summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-23 10:21:04 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-23 10:21:04 -0800
commit5b11cc4b96f43cf96bfcdaa3064d239e15197f46 (patch)
tree546f2737d7e48c80131c4291984cb69be4daac80
Initial commitHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--75450-0.txt9591
-rw-r--r--75450-h/75450-h.htm10108
-rw-r--r--75450-h/images/363_deco.jpgbin0 -> 2330 bytes
-rw-r--r--75450-h/images/cover.jpgbin0 -> 447863 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
7 files changed, 19716 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/75450-0.txt b/75450-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..a1e5d80
--- /dev/null
+++ b/75450-0.txt
@@ -0,0 +1,9591 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Für die verschiedenen Schriftformen sind folgende Zeichen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~ +antiqua gedruckter Text+
+
+=======================================================================
+
+
+
+
+ Der krasse Fuchs
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Walter Bloem
+
+
+ 47.-49. Tausend
+
+
+ Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
+ von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten.
+ Copyright 1910 by Grethlein & Co. G. m. b. H.
+ Leipzig
+
+
+
+
+ Erstes Buch
+
+
+
+
+ I.
+
+
+Aus hundert blühenden Apfelbäumen strich eine laue Welle Frühlingsduft
+über die morgenflimmernde Chaussee, und aus den Büschen zu beiden
+Seiten schmetterte Nachtigallenjauchzen. Feine Glockentöne waren in der
+Luft.
+
+ »Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,
+ Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!«
+
+zitierte Werner Achenbach und schob seinen Arm in den des neben ihm
+marschierenden Korpsbruders.
+
+»Du hast gut reden,« sagte der. »Bis du mal selbst vors lange Messer
+kommst! Aber ich, siehste! Wer weeß, ob 'ch mei scheenes grades
+Neeschen wieder wer' mit zuricke bring'n!«
+
+»Wie ist dir denn eigentlich zumute, Dammer?«
+
+»Nu, äbens doch e bißchen benaut,« sagte der stämmige kleine
+Dresdener ehrlich. »Wenn's bloß wegen der Senge wäre, nu, das tät'n
+mir schon machen, denk 'ch -- aber daß m'r ooch den Ansprichen eines
+wohlleeblichen C. C. geniegt --«
+
+»Wieso?«
+
+»Nu, bei der ganzen korpsstudent'schen Fechterei kommt's doch eenzig
+und alleene aufs gute Stehen an!« erklärte Dammer, und was sein
+Leibbursch und sein Fuchsmajor ihm im vorigen Semester eingeprägt und
+eingeprügelt durch die Filzmaske hindurch, das setzte er dem »Krassen«
+in längerer Rede auseinander: daß der Hauptzweck der Mensur Erziehung
+zur Standhaftigkeit und Charakterstärke sei.
+
+Werner hörte kaum mehr zu. Er sah den Frühling ringsum, er fühlte
+die Jugend und Freiheit durch alle Glieder rieseln. Schwüler schon
+flimmerte die Maisonne. Blendend flammte die Chaussee; aber das
+strahlende Grün der Laubmassen in den Gärten, sachtes Grüßen der
+schwellenden Waldberge labten das ermüdete Auge. Und aus den lichten
+Büschen hoben sich viele schmucke Landhäuser, streckte sich droben das
+graue Gemäuer des Marburger Schlosses in den sanften Morgenhimmel, und
+zur Linken, wenn einmal die Gärten den Durchlug gestatteten, überflog
+der Blick das breite, gesegnete Tal, durch dessen mattschimmernde
+Fläche die Lahn ein flirrendes Band hindurchwob ... so schön war der
+Frühling noch nie gewesen, selbst damals nicht, als Werner, das rote
+Sekundanerkäppchen auf dem Kopfe, zum ersten Male zwei blonden Zöpfen
+nachgestiegen war ...
+
+Student -- Korpsstudent ... Himmel, das war ja wie ein Traum. Und
+plötzlich riß Werner mit der freien Linken die hellblaue Cimbernmütze
+vom Kopfe, stieß einen wilden, formlosen Jubelschrei aus ...
+
+Nervös zuckte Dammer zusammen. »Nanu? biste verrickt geworden?« Seine
+blassen Nasenflügel zitterten.
+
+»Ach so!« Werner fand es komisch, daß der andere, der Brandfuchs, Dampf
+hatte vor seiner ersten Mensur. Und das war ersichtlich der Fall. Er,
+Werner Achenbach, hätte am liebsten gleich einen Schläger in die Hand
+genommen ...
+
+»Na warte nur, mei Jungchen, wenn du mal erscht den Rummel da draußen
+wirscht kennen!« meinte der Ältere. »Nämlich sehre gemietlich is das
+gerade nich, das kann 'ch dir sagen! Aber nu sei stille, jetzt kommt
+mei Orakel!«
+
+»Dein Orakel?«
+
+»Nu äben! nämlich, hier zur Linken das große weiße Haus, das ist das
+Pensionat Vogt, mußte wissen, un da nämlich, da is meine ~Sonne~
+dadrinne!«
+
+»Deine Sonne?!«
+
+»Nu ja, mei Mädichen nämlich, weeßte, mei sießes Mädichen! Kätchen
+heeßt se, Kätchen Fröhlich ... un wenn ich die jetzt zu sehen krieg,
+weeßte, dann is das e gutes Omen für mei erschte Mensur, verstehste?«
+
+Werner verstand und drückte ein wenig den Arm des neuen Freundes.
+Beide forschten im Schreiten gespannt an der langen Fensterfront des
+Pensionats, ob irgendwo ein Mädchenkopf sich blicken ließe.
+
+Umsonst ... in der frühen Morgenstunde waren alle die Fensterchen mit
+weißen Vorhängen dicht verhüllt.
+
+»Du, was meenste, wenn m'r da mal kennt e bißchen hinterkucken?« meinte
+der Sachse.
+
+Werner erschrak und wurde rot. Er hatte den gleichen Gedanken gehabt,
+aber wie man den Mut und die Schamlosigkeit haben konnte, solch einem
+tempelschänderischen Wunsch Worte zu leihen -- --
+
+Sieh da: an einem der letzten Fenster öffnete sich inmitten der weißen
+Gardinen ein Spalt: ein lieblich verschlafenes Köpfchen lugte einen
+Augenblick hervor -- unter dem Kinn bauschte und knitterte der Vorhang,
+als zögen da zwei Fäustchen das Leinen fest zusammen -- muntere Augen
+spähten einen Moment zum Schloß empor, flogen dann zur Chaussee
+hinunter -- und hui, war alles verschwunden wie weggeweht.
+
+Dammer war zusammengezuckt, hatte ohne Bedenken seine blaue Mütze
+heruntergerissen. Nun preßte er den Arm des Korpsbruders: »Du,
+Achenbach ... hast se gesehen? Das war se! Ach, Kätchen, Kätchen,
+sießestes Mädichen!«
+
+Und dann richtete er sich stramm auf und schlug mit dem
+silberbeschlagenen spanischen Rohr in seiner Rechten einen mächtigen
+Lufthieb. »So, mei gutester Herr Pasche Guestphaliae, nu kenn' Se sich
+meineswegens in acht nähm'!« und dann schmetterte er los:
+
+ »Auch von Lieb umgä'm
+ Ist 's Studentenlä'm,
+ Uns beschitzet Fenus Cipriah,
+ Mäddchen, die da lie'm
+ Und das Kissen ie'm,
+ Waren stets in schwerer Menge da,
+ Aber die da schmacht'n
+ Und bladonisch tracht'n,
+ Ach, die liebe Unschuld tut nur so ...
+ Denn so recht inwend'g
+ Brennts doch ganz unbänd'g
+ Fier den kreizfidelen Studio!«
+
+Werner war ganz still geworden. Dieses plötzlich auftauchende blühende
+Jugendgesicht hatte jählings in ihm aufgewirbelt, was seit seiner
+Ankunft in Marburg, unterm ersten Ansturm der tausend neuen Eindrücke
+des Studentenlebens geschlummert hatte: ein dumpfes, sehnsüchtig-süßes
+Weh ... Und den Anblick des ruhesatten Gesichtchens ergänzte seine
+beutelustige Phantasie durch ein Traumbild der ganzen Erscheinung, die
+der neidische Vorhang verhüllt hatte: da mußte ja ein ganzer, lebender,
+duftender Leib dazugehören, kaum verhüllt vom Nachtgewande -- ein
+Mädchen ... ein junges, junges Weib ...
+
+Da war sie wieder, die tolle Sehnsucht, die ihn so oft gequält in
+seinen drei letzten Schuljahren, auf harten Bänken, im öden Wechsel von
+Mathematik und zerfetzten, mißhandelten und doch unverwüstlichen und
+heimlich aufwühlenden Dichterworten ...
+
+Und im munteren Schreiten summte da die Melodie des alten
+Burschenliedes und die seltsamen Worte in ihm nach:
+
+ »Auch von Lieb umgeben
+ Ist Studentenleben,
+ Uns beschützet Venus Cypria:
+ Mädchen, die da lieben
+ Und das Küssen üben,
+ Waren stets in schwerer Menge da ...
+ Aber die da schmachten
+ Und platonisch trachten ...«
+
+also nicht alle trachteten platonisch?! »die da lieben und das Küssen
+üben«?! Himmel --!
+
+Und seine Seele sprang aufgescheucht und ruhelos in ihm hin und her,
+wie ein Raubtier im Käfig, wenn die Stunde der Fütterung naht.
+
+Indessen hatten die beiden Wanderer die letzten Häuser von Marburg
+hinter sich gelassen und schritten nun munter aus, dem nahen Dörfchen
+Ockershausen zu, wo die Marburger Korps allsamstäglich ihre Mensuren
+schlugen. Noch war vom Ziele nichts zu sehen als der Morgenrauch, der
+in blauen Säulchen über einem Schwall blühender Apfelbäume kräuselte.
+Aber da nun die Chaussee schnurgerade vor ihnen lag, konnten sie sehen,
+daß sie nicht die ersten waren. Vor ihnen marschierten schon, zu zweien
+und dreien, in ganzen kleinen Trupps die Angehörigen der drei Marburger
+Korps: die blaumützigen Cimbern, die hellgrünen Hessen-Nassauer und
+die Westfalen in ihren weißen Sommerstürmern. Und auch von hinten
+klang Geplauder und Lachen. Die ganze Landstraße war betupft von
+bunten Farbflecken: den hellen, schmucken Anzügen, den gleißenden
+Mützen und Bändern der Korpsstudenten, die in den Frühlingsmorgen
+hineinmarschierten, nicht zu fröhlicher Lenzfahrt, sondern zu blutigem
+Turnier.
+
+Dieser Anblick brachte Werner zur Gegenwart zurück und zu dem
+herannahenden Erlebnis dieses Tages. Zum ersten Male sollte sein
+junges Leben Waffen und Blut schauen. Und da befiel ihn denn doch eine
+sachte wachsende Beklemmung. So friedvoll war seine Jugend verlaufen,
+so sturmbehütet im sichern Elternhause, inmitten gleichstrebender
+Freunde, nur den Studien, harmlosen Vergnügungen, vor allem den
+Dichtern gewidmet ... erst die letzten drei Jahre hatten heimliche,
+verschwiegene Ängste und Kämpfe gebracht ... Draußen war immer Friede
+gewesen ... nun war's auf einmal anders geworden -- das Leben kam. Er
+fühlte, wie ihm ganz langsam etwas die Kehle verengerte. Immer mehr,
+ganz leise, aber stetig. Er mußte sprechen, um das Gefühl zu bekämpfen.
+
+»Kommst du zu allererst dran?« sagte er zu Dammer, der auch ganz still
+und etwas fahl geworden war.
+
+»Nunee,« sagte Dammer, »das wär nu doch gerade keene wirdije Eröffnung
+nich fiers Fechtsemester. Zuerst kommt unser Scholz kontra Seydelmann,
+den Ersten von den Nassauern.«
+
+Scholz! bei diesem Namen hatte Werner Achenbach ein unbehagliches
+Gefühl. Ein Gefühl -- ähnlich dem, das er, der zarte, geistige Knabe,
+in der Schule stets den stämmigen Schulkameraden gegenüber gehabt, die
+er in allen Unterrichtsgegenständen leicht und verächtlich hinter sich
+gelassen, während sie ihm beim Turnen und Spielen mit Hohngelächter
+über seine unbeholfenen und schwächlichen Versuche vergolten hatten.
+Scholz! Eine hagere, riesige Gestalt, ein schmales, herrisches
+Gesicht mit scharfen, gebietenden Augen, mit einem Munde, der meist
+zusammengekniffen war, aber auch plötzlich lächeln konnte, flüchtig,
+überlegen, halb mitleidig, halb spöttisch; einem Munde, dessen Lächeln
+etwas Geheimnisvolles hatte ... etwas, das den Knaben Werner abstieß
+und lockte. Scholz! den gefürchteten und für die Füchse unnahbaren
+Senior des Korps -- den sollte er heute fechten sehen ... das konnte
+ein Schauspiel werden. Und bei diesem Gedanken empfand Werner ein
+seltsames Doppelspiel der Empfindungen: jenes physische Mißbehagen
+in der Kehle und zugleich im Herzen ein neugieriges, schauensfrohes
+Jauchzen.
