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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-17 14:21:12 -0800
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+++ b/75128-0.txt
@@ -0,0 +1,9721 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
+stillschweigend korrigiert worden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~ =antiqua gedruckter Text=
+
+=======================================================================
+
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ =RUDOLF GREINZ=
+
+ =Königin Heimat=
+
+ Roman
+
+
+ 34. bis 39. Tausend
+
+ [Illustration]
+
+ L. Staackmann Verlag in Leipzig
+
+
+
+
+ Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig / 1939
+
+
+ =Copyright 1921 by L. Staackmann Verlag in Leipzig=
+
+ =Printed in Germany=
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+
+Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter
+über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz
+verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein
+die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume
+hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können
+und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute
+festlich geschmückt des Geliebten harrten.
+
+Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten.
+Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee,
+wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich
+kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb.
+Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste
+tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu
+verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte.
+
+Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren
+Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit
+dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die
+schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen.
+
+Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten
+mit einem Wettersturz gerechnet. Freilich, daß er sich so verheerend
+einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet.
+
+Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag
+war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen.
+
+Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur
+Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton
+die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu
+Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der
+Auferstehung des Herrn.
+
+Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins
+nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend
+die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen
+hatten.
+
+Eine Bachstelze hüpfte über den Weg. Zierlich und äußerst vorsichtig
+hüpfte sie von Zaun zu Zaun. Drehte das Köpfchen nach rechts und drehte
+es dann nach links, als schüttelte sie unwillig ihr Haupt über solche
+Art von Schnee und Frühlingslust.
+
+Ein paar Spatzen hatten sich inmitten der kleinen Talstraße
+niedergelassen und suchten in dem Schnee nach Körnern. Sie fanden auch
+Futter in den Spuren eines Pferdehaufens, der noch dampfte.
+
+Auf den Höhen der Berge jagte der Wind die grauen Wolken auseinander,
+trieb sie in rasendem Lauf vor sich her und öffnete der Sonne einen
+Spalt, so daß ihr warmer Strahl tröstend die vielen traurigen
+Frühlingskinder küssen konnte.
+
+Wie doch so ein Sonnenstrahl mit einem Male alle Unbill vergessen
+machte! Ein Aufatmen durchwehte die Natur. Bachstelzchen reckte, so
+hoch es konnte, sein zierliches Köpfchen der Sonne entgegen, neugierig
+und mißtrauisch zugleich, als wollte es nicht daran glauben, daß seine
+mächtige Freundin nun tatsächlich über Kälte und Schnee Siegerin
+bleiben werde. Es plusterte sein Gefieder und wetzte das Schnäbelchen
+an dem Holzzaun, auf dem es saß. Zu beiden Seiten schloß der Zaun die
+kleine Talstraße von den Feldern ab.
+
+Bachstelzchen sah neugierig und mit klugen Äuglein beobachtend umher
+und gewahrte, daß der Schnee, der auf dem Zaune lag, zu glitzern anfing
+und unter der milden Macht der Sonne sich langsam löste. Da ließ
+Bachstelzchen einen frohen jubelnden Triller ertönen und flog davon,
+hinauf zu den hohen Wipfeln der Obstbäume, und erzählte diesen, daß sie
+nun nicht mehr zu bangen brauchten um den bräutlichen Schmuck.
+
+Ein stämmiger, groß gewachsener Mann ging mit weit ausholenden
+Schritten die Straße entlang. Wuchtig, eilig und selbstbewußt. Er sah
+weder nach rechts noch nach links, als er das Dorf durchschritt, und
+nickte nur flüchtig dankend für den Gruß, den man ihm bot.
+
+Eine Gruppe von kleineren Kindern sah ihm nach. Etwas schüchtern und
+verwundert; denn er war ihnen fremd. Sah auch nicht aus, als ob er aus
+der hiesigen Gegend stammte; denn seine Kleidung war kein Bauerngewand.
+Und doch wieder schien es, nach der sicheren Art seines Ganges zu
+urteilen, daß er ein Kind der Berge war und auch hierher gehören mußte.
+
+Außerhalb des Dorfes zweigte ein Seitenweg von der kleinen Talstraße
+ab. Führte im schmalen Pfad zwischen Felsen hindurch und zu einem
+steilen Bergwald empor.
+
+Ein langsam feierliches Rauschen, an den vollen Ton einer Orgel
+gemahnend, durchbrauste den mächtigen Dom des Hochwalds. So feierlich
+und weihevoll war es, daß der stämmige Mann unwillkürlich lauschend und
+in fast andächtiger Haltung stehen blieb.
+
+Ein seliges Lächeln verschönte einen Augenblick lang das derbe Gesicht
+und verlieh ihm schier einen knabenhaften Ausdruck. Aufatmend nahm
+der Mann den dunklen Filzhut von dem Kopf, zog ein großes, farbiges
+Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich, vom raschen Gehen
+erhitzt, den Schweiß aus der Stirne.
+
+Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken
+Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die
+dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen
+Ausdruck.
+
+Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und
+der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch
+einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar
+hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt
+entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er
+wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte.
+
+Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache
+des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn
+gebannt hielt.
+
+Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und
+strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und
+zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume.
+
+Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und
+neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich
+die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war,
+den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten.
+
+Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male
+geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und
+ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging.
+
+Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur,
+überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein
+ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz
+kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten
+Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze
+des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende
+Laut der eisernen Spitze des Stockes bewirkte, daß ein paar Krähen in
+der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen.
+
+Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen
+Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich
+elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen
+Männerkehlen.
+
+Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental,
+eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus.
+
+Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da
+lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf.
+
+Die weißen Mauern der Häuser leuchteten auf, vom Sonnenglanz getroffen.
+Ein grüner Kirchturm wies, gleich einem spitzen Finger, gegen Himmel,
+und das kleine, goldene Kreuz des Turmes funkelte wie ein goldener
+Tautropfen.
+
+Der schmale Gebirgsbach durchschlängelte wie ein smaragdenes Band in
+anmutigen Windungen das Tal. Die samtbraunen Holzhäuser, die weich in
+Wiesen eingebettet, einzeln und in Gruppen bis hoch hinauf die Berge
+zierten, ließen ihre winzigen Fensterchen im Sonnenglanze gleich
+Diamanten auf dunklem Grunde schimmern.
+
+Ein ernster, düsterer Berg mit breitem Rücken schloß das Tal beinahe
+hermetisch von der Außenwelt ab. Zackige Bergspitzen bauten sich im
+Süden auf und lugten neugierig über die Höhe des kleinen Hochtales,
+das Veit Galler mit weit ausholenden Schritten jetzt durchwanderte.
+
+Ein regelrechtes Bergtal war es, mit schmalem Pfad und einem winzigen
+Bächlein. Einige Bauernhöfe, alt, verwittert und aus Holz gebaut, lagen
+verstreut umher. Abgesondert voneinander und nur durch einen schmalen
+Fußsteig miteinander verbunden.
+
+An einem dieser kleinen Holzhäuser mußte Veit Galler vorbeigehen. Das
+lag zu tiefst im Tal und hatte einige Meter ebenen Bodens vor sich.
+
+Ein paar Bretter querten das Bächlein, das im eiligen Lauf von dem
+jäh ansteigenden Berg herablief. Eine hohe Felswand, zerklüftet und
+zum Teil mit niederem Strauchwerk bewachsen, stand wie ein drohender
+Wächter über diesen Ansiedelungen der Menschen.
+
+Der Schnee zeichnete scharf und kantig die Risse des grauen Felsens,
+und wie ein weiches, duftiges Schleierband fiel das Bächlein
+silberfarbig über die hohe Felswand. Grub sich dann eiligst in die
+Bergmatten, floß, geschäftig murmelnd, in rasendem Lauf bis herab
+zu dem Holzhaus in der kleinen Ebene und trennte das Haus von dem
+gleichfalls aus Holz gebauten Stadel.
+
+Das Haus stand niedrig, wie erdrückt von der Größe seiner Umwelt. Es
+war mehr breit als hoch; denn gleich über dem Erdgeschoß ragte schon
+das mit Steinen beschwerte Schindeldach herein. Um das Haus, zu dem
+ein paar holprige Steinstufen hinanführten, lief ebenerdig eine kleine
+Holzaltane. Ohne Schmuck und Zier und nur von dem tief hereinhängenden
+Dach schützend gedeckt.
+
+Ein kleiner, blonder Bub, rotwangig und dickköpfig, saß auf der
+Schwelle des Hauseinganges. Das hübsche Gesicht war ungewaschen, das
+glatte Haar zerzaust und das Näschen feucht.
+
+Der Bub steckte, als er Veit Galler erblickte, vor Verwunderung über
+den fremden Mann gleich die ganze Faust in den Mund, glotzte ihn blöde
+an und wußte nicht recht, sollte er jetzt davonlaufen oder lieber laut
+zu schreien anfangen.
+
+Der Ausdruck des Erstaunens in dem kleinen pausbackigen Gesicht war so
+komisch, daß Veit Galler stehen blieb und das Bübl freundlich anredete.
+
+»Wie hoaßt nacher du?« frug er gutmütig und in der Mundart dieser
+Gegend.
+
+Der Knirps, der ungefähr sechs Jahre zählen mochte, erhob sich,
+spreizte die dicken, kurzen Beine, die in derben langen Hosenröhren
+staken, auseinander, wischte sich mit dem Ärmel seiner grauen
+Lodenjoppe den Rotz von der Nase und schwieg.
+
+»Kannst nit reden, Bua? Wie du hoaßt, möcht' i wissen!« Veit Galler
+schob den Filzhut aus der Stirn und stützte sich mit beiden Händen auf
+seinen kräftigen Stock.
+
+Freundlich lachend sah er auf den Kleinen herab, wobei sich die dicken
+Lippen auseinander schoben und ein gesundes, raubtierartiges Gebiß
+sehen ließen.
+
+Die laute Stimme des Mannes lockte noch mehr Kinder aus dem Innern
+des Hauses. Gleich zu viert kamen sie angerannt. Zwei Buben und zwei
+Mädeln, bloßfüßig und nicht sehr sauber in ihrer Kleidung.
+
+Veit Galler fletschte sein Raubtiergebiß und meinte anerkennend: »No
+mehr Kinder? Wieviel seid's nachher?«
+
+»Elfe!« sagte das größte Kind, ein Mädel mit strohblonden, dünnen
+Zöpfen, zog die Schürze über das Gesicht und lief dann, erschrocken
+über die eigene Kühnheit, in den dunklen, niedern Hauseingang zurück.
+
+»Elfe! Und du bist der jüngste? Ha?« frug Veit Galler den kleinen
+stämmigen Buben, der zuerst dagewesen war.
+
+»Naa!« sagte sein älterer Bruder und rannte, über seine Heldentat
+lachend, hinter der Schwester her.
+
+»Tut's enk fürchten vor mir?« frug Veit Galler gutmütig und neigte
+sich tief zu den drei Kindern, die wie Schafe eng aneinander gedrückt
+dastanden und ihn mit neugieriger Scheu, jedoch sehr eingehend
+betrachteten.
+
+»Naa!« schrien sie alle drei zugleich, und flugs eilten sie, eines
+hinter dem anderen, in das Innere des Hauses zurück.
+
+Nun kam ein junges Mädel zum Vorschein. Blutjung war sie und
+bildhübsch. Klein und zierlich, mit auffallend blassem Gesicht, dunklem
+Haar und leuchtenden blauen Augen.
+
+Ein voller kirschroter Mund war wie zur Frage halb geöffnet. Zwei
+dunkle Zöpfe umrahmten den feinen Kopf, und nur mühsam hielt das
+schmale, schwarze Samtband die kleinen Löckchen zurück, die sich unter
+der Haarkrone eigenwillig loslösen wollten und auf die niedere Stirne
+des Mädels fielen.
+
+Das Mädel war ärmlich, aber sauber gekleidet, trotzdem sie gerade von
+der Arbeit weggelaufen sein mußte. Die dunkelfarbige Schürze war zum
+Teil naß. Die Ärmel ihrer dunklen Jacke waren zurückgesteckt, und die
+bloßen Arme glänzten rot und feucht und waren mit Seifenschaum bedeckt.
+
+»Teufel!« nickte Veit Galler. »Das lass' i mir g'fallen!« Dabei strich
+er sich mit der Hand über den Schnurrbart und reckte sich zu seiner
+ganzen stattlichen Größe empor.
+
+Eine tiefe Röte überzog das zarte Gesicht des Mädels unter den
+bewundernden Blicken des Fremden.
+
+»Sein das deine G'schwister?« Veit Galler deutete mit dem dicken Finger
+seiner plumpen Hand gegen das Hausinnere, und als das Mädel bejahend
+nickte, frug er weiter: »Wie hoaßt man's nacher bei enk da?«
+
+»Mei' Vater ist der Söllerbauer!« antwortete das Mädel jetzt mit
+heller, wohlklingender Stimme.
+
+»Söllerbauer?« wiederholte der Fremde nachdenklich. »Den müsset i döcht
+aa kennen.«
+
+»Seid's nit von da?« frug jetzt das Mädel und sah forschend zu dem
+Manne auf.
+
+»Wohl!« nickte der Fremde. »Eigentlich schon. Wirst mi aber
+nit kennen.« Sein breiter Mund zeigte noch mehr wie zuvor die
+Raubtierzähne. »Vom Bergl drent bin i dahoam.« Er wies mit dem Stock zu
+der Anhöhe, die den bewaldeten Abschluß des kleinen Hochtales bildete.
+»Wirst schon g'hört haben vom Kramer Veit, ha?« grinste er.
+
+»Der in Amerika ist?« forschte das Mädel neugierig.
+
+»Dersell'!« nickte der Fremde bestätigend. »Der bin i!« fügte er
+selbstbewußt hinzu.
+
+Fast ängstlich drückte sich das Mädel an die braune Holzwand ihres
+Vaterhauses.
+
+»Brauchst di nit z'fürchten, Madel ...« begütigte der Kramer. »I friß
+di nit!« lachte er dann mit seinem breiten, gutmütigen Grinsen.
+
+»I fürcht' mi nit!« erwiderte das Mädel resolut. »I fürcht' mi
+überhaupt nit!« wiederholte sie, und ein leichtes Zittern spielte dabei
+um die Winkel des kleinen vollen Mundes.
+
+»Na, na!« machte der Kramer Veit zweifelnd. »Wird nit a so weit her
+sein mit der Kuraschi.«
+
+»Wollt's nit einer giahn rasten?« lud ihn jetzt das Mädel ein. »Habt's
+no a Stuck Weg bis hoam.«
+
+Noch ehe Veit Galler der Aufforderung folgen konnte, bogen zwei
+Burschen um die Ecke des Stadels.
+
+»Ah, Regerl!« grüßte der größere von den beiden. »Magst mitgiahn aufi
+aufs Alpl?«
+
+Das Gesicht des Mädels verfinsterte sich, als sie mit flüchtigem Blick
+die Ankömmlinge streifte und sich dann wie geärgert abwandte.
+
+»Naa!« sagte sie kurz, und ohne auf die Burschen weiter zu achten, lud
+sie den Kramer Veit nochmals ein, ins Haus zu kommen. »Kömmt's einer
+in die Stuben, Kramer. A Glasl Schnaps ...«
+
+»Du, Regerl, an Schnaps mögen mir aa. Gelt, Florl?« sagte der größere
+und kräftigere der beiden jungen Männer lustig.
+
+Sie mochten beide im gleichen Alter sein. Beide wohl kaum über zwanzig
+Jahre, hübsch und schlank gewachsen. Nur war der Florl um beinahe einen
+Kopf kleiner als sein Kamerad, aber biegsam wie ein junger Tannenbaum
+und geschmeidig wie eine Gemse. Das Gesicht war zart und so fein wie
+das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein brauner, krauser Bart rahmte es
+ein, und kleine, helle Augen sahen scharf und listig und unternehmend
+zugleich in die Welt.
+
+Die Burschen waren beide im Feiertagsgewand. Der hellgraue kurze
+Lodenrock mit den schwarzen abgesteppten Sammetstulpen an den Ärmeln
+brachte den jugendlich kräftigen Wuchs aufs vorteilhafteste zur
+Geltung. Die dunklen Filzhüte waren mit Rosmarinzweiglein geziert und
+saßen keck und schief, tief ins Gesicht gedrückt.
+
+»Hast koa Nagele für'n Huat, Regele?« fragte der Florl und versuchte
+dem Mädel in das abgewendete Gesicht zu schauen.
+
+»Naa!« sagte das Mädel, ohne ihn anzublicken. »Wenn jetzt no nix blühen
+tut. Weißt wohl.«
+
+Ihr Ton war nun weniger barsch, jedoch ausweichend und leicht verlegen.
+
+»Habt's ös zwoa so schön g'sungen da drunten?« erkundigte sich Veit
+Galler und deutete mit dem Kopf in die Richtung des Haupttales, wo
+in weiter Ferne das große, behäbige Dorf lag, mit den weißglänzenden
+Häusern und der blaßgrünen Kirchturmspitze.
+
+»Habt's uns wohl g'hört?« frug der Florl mit seiner hohen Tenorstimme
+übermütig zurück und rückte sich den Hut weit aus der Stirn.
+
+»'s war ja laut g'nug, daß i enk hab' hören können!« lachte der Kramer.
+»Und du ...« wandte er sich an den größeren der beiden Burschen, »du
+hast ja a sakrisch gute Stimm'! Könntest dir a schian's Geld verdienen
+mit dera Stimm' ... wann d' möchtest.«
+
+»Mei!« machte der Florl geringschätzig. »Er singt ja nur die zweite
+Stimm'. I sing' die erste!« erklärte er wichtig und mit Stolz.
+
+»Was ist's nacher mit dem Schnaps, Regerl?« gab sein Kamerad dem
+Gespräch eine andere Wendung. »So a Stamperl können wir leicht
+vertragen, bevor wir aufs Alpl aufi giahn, ha, Florl?« Scherzhaft
+drängte er das Mädel vor sich her in das Haus hinein und zwängte es
+übermütig an die braune, rohgezimmerte Holzwand des Eingangs.
+
+»Wann i iatz koan Schnaps kriag, Madel, kriag i a Bussel!«
+
+Wie ein junger Bär stand er vor ihr, groß und kräftig und voll von
+tollpatschigem Übermut.
+
+Die Arme hielt er ausgebreitet vor dem kleinen Mädel, das sich tapfer
+gegen seine Zärtlichkeiten wehrte. Mit beiden Fäusten schlug sie
+unbarmherzig auf ihn ein und stieß mit den Füßen um sich, ohne zu
+achten, wohin sie ihn traf.
+
+»Aus laßt mi!« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Lackel, damischer!«
+
+Der Bursch lachte ihr gutmütig ins Gesicht und beugte sich zu ihr
+herab. Ihre Püffe und Schläge machten offenbar nicht den geringsten
+Eindruck auf ihn.
+
+»Da schaug oaner an, was dös für a wilder Teufel sein kann!« neckte er
+sie. »Magst aufpassen, Florl! Die hat Haar' auf die Zähnd!«
+
+»Laß mi in Fried', du!« Das Regerl wehrte sich noch immer gegen den
+starken Griff des Burschen, der sie wie mit Eisenschrauben fest
+umklammert hielt.
+
+»An Schnaps oder a Bussel?« fragte der Bursch und machte Miene, sich
+das letztere gewaltsam zu nehmen.
+
+Unvermutet stieß ihm der Florl kräftig seinen Fuß in den Rücken.
+
+»Au ... du!« machte der andere, ließ von dem Mädel ab und ballte die
+Fäuste gegen den Florl.
+
+»Laß 's Madel in Fried', Wastl!« sagte der Florl drohend und mit
+finsterem Gesicht.
+
+»Wöllt's raffen?« lachte der Kramer Veit breit und dröhnend.
+
+»Naa!« machte der Wastl gutmütig. Er hatte jetzt gar keine Absicht
+mehr böse zu werden, sondern begriff, daß er in seinem Übermut zu weit
+gegangen war.
+
+»Sein wir wieder gut, Regerl?« Freundlich und beinahe bittend hielt er
+dem Mädel seine große, breite Arbeitshand entgegen.
+
+»I sag's der Vef!« schmollte das Regerl schon halb versöhnt und
+rieb sich mit der flachen Hand die Oberarme, die der Wastl so fest
+umklammert hatte. »Völlig blaue Fleck' hat er mir druckt ... der Ruach
+... der ungute!« schimpfte sie geärgert.
+
+»Bist schon du ungut!« lachte der Wastl und zeigte zwei Reihen gesunder
+Zähne, die blendend weiß in dem dunklen, bartlosen Gesicht leuchteten.
+
+»Hast du jetzt alleweil an Grant ...« wollte er ihr Vorwürfe machen,
+aber der Florl zog ihn am Rockärmel gewaltsam mit sich fort, hinein in
+die Stube, wo der Kramer Veit bereits im Herrgottswinkel breitspurig
+Platz genommen hatte.
+
+»Fein habt's es!« lobte der Kramer, streckte die Füße weit von sich
+und lehnte sich so behaglich an das braune Holzgetäfel, als wäre es
+eine weichgepolsterte Sofalehne. »Tut das gut!« machte er aufatmend. »I
+sag's ja! Schian ist's auf der Welt! Aber am allerschönsten ist's döcht
+bei uns in Tirol herin.«
+
+Die beiden jungen Burschen setzten sich zu ihm, jeder an eine andere
+Tischecke, und sahen mit leichter Verlegenheit auf ihn. Sie wußten
+nicht recht, was sie mit dem Fremden reden sollten.
+
+Der gelbe, unförmliche Kachelofen, der gleich neben der Tür in der Ecke
+stand und einen großen Teil des freien Raumes einnahm, sprühte eine
+wahre Gluthitze.
+
+Den beiden Burschen wurde es schwül in ihren lichtgrauen Lodenröcken,
+und sie zogen dieselben aus und warfen sie in kühnem Schwung seitwärts
+über die Achsel, so daß nur die eine Hälfte der Schulter davon bedeckt
+wurde, während man auf der andern Seite der Achsel das blühweiße
+Leinenhemd mit den langen Ärmeln sehen konnte.
+
+Die Stube war ein mäßig großer, niederer und düsterer Raum. Vier
+winzige Fenster, an zwei Seiten des Eckzimmers verteilt, ließen
+nur wenig von dem hellen Tageslicht eindringen. Die Fenster waren
+vergittert und ohne Vorhang, und die Scheiben waren trübe und
+ungeputzt.
+
+Ein viereckiger, rohgezimmerter Tisch stand in der Stubenecke. Kleine
+Heiligenbilder in grellbunten Farben zierten die Ecke nebst dem großen,
+unschönen Kruzifix. Eine Holztaube, das Sinnbild des heiligen Geistes,
+die einmal weiß gewesen sein mochte, jetzt aber schmutziggrau aussah,
+hing von der rauchgeschwärzten Stubendecke herab und baumelte an einem
+dünnen Faden über dem Tisch.
+
+Eine Holzbank lief längs der Wände entlang und endigte dann als
+Ofenbank. Es gab weder Stuhl noch Hocker in der Stube. Nur zwei Bänke
+ohne Rückenlehne standen an dem Tisch, und auf ihnen hatten sich die
+beiden Burschen niedergelassen.
+
+In einem Holzgehäuse, zur rechten Seite der Türe, war eine alte Wanduhr
+eingebaut. Das Gehäuse war wurmstichig, und die bunt gemalten Blumen
+waren arg verblaßt.
+
+An der Spitze dieser Uhr aber standen in weißen Farben zwei Namen
+geschrieben. Es waren offenbar die Namen der Eltern des jetzigen
+Besitzers; denn die Ziffern, welche die beiden Namen trennten, wiesen
+eine Jahreszahl auf, die beinahe fünfzig Jahre zurücklag.
+
+In der Stube roch es unangenehm nach saurer Milch und ausgelassenem
+Butterschmalz, ein Geruch, der augenscheinlich von der daneben
+gelegenen Küche hereindrang. Ein kleines Schubfenster, das offen stand,
+gewährte den Ausblick in die rußige, beinahe ganz dunkle Küche mit dem
+offenen Herd, auf dem ein Feuerchen lustig flackerte.
+
+Eine Frau in mittleren Jahren streckte neugierig ihren Kopf durch das
+Schubfenster.
+
+»Grüß Gott, Bäurin!« grüßte sie der Florl, der gerade mit dem Gesicht
+ihr zugewendet dasaß und so der erste war, der sie gewahr wurde.
+
+»Grüß Gott aa!« kam es etwas mürrisch und verdrossen zurück. »Geht's
+Feuer machen aufi?« erkundigte sie sich dann mit lässiger Neugierde.
+
+»Ja. Aufs Alpl aufi!« bestätigte der Florl.
+
+Die Kinder hatten sich in die Stube hineingedrängt. Ein halbes Dutzend
+an der Zahl und wie die Orgelpfeifen in allen Größen. Sie waren alle
+mangelhaft gekleidet, bloßfüßig und sahen schmutzig und ungewaschen aus.
+
+Ein paar der größeren Buben kletterten auf die Ofenbank und liefen
+barfüßig, wie sie waren, die Bank entlang, flüsternd und kichernd und
+einer über den andern stolpernd.
+
+Die kleineren Kinder drückten sich langsam in die Nähe des Tisches und
+starrten mit offenem Munde auf den Fremden, über dessen Anblick sie
+sich ersichtlich noch immer nicht beruhigen konnten.
+
+Die Mutter schimpfte mit schriller Stimme aus dem Küchenfenster.
+
+»Werd's aber giahn von der Bank oder nit! Wart' ... i kimm enk!«
+
+Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem
+Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von
+der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten
+und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den
+andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und
+Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen
+Höllenspektakel verursachten.
+
+Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche
+in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus
+einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches
+angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes.
+
+»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas
+vor ihn hin.
+
+»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken
+entgegen.
+
+Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch.
+
+»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr
+an.
+
+Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die
+Stube. Die Neugierde hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den
+fremden Besucher doch etwas genauer betrachten.
+
+Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes
+Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war
+nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und
+sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus.
+
+Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem
+noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin
+war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl,
+und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um
+den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu
+verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte
+die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ
+und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende
+Beschäftigung für ihre Hände.
+
+Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen
+und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen.
+Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm
+verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu
+schreien an.
+
+»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr
+einladend sein Schnapsglas hin.
+
+»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie
+getrunken und sich mit der flachen Hand den Mund abgewischt hatte.
+Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone
+fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie
+erklärend hinzu.
+
+»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer.
+
+»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a
+so hoakel. Weißt wohl ...«
+
+»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein.
+
+Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen.
+
+»Geht's di was an?« frug sie scharf.
+
+Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit
+ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm
+und achtete nicht weiter auf die Gäste.
+
+»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer.
+
+»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen
+mit'm Franzl.«
+
+»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl
+gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die
+am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran.
+
+»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert.
+
+»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.«
+
+»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch.
+
+»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz.
+
+Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz
+sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.«
+
+Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A
+Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu
+der Bäurin.
+
+»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine
+direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte.
+
+»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin
+i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu.
+
+»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem
+hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann.
+»Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.«
+
+»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut
+und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon
+g'wöhnt von mir.«
+
+Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie
+gesessen hatte.
+
+»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte
+sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen.
+
+»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit.
+
+»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat
+damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern
+g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg.
+Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir
+recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz
+g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt
+wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil
+g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.«
+
+Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch
+ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der
+Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher
+wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen
+verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh
+erschien.
+
+»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in
+das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe
+getreten, die sich nun verabschiedete.
+
+Veit Galler schüttelte den Kopf.
+
+»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen
+Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa
+koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt,
+da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er.
+
+»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der
+Florl interessiert.
+
+»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man
+zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.«
+
+»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon
+viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den
+Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte.
+
+»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no
+epper dermachen, ha?«
+
+Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das
+Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und
+rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein.
+
+Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell
+er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig
+vom Hause weg emporführte.
+
+Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der
+Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von
+vorhin.
+
+»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt.
+Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie.
+
+»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.«
+
+Der Wastl sträubte sich ein wenig.
+
+»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend und stieß den Florl, der
+ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu.
+
+Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt
+dem Regerl einen Gefallen zu erweisen.
+
+»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist
+schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.«
+
+Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in
+die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne.
+
+Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank
+vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu
+den beiden Burschen herabgestiegen war.
+
+»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar.
+
+»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit
+dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen
+blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen
+lullte.
+
+»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's
+an.«
+
+»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend.
+
+»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert.
+
+Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie
+gleichgültig.
+
+»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause.
+
+Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich
+rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben
+wollten.
+
+Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten
+ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit
+zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das
+tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von
+jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat.
+
+Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen
+Baches zog, gab das Echo zurück.
+
+Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes
+Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht
+zu rühren.
+
+Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön.
+So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.«
+
+»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd.
+
+»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden
+Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe
+hinauf.
+
+Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels.
+
+»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig.
+
+Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein kurzer, flüchtiger
+Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh.
+
+»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte
+sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause
+zu.
+
+Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er
+sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?«
+flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ...
+du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an,
+Dirndl! Daß d' es woaßt.«
+
+Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah
+sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle
+Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht.
+
+Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand.
+
+»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er
+gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen
+tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte.
+
+»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit
+lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit
+amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem
+kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und
+vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a
+Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend.
+
+Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt
+der Anhöhe des kleinen Bergtales zu.
+
+Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm
+nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des
+Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück.
+
+Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen.
+Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah
+unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg
+hinangestürmt waren.
+
+Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge.
+Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und
+seine weißen Häuser sahen grau und düster aus.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+
+Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen
+Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah.
+
+Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten
+lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl
+kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die
+Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte.
+
+Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen,
+lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines
+Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte.
+
+Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war,
+aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach.
+
+Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger
+Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen
+die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der
+Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in
+die Höhe.
+
+Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die
+drei wildbrausenden Berggesellen ein, ihr Schicksal von nun ab seiner
+besseren, milderen Leitung anzuvertrauen.
+
+Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu
+dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot,
+stehen.
+
+Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in
+der Abenddämmerung auf.
+
+Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten
+Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf.
+Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur
+die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich
+hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.
+
+Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine
+wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich
+da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen
+Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis
+bedeckten Ferner ragten.
+
+Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie
+winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.
+
+In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht
+den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen
+gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male
+wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die
+drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern
+und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und
+blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.
+
+Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime
+war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.
+
+Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es
+war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen
+wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.
+
+Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den
+schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer
+den Kopf auf die Arme stützte.
+
+In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim
+so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben
+übermächtig in ihm auf.
+
+Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen
+aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach
+Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen
+aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von
+denen er erzählen gehört hatte.
+
+Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine
+Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern
+oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute
+von damals seßhafter waren wie heutzutage, und daß einer, dem's in der
+Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.
+
+Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und
+aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf
+mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm
+einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten,
+fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre.
+
+Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die
+Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast.
+Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins
+Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien
+unten gewesen.
+
+Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der
+Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben
+zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden.
+
+Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch
+der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen.
+
+Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die
+sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte
+mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst
+aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus
+dem dann Handschuhe erzeugt wurden.
+
+Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam auch weit im Land
+herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit
+gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer
+alten Base übernehmen konnte.
+
+Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im
+Dörfl ein.
+
+Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier
+oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben
+nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten
+miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen
+Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen
+Kinderstimmen wieder.
+
+Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter
+einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte.
+
+Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein
+besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte,
+baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im
+Stall.
+
+Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum
+Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens
+aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter
+gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.
+
+Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief
+sie, flink wie ein Reh, dem Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei
+ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile
+zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.
+
+Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte
+das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die
+zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe
+hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler
+hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb
+lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.
+
+Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und
+obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so
+oft er nur konnte.
+
+Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate
+dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch
+niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten
+einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.
+
+So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe
+geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in
+der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.
+
+Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu
+ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.
+
+Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg geworden. Groß und
+üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden,
+und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen
+wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die
+waren hell und schauten ernst und lachten selten.
+
+Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag
+für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.
+
+Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der
+Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht
+gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf
+einem Berghof werden können.
+
+Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst,
+und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz
+sei.
+
+Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen
+Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und
+ging auf Stöhren.
+
+Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung
+eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig,
+als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen
+einrichtete und seine Notburg heiratete.
+
+In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares.
+
+Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum,
+das er übernommen hatte. Da gab es viel, was er daran auszubessern und
+zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der
+Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen.
+
+Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an
+und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit
+aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine
+Kunst.
+
+Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle
+im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein
+gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der
+Kramer Veit das tat.
+
+Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen
+schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses
+zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das
+hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße.
+
+Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken,
+die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das
+braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender
+Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten
+und schmückten das Heim des jungen Paares.
+
+Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes
+Häusl fand wie das vom Kramer Veit.
+
+Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht und Geschick
+eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager.
+
+Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und
+Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen
+Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker,
+und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende
+Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf.
+
+Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke
+herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten
+über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der
+durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen
+Kramladens.
+
+Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der
+Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen
+gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab
+es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur
+wenig anzufangen wußten.
+
+Wenn sie Sonntags nach der Frühmesse zum Einkauf im Ladele waren, dann
+belehrte der Kramer Veit eine jede einzelne der Kundinnen über die
+Vorzüge der Gewürze und über deren Anwendung, und die Frauen kauften
+die Ware und waren stolz auf den Besitz; aber sie benutzten sie nie.
+
+Auch Gebetbücher waren vorhanden, und farbige Heiligenbildchen, lose
+und in kleinen Rahmen, hingen in der Nähe der Türe. Blechlöffel,
+Schüsseln aus Blech und Schüsseln aus Holz, Krüge und Töpfe und
+buntfarbige Schalen standen aufgestapelt am Fußboden umher.
+
+Weiße Zuckerröhrchen und grellrote Zuckerpfeifchen, auf denen man einen
+richtigen schrillen Pfiff loslassen konnte, waren für die Kinderwelt
+bestimmt. Herrliche Lebkuchen und bunte Zuckerln und ganz hervorragend
+gute Biskotenherzen bildeten das Entzücken der bäuerlichen Jugend.
+
+Auf rein gar nichts hatte der Kramer Veit vergessen, und mit allen
+Bedürfnissen der Zeit hatte er sein kleines Lager versehen.
+
+Von Zeit zu Zeit nahm der Veit seine Kraxe, belud sie schwer mit
+Käselaiben und trug sie hinaus ins Inntal und bis hinauf nach
+Innsbruck. Dort veräußerte er den Käs und füllte die Kraxe mit neuer
+Ware für seinen Kramladen.
+
+Die Notburg hantierte im Haus herum, pflegte die Blumen am neuen
+Söller, pflegte das kleine Gartl am Haus, versorgte den Laden und nähte
+in ihren freien Stunden Wäsche und Schürzen und Unterröcke zum fertigen
+Verkauf.
+
+Es war alles Glück und stiller Frieden in dem kleinen Häusl am
+Kirchplatz. Der Veit und die Notburg hausten gut miteinander, und sie
+schienen nur eines für das andere zu leben. Und trotzdem konnte die
+Notburg innerlich nie so ganz froh werden. Eine geheime Sorge nagte an
+ihr und trübte ihren Blick. Das war die Angst um ihren Mann, die sie
+oft plötzlich überfiel und sie ruhelos und schlaflos machte.
+
+Die Notburg fühlte es, noch ehe der Veit es selber so recht wußte, daß
+ihn die Heimat anfing zu drücken und zu beengen. Und sie wußte: über
+kurz oder lang würde es den Mann hier nicht mehr leiden, und er würde
+fortziehen von ihr in eine Welt, die ihrem Sinne fremd war.
+
+In ihrer bangenden Sorge fühlte sie deutlicher, wie er selber das tat,
+das erste Wiedererwachen seiner Unrast.
+
+Oft saß das junge Weib in einer der vielen schlaflosen Nächte aufrecht
+in ihrem Bett und beobachtete bei dem fahlen Schein des Mondlichtes,
+das in die enge Kammer fiel, mit ängstlicher Spannung jeden Zug in dem
+Gesicht ihres Mannes, der an ihrer Seite schlummerte. Und angstvoll
+sah sie die Unruhe in seinem Gesicht, hörte sie das schwere Atmen der
+starken Brust und das rastlose Herumwälzen im Bette.
+
+Sie sah, wie sich die kräftigen Hände zu Fäusten ballten und wie die
+Glieder sich wie im Krampfe dehnten und reckten.
+
+Und bei Tage sah ihr scharf beobachtender Blick, wie das Gesicht des
+Mannes allmählich den Ausdruck sonnigen Glückes einbüßte, wie es von
+Tag zu Tag finsterer und mürrischer wurde, und wie der Veit übellaunig
+und wortkarg zu werden begann.
+
+Und die Notburg wußte es mit Bestimmtheit: dies waren die Anzeichen
+seiner neu erwachenden Unstetheit, und in heißer Angst betete sie zur
+Schmerzensmutter am Seitenaltar der kleinen Dorfkirche mit aller
+Inbrunst, deren sie fähig war ...
+
+»Laß mir den Veit, Gottesmutter! Laß ihn nit fortziehen von mir! Laß
+mich ein Kind haben, Muttergottes, dann bleibt er lieber bei mir!«
+
+Denn das war der Schatten in der Ehe des jungen Paares. Jahr um Jahr
+war vergangen, aber der Kindersegen war ihnen versagt geblieben.
+
+Die Notburg hätte sich mit der Kinderlosigkeit weit eher abgefunden.
+Ihr war der Veit alles; aber sie wußte, daß ihr Mann die Kinder liebte.
+Und hätten sie nur ein Kind ihr eigen nennen dürfen, wer weiß, ob nicht
+doch alles anders für sie gekommen wäre.
+
+So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt
+hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr
+die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut.
+
+»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst
+lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm
+mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I
+kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr
+eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu
+eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang
+hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort.
+»Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen.
+Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I ~muß~ fort.«
+
+Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem
+Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst
+hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien.
+
+Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf
+ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte
+Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht.
+
+»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte
+Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder
+zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum
+Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da
+bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch
+außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und
+koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's
+Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i ~muß~ arbeiten. I
+muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich,
+Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a
+gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's
+nit hart!« -- -- --
+
+Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine
+Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht
+über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste
+Abschiedsstunde. Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr
+seither.
+
+Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort
+verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte
+sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht.
+
+Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag
+die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch
+verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes.
+
+In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem
+Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie
+preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu
+dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte
+ahnen, wie es innerlich um sie stand.
+
+Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener
+Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und
+ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie
+dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so
+stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde
+stecken blieben.
+
+Der Veit hielt Wort. Als sich die ersten Anzeichen des erwachenden
+Frühlings zeigten, kam er zurück, frisch und fröhlich wie in den ersten
+Jahren ihrer Ehe und laut polternd vor Freude über das Wiedersehen mit
+der Notburg.
+
+Aber die Frau war eine andere geworden. Ruhig und schier gleichgültig
+empfing sie ihn und zeigte keine Freude. Sie hatte auch keine Freude
+über das Geld, das er ihr brachte und mit strahlendem Gesicht ihr
+vorzählte. Was war ihr das Geld, nachdem sie ihr Glück dafür hatte
+hergeben müssen?
+
+Es war etwas geborsten in der Seele des Weibes. Was weich und hingebend
+in ihr gewesen war, das war in den Stunden einsamer Sehnsucht
+allmählich erstorben. Und die innere Kälte der Frau war so groß, daß es
+den Veit zu frieren anfing in ihrer Gegenwart.
+
+Als der Veit das zweite Mal auf die Wanderschaft ging, fiel ihm der
+Abschied leicht. Er war froh, daß er das stille, kalte Gesicht seiner
+Frau nicht mehr zu schauen brauchte, das eine fortwährende Anklage für
+ihn war.
+
+Und der Veit blieb länger und immer länger von der Heimat fern. Bis er
+dann gar nach Amerika gegangen war und im Dörfl als verschollen galt.
+
+Doch immer, wenn der Mann im fremden Lande weilte, verblaßte das Bild
+seiner Frau mit dem kalten, reglosen Gesicht, und die Notburg seiner
+Jugend erstand ihm aufs neue. Ihr liebes, sanftes Gesichtchen und ihr
+hingebendes Wesen war ihm stets gegenwärtig, und der starke Mann, der
+im rücksichtslosesten Kampf ums Dasein stand, bangte sich nach ihr und
+sehnte sich nach einem guten Wort aus ihrem Munde.
+
+Durch die räumliche Trennung war ihm sein Weib innerlich viel näher
+gekommen; er vergaß ihre harte Art und entschuldigte sie.
+
+Er begriff die Schwere ihres Schicksals und nahm sich vor, wieder den
+Weg zu ihr zurückzufinden. Bis er dann wieder bei ihr war. Da jagte ihn
+ihre abweisende Kälte förmlich von der Heimat fort.
+
+Kein gutes, verzeihendes Wort, kein warmer Blick ... Die Notburg war
+grausam geworden zu dem Manne, der stets aufs neue wieder bei ihr seine
+Heimat suchte ...
+
+Ein dumpfes, schweres Stöhnen rang sich aus der Brust des einsamen
+Mannes.
+
+Grausam! Hatte er ein Recht, sein Weib grausam zu schelten? Hatte er
+nicht auf die grausamste Art das Lebensglück der Frau vernichtet?
+
+Veit Galler fühlte die Schwere seiner Schuld, und doch ... er bereute
+nichts.
+
+Dem innersten Trieb seiner Natur war er gefolgt. Der Mann mit dem
+festen, unbeugsamen Willen gehörte in die Welt hinaus. Dort hatte er
+seine Kraft stählen können und hatte es zu etwas gebracht.
+
+Es war ihm nicht immer leicht geworden in der großen Welt da draußen,
+dem Veit Galler. Das Leben hatte ihn gar oftmals hart angefaßt; aber
+mit zäher Energie und einem eisernen Willen war er stets Sieger im
+Kampf geblieben.
+
+Und war ein reicher Mann geworden ...
+
+Wohl kaum einer im ganzen Tale konnte solchen Reichtum aufweisen. Und
+das Bewußtsein des erworbenen Besitzes machte den Veit stolz und
+selbstbewußt und half ihm immer wieder über die trüben Stunden hinweg,
+die auch ihn nicht verschonten.
+
+Der Veit wußte es wohl. All sein Reichtum machte auf die Notburg nur
+geringen Eindruck. Mit kalten, gleichgültigen Augen wird sie auch heute
+wieder auf das Gold schauen, das er ihr mitgebracht hatte und das er
+jetzt spielend in den weiten Taschen seines Rockes klirren ließ.
+
+Der Mond stand nun in seiner kaltsilbrigen Pracht am Firmament, und
+viele Tausende von Sternen glitzerten und funkelten am Himmel. Die
+Bergfeuer der Karsamstagsnacht flammten zu Hunderten im Tal und an den
+Bergen, die mit Lichtern besät bis hoch an den Rand der Almweiden waren.
+
+Veit Galler, der Krämer, genoß die stille Feier, und es kam ihm beinahe
+vor, als hätte sich die Heimat heute für ihn geschmückt.
+
+Wie im leichten Silbernebel lagen die drei Hochtäler im Mondenschein.
+Die schneeigen Bergkonturen erstanden traumhaft schön wie in einem
+Feenland.
+
+Veit Galler, der Krämer, erhob sich von seinem unwirtlichen Sitz,
+dehnte und reckte die schweren Glieder und faltete einen Augenblick die
+Hände wie zum Gebet.
+
+Dann schüttelte er das Trübe dieser Stunde von sich und ging mit
+festen, sicheren Schritten bergabwärts, seinem Heimatsdörfl zu.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+
+Hoch droben am Berg, an der Seite, wo Veit Galler gesessen war, ohne
+zu dessen Höhe hinaufsehen zu können, leuchteten ganz besonders große
+Feuer ins Tal hinab.
+
+Fünf Holzstöße brannten da droben in regelrechten Abständen. Fast an
+der Spitze des Berges aber loderte in hellen, lustigen Flammen ein
+einzelner, mächtiger Holzstoß. Das war das Feuerl, von dem der Florl
+seinem Mädel gesprochen hatte.
+
+Der Florl hatte schon seit etlichen Wochen Pech gesammelt und es in
+einer der fünf Almhütten, vor denen heute die fünf Höhenfeuer brannten,
+aufbewahrt.
+
+Das Pech hatte er sich heute geholt und es mit auf die Höhe genommen,
+um es in den mächtigen Scheiterhaufen zu werfen. Denn das Pech machte
+den Schein des Feuers ganz besonders hell und die Flammen auflodernd.
+Das allerschönste und allergrößte und noch dazu das allerhöchste, das
+war das Feuerl von dem Florl.
+
+Das Regele hatte einen weiten Weg tun müssen, um ihr Feuerl auch
+richtig sehen zu können.
+
+Sie hatte, nachdem der Veit Galler fortgegangen war, rasch ein
+dunkles Tuch übergeworfen und war mit flüchtigen Schritten von daheim
+fortgelaufen.
+
+Ganz in unmittelbare Nähe, wo der Krämer saß, war das Mädel in
+atemlosem Lauf gekommen, ohne daß der Mann sie bemerkt hätte. Sie hatte
+ihn wohl erkannt, huschte aber rasch und lautlos und auf Umwegen an ihm
+vorbei, hinunter dem Bergtal zu, wo ein hölzerner, schmaler Steg in
+schwindelnder Höhe den brausenden Bach überspannte und zu der andern
+Seite des Berges führte.
+
+Bei jedem Schritt, den man da tat, zitterte und krachte das
+morsche Holz. Die Brücke schwankte und bog sich, als wollte sie
+zusammenbrechen. Man mußte schon ganz schwindelfrei sein, um den engen
+Steg, der kaum Raum für eine Person bot, zu überqueren.
+
+Bogenförmig überspannte die Brücke den Bergbach. Ein kleines, niedriges
+Geländer zu beiden Seiten sollte Schutz gewähren gegen einen Fall in
+die Tiefe. Wohl an die fünfzig Meter ging es hier in den Abgrund, und
+brausend tobte der Wildbach in der engen Bergschlucht.
+
+Dieser Steg war der Teufelssteg, und ältere Leute mieden ihn in
+abergläubischer Furcht. Nur jene benutzten ihn, welche die Bergmahd
+jenseits des Baches zu mähen hatten, oder jene, welche den Weg kürzen
+wollten, der zum Nachbarhochtal führte. Die meisten Leute aber gingen
+den allgemein üblichen Talweg, wenn er auch zumindest um eine Stunde
+länger war.
+
+»Weil's soviel schiach ist über'n Teufelssteg ...« sagten sie. »Und man
+kann's doch nit wissen, ob nit amal a Unglück g'schiecht.«
+
+Vor etlichen Jahren war hier auch ein Unglück geschehen, und seither
+mied man den Steg noch mehr wie zuvor.
+
+Das war, als die Philomena Abfalter hier ihrem Leben ein Ende gemacht
+hatte.
+
+Die Mena ... An die Mena mußte das Regele jetzt lebhaft denken, wie sie
+inmitten des leicht schaukelnden Steges stand und in das tobende Wasser
+tief drunten schaute.
+
+Ob es bei der Mena wohl auch so gegangen war wie bei ihr?
+
+Das Regele erinnerte sich noch deutlich an die Mena. Ein dickes,
+dralles, junges Ding, mit hochroten Backen und lustigen, dunklen Augen.
+Und hatte ein Kind gehabt, die Mena.
+
+Das Regele erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. An
+einem Sonntagmorgen war es gewesen vor der Frühmesse. Da hatte die
+Mena vor der Kirchentüre knien müssen, einen Strohkranz auf dem Kopf,
+und hatte nicht hinein dürfen in das Gotteshaus, bis der Priester kam
+und sie aussegnete. Dann erst war die Schuld von ihr genommen und sie
+würdig befunden worden, den heiligen Raum zu betreten.
+
+Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet
+und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht
+geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute,
+die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel
+vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen.
+
+Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen
+die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere
+Leute sie mit barschen Worten gehen hießen.
+
+Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht
+anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das
+schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten
+schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden.
+
+Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte,
+nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte.
+Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben
+und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern.
+
+Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen
+Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht
+heiraten konnte.
+
+Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War
+davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der
+Berghöfe als Knecht verdingt.
+
+Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer
+mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre
+Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein
+den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der
+Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern
+nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid
+bis zu ihrer schweren Stunde.
+
+Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte
+ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und
+nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die
+öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz.
+
+Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und
+der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein
+inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's
+nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie
+kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft
+schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken.
+
+Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können.
+Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu
+herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und
+nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit
+gehen hieß.
+
+Da war das Mädel davongelaufen, und kein Mensch hatte sie mehr zu sehen
+gekriegt.
+
+Einige Tage nachher, als man auf die Suche ging, fand man den leblosen
+Körper des Mädels zerschellt im Bache auf. Von der Teufelsbrücke war
+sie herabgesprungen, und ohne Priester und ohne Gebet war sie in
+ungeweihter Erde begraben worden.
+
+Zwei alte und einschichtige Bauersleute, ledige und ehrsame Jungfrauen,
+hatten sich um Gotteslohn ihres Kindes angenommen. Das Moidele hieß
+es und war ein scheues kleines Mädel mit einem dummen, ausdruckslosen
+Gesichtchen.
+
+Hatte nicht viel Pflege, das Moidele, aber genug zu essen. Denn alte
+Jungfern, das weiß man wohl, können mit so kleinem Zeug nicht gut
+umgehen. Aber sie waren gut zu dem Kind; und wenn es böse Worte waren,
+die das Moidele zu hören bekam, dann waren es die Kinder aus der
+Nachbarschaft, die sie ihr nachriefen ...
+
+Das Regele beugte sich vor über den Steg, so daß er stark schaukelte
+und sie ein leichter Schwindel überfiel.
+
+Wenn sie es jetzt nun auch so machen würde wie die Mena? Ob es wohl
+sehr wehe tat ... ein Sprung da hinab ... und alles wäre zu Ende ...
+
+Das Regele aber hatte den Mut dazu nicht. Sie hatte aber auch den Mut
+nicht, das auf sich zu nehmen, was die Mena auf sich genommen hatte.
+
+Da droben, dort, wo der Florl das hoch emporlodernde Feuer entzündet
+hatte, das jetzt langsam zu verlöschen begann ... dort droben war es
+angegangen zwischen ihnen beiden.
+
+Dort, wo heute abend die fünf Holzstöße flackerten, da standen fünf
+Almhütten. Eine regelrechte Siedelung war es, und die Leute hierzulande
+nennen diese Hütten nicht Almhütten, sondern Asten. Die Aste dient als
+Zwischenstation vom Tal zur Alpe. Wenn es am Joch noch zu kalt ist,
+dann weidet das Vieh auf der Aste. Das Heu der Almwiesen wird auf der
+Aste eingelagert.
+
+Ein lustiges, reges Leben ist da mitunter im Frühjahr und im Herbst auf
+den Asten. Und gar erst da droben, wo fünf Asten in enger Nachbarschaft
+vereinigt waren. Da wird gesungen und getanzt und auf der Ziehharmonika
+oder Zither Musik gemacht.
+
+Der Florl und der Wastl waren beide auf je einer der Asten bedienstet.
+Den ganzen Sommer über waren sie da droben. Ein jeder von ihnen hatte
+etliche Stück Vieh zu betreuen und nebenbei Käse und Butter zu machen.
+
+Arbeit gab's genug, und der Tag dauerte ihnen niemals lang. Ab und zu
+kam Besuch vom Tal herauf. Das waren die Knechte von den Bauern, welche
+die Butter und den Käse abzuholen hatten.
+
+Aber noch andern Besuch bekamen die Burschen manchmal, der ihnen lieb
+war und den Tag verschönte.
+
+Die Perlmoserischen von dem kleinen Hochtal unten, in dem das Regele
+daheim war, besaßen auch eine der fünf Asten.
+
+Gerade zwischen dem Florl und dem Wastl seiner war die von den
+Perlmoserischen. Und da hauste der Jackl, der älteste Sohn des
+Perlmoser.
+
+Da die Perlmoserischen keine fremden Dienstboten anstellten, mußten die
+Töchter, die dem Jackl im Alter am nächsten waren, diejenigen Arbeiten
+verrichten, die sonst von Rechts wegen eigentlich den Männern zukamen.
+Sie trugen in schwerbeladenen Kraxen Käse und Butter ins Tal und
+mähten mit kräftigen Armen, weitausholend das Gras der Almenmahd ihres
+Vaters.
+
+Sie waren robuste, kernkräftige Mädeln, die drei Perlmoserischen. Ganz
+besonders aber die Genovefa Perlmoser, kurz Vef genannt.
+
+Das war eine Freude, der bei der Arbeit zuzusehen. Wie die schaffen und
+tragen konnte mit ihren neunzehn Jahren! Hochgewachsen und üppig war
+sie, hatte hellblondes Haar mit dicken Zöpfen, ein zartrosiges Gesicht
+und hellblaue, lachende Augen. Lachen tat sie überhaupt gern, die Vef.
+Und zeigte dabei gesunde weiße Zähne und entzückende Grübchen in beiden
+Wangen.
+
+Kein Wunder, daß dem Wastl die Vef so gut gefiel und daß er allen
+Ernstes daran dachte, sie zu heiraten.
+
+Als der Wastl der Vef dies zum erstenmal sagte, da lachte das Mädel,
+daß man's weithin hören konnte.
+
+»Möcht' wissen, von was wir zwoa heiraten sollten! Du nix und i nix
+... Das gab' a nette Wirtschaft ab! Nua ... i amal nit! Zuerst muß i
+wissen, wohin i nacher g'hör' ... sonst lass' i mi nit ein mit dir.«
+
+Und dabei blieb's. Sie war viel vorsichtiger in der Liebe, die Genovefa
+Perlmoser, wie das kleine, dumme Regele. Freilich, das Regele war auch
+noch jünger, ein halbes Kind und daß der Florl so ungestüm war und
+es beim Küssen allein nicht bewenden ließ, das hatte sie wirklich zu
+Anfang ihrer Liebschaft nicht wissen können.
+
+Aber schön war's doch gewesen!
+
+Wenn das Regele genauer darüber nachdachte, wie das eigentlich alles
+so hatte kommen können, dann mußte sie immer wieder der verflixten
+Singerei die Schuld geben. Die und nichts anderes trug die Hauptschuld.
+Denn hätte die Perlmoser Vef das Regele nicht immer wieder geholt, daß
+sie mit ihr singe, dann hätte der Florl nicht die Gelegenheit gefunden
+für seine Annäherung.
+
+Die Perlmoser Vef und das Regele konnten nämlich gar so schön zusammen
+singen. Und taten es auch gern. Schon von Kindheit auf übten die beiden
+Nachbarskinder die schönsten Lieder und Jodler ein. Das Regele sang
+mit glockenheller Stimme und nahm auch den höchsten Ton mit spielender
+Leichtigkeit, und die Vef hatte einen weichen, vollen Alt, der warm und
+innig klang wie der Ton einer Glocke aus edlem Metall.
+
+An den langen Winterabenden saßen sie gar oft in der überhitzten Stube
+beim Perlmoser und sangen. Dann griff die Vef in die Saiten ihrer
+Laute, und oft spielte das Regele die Begleitung auf der Zither.
+
+Die schönsten musikalischen Abende hatten sie da oben in ihrem einsamen
+Bergtal. Die Vef und das Regele waren so aneinander gewöhnt, daß sie
+vermeinten, die eine könne ohne die andere gar nicht so recht singen.
+
+So war es denn auch die Vef gewesen, die das Regele immer wieder
+mit hinauf aufs Alpl nahm. Der Mutter war's freilich nicht immer
+recht gewesen. Man tut ja gern eine Gefälligkeit und erst gar den
+Nachbarsleuten; aber schließlich, das Regele war die Hauptarbeitskraft
+zu Hause, und daheim blieb dann die Arbeit liegen. Denn oft kam das
+Mädel tagelang nicht vom Alpl herunter.
+
+Daß es da droben oft bis spät in die Nacht hinein lustig zuging, das
+wußte die Bäurin sehr wohl. Gar so lang war's ja schließlich nicht her,
+seitdem sie selber jung gewesen war. Und sie gönnte ihrem Mädel ja gern
+ein bissel Unterhaltung.
+
+Singen und Zitherspielen und auch ab und zu ein bissel Tanz, was war da
+viel dabei. Die Mädeln gaben ja acht aufeinander, und das Regele konnte
+ja kaum noch als ein richtiges ausgewachsenes Dirndl gelten. Wenigstens
+sah die Mutter immer noch das Kind in ihr.
+
+Aber auch die andern Leute nahmen das Regele nicht ernst. So hatte der
+Wastl das Regele mehr als einmal mitleidig ein Grispele geheißen, an
+dem nichts sei wie Haut und Knochen.
+
+Der Wastl wäre also nicht zu fürchten gewesen. Dem Florl freilich, dem
+traute die Bäurin nicht über den Weg. Der hatte ein so übermütiges
+Spitzbubengesicht, und die Bäurin konnte ihn überhaupt nicht leiden.
+Wenn er einmal beim Söllerbauer zukehrte, dann war sie immer mürrisch
+und unfreundlich zu ihm und maß ihn mißtrauisch von der Seite.
+
+Als die Vef wieder einmal zum Söllerbauer herüberkam, um das Regele nur
+grad für einen Tag aufs Alpl hinauf auszubitten ... »weil wir's iatz
+grad gar so viel gneatig hab'n und 's Grummet döcht aa no trocken einer
+bringen möchten ...« da meinte die Bäurin etwas besorgt: »Ös werd's
+epper nit grad alleweil arbeiten da oben. I moan völlig, ös tanzt's die
+halben Nächt' durch, weil's Madel alleweil gar a so verschlafen ist,
+bald's aber kimmt.«
+
+»Tanzen tian mir freilich aa!« lachte die Vef ihr strahlendes Lachen.
+»Zu was war'n wir denn jung? Beim Tag arbeiten, daß die Schwarten
+krachen, und auf d' Nacht singen und aufspielen und tanzen.«
+
+»Mei ...« machte die Bäurin mürrisch und stemmte nachlässig den Arm in
+die breite Hüfte. »I vergunn's enk wohl. Aber 's Regele ist grad so
+viel jung no. Die gang' aa g'scheiter schlafen.«
+
+»Sell tut sie schon!« bestätigte das Mädel lebhaft. »Wir schlafen aft
+schon aa, bald wir müd sein!« Sie lachte übermütig und zeigte dabei
+ihre blendend weißen Zähne.
+
+»Tust mir halt a bissel achten aufs Madel, gelt, Vef?« bat die Bäurin
+besorgt. »Woaßt wohl, dö Löder ...«
+
+»Wir sein alleweil beinand, wir Madeln!« beruhigte sie die Vef. »Da
+g'schiecht nix. I schau' schon drauf. Und dö Löder haben wohl aa mehr
+z' tian, als wie grad auf das Grispele aus zu sein.«
+
+Das Grispele! Dieser Spitzname, den ihr der Wastl aufgebracht, der war
+dem Regele geblieben. Und daß man sie noch immer nicht für voll gelten
+ließ, das war's ja auch, was dem Florl die Liebschaft mit ihr so leicht
+machte.
+
+Niemand außer ihm selber schien das Regele als erwachsenes Mädel zu
+betrachten. Das kam daher, weil sie so klein und zierlich war und ein
+so kindliches Gesichtchen hatte.
+
+In dem kindlichen Gesicht aber hatte das Regele einen kleinen,
+kirschroten Mund, dessen volle Lippen immer leicht fragend offen
+standen. Und diese leicht geöffneten Lippen erschienen dem Florl
+sehnsüchtig und hungrig und lockten ihn, sie einmal gewaltsam mit den
+seinen zu schließen.
+
+Droben, wo das Feuerl heute abend zu höchst brannte, da war's gewesen,
+wo der Bursch keck und übermütig das Regele um die Mitte nahm, ihr das
+dunkle Köpfchen nach rückwärts bog und sie nach Herzenslust abküßte.
+
+»Du ... lass' mi ...« wehrte sich das Mädel schwach. »I schrei ...«
+
+»Schrei, wenn du kannst ... du ...« neckte sie der Florl übermütig und
+zog das zarte Geschöpf zu sich ins Gras herab. Dann nahm er sie wie ein
+Kind aufs Knie und busselte sie ab, daß ihr Hören und Sehen verging.
+
+»Hätt' nit denkt, daß deine Busseln gar a so fein schmecken!« neckte er
+sie dann. »Völlig nit g'nug kunnt oans kriag'n davon.«
+
+Dem Regele schienen die seinen gleichfalls sehr zu munden. Wenigstens
+machte sie keine Miene, sich aus seinen Armen loszureißen, sondern
+hielt ihm immer wieder ihr kirschrotes Mäulchen entgegen.
+
+So nahm sich denn der Florl, was ihm das Mädel nicht weigerte. Eine
+richtige leichtsinnige Liebschaft war's. Das erste Erwachen der Sinne
+zweier unreifer Menschen.
+
+Eine heiße Liebe war's, die an nichts dachte, keine Folgen fürchtete
+und nur dem seligen Augenblick sich hingab.
+
+Am Alpl unten merkten sie von nichts. Die Vef konnte mit Recht die
+Söllerbäurin beruhigen. Das Regele war abends immer bei ihr und ihren
+beiden Schwestern, tanzte und sang mit ihnen und schlief mit ihnen in
+der niedern Holzkammer bis zum Morgengrauen.
+
+Tagsüber jedoch, wenn sie das Dirndl bei der Arbeit glaubten, da fand
+das Regele immer einen Vorwand, sich von den übrigen abzusondern. Und
+die andern achteten nicht weiter auf sie. Was konnte man denn beim
+hellichten Tag anders tun als arbeiten?
+
+Der Florl war keck genug und kam nun auch zu seinem Mädel, wenn sie
+drunten war im Elternhaus. Schlich zu ihr auf Umwegen und in der
+Dunkelheit der Nacht, trotz Wind und Wetter. Und im Winter machte er
+den weiten Weg zu ihr vom Tal herauf. Stapfte durch Schnee und Eis, und
+der Söllerbauer wunderte sich oftmals in der Frühe, wenn er die Haustür
+öffnete und den angefrorenen Schnee gewaltsam mit den Füßen von den
+Pfosten stieß, über die frischen Spuren.
+
+»Wer ist denn grad wieder in der Nacht bei all'n Wind und Wetter da
+aufergangen? A so a damischer Loder ... a damischer!«
+
+Und der Söllerbauer schüttelte unwillig seinen Kopf. »Dö jungen Leut'
+von heutzutags ...« und dann brummte er etwas in seinen struppigen,
+leicht ergrauten Bart hinein.
+
+Sein Verdacht lenkte sich auf den Nachbarshof und auf die
+Perlmoserischen mit den drei bildsaubern Töchtern. Daß das Regele es
+war, die den Fensterlbesuch in der Nacht erhalten hatte, an das dachte
+kein Mensch am Hof, am wenigsten der Söllerbauer.
+
+Die Sorge der Mutter um das Dirndl war behoben, sowie sie das Regele
+unter dem Schutz des väterlichen Daches wußte. Und gar so tief war die
+Sorge auch nicht gewesen. Die Bäurin hatte an mehr zu denken den lieben
+langen Tag, wie an das Regele.
+
+Da schrie ein Kind und wollte betreut sein, und dort balgte sich ein
+anderes. Da hatte ein Bub ein Loch in die Hose gerissen, und dort stand
+eine Schüssel nutzlos herum und war im Wege. Da mußte man schimpfen
+und zanken und zwischendurch auch wieder ein bissel arbeiten und dann
+wieder nach dem Regele schrein, daß es helfe, die Schäden zu heilen.
+
+In dem täglichen Ärger über Nichtigkeiten eines einförmigen Lebens
+kam die Frau gar nicht dazu, sich viel um ihre älteste Tochter zu
+bekümmern. Sie war bei ihr, und das genügte ihr. So bemerkte sie es
+auch gar nicht, daß das Mädel von Tag zu Tag blässer wurde und mager
+und schlecht auszusehen anfing.
+
+Denn nun hatte es das Regele mit der Angst zu tun. Die Folgen ihres
+Leichtsinns waren nicht ausgeblieben, und lange dauerte es nicht mehr,
+dann würde ihre Schande offenkundig werden.
+
+Das Regele wußte, daß der Vater sie in seinem Zorn halbtot schlagen
+würde, und sie fürchtete sich vor dem Ausbruch seiner Wut. So gutmütig
+der Söllerbauer für gewöhnlich war, so maßlos heftig konnte er im Zorne
+sein. Und das Regele wußte auch, daß sie von nun ab keine gute Stunde
+mehr bei der Mutter haben würde. Geächtet und verachtet würde sie
+herumgehen, wie damals die Mena.
+
+Wenn das Regele dran dachte, daß sie nur mehr wenige Wochen ihre
+Schande würde geheimhalten können, dann überlief es sie eiskalt. Nur
+noch ein paar Wochen, und sie wußten es alle, wie es um sie stand ...
+
+Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte
+mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe.
+
+Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das
+Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so
+reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie
+brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ...
+dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig,
+und es war geschehen.
+
+Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig
+ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest.
+
+Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender Bewegung, und unten
+spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es,
+als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht
+auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu.
+
+Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ...
+Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei.
+
+Und dann?
+
+Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl
+kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder
+nicht.
+
+Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der
+Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von
+Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein.
+
+Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den
+Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war
+doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern.
+
+Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber
+sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres
+Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten
+Augen in die Tiefe starrte.
+
+Mochte das bleiche Gesicht der toten Mena auch locken da unten. Das
+Regele würde ihr nicht folgen. Das vorhin war nur so eine Anwandlung
+gewesen. Gott sei Dank ... das war nun glücklich überstanden.
+
+Von abergläubischer Furcht gepackt, flüchtete das Mädel jetzt von der
+schmalen Brücke fort und achtete in ihrer Angst gar nicht, daß der Steg
+in allen Fugen ächzte und krachte und sich heftig schaukelnd bog.
+
+Nur fort ... fort von da! Es war doch nicht ganz geheuer mit dem
+Teufelssteg ... Bei einem Haar, und sie hätte sich in den Abgrund
+gestürzt. Und das Gesicht der toten Mena hatte sie ganz deutlich aus
+dem Wasser aufsteigen sehen ...
+
+Zitternd vor Kälte und Aufregung wickelte sich das Mädel fest in das
+warme Tuch ein.
+
+Die Lichter auf den Bergen und im Tal waren nun verglommen, und auch
+das Feuerl des Florl war nur mehr ein schwach leuchtender Punkt, gleich
+einem verblassenden Stern.
+
+Was der Florl wohl dazu sagen würde, wenn das Regele verschwunden war?
+Denn nun stand es in der Einsamkeit dieser Stunde bei dem Mädel fest,
+daß sie nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Sie wollte und konnte
+sich nicht aus dem Leben schaffen, aber sie wollte sich auch nicht der
+Schande preisgeben.
+
+Allmählich hatte das Regele ihren atemlosen Lauf eingedämmt und ging
+jetzt, ruhiger geworden, fast langsam die mondbeleuchteten Bergwiesen
+hinan, dem Dörfl zu.
+
+Wohin sie jetzt wohl ihre Schritte lenken sollte? Zu dem Florl flüchten
+in ihrer Not?
+
+Das hätte wenig Zweck gehabt. Der Florl konnte ihr ja nicht helfen und
+sie nicht schützen. Wenn er auch immer wieder versichert hatte: »I
+verlass' di nit, Madel. Ganz g'wiß nit. Und wie i 's Geld beinander
+hab', heirat' i di ...«
+
+Jetzt konnte er sie ja nicht heiraten. Und bis er das Geld dazu
+aufbringen würde, bis dahin konnten sie beide alte Leute werden.
+
+Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn
+wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge
+Menschenkinder in Liebe zueinander fanden?
+
+Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine
+Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam
+und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen.
+Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin.
+
+Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer
+Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie
+zu ebener Erde Licht schimmern.
+
+Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht
+verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das
+gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte
+es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch
+nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen
+Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen,
+leichtsinnigen Mädels?
+
+Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und
+die Bergstraße hinunter ins Haupttal.
+
+Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu
+wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging,
+desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln
+gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige
+Zuversicht.
+
+Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie
+kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch
+hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der
+Heimat und der drohenden Schande!
+
+In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer
+erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt
+das Mädchen mutig fürbaß.
+
+Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den
+stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie
+von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie
+noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn
+antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber
+wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit
+gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing.
+
+Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das
+Tal. Alles wär ihr hier fremd und unbekannt, und die Berge, die sich
+dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu.
+
+Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen
+Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im
+Morgendämmer.
+
+Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen
+Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort
+von der Heimat, so weit als möglich.
+
+Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur
+erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten
+verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt
+rüstig weiter.
+
+Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon
+vermissen und ihr jemand nachschicken.
+
+Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein
+Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn
+sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war.
+
+Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres
+Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena
+gefolgt war?
+
+Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr
+heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren
+Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und
+ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt hatte. Mit Vorwürfen hatte
+sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl
+war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort
+verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut.
+
+Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl
+jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde?
+
+Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam
+sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und
+mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer
+kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr
+begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne
+auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der
+Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum
+entlang.
+
+Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher.
+Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder
+des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie.
+
+Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen
+Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine
+Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie
+Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und
+grausam.
+
+Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang ihres Heimatstales
+vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da.
+Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt,
+erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem
+Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in
+sich auf.
+
+Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das
+einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an
+dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich,
+und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt
+verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig.
+
+Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das
+Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie
+wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen
+und im Freien nächtigen.
+
+Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen
+das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute
+verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre
+älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd
+und schwer verständlich war.
+
+Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen
+Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und
+schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie
+hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer
+engern Heimat war weit schlichter.
+
+Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen
+Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das
+alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam
+verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen
+faßte.
+
+Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen
+war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie
+fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und
+hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe.
+
+»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem
+Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen.
+
+»An Dienst suchen.«
+
+»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere.
+
+Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie
+gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen,
+etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?«
+
+»Auf Schwaz, meinst?«
+
+»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl.
+
+»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln
+resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn
+d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's
+Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend
+hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die
+Augen schossen.
+
+Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber
+doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg
+fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der
+Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie
+lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das
+Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war.
+
+Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben
+im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das
+Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich.
+
+Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß
+sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte.
+
+Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen
+davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen
+Häusern, die es dort geben sollte.
+
+Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor
+mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie
+die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das
+feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel
+zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück.
+
+Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder
+zuversichtlicher geworden. Nun sah sie den stattlichen Ort vor sich
+liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines
+Berges.
+
+Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus
+dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen
+gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu
+sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und
+Häuser inmitten blühender Gärten.
+
+Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen
+bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf
+dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen.
+
+Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr
+vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und
+vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und
+dumpf.
+
+Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr
+beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde
+Mädel in seinem ärmlichen Aufzug.
