.«</p> + +<p>»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!« +erzählte der Kleine.</p> + +<p>»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie, +seit sie nun in der Heimat<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> weilten, diese Rede der Geringschätzung +gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom +Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes.</p> + +<p>»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug +zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte +der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl +eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am +Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen +mußte.</p> + +<p>»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen +und pfiff leise vor sich hin.</p> + +<p>»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele +über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube +der Notburg geherrscht hatte.</p> + +<p>»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern +alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit +dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt +aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du +kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s +Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser +gangen ist.«</p> + +<p>Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort +mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> +auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube.</p> + +<p>Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden +seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen +Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der +Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie +dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt, +die voll Glanz und Erfolg für sie war.</p> + +<p>Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten +Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh +gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im +Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie +mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl +nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen.</p> + +<p>Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und +Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld +aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis. +Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld +erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht +einleuchten.</p> + +<p>»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit. +»Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ... +dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit +macht. Aber lei so umananderziechen<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> und 's Maul aufreißen und singen +... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend.</p> + +<p>Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen, +daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar +nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und +ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf +er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige +Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen +muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.«</p> + +<p>Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das +elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl, +hier bloß geduldet zu sein.</p> + +<p>Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar +bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen +alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle +Hände voll zu tun.</p> + +<p>Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn +hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie +gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim +und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben +können, meinte der Söllerbauer.</p> + +<p>Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die +Arbeit gingen, dann schliefen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> der Florl und das Regele bis tief in den +Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem +Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen, +geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen.</p> + +<p>Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn +das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den +Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte.</p> + +<p>Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das +war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit +abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit +zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin +und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich +halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand +schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da +spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig +herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler.</p> + +<p>Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der +Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft +entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem +Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten +die Türe vor der Nase zugeworfen hätte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> + +<p>Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten +Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei. +Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich +nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu +schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an.</p> + +<p>Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche +Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen +an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde.</p> + +<p>Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten +prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der +Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein +eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete +scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen; +denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl +aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr +beneiden sollten wie den Kramer Veit.</p> + +<p>»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele +und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon +geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher +kriechen's vor mir, das weiß i!«</p> + +<p>Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der +Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß +er es auch erreichen würde.</p> + +<p>Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste +Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren +eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen. +Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er +nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten.</p> + +<p>Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem +Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte +er ganz entschieden erklärt.</p> + +<p>»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal +zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon +bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen +hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er +sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i +muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk +g'schadet ... dö habt's nit vertragen.«</p> + +<p>Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter +des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die +urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf. +Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl +wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen +war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> + +<p>»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden +fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no +andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat +ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie. +»I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der +am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal +herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner +mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn +man ihn siecht.«</p> + +<p>Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus +überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine +mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend +fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die +jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...« +beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die +Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.«</p> + +<p>Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem +Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu +bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen +vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und +Nacht drückte.</p> + +<p>Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Herbst mit dem +Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von +nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies +erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina +in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei +weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ...</p> + +<p>Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde +es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit +der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit.</p> + +<p>Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu +sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als +ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend +seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte.</p> + +<p>Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit +auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie +immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der +kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster +hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich +und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen +stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl +die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete.</p> + +<p>»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ...<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> »i rat' dir no amal. +Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau, +i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a +Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst +kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.«</p> + +<p>Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit +die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen +Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen.</p> + +<p>»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und +könnt's no etline Kinder kriagen und ...«</p> + +<p>Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle +Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!«</p> + +<p>Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte +auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den +kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen, +und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd +an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und +gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor.</p> + +<p>Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl.</p> + +<p>»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht +... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt, +Regele?«</p> + +<p>Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> leichten Sinn der jungen +Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei +ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte +sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an +die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd' +draußen.«</p> + +<p>Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem +Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses +Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn +sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie +ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn +des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck +in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem +jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach.</p> + +<p>»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und +hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an +Wirt aus dir! Magst?«</p> + +<p>Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt +gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu +überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel +ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz +verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem +gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er +denn<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer.</p> + +<p>»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er +ernst und nachdenklich.</p> + +<p>»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus +brauchen.«</p> + +<p>Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der +Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick.</p> + +<p>»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum +Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener +Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft +gesessen hatte.</p> + +<p>Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er +nicht erwartet.</p> + +<p>»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin, +Florl!« sagte er kopfschüttelnd.</p> + +<p>»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du +baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's +Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?«</p> + +<p>Noch immer verstand der Veit den Florl nicht.</p> + +<p>»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer +Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen.</p> + +<p>»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz +bestimmt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>»Von draußen ...?«</p> + +<p>Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A +neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem +Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit. +Wirst's sechen ... 's geht.«</p> + +<p>Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der +Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war, +und zögerte einzuschlagen.</p> + +<p>»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug +er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl +drinnen es getan haben würde.</p> + +<p>»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit +zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen +außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da, +Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ... +»wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n +nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber <em class="gesperrt">eins</em> +hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir <em class="gesperrt">da</em> und +nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st +und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ... +daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.«</p> + +<p>Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte +wie in dieser Stunde.<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den +Vorschlag einging.</p> + +<p>»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen +Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die +Hand gestützt hielt.</p> + +<p>»Morgen in einer Woche.«</p> + +<p>»Und du nimmst die andern mit?«</p> + +<p>»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie +wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.«</p> + +<p>Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös +Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck, +so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber +dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und +dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach' +mach' ... kann sein aa nit.« ...</p> + +<p>Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber +zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner +geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle.</p> + +<p>»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit +zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die +ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst +mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und +wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<p>Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete.</p> + +<p>»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können +... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's +selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor +die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl +zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst +wohl, gelt, Kramer?« — — —</p> + +<p>Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort. +Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen +interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging +ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und +abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. — — —</p> + +<p>Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und +seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch +droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge +und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p> + +<h2>Achtes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an +den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu +weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid +mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen, +schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.</p> + +<p>Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier +herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos +und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr +vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh +verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort +oben doch nicht wie hier in der Gungl.</p> + +<p>Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern +einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl +und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren +können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag +schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der +alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So +mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen +lebten<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den +Fensterscheiben hinausschauen konnten.</p> + +<p>Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und +bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen +Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees +und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick, +auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und +flatterndes Tuch.</p> + +<p>Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit +dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche +vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach +einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern +bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo +buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche +zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in +abergläubischer Furcht schaudern.</p> + +<p>Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an +die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar +waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt +erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.</p> + +<p>Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht +übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre. +Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> der Wastl +rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der +Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich. +Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges, +lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein +Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.</p> + +<p>Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und +herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter +der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der +Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.</p> + +<p>Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte +dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte. +Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann +eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle +in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und +in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er +dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie +immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.</p> + +<p>Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd +herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der +Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl +wiegte das Jüngste in der Wiege.</p> + +<p>Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der +Wastl vermied es, viel mit<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> ihr zu reden. Würde schon wieder besser +werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man +wieder mehr hinaus konnte ins Freie.</p> + +<p>Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune +seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht +viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der +Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich +mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme: +»Essengiahn!«</p> + +<p>Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr +schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie +eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend +dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging +mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne +aufgetragen stand.</p> + +<p>»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch +immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf +nicht mehr ...</p> + +<p>Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer +Unmut war mit einem Male verflogen.</p> + +<p>»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als +sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich +zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr +und gebrochen in den tiefen Höhlen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<p>»Jessus Maria!«</p> + +<p>Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe +Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod +gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun +wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte.</p> + +<p>Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte +sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge +Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres +Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar +nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war.</p> + +<p>»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos.</p> + +<p>Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den +weckst du nimmer auf.«</p> + +<p>Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf +einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl +hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um +ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen.</p> + +<p>Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei +sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt +erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere +und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing.</p> + +<p>Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar +keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre! +Die Vef mußte<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im +Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten.</p> + +<p>Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in +der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch +mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken, +wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein +liebes für sie übrig hatte.</p> + +<p>»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden +könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile +mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl +stimmte ihr dann traurig bei.</p> + +<p>»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef, +und aa no die Kinder!« tröstete er dann ...</p> + +<p>Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl +und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an +diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was +die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach +der Heimat?</p> + +<p>Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich +die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd +war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit +seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die +Sehnsucht nach dem<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig +sein konnte.</p> + +<p>Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht +nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und +zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und +seinen Kindern.</p> + +<p>Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich +nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der +Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in +das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie +fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte.</p> + +<p>Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in +diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit +fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz +aus Holz gebaut.</p> + +<p>Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es +weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt' +man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß +der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.«</p> + +<p>»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz +begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt +schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die +Augen eines Kindes vor der Christbescherung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n +hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem +Ton.</p> + +<p>Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen +draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's +di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in +aller Behaglichkeit seine Pfeife.</p> + +<p>»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt +nimmer einer kommen können.«</p> + +<p>»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?«</p> + +<p>»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen +in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte +recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband.</p> + +<p>»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse.</p> + +<p>»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit +ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere +Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech +nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die +Rosina so a fein's Leben hat.«</p> + +<p>»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt +ehrlich erschrocken.</p> + +<p>Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die +Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös +verbieten soll?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<p>»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen +Weile.</p> + +<p>»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders +aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die +Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern +heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb +am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der +Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets +ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn +der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In +diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur +daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch +war wie diese.</p> + +<p>»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer +kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war.</p> + +<p>»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und +häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa +Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi +bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du. +Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich +um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ...</p> + +<p>Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter. +Jetzt schrie sie nicht allein<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> den Wastl an, sondern auch die Kinder +waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne +eine wirkliche Ursache dafür zu haben.</p> + +<p>Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude +an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und +das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und +helläugig wie ihre Mutter.</p> + +<p>Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr +übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher, +dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden.</p> + +<p>Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer, +daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden +der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war +ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und +schonungslos einzugestehen ...</p> + +<p>Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und +wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da +fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren +Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen.</p> + +<p>Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt +war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube +hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab +und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die +Heumahd<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu +während der Arbeit verfault.</p> + +<p>Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen, +als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten +abwarten, die ja doch wieder kommen mußten.