+
+»Gib mal Achtung,« sagte Dammer, »das wird e wiestes Geflitze wer'n,
+das Mensierchen. Der Scholz und der Seydelmann, die haben im vorichten
+Winter schon eemal zusammen gefochten, das war e beeses Gemärsche, das
+kann 'ch dir nur sagen. Damals haben sie ausgepaukt.«
+
+»Ausgepaukt? Was heißt das?«
+
+Dammer erklärte dem Novizen, es gäbe zweierlei Arten von Mensuren:
+Bestimmungsmensuren und Kontrahagen. Bei letzteren sei ein unangenehmes
+Zusammentreffen und demnach eine Forderung vorausgegangen: das sei aber
+unter Korpsstudenten Ausnahme: meist fechte man nur aus Bestimmung,
+das heißt, die zweiten Chargierten der drei Korps kämen zusammen und
+machten untereinander aus, welche ihrer Korpsbrüder gegeneinander auf
+Mensur treten sollten: das seien also lediglich Turniere ohne alle
+persönliche Feindschaft.
+
+Und derjenige Fechter, der allen andern im Seniorenkonvent, also unter
+allen aktiven Korpsstudenten der Hochschule, überlegen sei, den nenne
+man den S.-C.-Fechter. Zwischen Scholz und Seydelmann sei das noch
+unentschieden, und obwohl die Mensur des letzten Winters beide Fechter
+viel Blut gekostet, sei sie doch ohne Entscheidung zu Ende gegangen,
+keinem der Rivalen sei es gelungen, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit
+den andern kampfunfähig zu machen. Nun solle der heutige Morgen gleich
+zu Anfang des Semesters die Entscheidung bringen.
+
+»Ich für mein Teil, weeßte, ich möcht ja schon am liebsten, daß wir
+Cimbern täten den S.-C.-Fechter haben, aber was der Scholz is, das
+hochmietige Luder, weeßte, dem tät 'ch schon genn', daß er mal e paar
+ticht'ge über die Schnauze tät kriegen. Freilich, seine Mädchens, die
+täten scheene traurig sein.«
+
+»Seine Mädchen? Hat er denn mehrere?«
+
+»Nu, der? Hinter ihm sein se doch alle her, wer weeß wie sehr! Von dem
+laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.«
+
+Werner fühlte etwas wie einen Stoß, der von unten, vom Magen her,
+gegen das Herz geführt worden wäre. Was --?! so etwas ... so etwas
+Fürchterliches ... das gab's?!
+
+Da lies ein junger Mann von -- na vielleicht von zwei-, dreiundzwanzig
+Jahren in Marburg umher, trug die Mütze eines Korps, war sein
+gefürchteter und gefeierter Senior, und hatte ...?
+
+»Unehelich: +pelice ortus, spurius, incerto+ oder +nullo patre
+natus+« rezitierte etwas in seinem Innern ganz mechanisch.
+
+Ja, was war denn das für eine Welt, in der ... war denn so etwas keine
+Schande?! Machte denn so etwas nicht verächtlich, unwürdig, unehrlich?!
+
+Werner schauderte. Ein Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit, Heimweh
+überkam ihn. Und dann dachte er wieder an Scholz, an sein ehernes
+Gesicht, sein spöttisch-mitleidiges Lächeln, seinen Herrscherblick.
+»Hinter dem sein se doch alle her --?« Und ... ~so~? ~der~
+kannte das alles, was in Werners Seele seit ein paar Jahren als
+brennendes, verzehrendes Rätsel gärte und wühlte, was in schlaflosen,
+schwülen Nächten seine jungen Glieder umherwarf ... der hatte Mädchen
+umfangen, dem hatte die Schönheit des Weibes sich hingegeben ... und
+von all diesen Erfüllungen gab's Zeugen in Marburg ... kleine Menschen,
+lebende, zappelnde ...?
+
+Ganz verworren marschierte Werner dahin. Beide schwiegen; Erich Dammer
+dachte an seine nahe Mensur und ahnte nicht, was für Stürme in der
+Seele des Jünglings tobten, dessen Arm in dem seinen hing. Er, der
+Großstädter, war früh witzig geworden ... Nur den einen Wunsch hatte er
+an die Zukunft in diesem Augenblick: daß er schon sechs Stunden älter
+sein möchte und alles vorüber ... Er mußte noch einmal anfangen zu
+sprechen und fragte:
+
+»Hast du dir ooch schon e Leibburschen ausgesucht?«
+
+»Nein,« sagte Werner auffahrend. »Ich ... es ist ja wohl noch Zeit ...
+ich bin doch erst zehn Tage in Marburg.«
+
+»Ja, nimm dir nur e bißchen Zeit,« sagte Dammer, »sieh dir se nur e
+bißchen gründlich an, die Herren C. B. C. B. Und vor allem: daß du nu
+nich am Ende gar den Scholz nimmst. Erschtens: er geht balde weg, und
+dann: schlecht tut er sie behandeln, seine Leibfichse, nu ja, die ha'm
+nischt zu lachen.«
+
+Inzwischen waren die Wanderer in das Dörfchen Ockershausen eingerückt.
+Hier umsäumten verschnittene Weißbuchenhecken den Pfad, braune Dächer
+lugten aus dem Grün, manche Häuser standen, aus gelbem Lehmfachwerk
+mit schwärzlichen Balken erbaut, dicht an der Straße, und durch ihre
+breiten Tore und Einfahrten fiel der Blick in die Höfe voll Ackergerät,
+Stallungen und Mist. Dorfkinder lärmten an der Straße, die Jungens auch
+in der Sonnenglut in verschlissenen Pelzmützen, die Mädchen in jener
+schmucken Hessentracht, die Haare nach dem Scheitel zu gestrichen, das
+magere Krönchen von dem bebänderten Rotkäppchen bedeckt. Sie begrüßten
+die lang vermißten Studenten mit einem Freudengeheul und begleiteten
+sie, die Kleinsten, Stolpernden, an der Hand fassend: »Hurra! die
+Cimbern sein widder da! Hurra, die Nassove! Hurra, die schwazze
+Weschtfale!«
+
+Und nun war man am Ziel: dem Wirtshause von Ruppersberg. Ein
+bäuerliches Anwesen, von den andern nur unterschieden durch einen
+Fachwerkbau von zwei Stockwerken, der unten Ställe, oben aber einen
+geräumigen Saal enthielt. Man stolperte eine steile Treppe empor,
+nun sah man links in den Saal hinein, in dem schon Gruppen von
+Korpsstudenten sich ansammelten; rechts zog sich ein Flur, auf den
+niedrige Türen stießen ...
+
+»Willst mal die Flickstub' sehen?« sagte Dammer zu dem Neuling und
+stieß eine der Türen auf. Ein betäubender Dunst von Karbol und
+Jodoform schlug Werner entgegen: er erkannte rechts am Fenster, an
+einem kleinen Tische, eine Gestalt in Hemdsärmeln und schwarzer
+Lederschürze: es war der Paukarzt, ein Mediziner kurz vor dem
+Staatsexamen und inaktiver Korpsbursch der Cimbria, Wichart mit Namen,
+ein gemütlicher, heiterer Marburger. Der stand gebückt und hantierte
+mit einem blinkenden Schwall von merkwürdigen und unheimlichen
+Instrumenten, flachen Schalen, Waschbecken, Flaschen ... nun hob er
+etwas gegen's Licht: es war eine krumme, starke Nadel, wie ein kleiner
+Finger lang, in die fädelte er einen langen Seidenfaden hinein.
+
+Und an der andern Seite stand Scholz, bis an die Hüfte nackt, vor ihm
+Peter, der Korpsdiener der Cimbern, ein gutmütiges Doggengesicht; er
+hatte ein blendend weißes Paukhemd über die Arme gestreift und raffte
+es in Falten, um es dem gestrengen Senior überzustreifen. Werner
+starrte den sonnübergleißten Jüngling an -- der Apoll von Belvedere
+stand vor ihm, oder der Apoxyomenos, und in der Ferne dämmerte die
+Gestalt des leuchtenden Achilleus ... vollkommen schön war dieser
+stählerne Leib gebildet, und darüber das kühne Gesicht, dessen linke
+Seite durch zahlreiche Hiebnarben einen mittelalterlich wilden Ausdruck
+erhalten hatte, während die gänzlich unberührte rechte Seite die
+Idealität eines antiken Kopfes zeigte ... Und da mußte Werner denken,
+wie Dammer gesagt hatte: von dem laufen in Marburg wenigstens drei
+Bälger herum ... und ihm war's, als säh' er an diese Brust, an diese
+Schultern geschmiegt einen Mädchenkopf, einen blonden ... und nun
+war's auf einmal ein schwarzer ... und nun ein rötlich-blonder ... und
+aus den Umarmungen der Schönheit und der Stärke jedesmal entsproß ein
+junges Leben ... doch +pelice natus, spurius, sine patre+ oder
++incerto patre natus+ ...
+
+Aber nun hatte Scholz die Angekommenen bemerkt. »Was habt ihr da zu
+gaffen, Füchse? Schert euch in den Saal!« Beschämt schlichen die beiden
+Jüngeren hinaus, und Werner folgte Dammer in den Fechtsaal.
+
+Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Im bäuerlich getünchten, von
+rechts und links durch je vier Fenster erhellten Saal standen Reihen
+Tische an den Fensterwänden entlang; hinten war das Gemach durch eine
+Schmalwand abgeschlossen; darin war eine Orchesternische eingelassen,
+von deren Fußgestell herab Sonntags die Tanzweisen dörflicher Fiedler
+ertönen mochten. Aber wo sonst die Paare im Reigen sich drehten,
+da wurde nun alles für ein ernsteres Schauspiel bereitet: inmitten
+von buntbemützten Gruppen plaudernder Jünglinge standen zwei in
+Hemdsärmeln, mit einem ungefügen Schurz um die Lenden, der beim
+einen die Farben grün-weiß-blau, beim andern blau-rot-weiß trug --
+im letzteren erkannte Werner den vorläufigen zweiten Chargierten
+seines Korps, den schönen, stämmigen, wangenroten und augenleuchtenden
+Mediziner Willy Klauser. Beide Herren trugen ferner eine hohe,
+steife Halsschutzbinde, gelbe Armstulpen und wüste Mützen mit weit
+vorspringenden Lederschirmen. Es waren die Sekundanten, die eben in
+Gegenwart des Unparteiischen, eines lockigen Westfalen, mit steifem
+Zeremoniell gravitätisch die Mensur abmaßen und durch zwei rücklings
+gegenübergestellte Stühle bezeichneten. Und um sie her stand man
+in Gruppen zusammen, begrüßte sich, umdrängte den bierschleppenden
+bäuerlichen Kellner und entriß ihm die Gläser, um den Nachdurst
+der Spielkneipe und die Hitze des Morgenmarsches zu kühlen. Aber
+die Gruppen der blauen, grünen und schwarzen Mützen hielten sich
+gesondert, und nur ein gelegentliches »Herr Soundso, darf ich mir
+gestatten?« schwirrte über die Klüfte hinüber, so die rivalisierenden
+Völkerschaften der Cimbern, Westfalen und Nassauer trennten. Nun
+schmetterte plötzlich Gelächter: in der Tür erschien ein schmächtiger
+Westfalenfuchs und trug sorgsam unterm Arm einen korbartigen Käfig aus
+Weidenruten, in dem ängstlich ein weißes Huhn gackerte. Das überreichte
+er mit höflich abgezogener Mütze dem Paukarzt der Westfalen mit den
+Worten: das sei das Mensurhuhn. Neues schallendes Gelächter der
+ganzen Versammlung: Werner ließ sich von Dammer erklären, das sei ein
+Fuchsleim, ein uraltüberlieferter Scherz: man habe dem guten Jungen
+eingeredet, er müsse ein Huhn besorgen, aus dessen Fleisch etwaige
+abgeschlagene Nasen sofort ersetzt werden könnten.
+
+Indessen entstand eine Bewegung an der Saaltür: in vollem Mensurwichs,
+durch die breite schwarze Paukbrille häßlich entstellt, betrat den
+Saal der Senior der Hasso-Nassovia, ein vierkantiger, stierschultriger
+Gesell, den mit seidenen Binden dick umwickelten rechten Arm auf die
+erhobenen Hände eines Fuchses gestützt, schritt auf einen der die
+Mensur bezeichnenden Stühle zu, lehnte sich mit dem Gesäß an dessen
+Lehne und ließ mit gemachter Ruhe und Gleichgültigkeit seine aus der
+Paukbrille hervorfunkelnden Augen durch den Saal gleiten. Noch summte
+das Gespräch, etwas leiser, weiter, nur die Zigarren ließen bläuliche
+Kringel über die Versammlung emporsteigen. Aber sachte begann man sich
+doch im Kreise um den Kampfplatz zu scharen, und eine Erregung begann
+und schwoll an, als nun auch die Tür zum Bandagierzimmer der Cimbria
+von innen aufgestoßen wurde und Scholz erschien.