+
+Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte
+sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe
+der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die
+Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie
+aus dem dämmrigen Gäßchen hervor und ging zur Kirche. Vorsichtig und
+unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß
+ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße
+mißtönigen Lärm verursachten.
+
+Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und
+war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt
+nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß
+ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne
+hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand.
+
+Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und
+mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles
+Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern
+und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen.
+
+Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie
+eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer
+Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in
+die frische, laue Frühlingsluft.
+
+»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und
+sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm,
+konnte aber kein Wort hervorbringen.
+
+»Wo bleibst denn?« erkundigte sich das Weiblein weiter.
+
+Erschrocken und furchtsam schaute das Mädel auf. Sie hatte sich auf der
+Steintreppe der Kirche niedergelassen und schwer den schmerzenden Kopf
+in die Hand gestützt.
+
+»Wo du bleibst?« wiederholte die Alte ihre Frage.
+
+Das Regele wies mit der Hand vor sich hin. »Da!« sagte sie tonlos. Sie
+fand auch jetzt den Mut nicht, die Wahrheit einzugestehen.
+
+»Hast Verwandte da, ha?«
+
+Wieder nickte das Mädel und barg den Kopf in beide Hände. Daß es ihr so
+schwer fiel, mit den Menschen zu reden, die es vielleicht gut mit ihr
+meinten!
+
+Die Alte sah, daß das fremde Mädel keine Auskunft geben wollte und
+plagte sie nicht weiter mit ihren Fragen.
+
+»Ist dir schon wieder besser, gelt?«
+
+Das Regele nickte bestätigend. In Wahrheit aber fühlte sie sich schwach
+und krank.
+
+Die Alte war wieder in die Kirche zurückgegangen, und das Regele
+schleppte sich müde und elend von dem Kirchenportal fort und schlich
+langsam und demütig durch stille, einsame Gäßchen bis hinauf zu den
+letzten Häusern, die zu Füßen eines alten Turmes lagen. Hier oben in
+freier Höhe mit dem weiten Blick ins Inntal wurde ihr leichter.
+
+Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume
+und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein
+Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und
+warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des
+Ortes.
+
+An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich das Mädel niedergelassen
+und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier
+blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch
+sah sie.
+
+Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger
+Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer.
+
+Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich
+schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber
+so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen
+anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig,
+und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von
+Minute zu Minute.
+
+Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte
+schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die
+Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz
+gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.
+
+Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen
+in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!
+
+Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme
+fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher
+kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an
+dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.
+
+Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz
+faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen.
+Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.
+
+Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins
+Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt
+hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich
+das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die
+Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.
+
+Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie
+heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr
+für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.
+
+Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele
+hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem
+dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer
+Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der
+Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den
+sie nun finden sollte.
+
+Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche
+Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen,
+weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen
+Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch quiekten
+morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.
+
+Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im
+Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas
+verdeckte.
+
+Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den
+Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem
+Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.
+
+Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das
+Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.
+
+Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines
+heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden
+Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter
+zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus
+ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie
+gekommen war.
+
+Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und
+lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in
+ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am
+Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?
+
+Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang.
+Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal
+die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte
+sich das Feld der Toten, und es erschien ihr nicht mehr still und
+lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden.
+Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel
+in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß
+stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.
+
+»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«
+
+Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen
+hatte.
+
+Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ...
+
+Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von
+daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie
+quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen.
+
+Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre
+Hände.
+
+»Heilige Mutter Maria, hilf mir!«
+
+Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot.
+
+Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der
+unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das
+bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher
+heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar
+nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte.
+Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht
+schrie.
+
+»Heilige Muttergottes, hilf!« ...
+
+Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor zu öffnen kam, ein
+blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf.
+
+Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern.
+Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber.
+
+Und gebar einen Buben ...
+
+Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem
+Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort.
+
+Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so
+gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des
+kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das
+Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und
+wollte auch an nichts denken.
+
+Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht
+gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den
+Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten.
+
+Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben
+ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu
+bleiben.
+
+Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch
+immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen
+leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ...
+
+Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen
+Tuche eingewickelt im Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen
+sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last?
+
+Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte
+keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte
+sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein.
+
+So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an.
+
+»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten,
+polternden Art und fletschte die Raubtierzähne.
+
+Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels.
+
+»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut
+und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding
+auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?«
+erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine
+Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er
+dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends
+aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am
+Wegrand hin und brachte sie zum reden.
+
+Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen
+worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der
+aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte.
+
+Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und
+voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die
+warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens.
+
+»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer
+Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt
+mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit
+der Hand über die Wangen.
+
+Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos.
+
+»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine
+Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des
+Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann.
+»Weil er nit amal rearen tut.«
+
+»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte
+wenig Freude an dem Kind.
+
+»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter.
+
+»Naa.«
+
+»Nit? Ja ... und nachher?«
+
+»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig.
+
+Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken.
+
+»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er.
+
+Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die
+Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem
+Kramer Veit.
+
+Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte der Kramer zugehört.
+Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen.
+
+»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin.
+
+»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und
+weniger mutlos wie zuvor.
+
+Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen
+an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das
+derbe, kraftvolle Gesicht.
+
+»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n.
+I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir
+dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit
+da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm
+enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld
+habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav
+bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!«
+
+Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug
+ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl
+würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll
+Vertrauen auf den Kramer Veit.
+
+Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine
+Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das
+Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+
+In der kleinen, behaglich ausgestatteten Stube, die an den Kramladen
+anstieß, saß die Notburg und arbeitete. Einen ganzen Stoß Wäsche hatte
+sie vor sich auf dem Tisch aufgestapelt, und neben ihrem Sitz auf
+der Holzbank, die rings um die getäfelten Wände lief, lag noch ein
+ansehnlicher Pack zum Ausbessern. Socken und Unterhosen und weiße und
+farbige Hemden lagen da hübsch säuberlich gewaschen und geordnet zur
+Flickarbeit hergerichtet.
+
+Recht zerlumpt war er eigentlich wieder heimgekommen, der Veit. So viel
+Wäsche und Zeug er auch mitgebracht hatte, überall fehlte etwas.
+
+Zwei große Holzkoffer hatte der Bote, der einmal in jeder Woche seinen
+mit Blachen überspannten Wagen hinaus ins Inntal fuhr, für den Veit
+Galler mitgebracht. Bis zu dem stattlichen Dorf, dem Hauptort des
+Tales, lieferte der Bote das Gepäck. Von dort aus mußte es abgeholt
+werden; und da die beiden Koffer zum Aufladen für einen Maulesel
+viel zu unbequem und schwer gewesen wären, mußte sich der Veit einen
+Leiterwagen und ein Pferd ausborgen und sein Gepäck selber ins Dörfl
+hinaufbringen.
+
+Das gab ein Geschau, als der Kramer Veit mit den großen, dunkel
+angestrichenen Holzkoffern angerückt kam. Und ein neugieriges Fragen
+von allen Seiten war es, was für schönes, wertvolles Zeug denn wohl in
+dem Gepäck verborgen sein würde.
+
+»Mei ...« machte die Notburg und hob die Achseln gleichgültig. »Halt
+aa grad' Wäsch' und a bissel a G'wand. Muß halt erst z'sammg'flickt
+werden, weil's aa grad' umadum z'rissen ist.«
+
+»Freilich! Freilich!« pflichtete ihr die Fragerin, eine ältere Bäuerin
+aus dem Nachbarhause, bei. »An oanschichtig's Mannsbild ... woaß man
+wohl! Hat aa koan Mensch nit, der ihm eppas antat'! Wirst eppar gar
+nimmer fertig werd'n mit der Arbeit, bis er wieder fort geht, der Veit,
+ha?« fragte sie mit lauerndem Blick.
+
+»Ah wohl. I dermach's leicht no!« erwiderte die Notburg kurz und
+schroff.
+
+»Freilich! Freilich! Derweil hast aa leicht. Woaß man wohl!« stimmte
+die Nachbarin eifrig zu.
+
+Sie hätte gar zu gerne etwas von dem Inhalt der beiden Koffer gesehen
+und war herüber gekommen, der Notburg ihre Hilfe beim Auspacken
+anzubieten. Die Notburg aber ließ die Koffer inmitten der kleinen
+Wohnstube stehen, wie sie waren, und klappte nur noch rasch die Deckel
+zu, ehe sie sich gegen die Besucherin wandte.
+
+Die blieb unter der Türe stehen und getraute sich nicht weiter
+hereinzukommen und auch nicht mehr weiter zu fragen. Die Notburg
+machte ein so entschiedenes, abweisendes Gesicht und war so gar nicht
+zugänglich für kleine nachbarliche Vertraulichkeiten.
+
+Wenn man's so recht betrachtete, war der Veit gerade auch nicht zu
+neiden mit seinem mürrischen Weib, dachte die Bäuerin bei sich. Dann
+kehrte sie wieder langsam in ihr eigenes Haus zurück und sah von dort
+aus noch eine Weile neugierig durch das kleine Gitterfenster hinüber
+zum Kramer.
+
+Geschah der Notburg eigentlich doch ganz recht, der Z'widerwurzen, wenn
+ihr der Mann bald wieder durchging. Es war kein freundlicher Blick,
+den die Nachbarin hinüber warf zur Notburg, deren Gestalt für einen
+Augenblick am Hauseingang zu sehen war.
+
+Das glaubte einmal kein Mensch der Notburg, daß der Veit weiter nichts
+als Wäsche und Kleider in den Koffern hatte! War ein recht ungut's
+Ding, die Notburg! Hätte doch auch ein bissl was reden und deuten
+können, was in den beiden Koffern steckte!
+
+Gar nicht mehr loskommen konnte die Nachbarin von den Koffern.
+So geheimnisvoll und fremdländisch wie die aussahen! Und sollten
+ordentlich schwer gewesen sein. »Völlig nit zum derlupfen ...«
+erzählten die beiden Burschen, die dem Kramer Veit beim Abladen der
+Koffer behilflich gewesen waren.
+
+Und der Veit hatte gar so viel lustig und selbstzufrieden
+dreingeschaut. War in Hemdärmeln vor der Türe gestanden und hatte grad'
+kommandiert. Und aus vollem Halse gelacht hatte er, weil ihm der eine
+Koffer beinahe aus den Händen gerutscht war.
+
+Die Leute munkelten im Dörfl, daß dieser Koffer bestimmt voll Gold
+gewesen war; denn ein paar Weiber, die beim Abladen ganz in der Nähe
+gestanden waren, hätten darauf schwören können, daß sie deutlich etwas
+darin hatten herumrollen hören, das wie Gold geklungen habe.
+
+Die Notburg hätte es weiter auch nicht nötig gehabt, so g'sparig zu
+tun und den ganzen lieben langen Tag über ihrer Flickerei zu hocken.
+Natürlich! Von reichen Leuten konnte man sparen lernen, und geizig
+waren sie beide ganz gleich, die Notburg und der Veit.
+
+Kaum daß sich der Kramer etliche Wochen daheim ausgerastet hatte, war
+er schon wieder auf und davon gegangen. Hatte seine Kraxen auf die
+Schulter genommen und war damit nach Innsbruck hinauf gewandert. Ganz
+wie in früheren Jahren, da er noch kein so wohlhabender Mann gewesen
+war.
+
+Nur war die Kraxe, die er aus dem Tal hinaustrug, diesmal leer gewesen
+und nicht mit Käselaiben schwer beladen wie in früheren Zeiten, so daß
+man oft vor lauter Gewicht den Kopf des Trägers kaum mehr sehen konnte.
+Ein bißchen bequemer und leichter hatte sich's der Kramer Veit also
+doch jetzt eingerichtet.
+
+Die Leute im Dörfl sahen und belauerten ganz genau, was bei dem Kramer
+vorging. Und die Notburg hatte jetzt oft auch an Werktagen einen ganz
+regen Geschäftsverkehr im Ladele. An den Sonntagen aber, gleich nach
+der Frühmesse, da gab's im Ladele jetzt Hochbetrieb. Aus den Berghöfen
+der Nachbartäler kamen die Bauern und kauften ein. Sie mußten sich doch
+mit eigenen Augen überzeugen, wie der Kramer Veit eigentlich jetzt
+ausschaute, und was er zu erzählen wußte.
+
+Die Weiber kamen ins Ladele, kauften ein paar Kleinigkeiten und fingen
+an, der Notburg ausführlich über ihr eigenes Leben und Treiben zu
+berichten. Dabei spähten sie neugierig durch die Türe, die ins Innere
+des Häuschens führte, ob sie den Veit nicht doch zu sehen kriegten.
+Und wenn er sich nicht zeigte, dann fragten sie nach ihm. Wenn sie
+schon einmal da herinnen waren, dann wollten sie ihn wenigstens auch zu
+Gesicht kriegen.
+
+Es war sonderbar, wie rasch die Kunde von der Heimkehr des Kramer Veit
+nach überallhin gedrungen war. Eine Neuigkeit benötigt weder Post noch
+andere Verbindungsmittel. Sie fliegt förmlich durch die Luft, eilt von
+Mund zu Mund bis in die entlegensten Berghöfe. In der Einsamkeit sind
+die Menschen hungrig nach Ereignissen. Es berichtet der eine dem andern
+ungefragt, was er gehört hat und was sich im Umkreis ereignet hat.
+
+Auch die Männer kamen an den Sonntagen nach der Frühmesse ins Ladele.
+Standen mit ihren steifen, ungelenken Beinen breitspurig herum,
+entzündeten sich umständlich ihre Pfeifen oder klopften die Asche
+heraus und redeten dabei auf ihre Weise mit dem Kramer Veit. Sie
+sprachen mit ihm ganz wie in früheren Zeiten, als ob er nie von ihnen
+fortgewesen wäre, und sie lobten ihn untereinander, weil er sich immer
+gleich geblieben war, gar nicht stolz geworden war und Anteil nahm an
+ihren Interessen ganz so wie in früheren Jahren.
+
+Auch die Weiber sprachen sich leicht mit dem Veit. Viel leichter
+wie mit der Notburg, der man ja jedes Wörtl förmlich aus dem Mund
+herausziehen mußte.
+
+Das war beim Veit anders. Der erzählte ihnen frisch und lustig, was sie
+wissen wollten, und lachte mit ihnen ... laut und polternd, daß es eine
+Freude war, ihn anzusehen.
+
+Das gab oft einen Spektakel ab im Ladele! Die Notburg war an den vielen
+Lärm gar nicht mehr gewöhnt und bekam einen ganz wirbligen Kopf davon.
+Denn all die Jahre her, wo sie einsam hier gehaust hatte, war der
+Geschäftsbetrieb nur flau gewesen. Auch an Sonntagen. Da kamen wohl
+auch die Bäurinnen, aber sie hielten sich nicht lange auf im Ladele.
+Denn ratschen und sich miteinander unterhalten, das konnte man am
+Dorfplatz draußen weit besser, als in dem engen Raum drinnen.
+
+Jetzt aber, da der Veit hier war, jetzt war's völlig unterhaltsam
+da drinnen. Der erzählte mit seiner lauten, polternden Stimme, und
+die Weiber brauchten sich keinen Zwang anzutun, um ihre Stimmen
+einzudämmen, sondern konnten auch mitreden, wie ihnen der Schnabel
+gewachsen war.
+
+Reden aber, besonders wenn es recht freundlich klingen soll, bedeutet
+bei den Bergbauern, daß sie sich gegenseitig mit der ganzen Kraft,
+deren ihre Lungen fähig sind, anschreien. Das Schreien, das sind sie so
+gewohnt und merken es gar nicht. Würden es auch arg verübeln, wenn man
+sie darauf aufmerksam machte.
+
+Sie wohnen entlegen und oft stundenweit entfernt voneinander und
+begegnen sich nur selten. Sehen sie einmal einen zufällig des Weges
+kommen, dann grüßen sie ihn von ferne. Bieten ihm die Tageszeit und
+halten für eine Weile mit der Arbeit im Feld inne. Und er ruft ihnen
+den Gruß zurück und fügt wohl auch ein scherzhaftes Wörtl hinzu.
+
+Oft können sie die Gesichter gegenseitig kaum richtig unterscheiden
+und sehen nur von ferne, ob es ein Bekannter ist, und ob er jung oder
+alt sei. Aber sie hören gegenseitig ihre Stimmen und rufen sich die
+Neuigkeiten aus der Ferne zu.
+
+So ein Geschnatter am Sonntagmorgen, wenn sich Bergbäurinnen
+zusammenfinden, muß man gehört haben! Das schreit und lärmt in
+langgezogener, etwas singender Mundart. Lauter gute, freundliche Worte,
+die aber ungeübten Ohren unverständlich und rauh vorkommen.
+
+Veit Galler, der Krämer, aber verstand sie, und ihn störte der Lärm
+der schreienden Stimmen nicht im mindesten. Er freute sich über den
+heimischen Klang wie ein Kind, und dieser erschien ihm wohltönend und
+schöner wie Musik.
+
+Völlig beliebt hatte sich der Kramer Veit seit seiner Rückkehr bei den
+Bergbauern gemacht. Von allen Seiten lud man ihn ein, doch auch einmal
+zu ihnen zu kommen und einen Schnaps bei ihnen zu trinken.
+
+Die Leute im Dörfl waren nicht so zuvorkommend wie die Bergeler. Das
+kam daher, weil sie den Veit doch für einen ihnen Fremdgewordenen
+hielten, für einen, der sich von ihnen zum Teil losgesagt hatte und
+besser geworden war wie sie. Es war hauptsächlich Neid und Mißgunst,
+die da keine richtige Freundschaft zu ihm aufkommen ließen ...
+
+Der Kramer Veit keuchte die kleine, sonnige Bergstraße vom Tal herauf
+ins Dörfl. Hochbeladen war die Kraxe, und obenauf hatte er ein
+sonderbares Bündel geschnürt.
+
+Aus den Türen und Fenstern guckten die Weiber und Kinder verstohlen auf
+den Kramer und rieten, was wohl in dem Bündel sein würde. Ein junger
+Bursch stand am Dorfplatz beim Brunnen und tränkte eine Kuh.
+
+»Hast schwar aufg'laden, Kramer?«
+
+»Ja. 's tut sich.«
+
+Weiter ging der Kramer bis vor sein Haus hin. Dort machte er auf der
+Holzbank Rast und stellte die Kraxe nieder. Wischte sich umständlich
+mit dem rotgeblumten Taschentuch den triefenden Schweiß von dem Gesicht
+und klopfte dann an das Fenster der Stube, wo die Notburg in einer Ecke
+über ihre Arbeit vertieft dasaß.
+
+»Notburg!«
+
+Die Notburg sah von ihrer Arbeit in der Stubenecke auf, legte dieselbe
+langsam aus der Hand, ging gemächlich und ohne Aufregung zu dem
+Fenster hin, öffnete es und versuchte den Kopf durch das vergitterte
+Fensterkreuz zu stecken. Sie sah die Kraxe auf der Bank unten vor dem
+Fenster stehen, sah, daß der Veit wieder einmal schwer aufgeladen
+hatte, und schaute in sein erhitztes, fröhliches Gesicht.
+
+»Kommst nit einer?« fragte sie den Mann.
+
+»Naa!« lachte der Veit breit zu ihr hinauf und zeigte fletschend seine
+gelbweißen Zähne, über die sich die wulstige Oberlippe weit nach oben
+schob. »Komm' du z'erst außer!« forderte er sie auf und machte dabei
+ein ganz pfiffiges Gesicht.
+
+»Zu was denn?« frug sie mürrisch zurück.
+
+Die Notburg war im Lauf der Jahre etwas dick und schwerfällig geworden
+und liebte es nicht, unnötigerweise von ihrer bequemen Ruhe aufgestört
+zu werden.
+
+»I hab' dir was mitbracht, Notburg ...« sagte der Veit und dämpfte
+seine Stimme geheimnisvoll. »Geh' nur her da. Kimm ...« lud er sie ein
+und winkte ihr mit dem Finger seiner plumpen Hand. »Du kannst besser
+umgehen mit dem Zeug wia i. Bin froh, wenn i's abg'laden hab'!« fügte
+er erleichtert aufatmend hinzu und runzelte leicht die Stirne.
+
+Da kam die Notburg aus der Ladentüre heraus. Langsam und gemächlich und
+gar nicht neugierig. Groß und stattlich stand sie unter der Türe im
+prallen Sonnenschein des Hochsommertages, und trotz ihrer vorgerückten
+Jahre war sie noch immer eine hübsche Frau.
+
+Die schweren Zöpfe, die sie zur Krone gewunden um den Kopf trug, waren
+jetzt freilich viel dünner geworden, und das helle Aschblond ihrer
+Haare schimmerte im matten Grau. Das schwarze, schmale Samtband, das um
+den Scheitel gelegt war und über das sich die Haarkrone aufbaute, stand
+gut zu der grauen Farbe und verlieh dem Haar ein äußerst sauberes und
+ordentliches Aussehen.
+
+Das einst sonngebräunte Gesicht der Frau war jetzt zart und beinahe
+weiß vom vielen Stubenhocken und sah ernst und so strenge aus, als
+hätte das Weib niemals im Leben das Lachen gekannt.
+
+Die Notburg hatte es gar nicht eilig mit dem Herauskommen und
+war auch nicht im mindesten neugierig auf das, was der Veit ihr
+mitgebracht hatte. Sie war nur herausgekommen, um ihm den Willen
+zu tun. Freude hatte sie ja doch mit nichts. Es war ihr alles so
+furchtbar gleichgültig, und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihre
+Gleichgültigkeit zu verbergen.
+
+»Wirst Augen machen!« lachte der Veit und sah die Frau listig von der
+Seite an, während er die Gurten von der Kraxe zu lösen begann. »Geh'
+nur aber da von die Staffeln und schau dir's an!« Und dabei hielt er
+der Notburg das Kind vom Regele entgegen, das er oben auf die Kraxe
+geschnürt hatte.
+
+Mit ungeschickten Händen hielt er das kleine Bündel, aber doch zart
+und fürsorglich. Und seine runden, etwas vorstehenden Augen hatten
+einen etwas ängstlichen Ausdruck, als fürchtete er, das winzige
+Wesen mit seinen derben Händen zu zerdrücken. Das Kind, das in dem
+schwarzwollenen Tuch fest eingewickelt war, wimmerte leise und kläglich.
+
+»Hat Hunger!« sagte der Veit grinsend. »Mußt ihm gleich a Milchele
+sieden, Notburg.«
+
+Die Notburg stand wie erstarrt auf der kleinen Treppe, die vom Ladele
+herabführte. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Stand reglos
+da und schaute abwechselnd mit ihren hellen Augen auf ihren Mann und
+dann wieder auf das schwach wimmernde Bündel in seinen Händen.
+
+»Ha?« frug der Veit lustig. »Hab' i's nit g'sagt, daß du Augen machen
+wirst? Gelt, das hättest nit erwartet?« meinte er laut und polternd.
+
+Die Notburg schüttelte langsam den Kopf. Aber sie sagte kein Wort.
+Hielt den Mund fest zusammengepreßt, damit ihr ja kein Wörtl auskam,
+und schaute nur immer auf den Veit und dann auf das Kind in seinem Arm.
+
+»Jetzt wie, Notburg ...« machte der Veit etwas ungeduldig, da sich die
+Notburg noch immer nicht von der Stelle rührte. »Nimm dir's! Es g'hört
+dir! Sollst es aufziehen ...« fügte er gutmütig und mit seinem breiten
+Grinsen hinzu. »Damit's an ordentlich's Mannsbild abgibt. Da ... nimm's
+und schau nit lang!« befahl er. »I hab's iatz lang g'nug g'schleppt und
+derheb's schon völlig nimmer!«
+
+Langsam und zögernd kam die Notburg jetzt die Stufen herab dem Manne
+entgegen. Sah ihm fest in die Augen ... aber sagte kein Wort. Hielt
+dann die Arme ausgebreitet, und der Veit legte das wimmernde Bündel
+hinein.
+
+»Jatz wohl!« meinte er erleichtert. »Und iatz kochst ihm a Milchele,
+dem Buab'n!« gebot er beinahe herrisch. »A Lungl hat dir der Bua
+g'habt unterwegs und a Kraft; möchst es nit glaben, daß der's Kind
+vom Söllerbauer sein Regele ist!« erzählte er dann auf seine laute,
+polternde Art.
+
+Langsam war die Notburg mit dem jetzt kräftig schreienden Kind in
+das Haus hineingegangen und schaute unverwandt in das krebsrote
+Gesichtchen. In der Stube drinnen legte sie das Kind auf den Tisch
+neben die frisch gewaschene Wäsche, die zu einem Stoß aufgestapelt
+dalag. Dann machte sie sich daran, das Kind aus seiner warmen Hülle zu
+befreien.
+
+Das Kind, das stundenlang der Sonnenglut ausgesetzt auf der Kraxe
+getragen worden war, dampfte förmlich in dem wollenen Tuch vor Hitze.
+Jetzt, da es frei und ledig auf dem Tisch lag, ließ es mit Weinen nach
+und streckte wohlig die rosigen Glieder. Dann steckte es das Fäustchen
+in den Mund, sog eifrig daran, öffnete verwundert die hellblauen Augen
+und starrte auf die fremde Frau, die sich zu ihm beugte.
+
+»Mei' Häuterle!« flüsterte die Notburg weich. »Nit amal a ordentlich's
+Hemdl hat's an ...« sagte sie leise. »So a Häuterle, an arm's!«
+
+»Gelt?« Der Veit war hinter der Notburg in die kleine Wohnstube
+getreten und stand jetzt neben seiner Frau. »A Häuterle ist's, gelt,
+Notburg?« fragte er und versuchte ihr in die Augen zu schauen. »Und
+gelt, i hab' recht g'habt, daß i dir's bracht hab'?«
+
+Um den streng geschlossenen Mund der alternden Frau zuckte es
+leicht. »Was soll denn i damit anfangen?« frug sie schroff und ohne
+aufzublicken. »I kann nit umgeh'n mit Kinder. Hab's nia nit g'lernt.«
+
+»Dös lernt sich schon!« versicherte der Veit, und seine Stimme klang
+so weich wie seit langen Jahren nicht mehr. »Wirst sehen, Notburg, wie
+schnell du dös kannst, dös Kinderwarten. Und wia gern du's kriegen
+wirst, dös Häuterle! Völlig wia a eigenes. Pass' auf!« Leicht legte
+der Veit seinen Arm um die Hüfte seines Weibes. »Und wenn i nit bei
+dir bin, Notburg, nachher ist dir nimmer so derweillang, wirst sehen.
+Hast was Lebendig's um dich, das di gern hat und um das di sorgen und
+kümmern kannst. Ist dir alm abgangen, a Kindl, Notburg ...« sagte er
+weich und fast flüsternd ... »Dir ... und mir aa! I gsteh's ein. Leicht
+hätt's mi leichter g'litten da heroben, wenn so a Kleinigkeit im Haus
+umanand g'wuzelt war'. Aber lass' lei, Notburg ...« wehrte er ab, als
+die Frau Miene machte, sich aus seinem Arm zu lösen. Nur noch etwas
+fester umschlang er sie, und es war lange her, daß die Stimme des
+derben Mannes so zart und innig geklungen hatte.
+
+»Was uns der Herrgott nit g'schenkt hat, Notburg, das wollen wir uns
+iatz selber nehmen. Und wollen das Kindl da aufziechen und es ganz als
+wie's unsrige betrachten. Schau, Notburg ...« fuhr er leise redend fort
+... »i werd' ja aa alleweil älter ... und gar so lang dauert's nimmer
+... kimmt mir vor ... bis i wieder an Fried gib. Ziech mir'n auf,
+den Bub'n, Weibl ...« bat er warm und innig ... »damit wir im Alter
+no a Freud' erleben miteinander, gelt? Damit i aa weiß, für wem i mi
+g'rackert und g'schunden hab', und wem unser Sach' amal g'hört.«
+
+Treuherzig und schlicht klangen die Worte des Mannes, und fest und warm
+preßte er die Hand seiner Frau, die kühl wie immer in der seinen lag.
+
+Und der Veit versuchte es, ihr ganz so wie in früheren Zeiten in die
+Augen zu schauen. Aber die Notburg hielt den Kopf gesenkt und beugte
+sich tief über das kleine Wesen, das vor ihr auf dem Tische lag und
+behaglich mit den mageren Beinchen strampelte.
+
+Sie beugte sich so tief über das Kind, die Notburg, damit der Veit
+nicht merken solle, daß ihr die Augen feucht wurden und ihr Mund
+krampfhaft zuckte vom verhaltenen Weinen. Aber der Veit sah es doch.
+Sah's und freute sich. Und tat, was er seit vielen ... vielen Jahren
+nicht mehr getan hatte. Er nahm die Notburg um die Mitte, bog ihr den
+Kopf zurück und küßte sie auf den Mund. Lange und innig ...
+
+Und als der Herbst kam und Veit Galler abermals in die Fremde zog, da
+ging die Notburg ein weites Stück mit ihrem Manne. Fast bis ins Tal
+hinab. Und hatte kein wehes Gefühl des Abschieds im Herzen und fühlte
+sich auch nicht mehr so trostlos verlassen.
+
+Mann und Frau hatten sich in diesen letzten Wochen ihres Beisammenseins
+wieder gefunden. Hatten wieder zueinander geredet wie in ihren
+Jugendtagen, hatten Pläne gemacht und von der Zukunft gesprochen.
+
+Und die Notburg wußte und fühlte es jetzt mit Bestimmtheit: nur mehr
+etliche Jahrln, und der Veit würde bei ihr bleiben für immer.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+
+Veit Galler, der Krämer, war diesmal nicht allein fortgezogen aus der
+Heimat. Den Florian Siegwein hatte er mit sich genommen und damit im
+Dörfl ein übles Gerede angerichtet.
+
+Sie waren schlecht zu sprechen auf den Kramer Veit, im Dörfl. Schon
+deshalb, weil er so gottlos gewesen war und das schlechte Mädel,
+das Regele, von der Straße aufgeklaubt hatte und sie jetzt irgendwo
+versteckt hielt.
+
+Darüber erzürnten sich die Leute recht. Denn wenn ein Mädel wie das
+Regele, das beinahe selber noch ein Fratz war, so spottschlecht sein
+konnte und ein Kind bekam, dann gebührte ihr die öffentliche Schande.
+Wohin sollte denn das führen, wenn man so ein Mädel auch noch in Schutz
+nahm und sie der Strafe entzog?
+
+Aber natürlich, der Kramer Veit! Der wußte und verstand wohl alles
+besser, was sich schickte, als wie Kirche und Geistlichkeit! War völlig
+ein Luthrischer oder gar ein Heid' geworden, der Kramer, und war kein
+ordentlicher Christenmensch mehr.
+
+Die Notburg bekam manche bissige Redensart zu hören, weil sie das
+Kind vom Regele aufgenommen hatte. So was gab nur böses Beispiel und
+munterte förmlich zur Schlechtigkeit auf. Konnte ja alle ledigen
+Kinder aufnehmen, die Notburg, wenn sie schon solche Freude am
+Kinderwarten hatte.
+
+Das und ähnliches sagten ihr die Nachbarsleute offen ins Gesicht. Aber
+die Notburg war keine, der man bissige Reden ungestraft hinreiben
+durfte. Kräftig und derb entgegnete sie den höhnischen Angriffen, und
+die Weiber wunderten sich nur, wie die Notburg doch immer wieder fest
+zu ihrem Manne hielt. Jetzt noch mehr denn zuvor, erschien es ihnen.
+
+Sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, daß sich der Veit so
+warmherzig um das Regele annahm, und sie begriff es auch, was sie alle
+nicht begreifen konnten ... daß er nun gar auch den Florl noch aus der
+Heimat fortlockte.
+
+Was der eigentlich mit dem Burschen in der Welt draußen anfangen wolle,
+fragten sie immer wieder und schüttelten bedenklich die Köpfe. Gelernt
+hatte der Florl ja nichts und konnte wohl kaum seinen Namen richtig zu
+Papier bringen. Daß das mit dem Florl und dem Regele auf keinen Fall
+ein gutes Ende nehmen würde, das prophezeiten sie einmal alle im Dörfl.
+
+Dem Kramer Veit war es zunächst selbst ein Rätsel, was er mit den
+beiden jungen Leuten eigentlich beginnen sollte. Und als er damals
+kurze Zeit, nachdem er das Kindl auf seiner Kraxe ins Dörfl getragen
+hatte, zu dem Florl aufs Alpl hinaufgestiegen war und ihm getreu alles
+von dem Regele berichtet hatte, da fuhr er sich wohl ein über das
+andere Mal bedenklich mit der Hand durch das schüttere, graumelierte
+Haar.
+
+Neben dem Wasserle auf einer Steinplatte waren die beiden gesessen und
+etwas abseits von den Almhütten. Eine Holzröhre, vom Alter völlig mit
+Moos bewachsen, leitete quellendes Brunnwasser, und leise murmelte es
+durch die Röhre, plätscherte dann geschäftig als Brunnen, ergoß sich
+über die holprigen Steine und formte sich dann zu einem Bächlein.
+Brunnkresse, tiefblaue Vergißmeinnicht und sattgelbe Dotterblumen
+wuchsen am Rande des Bächleins, das die Bergmahd durcheilend ins Tal
+hinabrieselte.
+
+»So, Bua ... iatz woaßt es, wie's steht!« sagte der Veit und stierte
+ernst und mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. »Und daß du's Dirndl
+heiraten mußt ... dös wirst einsehen.«
+
+Forschend und scharf beobachtend sah er auf den Burschen, der ihm zur
+Seite saß. In kurzen, abgetragenen Lederhosen und mit nackten Waden und
+Füßen. Ein weißes Hemd, das jetzt nicht mehr weiß, sondern schmutzig
+grau aussah, ließ vorn die Brust entblößt, die vom Sonnenbrand braunrot
+wie die Haut eines Indianers geworden war.
+
+Auf dem Kopf saß keck herausfordernd ein spitzes Filzhütl, das einmal
+wohl schwarz gewesen sein mochte, jetzt aber grünlich schillerte.
+Eine kurze weiße Hahnenfeder schmückte das Hütl und erhöhte noch das
+verwegene Aussehen des Burschen.
+
+Er machte entschieden einen verwilderten Eindruck, der Florl, mit
+seinem ungepflegten, vollen braunen Haar, den listigen Augen und dem
+krausen Spitzbart, der das feine, sonnverbrannte Gesicht umrahmte.
+
+Wie er so dasaß, die nackten Beine vom Quell des Wassers spielerisch
+berieseln ließ und sich dabei eifrig immer wieder die Füße wusch,
+schien es, als machte die Rede des Kramers nicht den geringsten
+Eindruck auf ihn. Und doch war der Florl ganz bei der Sache und
+heilsfroh, als er hörte, daß das Regele am Leben war.
+
+Es war ihm recht, daß der Veit das Kind als sein eigenes behalten
+wollte und daß er das Mädel im Inntal draußen in einer Wirtschaft
+untergebracht hatte. Für eine Basl hatte der Kramer das Regele bei den
+Wirtsleuten ausgegeben.
+
+»A Tochter von a meiniger Basl ... die heiraten soll und halt aa gern
+no eppas lernen möcht' ...« log er der Wirtin vor. Er kannte sie schon
+seit vielen Jahren, und da er bei ihr stets ein guter Gast gewesen war,
+hielt sie große Stücke auf den Veit. Sie fragte auch gar nicht lange
+nach der Herkunft des Mädchens, und es genügte ihr, daß das Regele eine
+Verwandte vom Kramer Veit war.
+
+Arbeitskräfte konnte man in einem Gasthaus immer brauchen, und
+besonders zu Sommerszeiten, wo man noch dazu am Feld draußen alle Hände
+voll zu tun hatte. Die Wirtin lud daher das Regele recht freundlich
+ein, nur dazubleiben und halt überall zuzugreifen, wo sie eine Arbeit
+sähe.
+
+»'s G'wand vom Dirndl bring' i aft schon her, bald i wieder kimm!«
+versicherte der Veit, indem er der Wirtin die Hand zum Abschied
+hinreichte.
+
+Er hatte es recht eilig, der Kramer, wieder zur Haustüre hinauszukommen
+und zu seiner Kraxe, die er abseits vom Hause hatte stehen gelassen.
+»Denn sonst hätt' am End' der kloane Sakra 's schreien ang'hebt ...«
+erzählte der Veit lachend dem Florl ... »und nachher war's aus und
+g'fahlt g'wesen bei der Wirtin ... woaß man wohl!«
+
+Der Florl erklärte sich mit allem einverstanden. Gern wolle er ja das
+Regele heiraten, meinte er zögernd, aber ... und dabei stockte er und
+rückte unruhig an seinem Filzhütl und schaute nachdenklich hinüber zu
+den schwarzgrünen Wäldern in der Tiefe und zu den Bergen hinauf, die im
+Hintergrund der drei Hochtäler sich noch majestätischer aufbauten wie
+drunten vom Dörfl aus gesehen.
+
+»Aber?« forschte der Kramer Veit und sah mit seinen runden, etwas
+hervorstehenden Augen scharf beobachtend auf den Burschen. Seine
+wulstige Oberlippe war weit über die gelblichen Zähne emporgeschoben,
+so daß es aussah, als lache er. Er lachte aber nicht, der Veit, sondern
+war ernst und nachdenklich, wie er sich jetzt mit seinen beiden Händen
+schwer auf den dicken Stock stützte.
+
+»Koa Geld, was?« forschte er dann über eine Weile.
+
+»Ja!« nickte der Florl und schlenkerte die braunen, nackten Füße
+spielerisch im Brunnenwasser hin und her.
+
+Dann saßen sie beide wieder eine Weile schweigend, und der Quell, der
+sie trennte, murmelte und brodelte im Holzrohr. Der Kramer Veit saß
+weit nach vorn gebeugt und stützte das kurze, massige Kinn auf die
+Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hielt.
+
+»Wann i dir aa a Geld leihen tat, damit dir eppas ankaufen kanntest
+...« fing der Veit dann langsam zu reden an ... »ös derfets ja do nit
+heiraten. Seid's no viel zu jung ... ös zwoa ... saget die Gemeinde.«
+
+Der Florl nickte leicht mit dem Kopf und kraulte sich bedenklich seinen
+Bart. Sagte aber kein Wort.
+
+»So hab' i mir halt denkt, und hab's aa mit'n Regele abg'red't ... wann
+ös zwoa halt mit mir gangets ... in die Welt außi ... woaßt wohl?«
+Forschend sah der Kramer in das junge, etwas leichtsinnige Gesicht des
+Burschen.
+
+»Hattest was dagegen, du?« frug er ihn dann, da ihm der Florl die
+Antwort schuldig blieb.
+
+Der Florl schüttelte den Kopf. »Hab' nix einzuwenden dagegen!« meinte
+er und spielte unablässig mit den Füßen im Wasser herum.
+
+»Also warst nachdem einverstanden damit?« frug der Kramer eindringlich.
+»Du und 's Regele geht's mit mir auf Micheli fort, und du heiratest aft
+'s Madel. Verstanden?«
+
+»Und i heirat' aft 's Madel!« wiederholte der Florl, hörte mit dem
+Wasserplätschern auf, sah angelegentlich in die Luft, spitzte den Mund
+und stieß einen leichten Pfiff aus.
+
+»Ja ... und ...?« Der Kramer runzelte mißtrauisch die breite, wuchtige
+Stirn. »Was paßt dir aft nit?« frug er barsch.
+
+»Mir?« Der Florl schaute spitzbübisch auf den Kramer. »Mir paßt alles.
+Aber mei' Bauer ... was der eppar dazu sagt. Hab' nit aufg'sagt auf
+Micheli.«
+
+»Ah so! Dei' Bauer!« machte der Kramer Veit. »Werd' halt i a Wörtl
+reden müssen mit dein' Bauer!« ...
+
+Mit dem Dienstherrn des Florl hatte der Kramer Veit dann noch eine
+langwierige Auseinandersetzung. Er begriff nicht gleich, der Bauer,
+weshalb er so mir nichts dir nichts seinen Knecht außerhalb der
+üblichen Zeit sollte ziehen lassen. Schließlich gab er aber doch nach,
+weil der Kramer unermüdlich und in einemfort auf ihn einredete.
+
+»Muaß halt an andern stellen, der Florl!« meinte der Bauer. »Aft mag
+er von mir aus schon giahn, der Hallodri! Hab' ihn sonst nit ungern
+g'habt. Hat aufs Viech aufpaßt und koan Arbeit nit g'scheucht. Hat aa
+eppas vom Kasen verstanden, der Florl!« lobte er den Burschen. »Hatt'
+ihm nia nit aufg'sagt, dem Buab'n ...« fügte er bedauernd hinzu und
+klopfte sich umständlich die Pfeife aus. »Nia nit aufg'sagt hatt' i
+ihm!« versicherte er nochmals eindringlich ...
+
+»Also ... dös hätt'n wir glücklich bei'nander!« meinte der Kramer Veit
+zum Florl, als sich nun auch ein Ersatz für ihn gefunden hatte. »Jatz
+war'n wir so weit, und 's Madel braucht nimmer lang zu rear'n draußen,
+weil's so viel derweillang hat und ihr's gar so schiach dunkt im Tal
+unten!« sagte er breit und polternd. »Aber, mei' Florl ...« meinte der
+Veit dann in komischer Verzweiflung ... »was fang' i grad' mit enk zwoa
+an! Können tut's ja hinten und vorn nix als wia Lieder singen und a
+bissl Zither und Guitarr'g'spiel?«
+
+»Sell aa!« meinte der Florl seelenruhig. »Und Heumachen und Misttragen
+und Kuhmelken und an Kas machen ...« zählte der Florl seine Fähigkeiten
+an den Fingern ab. »Ist dös weiter nix'n?« frug er lustig.
+
+»Naa!« sagte der Kramer, sehr ernst werdend. »Dös ist nix. Kannst nit
+brauchen in die großen Städt' ... woaßt wohl! Aber enker Singerei und
+enker G'spiel, dös kann enk vielleicht a Geld einbringen, moanet i!«
+
+Da riß der Florl vor lauter Verwunderung seine beiden Augen auf, so
+weit es nur anging. Und wußte nicht, ob bei dem Kramer Veit nicht doch
+am Ende ein Radl im Oberstübchen locker geworden sei.
+
+»Dös Singen?« frug er, und nicht nur die Augen, sondern auch der Mund
+stand ihm jetzt sperrangelweit offen.
+
+»Ja!« sagte der Kramer ernsthaft. »Dö Singerei. Habt's ja beide koane
+unebene Stimmen nit und könnt's wohl aa alle G'sanglen und Jodler, wie
+sie da herin bei uns der Brauch sein. Da könnt' völlig a bissel a Geld
+außer schau'n bei der Sach' ...« sagte er nachdenklich und gedehnt.
+
+Und dann erzählte der Kramer Veit dem Florl, wie er in Amerika drüben
+oft vom Heimweh geplagt worden sei. »Woaßt ... und grad' wenn i so auf
+die Nacht unter dö ganz fremden Leut' in an Gasthaus g'hockt bin und dö
+so g'racht und g'soffen haben und manchmal aa in dera fremden Sprach'
+zu singen ang'hebt haben ... woaßt, Florl ... da ist mir grad' g'wesen,
+als müsset i aufspringen und ihnen mit der Hand 's Maul zuheben, damit
+sie nimmer singen können. Weil's alle mitanand koa anständige Stimm'
+g'habt hab'n und aa koan ordentlich's Liedl nit haben singen können.
+Und amal sein wir bei an Haar raufet worden. I und no a paar sölle
+Löder. Hab'n grad' g'sungen und schiach tan, bis i's nimmer ausg'halten
+hab' und g'sagt hab', sie soll'n 's Maul halten. Mei Lieber ... dös
+hattest sechen sollen, wie die aufbegehrt haben! I soll's besser
+machen, hab'n sie g'schrien ... wann i's könn', und sie wöll'n mir in
+Schädel einhau'n ... hab'n 's g'moant. I hab' mi weiter nit g'fürchtet
+vor'n Schädel einhau'n!« Der Kramer Veit fletschte die Zähne und reckte
+seine mächtigen Glieder. »Dö hatt'n schon Augen g'macht, bald sie mi
+angriffen hatten! Haben's aber nit tan. Sein viel zu viel b'soffen
+g'wesen dazu. Aber oans g'sungen hab' i ihnen. A Lied mit an Jodler
+drauf! Tuifel ... hab'n dir die Augen herg'macht! Nimmer auslassen
+haben's mi und mir grad' oa Glasl Wein und oa Glasl Schnaps ums andere
+eingeschenkt. Und alleweil hab' i wieder no oans singen müssen. Weil's
+ihnen grad' so viel gut g'fallen hat. Und nix hab' i zu zahlen brauchen
+denselbigen Abend. Der Wirt ist kommen und hat mi eing'laden, i soll ja
+fein g'wiß wieder kommen und aa eppas singen. Ja mei ...« Der Kramer
+Veit hielt mit seiner Erzählung inne und stieß kräftig seinen Stock in
+den steinigen Erdboden. »Wenn i dir sag' ... völlig a G'schäft hab' i
+dir mit der Zeit mit meiner Singerei g'macht. I hab's bald heraußen
+g'habt, daß sich dös umanand g'red't hat, und daß, bald i mit singen
+ang'hebt hab' ... die ganze Wirtsstuben voll Leut' g'wesen ist. Da bin
+i zum Wirt gangen und hab' g'sagt, daß i nix mehr singen tua, außer er
+zahlt mi dafür.« Der Veit grinste breit und schlau. »Ist weiter koa
+Arbeit nit g'wesen für mi ... dös glaubt's mir wohl. Hab's gern tan ...
+wenn i aa nit grad' an extra gute Stimm' g'habt hab' ... aber verdient
+hab' i ganz anständig dermit. Dös Jodeln hab'n 's halt gar so viel gern
+g'hört, dö Löder, dö ausländischen.«
+
+Still und beinahe andächtig horchend war der Florl dagesessen und hatte
+den Kramer Veit mit keinem Worte unterbrochen. Die beiden saßen wieder
+auf der Steinplatte und hatten den murmelnden Brunnen zwischen sich.
+
+Leise und gleichmäßig sprudelte das Wasser aus der Röhre und
+plätscherte dann als fröhlicher Bach über die Bergmahd ins Tal hinab.
+Abseits grasten die Kühe, und etliche lagerten im Gras und kauten blöde
+und bedächtig ihre Mahlzeit wieder.
+
+Die Melcher von den Nachbarasten gingen ihrer Beschäftigung nach.
+Lautlos war der Gang der nackten Sohlen, deren Haut schmutzig war und
+kräftig und gelb wie gegerbtes Leder. Sie bekümmerten sich nicht viel
+um den Kramer Veit, der jetzt schon öfters heraufgekommen war, den
+Florl aufzusuchen. Und was die beiden gar so eifrig zu diskurieren
+wußten, das würden sie schon noch bald genug erfahren ...
+
+Die Perlmoser Vef lachte aus vollem Halse, als man die Sache eines
+Abends beim »hoangarten« besprach. Jetzt war's ja aufgekommen, weshalb
+der Kramer Veit zum Florl aufs Alpl gekommen war. Der Florl sollte mit
+ihm gehen, das Regele heiraten und im Amerikanischen drenten Tiroler
+Lieder singen. Völlig nimmer halten konnte sich die Vef vor lauter
+Lachen!
+
+Sie saßen wie immer alle versammelt, die Leute von den fünf Asten,
+und warteten im Abenddämmer auf die Dunkelheit der Nacht. Alle kamen
+sie herüber zu den Perlmoserischen und saßen dort auf der langen
+rohgehobelten Bank vor der Türe. Ein ungewöhnlich dickes Brett war
+diese Bank, über ein paar große Steine gelegt und knapp neben der
+Eingangstüre, die nieder und rußgeschwärzt in die Küche führte.
+
+Ein kleines Holzgitter schloß die Küche ab, und auf der andern Seite
+der Türe war eine runde Öffnung in den Holzbalken der Wand angebracht.
+Da floß, von dem Innern der Küche hergeleitet, Trank für die Schweine
+in den Trog, der an der andern Seite neben der Türe stand.
+
+Lieblicher Geruch von saurer Milch und Schweineduft durchtränkte
+hier die Luft. Grunzend umstanden feiste Mutterschweine den Trog, so
+gierig nach Futter, daß sie nicht nur den Rüssel, sondern auch die
+Vorderpfoten hineinsteckten. Ängstlich quieckten die Jungen nebenher
+und schrien, wenn ein ungeschickter Tritt der Mutter sie traf. Dann
+ringelten sie die Schweifchen und rannten im Kreislauf und quietschend
+davon. Und Schlamm und Kot bedeckte den etwas sumpfigen Erdboden vor
+der Aste.
+
+Auf Holzpfosten gebaut, stand die Hütte da. Wie ein Tier, das seiner
+Hinterfüße beraubt ist, stand sie da und spreizte plump und ungeschickt
+die Beine. Lehnte sich mit dem Schindeldach, das mit großen Steinen
+beschwert war, an die Bergmahd, und große Felsblöcke, welche die Form
+von spitzigen Bergen hatten, lagen im Gras und drohten die kleine
+Almhütte einzudrücken. Von vorn aus gesehen, standen diese Almhütten
+förmlich in der Luft. Wenn man sich etwas bückte, dann konnte man ganz
+bequem darunter herumgehen.
+
+Es war eine recht kleine Hütte, die Aste von den Perlmoserischen.
+Gleich über dem Erdgeschoß hing das Dach herunter, und eng und nieder
+war die rauchgeschwärzte Küche mit dem offenen Herd. Ein viereckiger
+Tisch stand in einer Ecke, und zwei winzige Fensterchen, die nicht
+größer waren wie Taschentücher, ließen einen Blick tun hinüber in die
+Alpenwelt der Hochtäler.
+
+Von der Küche führte eine Tür, die nur schlecht in den Angeln saß, in
+einen ganz engen Raum. Ein Verschlag war es und hatte nur eine einzige
+Fensteröffnung. Da schliefen die drei Perlmosermädeln, und da hatte
+auch das Regele geschlafen, wenn sie mit am Alpl war.
+
+Sie schliefen auf Strohsäcken und ohne Bettstatt. Kein Federbett war
+vorhanden, nur ein buntüberzogener Polster und eine grobe Decke. Aber
+sie verlangten sich gar nicht mehr, die Dirndln, und es kam ihnen vor,
+als könne man in Gottes weiter Welt nirgends einen so köstlichen Schlaf
+haben wie hier oben am Alpl ...
+
+»Daß es grad' a so eppas Narrisches aa geben kann!« lachte die Vef
+ausgelassen, als die Rede von dem Florl und dem Regele ging. »Der
+Kramer Veit muß döcht a halbeter Narr sein ...« meinte sie ... »daß er
+auf so a Idee überhaupts kimmt. Der Florl und singen! Und dös Grispele
+dazu. Das Regele! Daß dös grad' möglich ist!« wunderte sich das Mädel.
+»Dö Amerikaner werden herschaug'n, wenn dös Grispele ang'ruckt kimmt!«
+spöttelte die Vef boshaft. Völlig nimmer genug tun konnte sie sich, so
+gut gefiel ihr der Spaß.
+
+»Aber a Stimm' hat sie weiter a gute! Da gibt's nix'n nit einzuwenden
+dagegen!« verteidigte die Julie, die neben der Vef auf der Bank saß,
+das Regele.
+
+Die Julie war die jüngste Schwester der Vef und gleichfalls groß
+und üppig gewachsen, obwohl sie erst sechzehn Jahre zählte. War ein
+kerngesunder Schlag, die Perlmoserischen. Hellblond und rosig sah die
+Julie aus und hatte große blaue, etwas ausdruckslose Augen. Sie war
+bei weitem nicht so hübsch wie die Vef, schien aber viel sanftmütiger
+und gutmütiger zu sein als diese.
+
+»Dös hab' i aa ... a gute Stimm' ...« erwiderte die Vef verächtlich.
+»Grad' a so gut wie 's Regele!«
+
+»Muaßt halt aa mit ummi giahn auf Amerika!« neckte einer, der Melcher,
+ein sehniger, älterer Knecht, der in kurzen Hosen und schmutzig
+färbigem Hemd auf der niedern Holzbank zwischen den beiden Mädchen saß.
+»Könntest dir eppar an Haufen Geld verdienen ...« witzelte der Knecht
+weiter, streckte die nackten Beine, die vom Stallschmutz förmlich
+starrten, weit von sich, lehnte den Kopf behaglich an die braune
+Balkenwand der Hütte und stützte die Hände kreuzweise darunter. Dann
+gähnte er ein über das andere Mal laut und herausfordernd. »Uaah!«
+
+»Ja, und du kannst nachher als Gockel mitgiahn ...« neckte die Vef
+zurück. »Weil du überhaupt koa Stimm' nit hast!« fügte sie schnippisch
+hinzu. »Leicht tragt dös no mehra Geld ein, dös Krahen!«
+
+»Kunnt leicht sein!« mischte sich nun der Wastl in das Gespräch ein.
+»Wann oans gar a so schiach tut ... wie du ...« Der Wastl konnte halt
+das Necken nicht bleiben lassen, und wenn er nur eine Gelegenheit hiezu
+fand, nützte er sie auch weidlich aus.
+
+»Du ...« warnte der Angegriffene. »Gelt, woaßt schon ...!« Boshaft
+schielten die kleinen Augen auf den jungen Burschen.
+
+»Mir scheint, der Stanis hat eppar schon z' lang nimmer g'rafft!« sagte
+da die Rosina sehr ruhig mit ihrer dunklen, weichen Stimme.
+
+Das sagte sie, weil der Stanis so ab und zu einmal ganz gerne einen
+Streit vom Zaune brach, um dabei seine überschüssige Kraft auszulassen.
+
+Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und
+über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er
+hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige
+Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln.
+Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz
+geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers
+und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament.
+
+Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und
+wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter
+ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an.
+
+Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige
+Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den
+stärksten Burschen messen mußte.
+
+So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die
+Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie
+mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie
+kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen über andere
+machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und
+dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige
+Behendigkeit.
+
+Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen
+vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte,
+daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele
+nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher,
+länger als nötig mit den andern zusammen zu sein.
+
+»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab
+und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die
+beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken.
+Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase
+vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort
+und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum
+lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an
+die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie
+bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen
+Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö
+Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu.
+
+»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der
+Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell'
+hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.«
+
+Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom
+Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte,
+leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden
+Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser
+Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht
+und verhöhnt zu werden.
+
+Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so
+grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu
+ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach.
+
+Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer
+Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen
+Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein
+brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten
+eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen
+stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen
+Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina,
+was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel
+zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn
+wie eine Dornenkrone.
+
+Die Rosina saß meist schweigend da und beobachtete. Hielt auch nie viel
+Freundschaft mit ihren Schwestern, war aber gleich diesen eine tüchtige
+Arbeitskraft.
+
+Ohne seine drei Mädeln hätte sich der Perlmoser recht schwer getan. Sie
+schufteten wie Knechte, so daß er es jetzt wenigstens etwas leichter
+hatte und an seiner drückenden Schuldenlast abzahlen konnte. Bis dann
+die kleineren Buben herangewachsen waren. Dann würde es auch wieder
+besser gehen ...
+
+So oft die Sprache von der bevorstehenden Abreise des Florl ging,
+beschlich den Wastl immer ein leises Unbehagen. Er konnte es sich
+selbst nicht erklären, weshalb. Auch wenn die Vef noch so übermütig
+darüber spottete und witzelte, sah er ihr doch immer nur mit Angst in
+die Augen, als traute er ihr nicht so ganz.
+
+Er wußte, daß es um Haus und Hof beim Perlmoser schlecht stand, und
+daß der Bauer wiederholt schon hatte alles aufbieten müssen, um sein
+Anwesen vor der Gant zu bewahren. Wäre also gerade kein Wunder gewesen,
+wenn sich die Vef ins Ausland hätte locken lassen ...
+
+Einmal, da nahm sich der Wastl ein Herz und stellte die Vef zur Rede.
+Das war, wie die Perlmoser Mädeln oben am Alpl mit der Grummetmahd
+fertig waren und wieder auf etliche Wochen hinunter mußten auf den Hof.
+
+Die Julie und die Rosina waren schon vorausgegangen. Die Vef aber
+stand, den plumpen, unförmlichen Korb auf dem Rücken, vor der niedern
+Hüttentüre und sah recht angelegentlich ins Tal hinab. Das tat sie
+zum Schein, denn in Wirklichkeit hoffte sie, daß sich der Wastl noch
+blicken lassen würde, um von ihr Abschied zu nehmen.
+
+Wenn auch die Vef manchmal recht barsch zu dem Burschen war, heimlich
+hatte sie ihn lieb. Sie ließ es ihn aber nicht merken, daß ihr keiner
+von allen Burschen so gut gefiel wie gerade der Wastl.
+
+So oft auch einer sich dem Mädchen genähert hatte und mit ihr anbandeln
+wollte, sie hatte bis jetzt immer einen jeden abfahren lassen. Lachte
+die Burschen aus auf ihre übermütige Weise und ließ sich mit keinem ein.
+
+Der Wastl wußte es nie so recht, wie er eigentlich mit der Vef daran
+war. Tat er ihr schön, so gab sie ihm eine schnippische Rede, und wenn
+er sie dann einige Tage nicht beachtete, dann führte sie geschickt ein
+Gespräch mit ihm herbei und war fein und gefügig wie ein Lamberl. So
+daß der Wastl wieder dreister wurde und von Liebe sprach. Holte sich
+aber dann sofort wieder eine tüchtige Abfuhr von ihr.
+
+»Daß du di grad' nit schamst!« sagte das Mädel dann herrisch. »I sag'
+dir's do alleweil, was i denk. Oaner, der umadum nix ist und nix hat
+... den mag i nit. Und iatz erst recht nit, weil i wieder dös Unglück
+siech mit'n Regele.«
+
+Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht
+abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich
+recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich.
+Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine
+Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde
+er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen.
+
+Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und war trotzig und kam
+nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit.
+Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht
+gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr,
+und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer.
+
+Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam
+und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock
+war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die
+weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und
+beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung.
+
+Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone
+des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie
+Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte
+sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch
+nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied
+war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut.
+
+Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den
+demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen
+Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die
+der Vef so gut gefielen.
+
+Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg
+kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr
+heraus.
+
+Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in
+die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang,
+als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte,
+gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und
+einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen
+konnte.
+
+Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die
+vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor
+sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl
+vermutete.
+
+Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den
+Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte
+er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden
+führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von
+rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend,
+und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In
+wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an.
+
+Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie
+dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb
+(Streu) aus?«
+
+»I geh' aft schon!« sagte der Bursch, von ihrem kühlen Ton schon wieder
+abgeschreckt. »Hab' dir lei B'hüat Gott sagen wollen.«
+
+Die Vef reichte ihm die Hand hin. »Also, Pfiat Gott nachher und
+wohlaufleben!« sagte sie gleichgültig. Der Wastl hielt ihre Hand fest
+in der seinen.
+
+»Sag', Vef ...« bat er dann und senkte den Blick scheu zu Boden ...
+»aber sag' mir's auf Ehr' und G'wissen, wia's eigentlich steht. I halt'
+das einfach nimmer länger aus!« stieß er gequält hervor.
+
+»Was soll i dir sagen? Daß was steht?« frug die Vef resolut.
+
+»I moan ... i will sagen ...« stotterte der Wastl ... »du sollst mi nit
+a so schinden, Vef!« brach er los und fuhr sich mit der Hand über die
+heiße Stirn.
+
+»I?« heuchelte die Vef verwundert. »I schind' di ja nit. Bist wohl
+völlig ganz rapplig worden, moan i!« spottete sie dann.
+
+»Naa, no nit. Aber es könnt's oaner schon no werden mit dir!« sagte der
+Wastl kleinlaut.
+
+Das Mädchen tat, als verstünde sie ihn nicht, und schüttelte lachend
+den Kopf.
+
+»Jatz sag' mir grad' amal, was du eigentlich willst von mir!« befahl
+sie und entzog ihm mit kräftigem Ruck ihre Hand, die er noch immer
+festhielt.
+
+»Gern hab' i di ... Madel ...« preßte er gedrückt hervor und wischte
+sich mit dem Ärmel seines dunkelfärbigen Hemdes über die feuchte
+Stirne. »Gern ...«
+
+»Ja ... und von der Liab alloan wird man nit fett!« unterbrach sie ihn
+grausam.
+
+Da sah der Wastl auf und sein weher Blick aus seinen großen,
+ausdrucksvollen Augen traf sie ins Innerste. Etwas wie Mitleid regte
+sich in ihr und ließ sie sanfter werden.
+
+»Bist ja a dummer Bua ...« fügte sie leise hinzu. »Wia oaner nur a so
+dumm sein kann!«
+
+»Also, magst mi do a bissl, Vef?« frug der Wastl mit leiser Hoffnung.
+
+Die Vef schob die vollen Schultern gleichgültig in die Höhe.
+
+»Was nützet's aa, wenn i di möcht'?« frug sie zurück. »I hab' dir's ja
+oft und oft schon g'sagt. Zu nix Guten tat' das amal nit führen. Kannt'
+sein, daß es mir ging' wia 'n Regele!« Hart preßte sie den vollen,
+sinnlichen Mund zusammen und schaute dem Burschen ernst in die Augen.
+»'s ist besser a so, Wastl ...« sagte sie jetzt weich ... »Besser für
+mi und aa für di!«
+
+»Vef?« Der Wastl hielt jetzt beide Hände des Mädels umklammert. »'s
+hoaßt, du habst den Glöschl Hias abg'wiesen. Ist das wahr?«
+
+»Ja!« nickte sie. »I mag ihn nit.«
+
+»Und hätt' do a Güatl unten im Dorf ...« sagte der Wastl sinnend, und
+seine tiefe, volle Stimme klang weh und bitter. »Kann vier Küh' halten
+und an Ochsen ...« preßte er hervor.
+
+»Von mir aus!« sagte die Vef. »Von mir aus zwölfe! I mag'n nit!«
+
+Da leuchtete es in den Augen des Burschen auf.
+
+»Vef! Auf Ehr' und G'wissen! Hast an andern gern?«
+
+»Geht's di was an?« frug sie scharf zurück und wollte sich gewaltsam
+von seinem festen Griff befreien. »Lass' mi ... du ...« gebot sie
+energisch.
+
+»Naa, Vef. No nit!« stieß der Wastl hervor. »I will die Wahrheit
+wissen!«
+
+»Und nachher?«
+
+»Nachher ...« Der Wastl schöpfte tief Atem. »Nachher ... nachher sag' i
+mein' Dienst auf und ...«
+
+»Und?«
+
+»Und geh' ins Tal außi, so weit i derkimm ... grad' fort von da, damit
+i di nit alleweil siech!« preßte er heiser hervor.
+
+»So!« Hart kam das Wort aus dem hübschen Mund des Mädels. »Aft gehst,
+bald es da nit aushalten kannst!« stieß sie zornig hervor und stampfte
+mit dem Fuß auf. »Lettfeig'n, elendige!«
+
+Ihr Zorn machte ihn kühner.
+
+»Aft ist's dir nit recht, Vef ...« jubelte er auf. »Aft soll i bleib'n
+...«
+
+»Geh'!« wiederholte sie ... »wenn di g'lustet. I brauch' di nit.«
+
+»Nit?« Zweifelnd sah er ihr in die Augen und wurde auf einmal ganz
+zuversichtlich ... »Schau, Vef ... wann du mi grad' a kloans ... kloans
+bissele gern haben könntest ... i moan, i wisset an Ausweg, daß wir
+zwoa do z'sammenkömmen taten!« sagte er bittend.
+
+»Möchtest amend gar aa auf Amerika ummi?« spöttelte sie schon wieder.
+
+Der Wastl schüttelte den Kopf. »Sell war' nix für mi!« sagte er
+schwerfällig. »Könnt' mi nit entschließen dazu. I g'hör' in die Berg'
+und du aa ... Madel!« fügte er warm hinzu. »Hab' alleweil an Zweifel
+g'habt in die letzten Wochen, ob's di nit do amend ansiecht, dö Sach'
+... ob du ...«
+
+Die Vef ließ ihn nicht ausreden, sondern lachte ihm hellauf ins Gesicht.
+
+»A so a Tolm ... a narreter. Ich sag's do alleweil, daß i nit narrisch
+bin.«
+
+»Ah nit?« machte der Wastl erleichtert.
+
+»Naa. Aber schon gar nit. Hast mir iatz no a sölle Verrucktheit zu
+sagen? I muß iatz hoamgiahn!« sagte sie barsch.
+
+»Zu sag'n hatt' i freili no eppas ...« kam es langsam über die Lippen
+des Burschen. »Kann ja a Stückl mit dir giahn, wann's dir recht ist?«
+
+»Von mir aus.«
+
+So gingen die beiden jungen Leute die steile Berghalde hinunter dem
+Perlmoserhof zu, der drunten im Tälchen stand. Die sinkende Sonne
+leuchtete im feurigen Schein über die Bergspitzen der drei Hochtäler
+und übergoß die Gletscher mit ihrem rosenroten Licht.
+
+Da sprach der Wastl von dem Plan, den er in seinem schlichten Sinn
+ausgeheckt hatte. Und bei jedem Wort, das er sagte, wurde ihm leichter
+und freier ums Herz.
+
+»Siegst, Vef ... wann du mi wirklich gern haben könntest ... grad' a
+bissele ... i moan, i könnt's do machen, daß wir a Hoamatl kriagen
+taten, wir zwoa!« sagte er weich. »War' freilich nur a kloanwinzig's
+Gütl ... aber a Hoamatl war's döcht. Und siegst, Madl ...« fing er
+dann über eine Weile wieder zu reden an, da ihn die Vef mit keiner
+Silbe unterbrochen hatte ... »die Sach' ist a so. A Bruder von meiner
+Mutter's Vater, dersell', der Göd (Taufpate) zu mir g'standen ist ...
+der hat a Güatl. Ist an oanschichtig's Mannsbild und ist aa alm a
+bißl oanzoachet g'wesen. In der Gungl enten hat er's Güatl. Ganz weit
+hinten, wo man sich im Winter völlig nimmer halten kann vor lauter
+Schnee und Eis. Bist schon amal drein g'wesen in der Gungl, Vef?«
+
+»Naa.« Die Vef schüttelte verneinend den Kopf, und ihre stets lachenden
+blauen Augen bekamen einen ernsten, weichen Schimmer. »Einig'sechen
+hab' i wohl oft in die Gungl ...« sagte sie sinnend. »Man sieht ganz
+gut eini vom Alpl droben.«
+
+Der Wastl nickte. »Ja!« bestätigte er. »Aber in dö Gegend kannst nit
+sechen, wo's Güatl ist. Dös liegt no tiefer drein im Tal. Völlig in a
+Schlucht ist's drein, und wia auf der Alm schaut's dir aus da drinnen!«
+berichtete er weiter.
+
+»Dös machet nix!« kam es leise über die Lippen des Mädchens.
+
+»Gelt, nit?« frohlockte der Bursch und faßte nach der Hand des Mädels.
+»Gelt, a Hoamatl war's döcht?«
+
+Ernst sah das Mädchen vor sich hin.
+
+»Moanst, er übergibt's ... dei' Göd?«
+
+»Wann i zu ihm geh' und 's ihm derklär' und sagen könnt', wia's steht
+zwischen uns zwoa ... könnt' sein, daß er's tat'!« meinte er langsam
+und schwerfällig. »Und i wollt' arbeiten und schaffen, und nix war' mir
+zu viel von der Fruah bis spat. Wann i di nur hätt', Vef!« versprach er
+schlicht und innig.
+
+Nun gingen die beiden ein großes Stück des Weges bergab, und keines
+sagte ein Wort. Unten sah man schon die grünen Wiesen des Tälchens
+liegen und den schwarzgrünen Fichtenwald, der es fast wie ein Kranz
+umsäumte. Hand in Hand gingen sie, und es geschah zum ersten Mal, daß
+die Vef den Druck des Burschen warm erwiderte.
+
+»Wann i amal wissen tat, wohin i g'höret, aft hatt' i nix dagegen ...«
+brach das Mädel dann das Schweigen. »Wann's aa no so kloan war' 's
+Hoamatl ...«
+
+Da konnte sich der Wastl nimmer halten. Ganz wild war er vor lauter
+Freude.
+
+»Also, hast mi do gern, Madel?« Er schrie die Frage jubelnd heraus, so
+daß das Echo von den Felswänden des Berges widerklang.
+
+»Freilich hab' i di gern!« lachte die Vef jetzt und zeigte ihre weißen
+Perlenzähne. »Moanst, i hätt' sonst den Glöschl Hias abg'wiesen? Ist ja
+a feiner Mensch her.«
+
+»Aber i bin dir der lieber, ha?« Der Wastl wartete die Antwort gar
+nicht erst ab. Schaute in die strahlenden Augen des Mädels, die innig
+und verheißungsvoll aufleuchteten.
+
+»Madel ... Madel ...« stieß er hervor und zog sie kräftig in seine
+jungen, starken Arme und küßte sie.
+
+Freilich, der Korb, den sie am Rücken trug, bildete ein großes
+Hindernis für seine stürmischen Gefühle. Der mußte fort. Die Vef war
+damit einverstanden, daß er ihr den Korb vom Rücken nahm und im weiten
+Bogen gegen das Tälchen hinabwarf. War mit einem Male ganz gefügig, die
+Vef, und duldete es sogar, daß der Wastl sie ganz gehörig abbusselte.
+Sie setzte sich sogar zu ihm hin ins Gras und schmiegte sich fest und
+weich in seinen Arm.
+
+»Hab' di ja alleweil gern g'habt, du Bua, du deppeter! Grad' verstanden
+hast mi nit!« gestand sie ihm dann. »Und daß i dir's glei' sag'. Es
+bleibt beim busseln ... verstehst mi? Bis wir verheirat' sein und dei'
+Göd übergeb'n hat. Jetzt weißt es.«
+
+Ganz resolut war sie nun wieder und so ernst, daß sich der Wastl nimmer
+getraute, ihr noch ein Bussel zu geben. Da lachte ihn das Mädel mit
+ihren strahlenden blauen, übermütigen Augen an. Schlang ihren vollen,
+weichen Arm um seinen Hals und preßte ihren Mund innig und heiß auf den
+seinen.
+
+»I bin ja so froh, wenn i di kriag ... Wastl ... so froh ...« flüsterte
+sie.
+
+Und lange ... lange saßen die zwei jungen Menschenkinder im Abenddämmer
+und hielten sich fest umschlungen. Bis dann die Mondsichel silbern am
+Firmament stand und weißer Nebeldunst vom Tal herauf zu den Bergen
+stieg. Da erst trennten sie sich, die Vef und ihr Wastl.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+
+War das ein jauchzendes Glück in dem kleinen Berghöfl in der Gungl!