</p> + +<p>Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der +Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann +fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit +vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz +vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der +Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen +und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben.</p> + +<p>Seit dem Tod des alten Göd hatten sie nun etwas mehr Platz in der +kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu +benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige +Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich +sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So +aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie +gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom +Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß.</p> + +<p>»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an +offenes Wörtl mit dir reden.«</p> + +<p>Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Stube. Seite an +Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits +in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen +matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube.</p> + +<p>Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie +jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus +und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem +einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die +Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch +gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand.</p> + +<p>»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so +haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden +und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.«</p> + +<p>Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu +sagen hätte.</p> + +<p>Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich +vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun, +wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef +gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier +herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen +in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als +schleunigst die Flucht zu ergreifen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie +so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß.</p> + +<p>»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang +sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber +der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten +kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge +Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig +eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas +... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast +hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß +und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt.</p> + +<p>Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen +Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der +Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn +seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was +die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte.</p> + +<p>Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die +Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das +Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen +Hand zornig auf die Tischplatte schlug.</p> + +<p>»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was +i moan! Verkaufen sollst dö<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer +bleib'n da herin!«</p> + +<p>Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst +erschrocken.</p> + +<p>»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen +ins Gesicht. »Aber Vef!«</p> + +<p>»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib. +»Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was +du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i +einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an.</p> + +<p>»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit +gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal +gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.</p> + +<p>»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer +so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und +stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit, +daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's +mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern +und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's +Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und +wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern +hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und +geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> + +<p>So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders +helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen +anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten. +Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich +ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur +das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die +Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.</p> + +<p>Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser +und weniger leidenschaftlich.</p> + +<p>»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst +sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr +hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn +und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.</p> + +<p>Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren +Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur, +daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich +jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.</p> + +<p>»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte +ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit +kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer <em class="gesperrt">müssen</em>! Siegst ... +wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die +Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> g'worden. +Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i +war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi +g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist +... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ... +<em class="gesperrt">der</em> hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i +... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt +als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I +hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens +in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die +Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er +mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat +betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer +sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat, +vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ' +g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ... +zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein +und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der +Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet +hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ... +daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt, +versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und +träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ...<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> kannst mir's +glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste +hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt +... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf +voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End' +wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig. +»Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller +Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«</p> + +<p>Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand +nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise +zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd +fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I +hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber +naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja +... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung. +Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein! +Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig +neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie +mit ihrer Beichte weiterfuhr.</p> + +<p>»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe +tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir +iatz zeitenweis für.«</p> + +<p>Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen +vor den Fenstern das monotone<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Rieseln des Regens. Und ab und zu der +schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß +und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.</p> + +<p>»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem +Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen +sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet, +daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht. +Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir +fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ... +daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß +nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß +mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu +g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es +dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die +Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort +und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete +sehnsuchtsvoll die Arme aus.</p> + +<p>»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan +so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert +mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa +Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa +nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern +kimmt ang'ruckt<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's +nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane +Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a +so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix. +Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld +mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline +Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns +an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung +sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir +zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander. +Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so +dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's +war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a +schianer's Hoamatl?«</p> + +<p>So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz +Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr +weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so +glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen, +genießenden Liebe.</p> + +<p>Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war +er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere +war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die +Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> auf der Seele lag, wich +vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die +Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog +die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu +denken vermocht.</p> + +<p>In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos +wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und +Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom +alten Göd in der Gungl.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<h2>Neuntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem +ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm +Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.</p> + +<p>Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er +es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor +aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge +auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.</p> + +<p>Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer +geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von +einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem +berechnenden Ernst Platz gemacht.</p> + +<p>Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt, +die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war +mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch +eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor +moralischem Untergang würde bewahren können.</p> + +<p>Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung +anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er +war sich der großen<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt +geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen +Truppe.</p> + +<p>Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer +Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen +hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem +hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines +wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und +Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein +dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.</p> + +<p>Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die +sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und +lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und +gehorchten sie.</p> + +<p>Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer +Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand +und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu +Erfolg.</p> + +<p>Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau +geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter +Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche +Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben +kleinen Vögelchens.</p> + +<p>Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> war. Er hätte sie gar +nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und +unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben, +das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr +liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und +seine engere Bergheimat.</p> + +<p>Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß +sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das +vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der +Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus +dem Regele die Regina geworden.</p> + +<p>Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte +es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen +Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch +andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so +vertraut waren.</p> + +<p>Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen. +In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen +wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen +Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und +das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter +seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein +großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste +Ungerechtigkeit. Und wenn ein<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Streit oder eine Verstimmung unter +seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und +ausgleichende Element.</p> + +<p>Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die +schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und +mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes +Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.</p> + +<p>Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten +nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen +junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem +Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein +Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich +mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen.</p> + +<p>Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner +Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn +die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete, +konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken.</p> + +<p>Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich +zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld +verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem +Gelde kleben. Das mußte <em class="gesperrt">rein</em> erworben werden; denn der Florian +Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher +Mann dastehen.</p> + +<p>Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> allein zu Gast +geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten +und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in +seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab.</p> + +<p>»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit +alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir +Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut +und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen +diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig +genug und auch jeder List gewachsen.</p> + +<p>So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit +denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen, +auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die +manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte.</p> + +<p>Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte, +mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines +Kanarienweibchens.</p> + +<p>Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die +kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war +dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen, +so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu +sehen.</p> + +<p>Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war +jene Erkenntnis, die der<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das +in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte +er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern +und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren. +Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich +aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering +schätzten oder gar verachteten.</p> + +<p>Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser +Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen +einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem. +Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich +geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein +Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die +bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ... +wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er +nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld +einnahmen.</p> + +<p>Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach +Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und +fanden sich die Eheleute ganz genau.</p> + +<p>Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung, +die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl +kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> das +Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf +ihren Florl, der seine Sache so gut machte.</p> + +<p>Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den +beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte. +Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er +verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in +solchen Sachen.</p> + +<p>»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein, +der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts +bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser. +Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's +aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch +erwartete und auch nicht geduldet hätte.</p> + +<p>Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus +in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen +zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große +Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen, +dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer +ihr Haus voll von Fremden haben.</p> + +<p>Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine +Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen +kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß +der Florian mit seiner Frau ganz allein,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> und nur mächtige Koffer waren +rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen.</p> + +<p>In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern +Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das +Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen +Landen aufgenommen hatte.</p> + +<p>Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel +Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und +ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der +Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen.</p> + +<p>Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der +Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu +die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den +Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen.</p> + +<p>Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders +vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem +zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und +sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen +aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand +darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen +Ernstes nachkam.</p> + +<p>Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden +Frauen ab. Die Regina schraubte<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> sich, wo sie nur konnte, von ihren +Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer +Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte, +desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.</p> + +<p>Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache +gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche +und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern +in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem +Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.</p> + +<p>In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land. +Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut +gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.</p> + +<p>In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der +grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher +nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein +den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der +Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.</p> + +<p>Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut +gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit +bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge +Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> zogen und das +Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.</p> + +<p>Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in +den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab, +mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und +wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war, +so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand +ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und +ungemein sicheren Trott.</p> + +<p>Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales +eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die +Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der +Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein +recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle +Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in +wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.</p> + +<p>Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter +Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen, +gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine +andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie +nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte +man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl +herauf zur Regina, um sie zu begrüßen,<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> und brachten ihr als »Grüß +Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als +Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte +Milch und Butter und Eier und zahlte gut.</p> + +<p>Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der +Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus +voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert +wurde.</p> + +<p>Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller +Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina +am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und +eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte. +Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich +vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz, +ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen, +und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im +Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.</p> + +<p>Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von +hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und +sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß +nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen +gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie +sich überraschend schnell angeeignet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + +<p>Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder +an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und +Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort +ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den +Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst.</p> + +<p>Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein +Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer +Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina, +und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr +auf Geheiß des Florian Siegwein dabei.</p> + +<p>»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon +während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im +Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich, +faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.«</p> + +<p>Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer +Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der +Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen, +wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und +durchsangen und durchtanzten die halben Nächte.</p> + +<p>Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die +Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> +gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie +ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen.</p> + +<p>Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er +wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum +Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch +die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann +wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht.</p> + +<p>Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und +erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter +Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner +tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine +frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich +an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so +hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen +machen können.</p> + +<p>Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden +Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer +für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu +finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends +anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen.</p> + +<p>Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so +lange Zeit hindurch müßig im<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen +starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an, +den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den +Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten +daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen.</p> + +<p>Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer +als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier +in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel +mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian +Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten.</p> + +<p>Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und +es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz +nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge +zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm +schlimme Stunden der Sorge.</p> + +<p>Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen +Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war. +Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg +war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem +Florian auch Besserung versprochen hatten ...</p> + +<p>Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein +Anliegen vorgetragen.<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer +nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht +wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses +sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich +gedrückt und kleinlaut drein.</p> + +<p>Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das +Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben +abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines +Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen +von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er, +auf den Vorschlag des Wastl einzugehen.</p> + +<p>»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig +vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern +mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's +döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's +do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia +an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian +eindringlich.</p> + +<p>Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und +fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf +ein und starrte nachdenklich zu Boden.</p> + +<p>»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef +will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan +für uns alle.