+
+Werner fühlte, wie ein Frösteln ihm durch alle Glieder lief. Vergebens
+suchte er sich an seinen Primanererinnerungen aufzurichten, Bilder
+homerischer Heldenkämpfe in sich heraufzubeschwören: ihm schauderte
+das ungestählte, friedgewohnte junge Herz. Und er vermochte den Blick
+nicht vom Gesichte des Korpsbruders zu wenden: auf der schmalen Wange
+zwischen Paukbrille und Halsbinde flammten jetzt die alten Narben, in
+gebändigter Kampflust flackerten die grauen Augen aus den kurzen Röhren
+der Brille hervor, unter dem weißen Bausch des Paukhemdes meinte man
+alle Nerven sich straffen, alle Muskeln sich anspannen zu sehen.
+
+Nun klangen aus dem Munde der beiden Sekundanten, des Unparteiischen
+ein paar rasche formelhafte Wechselworte, die Werner in seiner Erregung
+nicht verstand; dann vernahm er das Kommando: »Fertig!«, und beide
+Fechter taten, aufgerichtet, den rechten Arm mit der Waffe hoch
+aufgereckt, ein paar feste, schnelle Schritte nach vorn, so daß sie auf
+anderthalb Armlängen einander gegenüberstanden. Die Sekundanten setzten
+rasch von hinten den Fechtern ihre großen Sekundiermützen auf, und
+Klauser kommandierte gelassen: »Los! Halt!« Das war der »Scheingang«;
+die Sekundanten setzten ruhig ihre Mützen wieder auf, kauerten nun wie
+sprungbereite Katzen zur Linken ihrer Paukanten nieder, und abermals
+klang's, aber jetzt heiser und erregt, in die Totenstille hinein:
+
+»Fertig!« -- »Los!«
+
+Und krach, krach, dröhnten drei-, viermal die blechgeschützten Körbe
+der Schläger aneinander, dann klirrte ein doppeltes »Halt!!« und von
+beiden Seiten warfen die Sekundanten die stumpfen Klingen ihrer
+Schläger, ihre stulpgeschützten Arme zwischen die Fechter und trennten
+sie.
+
+»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu
+konstatieren!« rief, Triumph in der Stimme, der Nassauersekundant.
+
+Werner war's blau und schwarz vor den Augen geworden: mit Mühe zwang
+er eine Bewegung seiner Eingeweide nieder, die seinen Mageninhalt
+ausstülpen zu wollen schienen, und sah unverwandt Scholzens Gesicht
+an. Nun fuhr aus dem wirren, dunkelblonden Haar des Seniors ein roter,
+senkrechter Strich über Stirn und Wange, und dann schossen auch gleich
+ganze Bäche Bluts über das Gesicht, röteten das Weiß des Paukhemdes und
+rannen auf den Boden.
+
+»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der
+Unparteiische ruhig, ohne sich vom Platze zu bewegen, und machte
+eine Notiz. Nun kam der Paukarzt Wichart, die Hemdärmel wie ein
+Schlächtergeselle aufgekrempelt, bedächtig heran, einen nassen,
+karbolduftenden Wattebausch in der Hand, untersuchte die Wunde, die
+nun auf der linken Kopfseite als langer, klaffender Spalt durch die
+ganze Kopfhaut sichtbar wurde, fühlte mit dem Zeigefinger hinein und
+machte plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Er sah Klauser an, Klauser
+schüttelte heftig mit dem Kopfe; da zog Wichart die völlig blutbedeckte
+Hand zurück und sagte: »Na, meinetwegen!«
+
+Was, dachte Werner entsetzt: ist das denn jetzt nicht aus? Ihm
+flimmerte alles vor den Augen: er trank hastig einen tiefen Schluck
+Bier. Und wie er den blutüberströmten Kopf da anstarrte, fiel ihm
+wieder ein: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.
+
+Es war nicht aus. Wieder kauerten die Sekundanten nieder, flogen die
+Klingen der Fechter in die Luft, klangen die Kommandos, krachten die
+Waffen zusammen, und abermals nach wenig Hieben dröhnte das »Halt!« der
+Sekundanten, und sieh, nun klaffte Scholzens linke Wange vom Ohr bis in
+die Mitte des Jochbeins. Wieder schoß das Blut hervor, aber kein Fleck
+des Gesichts war mehr weiß, den es hätte färben können.
+
+Und abermals untersuchte Wichart, runzelte bedenklich die Stirn und
+ließ dann doch die Mensur weitergehen.
+
+Als abermals die Klingen in der Luft standen, stieß Dammer den neben
+ihm stehenden Werner an und wies mit den Augen auf Scholzens Klinge:
+die zitterte nervös, wie rachgierig: »Gib acht, jetzt tut er's ihm
+gä'm.«
+
+Kommando, Zusammenkrachen der Waffen, dreimal, dann schneidendes Halt
+der Sekundanten und ein unwillkürlicher Laut aus aller Munde: drei,
+vier Strahlen roten Blutes spritzten meterweit aus der Schläfe von
+Scholzens Gegner über die Mützen und hellen Anzüge der Versammlung.
+Hart über dem Riemen der Paukbrille hatte Scholzens »Durchgezogener«
+dem Gegner das linke Ohr und die ganze Schläfenbreite gespalten. Ohne
+auch nur einen Moment länger hinzusehen, sprang der Hessen-Nassauer
+Paukarzt von hinten mit einem großen Watteballen auf Seydelmann zu,
+bedeckte mit der Watte dessen linke Kopfseite, preßte mit beiden
+Händen den Kopf zusammen, sagte »Raus!«, drehte seinen Patienten herum
+und führte ihn durch den sich öffnenden Schwarm hinaus, während der
+Nassauer-Sekundant in ärgerlichem Tone seinen Paukanten für abgeführt
+erklärte.
+
+Ein schwaches Hohnlächeln um die blutbekrusteten Lippen, von den
+Glückwünschen der Korpsbrüder umringt, verließ nun auch Scholz den
+Saal.
+
+Während aufgeregte Gespräche den weiten Raum durchschwirrten, suchte
+Werner den Weg zur Tür, stolperte die Treppe hinab und ging in den
+Garten, um frische Luft zu schöpfen. Da standen in langen Reihen rohe
+gestrichene Tische und Stühle, Wäsche hing an Leinen, und im Dickicht
+am sonnenflimmernden Bach entlang schmetterten die Nachtigallen; über
+den Wiesen stieg Lerchengetriller in die Luft, und der Jasmin und
+Flieder dufteten um die Wette. Und wieder fiel dem jungen Studenten
+sein Kleist ein:
+
+ »Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme!
+ Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,
+ Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!
+ Die Sonne schimmert rötlich durch die Wolken,
+ Und die Gefühle flattern mit der Lerche
+ Zum heitern Duft des Himmels jubelnd auf!«
+
+Und doch war's ihm, als sei es ein süßes Ding, sich zu schlagen. Doch
+war ihm, als sei alles, was er sich auf seiner Schulbank geträumt, nun
+Leben geworden, als kenne er sie nun wirklich, die düster-herrischen
+Reckengestalten seiner Dichter. Schauder und Liebe rangen in seiner
+Seele, die nun ihren Helden gefunden hatte: ja, er, der reine,
+scheue Knabe, liebte den Jüngling an der Schwelle der Mannesjahre,
+den S.-C.-Fechter, den, von dem »wenigstens drei Bälger in Marburg
+herumliefen« ... liebte ihn mit jener bangen Scheu, mit der er das
+Leben liebte, an dessen geöffneter Pforte er nun plötzlich stand.
+
+-- -- Es war vorüber. Noch acht weitere Mensuren hatten stattgefunden:
+auf die Dielen des Saales hatten die Korpsbrüder mehr als einmal
+Sägemehl streuen müssen, um das geflossene Blut aufzusaugen, und als
+die Schar nach getaner Arbeit gen Marburg aufbrach, da schwamm im Saale
+ein Dunst, aus Schweiß, Blutgeruch, Bier und Tabakrauch gemischt. ...
+Auch Dammer hatte seine ersten Nadeln bekommen im Verlauf eines wenig
+aufregenden Kampfspiels, das sich nicht gar sehr vom Zusammenschlagen
+der Klingen beim festlichen Landesvater unterschieden hatte. Aber
+Achenbach gesellte sich auf dem Heimwege nicht zu ihm. Er wußte es
+einzurichten, daß er beim Heraustreten aus dem Ruppersbergschen Hof an
+Scholzens Seite kam. Scholz trug über seinem fahlen, verschwollenen
+Gesicht einen mächtigen weißen Wickelverband, über den er statt der
+Coleurmütze eine schwarze Mensurkappe gezogen hatte. Er war etwas
+überrascht, als er das schlanke Füchschen neben sich sah. Das stammelte
+errötend seine Bitte, wie ein Liebesgeständnis:
+
+»Scholz, ich möchte dich bitten, mein Leibbursch zu werden.«
+
+»Hm -- sag' mal, ich hab' deinen Namen noch nicht behalten.«
+
+»Achenbach.«
+
+»So ... aus Elberfeld, nicht wahr?«
+
+»Ja.«
+
+»Also, mein lieber Achenbach, ich bleib' nur noch drei Wochen hier ...«
+
+»Nur noch drei Wochen?«
+
+»Ja -- dann werd' ich inaktiv und geh' nach Berlin ... aber für die
+drei Wochen ... gut.« Er hatte einen scharf prüfenden Blick auf das
+Studentlein geworfen. »Also schön ... Leibfuchs Achenbach.« Ein
+Händedruck, ein rasches Verweilen Aug' in Auge, dann war Achenbach
+entlassen, und Scholz gesellte sich zu seinem Sekundanten Klauser.
+
+Eben rasselte eine Kalesche an den Marschierenden vorbei nach Marburg
+zu, drinnen ein paar blasse, verbundene Gesichter; Werner erkannte
+den Bulldoggkopf des Nassauerseniors und sah, daß auch Scholz den
+besiegten Gegner erkannt hatte: mit einem kurzen Anlegen der Hand an
+seine Mensurmütze grüßte Scholz in die Kutsche hinein, aber nicht das
+leiseste Lächeln des Triumphs war auf seinen fest geschlossenen Lippen
+zu entdecken.
+
+Werner hielt sich dicht hinter seinem neuen Idol. Dammer gesellte
+sich zu ihm. Still und etwas müde trotteten beide den Heimweg bei
+sinkender Sonne, deren Abendstrahlen das ruhevolle Tal mit unsäglichem
+Abendfrieden übergoldeten. Oben stand das Schloß noch in vollem
+Glanz; über die Wipfel der Chausseebäume strich sehnsüchtig ziehender
+Schwalbenflug.
+
+Als die heimkehrenden Studenten näher an Marburg herankamen, zogen
+ihnen mancherlei Spaziergänger entgegen: darunter vor allem die
+Primaner und Sekundaner des Gymnasiums, die in den Angelegenheiten der
+Studentenverbindungen manchmal besser Bescheid wußten, als im Sallust
+und Aeschylos: und ferner ... die Sonnen ...
+
+Neugierig durchmusterten die jungen, hübschen Marburgerinnen die
+buntbemützte Schar, und ängstlich spähte manch ein rosiges, blauäugiges
+Gesicht, ob man »Ihn« auch nicht zu schlimm zugerichtet ...
+
+Und Werner dachte: ob wohl auch ihm einmal so ein zartes, schmiegsames
+Figürchen entgegenspähen würde? Dabei fiel ihm ein, daß das ja doch
+nicht sein dürfe, weil sein Herz der Trägerin eines gewissen Paares
+blonder Zöpfe die Treue gelobt hatte ... ach, nur sein Herz ... aber
+die war weit ... weit ... und nie, seit der Tanzstunde, hatte er ein
+Wort mit ihr gesprochen ... und dann, war er nicht jetzt Student?!
+
+ »Aber die da schmachten
+ Und platonisch trachten ...«
+
+Himmel ... konnte man denn solch ein junges, holdseliges Geschöpf
+anders als platonisch ...?
+
+Niemals -- niemals!
+
+Da stieß Dammer Werner an: »Nu gib mal äbens e bißchen Achtung!
+Nämlich, die da links kommt, das is Lenchen Trimpop, Scholzen seine
+jetzige!«
+
+Und da kam in schlichtem, weißem Strohhütchen, in einem hellblauen,
+verwaschenen Kattunkleidchen eine vollerblühte Mädchengestalt ... nie
+hätte Werner es für möglich gehalten, daß so ein junges, liebliches,
+jungfräuliches Geschöpf ... ach, gewiß schwindelte Dammer auch nur!
+Sie glühte über und über, als sie Scholz erblickte: der grüßte sie
+vollkommen wie eine Dame, und sie dankte sittig und zeremoniell. War's
+möglich? Nein -- unmöglich!! Unmöglich!! Und doch --
+
+ »Aber die da schmachten
+ Und platonisch trachten,
+ Ach, die liebe Unschuld tut nur so --«
+
+sang nicht so das alte rauhwuzige Renommistenlied?!