+Drei Jahre hausten sie nun schon da, der Wastl und die Vef und
+zwei kleine halbnackte Kinderchen strampelten in der engen Stube,
+quietschten vergnügt und gaben der Vef alle Hände voll zu tun.
+
+Glückselig lachte die Vef und sang und schmetterte ihre Lieder hinaus
+in die Alpenwelt. Sie schaffte und arbeitete und küßte dann wieder die
+kleinen nudeldicken, blonden Buben. Und jeder Tag erschien ihr zu kurz
+für das große Glück, das sie genoß. So schön war's auf der Welt und so
+herrlich hier hinten im Tal und in dem engen Hüttl, das ihre Heimat
+geworden war.
+
+Der Wastl arbeitete wie ein Ackergaul für Weib und Kinder und hatte
+keinen anderen Gedanken wie sein junges Weib. Und hohe Zeit war es nun
+wieder, daß das zweite Kindl aus der alten, wurmstichigen Holzwiege
+kam; denn das dritte hatte schon seine Ankunft angekündigt, und wenn's
+mit der Verliebtheit dieser beiden jungen Leute so weiter ging, dann
+konnte das kleine Hüttl bald nicht mehr den reichen Kindersegen fassen.
+
+Sie hatten noch etliche Jahre aufeinander warten müssen, die Vef und
+der Wastl. Sie seien noch zu jung zum heiraten, hatte die Gemeinde
+erklärt; denn so junge unerfahrene Menschen läßt man nicht heiraten.
+Die hausten meistens schlecht, brächten ihr Besitztum herunter und
+fielen dann der Gemeinde zur Last.
+
+Das konnte man nicht dulden, und deshalb mußte die Liebe der beiden
+noch ein wenig gebändigt werden. Bis der Wastl mündig geworden war ...
+dann erst übergab ihm der Göd das Gütl und ging in den Austrag.
+
+Es hatte viel Überreden gebraucht, bis sich der alte Mann dazu
+verstand. Aber schließlich, alt war er ja genug und auch nimmer ganz
+fest mit'n G'sund. Der Winter war hart, rauh und lang in der Gungl
+drinnen, und wenn man da jemand bei sich hatte, der einem ein bissl
+Arbeit abnahm und auch ein bissl auf einen schaute, so wäre das gerade
+ja auch nicht zu verachten, dachte er schließlich bei sich. Aber bis so
+ein Bauer die Herrschaft über sein Reich ... und wenn es auch noch so
+klein und unansehnlich ist ... aufgibt, braucht's einen gar gewaltigen
+Entschluß.
+
+Als der Wastl das erste Mal zu dem Göd kam, um ihm sein Anliegen
+vorzutragen, hatte er nur geringen Erfolg.
+
+Der Göd war ein großer, hagerer Mann. Schier Haut und Knochen war
+der Alte und gemahnte an einen starken Baum im Hochwald, dessen Mark
+verdorrt war. Aber die Knochen waren stark und die Adern straff wie
+Stricke. Sein Gang war steif, denn die Beine wollten sich nicht mehr
+recht in den Gelenken abbiegen. Der Rücken senkte sich leicht nach
+vorne, aber der Göd hielt ihn mit aller Kraft aufrecht.
+
+Er ließ sich nicht so leicht unterkriegen von der Last der Jahre, der
+alte Mann! Eisgrau war der Kopf, schmal und knochig, und eine gewaltige
+Adlernase ragte kühn aus dem scharfgefurchten, bartlosen Gesicht.
+
+Die kleinen hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sahen aber scharf
+wie die Augen eines Adlers. Und mit diesen scharfen Augen schaute der
+Alte jetzt streng und abweisend auf den Wastl, der bittend zu ihm
+gekommen war.
+
+»Kannst nit warten, Bua ... bis i hin bin?« frug er mit seiner heiseren
+Stimme, die davon zeugte, daß der Göd mit 'm G'sund nit ganz richtig
+war. »Aft kriagst alles. Bist ja mei' Godlkind!« fügte er hinzu.
+
+Der Wastl zog den Kopf ein und schaute gedrückt zu Boden.
+
+»Dös kann aa no zwanz'g Jahr' sein!« meinte er. »Und 's Madl ...«
+
+»Mei! 's Madl!« machte der Alte verächtlich. »'s Madl! Dös heirat' halt
+derweil an andern.«
+
+»Dös soll sie aber nit!« brach der Wastl leidenschaftlich aus. »Dös
+derleid' i nit.«
+
+Der Alte im derben, schäbiggrauen Lodenrock mit den plumpen,
+bodenscheuen Hosen und unförmlichen Holzschuhen, saß eine Weile
+beobachtend neben dem Burschen auf der Ofenbank der kleinen Stube. Die
+flache Hand stützte er schwer auf die Bank, weil ihm das Aufrechtsitzen
+hart ankam. Den grünlich schwarzen, spitzen Filzhut hatte er fast bis
+über die Augen gerückt, und das rote Halstüchl, das er lose um den
+dürren, adrigen Hals geschlungen trug, schien ihm auf einmal viel zu
+eng zu werden. Sein zahnloser Mund mit den farblosen Lippen zitterte
+leicht und unaufhörlich.
+
+»Dös derleidest nit!« wiederholte der Göd über eine Weile und machte
+sich an seinem Halstüchl zu schaffen. »Dös derleidest nit!« brummte er
+ein paarmal leise vor sich hin. »Ah a so! Wohl nit!« machte er dann
+nachdenklich.
+
+»Naa.«
+
+Langsam und bedächtig nickte der Alte mit dem zittrigen Kopfe. Dann
+meinte er schwerfällig: »Unseroans hat aa manches nit derlitten.
+Unseroans! 's ist aber aft do aa gangen. Guat ist's gangen. Recht
+guat!« wiederholte er.
+
+»Göd!« Gequält sah der Bursch dem Alten in die Augen, die ihn mit einem
+Male hart und grausam dünkten. »Seid's iatz an alter Mann, Göd! Und
+könnt's Euch leicht nimmer vorstellen, was a junger empfindet. Wenn oan
+a Madel alles ist auf der Welt. Himmel und Herrgott und ...«
+
+Da hob der alte Mann den Zeigefinger seiner knochigen rechten Hand
+warnend in die Höhe. So steif und ungelenk war der und zitterte
+bedenklich.
+
+»Tua nit freveln, Bua!« warnte er. »Der Herrgott ist mehrar wia a Weib!
+Tua nit freveln! Nit freveln!« wiederholte er mit seiner heiseren
+Stimme. Aber dann gab er doch wenigstens seine Einwilligung, daß der
+Wastl die Vef zu ihm bringen durfte.
+
+»Magst sie schon bringen, dei' Madl ...« meinte er, etwas weicher
+gestimmt. »Anschaug'n kann i sie ja. Aber das sell sag' i dir glei'
+... deswegen übergib i no lang nit. Und wann sie aa no a so a schian's
+Fötzl hermacht. Dassell rührt mi nit, sag' i dir. Schon gar nit!« ...
+
+Es hat ihn aber dann doch umgestimmt, den Göd, als er die ehrliche
+und fast kindliche Freude des Mädels über das Hoamatl sah. Völlig
+gerührt war der alte Mann geworden, weil die Vef alles so schön fand
+und die Gegend so lobte. Da wurde ihm der Blick feucht, und die Stimme
+zitterte, und der zahnlose Mund zog sich noch mehr in die Breite und
+wurde zum freundlichen Grinsen.
+
+»Ah a so!« machte er. »Schian dunkt's di da, Madel! Wohl schian? Ist
+freili schian. Freilich! Wann's aa nit extra groß ist. Zwoa Goaß und a
+Kuah! Ist wohl epper z'wenig für enk zwoa, ha?«
+
+Die Vef schüttelte den Kopf und lachte wie immer ihr strahlendes
+lustiges Lachen.
+
+»Ah sell tut's leicht!« meinte sie sehr zufrieden. »Und halten wollt'
+i Enk, Göd ... wie mein' eigenen Vater!« sagte sie warm und nahm die
+blutleere kalte Hand des Alten in ihre warme Hand. »Sollt's es recht
+... recht fein haben bei uns!« versprach sie.
+
+Der Alte blinzelte mit seinen kleinen Augen, die so tief in ihren
+Höhlen lagen, erst auf den Wastl und dann auf die Vef, die vor ihm in
+der Stube standen. Dann zog er die scharfe Adlernase ein paarmal in die
+Höhe, als müsse er durch sie eine höhere Erleuchtung einschnuppern.
+
+»Ist a toll's Mensch her ... dei' Madl!« lobte er dann befriedigt.
+»Und aa a schian's Mensch her. Kannst a Freud' hab'n dermit. A recht a
+saubers Mensch, dei' Vef!« murmelte er zufrieden vor sich hin. »Kann aa
+ordentlich zugreifen bei der Arbeit ...« überlegte er. »Sölle Arm' wia
+die dir herhat ... recht an ordentlich's Weibets, kam' mir amal für!«
+nickte er immer wieder vor sich hin.
+
+Damit war die Sache eigentlich gewonnen, und sie hatten nur mehr auf
+die Gemeindebewilligung zu warten. Die ließ dann freilich noch ein
+paar Jahre auf sich warten, und der alte Mann in der Gungl, der immer
+gebrechlicher und kränker wurde, drängte schließlich selber zu der
+Heirat und konnte es kaum mehr erwarten, bis das junge Paar in seine
+Hütte einzog.
+
+Ein kleines, enges Reich war das Gütl vom Göd. Die Heimat vom Regele
+war im Vergleich ein großer Holzpalast.
+
+Der Göd war in eine kleine Kammer neben der Stube gezogen. In der Stube
+selbst schliefen die jungen Leute mit ihren Kindern, und in der Küche
+wohnten sie zum großen Teil.
+
+Da wiegte die Vef ihr jüngstes Kind und herzte ihren Erstgeborenen im
+seligen Glück. Und innig und dankbar genoß sie die Liebe ihres Mannes,
+der ihr wie ein treuer Knecht ergeben war.
+
+Das Regiment im Haus aber hatte die Vef inne. Das war nun schon einmal
+so. Auch der Alte fügte sich ihr gerne, brummte darüber und schmunzelte
+dazu. War nicht mehr zu viel nutz auf der Welt, der alte Mann. Saß
+fast den ganzen Tag steif und zittrig in der rauchgeschwärzten kleinen
+Kuchel auf der Bank neben dem offenen Herd und wärmte sich. Blinzelte
+in die Luft und brummte unverständliche Laute vor sich hin ...
+
+Und wieder war's Sommer geworden in der Gungl. Die Vef hatte den Göd
+mit der Aufsicht ihrer Kinder betraut und ging hinaus auf die Mahd,
+ihrem Mann zu helfen. Der trug auf hochbeladener Kraxe das Heu in den
+Stadel ein, und die Last war so schwer, daß der junge starke Körper bei
+jedem Schritt zitterte und die Brust keuchte.
+
+Von steiler Halde trug er das Heu, und langsam und vorsichtig, aber
+sicher setzte er die nackten Füße auf den schlüpfrigen Boden. Ein
+Fehltritt nur, und der Wastl wäre ausgerutscht, hätte sich, da er
+nirgends einen Halt hätte finden können, überkugeln müssen und wäre
+abgestürzt.
+
+Ein mühsam schweres Ernten war das hier hinten in der Gungl. Zu
+Lasttieren wurden die Menschen, und im mühseligen, nimmer rastenden
+Fleiß mußten sie dem spröden Erdreich schier jede Kartoffel abringen.
+
+Die Felswände, mit langen Gräsern bewachsen, die wie Schleier
+darüberfielen, ragten glatt und mächtig oberhalb der Mahd zum steilen
+Berg empor. Hie und da hatte auf brüchigem Felsvorsprung ein Strauch
+oder Bäumchen sich eingenistet, und seine Wurzel gedieh und sog an dem
+spärlichen Erdreich, das ihm hier Nahrung bot.
+
+Im engen Tal brauste der Bach. Wild und ungebärdig. Haushohe Felsblöcke
+lagen darin und hielten den Wellen Widerpart. Das brodelte und schäumte
+und bäumte sich auf in wildem Grimm, formte sich zum Kessel und
+spritzte in weißem Gischt zornig empor.
+
+Große und kleinere Felsblöcke lagen auch verstreut in den grasigen
+Halden und in unmittelbarer Nähe der Hütte. Ein windschiefer Zaun
+grenzte das kleine Besitztum ab und machte es als Anwesen kenntlich.
+
+Sogar eine kleine Gasse führte hier vorbei. Die war so steil und
+steinig, daß nur die abgehärteten Füße dieser Bergmenschen ohne
+Schmerzen sie gehen konnten. Dieser steinige Weg führte tiefer ins Tal
+hinein, bis zu dem Rand des Gletschers. Almen lagen da drinnen, auf
+denen zur Sommerszeit das Vieh aufgetrieben wurde.
+
+Die Vef hatte ein hellfärbiges Tüchl schützend gegen den Sonnenbrand
+über den Kopf gebunden, die Ärmel ihrer dunklen Jacke weit
+zurückgeschoben und den Rock vorne hochgeschürzt. So stand sie auf der
+Mahd und zog mit dem Rechen das Heu zu einem Haufen zusammen.
+
+Ziemlich hoch oben auf der Halde arbeitete sie, dort wo die Felswände
+anfingen und die Luft schwer zu drücken schien durch die Macht der
+emporragenden Wände. Der Wastl trug gerade wieder seine gefährliche
+Heulast zum Stadel herab, der knapp hinter seinem Häusl stand.
+
+Im Gassl unten trieb ein Mann etliche Schweine vorbei. »Tschöh ...
+tschöh ... tschöh ...« lockte er; denn die Tiere, eigenwillig wie sie
+nun einmal sind, wollten nicht vorbei an der Hütte. Offenbar witterten
+sie gutes Futter in der Nähe und wünschten Einkehr hier zu halten.
+
+»Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte der Mann, und ungeduldig
+hieb er mit seinem Stock auf die Schweine ein, daß sie grunzend und
+schreiend vorwärts liefen.
+
+Die Vef hielt mit der Arbeit inne und schaute von ihrer Höhe aus
+neugierig zu dem Wanderer herab, der sich kleinwinzig ausnahm. Sie
+hielt die Hand vor die Augen, um besser zu unterscheiden, wer der
+Wanderer sei.
+
+»Weit aus?« rief sie ihm mit ihrer weittragenden vollen Stimme zu.
+
+»Nimmer gar weit!« rief er zurück.
+
+An dem Klang der Stimme erkannte sie ihn.
+
+»Jessas! Der Stanis!« rief sie freudig herunter. »Grüß di Gott, Stanis!«
+
+Und dann warf sie den Rechen beiseite und kam, so schnell sie es
+vermochte, über die Halde heruntergelaufen, um den alten Bekannten vom
+Alpl zu begrüßen.
+
+»Muaßt schon einer giahn, Stanis ...« lud sie ihn ein. »A Maulvoll
+Milch kosten und a Brot und an Butter essen. Hab' erst heut' in der
+Fruah frisch gekübelt!« erzählte sie.
+
+»Ja ... und meine Facken?« wies der Stanis ärgerlich mit dem Stock auf
+die Schweine, die schon wieder ihren eigenwilligen Weg laufen wollten.
+
+»Dö locken wir einer da und geben ihnen an Trank. Wart', i hilf dir!«
+Und resolut wie sie war, half sie dem Stanis die Schweine in den Stall
+treiben.
+
+»Schlagt dir guat an, die Gungl!« neckte der Stanis, als er in der
+Küche beim Tische saß und aus der hölzernen Milchschüssel trank.
+»Ausgezeichnet!« Vom Fuß bis zum Kopf musterte er sie dreist und
+frech. »Hast no mehra sölle Fratzen?« meinte er dann, auf die beiden
+Kinderchen deutend.
+
+»Bis iatz grad lei dö zwoa!« sagte die Vef und hielt dem Stanis voll
+Stolz das nackte dicke Bübl entgegen, damit er es gebührend bewundern
+solle.
+
+»Wia alt bist aft'n du?« frug der Stanis und beugte sich zu dem
+größeren Kinde, das nur mit dem färbigen Hemdchen bekleidet am Boden
+saß.
+
+»Der? Der ist zwoa Jahr auf Martini und der kloane acht Monat. Aber
+so viel a braver! So viel a braver Bua!« lobte sie und putzte das
+kleine Stumpfnäschen mit ihrer Schürze. »Gelt, Ahndl, brav ist er, der
+Luisele?«
+
+Der Alte auf der Herdbank, im Lodenrock und mit dem Hut am Kopf,
+brummte mit seinem zittrigen, zahnlosen Mund unverständlich vor sich
+hin. Die Vef war aber ganz zufrieden mit dem, was sie für eine Antwort
+hielt. Gleich wandte sie sich wieder dem Stanis zu. »Gelt, und toll ist
+er?« frug sie voll Mutterstolz.
+
+»Was geiht's aft eppar iatz ab? Zwilling?« frug der Stanis boshaft.
+
+»Von mir aus aa. Je mehr Kinder, desto liaber!« lachte die Vef.
+
+Da mußte der Stanis laut herauslachen über das ehrliche Geständnis.
+
+»Wo hast aft dein' Alten, den Wastl?«
+
+»Werd' glei kömmen.« Sie öffnete die Türe und rief mit ihrer schönen
+dunkeln Stimme den Namen ihres Mannes.
+
+»Wastl! Einer giahn! Der Stanis ist da!«
+
+Es dauerte eine Weile, bis der Wastl kam. Der Stanis aber erzählte
+indes, was sich in der Heimat draußen in der letzten Zeit ereignet
+hatte.
+
+»Der Kramer Veit ist wieder kömmen!« berichtete er nach einer kleineren
+Pause.
+
+»Ah wohl!« machte die Vef interessiert und setzte sich mit dem jüngsten
+Kind am Schoß zu dem Stanis auf die Bank hin, während das größere auf
+allen Vieren am Boden herumkroch. »Wohl wieder kömmen?« frug sie. »Hat
+er was verzählt vom Regele und vom Florl? Sein's iatz verheirat' ... dö
+zwoa?« forschte sie neugierig.
+
+»Freilich verheiratet. Sein aa mitkömmen dö zwoa!« berichtete der
+Stanis und schnitt sich mit seinem großen Taschenmesser ein gewaltiges
+Stück Brot ab, das er dann fingerdick mit Butter bestrich.
+
+»Was du nit sagst? Da sein's?« verwunderte sich die Vef.
+
+Da kam der Wastl zur Stubentür herein und mußte sich tief bücken, damit
+er nicht an den Balken anstieß. »Grüaß di Gott, Stanis!«
+
+»Grüaß Gott aa!«
+
+Er sah gealtert aus, der Wastl, mitgenommen von der harten Arbeit, und
+tiefe Furchen hatten sich vorzeitig in dem jungen, wetterharten Gesicht
+eingegraben.
+
+»Horch, Wastl, was der Stanis verzählt!« rief die Vef wichtig. »Der
+Florl und 's Regele sein hoamkömmen mit'n Kramer Veit.«
+
+»Wohl kömmen? Ah so!« sagte der Wastl und setzte sich aufatmend neben
+sein Weib. Sein Gesicht war noch aufgedunsen und hochrot von der
+schweren Arbeit, und dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn und
+machten das hereinhängende schwarze Haar feucht glänzen. »Was machen's
+nacher, dö zwoa?« erkundigte sich der Wastl ziemlich gleichgültig.
+
+»Faulenzen tian's!« sagte der Stanis scharf. »Und nobel sein dir dö
+zwoa g'worden! Am hellichten Werktag laufen's im Sonntagsg'wand umadum!«
+
+»Haben's Kinder?« forschte die Vef interessiert.
+
+»Naa. Haben koane.«
+
+»Nit?« meinte sie verwundert und drückte ihr kleines Bübl, das vor
+Wonne krähte und sie aus hellen runden Augen anlachte, innig an ihre
+volle Brust. »Koane Kinder?«
+
+»Aber dös oane ... dös Büabl ... dös hat die Notburg no alleweil?« frug
+der Wastl.
+
+»Dös hat die Notburg no alleweil!« bestätigte der Stanis. »Laßt's aa
+nit her, die Notburg, und recht hat sie!« erzählte er weiter. »Söllene
+zwoa, wie dir dö sein!« sagte er verächtlich und kaute laut schmatzend
+sein Butterbrot.
+
+»Ja ... und haben's aft döcht a Geld verdient mit der Singerei?« frug
+die Vef weiter.
+
+»Freilich! A woltern a Geld haben's verdient, sagt der Kramer Veit.
+Söllene zwoa, wie dir dö sein!« entrüstete er sich weiter. »Wöllen iatz
+no a paar Madeln und Buab'n mitlocken zu dera Singerei Aber dem Kramer
+Veit ist die Sach' nit ganz g'recht. Er tu' da nimmer mit, hat er
+erklärt.« Verächtlich spuckte der Stanis im weiten Bogen zur Seite.
+
+»Dös sell glab' i schon!« meinte der Wastl schwerfällig, äußerte sich
+aber in keiner Weise, wieso er zu dieser Ansicht kam.
+
+»Ja, und was sagt aft der Söllerbauer dazu?« frug die Vef interessiert.
+
+»Nix'n sagt er. Was soll er aa sag'n? Aber dei' Vater larmt dir anders,
+Vef!«
+
+»Mei' Vater?«
+
+»Freili ... dei' Vater.«
+
+»Ja ... z'wegen was denn?« frug die Vef betroffen. »Was geht denn dös
+mein' Vater an?«
+
+»Wann die Rosina aa mittuan will, bei dera Singerei.«
+
+»Dö Rosina?« Die Vef war aufgesprungen und legte den Säugling achtlos
+in die Wiege hinein. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften. War
+ein stattlich schönes Weib geworden, die Vef, trotz der ärmlichen
+Kleidung und trotz des Kindersegens. »Jatz bin i's do nimmer! Die
+Rosina? Ja ... was sagst aft iatz du, Wastl?« frug sie ihren Mann
+scharf, als ob dieser Schuld an der Sache trüge.
+
+»Nix sag' i. Soll halt giahn, wenn sie's g'lustet.«
+
+»Kimmst du bald amal zur Rosina, Stanis?« erkundigte sich die Vef.
+
+»Kann leicht sein.«
+
+»Sag' ... sie soll einer giahn zu mir in die Gungl. Lang dauert's ja
+do nimmer, bis das Kloane kommt, und da mag sie mir auswarten. Und dö
+Flausen, dö treib' i ihr aft aus, dös woaß i!« erklärte das junge Weib
+resolut ...
+
+Die Rosina hat sich aber bei der Vef nicht blicken lassen. Die Julie
+war statt ihrer gekommen zum Auswarten, und der Florl und das Regele
+waren auch mitgekommen, um die alten Freunde aufzusuchen.
+
+Die Vef und der Wastl rissen da freilich beide Augen auf, als sie das
+Regele und den Florl wiedersahen. So verändert, wie die waren, und
+kamen ihnen so fremd vor, daß sich der Wastl und auch die Vef anfangs
+wirklich hart taten mit reden.
+
+Das Regele tat ganz besonders geziert und redete eine Sprache, wie man
+sie in dieser Gegend herum nicht gewohnt war. Und fein angezogen war
+sie! Hatte ein schwarzsamtenes Miederleibchen und ein helles Seidentuch
+darein gesteckt, und ihr Hals guckte blühweiß und schlank daraus
+hervor. Eine große goldene Brosche hielt das Tüchl ziemlich tief am
+Halsausschnitt zusammen, und in den zierlichen Ohren hatte sie ein Paar
+goldene Ohrgehänge, die viel zu lang und schwer waren für die feinen
+Läppchen und sie unnatürlich in die Länge zogen.
+
+Aber dem Regele schienen die schweren Ohrringe ganz besonders gut zu
+gefallen; denn sie drehte und wendete das feine Köpfchen nach allen
+Seiten, um sie ja recht zur Geltung zu bringen. Wie ein kokettes
+verliebtes Kanarienvogerl war sie und lachte lieb und zutraulich, wenn
+sie mit dem Wastl sprach. Und wenn sie mit der Vef sprach, dann war
+es, als ob ein ganz klein wenig Herablassung in ihrem Blick läge. Und
+eine helle Seidenschürze hatte das Regele, die so kostbar war wie jene,
+welche die reichen Bäurinnen nur an den allerhöchsten Festtagen zu
+tragen pflegten.
+
+Die Vef konnte sich im Anfang gar nicht satt sehen an dem Regele. So
+gut gefiel sie ihr. So fein und nobel wie sie aussah und so hübsch und
+jung dabei. Wie ein junges Dirndl von zwanzig Jahren war das Regele und
+sah gar nicht aus wie eine verheiratete Frau.
+
+Der Florl erzählte lachend, wie man das Regele draußen in der Welt
+immer für ein Fräulein halte, und wie es kein Mensch wisse, daß das
+bildhübsche Tiroler Mädel seine rechtlich angetraute Gattin sei.
+
+»Fräulein Regina sagen die Leut' zu mein' Grispele!« lachte der Florl
+überlaut, und es klang doch etwas erzwungen, wenn man mit feinem
+fühlendem Ohr zu hören verstand. Wenigstens erschien das dem Wastl
+so, der, die Arme auf die Knie gelegt, vornüber geneigt dasaß und
+aufmerksam zuhorchte.
+
+»Und Verehrer hat dir die ...« prahlte der Florl weiter und legte
+seinen Arm um die zierliche Figur der kleinen Frau ... »könnt' eins
+völlig eifersüchtig werden, wie dö fremden Mannderleut' damit tun ...«
+meinte er.
+
+Die Vef schlug die vollen Arme über den Kopf zusammen.
+
+»Und dös derlabst du, Florl?« frug sie voll Verwunderung. »Und bist nit
+amal eifersüchtig?«
+
+Hellauf lachte da der Florl und zog das Regele eng an sich. »Ist ja do
+~mei'~ Weibl!« sagte er stolz. »Und g'hört koan als mir alloan.
+Und dös andere, dös g'hört mit zum G'schäft!« erklärte er.
+
+»Was g'hört mit zum G'schäft?« frug da der Wastl auf seine
+schwerfällige Art und runzelte bedenklich die Stirn. »Wann i mei' Weib
+...«
+
+»Bua, das verstehst du nit!« erklärte ihm der Florl mit herablassender
+Miene. »Dös ist dir ganz an andere Sach' und nit a so wie bei uns
+herinnen. Siehst, wann sich so a frisches Tiroler Dirndl hinstellt
+und zu jodeln anfangt, dann ist's aa jedesmal, als ob ihr alle Herzen
+zufliegen taten. Aber das Jodeln und schian singen allein tut's nit.
+Kannst mir's glauben. Da muß aa a bißl a Aufmachung dabei sein. Eppas
+fürs Aug'. Und zu der Aufmachung g'hört's aa, daß wir's nit an jeden
+auf die Nas'n binden, daß wir verheirat' sein. A ledig's Dirndl wirkt
+besser als wie a verheirat's Weib. Kannst mir glauben.«
+
+Selbstbewußt und energisch hatte der Florl gesprochen, und die Vef
+und der Wastl hatten ihm in lautloser Stille zugehört. Sie saßen
+in der düstern Küche am Tisch und bewirteten ihre Gäste mit Milch
+und Butterbrot. Am Boden rutschte das älteste Bübl in seinem grauen
+Flanellhemdchen, und das jüngste strampelte in der Wiege und schrie
+gebieterisch nach der Mutter.
+
+Die Vef eilte zu ihm und nahm es auf ihren Schoß. Der Göd saß auf der
+Herdbank, den Hut am Kopf und wie immer in seinem grauen, abgetragenen
+Lodenrock mit den schwarzen Samtaufschlägen an den Ärmeln, und murmelte
+leise und unverständlich vor sich hin und bezeigte keinerlei Interesse
+an den fremden Besuchern.
+
+Die Julie hatte sich schon heimisch gemacht; denn sie sollte ja nun
+etliche Wochen bei der Schwester bleiben. Sie hatte das Werktagsgewand
+angezogen und versuchte nun eine kleine freundschaftliche Annäherung
+mit dem kleinen blonden Buben am Fußboden herbeizuführen. Der wich ihr
+aber standhaft aus, rutschte so weit er konnte von ihr weg und zu dem
+Alten hinüber, der auf der Herdbank saß.
+
+Von da aus betrachtete er die Julie neugierig, aber mit ausgesprochenem
+Mißtrauen; und als die Julie ihre Annäherungsversuche so weit trieb,
+daß sie den Kleinen auf ihren Arm nahm, da brüllte der Wicht ganz
+ungebärdig und wollte sich gar nicht mehr beruhigen lassen.
+
+Erst als die Vef den Buben nahm und ihn mit einem tüchtigen Klaps
+dem Wastl aufs Knie setzte, hörte er zu schreien auf. Er sah aber
+unausgesetzt und mit zornigem Gesichtchen zu der neuen Tante hinüber,
+stets bereit, bei dem geringsten Annäherungsversuch von ihrer Seite in
+ein erneutes Gebrüll auszubrechen.
+
+»Der hat a Stimm'!« meinte der Florl anerkennend, und das Regele
+schnitt ein so wehleidiges und zimperliches Gesicht, daß man es ihr
+wohl anmerken konnte, wie unleidlich und zuwider ihr Kindergeschrei
+geworden war.
+
+»Gibt amal an guten Sänger ab ... mit der Lungl!« erklärte der Florl
+mit Bestimmtheit.
+
+»Möchtest ihn leicht mitnehmen auf deine Reisen?« lachte die Vef und
+schaukelte ihren Jüngsten unaufhörlich im Arm hin und her.
+
+»Den? Naa. Der ist mir no zu jung!« sagte der Florl lachend. »Aber enk
+zwoa, di und den Wastl! Enk könnt' i gut brauchen.«
+
+Dem Wastl war, seit der Florl und die Regina zu Besuch hier weilten,
+etwas beklommen zumute. Er wußte nicht recht, was es war, aber es
+freute ihn durchaus nicht, daß die beiden zu ihnen gekommen waren. Er
+fühlte: diese beiden paßten nicht mehr zu ihnen und auch nicht mehr in
+die Einsamkeit dieser Berge.
+
+Aus dem Florl war ein Herr geworden. Ein viel feinerer Herr wie aus
+dem Kramer Veit, der sich trotz jahrelanger Abwesenheit von der Heimat
+in Sprache und Art doch immer gleichgeblieben war. Der Florl aber fand
+nicht mehr den richtigen Ton, wenn er mit seinen Landsleuten sprach. Es
+war etwas Fremdes in seinem Wesen, etwas, das sowohl den Wastl wie auch
+die Vef von ihm abstieß.
+
+Ein selbstbewußter und selbstsicherer Mann war der Florl geworden. Die
+elastische, biegsame Figur von ehedem hatte er eingebüßt, war voll und
+breitschultrig geworden, und die Tracht der Heimat, die er trug, paßte
+so wenig zu ihm, daß es aussah wie eine Verkleidung und als habe er sie
+nur zum Spaß angezogen.
+
+Das feine, beinahe mädchenhafte Gesicht, das dem Florl früher eigen
+war, sah jetzt schwammig und aufgedunsen aus und zeugte vom gesättigten
+Genuß. Er hatte das Zarte und Frische eingebüßt und auch den übermütig
+verwegenen Ausdruck, und etwas Bestimmtes, berechnend Schlaues war an
+dessen Stelle getreten. Der kurze, braune Krausbart, der das Gesicht
+umrahmt hatte, war jetzt nach städtischer Mode zugestutzt, und die
+hellen Augen schauten herausfordernd und etwas frech in die Welt.
+
+Als der Florl jetzt die Antwort gab, schaute der Wastl bis ins Innerste
+erschrocken auf sein Weib. Die Vef aber lachte nur, laut und übermütig,
+wie sie es stets getan hatte, und küßte ihr blondes Bübl, das auf ihrem
+Schoße jauchzte und lachte, leidenschaftlich.
+
+»So a Tolm ... a narrischer!« schimpfte sie dann lustig darauf los.
+»Wir sollten da mittian? Nit zwanz'g Ross' bringeten mi amal außi aus
+der Gungl!« erklärte sie mit Bestimmtheit.
+
+Erleichtert schaute der Wastl zu dem Göd hinüber, der noch immer
+teilnahmslos dasaß und nur leise mit dem Kopfe nickte.
+
+»Könnt ihr zwei nimmer singen?« frug da das Regele in ihrer gezierten
+Sprache, die sie sich zugelegt hatte. »Habt's es ganz verlernt bei
+enkerer Arbeit?« Eine leise Geringschätzung lag in dieser Frage. Die
+Vef parierte aber kräftig den Hieb.
+
+»Ah wohl!« sagte sie resolut. »Singen können wir no gut. I und mei'
+Wastl. Leicht besser wia ös zwoa!«
+
+»Geht's, singt's amal oans!« forderte die Julie auf um dem Gespräch,
+das jetzt peinlich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben.
+
+Da sangen die Vef und ihr Wastl, und der Florl und das Regele hörten
+zu. Schönheit und unverbrauchte Kraft lag in ihren Stimmen und eine
+Wärme und Innigkeit, wenn sie von der Heimat sangen, daß es dem Florl
+ganz eigen ums Herz wurde.
+
+~Diese~ Innigkeit, das wußte er, die brachte weder er noch das
+Regele mehr auf, wenn sie den fremden Menschen draußen die Lieder ihrer
+Heimat sangen. Und beifällig nickte er immer wieder mit dem Kopfe, und
+als die beiden geendigt hatten, da jubelte es in ihm auf, und übermütig
+sprang er empor, hob sein Regele wie ein Kind in die Luft und wirbelte
+sie im Tanz in der Küche herum.
+
+Er pfiff und klatschte dazu mit den Händen, schlug sich aufs Knie und
+auf die Fußsohlen und führte einen regelrechten und ausgelassenen
+Schuhplattler auf. Und es war so befreiend frisch und ungezwungen, so
+voll Lebensfreude und toller Lebenslust, ein Tanz voll von Naturkraft
+und echtem Triebgefühl, wie er nur in Gottes herrlicher Bergwelt
+entstehen kann und nur hier vollendet in seiner echten, ungekünstelten
+Wirkung getanzt werden kann.
+
+Das Regele wiegte sich geschmeidig und neckisch in ihren Hüften und
+jauchzte und lachte, da sie den Florl so übermütig sah, und freute
+sich wie ein Kind. Und jetzt erst, nachdem das Echte, Ursprüngliche in
+diesen beiden jungen Menschen wieder zum Durchbruch gekommen war, jetzt
+war auch die alte Herzlichkeit zwischen den Freunden wiederhergestellt.
+
+Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren
+Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und
+berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten
+und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten
+ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von
+diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten
+sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie
+wunschlos glücklich waren.
+
+Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten
+der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der
+fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto
+fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen
+zuhörten.
+
+Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen
+Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen
+Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld
+einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen.
+Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und
+jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit
+weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele
+Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen.
+
+Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche
+Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar
+und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl
+durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen
+Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit.
+
+»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die
+Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden
+Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl
+und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier
+unglaublich vor.
+
+Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues
+Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf
+zurück.
+
+»An altmodischer Mensch ist's, der Kramer Veit!« sagte er unwirsch.
+»Kann nimmer mittun mit junge Leut'!«
+
+»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das
+Regele schnippisch und mit gekränkter Miene.
+
+Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur
+um etwas zu sagen.
+
+»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an
+Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an
+den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?«
+
+»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu.
+
+Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen
+dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß
+jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem
+Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über
+den kleinen Lockenkopf fuhr.
+
+»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir
+richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit
+kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz
+besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich,
+wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns.
+A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia
+wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack
+von die herrischen Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der
+Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös
+muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.«
+
+»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte
+ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für
+an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh'
+g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl,
+dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so
+daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses
+an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte.
+
+»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i
+mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle
+Mannsbilder so dazustiahn!«
+
+Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte
+sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich
+viel schöner aus a so.«
+
+Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb
+ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr
+schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...«
+
+»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang
+beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie
+dasjenige vom Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ...
+warum nit? Das derlabest du aa.«
+
+»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang
+in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt
+ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer
+an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und
+an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß
+die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute
+auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit
+zahnlosem Munde vor sich hin murmelte.
+
+Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche.
+Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese
+Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so
+wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte.
+
+Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe,
+um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere
+Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans
+Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im
+eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus.
+
+»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach
+außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam.
+
+Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?«
+frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was
+die Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und
+gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.«
+
+Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der
+Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte
+der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und
+hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge.
+Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so
+grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war.
+
+»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der
+winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.«
+
+»Tian wir beten!« mahnte die Vef.
+
+Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der
+kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war
+aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete
+laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen.
+
+Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete
+sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der
+Natur, die so mächtig waren.
+
+Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete
+in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im
+Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen des Regens, im Ächzen
+und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat
+sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die
+heilige Heimat.
+
+Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern
+machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen
+Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und
+über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und
+Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen
+Heimat.
+
+Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte
+in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines
+unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin
+und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als
+Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden.
+
+Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und
+unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die
+Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid
+und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir
+sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von
+ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ...
+
+Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die
+Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern
+Herzen. Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer
+und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe
+Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin,
+wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden
+trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht
+ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre
+Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ...
+
+Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen
+Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst,
+treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem
+Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich
+... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz'
+uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem
+Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem
+heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner
+Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht
+für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein
+Name!
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+
+Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten,
+hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine
+innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr
+eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast
+interesselos gegenübergestanden hatten.
+
+Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die
+Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die
+Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.
+
+Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner
+Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben
+können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.
+
+Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und
+verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber
+aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten
+sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes
+überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren
+sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch
+immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder
+in ihrem Wesen.
+
+Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der
+nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So
+erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein
+Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter,
+bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk
+von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.
+
+Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen
+Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch,
+so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch
+freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.
+
+»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem
+Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«
+
+Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte,
+breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken,
+auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.
+
+»Hast koa Zung', Anderl?«
+
+Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte,
+aber redete kein Wort.
+
+»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös
+wieder her?«
+
+»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden
+Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!«
+
+Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran
+und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte,
+wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze
+seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich.
+
+»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig.
+
+Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf.
+»Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei'
+Muatter!«
+
+»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.«
+
+»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so
+gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war
+aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube
+ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern
+umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr
+hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend
+und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm
+zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte.
+
+»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele
+neuerdings.
+
+Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der
+Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele
+jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war es,
+mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den
+Knirps.
+
+»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich
+heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste,
+in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum
+Bewundern hinhielt.
+
+»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter
+der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.«
+
+»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer
+wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig
+jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies.
+
+»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl
+unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.«
+
+»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt.
+»Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu.
+
+Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor
+und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte
+Gesichtl.
+
+»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut
+halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann
+fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen
+Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für
+wen hast denn alle Abend beten müssen?«
+
+Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie
+zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in
+dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur
+wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes,
+das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt.
+
+»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von
+vorhin.
+
+»Für di!« erklärte der Bub trotzig.
+
+»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise.
+
+»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich,
+daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im
+kindlichen Trotz abwandte.
+
+Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug
+sie schnippisch.
+
+»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte
+er eigensinnig.
+
+»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen
+Brauen.
+
+»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt.
+
+»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja
+nix getan.«
+
+»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!«
+erzählte der Kleine.
+
+»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie,
+seit sie nun in der Heimat weilten, diese Rede der Geringschätzung
+gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom
+Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes.
+
+»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug
+zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte
+der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl
+eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am
+Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen
+mußte.
+
+»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen
+und pfiff leise vor sich hin.
+
+»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele
+über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube
+der Notburg geherrscht hatte.
+
+»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern
+alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit
+dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt
+aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du
+kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s
+Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser
+gangen ist.«
+
+Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort
+mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr
+auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube.
+
+Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden
+seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen
+Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der
+Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie
+dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt,
+die voll Glanz und Erfolg für sie war.
+
+Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten
+Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh
+gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im
+Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie
+mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl
+nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen.
+
+Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und
+Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld
+aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis.
+Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld
+erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht
+einleuchten.
+
+»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit.
+»Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ...
+dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit
+macht. Aber lei so umananderziechen und 's Maul aufreißen und singen
+... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend.
+
+Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen,
+daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar
+nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und
+ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf
+er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige
+Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen
+muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.«
+
+Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das
+elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl,
+hier bloß geduldet zu sein.
+
+Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar
+bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen
+alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle
+Hände voll zu tun.
+
+Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn
+hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie
+gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim
+und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben
+können, meinte der Söllerbauer.
+
+Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die
+Arbeit gingen, dann schliefen der Florl und das Regele bis tief in den
+Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem
+Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen,
+geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen.
+
+Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn
+das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den
+Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte.
+
+Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das
+war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit
+abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit
+zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin
+und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich
+halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand
+schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da
+spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig
+herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler.
+
+Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der
+Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft
+entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem
+Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten
+die Türe vor der Nase zugeworfen hätte.
+
+Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten
+Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei.
+Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich
+nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu
+schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an.
+
+Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche
+Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen
+an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde.
+
+Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten
+prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der
+Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein
+eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete
+scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen;
+denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl
+aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr
+beneiden sollten wie den Kramer Veit.
+
+»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele
+und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon
+geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher
+kriechen's vor mir, das weiß i!«
+
+Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der
+Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er
+das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß
+er es auch erreichen würde.
+
+Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste
+Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren
+eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen.
+Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er
+nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten.
+
+Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem
+Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte
+er ganz entschieden erklärt.
+
+»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal
+zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon
+bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen
+hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er
+sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i
+muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk
+g'schadet ... dö habt's nit vertragen.«
+
+Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter
+des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die
+urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf.
+Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl
+wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen
+war.
+
+»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden
+fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no
+andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat
+ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie.
+»I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der
+am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal
+herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner
+mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn
+man ihn siecht.«
+
+Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus
+überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine
+mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend
+fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die
+jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...«
+beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die
+Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.«
+
+Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem
+Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu
+bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen
+vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und
+Nacht drückte.
+
+Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem Herbst mit dem
+Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von
+nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies
+erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina
+in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei
+weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ...
+
+Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde
+es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit
+der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit.
+
+Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu
+sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als
+ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend
+seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte.
+
+Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit
+auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie
+immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der
+kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster
+hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich
+und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen
+stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl
+die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete.
+
+»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ... »i rat' dir no amal.
+Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau,
+i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a
+Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst
+kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.«
+
+Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit
+die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen
+Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen.
+
+»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und
+könnt's no etline Kinder kriagen und ...«
+
+Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle
+Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!«
+
+Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte
+auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den
+kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen,
+und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd
+an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und
+gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor.
+
+Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl.
+
+»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht
+... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt,
+Regele?«
+
+Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den leichten Sinn der jungen
+Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei
+ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte
+sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an
+die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd'
+draußen.«
+
+Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem
+Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses
+Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn
+sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie
+ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn
+des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck
+in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem
+jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach.
+
+»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und
+hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an
+Wirt aus dir! Magst?«
+
+Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt
+gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu
+überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel
+ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz
+verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem
+gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er
+denn nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer.
+
+»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er
+ernst und nachdenklich.
+
+»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus
+brauchen.«
+
+Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der
+Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick.
+
+»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum
+Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener
+Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft
+gesessen hatte.
+
+Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er
+nicht erwartet.
+
+»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin,
+Florl!« sagte er kopfschüttelnd.
+
+»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du
+baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's
+Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?«
+
+Noch immer verstand der Veit den Florl nicht.
+
+»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer
+Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen.
+
+»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz
+bestimmt.
+
+»Von draußen ...?«
+
+Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A
+neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem
+Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit.
+Wirst's sechen ... 's geht.«
+
+Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der
+Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war,
+und zögerte einzuschlagen.
+
+»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug
+er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl
+drinnen es getan haben würde.
+
+»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit
+zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen
+außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da,
+Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ...
+»wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n
+nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber ~eins~
+hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir ~da~ und
+nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st
+und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ...
+daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.«
+
+Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte
+wie in dieser Stunde. Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den
+Vorschlag einging.
+
+»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen
+Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die
+Hand gestützt hielt.
+
+»Morgen in einer Woche.«
+
+»Und du nimmst die andern mit?«
+
+»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie
+wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.«
+
+Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös
+Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck,
+so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber
+dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und
+dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach'
+mach' ... kann sein aa nit.« ...
+
+Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber
+zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner
+geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle.
+
+»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit
+zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die
+ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst
+mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und
+wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl.
+
+Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete.
+
+»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können
+... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's
+selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor
+die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl
+zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst
+wohl, gelt, Kramer?« -- -- --
+
+Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort.
+Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen
+interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging
+ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und
+abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. -- -- --
+
+Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und
+seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch
+droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge
+und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel
+
+
+Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an
+den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu
+weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid
+mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen,
+schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.
+
+Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier
+herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos
+und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr
+vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh
+verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort
+oben doch nicht wie hier in der Gungl.
+
+Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern
+einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl
+und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren
+können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag
+schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der
+alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So
+mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen
+lebten und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den
+Fensterscheiben hinausschauen konnten.
+
+Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und
+bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen
+Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees
+und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick,
+auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und
+flatterndes Tuch.
+
+Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit
+dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche
+vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach
+einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern
+bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo
+buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche
+zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in
+abergläubischer Furcht schaudern.
+
+Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an
+die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar
+waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt
+erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.
+
+Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht
+übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre.
+Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr der Wastl
+rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der
+Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich.
+Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges,
+lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein
+Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.
+
+Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und
+herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter
+der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der
+Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.
+
+Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte
+dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte.
+Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann
+eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle
+in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und
+in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er
+dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie
+immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.
+
+Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd
+herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der
+Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl
+wiegte das Jüngste in der Wiege.
+
+Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der
+Wastl vermied es, viel mit ihr zu reden. Würde schon wieder besser
+werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man
+wieder mehr hinaus konnte ins Freie.
+
+Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune
+seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht
+viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der
+Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich
+mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme:
+»Essengiahn!«
+
+Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr
+schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie
+eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend
+dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging
+mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne
+aufgetragen stand.
+
+»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch
+immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf
+nicht mehr ...
+
+Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer
+Unmut war mit einem Male verflogen.
+
+»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als
+sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich
+zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr
+und gebrochen in den tiefen Höhlen.
+
+»Jessus Maria!«
+
+Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe
+Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod
+gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun
+wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte.
+
+Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte
+sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge
+Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres
+Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar
+nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war.
+
+»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos.
+
+Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den
+weckst du nimmer auf.«
+
+Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf
+einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl
+hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um
+ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen.
+
+Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei
+sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt
+erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere
+und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing.
+
+Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar
+keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre!
+Die Vef mußte bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im
+Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten.
+
+Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in
+der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch
+mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken,
+wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein
+liebes für sie übrig hatte.
+
+»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden
+könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile
+mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl
+stimmte ihr dann traurig bei.
+
+»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef,
+und aa no die Kinder!« tröstete er dann ...
+
+Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl
+und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an
+diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was
+die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach
+der Heimat?
+
+Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich
+die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd
+war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit
+seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die
+Sehnsucht nach dem Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig
+sein konnte.
+
+Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht
+nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und
+zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und
+seinen Kindern.
+
+Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich
+nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der
+Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in
+das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie
+fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte.
+
+Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in
+diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit
+fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz
+aus Holz gebaut.
+
+Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es
+weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt'
+man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß
+der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.«
+
+»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz
+begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt
+schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die
+Augen eines Kindes vor der Christbescherung.
+
+»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n
+hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem
+Ton.
+
+Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen
+draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's
+di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in
+aller Behaglichkeit seine Pfeife.
+
+»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt
+nimmer einer kommen können.«
+
+»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?«
+
+»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen
+in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte
+recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband.
+
+»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse.
+
+»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit
+ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere
+Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech
+nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die
+Rosina so a fein's Leben hat.«
+
+»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt
+ehrlich erschrocken.
+
+Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die
+Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös
+verbieten soll?«
+
+»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen
+Weile.
+
+»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders
+aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die
+Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern
+heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb
+am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der
+Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets
+ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn
+der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In
+diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur
+daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch
+war wie diese.
+
+»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer
+kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war.
+
+»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und
+häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa
+Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi
+bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du.
+Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich
+um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ...
+
+Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter.
+Jetzt schrie sie nicht allein den Wastl an, sondern auch die Kinder
+waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne
+eine wirkliche Ursache dafür zu haben.
+
+Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude
+an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und
+das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und
+helläugig wie ihre Mutter.
+
+Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr
+übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher,
+dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden.
+
+Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer,
+daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden
+der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war
+ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und
+schonungslos einzugestehen ...
+
+Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und
+wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da
+fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren
+Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen.
+
+Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt
+war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube
+hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab
+und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die
+Heumahd hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu
+während der Arbeit verfault.
+
+Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen,
+als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten
+abwarten, die ja doch wieder kommen mußten.
+
+Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der
+Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann
+fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit
+vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz
+vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der
+Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen
+und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben.
+
+Seit dem Tod des alten Göd hatten sie nun etwas mehr Platz in der
+kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu
+benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige
+Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich
+sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So
+aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie
+gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom
+Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß.
+
+»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an
+offenes Wörtl mit dir reden.«
+
+Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen Stube. Seite an
+Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits
+in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen
+matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube.
+
+Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie
+jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus
+und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem
+einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die
+Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch
+gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand.
+
+»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so
+haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden
+und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.«
+
+Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu
+sagen hätte.
+
+Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich
+vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun,
+wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef
+gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier
+herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen
+in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als
+schleunigst die Flucht zu ergreifen.
+
+Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie
+so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß.
+
+»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang
+sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber
+der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten
+kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge
+Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig
+eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas
+... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast
+hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß
+und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt.
+
+Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen
+Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der
+Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn
+seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was
+die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte.
+
+Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die
+Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das
+Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen
+Hand zornig auf die Tischplatte schlug.
+
+»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was
+i moan! Verkaufen sollst dö Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer
+bleib'n da herin!«
+
+Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst
+erschrocken.
+
+»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen
+ins Gesicht. »Aber Vef!«
+
+»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib.
+»Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was
+du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i
+einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an.
+
+»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit
+gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal
+gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.
+
+»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer
+so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und
+stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit,
+daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's
+mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern
+und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's
+Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und
+wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern
+hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und
+geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«
+
+So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders
+helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen
+anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten.
+Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich
+ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur
+das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die
+Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.
+
+Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser
+und weniger leidenschaftlich.
+
+»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst
+sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr
+hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn
+und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.
+
+Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren
+Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur,
+daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich
+jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.
+
+»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte
+ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit
+kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer ~müssen~! Siegst ...
+wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die
+Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so g'worden.
+Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i
+war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi
+g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist
+... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ...
+~der~ hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i
+... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt
+als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I
+hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens
+in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die
+Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er
+mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat
+betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer
+sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat,
+vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ'
+g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ...
+zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein
+und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der
+Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet
+hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ...
+daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt,
+versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und
+träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ... kannst mir's
+glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste
+hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt
+... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf
+voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End'
+wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig.
+»Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller
+Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«
+
+Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand
+nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise
+zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd
+fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I
+hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber
+naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja
+... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung.
+Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein!
+Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig
+neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie
+mit ihrer Beichte weiterfuhr.
+
+»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe
+tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir
+iatz zeitenweis für.«
+
+Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen
+vor den Fenstern das monotone Rieseln des Regens. Und ab und zu der
+schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß
+und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.
+
+»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem
+Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen
+sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet,
+daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht.
+Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir
+fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ...
+daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß
+nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß
+mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu
+g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es
+dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die
+Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort
+und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete
+sehnsuchtsvoll die Arme aus.
+
+»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan
+so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert
+mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa
+Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa
+nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern
+kimmt ang'ruckt bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's
+nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane
+Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a
+so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix.
+Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld
+mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline
+Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns
+an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung
+sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir
+zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander.
+Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so
+dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's
+war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a
+schianer's Hoamatl?«
+
+So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz
+Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr
+weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so
+glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen,
+genießenden Liebe.
+
+Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war
+er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere
+war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die
+Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm auf der Seele lag, wich
+vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die
+Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog
+die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu
+denken vermocht.
+
+In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos
+wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und
+Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom
+alten Göd in der Gungl.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel
+
+
+Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem
+ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm
+Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.
+
+Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er
+es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor
+aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge
+auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.
+
+Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer
+geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von
+einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem
+berechnenden Ernst Platz gemacht.
+
+Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt,
+die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war
+mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch
+eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor
+moralischem Untergang würde bewahren können.
+
+Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung
+anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er
+war sich der großen Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt
+geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen
+Truppe.
+
+Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer
+Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen
+hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem
+hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines
+wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und
+Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein
+dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.
+
+Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die
+sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und
+lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und
+gehorchten sie.
+
+Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer
+Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand
+und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu
+Erfolg.
+
+Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau
+geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter
+Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche
+Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben
+kleinen Vögelchens.
+
+Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie war. Er hätte sie gar
+nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und
+unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben,
+das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr
+liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und
+seine engere Bergheimat.
+
+Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß
+sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das
+vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der
+Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus
+dem Regele die Regina geworden.
+
+Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte
+es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen
+Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch
+andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so
+vertraut waren.
+
+Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen.
+In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen
+wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen
+Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und
+das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter
+seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein
+großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste
+Ungerechtigkeit. Und wenn ein Streit oder eine Verstimmung unter
+seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und
+ausgleichende Element.
+
+Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die
+schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und
+mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes
+Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.
+
+Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten
+nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen
+junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem
+Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein
+Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich
+mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen.
+
+Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner
+Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn
+die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete,
+konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken.
+
+Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich
+zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld
+verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem
+Gelde kleben. Das mußte ~rein~ erworben werden; denn der Florian
+Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher
+Mann dastehen.
+
+Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder allein zu Gast
+geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten
+und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in
+seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab.
+
+»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit
+alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir
+Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut
+und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen
+diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig
+genug und auch jeder List gewachsen.
+
+So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit
+denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen,
+auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die
+manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte.
+
+Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte,
+mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines
+Kanarienweibchens.
+
+Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die
+kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war
+dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen,
+so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu
+sehen.
+
+Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war
+jene Erkenntnis, die der Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das
+in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte
+er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern
+und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren.
+Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich
+aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering
+schätzten oder gar verachteten.
+
+Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser
+Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen
+einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem.
+Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich
+geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein
+Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die
+bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ...
+wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er
+nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld
+einnahmen.
+
+Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach
+Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und
+fanden sich die Eheleute ganz genau.
+
+Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung,
+die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl
+kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß das
+Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf
+ihren Florl, der seine Sache so gut machte.
+
+Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den
+beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte.
+Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er
+verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in
+solchen Sachen.
+
+»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein,
+der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts
+bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser.
+Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's
+aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch
+erwartete und auch nicht geduldet hätte.
+
+Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus
+in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen
+zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große
+Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen,
+dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer
+ihr Haus voll von Fremden haben.
+
+Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine
+Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen
+kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß
+der Florian mit seiner Frau ganz allein, und nur mächtige Koffer waren
+rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen.
+
+In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern
+Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das
+Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen
+Landen aufgenommen hatte.
+
+Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel
+Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und
+ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der
+Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen.
+
+Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der
+Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu
+die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den
+Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen.
+
+Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders
+vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem
+zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und
+sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen
+aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand
+darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen
+Ernstes nachkam.
+
+Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden
+Frauen ab. Die Regina schraubte sich, wo sie nur konnte, von ihren
+Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer
+Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte,
+desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.
+
+Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache
+gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche
+und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern
+in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem
+Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.
+
+In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land.
+Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut
+gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.
+
+In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der
+grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher
+nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein
+den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der
+Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.
+
+Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut
+gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit
+bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge
+Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal zogen und das
+Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.
+
+Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in
+den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab,
+mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und
+wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war,
+so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand
+ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und
+ungemein sicheren Trott.
+
+Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales
+eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die
+Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der
+Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein
+recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle
+Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in
+wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.
+
+Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter
+Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen,
+gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine
+andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie
+nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte
+man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl
+herauf zur Regina, um sie zu begrüßen, und brachten ihr als »Grüß
+Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als
+Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte
+Milch und Butter und Eier und zahlte gut.
+
+Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der
+Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus
+voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert
+wurde.
+
+Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller
+Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina
+am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und
+eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte.
+Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich
+vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz,
+ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen,
+und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im
+Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.
+
+Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von
+hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und
+sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß
+nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen
+gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie
+sich überraschend schnell angeeignet.
+
+Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder
+an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und
+Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort
+ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den
+Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst.
+
+Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein
+Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer
+Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina,
+und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr
+auf Geheiß des Florian Siegwein dabei.
+
+»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon
+während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im
+Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich,
+faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.«
+
+Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer
+Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der
+Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen,
+wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und
+durchsangen und durchtanzten die halben Nächte.
+
+Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die
+Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl
+gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie
+ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen.
+
+Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er
+wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum
+Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch
+die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann
+wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht.
+
+Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und
+erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter
+Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner
+tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine
+frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich
+an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so
+hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen
+machen können.
+
+Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden
+Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer
+für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu
+finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends
+anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen.
+
+Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so
+lange Zeit hindurch müßig im Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen
+starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an,
+den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den
+Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten
+daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen.
+
+Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer
+als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier
+in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel
+mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian
+Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten.
+
+Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und
+es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz
+nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge
+zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm
+schlimme Stunden der Sorge.
+
+Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen
+Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war.
+Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg
+war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem
+Florian auch Besserung versprochen hatten ...
+
+Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein
+Anliegen vorgetragen. Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer
+nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht
+wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses
+sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich
+gedrückt und kleinlaut drein.
+
+Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das
+Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben
+abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines
+Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen
+von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er,
+auf den Vorschlag des Wastl einzugehen.
+
+»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig
+vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern
+mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's
+döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's
+do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia
+an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian
+eindringlich.
+
+Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und
+fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf
+ein und starrte nachdenklich zu Boden.
+
+»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef
+will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan
+für uns alle. Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl
+kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend.
+
+Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem
+Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden,
+waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte
+ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er
+dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft
+niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte,
+glaubte er es auch von seinem Weibe.
+
+Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu
+wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den
+Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte
+er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen?
+
+Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar
+Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß.
+Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell
+nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu
+und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer
+dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig.
+
+Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen
+ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort.
+Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute
+ihm nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl
+hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die
+Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug.
+
+Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger
+Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und
+ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie
+rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte
+in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel
+
+
+Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des
+Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt.
+
+In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu
+lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal
+herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen,
+an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder
+schlechten Tag auswächst.
+
+Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den
+glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon,
+daß die Natur im Sterben begriffen war.
+
+Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes
+Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und
+mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer
+neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke
+festhielt.
+
+Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine
+Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen
+heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den
+Zweitjüngsten auf dem Arme trug.
+
+Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es
+ihn die Vef so hieß. Die Vef hatte in diesen letzten Tagen, die sie
+noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem
+Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war
+er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne
+Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges
+Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ...
+und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum.
+
+Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren
+Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie
+wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß
+ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen
+damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe
+geschehe alles, was sie vorhatte.
+
+Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig
+war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der
+Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau
+so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten
+Wunsch erfüllen und heiraten.
+
+Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem
+er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht
+daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und
+grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine
+Herrschaft abzutreten.
+
+So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern
+alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung
+gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte,
+sobald er verheiratet war.
+
+Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine
+blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre
+zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen
+neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung
+übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind
+wie ein eigenes zu halten.
+
+Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als
+sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.
+
+»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem
+Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen
+müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen
+Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a
+meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter.
+Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ...
+für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil
+unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt,
+als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«
+
+So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten
+Tränen in die Augen schossen. Sie überwand aber diese Schwäche und
+suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.
+
+Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen.
+Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den
+Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber
+schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.
+
+Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl
+hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen
+Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im
+Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?
+
+»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird
+nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr
+hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's
+dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost.
+
+Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von
+einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl
+fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den
+Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt
+war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig
+einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an
+ihnen vorüberging.
+
+Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen Töchtern, der Rosina
+und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf
+den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit
+der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts
+verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm
+lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme.
+
+Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld
+mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber
+keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und
+Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die
+Sache kam.
+
+»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken
+lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ...
+wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i
+nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden.
+
+Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen
+Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert
+werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für
+Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem
+gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt
+sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen.
+
+Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu. Nie und nimmer, so
+hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern,
+und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der
+Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den
+Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden.
+Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und
+viel Geld ins Land hereinbrachte ...
+
+Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und
+dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das
+damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die
+Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder
+ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet.
+
+Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs
+der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten
+zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl
+die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes
+Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte
+ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und
+mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das
+ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas
+aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das
+blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum
+mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam konnten sie
+noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband,
+das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am
+Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte
+zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets
+zu machen pflegte.
+
+Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause
+gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt,
+sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich
+auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat,
+war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach
+die Rede verschlug.
+
+Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl
+einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort
+darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und
+sie sich gegen ihren Mann auflehnte.
+
+»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ...
+»und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte
+der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und
+gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und
+i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die
+Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir
+zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit
+verachten, kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja
+weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht
+... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du
+sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn
+und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher,
+bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's
+und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk
+meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit.
+»Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie
+unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!«
+sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will
+mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in
+mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei
+so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache
+träfe.
+
+Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib
+trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war
+heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner
+Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine
+Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die
+Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl
+machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu
+finden.
+
+Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen, bis sich der Wastl
+schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind
+der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie
+ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben
+wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.
+
+Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden
+alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie
+hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige
+Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und
+gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den
+Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten,
+handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen
+in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«
+
+So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie
+doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut
+der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn
+der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.
+
+Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert
+werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen,
+um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein
+Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den
+Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er
+nicht kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch
+bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf
+gewesen war.
+
+Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille
+erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast,
+als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne
+Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine
+Hoffnungsfreudigkeit in sich.
+
+Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl
+übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern
+in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh
+und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen
+Weibes wie Eisesschauer.
+
+Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne,
+das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis
+wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie ~mußte~ fest
+bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem
+starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab
+und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.
+
+Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief,
+plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er
+mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht
+die blaugefrorenen Händchen des Kindes.
+
+Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel, wurden leichter
+und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu
+beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im
+finsteren Grau.
+
+Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der
+Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...
+
+Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und
+lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den
+schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer
+Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock
+klammerte.
+
+Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin,
+wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah
+ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde
+Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig
+emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch
+nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und
+mit ödem Herzen.
+
+Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in
+seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das
+unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds
+von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen
+Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch
+traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das so stark und
+überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.
+
+Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die
+Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.
+
+Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch
+einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch
+auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen
+Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die
+Mutter begraben wurde.
+
+Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines
+Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter
+jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie
+starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie
+Abschied von ihr nehmen konnten.
+
+Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und
+abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die
+Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die
+Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn
+betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen
+Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.
+
+Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie,
+vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den
+die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte.
+
+Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher
+folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene
+Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog.
+
+Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als
+Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten
+arbeiten müssen wie die Erwachsenen.
+
+Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot!
+Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten
+Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei
+Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten,
+bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war
+ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein
+zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte
+man schonen für den Kirchgang am Sonntag.
+
+Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt
+wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der
+Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen
+Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den
+jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den
+Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem
+Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef
+in das Gütl vom Göd eingezogen war.
+
+Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne
+innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ...
+
+Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer
+lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich
+und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen
+aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten.
+
+Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden
+Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen,
+herrlichen Raum zu verhüllen hatte.
+
+Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der
+Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte.
+Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn
+durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete.
+Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem
+Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ...
+eine Königin ... voll Pracht und Glanz.
+
+Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ...
+
+Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes.
+
+Königin Heimat ...
+
+Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger
+Andacht ... wie ein Gebet ...
+
+Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die
+schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg
+ein, der von der Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn
+dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren
+Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und
+mit einem toten Herzen.
+
+Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in
+ihr erstorben.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel
+
+
+Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter
+Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und
+sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den
+feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen
+und Königinnen.
+
+Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft
+gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende
+Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren.
+
+Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl.
+Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie
+wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur
+wie ein kurzer, rauschender Traum.
+
+Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten.
+Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger
+Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr
+urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen.
+
+Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch
+hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und
+nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause
+auf.
+
+Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben
+anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche
+Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer
+Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.
+
+Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen
+Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef
+nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war.
+Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke
+nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen,
+ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.
+
+Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte
+sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art,
+sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre
+Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei
+und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit
+im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft
+auszeichnet.
+
+Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große
+Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine
+Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe
+trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.
+
+Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre
+Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller
+Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt,
+daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die
+Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz
+allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.
+
+Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene
+Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und
+Würde die Tracht ihres Landes.
+
+Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen
+seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit
+den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt
+und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer
+hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber
+sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch
+ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.
+
+Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der
+gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen
+in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr
+bedächtig in seinen Äußerungen.
+
+Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die
+von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr
+gelenkig abbiegen lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der
+Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.
+
+Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten
+Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider
+und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig
+im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten
+Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn
+alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz
+beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar
+keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner
+Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn
+mitgenommen zu haben.
+
+Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und
+greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und
+zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte.
+
+Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder
+seine alte Vef, ~sein~ Weib, nicht die gewandte, schöne Frau,
+welche all die fremden Leute so verehrten.
+
+Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum
+Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine
+Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen
+Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht
+noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute seinem Weibe unbedingt und war
+von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt.
+
+Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht.
+Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter
+Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen,
+die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter
+Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der
+besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft
+Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht
+hatten.
+
+Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und
+recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß
+der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine,
+unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal
+gar nicht.
+
+Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so
+unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf
+Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war.
+
+Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm
+die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen
+Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die
+Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines
+Unternehmens zugunsten der Vef.
+
+Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu.
+Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in
+den Wintermonaten recht gerne daheim blieb.
+
+Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt
+die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb
+die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas
+unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob
+man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten
+und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in
+den Bergen wie in ihrer Jugend.
+
+Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem
+Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit,
+die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr
+Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den
+langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die
+Menge fremder Gäste.
+
+Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden.
+Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und
+besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine
+Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr.
+
+Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer
+Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und
+kümmerte sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der
+Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht
+erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber
+mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und
+sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese
+ja doch nie würde erreichen können.
+
+Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle
+Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin
+des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von
+frühmorgens bis in die späte Nacht hinein.
+
+Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von
+Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der
+geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu
+gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine
+große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand
+verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der
+andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen.
+
+Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich
+solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren,
+desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft
+er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und
+er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach.
+
+Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und
+das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und
+viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb
+aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war.
+Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht
+durch ihre Eifersucht.
+
+Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach
+Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig
+wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst
+ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer
+wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen
+können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten
+auf und davon gelaufen wären.
+
+Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich
+jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der
+versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche
+Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte
+kam.
+
+Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war
+jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen
+zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon
+einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit
+Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft
+zu betätigen.
+
+Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen, das er gemeinsam
+mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So
+erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines,
+gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem
+stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben
+im Gasthof zu lärmend war.
+
+Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison;
+denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze
+bis in den frühen Morgen hinein.
+
+Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind
+der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im
+Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und
+hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit.
+
+Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem
+Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden
+Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff
+es eisig von den Fernern herüber.
+
+Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten
+hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes
+Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen,
+mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und
+weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser
+Frau aus.
+
+Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde
+Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das
+Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren
+müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre
+mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren.
+
+Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und
+hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt
+aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie
+für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß
+sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr.
+
+Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden
+und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte.
+
+In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es
+war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte.
+Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die
+Notburg gegen diese Frau empfand.
+
+Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder
+im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie
+der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der
+Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit
+zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt
+völlig zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn
+vollkommen bewußt und handelte auch danach.
+
+Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl
+der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur
+nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis
+geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte
+sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit.
+In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und
+traumlos schlafen wie vor Jahren.
+
+Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei
+jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete
+der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit
+einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend
+litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach
+seinen Kindern.
+
+Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er
+an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit
+keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete.
+
+Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die
+Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und
+dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein
+Mensch wußte, wohin er ging.
+
+Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der ahnte, daß der Wastl
+Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle
+Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er
+wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren
+... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt.
+
+Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit
+Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne.
+
+Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte
+sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr
+eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den
+Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie
+Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie
+immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem
+Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von
+nun ab vorstellte.
+
+Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte
+und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab,
+der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß
+sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört
+mit ihren Freunden unterhalten konnte.
+
+Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte
+der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit,
+und seine traurige, stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen
+Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte.
+
+In diesen letzten Jahren waren sich Mann und Frau innerlich immer
+fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes
+Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte
+förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau,
+noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine
+fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren
+hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem
+Herzen.
+
+Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie
+in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden,
+und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu
+müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war
+erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu
+ihren Kindern verschwunden.
+
+Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er
+teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef
+dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden.
+
+Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im
+Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der
+Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen sie im
+Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den
+Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef.
+
+Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg
+aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so,
+wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen,
+diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie
+nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken,
+daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof
+heruntergeholt hatte.
+
+Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war,
+lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten
+verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte
+der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele
+sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang
+fortgeblieben war.
+
+Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im
+Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich,
+noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem
+großen Dorf wohnte.
+
+Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von
+den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie
+sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung
+ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit,
+der allerjüngste war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so
+widerstandsfähig wie in früheren Jahren.
+
+In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr
+beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den
+Wastl zu schimpfen anfing.
+
+»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe
+Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ...
+»Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß
+grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und
+voll Vorwurf.
+
+Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg.
+Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl
+aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte
+sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach
+Jungenart.
+
+»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad'
+schimpfen anz'heben.«
+
+»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er,
+bald man ihn braucht.«
+
+»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen.
+Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.«
+
+»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg
+über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann
+man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll
+Mitleid hinzu.
+
+Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in
+dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war
+der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern.
+
+Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es
+wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen
+und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah
+die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers
+Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz.
+
+»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über
+eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie
+erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und
+ungewöhnlich laut kam er ihr vor.
+
+Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der
+Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine
+Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses
+Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten.
+Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen
+nach ihm trug.
+
+»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit
+ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes
+saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so
+daß es beinahe leuchtete.
+
+Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne
+Mitgefühl.
+
+Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon
+recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem
+Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!
+
+So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose
+junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig
+umherging.
+
+Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging
+die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum
+Fenster hinaus.
+
+»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer
+herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«
+
+Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an,
+die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck
+von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und
+einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen
+Leuten und ihrer Umwelt paßte.
+
+Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat,
+sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina
+aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne
+Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant
+geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte.
+Ihr Gesicht war bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die
+hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer
+zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte
+Löckchen um ihre feine Stirn.
+
+Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll,
+aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen
+die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam
+jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche
+Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in
+früheren Zeiten.
+
+Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das
+geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder
+schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und
+doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.
+
+Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem
+armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen
+Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen
+Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge
+und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine
+fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst
+vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders
+in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.
+
+Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf beobachtend auf die Frau
+mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf
+einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.
+
+»Vef!«
+
+Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.
+
+»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug
+der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines
+nachsichtigen Vaters.