<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl +kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend.</p> + +<p>Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem +Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden, +waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte +ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er +dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft +niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte, +glaubte er es auch von seinem Weibe.</p> + +<p>Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu +wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den +Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte +er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen?</p> + +<p>Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar +Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß. +Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell +nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu +und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer +dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig.</p> + +<p>Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen +ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort. +Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute +ihm<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl +hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die +Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug.</p> + +<p>Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger +Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und +ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie +rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte +in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<h2>Zehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des +Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt.</p> + +<p>In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu +lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal +herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen, +an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder +schlechten Tag auswächst.</p> + +<p>Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den +glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon, +daß die Natur im Sterben begriffen war.</p> + +<p>Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes +Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und +mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer +neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke +festhielt.</p> + +<p>Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine +Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen +heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den +Zweitjüngsten auf dem Arme trug.</p> + +<p>Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es +ihn die Vef so hieß. Die Vef<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> hatte in diesen letzten Tagen, die sie +noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem +Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war +er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne +Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges +Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ... +und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum.</p> + +<p>Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren +Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie +wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß +ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen +damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe +geschehe alles, was sie vorhatte.</p> + +<p>Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig +war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der +Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau +so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten +Wunsch erfüllen und heiraten.</p> + +<p>Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem +er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht +daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und +grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine +Herrschaft abzutreten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> + +<p>So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern +alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung +gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte, +sobald er verheiratet war.</p> + +<p>Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine +blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre +zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen +neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung +übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind +wie ein eigenes zu halten.</p> + +<p>Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als +sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.</p> + +<p>»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem +Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen +müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen +Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a +meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter. +Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ... +für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil +unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt, +als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«</p> + +<p>So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten +Tränen in die Augen schossen.<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Sie überwand aber diese Schwäche und +suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.</p> + +<p>Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen. +Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den +Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber +schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.</p> + +<p>Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl +hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen +Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im +Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?</p> + +<p>»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird +nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr +hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's +dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost.</p> + +<p>Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von +einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl +fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den +Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt +war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig +einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an +ihnen vorüberging.</p> + +<p>Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Töchtern, der Rosina +und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf +den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit +der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts +verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm +lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme.</p> + +<p>Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld +mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber +keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und +Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die +Sache kam.</p> + +<p>»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken +lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ... +wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i +nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden.</p> + +<p>Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen +Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert +werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für +Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem +gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt +sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen.</p> + +<p>Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu.<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Nie und nimmer, so +hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern, +und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der +Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den +Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden. +Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und +viel Geld ins Land hereinbrachte ...</p> + +<p>Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und +dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das +damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die +Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder +ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet.</p> + +<p>Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs +der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten +zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl +die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes +Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte +ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und +mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das +ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas +aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das +blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum +mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> konnten sie +noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband, +das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am +Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte +zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets +zu machen pflegte.</p> + +<p>Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause +gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt, +sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich +auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat, +war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach +die Rede verschlug.</p> + +<p>Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl +einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort +darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und +sie sich gegen ihren Mann auflehnte.</p> + +<p>»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ... +»und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte +der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und +gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und +i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die +Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir +zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit +verachten,<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja +weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht +... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du +sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn +und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher, +bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's +und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk +meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit. +»Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie +unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!« +sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will +mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in +mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei +so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache +träfe.</p> + +<p>Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib +trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war +heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner +Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine +Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die +Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl +machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu +finden.</p> + +<p>Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> bis sich der Wastl +schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind +der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie +ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben +wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.</p> + +<p>Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden +alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie +hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige +Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und +gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den +Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten, +handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen +in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«</p> + +<p>So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie +doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut +der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn +der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.</p> + +<p>Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert +werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen, +um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein +Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den +Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er +nicht<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch +bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf +gewesen war.</p> + +<p>Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille +erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast, +als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne +Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine +Hoffnungsfreudigkeit in sich.</p> + +<p>Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl +übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern +in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh +und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen +Weibes wie Eisesschauer.</p> + +<p>Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne, +das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis +wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie <em class="gesperrt">mußte</em> fest +bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem +starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab +und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.</p> + +<p>Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief, +plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er +mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht +die blaugefrorenen Händchen des Kindes.</p> + +<p>Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel,<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> wurden leichter +und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu +beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im +finsteren Grau.</p> + +<p>Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der +Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...</p> + +<p>Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und +lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den +schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer +Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock +klammerte.</p> + +<p>Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin, +wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah +ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde +Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig +emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch +nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und +mit ödem Herzen.</p> + +<p>Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in +seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das +unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds +von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen +Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch +traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> so stark und +überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.</p> + +<p>Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die +Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.</p> + +<p>Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch +einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch +auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen +Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die +Mutter begraben wurde.</p> + +<p>Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines +Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter +jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie +starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie +Abschied von ihr nehmen konnten.</p> + +<p>Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und +abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die +Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die +Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn +betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen +Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.</p> + +<p>Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie, +vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den +die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p> + +<p>Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher +folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene +Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog.</p> + +<p>Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als +Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten +arbeiten müssen wie die Erwachsenen.</p> + +<p>Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot! +Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten +Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei +Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten, +bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war +ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein +zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte +man schonen für den Kirchgang am Sonntag.</p> + +<p>Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt +wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der +Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen +Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den +jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den +Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem +Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef +in das Gütl vom Göd eingezogen war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne +innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ...</p> + +<p>Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer +lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich +und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen +aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten.</p> + +<p>Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden +Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen, +herrlichen Raum zu verhüllen hatte.</p> + +<p>Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der +Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte. +Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn +durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete. +Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem +Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ... +eine Königin ... voll Pracht und Glanz.</p> + +<p>Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ...</p> + +<p>Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes.</p> + +<p>Königin Heimat ...</p> + +<p>Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger +Andacht ... wie ein Gebet ...</p> + +<p>Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die +schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg +ein, der von der<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn +dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren +Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und +mit einem toten Herzen.</p> + +<p>Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in +ihr erstorben.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<h2>Elftes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter +Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und +sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den +feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen +und Königinnen.</p> + +<p>Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft +gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende +Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren.</p> + +<p>Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl. +Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie +wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur +wie ein kurzer, rauschender Traum.</p> + +<p>Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten. +Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger +Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr +urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen.</p> + +<p>Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch +hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und +nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause +auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p> + +<p>Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben +anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche +Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer +Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.</p> + +<p>Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen +Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef +nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war. +Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke +nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen, +ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.</p> + +<p>Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte +sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art, +sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre +Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei +und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit +im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft +auszeichnet.</p> + +<p>Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große +Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine +Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe +trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> + +<p>Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre +Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller +Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt, +daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die +Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz +allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.</p> + +<p>Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene +Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und +Würde die Tracht ihres Landes.</p> + +<p>Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen +seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit +den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt +und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer +hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber +sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch +ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.</p> + +<p>Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der +gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen +in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr +bedächtig in seinen Äußerungen.</p> + +<p>Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die +von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr +gelenkig abbiegen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der +Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.</p> + +<p>Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten +Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider +und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig +im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten +Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn +alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz +beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar +keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner +Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn +mitgenommen zu haben.</p> + +<p>Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und +greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und +zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte.</p> + +<p>Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder +seine alte Vef, <em class="gesperrt">sein</em> Weib, nicht die gewandte, schöne Frau, +welche all die fremden Leute so verehrten.</p> + +<p>Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum +Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine +Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen +Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht +noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> seinem Weibe unbedingt und war +von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt.</p> + +<p>Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht. +Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter +Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen, +die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter +Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der +besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft +Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht +hatten.</p> + +<p>Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und +recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß +der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine, +unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal +gar nicht.</p> + +<p>Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so +unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf +Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war.</p> + +<p>Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm +die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen +Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die +Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines +Unternehmens zugunsten der Vef.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<p>Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu. +Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in +den Wintermonaten recht gerne daheim blieb.</p> + +<p>Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt +die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb +die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas +unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob +man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten +und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in +den Bergen wie in ihrer Jugend.</p> + +<p>Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem +Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit, +die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr +Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den +langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die +Menge fremder Gäste.</p> + +<p>Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden. +Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und +besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine +Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr.</p> + +<p>Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer +Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und +kümmerte<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der +Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht +erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber +mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und +sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese +ja doch nie würde erreichen können.</p> + +<p>Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle +Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin +des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von +frühmorgens bis in die späte Nacht hinein.</p> + +<p>Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von +Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der +geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu +gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine +große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand +verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der +andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen.</p> + +<p>Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich +solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren, +desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft +er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und +er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p> + +<p>Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und +das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und +viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb +aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war. +Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht +durch ihre Eifersucht.</p> + +<p>Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach +Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig +wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst +ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer +wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen +können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten +auf und davon gelaufen wären.</p> + +<p>Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich +jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der +versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche +Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte +kam.</p> + +<p>Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war +jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen +zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon +einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit +Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft +zu betätigen.</p> + +<p>Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> das er gemeinsam +mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So +erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines, +gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem +stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben +im Gasthof zu lärmend war.</p> + +<p>Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison; +denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze +bis in den frühen Morgen hinein.</p> + +<p>Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind +der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im +Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und +hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit.</p> + +<p>Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem +Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden +Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff +es eisig von den Fernern herüber.</p> + +<p>Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten +hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes +Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen, +mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und +weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser +Frau aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> + +<p>Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde +Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das +Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren +müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre +mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren.</p> + +<p>Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und +hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt +aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie +für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß +sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr.</p> + +<p>Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden +und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte.</p> + +<p>In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es +war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte. +Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die +Notburg gegen diese Frau empfand.</p> + +<p>Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder +im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie +der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der +Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit +zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt +völlig<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn +vollkommen bewußt und handelte auch danach.</p> + +<p>Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl +der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur +nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis +geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte +sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit. +In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und +traumlos schlafen wie vor Jahren.</p> + +<p>Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei +jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete +der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit +einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend +litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach +seinen Kindern.</p> + +<p>Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er +an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit +keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete.</p> + +<p>Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die +Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und +dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein +Mensch wußte, wohin er ging.</p> + +<p>Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> ahnte, daß der Wastl +Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle +Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er +wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren +... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt.</p> + +<p>Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit +Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne.</p> + +<p>Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte +sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr +eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den +Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie +Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie +immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem +Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von +nun ab vorstellte.</p> + +<p>Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte +und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab, +der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß +sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört +mit ihren Freunden unterhalten konnte.</p> + +<p>Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte +der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit, +und seine traurige,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen +Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte.</p> + +<p>In diesen letzten Jahren waren sich Mann und Frau innerlich immer +fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes +Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte +förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau, +noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine +fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren +hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem +Herzen.</p> + +<p>Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie +in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden, +und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu +müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war +erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu +ihren Kindern verschwunden.</p> + +<p>Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er +teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef +dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden.</p> + +<p>Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im +Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der +Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> sie im +Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den +Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef.</p> + +<p>Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg +aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so, +wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen, +diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie +nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken, +daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof +heruntergeholt hatte.</p> + +<p>Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war, +lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten +verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte +der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele +sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang +fortgeblieben war.</p> + +<p>Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im +Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich, +noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem +großen Dorf wohnte.</p> + +<p>Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von +den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie +sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung +ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit, +der allerjüngste<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so +widerstandsfähig wie in früheren Jahren.</p> + +<p>In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr +beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den +Wastl zu schimpfen anfing.</p> + +<p>»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe +Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ... +»Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß +grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und +voll Vorwurf.</p> + +<p>Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg. +Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl +aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte +sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach +Jungenart.</p> + +<p>»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad' +schimpfen anz'heben.«</p> + +<p>»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er, +bald man ihn braucht.«</p> + +<p>»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen. +Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.«</p> + +<p>»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg +über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann +man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll +Mitleid hinzu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in +dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war +der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern.</p> + +<p>Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es +wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen +und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah +die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers +Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz.</p> + +<p>»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über +eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie +erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und +ungewöhnlich laut kam er ihr vor.</p> + +<p>Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der +Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine +Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses +Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten. +Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen +nach ihm trug.</p> + +<p>»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit +ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes +saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so +daß es beinahe leuchtete.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne +Mitgefühl.</p> + +<p>Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon +recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem +Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!</p> + +<p>So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose +junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig +umherging.</p> + +<p>Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging +die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum +Fenster hinaus.</p> + +<p>»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer +herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«</p> + +<p>Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an, +die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck +von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und +einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen +Leuten und ihrer Umwelt paßte.</p> + +<p>Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat, +sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina +aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne +Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant +geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte. +Ihr Gesicht war<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die +hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer +zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte +Löckchen um ihre feine Stirn.</p> + +<p>Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll, +aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen +die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam +jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche +Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in +früheren Zeiten.</p> + +<p>Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das +geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder +schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und +doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.</p> + +<p>Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem +armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen +Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen +Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge +und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine +fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst +vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders +in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.</p> + +<p>Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> beobachtend auf die Frau +mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf +einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.</p> + +<p>»Vef!«</p> + +<p>Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.</p> + +<p>»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug +der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines +nachsichtigen Vaters.</p> + +<p>Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen, +fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie +gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle +Frage an sie gewagt hatte.</p> + +<p>»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf +Veit Galler.</p> + +<p>»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ... +und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind +g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst +hören, Vef ... was i no mein'?«</p> + +<p>Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich +vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm +empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest +aufeinander gepreßt.</p> + +<p>»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang +gut und weich. »Leicht<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'. +Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann +sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst +euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei' +Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad +das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir, +kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ... +wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil +sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt. +Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus, +Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's +sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist +zu ihr. Aber es <em class="gesperrt">ist</em> kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und +kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«</p> + +<p>Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der +Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen +Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm +die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander, +unterbrach ihn aber mit keinem Wort.</p> + +<p>»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und +legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ... +»wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann +sein, daß du koa Lieb mehr hast<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> für ihn. Aber er ... <em class="gesperrt">er</em> hat di +gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen +nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine +Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene +Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und +oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein' +Mann. Besinn' dich, daß du sei' <em class="gesperrt">Weib</em> bist und die Mutter von +seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der +Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu +spat ist.«</p> + +<p>Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört. +Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor.</p> + +<p>Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und +dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer +Veit und sah ihm ernst in die Augen.</p> + +<p>»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne +Schärfe.</p> + +<p>»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa +sein ...«</p> + +<p>»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad +du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich, +daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit +... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er +mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> gib's zu +... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten +und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für +mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef +entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ... +dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen +und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn +i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ... +kimmt mir für.« —</p> + +<p>Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die +Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins +Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> + +<h2>Zwölftes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm. +Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und +sprach ihm das Leben ab.</p> + +<p>Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang +das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele +betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht +viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig +verständnislos gegenüber.</p> + +<p>Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der +das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind +Erleichterung zu verschaffen.</p> + +<p>Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser +Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male +wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl +gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren, +aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie +es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde +sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben +bis zuletzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> + +<p>Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem +Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit +ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder +faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht +sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich +verzweifelt gegen den Erstickungstod.</p> + +<p>Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen +des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur +Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses +Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll +umsorgte sie es.</p> + +<p>Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte +unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes +sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich +hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm +ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort +und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die +glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte +es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute +verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben +fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre +Sorge.</p> + +<p>Und das machte ihr den Tod leichter ... denn<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> als er kam ... lag sie im +Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz +suchend an ihrer Brust.</p> + +<p>Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme +aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann +legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin +und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.</p> + +<p>Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des +Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl +angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben +seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.</p> + +<p>»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und +wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte +laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes +Leid und das Elend seines Lebens.</p> + +<p>Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot +vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr +an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien +gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den +Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu +der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren +Schoß.</p> + +<p>»Notburg! Notburg!«</p> + +<p>Das war alles.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> + +<p>Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef. +Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem +Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte +legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...</p> + +<p>Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten +Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte, +lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar. +Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen +gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen. +Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße +Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu +beten und sie zu ehren.</p> + +<p>Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und +still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken +Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte +Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.</p> + +<p>Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet +war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall +und bei allen überflüssig.</p> + +<p>Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln, +und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das +kleine Mädele<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie +nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie +sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen +Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen, +furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen +schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind +Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.</p> + +<p>Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater +weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und +die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch +so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...</p> + +<p>Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die +Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am +Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar +wohl, was dem Mann jetzt not tat.</p> + +<p>Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat +und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte +und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische +Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen +waren.</p> + +<p>Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der +Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum +andern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p> + +<p>»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der +Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht +wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh' +nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat +no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal +g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden +mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl, +und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ... +in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir. +Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«</p> + +<p>Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen +Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden +Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes +und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch +ausgießt.</p> + +<p>Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter +Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit +ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden +Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende, +weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der +heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und +fast weihevoll lag ringsum die Natur.</p> + +<p>Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> alles ganz genau +so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als +Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren +die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau +dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche +kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und +Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute +ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann +mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.</p> + +<p>Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit +dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu +glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch +weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte +drinnen nicht die seinen waren.</p> + +<p>Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus +seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er +als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der +Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.</p> + +<p>Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren +Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre +Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre +Zukunft zu sprechen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> + +<p>Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der +Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er +dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden +Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt +gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das +hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.</p> + +<p>Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner +Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden +sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der +Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner +Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.</p> + +<p>Und endlich hub der Wastl zu reden an.</p> + +<p>»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s +könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?«</p> + +<p>»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und +nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen +Gedanken.</p> + +<p>»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann +neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den +Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen.</p> + +<p>»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht +fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch +immer zu tragen pflegte. »Kann sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> + +<p>Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die +Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr.</p> + +<p>»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an +... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser +und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als +müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ... +i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch +einmal.</p> + +<p>Er konnte sich eine Trennung von der Vef noch immer nicht vorstellen. +Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das +ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender +die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er +ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto +widerwärtiger wurde er ihr.</p> + +<p>Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen +bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu +Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit +dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach +Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib +zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung +niederrangen und ertöteten ...</p> + +<p>Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl +zurückkamen, da hörten sie, daß<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> die Vef mit ihren beiden Schwestern +abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft +seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen. +Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder.</p> + +<p>Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt +hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg +in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter +Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden +Augen an.</p> + +<p>Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit +wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ...</p> + +<p>Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen +Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr +ihre Schwester, die Rosina.</p> + +<p>Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn, +der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen +nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu +berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht +mehr in die Heimat zurück wollte.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p> + +<h2>Dreizehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Er hatte die Lust am Reisen völlig verloren, der Florian Siegwein. +Am liebsten wäre er jetzt daheim geblieben bei der Regina und seinem +kleinen Töchterchen. Der Ärger, den er fortwährend mit der Vef und auch +mit den übrigen Mitgliedern hatte, verleidete ihm die Freude an seinem +Unternehmen.</p> + +<p>Aber der Florian brauchte Geld, und zwar viel Geld, denn sein Geschäft +in der Heimat dehnte sich immer mehr aus und verschluckte große Summen. +Der Florian hatte bauen müssen; denn das Gasthaus war viel zu klein +geworden für all die fremden Besucher, die nun aus aller Herren Ländern +in immer reicherer Zahl herbeiströmten.</p> + +<p>Ein stattlicher, großer Neubau erhob sich jetzt neben dem alten +Haus und war mit allem Behagen eines vornehmen Hotels ausgerüstet. +Bescheiden und unansehnlich wirkte das Holzhaus, das der Kramer Veit +errichtet hatte, neben dem großen Mauerblock, der weiß und protzig +dastand und so gar nicht in diese Alpengegend hereinpaßte.</p> + +<p>Mit jedem Jahr vermehrten sich die Fremden, und die Bauern im Dörfl +verstanden ihren Vorteil und richteten sich nach den Bedürfnissen +der fremden Besucher ein. Wer nur eine überflüssige Stube hatte, +der verwendete sie als Fremdenzimmer, und drunten<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> im Hauptort des +Tales hatte sich ein ganz besonders lebhafter Verkehr entwickelt. +Postkutschen fuhren und Wägen, zweispännige und vierspännige; und +vornehme Leute hielten sich oft wochenlang in dem Dorfe auf.</p> + +<p>Veit Galler aber hatte seinen Kramladen verkauft. Wie der Florian +Siegwein die Freude am Reisen verloren hatte, so hatte der Kramer die +Lust an den Fremden eingebüßt. Denn sie brachten einen Ton ins Land, +der dem Kramer nicht gefallen wollte.