+
+»Du ... nu jetzt kommt äbens meine Sonne!« sagte Dammer und glänzte wie
+ein Gänsefettbemmchen. Er riß die Mütze herunter, und drüben nickten
+die Köpfe von acht Backfischchen, die paarweise zum Spaziergang zogen,
+von einer spinösen Mademoiselle geführt ... »Hast se gesehn? Die gelbe
+war's, die in dem gelben Fähnichen! Ach, Kätchen, sießestes Mädichen!
+Ob sie wohl mei' Kompresse gesehen hat?« --
+
+An diesem Abend betrank sich Werner Achenbach besinnungslos unter der
+Cimbernlinde in Maibowle und Jugendfieber.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte
+keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter
+Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der
+sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben
+an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von
+Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter
+der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke
+lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich
+in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu
+münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade
+da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem
+eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen
+rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und
+schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die
+weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß,
+weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die
+Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe
+das bescheidene Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner
+vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und
+ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der
+frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die
+nun vollchörig den Sonntag einläuteten.
+
+Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein
+geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich
+durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war,
+strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses
+zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des
+Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend
+Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen
+nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen,
+das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die
+kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen,
+geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch?
+Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ...
+Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid,
+aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die
+neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat,
+das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge?
+Was hatte der Kaiser zu sagen, was der Fürst von Reuß ältere
+Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war
+Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein
+Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon
+hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des
+Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz
+der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ...
+
+Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde
+sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von
+Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der
+Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam
+sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig
+prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen
+zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von
+beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor
+sich?
+
+So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man
+mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ...
+
+Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen
+Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben
+vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf
+diesem engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren
+... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen
+Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas
+leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und
+Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ...
+
+Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern
+war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten
+Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern
+zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und
+Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen?
+
+Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm
+zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt
+hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich
+hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen.
+
+Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria!
+
+Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze
+hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das
+neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es
+zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen könnten, in Mütze
+und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling!
+
+Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften
+seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ...
+
+Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu
+hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd,
+oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor
+der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und
+kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ...
+nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ...
+
+Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe
+an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen
+Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke
+nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ...
+
+Oh, er wußte das alles ja noch so gut!
+
+Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den
+befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine
+gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit
+Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit
+ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts
+von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben.
+
+Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht geben lassen.
+Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem
+Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen
+hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und
+Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül
+und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen.
+
+Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit
+seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu
+früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und -- -- nicht in Einigkeit und
+herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ...
+
+Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ...
+hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter,
+verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen
+...
+
+Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen
+in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten
+Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große
+Vorderzähne blitzten -- zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer
+vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem
+Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und
+da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume
+gefunden ...
+
+Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was
+Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den
+Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst,
+alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens
+blonden Scheitel.
+
+Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß
+er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit
+in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des
+Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben
+gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht
+verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes
+Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon
+gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen.
+
+Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr.
+
+Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der
+hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte.
+
+Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund,
+der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos
+verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und die
+Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal
+bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige
+Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie
+gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen
+einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten,
+Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen
+Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder
+ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie,
+oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm,
+daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert
+rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte
+es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien
+immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem
+Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ...
+
+Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte,
+so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke
+der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas
+Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie
+stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend
+Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ...
+
+Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines
+schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim
+Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der
+Schlüssel zum Vorhof des Lebens ...
+
+Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und
+Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und
+Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen
+hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir
+ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird
+einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist
+und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und
+zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen
+genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack
+der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit
+und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre
+deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger
+Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ...
+
+Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...!
+
+Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch
+niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die
+Menschen dazu, etwas anders zu machen, als ihre Väter und Mütter
+es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von
+Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem
+er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ...
+eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll
+Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe
+einsam bleiben und leiden.
+
+Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf
+... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde
+anzuvertrauen ...
+
+Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem
+vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg
+oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des
+vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen
+... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen
+Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler.
+
+Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher
+Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die
+Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er
+mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ...
+
+Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen und suchen müssen ...
+und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und
+Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden
+und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner
+Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ...
+schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen
+Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen -- -- aber seine
+Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn
+mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht
+-- so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in
+seiner einsamen Qual ...
+
+~Und nun?!~
+
+ »Auch von Lieb umgeben
+ Ist Studentenleben«
+
+Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf -- --
+
+Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese
+muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und
+Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer
+Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner
+Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde
+und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und
+Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders, als das blutige
+Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe.
+Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus
+geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man
+auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen
+mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner
+Kommilitonen ...
+
+Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das
+waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von
+Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl
+durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde
+-- --
+
+Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ...
+
+Und da sollte er mittun?
+
+Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen,
+Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior
+der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch
+ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten
+dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze
+blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn
+möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem
+sehnsuchtbebenden Knaben?
+
+Aber eine andere Stimme war in ihm -- das Bild seiner Mutter stieg
+vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder
+unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein
+anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines
+Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an
+die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ...
+in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte
+ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe,
+unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt
+hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan -- -- nein -- rein
+bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch!
+
+Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung!
+ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu
+versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu
+küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu
+pressen mit flatternden Händen --!
+
+Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und
+schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die
+ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die
+leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. --
+
+Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand,
+die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen
+kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum
+Tode fürs Vaterland -- eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner
+fielen die Verse ein:
+
+ »Halten will ich stets auf Ehre,
+ Stets ein braver Bursche sein ...«
+
+Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?!
+Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ...
+aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was
+er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus
+sein ...
+
+Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine,
+überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen
+Wasser, und ihm wurde wohl.
+
+Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in
+sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse
+hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im
+ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und
+marschierten der Elisabethkirche zu.
+
+Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein
+Weckruf des Lenzlebens da draußen drang das hinein in seine Klause.
+Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel
+Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein
+Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen
+Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins
+dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den
+Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend
+wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche,
+nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder
+unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch
+Mann und Weib vereinigt!
+
+Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde,
+nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und
+dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das
+unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens
+geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine
+unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen.
+
+Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne
+in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel
+Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen
+Geschlechts zu stürzen und aus ihm den Himmel der Erfüllung und
+Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an
+ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ...
+
+Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die
+helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er
+sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer
+verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte
+er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus,
+seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte
+er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer
+höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner
+augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen
+der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm,
+als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt
+aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen
+Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit
+tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend
+weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger
+Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings
+um den Leib trug -- denn so wulstig setzte der Rock hoch über den
+Hüften an; unten -- er reichte kaum über die Knie -- säumten ihn zwei
+dunkelgrüne Tuchstreifen, und drunter schauten die drallen Waden vor
+in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen
+Lederpantoffeln -- das war die Tracht -- die derben, verarbeiteten
+und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn
+sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein
+freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus
+harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich,
+verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich
+hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und
+dann still und demütig verschwinden.
+
+Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das
+war ... ja, wer nur?
+
+Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar
+Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches
+Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig
+aufstieg. --
+
+»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die
+Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?«
+
+»Nein, Fräulein ... Rosalie ...«
+
+»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht
+das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« -- Es klang fast
+wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem blühend
+wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von
+uralter Volksherrlichkeit verriet ...
+
+Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein -- hoffentlich
+für mehr als einmal.«
+
+»So? meine Se?«
+
+»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak
+über seine eigene Kühnheit.
+
+»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut --«
+
+»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher,
+wenn Sie wieder draußen sind --«
+
+»Was ich mir dafür kaafe tu!«
+
+Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen,
+blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den
+runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so
+behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was
+er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude
+Morche, Herr Achebach -- un auf gude Freindschaft, gelle?«
+
+Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und,
+was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein
+neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür,
+noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. --
+
+Himmel! die und mit ihm unter einem Dache!
+
+Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür.
+Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr
+... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu
+war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel
+auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel
+... nicht mehr ~ein~ Weib war's, das sie verlangten, sondern
+dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem
+Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten
+heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens,
+war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die
+Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies
+Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer,
+die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt -- und Sättigung
+erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln.
+
+Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria
+... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf
+die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern,
+in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch
+Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant
+mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig
+verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich aus der Einsamkeit
+seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als
+eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse
+entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen,
+in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren
+Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten
+war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und
+Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das
+nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre.
+
+Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern
+Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener,
+dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen
+der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der
+»freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch
+wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen
+Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war
+erlaubt ...
+
+Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die
+deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen
+Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren
+aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer
+kindischen Rivalität und Neidhammelei ...
+
+Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner
+Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der
+ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu
+tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die
+Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit
+dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte,
+welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern
+feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder
+Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber
+und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese
+bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der
+Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister
+mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer
+Lieblinge zu.
+
+Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne
+teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte,
+schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth
+»Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine
+Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen
+vor. --
+
+Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des
+Steinwegs kam Scholzens Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er
+war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm
+statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse
+auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar
+martialisch und reckenmäßig aus.
+
+Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten
+Morgen, Leibbursch!«
+
+Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach
+-- Morgen! Kater?«
+
+»Keine Spur.«
+
+»Wohin?«
+
+»Zur Elisabethkirche.«
+
+»Mädels begaffen?«
+
+»Haha! ja!«
+
+»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.«
+
+»Was? Mit deinen Schmissen?«
+
+»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.«
+
+»Morgen, Leibbursch.«
+
+Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem
+gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab.
+
+Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war
+ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich,
+sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit,
+sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und
+so weit Schwärmer, als sich das mit dem im Korps herrschenden Ton
+vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten
+plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der
+eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte
+wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ...
+
+Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme
+von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben
+setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der
+alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren
+nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der
+evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn
+das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten
+Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther
+und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen
+Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen;
+und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine
+protestantische Predigthalle geworden.
+
+Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen.
+
+Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur
+Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder
+andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am
+Hellgrün erkennen -- beides selbstverständlich, soweit der Teint es
+zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ...
+
+Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke,
+sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte
+einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen
+her kannte -- selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die
+gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser
+um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren
+wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten
+zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck,
+den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen
+Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich
+reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren
+körperlichen Schmerz ...
+
+Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden
+Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes
+Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem
+fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur
+Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da
+wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur
+schönen Adelheid las.
+
+Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte,
+seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas
+anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er
+seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ...
+etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten,
+als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten
+war ...
+
+Was war es denn?
+
+Liebe --?!
+
+Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe?
+
+Oder gab es am Ende nicht nur ~die~ Liebe, sondern Liebe von
+vielerlei Art?
+
+Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen
+seines aufgewühlten Herzens.
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm!
+bumm! bumm! »Herr Achebach!«
+
+Tiefe Stille drinnen.
+
+Bumm! bumm!
+
+»Herr Achebach!«
+
+»Hrrm -- hö -- hm.«
+
+»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm -- bumm!!
+
+»Wa? -- was gibt's -- wer ist denn da?«
+
+»Ich bin's!«
+
+»Wer -- ich?«
+
+»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum
+Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!«
+
+»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!«
+
+»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!«
+
+»Ne, ne, is gut!« -- --
+
+Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle
+Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste
+Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des
+Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen,
+und nun gar früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen
+war -- ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und
+nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden
+schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe -- Zuspätkommen drei Mark -- also
+in Satans Namen -- raus!!
+
+Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das
+Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen
+-- -- so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den
+gemarterten Schädel -- ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider --
+Donnerwetter -- da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte
+er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird
+'ne Buchs' draus! Weste, so -- nun das Band umhängen, aber nicht wieder
+verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr,
+ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt -- so, nun
+rasch einen Schluck Kaffee -- das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im
+Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab,
+trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den
+Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben!
+Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach!
+Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!«
+Himmel, wie war's nur möglich, so viel Bier in einen armen kleinen
+Menschenmagen hineinzuschütten -- --!
+
+Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie
+stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in
+seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht
+zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war -- oder
+gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe?
+Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte
+Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und
+so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer
+freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt
+war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren!
+
+Renoncen -- das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse --
+jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die
+mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos
+strammen Korpszucht unterwarf!
+
+Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte
+alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen,
+wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach
+altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig
+schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den
+Kopf, nun den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten!
+
+Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig
+ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub.
+
+»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und
+herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche,
+alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die
+Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen -- und da
+gab's nichts zu lachen ...
+
+»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort
+zurück in die Parade!«
+
+Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen,
+dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske.
+
+»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal
+abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch
+leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner
+eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und
+Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer
+dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun
+Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den
+Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen!
+
+»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das wollen wir dir schon
+austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den
+Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So,
+jetzt wird's schon besser -- Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken,
+wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!«
+
+Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den
+Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und
+dann ging's zum -- Friseur.
+
+Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer
+gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich
+nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage
+zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen,
+pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken
+und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt
+...
+
+Und dann: »Wo gehst du hin?« -- »Ich? Ins Kolleg.« -- »Was? Ins Kolleg?
+Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner
+wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts
+zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ...
+Kolleg ist für die Minderbegabten ...« -- »Ich gehe aber doch ...«--
+»Na gut, wenn du dir nicht zu schade bist für den Stumpfsinn, den die
+Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.«
+
+Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der
+Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere
+Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen
+Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. -- Werner blieb standhaft;
+wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und
+strebte zur Universität ...
+
+Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen
+Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ...
+
+Im Institutionen-Kolleg vielleicht anderthalb Dutzend Hörer. Der
+Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,«
+begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes,
+vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich
+denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der
+klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener.
+Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit
+typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und
+Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter
+einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese
+sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen
+Rechtsentwicklung ...« und so weiter in dieser Tonart. Die Hörer
+versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen
+Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen,
+verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete,
+ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen
+an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen
+anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen
+aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie,
+eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren
+vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen
+... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen,
+seelenlos und wie zu Seelenlosen ...
+
+Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ...
+aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr,
+das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen
+Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem
+er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern,
+schwimmen, rudern, poussieren ...
+
+Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel
+überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen
+Frühschoppen ...
+
+Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war die +universitas
+litterarum+, das war das ersehnte freie Studium!
+
+Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten
+eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß
+und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein
+dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn
+an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich
+erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit
+sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer
+los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank,
+hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun
+ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den
+verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte:
+»Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne
+(Gymnasium), sag' mal?«
+
+»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.«
+
+»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?«
+
+»Wieso?«
+
+»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?«
+
+Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche:
+jener Korpsbruder dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer
+Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will
+sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und
+nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei
+ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe,
+wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine
+schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen
+und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge
+edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren,
+ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und
+verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon
+hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien,
+brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ...
+Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis
+in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht
+ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen,
+noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen
+Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein
+harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften
+Ulk ...
+
+Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage
+ich die gleichen Farben ... wenn das meine Eltern wüßten, meine
+gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater
+... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte,
+warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen
+gräßlichen Gefahren?!
+
+Aber wozu ihn ~warnen~? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner
+Achenbach, keine ~Gefahr~! -- Und er, der sich brennend nach
+Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem
+käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln,
+was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte,
+gewähren und nehmen ...
+
+Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine
+erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten
+Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des
+jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen
+nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären.
+Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der
+speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und
+scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider
+flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke -- nackt
+und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die
+brüstestarre Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten
+Auge ...
+
+Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den
+gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die
+Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher.
+
+Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem
+Leibburschen.
+
+»Was willst du, Leibfuchs?«
+
+»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.«
+
+»Nanu? Ist was passiert?«
+
+Werner verneinte stumm.
+
+»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.«
+
+»Ich passe nicht zu euch.«
+
+»So -- -- das erklär' mir gefälligst.«
+
+»Das kann ich nicht.«
+
+»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn
+doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht
+entlassen -- in Ehren entlassen.«
+
+»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?«
+
+»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen
+wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das
+wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes
+Korps eintreten und kannst auch im späteren Leben mancherlei
+Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.«
+
+Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer.
+Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon
+manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er
+hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um
+die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt
+und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches
+Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte
+er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen
+leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah,
+schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen
+Spuren inneren Wirbels.
+
+Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel
+zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er
+wissen wollte.
+
+»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du
+dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast,
+da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und
+daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind,
+das stimmt auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen
+... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten
+Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da
+noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was
+willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du
+Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark -- mit sechs- bis
+achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren -- und
+inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen,
+wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir
+auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für
+einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst,
+dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel
+von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen
+bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet
+das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das
+zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube
+für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen
+beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu
+Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein
+paar Monaten tust du's doch! --«
+
+Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl,
+als zöge jener ihn nackt aus und sähe kalt und sicher jedes Fältchen
+seines Leibes und seiner Seele.
+
+»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir.
+Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er
+geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er
+so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum
+Mädel oder -- -- pfui Deuwel! -- -- Ich weiß nicht, ob man dir auch
+schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt
+vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte
+anständige Mädels hergenommen -- Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine
+nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer
+hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die
+armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren,
+ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar
+nicht mehr nach Hause kommen -- und da liegt gerade noch der Brief von
+einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie
+heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt
+nicht. Dann schon lieber nach Gießen.«
+
+»Und ... der Dettmer?«
+
+»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht
+vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur
+huren oder ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?«
+
+»Himmel -- dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten
+... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.«
+
+»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja
+für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig.
+Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst,
+wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher
+liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden
+verzichtest -- wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei
+enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund
+und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus -- das garantiere
+ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du
+hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's,
+wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und
+Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde
+Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« -- -- -- -- -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße.
+
+Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam
+ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles
+erzählen, ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß
+es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater
+... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins
+Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte
+der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig,
+kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet
+und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht
+auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht
+irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel
+herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch
+einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae?
+--
+
+Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen
+Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe?
+
+-- Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa
+seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte
+geworfen. Alles in ihm tobte.
+
+Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett.
+
+»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem
+sinn.«
+
+»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.«
+
+»Darf ich die Zimmern zurecht mache?«
+
+»Nur zu.«
+
+Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den
+Studenten.
+
+Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube -- nur des Jünglings
+hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke
+auf.
+
+Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die
+Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben
+unentweihte Lagerstatt.
+
+»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen.
+
+»Herr Achebach?«
+
+Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die
+Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt.
+
+Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren
+Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und
+Schulter.
+
+Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch,
+stolperte hinaus.
+
+Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend
+weinen.
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe
+Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die
+Geschwister zankten sich.
+
+»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie
+dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich
+noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel
+kriege.«
+
+»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich
+gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein
+Millionär auf d' Welt komme.«
+
+»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon,
+und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die
+alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse
+zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins
+Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll
+erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht,
+mich Medizin studiere lasse.«
+
+»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt
+Markus. Du un e Student! du un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank
+is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst
+immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!«
+
+»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie -- die is
+mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!«
+
+»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir
+die Auge aus auf der offene Straß!«
+
+»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der
+Herr Cimbrefuchs Achebach -- kratz nur -- kratz! Dann weiß der auch
+gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!«
+
+Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich
+verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und
+geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch,
+von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam,
+seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben.
+
+Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen
+aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem
+kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte.
+
+Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln
+und verabschiedete sich plötzlich und verlegen von dem grinsenden
+Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür
+standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien
+immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen
+Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude.
+Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen.
+
+Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm
+ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei
+Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor
+kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so
+zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie
+da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der +filia
+hospitalis+ bei ihm eintraf ...
+
+»Da, Herr Achebach -- fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und
+legte das Paket auf den Tisch.
+
+»Ah -- Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank -- hier
+...« Er zog sein Portemonnaie heraus -- aber ... kein Pfennig fand sich
+vor -- auch nicht einer.
+
+»Himmel -- was haben wir denn heut für'n Datum?«
+
+»De sechsundzwanzigste -- ach so!«
+
+Student und Mädel sahen sich an und mußten lachen, daß ihnen die
+Tränen die Backen herunterliefen.
+
+»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!«
+
+»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!«
+
+»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? -- gibt's nit -- wär auch
+schad um Ihne!«
+
+»So -- finden Sie?!«
+
+»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's
+wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch
+von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?«
+
+Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu,
+wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten.
+
+Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig
+sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben
+-- daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld,
+und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte,
+auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die
+seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost
+einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken
+Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ...
+
+Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und
+verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern
+entziehen. Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich
+nur an die Kommod -- ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm
+vor: »-- -- zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde -- -- zehn, elf, zwölf Paar
+Unnerhose -- -- zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde -- uh, was habe
+Se für schön gestickte Nachthemde!«
+
+Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah,
+lachte sie noch viel stärker.
+
+Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall
+beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als
+Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und
+Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais,
+eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief
+mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand
+in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in
+diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte
+sie ihre Lustigkeit.
+
+»Ah! Zigarette! un sicher gute!«
+
+Ihre Augen funkelten begehrlich.
+
+»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen
+sehen. Doch -- einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen.
+
+»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung
+auf, und eins, zwei, drei hatte sie die Zigarette entzündet. Nach
+ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er
+sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die
+Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf
+dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden
+Lippen.
+
+Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne,
+baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen
+lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein
+Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute.
+
+»Nu?« sagte sie nach einer Weile.
+
+Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine
+Kinnbacken bebten leise.
+
+»So e hübscher Jung -- un so langweilig!« sagte Rosalie.
+
+»Langweilig? finden Sie mich langweilig?«
+
+»Arg,« sagte Rosalie.
+
+Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch
+die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus.
+
+»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd
+zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme
+nehmen -- das war doch bei den andern auch so gewesen ...
+
+Aber Werner drehte sich nicht um, und mit einem mißtönigen Lachen der
+Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen.
+
+Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der
+Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!«
+
+Und auf einmal konnte Werner weinen.
+
+Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ...
+
+Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben
+Zimmer die blonde Babett geweint hatte.
+
+»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen -- und wie
+anders war das Antlitz der Wirklichkeit -- --
+
+Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll
+vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen
+dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und
+Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft,
+aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten
+Freunden ... und die Wirklichkeit?
+
+Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig
+hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine
+Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden
+Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen,
+verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen
+in der von Mensur- und Weibergesprächen ausgefüllten Runde der
+Korpsbrüder -- dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein
+Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und
+abends -- Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier --
+Bier -- Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache,
+doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen
+rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln
+des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von
+dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier -- Bier -- Bier
+...
+
+Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum
+geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ...
+
+Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ...
+
+Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift
+Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins
+Auge schauten.
+
+Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von
+der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der
+Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die
+Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe.
+
+Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als
+müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ...
+aber was dann?
+
+Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er
+sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz
+des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne
+doch! sonnte --
+
+Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte
+ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben
+begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes
+seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden,
+versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle
+Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes,
+der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer
+imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken
+Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den
+historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen,
+wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen
+obskuren Kneipen -- die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren
+und darum für den »Finken« fast unmöglich -- angewiesen auf den Zufall,
+der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen er
+einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt,
+als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem
+Korps getrieben -- --
+
+Nein -- lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit
+der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden,
+damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden
+möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps -- Chargierter werden
+-- Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben
+... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie
+er's auf dem Gymnasium gewesen ...
+
+So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte
+am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem
+Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern.
+
+Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die
+erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen,
+die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch
+trachte, nein, daß recht inwendig ...
+
+Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus
+der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare
+folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren das eine, in
+wildem, dumpfem Neiderhaß das andere.
+
+Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in
+seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar
+Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn
+des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne
+eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter
+seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte
+das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen
+gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden.
+Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam
+gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden
+von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda
+und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der
+akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der
+gleichberechtigten Kommilitonen aus.
+
+Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg
+des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine
+armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen
+semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der
+Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten.
+
+Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien Stunden im Laden
+der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des
+Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern,
+die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die
+Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung,
+die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer
+ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier
+Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das
+Zimmer blieb leer und wartete.
+
+Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer
+sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im
+Laden zu finden.
+
+Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten
+Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit
+Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte
+es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht
+gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum
+Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch
+nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart
+der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl
+mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine
+besondere Genugtuung, den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu
+lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer
+Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon
+sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante
+abzubekommen.
+
+Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder -- schimpfte nur
+selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen
+Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er
+beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ...
+
+Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den
+Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock
+des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese
+Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in
+die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten.
+
+Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische
+Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede
+Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war.
+Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster,
+forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben
+haben?
+
+Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem Pariahaß
+betrachtete -- eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende
+Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ...
+es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer
+von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches
+Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von
+seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen
+gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte,
+dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren
+Leib ...
+
+Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner
+Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete -- mußte sich
+abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen -- den
+Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in
+den weißen Hals des Jünglings zu bohren ...
+
+Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners
+Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in
+seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde
+da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie,
+seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und
+die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf
+einem Schemel hinter dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine
+beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles
+Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte
+von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie
+hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter
+den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor
+Mittag.
+
+Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor
+deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen
+ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die
+Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen
+in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten
+der Cimbria vorüberspazierte -- Klauser hatte das Mädchen, das sein
+ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und
+ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein.
+
+»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne
+diene?«
+
+Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur
+eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde.
+Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln.
+
+Klauser trat heran und zog die Mütze.
+
+»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.«
+
+Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern,
+noch verbergen.
+
+»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein
+werden?«
+
+»Oh, ich denke doch -- und Sie?«
+
+»Ich bin da -- aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.«
+
+»Ach so --« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?«
+
+»Herr Seydelmann.«
+
+»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.«
+
+»Wenn Sie tanzen, komme ich.«
+
+»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!«
+
+Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz
+und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte
+so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe
+zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung
+einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste
+Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten
+diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's
+nur nicht Rosalie war.
+
+Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da
+kam ein anderer Besuch: ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre
+alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich.
+
+»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und
+reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber -- was hast,
+Mädche?«
+
+Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen.
+
+Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß
+dich spreche -- allein muß ich dich spreche -- du mußt mer helfe,
+sonscht --«
+
+»Na, da geh im Zimmer -- ich komm -- nur ebe die Kunde muß ich
+abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.«
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort
+stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die
+alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er
+leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht
+hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun
+oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und
+rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten
+möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte
+nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die
+Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals
+gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop.
+Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es
+knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen
+Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten,
+einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber
+nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche
+Pochen in ihrem armen Leibe ...
+
+»Na, Lenche, was bringst gut's?«
+
+Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend,
+stand Rosalie vor der Freundin.
+
+»Ach, Salche -- ich muß ja sterbe, Salche!«
+
+»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der
+Freundin und umfaßte ihren Leib -- --
+
+Was war das?!
+
+»Lenche --!!«
+
+»Ja, Salche -- das is es --«
+
+»Nit möglich -- Lenche -- wie hast denn das angefange? Na, aber so e
+Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer -- wer --
+von wem hast es denn?«
+
+»Kennst du de Scholz?«
+
+»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?«
+
+Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin.