+
+Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen,
+fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie
+gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle
+Frage an sie gewagt hatte.
+
+»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf
+Veit Galler.
+
+»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ...
+und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind
+g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst
+hören, Vef ... was i no mein'?«
+
+Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich
+vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm
+empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest
+aufeinander gepreßt.
+
+»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang
+gut und weich. »Leicht nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'.
+Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann
+sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst
+euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei'
+Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad
+das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir,
+kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ...
+wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil
+sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt.
+Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus,
+Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's
+sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist
+zu ihr. Aber es ~ist~ kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und
+kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«
+
+Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der
+Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen
+Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm
+die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander,
+unterbrach ihn aber mit keinem Wort.
+
+»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und
+legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ...
+»wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann
+sein, daß du koa Lieb mehr hast für ihn. Aber er ... ~er~ hat di
+gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen
+nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine
+Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene
+Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und
+oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein'
+Mann. Besinn' dich, daß du sei' ~Weib~ bist und die Mutter von
+seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der
+Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu
+spat ist.«
+
+Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört.
+Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor.
+
+Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und
+dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer
+Veit und sah ihm ernst in die Augen.
+
+»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne
+Schärfe.
+
+»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa
+sein ...«
+
+»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad
+du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich,
+daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit
+... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er
+mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i gib's zu
+... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten
+und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für
+mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef
+entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ...
+dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen
+und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn
+i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ...
+kimmt mir für.« --
+
+Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die
+Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins
+Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag.
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel
+
+
+Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm.
+Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und
+sprach ihm das Leben ab.
+
+Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang
+das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele
+betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht
+viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig
+verständnislos gegenüber.
+
+Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der
+das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind
+Erleichterung zu verschaffen.
+
+Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser
+Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male
+wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl
+gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren,
+aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie
+es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde
+sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben
+bis zuletzt.
+
+Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem
+Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit
+ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder
+faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht
+sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich
+verzweifelt gegen den Erstickungstod.
+
+Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen
+des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur
+Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses
+Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll
+umsorgte sie es.
+
+Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte
+unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes
+sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich
+hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm
+ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort
+und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die
+glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte
+es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute
+verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben
+fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre
+Sorge.
+
+Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im
+Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz
+suchend an ihrer Brust.
+
+Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme
+aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann
+legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin
+und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.
+
+Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des
+Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl
+angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben
+seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.
+
+»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und
+wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte
+laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes
+Leid und das Elend seines Lebens.
+
+Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot
+vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr
+an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien
+gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den
+Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu
+der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren
+Schoß.
+
+»Notburg! Notburg!«
+
+Das war alles.
+
+Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef.
+Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem
+Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte
+legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...
+
+Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten
+Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte,
+lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar.
+Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen
+gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen.
+Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße
+Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu
+beten und sie zu ehren.
+
+Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und
+still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken
+Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte
+Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.
+
+Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet
+war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall
+und bei allen überflüssig.
+
+Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln,
+und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das
+kleine Mädele mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie
+nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie
+sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen
+Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen,
+furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen
+schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind
+Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.
+
+Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater
+weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und
+die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch
+so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...
+
+Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die
+Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am
+Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar
+wohl, was dem Mann jetzt not tat.
+
+Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat
+und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte
+und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische
+Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen
+waren.
+
+Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der
+Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum
+andern.
+
+»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der
+Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht
+wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh'
+nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat
+no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal
+g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden
+mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl,
+und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ...
+in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir.
+Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«
+
+Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen
+Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden
+Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes
+und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch
+ausgießt.
+
+Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter
+Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit
+ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden
+Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende,
+weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der
+heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und
+fast weihevoll lag ringsum die Natur.
+
+Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war alles ganz genau
+so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als
+Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren
+die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau
+dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche
+kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und
+Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute
+ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann
+mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.
+
+Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit
+dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu
+glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch
+weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte
+drinnen nicht die seinen waren.
+
+Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus
+seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er
+als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der
+Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.
+
+Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren
+Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre
+Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre
+Zukunft zu sprechen.
+
+Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der
+Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er
+dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden
+Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt
+gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das
+hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.
+
+Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner
+Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden
+sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der
+Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner
+Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.
+
+Und endlich hub der Wastl zu reden an.
+
+»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s
+könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?«
+
+»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und
+nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen
+Gedanken.
+
+»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann
+neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den
+Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen.
+
+»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht
+fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch
+immer zu tragen pflegte. »Kann sein.«
+
+Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die
+Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr.
+
+»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an
+... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser
+und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als
+müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ...
+i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch
+einmal.
+
+Er konnte sich eine Trennung von der Vef noch immer nicht vorstellen.
+Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das
+ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender
+die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er
+ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto
+widerwärtiger wurde er ihr.
+
+Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen
+bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu
+Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit
+dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach
+Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib
+zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung
+niederrangen und ertöteten ...
+
+Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl
+zurückkamen, da hörten sie, daß die Vef mit ihren beiden Schwestern
+abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft
+seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen.
+Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder.
+
+Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt
+hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg
+in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter
+Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden
+Augen an.
+
+Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit
+wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ...
+
+Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen
+Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr
+ihre Schwester, die Rosina.
+
+Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn,
+der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen
+nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu
+berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht
+mehr in die Heimat zurück wollte.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel
+
+
+Er hatte die Lust am Reisen völlig verloren, der Florian Siegwein.
+Am liebsten wäre er jetzt daheim geblieben bei der Regina und seinem
+kleinen Töchterchen. Der Ärger, den er fortwährend mit der Vef und auch
+mit den übrigen Mitgliedern hatte, verleidete ihm die Freude an seinem
+Unternehmen.
+
+Aber der Florian brauchte Geld, und zwar viel Geld, denn sein Geschäft
+in der Heimat dehnte sich immer mehr aus und verschluckte große Summen.
+Der Florian hatte bauen müssen; denn das Gasthaus war viel zu klein
+geworden für all die fremden Besucher, die nun aus aller Herren Ländern
+in immer reicherer Zahl herbeiströmten.
+
+Ein stattlicher, großer Neubau erhob sich jetzt neben dem alten
+Haus und war mit allem Behagen eines vornehmen Hotels ausgerüstet.
+Bescheiden und unansehnlich wirkte das Holzhaus, das der Kramer Veit
+errichtet hatte, neben dem großen Mauerblock, der weiß und protzig
+dastand und so gar nicht in diese Alpengegend hereinpaßte.
+
+Mit jedem Jahr vermehrten sich die Fremden, und die Bauern im Dörfl
+verstanden ihren Vorteil und richteten sich nach den Bedürfnissen
+der fremden Besucher ein. Wer nur eine überflüssige Stube hatte,
+der verwendete sie als Fremdenzimmer, und drunten im Hauptort des
+Tales hatte sich ein ganz besonders lebhafter Verkehr entwickelt.
+Postkutschen fuhren und Wägen, zweispännige und vierspännige; und
+vornehme Leute hielten sich oft wochenlang in dem Dorfe auf.
+
+Veit Galler aber hatte seinen Kramladen verkauft. Wie der Florian
+Siegwein die Freude am Reisen verloren hatte, so hatte der Kramer die
+Lust an den Fremden eingebüßt. Denn sie brachten einen Ton ins Land,
+der dem Kramer nicht gefallen wollte.
+
+So sehr er früher stolz gewesen war, wenn Fremde die Schönheit
+seiner Heimat staunend bewunderten, so wenig gefiel ihm die tolle
+Ausgelassenheit, der sich manche der Fremden hingaben. Er empfand es
+wie die Entweihung eines Heiligtums, daß man droben im Gasthaus nur
+Tanz und Trunk zu kennen schien, statt sich, wie es vordem doch der
+Fall gewesen war, dem stillen Zauber der Einsamkeit und der Berge
+hinzugeben.
+
+Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen.
+Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige
+Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten
+und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große
+Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr
+als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste
+immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden
+daheim abzahlen konnte.
+
+Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen
+er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der
+fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian
+mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner
+anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit
+geworden.
+
+Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef
+wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen
+nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt
+würde.
+
+Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute;
+wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene
+Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche
+Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein
+fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib.
+Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese,
+sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können.
+
+Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib
+körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl
+sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier
+nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte,
+überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein
+frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich ihr bot.
+Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und
+genießen.
+
+Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte
+ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker
+geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die
+Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur
+die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen.
+
+Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen
+die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit
+der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat
+noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten
+fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm
+kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch
+herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da
+denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?«
+
+Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die
+Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die
+Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand.
+
+Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer
+und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem
+Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof
+und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte
+ihn auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in
+dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem
+Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte.
+
+»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden
+Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian
+blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte
+und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl
+innerlich erbarmte.
+
+»Schau, Wastl ... verlang' dir's nimmer, das Leben!« versuchte der
+Florian den alten Freund zu trösten. »Hast's ja viel schöner daheim.
+I tauschet glei' mit dir, wenn i könnt', und hänget die verflixte
+Singerei auf'n Nagel!« redete er ihm gut zu. Aber der Wastl wollte
+keinen Trost.
+
+»Du ... ja ... Du hast dei' Weib dahoam. Das ist anders!« sagte er
+einfach, aber der Ton schnitt dem Florl ins Herz.
+
+Völlig aufdringlich war der Wastl dem Florian geworden, je näher der
+Tag der Abreise herankam. Wollte absolut mit und lungerte und lauerte
+um den Alpengasthof herum und bat und flehte, sowie er den Florl zu
+Gesicht bekam. Schließlich wurde der Florl grob gegen ihn. Konnte sich
+nicht anders helfen.
+
+»Wenn i dir's sag' ... daß i di nit brauchen kann!« fuhr er den Wastl
+unwirsch an. »Sei do koa Lapp nit! Die Vef will di nit, und i brauch'
+di nit. Hast ja überhaupt koa Stimm' mehr!« sagte er brutal.
+
+Da ging der Wastl, aber nicht hinunter zum Kramer Veit und der Notburg,
+sondern hinaus in das stattliche Dorf im Tal. Dort wußte er von einem
+Mann, der ihm das Gütl vom Göd abzukaufen wünschte. Und der Wastl
+verkaufte sein Heimatl und bekam Geld dafür. Der kleine Martl aber
+mußte hinaus, Bauernknecht machen auf einem fremden Hof, wie es der
+Vater in der Jugend gemußt hatte. Und der Jackl und sein Weib fluchten
+dem Wastl; denn der Wastl hatte ohne Rücksicht gehandelt und sie alle
+obdachlos gemacht.
+
+Der alte Perlmoser wetterte und schrie. Verfluchte alle, die Töchter
+und den Schwiegersohn und den Florian Siegwein und den Kramer Veit.
+Denn dieser war der eigentliche Urheber an allem Leid, das über den
+Perlmoserhof gekommen war.
+
+Ein rüstiger alter Mann, verbissen und innerlich mit allen zerfahren,
+das war der Perlmoser. Und sein Weib, die Perlmoserin, alt und
+gebrochen, legte sich nieder zum sterben. Sie war ehrlich müde geworden
+am Leben und verstand die Zeit und ihren Wandel nicht. War gut für das
+Weib, daß es sterben durfte.
+
+So hatte denn der Jackl wieder ein Heim für sich und die Seinen; denn
+der Vater übergab ihm nun den Hof und ging in den Austrag. Stellte nur
+die eine Bedingung. Niemals dürfe der Jackl den Siegweinischen drüben
+auch nur ein Ei abliefern. Und niemals dürfe er einen Verkehr haben
+mit den Schwestern und mit des Siegweins Leuten. Das versprach der
+Jackl und hielt es auch. -- -- --
+
+Und abermals waren etliche Jahre vergangen, und droben im Alpengasthof
+feierte man ein Fest. Die Perlmoser Julie hielt Hochzeit, heiratete,
+aber keinen der feinen Herren, die ihre Verehrer waren, sondern einen
+der Sänger, die mit dem Florian gereist waren. Und wollten in der
+Heimat bleiben, die jungen Leute, einen Gasthof auftun, drunten in der
+Nähe der Schlucht, wo die drei Wildbäche ineinanderflossen.
+
+Es ging hoch her bei der Hochzeitsfeier der Julie. War ein halb
+städtisches und halb ländliches Fest. Mehr ein Theater, um den fremden
+Gästen einmal die Gebräuche einer Bauernhochzeit vorzuführen. Es
+fehlten die Verwandten und nächsten Freunde der Braut, und der Florian
+mußte Brautvater und die Regina Brautmutter machen.
+
+In langem Zug zogen sie vom Gasthof herab in die kleine Dorfkirche, und
+die Bauern des Dörfels schauten bei dem eigenartigen Schauspiel zu und
+lachten darüber. Sie lachten über den koketten Aufzug der Braut, die
+sich in ihrer Bühnentracht zur Kirche begab, und viele empörten sich
+über den schamlosen Ausschnitt des schwarzen, samtenen Miederleibchens.
+Aber den Fremden, die in der Hauptsache das Kirchlein füllten, gefiel
+es, und sie hielten die pomphafte Aufmachung für echten Bauernbrauch.
+
+War eigentümlich, wie wenig die Fremden in Wirklichkeit von dem wahren
+Bauerntum in sich aufnahmen. Sie lebten oft wochenlang unter den
+Bauern, sahen ihre Arbeit und hörten ihre Sprache. Aber von ihren
+wirklichen Sitten, von ihren Gebräuchen und ihrer Art ahnten sie
+nur wenig. Die Bauern blieben verschlossen und mißtrauisch gegen
+alles Fremde und nützten nur ihren Vorteil aus. Waren freundlich und
+erwiderten die Anreden, aber sie sprachen anders wie sonst und über
+Dinge, die dem Bauer eigentlich gleichgültig sind.
+
+Am Abend der Hochzeit hielt der Florian Siegwein zu Ehren des
+Brautpaares einen großen Bauernball ab. Und alle, die da wollten,
+konnten kommen, um mitzutanzen. Es tanzte das Stadtfräulein mit dem
+Melcherknecht vom Alpl droben und der feine Stadtherr mit der derben
+Bauernmagd, und bis zum frühen Morgengrauen dauerte das Fest.
+
+Auch der Stanis hatte sich eingefunden und wirbelte mit affenartiger
+Behendigkeit im tollen Tanz. Es war erstaunlich, wie geschmeidig der
+Melcher trotz seiner vorgerückten Jahre noch geblieben war. Konnte es
+im Schuhplatteln noch immer mit den jüngsten Burschen aufnehmen und war
+rauflustig trotz seines stark ergrauten Bartes wie in jungen Jahren.
+Sie vermieden es noch immer, die jungen Burschen, mit dem Stanis
+anzubandeln; denn sie fürchteten sich, eine Niederlage zu erleiden.
+
+Und heute hatte der Stanis wieder einmal weit über den Durst getrunken.
+War aber trotzdem immer noch standfest auf den Beinen, der kleine Kerl,
+und ließ auch nicht einen einzigen Tanz aus. Und just die feschesten
+Tänzerinnen wählte er sich. Er machte Witze, daß die Damen erröteten
+und die Burschen vor Vergnügen laut gröhlten.
+
+Die Herren aber, die es hörten, ärgerten sich über den ausgelassenen
+alten Kerl und verlangten von dem Florian Siegwein, daß er ihn
+entferne. Dem Stanis gefiel es jedoch so ausgezeichnet auf dem Ball,
+daß er gutwillig gewiß nicht ging. Das wußte der Florian ganz genau und
+war einigermaßen in Verlegenheit, wie er den Stanis losbringen sollte.
+
+Es fand sich keiner der Burschen, der den Stanis mit Gewalt
+hinausgeschmissen hätte. Sie wollten es nicht verderben mit ihm; denn
+sie mochten ihn alle gut leiden und fürchteten seine Rache. Aller List,
+die sowohl der Florian wie auch die Regina anwandten, widerstand der
+Stanis.
+
+Er wünschte diese tolle Nacht voll auszunützen und blieb ... allen
+Bemühungen zum Trotz ... fest auf seinem Posten. Hüpfte und tollte und
+gröhlte und wurde den Damen immer aufdringlicher. Er küßte sie beim
+Tanz ganz ungeniert auf den Mund, gerade so, als ob es eine Bauerndirn
+gewesen wäre; und ganz verliebt tat er mit einer kleinen blonden Frau,
+die ihm besonders gut zu gefallen schien.
+
+Wie eine Klette hing er sich an ihr an, umarmte sie mit tolpatschiger
+Zärtlichkeit und ließ sie nicht mehr los. Und alles Wehren der jungen
+Frau war vergeblich. Auch als sich der Florian, von dem Gatten der Dame
+aufgestachelt, dem Stanis energisch in den Weg stellte, half es nichts.
+Der Stanis parierte dem Florian einfach nicht, frech und unverschämt
+wie ein Junger.
+
+»Mach' di ... du ...« warnte der Stanis und schob den Florian mit einem
+seiner kunstvollen Rauferkniffe, die ihn so unüberwindlich machten,
+beiseite, so daß der stämmige Mann in weitem Bogen in den Saal flog.
+
+»Hast g'nuag iatz ... Florl ... oder magst no oane fangen?« höhnte er
+ihn dann.
+
+Sie standen alle im Kreise um den Rauflustigen, der die junge Frau mit
+dem einen Arm fest umklammert hielt, so daß sie ihm nicht entfliehen
+konnte. Und da viele der Burschen stark angetrunken waren, belustigten
+sie sich über den witzigen alten Kerl, lachten ihm zu und forderten ihn
+noch zum Widerstand auf.
+
+»Recht, Stanis! G'halt dir's lei dei' Weibl!« rief einer.
+
+»Gib ihr a Bussl!« munterte ihn ein anderer auf. Niemand schien ein
+Gefühl für die Lage der Dame zu haben, die ganz verzagt zu weinen
+begann. Daß dieser Spaß so enden würde, das hatten sie sich denn doch
+nicht vorgestellt.
+
+Die meisten Herren und Damen hatten, als die Situation ungemütlich
+wurde, den Saal fluchtartig verlassen, so daß zuletzt nur die
+Bauernburschen mit ihren Dirndeln übrig blieben. Der Gatte der Dame sah
+sich allein und verlassen dem Stanis gegenüber.
+
+»Lassen Sie meine Frau los ... unverschämter Kerl!« sagte er zornig.
+Er war jung, stattlich und groß und von vornehmer Herkunft.
+
+Boshaft blinzelte der Melcher aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem
+Herrn empor.
+
+»Ist's leicht dei' Weibl?« höhnte er.
+
+Der Herr gab dem frechen Kerl statt jeder Antwort eine schallende
+Ohrfeige. Das half. Mit einem so jähen Ruck ließ der Stanis sein Opfer
+los, daß die junge Frau taumelnd nach rückwärts fiel und von einigen
+hilfsbereiten Burschen aufgehoben werden mußte.
+
+Der Stanis aber sprang, einer Wildkatze ähnlich, seinen Gegner an.
+Umklammerte ihn und würgte ihn am Hals. Der Fremde wehrte sich mit viel
+Geschick, und der Florian eilte zur Hilfe herbei, dazu noch einige der
+Burschen. Aber der Stanis klammerte sich an den Fremden und hing ihm
+am Halse. Die Püffe und Stöße, die der Stanis nun von allen Seiten
+erhielt, reizten ihn zur höchsten Wut.
+
+Noch nie war es vorgekommen, daß er bei einer Rauferei unterlegen wäre.
+Und daß sie nun alle gegen ihn waren, empfand er als Heimtücke und
+Niedertracht. Er kannte keinen Unterschied des Standes, der Stanis.
+Rauferei blieb Rauferei. Wer auf dem Tanzboden anwesend war, mußte sich
+seine Späße eben gefallen lassen. Und wer das nicht wollte, mit dem
+raufte er halt. Aber die andern sollten ihn in Ruhe lassen und sich
+nicht einmischen. Mit dem hearrischen Tolm wollte er allein fertig
+werden.
+
+Der Stanis brüllte, außer sich vor Zorn, wie ein wildes Tier, als man
+ihn gewaltsam von dem Herrn zu trennen versuchte. Seine Füße baumelten
+in der Luft, und seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners, daß
+dieser blaurot im Gesicht wurde und hart nach Luft rang.
+
+Und in dieser Angst stieß er den Stanis mit den Füßen und brachte ihn
+zu Fall. Fiel aber über ihn, denn der Kerl ... toll vor Wut ... ließ
+nicht von ihm ab. Und pfauchte und pfiff vor sinnlosem Zorn. Und würgte
+den Hals des Fremden, der schwer über ihm lag. Und der Stanis fühlte,
+wie seine Finger, die sich in den Hals des Gegners gleich Eisenklammern
+einkrallten, gewaltsam gelöst wurden, und in seiner sinnlosen Wut, die
+tierisch und nicht menschlich war, öffnete er den Mund und biß in das
+Fleisch des Gegners.
+
+Ein weher Schrei und dann ein pfauchender Laut und noch ein Biß, und
+Blut quoll aus dem Gesicht des fremden Herrn.
+
+Der Stanis aber ließ von seinem Opfer ab. Er hatte dem Gegner die
+Nase abgebissen, und mit der Tat kehrte ihm die Ruhe wieder und das
+Bewußtsein. Er fühlte aber keine Reue, sondern stolze Genugtuung. Denn
+nun war er trotz der Überzahl der Gegner doch nicht unterlegen.
+
+Und gleich einem Sieger schaute er im Kreise herum, schaute auf die
+angstvoll erschrockenen Gesichter und auf das entstellte blutige
+Antlitz des Fremden. Und lachte ... Lachte ... und ließ sich willig
+und ohne Gegenwehr hinabführen in das stattliche Dorf, wo der Gendarm
+wohnte ...
+
+Als ihn die Richter für seine rohe Tat zu einigen Jahren Zuchthaus
+verurteilten, da lachte der Stanis nicht mehr. Es war das Schlimmste,
+was ihm widerfahren konnte, diese jahrelange Freiheitsberaubung. Und
+es schürte nur noch mehr den Haß, den er in seinem Innern stets gegen
+die fremden Leute gehabt hatte. Aber er bereute seine Tat trotz allem
+nicht.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel
+
+
+Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war
+es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit.
+
+»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es
+half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an
+die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals
+überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr
+widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse
+in ihrer Nähe weilen.
+
+Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder
+zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu
+Land, solange ihm das Geld ausreichte.
+
+Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst
+ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts
+mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte
+und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich
+ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam
+zurückgezogen.
+
+Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und
+durften auch nicht mehr vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian
+hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz,
+der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war,
+hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine
+Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.
+
+Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute
+in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß.
+Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen
+und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.
+
+Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene
+Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien
+verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte
+tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den
+sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.
+
+Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der
+Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über.
+Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste,
+war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest,
+die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam
+und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde
+Erdreich.
+
+Es war nur noch die Vef übrig von den alten Kräften des Florian
+Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und
+war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne
+Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte
+dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst
+erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz
+war.
+
+Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für
+sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem,
+was ihr einst lieb und teuer gewesen war.
+
+Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg.
+Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem
+Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor
+blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche,
+resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der
+den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter
+kam.
+
+In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war
+nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl
+erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde
+es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um
+einen Verdienst umtun.
+
+Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur
+wieder hätte arbeiten dürfen. Aber arbeiten war gleichbedeutend mit
+der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus
+Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.
+
+Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der
+großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann
+und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war
+nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu
+sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie
+bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.
+
+Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz,
+um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am
+Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.
+
+Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben
+quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch
+wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen
+Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand,
+die Vef zu stellen.
+
+Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef,
+und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine
+kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz
+allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein
+bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.
+
+So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und wenn die Vef hörte,
+wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig
+in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte
+und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die
+Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm
+in die Heimat zurück ...
+
+Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem,
+rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt
+so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die
+Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig
+niederträufelt.
+
+Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach
+Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und
+Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in
+festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten
+und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.
+
+Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in
+der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die
+Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer
+stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber
+ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden
+Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.
+
+Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl
+noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion
+und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde
+und sich kümmerlich durchbringen müßte.
+
+Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden
+Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen
+hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das
+erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.
+
+Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte
+ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche
+Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie
+ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig
+scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme
+und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat
+nach einer Nachfolgerin für die Vef.
+
+Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef
+sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für
+ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets
+gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das
+seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser
+herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze,
+vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam. Voll und reich
+war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene
+Gesicht gleich einer schweren Krone.
+
+Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer
+nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß
+man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine
+einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun
+können.
+
+Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit
+kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine
+Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.
+
+So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes
+reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor
+Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er
+unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine
+Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz
+erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und
+steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.
+
+Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch
+gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der
+Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je
+nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.
+
+Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen. Hatte ihn gehen
+heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl
+dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken
+ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie
+duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern
+sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug
+kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.
+
+War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut
+und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der
+Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt
+davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.
+
+Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im
+Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der
+Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte
+sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen
+Gehsteig.
+
+Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die
+Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares
+Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große
+Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in
+Falten, als der Wastl auf sie zukam.
+
+»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große,
+derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er.
+
+Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie
+unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte
+sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den
+offen gehaltenen Wagen steigen.
+
+Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...«
+stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig
+stampfte die Vef mit dem Fuße auf.
+
+»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in
+den Wagen und warf den Schlag zu.
+
+»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem
+Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften.
+
+Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder
+gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte,
+traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick
+taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut
+heiß und schwer zu Kopf.
+
+»Pack' dich!«
+
+Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit
+ihr davongefahren.
+
+Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen
+und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er.
+Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren.
+Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem
+anderen.
+
+Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm
+mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden
+Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner
+ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und
+folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.
+
+Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von
+ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter
+dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.
+
+Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb
+ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des
+Hauses gegeben hätte.
+
+Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt.
+Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß
+die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache
+lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch
+immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein
+war und das Wort zur Phrase geworden war.
+
+War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr
+... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen
+Haus.
+
+Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am
+Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die
+Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er
+an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken
+... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich!
+hatte sie zu ihm gesagt.
+
+Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug
+eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge
+mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber
+achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit
+der Nacht.
+
+Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein
+von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und
+wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar
+nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.
+
+So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke
+graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig,
+fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit
+schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort
+nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so
+dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.
+
+Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben
+war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen
+Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ...
+Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen in seinem Kopf
+herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und
+da drinnen ... ehrlos ...
+
+Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher
+und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem
+steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer
+näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten
+gestanden hatte.
+
+Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler
+des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen
+Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib
+kommen mußte.
+
+Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu
+atmen.
+
+Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor
+dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und
+dort zu schlafen schien.
+
+Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm
+regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit
+ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte
+Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und
+die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und
+machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz.
+
+Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und
+schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die
+Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander
+heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu
+warten hatten.
+
+Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt
+stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste
+in den Taschen des Mantelrocks.
+
+Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und
+sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter
+Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes.
+
+Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich
+ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr
+Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden
+Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander
+und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein
+gereiztes Tier auf das Weib zu springen.
+
+Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu
+sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den
+Schlag zu und stieg auf den Bock.
+
+»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl
+auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter
+Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte ihn nicht; denn der Lärm
+der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn.
+
+Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war.
+Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber.
+
+Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest
+in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte
+Angst.
+
+»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann
+sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut
+schauten, hatten einen fremden, wilden Blick.
+
+»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...«
+
+Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit
+die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?«
+
+Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das
+ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen,
+daß es sie heftig schmerzte.
+
+»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo
+bist g'wesen?«
+
+Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und
+Kälte. Aber sie war nicht feig.
+
+»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden
+Augen an.
+
+Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an
+sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit
+Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie.
+
+»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und
+mei' Weib!«
+
+»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand
+und krümmte sich unter seinem festen Griff.
+
+»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast
+mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...«
+
+»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi
+graust vor dir!«
+
+Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er
+auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne
+zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die
+Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die
+Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht
+seiner Kraft.
+
+Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus.
+Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer
+... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor
+ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu
+sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt.
+Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß
+gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war.
+
+Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch
+die Straßen der Stadt, die sich im frühen Wintermorgen immer mehr
+belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden.
+Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer
+war's in ihm ... trostlos leer.
+
+Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall
+aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins
+Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es
+ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem
+Kranken die Zähne klapperten.
+
+Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos
+und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem
+Tisch der Schenke lag.
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel
+
+
+In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein
+dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall
+war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden.
+
+Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden
+Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit
+von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal
+zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen
+und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können.
+
+Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian.
+Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel
+gesetzt.
+
+In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins
+Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines
+fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache
+gewachsen.
+
+Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen
+Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein.
+Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus
+errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker
+während der Sommermonate seines Amtes waltete. Eine Kramerei mit
+großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle
+Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte.
+
+Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern
+und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der
+Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer
+Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner
+Aufdringlichkeit die ganze Gegend.
+
+Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren
+Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten
+redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten
+sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem
+gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das
+groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten.
+
+In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese
+geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren
+nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch
+wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben.
+Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu
+finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina.
+
+Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch
+immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte
+sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt war, so
+schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen.
+
+Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina
+war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den
+Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen
+auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin
+gekommen wären.
+
+Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie
+viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere
+Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die
+Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des
+großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht
+doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.
+
+So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war
+einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die
+Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern
+betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden
+Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche
+ließen.
+
+Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die
+Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und
+blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.
+
+Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von
+der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau,
+die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.
+
+Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie
+hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener
+junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum
+Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.
+
+Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch
+war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger
+Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur
+Bauerschaft und keine zum Handelsmann.
+
+Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten
+nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er
+eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten
+denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts
+aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für
+keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der
+Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm
+der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.
+
+Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen
+großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder
+und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch
+gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es
+der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als
+die Scholle, auf der er stand und arbeitete.
+
+Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber
+er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr
+mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und
+erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.
+
+Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres,
+als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände
+unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus,
+dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und
+träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft,
+die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der
+Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den
+Pflegeeltern Freude zu bereiten.
+
+Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein
+Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu
+und fleißig.
+
+Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers
+und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke
+ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in
+der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden
+Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum
+Kramer Veit.
+
+»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ...
+ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no
+verlottern.«
+
+Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren
+nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das
+Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine
+beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt
+gefunden.
+
+Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte,
+wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?
+
+Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen
+Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und
+verglich.
+
+Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach
+Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner
+Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl
+machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden.
+Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe
+entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser
+und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu
+tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den
+drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des
+Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen,
+und das machte ihn hart und unchristlich.
+
+Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll
+Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden
+war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn
+er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.
+
+Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein
+halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da
+waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer
+angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht
+gewesen wäre.
+
+Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die
+Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte
+der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das
+gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.
+
+Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil
+gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da
+er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.
+
+Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von
+seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er
+hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina
+jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh
+es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch
+würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht
+hereinbrechen würde.
+
+Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf
+der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die
+Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts
+wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen
+doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten.
+Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und
+taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der
+ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch
+richtig auszunutzen.
+
+Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen,
+weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.
+
+Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht
+eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten
+nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die
+Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie,
+weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben
+angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk,
+und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit
+verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern
+des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.
+
+Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.
+
+Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu
+haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein
+wahrer Diener seines Volkes ...
+
+Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das
+Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen
+in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl
+geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und
+trauerte redlich und aufrichtig um ihn.
+
+Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und
+gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte
+Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.
+
+Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das
+Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt.
+Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen
+wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...
+
+Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit
+seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne
+gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie
+einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll
+Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für
+den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges
+Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...
+
+Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand
+der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.
+
+Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein
+Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa
+recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten
+die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die
+Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben,
+wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun
+kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir
+recht ... Bua ... Ganz recht.«
+
+Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl
+geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort
+davon. -- -- --
+
+Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die
+Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran
+dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und
+das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen
+empfangen sollte.
+
+Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes
+ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie
+war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter
+Existenz. -- -- --
+
+Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man den Anderl zum Priester
+weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und
+Hof.
+
+Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn
+die Regina war bettelarm geworden.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel
+
+
+Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein
+nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch
+leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache
+genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.
+
+Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte
+sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald.
+Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens,
+die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von
+ihnen beschieden.
+
+Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem
+tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und
+Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und
+verfluchte sich und ihr ganzes Leben.
+
+Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um
+ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die
+Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war,
+lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller
+Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr
+stand.
+
+Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ
+sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus
+ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte,
+daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da
+machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest
+ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen
+und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.
+
+Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib
+gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte
+wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef
+noch eine Stellung als Sängerin erreichen.
+
+Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf.
+Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und
+konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem
+sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und
+überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt
+doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.
+
+Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim
+eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es
+um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser
+Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll.
+Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.
+
+Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und
+inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen
+und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach
+dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur
+zur vermehrten Qual wurde.
+
+Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie
+vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und
+scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf,
+und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte
+sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden.
+Hatte noch Scham in sich trotz allem.
+
+Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein
+verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie
+kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene
+denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl
+... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an
+den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.
+
+Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren
+einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht
+nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.
+
+Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten.
+Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg
+verkommen sei.
+
+Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr
+einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.
+
+Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden
+auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie
+jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ...
+Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und
+auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh
+hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh
+gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte
+liegen dürfen ...
+
+Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen
+Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und
+ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes,
+aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen
+Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und
+versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des
+Leides ein.
+
+In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ...
+endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und
+murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein
+sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von
+jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr.
+Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.
+
+Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie
+lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den
+Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in
+den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid
+... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das
+Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig
+Frömmigkeit.
+
+Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie
+konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend
+nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem
+fremden, flachen Land.
+
+Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende
+Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre
+Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble
+von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten
+Luft.
+
+So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man
+sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und
+beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten
+die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft.
+Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte
+trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.
+
+Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch.
+Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft
+hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte
+vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine
+geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch
+ein Jahr.
+
+Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er
+sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun
+würde, das wußte die Vef genau.
+
+Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche
+Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn
+er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht
+mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn
+verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte
+halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!
+
+Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der
+Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten
+Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt
+einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es
+in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt.
+Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.
+
+Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die
+Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit
+rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese
+Weise ihren Unterhalt.
+
+Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch
+absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn
+dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und
+Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute,
+die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten
+Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.
+
+Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig
+zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die
+Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang.
+Abend für Abend.
+
+Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.
+
+Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen
+Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt.
+Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein
+Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht
+gebrauchen.
+
+Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat
+zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann
+wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam.
+Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten
+Zeiten und kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem
+Rausch heraus.
+
+Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud
+alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und
+kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und
+ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn
+das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das
+der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.
+
+Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er
+verkehrte, und mochten ihn gut leiden.
+
+Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in
+der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine
+gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.
+
+Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.
+
+Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.
+
+Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des
+Mannes.
+
+Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef
+... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich
+wohl recht verändert hatte ... die Vef ...
+
+Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig
+Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.
+
+Die Vef ... und wieder in der Heimat ...
+
+Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und
+zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer
+wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat
+weilte.
+
+Und dann sah er sie.
+
+Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und
+spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und
+ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten
+auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der
+Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr
+wehe tun.
+
+Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende
+Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen
+Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin,
+hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die
+Ringe in den Ohren befestigte.
+
+Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte
+die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im
+Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer
+in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und
+müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.
+
+Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt
+hatte. Jetzt reute es ihn, da er sie so elend sah, und er schämte
+sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.
+
+Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?
+
+Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war
+ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von
+einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem
+rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen,
+die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische
+standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben
+und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.
+
+Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein,
+und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für
+gewöhnlich zu verkehren pflegte.
+
+Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte
+ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische
+hinüber, wo die Vef saß und spielte.
+
+Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon
+gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals
+verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der
+Vergangenheit.
+
+Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und
+lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich
+wirken.
+
+Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war,
+und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie
+damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte.
+Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht
+bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die
+Augen und träumte im Wachen.
+
+»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit
+dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit
+da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er
+geärgert hinzu.
+
+Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren
+und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im
+Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die
+dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer
+Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich
+gut, waren aber keine Freunde.
+
+Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des
+Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten
+gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der
+Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen,
+jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er
+schämte sich für ihn.
+
+Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte
+hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef
+war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen
+haltend, von Tisch zu Tisch.
+
+Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische,
+und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte,
+wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein
+Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.
+
+Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich,
+wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren
+... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ...
+wie damals ...
+
+Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang,
+indem er ihn unwillig anstieß.
+
+»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er
+ärgerlich.
+
+Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und
+umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein
+großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf
+den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.
+
+Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu
+Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen,
+und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da
+begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.
+
+Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der Frau und ein tiefes
+Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in
+viele Scherben ...
+
+Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef.
+Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.
+
+Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte
+voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern.
+Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er
+besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da
+und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich
+froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von
+seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten
+kam mit ihr, sie nicht verlassen.
+
+Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern.
+Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal
+gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.
+
+Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich
+und an jedem Abend.
+
+Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker,
+der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm
+vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder
+der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt
+und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und
+sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er es der Vef
+achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton
+weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.
+
+»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!«
+Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier
+einen Brocken Fleisch zuwirft.
+
+Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren,
+beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.
+
+»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich
+auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in
+mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte
+brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals
+flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.
+
+»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.
+
+Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und
+Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde
+stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.
+
+»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig
+besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die
+Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag.
+Der Fremde wieherte laut und trunken.
+
+»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht machst du's einem?« gröhlte
+er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«
+
+Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine
+lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich
+vernehmen konnte.
+
+Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere
+munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.
+
+Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das
+Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich
+zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten.
+Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem
+Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.
+
+»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«
+
+»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand
+gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.
+
+Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen
+und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser
+nicht mehr rühren konnte.
+
+»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte
+ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit
+mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie
+im Ekel.
+
+Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu Kopf vor Wut und
+unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend
+zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.
+
+»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl
+begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch
+nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«
+
+»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste.
+»Dös nimmst z'ruck!«
+
+»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig
+gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er
+verächtlich.
+
+»Du!«
+
+Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und
+würgte ihn.
+
+»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef
+...«
+
+»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«
+
+Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen.
+Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie
+schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden
+trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie
+alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und
+würgte ihn.
+
+Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde
+blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.
+
+Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder
+geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.
+
+Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der
+Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich
+erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen
+und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.
+
+Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und
+dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand
+der Nordkette auf.
+
+Weshalb noch weiter leben? Wozu?
+
+Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die
+Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.
+
+Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk,
+das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.
+
+Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von
+den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.
+
+Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der
+Richtung gegen die Stadt zurück.
+
+Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel
+
+
+Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie
+starb, hatte sie noch eine Freude.
+
+Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten.
+Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.
+
+»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ...
+gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«
+
+»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich
+klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.
+
+»Ja.«
+
+»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles
+...«
+
+»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau.
+»Alles.«
+
+Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und
+sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.
+
+»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«
+
+Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie
+leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum
+Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.
+
+»Nix mehr.«
+
+»Und deine Buben ... Vef ...?«
+
+Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie
+mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber
+doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas
+Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden
+Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.
+
+Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn
+noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres
+Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch
+einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und
+lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof,
+die sie damals gewesen war.
+
+Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge
+Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit.
+Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen
+und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem
+kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner
+herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund.
+Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.
+
+»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester
+sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.
+
+»Kennst die Gungl?«
+
+»Nein, Vef.«
+
+Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da
+und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den
+Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen
+Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend
+umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in
+weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der
+Schellen von weidendem Almvieh.
+
+Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau
+lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ...
+alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ...
+sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat
+... so kühl und feucht ...
+
+So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht
+viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und
+betete voll Inbrunst am Lager der Frau.
+
+»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach
+Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«
+
+Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände
+wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester
+das Totenlicht.
+
+»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit
+lauter, wohltönender Stimme.
+
+Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte
+empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und
+erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.
+
+»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit
+matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein
+der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ...
+und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«
+
+Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das
+Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch
+einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und
+gewaltig und voll Gold ...
+
+Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben
+war, noch eine Pflicht zu erfüllen.
+
+Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder
+hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn
+gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.
+
+»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!«
+hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen.
+Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun
+zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.
+
+Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein
+Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.
+
+Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie
+diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht
+saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und
+schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und
+große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und
+die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur
+zulässig war.
+
+Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an
+Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren
+begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines
+Heimatstales zurück.
+
+Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht.
+Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat
+fehlte dem Wastl.
+
+»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder
+erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no
+amal. Und i hab's tun ~müassen~. 's ist gleich iatz!« fügte er
+dann traurig hinzu.
+
+Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der
+Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der
+Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie eine
+Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer
+wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete
+nichts.
+
+Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand,
+um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu
+verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen
+Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
+
+Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als
+Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal
+gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er
+wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben,
+aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte
+Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.
+
+Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so
+lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er
+sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen
+Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und
+biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der
+Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders
+sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden
+waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des
+Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.
+
+Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der
+Vef verschwiegen, daß mit den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer
+Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien
+war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters
+geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig
+von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte,
+als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.
+
+Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen
+hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten
+große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern
+zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch
+eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt
+gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als
+sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der
+Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen
+Burschen mit Empörung.
+
+Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und
+vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich
+verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer
+veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue
+Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.
+
+Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die
+Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals
+darob schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger
+ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank
+fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.
+
+Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit
+und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten
+Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.
+
+Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar
+bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten
+nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum
+und fühlten sich überall überflüssig.
+
+Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter
+ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche
+Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten
+trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.
+
+Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den
+Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht
+gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da
+zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren,
+und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die
+Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und
+ohne Liebe zur Scholle.
+
+Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des
+alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz
+fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt
+genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.
+
+Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate
+hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern
+von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller
+guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder
+Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche
+Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach
+ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das
+einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte
+der Genuß.
+
+Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer
+Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert
+und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend
+und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser
+Leichtsinn brachte ihm Verderben.
+
+Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache
+herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig
+gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.
+
+»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a Lump und koa ordentliches
+Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ...
+das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War
+ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.
+
+Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein
+Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch
+einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.
+
+»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer
+seufzend.
+
+War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und
+fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der
+Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt,
+der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er
+schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer
+wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und
+alle heiligen Eide schwor.
+
+Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte,
+um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs
+Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge
+Lumpereien.
+
+Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen
+Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis,
+das in dem Hauptort des Tales war.
+
+Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er
+davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus
+und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden
+mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so
+zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor
+allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte,
+und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.
+
+Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer
+Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die
+barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus,
+waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und
+ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine
+Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und
+war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.
+
+Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen
+neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen
+umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich
+darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig
+im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit
+weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden
+des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.
+
+In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank,
+auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von
+der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da,
+einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.
+
+Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte
+eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart
+wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten
+die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.
+
+Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und
+sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit
+und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten,
+weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts
+mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen
+die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig
+arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft
+hatte er wohl auch nimmer gar viel.
+
+So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig
+eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte
+er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er
+keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne
+Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde
+dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.
+
+Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die
+Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze
+machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker
+droben am Alpl gut leiden konnten.
+
+War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen
+Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle
+Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten
+Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal
+waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter
+die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise
+anbettelte.
+
+Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung,
+bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte
+sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft
+schielenden Augen nach.
+
+So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte
+ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis
+erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins
+Gefängnis eingeliefert hatte.
+
+Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst
+gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl
+einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten
+und zu Boden geschaut.
+
+»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der
+Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er
+damit den Wastl getroffen hatte.
+
+Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende
+Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind
+zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten
+ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.
+
+Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im
+Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort,
+nachdem der Stanis ausgeredet hatte.
+
+Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so
+kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den
+man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem
+Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem
+Zuchthaus heraus.
+
+Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete,
+da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner
+Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe
+er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten.
+Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.
+
+Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem
+Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.
+
+»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen.
+»'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.
+
+Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem
+großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von
+der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.
+
+Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich
+beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und
+zupfte ihn energisch am Arm.
+
+»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a
+bissl ... ha?«
+
+Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug
+er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis
+wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.
+
+Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte
+er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er
+eindringlich hinzu.
+
+»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.
+
+»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah
+er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre
+Manndl herabschaute.
+
+»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«
+
+»Ja.«
+
+Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen
+anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.
+
+»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem
+andern auf.
+
+»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.
+
+Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.
+
+»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist
+do dei' Bua ... dei' Kind ...«
+
+»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«
+
+»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös
+fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz
+mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an
+alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es
+nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A
+Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil
+antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam
+und in der Stadt ... oaner ...«
+
+Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß
+ihn zu Boden.
+
+»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut
+blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«
+
+Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig, daß er sich flink wie
+ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und
+dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs
+empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt
+davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den
+Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so!
+Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«
+
+Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder
+beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen
+aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander
+zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.
+
+Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht
+und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der
+Michl nun ein Zuchthäusler wurde.
+
+Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den
+darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis
+abermals zu ihm in die Gartenecke kam.
+
+Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem
+tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen
+herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ...
+aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.
+
+Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine
+kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof
+gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich.
+Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges
+bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel
+und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht
+verstecken sollen.
+
+Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der
+Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des
+Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen
+das Haupttal zu.
+
+Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und
+jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich
+hatte. Damals ...
+
+Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend
+neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er
+schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab'
+denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab'
+nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns
+herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine
+Stimme.
+
+»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn
+nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha?
+Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia
+fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht
+fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und
+im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen
+sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen
+ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a
+so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil
+aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan.
+Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt.
+Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö
+verfluachten!«
+
+Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war
+er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon
+immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und
+ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines
+Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne
+Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich,
+und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige
+Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner
+Überzeugung.
+
+»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll
+ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«
+
+Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig
+flackernden Augen.
+
+»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte
+der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr
+derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von
+denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in
+der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das
+große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö
+alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir
+nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil
+a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«
+
+Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht
+recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.
+
+Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der
+Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und
+starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber
+sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit
+langem nicht mehr.
+
+Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn
+bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der
+eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß
+und dessen Ursache.
+
+Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen
+das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem
+Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.
+
+Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er
+kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er
+zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis
+er triumphierend wieder aufs neue erstand.
+
+Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm
+der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine
+Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen
+Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.
+
+Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war
+das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger
+Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das
+aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen,
+daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen
+lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein
+und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch
+nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher
+Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum
+Lump wurde?
+
+Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die
+Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab
+und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...
+
+Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat
+für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und
+alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst
+wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben
+nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin
+umherlagerten.
+
+Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte
+der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein
+ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ...
+das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von
+Grund aus vernichtet würde.
+
+War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und
+sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen
+Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen
+hatte.
+
+Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht
+vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und
+jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei
+Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden
+... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann
+erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...
+
+Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein
+Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten
+mit dem Bösen.
+
+Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis?
+Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung
+unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der
+Martl wirklich noch ordentlich war?
+
+Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der
+Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging
+und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld
+genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche
+Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken
+... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen
+so alten, einfältigen Menschen ...
+
+Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch
+nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel
+außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den
+Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War
+doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel
+besser draußen herumwandern, der Wastl.
+
+Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht
+Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem
+Heu.
+
+Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen zu dürfen! Völlig
+gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl
+mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche
+Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.
+
+Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher,
+ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus,
+sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg
+gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim
+Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben
+aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.
+
+Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So
+eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und
+schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und
+auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.
+
+Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und
+trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals
+betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem
+Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl
+war, sein Bub.
+
+War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann.
+Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und
+merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte.
+Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.
+
+Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe
+seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute
+sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben
+aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann
+heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.
+
+Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und
+Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange
+warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er
+hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und
+morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...
+
+Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg
+zu dem großen Hotel hinan.
+
+Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem
+Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.
+
+Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel
+sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in
+den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef
+und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...
+
+Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und
+keinen Hunger mehr.
+
+Trinken ... nur trinken ...
+
+Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die
+Kellnerin den alten, geduckten Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie
+seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm
+dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da
+forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.
+
+Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß
+allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische
+und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die
+einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen
+Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie
+sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das
+majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von
+drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.
+
+Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig
+alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man
+ihn gehen hieß.
+
+Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr
+trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und
+stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die
+Luft zu befördern.
+
+Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren
+spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und
+angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm der Wastl so
+hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die
+Kellnerin.
+
+»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!«
+sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«
+
+»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und
+ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ...
+einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein
+Fremder!
+
+»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem
+Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung
+wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich
+lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines
+Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor
+sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen.
+Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig.
+Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und
+höhnisch ihm nachklang.
+
+»Gesindel!«
+
+Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen
+Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der
+Stanis. »Gesindel!«
+
+In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend
+den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den
+Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der
+hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte
+nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die
+Vef ...
+
+Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.
+
+»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los
+von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.
+
+Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau.
+Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu
+denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken
+in seinem Kopf.
+
+Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten
+... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein
+Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte
+und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann,
+der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel!
+
+Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!«
+Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die
+ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ...
+
+War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich
+betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie
+mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt schon wieder ganz
+nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte
+ihm vom vielen Denken.
+
+Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und
+schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit
+damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und
+vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen
+... damals noch, als die Vef lebte.
+
+Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt
+in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken
+gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht
+immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr
+denken ...
+
+Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig.
+Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der
+Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der
+Wastl ... ganz pfiffig ...
+
+Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo
+die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am
+Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl.
+
+Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels.
+Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit
+... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich
+die Tür auftat und jemand aus dem großen Haus kam und zu dem Hunde
+ging, um ihn zu beruhigen.
+
+War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der
+Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll
+nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ...
+alle ...
+
+Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen
+das große Haus.
+
+»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle
+seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!«
+
+Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig
+tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder
+zornig knurrte, leise und grollend.
+
+Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren
+scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und
+hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für
+die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten.
+
+»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War
+gescheut, der Stanis! Aber feig!
+
+Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig
+von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an.
+
+Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz
+sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören
+konnten.
+
+Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft
+hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das
+große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel
+... So war's recht.
+
+Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug
+... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund
+knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen.
+
+Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man
+unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und
+auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und
+leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt.
+
+Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig
+hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es
+so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön
+war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen.
+
+Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig
+... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und
+lächelte schadenfroh.
+
+»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber
+Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle
+miteinander!«
+
+Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der fing das Feuer, daß es
+eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt.
+
+Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln
+Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen
+konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster
+drohende Bergwand.
+
+Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an
+den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber
+sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von
+selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor
+und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und
+brausend im Sturmwind.
+
+Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine
+Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen.
+
+Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben
+konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten.
+Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand
+verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht
+erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze
+feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ...
+Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten
+Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl
+drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die entfesselten
+Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ...
+beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ...
+
+Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz
+gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand
+dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ...
+
+Sie fanden am frühen Tag einen alten Mann. Der irrte umher in den
+Wiesen und Feldern, barhäuptig und mit schweren Füßen. Sein Gesicht war
+gelb und fahl und die dunkeln Augen leer und ohne Seele.
+
+Und er wußte von nichts mehr, und wußte auch nicht mehr, wer er sei.
+
+Der Wastl hatte den Verstand verloren.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel
+
+
+Ein neues Geschlecht war erstanden im Tal. Jene, die damals noch Kinder
+waren, als das Regele von Schande getrieben aus der Heimat flüchtete,
+waren gereifte Männer und hatten Familien gegründet, und etliche von
+ihnen lagen auch schon unter der Erde. Und alle waren sie tot, die
+guten Bekannten von einst. Der alte Perlmoser und der Söllerbauer
+und sein Weib, und auch die Julie, die dann Wirtin geworden war. Die
+Perlmoser Rosina aber blieb verschollen. War nie mehr in die Heimat
+zurückgekehrt. Und auch vom Lois, dem Sohn des Wastl, hatte man wenig
+mehr gehört.
+
+Das Moidele, die das Kind der toten Mena war, wartete und pflegte die
+alten Kramersleute bis zuletzt. War gutmütig und nicht recht gescheut,
+aber dankbar und treu und anhänglich. Und die Regina war gestorben und
+die alte Mutter Notburg.
+
+Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber
+nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle
+dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl,
+den armen Narren.
+
+Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach
+einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und
+lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas zuleide und
+folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf
+draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann
+sterben durfte.
+
+Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina
+war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit
+der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte
+sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und
+fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl
+erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus
+besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen
+Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer
+Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen.
+
+War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen
+und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden
+war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als
+die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und
+der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn
+nur schlecht verbergen.
+
+Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch.
+Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz
+allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im
+Flüstertone.
+
+Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der
+Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das
+Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War
+still und verträumt und sinnierte viel und einsam.
+
+Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine
+Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm
+er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der
+Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich
+zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot.
+
+Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und
+sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll
+Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen
+war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit
+den strahlenden Augen der Vef.
+
+Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute
+waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der
+Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch
+waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der
+Scholle, der sie entstammten.
+
+Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken
+und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher.
+Und vieles, was er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel
+ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern,
+mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen
+wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler,
+zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten
+auch als Sänger umher.
+
+Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten
+Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste
+im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten
+Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne
+und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte
+Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und
+vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie
+Bauern.
+
+Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die
+Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die
+Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so
+oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und
+sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft.
+
+»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern
+schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen
+in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i
+ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht hab'. Und hab' nit alleweil
+an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen
+an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl
+alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi
+denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt
+mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die
+Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und
+die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit
+derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist.
+Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue
+G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.«
+
+Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon
+leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen.
+
+»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte
+der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten
+ihm leid ... die Menschen.
+
+»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s
+braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch
+über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und
+hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's,
+und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern
+dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat. Aufklären hättet's
+müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen
+außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr
+die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so
+gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten
+die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen
+mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl!
+An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan.
+Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.«
+
+Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte
+... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's
+nur?«
+
+Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte
+es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit
+doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und
+die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit
+allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und
+tat ihm weh.
+
+Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit.
+So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl
+gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte.
+
+Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der
+alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer
+Veit. Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der
+Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben
+nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten
+müsse ...
+
+Eine breite Fahrstraße führte vom Tal herauf zu dem neuen Alpenhotel,
+das jetzt am Eingang des Dorfes erbaut worden war. Groß und schön lag
+es da, und sein Bau paßte sich der Gegend dieses Tales an.
+
+Droben aber, an jener Stelle, wo der Wastl das Feuer angelegt hatte,
+stand eine stattliche Kirche. Weiß und freundlich und weit sichtbar
+leuchtete der spitze Turm ins Tal. Und viele kamen, um dort zu
+wallfahrten ...
+
+Auch der Kramer Veit pilgerte dorthin. Fast jeden Tag, wenn die Sonne
+freundlich war und warm. Und wenn es ihm unten im Haus etwas zu lebhaft
+wurde vom reichlichen Kindersegen. War halt schon recht ... recht alt,
+der Veit, und sehnte sich nach Ruhe.
+
+Hatte sein Geschäft in Richtigkeit gebracht, der alte Mann. Ob er's
+auch recht getroffen hatte? Die Bauerschaft mit Vieh und Stall und
+Äckern, das sollte dem Martl gehören, wenn der Veit einmal nimmer war.
+Die Villa aber und alles Geld, das er besaß, dem Andreas Siegwein und
+seiner Schwester.
+
+Ob es so recht war? Gott allein wußte das. Er, der Veit Galler, der
+irrende Mensch, glaubte, daß es so gut sei. Und hatte es oftmals im
+Leben so geglaubt und trotzdem schlecht getroffen. Wie damals, als er
+sich barmherzig um das verlassene Regele angenommen hatte. Und war doch
+alles, was jener Tat entsprang, zum Unheil geworden.
+
+Alles? Nein. Das fremde Büabl, das der Kramer Veit damals auf der
+Kraxen seinem Weibe in brennender Sonnenglut heimgetragen hatte ... das
+war zum Glück gewesen. Für ihn und die Notburg und für alle im Tal.
+Denn alle liebten sie den Priester Andreas Siegwein ... der den Stolz
+des wahren Menschentums erkannte ... barmherzig war und gut.
+
+Veit Galler, der Krämer, aber wartete auf den Tod. Wartete ruhig
+und ohne Bangen ... wie auf einen lieben Freund. Saß droben auf der
+Bank vor der neuen Kirche und ließ die Sonne auf seine alten Glieder
+scheinen. Und sah hinüber zu den fernen Bergen. Hörte ganz matt nur
+mehr und gedämpft das Brausen der drei wilden Gebirgsbäche, die sich
+tief drunten im Tal zusammenschlossen, und fühlte den heiligen Frieden
+dieser Einsamkeit.
+
+Dort, wo seine Villa stand ... da balgten sich die Kinder des Martl in
+den grünen Wiesen. Sie jagten die Kühe und trieben sie im Spiel. Herbst
+war's, und der Martl ackerte im Feld. Ging hinterm Pflug einher, mit
+schwerfälligem Schritt. Und sein junges Weib schritt vor ihm und führte
+den Ochsen. Trug ein helles Tuch überm Kopf als Schutz gegen die Sonne,
+die noch heftig brannte.
+
+Wie wohl sie dem Greise tat, diese wärmende Oktobersonne! Und wie wohl
+der Frieden des Tales. Jetzt waren sie nun abermals fortgezogen ...
+die fremden Gäste ... und geheiligt war das Land.
+
+Mächtig, majestätisch und groß standen die Berge. Und hatten einen
+Wolkenschleier ums Haupt gelegt. Wie eine Krone, aus der weiße
+Eiszacken frei und ungehemmt zum Himmel ragten. Wie eine Krone war's
+... eine silbernschwere leuchtende Königskrone.
+
+Königin Heimat!
+
+Und Veit Galler, der Krämer ... schlief ein, auf der Bank sitzend, die
+vor der neuen Kirche stand, und hatte das Gesicht der Sonne zugewendet.
+
+Und wachte nie mehr auf.
+
+
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+
+ L. Staackmann Verlag in Leipzig
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 ***
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+ Königin Heimat | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und
+Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich
+offensichtliche Druckfehler sind korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46 padbot5" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figright illowe4" id="illu-001_2">
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+</figure>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 center padtop5"> RUDOLF GREINZ</p>
+
+<h1>Königin Heimat</h1><br>
+<p class="s3 center">Roman</p>
+
+<p class="p4 center">34. bis 39. Tausend</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe24" id="illu-003_2">
+ <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p class="s3 center">L. Staackmann Verlag in Leipzig</p><br>
+ </div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 center">Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig / 1939</p><br>
+<p class="center"><em class="antiqua">Copyright 1921 by L. Staackmann Verlag in Leipzig<br>
+Printed in Germany</em></p><br>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2>Erstes Kapitel</h2>
+</div>
+
+<p>Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter
+über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz
+verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein
+die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume
+hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können
+und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute
+festlich geschmückt des Geliebten harrten.</p>
+
+<p>Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten.
+Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee,
+wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich
+kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb.
+Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste
+tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu
+verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte.</p>
+
+<p>Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren
+Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit
+dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die
+schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen.</p>
+
+<p>Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten
+mit einem Wettersturz gerechnet.<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> Freilich, daß er sich so verheerend
+einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet.</p>
+
+<p>Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag
+war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen.</p>
+
+<p>Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur
+Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton
+die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu
+Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der
+Auferstehung des Herrn.</p>
+
+<p>Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins
+nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend
+die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen
+hatten.</p>
+
+<p>Eine Bachstelze hüpfte über den Weg. Zierlich und äußerst vorsichtig
+hüpfte sie von Zaun zu Zaun. Drehte das Köpfchen nach rechts und drehte
+es dann nach links, als schüttelte sie unwillig ihr Haupt über solche
+Art von Schnee und Frühlingslust.</p>
+
+<p>Ein paar Spatzen hatten sich inmitten der kleinen Talstraße
+niedergelassen und suchten in dem Schnee nach Körnern. Sie fanden auch
+Futter in den Spuren eines Pferdehaufens, der noch dampfte.</p>
+
+<p>Auf den Höhen der Berge jagte der Wind die grauen Wolken auseinander,
+trieb sie in rasendem Lauf vor sich her und öffnete der Sonne einen
+Spalt, so daß ihr warmer Strahl tröstend die vielen traurigen
+Frühlingskinder küssen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<p>Wie doch so ein Sonnenstrahl mit einem Male alle Unbill vergessen
+machte! Ein Aufatmen durchwehte die Natur. Bachstelzchen reckte, so
+hoch es konnte, sein zierliches Köpfchen der Sonne entgegen, neugierig
+und mißtrauisch zugleich, als wollte es nicht daran glauben, daß seine
+mächtige Freundin nun tatsächlich über Kälte und Schnee Siegerin
+bleiben werde. Es plusterte sein Gefieder und wetzte das Schnäbelchen
+an dem Holzzaun, auf dem es saß. Zu beiden Seiten schloß der Zaun die
+kleine Talstraße von den Feldern ab.</p>
+
+<p>Bachstelzchen sah neugierig und mit klugen Äuglein beobachtend umher
+und gewahrte, daß der Schnee, der auf dem Zaune lag, zu glitzern anfing
+und unter der milden Macht der Sonne sich langsam löste. Da ließ
+Bachstelzchen einen frohen jubelnden Triller ertönen und flog davon,
+hinauf zu den hohen Wipfeln der Obstbäume, und erzählte diesen, daß sie
+nun nicht mehr zu bangen brauchten um den bräutlichen Schmuck.</p>
+
+<p>Ein stämmiger, groß gewachsener Mann ging mit weit ausholenden
+Schritten die Straße entlang. Wuchtig, eilig und selbstbewußt. Er sah
+weder nach rechts noch nach links, als er das Dorf durchschritt, und
+nickte nur flüchtig dankend für den Gruß, den man ihm bot.</p>
+
+<p>Eine Gruppe von kleineren Kindern sah ihm nach. Etwas schüchtern und
+verwundert; denn er war ihnen fremd. Sah auch nicht aus, als ob er aus
+der hiesigen Gegend stammte; denn seine Kleidung war kein Bauerngewand.
+Und doch wieder schien es, nach der<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> sicheren Art seines Ganges zu
+urteilen, daß er ein Kind der Berge war und auch hierher gehören mußte.</p>
+
+<p>Außerhalb des Dorfes zweigte ein Seitenweg von der kleinen Talstraße
+ab. Führte im schmalen Pfad zwischen Felsen hindurch und zu einem
+steilen Bergwald empor.</p>
+
+<p>Ein langsam feierliches Rauschen, an den vollen Ton einer Orgel
+gemahnend, durchbrauste den mächtigen Dom des Hochwalds. So feierlich
+und weihevoll war es, daß der stämmige Mann unwillkürlich lauschend und
+in fast andächtiger Haltung stehen blieb.</p>
+
+<p>Ein seliges Lächeln verschönte einen Augenblick lang das derbe Gesicht
+und verlieh ihm schier einen knabenhaften Ausdruck. Aufatmend nahm
+der Mann den dunklen Filzhut von dem Kopf, zog ein großes, farbiges
+Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich, vom raschen Gehen
+erhitzt, den Schweiß aus der Stirne.</p>
+
+<p>Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken
+Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die
+dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen
+Ausdruck.</p>
+
+<p>Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und
+der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch
+einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar
+hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt
+entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span>
+wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte.</p>
+
+<p>Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache
+des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn
+gebannt hielt.</p>
+
+<p>Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und
+strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und
+zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume.</p>
+
+<p>Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und
+neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich
+die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war,
+den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten.</p>
+
+<p>Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male
+geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und
+ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging.</p>
+
+<p>Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur,
+überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein
+ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz
+kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten
+Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze
+des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende
+Laut der eisernen Spitze des Stockes<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> bewirkte, daß ein paar Krähen in
+der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen.</p>
+
+<p>Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen
+Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich
+elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen
+Männerkehlen.</p>
+
+<p>Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental,
+eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus.</p>
+
+<p>Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da
+lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf.</p>
+
+<p>Die weißen Mauern der Häuser leuchteten auf, vom Sonnenglanz getroffen.
+Ein grüner Kirchturm wies, gleich einem spitzen Finger, gegen Himmel,
+und das kleine, goldene Kreuz des Turmes funkelte wie ein goldener
+Tautropfen.</p>
+
+<p>Der schmale Gebirgsbach durchschlängelte wie ein smaragdenes Band in
+anmutigen Windungen das Tal. Die samtbraunen Holzhäuser, die weich in
+Wiesen eingebettet, einzeln und in Gruppen bis hoch hinauf die Berge
+zierten, ließen ihre winzigen Fensterchen im Sonnenglanze gleich
+Diamanten auf dunklem Grunde schimmern.</p>
+
+<p>Ein ernster, düsterer Berg mit breitem Rücken schloß das Tal beinahe
+hermetisch von der Außenwelt ab. Zackige Bergspitzen bauten sich im
+Süden auf und lugten neugierig über die Höhe des kleinen Hochtales,<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+das Veit Galler mit weit ausholenden Schritten jetzt durchwanderte.</p>
+
+<p>Ein regelrechtes Bergtal war es, mit schmalem Pfad und einem winzigen
+Bächlein. Einige Bauernhöfe, alt, verwittert und aus Holz gebaut, lagen
+verstreut umher. Abgesondert voneinander und nur durch einen schmalen
+Fußsteig miteinander verbunden.</p>
+
+<p>An einem dieser kleinen Holzhäuser mußte Veit Galler vorbeigehen. Das
+lag zu tiefst im Tal und hatte einige Meter ebenen Bodens vor sich.</p>
+
+<p>Ein paar Bretter querten das Bächlein, das im eiligen Lauf von dem
+jäh ansteigenden Berg herablief. Eine hohe Felswand, zerklüftet und
+zum Teil mit niederem Strauchwerk bewachsen, stand wie ein drohender
+Wächter über diesen Ansiedelungen der Menschen.</p>
+
+<p>Der Schnee zeichnete scharf und kantig die Risse des grauen Felsens,
+und wie ein weiches, duftiges Schleierband fiel das Bächlein
+silberfarbig über die hohe Felswand. Grub sich dann eiligst in die
+Bergmatten, floß, geschäftig murmelnd, in rasendem Lauf bis herab
+zu dem Holzhaus in der kleinen Ebene und trennte das Haus von dem
+gleichfalls aus Holz gebauten Stadel.</p>
+
+<p>Das Haus stand niedrig, wie erdrückt von der Größe seiner Umwelt. Es
+war mehr breit als hoch; denn gleich über dem Erdgeschoß ragte schon
+das mit Steinen beschwerte Schindeldach herein. Um das Haus, zu dem
+ein paar holprige Steinstufen hinanführten, lief ebenerdig eine kleine
+Holzaltane. Ohne Schmuck<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> und Zier und nur von dem tief hereinhängenden
+Dach schützend gedeckt.</p>
+
+<p>Ein kleiner, blonder Bub, rotwangig und dickköpfig, saß auf der
+Schwelle des Hauseinganges. Das hübsche Gesicht war ungewaschen, das
+glatte Haar zerzaust und das Näschen feucht.</p>
+
+<p>Der Bub steckte, als er Veit Galler erblickte, vor Verwunderung über
+den fremden Mann gleich die ganze Faust in den Mund, glotzte ihn blöde
+an und wußte nicht recht, sollte er jetzt davonlaufen oder lieber laut
+zu schreien anfangen.</p>
+
+<p>Der Ausdruck des Erstaunens in dem kleinen pausbackigen Gesicht war so
+komisch, daß Veit Galler stehen blieb und das Bübl freundlich anredete.</p>
+
+<p>»Wie hoaßt nacher du?« frug er gutmütig und in der Mundart dieser
+Gegend.</p>
+
+<p>Der Knirps, der ungefähr sechs Jahre zählen mochte, erhob sich,
+spreizte die dicken, kurzen Beine, die in derben langen Hosenröhren
+staken, auseinander, wischte sich mit dem Ärmel seiner grauen
+Lodenjoppe den Rotz von der Nase und schwieg.</p>
+
+<p>»Kannst nit reden, Bua? Wie du hoaßt, möcht' i wissen!« Veit Galler
+schob den Filzhut aus der Stirn und stützte sich mit beiden Händen auf
+seinen kräftigen Stock.</p>
+
+<p>Freundlich lachend sah er auf den Kleinen herab, wobei sich die dicken
+Lippen auseinander schoben und ein gesundes, raubtierartiges Gebiß
+sehen ließen.</p>
+
+<p>Die laute Stimme des Mannes lockte noch mehr Kinder aus dem Innern
+des Hauses. Gleich zu viert<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> kamen sie angerannt. Zwei Buben und zwei
+Mädeln, bloßfüßig und nicht sehr sauber in ihrer Kleidung.</p>
+
+<p>Veit Galler fletschte sein Raubtiergebiß und meinte anerkennend: »No
+mehr Kinder? Wieviel seid's nachher?«</p>
+
+<p>»Elfe!« sagte das größte Kind, ein Mädel mit strohblonden, dünnen
+Zöpfen, zog die Schürze über das Gesicht und lief dann, erschrocken
+über die eigene Kühnheit, in den dunklen, niedern Hauseingang zurück.</p>
+
+<p>»Elfe! Und du bist der jüngste? Ha?« frug Veit Galler den kleinen
+stämmigen Buben, der zuerst dagewesen war.</p>
+
+<p>»Naa!« sagte sein älterer Bruder und rannte, über seine Heldentat
+lachend, hinter der Schwester her.</p>
+
+<p>»Tut's enk fürchten vor mir?« frug Veit Galler gutmütig und neigte
+sich tief zu den drei Kindern, die wie Schafe eng aneinander gedrückt
+dastanden und ihn mit neugieriger Scheu, jedoch sehr eingehend
+betrachteten.</p>
+
+<p>»Naa!« schrien sie alle drei zugleich, und flugs eilten sie, eines
+hinter dem anderen, in das Innere des Hauses zurück.</p>
+
+<p>Nun kam ein junges Mädel zum Vorschein. Blutjung war sie und
+bildhübsch. Klein und zierlich, mit auffallend blassem Gesicht, dunklem
+Haar und leuchtenden blauen Augen.</p>
+
+<p>Ein voller kirschroter Mund war wie zur Frage halb geöffnet. Zwei
+dunkle Zöpfe umrahmten den feinen Kopf, und nur mühsam hielt das
+schmale,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> schwarze Samtband die kleinen Löckchen zurück, die sich unter
+der Haarkrone eigenwillig loslösen wollten und auf die niedere Stirne
+des Mädels fielen.</p>
+
+<p>Das Mädel war ärmlich, aber sauber gekleidet, trotzdem sie gerade von
+der Arbeit weggelaufen sein mußte. Die dunkelfarbige Schürze war zum
+Teil naß. Die Ärmel ihrer dunklen Jacke waren zurückgesteckt, und die
+bloßen Arme glänzten rot und feucht und waren mit Seifenschaum bedeckt.</p>
+
+<p>»Teufel!« nickte Veit Galler. »Das lass' i mir g'fallen!« Dabei strich
+er sich mit der Hand über den Schnurrbart und reckte sich zu seiner
+ganzen stattlichen Größe empor.</p>
+
+<p>Eine tiefe Röte überzog das zarte Gesicht des Mädels unter den
+bewundernden Blicken des Fremden.</p>
+
+<p>»Sein das deine G'schwister?« Veit Galler deutete mit dem dicken Finger
+seiner plumpen Hand gegen das Hausinnere, und als das Mädel bejahend
+nickte, frug er weiter: »Wie hoaßt man's nacher bei enk da?«</p>
+
+<p>»Mei' Vater ist der Söllerbauer!« antwortete das Mädel jetzt mit
+heller, wohlklingender Stimme.</p>
+
+<p>»Söllerbauer?« wiederholte der Fremde nachdenklich. »Den müsset i döcht
+aa kennen.«</p>
+
+<p>»Seid's nit von da?« frug jetzt das Mädel und sah forschend zu dem
+Manne auf.</p>
+
+<p>»Wohl!« nickte der Fremde. »Eigentlich schon. Wirst mi aber
+nit kennen.« Sein breiter Mund zeigte noch mehr wie zuvor die
+Raubtierzähne. »Vom Bergl drent bin i dahoam.« Er wies mit dem Stock zu
+der Anhöhe,<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> die den bewaldeten Abschluß des kleinen Hochtales bildete.