</p> + +<p>So sehr er früher stolz gewesen war, wenn Fremde die Schönheit +seiner Heimat staunend bewunderten, so wenig gefiel ihm die tolle +Ausgelassenheit, der sich manche der Fremden hingaben. Er empfand es +wie die Entweihung eines Heiligtums, daß man droben im Gasthaus nur +Tanz und Trunk zu kennen schien, statt sich, wie es vordem doch der +Fall gewesen war, dem stillen Zauber der Einsamkeit und der Berge +hinzugeben.</p> + +<p>Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen. +Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige +Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten +und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große +Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr +als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste +immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden +daheim abzahlen konnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> + +<p>Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen +er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der +fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian +mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner +anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit +geworden.</p> + +<p>Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef +wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen +nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt +würde.</p> + +<p>Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute; +wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene +Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche +Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein +fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib. +Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese, +sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können.</p> + +<p>Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib +körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl +sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier +nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte, +überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein +frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> ihr bot. +Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und +genießen.</p> + +<p>Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte +ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker +geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die +Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur +die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen.</p> + +<p>Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen +die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit +der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat +noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten +fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm +kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch +herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da +denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?«</p> + +<p>Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die +Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die +Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand.</p> + +<p>Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer +und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem +Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof +und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte +ihn<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in +dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem +Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte.</p> + +<p>»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden +Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian +blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte +und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl +innerlich erbarmte.</p> + +<p>»Schau, Wastl ... verlang' dir's nimmer, das Leben!« versuchte der +Florian den alten Freund zu trösten. »Hast's ja viel schöner daheim. +I tauschet glei' mit dir, wenn i könnt', und hänget die verflixte +Singerei auf'n Nagel!« redete er ihm gut zu. Aber der Wastl wollte +keinen Trost.</p> + +<p>»Du ... ja ... Du hast dei' Weib dahoam. Das ist anders!« sagte er +einfach, aber der Ton schnitt dem Florl ins Herz.</p> + +<p>Völlig aufdringlich war der Wastl dem Florian geworden, je näher der +Tag der Abreise herankam. Wollte absolut mit und lungerte und lauerte +um den Alpengasthof herum und bat und flehte, sowie er den Florl zu +Gesicht bekam. Schließlich wurde der Florl grob gegen ihn. Konnte sich +nicht anders helfen.</p> + +<p>»Wenn i dir's sag' ... daß i di nit brauchen kann!« fuhr er den Wastl +unwirsch an. »Sei do koa Lapp nit! Die Vef will di nit, und i brauch' +di<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> nit. Hast ja überhaupt koa Stimm' mehr!« sagte er brutal.</p> + +<p>Da ging der Wastl, aber nicht hinunter zum Kramer Veit und der Notburg, +sondern hinaus in das stattliche Dorf im Tal. Dort wußte er von einem +Mann, der ihm das Gütl vom Göd abzukaufen wünschte. Und der Wastl +verkaufte sein Heimatl und bekam Geld dafür. Der kleine Martl aber +mußte hinaus, Bauernknecht machen auf einem fremden Hof, wie es der +Vater in der Jugend gemußt hatte. Und der Jackl und sein Weib fluchten +dem Wastl; denn der Wastl hatte ohne Rücksicht gehandelt und sie alle +obdachlos gemacht.</p> + +<p>Der alte Perlmoser wetterte und schrie. Verfluchte alle, die Töchter +und den Schwiegersohn und den Florian Siegwein und den Kramer Veit. +Denn dieser war der eigentliche Urheber an allem Leid, das über den +Perlmoserhof gekommen war.</p> + +<p>Ein rüstiger alter Mann, verbissen und innerlich mit allen zerfahren, +das war der Perlmoser. Und sein Weib, die Perlmoserin, alt und +gebrochen, legte sich nieder zum sterben. Sie war ehrlich müde geworden +am Leben und verstand die Zeit und ihren Wandel nicht. War gut für das +Weib, daß es sterben durfte.</p> + +<p>So hatte denn der Jackl wieder ein Heim für sich und die Seinen; denn +der Vater übergab ihm nun den Hof und ging in den Austrag. Stellte nur +die eine Bedingung. Niemals dürfe der Jackl den Siegweinischen drüben +auch nur ein Ei abliefern. Und<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> niemals dürfe er einen Verkehr haben +mit den Schwestern und mit des Siegweins Leuten. Das versprach der +Jackl und hielt es auch. — — —</p> + +<p>Und abermals waren etliche Jahre vergangen, und droben im Alpengasthof +feierte man ein Fest. Die Perlmoser Julie hielt Hochzeit, heiratete, +aber keinen der feinen Herren, die ihre Verehrer waren, sondern einen +der Sänger, die mit dem Florian gereist waren. Und wollten in der +Heimat bleiben, die jungen Leute, einen Gasthof auftun, drunten in der +Nähe der Schlucht, wo die drei Wildbäche ineinanderflossen.</p> + +<p>Es ging hoch her bei der Hochzeitsfeier der Julie. War ein halb +städtisches und halb ländliches Fest. Mehr ein Theater, um den fremden +Gästen einmal die Gebräuche einer Bauernhochzeit vorzuführen. Es +fehlten die Verwandten und nächsten Freunde der Braut, und der Florian +mußte Brautvater und die Regina Brautmutter machen.</p> + +<p>In langem Zug zogen sie vom Gasthof herab in die kleine Dorfkirche, und +die Bauern des Dörfels schauten bei dem eigenartigen Schauspiel zu und +lachten darüber. Sie lachten über den koketten Aufzug der Braut, die +sich in ihrer Bühnentracht zur Kirche begab, und viele empörten sich +über den schamlosen Ausschnitt des schwarzen, samtenen Miederleibchens. +Aber den Fremden, die in der Hauptsache das Kirchlein füllten, gefiel +es, und sie hielten die pomphafte Aufmachung für echten Bauernbrauch.</p> + +<p>War eigentümlich, wie wenig die Fremden in Wirklichkeit von dem wahren +Bauerntum in sich aufnahmen.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Sie lebten oft wochenlang unter den +Bauern, sahen ihre Arbeit und hörten ihre Sprache. Aber von ihren +wirklichen Sitten, von ihren Gebräuchen und ihrer Art ahnten sie +nur wenig. Die Bauern blieben verschlossen und mißtrauisch gegen +alles Fremde und nützten nur ihren Vorteil aus. Waren freundlich und +erwiderten die Anreden, aber sie sprachen anders wie sonst und über +Dinge, die dem Bauer eigentlich gleichgültig sind.</p> + +<p>Am Abend der Hochzeit hielt der Florian Siegwein zu Ehren des +Brautpaares einen großen Bauernball ab. Und alle, die da wollten, +konnten kommen, um mitzutanzen. Es tanzte das Stadtfräulein mit dem +Melcherknecht vom Alpl droben und der feine Stadtherr mit der derben +Bauernmagd, und bis zum frühen Morgengrauen dauerte das Fest.</p> + +<p>Auch der Stanis hatte sich eingefunden und wirbelte mit affenartiger +Behendigkeit im tollen Tanz. Es war erstaunlich, wie geschmeidig der +Melcher trotz seiner vorgerückten Jahre noch geblieben war. Konnte es +im Schuhplatteln noch immer mit den jüngsten Burschen aufnehmen und war +rauflustig trotz seines stark ergrauten Bartes wie in jungen Jahren. +Sie vermieden es noch immer, die jungen Burschen, mit dem Stanis +anzubandeln; denn sie fürchteten sich, eine Niederlage zu erleiden.</p> + +<p>Und heute hatte der Stanis wieder einmal weit über den Durst getrunken. +War aber trotzdem immer noch standfest auf den Beinen, der kleine Kerl, +und ließ auch nicht einen einzigen Tanz aus. Und just<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> die feschesten +Tänzerinnen wählte er sich. Er machte Witze, daß die Damen erröteten +und die Burschen vor Vergnügen laut gröhlten.</p> + +<p>Die Herren aber, die es hörten, ärgerten sich über den ausgelassenen +alten Kerl und verlangten von dem Florian Siegwein, daß er ihn +entferne. Dem Stanis gefiel es jedoch so ausgezeichnet auf dem Ball, +daß er gutwillig gewiß nicht ging. Das wußte der Florian ganz genau und +war einigermaßen in Verlegenheit, wie er den Stanis losbringen sollte.</p> + +<p>Es fand sich keiner der Burschen, der den Stanis mit Gewalt +hinausgeschmissen hätte. Sie wollten es nicht verderben mit ihm; denn +sie mochten ihn alle gut leiden und fürchteten seine Rache. Aller List, +die sowohl der Florian wie auch die Regina anwandten, widerstand der +Stanis.</p> + +<p>Er wünschte diese tolle Nacht voll auszunützen und blieb ... allen +Bemühungen zum Trotz ... fest auf seinem Posten. Hüpfte und tollte und +gröhlte und wurde den Damen immer aufdringlicher. Er küßte sie beim +Tanz ganz ungeniert auf den Mund, gerade so, als ob es eine Bauerndirn +gewesen wäre; und ganz verliebt tat er mit einer kleinen blonden Frau, +die ihm besonders gut zu gefallen schien.</p> + +<p>Wie eine Klette hing er sich an ihr an, umarmte sie mit tolpatschiger +Zärtlichkeit und ließ sie nicht mehr los. Und alles Wehren der jungen +Frau war vergeblich. Auch als sich der Florian, von dem Gatten der Dame +aufgestachelt, dem Stanis energisch in den Weg stellte, half es nichts. +Der Stanis parierte<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> dem Florian einfach nicht, frech und unverschämt +wie ein Junger.</p> + +<p>»Mach' di ... du ...« warnte der Stanis und schob den Florian mit einem +seiner kunstvollen Rauferkniffe, die ihn so unüberwindlich machten, +beiseite, so daß der stämmige Mann in weitem Bogen in den Saal flog.</p> + +<p>»Hast g'nuag iatz ... Florl ... oder magst no oane fangen?« höhnte er +ihn dann.</p> + +<p>Sie standen alle im Kreise um den Rauflustigen, der die junge Frau mit +dem einen Arm fest umklammert hielt, so daß sie ihm nicht entfliehen +konnte. Und da viele der Burschen stark angetrunken waren, belustigten +sie sich über den witzigen alten Kerl, lachten ihm zu und forderten ihn +noch zum Widerstand auf.</p> + +<p>»Recht, Stanis! G'halt dir's lei dei' Weibl!« rief einer.</p> + +<p>»Gib ihr a Bussl!« munterte ihn ein anderer auf. Niemand schien ein +Gefühl für die Lage der Dame zu haben, die ganz verzagt zu weinen +begann. Daß dieser Spaß so enden würde, das hatten sie sich denn doch +nicht vorgestellt.</p> + +<p>Die meisten Herren und Damen hatten, als die Situation ungemütlich +wurde, den Saal fluchtartig verlassen, so daß zuletzt nur die +Bauernburschen mit ihren Dirndeln übrig blieben. Der Gatte der Dame sah +sich allein und verlassen dem Stanis gegenüber.</p> + +<p>»Lassen Sie meine Frau los ... unverschämter<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Kerl!« sagte er zornig. +Er war jung, stattlich und groß und von vornehmer Herkunft.</p> + +<p>Boshaft blinzelte der Melcher aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem +Herrn empor.</p> + +<p>»Ist's leicht dei' Weibl?« höhnte er.</p> + +<p>Der Herr gab dem frechen Kerl statt jeder Antwort eine schallende +Ohrfeige. Das half. Mit einem so jähen Ruck ließ der Stanis sein Opfer +los, daß die junge Frau taumelnd nach rückwärts fiel und von einigen +hilfsbereiten Burschen aufgehoben werden mußte.</p> + +<p>Der Stanis aber sprang, einer Wildkatze ähnlich, seinen Gegner an. +Umklammerte ihn und würgte ihn am Hals. Der Fremde wehrte sich mit viel +Geschick, und der Florian eilte zur Hilfe herbei, dazu noch einige der +Burschen. Aber der Stanis klammerte sich an den Fremden und hing ihm +am Halse. Die Püffe und Stöße, die der Stanis nun von allen Seiten +erhielt, reizten ihn zur höchsten Wut.</p> + +<p>Noch nie war es vorgekommen, daß er bei einer Rauferei unterlegen wäre. +Und daß sie nun alle gegen ihn waren, empfand er als Heimtücke und +Niedertracht. Er kannte keinen Unterschied des Standes, der Stanis. +Rauferei blieb Rauferei. Wer auf dem Tanzboden anwesend war, mußte sich +seine Späße eben gefallen lassen. Und wer das nicht wollte, mit dem +raufte er halt. Aber die andern sollten ihn in Ruhe lassen und sich +nicht einmischen. Mit dem hearrischen Tolm wollte er allein fertig +werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p> + +<p>Der Stanis brüllte, außer sich vor Zorn, wie ein wildes Tier, als man +ihn gewaltsam von dem Herrn zu trennen versuchte. Seine Füße baumelten +in der Luft, und seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners, daß +dieser blaurot im Gesicht wurde und hart nach Luft rang.</p> + +<p>Und in dieser Angst stieß er den Stanis mit den Füßen und brachte ihn +zu Fall. Fiel aber über ihn, denn der Kerl ... toll vor Wut ... ließ +nicht von ihm ab. Und pfauchte und pfiff vor sinnlosem Zorn. Und würgte +den Hals des Fremden, der schwer über ihm lag. Und der Stanis fühlte, +wie seine Finger, die sich in den Hals des Gegners gleich Eisenklammern +einkrallten, gewaltsam gelöst wurden, und in seiner sinnlosen Wut, die +tierisch und nicht menschlich war, öffnete er den Mund und biß in das +Fleisch des Gegners.</p> + +<p>Ein weher Schrei und dann ein pfauchender Laut und noch ein Biß, und +Blut quoll aus dem Gesicht des fremden Herrn.</p> + +<p>Der Stanis aber ließ von seinem Opfer ab. Er hatte dem Gegner die +Nase abgebissen, und mit der Tat kehrte ihm die Ruhe wieder und das +Bewußtsein. Er fühlte aber keine Reue, sondern stolze Genugtuung. Denn +nun war er trotz der Überzahl der Gegner doch nicht unterlegen.</p> + +<p>Und gleich einem Sieger schaute er im Kreise herum, schaute auf die +angstvoll erschrockenen Gesichter und auf das entstellte blutige +Antlitz des Fremden. Und lachte ... Lachte ... und ließ sich willig +und<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> ohne Gegenwehr hinabführen in das stattliche Dorf, wo der Gendarm +wohnte ...</p> + +<p>Als ihn die Richter für seine rohe Tat zu einigen Jahren Zuchthaus +verurteilten, da lachte der Stanis nicht mehr. Es war das Schlimmste, +was ihm widerfahren konnte, diese jahrelange Freiheitsberaubung. Und +es schürte nur noch mehr den Haß, den er in seinem Innern stets gegen +die fremden Leute gehabt hatte. Aber er bereute seine Tat trotz allem +nicht.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> + +<h2>Vierzehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war +es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit.</p> + +<p>»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es +half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an +die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals +überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr +widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse +in ihrer Nähe weilen.</p> + +<p>Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder +zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu +Land, solange ihm das Geld ausreichte.</p> + +<p>Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst +ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts +mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte +und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich +ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam +zurückgezogen.</p> + +<p>Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und +durften auch nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian +hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz, +der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war, +hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine +Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.</p> + +<p>Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute +in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß. +Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen +und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.</p> + +<p>Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene +Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien +verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte +tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den +sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.</p> + +<p>Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der +Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über. +Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste, +war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest, +die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam +und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde +Erdreich.</p> + +<p>Es war nur noch die Vef übrig von den alten<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Kräften des Florian +Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und +war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne +Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte +dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst +erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz +war.</p> + +<p>Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für +sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem, +was ihr einst lieb und teuer gewesen war.</p> + +<p>Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg. +Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem +Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor +blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche, +resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der +den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter +kam.</p> + +<p>In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war +nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl +erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde +es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um +einen Verdienst umtun.</p> + +<p>Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur +wieder hätte arbeiten dürfen.<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Aber arbeiten war gleichbedeutend mit +der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus +Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.</p> + +<p>Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der +großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann +und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war +nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu +sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie +bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.</p> + +<p>Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz, +um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am +Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.</p> + +<p>Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben +quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch +wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen +Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand, +die Vef zu stellen.</p> + +<p>Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef, +und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine +kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz +allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein +bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.</p> + +<p>So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> wenn die Vef hörte, +wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig +in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte +und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die +Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm +in die Heimat zurück ...</p> + +<p>Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem, +rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt +so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die +Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig +niederträufelt.</p> + +<p>Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach +Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und +Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in +festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten +und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.</p> + +<p>Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in +der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die +Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer +stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber +ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden +Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span></p> + +<p>Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl +noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion +und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde +und sich kümmerlich durchbringen müßte.</p> + +<p>Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden +Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen +hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das +erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.</p> + +<p>Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte +ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche +Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie +ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig +scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme +und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat +nach einer Nachfolgerin für die Vef.</p> + +<p>Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef +sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für +ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets +gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das +seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser +herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze, +vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam.<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Voll und reich +war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene +Gesicht gleich einer schweren Krone.</p> + +<p>Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer +nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß +man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine +einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun +können.</p> + +<p>Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit +kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine +Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.</p> + +<p>So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes +reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor +Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er +unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine +Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz +erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und +steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.</p> + +<p>Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch +gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der +Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je +nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.</p> + +<p>Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Hatte ihn gehen +heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl +dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken +ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie +duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern +sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug +kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.</p> + +<p>War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut +und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der +Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt +davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.</p> + +<p>Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im +Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der +Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte +sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen +Gehsteig.</p> + +<p>Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die +Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares +Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große +Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in +Falten, als der Wastl auf sie zukam.</p> + +<p>»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große, +derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p> + +<p>Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie +unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte +sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den +offen gehaltenen Wagen steigen.</p> + +<p>Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...« +stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig +stampfte die Vef mit dem Fuße auf.</p> + +<p>»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in +den Wagen und warf den Schlag zu.</p> + +<p>»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem +Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften.</p> + +<p>Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder +gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte, +traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick +taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut +heiß und schwer zu Kopf.</p> + +<p>»Pack' dich!«</p> + +<p>Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit +ihr davongefahren.</p> + +<p>Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen +und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er. +Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren. +Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem +anderen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> + +<p>Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm +mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden +Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner +ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und +folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.</p> + +<p>Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von +ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter +dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.</p> + +<p>Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb +ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des +Hauses gegeben hätte.</p> + +<p>Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt. +Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß +die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache +lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch +immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein +war und das Wort zur Phrase geworden war.</p> + +<p>War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr +... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen +Haus.</p> + +<p>Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am +Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> +Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er +an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken +... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich! +hatte sie zu ihm gesagt.</p> + +<p>Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug +eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge +mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber +achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit +der Nacht.</p> + +<p>Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein +von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und +wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar +nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.</p> + +<p>So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke +graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig, +fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit +schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort +nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so +dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.</p> + +<p>Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben +war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen +Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ... +Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> in seinem Kopf +herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und +da drinnen ... ehrlos ...</p> + +<p>Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher +und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem +steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer +näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten +gestanden hatte.</p> + +<p>Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler +des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen +Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib +kommen mußte.</p> + +<p>Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu +atmen.</p> + +<p>Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor +dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und +dort zu schlafen schien.</p> + +<p>Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm +regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit +ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte +Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und +die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und +machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> + +<p>Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und +schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die +Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander +heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu +warten hatten.