+
+»De Scholz -- na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch
+mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon
+e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt,
+Lenche?«
+
+»Ach, Salche -- du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en
+kenn! -- Das is einer, Salche -- wenn der dich will, da kannst de nit
+nein sage!!«
+
+Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht
+nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht
+gehen.
+
+»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?«
+
+»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!«
+
+»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder -- der tut mich dotschlage, wenn
+er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un -- oh,
+Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!«
+
+»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche
+Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?«
+
+»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.«
+
+»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange
+verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch
+schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch
+zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!«
+
+»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot
+tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich
+kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?«
+
+»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?«
+
+»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er
+selbstverständlich tät das Kind bezahle -- aber ... heirate will er
+mich nit!«
+
+»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de
+Kopp gesetzt?«
+
+Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was
+redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn
+de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...«
+
+»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr
+wie recht ...«
+
+E dumm Gans! -- Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles
+zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz
+so gar viel Schlipse und Kragen brauchte -- wie er ihr das erste
+Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste
+Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so
+viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der
+armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell -- und dann
+der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach,
+unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der
+Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht -- am andern Morgen
+wollte er in die Ferien reisen, auf zwei Monate fort ... und dieser
+Abschied am Waldrand -- und wie sie sich erst schon losgerissen hatte
+-- und dann doch zu ihm zurück mußte -- zurück in das Waldesdämmern
+... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach
+zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag-
+und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine
+Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten
+Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde,
+Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und
+niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte
+-- daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte -- nein, das war ja
+unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte
+dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus
+aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der
+väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem
+öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er
+angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte
+sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines
+sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde,
+eines Kampfes um Amt und Brot -- -- für sie war er immer ein Gott
+gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er,
+der junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel,
+die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch
+nicht mit Spazierengehen verdiente ...
+
+»So e dumm Gans!«
+
+Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm ~das~ erzählt
+hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und
+sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun
+doppelt heilig ...
+
+Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs
+Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das
+Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie
+das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei:
+den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern
+als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen
+zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den
+Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ...
+
+Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche
+mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht
+in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen.
+
+Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen
+Stimmen und Jugendschritte. Hundegebell erscholl dazwischen,
+Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem
+holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die
+Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen
+Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im
+Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle
+frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher
+roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren,
+die Fürsten dieses Städtchens.
+
+Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den
+Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach
+der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen
+war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der
+Cimbern umsonst -- Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen
+... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten
+Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ...
+
+Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte
+den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau
+betrachtet ...
+
+Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen
+halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner
+linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des ersten
+Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er
+stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen.
+
+»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der
+Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr,
+gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im
+Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte.
+
+Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere
+Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese
+jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in
+Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten.
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die
+Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob
+der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die
+andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches
+Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum«
+bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte,
+war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden,
+der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das
+Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private
+Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die
+Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft
+erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften,
+Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme
+museumsberechtigt.
+
+Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere
+Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen
+und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh,
+dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten.
+
+Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete
+oberste Schichten dieser Hierarchie zu halten hätten, wurde ihnen vom
+Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon
+ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er
+beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen
+dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal
+bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame
+auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte.
+
+Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen
+Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte,
+sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber
+geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu
+tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig
+in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die
+Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein +commercium
+et connubium+ bestand.
+
+Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst
+unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz
+waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren
+pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber
+fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte
+des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem
+Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern.
+
+In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden,
+unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da
+gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne
+flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln
+die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee
+saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den
+ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst
+war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten
+vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten,
+soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf
+den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der
+grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht.
+
+Aber die Studenten! Auf den ersten Blick hatte Werner natürlich seine
+Korpsbrüder erspäht, deren schon eine stattliche Zahl versammelt war.
+Daneben der Tisch der Hessen-Nassauer, deren hellgrüne Mützenreihe so
+lustig leuchtete, wie das junge Lindengrün darüber, und der Tisch der
+Westfalen, die jetzt im Sommer statt der schwarzen Mützen weiße Stürmer
+trugen.
+
+In gewissem Abstande vom S. C. dann die Burschenschaften, violette
+Alemannen und ziegelrote Arminen, und alle die anderen Korporationen,
+deren Nam und Art Werner noch immer nicht ganz sicher beherrschte.
+
+Und an allen Tischen scholl lustiges Geplauder, überall wurden von
+schwitzenden Kellnern Flaschenbatterien angeschleift, überall konnte
+man beobachten, wie in riesigen Steinguttöpfen von sachverständiger
+Hand über die Würzeblättlein des Waldmeisters endlose Moselfluten
+ausgegossen wurden, bis eine Flasche Wachenheimer Schaumwein,
+Kostenpunkt zwei Mark zwanzig Pfennige, dem Gebräu die letzte festliche
+Vollendung gab.
+
+Und zwischen den leuchtenden Farbflecken der Damenkleider, den
+grellbunten der Burschenmützen konnte ein sorgfältiges Auge schon jetzt
+ein geheimes Hinüber und Herüber erkennen, einen Austausch von Blicken
+hin und her -- -- als wären da unsichtbare Drähte gespannt, fluteten
+feine, geheime Ströme hinüber und herüber, hin und her, im Maienhauch,
+unterm leise schwankenden Lindenlaub, getragen von den schaukelnden
+Wogen der Orchestermusik, hinüber, herüber, herüber, hinüber ...
+
+Und Werner empfand das alles im Schauen. Eine große Freudigkeit weitete
+ihm die Brust. Sein erster Ball! Wenn auch nicht im kerzengeschmückten
+Saale, nicht im feierlichen Winterschmuck -- dafür in Sonn' und
+Lindenluft, bei Mückentanz und Amselschlag.
+
+Ach, hinein in diese duftenden Wogen, diese farbigen Fluten -- Leben,
+Jugend, hinein in deine festliche Fülle, hinein, hinein!
+
+Hinein, dorthin, wo lose Locken wehen und helle Augen flackern, wo
+weiche, schmiegsame Mädchengestalten in raschen Rhythmen sich wiegen,
+wo alles Verheißung ist und Sehnsucht und Erfüllung und freigebendes
+Auskosten der gnädigen Stunde! Hinein -- hinein!
+
+Mit souveräner Nasenhebung schritt Werner an den Tischen der Turner
+und Burschenschafter vorbei, mit feierlich abgezogener Mütze an den
+Niederlassungen der Hessen und Westfalen, mit lächelnder, doch auch
+zeremonieller Verbeugung trat er an den Cimberntisch, wo man ihn
+willkommen hieß, nicht mit jugendlich lautem Hallo, sondern mit der
+gemessenen Heiterkeit, welche die Korpsstudenten überall zur Schau
+trugen, wo sie sich beobachtet wußten. Dann setzte er sich zu den
+Mitfüchsen, die ihn, den Rheinländer, als Bowlesachverständigen
+willkommen hießen. Und Werner, eingedenk, wie oft er dem geselligen
+Vater beim Bowlenbrauen hatte helfen müssen, war bald eifrig
+beschäftigt, das Gebräu anzusetzen und, was bei der Waldmeisterbowle so
+wichtig, es abzukosten, ob auch die Kräuter schon genügend »gezogen«
+hätten.
+
+Inzwischen beobachtete er die Korpsbrüder und entdeckte bald die ihm
+schon bekannten Beziehungen. An der Spitze des Tisches saß Scholz,
+eisern, blasiert, gleichgültig: die Damen der Gesellschaft kamen als
+unnahbar für ihn nicht in Betracht ... Aber neben ihm saß Klauser
+... den Ausdruck seines Gesichtes kannte Werner schon, und mit einer
+leichten Linkswendung des Kopfes folgte er den starren, gebannten
+Blicken seines Korpsbruders ... natürlich, da drüben saß ja die schöne
+Marie Hollerbaum, neben einer zarten, grauhaarigen Dame, umringt
+von einer Schar junger Mädchen, wieder in Hellgrün, der Grundfarbe
+Hasso-Nassovias, die dem Cimbernherzen nun einmal fatal war ... Ihr
+Kopf mit dem blumenwippenden Sommerhütchen hing nach vorn über einer
+Häkeltändelei -- aber jetzt -- jetzt hob sie den Kopf, und ein Blick
+blitzte aus umdunkelten Augen unter dem Hutrand hervor, daß Klauser
+den mächtigen Brustkasten dehnte und aufflammenden Gesichts rasch ein
+ganzes Glas Bowle hinunterstürzte.
+
+Und glänzte nicht auch Dammers Bemmchengesicht wie frisch geschmiert?
+Drüben saß ja, in neutrales Weiß gekleidet, das ganze Vogtsche
+Pensionat, anderthalb Dutzend frischester Mädelgestalten, rechts
+und links des Tisches aufgereiht ganz wie zwei Reihen Täubchen auf
+der Stange, sorgsam behütet von den ruhelosen Augen einer unendlich
+gutmütig dreinschauenden Vorsteherin und dem Falkenblick der hageren
+Mademoiselle ... aber »Kätchen, das sießeste Mädichen« zu erspähen
+glückte Werner nicht ... die Kinder sahen alle egal aus ...
+
+Und poussierte nicht auch der biedere Korpsbursch Dettmer heftig
+mit den Augen, obwohl er an der Bowle nicht teilnahm, und vor ihm
+noch immer Rotwein und Selterswasser verräterisch aufgebaut waren?
+Aber auch er, ob er schon das schmutzige Gift aus Gießen noch mit
+sich herumschleppte, ließ seine Blicke zum Vogtschen Pensionate
+hinüberschweifen, und da entdeckte Werner auch gar bald ein
+Madonnenköpfchen voll himmlischer Kinderunschuld, dessen friedvolle
+Augen halb bewußt widerstrebend, halb unbewußt hingebend die Blicke des
+blaubemützten Studiosen auffingen, dessen Gesicht durch die Blässe der
+Krankheit einen Ausdruck von Geist bekommen hatte, der ihm in gesunden
+Tagen fremd war.
+
+Ach, es waren wenige unter den Cimbern, die nicht an irgendeiner Stelle
+des weiten Museumsgartens einen Haltepunkt für ihre Augen, ein Ziel
+ihrer feurigen Blicke gefunden hatten. Die wenigen Unberührbaren aber
+vertieften sich um so eifriger in die Bowle.
+
+Und die Mütter, die Pensionsvorsteherinnen sahen schmunzelnd, friedvoll
+dem Treiben zu. Es war immer so gewesen in Marburg. In ihrer Jugendzeit
+hatten auch sie ganze Generationen von Studenten durchgeliebt ... das
+war nun einmal das Schicksal der jungen Mädchen in einem kleinen
+Universitätsnest, wo der Student die anderen Tänzer und Courmacher
+verdrängte ... schließlich blieb doch einmal einer hängen ... und wenn
+nicht ... dann wurde man eben alte Jungfer ... das sollte ja auch
+anderswo als in Universitätsstädten vorkommen ... mochten sie sich
+doch ihres Lebens freuen, die jungen Dinger ... und wenn auch einmal
+ein paar Rendezvous und Küsse dabei vorkamen ... daran sind wir Alten
+ja seinerzeit auch nicht gestorben ... ernstere Gefahren drohten den
+jungen Damen ja nicht von Studenten ... dafür gab's andere Mädchen ...
+bequemere, gefahrlosere Gelegenheiten.
+
+Und der Tanz begann. Im Nu liefen all die bunten Farbflecke
+durcheinander, flossen hinüber und herüber und mündeten dann in
+einen schmalen Strom, der sich nun mitten zwischen Tischen und
+Menschengruppen hindurch zur obersten Terrasse emporwand, wo unter
+freiem Himmel das niedere bretterne Tanzgerüst aufgeschlagen war. Und
+das krachte nun unwillig unter der Last von Jugend, die sich darüber
+hin ergoß.
+
+Werner hatte nicht engagiert. Er wollte sich's erst mal ansehen. Und
+etwas in ihm jauchzte und frohlockte still und gelassen im Anschauen
+von so viel brünstiger Jugendkraft, so viel festlich aufschäumender
+Lebensfülle.
+
+Er sah dem Tanze zu, sah, wie Klauser Marie Hollerbaum fest im Arm
+hielt und, ein etwas stürmischer, doch sicherer Tänzer, sie durch das
+Gewühl der Paare steuerte; dabei kam's ihm nicht darauf an, dies Paar
+rechts, jenes links beiseite zu schieben oder auch zu stoßen.
+
+Gleichzeitig bemerkte er aber auch, daß derjenige, mit dem Klauser
+morgen den schwersten Gang seines korpsstudentischen Lebens zu bestehen
+haben würde, daß der Hessen-Nassauer-Senior Seydelmann ohne zu tanzen
+beiseite stand und des Gegners Eifer mit unmerklichem Lächeln
+verfolgte.
+
+Aber fest und hingebend lag die schlankerblühte Mädchengestalt in
+Klausers Arm, und Werner wußte, daß auch ihn kein Morgen, kein
+künftiger Kampf gehindert haben würde, das Glück eines solchen
+Augenblickes in sich hineinzutrinken, wenn ... wenn jene hier gewesen
+wäre, nach der ihn auf einmal eine süße Sehnsucht überfallen hatte ...