+»Wirst schon g'hört haben vom Kramer Veit, ha?« grinste er.</p>
+
+<p>»Der in Amerika ist?« forschte das Mädel neugierig.</p>
+
+<p>»Dersell'!« nickte der Fremde bestätigend. »Der bin i!« fügte er
+selbstbewußt hinzu.</p>
+
+<p>Fast ängstlich drückte sich das Mädel an die braune Holzwand ihres
+Vaterhauses.</p>
+
+<p>»Brauchst di nit z'fürchten, Madel ...« begütigte der Kramer. »I friß
+di nit!« lachte er dann mit seinem breiten, gutmütigen Grinsen.</p>
+
+<p>»I fürcht' mi nit!« erwiderte das Mädel resolut. »I fürcht' mi
+überhaupt nit!« wiederholte sie, und ein leichtes Zittern spielte dabei
+um die Winkel des kleinen vollen Mundes.</p>
+
+<p>»Na, na!« machte der Kramer Veit zweifelnd. »Wird nit a so weit her
+sein mit der Kuraschi.«</p>
+
+<p>»Wollt's nit einer giahn rasten?« lud ihn jetzt das Mädel ein. »Habt's
+no a Stuck Weg bis hoam.«</p>
+
+<p>Noch ehe Veit Galler der Aufforderung folgen konnte, bogen zwei
+Burschen um die Ecke des Stadels.</p>
+
+<p>»Ah, Regerl!« grüßte der größere von den beiden. »Magst mitgiahn aufi
+aufs Alpl?«</p>
+
+<p>Das Gesicht des Mädels verfinsterte sich, als sie mit flüchtigem Blick
+die Ankömmlinge streifte und sich dann wie geärgert abwandte.</p>
+
+<p>»Naa!« sagte sie kurz, und ohne auf die Burschen weiter zu achten, lud
+sie den Kramer Veit nochmals<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> ein, ins Haus zu kommen. »Kömmt's einer
+in die Stuben, Kramer. A Glasl Schnaps ...«</p>
+
+<p>»Du, Regerl, an Schnaps mögen mir aa. Gelt, Florl?« sagte der größere
+und kräftigere der beiden jungen Männer lustig.</p>
+
+<p>Sie mochten beide im gleichen Alter sein. Beide wohl kaum über zwanzig
+Jahre, hübsch und schlank gewachsen. Nur war der Florl um beinahe einen
+Kopf kleiner als sein Kamerad, aber biegsam wie ein junger Tannenbaum
+und geschmeidig wie eine Gemse. Das Gesicht war zart und so fein wie
+das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein brauner, krauser Bart rahmte es
+ein, und kleine, helle Augen sahen scharf und listig und unternehmend
+zugleich in die Welt.</p>
+
+<p>Die Burschen waren beide im Feiertagsgewand. Der hellgraue kurze
+Lodenrock mit den schwarzen abgesteppten Sammetstulpen an den Ärmeln
+brachte den jugendlich kräftigen Wuchs aufs vorteilhafteste zur
+Geltung. Die dunklen Filzhüte waren mit Rosmarinzweiglein geziert und
+saßen keck und schief, tief ins Gesicht gedrückt.</p>
+
+<p>»Hast koa Nagele für'n Huat, Regele?« fragte der Florl und versuchte
+dem Mädel in das abgewendete Gesicht zu schauen.</p>
+
+<p>»Naa!« sagte das Mädel, ohne ihn anzublicken. »Wenn jetzt no nix blühen
+tut. Weißt wohl.«</p>
+
+<p>Ihr Ton war nun weniger barsch, jedoch ausweichend und leicht verlegen.</p>
+
+<p>»Habt's ös zwoa so schön g'sungen da drunten?« erkundigte sich Veit
+Galler und deutete mit dem Kopf<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> in die Richtung des Haupttales, wo
+in weiter Ferne das große, behäbige Dorf lag, mit den weißglänzenden
+Häusern und der blaßgrünen Kirchturmspitze.</p>
+
+<p>»Habt's uns wohl g'hört?« frug der Florl mit seiner hohen Tenorstimme
+übermütig zurück und rückte sich den Hut weit aus der Stirn.</p>
+
+<p>»'s war ja laut g'nug, daß i enk hab' hören können!« lachte der Kramer.
+»Und du ...« wandte er sich an den größeren der beiden Burschen, »du
+hast ja a sakrisch gute Stimm'! Könntest dir a schian's Geld verdienen
+mit dera Stimm' ... wann d' möchtest.«</p>
+
+<p>»Mei!« machte der Florl geringschätzig. »Er singt ja nur die zweite
+Stimm'. I sing' die erste!« erklärte er wichtig und mit Stolz.</p>
+
+<p>»Was ist's nacher mit dem Schnaps, Regerl?« gab sein Kamerad dem
+Gespräch eine andere Wendung. »So a Stamperl können wir leicht
+vertragen, bevor wir aufs Alpl aufi giahn, ha, Florl?« Scherzhaft
+drängte er das Mädel vor sich her in das Haus hinein und zwängte es
+übermütig an die braune, rohgezimmerte Holzwand des Eingangs.</p>
+
+<p>»Wann i iatz koan Schnaps kriag, Madel, kriag i a Bussel!«</p>
+
+<p>Wie ein junger Bär stand er vor ihr, groß und kräftig und voll von
+tollpatschigem Übermut.</p>
+
+<p>Die Arme hielt er ausgebreitet vor dem kleinen Mädel, das sich tapfer
+gegen seine Zärtlichkeiten wehrte. Mit beiden Fäusten schlug sie
+unbarmherzig auf ihn ein und stieß mit den Füßen um sich, ohne zu
+achten, wohin sie ihn traf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>»Aus laßt mi!« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Lackel, damischer!«</p>
+
+<p>Der Bursch lachte ihr gutmütig ins Gesicht und beugte sich zu ihr
+herab. Ihre Püffe und Schläge machten offenbar nicht den geringsten
+Eindruck auf ihn.</p>
+
+<p>»Da schaug oaner an, was dös für a wilder Teufel sein kann!« neckte er
+sie. »Magst aufpassen, Florl! Die hat Haar' auf die Zähnd!«</p>
+
+<p>»Laß mi in Fried', du!« Das Regerl wehrte sich noch immer gegen den
+starken Griff des Burschen, der sie wie mit Eisenschrauben fest
+umklammert hielt.</p>
+
+<p>»An Schnaps oder a Bussel?« fragte der Bursch und machte Miene, sich
+das letztere gewaltsam zu nehmen.</p>
+
+<p>Unvermutet stieß ihm der Florl kräftig seinen Fuß in den Rücken.</p>
+
+<p>»Au ... du!« machte der andere, ließ von dem Mädel ab und ballte die
+Fäuste gegen den Florl.</p>
+
+<p>»Laß 's Madel in Fried', Wastl!« sagte der Florl drohend und mit
+finsterem Gesicht.</p>
+
+<p>»Wöllt's raffen?« lachte der Kramer Veit breit und dröhnend.</p>
+
+<p>»Naa!« machte der Wastl gutmütig. Er hatte jetzt gar keine Absicht
+mehr böse zu werden, sondern begriff, daß er in seinem Übermut zu weit
+gegangen war.</p>
+
+<p>»Sein wir wieder gut, Regerl?« Freundlich und beinahe bittend hielt er
+dem Mädel seine große, breite Arbeitshand entgegen.</p>
+
+<p>»I sag's der Vef!« schmollte das Regerl schon halb<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> versöhnt und
+rieb sich mit der flachen Hand die Oberarme, die der Wastl so fest
+umklammert hatte. »Völlig blaue Fleck' hat er mir druckt ... der Ruach
+... der ungute!« schimpfte sie geärgert.</p>
+
+<p>»Bist schon du ungut!« lachte der Wastl und zeigte zwei Reihen gesunder
+Zähne, die blendend weiß in dem dunklen, bartlosen Gesicht leuchteten.</p>
+
+<p>»Hast du jetzt alleweil an Grant ...« wollte er ihr Vorwürfe machen,
+aber der Florl zog ihn am Rockärmel gewaltsam mit sich fort, hinein in
+die Stube, wo der Kramer Veit bereits im Herrgottswinkel breitspurig
+Platz genommen hatte.</p>
+
+<p>»Fein habt's es!« lobte der Kramer, streckte die Füße weit von sich
+und lehnte sich so behaglich an das braune Holzgetäfel, als wäre es
+eine weichgepolsterte Sofalehne. »Tut das gut!« machte er aufatmend. »I
+sag's ja! Schian ist's auf der Welt! Aber am allerschönsten ist's döcht
+bei uns in Tirol herin.«</p>
+
+<p>Die beiden jungen Burschen setzten sich zu ihm, jeder an eine andere
+Tischecke, und sahen mit leichter Verlegenheit auf ihn. Sie wußten
+nicht recht, was sie mit dem Fremden reden sollten.</p>
+
+<p>Der gelbe, unförmliche Kachelofen, der gleich neben der Tür in der Ecke
+stand und einen großen Teil des freien Raumes einnahm, sprühte eine
+wahre Gluthitze.</p>
+
+<p>Den beiden Burschen wurde es schwül in ihren lichtgrauen Lodenröcken,
+und sie zogen dieselben aus und warfen sie in kühnem Schwung seitwärts
+über die Achsel, so daß nur die eine Hälfte der Schulter<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> davon bedeckt
+wurde, während man auf der andern Seite der Achsel das blühweiße
+Leinenhemd mit den langen Ärmeln sehen konnte.</p>
+
+<p>Die Stube war ein mäßig großer, niederer und düsterer Raum. Vier
+winzige Fenster, an zwei Seiten des Eckzimmers verteilt, ließen
+nur wenig von dem hellen Tageslicht eindringen. Die Fenster waren
+vergittert und ohne Vorhang, und die Scheiben waren trübe und ungeputzt.</p>
+
+<p>Ein viereckiger, rohgezimmerter Tisch stand in der Stubenecke. Kleine
+Heiligenbilder in grellbunten Farben zierten die Ecke nebst dem großen,
+unschönen Kruzifix. Eine Holztaube, das Sinnbild des heiligen Geistes,
+die einmal weiß gewesen sein mochte, jetzt aber schmutziggrau aussah,
+hing von der rauchgeschwärzten Stubendecke herab und baumelte an einem
+dünnen Faden über dem Tisch.</p>
+
+<p>Eine Holzbank lief längs der Wände entlang und endigte dann als
+Ofenbank. Es gab weder Stuhl noch Hocker in der Stube. Nur zwei Bänke
+ohne Rückenlehne standen an dem Tisch, und auf ihnen hatten sich die
+beiden Burschen niedergelassen.</p>
+
+<p>In einem Holzgehäuse, zur rechten Seite der Türe, war eine alte Wanduhr
+eingebaut. Das Gehäuse war wurmstichig, und die bunt gemalten Blumen
+waren arg verblaßt.</p>
+
+<p>An der Spitze dieser Uhr aber standen in weißen Farben zwei Namen
+geschrieben. Es waren offenbar die Namen der Eltern des jetzigen
+Besitzers; denn die Ziffern, welche die beiden Namen trennten, wiesen<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>
+eine Jahreszahl auf, die beinahe fünfzig Jahre zurücklag.</p>
+
+<p>In der Stube roch es unangenehm nach saurer Milch und ausgelassenem
+Butterschmalz, ein Geruch, der augenscheinlich von der daneben
+gelegenen Küche hereindrang. Ein kleines Schubfenster, das offen stand,
+gewährte den Ausblick in die rußige, beinahe ganz dunkle Küche mit dem
+offenen Herd, auf dem ein Feuerchen lustig flackerte.</p>
+
+<p>Eine Frau in mittleren Jahren streckte neugierig ihren Kopf durch das
+Schubfenster.</p>
+
+<p>»Grüß Gott, Bäurin!« grüßte sie der Florl, der gerade mit dem Gesicht
+ihr zugewendet dasaß und so der erste war, der sie gewahr wurde.</p>
+
+<p>»Grüß Gott aa!« kam es etwas mürrisch und verdrossen zurück. »Geht's
+Feuer machen aufi?« erkundigte sie sich dann mit lässiger Neugierde.</p>
+
+<p>»Ja. Aufs Alpl aufi!« bestätigte der Florl.</p>
+
+<p>Die Kinder hatten sich in die Stube hineingedrängt. Ein halbes Dutzend
+an der Zahl und wie die Orgelpfeifen in allen Größen. Sie waren alle
+mangelhaft gekleidet, bloßfüßig und sahen schmutzig und ungewaschen aus.</p>
+
+<p>Ein paar der größeren Buben kletterten auf die Ofenbank und liefen
+barfüßig, wie sie waren, die Bank entlang, flüsternd und kichernd und
+einer über den andern stolpernd.</p>
+
+<p>Die kleineren Kinder drückten sich langsam in die Nähe des Tisches und
+starrten mit offenem Munde auf den Fremden, über dessen Anblick sie
+sich ersichtlich noch immer nicht beruhigen konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>Die Mutter schimpfte mit schriller Stimme aus dem Küchenfenster.</p>
+
+<p>»Werd's aber giahn von der Bank oder nit! Wart' ... i kimm enk!«</p>
+
+<p>Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem
+Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von
+der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten
+und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den
+andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und
+Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen
+Höllenspektakel verursachten.</p>
+
+<p>Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche
+in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus
+einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches
+angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes.</p>
+
+<p>»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas
+vor ihn hin.</p>
+
+<p>»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken
+entgegen.</p>
+
+<p>Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch.</p>
+
+<p>»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr
+an.</p>
+
+<p>Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die
+Stube. Die Neugierde<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den
+fremden Besucher doch etwas genauer betrachten.</p>
+
+<p>Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes
+Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war
+nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und
+sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus.</p>
+
+<p>Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem
+noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin
+war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl,
+und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um
+den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu
+verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte
+die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ
+und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende
+Beschäftigung für ihre Hände.</p>
+
+<p>Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen
+und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen.
+Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm
+verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu
+schreien an.</p>
+
+<p>»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr
+einladend sein Schnapsglas hin.</p>
+
+<p>»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie
+getrunken und sich mit der flachen Hand den<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Mund abgewischt hatte.
+Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone
+fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie
+erklärend hinzu.</p>
+
+<p>»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer.</p>
+
+<p>»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a
+so hoakel. Weißt wohl ...«</p>
+
+<p>»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein.</p>
+
+<p>Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen.</p>
+
+<p>»Geht's di was an?« frug sie scharf.</p>
+
+<p>Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit
+ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm
+und achtete nicht weiter auf die Gäste.</p>
+
+<p>»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer.</p>
+
+<p>»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen
+mit'm Franzl.«</p>
+
+<p>»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl
+gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die
+am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran.</p>
+
+<p>»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert.</p>
+
+<p>»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
+
+<p>»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch.</p>
+
+<p>»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz.</p>
+
+<p>Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz
+sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.«</p>
+
+<p>Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A
+Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu
+der Bäurin.</p>
+
+<p>»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine
+direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte.</p>
+
+<p>»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin
+i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu.</p>
+
+<p>»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem
+hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann.
+»Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.«</p>
+
+<p>»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut
+und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon
+g'wöhnt von mir.«</p>
+
+<p>Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie
+gesessen hatte.</p>
+
+<p>»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte
+sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen.</p>
+
+<p>»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat
+damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern
+g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg.
+Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir
+recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz
+g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt
+wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil
+g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.«</p>
+
+<p>Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch
+ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der
+Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher
+wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen
+verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh
+erschien.</p>
+
+<p>»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in
+das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe
+getreten, die sich nun verabschiedete.</p>
+
+<p>Veit Galler schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen
+Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa
+koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt,
+da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der
+Florl interessiert.</p>
+
+<p>»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man
+zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.«</p>
+
+<p>»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon
+viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den
+Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte.</p>
+
+<p>»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no
+epper dermachen, ha?«</p>
+
+<p>Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das
+Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und
+rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein.</p>
+
+<p>Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell
+er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig
+vom Hause weg emporführte.</p>
+
+<p>Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der
+Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von
+vorhin.</p>
+
+<p>»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt.
+Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie.</p>
+
+<p>»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.«</p>
+
+<p>Der Wastl sträubte sich ein wenig.</p>
+
+<p>»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> und stieß den Florl, der
+ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu.</p>
+
+<p>Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt
+dem Regerl einen Gefallen zu erweisen.</p>
+
+<p>»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist
+schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.«</p>
+
+<p>Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in
+die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank
+vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu
+den beiden Burschen herabgestiegen war.</p>
+
+<p>»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar.</p>
+
+<p>»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit
+dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen
+blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen
+lullte.</p>
+
+<p>»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's
+an.«</p>
+
+<p>»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend.</p>
+
+<p>»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert.</p>
+
+<p>Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie
+gleichgültig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause.</p>
+
+<p>Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich
+rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben
+wollten.</p>
+
+<p>Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten
+ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit
+zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das
+tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von
+jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat.</p>
+
+<p>Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen
+Baches zog, gab das Echo zurück.</p>
+
+<p>Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes
+Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht
+zu rühren.</p>
+
+<p>Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön.
+So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.«</p>
+
+<p>»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd.</p>
+
+<p>»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden
+Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe
+hinauf.</p>
+
+<p>Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels.</p>
+
+<p>»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig.</p>
+
+<p>Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> kurzer, flüchtiger
+Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh.</p>
+
+<p>»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte
+sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause
+zu.</p>
+
+<p>Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er
+sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?«
+flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ...
+du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an,
+Dirndl! Daß d' es woaßt.«</p>
+
+<p>Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah
+sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle
+Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht.</p>
+
+<p>Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand.</p>
+
+<p>»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er
+gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen
+tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte.</p>
+
+<p>»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit
+lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit
+amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem
+kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und
+vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a
+Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<p>Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt
+der Anhöhe des kleinen Bergtales zu.</p>
+
+<p>Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm
+nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des
+Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück.</p>
+
+<p>Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen.
+Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah
+unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg
+hinangestürmt waren.</p>
+
+<p>Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge.
+Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und
+seine weißen Häuser sahen grau und düster aus.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<h2>Zweites Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen
+Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah.</p>
+
+<p>Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten
+lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl
+kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die
+Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte.</p>
+
+<p>Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen,
+lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines
+Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte.</p>
+
+<p>Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war,
+aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach.</p>
+
+<p>Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger
+Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen
+die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der
+Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in
+die Höhe.</p>
+
+<p>Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die
+drei wildbrausenden Berggesellen<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> ein, ihr Schicksal von nun ab seiner
+besseren, milderen Leitung anzuvertrauen.</p>
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu
+dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot,
+stehen.</p>
+
+<p>Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in
+der Abenddämmerung auf.</p>
+
+<p>Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten
+Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf.
+Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur
+die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich
+hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.</p>
+
+<p>Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine
+wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich
+da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen
+Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis
+bedeckten Ferner ragten.</p>
+
+<p>Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie
+winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.</p>
+
+<p>In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht
+den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen
+gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male
+wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die
+drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
+und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und
+blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.</p>
+
+<p>Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime
+war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.</p>
+
+<p>Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es
+war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen
+wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.</p>
+
+<p>Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den
+schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer
+den Kopf auf die Arme stützte.</p>
+
+<p>In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim
+so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben
+übermächtig in ihm auf.</p>
+
+<p>Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen
+aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach
+Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen
+aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von
+denen er erzählen gehört hatte.</p>
+
+<p>Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine
+Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern
+oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute
+von damals seßhafter waren wie heutzutage,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und daß einer, dem's in der
+Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und
+aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf
+mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm
+einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten,
+fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre.</p>
+
+<p>Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die
+Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast.
+Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins
+Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien
+unten gewesen.</p>
+
+<p>Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der
+Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben
+zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden.</p>
+
+<p>Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch
+der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen.</p>
+
+<p>Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die
+sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte
+mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst
+aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus
+dem dann Handschuhe erzeugt wurden.</p>
+
+<p>Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> auch weit im Land
+herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit
+gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer
+alten Base übernehmen konnte.</p>
+
+<p>Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im
+Dörfl ein.</p>
+
+<p>Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier
+oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben
+nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten
+miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen
+Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen
+Kinderstimmen wieder.</p>
+
+<p>Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter
+einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte.</p>
+
+<p>Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein
+besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte,
+baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im
+Stall.</p>
+
+<p>Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum
+Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens
+aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter
+gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.</p>
+
+<p>Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief
+sie, flink wie ein Reh, dem<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei
+ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile
+zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.</p>
+
+<p>Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte
+das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die
+zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe
+hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler
+hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb
+lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.</p>
+
+<p>Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und
+obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so
+oft er nur konnte.</p>
+
+<p>Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate
+dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch
+niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten
+einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.</p>
+
+<p>So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe
+geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in
+der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.</p>
+
+<p>Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu
+ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.</p>
+
+<p>Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> geworden. Groß und
+üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden,
+und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen
+wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die
+waren hell und schauten ernst und lachten selten.</p>
+
+<p>Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag
+für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.</p>
+
+<p>Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der
+Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht
+gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf
+einem Berghof werden können.</p>
+
+<p>Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst,
+und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz
+sei.</p>
+
+<p>Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen
+Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und
+ging auf Stöhren.</p>
+
+<p>Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung
+eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig,
+als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen
+einrichtete und seine Notburg heiratete.</p>
+
+<p>In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares.</p>
+
+<p>Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum,
+das er übernommen hatte. Da<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> gab es viel, was er daran auszubessern und
+zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der
+Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen.</p>
+
+<p>Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an
+und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit
+aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine
+Kunst.</p>
+
+<p>Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle
+im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein
+gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der
+Kramer Veit das tat.</p>
+
+<p>Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen
+schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses
+zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das
+hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße.</p>
+
+<p>Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken,
+die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das
+braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender
+Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten
+und schmückten das Heim des jungen Paares.</p>
+
+<p>Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes
+Häusl fand wie das vom Kramer Veit.</p>
+
+<p>Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> und Geschick
+eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager.</p>
+
+<p>Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und
+Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen
+Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker,
+und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende
+Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf.</p>
+
+<p>Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke
+herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten
+über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der
+durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen
+Kramladens.</p>
+
+<p>Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der
+Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen
+gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab
+es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur
+wenig anzufangen wußten.</p>
+
+<p>Wenn sie Sonntags nach der Frühmesse zum Einkauf im Ladele waren, dann
+belehrte der Kramer Veit eine jede einzelne der Kundinnen über die
+Vorzüge der Gewürze und über deren Anwendung, und die Frauen kauften
+die Ware und waren stolz auf den Besitz; aber sie benutzten sie nie.</p>
+
+<p>Auch Gebetbücher waren vorhanden, und farbige Heiligenbildchen, lose
+und in kleinen Rahmen, hingen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> in der Nähe der Türe. Blechlöffel,
+Schüsseln aus Blech und Schüsseln aus Holz, Krüge und Töpfe und
+buntfarbige Schalen standen aufgestapelt am Fußboden umher.</p>
+
+<p>Weiße Zuckerröhrchen und grellrote Zuckerpfeifchen, auf denen man einen
+richtigen schrillen Pfiff loslassen konnte, waren für die Kinderwelt
+bestimmt. Herrliche Lebkuchen und bunte Zuckerln und ganz hervorragend
+gute Biskotenherzen bildeten das Entzücken der bäuerlichen Jugend.</p>
+
+<p>Auf rein gar nichts hatte der Kramer Veit vergessen, und mit allen
+Bedürfnissen der Zeit hatte er sein kleines Lager versehen.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit nahm der Veit seine Kraxe, belud sie schwer mit
+Käselaiben und trug sie hinaus ins Inntal und bis hinauf nach
+Innsbruck. Dort veräußerte er den Käs und füllte die Kraxe mit neuer
+Ware für seinen Kramladen.</p>
+
+<p>Die Notburg hantierte im Haus herum, pflegte die Blumen am neuen
+Söller, pflegte das kleine Gartl am Haus, versorgte den Laden und nähte
+in ihren freien Stunden Wäsche und Schürzen und Unterröcke zum fertigen
+Verkauf.</p>
+
+<p>Es war alles Glück und stiller Frieden in dem kleinen Häusl am
+Kirchplatz. Der Veit und die Notburg hausten gut miteinander, und sie
+schienen nur eines für das andere zu leben. Und trotzdem konnte die
+Notburg innerlich nie so ganz froh werden. Eine geheime Sorge nagte an
+ihr und trübte ihren Blick. Das war die Angst um ihren Mann, die sie
+oft<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> plötzlich überfiel und sie ruhelos und schlaflos machte.</p>
+
+<p>Die Notburg fühlte es, noch ehe der Veit es selber so recht wußte, daß
+ihn die Heimat anfing zu drücken und zu beengen. Und sie wußte: über
+kurz oder lang würde es den Mann hier nicht mehr leiden, und er würde
+fortziehen von ihr in eine Welt, die ihrem Sinne fremd war.</p>
+
+<p>In ihrer bangenden Sorge fühlte sie deutlicher, wie er selber das tat,
+das erste Wiedererwachen seiner Unrast.</p>
+
+<p>Oft saß das junge Weib in einer der vielen schlaflosen Nächte aufrecht
+in ihrem Bett und beobachtete bei dem fahlen Schein des Mondlichtes,
+das in die enge Kammer fiel, mit ängstlicher Spannung jeden Zug in dem
+Gesicht ihres Mannes, der an ihrer Seite schlummerte. Und angstvoll
+sah sie die Unruhe in seinem Gesicht, hörte sie das schwere Atmen der
+starken Brust und das rastlose Herumwälzen im Bette.</p>
+
+<p>Sie sah, wie sich die kräftigen Hände zu Fäusten ballten und wie die
+Glieder sich wie im Krampfe dehnten und reckten.</p>
+
+<p>Und bei Tage sah ihr scharf beobachtender Blick, wie das Gesicht des
+Mannes allmählich den Ausdruck sonnigen Glückes einbüßte, wie es von
+Tag zu Tag finsterer und mürrischer wurde, und wie der Veit übellaunig
+und wortkarg zu werden begann.</p>
+
+<p>Und die Notburg wußte es mit Bestimmtheit: dies waren die Anzeichen
+seiner neu erwachenden Unstetheit, und in heißer Angst betete sie zur
+Schmerzensmutter<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> am Seitenaltar der kleinen Dorfkirche mit aller
+Inbrunst, deren sie fähig war ...</p>
+
+<p>»Laß mir den Veit, Gottesmutter! Laß ihn nit fortziehen von mir! Laß
+mich ein Kind haben, Muttergottes, dann bleibt er lieber bei mir!«</p>
+
+<p>Denn das war der Schatten in der Ehe des jungen Paares. Jahr um Jahr
+war vergangen, aber der Kindersegen war ihnen versagt geblieben.</p>
+
+<p>Die Notburg hätte sich mit der Kinderlosigkeit weit eher abgefunden.
+Ihr war der Veit alles; aber sie wußte, daß ihr Mann die Kinder liebte.
+Und hätten sie nur ein Kind ihr eigen nennen dürfen, wer weiß, ob nicht
+doch alles anders für sie gekommen wäre.</p>
+
+<p>So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt
+hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr
+die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut.</p>
+
+<p>»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst
+lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm
+mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I
+kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr
+eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu
+eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang
+hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort.
+»Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen.
+Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I <em class="gesperrt">muß</em> fort.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<p>Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem
+Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst
+hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien.</p>
+
+<p>Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf
+ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte
+Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht.</p>
+
+<p>»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte
+Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder
+zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum
+Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da
+bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch
+außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und
+koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's
+Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i <em class="gesperrt">muß</em> arbeiten. I
+muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich,
+Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a
+gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's
+nit hart!« — — —</p>
+
+<p>Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine
+Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht
+über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste
+Abschiedsstunde.<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr
+seither.</p>
+
+<p>Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort
+verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte
+sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht.</p>
+
+<p>Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag
+die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch
+verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes.</p>
+
+<p>In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem
+Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie
+preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu
+dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte
+ahnen, wie es innerlich um sie stand.</p>
+
+<p>Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener
+Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und
+ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie
+dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so
+stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde
+stecken blieben.</p>
+
+<p>Der Veit hielt Wort. Als sich die ersten Anzeichen des erwachenden
+Frühlings zeigten, kam er zurück, frisch und fröhlich wie in den ersten
+Jahren ihrer<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Ehe und laut polternd vor Freude über das Wiedersehen mit
+der Notburg.</p>
+
+<p>Aber die Frau war eine andere geworden. Ruhig und schier gleichgültig
+empfing sie ihn und zeigte keine Freude. Sie hatte auch keine Freude
+über das Geld, das er ihr brachte und mit strahlendem Gesicht ihr
+vorzählte. Was war ihr das Geld, nachdem sie ihr Glück dafür hatte
+hergeben müssen?</p>
+
+<p>Es war etwas geborsten in der Seele des Weibes. Was weich und hingebend
+in ihr gewesen war, das war in den Stunden einsamer Sehnsucht
+allmählich erstorben. Und die innere Kälte der Frau war so groß, daß es
+den Veit zu frieren anfing in ihrer Gegenwart.</p>
+
+<p>Als der Veit das zweite Mal auf die Wanderschaft ging, fiel ihm der
+Abschied leicht. Er war froh, daß er das stille, kalte Gesicht seiner
+Frau nicht mehr zu schauen brauchte, das eine fortwährende Anklage für
+ihn war.</p>
+
+<p>Und der Veit blieb länger und immer länger von der Heimat fern. Bis er
+dann gar nach Amerika gegangen war und im Dörfl als verschollen galt.</p>
+
+<p>Doch immer, wenn der Mann im fremden Lande weilte, verblaßte das Bild
+seiner Frau mit dem kalten, reglosen Gesicht, und die Notburg seiner
+Jugend erstand ihm aufs neue. Ihr liebes, sanftes Gesichtchen und ihr
+hingebendes Wesen war ihm stets gegenwärtig, und der starke Mann, der
+im rücksichtslosesten Kampf ums Dasein stand, bangte sich nach ihr und
+sehnte sich nach einem guten Wort aus ihrem Munde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
+
+<p>Durch die räumliche Trennung war ihm sein Weib innerlich viel näher
+gekommen; er vergaß ihre harte Art und entschuldigte sie.</p>
+
+<p>Er begriff die Schwere ihres Schicksals und nahm sich vor, wieder den
+Weg zu ihr zurückzufinden. Bis er dann wieder bei ihr war. Da jagte ihn
+ihre abweisende Kälte förmlich von der Heimat fort.</p>
+
+<p>Kein gutes, verzeihendes Wort, kein warmer Blick ... Die Notburg war
+grausam geworden zu dem Manne, der stets aufs neue wieder bei ihr seine
+Heimat suchte ...</p>
+
+<p>Ein dumpfes, schweres Stöhnen rang sich aus der Brust des einsamen
+Mannes.</p>
+
+<p>Grausam! Hatte er ein Recht, sein Weib grausam zu schelten? Hatte er
+nicht auf die grausamste Art das Lebensglück der Frau vernichtet?</p>
+
+<p>Veit Galler fühlte die Schwere seiner Schuld, und doch ... er bereute
+nichts.</p>
+
+<p>Dem innersten Trieb seiner Natur war er gefolgt. Der Mann mit dem
+festen, unbeugsamen Willen gehörte in die Welt hinaus. Dort hatte er
+seine Kraft stählen können und hatte es zu etwas gebracht.</p>
+
+<p>Es war ihm nicht immer leicht geworden in der großen Welt da draußen,
+dem Veit Galler. Das Leben hatte ihn gar oftmals hart angefaßt; aber
+mit zäher Energie und einem eisernen Willen war er stets Sieger im
+Kampf geblieben.</p>
+
+<p>Und war ein reicher Mann geworden ...</p>
+
+<p>Wohl kaum einer im ganzen Tale konnte solchen Reichtum aufweisen. Und
+das Bewußtsein des erworbenen<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Besitzes machte den Veit stolz und
+selbstbewußt und half ihm immer wieder über die trüben Stunden hinweg,
+die auch ihn nicht verschonten.</p>
+
+<p>Der Veit wußte es wohl. All sein Reichtum machte auf die Notburg nur
+geringen Eindruck. Mit kalten, gleichgültigen Augen wird sie auch heute
+wieder auf das Gold schauen, das er ihr mitgebracht hatte und das er
+jetzt spielend in den weiten Taschen seines Rockes klirren ließ.</p>
+
+<p>Der Mond stand nun in seiner kaltsilbrigen Pracht am Firmament, und
+viele Tausende von Sternen glitzerten und funkelten am Himmel. Die
+Bergfeuer der Karsamstagsnacht flammten zu Hunderten im Tal und an den
+Bergen, die mit Lichtern besät bis hoch an den Rand der Almweiden waren.</p>
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, genoß die stille Feier, und es kam ihm beinahe
+vor, als hätte sich die Heimat heute für ihn geschmückt.</p>
+
+<p>Wie im leichten Silbernebel lagen die drei Hochtäler im Mondenschein.
+Die schneeigen Bergkonturen erstanden traumhaft schön wie in einem
+Feenland.</p>
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, erhob sich von seinem unwirtlichen Sitz,
+dehnte und reckte die schweren Glieder und faltete einen Augenblick die
+Hände wie zum Gebet.</p>
+
+<p>Dann schüttelte er das Trübe dieser Stunde von sich und ging mit
+festen, sicheren Schritten bergabwärts, seinem Heimatsdörfl zu.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<h2>Drittes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Hoch droben am Berg, an der Seite, wo Veit Galler gesessen war, ohne
+zu dessen Höhe hinaufsehen zu können, leuchteten ganz besonders große
+Feuer ins Tal hinab.</p>
+
+<p>Fünf Holzstöße brannten da droben in regelrechten Abständen. Fast an
+der Spitze des Berges aber loderte in hellen, lustigen Flammen ein
+einzelner, mächtiger Holzstoß. Das war das Feuerl, von dem der Florl
+seinem Mädel gesprochen hatte.</p>
+
+<p>Der Florl hatte schon seit etlichen Wochen Pech gesammelt und es in
+einer der fünf Almhütten, vor denen heute die fünf Höhenfeuer brannten,
+aufbewahrt.</p>
+
+<p>Das Pech hatte er sich heute geholt und es mit auf die Höhe genommen,
+um es in den mächtigen Scheiterhaufen zu werfen. Denn das Pech machte
+den Schein des Feuers ganz besonders hell und die Flammen auflodernd.
+Das allerschönste und allergrößte und noch dazu das allerhöchste, das
+war das Feuerl von dem Florl.</p>
+
+<p>Das Regele hatte einen weiten Weg tun müssen, um ihr Feuerl auch
+richtig sehen zu können.</p>
+
+<p>Sie hatte, nachdem der Veit Galler fortgegangen war, rasch ein
+dunkles Tuch übergeworfen und war mit flüchtigen Schritten von daheim
+fortgelaufen.</p>
+
+<p>Ganz in unmittelbare Nähe, wo der Krämer saß,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> war das Mädel in
+atemlosem Lauf gekommen, ohne daß der Mann sie bemerkt hätte. Sie hatte
+ihn wohl erkannt, huschte aber rasch und lautlos und auf Umwegen an ihm
+vorbei, hinunter dem Bergtal zu, wo ein hölzerner, schmaler Steg in
+schwindelnder Höhe den brausenden Bach überspannte und zu der andern
+Seite des Berges führte.</p>
+
+<p>Bei jedem Schritt, den man da tat, zitterte und krachte das
+morsche Holz. Die Brücke schwankte und bog sich, als wollte sie
+zusammenbrechen. Man mußte schon ganz schwindelfrei sein, um den engen
+Steg, der kaum Raum für eine Person bot, zu überqueren.</p>
+
+<p>Bogenförmig überspannte die Brücke den Bergbach. Ein kleines, niedriges
+Geländer zu beiden Seiten sollte Schutz gewähren gegen einen Fall in
+die Tiefe. Wohl an die fünfzig Meter ging es hier in den Abgrund, und
+brausend tobte der Wildbach in der engen Bergschlucht.</p>
+
+<p>Dieser Steg war der Teufelssteg, und ältere Leute mieden ihn in
+abergläubischer Furcht. Nur jene benutzten ihn, welche die Bergmahd
+jenseits des Baches zu mähen hatten, oder jene, welche den Weg kürzen
+wollten, der zum Nachbarhochtal führte. Die meisten Leute aber gingen
+den allgemein üblichen Talweg, wenn er auch zumindest um eine Stunde
+länger war.</p>
+
+<p>»Weil's soviel schiach ist über'n Teufelssteg ...« sagten sie. »Und man
+kann's doch nit wissen, ob nit amal a Unglück g'schiecht.«</p>
+
+<p>Vor etlichen Jahren war hier auch ein Unglück<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> geschehen, und seither
+mied man den Steg noch mehr wie zuvor.</p>
+
+<p>Das war, als die Philomena Abfalter hier ihrem Leben ein Ende gemacht
+hatte.</p>
+
+<p>Die Mena ... An die Mena mußte das Regele jetzt lebhaft denken, wie sie
+inmitten des leicht schaukelnden Steges stand und in das tobende Wasser
+tief drunten schaute.</p>
+
+<p>Ob es bei der Mena wohl auch so gegangen war wie bei ihr?</p>
+
+<p>Das Regele erinnerte sich noch deutlich an die Mena. Ein dickes,
+dralles, junges Ding, mit hochroten Backen und lustigen, dunklen Augen.
+Und hatte ein Kind gehabt, die Mena.</p>
+
+<p>Das Regele erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. An
+einem Sonntagmorgen war es gewesen vor der Frühmesse. Da hatte die
+Mena vor der Kirchentüre knien müssen, einen Strohkranz auf dem Kopf,
+und hatte nicht hinein dürfen in das Gotteshaus, bis der Priester kam
+und sie aussegnete. Dann erst war die Schuld von ihr genommen und sie
+würdig befunden worden, den heiligen Raum zu betreten.</p>
+
+<p>Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet
+und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht
+geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute,
+die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel
+vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen
+die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere
+Leute sie mit barschen Worten gehen hießen.</p>
+
+<p>Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht
+anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das
+schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten
+schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden.</p>
+
+<p>Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte,
+nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte.
+Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben
+und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern.</p>
+
+<p>Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen
+Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht
+heiraten konnte.</p>
+
+<p>Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War
+davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der
+Berghöfe als Knecht verdingt.</p>
+
+<p>Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer
+mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre
+Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein
+den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der
+Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid
+bis zu ihrer schweren Stunde.</p>
+
+<p>Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte
+ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und
+nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die
+öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz.</p>
+
+<p>Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und
+der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein
+inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's
+nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie
+kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft
+schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken.</p>
+
+<p>Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können.
+Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu
+herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und
+nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit
+gehen hieß.</p>
+
+<p>Da war das Mädel davongelaufen, und kein Mensch hatte sie mehr zu sehen
+gekriegt.</p>
+
+<p>Einige Tage nachher, als man auf die Suche ging, fand man den leblosen
+Körper des Mädels zerschellt im Bache auf. Von der Teufelsbrücke war
+sie herabgesprungen, und ohne Priester und ohne Gebet war sie in
+ungeweihter Erde begraben worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Zwei alte und einschichtige Bauersleute, ledige und ehrsame Jungfrauen,
+hatten sich um Gotteslohn ihres Kindes angenommen. Das Moidele hieß
+es und war ein scheues kleines Mädel mit einem dummen, ausdruckslosen
+Gesichtchen.</p>
+
+<p>Hatte nicht viel Pflege, das Moidele, aber genug zu essen. Denn alte
+Jungfern, das weiß man wohl, können mit so kleinem Zeug nicht gut
+umgehen. Aber sie waren gut zu dem Kind; und wenn es böse Worte waren,
+die das Moidele zu hören bekam, dann waren es die Kinder aus der
+Nachbarschaft, die sie ihr nachriefen ...</p>
+
+<p>Das Regele beugte sich vor über den Steg, so daß er stark schaukelte
+und sie ein leichter Schwindel überfiel.</p>
+
+<p>Wenn sie es jetzt nun auch so machen würde wie die Mena? Ob es wohl
+sehr wehe tat ... ein Sprung da hinab ... und alles wäre zu Ende ...</p>
+
+<p>Das Regele aber hatte den Mut dazu nicht. Sie hatte aber auch den Mut
+nicht, das auf sich zu nehmen, was die Mena auf sich genommen hatte.</p>
+
+<p>Da droben, dort, wo der Florl das hoch emporlodernde Feuer entzündet
+hatte, das jetzt langsam zu verlöschen begann ... dort droben war es
+angegangen zwischen ihnen beiden.</p>
+
+<p>Dort, wo heute abend die fünf Holzstöße flackerten, da standen fünf
+Almhütten. Eine regelrechte Siedelung war es, und die Leute hierzulande
+nennen diese Hütten nicht Almhütten, sondern Asten. Die Aste dient als
+Zwischenstation vom Tal zur Alpe. Wenn es am Joch noch zu kalt ist,
+dann weidet das Vieh<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> auf der Aste. Das Heu der Almwiesen wird auf der
+Aste eingelagert.</p>
+
+<p>Ein lustiges, reges Leben ist da mitunter im Frühjahr und im Herbst auf
+den Asten. Und gar erst da droben, wo fünf Asten in enger Nachbarschaft
+vereinigt waren. Da wird gesungen und getanzt und auf der Ziehharmonika
+oder Zither Musik gemacht.</p>
+
+<p>Der Florl und der Wastl waren beide auf je einer der Asten bedienstet.
+Den ganzen Sommer über waren sie da droben. Ein jeder von ihnen hatte
+etliche Stück Vieh zu betreuen und nebenbei Käse und Butter zu machen.</p>
+
+<p>Arbeit gab's genug, und der Tag dauerte ihnen niemals lang. Ab und zu
+kam Besuch vom Tal herauf. Das waren die Knechte von den Bauern, welche
+die Butter und den Käse abzuholen hatten.</p>
+
+<p>Aber noch andern Besuch bekamen die Burschen manchmal, der ihnen lieb
+war und den Tag verschönte.</p>
+
+<p>Die Perlmoserischen von dem kleinen Hochtal unten, in dem das Regele
+daheim war, besaßen auch eine der fünf Asten.</p>
+
+<p>Gerade zwischen dem Florl und dem Wastl seiner war die von den
+Perlmoserischen. Und da hauste der Jackl, der älteste Sohn des
+Perlmoser.</p>
+
+<p>Da die Perlmoserischen keine fremden Dienstboten anstellten, mußten die
+Töchter, die dem Jackl im Alter am nächsten waren, diejenigen Arbeiten
+verrichten, die sonst von Rechts wegen eigentlich den Männern zukamen.
+Sie trugen in schwerbeladenen Kraxen Käse<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> und Butter ins Tal und
+mähten mit kräftigen Armen, weitausholend das Gras der Almenmahd ihres
+Vaters.</p>
+
+<p>Sie waren robuste, kernkräftige Mädeln, die drei Perlmoserischen. Ganz
+besonders aber die Genovefa Perlmoser, kurz Vef genannt.</p>
+
+<p>Das war eine Freude, der bei der Arbeit zuzusehen. Wie die schaffen und
+tragen konnte mit ihren neunzehn Jahren! Hochgewachsen und üppig war
+sie, hatte hellblondes Haar mit dicken Zöpfen, ein zartrosiges Gesicht
+und hellblaue, lachende Augen. Lachen tat sie überhaupt gern, die Vef.
+Und zeigte dabei gesunde weiße Zähne und entzückende Grübchen in beiden
+Wangen.</p>
+
+<p>Kein Wunder, daß dem Wastl die Vef so gut gefiel und daß er allen
+Ernstes daran dachte, sie zu heiraten.</p>
+
+<p>Als der Wastl der Vef dies zum erstenmal sagte, da lachte das Mädel,
+daß man's weithin hören konnte.</p>
+
+<p>»Möcht' wissen, von was wir zwoa heiraten sollten! Du nix und i nix
+... Das gab' a nette Wirtschaft ab! Nua ... i amal nit! Zuerst muß i
+wissen, wohin i nacher g'hör' ... sonst lass' i mi nit ein mit dir.«</p>
+
+<p>Und dabei blieb's. Sie war viel vorsichtiger in der Liebe, die Genovefa
+Perlmoser, wie das kleine, dumme Regele. Freilich, das Regele war auch
+noch jünger, ein halbes Kind und daß der Florl so ungestüm war und
+es beim Küssen allein nicht bewenden ließ, das hatte sie wirklich zu
+Anfang ihrer Liebschaft nicht wissen können.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>Aber schön war's doch gewesen!</p>
+
+<p>Wenn das Regele genauer darüber nachdachte, wie das eigentlich alles
+so hatte kommen können, dann mußte sie immer wieder der verflixten
+Singerei die Schuld geben. Die und nichts anderes trug die Hauptschuld.
+Denn hätte die Perlmoser Vef das Regele nicht immer wieder geholt, daß
+sie mit ihr singe, dann hätte der Florl nicht die Gelegenheit gefunden
+für seine Annäherung.</p>
+
+<p>Die Perlmoser Vef und das Regele konnten nämlich gar so schön zusammen
+singen. Und taten es auch gern. Schon von Kindheit auf übten die beiden
+Nachbarskinder die schönsten Lieder und Jodler ein. Das Regele sang
+mit glockenheller Stimme und nahm auch den höchsten Ton mit spielender
+Leichtigkeit, und die Vef hatte einen weichen, vollen Alt, der warm und
+innig klang wie der Ton einer Glocke aus edlem Metall.</p>
+
+<p>An den langen Winterabenden saßen sie gar oft in der überhitzten Stube
+beim Perlmoser und sangen. Dann griff die Vef in die Saiten ihrer
+Laute, und oft spielte das Regele die Begleitung auf der Zither.</p>
+
+<p>Die schönsten musikalischen Abende hatten sie da oben in ihrem einsamen
+Bergtal. Die Vef und das Regele waren so aneinander gewöhnt, daß sie
+vermeinten, die eine könne ohne die andere gar nicht so recht singen.</p>
+
+<p>So war es denn auch die Vef gewesen, die das Regele immer wieder
+mit hinauf aufs Alpl nahm. Der Mutter war's freilich nicht immer
+recht gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Man tut ja gern eine Gefälligkeit und erst gar den
+Nachbarsleuten; aber schließlich, das Regele war die Hauptarbeitskraft
+zu Hause, und daheim blieb dann die Arbeit liegen. Denn oft kam das
+Mädel tagelang nicht vom Alpl herunter.</p>
+
+<p>Daß es da droben oft bis spät in die Nacht hinein lustig zuging, das
+wußte die Bäurin sehr wohl. Gar so lang war's ja schließlich nicht her,
+seitdem sie selber jung gewesen war. Und sie gönnte ihrem Mädel ja gern
+ein bissel Unterhaltung.</p>
+
+<p>Singen und Zitherspielen und auch ab und zu ein bissel Tanz, was war da
+viel dabei. Die Mädeln gaben ja acht aufeinander, und das Regele konnte
+ja kaum noch als ein richtiges ausgewachsenes Dirndl gelten. Wenigstens
+sah die Mutter immer noch das Kind in ihr.</p>
+
+<p>Aber auch die andern Leute nahmen das Regele nicht ernst. So hatte der
+Wastl das Regele mehr als einmal mitleidig ein Grispele geheißen, an
+dem nichts sei wie Haut und Knochen.</p>
+
+<p>Der Wastl wäre also nicht zu fürchten gewesen. Dem Florl freilich, dem
+traute die Bäurin nicht über den Weg. Der hatte ein so übermütiges
+Spitzbubengesicht, und die Bäurin konnte ihn überhaupt nicht leiden.
+Wenn er einmal beim Söllerbauer zukehrte, dann war sie immer mürrisch
+und unfreundlich zu ihm und maß ihn mißtrauisch von der Seite.</p>
+
+<p>Als die Vef wieder einmal zum Söllerbauer herüberkam, um das Regele nur
+grad für einen Tag aufs Alpl hinauf auszubitten ... »weil wir's iatz<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+grad gar so viel gneatig hab'n und 's Grummet döcht aa no trocken einer
+bringen möchten ...« da meinte die Bäurin etwas besorgt: »Ös werd's
+epper nit grad alleweil arbeiten da oben. I moan völlig, ös tanzt's die
+halben Nächt' durch, weil's Madel alleweil gar a so verschlafen ist,
+bald's aber kimmt.«</p>
+
+<p>»Tanzen tian mir freilich aa!« lachte die Vef ihr strahlendes Lachen.
+»Zu was war'n wir denn jung? Beim Tag arbeiten, daß die Schwarten
+krachen, und auf d' Nacht singen und aufspielen und tanzen.«</p>
+
+<p>»Mei ...« machte die Bäurin mürrisch und stemmte nachlässig den Arm in
+die breite Hüfte. »I vergunn's enk wohl. Aber 's Regele ist grad so
+viel jung no. Die gang' aa g'scheiter schlafen.«</p>
+
+<p>»Sell tut sie schon!« bestätigte das Mädel lebhaft. »Wir schlafen aft
+schon aa, bald wir müd sein!« Sie lachte übermütig und zeigte dabei
+ihre blendend weißen Zähne.</p>
+
+<p>»Tust mir halt a bissel achten aufs Madel, gelt, Vef?« bat die Bäurin
+besorgt. »Woaßt wohl, dö Löder ...«</p>
+
+<p>»Wir sein alleweil beinand, wir Madeln!« beruhigte sie die Vef. »Da
+g'schiecht nix. I schau' schon drauf. Und dö Löder haben wohl aa mehr
+z' tian, als wie grad auf das Grispele aus zu sein.«</p>
+
+<p>Das Grispele! Dieser Spitzname, den ihr der Wastl aufgebracht, der war
+dem Regele geblieben. Und daß man sie noch immer nicht für voll gelten
+ließ, das war's ja auch, was dem Florl die Liebschaft mit ihr so leicht
+machte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>Niemand außer ihm selber schien das Regele als erwachsenes Mädel zu
+betrachten. Das kam daher, weil sie so klein und zierlich war und ein
+so kindliches Gesichtchen hatte.</p>
+
+<p>In dem kindlichen Gesicht aber hatte das Regele einen kleinen,
+kirschroten Mund, dessen volle Lippen immer leicht fragend offen
+standen. Und diese leicht geöffneten Lippen erschienen dem Florl
+sehnsüchtig und hungrig und lockten ihn, sie einmal gewaltsam mit den
+seinen zu schließen.</p>
+
+<p>Droben, wo das Feuerl heute abend zu höchst brannte, da war's gewesen,
+wo der Bursch keck und übermütig das Regele um die Mitte nahm, ihr das
+dunkle Köpfchen nach rückwärts bog und sie nach Herzenslust abküßte.</p>
+
+<p>»Du ... lass' mi ...« wehrte sich das Mädel schwach. »I schrei ...«</p>
+
+<p>»Schrei, wenn du kannst ... du ...« neckte sie der Florl übermütig und
+zog das zarte Geschöpf zu sich ins Gras herab. Dann nahm er sie wie ein
+Kind aufs Knie und busselte sie ab, daß ihr Hören und Sehen verging.</p>
+
+<p>»Hätt' nit denkt, daß deine Busseln gar a so fein schmecken!« neckte er
+sie dann. »Völlig nit g'nug kunnt oans kriag'n davon.«</p>
+
+<p>Dem Regele schienen die seinen gleichfalls sehr zu munden. Wenigstens
+machte sie keine Miene, sich aus seinen Armen loszureißen, sondern
+hielt ihm immer wieder ihr kirschrotes Mäulchen entgegen.</p>
+
+<p>So nahm sich denn der Florl, was ihm das Mädel<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> nicht weigerte. Eine
+richtige leichtsinnige Liebschaft war's. Das erste Erwachen der Sinne
+zweier unreifer Menschen.</p>
+
+<p>Eine heiße Liebe war's, die an nichts dachte, keine Folgen fürchtete
+und nur dem seligen Augenblick sich hingab.</p>
+
+<p>Am Alpl unten merkten sie von nichts. Die Vef konnte mit Recht die
+Söllerbäurin beruhigen. Das Regele war abends immer bei ihr und ihren
+beiden Schwestern, tanzte und sang mit ihnen und schlief mit ihnen in
+der niedern Holzkammer bis zum Morgengrauen.</p>
+
+<p>Tagsüber jedoch, wenn sie das Dirndl bei der Arbeit glaubten, da fand
+das Regele immer einen Vorwand, sich von den übrigen abzusondern. Und
+die andern achteten nicht weiter auf sie. Was konnte man denn beim
+hellichten Tag anders tun als arbeiten?</p>
+
+<p>Der Florl war keck genug und kam nun auch zu seinem Mädel, wenn sie
+drunten war im Elternhaus. Schlich zu ihr auf Umwegen und in der
+Dunkelheit der Nacht, trotz Wind und Wetter. Und im Winter machte er
+den weiten Weg zu ihr vom Tal herauf. Stapfte durch Schnee und Eis, und
+der Söllerbauer wunderte sich oftmals in der Frühe, wenn er die Haustür
+öffnete und den angefrorenen Schnee gewaltsam mit den Füßen von den
+Pfosten stieß, über die frischen Spuren.</p>
+
+<p>»Wer ist denn grad wieder in der Nacht bei all'n Wind und Wetter da
+aufergangen? A so a damischer Loder ... a damischer!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Und der Söllerbauer schüttelte unwillig seinen Kopf. »Dö jungen Leut'
+von heutzutags ...« und dann brummte er etwas in seinen struppigen,
+leicht ergrauten Bart hinein.</p>
+
+<p>Sein Verdacht lenkte sich auf den Nachbarshof und auf die
+Perlmoserischen mit den drei bildsaubern Töchtern. Daß das Regele es
+war, die den Fensterlbesuch in der Nacht erhalten hatte, an das dachte
+kein Mensch am Hof, am wenigsten der Söllerbauer.</p>
+
+<p>Die Sorge der Mutter um das Dirndl war behoben, sowie sie das Regele
+unter dem Schutz des väterlichen Daches wußte. Und gar so tief war die
+Sorge auch nicht gewesen. Die Bäurin hatte an mehr zu denken den lieben
+langen Tag, wie an das Regele.</p>
+
+<p>Da schrie ein Kind und wollte betreut sein, und dort balgte sich ein
+anderes. Da hatte ein Bub ein Loch in die Hose gerissen, und dort stand
+eine Schüssel nutzlos herum und war im Wege. Da mußte man schimpfen
+und zanken und zwischendurch auch wieder ein bissel arbeiten und dann
+wieder nach dem Regele schrein, daß es helfe, die Schäden zu heilen.</p>
+
+<p>In dem täglichen Ärger über Nichtigkeiten eines einförmigen Lebens
+kam die Frau gar nicht dazu, sich viel um ihre älteste Tochter zu
+bekümmern. Sie war bei ihr, und das genügte ihr. So bemerkte sie es
+auch gar nicht, daß das Mädel von Tag zu Tag blässer wurde und mager
+und schlecht auszusehen anfing.</p>
+
+<p>Denn nun hatte es das Regele mit der Angst zu tun. Die Folgen ihres
+Leichtsinns waren nicht ausgeblieben,<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> und lange dauerte es nicht mehr,
+dann würde ihre Schande offenkundig werden.</p>
+
+<p>Das Regele wußte, daß der Vater sie in seinem Zorn halbtot schlagen
+würde, und sie fürchtete sich vor dem Ausbruch seiner Wut. So gutmütig
+der Söllerbauer für gewöhnlich war, so maßlos heftig konnte er im Zorne
+sein. Und das Regele wußte auch, daß sie von nun ab keine gute Stunde
+mehr bei der Mutter haben würde. Geächtet und verachtet würde sie
+herumgehen, wie damals die Mena.</p>
+
+<p>Wenn das Regele dran dachte, daß sie nur mehr wenige Wochen ihre
+Schande würde geheimhalten können, dann überlief es sie eiskalt. Nur
+noch ein paar Wochen, und sie wußten es alle, wie es um sie stand ...</p>
+
+<p>Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte
+mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe.</p>
+
+<p>Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das
+Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so
+reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie
+brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ...
+dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig,
+und es war geschehen.</p>
+
+<p>Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig
+ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest.</p>
+
+<p>Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Bewegung, und unten
+spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es,
+als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht
+auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu.</p>
+
+<p>Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ...
+Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei.</p>
+
+<p>Und dann?</p>
+
+<p>Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl
+kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder
+nicht.</p>
+
+<p>Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der
+Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von
+Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein.</p>
+
+<p>Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den
+Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war
+doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern.</p>
+
+<p>Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber
+sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres
+Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten
+Augen in die Tiefe starrte.</p>
+
+<p>Mochte das bleiche Gesicht der toten Mena auch locken da unten. Das
+Regele würde ihr nicht folgen. Das vorhin war nur so eine Anwandlung
+gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Gott sei Dank ... das war nun glücklich überstanden.</p>
+
+<p>Von abergläubischer Furcht gepackt, flüchtete das Mädel jetzt von der
+schmalen Brücke fort und achtete in ihrer Angst gar nicht, daß der Steg
+in allen Fugen ächzte und krachte und sich heftig schaukelnd bog.</p>
+
+<p>Nur fort ... fort von da! Es war doch nicht ganz geheuer mit dem
+Teufelssteg ... Bei einem Haar, und sie hätte sich in den Abgrund
+gestürzt. Und das Gesicht der toten Mena hatte sie ganz deutlich aus
+dem Wasser aufsteigen sehen ...</p>
+
+<p>Zitternd vor Kälte und Aufregung wickelte sich das Mädel fest in das
+warme Tuch ein.</p>
+
+<p>Die Lichter auf den Bergen und im Tal waren nun verglommen, und auch
+das Feuerl des Florl war nur mehr ein schwach leuchtender Punkt, gleich
+einem verblassenden Stern.</p>
+
+<p>Was der Florl wohl dazu sagen würde, wenn das Regele verschwunden war?
+Denn nun stand es in der Einsamkeit dieser Stunde bei dem Mädel fest,
+daß sie nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Sie wollte und konnte
+sich nicht aus dem Leben schaffen, aber sie wollte sich auch nicht der
+Schande preisgeben.</p>
+
+<p>Allmählich hatte das Regele ihren atemlosen Lauf eingedämmt und ging
+jetzt, ruhiger geworden, fast langsam die mondbeleuchteten Bergwiesen
+hinan, dem Dörfl zu.</p>
+
+<p>Wohin sie jetzt wohl ihre Schritte lenken sollte? Zu dem Florl flüchten
+in ihrer Not?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>Das hätte wenig Zweck gehabt. Der Florl konnte ihr ja nicht helfen und
+sie nicht schützen. Wenn er auch immer wieder versichert hatte: »I
+verlass' di nit, Madel. Ganz g'wiß nit. Und wie i 's Geld beinander
+hab', heirat' i di ...«</p>
+
+<p>Jetzt konnte er sie ja nicht heiraten. Und bis er das Geld dazu
+aufbringen würde, bis dahin konnten sie beide alte Leute werden.</p>
+
+<p>Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn
+wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge
+Menschenkinder in Liebe zueinander fanden?</p>
+
+<p>Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine
+Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam
+und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen.
+Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin.</p>
+
+<p>Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer
+Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie
+zu ebener Erde Licht schimmern.</p>
+
+<p>Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht
+verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das
+gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte
+es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch
+nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen
+Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen,
+leichtsinnigen Mädels?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und
+die Bergstraße hinunter ins Haupttal.</p>
+
+<p>Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu
+wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging,
+desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln
+gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige
+Zuversicht.</p>
+
+<p>Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie
+kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch
+hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der
+Heimat und der drohenden Schande!</p>
+
+<p>In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer
+erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt
+das Mädchen mutig fürbaß.</p>
+
+<p>Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den
+stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie
+von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie
+noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn
+antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber
+wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit
+gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing.</p>
+
+<p>Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das
+Tal. Alles wär ihr hier<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> fremd und unbekannt, und die Berge, die sich
+dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu.</p>
+
+<p>Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen
+Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im
+Morgendämmer.</p>
+
+<p>Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen
+Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort
+von der Heimat, so weit als möglich.</p>
+
+<p>Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur
+erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten
+verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt
+rüstig weiter.</p>
+
+<p>Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon
+vermissen und ihr jemand nachschicken.</p>
+
+<p>Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein
+Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn
+sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war.</p>
+
+<p>Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres
+Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena
+gefolgt war?</p>
+
+<p>Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr
+heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren
+Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und
+ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> hatte. Mit Vorwürfen hatte
+sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl
+war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort
+verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut.</p>
+
+<p>Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl
+jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde?</p>
+
+<p>Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam
+sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und
+mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer
+kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr
+begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne
+auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der
+Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum
+entlang.</p>
+
+<p>Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher.
+Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder
+des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie.</p>
+
+<p>Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen
+Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine
+Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie
+Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und
+grausam.</p>
+
+<p>Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> ihres Heimatstales
+vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da.
+Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt,
+erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem
+Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in
+sich auf.</p>
+
+<p>Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das
+einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an
+dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich,
+und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt
+verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig.</p>
+
+<p>Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das
+Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie
+wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen
+und im Freien nächtigen.</p>
+
+<p>Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen
+das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute
+verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre
+älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd
+und schwer verständlich war.</p>
+
+<p>Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen
+Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und
+schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie
+hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer
+engern Heimat war weit schlichter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen
+Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das
+alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam
+verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen
+faßte.</p>
+
+<p>Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen
+war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie
+fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und
+hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe.</p>
+
+<p>»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem
+Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen.</p>
+
+<p>»An Dienst suchen.«</p>
+
+<p>»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere.</p>
+
+<p>Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie
+gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen,
+etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?«</p>
+
+<p>»Auf Schwaz, meinst?«</p>
+
+<p>»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl.</p>
+
+<p>»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln
+resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn
+d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's
+Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend
+hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die
+Augen schossen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber
+doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg
+fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der
+Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie
+lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das
+Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war.</p>
+
+<p>Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben
+im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das
+Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich.</p>
+
+<p>Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß
+sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte.</p>
+
+<p>Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen
+davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen
+Häusern, die es dort geben sollte.</p>
+
+<p>Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor
+mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie
+die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das
+feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel
+zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück.</p>
+
+<p>Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder
+zuversichtlicher geworden. Nun<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> sah sie den stattlichen Ort vor sich
+liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines
+Berges.</p>
+
+<p>Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus
+dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen
+gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu
+sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und
+Häuser inmitten blühender Gärten.</p>
+
+<p>Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen
+bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf
+dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen.</p>
+
+<p>Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr
+vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und
+vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und
+dumpf.</p>
+
+<p>Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr
+beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde
+Mädel in seinem ärmlichen Aufzug.</p>
+
+<p>Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte
+sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe
+der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die
+Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie
+aus dem dämmrigen Gäßchen hervor<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und ging zur Kirche. Vorsichtig und
+unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß
+ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße
+mißtönigen Lärm verursachten.</p>
+
+<p>Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und
+war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt
+nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß
+ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne
+hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand.</p>
+
+<p>Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und
+mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles
+Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern
+und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen.</p>
+
+<p>Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie
+eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer
+Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in
+die frische, laue Frühlingsluft.</p>
+
+<p>»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und
+sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm,
+konnte aber kein Wort hervorbringen.</p>
+
+<p>»Wo bleibst denn?« erkundigte sich das Weiblein weiter.</p>
+
+<p>Erschrocken und furchtsam schaute das Mädel auf. Sie hatte sich auf der
+Steintreppe der Kirche niedergelassen<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> und schwer den schmerzenden Kopf
+in die Hand gestützt.</p>
+
+<p>»Wo du bleibst?« wiederholte die Alte ihre Frage.</p>
+
+<p>Das Regele wies mit der Hand vor sich hin. »Da!« sagte sie tonlos. Sie
+fand auch jetzt den Mut nicht, die Wahrheit einzugestehen.</p>
+
+<p>»Hast Verwandte da, ha?«</p>
+
+<p>Wieder nickte das Mädel und barg den Kopf in beide Hände. Daß es ihr so
+schwer fiel, mit den Menschen zu reden, die es vielleicht gut mit ihr
+meinten!</p>
+
+<p>Die Alte sah, daß das fremde Mädel keine Auskunft geben wollte und
+plagte sie nicht weiter mit ihren Fragen.</p>
+
+<p>»Ist dir schon wieder besser, gelt?«</p>
+
+<p>Das Regele nickte bestätigend. In Wahrheit aber fühlte sie sich schwach
+und krank.</p>
+
+<p>Die Alte war wieder in die Kirche zurückgegangen, und das Regele
+schleppte sich müde und elend von dem Kirchenportal fort und schlich
+langsam und demütig durch stille, einsame Gäßchen bis hinauf zu den
+letzten Häusern, die zu Füßen eines alten Turmes lagen. Hier oben in
+freier Höhe mit dem weiten Blick ins Inntal wurde ihr leichter.</p>
+
+<p>Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume
+und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein
+Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und
+warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des
+Ortes.</p>
+
+<p>An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> das Mädel niedergelassen
+und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier
+blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch
+sah sie.</p>
+
+<p>Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger
+Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer.</p>
+
+<p>Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich
+schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber
+so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen
+anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig,
+und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von
+Minute zu Minute.</p>
+
+<p>Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte
+schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die
+Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz
+gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.</p>
+
+<p>Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen
+in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!</p>
+
+<p>Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme
+fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher
+kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an
+dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz
+faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen.
+Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.</p>
+
+<p>Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins
+Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt
+hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich
+das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die
+Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.</p>
+
+<p>Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie
+heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr
+für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.</p>
+
+<p>Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele
+hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem
+dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer
+Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der
+Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den
+sie nun finden sollte.</p>
+
+<p>Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche
+Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen,
+weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen
+Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> quiekten
+morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.</p>
+
+<p>Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im
+Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas
+verdeckte.</p>
+
+<p>Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den
+Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem
+Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.</p>
+
+<p>Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das
+Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.</p>
+
+<p>Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines
+heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden
+Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter
+zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus
+ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie
+gekommen war.</p>
+
+<p>Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und
+lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in
+ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am
+Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?</p>
+
+<p>Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang.
+Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal
+die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte
+sich das Feld der Toten, und es erschien ihr<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> nicht mehr still und
+lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden.
+Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel
+in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß
+stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.</p>
+
+<p>»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«</p>
+
+<p>Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen
+hatte.</p>
+
+<p>Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ...</p>
+
+<p>Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von
+daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie
+quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen.</p>
+
+<p>Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre
+Hände.</p>
+
+<p>»Heilige Mutter Maria, hilf mir!«</p>
+
+<p>Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot.</p>
+
+<p>Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der
+unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das
+bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher
+heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar
+nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte.
+Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht
+schrie.</p>
+
+<p>»Heilige Muttergottes, hilf!« ...</p>
+
+<p>Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> zu öffnen kam, ein
+blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf.</p>
+
+<p>Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern.
+Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber.</p>
+
+<p>Und gebar einen Buben ...</p>
+
+<p>Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem
+Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort.</p>
+
+<p>Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so
+gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des
+kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das
+Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und
+wollte auch an nichts denken.</p>
+
+<p>Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht
+gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den
+Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten.</p>
+
+<p>Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben
+ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu
+bleiben.</p>
+
+<p>Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch
+immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen
+leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ...</p>
+
+<p>Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen
+Tuche eingewickelt im<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen
+sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last?</p>
+
+<p>Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte
+keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte
+sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein.</p>
+
+<p>So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an.</p>
+
+<p>»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten,
+polternden Art und fletschte die Raubtierzähne.</p>
+
+<p>Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels.</p>
+
+<p>»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut
+und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding
+auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?«
+erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine
+Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er
+dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends
+aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am
+Wegrand hin und brachte sie zum reden.</p>
+
+<p>Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen
+worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der
+aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und
+voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die
+warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens.</p>
+
+<p>»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer
+Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt
+mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit
+der Hand über die Wangen.</p>
+
+<p>Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos.</p>
+
+<p>»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine
+Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des
+Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann.
+»Weil er nit amal rearen tut.«</p>
+
+<p>»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte
+wenig Freude an dem Kind.</p>
+
+<p>»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter.</p>
+
+<p>»Naa.«</p>
+
+<p>»Nit? Ja ... und nachher?«</p>
+
+<p>»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig.</p>
+
+<p>Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken.</p>
+
+<p>»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er.</p>
+
+<p>Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die
+Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem
+Kramer Veit.</p>
+
+<p>Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> der Kramer zugehört.
+Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen.</p>
+
+<p>»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin.</p>
+
+<p>»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und
+weniger mutlos wie zuvor.</p>
+
+<p>Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen
+an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das
+derbe, kraftvolle Gesicht.</p>
+
+<p>»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n.