</p> + +<p>Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt +stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste +in den Taschen des Mantelrocks.</p> + +<p>Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und +sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter +Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes.</p> + +<p>Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich +ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr +Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden +Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander +und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein +gereiztes Tier auf das Weib zu springen.</p> + +<p>Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu +sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den +Schlag zu und stieg auf den Bock.</p> + +<p>»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl +auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter +Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> ihn nicht; denn der Lärm +der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn.</p> + +<p>Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war. +Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber.</p> + +<p>Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest +in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte +Angst.</p> + +<p>»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann +sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut +schauten, hatten einen fremden, wilden Blick.</p> + +<p>»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...«</p> + +<p>Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit +die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?«</p> + +<p>Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das +ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen, +daß es sie heftig schmerzte.</p> + +<p>»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo +bist g'wesen?«</p> + +<p>Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und +Kälte. Aber sie war nicht feig.</p> + +<p>»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden +Augen an.</p> + +<p>Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an +sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit +Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<p>»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und +mei' Weib!«</p> + +<p>»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand +und krümmte sich unter seinem festen Griff.</p> + +<p>»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast +mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...«</p> + +<p>»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi +graust vor dir!«</p> + +<p>Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er +auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne +zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die +Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die +Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht +seiner Kraft.</p> + +<p>Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus. +Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer +... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor +ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu +sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt. +Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß +gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war.</p> + +<p>Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch +die Straßen der Stadt,<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> die sich im frühen Wintermorgen immer mehr +belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden. +Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer +war's in ihm ... trostlos leer.</p> + +<p>Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall +aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins +Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es +ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem +Kranken die Zähne klapperten.</p> + +<p>Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos +und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem +Tisch der Schenke lag.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p> + +<h2>Fünfzehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein +dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall +war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden.</p> + +<p>Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden +Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit +von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal +zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen +und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können.</p> + +<p>Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian. +Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel +gesetzt.</p> + +<p>In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins +Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines +fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache +gewachsen.</p> + +<p>Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen +Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein. +Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus +errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker +während der Sommermonate seines Amtes<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> waltete. Eine Kramerei mit +großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle +Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte.</p> + +<p>Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern +und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der +Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer +Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner +Aufdringlichkeit die ganze Gegend.</p> + +<p>Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren +Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten +redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten +sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem +gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das +groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten.</p> + +<p>In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese +geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren +nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch +wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben. +Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu +finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina.</p> + +<p>Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch +immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte +sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> war, so +schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen.</p> + +<p>Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina +war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den +Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen +auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin +gekommen wären.</p> + +<p>Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie +viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere +Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die +Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des +großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht +doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.</p> + +<p>So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war +einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die +Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern +betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden +Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche +ließen.</p> + +<p>Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die +Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und +blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.</p> + +<p>Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von +der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau, +die habgierig<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.</p> + +<p>Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie +hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener +junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum +Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.</p> + +<p>Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch +war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger +Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur +Bauerschaft und keine zum Handelsmann.</p> + +<p>Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten +nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er +eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten +denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts +aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für +keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der +Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm +der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.</p> + +<p>Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen +großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder +und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch +gewesen. Ein richtiger Bauer sollte<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> der Anderl werden, einer, wie es +der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als +die Scholle, auf der er stand und arbeitete.</p> + +<p>Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber +er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr +mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und +erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.</p> + +<p>Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres, +als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände +unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus, +dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und +träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft, +die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der +Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den +Pflegeeltern Freude zu bereiten.</p> + +<p>Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein +Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu +und fleißig.</p> + +<p>Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers +und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke +ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in +der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden +Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum +Kramer Veit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p> + +<p>»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ... +ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no +verlottern.«</p> + +<p>Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren +nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das +Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine +beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt +gefunden.</p> + +<p>Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte, +wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?</p> + +<p>Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen +Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und +verglich.</p> + +<p>Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach +Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner +Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl +machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden. +Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe +entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser +und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu +tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den +drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des +Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen, +und das machte ihn hart und unchristlich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p> + +<p>Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll +Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden +war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn +er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.</p> + +<p>Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein +halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da +waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer +angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht +gewesen wäre.</p> + +<p>Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die +Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte +der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das +gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.</p> + +<p>Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil +gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da +er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.</p> + +<p>Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von +seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er +hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina +jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh +es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch +würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht +hereinbrechen würde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p> + +<p>Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf +der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die +Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts +wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen +doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten. +Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und +taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der +ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch +richtig auszunutzen.</p> + +<p>Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen, +weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.</p> + +<p>Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht +eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten +nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die +Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie, +weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben +angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk, +und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit +verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern +des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.</p> + +<p>Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.</p> + +<p>Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Beruf entdeckt zu +haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein +wahrer Diener seines Volkes ...</p> + +<p>Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das +Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen +in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl +geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und +trauerte redlich und aufrichtig um ihn.</p> + +<p>Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und +gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte +Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.</p> + +<p>Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das +Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt. +Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen +wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...</p> + +<p>Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit +seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne +gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie +einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll +Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für +den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges +Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> + +<p>Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand +der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.</p> + +<p>Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein +Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa +recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten +die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die +Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben, +wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun +kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir +recht ... Bua ... Ganz recht.«</p> + +<p>Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl +geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort +davon. — — —</p> + +<p>Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die +Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran +dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und +das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen +empfangen sollte.</p> + +<p>Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes +ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie +war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter +Existenz. — — —</p> + +<p>Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> den Anderl zum Priester +weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und +Hof.</p> + +<p>Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn +die Regina war bettelarm geworden.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<h2>Sechzehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein +nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch +leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache +genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.</p> + +<p>Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte +sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald. +Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens, +die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von +ihnen beschieden.</p> + +<p>Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem +tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und +Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und +verfluchte sich und ihr ganzes Leben.</p> + +<p>Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um +ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die +Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war, +lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller +Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr +stand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p> + +<p>Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ +sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus +ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte, +daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da +machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest +ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen +und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.</p> + +<p>Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib +gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte +wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef +noch eine Stellung als Sängerin erreichen.</p> + +<p>Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf. +Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und +konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem +sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und +überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt +doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.</p> + +<p>Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim +eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es +um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser +Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll. +Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> + +<p>Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und +inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen +und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach +dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur +zur vermehrten Qual wurde.</p> + +<p>Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie +vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und +scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf, +und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte +sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden. +Hatte noch Scham in sich trotz allem.</p> + +<p>Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein +verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie +kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene +denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl +... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an +den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.</p> + +<p>Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren +einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht +nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.</p> + +<p>Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten. +Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg +verkommen sei.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> + +<p>Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr +einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.</p> + +<p>Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden +auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie +jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ... +Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und +auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh +hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh +gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte +liegen dürfen ...</p> + +<p>Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen +Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und +ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes, +aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen +Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und +versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des +Leides ein.</p> + +<p>In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ... +endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und +murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein +sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von +jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> nicht mehr. +Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.</p> + +<p>Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie +lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den +Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in +den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid +... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das +Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig +Frömmigkeit.</p> + +<p>Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie +konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend +nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem +fremden, flachen Land.</p> + +<p>Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende +Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre +Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble +von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten +Luft.</p> + +<p>So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man +sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und +beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten +die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft. +Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte +trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p> + +<p>Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch. +Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft +hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte +vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine +geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch +ein Jahr.</p> + +<p>Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er +sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun +würde, das wußte die Vef genau.</p> + +<p>Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche +Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn +er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht +mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn +verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte +halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!</p> + +<p>Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der +Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten +Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt +einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es +in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt. +Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.</p> + +<p>Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die +Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit +rauher,<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese +Weise ihren Unterhalt.</p> + +<p>Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch +absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn +dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und +Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute, +die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten +Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.</p> + +<p>Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig +zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die +Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang. +Abend für Abend.</p> + +<p>Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.</p> + +<p>Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen +Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt. +Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein +Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht +gebrauchen.</p> + +<p>Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat +zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann +wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam. +Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten +Zeiten und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem +Rausch heraus.</p> + +<p>Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud +alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und +kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und +ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn +das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das +der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.</p> + +<p>Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er +verkehrte, und mochten ihn gut leiden.</p> + +<p>Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in +der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine +gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.</p> + +<p>Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.</p> + +<p>Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.</p> + +<p>Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des +Mannes.</p> + +<p>Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef +... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich +wohl recht verändert hatte ... die Vef ...</p> + +<p>Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig +Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p> + +<p>Die Vef ... und wieder in der Heimat ...</p> + +<p>Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und +zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer +wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat +weilte.</p> + +<p>Und dann sah er sie.</p> + +<p>Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und +spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und +ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten +auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der +Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr +wehe tun.</p> + +<p>Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende +Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen +Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin, +hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die +Ringe in den Ohren befestigte.</p> + +<p>Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte +die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im +Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer +in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und +müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.</p> + +<p>Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt +hatte. Jetzt reute es ihn, da<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> er sie so elend sah, und er schämte +sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.</p> + +<p>Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?</p> + +<p>Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war +ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von +einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem +rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen, +die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische +standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben +und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.</p> + +<p>Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein, +und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für +gewöhnlich zu verkehren pflegte.</p> + +<p>Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte +ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische +hinüber, wo die Vef saß und spielte.</p> + +<p>Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon +gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals +verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der +Vergangenheit.</p> + +<p>Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und +lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich +wirken.</p> + +<p>Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> geschwunden war, +und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie +damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte. +Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht +bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die +Augen und träumte im Wachen.</p> + +<p>»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit +dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit +da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er +geärgert hinzu.</p> + +<p>Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren +und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im +Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die +dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer +Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich +gut, waren aber keine Freunde.