+jenes einzige weibliche Wesen, das bisher zu seiner Seele gesprochen
+hatte.
+
+Elfriede! Wie ein Heimweh überkam den Zuschauenden der Gedanke. Nein,
+er würde keine »Sonne« haben in Marburg, er würde niemals hier draußen
+das bebende Jauchzen, den wunderverheißenden Ruck am Herzen spüren, den
+ihr Anblick ihm stets gegeben ... niemals das wilde, heilige Glück,
+wie er es daheim empfunden, wenn er sie im Konzert, bei einem Feste
+erkannt, nie den lastenden und dennoch beseligenden Schmerz, wenn er
+sie hatte vermissen müssen.
+
+Elfriede! Das war ihm mehr als ein Name, als das Symbol ihrer Person:
+es war ihm eine Zauberformel ... bei deren Erklingen die innersten
+Pforten seines Herzens weit, weit aufsprangen, auf daß ein Festzug
+einziehe, dem alles folgte, was es Seltenes, Heilig-Herrschendes gab
+auf Erden und in den Himmeln aller Vergangenheiten und kommenden Tage
+...
+
+Aber der Tanz war aus, und um den schauenden Jüngling schwoll nun der
+Strom der Tänzer dem Ausweg zu. Und um ihn herum nichts als glühende,
+tief atmende Mädchenfrätzchen, scherzende, schwitzende Knabengesichter,
+alles hell, alles warm, alles duftend vom Hauch gepflegten, gehüteten
+Jugendlebens, alles brandend, brausend von Heiterkeit und sehnsüchtiger
+Kraft ...
+
+Und wieder klang's in ihm: hinein!
+
+Und als sein Fuchsmajor an ihm vorüberstrich, der hagere Papendieck,
+ein wuschliges Blondköpfchen an seiner Seite in einem weißen
+Spitzenfähnchen, da ließ er sich vorstellen und bat um den nächsten
+Tanz. Mit kecker Neugier musterte ihn die Kleine -- nickte dann dem
+Fuchsmajor den Abschied, zog ihre feuchte Hand aus seinem Arm und sagte
+zu Werner: »Wollen wir gleich hier oben bleiben?«
+
+»Ei, warum denn nicht?«
+
+»Na also! Los!«
+
+Und schon fühlte Werner das Händchen in seinem rechten Arm, fühlte, daß
+sie ihn mit einem leichten Druck rechts herum zog, und da schwenkte er
+denn rasch herum, daß auch sie ein bißchen flog, und lachend trollten
+die beiden in einen von wildem Wein übersponnenen Seitengang hinein.
+
+»Na, also zunächst mal, wie heißen Sie eigentlich?« sagte die Blonde,
+trat ihm gegenüber und musterte ihn nochmals recht eingehend. »Ich hab'
+Ihren Namen bei der sogenannten Vorstellung natürlich nicht verstanden,
+wie immer.«
+
+»Also Achenbach, Werner Achenbach, Cimbriae, +studiosus juris+ aus
+Elberfeld ... und Sie, Fräulein?«
+
+»Ich heiß' Ernestine Buchner, bin aus Siegen in Westfalen und bei Tante
+Vogt in Pension -- nun wissen Sie's!«
+
+»Danke -- also Sie studieren auch hier -- auch erstes Semester?«
+
+»Ne, zweites -- Brandfuchs!«
+
+»Ich bin Krasser --«
+
+»Das weiß ich -- sonst kennte ich Sie ja schon vom Winter her.«
+
+»Was? Kennen Sie denn alle tausend Marburger Studenten?«
+
+»Die Korpsstudenten kennen wir bei Tante Vogt jedenfalls alle und nun
+gar die Cimbern: Frau Vogt ist ja 'ne Alte Dame von Ihnen!«
+
+»So? Das wußte ich ja noch gar nicht.«
+
+»Doch -- ihr verstorbener Seliger, der Sanitätsrat, war Alter Herr von
+Ihrem Korps. Ihr Korps und unsere Pension haben doch überhaupt Kartell
+-- innige und alte Kartellbeziehungen -- wissen Sie das denn nicht?!
+Wie gefällt Ihnen denn dieser Betrieb?«
+
+»Betrieb?« fragte Werner. »Was für ein Betrieb?«
+
+»Na, hier die Hopserei! die Wald-, Wiesen- und Hecken-Hopserei!«
+
+»Ach so, Sie meinen die Reunion? Nun -- seit einigen Minuten -- ganz
+erträglich.«
+
+»Quasseln Sie nich! Komplimente sind bei mir nicht angebracht. Haben
+Sie denn einen Schimmer vom Tanzen?«
+
+»In der Tanzstunde hat der Tanzlehrer mich immer gelobt ...«
+
+»Und seitdem --?«
+
+»Hab' ich bis heute keinen Schritt mehr getanzt.«
+
+»Und wie lange ist das her?«
+
+»Vier Jahre,« sagte Werner etwas kleinlaut.
+
+»Oh, Sie Unglückswurm -- oder vielmehr ich Unglückswurm! -- Na, Kopf
+hoch, ich kriege Sie schon rum. Aber wenn Sie mir aus die Hühneraugen
+treten, dann schmeiß ich mit feuchtem Lehm.«
+
+Etwas verblüfft sah Werner zu dem strammen Figürchen an seiner Seite
+herunter. Sie reichte ihm gerade bis über die Schultern. Ein völlig
+kindliches Gesicht, das Mündchen eines verzogenen Backfischchens,
+und --
+
+»Sie -- schnell, kehrt, marsch, marsch!« rief die Kleine plötzlich
+erschrocken, »da ins Gebüsch!«
+
+»Himmel -- was ist denn los?«
+
+»Mademoiselle kommt! Jedenfalls hat sie beim Abzählen eines von ihren
+Küken vermißt, und nu kommt se und will mich bei de Hammelbeine
+kriegen!«
+
+Und eh' er sich's versah, stak Werner mit seiner »Dame« mitten in einem
+blühenden Jasmindickicht. Draußen spürte die Mademoiselle herum.
+
+»Hier bleiben wir, bis der Tanz losgeht! Ich find's ganz nett hier --
+Sie auch?«
+
+»Ich auch,« sagte Werner, ganz benommen.
+
+»Raum ist in der kleinsten Hütte«, sagte Ernestine pathetisch, »für ein
+glücklich liebend Paar. Glücklich liebend! Hehe! Sie machen gar kein
+sehr glückliches Gesicht! Wollen Sie wohl mal schnell ein glückliches
+Gesicht machen?«
+
+Und dabei hatte sie seine beiden Arme oberhalb der Ellenbogen gepackt
+und schüttelte ihn ganz derb.
+
+Und Werner wurde warm. Das lachende Milch- und Blut-Gesicht vor seiner
+Nase, von lauter feinen Schweißperlchen Stirn und Näschen bedeckt, die
+losen Löckchen, die ihm manchmal kitzelnd ins Gesicht wehten, dies
+dralle Figürchen dicht vor seiner Brust und die Umklammerung der
+festen kleinen Fäuste um seine Arme ...
+
+ »Auch von Lieb umgeben
+ Ist Studentenleben -- «
+
+Schon umspannten seine Hände ihre Taille, er zog sie an sich heran, und
+sie hob ihr Mäulchen seinem Kuß entgegen --
+
+Da schoben sich die Zweige des Bosketts auseinander, und dazwischen
+erschien das gelbe Gesicht der Mademoiselle.
+
+ * * * * *
+
+Die Mademoiselle hatte Werner energisch anbefohlen, ihr und der trotzig
+leise schluchzenden kleinen Westfälingerin einen ordentlichen Vorsprung
+zu lassen. So stak Werner im Boskett und versuchte, sich die Folgen
+dieses Abenteuers auszumalen. Er nahm als gewiß an, daß Frau Vogt, die
+»Alte Dame«, sich beim Korps über ihn beschweren und man ihn dann mit
+Schimpf und Schande hinauswerfen würde.
+
+Wie ein beim Naschen erwischter Köter kroch er tief gesenkten Hauptes
+aus dem Gebüsch und schlich an den Korpstisch zurück.
+
+»Nanu?« rief der lange Papendieck. »Wo hast du denn die kleine
+Siegerländerin gelassen? Eben geht doch der Tanz los?«
+
+Werner wies nur mit stummem Kopfnicken zum Tisch des Vogtschen
+Pensionats hinüber.
+
+»Was? -- eingeheimst? nanu? hast du am Ende gar --?«
+
+Werner hielt es für das beste, dem Fuchsmajor die ganze Sache offen zu
+erzählen. Der lachte übers ganze Gesicht und sah den jungen Fuchs mit
+einem Ausdruck an, dem selbst der unerfahrene Werner entnehmen mußte,
+daß er, Werner, statt einer Korpsstrafe entgegenzugehen, in der Achtung
+seines Erziehers um einige Haupteslängen gestiegen sei.
+
+Aber sein Tatendrang war dennoch vergangen. Und statt abermals um
+eine Tänzerin zu werben, vertiefte Werner sich in die Bowle. Aber
+nicht weichen wollte von ihm ein süßes und neues Gefühl; als er die
+blonde Ernestine an sich gezogen, da hatte er ihre Arme umspannt ...
+O Gott, waren die seltsam weich und kühl gewesen! -- Und als sie
+Brust an Brust vor ihm gestanden, da hatte er an seinem Herzen etwas
+noch viel Weicheres gefühlt ... das wollte nicht fort von ihm, dies
+quälend-entzückende Gefühl ... ihm wurde ganz wirr davon. Und er trank
+unmenschlich. --
+
+Und das Fest ging seinen Gang. Über dem Hin- und Herströmen der
+Tänzerpaare, über den Wirbeln und Verschlingungen ihrer Rundtänze und
+Kontres senkte sich die Nacht. Kühle kam. Hunderte bunter Lampions
+flammten auf. Und immer weiter ging's: Lanciers, Polka, Walzer, Walzer,
+Walzer ...
+
+Röter flammten die Wangen der Burschen, höher atmeten die jungen Brüste
+der Mädchen unter leichten Batisthüllen, doch strenge Sitte, eiserne
+Kavalierspflicht türmte eine trennende Schranke ... und wenn auch das
+eine oder andere Paar sich auf ein paar Minuten in einen Laubengang
+verlor ... mehr als ein paar scheue Küsse forderte auch der Keckste,
+bewilligte die Leichtsinnigste nicht. Kavalier und Dame ... so standen
+sich diese jungen Kinder gegenüber. Und dabei waren fast alle diese
+Jünglinge schon wissend; fast alle hatten sie schon weit, weit abseits
+der Sphären dieser bürgerlichen Wohlanständigkeit, in dunklen, dumpfen
+Lasterhöhlen das Geheimnis des Lebens ergründet ...
+
+Hier aber gaben sie sich als die korrekten, kittelsaubern Gentlemen,
+denn sie trugen die Farben ihrer Couleur, ihres Korps, und die jungen
+Mädchen an ihrem Arme waren Damen ... Damen, deren Reinheit von der
+Pistole bewacht wurde, für deren Unschuld das Leben von Vätern und
+Brüdern bürgte.
+
+Und sie waren ahnungslos. Die Schlimmsten und Schlauesten unter ihnen,
+für die das Storchmärchen Kinderspott, die sich einbildeten, wunder
+wie aufgeklärt zu sein über die Bestimmung der Geschlechter, sie waren
+reine Engel gegen die Jünglinge, zu denen sie aufschauten, die aus dem
+Anschmiegen ihres jungen Körpers, aus dem Duft ihrer holden Wärme das
+süße Gift friedloser Sehnsucht sogen, das so manchen von ihnen spät
+nach dem Tanz in geheime Winkel trieb, wo für ein paar Silberlinge zu
+erkaufen war, was Sitte und Satzung hier dem Sehnenden lockend zeigte
+und dann hämisch aus den Armen riß ...
+
+Auch Werner sehnte sich. Es trieb ihn von dem Zechertisch weg, wo um
+den immer neu aufgefüllten Bowlennapf die Köpfe der Trinkenden immer
+schwerer, die Augen immer stierer wurden ... höher stieg er in den
+Garten, und die leichten Walzermelodien, der Mondflimmer, der das Tal
+mit flutenden Nebeln füllte, der Nachtigallenruf aus den Uferbüschen
+drunten in der Ferne wühlten das Blut in ihm auf, der Wein in seinem
+Hirn, die Erinnerung an jenen Augenblick hastigen Erhaschens verwirrten
+sein Wollen ... Leib und Seele ächzten auf, ihre Sehnsucht schrie
+ineinander: ein Weib ... ein Weib ...
+
+Da, als er fast taumelnd an dem Boskett vorbeischlenderte, in dem
+Ernestine ihm ihre Lippen geboten, vernahm er drinnen ein Geflüster:
+
+»Es ist Zeit für dich, Liebster -- wahrhaftig, es ist Zeit -- schon
+dreiviertel elf ... ich will nicht, daß der greuliche Seydelmann dich
+mir morgen zu arg zurichtet ...«
+
+Und dann eine Stimme, die er kannte:
+
+»Noch einen Kuß, Liebchen -- noch einen Kuß --«
+
+Und eine Stille, ach, eine lange Stille ...