+I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir
+dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit
+da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm
+enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld
+habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav
+bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!«</p>
+
+<p>Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug
+ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl
+würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll
+Vertrauen auf den Kramer Veit.</p>
+
+<p>Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine
+Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das
+Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<h2>Viertes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>In der kleinen, behaglich ausgestatteten Stube, die an den Kramladen
+anstieß, saß die Notburg und arbeitete. Einen ganzen Stoß Wäsche hatte
+sie vor sich auf dem Tisch aufgestapelt, und neben ihrem Sitz auf
+der Holzbank, die rings um die getäfelten Wände lief, lag noch ein
+ansehnlicher Pack zum Ausbessern. Socken und Unterhosen und weiße und
+farbige Hemden lagen da hübsch säuberlich gewaschen und geordnet zur
+Flickarbeit hergerichtet.</p>
+
+<p>Recht zerlumpt war er eigentlich wieder heimgekommen, der Veit. So viel
+Wäsche und Zeug er auch mitgebracht hatte, überall fehlte etwas.</p>
+
+<p>Zwei große Holzkoffer hatte der Bote, der einmal in jeder Woche seinen
+mit Blachen überspannten Wagen hinaus ins Inntal fuhr, für den Veit
+Galler mitgebracht. Bis zu dem stattlichen Dorf, dem Hauptort des
+Tales, lieferte der Bote das Gepäck. Von dort aus mußte es abgeholt
+werden; und da die beiden Koffer zum Aufladen für einen Maulesel
+viel zu unbequem und schwer gewesen wären, mußte sich der Veit einen
+Leiterwagen und ein Pferd ausborgen und sein Gepäck selber ins Dörfl
+hinaufbringen.</p>
+
+<p>Das gab ein Geschau, als der Kramer Veit mit den großen, dunkel
+angestrichenen Holzkoffern angerückt kam. Und ein neugieriges Fragen
+von allen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Seiten war es, was für schönes, wertvolles Zeug denn wohl in
+dem Gepäck verborgen sein würde.</p>
+
+<p>»Mei ...« machte die Notburg und hob die Achseln gleichgültig. »Halt
+aa grad' Wäsch' und a bissel a G'wand. Muß halt erst z'sammg'flickt
+werden, weil's aa grad' umadum z'rissen ist.«</p>
+
+<p>»Freilich! Freilich!« pflichtete ihr die Fragerin, eine ältere Bäuerin
+aus dem Nachbarhause, bei. »An oanschichtig's Mannsbild ... woaß man
+wohl! Hat aa koan Mensch nit, der ihm eppas antat'! Wirst eppar gar
+nimmer fertig werd'n mit der Arbeit, bis er wieder fort geht, der Veit,
+ha?« fragte sie mit lauerndem Blick.</p>
+
+<p>»Ah wohl. I dermach's leicht no!« erwiderte die Notburg kurz und
+schroff.</p>
+
+<p>»Freilich! Freilich! Derweil hast aa leicht. Woaß man wohl!« stimmte
+die Nachbarin eifrig zu.</p>
+
+<p>Sie hätte gar zu gerne etwas von dem Inhalt der beiden Koffer gesehen
+und war herüber gekommen, der Notburg ihre Hilfe beim Auspacken
+anzubieten. Die Notburg aber ließ die Koffer inmitten der kleinen
+Wohnstube stehen, wie sie waren, und klappte nur noch rasch die Deckel
+zu, ehe sie sich gegen die Besucherin wandte.</p>
+
+<p>Die blieb unter der Türe stehen und getraute sich nicht weiter
+hereinzukommen und auch nicht mehr weiter zu fragen. Die Notburg
+machte ein so entschiedenes, abweisendes Gesicht und war so gar nicht
+zugänglich für kleine nachbarliche Vertraulichkeiten.</p>
+
+<p>Wenn man's so recht betrachtete, war der Veit<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> gerade auch nicht zu
+neiden mit seinem mürrischen Weib, dachte die Bäuerin bei sich. Dann
+kehrte sie wieder langsam in ihr eigenes Haus zurück und sah von dort
+aus noch eine Weile neugierig durch das kleine Gitterfenster hinüber
+zum Kramer.</p>
+
+<p>Geschah der Notburg eigentlich doch ganz recht, der Z'widerwurzen, wenn
+ihr der Mann bald wieder durchging. Es war kein freundlicher Blick,
+den die Nachbarin hinüber warf zur Notburg, deren Gestalt für einen
+Augenblick am Hauseingang zu sehen war.</p>
+
+<p>Das glaubte einmal kein Mensch der Notburg, daß der Veit weiter nichts
+als Wäsche und Kleider in den Koffern hatte! War ein recht ungut's
+Ding, die Notburg! Hätte doch auch ein bissl was reden und deuten
+können, was in den beiden Koffern steckte!</p>
+
+<p>Gar nicht mehr loskommen konnte die Nachbarin von den Koffern.
+So geheimnisvoll und fremdländisch wie die aussahen! Und sollten
+ordentlich schwer gewesen sein. »Völlig nit zum derlupfen ...«
+erzählten die beiden Burschen, die dem Kramer Veit beim Abladen der
+Koffer behilflich gewesen waren.</p>
+
+<p>Und der Veit hatte gar so viel lustig und selbstzufrieden
+dreingeschaut. War in Hemdärmeln vor der Türe gestanden und hatte grad'
+kommandiert. Und aus vollem Halse gelacht hatte er, weil ihm der eine
+Koffer beinahe aus den Händen gerutscht war.</p>
+
+<p>Die Leute munkelten im Dörfl, daß dieser Koffer bestimmt voll Gold
+gewesen war; denn ein paar Weiber, die beim Abladen ganz in der Nähe
+gestanden<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> waren, hätten darauf schwören können, daß sie deutlich etwas
+darin hatten herumrollen hören, das wie Gold geklungen habe.</p>
+
+<p>Die Notburg hätte es weiter auch nicht nötig gehabt, so g'sparig zu
+tun und den ganzen lieben langen Tag über ihrer Flickerei zu hocken.
+Natürlich! Von reichen Leuten konnte man sparen lernen, und geizig
+waren sie beide ganz gleich, die Notburg und der Veit.</p>
+
+<p>Kaum daß sich der Kramer etliche Wochen daheim ausgerastet hatte, war
+er schon wieder auf und davon gegangen. Hatte seine Kraxen auf die
+Schulter genommen und war damit nach Innsbruck hinauf gewandert. Ganz
+wie in früheren Jahren, da er noch kein so wohlhabender Mann gewesen
+war.</p>
+
+<p>Nur war die Kraxe, die er aus dem Tal hinaustrug, diesmal leer gewesen
+und nicht mit Käselaiben schwer beladen wie in früheren Zeiten, so daß
+man oft vor lauter Gewicht den Kopf des Trägers kaum mehr sehen konnte.
+Ein bißchen bequemer und leichter hatte sich's der Kramer Veit also
+doch jetzt eingerichtet.</p>
+
+<p>Die Leute im Dörfl sahen und belauerten ganz genau, was bei dem Kramer
+vorging. Und die Notburg hatte jetzt oft auch an Werktagen einen ganz
+regen Geschäftsverkehr im Ladele. An den Sonntagen aber, gleich nach
+der Frühmesse, da gab's im Ladele jetzt Hochbetrieb. Aus den Berghöfen
+der Nachbartäler kamen die Bauern und kauften ein. Sie mußten sich doch
+mit eigenen Augen überzeugen, wie<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> der Kramer Veit eigentlich jetzt
+ausschaute, und was er zu erzählen wußte.</p>
+
+<p>Die Weiber kamen ins Ladele, kauften ein paar Kleinigkeiten und fingen
+an, der Notburg ausführlich über ihr eigenes Leben und Treiben zu
+berichten. Dabei spähten sie neugierig durch die Türe, die ins Innere
+des Häuschens führte, ob sie den Veit nicht doch zu sehen kriegten.
+Und wenn er sich nicht zeigte, dann fragten sie nach ihm. Wenn sie
+schon einmal da herinnen waren, dann wollten sie ihn wenigstens auch zu
+Gesicht kriegen.</p>
+
+<p>Es war sonderbar, wie rasch die Kunde von der Heimkehr des Kramer Veit
+nach überallhin gedrungen war. Eine Neuigkeit benötigt weder Post noch
+andere Verbindungsmittel. Sie fliegt förmlich durch die Luft, eilt von
+Mund zu Mund bis in die entlegensten Berghöfe. In der Einsamkeit sind
+die Menschen hungrig nach Ereignissen. Es berichtet der eine dem andern
+ungefragt, was er gehört hat und was sich im Umkreis ereignet hat.</p>
+
+<p>Auch die Männer kamen an den Sonntagen nach der Frühmesse ins Ladele.
+Standen mit ihren steifen, ungelenken Beinen breitspurig herum,
+entzündeten sich umständlich ihre Pfeifen oder klopften die Asche
+heraus und redeten dabei auf ihre Weise mit dem Kramer Veit. Sie
+sprachen mit ihm ganz wie in früheren Zeiten, als ob er nie von ihnen
+fortgewesen wäre, und sie lobten ihn untereinander, weil er sich immer
+gleich geblieben war, gar nicht stolz geworden war und Anteil nahm an
+ihren Interessen ganz so wie in früheren Jahren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Auch die Weiber sprachen sich leicht mit dem Veit. Viel leichter
+wie mit der Notburg, der man ja jedes Wörtl förmlich aus dem Mund
+herausziehen mußte.</p>
+
+<p>Das war beim Veit anders. Der erzählte ihnen frisch und lustig, was sie
+wissen wollten, und lachte mit ihnen ... laut und polternd, daß es eine
+Freude war, ihn anzusehen.</p>
+
+<p>Das gab oft einen Spektakel ab im Ladele! Die Notburg war an den vielen
+Lärm gar nicht mehr gewöhnt und bekam einen ganz wirbligen Kopf davon.
+Denn all die Jahre her, wo sie einsam hier gehaust hatte, war der
+Geschäftsbetrieb nur flau gewesen. Auch an Sonntagen. Da kamen wohl
+auch die Bäurinnen, aber sie hielten sich nicht lange auf im Ladele.
+Denn ratschen und sich miteinander unterhalten, das konnte man am
+Dorfplatz draußen weit besser, als in dem engen Raum drinnen.</p>
+
+<p>Jetzt aber, da der Veit hier war, jetzt war's völlig unterhaltsam
+da drinnen. Der erzählte mit seiner lauten, polternden Stimme, und
+die Weiber brauchten sich keinen Zwang anzutun, um ihre Stimmen
+einzudämmen, sondern konnten auch mitreden, wie ihnen der Schnabel
+gewachsen war.</p>
+
+<p>Reden aber, besonders wenn es recht freundlich klingen soll, bedeutet
+bei den Bergbauern, daß sie sich gegenseitig mit der ganzen Kraft,
+deren ihre Lungen fähig sind, anschreien. Das Schreien, das sind sie so
+gewohnt und merken es gar nicht. Würden es auch arg verübeln, wenn man
+sie darauf aufmerksam machte.</p>
+
+<p>Sie wohnen entlegen und oft stundenweit entfernt<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> voneinander und
+begegnen sich nur selten. Sehen sie einmal einen zufällig des Weges
+kommen, dann grüßen sie ihn von ferne. Bieten ihm die Tageszeit und
+halten für eine Weile mit der Arbeit im Feld inne. Und er ruft ihnen
+den Gruß zurück und fügt wohl auch ein scherzhaftes Wörtl hinzu.</p>
+
+<p>Oft können sie die Gesichter gegenseitig kaum richtig unterscheiden
+und sehen nur von ferne, ob es ein Bekannter ist, und ob er jung oder
+alt sei. Aber sie hören gegenseitig ihre Stimmen und rufen sich die
+Neuigkeiten aus der Ferne zu.</p>
+
+<p>So ein Geschnatter am Sonntagmorgen, wenn sich Bergbäurinnen
+zusammenfinden, muß man gehört haben! Das schreit und lärmt in
+langgezogener, etwas singender Mundart. Lauter gute, freundliche Worte,
+die aber ungeübten Ohren unverständlich und rauh vorkommen.</p>
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, aber verstand sie, und ihn störte der Lärm
+der schreienden Stimmen nicht im mindesten. Er freute sich über den
+heimischen Klang wie ein Kind, und dieser erschien ihm wohltönend und
+schöner wie Musik.</p>
+
+<p>Völlig beliebt hatte sich der Kramer Veit seit seiner Rückkehr bei den
+Bergbauern gemacht. Von allen Seiten lud man ihn ein, doch auch einmal
+zu ihnen zu kommen und einen Schnaps bei ihnen zu trinken.</p>
+
+<p>Die Leute im Dörfl waren nicht so zuvorkommend wie die Bergeler. Das
+kam daher, weil sie den Veit doch für einen ihnen Fremdgewordenen
+hielten, für einen, der sich von ihnen zum Teil losgesagt hatte<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und
+besser geworden war wie sie. Es war hauptsächlich Neid und Mißgunst,
+die da keine richtige Freundschaft zu ihm aufkommen ließen ...</p>
+
+<p>Der Kramer Veit keuchte die kleine, sonnige Bergstraße vom Tal herauf
+ins Dörfl. Hochbeladen war die Kraxe, und obenauf hatte er ein
+sonderbares Bündel geschnürt.</p>
+
+<p>Aus den Türen und Fenstern guckten die Weiber und Kinder verstohlen auf
+den Kramer und rieten, was wohl in dem Bündel sein würde. Ein junger
+Bursch stand am Dorfplatz beim Brunnen und tränkte eine Kuh.</p>
+
+<p>»Hast schwar aufg'laden, Kramer?«</p>
+
+<p>»Ja. 's tut sich.«</p>
+
+<p>Weiter ging der Kramer bis vor sein Haus hin. Dort machte er auf der
+Holzbank Rast und stellte die Kraxe nieder. Wischte sich umständlich
+mit dem rotgeblumten Taschentuch den triefenden Schweiß von dem Gesicht
+und klopfte dann an das Fenster der Stube, wo die Notburg in einer Ecke
+über ihre Arbeit vertieft dasaß.</p>
+
+<p>»Notburg!«</p>
+
+<p>Die Notburg sah von ihrer Arbeit in der Stubenecke auf, legte dieselbe
+langsam aus der Hand, ging gemächlich und ohne Aufregung zu dem
+Fenster hin, öffnete es und versuchte den Kopf durch das vergitterte
+Fensterkreuz zu stecken. Sie sah die Kraxe auf der Bank unten vor dem
+Fenster stehen, sah, daß der Veit wieder einmal schwer aufgeladen
+hatte, und schaute in sein erhitztes, fröhliches Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p>
+
+<p>»Kommst nit einer?« fragte sie den Mann.</p>
+
+<p>»Naa!« lachte der Veit breit zu ihr hinauf und zeigte fletschend seine
+gelbweißen Zähne, über die sich die wulstige Oberlippe weit nach oben
+schob. »Komm' du z'erst außer!« forderte er sie auf und machte dabei
+ein ganz pfiffiges Gesicht.</p>
+
+<p>»Zu was denn?« frug sie mürrisch zurück.</p>
+
+<p>Die Notburg war im Lauf der Jahre etwas dick und schwerfällig geworden
+und liebte es nicht, unnötigerweise von ihrer bequemen Ruhe aufgestört
+zu werden.</p>
+
+<p>»I hab' dir was mitbracht, Notburg ...« sagte der Veit und dämpfte
+seine Stimme geheimnisvoll. »Geh' nur her da. Kimm ...« lud er sie ein
+und winkte ihr mit dem Finger seiner plumpen Hand. »Du kannst besser
+umgehen mit dem Zeug wia i. Bin froh, wenn i's abg'laden hab'!« fügte
+er erleichtert aufatmend hinzu und runzelte leicht die Stirne.</p>
+
+<p>Da kam die Notburg aus der Ladentüre heraus. Langsam und gemächlich und
+gar nicht neugierig. Groß und stattlich stand sie unter der Türe im
+prallen Sonnenschein des Hochsommertages, und trotz ihrer vorgerückten
+Jahre war sie noch immer eine hübsche Frau.</p>
+
+<p>Die schweren Zöpfe, die sie zur Krone gewunden um den Kopf trug, waren
+jetzt freilich viel dünner geworden, und das helle Aschblond ihrer
+Haare schimmerte im matten Grau. Das schwarze, schmale Samtband, das um
+den Scheitel gelegt war und über das sich die Haarkrone aufbaute, stand
+gut zu der<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> grauen Farbe und verlieh dem Haar ein äußerst sauberes und
+ordentliches Aussehen.</p>
+
+<p>Das einst sonngebräunte Gesicht der Frau war jetzt zart und beinahe
+weiß vom vielen Stubenhocken und sah ernst und so strenge aus, als
+hätte das Weib niemals im Leben das Lachen gekannt.</p>
+
+<p>Die Notburg hatte es gar nicht eilig mit dem Herauskommen und
+war auch nicht im mindesten neugierig auf das, was der Veit ihr
+mitgebracht hatte. Sie war nur herausgekommen, um ihm den Willen
+zu tun. Freude hatte sie ja doch mit nichts. Es war ihr alles so
+furchtbar gleichgültig, und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihre
+Gleichgültigkeit zu verbergen.</p>
+
+<p>»Wirst Augen machen!« lachte der Veit und sah die Frau listig von der
+Seite an, während er die Gurten von der Kraxe zu lösen begann. »Geh'
+nur aber da von die Staffeln und schau dir's an!« Und dabei hielt er
+der Notburg das Kind vom Regele entgegen, das er oben auf die Kraxe
+geschnürt hatte.</p>
+
+<p>Mit ungeschickten Händen hielt er das kleine Bündel, aber doch zart
+und fürsorglich. Und seine runden, etwas vorstehenden Augen hatten
+einen etwas ängstlichen Ausdruck, als fürchtete er, das winzige
+Wesen mit seinen derben Händen zu zerdrücken. Das Kind, das in dem
+schwarzwollenen Tuch fest eingewickelt war, wimmerte leise und kläglich.</p>
+
+<p>»Hat Hunger!« sagte der Veit grinsend. »Mußt ihm gleich a Milchele
+sieden, Notburg.«</p>
+
+<p>Die Notburg stand wie erstarrt auf der kleinen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Treppe, die vom Ladele
+herabführte. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Stand reglos
+da und schaute abwechselnd mit ihren hellen Augen auf ihren Mann und
+dann wieder auf das schwach wimmernde Bündel in seinen Händen.</p>
+
+<p>»Ha?« frug der Veit lustig. »Hab' i's nit g'sagt, daß du Augen machen
+wirst? Gelt, das hättest nit erwartet?« meinte er laut und polternd.</p>
+
+<p>Die Notburg schüttelte langsam den Kopf. Aber sie sagte kein Wort.
+Hielt den Mund fest zusammengepreßt, damit ihr ja kein Wörtl auskam,
+und schaute nur immer auf den Veit und dann auf das Kind in seinem Arm.</p>
+
+<p>»Jetzt wie, Notburg ...« machte der Veit etwas ungeduldig, da sich die
+Notburg noch immer nicht von der Stelle rührte. »Nimm dir's! Es g'hört
+dir! Sollst es aufziehen ...« fügte er gutmütig und mit seinem breiten
+Grinsen hinzu. »Damit's an ordentlich's Mannsbild abgibt. Da ... nimm's
+und schau nit lang!« befahl er. »I hab's iatz lang g'nug g'schleppt und
+derheb's schon völlig nimmer!«</p>
+
+<p>Langsam und zögernd kam die Notburg jetzt die Stufen herab dem Manne
+entgegen. Sah ihm fest in die Augen ... aber sagte kein Wort. Hielt
+dann die Arme ausgebreitet, und der Veit legte das wimmernde Bündel
+hinein.</p>
+
+<p>»Jatz wohl!« meinte er erleichtert. »Und iatz kochst ihm a Milchele,
+dem Buab'n!« gebot er beinahe herrisch. »A Lungl hat dir der Bua
+g'habt unterwegs und a Kraft; möchst es nit glaben, daß der's Kind<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+vom Söllerbauer sein Regele ist!« erzählte er dann auf seine laute,
+polternde Art.</p>
+
+<p>Langsam war die Notburg mit dem jetzt kräftig schreienden Kind in
+das Haus hineingegangen und schaute unverwandt in das krebsrote
+Gesichtchen. In der Stube drinnen legte sie das Kind auf den Tisch
+neben die frisch gewaschene Wäsche, die zu einem Stoß aufgestapelt
+dalag. Dann machte sie sich daran, das Kind aus seiner warmen Hülle zu
+befreien.</p>
+
+<p>Das Kind, das stundenlang der Sonnenglut ausgesetzt auf der Kraxe
+getragen worden war, dampfte förmlich in dem wollenen Tuch vor Hitze.
+Jetzt, da es frei und ledig auf dem Tisch lag, ließ es mit Weinen nach
+und streckte wohlig die rosigen Glieder. Dann steckte es das Fäustchen
+in den Mund, sog eifrig daran, öffnete verwundert die hellblauen Augen
+und starrte auf die fremde Frau, die sich zu ihm beugte.</p>
+
+<p>»Mei' Häuterle!« flüsterte die Notburg weich. »Nit amal a ordentlich's
+Hemdl hat's an ...« sagte sie leise. »So a Häuterle, an arm's!«</p>
+
+<p>»Gelt?« Der Veit war hinter der Notburg in die kleine Wohnstube
+getreten und stand jetzt neben seiner Frau. »A Häuterle ist's, gelt,
+Notburg?« fragte er und versuchte ihr in die Augen zu schauen. »Und
+gelt, i hab' recht g'habt, daß i dir's bracht hab'?«</p>
+
+<p>Um den streng geschlossenen Mund der alternden Frau zuckte es
+leicht. »Was soll denn i damit anfangen?« frug sie schroff und ohne
+aufzublicken. »I kann nit umgeh'n mit Kinder. Hab's nia nit g'lernt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<p>»Dös lernt sich schon!« versicherte der Veit, und seine Stimme klang
+so weich wie seit langen Jahren nicht mehr. »Wirst sehen, Notburg, wie
+schnell du dös kannst, dös Kinderwarten. Und wia gern du's kriegen
+wirst, dös Häuterle! Völlig wia a eigenes. Pass' auf!« Leicht legte
+der Veit seinen Arm um die Hüfte seines Weibes. »Und wenn i nit bei
+dir bin, Notburg, nachher ist dir nimmer so derweillang, wirst sehen.
+Hast was Lebendig's um dich, das di gern hat und um das di sorgen und
+kümmern kannst. Ist dir alm abgangen, a Kindl, Notburg ...« sagte er
+weich und fast flüsternd ... »Dir ... und mir aa! I gsteh's ein. Leicht
+hätt's mi leichter g'litten da heroben, wenn so a Kleinigkeit im Haus
+umanand g'wuzelt war'. Aber lass' lei, Notburg ...« wehrte er ab, als
+die Frau Miene machte, sich aus seinem Arm zu lösen. Nur noch etwas
+fester umschlang er sie, und es war lange her, daß die Stimme des
+derben Mannes so zart und innig geklungen hatte.</p>
+
+<p>»Was uns der Herrgott nit g'schenkt hat, Notburg, das wollen wir uns
+iatz selber nehmen. Und wollen das Kindl da aufziechen und es ganz als
+wie's unsrige betrachten. Schau, Notburg ...« fuhr er leise redend fort
+... »i werd' ja aa alleweil älter ... und gar so lang dauert's nimmer
+... kimmt mir vor ... bis i wieder an Fried gib. Ziech mir'n auf,
+den Bub'n, Weibl ...« bat er warm und innig ... »damit wir im Alter
+no a Freud' erleben miteinander, gelt? Damit i aa weiß, für wem i mi
+g'rackert und g'schunden hab', und wem unser Sach' amal g'hört.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Treuherzig und schlicht klangen die Worte des Mannes, und fest und warm
+preßte er die Hand seiner Frau, die kühl wie immer in der seinen lag.</p>
+
+<p>Und der Veit versuchte es, ihr ganz so wie in früheren Zeiten in die
+Augen zu schauen. Aber die Notburg hielt den Kopf gesenkt und beugte
+sich tief über das kleine Wesen, das vor ihr auf dem Tische lag und
+behaglich mit den mageren Beinchen strampelte.</p>
+
+<p>Sie beugte sich so tief über das Kind, die Notburg, damit der Veit
+nicht merken solle, daß ihr die Augen feucht wurden und ihr Mund
+krampfhaft zuckte vom verhaltenen Weinen. Aber der Veit sah es doch.
+Sah's und freute sich. Und tat, was er seit vielen ... vielen Jahren
+nicht mehr getan hatte. Er nahm die Notburg um die Mitte, bog ihr den
+Kopf zurück und küßte sie auf den Mund. Lange und innig ...</p>
+
+<p>Und als der Herbst kam und Veit Galler abermals in die Fremde zog, da
+ging die Notburg ein weites Stück mit ihrem Manne. Fast bis ins Tal
+hinab. Und hatte kein wehes Gefühl des Abschieds im Herzen und fühlte
+sich auch nicht mehr so trostlos verlassen.</p>
+
+<p>Mann und Frau hatten sich in diesen letzten Wochen ihres Beisammenseins
+wieder gefunden. Hatten wieder zueinander geredet wie in ihren
+Jugendtagen, hatten Pläne gemacht und von der Zukunft gesprochen.</p>
+
+<p>Und die Notburg wußte und fühlte es jetzt mit Bestimmtheit: nur mehr
+etliche Jahrln, und der Veit würde bei ihr bleiben für immer.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<h2>Fünftes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, war diesmal nicht allein fortgezogen aus der
+Heimat. Den Florian Siegwein hatte er mit sich genommen und damit im
+Dörfl ein übles Gerede angerichtet.</p>
+
+<p>Sie waren schlecht zu sprechen auf den Kramer Veit, im Dörfl. Schon
+deshalb, weil er so gottlos gewesen war und das schlechte Mädel,
+das Regele, von der Straße aufgeklaubt hatte und sie jetzt irgendwo
+versteckt hielt.</p>
+
+<p>Darüber erzürnten sich die Leute recht. Denn wenn ein Mädel wie das
+Regele, das beinahe selber noch ein Fratz war, so spottschlecht sein
+konnte und ein Kind bekam, dann gebührte ihr die öffentliche Schande.
+Wohin sollte denn das führen, wenn man so ein Mädel auch noch in Schutz
+nahm und sie der Strafe entzog?</p>
+
+<p>Aber natürlich, der Kramer Veit! Der wußte und verstand wohl alles
+besser, was sich schickte, als wie Kirche und Geistlichkeit! War völlig
+ein Luthrischer oder gar ein Heid' geworden, der Kramer, und war kein
+ordentlicher Christenmensch mehr.</p>
+
+<p>Die Notburg bekam manche bissige Redensart zu hören, weil sie das
+Kind vom Regele aufgenommen hatte. So was gab nur böses Beispiel und
+munterte förmlich zur Schlechtigkeit auf. Konnte ja alle ledigen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+Kinder aufnehmen, die Notburg, wenn sie schon solche Freude am
+Kinderwarten hatte.</p>
+
+<p>Das und ähnliches sagten ihr die Nachbarsleute offen ins Gesicht. Aber
+die Notburg war keine, der man bissige Reden ungestraft hinreiben
+durfte. Kräftig und derb entgegnete sie den höhnischen Angriffen, und
+die Weiber wunderten sich nur, wie die Notburg doch immer wieder fest
+zu ihrem Manne hielt. Jetzt noch mehr denn zuvor, erschien es ihnen.</p>
+
+<p>Sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, daß sich der Veit so
+warmherzig um das Regele annahm, und sie begriff es auch, was sie alle
+nicht begreifen konnten ... daß er nun gar auch den Florl noch aus der
+Heimat fortlockte.</p>
+
+<p>Was der eigentlich mit dem Burschen in der Welt draußen anfangen wolle,
+fragten sie immer wieder und schüttelten bedenklich die Köpfe. Gelernt
+hatte der Florl ja nichts und konnte wohl kaum seinen Namen richtig zu
+Papier bringen. Daß das mit dem Florl und dem Regele auf keinen Fall
+ein gutes Ende nehmen würde, das prophezeiten sie einmal alle im Dörfl.</p>
+
+<p>Dem Kramer Veit war es zunächst selbst ein Rätsel, was er mit den
+beiden jungen Leuten eigentlich beginnen sollte. Und als er damals
+kurze Zeit, nachdem er das Kindl auf seiner Kraxe ins Dörfl getragen
+hatte, zu dem Florl aufs Alpl hinaufgestiegen war und ihm getreu alles
+von dem Regele berichtet hatte, da fuhr er sich wohl ein über das
+andere Mal<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> bedenklich mit der Hand durch das schüttere, graumelierte
+Haar.</p>
+
+<p>Neben dem Wasserle auf einer Steinplatte waren die beiden gesessen und
+etwas abseits von den Almhütten. Eine Holzröhre, vom Alter völlig mit
+Moos bewachsen, leitete quellendes Brunnwasser, und leise murmelte es
+durch die Röhre, plätscherte dann geschäftig als Brunnen, ergoß sich
+über die holprigen Steine und formte sich dann zu einem Bächlein.
+Brunnkresse, tiefblaue Vergißmeinnicht und sattgelbe Dotterblumen
+wuchsen am Rande des Bächleins, das die Bergmahd durcheilend ins Tal
+hinabrieselte.</p>
+
+<p>»So, Bua ... iatz woaßt es, wie's steht!« sagte der Veit und stierte
+ernst und mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. »Und daß du's Dirndl
+heiraten mußt ... dös wirst einsehen.«</p>
+
+<p>Forschend und scharf beobachtend sah er auf den Burschen, der ihm zur
+Seite saß. In kurzen, abgetragenen Lederhosen und mit nackten Waden und
+Füßen. Ein weißes Hemd, das jetzt nicht mehr weiß, sondern schmutzig
+grau aussah, ließ vorn die Brust entblößt, die vom Sonnenbrand braunrot
+wie die Haut eines Indianers geworden war.</p>
+
+<p>Auf dem Kopf saß keck herausfordernd ein spitzes Filzhütl, das einmal
+wohl schwarz gewesen sein mochte, jetzt aber grünlich schillerte.
+Eine kurze weiße Hahnenfeder schmückte das Hütl und erhöhte noch das
+verwegene Aussehen des Burschen.</p>
+
+<p>Er machte entschieden einen verwilderten Eindruck, der Florl, mit
+seinem ungepflegten, vollen braunen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Haar, den listigen Augen und dem
+krausen Spitzbart, der das feine, sonnverbrannte Gesicht umrahmte.</p>
+
+<p>Wie er so dasaß, die nackten Beine vom Quell des Wassers spielerisch
+berieseln ließ und sich dabei eifrig immer wieder die Füße wusch,
+schien es, als machte die Rede des Kramers nicht den geringsten
+Eindruck auf ihn. Und doch war der Florl ganz bei der Sache und
+heilsfroh, als er hörte, daß das Regele am Leben war.</p>
+
+<p>Es war ihm recht, daß der Veit das Kind als sein eigenes behalten
+wollte und daß er das Mädel im Inntal draußen in einer Wirtschaft
+untergebracht hatte. Für eine Basl hatte der Kramer das Regele bei den
+Wirtsleuten ausgegeben.</p>
+
+<p>»A Tochter von a meiniger Basl ... die heiraten soll und halt aa gern
+no eppas lernen möcht' ...« log er der Wirtin vor. Er kannte sie schon
+seit vielen Jahren, und da er bei ihr stets ein guter Gast gewesen war,
+hielt sie große Stücke auf den Veit. Sie fragte auch gar nicht lange
+nach der Herkunft des Mädchens, und es genügte ihr, daß das Regele eine
+Verwandte vom Kramer Veit war.</p>
+
+<p>Arbeitskräfte konnte man in einem Gasthaus immer brauchen, und
+besonders zu Sommerszeiten, wo man noch dazu am Feld draußen alle Hände
+voll zu tun hatte. Die Wirtin lud daher das Regele recht freundlich
+ein, nur dazubleiben und halt überall zuzugreifen, wo sie eine Arbeit
+sähe.</p>
+
+<p>»'s G'wand vom Dirndl bring' i aft schon her,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> bald i wieder kimm!«
+versicherte der Veit, indem er der Wirtin die Hand zum Abschied
+hinreichte.</p>
+
+<p>Er hatte es recht eilig, der Kramer, wieder zur Haustüre hinauszukommen
+und zu seiner Kraxe, die er abseits vom Hause hatte stehen gelassen.
+»Denn sonst hätt' am End' der kloane Sakra 's schreien ang'hebt ...«
+erzählte der Veit lachend dem Florl ... »und nachher war's aus und
+g'fahlt g'wesen bei der Wirtin ... woaß man wohl!«</p>
+
+<p>Der Florl erklärte sich mit allem einverstanden. Gern wolle er ja das
+Regele heiraten, meinte er zögernd, aber ... und dabei stockte er und
+rückte unruhig an seinem Filzhütl und schaute nachdenklich hinüber zu
+den schwarzgrünen Wäldern in der Tiefe und zu den Bergen hinauf, die im
+Hintergrund der drei Hochtäler sich noch majestätischer aufbauten wie
+drunten vom Dörfl aus gesehen.</p>
+
+<p>»Aber?« forschte der Kramer Veit und sah mit seinen runden, etwas
+hervorstehenden Augen scharf beobachtend auf den Burschen. Seine
+wulstige Oberlippe war weit über die gelblichen Zähne emporgeschoben,
+so daß es aussah, als lache er. Er lachte aber nicht, der Veit, sondern
+war ernst und nachdenklich, wie er sich jetzt mit seinen beiden Händen
+schwer auf den dicken Stock stützte.</p>
+
+<p>»Koa Geld, was?« forschte er dann über eine Weile.</p>
+
+<p>»Ja!« nickte der Florl und schlenkerte die braunen, nackten Füße
+spielerisch im Brunnenwasser hin und her.</p>
+
+<p>Dann saßen sie beide wieder eine Weile schweigend,<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> und der Quell, der
+sie trennte, murmelte und brodelte im Holzrohr. Der Kramer Veit saß
+weit nach vorn gebeugt und stützte das kurze, massige Kinn auf die
+Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hielt.</p>
+
+<p>»Wann i dir aa a Geld leihen tat, damit dir eppas ankaufen kanntest
+...« fing der Veit dann langsam zu reden an ... »ös derfets ja do nit
+heiraten. Seid's no viel zu jung ... ös zwoa ... saget die Gemeinde.«</p>
+
+<p>Der Florl nickte leicht mit dem Kopf und kraulte sich bedenklich seinen
+Bart. Sagte aber kein Wort.</p>
+
+<p>»So hab' i mir halt denkt, und hab's aa mit'n Regele abg'red't ... wann
+ös zwoa halt mit mir gangets ... in die Welt außi ... woaßt wohl?«
+Forschend sah der Kramer in das junge, etwas leichtsinnige Gesicht des
+Burschen.</p>
+
+<p>»Hattest was dagegen, du?« frug er ihn dann, da ihm der Florl die
+Antwort schuldig blieb.</p>
+
+<p>Der Florl schüttelte den Kopf. »Hab' nix einzuwenden dagegen!« meinte
+er und spielte unablässig mit den Füßen im Wasser herum.</p>
+
+<p>»Also warst nachdem einverstanden damit?« frug der Kramer eindringlich.
+»Du und 's Regele geht's mit mir auf Micheli fort, und du heiratest aft
+'s Madel. Verstanden?«</p>
+
+<p>»Und i heirat' aft 's Madel!« wiederholte der Florl, hörte mit dem
+Wasserplätschern auf, sah angelegentlich in die Luft, spitzte den Mund
+und stieß einen leichten Pfiff aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
+
+<p>»Ja ... und ...?« Der Kramer runzelte mißtrauisch die breite, wuchtige
+Stirn. »Was paßt dir aft nit?« frug er barsch.</p>
+
+<p>»Mir?« Der Florl schaute spitzbübisch auf den Kramer. »Mir paßt alles.
+Aber mei' Bauer ... was der eppar dazu sagt. Hab' nit aufg'sagt auf
+Micheli.«</p>
+
+<p>»Ah so! Dei' Bauer!« machte der Kramer Veit. »Werd' halt i a Wörtl
+reden müssen mit dein' Bauer!« ...</p>
+
+<p>Mit dem Dienstherrn des Florl hatte der Kramer Veit dann noch eine
+langwierige Auseinandersetzung. Er begriff nicht gleich, der Bauer,
+weshalb er so mir nichts dir nichts seinen Knecht außerhalb der
+üblichen Zeit sollte ziehen lassen. Schließlich gab er aber doch nach,
+weil der Kramer unermüdlich und in einemfort auf ihn einredete.</p>
+
+<p>»Muaß halt an andern stellen, der Florl!« meinte der Bauer. »Aft mag
+er von mir aus schon giahn, der Hallodri! Hab' ihn sonst nit ungern
+g'habt. Hat aufs Viech aufpaßt und koan Arbeit nit g'scheucht. Hat aa
+eppas vom Kasen verstanden, der Florl!« lobte er den Burschen. »Hatt'
+ihm nia nit aufg'sagt, dem Buab'n ...« fügte er bedauernd hinzu und
+klopfte sich umständlich die Pfeife aus. »Nia nit aufg'sagt hatt' i
+ihm!« versicherte er nochmals eindringlich ...</p>
+
+<p>»Also ... dös hätt'n wir glücklich bei'nander!« meinte der Kramer Veit
+zum Florl, als sich nun auch ein Ersatz für ihn gefunden hatte. »Jatz
+war'n wir<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> so weit, und 's Madel braucht nimmer lang zu rear'n draußen,
+weil's so viel derweillang hat und ihr's gar so schiach dunkt im Tal
+unten!« sagte er breit und polternd. »Aber, mei' Florl ...« meinte der
+Veit dann in komischer Verzweiflung ... »was fang' i grad' mit enk zwoa
+an! Können tut's ja hinten und vorn nix als wia Lieder singen und a
+bissl Zither und Guitarr'g'spiel?«</p>
+
+<p>»Sell aa!« meinte der Florl seelenruhig. »Und Heumachen und Misttragen
+und Kuhmelken und an Kas machen ...« zählte der Florl seine Fähigkeiten
+an den Fingern ab. »Ist dös weiter nix'n?« frug er lustig.</p>
+
+<p>»Naa!« sagte der Kramer, sehr ernst werdend. »Dös ist nix. Kannst nit
+brauchen in die großen Städt' ... woaßt wohl! Aber enker Singerei und
+enker G'spiel, dös kann enk vielleicht a Geld einbringen, moanet i!«</p>
+
+<p>Da riß der Florl vor lauter Verwunderung seine beiden Augen auf, so
+weit es nur anging. Und wußte nicht, ob bei dem Kramer Veit nicht doch
+am Ende ein Radl im Oberstübchen locker geworden sei.</p>
+
+<p>»Dös Singen?« frug er, und nicht nur die Augen, sondern auch der Mund
+stand ihm jetzt sperrangelweit offen.</p>
+
+<p>»Ja!« sagte der Kramer ernsthaft. »Dö Singerei. Habt's ja beide koane
+unebene Stimmen nit und könnt's wohl aa alle G'sanglen und Jodler, wie
+sie da herin bei uns der Brauch sein. Da könnt' völlig<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> a bissel a Geld
+außer schau'n bei der Sach' ...« sagte er nachdenklich und gedehnt.</p>
+
+<p>Und dann erzählte der Kramer Veit dem Florl, wie er in Amerika drüben
+oft vom Heimweh geplagt worden sei. »Woaßt ... und grad' wenn i so auf
+die Nacht unter dö ganz fremden Leut' in an Gasthaus g'hockt bin und dö
+so g'racht und g'soffen haben und manchmal aa in dera fremden Sprach'
+zu singen ang'hebt haben ... woaßt, Florl ... da ist mir grad' g'wesen,
+als müsset i aufspringen und ihnen mit der Hand 's Maul zuheben, damit
+sie nimmer singen können. Weil's alle mitanand koa anständige Stimm'
+g'habt hab'n und aa koan ordentlich's Liedl nit haben singen können.
+Und amal sein wir bei an Haar raufet worden. I und no a paar sölle
+Löder. Hab'n grad' g'sungen und schiach tan, bis i's nimmer ausg'halten
+hab' und g'sagt hab', sie soll'n 's Maul halten. Mei Lieber ... dös
+hattest sechen sollen, wie die aufbegehrt haben! I soll's besser
+machen, hab'n sie g'schrien ... wann i's könn', und sie wöll'n mir in
+Schädel einhau'n ... hab'n 's g'moant. I hab' mi weiter nit g'fürchtet
+vor'n Schädel einhau'n!« Der Kramer Veit fletschte die Zähne und reckte
+seine mächtigen Glieder. »Dö hatt'n schon Augen g'macht, bald sie mi
+angriffen hatten! Haben's aber nit tan. Sein viel zu viel b'soffen
+g'wesen dazu. Aber oans g'sungen hab' i ihnen. A Lied mit an Jodler
+drauf! Tuifel ... hab'n dir die Augen herg'macht! Nimmer auslassen
+haben's mi und mir grad' oa Glasl Wein und oa Glasl Schnaps ums andere
+eingeschenkt. Und alleweil<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> hab' i wieder no oans singen müssen. Weil's
+ihnen grad' so viel gut g'fallen hat. Und nix hab' i zu zahlen brauchen
+denselbigen Abend. Der Wirt ist kommen und hat mi eing'laden, i soll ja
+fein g'wiß wieder kommen und aa eppas singen. Ja mei ...« Der Kramer
+Veit hielt mit seiner Erzählung inne und stieß kräftig seinen Stock in
+den steinigen Erdboden. »Wenn i dir sag' ... völlig a G'schäft hab' i
+dir mit der Zeit mit meiner Singerei g'macht. I hab's bald heraußen
+g'habt, daß sich dös umanand g'red't hat, und daß, bald i mit singen
+ang'hebt hab' ... die ganze Wirtsstuben voll Leut' g'wesen ist. Da bin
+i zum Wirt gangen und hab' g'sagt, daß i nix mehr singen tua, außer er
+zahlt mi dafür.« Der Veit grinste breit und schlau. »Ist weiter koa
+Arbeit nit g'wesen für mi ... dös glaubt's mir wohl. Hab's gern tan ...
+wenn i aa nit grad' an extra gute Stimm' g'habt hab' ... aber verdient
+hab' i ganz anständig dermit. Dös Jodeln hab'n 's halt gar so viel gern
+g'hört, dö Löder, dö ausländischen.«</p>
+
+<p>Still und beinahe andächtig horchend war der Florl dagesessen und hatte
+den Kramer Veit mit keinem Worte unterbrochen. Die beiden saßen wieder
+auf der Steinplatte und hatten den murmelnden Brunnen zwischen sich.</p>
+
+<p>Leise und gleichmäßig sprudelte das Wasser aus der Röhre und
+plätscherte dann als fröhlicher Bach über die Bergmahd ins Tal hinab.
+Abseits grasten die Kühe, und etliche lagerten im Gras und kauten blöde
+und bedächtig ihre Mahlzeit wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Die Melcher von den Nachbarasten gingen ihrer Beschäftigung nach.
+Lautlos war der Gang der nackten Sohlen, deren Haut schmutzig war und
+kräftig und gelb wie gegerbtes Leder. Sie bekümmerten sich nicht viel
+um den Kramer Veit, der jetzt schon öfters heraufgekommen war, den
+Florl aufzusuchen. Und was die beiden gar so eifrig zu diskurieren
+wußten, das würden sie schon noch bald genug erfahren ...</p>
+
+<p>Die Perlmoser Vef lachte aus vollem Halse, als man die Sache eines
+Abends beim »hoangarten« besprach. Jetzt war's ja aufgekommen, weshalb
+der Kramer Veit zum Florl aufs Alpl gekommen war. Der Florl sollte mit
+ihm gehen, das Regele heiraten und im Amerikanischen drenten Tiroler
+Lieder singen. Völlig nimmer halten konnte sich die Vef vor lauter
+Lachen!</p>
+
+<p>Sie saßen wie immer alle versammelt, die Leute von den fünf Asten,
+und warteten im Abenddämmer auf die Dunkelheit der Nacht. Alle kamen
+sie herüber zu den Perlmoserischen und saßen dort auf der langen
+rohgehobelten Bank vor der Türe. Ein ungewöhnlich dickes Brett war
+diese Bank, über ein paar große Steine gelegt und knapp neben der
+Eingangstüre, die nieder und rußgeschwärzt in die Küche führte.</p>
+
+<p>Ein kleines Holzgitter schloß die Küche ab, und auf der andern Seite
+der Türe war eine runde Öffnung in den Holzbalken der Wand angebracht.
+Da floß, von dem Innern der Küche hergeleitet, Trank für die Schweine
+in den Trog, der an der andern Seite neben der Türe stand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>Lieblicher Geruch von saurer Milch und Schweineduft durchtränkte
+hier die Luft. Grunzend umstanden feiste Mutterschweine den Trog, so
+gierig nach Futter, daß sie nicht nur den Rüssel, sondern auch die
+Vorderpfoten hineinsteckten. Ängstlich quieckten die Jungen nebenher
+und schrien, wenn ein ungeschickter Tritt der Mutter sie traf. Dann
+ringelten sie die Schweifchen und rannten im Kreislauf und quietschend
+davon. Und Schlamm und Kot bedeckte den etwas sumpfigen Erdboden vor
+der Aste.</p>
+
+<p>Auf Holzpfosten gebaut, stand die Hütte da. Wie ein Tier, das seiner
+Hinterfüße beraubt ist, stand sie da und spreizte plump und ungeschickt
+die Beine. Lehnte sich mit dem Schindeldach, das mit großen Steinen
+beschwert war, an die Bergmahd, und große Felsblöcke, welche die Form
+von spitzigen Bergen hatten, lagen im Gras und drohten die kleine
+Almhütte einzudrücken. Von vorn aus gesehen, standen diese Almhütten
+förmlich in der Luft. Wenn man sich etwas bückte, dann konnte man ganz
+bequem darunter herumgehen.</p>
+
+<p>Es war eine recht kleine Hütte, die Aste von den Perlmoserischen.
+Gleich über dem Erdgeschoß hing das Dach herunter, und eng und nieder
+war die rauchgeschwärzte Küche mit dem offenen Herd. Ein viereckiger
+Tisch stand in einer Ecke, und zwei winzige Fensterchen, die nicht
+größer waren wie Taschentücher, ließen einen Blick tun hinüber in die
+Alpenwelt der Hochtäler.</p>
+
+<p>Von der Küche führte eine Tür, die nur schlecht<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> in den Angeln saß, in
+einen ganz engen Raum. Ein Verschlag war es und hatte nur eine einzige
+Fensteröffnung. Da schliefen die drei Perlmosermädeln, und da hatte
+auch das Regele geschlafen, wenn sie mit am Alpl war.</p>
+
+<p>Sie schliefen auf Strohsäcken und ohne Bettstatt. Kein Federbett war
+vorhanden, nur ein buntüberzogener Polster und eine grobe Decke. Aber
+sie verlangten sich gar nicht mehr, die Dirndln, und es kam ihnen vor,
+als könne man in Gottes weiter Welt nirgends einen so köstlichen Schlaf
+haben wie hier oben am Alpl ...</p>
+
+<p>»Daß es grad' a so eppas Narrisches aa geben kann!« lachte die Vef
+ausgelassen, als die Rede von dem Florl und dem Regele ging. »Der
+Kramer Veit muß döcht a halbeter Narr sein ...« meinte sie ... »daß er
+auf so a Idee überhaupts kimmt. Der Florl und singen! Und dös Grispele
+dazu. Das Regele! Daß dös grad' möglich ist!« wunderte sich das Mädel.
+»Dö Amerikaner werden herschaug'n, wenn dös Grispele ang'ruckt kimmt!«
+spöttelte die Vef boshaft. Völlig nimmer genug tun konnte sie sich, so
+gut gefiel ihr der Spaß.</p>
+
+<p>»Aber a Stimm' hat sie weiter a gute! Da gibt's nix'n nit einzuwenden
+dagegen!« verteidigte die Julie, die neben der Vef auf der Bank saß,
+das Regele.</p>
+
+<p>Die Julie war die jüngste Schwester der Vef und gleichfalls groß
+und üppig gewachsen, obwohl sie erst sechzehn Jahre zählte. War ein
+kerngesunder Schlag, die Perlmoserischen. Hellblond und rosig sah die
+Julie<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> aus und hatte große blaue, etwas ausdruckslose Augen. Sie war
+bei weitem nicht so hübsch wie die Vef, schien aber viel sanftmütiger
+und gutmütiger zu sein als diese.</p>
+
+<p>»Dös hab' i aa ... a gute Stimm' ...« erwiderte die Vef verächtlich.
+»Grad' a so gut wie 's Regele!«</p>
+
+<p>»Muaßt halt aa mit ummi giahn auf Amerika!« neckte einer, der Melcher,
+ein sehniger, älterer Knecht, der in kurzen Hosen und schmutzig
+färbigem Hemd auf der niedern Holzbank zwischen den beiden Mädchen saß.
+»Könntest dir eppar an Haufen Geld verdienen ...« witzelte der Knecht
+weiter, streckte die nackten Beine, die vom Stallschmutz förmlich
+starrten, weit von sich, lehnte den Kopf behaglich an die braune
+Balkenwand der Hütte und stützte die Hände kreuzweise darunter. Dann
+gähnte er ein über das andere Mal laut und herausfordernd. »Uaah!«</p>
+
+<p>»Ja, und du kannst nachher als Gockel mitgiahn ...« neckte die Vef
+zurück. »Weil du überhaupt koa Stimm' nit hast!« fügte sie schnippisch
+hinzu. »Leicht tragt dös no mehra Geld ein, dös Krahen!«</p>
+
+<p>»Kunnt leicht sein!« mischte sich nun der Wastl in das Gespräch ein.
+»Wann oans gar a so schiach tut ... wie du ...« Der Wastl konnte halt
+das Necken nicht bleiben lassen, und wenn er nur eine Gelegenheit hiezu
+fand, nützte er sie auch weidlich aus.</p>
+
+<p>»Du ...« warnte der Angegriffene. »Gelt, woaßt schon ...!« Boshaft
+schielten die kleinen Augen auf den jungen Burschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>»Mir scheint, der Stanis hat eppar schon z' lang nimmer g'rafft!« sagte
+da die Rosina sehr ruhig mit ihrer dunklen, weichen Stimme.</p>
+
+<p>Das sagte sie, weil der Stanis so ab und zu einmal ganz gerne einen
+Streit vom Zaune brach, um dabei seine überschüssige Kraft auszulassen.</p>
+
+<p>Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und
+über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er
+hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige
+Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln.
+Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz
+geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers
+und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament.</p>
+
+<p>Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und
+wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter
+ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an.</p>
+
+<p>Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige
+Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den
+stärksten Burschen messen mußte.</p>
+
+<p>So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die
+Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie
+mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie
+kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> über andere
+machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und
+dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige
+Behendigkeit.</p>
+
+<p>Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen
+vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte,
+daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele
+nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher,
+länger als nötig mit den andern zusammen zu sein.</p>
+
+<p>»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab
+und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die
+beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken.
+Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase
+vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort
+und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum
+lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an
+die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie
+bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen
+Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö
+Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu.</p>
+
+<p>»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der
+Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell'
+hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom
+Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte,
+leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden
+Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser
+Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht
+und verhöhnt zu werden.</p>
+
+<p>Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so
+grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu
+ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach.</p>
+
+<p>Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer
+Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen
+Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein
+brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten
+eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen
+stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen
+Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina,
+was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel
+zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn
+wie eine Dornenkrone.</p>
+
+<p>Die Rosina saß meist schweigend da und beobachtete. Hielt auch nie viel
+Freundschaft mit ihren Schwestern, war aber gleich diesen eine tüchtige
+Arbeitskraft.</p>
+
+<p>Ohne seine drei Mädeln hätte sich der Perlmoser recht schwer getan. Sie
+schufteten wie Knechte, so daß<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> er es jetzt wenigstens etwas leichter
+hatte und an seiner drückenden Schuldenlast abzahlen konnte. Bis dann
+die kleineren Buben herangewachsen waren. Dann würde es auch wieder
+besser gehen ...</p>
+
+<p>So oft die Sprache von der bevorstehenden Abreise des Florl ging,
+beschlich den Wastl immer ein leises Unbehagen. Er konnte es sich
+selbst nicht erklären, weshalb. Auch wenn die Vef noch so übermütig
+darüber spottete und witzelte, sah er ihr doch immer nur mit Angst in
+die Augen, als traute er ihr nicht so ganz.</p>
+
+<p>Er wußte, daß es um Haus und Hof beim Perlmoser schlecht stand, und
+daß der Bauer wiederholt schon hatte alles aufbieten müssen, um sein
+Anwesen vor der Gant zu bewahren. Wäre also gerade kein Wunder gewesen,
+wenn sich die Vef ins Ausland hätte locken lassen ...</p>
+
+<p>Einmal, da nahm sich der Wastl ein Herz und stellte die Vef zur Rede.
+Das war, wie die Perlmoser Mädeln oben am Alpl mit der Grummetmahd
+fertig waren und wieder auf etliche Wochen hinunter mußten auf den Hof.</p>
+
+<p>Die Julie und die Rosina waren schon vorausgegangen. Die Vef aber
+stand, den plumpen, unförmlichen Korb auf dem Rücken, vor der niedern
+Hüttentüre und sah recht angelegentlich ins Tal hinab. Das tat sie
+zum Schein, denn in Wirklichkeit hoffte sie, daß sich der Wastl noch
+blicken lassen würde, um von ihr Abschied zu nehmen.</p>
+
+<p>Wenn auch die Vef manchmal recht barsch zu dem<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Burschen war, heimlich
+hatte sie ihn lieb. Sie ließ es ihn aber nicht merken, daß ihr keiner
+von allen Burschen so gut gefiel wie gerade der Wastl.</p>
+
+<p>So oft auch einer sich dem Mädchen genähert hatte und mit ihr anbandeln
+wollte, sie hatte bis jetzt immer einen jeden abfahren lassen. Lachte
+die Burschen aus auf ihre übermütige Weise und ließ sich mit keinem ein.</p>
+
+<p>Der Wastl wußte es nie so recht, wie er eigentlich mit der Vef daran
+war. Tat er ihr schön, so gab sie ihm eine schnippische Rede, und wenn
+er sie dann einige Tage nicht beachtete, dann führte sie geschickt ein
+Gespräch mit ihm herbei und war fein und gefügig wie ein Lamberl. So
+daß der Wastl wieder dreister wurde und von Liebe sprach. Holte sich
+aber dann sofort wieder eine tüchtige Abfuhr von ihr.</p>
+
+<p>»Daß du di grad' nit schamst!« sagte das Mädel dann herrisch. »I sag'
+dir's do alleweil, was i denk. Oaner, der umadum nix ist und nix hat
+... den mag i nit. Und iatz erst recht nit, weil i wieder dös Unglück
+siech mit'n Regele.«</p>
+
+<p>Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht
+abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich
+recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich.
+Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine
+Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde
+er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen.</p>
+
+<p>Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> war trotzig und kam
+nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit.
+Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht
+gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr,
+und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer.</p>
+
+<p>Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam
+und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock
+war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die
+weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und
+beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung.</p>
+
+<p>Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone
+des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie
+Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte
+sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch
+nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied
+war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut.</p>
+
+<p>Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den
+demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen
+Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die
+der Vef so gut gefielen.</p>
+
+<p>Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg
+kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr
+heraus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in
+die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang,
+als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte,
+gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und
+einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen
+konnte.</p>
+
+<p>Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die
+vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor
+sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl
+vermutete.</p>
+
+<p>Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den
+Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte
+er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden
+führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von
+rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend,
+und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In
+wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an.</p>
+
+<p>Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie
+dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb
+(Streu) aus?«</p>
+
+<p>»I geh' aft schon!« sagte der Bursch, von ihrem kühlen Ton schon wieder
+abgeschreckt. »Hab' dir lei B'hüat Gott sagen wollen.«</p>
+
+<p>Die Vef reichte ihm die Hand hin. »Also, Pfiat<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Gott nachher und
+wohlaufleben!« sagte sie gleichgültig. Der Wastl hielt ihre Hand fest
+in der seinen.</p>
+
+<p>»Sag', Vef ...« bat er dann und senkte den Blick scheu zu Boden ...
+»aber sag' mir's auf Ehr' und G'wissen, wia's eigentlich steht. I halt'
+das einfach nimmer länger aus!« stieß er gequält hervor.</p>
+
+<p>»Was soll i dir sagen? Daß was steht?« frug die Vef resolut.</p>
+
+<p>»I moan ... i will sagen ...« stotterte der Wastl ... »du sollst mi nit
+a so schinden, Vef!« brach er los und fuhr sich mit der Hand über die
+heiße Stirn.</p>
+
+<p>»I?« heuchelte die Vef verwundert. »I schind' di ja nit. Bist wohl
+völlig ganz rapplig worden, moan i!« spottete sie dann.</p>
+
+<p>»Naa, no nit. Aber es könnt's oaner schon no werden mit dir!« sagte der
+Wastl kleinlaut.</p>
+
+<p>Das Mädchen tat, als verstünde sie ihn nicht, und schüttelte lachend
+den Kopf.</p>
+
+<p>»Jatz sag' mir grad' amal, was du eigentlich willst von mir!« befahl
+sie und entzog ihm mit kräftigem Ruck ihre Hand, die er noch immer
+festhielt.</p>
+
+<p>»Gern hab' i di ... Madel ...« preßte er gedrückt hervor und wischte
+sich mit dem Ärmel seines dunkelfärbigen Hemdes über die feuchte
+Stirne. »Gern ...«</p>
+
+<p>»Ja ... und von der Liab alloan wird man nit fett!« unterbrach sie ihn
+grausam.</p>
+
+<p>Da sah der Wastl auf und sein weher Blick aus seinen großen,
+ausdrucksvollen Augen traf sie ins<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Innerste. Etwas wie Mitleid regte
+sich in ihr und ließ sie sanfter werden.</p>
+
+<p>»Bist ja a dummer Bua ...« fügte sie leise hinzu. »Wia oaner nur a so
+dumm sein kann!«</p>
+
+<p>»Also, magst mi do a bissl, Vef?« frug der Wastl mit leiser Hoffnung.</p>
+
+<p>Die Vef schob die vollen Schultern gleichgültig in die Höhe.</p>
+
+<p>»Was nützet's aa, wenn i di möcht'?« frug sie zurück. »I hab' dir's ja
+oft und oft schon g'sagt. Zu nix Guten tat' das amal nit führen. Kannt'
+sein, daß es mir ging' wia 'n Regele!« Hart preßte sie den vollen,
+sinnlichen Mund zusammen und schaute dem Burschen ernst in die Augen.
+»'s ist besser a so, Wastl ...« sagte sie jetzt weich ... »Besser für
+mi und aa für di!«</p>
+
+<p>»Vef?« Der Wastl hielt jetzt beide Hände des Mädels umklammert. »'s
+hoaßt, du habst den Glöschl Hias abg'wiesen. Ist das wahr?«</p>
+
+<p>»Ja!« nickte sie. »I mag ihn nit.«</p>
+
+<p>»Und hätt' do a Güatl unten im Dorf ...« sagte der Wastl sinnend, und
+seine tiefe, volle Stimme klang weh und bitter. »Kann vier Küh' halten
+und an Ochsen ...« preßte er hervor.</p>
+
+<p>»Von mir aus!« sagte die Vef. »Von mir aus zwölfe! I mag'n nit!«</p>
+
+<p>Da leuchtete es in den Augen des Burschen auf.</p>
+
+<p>»Vef! Auf Ehr' und G'wissen! Hast an andern gern?«</p>
+
+<p>»Geht's di was an?« frug sie scharf zurück und<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> wollte sich gewaltsam
+von seinem festen Griff befreien. »Lass' mi ... du ...« gebot sie
+energisch.</p>
+
+<p>»Naa, Vef. No nit!« stieß der Wastl hervor. »I will die Wahrheit
+wissen!«</p>
+
+<p>»Und nachher?«</p>
+
+<p>»Nachher ...« Der Wastl schöpfte tief Atem. »Nachher ... nachher sag' i
+mein' Dienst auf und ...«</p>
+
+<p>»Und?«</p>
+
+<p>»Und geh' ins Tal außi, so weit i derkimm ... grad' fort von da, damit
+i di nit alleweil siech!« preßte er heiser hervor.</p>
+
+<p>»So!« Hart kam das Wort aus dem hübschen Mund des Mädels. »Aft gehst,
+bald es da nit aushalten kannst!« stieß sie zornig hervor und stampfte
+mit dem Fuß auf. »Lettfeig'n, elendige!«</p>
+
+<p>Ihr Zorn machte ihn kühner.</p>
+
+<p>»Aft ist's dir nit recht, Vef ...« jubelte er auf. »Aft soll i bleib'n
+...«</p>
+
+<p>»Geh'!« wiederholte sie ... »wenn di g'lustet. I brauch' di nit.«</p>
+
+<p>»Nit?« Zweifelnd sah er ihr in die Augen und wurde auf einmal ganz
+zuversichtlich ... »Schau, Vef ... wann du mi grad' a kloans ... kloans
+bissele gern haben könntest ... i moan, i wisset an Ausweg, daß wir
+zwoa do z'sammenkömmen taten!« sagte er bittend.</p>
+
+<p>»Möchtest amend gar aa auf Amerika ummi?« spöttelte sie schon wieder.</p>
+
+<p>Der Wastl schüttelte den Kopf. »Sell war' nix<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> für mi!« sagte er
+schwerfällig. »Könnt' mi nit entschließen dazu. I g'hör' in die Berg'
+und du aa ... Madel!« fügte er warm hinzu. »Hab' alleweil an Zweifel
+g'habt in die letzten Wochen, ob's di nit do amend ansiecht, dö Sach'
+... ob du ...«</p>
+
+<p>Die Vef ließ ihn nicht ausreden, sondern lachte ihm hellauf ins Gesicht.</p>
+
+<p>»A so a Tolm ... a narreter. Ich sag's do alleweil, daß i nit narrisch
+bin.«</p>
+
+<p>»Ah nit?« machte der Wastl erleichtert.</p>
+
+<p>»Naa. Aber schon gar nit. Hast mir iatz no a sölle Verrucktheit zu
+sagen? I muß iatz hoamgiahn!« sagte sie barsch.</p>
+
+<p>»Zu sag'n hatt' i freili no eppas ...« kam es langsam über die Lippen
+des Burschen. »Kann ja a Stückl mit dir giahn, wann's dir recht ist?«</p>
+
+<p>»Von mir aus.«</p>
+
+<p>So gingen die beiden jungen Leute die steile Berghalde hinunter dem
+Perlmoserhof zu, der drunten im Tälchen stand. Die sinkende Sonne
+leuchtete im feurigen Schein über die Bergspitzen der drei Hochtäler
+und übergoß die Gletscher mit ihrem rosenroten Licht.</p>
+
+<p>Da sprach der Wastl von dem Plan, den er in seinem schlichten Sinn
+ausgeheckt hatte. Und bei jedem Wort, das er sagte, wurde ihm leichter
+und freier ums Herz.</p>
+
+<p>»Siegst, Vef ... wann du mi wirklich gern haben könntest ... grad' a
+bissele ... i moan, i könnt's do machen, daß wir a Hoamatl kriagen
+taten, wir zwoa!« sagte er weich. »War' freilich nur a kloanwinzig's<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
+Gütl ... aber a Hoamatl war's döcht. Und siegst, Madl ...« fing er
+dann über eine Weile wieder zu reden an, da ihn die Vef mit keiner
+Silbe unterbrochen hatte ... »die Sach' ist a so. A Bruder von meiner
+Mutter's Vater, dersell', der Göd (Taufpate) zu mir g'standen ist ...
+der hat a Güatl. Ist an oanschichtig's Mannsbild und ist aa alm a
+bißl oanzoachet g'wesen. In der Gungl enten hat er's Güatl. Ganz weit
+hinten, wo man sich im Winter völlig nimmer halten kann vor lauter
+Schnee und Eis. Bist schon amal drein g'wesen in der Gungl, Vef?«</p>
+
+<p>»Naa.« Die Vef schüttelte verneinend den Kopf, und ihre stets lachenden
+blauen Augen bekamen einen ernsten, weichen Schimmer. »Einig'sechen
+hab' i wohl oft in die Gungl ...« sagte sie sinnend. »Man sieht ganz
+gut eini vom Alpl droben.«</p>
+
+<p>Der Wastl nickte. »Ja!« bestätigte er. »Aber in dö Gegend kannst nit
+sechen, wo's Güatl ist. Dös liegt no tiefer drein im Tal. Völlig in a
+Schlucht ist's drein, und wia auf der Alm schaut's dir aus da drinnen!«
+berichtete er weiter.</p>
+
+<p>»Dös machet nix!« kam es leise über die Lippen des Mädchens.</p>
+
+<p>»Gelt, nit?« frohlockte der Bursch und faßte nach der Hand des Mädels.
+»Gelt, a Hoamatl war's döcht?«</p>
+
+<p>Ernst sah das Mädchen vor sich hin.</p>
+
+<p>»Moanst, er übergibt's ... dei' Göd?«</p>
+
+<p>»Wann i zu ihm geh' und 's ihm derklär' und sagen könnt', wia's steht
+zwischen uns zwoa ... könnt'<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> sein, daß er's tat'!« meinte er langsam
+und schwerfällig. »Und i wollt' arbeiten und schaffen, und nix war' mir
+zu viel von der Fruah bis spat. Wann i di nur hätt', Vef!« versprach er
+schlicht und innig.</p>
+
+<p>Nun gingen die beiden ein großes Stück des Weges bergab, und keines
+sagte ein Wort. Unten sah man schon die grünen Wiesen des Tälchens
+liegen und den schwarzgrünen Fichtenwald, der es fast wie ein Kranz
+umsäumte. Hand in Hand gingen sie, und es geschah zum ersten Mal, daß
+die Vef den Druck des Burschen warm erwiderte.</p>
+
+<p>»Wann i amal wissen tat, wohin i g'höret, aft hatt' i nix dagegen ...«
+brach das Mädel dann das Schweigen. »Wann's aa no so kloan war' 's
+Hoamatl ...«</p>
+
+<p>Da konnte sich der Wastl nimmer halten. Ganz wild war er vor lauter
+Freude.</p>
+
+<p>»Also, hast mi do gern, Madel?« Er schrie die Frage jubelnd heraus, so
+daß das Echo von den Felswänden des Berges widerklang.</p>
+
+<p>»Freilich hab' i di gern!« lachte die Vef jetzt und zeigte ihre weißen
+Perlenzähne. »Moanst, i hätt' sonst den Glöschl Hias abg'wiesen? Ist ja
+a feiner Mensch her.«</p>
+
+<p>»Aber i bin dir der lieber, ha?« Der Wastl wartete die Antwort gar
+nicht erst ab. Schaute in die strahlenden Augen des Mädels, die innig
+und verheißungsvoll aufleuchteten.</p>
+
+<p>»Madel ... Madel ...« stieß er hervor und zog sie kräftig in seine
+jungen, starken Arme und küßte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>Freilich, der Korb, den sie am Rücken trug, bildete ein großes
+Hindernis für seine stürmischen Gefühle. Der mußte fort. Die Vef war
+damit einverstanden, daß er ihr den Korb vom Rücken nahm und im weiten
+Bogen gegen das Tälchen hinabwarf. War mit einem Male ganz gefügig, die
+Vef, und duldete es sogar, daß der Wastl sie ganz gehörig abbusselte.
+Sie setzte sich sogar zu ihm hin ins Gras und schmiegte sich fest und
+weich in seinen Arm.</p>
+
+<p>»Hab' di ja alleweil gern g'habt, du Bua, du deppeter! Grad' verstanden
+hast mi nit!« gestand sie ihm dann. »Und daß i dir's glei' sag'. Es
+bleibt beim busseln ... verstehst mi? Bis wir verheirat' sein und dei'
+Göd übergeb'n hat. Jetzt weißt es.«</p>
+
+<p>Ganz resolut war sie nun wieder und so ernst, daß sich der Wastl nimmer
+getraute, ihr noch ein Bussel zu geben. Da lachte ihn das Mädel mit
+ihren strahlenden blauen, übermütigen Augen an. Schlang ihren vollen,
+weichen Arm um seinen Hals und preßte ihren Mund innig und heiß auf den
+seinen.</p>
+
+<p>»I bin ja so froh, wenn i di kriag ... Wastl ... so froh ...« flüsterte
+sie.</p>
+
+<p>Und lange ... lange saßen die zwei jungen Menschenkinder im Abenddämmer
+und hielten sich fest umschlungen. Bis dann die Mondsichel silbern am
+Firmament stand und weißer Nebeldunst vom Tal herauf zu den Bergen
+stieg. Da erst trennten sie sich, die Vef und ihr Wastl.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p>
+
+<h2>Sechstes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>War das ein jauchzendes Glück in dem kleinen Berghöfl in der Gungl!
+Drei Jahre hausten sie nun schon da, der Wastl und die Vef und
+zwei kleine halbnackte Kinderchen strampelten in der engen Stube,
+quietschten vergnügt und gaben der Vef alle Hände voll zu tun.</p>
+
+<p>Glückselig lachte die Vef und sang und schmetterte ihre Lieder hinaus
+in die Alpenwelt. Sie schaffte und arbeitete und küßte dann wieder die
+kleinen nudeldicken, blonden Buben. Und jeder Tag erschien ihr zu kurz
+für das große Glück, das sie genoß. So schön war's auf der Welt und so
+herrlich hier hinten im Tal und in dem engen Hüttl, das ihre Heimat
+geworden war.</p>
+
+<p>Der Wastl arbeitete wie ein Ackergaul für Weib und Kinder und hatte
+keinen anderen Gedanken wie sein junges Weib. Und hohe Zeit war es nun
+wieder, daß das zweite Kindl aus der alten, wurmstichigen Holzwiege
+kam; denn das dritte hatte schon seine Ankunft angekündigt, und wenn's
+mit der Verliebtheit dieser beiden jungen Leute so weiter ging, dann
+konnte das kleine Hüttl bald nicht mehr den reichen Kindersegen fassen.</p>
+
+<p>Sie hatten noch etliche Jahre aufeinander warten müssen, die Vef und
+der Wastl. Sie seien noch zu<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> jung zum heiraten, hatte die Gemeinde
+erklärt; denn so junge unerfahrene Menschen läßt man nicht heiraten.
+Die hausten meistens schlecht, brächten ihr Besitztum herunter und
+fielen dann der Gemeinde zur Last.</p>
+
+<p>Das konnte man nicht dulden, und deshalb mußte die Liebe der beiden
+noch ein wenig gebändigt werden. Bis der Wastl mündig geworden war ...