</p> + +<p>Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des +Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten +gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der +Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen, +jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er +schämte sich für ihn.</p> + +<p>Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte +hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef +war aufgestanden<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen +haltend, von Tisch zu Tisch.</p> + +<p>Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische, +und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte, +wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein +Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.</p> + +<p>Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich, +wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren +... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ... +wie damals ...</p> + +<p>Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang, +indem er ihn unwillig anstieß.</p> + +<p>»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er +ärgerlich.</p> + +<p>Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und +umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein +großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf +den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.</p> + +<p>Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu +Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen, +und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da +begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.</p> + +<p>Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Frau und ein tiefes +Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in +viele Scherben ...</p> + +<p>Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef. +Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.</p> + +<p>Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte +voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern. +Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er +besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da +und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich +froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von +seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten +kam mit ihr, sie nicht verlassen.</p> + +<p>Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern. +Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal +gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.</p> + +<p>Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich +und an jedem Abend.</p> + +<p>Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker, +der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm +vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder +der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt +und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und +sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> es der Vef +achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton +weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.</p> + +<p>»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!« +Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier +einen Brocken Fleisch zuwirft.</p> + +<p>Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren, +beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.</p> + +<p>»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich +auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in +mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte +brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals +flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.</p> + +<p>»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.</p> + +<p>Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und +Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde +stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.</p> + +<p>»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig +besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die +Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag. +Der Fremde wieherte laut und trunken.</p> + +<p>»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> machst du's einem?« gröhlte +er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«</p> + +<p>Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine +lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich +vernehmen konnte.</p> + +<p>Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere +munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.</p> + +<p>Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das +Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich +zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten. +Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem +Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.</p> + +<p>»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«</p> + +<p>»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand +gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.</p> + +<p>Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen +und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser +nicht mehr rühren konnte.</p> + +<p>»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte +ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit +mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie +im Ekel.</p> + +<p>Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> Kopf vor Wut und +unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend +zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.</p> + +<p>»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl +begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch +nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«</p> + +<p>»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste. +»Dös nimmst z'ruck!«</p> + +<p>»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig +gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er +verächtlich.</p> + +<p>»Du!«</p> + +<p>Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und +würgte ihn.</p> + +<p>»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef +...«</p> + +<p>»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«</p> + +<p>Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen. +Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie +schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden +trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie +alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und +würgte ihn.</p> + +<p>Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde +blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> + +<p>Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder +geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.</p> + +<p>Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der +Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich +erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen +und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.</p> + +<p>Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und +dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand +der Nordkette auf.</p> + +<p>Weshalb noch weiter leben? Wozu?</p> + +<p>Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die +Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.</p> + +<p>Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk, +das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.</p> + +<p>Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von +den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.</p> + +<p>Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der +Richtung gegen die Stadt zurück.</p> + +<p>Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p> + +<h2>Siebzehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie +starb, hatte sie noch eine Freude.</p> + +<p>Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten. +Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.</p> + +<p>»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ... +gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«</p> + +<p>»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich +klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles +...«</p> + +<p>»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau. +»Alles.«</p> + +<p>Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und +sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.</p> + +<p>»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«</p> + +<p>Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie +leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum +Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p> + +<p>»Nix mehr.«</p> + +<p>»Und deine Buben ... Vef ...?«</p> + +<p>Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie +mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber +doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas +Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden +Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.</p> + +<p>Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn +noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres +Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch +einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und +lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof, +die sie damals gewesen war.</p> + +<p>Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge +Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit. +Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen +und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem +kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner +herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund. +Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.</p> + +<p>»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester +sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> + +<p>»Kennst die Gungl?«</p> + +<p>»Nein, Vef.«</p> + +<p>Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da +und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den +Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen +Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend +umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in +weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der +Schellen von weidendem Almvieh.</p> + +<p>Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau +lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ... +alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ... +sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat +... so kühl und feucht ...</p> + +<p>So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht +viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und +betete voll Inbrunst am Lager der Frau.</p> + +<p>»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach +Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«</p> + +<p>Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände +wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester +das Totenlicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> + +<p>»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit +lauter, wohltönender Stimme.</p> + +<p>Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte +empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und +erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.</p> + +<p>»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit +matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein +der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ... +und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«</p> + +<p>Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das +Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch +einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und +gewaltig und voll Gold ...</p> + +<p>Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben +war, noch eine Pflicht zu erfüllen.</p> + +<p>Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder +hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn +gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.</p> + +<p>»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!« +hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen. +Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun +zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p> + +<p>Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein +Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.</p> + +<p>Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie +diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht +saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und +schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und +große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und +die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur +zulässig war.</p> + +<p>Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an +Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren +begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines +Heimatstales zurück.</p> + +<p>Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht. +Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat +fehlte dem Wastl.</p> + +<p>»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder +erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no +amal. Und i hab's tun <em class="gesperrt">müassen</em>. 's ist gleich iatz!« fügte er +dann traurig hinzu.</p> + +<p>Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der +Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der +Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> eine +Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer +wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete +nichts.</p> + +<p>Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand, +um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu +verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen +Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.</p> + +<p>Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als +Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal +gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er +wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben, +aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte +Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.</p> + +<p>Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so +lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er +sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen +Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und +biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der +Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders +sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden +waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des +Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.</p> + +<p>Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der +Vef verschwiegen, daß mit<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer +Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien +war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters +geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig +von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte, +als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.</p> + +<p>Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen +hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten +große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern +zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch +eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt +gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als +sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der +Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen +Burschen mit Empörung.</p> + +<p>Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und +vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich +verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer +veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue +Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.</p> + +<p>Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die +Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals +darob<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger +ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank +fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.</p> + +<p>Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit +und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten +Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.</p> + +<p>Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar +bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten +nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum +und fühlten sich überall überflüssig.</p> + +<p>Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter +ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche +Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten +trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.</p> + +<p>Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den +Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht +gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da +zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren, +und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die +Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und +ohne Liebe zur Scholle.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> + +<p>Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des +alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz +fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt +genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.</p> + +<p>Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate +hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern +von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller +guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder +Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche +Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach +ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das +einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte +der Genuß.</p> + +<p>Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer +Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert +und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend +und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser +Leichtsinn brachte ihm Verderben.</p> + +<p>Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache +herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig +gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.</p> + +<p>»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Lump und koa ordentliches +Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ... +das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War +ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.</p> + +<p>Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein +Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch +einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.</p> + +<p>»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer +seufzend.</p> + +<p>War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und +fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der +Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt, +der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er +schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer +wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und +alle heiligen Eide schwor.</p> + +<p>Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte, +um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs +Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge +Lumpereien.</p> + +<p>Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen +Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis, +das in dem Hauptort des Tales war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p> + +<p>Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er +davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus +und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden +mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so +zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor +allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte, +und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.</p> + +<p>Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer +Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die +barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus, +waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und +ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine +Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und +war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.</p> + +<p>Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen +neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen +umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich +darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig +im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit +weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden +des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> + +<p>In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank, +auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von +der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da, +einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.</p> + +<p>Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte +eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart +wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten +die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.</p> + +<p>Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und +sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit +und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten, +weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts +mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen +die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig +arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft +hatte er wohl auch nimmer gar viel.</p> + +<p>So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig +eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte +er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er +keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne +Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde +dann<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.</p> + +<p>Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die +Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze +machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker +droben am Alpl gut leiden konnten.</p> + +<p>War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen +Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle +Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten +Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal +waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter +die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise +anbettelte.</p> + +<p>Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung, +bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte +sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft +schielenden Augen nach.</p> + +<p>So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte +ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis +erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins +Gefängnis eingeliefert hatte.</p> + +<p>Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst +gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl +einhergegangen<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten +und zu Boden geschaut.</p> + +<p>»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der +Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er +damit den Wastl getroffen hatte.</p> + +<p>Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende +Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind +zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten +ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.</p> + +<p>Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im +Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort, +nachdem der Stanis ausgeredet hatte.</p> + +<p>Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so +kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den +man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem +Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem +Zuchthaus heraus.</p> + +<p>Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete, +da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner +Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe +er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten. +Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.</p> + +<p>Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> schwarzen Augen zu dem +Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.</p> + +<p>»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen. +»'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.</p> + +<p>Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem +großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von +der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.</p> + +<p>Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich +beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und +zupfte ihn energisch am Arm.</p> + +<p>»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a +bissl ... ha?«</p> + +<p>Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug +er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis +wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.</p> + +<p>Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte +er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er +eindringlich hinzu.</p> + +<p>»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.</p> + +<p>»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah +er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre +Manndl herabschaute.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span></p> + +<p>»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen +anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.</p> + +<p>»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem +andern auf.</p> + +<p>»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.</p> + +<p>Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.</p> + +<p>»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist +do dei' Bua ... dei' Kind ...«</p> + +<p>»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«</p> + +<p>»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös +fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz +mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an +alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es +nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A +Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil +antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam +und in der Stadt ... oaner ...«</p> + +<p>Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß +ihn zu Boden.</p> + +<p>»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut +blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«</p> + +<p>Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig,<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> daß er sich flink wie +ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und +dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs +empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt +davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den +Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so! +Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«</p> + +<p>Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder +beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen +aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander +zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.</p> + +<p>Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht +und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der +Michl nun ein Zuchthäusler wurde.</p> + +<p>Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den +darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis +abermals zu ihm in die Gartenecke kam.</p> + +<p>Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem +tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen +herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ... +aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.</p> + +<p>Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> das Alpl wußte, seine +kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof +gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich. +Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges +bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel +und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht +verstecken sollen.</p> + +<p>Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der +Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des +Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen +das Haupttal zu.</p> + +<p>Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und +jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich +hatte. Damals ...</p> + +<p>Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend +neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er +schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab' +denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab' +nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns +herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine +Stimme.</p> + +<p>»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn +nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha? +Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> hat, wia +fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht +fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und +im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen +sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen +ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a +so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil +aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan. +Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt. +Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö +verfluachten!«</p> + +<p>Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war +er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon +immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und +ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines +Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne +Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich, +und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige +Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner +Überzeugung.</p> + +<p>»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll +ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«</p> + +<p>Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig +flackernden Augen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> + +<p>»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte +der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr +derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von +denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in +der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das +große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö +alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir +nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil +a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«</p> + +<p>Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht +recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.</p> + +<p>Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der +Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und +starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber +sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit +langem nicht mehr.</p> + +<p>Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn +bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der +eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß +und dessen Ursache.</p> + +<p>Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen +das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> +Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.</p> + +<p>Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er +kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er +zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis +er triumphierend wieder aufs neue erstand.</p> + +<p>Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm +der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine +Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen +Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.</p> + +<p>Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war +das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger +Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das +aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen, +daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen +lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein +und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch +nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher +Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum +Lump wurde?</p> + +<p>Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die +Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab +und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p> + +<p>Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat +für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und +alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst +wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben +nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin +umherlagerten.</p> + +<p>Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte +der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein +ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ... +das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von +Grund aus vernichtet würde.</p> + +<p>War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und +sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen +Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen +hatte.</p> + +<p>Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht +vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und +jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei +Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden +... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann +erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...</p> + +<p>Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein +Mühlrad in seinem<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten +mit dem Bösen.</p> + +<p>Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis? +Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung +unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der +Martl wirklich noch ordentlich war?</p> + +<p>Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der +Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging +und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld +genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche +Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken +... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen +so alten, einfältigen Menschen ...</p> + +<p>Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch +nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel +außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den +Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War +doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel +besser draußen herumwandern, der Wastl.</p> + +<p>Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht +Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem +Heu.</p> + +<p>Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> zu dürfen! Völlig +gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl +mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche +Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.</p> + +<p>Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher, +ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus, +sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg +gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim +Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben +aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.</p> + +<p>Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So +eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und +schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und +auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.</p> + +<p>Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und +trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals +betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem +Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl +war, sein Bub.</p> + +<p>War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann. +Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und +merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte. +Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> + +<p>Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe +seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute +sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben +aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann +heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.</p> + +<p>Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und +Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange +warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er +hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und +morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...</p> + +<p>Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg +zu dem großen Hotel hinan.</p> + +<p>Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem +Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.</p> + +<p>Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel +sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in +den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef +und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...</p> + +<p>Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und +keinen Hunger mehr.</p> + +<p>Trinken ... nur trinken ...</p> + +<p>Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die +Kellnerin den alten, geduckten<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie +seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm +dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da +forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.</p> + +<p>Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß +allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische +und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die +einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen +Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie +sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das +majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von +drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.</p> + +<p>Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig +alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man +ihn gehen hieß.</p> + +<p>Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr +trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und +stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die +Luft zu befördern.</p> + +<p>Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren +spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und +angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> der Wastl so +hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die +Kellnerin.</p> + +<p>»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!« +sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«</p> + +<p>»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und +ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ... +einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein +Fremder!</p> + +<p>»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem +Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung +wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich +lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines +Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor +sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen. +Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig. +Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und +höhnisch ihm nachklang.</p> + +<p>»Gesindel!«</p> + +<p>Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen +Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der +Stanis. »Gesindel!«</p> + +<p>In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend +den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> +Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der +hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte +nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die +Vef ...</p> + +<p>Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.</p> + +<p>»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los +von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.</p> + +<p>Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau. +Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu +denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken +in seinem Kopf.</p> + +<p>Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten +... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein +Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte +und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann, +der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel!</p> + +<p>Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!« +Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die +ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ...</p> + +<p>War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich +betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie +mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> schon wieder ganz +nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte +ihm vom vielen Denken.</p> + +<p>Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und +schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit +damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und +vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen +... damals noch, als die Vef lebte.</p> + +<p>Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt +in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken +gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht +immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr +denken ...</p> + +<p>Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig. +Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der +Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der +Wastl ... ganz pfiffig ...</p> + +<p>Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo +die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am +Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl.</p> + +<p>Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels. +Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit +... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich +die Tür auftat und jemand aus dem<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> großen Haus kam und zu dem Hunde +ging, um ihn zu beruhigen.</p> + +<p>War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der +Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll +nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ... +alle ...</p> + +<p>Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen +das große Haus.</p> + +<p>»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle +seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!«</p> + +<p>Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig +tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder +zornig knurrte, leise und grollend.</p> + +<p>Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren +scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und +hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für +die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten.</p> + +<p>»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War +gescheut, der Stanis! Aber feig!</p> + +<p>Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig +von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an.</p> + +<p>Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz +sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören +konnten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span></p> + +<p>Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft +hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das +große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel +... So war's recht.</p> + +<p>Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug +... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund +knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen.</p> + +<p>Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man +unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und +auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und +leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt.</p> + +<p>Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig +hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es +so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön +war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen.</p> + +<p>Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig +... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und +lächelte schadenfroh.</p> + +<p>»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber +Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle +miteinander!«</p> + +<p>Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> fing das Feuer, daß es +eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt.</p> + +<p>Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln +Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen +konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster +drohende Bergwand.</p> + +<p>Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an +den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber +sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von +selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor +und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und +brausend im Sturmwind.</p> + +<p>Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine +Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen.</p> + +<p>Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben +konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten. +Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand +verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht +erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze +feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ... +Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten +Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl +drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> entfesselten +Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ... +beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ...</p> + +<p>Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz +gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand +dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ...</p> + +<p>Sie fanden am frühen Tag einen alten Mann. Der irrte umher in den +Wiesen und Feldern, barhäuptig und mit schweren Füßen. Sein Gesicht war +gelb und fahl und die dunkeln Augen leer und ohne Seele.</p> + +<p>Und er wußte von nichts mehr, und wußte auch nicht mehr, wer er sei.</p> + +<p>Der Wastl hatte den Verstand verloren.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p> + +<h2> Achtzehntes Kapitel</h2> +</div> + + +<p>Ein neues Geschlecht war erstanden im Tal. Jene, die damals noch Kinder +waren, als das Regele von Schande getrieben aus der Heimat flüchtete, +waren gereifte Männer und hatten Familien gegründet, und etliche von +ihnen lagen auch schon unter der Erde. Und alle waren sie tot, die +guten Bekannten von einst. Der alte Perlmoser und der Söllerbauer +und sein Weib, und auch die Julie, die dann Wirtin geworden war. Die +Perlmoser Rosina aber blieb verschollen. War nie mehr in die Heimat +zurückgekehrt. Und auch vom Lois, dem Sohn des Wastl, hatte man wenig +mehr gehört.</p> + +<p>Das Moidele, die das Kind der toten Mena war, wartete und pflegte die +alten Kramersleute bis zuletzt. War gutmütig und nicht recht gescheut, +aber dankbar und treu und anhänglich. Und die Regina war gestorben und +die alte Mutter Notburg.</p> + +<p>Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber +nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle +dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl, +den armen Narren.</p> + +<p>Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach +einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und +lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> zuleide und +folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf +draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann +sterben durfte.</p> + +<p>Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina +war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit +der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte +sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und +fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl +erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus +besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen +Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer +Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen.</p> + +<p>War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen +und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden +war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als +die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und +der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn +nur schlecht verbergen.</p> + +<p>Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch. +Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz +allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im +Flüstertone.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></p> + +<p>Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der +Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das +Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War +still und verträumt und sinnierte viel und einsam.</p> + +<p>Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine +Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm +er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der +Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich +zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot.</p> + +<p>Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und +sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll +Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen +war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit +den strahlenden Augen der Vef.</p> + +<p>Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute +waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der +Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch +waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der +Scholle, der sie entstammten.</p> + +<p>Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken +und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher. +Und vieles, was<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel +ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern, +mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen +wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler, +zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten +auch als Sänger umher.</p> + +<p>Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten +Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste +im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten +Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne +und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte +Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und +vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie +Bauern.</p> + +<p>Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die +Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die +Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so +oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und +sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft.</p> + +<p>»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern +schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen +in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i +ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> hab'. Und hab' nit alleweil +an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen +an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl +alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi +denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt +mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die +Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und +die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit +derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist. +Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue +G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.«</p> + +<p>Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon +leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen.</p> + +<p>»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte +der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten +ihm leid ... die Menschen.</p> + +<p>»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s +braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch +über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und +hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's, +und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern +dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat.<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Aufklären hättet's +müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen +außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr +die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so +gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten +die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen +mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl! +An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan. +Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.«</p> + +<p>Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte +... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's +nur?«</p> + +<p>Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte +es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit +doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und +die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit +allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und +tat ihm weh.</p> + +<p>Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit. +So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl +gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte.</p> + +<p>Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der +alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer +Veit.<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der +Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben +nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten +müsse ...</p> + +<p>Eine breite Fahrstraße führte vom Tal herauf zu dem neuen Alpenhotel, +das jetzt am Eingang des Dorfes erbaut worden war. Groß und schön lag +es da, und sein Bau paßte sich der Gegend dieses Tales an.</p> + +<p>Droben aber, an jener Stelle, wo der Wastl das Feuer angelegt hatte, +stand eine stattliche Kirche. Weiß und freundlich und weit sichtbar +leuchtete der spitze Turm ins Tal. Und viele kamen, um dort zu +wallfahrten ...</p> + +<p>Auch der Kramer Veit pilgerte dorthin. Fast jeden Tag, wenn die Sonne +freundlich war und warm. Und wenn es ihm unten im Haus etwas zu lebhaft +wurde vom reichlichen Kindersegen. War halt schon recht ... recht alt, +der Veit, und sehnte sich nach Ruhe.</p> + +<p>Hatte sein Geschäft in Richtigkeit gebracht, der alte Mann. Ob er's +auch recht getroffen hatte? Die Bauerschaft mit Vieh und Stall und +Äckern, das sollte dem Martl gehören, wenn der Veit einmal nimmer war. +Die Villa aber und alles Geld, das er besaß, dem Andreas Siegwein und +seiner Schwester.</p> + +<p>Ob es so recht war? Gott allein wußte das. Er, der Veit Galler, der +irrende Mensch, glaubte, daß es so gut sei. Und hatte es oftmals im +Leben so geglaubt<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> und trotzdem schlecht getroffen. Wie damals, als er +sich barmherzig um das verlassene Regele angenommen hatte. Und war doch +alles, was jener Tat entsprang, zum Unheil geworden.</p> + +<p>Alles? Nein. Das fremde Büabl, das der Kramer Veit damals auf der +Kraxen seinem Weibe in brennender Sonnenglut heimgetragen hatte ... das +war zum Glück gewesen. Für ihn und die Notburg und für alle im Tal. +Denn alle liebten sie den Priester Andreas Siegwein ... der den Stolz +des wahren Menschentums erkannte ... barmherzig war und gut.</p> + +<p>Veit Galler, der Krämer, aber wartete auf den Tod. Wartete ruhig +und ohne Bangen ... wie auf einen lieben Freund. Saß droben auf der +Bank vor der neuen Kirche und ließ die Sonne auf seine alten Glieder +scheinen. Und sah hinüber zu den fernen Bergen. Hörte ganz matt nur +mehr und gedämpft das Brausen der drei wilden Gebirgsbäche, die sich +tief drunten im Tal zusammenschlossen, und fühlte den heiligen Frieden +dieser Einsamkeit.</p> + +<p>Dort, wo seine Villa stand ... da balgten sich die Kinder des Martl in +den grünen Wiesen. Sie jagten die Kühe und trieben sie im Spiel. Herbst +war's, und der Martl ackerte im Feld. Ging hinterm Pflug einher, mit +schwerfälligem Schritt. Und sein junges Weib schritt vor ihm und führte +den Ochsen. Trug ein helles Tuch überm Kopf als Schutz gegen die Sonne, +die noch heftig brannte.</p> + +<p>Wie wohl sie dem Greise tat, diese wärmende Oktobersonne! Und wie wohl +der Frieden des Tales.<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> Jetzt waren sie nun abermals fortgezogen ... +die fremden Gäste ... und geheiligt war das Land.</p> + +<p>Mächtig, majestätisch und groß standen die Berge. Und hatten einen +Wolkenschleier ums Haupt gelegt. Wie eine Krone, aus der weiße +Eiszacken frei und ungehemmt zum Himmel ragten. Wie eine Krone war's +... eine silbernschwere leuchtende Königskrone.</p> + +<p>Königin Heimat!</p> + +<p>Und Veit Galler, der Krämer ... schlief ein, auf der Bank sitzend, die +vor der neuen Kirche stand, und hatte das Gesicht der Sonne zugewendet.</p> + +<p>Und wachte nie mehr auf.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p> + + +<h2 class="nobreak" id="Werke_von_Rudolf_Greinz">Werke von Rudolf Greinz</h2> +</div> + +<div class="bbox"><p class="s3 center"><b>Werke von Rudolf Greinz</b></p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s4 center">In Staackmanns Romanbibliothek</p> +<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Jeder Band in Ganzleinen</em> RM 3.50</p><br> + + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Allerseelen</b></em></p> +<p class="s5 center">Ein Tiroler Roman. 140. Tausend</p><br> + + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Der Garten Gottes</b></em></p> +<p class="s5 center">Roman. 79. Tausend</p><br> + + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Gordian der Tyrann</b></em></p> +<p class="s5 center">Eine lustige Kleinstadtgeschichte. 22. Tausend</p><br> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Der Hirt von Zenoberg</b></em></p> +<p class="s5 center">Roman. 31. Tausend</p><br> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Die Stadt am Inn</b></em></p> +<p class="s5 center">Roman. 62. Tausend</p><br> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Der Turm des Schweigens</b></em></p> +<p class="s5 center">Roman. 22. Tausend</p><br> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Zauber des Südens</b></em></p> +<p class="s5 center">Roman. 35. Tausend</p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s3 center">In Staackmanns Kleinen Geschenkausgaben</p> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Tiroler Bauernbibel</b></em></p> +<p class="s5 center">Mit Buchschmuck von Hans Pape. 32. Tausend</p> +<p class="s5 center"> Gebunden RM 2.50</p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s4 center">L. Staackmann Verlag in Leipzig</p> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75128-h/images/cover.jpg b/75128-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d7b41f7 --- /dev/null +++ b/75128-h/images/cover.jpg diff --git a/75128-h/images/illu-001.jpg b/75128-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..57f4aca --- /dev/null +++ b/75128-h/images/illu-001.jpg diff --git a/75128-h/images/illu-003.jpg b/75128-h/images/illu-003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..59c0176 --- /dev/null +++ b/75128-h/images/illu-003.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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