+dann erst übergab ihm der Göd das Gütl und ging in den Austrag.</p>
+
+<p>Es hatte viel Überreden gebraucht, bis sich der alte Mann dazu
+verstand. Aber schließlich, alt war er ja genug und auch nimmer ganz
+fest mit'n G'sund. Der Winter war hart, rauh und lang in der Gungl
+drinnen, und wenn man da jemand bei sich hatte, der einem ein bissl
+Arbeit abnahm und auch ein bissl auf einen schaute, so wäre das gerade
+ja auch nicht zu verachten, dachte er schließlich bei sich. Aber bis so
+ein Bauer die Herrschaft über sein Reich ... und wenn es auch noch so
+klein und unansehnlich ist ... aufgibt, braucht's einen gar gewaltigen
+Entschluß.</p>
+
+<p>Als der Wastl das erste Mal zu dem Göd kam, um ihm sein Anliegen
+vorzutragen, hatte er nur geringen Erfolg.</p>
+
+<p>Der Göd war ein großer, hagerer Mann. Schier Haut und Knochen war
+der Alte und gemahnte an einen starken Baum im Hochwald, dessen Mark
+verdorrt war. Aber die Knochen waren stark und die Adern straff wie
+Stricke. Sein Gang war steif, denn die Beine wollten sich nicht mehr
+recht in den Gelenken<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> abbiegen. Der Rücken senkte sich leicht nach
+vorne, aber der Göd hielt ihn mit aller Kraft aufrecht.</p>
+
+<p>Er ließ sich nicht so leicht unterkriegen von der Last der Jahre, der
+alte Mann! Eisgrau war der Kopf, schmal und knochig, und eine gewaltige
+Adlernase ragte kühn aus dem scharfgefurchten, bartlosen Gesicht.</p>
+
+<p>Die kleinen hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sahen aber scharf
+wie die Augen eines Adlers. Und mit diesen scharfen Augen schaute der
+Alte jetzt streng und abweisend auf den Wastl, der bittend zu ihm
+gekommen war.</p>
+
+<p>»Kannst nit warten, Bua ... bis i hin bin?« frug er mit seiner heiseren
+Stimme, die davon zeugte, daß der Göd mit 'm G'sund nit ganz richtig
+war. »Aft kriagst alles. Bist ja mei' Godlkind!« fügte er hinzu.</p>
+
+<p>Der Wastl zog den Kopf ein und schaute gedrückt zu Boden.</p>
+
+<p>»Dös kann aa no zwanz'g Jahr' sein!« meinte er. »Und 's Madl ...«</p>
+
+<p>»Mei! 's Madl!« machte der Alte verächtlich. »'s Madl! Dös heirat' halt
+derweil an andern.«</p>
+
+<p>»Dös soll sie aber nit!« brach der Wastl leidenschaftlich aus. »Dös
+derleid' i nit.«</p>
+
+<p>Der Alte im derben, schäbiggrauen Lodenrock mit den plumpen,
+bodenscheuen Hosen und unförmlichen Holzschuhen, saß eine Weile
+beobachtend neben dem Burschen auf der Ofenbank der kleinen Stube. Die<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span>
+flache Hand stützte er schwer auf die Bank, weil ihm das Aufrechtsitzen
+hart ankam. Den grünlich schwarzen, spitzen Filzhut hatte er fast bis
+über die Augen gerückt, und das rote Halstüchl, das er lose um den
+dürren, adrigen Hals geschlungen trug, schien ihm auf einmal viel zu
+eng zu werden. Sein zahnloser Mund mit den farblosen Lippen zitterte
+leicht und unaufhörlich.</p>
+
+<p>»Dös derleidest nit!« wiederholte der Göd über eine Weile und machte
+sich an seinem Halstüchl zu schaffen. »Dös derleidest nit!« brummte er
+ein paarmal leise vor sich hin. »Ah a so! Wohl nit!« machte er dann
+nachdenklich.</p>
+
+<p>»Naa.«</p>
+
+<p>Langsam und bedächtig nickte der Alte mit dem zittrigen Kopfe. Dann
+meinte er schwerfällig: »Unseroans hat aa manches nit derlitten.
+Unseroans! 's ist aber aft do aa gangen. Guat ist's gangen. Recht
+guat!« wiederholte er.</p>
+
+<p>»Göd!« Gequält sah der Bursch dem Alten in die Augen, die ihn mit einem
+Male hart und grausam dünkten. »Seid's iatz an alter Mann, Göd! Und
+könnt's Euch leicht nimmer vorstellen, was a junger empfindet. Wenn oan
+a Madel alles ist auf der Welt. Himmel und Herrgott und ...«</p>
+
+<p>Da hob der alte Mann den Zeigefinger seiner knochigen rechten Hand
+warnend in die Höhe. So steif und ungelenk war der und zitterte
+bedenklich.</p>
+
+<p>»Tua nit freveln, Bua!« warnte er. »Der Herrgott ist mehrar wia a Weib!
+Tua nit freveln! Nit<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> freveln!« wiederholte er mit seiner heiseren
+Stimme. Aber dann gab er doch wenigstens seine Einwilligung, daß der
+Wastl die Vef zu ihm bringen durfte.</p>
+
+<p>»Magst sie schon bringen, dei' Madl ...« meinte er, etwas weicher
+gestimmt. »Anschaug'n kann i sie ja. Aber das sell sag' i dir glei'
+... deswegen übergib i no lang nit. Und wann sie aa no a so a schian's
+Fötzl hermacht. Dassell rührt mi nit, sag' i dir. Schon gar nit!« ...</p>
+
+<p>Es hat ihn aber dann doch umgestimmt, den Göd, als er die ehrliche
+und fast kindliche Freude des Mädels über das Hoamatl sah. Völlig
+gerührt war der alte Mann geworden, weil die Vef alles so schön fand
+und die Gegend so lobte. Da wurde ihm der Blick feucht, und die Stimme
+zitterte, und der zahnlose Mund zog sich noch mehr in die Breite und
+wurde zum freundlichen Grinsen.</p>
+
+<p>»Ah a so!« machte er. »Schian dunkt's di da, Madel! Wohl schian? Ist
+freili schian. Freilich! Wann's aa nit extra groß ist. Zwoa Goaß und a
+Kuah! Ist wohl epper z'wenig für enk zwoa, ha?«</p>
+
+<p>Die Vef schüttelte den Kopf und lachte wie immer ihr strahlendes
+lustiges Lachen.</p>
+
+<p>»Ah sell tut's leicht!« meinte sie sehr zufrieden. »Und halten wollt'
+i Enk, Göd ... wie mein' eigenen Vater!« sagte sie warm und nahm die
+blutleere kalte Hand des Alten in ihre warme Hand. »Sollt's es recht
+... recht fein haben bei uns!« versprach sie.</p>
+
+<p>Der Alte blinzelte mit seinen kleinen Augen, die so tief in ihren
+Höhlen lagen, erst auf den Wastl und<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> dann auf die Vef, die vor ihm in
+der Stube standen. Dann zog er die scharfe Adlernase ein paarmal in die
+Höhe, als müsse er durch sie eine höhere Erleuchtung einschnuppern.</p>
+
+<p>»Ist a toll's Mensch her ... dei' Madl!« lobte er dann befriedigt.
+»Und aa a schian's Mensch her. Kannst a Freud' hab'n dermit. A recht a
+saubers Mensch, dei' Vef!« murmelte er zufrieden vor sich hin. »Kann aa
+ordentlich zugreifen bei der Arbeit ...« überlegte er. »Sölle Arm' wia
+die dir herhat ... recht an ordentlich's Weibets, kam' mir amal für!«
+nickte er immer wieder vor sich hin.</p>
+
+<p>Damit war die Sache eigentlich gewonnen, und sie hatten nur mehr auf
+die Gemeindebewilligung zu warten. Die ließ dann freilich noch ein
+paar Jahre auf sich warten, und der alte Mann in der Gungl, der immer
+gebrechlicher und kränker wurde, drängte schließlich selber zu der
+Heirat und konnte es kaum mehr erwarten, bis das junge Paar in seine
+Hütte einzog.</p>
+
+<p>Ein kleines, enges Reich war das Gütl vom Göd. Die Heimat vom Regele
+war im Vergleich ein großer Holzpalast.</p>
+
+<p>Der Göd war in eine kleine Kammer neben der Stube gezogen. In der Stube
+selbst schliefen die jungen Leute mit ihren Kindern, und in der Küche
+wohnten sie zum großen Teil.</p>
+
+<p>Da wiegte die Vef ihr jüngstes Kind und herzte ihren Erstgeborenen im
+seligen Glück. Und innig und dankbar genoß sie die Liebe ihres Mannes,
+der ihr wie ein treuer Knecht ergeben war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
+
+<p>Das Regiment im Haus aber hatte die Vef inne. Das war nun schon einmal
+so. Auch der Alte fügte sich ihr gerne, brummte darüber und schmunzelte
+dazu. War nicht mehr zu viel nutz auf der Welt, der alte Mann. Saß
+fast den ganzen Tag steif und zittrig in der rauchgeschwärzten kleinen
+Kuchel auf der Bank neben dem offenen Herd und wärmte sich. Blinzelte
+in die Luft und brummte unverständliche Laute vor sich hin ...</p>
+
+<p>Und wieder war's Sommer geworden in der Gungl. Die Vef hatte den Göd
+mit der Aufsicht ihrer Kinder betraut und ging hinaus auf die Mahd,
+ihrem Mann zu helfen. Der trug auf hochbeladener Kraxe das Heu in den
+Stadel ein, und die Last war so schwer, daß der junge starke Körper bei
+jedem Schritt zitterte und die Brust keuchte.</p>
+
+<p>Von steiler Halde trug er das Heu, und langsam und vorsichtig, aber
+sicher setzte er die nackten Füße auf den schlüpfrigen Boden. Ein
+Fehltritt nur, und der Wastl wäre ausgerutscht, hätte sich, da er
+nirgends einen Halt hätte finden können, überkugeln müssen und wäre
+abgestürzt.</p>
+
+<p>Ein mühsam schweres Ernten war das hier hinten in der Gungl. Zu
+Lasttieren wurden die Menschen, und im mühseligen, nimmer rastenden
+Fleiß mußten sie dem spröden Erdreich schier jede Kartoffel abringen.</p>
+
+<p>Die Felswände, mit langen Gräsern bewachsen, die wie Schleier
+darüberfielen, ragten glatt und mächtig oberhalb der Mahd zum steilen
+Berg empor. Hie und<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> da hatte auf brüchigem Felsvorsprung ein Strauch
+oder Bäumchen sich eingenistet, und seine Wurzel gedieh und sog an dem
+spärlichen Erdreich, das ihm hier Nahrung bot.</p>
+
+<p>Im engen Tal brauste der Bach. Wild und ungebärdig. Haushohe Felsblöcke
+lagen darin und hielten den Wellen Widerpart. Das brodelte und schäumte
+und bäumte sich auf in wildem Grimm, formte sich zum Kessel und
+spritzte in weißem Gischt zornig empor.</p>
+
+<p>Große und kleinere Felsblöcke lagen auch verstreut in den grasigen
+Halden und in unmittelbarer Nähe der Hütte. Ein windschiefer Zaun
+grenzte das kleine Besitztum ab und machte es als Anwesen kenntlich.</p>
+
+<p>Sogar eine kleine Gasse führte hier vorbei. Die war so steil und
+steinig, daß nur die abgehärteten Füße dieser Bergmenschen ohne
+Schmerzen sie gehen konnten. Dieser steinige Weg führte tiefer ins Tal
+hinein, bis zu dem Rand des Gletschers. Almen lagen da drinnen, auf
+denen zur Sommerszeit das Vieh aufgetrieben wurde.</p>
+
+<p>Die Vef hatte ein hellfärbiges Tüchl schützend gegen den Sonnenbrand
+über den Kopf gebunden, die Ärmel ihrer dunklen Jacke weit
+zurückgeschoben und den Rock vorne hochgeschürzt. So stand sie auf der
+Mahd und zog mit dem Rechen das Heu zu einem Haufen zusammen.</p>
+
+<p>Ziemlich hoch oben auf der Halde arbeitete sie, dort wo die Felswände
+anfingen und die Luft schwer zu drücken schien durch die Macht der
+emporragenden<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Wände. Der Wastl trug gerade wieder seine gefährliche
+Heulast zum Stadel herab, der knapp hinter seinem Häusl stand.</p>
+
+<p>Im Gassl unten trieb ein Mann etliche Schweine vorbei. »Tschöh ...
+tschöh ... tschöh ...« lockte er; denn die Tiere, eigenwillig wie sie
+nun einmal sind, wollten nicht vorbei an der Hütte. Offenbar witterten
+sie gutes Futter in der Nähe und wünschten Einkehr hier zu halten.</p>
+
+<p>»Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte der Mann, und ungeduldig
+hieb er mit seinem Stock auf die Schweine ein, daß sie grunzend und
+schreiend vorwärts liefen.</p>
+
+<p>Die Vef hielt mit der Arbeit inne und schaute von ihrer Höhe aus
+neugierig zu dem Wanderer herab, der sich kleinwinzig ausnahm. Sie
+hielt die Hand vor die Augen, um besser zu unterscheiden, wer der
+Wanderer sei.</p>
+
+<p>»Weit aus?« rief sie ihm mit ihrer weittragenden vollen Stimme zu.</p>
+
+<p>»Nimmer gar weit!« rief er zurück.</p>
+
+<p>An dem Klang der Stimme erkannte sie ihn.</p>
+
+<p>»Jessas! Der Stanis!« rief sie freudig herunter. »Grüß di Gott, Stanis!«</p>
+
+<p>Und dann warf sie den Rechen beiseite und kam, so schnell sie es
+vermochte, über die Halde heruntergelaufen, um den alten Bekannten vom
+Alpl zu begrüßen.</p>
+
+<p>»Muaßt schon einer giahn, Stanis ...« lud sie ihn ein. »A Maulvoll
+Milch kosten und a Brot und an<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Butter essen. Hab' erst heut' in der
+Fruah frisch gekübelt!« erzählte sie.</p>
+
+<p>»Ja ... und meine Facken?« wies der Stanis ärgerlich mit dem Stock auf
+die Schweine, die schon wieder ihren eigenwilligen Weg laufen wollten.</p>
+
+<p>»Dö locken wir einer da und geben ihnen an Trank. Wart', i hilf dir!«
+Und resolut wie sie war, half sie dem Stanis die Schweine in den Stall
+treiben.</p>
+
+<p>»Schlagt dir guat an, die Gungl!« neckte der Stanis, als er in der
+Küche beim Tische saß und aus der hölzernen Milchschüssel trank.
+»Ausgezeichnet!« Vom Fuß bis zum Kopf musterte er sie dreist und
+frech. »Hast no mehra sölle Fratzen?« meinte er dann, auf die beiden
+Kinderchen deutend.</p>
+
+<p>»Bis iatz grad lei dö zwoa!« sagte die Vef und hielt dem Stanis voll
+Stolz das nackte dicke Bübl entgegen, damit er es gebührend bewundern
+solle.</p>
+
+<p>»Wia alt bist aft'n du?« frug der Stanis und beugte sich zu dem
+größeren Kinde, das nur mit dem färbigen Hemdchen bekleidet am Boden
+saß.</p>
+
+<p>»Der? Der ist zwoa Jahr auf Martini und der kloane acht Monat. Aber
+so viel a braver! So viel a braver Bua!« lobte sie und putzte das
+kleine Stumpfnäschen mit ihrer Schürze. »Gelt, Ahndl, brav ist er, der
+Luisele?«</p>
+
+<p>Der Alte auf der Herdbank, im Lodenrock und mit dem Hut am Kopf,
+brummte mit seinem zittrigen, zahnlosen Mund unverständlich vor sich
+hin. Die Vef war aber ganz zufrieden mit dem, was sie für<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> eine Antwort
+hielt. Gleich wandte sie sich wieder dem Stanis zu. »Gelt, und toll ist
+er?« frug sie voll Mutterstolz.</p>
+
+<p>»Was geiht's aft eppar iatz ab? Zwilling?« frug der Stanis boshaft.</p>
+
+<p>»Von mir aus aa. Je mehr Kinder, desto liaber!« lachte die Vef.</p>
+
+<p>Da mußte der Stanis laut herauslachen über das ehrliche Geständnis.</p>
+
+<p>»Wo hast aft dein' Alten, den Wastl?«</p>
+
+<p>»Werd' glei kömmen.« Sie öffnete die Türe und rief mit ihrer schönen
+dunkeln Stimme den Namen ihres Mannes.</p>
+
+<p>»Wastl! Einer giahn! Der Stanis ist da!«</p>
+
+<p>Es dauerte eine Weile, bis der Wastl kam. Der Stanis aber erzählte
+indes, was sich in der Heimat draußen in der letzten Zeit ereignet
+hatte.</p>
+
+<p>»Der Kramer Veit ist wieder kömmen!« berichtete er nach einer kleineren
+Pause.</p>
+
+<p>»Ah wohl!« machte die Vef interessiert und setzte sich mit dem jüngsten
+Kind am Schoß zu dem Stanis auf die Bank hin, während das größere auf
+allen Vieren am Boden herumkroch. »Wohl wieder kömmen?« frug sie. »Hat
+er was verzählt vom Regele und vom Florl? Sein's iatz verheirat' ... dö
+zwoa?« forschte sie neugierig.</p>
+
+<p>»Freilich verheiratet. Sein aa mitkömmen dö zwoa!« berichtete der
+Stanis und schnitt sich mit seinem großen Taschenmesser ein gewaltiges
+Stück Brot ab, das er dann fingerdick mit Butter bestrich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<p>»Was du nit sagst? Da sein's?« verwunderte sich die Vef.</p>
+
+<p>Da kam der Wastl zur Stubentür herein und mußte sich tief bücken, damit
+er nicht an den Balken anstieß. »Grüaß di Gott, Stanis!«</p>
+
+<p>»Grüaß Gott aa!«</p>
+
+<p>Er sah gealtert aus, der Wastl, mitgenommen von der harten Arbeit, und
+tiefe Furchen hatten sich vorzeitig in dem jungen, wetterharten Gesicht
+eingegraben.</p>
+
+<p>»Horch, Wastl, was der Stanis verzählt!« rief die Vef wichtig. »Der
+Florl und 's Regele sein hoamkömmen mit'n Kramer Veit.«</p>
+
+<p>»Wohl kömmen? Ah so!« sagte der Wastl und setzte sich aufatmend neben
+sein Weib. Sein Gesicht war noch aufgedunsen und hochrot von der
+schweren Arbeit, und dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn und
+machten das hereinhängende schwarze Haar feucht glänzen. »Was machen's
+nacher, dö zwoa?« erkundigte sich der Wastl ziemlich gleichgültig.</p>
+
+<p>»Faulenzen tian's!« sagte der Stanis scharf. »Und nobel sein dir dö
+zwoa g'worden! Am hellichten Werktag laufen's im Sonntagsg'wand umadum!«</p>
+
+<p>»Haben's Kinder?« forschte die Vef interessiert.</p>
+
+<p>»Naa. Haben koane.«</p>
+
+<p>»Nit?« meinte sie verwundert und drückte ihr kleines Bübl, das vor
+Wonne krähte und sie aus hellen runden Augen anlachte, innig an ihre
+volle Brust. »Koane Kinder?«</p>
+
+<p>»Aber dös oane ... dös Büabl ... dös hat die Notburg no alleweil?« frug
+der Wastl.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>»Dös hat die Notburg no alleweil!« bestätigte der Stanis. »Laßt's aa
+nit her, die Notburg, und recht hat sie!« erzählte er weiter. »Söllene
+zwoa, wie dir dö sein!« sagte er verächtlich und kaute laut schmatzend
+sein Butterbrot.</p>
+
+<p>»Ja ... und haben's aft döcht a Geld verdient mit der Singerei?« frug
+die Vef weiter.</p>
+
+<p>»Freilich! A woltern a Geld haben's verdient, sagt der Kramer Veit.
+Söllene zwoa, wie dir dö sein!« entrüstete er sich weiter. »Wöllen iatz
+no a paar Madeln und Buab'n mitlocken zu dera Singerei Aber dem Kramer
+Veit ist die Sach' nit ganz g'recht. Er tu' da nimmer mit, hat er
+erklärt.« Verächtlich spuckte der Stanis im weiten Bogen zur Seite.</p>
+
+<p>»Dös sell glab' i schon!« meinte der Wastl schwerfällig, äußerte sich
+aber in keiner Weise, wieso er zu dieser Ansicht kam.</p>
+
+<p>»Ja, und was sagt aft der Söllerbauer dazu?« frug die Vef interessiert.</p>
+
+<p>»Nix'n sagt er. Was soll er aa sag'n? Aber dei' Vater larmt dir anders,
+Vef!«</p>
+
+<p>»Mei' Vater?«</p>
+
+<p>»Freili ... dei' Vater.«</p>
+
+<p>»Ja ... z'wegen was denn?« frug die Vef betroffen. »Was geht denn dös
+mein' Vater an?«</p>
+
+<p>»Wann die Rosina aa mittuan will, bei dera Singerei.«</p>
+
+<p>»Dö Rosina?« Die Vef war aufgesprungen und legte den Säugling achtlos
+in die Wiege hinein. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften. War
+ein<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> stattlich schönes Weib geworden, die Vef, trotz der ärmlichen
+Kleidung und trotz des Kindersegens. »Jatz bin i's do nimmer! Die
+Rosina? Ja ... was sagst aft iatz du, Wastl?« frug sie ihren Mann
+scharf, als ob dieser Schuld an der Sache trüge.</p>
+
+<p>»Nix sag' i. Soll halt giahn, wenn sie's g'lustet.«</p>
+
+<p>»Kimmst du bald amal zur Rosina, Stanis?« erkundigte sich die Vef.</p>
+
+<p>»Kann leicht sein.«</p>
+
+<p>»Sag' ... sie soll einer giahn zu mir in die Gungl. Lang dauert's ja
+do nimmer, bis das Kloane kommt, und da mag sie mir auswarten. Und dö
+Flausen, dö treib' i ihr aft aus, dös woaß i!« erklärte das junge Weib
+resolut ...</p>
+
+<p>Die Rosina hat sich aber bei der Vef nicht blicken lassen. Die Julie
+war statt ihrer gekommen zum Auswarten, und der Florl und das Regele
+waren auch mitgekommen, um die alten Freunde aufzusuchen.</p>
+
+<p>Die Vef und der Wastl rissen da freilich beide Augen auf, als sie das
+Regele und den Florl wiedersahen. So verändert, wie die waren, und
+kamen ihnen so fremd vor, daß sich der Wastl und auch die Vef anfangs
+wirklich hart taten mit reden.</p>
+
+<p>Das Regele tat ganz besonders geziert und redete eine Sprache, wie man
+sie in dieser Gegend herum nicht gewohnt war. Und fein angezogen war
+sie! Hatte ein schwarzsamtenes Miederleibchen und ein helles Seidentuch
+darein gesteckt, und ihr Hals guckte blühweiß und schlank daraus
+hervor. Eine große<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> goldene Brosche hielt das Tüchl ziemlich tief am
+Halsausschnitt zusammen, und in den zierlichen Ohren hatte sie ein Paar
+goldene Ohrgehänge, die viel zu lang und schwer waren für die feinen
+Läppchen und sie unnatürlich in die Länge zogen.</p>
+
+<p>Aber dem Regele schienen die schweren Ohrringe ganz besonders gut zu
+gefallen; denn sie drehte und wendete das feine Köpfchen nach allen
+Seiten, um sie ja recht zur Geltung zu bringen. Wie ein kokettes
+verliebtes Kanarienvogerl war sie und lachte lieb und zutraulich, wenn
+sie mit dem Wastl sprach. Und wenn sie mit der Vef sprach, dann war
+es, als ob ein ganz klein wenig Herablassung in ihrem Blick läge. Und
+eine helle Seidenschürze hatte das Regele, die so kostbar war wie jene,
+welche die reichen Bäurinnen nur an den allerhöchsten Festtagen zu
+tragen pflegten.</p>
+
+<p>Die Vef konnte sich im Anfang gar nicht satt sehen an dem Regele. So
+gut gefiel sie ihr. So fein und nobel wie sie aussah und so hübsch und
+jung dabei. Wie ein junges Dirndl von zwanzig Jahren war das Regele und
+sah gar nicht aus wie eine verheiratete Frau.</p>
+
+<p>Der Florl erzählte lachend, wie man das Regele draußen in der Welt
+immer für ein Fräulein halte, und wie es kein Mensch wisse, daß das
+bildhübsche Tiroler Mädel seine rechtlich angetraute Gattin sei.</p>
+
+<p>»Fräulein Regina sagen die Leut' zu mein' Grispele!« lachte der Florl
+überlaut, und es klang doch etwas erzwungen, wenn man mit feinem
+fühlendem<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Ohr zu hören verstand. Wenigstens erschien das dem Wastl
+so, der, die Arme auf die Knie gelegt, vornüber geneigt dasaß und
+aufmerksam zuhorchte.</p>
+
+<p>»Und Verehrer hat dir die ...« prahlte der Florl weiter und legte
+seinen Arm um die zierliche Figur der kleinen Frau ... »könnt' eins
+völlig eifersüchtig werden, wie dö fremden Mannderleut' damit tun ...«
+meinte er.</p>
+
+<p>Die Vef schlug die vollen Arme über den Kopf zusammen.</p>
+
+<p>»Und dös derlabst du, Florl?« frug sie voll Verwunderung. »Und bist nit
+amal eifersüchtig?«</p>
+
+<p>Hellauf lachte da der Florl und zog das Regele eng an sich. »Ist ja do
+<em class="gesperrt">mei'</em> Weibl!« sagte er stolz. »Und g'hört koan als mir alloan.
+Und dös andere, dös g'hört mit zum G'schäft!« erklärte er.</p>
+
+<p>»Was g'hört mit zum G'schäft?« frug da der Wastl auf seine
+schwerfällige Art und runzelte bedenklich die Stirn. »Wann i mei' Weib
+...«</p>
+
+<p>»Bua, das verstehst du nit!« erklärte ihm der Florl mit herablassender
+Miene. »Dös ist dir ganz an andere Sach' und nit a so wie bei uns
+herinnen. Siehst, wann sich so a frisches Tiroler Dirndl hinstellt
+und zu jodeln anfangt, dann ist's aa jedesmal, als ob ihr alle Herzen
+zufliegen taten. Aber das Jodeln und schian singen allein tut's nit.
+Kannst mir's glauben. Da muß aa a bißl a Aufmachung dabei sein. Eppas
+fürs Aug'. Und zu der Aufmachung g'hört's aa, daß wir's nit an jeden
+auf die Nas'n binden, daß wir verheirat' sein. A ledig's<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> Dirndl wirkt
+besser als wie a verheirat's Weib. Kannst mir glauben.«</p>
+
+<p>Selbstbewußt und energisch hatte der Florl gesprochen, und die Vef
+und der Wastl hatten ihm in lautloser Stille zugehört. Sie saßen
+in der düstern Küche am Tisch und bewirteten ihre Gäste mit Milch
+und Butterbrot. Am Boden rutschte das älteste Bübl in seinem grauen
+Flanellhemdchen, und das jüngste strampelte in der Wiege und schrie
+gebieterisch nach der Mutter.</p>
+
+<p>Die Vef eilte zu ihm und nahm es auf ihren Schoß. Der Göd saß auf der
+Herdbank, den Hut am Kopf und wie immer in seinem grauen, abgetragenen
+Lodenrock mit den schwarzen Samtaufschlägen an den Ärmeln, und murmelte
+leise und unverständlich vor sich hin und bezeigte keinerlei Interesse
+an den fremden Besuchern.</p>
+
+<p>Die Julie hatte sich schon heimisch gemacht; denn sie sollte ja nun
+etliche Wochen bei der Schwester bleiben. Sie hatte das Werktagsgewand
+angezogen und versuchte nun eine kleine freundschaftliche Annäherung
+mit dem kleinen blonden Buben am Fußboden herbeizuführen. Der wich ihr
+aber standhaft aus, rutschte so weit er konnte von ihr weg und zu dem
+Alten hinüber, der auf der Herdbank saß.</p>
+
+<p>Von da aus betrachtete er die Julie neugierig, aber mit ausgesprochenem
+Mißtrauen; und als die Julie ihre Annäherungsversuche so weit trieb,
+daß sie den Kleinen auf ihren Arm nahm, da brüllte der Wicht<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> ganz
+ungebärdig und wollte sich gar nicht mehr beruhigen lassen.</p>
+
+<p>Erst als die Vef den Buben nahm und ihn mit einem tüchtigen Klaps
+dem Wastl aufs Knie setzte, hörte er zu schreien auf. Er sah aber
+unausgesetzt und mit zornigem Gesichtchen zu der neuen Tante hinüber,
+stets bereit, bei dem geringsten Annäherungsversuch von ihrer Seite in
+ein erneutes Gebrüll auszubrechen.</p>
+
+<p>»Der hat a Stimm'!« meinte der Florl anerkennend, und das Regele
+schnitt ein so wehleidiges und zimperliches Gesicht, daß man es ihr
+wohl anmerken konnte, wie unleidlich und zuwider ihr Kindergeschrei
+geworden war.</p>
+
+<p>»Gibt amal an guten Sänger ab ... mit der Lungl!« erklärte der Florl
+mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p>»Möchtest ihn leicht mitnehmen auf deine Reisen?« lachte die Vef und
+schaukelte ihren Jüngsten unaufhörlich im Arm hin und her.</p>
+
+<p>»Den? Naa. Der ist mir no zu jung!« sagte der Florl lachend. »Aber enk
+zwoa, di und den Wastl! Enk könnt' i gut brauchen.«</p>
+
+<p>Dem Wastl war, seit der Florl und die Regina zu Besuch hier weilten,
+etwas beklommen zumute. Er wußte nicht recht, was es war, aber es
+freute ihn durchaus nicht, daß die beiden zu ihnen gekommen waren. Er
+fühlte: diese beiden paßten nicht mehr zu ihnen und auch nicht mehr in
+die Einsamkeit dieser Berge.</p>
+
+<p>Aus dem Florl war ein Herr geworden. Ein viel<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> feinerer Herr wie aus
+dem Kramer Veit, der sich trotz jahrelanger Abwesenheit von der Heimat
+in Sprache und Art doch immer gleichgeblieben war. Der Florl aber fand
+nicht mehr den richtigen Ton, wenn er mit seinen Landsleuten sprach. Es
+war etwas Fremdes in seinem Wesen, etwas, das sowohl den Wastl wie auch
+die Vef von ihm abstieß.</p>
+
+<p>Ein selbstbewußter und selbstsicherer Mann war der Florl geworden. Die
+elastische, biegsame Figur von ehedem hatte er eingebüßt, war voll und
+breitschultrig geworden, und die Tracht der Heimat, die er trug, paßte
+so wenig zu ihm, daß es aussah wie eine Verkleidung und als habe er sie
+nur zum Spaß angezogen.</p>
+
+<p>Das feine, beinahe mädchenhafte Gesicht, das dem Florl früher eigen
+war, sah jetzt schwammig und aufgedunsen aus und zeugte vom gesättigten
+Genuß. Er hatte das Zarte und Frische eingebüßt und auch den übermütig
+verwegenen Ausdruck, und etwas Bestimmtes, berechnend Schlaues war an
+dessen Stelle getreten. Der kurze, braune Krausbart, der das Gesicht
+umrahmt hatte, war jetzt nach städtischer Mode zugestutzt, und die
+hellen Augen schauten herausfordernd und etwas frech in die Welt.</p>
+
+<p>Als der Florl jetzt die Antwort gab, schaute der Wastl bis ins Innerste
+erschrocken auf sein Weib. Die Vef aber lachte nur, laut und übermütig,
+wie sie es stets getan hatte, und küßte ihr blondes Bübl, das auf ihrem
+Schoße jauchzte und lachte, leidenschaftlich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p>
+
+<p>»So a Tolm ... a narrischer!« schimpfte sie dann lustig darauf los.
+»Wir sollten da mittian? Nit zwanz'g Ross' bringeten mi amal außi aus
+der Gungl!« erklärte sie mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p>Erleichtert schaute der Wastl zu dem Göd hinüber, der noch immer
+teilnahmslos dasaß und nur leise mit dem Kopfe nickte.</p>
+
+<p>»Könnt ihr zwei nimmer singen?« frug da das Regele in ihrer gezierten
+Sprache, die sie sich zugelegt hatte. »Habt's es ganz verlernt bei
+enkerer Arbeit?« Eine leise Geringschätzung lag in dieser Frage. Die
+Vef parierte aber kräftig den Hieb.</p>
+
+<p>»Ah wohl!« sagte sie resolut. »Singen können wir no gut. I und mei'
+Wastl. Leicht besser wia ös zwoa!«</p>
+
+<p>»Geht's, singt's amal oans!« forderte die Julie auf um dem Gespräch,
+das jetzt peinlich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben.</p>
+
+<p>Da sangen die Vef und ihr Wastl, und der Florl und das Regele hörten
+zu. Schönheit und unverbrauchte Kraft lag in ihren Stimmen und eine
+Wärme und Innigkeit, wenn sie von der Heimat sangen, daß es dem Florl
+ganz eigen ums Herz wurde.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Diese</em> Innigkeit, das wußte er, die brachte weder er noch das
+Regele mehr auf, wenn sie den fremden Menschen draußen die Lieder ihrer
+Heimat sangen. Und beifällig nickte er immer wieder mit dem Kopfe, und
+als die beiden geendigt hatten, da jubelte es in ihm auf, und übermütig
+sprang er empor, hob sein Regele wie ein Kind in die Luft und wirbelte
+sie im Tanz in der Küche herum.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<p>Er pfiff und klatschte dazu mit den Händen, schlug sich aufs Knie und
+auf die Fußsohlen und führte einen regelrechten und ausgelassenen
+Schuhplattler auf. Und es war so befreiend frisch und ungezwungen, so
+voll Lebensfreude und toller Lebenslust, ein Tanz voll von Naturkraft
+und echtem Triebgefühl, wie er nur in Gottes herrlicher Bergwelt
+entstehen kann und nur hier vollendet in seiner echten, ungekünstelten
+Wirkung getanzt werden kann.</p>
+
+<p>Das Regele wiegte sich geschmeidig und neckisch in ihren Hüften und
+jauchzte und lachte, da sie den Florl so übermütig sah, und freute
+sich wie ein Kind. Und jetzt erst, nachdem das Echte, Ursprüngliche in
+diesen beiden jungen Menschen wieder zum Durchbruch gekommen war, jetzt
+war auch die alte Herzlichkeit zwischen den Freunden wiederhergestellt.</p>
+
+<p>Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren
+Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und
+berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten
+und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten
+ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von
+diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten
+sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie
+wunschlos glücklich waren.</p>
+
+<p>Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten
+der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der
+fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen
+zuhörten.</p>
+
+<p>Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen
+Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen
+Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld
+einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen.
+Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und
+jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit
+weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele
+Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen.</p>
+
+<p>Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche
+Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar
+und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl
+durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen
+Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit.</p>
+
+<p>»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die
+Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden
+Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl
+und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier
+unglaublich vor.</p>
+
+<p>Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues
+Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf
+zurück.</p>
+
+<p>»An altmodischer Mensch ist's, der Kramer Veit!«<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> sagte er unwirsch.
+»Kann nimmer mittun mit junge Leut'!«</p>
+
+<p>»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das
+Regele schnippisch und mit gekränkter Miene.</p>
+
+<p>Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur
+um etwas zu sagen.</p>
+
+<p>»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an
+Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an
+den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?«</p>
+
+<p>»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu.</p>
+
+<p>Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen
+dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß
+jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem
+Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über
+den kleinen Lockenkopf fuhr.</p>
+
+<p>»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir
+richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit
+kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz
+besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich,
+wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns.
+A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia
+wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack
+von die herrischen<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der
+Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös
+muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.«</p>
+
+<p>»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte
+ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für
+an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh'
+g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl,
+dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so
+daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses
+an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte.</p>
+
+<p>»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i
+mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle
+Mannsbilder so dazustiahn!«</p>
+
+<p>Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte
+sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich
+viel schöner aus a so.«</p>
+
+<p>Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb
+ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr
+schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...«</p>
+
+<p>»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang
+beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie
+dasjenige vom<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ...
+warum nit? Das derlabest du aa.«</p>
+
+<p>»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang
+in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt
+ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer
+an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und
+an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß
+die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute
+auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit
+zahnlosem Munde vor sich hin murmelte.</p>
+
+<p>Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche.
+Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese
+Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so
+wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte.</p>
+
+<p>Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe,
+um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere
+Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans
+Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im
+eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus.</p>
+
+<p>»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach
+außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam.</p>
+
+<p>Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?«
+frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was
+die<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und
+gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.«</p>
+
+<p>Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der
+Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte
+der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und
+hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge.
+Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so
+grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war.</p>
+
+<p>»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der
+winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.«</p>
+
+<p>»Tian wir beten!« mahnte die Vef.</p>
+
+<p>Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der
+kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war
+aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete
+laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen.</p>
+
+<p>Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete
+sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der
+Natur, die so mächtig waren.</p>
+
+<p>Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete
+in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im
+Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> des Regens, im Ächzen
+und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat
+sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die
+heilige Heimat.</p>
+
+<p>Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern
+machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen
+Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und
+über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und
+Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen
+Heimat.</p>
+
+<p>Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte
+in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines
+unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin
+und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als
+Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden.</p>
+
+<p>Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und
+unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die
+Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid
+und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir
+sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von
+ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ...</p>
+
+<p>Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die
+Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern
+Herzen.<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer
+und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe
+Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin,
+wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden
+trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht
+ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre
+Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ...</p>
+
+<p>Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen
+Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst,
+treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem
+Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich
+... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz'
+uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem
+Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem
+heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner
+Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht
+für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein
+Name!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<h2>Siebentes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten,
+hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine
+innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr
+eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast
+interesselos gegenübergestanden hatten.</p>
+
+<p>Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die
+Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die
+Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.</p>
+
+<p>Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner
+Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben
+können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.</p>
+
+<p>Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und
+verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber
+aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten
+sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes
+überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren
+sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch
+immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder
+in ihrem Wesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der
+nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So
+erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein
+Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter,
+bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk
+von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.</p>
+
+<p>Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen
+Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch,
+so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch
+freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.</p>
+
+<p>»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem
+Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«</p>
+
+<p>Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte,
+breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken,
+auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.</p>
+
+<p>»Hast koa Zung', Anderl?«</p>
+
+<p>Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte,
+aber redete kein Wort.</p>
+
+<p>»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös
+wieder her?«</p>
+
+<p>»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden
+Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p>
+
+<p>Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran
+und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte,
+wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze
+seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich.</p>
+
+<p>»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig.</p>
+
+<p>Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf.
+»Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei'
+Muatter!«</p>
+
+<p>»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.«</p>
+
+<p>»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so
+gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war
+aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube
+ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern
+umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr
+hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend
+und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm
+zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte.</p>
+
+<p>»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele
+neuerdings.</p>
+
+<p>Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der
+Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele
+jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> es,
+mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den
+Knirps.</p>
+
+<p>»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich
+heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste,
+in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum
+Bewundern hinhielt.</p>
+
+<p>»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter
+der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.«</p>
+
+<p>»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer
+wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig
+jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies.</p>
+
+<p>»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl
+unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.«</p>
+
+<p>»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt.
+»Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu.</p>
+
+<p>Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor
+und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte
+Gesichtl.</p>
+
+<p>»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut
+halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann
+fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen
+Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für
+wen hast denn alle Abend beten müssen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie
+zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in
+dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur
+wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes,
+das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt.</p>
+
+<p>»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von
+vorhin.</p>
+
+<p>»Für di!« erklärte der Bub trotzig.</p>
+
+<p>»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise.</p>
+
+<p>»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich,
+daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im
+kindlichen Trotz abwandte.</p>
+
+<p>Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug
+sie schnippisch.</p>
+
+<p>»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte
+er eigensinnig.</p>
+
+<p>»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen
+Brauen.</p>
+
+<p>»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt.</p>
+
+<p>»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja
+nix getan.«</p>
+
+<p>»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!«
+erzählte der Kleine.</p>
+
+<p>»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie,
+seit sie nun in der Heimat<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> weilten, diese Rede der Geringschätzung
+gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom
+Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes.</p>
+
+<p>»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug
+zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte
+der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl
+eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am
+Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen
+mußte.</p>
+
+<p>»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen
+und pfiff leise vor sich hin.</p>
+
+<p>»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele
+über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube
+der Notburg geherrscht hatte.</p>
+
+<p>»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern
+alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit
+dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt
+aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du
+kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s
+Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser
+gangen ist.«</p>
+
+<p>Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort
+mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span>
+auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube.</p>
+
+<p>Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden
+seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen
+Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der
+Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie
+dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt,
+die voll Glanz und Erfolg für sie war.</p>
+
+<p>Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten
+Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh
+gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im
+Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie
+mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl
+nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen.</p>
+
+<p>Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und
+Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld
+aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis.
+Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld
+erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht
+einleuchten.</p>
+
+<p>»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit.
+»Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ...
+dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit
+macht. Aber lei so umananderziechen<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> und 's Maul aufreißen und singen
+... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend.</p>
+
+<p>Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen,
+daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar
+nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und
+ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf
+er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige
+Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen
+muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.«</p>
+
+<p>Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das
+elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl,
+hier bloß geduldet zu sein.</p>
+
+<p>Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar
+bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen
+alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle
+Hände voll zu tun.</p>
+
+<p>Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn
+hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie
+gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim
+und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben
+können, meinte der Söllerbauer.</p>
+
+<p>Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die
+Arbeit gingen, dann schliefen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> der Florl und das Regele bis tief in den
+Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem
+Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen,
+geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen.</p>
+
+<p>Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn
+das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den
+Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte.</p>
+
+<p>Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das
+war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit
+abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit
+zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin
+und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich
+halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand
+schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da
+spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig
+herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler.</p>
+
+<p>Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der
+Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft
+entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem
+Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten
+die Türe vor der Nase zugeworfen hätte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p>
+
+<p>Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten
+Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei.
+Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich
+nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu
+schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an.</p>
+
+<p>Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche
+Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen
+an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde.</p>
+
+<p>Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten
+prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der
+Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein
+eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete
+scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen;
+denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl
+aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr
+beneiden sollten wie den Kramer Veit.</p>
+
+<p>»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele
+und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon
+geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher
+kriechen's vor mir, das weiß i!«</p>
+
+<p>Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der
+Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß
+er es auch erreichen würde.</p>
+
+<p>Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste
+Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren
+eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen.
+Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er
+nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem
+Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte
+er ganz entschieden erklärt.</p>
+
+<p>»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal
+zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon
+bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen
+hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er
+sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i
+muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk
+g'schadet ... dö habt's nit vertragen.«</p>
+
+<p>Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter
+des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die
+urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf.
+Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl
+wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen
+war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
+
+<p>»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden
+fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no
+andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat
+ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie.
+»I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der
+am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal
+herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner
+mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn
+man ihn siecht.«</p>
+
+<p>Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus
+überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine
+mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend
+fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die
+jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...«
+beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die
+Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.«</p>
+
+<p>Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem
+Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu
+bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen
+vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und
+Nacht drückte.</p>
+
+<p>Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Herbst mit dem
+Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von
+nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies
+erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina
+in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei
+weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ...</p>
+
+<p>Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde
+es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit
+der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit.</p>
+
+<p>Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu
+sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als
+ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend
+seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte.</p>
+
+<p>Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit
+auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie
+immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der
+kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster
+hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich
+und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen
+stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl
+die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete.</p>
+
+<p>»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ...<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> »i rat' dir no amal.
+Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau,
+i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a
+Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst
+kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.«</p>
+
+<p>Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit
+die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen
+Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen.</p>
+
+<p>»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und
+könnt's no etline Kinder kriagen und ...«</p>
+
+<p>Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle
+Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!«</p>
+
+<p>Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte
+auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den
+kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen,
+und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd
+an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und
+gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor.</p>
+
+<p>Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl.</p>
+
+<p>»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht
+... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt,
+Regele?«</p>
+
+<p>Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> leichten Sinn der jungen
+Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei
+ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte
+sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an
+die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd'
+draußen.«</p>
+
+<p>Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem
+Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses
+Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn
+sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie
+ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn
+des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck
+in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem
+jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach.</p>
+
+<p>»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und
+hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an
+Wirt aus dir! Magst?«</p>
+
+<p>Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt
+gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu
+überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel
+ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz
+verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem
+gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er
+denn<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer.</p>
+
+<p>»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er
+ernst und nachdenklich.</p>
+
+<p>»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus
+brauchen.«</p>
+
+<p>Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der
+Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick.</p>
+
+<p>»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum
+Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener
+Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft
+gesessen hatte.</p>
+
+<p>Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er
+nicht erwartet.</p>
+
+<p>»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin,
+Florl!« sagte er kopfschüttelnd.</p>
+
+<p>»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du
+baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's
+Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?«</p>
+
+<p>Noch immer verstand der Veit den Florl nicht.</p>
+
+<p>»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer
+Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen.</p>
+
+<p>»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz
+bestimmt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>»Von draußen ...?«</p>
+
+<p>Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A
+neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem
+Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit.
+Wirst's sechen ... 's geht.«</p>
+
+<p>Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der
+Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war,
+und zögerte einzuschlagen.</p>
+
+<p>»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug
+er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl
+drinnen es getan haben würde.</p>
+
+<p>»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit
+zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen
+außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da,
+Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ...
+»wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n
+nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber <em class="gesperrt">eins</em>
+hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir <em class="gesperrt">da</em> und
+nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st
+und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ...
+daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.«</p>
+
+<p>Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte
+wie in dieser Stunde.<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den
+Vorschlag einging.</p>
+
+<p>»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen
+Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die
+Hand gestützt hielt.</p>
+
+<p>»Morgen in einer Woche.«</p>
+
+<p>»Und du nimmst die andern mit?«</p>
+
+<p>»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie
+wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.«</p>
+
+<p>Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös
+Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck,
+so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber
+dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und
+dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach'
+mach' ... kann sein aa nit.« ...</p>
+
+<p>Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber
+zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner
+geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle.</p>
+
+<p>»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit
+zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die
+ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst
+mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und
+wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
+
+<p>Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete.</p>
+
+<p>»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können
+... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's
+selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor
+die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl
+zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst
+wohl, gelt, Kramer?« — — —</p>
+
+<p>Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort.
+Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen
+interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging
+ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und
+abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. — — —</p>
+
+<p>Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und
+seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch
+droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge
+und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p>
+
+<h2>Achtes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an
+den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu
+weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid
+mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen,
+schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.</p>
+
+<p>Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier
+herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos
+und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr
+vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh
+verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort
+oben doch nicht wie hier in der Gungl.</p>
+
+<p>Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern
+einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl
+und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren
+können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag
+schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der
+alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So
+mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen
+lebten<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den
+Fensterscheiben hinausschauen konnten.</p>
+
+<p>Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und
+bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen
+Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees
+und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick,
+auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und
+flatterndes Tuch.</p>
+
+<p>Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit
+dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche
+vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach
+einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern
+bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo
+buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche
+zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in
+abergläubischer Furcht schaudern.</p>
+
+<p>Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an
+die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar
+waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt
+erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.</p>
+
+<p>Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht
+übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre.
+Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> der Wastl
+rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der
+Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich.
+Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges,
+lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein
+Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.</p>
+
+<p>Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und
+herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter
+der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der
+Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.</p>
+
+<p>Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte
+dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte.
+Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann
+eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle
+in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und
+in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er
+dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie
+immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.</p>
+
+<p>Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd
+herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der
+Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl
+wiegte das Jüngste in der Wiege.</p>
+
+<p>Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der
+Wastl vermied es, viel mit<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> ihr zu reden. Würde schon wieder besser
+werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man
+wieder mehr hinaus konnte ins Freie.</p>
+
+<p>Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune
+seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht
+viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der
+Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich
+mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme:
+»Essengiahn!«</p>
+
+<p>Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr
+schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie
+eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend
+dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging
+mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne
+aufgetragen stand.</p>
+
+<p>»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch
+immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf
+nicht mehr ...</p>
+
+<p>Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer
+Unmut war mit einem Male verflogen.</p>
+
+<p>»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als
+sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich
+zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr
+und gebrochen in den tiefen Höhlen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<p>»Jessus Maria!«</p>
+
+<p>Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe
+Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod
+gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun
+wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte.</p>
+
+<p>Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte
+sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge
+Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres
+Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar
+nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war.</p>
+
+<p>»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos.</p>
+
+<p>Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den
+weckst du nimmer auf.«</p>
+
+<p>Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf
+einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl
+hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um
+ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen.</p>
+
+<p>Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei
+sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt
+erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere
+und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing.</p>
+
+<p>Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar
+keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre!
+Die Vef mußte<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im
+Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten.</p>
+
+<p>Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in
+der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch
+mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken,
+wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein
+liebes für sie übrig hatte.</p>
+
+<p>»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden
+könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile
+mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl
+stimmte ihr dann traurig bei.</p>
+
+<p>»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef,
+und aa no die Kinder!« tröstete er dann ...</p>
+
+<p>Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl
+und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an
+diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was
+die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach
+der Heimat?</p>
+
+<p>Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich
+die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd
+war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit
+seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die
+Sehnsucht nach dem<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig
+sein konnte.</p>
+
+<p>Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht
+nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und
+zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und
+seinen Kindern.</p>
+
+<p>Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich
+nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der
+Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in
+das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie
+fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte.</p>
+
+<p>Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in
+diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit
+fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz
+aus Holz gebaut.</p>
+
+<p>Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es
+weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt'
+man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß
+der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.«</p>
+
+<p>»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz
+begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt
+schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die
+Augen eines Kindes vor der Christbescherung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n
+hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem
+Ton.</p>
+
+<p>Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen
+draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's
+di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in
+aller Behaglichkeit seine Pfeife.</p>
+
+<p>»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt
+nimmer einer kommen können.«</p>
+
+<p>»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?«</p>
+
+<p>»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen
+in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte
+recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband.</p>
+
+<p>»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse.</p>
+
+<p>»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit
+ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere
+Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech
+nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die
+Rosina so a fein's Leben hat.«</p>
+
+<p>»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt
+ehrlich erschrocken.</p>
+
+<p>Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die
+Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös
+verbieten soll?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen
+Weile.</p>
+
+<p>»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders
+aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die
+Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern
+heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb
+am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der
+Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets
+ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn
+der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In
+diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur
+daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch
+war wie diese.</p>
+
+<p>»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer
+kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war.</p>
+
+<p>»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und
+häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa
+Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi
+bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du.
+Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich
+um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ...</p>
+
+<p>Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter.
+Jetzt schrie sie nicht allein<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> den Wastl an, sondern auch die Kinder
+waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne
+eine wirkliche Ursache dafür zu haben.</p>
+
+<p>Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude
+an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und
+das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und
+helläugig wie ihre Mutter.</p>
+
+<p>Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr
+übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher,
+dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden.</p>
+
+<p>Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer,
+daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden
+der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war
+ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und
+schonungslos einzugestehen ...</p>
+
+<p>Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und
+wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da
+fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren
+Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen.</p>
+
+<p>Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt
+war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube
+hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab
+und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die
+Heumahd<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu
+während der Arbeit verfault.</p>
+
+<p>Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen,
+als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten
+abwarten, die ja doch wieder kommen mußten.</p>
+
+<p>Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der
+Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann
+fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit
+vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz
+vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der
+Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen
+und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben.</p>
+
+<p>Seit dem Tod des alten Göd hatten sie nun etwas mehr Platz in der
+kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu
+benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige
+Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich
+sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So
+aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie
+gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom
+Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß.</p>
+
+<p>»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an
+offenes Wörtl mit dir reden.«</p>
+
+<p>Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Stube. Seite an
+Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits
+in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen
+matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube.</p>
+
+<p>Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie
+jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus
+und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem
+einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die
+Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch
+gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand.</p>
+
+<p>»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so
+haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden
+und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.«</p>
+
+<p>Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu
+sagen hätte.</p>
+
+<p>Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich
+vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun,
+wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef
+gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier
+herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen
+in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als
+schleunigst die Flucht zu ergreifen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie
+so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß.</p>
+
+<p>»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang
+sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber
+der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten
+kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge
+Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig
+eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas
+... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast
+hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß
+und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt.</p>
+
+<p>Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen
+Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der
+Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn
+seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was
+die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte.</p>
+
+<p>Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die
+Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das
+Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen
+Hand zornig auf die Tischplatte schlug.</p>
+
+<p>»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was
+i moan! Verkaufen sollst dö<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer
+bleib'n da herin!«</p>
+
+<p>Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst
+erschrocken.</p>
+
+<p>»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen
+ins Gesicht. »Aber Vef!«</p>
+
+<p>»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib.
+»Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was
+du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i
+einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an.</p>
+
+<p>»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit
+gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal
+gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.</p>
+
+<p>»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer
+so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und
+stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit,
+daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's
+mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern
+und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's
+Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und
+wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern
+hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und
+geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders
+helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen
+anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten.
+Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich
+ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur
+das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die
+Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.</p>
+
+<p>Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser
+und weniger leidenschaftlich.</p>
+
+<p>»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst
+sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr
+hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn
+und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.</p>
+
+<p>Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren
+Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur,
+daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich
+jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.</p>
+
+<p>»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte
+ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit
+kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer <em class="gesperrt">müssen</em>! Siegst ...
+wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die
+Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> g'worden.
+Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i
+war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi
+g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist
+... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ...
+<em class="gesperrt">der</em> hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i
+... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt
+als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I
+hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens
+in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die
+Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er
+mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat
+betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer
+sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat,
+vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ'
+g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ...
+zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein
+und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der
+Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet
+hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ...
+daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt,
+versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und
+träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ...<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> kannst mir's
+glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste
+hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt
+... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf
+voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End'
+wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig.
+»Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller
+Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«</p>
+
+<p>Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand
+nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise
+zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd
+fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I
+hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber
+naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja
+... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung.
+Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein!
+Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig
+neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie
+mit ihrer Beichte weiterfuhr.</p>
+
+<p>»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe
+tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir
+iatz zeitenweis für.«</p>
+
+<p>Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen
+vor den Fenstern das monotone<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Rieseln des Regens. Und ab und zu der
+schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß
+und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.</p>
+
+<p>»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem
+Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen
+sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet,
+daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht.
+Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir
+fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ...
+daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß
+nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß
+mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu
+g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es
+dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die
+Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort
+und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete
+sehnsuchtsvoll die Arme aus.</p>
+
+<p>»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan
+so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert
+mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa
+Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa
+nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern
+kimmt ang'ruckt<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's
+nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane
+Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a
+so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix.
+Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld
+mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline
+Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns
+an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung
+sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir
+zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander.
+Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so
+dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's
+war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a
+schianer's Hoamatl?«</p>
+
+<p>So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz
+Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr
+weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so
+glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen,
+genießenden Liebe.</p>
+
+<p>Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war
+er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere
+war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die
+Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> auf der Seele lag, wich
+vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die
+Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog
+die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu
+denken vermocht.</p>
+
+<p>In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos
+wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und
+Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom
+alten Göd in der Gungl.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<h2>Neuntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem
+ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm
+Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.</p>
+
+<p>Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er
+es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor
+aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge
+auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.</p>
+
+<p>Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer
+geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von
+einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem
+berechnenden Ernst Platz gemacht.</p>
+
+<p>Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt,
+die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war
+mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch
+eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor
+moralischem Untergang würde bewahren können.</p>
+
+<p>Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung
+anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er
+war sich der großen<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt
+geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen
+Truppe.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer
+Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen
+hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem
+hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines
+wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und
+Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein
+dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.</p>
+
+<p>Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die
+sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und
+lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und
+gehorchten sie.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer
+Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand
+und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu
+Erfolg.</p>
+
+<p>Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau
+geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter
+Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche
+Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben
+kleinen Vögelchens.</p>
+
+<p>Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> war. Er hätte sie gar
+nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und
+unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben,
+das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr
+liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und
+seine engere Bergheimat.</p>
+
+<p>Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß
+sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das
+vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der
+Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus
+dem Regele die Regina geworden.</p>
+
+<p>Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte
+es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen
+Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch
+andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so
+vertraut waren.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen.
+In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen
+wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen
+Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und
+das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter
+seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein
+großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste
+Ungerechtigkeit. Und wenn ein<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Streit oder eine Verstimmung unter
+seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und
+ausgleichende Element.</p>
+
+<p>Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die
+schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und
+mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes
+Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.</p>
+
+<p>Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten
+nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen
+junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem
+Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein
+Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich
+mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen.</p>
+
+<p>Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner
+Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn
+die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete,
+konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken.</p>
+
+<p>Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich
+zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld
+verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem
+Gelde kleben. Das mußte <em class="gesperrt">rein</em> erworben werden; denn der Florian
+Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher
+Mann dastehen.</p>
+
+<p>Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> allein zu Gast
+geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten
+und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in
+seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab.</p>
+
+<p>»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit
+alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir
+Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut
+und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen
+diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig
+genug und auch jeder List gewachsen.</p>
+
+<p>So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit
+denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen,
+auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die
+manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte.</p>
+
+<p>Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte,
+mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines
+Kanarienweibchens.</p>
+
+<p>Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die
+kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war
+dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen,
+so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu
+sehen.</p>
+
+<p>Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war
+jene Erkenntnis, die der<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das
+in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte
+er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern
+und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren.
+Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich
+aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering
+schätzten oder gar verachteten.</p>
+
+<p>Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser
+Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen
+einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem.
+Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich
+geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein
+Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die
+bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ...
+wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er
+nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld
+einnahmen.</p>
+
+<p>Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach
+Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und
+fanden sich die Eheleute ganz genau.</p>
+
+<p>Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung,
+die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl
+kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> das
+Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf
+ihren Florl, der seine Sache so gut machte.</p>
+
+<p>Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den
+beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte.
+Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er
+verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in
+solchen Sachen.</p>
+
+<p>»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein,
+der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts
+bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser.
+Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's
+aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch
+erwartete und auch nicht geduldet hätte.</p>
+
+<p>Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus
+in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen
+zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große
+Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen,
+dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer
+ihr Haus voll von Fremden haben.</p>
+
+<p>Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine
+Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen
+kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß
+der Florian mit seiner Frau ganz allein,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> und nur mächtige Koffer waren
+rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen.</p>
+
+<p>In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern
+Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das
+Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen
+Landen aufgenommen hatte.</p>
+
+<p>Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel
+Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und
+ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der
+Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen.</p>
+
+<p>Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der
+Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu
+die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den
+Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen.</p>
+
+<p>Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders
+vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem
+zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und
+sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen
+aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand
+darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen
+Ernstes nachkam.</p>
+
+<p>Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden
+Frauen ab. Die Regina schraubte<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> sich, wo sie nur konnte, von ihren
+Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer
+Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte,
+desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.</p>
+
+<p>Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache
+gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche
+und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern
+in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem
+Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.</p>
+
+<p>In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land.
+Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut
+gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.</p>
+
+<p>In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der
+grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher
+nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein
+den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der
+Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.</p>
+
+<p>Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut
+gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit
+bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge
+Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> zogen und das
+Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.</p>
+
+<p>Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in
+den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab,
+mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und
+wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war,
+so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand
+ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und
+ungemein sicheren Trott.</p>
+
+<p>Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales
+eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die
+Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der
+Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein
+recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle
+Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in
+wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.</p>
+
+<p>Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter
+Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen,
+gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine
+andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie
+nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte
+man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl
+herauf zur Regina, um sie zu begrüßen,<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> und brachten ihr als »Grüß
+Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als
+Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte
+Milch und Butter und Eier und zahlte gut.</p>
+
+<p>Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der
+Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus
+voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert
+wurde.</p>
+
+<p>Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller
+Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina
+am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und
+eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte.
+Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich
+vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz,
+ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen,
+und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im
+Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.</p>
+
+<p>Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von
+hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und
+sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß
+nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen
+gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie
+sich überraschend schnell angeeignet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p>
+
+<p>Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder
+an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und
+Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort
+ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den
+Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst.</p>
+
+<p>Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein
+Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer
+Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina,
+und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr
+auf Geheiß des Florian Siegwein dabei.</p>
+
+<p>»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon
+während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im
+Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich,
+faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.«</p>
+
+<p>Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer
+Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der
+Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen,
+wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und
+durchsangen und durchtanzten die halben Nächte.</p>
+
+<p>Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die
+Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span>
+gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie
+ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen.</p>
+
+<p>Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er
+wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum
+Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch
+die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann
+wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht.</p>
+
+<p>Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und
+erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter
+Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner
+tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine
+frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich
+an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so
+hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen
+machen können.</p>
+
+<p>Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden
+Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer
+für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu
+finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends
+anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen.</p>
+
+<p>Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so
+lange Zeit hindurch müßig im<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen
+starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an,
+den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den
+Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten
+daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen.</p>
+
+<p>Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer
+als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier
+in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel
+mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian
+Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten.</p>
+
+<p>Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und
+es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz
+nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge
+zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm
+schlimme Stunden der Sorge.</p>
+
+<p>Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen
+Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war.
+Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg
+war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem
+Florian auch Besserung versprochen hatten ...</p>
+
+<p>Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein
+Anliegen vorgetragen.<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer
+nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht
+wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses
+sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich
+gedrückt und kleinlaut drein.</p>
+
+<p>Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das
+Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben
+abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines
+Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen
+von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er,
+auf den Vorschlag des Wastl einzugehen.</p>
+
+<p>»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig
+vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern
+mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's
+döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's
+do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia
+an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian
+eindringlich.</p>
+
+<p>Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und
+fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf
+ein und starrte nachdenklich zu Boden.</p>
+
+<p>»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef
+will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan
+für uns alle.<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl
+kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend.</p>
+
+<p>Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem
+Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden,
+waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte
+ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er
+dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft
+niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte,
+glaubte er es auch von seinem Weibe.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu
+wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den
+Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte
+er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen?</p>
+
+<p>Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar
+Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß.
+Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell
+nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu
+und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer
+dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig.</p>
+
+<p>Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen
+ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort.
+Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute
+ihm<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl
+hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die
+Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug.</p>
+
+<p>Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger
+Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und
+ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie
+rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte
+in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<h2>Zehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des
+Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt.</p>
+
+<p>In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu
+lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal
+herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen,
+an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder
+schlechten Tag auswächst.</p>
+
+<p>Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den
+glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon,
+daß die Natur im Sterben begriffen war.</p>
+
+<p>Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes
+Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und
+mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer
+neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke
+festhielt.</p>
+
+<p>Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine
+Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen
+heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den
+Zweitjüngsten auf dem Arme trug.</p>
+
+<p>Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es
+ihn die Vef so hieß. Die Vef<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> hatte in diesen letzten Tagen, die sie
+noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem
+Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war
+er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne
+Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges
+Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ...
+und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum.</p>
+
+<p>Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren
+Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie
+wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß
+ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen
+damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe
+geschehe alles, was sie vorhatte.</p>
+
+<p>Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig
+war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der
+Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau
+so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten
+Wunsch erfüllen und heiraten.</p>
+
+<p>Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem
+er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht
+daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und
+grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine
+Herrschaft abzutreten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
+
+<p>So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern
+alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung
+gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte,
+sobald er verheiratet war.</p>
+
+<p>Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine
+blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre
+zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen
+neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung
+übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind
+wie ein eigenes zu halten.</p>
+
+<p>Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als
+sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.</p>
+
+<p>»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem
+Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen
+müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen
+Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a
+meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter.
+Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ...
+für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil
+unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt,
+als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«</p>
+
+<p>So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten
+Tränen in die Augen schossen.<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Sie überwand aber diese Schwäche und
+suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.</p>
+
+<p>Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen.
+Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den
+Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber
+schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.</p>
+
+<p>Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl
+hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen
+Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im
+Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?</p>
+
+<p>»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird
+nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr
+hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's
+dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost.</p>
+
+<p>Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von
+einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl
+fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den
+Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt
+war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig
+einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an
+ihnen vorüberging.</p>
+
+<p>Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Töchtern, der Rosina
+und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf
+den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit
+der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts
+verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm
+lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme.</p>
+
+<p>Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld
+mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber
+keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und
+Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die
+Sache kam.</p>
+
+<p>»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken
+lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ...
+wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i
+nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden.</p>
+
+<p>Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen
+Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert
+werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für
+Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem
+gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt
+sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen.</p>
+
+<p>Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu.<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Nie und nimmer, so
+hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern,
+und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der
+Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den
+Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden.
+Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und
+viel Geld ins Land hereinbrachte ...</p>
+
+<p>Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und
+dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das
+damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die
+Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder
+ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet.</p>
+
+<p>Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs
+der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten
+zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl
+die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes
+Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte
+ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und
+mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das
+ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas
+aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das
+blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum
+mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> konnten sie
+noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband,
+das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am
+Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte
+zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets
+zu machen pflegte.</p>
+
+<p>Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause
+gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt,
+sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich
+auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat,
+war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach
+die Rede verschlug.</p>
+
+<p>Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl
+einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort
+darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und
+sie sich gegen ihren Mann auflehnte.</p>
+
+<p>»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ...
+»und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte
+der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und
+gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und
+i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die
+Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir
+zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit
+verachten,<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja
+weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht
+... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du
+sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn
+und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher,
+bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's
+und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk
+meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit.
+»Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie
+unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!«
+sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will
+mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in
+mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei
+so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache
+träfe.</p>
+
+<p>Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib
+trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war
+heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner
+Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine
+Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die
+Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl
+machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu
+finden.</p>
+
+<p>Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> bis sich der Wastl
+schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind
+der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie
+ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben
+wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.</p>
+
+<p>Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden
+alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie
+hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige
+Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und
+gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den
+Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten,
+handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen
+in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«</p>
+
+<p>So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie
+doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut
+der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn
+der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.</p>
+
+<p>Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert
+werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen,
+um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein
+Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den
+Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er
+nicht<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch
+bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf
+gewesen war.</p>
+
+<p>Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille
+erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast,
+als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne
+Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine
+Hoffnungsfreudigkeit in sich.</p>
+
+<p>Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl
+übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern
+in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh
+und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen
+Weibes wie Eisesschauer.</p>
+
+<p>Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne,
+das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis
+wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie <em class="gesperrt">mußte</em> fest
+bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem
+starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab
+und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.</p>
+
+<p>Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief,
+plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er
+mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht
+die blaugefrorenen Händchen des Kindes.</p>
+
+<p>Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel,<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> wurden leichter
+und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu
+beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im
+finsteren Grau.</p>
+
+<p>Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der
+Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...</p>
+
+<p>Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und
+lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den
+schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer
+Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock
+klammerte.</p>
+
+<p>Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin,
+wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah
+ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde
+Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig
+emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch
+nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und
+mit ödem Herzen.</p>
+
+<p>Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in
+seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das
+unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds
+von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen
+Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch
+traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> so stark und
+überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.</p>
+
+<p>Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die
+Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.</p>
+
+<p>Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch
+einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch
+auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen
+Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die
+Mutter begraben wurde.</p>
+
+<p>Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines
+Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter
+jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie
+starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie
+Abschied von ihr nehmen konnten.</p>
+
+<p>Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und
+abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die
+Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die
+Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn
+betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen
+Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.</p>
+
+<p>Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie,
+vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den
+die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p>
+
+<p>Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher
+folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene
+Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog.</p>
+
+<p>Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als
+Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten
+arbeiten müssen wie die Erwachsenen.</p>
+
+<p>Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot!
+Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten
+Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei
+Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten,
+bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war
+ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein
+zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte
+man schonen für den Kirchgang am Sonntag.</p>
+
+<p>Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt
+wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der
+Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen
+Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den
+jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den
+Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem
+Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef
+in das Gütl vom Göd eingezogen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne
+innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ...</p>
+
+<p>Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer
+lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich
+und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen
+aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten.</p>
+
+<p>Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden
+Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen,
+herrlichen Raum zu verhüllen hatte.</p>
+
+<p>Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der
+Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte.
+Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn
+durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete.
+Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem
+Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ...
+eine Königin ... voll Pracht und Glanz.</p>
+
+<p>Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ...</p>
+
+<p>Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes.</p>
+
+<p>Königin Heimat ...</p>
+
+<p>Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger
+Andacht ... wie ein Gebet ...</p>
+
+<p>Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die
+schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg
+ein, der von der<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn
+dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren
+Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und
+mit einem toten Herzen.</p>
+
+<p>Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in
+ihr erstorben.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<h2>Elftes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter
+Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und
+sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den
+feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen
+und Königinnen.</p>
+
+<p>Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft
+gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende
+Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren.</p>
+
+<p>Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl.
+Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie
+wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur
+wie ein kurzer, rauschender Traum.</p>
+
+<p>Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten.
+Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger
+Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr
+urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen.</p>
+
+<p>Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch
+hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und
+nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause
+auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p>
+
+<p>Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben
+anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche
+Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer
+Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.</p>
+
+<p>Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen
+Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef
+nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war.
+Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke
+nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen,
+ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.</p>
+
+<p>Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte
+sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art,
+sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre
+Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei
+und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit
+im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft
+auszeichnet.</p>
+
+<p>Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große
+Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine
+Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe
+trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
+
+<p>Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre
+Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller
+Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt,
+daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die
+Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz
+allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.</p>
+
+<p>Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene
+Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und
+Würde die Tracht ihres Landes.</p>
+
+<p>Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen
+seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit
+den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt
+und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer
+hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber
+sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch
+ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.</p>
+
+<p>Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der
+gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen
+in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr
+bedächtig in seinen Äußerungen.</p>
+
+<p>Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die
+von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr
+gelenkig abbiegen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der
+Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.</p>
+
+<p>Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten
+Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider
+und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig
+im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten
+Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn
+alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz
+beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar
+keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner
+Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn
+mitgenommen zu haben.</p>
+
+<p>Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und
+greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und
+zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte.</p>
+
+<p>Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder
+seine alte Vef, <em class="gesperrt">sein</em> Weib, nicht die gewandte, schöne Frau,
+welche all die fremden Leute so verehrten.</p>
+
+<p>Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum
+Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine
+Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen
+Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht
+noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> seinem Weibe unbedingt und war
+von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt.</p>
+
+<p>Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht.
+Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter
+Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen,
+die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter
+Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der
+besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft
+Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht
+hatten.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und
+recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß
+der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine,
+unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal
+gar nicht.</p>
+
+<p>Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so
+unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf
+Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war.</p>
+
+<p>Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm
+die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen
+Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die
+Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines
+Unternehmens zugunsten der Vef.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu.
+Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in
+den Wintermonaten recht gerne daheim blieb.</p>
+
+<p>Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt
+die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb
+die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas
+unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob
+man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten
+und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in
+den Bergen wie in ihrer Jugend.</p>
+
+<p>Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem
+Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit,
+die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr
+Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den
+langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die
+Menge fremder Gäste.</p>
+
+<p>Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden.
+Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und
+besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine
+Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr.</p>
+
+<p>Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer
+Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und
+kümmerte<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der
+Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht
+erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber
+mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und
+sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese
+ja doch nie würde erreichen können.</p>
+
+<p>Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle
+Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin
+des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von
+frühmorgens bis in die späte Nacht hinein.</p>
+
+<p>Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von
+Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der
+geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu
+gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine
+große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand
+verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der
+andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen.</p>
+
+<p>Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich
+solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren,
+desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft
+er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und
+er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p>
+
+<p>Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und
+das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und
+viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb
+aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war.
+Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht
+durch ihre Eifersucht.</p>
+
+<p>Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach
+Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig
+wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst
+ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer
+wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen
+können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten
+auf und davon gelaufen wären.</p>
+
+<p>Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich
+jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der
+versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche
+Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte
+kam.</p>
+
+<p>Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war
+jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen
+zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon
+einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit
+Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft
+zu betätigen.</p>
+
+<p>Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> das er gemeinsam
+mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So
+erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines,
+gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem
+stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben
+im Gasthof zu lärmend war.</p>
+
+<p>Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison;
+denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze
+bis in den frühen Morgen hinein.</p>
+
+<p>Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind
+der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im
+Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und
+hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit.</p>
+
+<p>Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem
+Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden
+Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff
+es eisig von den Fernern herüber.</p>
+
+<p>Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten
+hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes
+Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen,
+mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und
+weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser
+Frau aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde
+Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das
+Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren
+müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre
+mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren.</p>
+
+<p>Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und
+hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt
+aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie
+für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß
+sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr.</p>
+
+<p>Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden
+und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte.</p>
+
+<p>In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es
+war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte.
+Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die
+Notburg gegen diese Frau empfand.</p>
+
+<p>Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder
+im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie
+der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der
+Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit
+zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt
+völlig<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn
+vollkommen bewußt und handelte auch danach.</p>
+
+<p>Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl
+der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur
+nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis
+geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte
+sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit.
+In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und
+traumlos schlafen wie vor Jahren.</p>
+
+<p>Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei
+jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete
+der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit
+einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend
+litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach
+seinen Kindern.</p>
+
+<p>Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er
+an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit
+keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete.</p>
+
+<p>Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die
+Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und
+dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein
+Mensch wußte, wohin er ging.</p>
+
+<p>Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> ahnte, daß der Wastl
+Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle
+Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er
+wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren
+... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt.</p>
+
+<p>Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit
+Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne.</p>
+
+<p>Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte
+sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr
+eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den
+Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie
+Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie
+immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem
+Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von
+nun ab vorstellte.</p>
+
+<p>Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte
+und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab,
+der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß
+sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört
+mit ihren Freunden unterhalten konnte.</p>
+
+<p>Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte
+der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit,
+und seine traurige,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen
+Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte.</p>
+
+<p>In diesen letzten Jahren waren sich Mann und Frau innerlich immer
+fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes
+Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte
+förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau,
+noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine
+fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren
+hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem
+Herzen.</p>
+
+<p>Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie
+in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden,
+und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu
+müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war
+erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu
+ihren Kindern verschwunden.</p>
+
+<p>Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er
+teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef
+dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden.</p>
+
+<p>Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im
+Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der
+Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> sie im
+Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den
+Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef.</p>
+
+<p>Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg
+aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so,
+wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen,
+diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie
+nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken,
+daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof
+heruntergeholt hatte.</p>
+
+<p>Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war,
+lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten
+verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte
+der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele
+sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang
+fortgeblieben war.</p>
+
+<p>Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im
+Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich,
+noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem
+großen Dorf wohnte.</p>
+
+<p>Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von
+den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie
+sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung
+ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit,
+der allerjüngste<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so
+widerstandsfähig wie in früheren Jahren.</p>
+
+<p>In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr
+beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den
+Wastl zu schimpfen anfing.</p>
+
+<p>»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe
+Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ...
+»Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß
+grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und
+voll Vorwurf.</p>
+
+<p>Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg.
+Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl
+aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte
+sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach
+Jungenart.</p>
+
+<p>»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad'
+schimpfen anz'heben.«</p>
+
+<p>»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er,
+bald man ihn braucht.«</p>
+
+<p>»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen.
+Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.«</p>
+
+<p>»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg
+über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann
+man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll
+Mitleid hinzu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in
+dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war
+der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern.</p>
+
+<p>Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es
+wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen
+und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah
+die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers
+Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz.</p>
+
+<p>»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über
+eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie
+erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und
+ungewöhnlich laut kam er ihr vor.</p>
+
+<p>Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der
+Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine
+Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses
+Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten.
+Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen
+nach ihm trug.</p>
+
+<p>»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit
+ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes
+saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so
+daß es beinahe leuchtete.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne
+Mitgefühl.</p>
+
+<p>Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon
+recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem
+Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!</p>
+
+<p>So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose
+junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig
+umherging.</p>
+
+<p>Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging
+die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum
+Fenster hinaus.</p>
+
+<p>»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer
+herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«</p>
+
+<p>Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an,
+die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck
+von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und
+einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen
+Leuten und ihrer Umwelt paßte.</p>
+
+<p>Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat,
+sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina
+aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne
+Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant
+geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte.
+Ihr Gesicht war<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die
+hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer
+zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte
+Löckchen um ihre feine Stirn.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll,
+aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen
+die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam
+jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche
+Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in
+früheren Zeiten.</p>
+
+<p>Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das
+geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder
+schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und
+doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.</p>
+
+<p>Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem
+armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen
+Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen
+Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge
+und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine
+fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst
+vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders
+in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> beobachtend auf die Frau
+mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf
+einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.</p>
+
+<p>»Vef!«</p>
+
+<p>Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.</p>
+
+<p>»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug
+der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines
+nachsichtigen Vaters.</p>
+
+<p>Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen,
+fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie
+gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle
+Frage an sie gewagt hatte.</p>
+
+<p>»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf
+Veit Galler.</p>
+
+<p>»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ...
+und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind
+g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst
+hören, Vef ... was i no mein'?«</p>
+
+<p>Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich
+vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm
+empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest
+aufeinander gepreßt.</p>
+
+<p>»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang
+gut und weich. »Leicht<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'.
+Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann
+sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst
+euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei'
+Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad
+das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir,
+kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ...
+wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil
+sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt.
+Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus,
+Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's
+sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist
+zu ihr. Aber es <em class="gesperrt">ist</em> kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und
+kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«</p>
+
+<p>Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der
+Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen
+Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm
+die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander,
+unterbrach ihn aber mit keinem Wort.</p>
+
+<p>»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und
+legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ...
+»wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann
+sein, daß du koa Lieb mehr hast<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> für ihn. Aber er ... <em class="gesperrt">er</em> hat di
+gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen
+nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine
+Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene
+Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und
+oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein'
+Mann. Besinn' dich, daß du sei' <em class="gesperrt">Weib</em> bist und die Mutter von
+seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der
+Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu
+spat ist.«</p>
+
+<p>Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört.
+Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor.</p>
+
+<p>Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und
+dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer
+Veit und sah ihm ernst in die Augen.</p>
+
+<p>»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne
+Schärfe.</p>
+
+<p>»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa
+sein ...«</p>
+
+<p>»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad
+du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich,
+daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit
+... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er
+mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> gib's zu
+... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten
+und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für
+mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef
+entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ...
+dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen
+und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn
+i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ...
+kimmt mir für.« —</p>
+
+<p>Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die
+Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins
+Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p>
+
+<h2>Zwölftes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm.
+Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und
+sprach ihm das Leben ab.</p>
+
+<p>Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang
+das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele
+betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht
+viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig
+verständnislos gegenüber.</p>
+
+<p>Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der
+das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind
+Erleichterung zu verschaffen.</p>
+
+<p>Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser
+Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male
+wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl
+gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren,
+aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie
+es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde
+sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben
+bis zuletzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p>
+
+<p>Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem
+Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit
+ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder
+faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht
+sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich
+verzweifelt gegen den Erstickungstod.</p>
+
+<p>Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen
+des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur
+Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses
+Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll
+umsorgte sie es.</p>
+
+<p>Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte
+unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes
+sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich
+hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm
+ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort
+und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die
+glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte
+es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute
+verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben
+fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre
+Sorge.</p>
+
+<p>Und das machte ihr den Tod leichter ... denn<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> als er kam ... lag sie im
+Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz
+suchend an ihrer Brust.</p>
+
+<p>Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme
+aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann
+legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin
+und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.</p>
+
+<p>Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des
+Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl
+angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben
+seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.</p>
+
+<p>»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und
+wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte
+laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes
+Leid und das Elend seines Lebens.</p>
+
+<p>Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot
+vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr
+an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien
+gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den
+Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu
+der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren
+Schoß.</p>
+
+<p>»Notburg! Notburg!«</p>
+
+<p>Das war alles.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p>
+
+<p>Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef.
+Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem
+Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte
+legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...</p>
+
+<p>Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten
+Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte,
+lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar.
+Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen
+gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen.
+Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße
+Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu
+beten und sie zu ehren.</p>
+
+<p>Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und
+still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken
+Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte
+Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.</p>
+
+<p>Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet
+war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall
+und bei allen überflüssig.</p>
+
+<p>Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln,
+und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das
+kleine Mädele<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie
+nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie
+sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen
+Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen,
+furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen
+schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind
+Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.</p>
+
+<p>Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater
+weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und
+die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch
+so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...</p>
+
+<p>Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die
+Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am
+Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar
+wohl, was dem Mann jetzt not tat.</p>
+
+<p>Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat
+und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte
+und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische
+Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen
+waren.</p>
+
+<p>Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der
+Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum
+andern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p>
+
+<p>»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der
+Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht
+wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh'
+nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat
+no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal
+g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden
+mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl,
+und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ...
+in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir.
+Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«</p>
+
+<p>Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen
+Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden
+Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes
+und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch
+ausgießt.</p>
+
+<p>Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter
+Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit
+ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden
+Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende,
+weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der
+heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und
+fast weihevoll lag ringsum die Natur.</p>
+
+<p>Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> alles ganz genau
+so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als
+Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren
+die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau
+dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche
+kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und
+Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute
+ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann
+mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.</p>
+
+<p>Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit
+dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu
+glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch
+weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte
+drinnen nicht die seinen waren.</p>
+
+<p>Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus
+seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er
+als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der
+Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.</p>
+
+<p>Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren
+Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre
+Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre
+Zukunft zu sprechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p>
+
+<p>Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der
+Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er
+dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden
+Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt
+gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das
+hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.</p>
+
+<p>Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner
+Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden
+sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der
+Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner
+Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.</p>
+
+<p>Und endlich hub der Wastl zu reden an.</p>
+
+<p>»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s
+könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?«</p>
+
+<p>»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und
+nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen
+Gedanken.</p>
+
+<p>»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann
+neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den
+Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen.</p>
+
+<p>»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht
+fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch
+immer zu tragen pflegte. »Kann sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
+
+<p>Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die
+Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr.</p>
+
+<p>»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an
+... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser
+und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als
+müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ...
+i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch
+einmal.</p>
+
+<p>Er konnte sich eine Trennung von der Vef noch immer nicht vorstellen.
+Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das
+ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender
+die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er
+ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto
+widerwärtiger wurde er ihr.</p>
+
+<p>Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen
+bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu
+Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit
+dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach
+Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib
+zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung
+niederrangen und ertöteten ...</p>
+
+<p>Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl
+zurückkamen, da hörten sie, daß<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> die Vef mit ihren beiden Schwestern
+abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft
+seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen.
+Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder.</p>
+
+<p>Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt
+hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg
+in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter
+Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden
+Augen an.</p>
+
+<p>Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit
+wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ...</p>
+
+<p>Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen
+Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr
+ihre Schwester, die Rosina.</p>
+
+<p>Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn,
+der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen
+nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu
+berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht
+mehr in die Heimat zurück wollte.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p>
+
+<h2>Dreizehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Er hatte die Lust am Reisen völlig verloren, der Florian Siegwein.
+Am liebsten wäre er jetzt daheim geblieben bei der Regina und seinem
+kleinen Töchterchen. Der Ärger, den er fortwährend mit der Vef und auch
+mit den übrigen Mitgliedern hatte, verleidete ihm die Freude an seinem
+Unternehmen.</p>
+
+<p>Aber der Florian brauchte Geld, und zwar viel Geld, denn sein Geschäft
+in der Heimat dehnte sich immer mehr aus und verschluckte große Summen.
+Der Florian hatte bauen müssen; denn das Gasthaus war viel zu klein
+geworden für all die fremden Besucher, die nun aus aller Herren Ländern
+in immer reicherer Zahl herbeiströmten.</p>
+
+<p>Ein stattlicher, großer Neubau erhob sich jetzt neben dem alten
+Haus und war mit allem Behagen eines vornehmen Hotels ausgerüstet.
+Bescheiden und unansehnlich wirkte das Holzhaus, das der Kramer Veit
+errichtet hatte, neben dem großen Mauerblock, der weiß und protzig
+dastand und so gar nicht in diese Alpengegend hereinpaßte.</p>
+
+<p>Mit jedem Jahr vermehrten sich die Fremden, und die Bauern im Dörfl
+verstanden ihren Vorteil und richteten sich nach den Bedürfnissen
+der fremden Besucher ein. Wer nur eine überflüssige Stube hatte,
+der verwendete sie als Fremdenzimmer, und drunten<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> im Hauptort des
+Tales hatte sich ein ganz besonders lebhafter Verkehr entwickelt.
+Postkutschen fuhren und Wägen, zweispännige und vierspännige; und
+vornehme Leute hielten sich oft wochenlang in dem Dorfe auf.</p>
+
+<p>Veit Galler aber hatte seinen Kramladen verkauft. Wie der Florian
+Siegwein die Freude am Reisen verloren hatte, so hatte der Kramer die
+Lust an den Fremden eingebüßt. Denn sie brachten einen Ton ins Land,
+der dem Kramer nicht gefallen wollte.</p>
+
+<p>So sehr er früher stolz gewesen war, wenn Fremde die Schönheit
+seiner Heimat staunend bewunderten, so wenig gefiel ihm die tolle
+Ausgelassenheit, der sich manche der Fremden hingaben. Er empfand es
+wie die Entweihung eines Heiligtums, daß man droben im Gasthaus nur
+Tanz und Trunk zu kennen schien, statt sich, wie es vordem doch der
+Fall gewesen war, dem stillen Zauber der Einsamkeit und der Berge
+hinzugeben.</p>
+
+<p>Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen.
+Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige
+Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten
+und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große
+Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr
+als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste
+immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden
+daheim abzahlen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p>
+
+<p>Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen
+er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der
+fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian
+mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner
+anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit
+geworden.</p>
+
+<p>Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef
+wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen
+nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt
+würde.</p>
+
+<p>Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute;
+wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene
+Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche
+Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein
+fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib.
+Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese,
+sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können.</p>
+
+<p>Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib
+körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl
+sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier
+nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte,
+überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein
+frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> ihr bot.
+Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und
+genießen.</p>
+
+<p>Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte
+ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker
+geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die
+Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur
+die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen.</p>
+
+<p>Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen
+die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit
+der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat
+noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten
+fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm
+kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch
+herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da
+denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?«</p>
+
+<p>Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die
+Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die
+Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer
+und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem
+Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof
+und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte
+ihn<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in
+dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem
+Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte.</p>
+
+<p>»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden
+Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian
+blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte
+und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl
+innerlich erbarmte.</p>
+
+<p>»Schau, Wastl ... verlang' dir's nimmer, das Leben!« versuchte der
+Florian den alten Freund zu trösten. »Hast's ja viel schöner daheim.
+I tauschet glei' mit dir, wenn i könnt', und hänget die verflixte
+Singerei auf'n Nagel!« redete er ihm gut zu. Aber der Wastl wollte
+keinen Trost.</p>
+
+<p>»Du ... ja ... Du hast dei' Weib dahoam. Das ist anders!« sagte er
+einfach, aber der Ton schnitt dem Florl ins Herz.</p>
+
+<p>Völlig aufdringlich war der Wastl dem Florian geworden, je näher der
+Tag der Abreise herankam. Wollte absolut mit und lungerte und lauerte
+um den Alpengasthof herum und bat und flehte, sowie er den Florl zu
+Gesicht bekam. Schließlich wurde der Florl grob gegen ihn. Konnte sich
+nicht anders helfen.</p>
+
+<p>»Wenn i dir's sag' ... daß i di nit brauchen kann!« fuhr er den Wastl
+unwirsch an. »Sei do koa Lapp nit! Die Vef will di nit, und i brauch'
+di<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> nit. Hast ja überhaupt koa Stimm' mehr!« sagte er brutal.</p>
+
+<p>Da ging der Wastl, aber nicht hinunter zum Kramer Veit und der Notburg,
+sondern hinaus in das stattliche Dorf im Tal. Dort wußte er von einem
+Mann, der ihm das Gütl vom Göd abzukaufen wünschte. Und der Wastl
+verkaufte sein Heimatl und bekam Geld dafür. Der kleine Martl aber
+mußte hinaus, Bauernknecht machen auf einem fremden Hof, wie es der
+Vater in der Jugend gemußt hatte. Und der Jackl und sein Weib fluchten
+dem Wastl; denn der Wastl hatte ohne Rücksicht gehandelt und sie alle
+obdachlos gemacht.</p>
+
+<p>Der alte Perlmoser wetterte und schrie. Verfluchte alle, die Töchter
+und den Schwiegersohn und den Florian Siegwein und den Kramer Veit.
+Denn dieser war der eigentliche Urheber an allem Leid, das über den
+Perlmoserhof gekommen war.</p>
+
+<p>Ein rüstiger alter Mann, verbissen und innerlich mit allen zerfahren,
+das war der Perlmoser. Und sein Weib, die Perlmoserin, alt und
+gebrochen, legte sich nieder zum sterben. Sie war ehrlich müde geworden
+am Leben und verstand die Zeit und ihren Wandel nicht. War gut für das
+Weib, daß es sterben durfte.</p>
+
+<p>So hatte denn der Jackl wieder ein Heim für sich und die Seinen; denn
+der Vater übergab ihm nun den Hof und ging in den Austrag. Stellte nur
+die eine Bedingung. Niemals dürfe der Jackl den Siegweinischen drüben
+auch nur ein Ei abliefern. Und<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> niemals dürfe er einen Verkehr haben
+mit den Schwestern und mit des Siegweins Leuten. Das versprach der
+Jackl und hielt es auch. — — —</p>
+
+<p>Und abermals waren etliche Jahre vergangen, und droben im Alpengasthof
+feierte man ein Fest. Die Perlmoser Julie hielt Hochzeit, heiratete,
+aber keinen der feinen Herren, die ihre Verehrer waren, sondern einen
+der Sänger, die mit dem Florian gereist waren. Und wollten in der
+Heimat bleiben, die jungen Leute, einen Gasthof auftun, drunten in der
+Nähe der Schlucht, wo die drei Wildbäche ineinanderflossen.</p>
+
+<p>Es ging hoch her bei der Hochzeitsfeier der Julie. War ein halb
+städtisches und halb ländliches Fest. Mehr ein Theater, um den fremden
+Gästen einmal die Gebräuche einer Bauernhochzeit vorzuführen. Es
+fehlten die Verwandten und nächsten Freunde der Braut, und der Florian
+mußte Brautvater und die Regina Brautmutter machen.</p>
+
+<p>In langem Zug zogen sie vom Gasthof herab in die kleine Dorfkirche, und
+die Bauern des Dörfels schauten bei dem eigenartigen Schauspiel zu und
+lachten darüber. Sie lachten über den koketten Aufzug der Braut, die
+sich in ihrer Bühnentracht zur Kirche begab, und viele empörten sich
+über den schamlosen Ausschnitt des schwarzen, samtenen Miederleibchens.
+Aber den Fremden, die in der Hauptsache das Kirchlein füllten, gefiel
+es, und sie hielten die pomphafte Aufmachung für echten Bauernbrauch.</p>
+
+<p>War eigentümlich, wie wenig die Fremden in Wirklichkeit von dem wahren
+Bauerntum in sich aufnahmen.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Sie lebten oft wochenlang unter den
+Bauern, sahen ihre Arbeit und hörten ihre Sprache. Aber von ihren
+wirklichen Sitten, von ihren Gebräuchen und ihrer Art ahnten sie
+nur wenig. Die Bauern blieben verschlossen und mißtrauisch gegen
+alles Fremde und nützten nur ihren Vorteil aus. Waren freundlich und
+erwiderten die Anreden, aber sie sprachen anders wie sonst und über
+Dinge, die dem Bauer eigentlich gleichgültig sind.</p>
+
+<p>Am Abend der Hochzeit hielt der Florian Siegwein zu Ehren des
+Brautpaares einen großen Bauernball ab. Und alle, die da wollten,
+konnten kommen, um mitzutanzen. Es tanzte das Stadtfräulein mit dem
+Melcherknecht vom Alpl droben und der feine Stadtherr mit der derben
+Bauernmagd, und bis zum frühen Morgengrauen dauerte das Fest.</p>
+
+<p>Auch der Stanis hatte sich eingefunden und wirbelte mit affenartiger
+Behendigkeit im tollen Tanz. Es war erstaunlich, wie geschmeidig der
+Melcher trotz seiner vorgerückten Jahre noch geblieben war. Konnte es
+im Schuhplatteln noch immer mit den jüngsten Burschen aufnehmen und war
+rauflustig trotz seines stark ergrauten Bartes wie in jungen Jahren.
+Sie vermieden es noch immer, die jungen Burschen, mit dem Stanis
+anzubandeln; denn sie fürchteten sich, eine Niederlage zu erleiden.</p>
+
+<p>Und heute hatte der Stanis wieder einmal weit über den Durst getrunken.
+War aber trotzdem immer noch standfest auf den Beinen, der kleine Kerl,
+und ließ auch nicht einen einzigen Tanz aus. Und just<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> die feschesten
+Tänzerinnen wählte er sich. Er machte Witze, daß die Damen erröteten
+und die Burschen vor Vergnügen laut gröhlten.</p>
+
+<p>Die Herren aber, die es hörten, ärgerten sich über den ausgelassenen
+alten Kerl und verlangten von dem Florian Siegwein, daß er ihn
+entferne. Dem Stanis gefiel es jedoch so ausgezeichnet auf dem Ball,
+daß er gutwillig gewiß nicht ging. Das wußte der Florian ganz genau und
+war einigermaßen in Verlegenheit, wie er den Stanis losbringen sollte.</p>
+
+<p>Es fand sich keiner der Burschen, der den Stanis mit Gewalt
+hinausgeschmissen hätte. Sie wollten es nicht verderben mit ihm; denn
+sie mochten ihn alle gut leiden und fürchteten seine Rache. Aller List,
+die sowohl der Florian wie auch die Regina anwandten, widerstand der
+Stanis.</p>
+
+<p>Er wünschte diese tolle Nacht voll auszunützen und blieb ... allen
+Bemühungen zum Trotz ... fest auf seinem Posten. Hüpfte und tollte und
+gröhlte und wurde den Damen immer aufdringlicher. Er küßte sie beim
+Tanz ganz ungeniert auf den Mund, gerade so, als ob es eine Bauerndirn
+gewesen wäre; und ganz verliebt tat er mit einer kleinen blonden Frau,
+die ihm besonders gut zu gefallen schien.</p>
+
+<p>Wie eine Klette hing er sich an ihr an, umarmte sie mit tolpatschiger
+Zärtlichkeit und ließ sie nicht mehr los. Und alles Wehren der jungen
+Frau war vergeblich. Auch als sich der Florian, von dem Gatten der Dame
+aufgestachelt, dem Stanis energisch in den Weg stellte, half es nichts.
+Der Stanis parierte<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> dem Florian einfach nicht, frech und unverschämt
+wie ein Junger.</p>
+
+<p>»Mach' di ... du ...« warnte der Stanis und schob den Florian mit einem
+seiner kunstvollen Rauferkniffe, die ihn so unüberwindlich machten,
+beiseite, so daß der stämmige Mann in weitem Bogen in den Saal flog.</p>
+
+<p>»Hast g'nuag iatz ... Florl ... oder magst no oane fangen?« höhnte er
+ihn dann.</p>
+
+<p>Sie standen alle im Kreise um den Rauflustigen, der die junge Frau mit
+dem einen Arm fest umklammert hielt, so daß sie ihm nicht entfliehen
+konnte. Und da viele der Burschen stark angetrunken waren, belustigten
+sie sich über den witzigen alten Kerl, lachten ihm zu und forderten ihn
+noch zum Widerstand auf.</p>
+
+<p>»Recht, Stanis! G'halt dir's lei dei' Weibl!« rief einer.</p>
+
+<p>»Gib ihr a Bussl!« munterte ihn ein anderer auf. Niemand schien ein
+Gefühl für die Lage der Dame zu haben, die ganz verzagt zu weinen
+begann. Daß dieser Spaß so enden würde, das hatten sie sich denn doch
+nicht vorgestellt.</p>
+
+<p>Die meisten Herren und Damen hatten, als die Situation ungemütlich
+wurde, den Saal fluchtartig verlassen, so daß zuletzt nur die
+Bauernburschen mit ihren Dirndeln übrig blieben. Der Gatte der Dame sah
+sich allein und verlassen dem Stanis gegenüber.</p>
+
+<p>»Lassen Sie meine Frau los ... unverschämter<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Kerl!« sagte er zornig.
+Er war jung, stattlich und groß und von vornehmer Herkunft.</p>
+
+<p>Boshaft blinzelte der Melcher aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem
+Herrn empor.</p>
+
+<p>»Ist's leicht dei' Weibl?« höhnte er.</p>
+
+<p>Der Herr gab dem frechen Kerl statt jeder Antwort eine schallende
+Ohrfeige. Das half. Mit einem so jähen Ruck ließ der Stanis sein Opfer
+los, daß die junge Frau taumelnd nach rückwärts fiel und von einigen
+hilfsbereiten Burschen aufgehoben werden mußte.</p>
+
+<p>Der Stanis aber sprang, einer Wildkatze ähnlich, seinen Gegner an.
+Umklammerte ihn und würgte ihn am Hals. Der Fremde wehrte sich mit viel
+Geschick, und der Florian eilte zur Hilfe herbei, dazu noch einige der
+Burschen. Aber der Stanis klammerte sich an den Fremden und hing ihm
+am Halse. Die Püffe und Stöße, die der Stanis nun von allen Seiten
+erhielt, reizten ihn zur höchsten Wut.</p>
+
+<p>Noch nie war es vorgekommen, daß er bei einer Rauferei unterlegen wäre.
+Und daß sie nun alle gegen ihn waren, empfand er als Heimtücke und
+Niedertracht. Er kannte keinen Unterschied des Standes, der Stanis.
+Rauferei blieb Rauferei. Wer auf dem Tanzboden anwesend war, mußte sich
+seine Späße eben gefallen lassen. Und wer das nicht wollte, mit dem
+raufte er halt. Aber die andern sollten ihn in Ruhe lassen und sich
+nicht einmischen. Mit dem hearrischen Tolm wollte er allein fertig
+werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p>
+
+<p>Der Stanis brüllte, außer sich vor Zorn, wie ein wildes Tier, als man
+ihn gewaltsam von dem Herrn zu trennen versuchte. Seine Füße baumelten
+in der Luft, und seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners, daß
+dieser blaurot im Gesicht wurde und hart nach Luft rang.</p>
+
+<p>Und in dieser Angst stieß er den Stanis mit den Füßen und brachte ihn
+zu Fall. Fiel aber über ihn, denn der Kerl ... toll vor Wut ... ließ
+nicht von ihm ab. Und pfauchte und pfiff vor sinnlosem Zorn. Und würgte
+den Hals des Fremden, der schwer über ihm lag. Und der Stanis fühlte,
+wie seine Finger, die sich in den Hals des Gegners gleich Eisenklammern
+einkrallten, gewaltsam gelöst wurden, und in seiner sinnlosen Wut, die
+tierisch und nicht menschlich war, öffnete er den Mund und biß in das
+Fleisch des Gegners.</p>
+
+<p>Ein weher Schrei und dann ein pfauchender Laut und noch ein Biß, und
+Blut quoll aus dem Gesicht des fremden Herrn.</p>
+
+<p>Der Stanis aber ließ von seinem Opfer ab. Er hatte dem Gegner die
+Nase abgebissen, und mit der Tat kehrte ihm die Ruhe wieder und das
+Bewußtsein. Er fühlte aber keine Reue, sondern stolze Genugtuung. Denn
+nun war er trotz der Überzahl der Gegner doch nicht unterlegen.</p>
+
+<p>Und gleich einem Sieger schaute er im Kreise herum, schaute auf die
+angstvoll erschrockenen Gesichter und auf das entstellte blutige
+Antlitz des Fremden. Und lachte ... Lachte ... und ließ sich willig
+und<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> ohne Gegenwehr hinabführen in das stattliche Dorf, wo der Gendarm
+wohnte ...</p>
+
+<p>Als ihn die Richter für seine rohe Tat zu einigen Jahren Zuchthaus
+verurteilten, da lachte der Stanis nicht mehr. Es war das Schlimmste,
+was ihm widerfahren konnte, diese jahrelange Freiheitsberaubung. Und
+es schürte nur noch mehr den Haß, den er in seinem Innern stets gegen
+die fremden Leute gehabt hatte. Aber er bereute seine Tat trotz allem
+nicht.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p>
+
+<h2>Vierzehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war
+es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit.</p>
+
+<p>»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es
+half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an
+die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals
+überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr
+widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse
+in ihrer Nähe weilen.</p>
+
+<p>Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder
+zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu
+Land, solange ihm das Geld ausreichte.</p>
+
+<p>Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst
+ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts
+mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte
+und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich
+ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam
+zurückgezogen.</p>
+
+<p>Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und
+durften auch nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian
+hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz,
+der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war,
+hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine
+Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.</p>
+
+<p>Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute
+in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß.
+Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen
+und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.</p>
+
+<p>Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene
+Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien
+verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte
+tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den
+sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.</p>
+
+<p>Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der
+Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über.
+Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste,
+war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest,
+die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam
+und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde
+Erdreich.</p>
+
+<p>Es war nur noch die Vef übrig von den alten<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Kräften des Florian
+Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und
+war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne
+Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte
+dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst
+erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz
+war.</p>
+
+<p>Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für
+sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem,
+was ihr einst lieb und teuer gewesen war.</p>
+
+<p>Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg.
+Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem
+Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor
+blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche,
+resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der
+den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter
+kam.</p>
+
+<p>In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war
+nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl
+erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde
+es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um
+einen Verdienst umtun.</p>
+
+<p>Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur
+wieder hätte arbeiten dürfen.<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Aber arbeiten war gleichbedeutend mit
+der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus
+Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.</p>
+
+<p>Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der
+großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann
+und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war
+nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu
+sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie
+bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.</p>
+
+<p>Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz,
+um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am
+Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.</p>
+
+<p>Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben
+quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch
+wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen
+Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand,
+die Vef zu stellen.</p>
+
+<p>Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef,
+und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine
+kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz
+allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein
+bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.</p>
+
+<p>So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> wenn die Vef hörte,
+wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig
+in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte
+und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die
+Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm
+in die Heimat zurück ...</p>
+
+<p>Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem,
+rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt
+so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die
+Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig
+niederträufelt.</p>
+
+<p>Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach
+Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und
+Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in
+festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten
+und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.</p>
+
+<p>Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in
+der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die
+Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer
+stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber
+ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden
+Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span></p>
+
+<p>Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl
+noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion
+und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde
+und sich kümmerlich durchbringen müßte.</p>
+
+<p>Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden
+Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen
+hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das
+erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.</p>
+
+<p>Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte
+ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche
+Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie
+ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig
+scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme
+und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat
+nach einer Nachfolgerin für die Vef.</p>
+
+<p>Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef
+sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für
+ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets
+gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das
+seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser
+herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze,
+vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam.<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Voll und reich
+war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene
+Gesicht gleich einer schweren Krone.</p>
+
+<p>Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer
+nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß
+man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine
+einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun
+können.</p>
+
+<p>Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit
+kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine
+Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.</p>
+
+<p>So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes
+reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor
+Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er
+unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine
+Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz
+erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und
+steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.</p>
+
+<p>Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch
+gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der
+Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je
+nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.</p>
+
+<p>Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Hatte ihn gehen
+heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl
+dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken
+ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie
+duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern
+sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug
+kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.</p>
+
+<p>War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut
+und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der
+Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt
+davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.</p>
+
+<p>Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im
+Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der
+Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte
+sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen
+Gehsteig.</p>
+
+<p>Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die
+Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares
+Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große
+Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in
+Falten, als der Wastl auf sie zukam.</p>
+
+<p>»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große,
+derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p>
+
+<p>Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie
+unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte
+sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den
+offen gehaltenen Wagen steigen.</p>
+
+<p>Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...«
+stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig
+stampfte die Vef mit dem Fuße auf.</p>
+
+<p>»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in
+den Wagen und warf den Schlag zu.</p>
+
+<p>»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem
+Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften.</p>
+
+<p>Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder
+gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte,
+traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick
+taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut
+heiß und schwer zu Kopf.</p>
+
+<p>»Pack' dich!«</p>
+
+<p>Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit
+ihr davongefahren.</p>
+
+<p>Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen
+und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er.
+Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren.
+Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem
+anderen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
+
+<p>Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm
+mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden
+Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner
+ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und
+folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.</p>
+
+<p>Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von
+ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter
+dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.</p>
+
+<p>Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb
+ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des
+Hauses gegeben hätte.</p>
+
+<p>Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt.
+Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß
+die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache
+lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch
+immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein
+war und das Wort zur Phrase geworden war.</p>
+
+<p>War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr
+... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen
+Haus.</p>
+
+<p>Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am
+Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span>
+Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er
+an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken
+... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich!
+hatte sie zu ihm gesagt.</p>
+
+<p>Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug
+eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge
+mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber
+achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit
+der Nacht.</p>
+
+<p>Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein
+von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und
+wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar
+nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.</p>
+
+<p>So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke
+graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig,
+fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit
+schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort
+nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so
+dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.</p>
+
+<p>Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben
+war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen
+Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ...
+Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> in seinem Kopf
+herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und
+da drinnen ... ehrlos ...</p>
+
+<p>Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher
+und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem
+steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer
+näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten
+gestanden hatte.</p>
+
+<p>Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler
+des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen
+Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib
+kommen mußte.</p>
+
+<p>Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu
+atmen.</p>
+
+<p>Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor
+dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und
+dort zu schlafen schien.</p>
+
+<p>Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm
+regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit
+ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte
+Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und
+die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und
+machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p>
+
+<p>Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und
+schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die
+Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander
+heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu
+warten hatten.</p>
+
+<p>Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt
+stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste
+in den Taschen des Mantelrocks.</p>
+
+<p>Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und
+sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter
+Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes.</p>
+
+<p>Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich
+ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr
+Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden
+Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander
+und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein
+gereiztes Tier auf das Weib zu springen.</p>
+
+<p>Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu
+sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den
+Schlag zu und stieg auf den Bock.</p>
+
+<p>»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl
+auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter
+Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> ihn nicht; denn der Lärm
+der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn.</p>
+
+<p>Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war.
+Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber.</p>
+
+<p>Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest
+in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte
+Angst.</p>
+
+<p>»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann
+sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut
+schauten, hatten einen fremden, wilden Blick.</p>
+
+<p>»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...«</p>
+
+<p>Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit
+die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?«</p>
+
+<p>Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das
+ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen,
+daß es sie heftig schmerzte.</p>
+
+<p>»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo
+bist g'wesen?«</p>
+
+<p>Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und
+Kälte. Aber sie war nicht feig.</p>
+
+<p>»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden
+Augen an.</p>
+
+<p>Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an
+sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit
+Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p>
+
+<p>»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und
+mei' Weib!«</p>
+
+<p>»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand
+und krümmte sich unter seinem festen Griff.</p>
+
+<p>»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast
+mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...«</p>
+
+<p>»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi
+graust vor dir!«</p>
+
+<p>Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er
+auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne
+zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die
+Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die
+Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht
+seiner Kraft.</p>
+
+<p>Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus.
+Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer
+... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor
+ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu
+sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt.
+Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß
+gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war.</p>
+
+<p>Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch
+die Straßen der Stadt,<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> die sich im frühen Wintermorgen immer mehr
+belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden.
+Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer
+war's in ihm ... trostlos leer.</p>
+
+<p>Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall
+aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins
+Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es
+ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem
+Kranken die Zähne klapperten.</p>
+
+<p>Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos
+und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem
+Tisch der Schenke lag.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p>
+
+<h2>Fünfzehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein
+dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall
+war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden.</p>
+
+<p>Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden
+Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit
+von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal
+zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen
+und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können.</p>
+
+<p>Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian.
+Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel
+gesetzt.</p>
+
+<p>In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins
+Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines
+fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache
+gewachsen.</p>
+
+<p>Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen
+Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein.
+Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus
+errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker
+während der Sommermonate seines Amtes<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> waltete. Eine Kramerei mit
+großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle
+Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte.</p>
+
+<p>Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern
+und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der
+Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer
+Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner
+Aufdringlichkeit die ganze Gegend.</p>
+
+<p>Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren
+Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten
+redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten
+sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem
+gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das
+groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten.</p>
+
+<p>In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese
+geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren
+nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch
+wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben.
+Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu
+finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina.</p>
+
+<p>Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch
+immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte
+sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> war, so
+schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen.</p>
+
+<p>Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina
+war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den
+Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen
+auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin
+gekommen wären.</p>
+
+<p>Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie
+viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere
+Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die
+Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des
+großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht
+doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.</p>
+
+<p>So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war
+einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die
+Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern
+betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden
+Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche
+ließen.</p>
+
+<p>Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die
+Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und
+blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von
+der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau,
+die habgierig<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.</p>
+
+<p>Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie
+hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener
+junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum
+Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.</p>
+
+<p>Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch
+war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger
+Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur
+Bauerschaft und keine zum Handelsmann.</p>
+
+<p>Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten
+nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er
+eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten
+denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts
+aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für
+keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der
+Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm
+der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.</p>
+
+<p>Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen
+großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder
+und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch
+gewesen. Ein richtiger Bauer sollte<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> der Anderl werden, einer, wie es
+der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als
+die Scholle, auf der er stand und arbeitete.</p>
+
+<p>Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber
+er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr
+mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und
+erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.</p>
+
+<p>Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres,
+als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände
+unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus,
+dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und
+träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft,
+die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der
+Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den
+Pflegeeltern Freude zu bereiten.</p>
+
+<p>Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein
+Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu
+und fleißig.</p>
+
+<p>Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers
+und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke
+ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in
+der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden
+Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum
+Kramer Veit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p>
+
+<p>»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ...
+ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no
+verlottern.«</p>
+
+<p>Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren
+nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das
+Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine
+beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt
+gefunden.</p>
+
+<p>Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte,
+wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?</p>
+
+<p>Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen
+Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und
+verglich.</p>
+
+<p>Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach
+Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner
+Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl
+machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden.
+Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe
+entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser
+und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu
+tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den
+drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des
+Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen,
+und das machte ihn hart und unchristlich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p>
+
+<p>Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll
+Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden
+war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn
+er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.</p>
+
+<p>Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein
+halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da
+waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer
+angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht
+gewesen wäre.</p>
+
+<p>Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die
+Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte
+der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das
+gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.</p>
+
+<p>Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil
+gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da
+er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.</p>
+
+<p>Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von
+seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er
+hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina
+jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh
+es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch
+würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht
+hereinbrechen würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p>
+
+<p>Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf
+der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die
+Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts
+wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen
+doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten.
+Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und
+taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der
+ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch
+richtig auszunutzen.</p>
+
+<p>Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen,
+weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.</p>
+
+<p>Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht
+eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten
+nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die
+Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie,
+weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben
+angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk,
+und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit
+verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern
+des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.</p>
+
+<p>Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.</p>
+
+<p>Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Beruf entdeckt zu
+haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein
+wahrer Diener seines Volkes ...</p>
+
+<p>Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das
+Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen
+in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl
+geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und
+trauerte redlich und aufrichtig um ihn.</p>
+
+<p>Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und
+gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte
+Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.</p>
+
+<p>Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das
+Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt.
+Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen
+wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...</p>
+
+<p>Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit
+seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne
+gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie
+einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll
+Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für
+den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges
+Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
+
+<p>Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand
+der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.</p>
+
+<p>Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein
+Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa
+recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten
+die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die
+Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben,
+wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun
+kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir
+recht ... Bua ... Ganz recht.«</p>
+
+<p>Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl
+geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort
+davon. — — —</p>
+
+<p>Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die
+Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran
+dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und
+das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen
+empfangen sollte.</p>
+
+<p>Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes
+ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie
+war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter
+Existenz. — — —</p>
+
+<p>Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> den Anderl zum Priester
+weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und
+Hof.</p>
+
+<p>Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn
+die Regina war bettelarm geworden.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<h2>Sechzehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein
+nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch
+leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache
+genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.</p>
+
+<p>Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte
+sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald.
+Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens,
+die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von
+ihnen beschieden.</p>
+
+<p>Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem
+tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und
+Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und
+verfluchte sich und ihr ganzes Leben.</p>
+
+<p>Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um
+ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die
+Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war,
+lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller
+Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr
+stand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p>
+
+<p>Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ
+sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus
+ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte,
+daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da
+machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest
+ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen
+und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.</p>
+
+<p>Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib
+gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte
+wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef
+noch eine Stellung als Sängerin erreichen.</p>
+
+<p>Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf.
+Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und
+konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem
+sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und
+überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt
+doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.</p>
+
+<p>Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim
+eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es
+um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser
+Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll.
+Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p>
+
+<p>Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und
+inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen
+und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach
+dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur
+zur vermehrten Qual wurde.</p>
+
+<p>Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie
+vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und
+scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf,
+und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte
+sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden.
+Hatte noch Scham in sich trotz allem.</p>
+
+<p>Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein
+verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie
+kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene
+denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl
+... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an
+den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.</p>
+
+<p>Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren
+einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht
+nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.</p>
+
+<p>Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten.
+Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg
+verkommen sei.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p>
+
+<p>Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr
+einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.</p>
+
+<p>Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden
+auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie
+jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ...
+Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und
+auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh
+hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh
+gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte
+liegen dürfen ...</p>
+
+<p>Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen
+Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und
+ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes,
+aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen
+Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und
+versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des
+Leides ein.</p>
+
+<p>In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ...
+endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und
+murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein
+sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von
+jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> nicht mehr.
+Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.</p>
+
+<p>Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie
+lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den
+Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in
+den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid
+... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das
+Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig
+Frömmigkeit.</p>
+
+<p>Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie
+konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend
+nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem
+fremden, flachen Land.</p>
+
+<p>Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende
+Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre
+Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble
+von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten
+Luft.</p>
+
+<p>So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man
+sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und
+beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten
+die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft.
+Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte
+trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p>
+
+<p>Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch.
+Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft
+hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte
+vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine
+geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch
+ein Jahr.</p>
+
+<p>Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er
+sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun
+würde, das wußte die Vef genau.</p>
+
+<p>Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche
+Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn
+er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht
+mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn
+verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte
+halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!</p>
+
+<p>Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der
+Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten
+Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt
+einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es
+in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt.
+Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.</p>
+
+<p>Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die
+Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit
+rauher,<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese
+Weise ihren Unterhalt.</p>
+
+<p>Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch
+absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn
+dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und
+Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute,
+die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten
+Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.</p>
+
+<p>Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig
+zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die
+Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang.
+Abend für Abend.</p>
+
+<p>Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.</p>
+
+<p>Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen
+Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt.
+Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein
+Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht
+gebrauchen.</p>
+
+<p>Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat
+zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann
+wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam.
+Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten
+Zeiten und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem
+Rausch heraus.</p>
+
+<p>Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud
+alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und
+kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und
+ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn
+das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das
+der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.</p>
+
+<p>Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er
+verkehrte, und mochten ihn gut leiden.</p>
+
+<p>Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in
+der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine
+gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.</p>
+
+<p>Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.</p>
+
+<p>Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.</p>
+
+<p>Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des
+Mannes.</p>
+
+<p>Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef
+... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich
+wohl recht verändert hatte ... die Vef ...</p>
+
+<p>Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig
+Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p>
+
+<p>Die Vef ... und wieder in der Heimat ...</p>
+
+<p>Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und
+zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer
+wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat
+weilte.</p>
+
+<p>Und dann sah er sie.</p>
+
+<p>Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und
+spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und
+ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten
+auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der
+Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr
+wehe tun.</p>
+
+<p>Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende
+Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen
+Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin,
+hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die
+Ringe in den Ohren befestigte.</p>
+
+<p>Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte
+die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im
+Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer
+in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und
+müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.</p>
+
+<p>Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt
+hatte. Jetzt reute es ihn, da<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> er sie so elend sah, und er schämte
+sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.</p>
+
+<p>Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?</p>
+
+<p>Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war
+ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von
+einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem
+rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen,
+die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische
+standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben
+und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.</p>
+
+<p>Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein,
+und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für
+gewöhnlich zu verkehren pflegte.</p>
+
+<p>Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte
+ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische
+hinüber, wo die Vef saß und spielte.</p>
+
+<p>Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon
+gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals
+verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der
+Vergangenheit.</p>
+
+<p>Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und
+lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich
+wirken.</p>
+
+<p>Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> geschwunden war,
+und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie
+damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte.
+Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht
+bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die
+Augen und träumte im Wachen.</p>
+
+<p>»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit
+dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit
+da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er
+geärgert hinzu.</p>
+
+<p>Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren
+und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im
+Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die
+dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer
+Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich
+gut, waren aber keine Freunde.</p>
+
+<p>Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des
+Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten
+gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der
+Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen,
+jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er
+schämte sich für ihn.</p>
+
+<p>Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte
+hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef
+war aufgestanden<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen
+haltend, von Tisch zu Tisch.</p>
+
+<p>Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische,
+und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte,
+wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein
+Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.</p>
+
+<p>Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich,
+wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren
+... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ...
+wie damals ...</p>
+
+<p>Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang,
+indem er ihn unwillig anstieß.</p>
+
+<p>»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er
+ärgerlich.</p>
+
+<p>Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und
+umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein
+großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf
+den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.</p>
+
+<p>Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu
+Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen,
+und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da
+begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.</p>
+
+<p>Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Frau und ein tiefes
+Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in
+viele Scherben ...</p>
+
+<p>Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef.
+Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.</p>
+
+<p>Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte
+voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern.
+Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er
+besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da
+und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich
+froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von
+seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten
+kam mit ihr, sie nicht verlassen.</p>
+
+<p>Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern.
+Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal
+gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.</p>
+
+<p>Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich
+und an jedem Abend.</p>
+
+<p>Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker,
+der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm
+vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder
+der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt
+und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und
+sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> es der Vef
+achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton
+weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.</p>
+
+<p>»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!«
+Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier
+einen Brocken Fleisch zuwirft.</p>
+
+<p>Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren,
+beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.</p>
+
+<p>»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich
+auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in
+mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte
+brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals
+flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.</p>
+
+<p>»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.</p>
+
+<p>Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und
+Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde
+stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.</p>
+
+<p>»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig
+besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die
+Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag.
+Der Fremde wieherte laut und trunken.</p>
+
+<p>»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> machst du's einem?« gröhlte
+er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«</p>
+
+<p>Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine
+lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich
+vernehmen konnte.</p>
+
+<p>Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere
+munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.</p>
+
+<p>Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das
+Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich
+zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten.
+Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem
+Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.</p>
+
+<p>»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«</p>
+
+<p>»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand
+gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.</p>
+
+<p>Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen
+und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser
+nicht mehr rühren konnte.</p>
+
+<p>»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte
+ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit
+mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie
+im Ekel.</p>
+
+<p>Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> Kopf vor Wut und
+unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend
+zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.</p>
+
+<p>»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl
+begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch
+nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«</p>
+
+<p>»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste.
+»Dös nimmst z'ruck!«</p>
+
+<p>»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig
+gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er
+verächtlich.</p>
+
+<p>»Du!«</p>
+
+<p>Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und
+würgte ihn.</p>
+
+<p>»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef
+...«</p>
+
+<p>»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«</p>
+
+<p>Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen.
+Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie
+schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden
+trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie
+alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und
+würgte ihn.</p>
+
+<p>Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde
+blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
+
+<p>Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder
+geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.</p>
+
+<p>Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der
+Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich
+erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen
+und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.</p>
+
+<p>Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und
+dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand
+der Nordkette auf.</p>
+
+<p>Weshalb noch weiter leben? Wozu?</p>
+
+<p>Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die
+Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.</p>
+
+<p>Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk,
+das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.</p>
+
+<p>Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von
+den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.</p>
+
+<p>Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der
+Richtung gegen die Stadt zurück.</p>
+
+<p>Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p>
+
+<h2>Siebzehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie
+starb, hatte sie noch eine Freude.</p>
+
+<p>Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten.
+Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.</p>
+
+<p>»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ...
+gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«</p>
+
+<p>»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich
+klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles
+...«</p>
+
+<p>»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau.
+»Alles.«</p>
+
+<p>Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und
+sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.</p>
+
+<p>»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«</p>
+
+<p>Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie
+leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum
+Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p>
+
+<p>»Nix mehr.«</p>
+
+<p>»Und deine Buben ... Vef ...?«</p>
+
+<p>Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie
+mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber
+doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas
+Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden
+Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.</p>
+
+<p>Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn
+noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres
+Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch
+einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und
+lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof,
+die sie damals gewesen war.</p>
+
+<p>Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge
+Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit.
+Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen
+und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem
+kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner
+herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund.
+Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.</p>
+
+<p>»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester
+sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
+
+<p>»Kennst die Gungl?«</p>
+
+<p>»Nein, Vef.«</p>
+
+<p>Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da
+und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den
+Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen
+Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend
+umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in
+weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der
+Schellen von weidendem Almvieh.</p>
+
+<p>Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau
+lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ...
+alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ...
+sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat
+... so kühl und feucht ...</p>
+
+<p>So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht
+viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und
+betete voll Inbrunst am Lager der Frau.</p>
+
+<p>»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach
+Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«</p>
+
+<p>Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände
+wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester
+das Totenlicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
+
+<p>»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit
+lauter, wohltönender Stimme.</p>
+
+<p>Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte
+empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und
+erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.</p>
+
+<p>»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit
+matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein
+der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ...
+und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«</p>
+
+<p>Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das
+Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch
+einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und
+gewaltig und voll Gold ...</p>
+
+<p>Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben
+war, noch eine Pflicht zu erfüllen.</p>
+
+<p>Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder
+hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn
+gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.</p>
+
+<p>»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!«
+hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen.
+Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun
+zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p>
+
+<p>Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein
+Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.</p>
+
+<p>Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie
+diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht
+saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und
+schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und
+große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und
+die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur
+zulässig war.</p>
+
+<p>Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an
+Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren
+begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines
+Heimatstales zurück.</p>
+
+<p>Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht.
+Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat
+fehlte dem Wastl.</p>
+
+<p>»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder
+erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no
+amal. Und i hab's tun <em class="gesperrt">müassen</em>. 's ist gleich iatz!« fügte er
+dann traurig hinzu.</p>
+
+<p>Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der
+Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der
+Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> eine
+Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer
+wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete
+nichts.</p>
+
+<p>Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand,
+um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu
+verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen
+Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.</p>
+
+<p>Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als
+Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal
+gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er
+wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben,
+aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte
+Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.</p>
+
+<p>Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so
+lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er
+sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen
+Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und
+biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der
+Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders
+sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden
+waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des
+Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.</p>
+
+<p>Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der
+Vef verschwiegen, daß mit<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer
+Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien
+war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters
+geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig
+von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte,
+als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.</p>
+
+<p>Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen
+hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten
+große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern
+zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch
+eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt
+gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als
+sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der
+Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen
+Burschen mit Empörung.</p>
+
+<p>Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und
+vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich
+verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer
+veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue
+Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.</p>
+
+<p>Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die
+Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals
+darob<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger
+ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank
+fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.</p>
+
+<p>Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit
+und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten
+Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.</p>
+
+<p>Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar
+bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten
+nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum
+und fühlten sich überall überflüssig.</p>
+
+<p>Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter
+ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche
+Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten
+trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.</p>
+
+<p>Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den
+Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht
+gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da
+zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren,
+und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die
+Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und
+ohne Liebe zur Scholle.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p>
+
+<p>Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des
+alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz
+fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt
+genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.</p>
+
+<p>Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate
+hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern
+von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller
+guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder
+Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche
+Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach
+ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das
+einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte
+der Genuß.</p>
+
+<p>Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer
+Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert
+und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend
+und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser
+Leichtsinn brachte ihm Verderben.</p>
+
+<p>Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache
+herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig
+gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.</p>
+
+<p>»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Lump und koa ordentliches
+Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ...
+das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War
+ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.</p>
+
+<p>Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein
+Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch
+einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.</p>
+
+<p>»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer
+seufzend.</p>
+
+<p>War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und
+fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der
+Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt,
+der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er
+schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer
+wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und
+alle heiligen Eide schwor.</p>
+
+<p>Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte,
+um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs
+Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge
+Lumpereien.</p>
+
+<p>Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen
+Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis,
+das in dem Hauptort des Tales war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p>
+
+<p>Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er
+davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus
+und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden
+mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so
+zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor
+allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte,
+und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.</p>
+
+<p>Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer
+Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die
+barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus,
+waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und
+ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine
+Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und
+war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.</p>
+
+<p>Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen
+neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen
+umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich
+darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig
+im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit
+weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden
+des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p>
+
+<p>In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank,
+auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von
+der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da,
+einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.</p>
+
+<p>Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte
+eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart
+wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten
+die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.</p>
+
+<p>Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und
+sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit
+und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten,
+weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts
+mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen
+die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig
+arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft
+hatte er wohl auch nimmer gar viel.</p>
+
+<p>So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig
+eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte
+er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er
+keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne
+Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde
+dann<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.</p>
+
+<p>Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die
+Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze
+machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker
+droben am Alpl gut leiden konnten.</p>
+
+<p>War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen
+Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle
+Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten
+Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal
+waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter
+die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise
+anbettelte.</p>
+
+<p>Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung,
+bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte
+sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft
+schielenden Augen nach.</p>
+
+<p>So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte
+ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis
+erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins
+Gefängnis eingeliefert hatte.</p>
+
+<p>Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst
+gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl
+einhergegangen<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten
+und zu Boden geschaut.</p>
+
+<p>»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der
+Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er
+damit den Wastl getroffen hatte.</p>
+
+<p>Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende
+Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind
+zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten
+ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.</p>
+
+<p>Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im
+Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort,
+nachdem der Stanis ausgeredet hatte.</p>
+
+<p>Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so
+kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den
+man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem
+Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem
+Zuchthaus heraus.</p>
+
+<p>Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete,
+da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner
+Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe
+er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten.
+Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.</p>
+
+<p>Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> schwarzen Augen zu dem
+Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.</p>
+
+<p>»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen.
+»'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.</p>
+
+<p>Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem
+großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von
+der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.</p>
+
+<p>Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich
+beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und
+zupfte ihn energisch am Arm.</p>
+
+<p>»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a
+bissl ... ha?«</p>
+
+<p>Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug
+er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis
+wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.</p>
+
+<p>Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte
+er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er
+eindringlich hinzu.</p>
+
+<p>»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.</p>
+
+<p>»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah
+er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre
+Manndl herabschaute.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span></p>
+
+<p>»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen
+anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.</p>
+
+<p>»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem
+andern auf.</p>
+
+<p>»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.</p>
+
+<p>Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.</p>
+
+<p>»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist
+do dei' Bua ... dei' Kind ...«</p>
+
+<p>»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«</p>
+
+<p>»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös
+fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz
+mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an
+alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es
+nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A
+Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil
+antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam
+und in der Stadt ... oaner ...«</p>
+
+<p>Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß
+ihn zu Boden.</p>
+
+<p>»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut
+blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«</p>
+
+<p>Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig,<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> daß er sich flink wie
+ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und
+dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs
+empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt
+davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den
+Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so!
+Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«</p>
+
+<p>Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder
+beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen
+aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander
+zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.</p>
+
+<p>Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht
+und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der
+Michl nun ein Zuchthäusler wurde.</p>
+
+<p>Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den
+darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis
+abermals zu ihm in die Gartenecke kam.</p>
+
+<p>Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem
+tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen
+herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ...
+aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.</p>
+
+<p>Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> das Alpl wußte, seine
+kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof
+gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich.
+Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges
+bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel
+und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht
+verstecken sollen.</p>
+
+<p>Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der
+Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des
+Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen
+das Haupttal zu.</p>
+
+<p>Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und
+jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich
+hatte. Damals ...</p>
+
+<p>Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend
+neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er
+schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab'
+denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab'
+nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns
+herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine
+Stimme.</p>
+
+<p>»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn
+nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha?
+Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> hat, wia
+fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht
+fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und
+im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen
+sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen
+ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a
+so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil
+aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan.
+Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt.
+Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö
+verfluachten!«</p>
+
+<p>Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war
+er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon
+immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und
+ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines
+Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne
+Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich,
+und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige
+Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner
+Überzeugung.</p>
+
+<p>»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll
+ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«</p>
+
+<p>Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig
+flackernden Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p>
+
+<p>»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte
+der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr
+derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von
+denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in
+der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das
+große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö
+alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir
+nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil
+a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«</p>
+
+<p>Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht
+recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.</p>
+
+<p>Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der
+Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und
+starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber
+sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit
+langem nicht mehr.</p>
+
+<p>Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn
+bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der
+eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß
+und dessen Ursache.</p>
+
+<p>Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen
+das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span>
+Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.</p>
+
+<p>Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er
+kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er
+zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis
+er triumphierend wieder aufs neue erstand.</p>
+
+<p>Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm
+der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine
+Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen
+Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.</p>
+
+<p>Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war
+das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger
+Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das
+aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen,
+daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen
+lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein
+und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch
+nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher
+Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum
+Lump wurde?</p>
+
+<p>Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die
+Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab
+und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p>
+
+<p>Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat
+für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und
+alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst
+wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben
+nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin
+umherlagerten.</p>
+
+<p>Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte
+der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein
+ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ...
+das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von
+Grund aus vernichtet würde.</p>
+
+<p>War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und
+sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen
+Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen
+hatte.</p>
+
+<p>Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht
+vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und
+jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei
+Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden
+... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann
+erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...</p>
+
+<p>Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein
+Mühlrad in seinem<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten
+mit dem Bösen.</p>
+
+<p>Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis?
+Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung
+unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der
+Martl wirklich noch ordentlich war?</p>
+
+<p>Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der
+Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging
+und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld
+genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche
+Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken
+... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen
+so alten, einfältigen Menschen ...</p>
+
+<p>Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch
+nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel
+außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den
+Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War
+doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel
+besser draußen herumwandern, der Wastl.</p>
+
+<p>Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht
+Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem
+Heu.</p>
+
+<p>Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> zu dürfen! Völlig
+gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl
+mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche
+Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.</p>
+
+<p>Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher,
+ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus,
+sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg
+gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim
+Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben
+aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.</p>
+
+<p>Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So
+eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und
+schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und
+auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.</p>
+
+<p>Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und
+trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals
+betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem
+Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl
+war, sein Bub.</p>
+
+<p>War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann.
+Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und
+merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte.
+Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p>
+
+<p>Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe
+seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute
+sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben
+aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann
+heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.</p>
+
+<p>Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und
+Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange
+warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er
+hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und
+morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...</p>
+
+<p>Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg
+zu dem großen Hotel hinan.</p>
+
+<p>Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem
+Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.</p>
+
+<p>Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel
+sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in
+den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef
+und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...</p>
+
+<p>Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und
+keinen Hunger mehr.</p>
+
+<p>Trinken ... nur trinken ...</p>
+
+<p>Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die
+Kellnerin den alten, geduckten<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie
+seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm
+dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da
+forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.</p>
+
+<p>Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß
+allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische
+und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die
+einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen
+Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie
+sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das
+majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von
+drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.</p>
+
+<p>Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig
+alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man
+ihn gehen hieß.</p>
+
+<p>Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr
+trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und
+stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die
+Luft zu befördern.</p>
+
+<p>Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren
+spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und
+angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> der Wastl so
+hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die
+Kellnerin.</p>
+
+<p>»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!«
+sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«</p>
+
+<p>»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und
+ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ...
+einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein
+Fremder!</p>
+
+<p>»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem
+Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung
+wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich
+lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines
+Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor
+sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen.
+Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig.
+Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und
+höhnisch ihm nachklang.</p>
+
+<p>»Gesindel!«</p>
+
+<p>Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen
+Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der
+Stanis. »Gesindel!«</p>
+
+<p>In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend
+den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span>
+Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der
+hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte
+nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die
+Vef ...</p>
+
+<p>Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.</p>
+
+<p>»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los
+von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.</p>
+
+<p>Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau.
+Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu
+denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken
+in seinem Kopf.</p>
+
+<p>Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten
+... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein
+Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte
+und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann,
+der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel!</p>
+
+<p>Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!«
+Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die
+ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ...</p>
+
+<p>War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich
+betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie
+mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> schon wieder ganz
+nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte
+ihm vom vielen Denken.</p>
+
+<p>Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und
+schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit
+damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und
+vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen
+... damals noch, als die Vef lebte.</p>
+
+<p>Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt
+in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken
+gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht
+immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr
+denken ...</p>
+
+<p>Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig.
+Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der
+Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der
+Wastl ... ganz pfiffig ...</p>
+
+<p>Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo
+die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am
+Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl.</p>
+
+<p>Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels.
+Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit
+... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich
+die Tür auftat und jemand aus dem<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> großen Haus kam und zu dem Hunde
+ging, um ihn zu beruhigen.</p>
+
+<p>War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der
+Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll
+nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ...
+alle ...</p>
+
+<p>Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen
+das große Haus.</p>
+
+<p>»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle
+seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!«</p>
+
+<p>Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig
+tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder
+zornig knurrte, leise und grollend.</p>
+
+<p>Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren
+scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und
+hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für
+die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten.</p>
+
+<p>»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War
+gescheut, der Stanis! Aber feig!</p>
+
+<p>Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig
+von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an.</p>
+
+<p>Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz
+sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören
+konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span></p>
+
+<p>Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft
+hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das
+große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel
+... So war's recht.</p>
+
+<p>Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug
+... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund
+knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen.</p>
+
+<p>Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man
+unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und
+auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und
+leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt.</p>
+
+<p>Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig
+hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es
+so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön
+war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen.</p>
+
+<p>Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig
+... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und
+lächelte schadenfroh.</p>
+
+<p>»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber
+Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle
+miteinander!«</p>
+
+<p>Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> fing das Feuer, daß es
+eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt.</p>
+
+<p>Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln
+Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen
+konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster
+drohende Bergwand.</p>
+
+<p>Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an
+den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber
+sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von
+selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor
+und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und
+brausend im Sturmwind.</p>
+
+<p>Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine
+Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen.</p>
+
+<p>Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben
+konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten.
+Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand
+verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht
+erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze
+feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ...
+Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten
+Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl
+drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> entfesselten
+Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ...
+beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ...</p>
+
+<p>Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz
+gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand
+dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ...</p>
+
+<p>Sie fanden am frühen Tag einen alten Mann. Der irrte umher in den
+Wiesen und Feldern, barhäuptig und mit schweren Füßen. Sein Gesicht war
+gelb und fahl und die dunkeln Augen leer und ohne Seele.</p>
+
+<p>Und er wußte von nichts mehr, und wußte auch nicht mehr, wer er sei.</p>
+
+<p>Der Wastl hatte den Verstand verloren.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p>
+
+<h2> Achtzehntes Kapitel</h2>
+</div>
+
+
+<p>Ein neues Geschlecht war erstanden im Tal. Jene, die damals noch Kinder
+waren, als das Regele von Schande getrieben aus der Heimat flüchtete,
+waren gereifte Männer und hatten Familien gegründet, und etliche von
+ihnen lagen auch schon unter der Erde. Und alle waren sie tot, die
+guten Bekannten von einst. Der alte Perlmoser und der Söllerbauer
+und sein Weib, und auch die Julie, die dann Wirtin geworden war. Die
+Perlmoser Rosina aber blieb verschollen. War nie mehr in die Heimat
+zurückgekehrt. Und auch vom Lois, dem Sohn des Wastl, hatte man wenig
+mehr gehört.</p>
+
+<p>Das Moidele, die das Kind der toten Mena war, wartete und pflegte die
+alten Kramersleute bis zuletzt. War gutmütig und nicht recht gescheut,
+aber dankbar und treu und anhänglich. Und die Regina war gestorben und
+die alte Mutter Notburg.</p>
+
+<p>Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber
+nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle
+dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl,
+den armen Narren.</p>
+
+<p>Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach
+einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und
+lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> zuleide und
+folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf
+draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann
+sterben durfte.</p>
+
+<p>Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina
+war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit
+der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte
+sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und
+fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl
+erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus
+besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen
+Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer
+Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen.</p>
+
+<p>War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen
+und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden
+war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als
+die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und
+der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn
+nur schlecht verbergen.</p>
+
+<p>Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch.
+Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz
+allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im
+Flüstertone.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></p>
+
+<p>Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der
+Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das
+Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War
+still und verträumt und sinnierte viel und einsam.</p>
+
+<p>Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine
+Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm
+er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der
+Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich
+zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot.</p>
+
+<p>Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und
+sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll
+Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen
+war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit
+den strahlenden Augen der Vef.</p>
+
+<p>Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute
+waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der
+Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch
+waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der
+Scholle, der sie entstammten.</p>
+
+<p>Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken
+und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher.
+Und vieles, was<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel
+ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern,
+mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen
+wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler,
+zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten
+auch als Sänger umher.</p>
+
+<p>Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten
+Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste
+im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten
+Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne
+und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte
+Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und
+vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie
+Bauern.</p>
+
+<p>Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die
+Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die
+Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so
+oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und
+sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft.</p>
+
+<p>»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern
+schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen
+in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i
+ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> hab'. Und hab' nit alleweil
+an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen
+an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl
+alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi
+denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt
+mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die
+Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und
+die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit
+derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist.
+Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue
+G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.«</p>
+
+<p>Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon
+leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen.</p>
+
+<p>»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte
+der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten
+ihm leid ... die Menschen.</p>
+
+<p>»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s
+braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch
+über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und
+hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's,
+und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern
+dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat.<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Aufklären hättet's
+müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen
+außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr
+die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so
+gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten
+die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen
+mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl!
+An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan.
+Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.«</p>
+
+<p>Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte
+... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's
+nur?«</p>
+
+<p>Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte
+es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit
+doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und
+die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit
+allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und
+tat ihm weh.</p>
+
+<p>Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit.
+So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl
+gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte.</p>
+
+<p>Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der
+alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer
+Veit.<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der
+Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben
+nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten
+müsse ...</p>
+
+<p>Eine breite Fahrstraße führte vom Tal herauf zu dem neuen Alpenhotel,
+das jetzt am Eingang des Dorfes erbaut worden war. Groß und schön lag
+es da, und sein Bau paßte sich der Gegend dieses Tales an.</p>
+
+<p>Droben aber, an jener Stelle, wo der Wastl das Feuer angelegt hatte,
+stand eine stattliche Kirche. Weiß und freundlich und weit sichtbar
+leuchtete der spitze Turm ins Tal. Und viele kamen, um dort zu
+wallfahrten ...</p>
+
+<p>Auch der Kramer Veit pilgerte dorthin. Fast jeden Tag, wenn die Sonne
+freundlich war und warm. Und wenn es ihm unten im Haus etwas zu lebhaft
+wurde vom reichlichen Kindersegen. War halt schon recht ... recht alt,
+der Veit, und sehnte sich nach Ruhe.</p>
+
+<p>Hatte sein Geschäft in Richtigkeit gebracht, der alte Mann. Ob er's
+auch recht getroffen hatte? Die Bauerschaft mit Vieh und Stall und
+Äckern, das sollte dem Martl gehören, wenn der Veit einmal nimmer war.
+Die Villa aber und alles Geld, das er besaß, dem Andreas Siegwein und
+seiner Schwester.</p>
+
+<p>Ob es so recht war? Gott allein wußte das. Er, der Veit Galler, der
+irrende Mensch, glaubte, daß es so gut sei. Und hatte es oftmals im
+Leben so geglaubt<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> und trotzdem schlecht getroffen. Wie damals, als er
+sich barmherzig um das verlassene Regele angenommen hatte. Und war doch
+alles, was jener Tat entsprang, zum Unheil geworden.</p>
+
+<p>Alles? Nein. Das fremde Büabl, das der Kramer Veit damals auf der
+Kraxen seinem Weibe in brennender Sonnenglut heimgetragen hatte ... das
+war zum Glück gewesen. Für ihn und die Notburg und für alle im Tal.
+Denn alle liebten sie den Priester Andreas Siegwein ... der den Stolz
+des wahren Menschentums erkannte ... barmherzig war und gut.</p>
+
+<p>Veit Galler, der Krämer, aber wartete auf den Tod. Wartete ruhig
+und ohne Bangen ... wie auf einen lieben Freund. Saß droben auf der
+Bank vor der neuen Kirche und ließ die Sonne auf seine alten Glieder
+scheinen. Und sah hinüber zu den fernen Bergen. Hörte ganz matt nur
+mehr und gedämpft das Brausen der drei wilden Gebirgsbäche, die sich
+tief drunten im Tal zusammenschlossen, und fühlte den heiligen Frieden
+dieser Einsamkeit.</p>
+
+<p>Dort, wo seine Villa stand ... da balgten sich die Kinder des Martl in
+den grünen Wiesen. Sie jagten die Kühe und trieben sie im Spiel. Herbst
+war's, und der Martl ackerte im Feld. Ging hinterm Pflug einher, mit
+schwerfälligem Schritt. Und sein junges Weib schritt vor ihm und führte
+den Ochsen. Trug ein helles Tuch überm Kopf als Schutz gegen die Sonne,
+die noch heftig brannte.</p>
+
+<p>Wie wohl sie dem Greise tat, diese wärmende Oktobersonne! Und wie wohl
+der Frieden des Tales.<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> Jetzt waren sie nun abermals fortgezogen ...
+die fremden Gäste ... und geheiligt war das Land.</p>
+
+<p>Mächtig, majestätisch und groß standen die Berge. Und hatten einen
+Wolkenschleier ums Haupt gelegt. Wie eine Krone, aus der weiße
+Eiszacken frei und ungehemmt zum Himmel ragten. Wie eine Krone war's
+... eine silbernschwere leuchtende Königskrone.</p>
+
+<p>Königin Heimat!</p>
+
+<p>Und Veit Galler, der Krämer ... schlief ein, auf der Bank sitzend, die
+vor der neuen Kirche stand, und hatte das Gesicht der Sonne zugewendet.</p>
+
+<p>Und wachte nie mehr auf.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p>
+
+
+<h2 class="nobreak" id="Werke_von_Rudolf_Greinz">Werke von Rudolf Greinz</h2>
+</div>
+
+<div class="bbox"><p class="s3 center"><b>Werke von Rudolf Greinz</b></p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s4 center">In Staackmanns Romanbibliothek</p>
+<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Jeder Band in Ganzleinen</em> RM 3.50</p><br>
+
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Allerseelen</b></em></p>
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+<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Die Stadt am Inn</b></em></p>
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+<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Der Turm des Schweigens</b></em></p>
+<p class="s5 center">Roman. 22. Tausend</p><br>
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Zauber des Südens</b></em></p>
+<p class="s5 center">Roman. 35. Tausend</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s3 center">In Staackmanns Kleinen Geschenkausgaben</p>
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt"><b>Tiroler Bauernbibel</b></em></p>
+<p class="s5 center">Mit Buchschmuck von Hans Pape. 32. Tausend</p>
+<p class="s5 center"> Gebunden RM 2.50</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s4 center">L. Staackmann Verlag in Leipzig</p>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75128 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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