+
+»Willst du mir das Däumchen halten morgen?«
+
+»Aber gewiß!«
+
+»Tu's lieber nicht -- du meinst es nicht ehrlich -- du bist eine
+Hessen-Nassauer-Dame --«
+
+»Mit dir mein' ich's ehrlich --«
+
+»Liebste -- komm -- so -- und so -- und nun -- nun müssen wir gehn!«
+
+»Hast du mich lieb -- Willy?!«
+
+»Du! Marie! Du! -- -- hast du mich auch lieb, Marie?«
+
+»Willy -- Willy ... meiner -- mein Willy!«
+
+»Meine Braut -- meine süße, süße Braut --«
+
+Und da traten sie aus dem Gebüsch, der Klauser und sein blonder Schatz
+... und sie an seinem Arm, so schritten sie dem fernen Lärm des Tanzes
+zu, durch den Mondglast der Berggartenwiese ...
+
+Und Werner war allein ...
+
+Allein? Warum?
+
+Wußte er nicht auch ein paar Arme, die sich ihm auftun, ein paar
+Lippen, die sich ihm nicht versagen würden?
+
+Rosalie! Er sah ihren gewährenden Blick, ihr ermutigendes Lächeln ...
+
+Er hatte eine geheime Angst vor dem wissenden, überlegenen Ausdruck
+ihrer Augen ... aber in dieser Stunde ... sie war ein Weib ... ein Weib
+--!!
+
+Seinen Stock, den er am Bowlentische stehen gelassen -- ein schönes
+Stück, eine Dedikation Dammers -- ließ er im Stich ... er flog nach
+Hause, immer nur von dem Gedanken beseelt, daß er an Rosaliens
+Zimmertür pochen müsse ... mochte dann kommen, was da wolle, er mußte
+anklopfen, er mußte ...
+
+Er zog die Schuhe aus, schlich die zwei Treppen hinauf ... oft knackten
+die trockenen, jahrhundertalten Dielen ... dann hielt er lauschend den
+Atem an ...
+
+Ihn fror, seine Hände flogen, seine Kinnbacken schlotterten ...
+
+Nun stand er oben vor der Tür ... die Hand lag auf der Klinke -- --
+
+In diesem Augenblick faßte ihn ein solch jähes Zittern, daß er sich
+kaum auf den Beinen halten konnte. Ein wilder Schrei -- ein Schrei,
+der nichts Menschliches hatte, ein Klang wie das Todesgeheul einer
+waidwunden Bestie -- war draußen, drunten in der Tiefe erklungen -- --
+zum offenen Flurfenster hinein ...
+
+Bebend schlich er ans Fenster und spähte hinaus. Monddurchwoben lag das
+breite Lahntal zu seinen Füßen; tief unten zog sich die Straße, daneben
+gingen die ruhigen Wasser des Flusses. Da unten -- da unten mußte es
+gewesen sein ... ein Schrei aus Menschenmund war das gewesen ... aber
+ein Schrei, wie Werner noch keinen gehört hatte.
+
+Doch alles blieb still und ruhig drunten. Alles schlief ... niemanden
+schien die schreckhafte Stimme geweckt zu haben ...
+
+Werner ging nicht zu Rosaliens Tür zurück. Er tastete sich in dumpfem
+Beben die Treppe hinunter ... im Zimmer riß er die Kleider vom
+Leibe, kroch zähneklappernd ins Bett und versank tief, tief in die
+unfruchtbaren Schauer seiner Knabeneinsamkeit -- --
+
+
+
+
+ VII.
+
+
+Der Spuk der Nacht war verweht, die wilden Beklemmungen des Begehrens
+waren gelöst, der rätselvoll grauenbange Schrei der Finsternis im Ohr
+verhallt. Der erste Junimorgen wob überm Lahntal, und munter schritt
+Werner, wie jeden Samstagmorgen, dem Schlachtfeld Ockershausen zu. Er
+hatte den Weg über Schloß Dammelsberg gewählt und freute sich seiner
+Wahl.
+
+Ach, dies altersbraune Schloß, wie ruhig und trutzig reckte es
+seine ungefügen Mauern und Dächer in das junge Blau. Und von den
+Terrassen zu seinen Füßen, welch eine Schau in die Tiefe! Gen Norden
+überflog Werners Blick die Häuser des Städtchens im Grunde, aus
+deren modriger Alltäglichkeit die unverwelkliche Zauberknospe Sankt
+Elisabeth sich hob. Die Stadt verlor sich nach rechts in die breite,
+tannenbergumsäumte Lahnebene, nach links verkroch sie sich in die
+lieblichen Blütenbüsche des Marbachtals ... und da grüßte auch, nur
+um ein geringes unter Werners Standpunkt, aus schmuckem Berggarten
+die altersmächtige Cimbernlinde, drunter das ehrwürdige bescheidene
+Korpshaus, nicht unähnlich einer schlichten Bauernhütte; aber von
+seinem Dache flatterte lustig die blau-rot-weiße Fahne, schon ein
+wenig ausgefranst vom Zerren des Frühlingswindes, ausgebleicht vom
+Maiensonnenblick, doch das Symbol des Bundes, dem Werner seine Jugend
+verschrieben, geheiligt durch seinen Willen, sie als eines Heiligen,
+seines Heiligsten Gleichnis gelten zu lassen. Und wie befreit von
+schweren wuchtenden Qualen atmete der Jüngling die sonnenduftende,
+taugekühlte Morgenbrise: sie kam vom Dammelsbergwald und brachte den
+Geruch der blühenden Eichen mit.
+
+Und Werner schritt unterm mächtigen Torbogen durch, und vor ihm lag die
+südliche Lahnebene nach Gießen zu, ganz durchhellt von Morgenprächten.
+In weitem Bogen umschlossen von lichtgrünen Bergwäldern, vom
+Silberzickzack des Flusses durchflirrt, fern überragt vom düstern
+burgtrümmer-überzackten Frauenberg, reckte sich die schimmernde Flur.
+Und um den Schloßberg hatten sich, hoch herauf geklettert vom Ufersaum
+der Lahn, die braunen Ziegeldächer des Städtchens gelagert, wie eine
+rastende Pilgerschar, aus deren Mitte die Helme reisiger Begleiter
+aufragten -- die stumpfen Kirchturmhelme ...
+
+Ein gelbes Band, lag drunten ein Stück der Ockershäuser Chaussee, die
+sich bald in jungen Blütenhalden verlor: Fliederblüten wölbten violette
+Sträuße über der Burschenwalstatt. Und auf der Chaussee erkannte
+Werners Auge die wandernden Farbtupfen: blaue, grüne, weiße Punkte,
+alle zu dem bekannten Ziele strebend ...
+
+Aber Werner hatte einmal allein des Weges wandern wollen und schwang
+nun rüstig sein dünnes Gymnasiastenstöckchen, das ihm heute den gestern
+abend im Stich gelassenen Couleurstock ersetzen mußte. Bald nahm der
+Dammelsbergwald ihn auf, er war allein, er war glücklich, sein Herz
+schlug vor Jugend und Überschwang, er mußte singen:
+
+ »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
+ Wer lange sitzt, muß rosten ...
+ Den allersonnigsten Sonnenschein
+ Läßt uns der Himmel kosten ...«
+
+Viktor Scheffels Verse und eines ihm unbekannten Tonsetzers Weise waren
+ihm nur das gleichgültige Fahrzeug seines Morgenglückes ...
+
+Und was war im Tiefsten seines Freuens Grund? Daß er gestern nacht
+umgekehrt war von der Schwelle, hinter der die schöne Rosalie
+schlief ... daß ein unbekanntes Etwas, der grausige Widerhall eines
+geheimnisvollen Ereignisses ihn abgelenkt hatte vom Ziele seiner
+brünstigen Dränge.
+
+Eine Reinheit wogte durch seine Seele, ein Hauch von jungfräulicher
+Frische, der keuschen Stille des Morgenwaldes verwandt, die sein
+rascher Fuß durchwallfahrtete ... und in diesem frommen Morgenfrieden
+jubilierte sein Herz noch lauter als sein Mund, lobpries einem
+unbekannten Geber solcher Gnadenfülle, streckte sich allem Guten und
+Großen entgegen, das heranzuwehen schien und in den wiegenden Kronen
+der Eichen einen Morgensang des Lebens harfte.
+
+Reinheit! Reinheit! War es nicht doch besser, die Sehnsucht der Sinne
+niederzuringen und Sieger zu bleiben des Begehrens? Konnte man so selig
+stolz seines Weges ziehen, wenn man genossen hatte? Lag nicht doch ein
+tiefer Sinn in der alten Mär vom Baum der Erkenntnis?
+
+Waren Tugend und Keuschheit nicht am Ende doch mehr als Maulkörbe für
+feige, geduldige Hundel?
+
+Wernern war's, als blinke aus jedem frischen Tautropfen ein Ja auf
+diese Frage ihm entgegen, als wehe der Morgenhauch ihm Kraft und
+Kampftrotz in die Seele, in die Sinne, zu wahren die Unschuld und
+fromme Tumbheit seiner Kinderjahre, abzutun die buhlerischen Wünsche,
+Herz und Leib in priesterlichem Stande zu erhalten bis auf jenen
+fernen, fernen Tag, der auch ihm einst Erfüllung brächte ... jene
+Erfüllung, die nicht anders als -- -- Elfriede heißen konnte ...
+
+Elfriede! Elfriede! Es war ihm eine süße Musik, diesen Namen zu
+denken, in seiner Seele nach den Zügen zu suchen, die ihm immer in
+traumhafte Fernen entflossen. Doch da: er hatte, er haschte ihr Bild,
+ihr Profil, wie er's noch vor wenig Wochen daheim beim letzten Konzert
+im Kasino lange hatte betrachten dürfen ... und dazu hatten sie droben
+Beethovens Zweite gespielt, und als der zweite Satz erklungen war, da
+hatte er diese Weise mit dem Bilde der Geliebten vermählt und Elfriede
+getauft ... und nun umschwebte, umrauschte, umschattete ihn wieder
+diese kühlend, heilend, heiligende Weise, umhegte das Bild des fernen,
+kaum gekannten Mädchens sein schauerndes Herz und weckte ihm Räusche
+von Hoffnungen und Gewißheiten künftiger Glücksüberschwänge, daß ihm
+die Gegenwart versank, daß er sich enthoben fühlte dem Sinn der Stunde
+in eine flutende Fülle sinnlos heiligen Glücksgenießens.
+
+Aber -- der Wald war zu Ende, steil senkte sich der Fußpfad,
+Ockershausen war erreicht -- da zogen die blau-rot-weißen,
+grün-weiß-blauen Völkerschaften heran, und im Winde verflatterten
+Träume und Beseligungen ... die Gegenwart, die Wirklichkeit war da.
+
+Karboldunst und Zigarrenqualm, Blutbrodem und Bierhauch umfing den
+waldgeschmeichelten Sinn und weckte ihn vollends zum Tage. Und schon
+klangen die Kommandos der Sekundanten, schmetterten krachend die Körbe
+zusammen, knallten die flachen Hiebe auf die Stulpen und Köpfe der
+Paukanten ...
+
+Der kleine Dammer focht seine Rezeptionspartie: es war seine vierte
+Mensur, die entscheiden sollte, ob er nun zum Blau-rot der Füchse das
+blutumworbene Weiß der Korpsburschen und damit die vollen Rechte
+eines Angehörigen des Cimbernbundes erhalten solle. Darum hatte er
+eine überlegene Partie bekommen, einen Gegner, dem er eigentlich
+nicht gewachsen war, den dicken Zweiten der Westfalen. Herr Bracken
+schonte seinen Gegner gutmütig eine Weile, denn Cimbria und Guestphalia
+standen augenblicklich gut miteinander, und Bracken gönnte dem andern
+Korps den neuen Korpsburschen, dem allgemein beliebten gutmütigen
+Dresdener das Band. Er schonte ihn, damit die Mensur lange genug
+dauere, um als Rezeptionspartie vor dem sehr strengen Korpskonvent
+der Cimbria angerechnet werden zu können. Aber schließlich war er
+wohl allzu sorglos gewesen: plötzlich schlug der Cimbernfuchs eine
+kecke Tiefquart und spaltete dem Subsenior der Westfalen beide Lippen
+und die Nasenspitze. Fast schien's, als wollte der Westfalenpaukarzt
+die Verantwortung für ein längeres Stehenlassen des Zweitchargierten
+nicht mehr übernehmen; aber Herr Bracken, der nicht imstande war, zu
+sprechen, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte so energisch den
+Kopf, daß der Paukarzt achselzuckend zurücktrat.
+
+»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehen!«
+
+»Silentium -- Pause ex!«
+
+»Fertig!«
+
+»Los!!«
+
+Krach, krach, krach --
+
+»Halt!«
+
+»Halt!!«
+
+Die Sekundanten hatten's beide fast in derselben Sekunde gerufen, aber
+auch aus der Korona waren unwillkürlich Haltrufe ertönt. Donnerwetter!
+Da hatte es ihn aber gehascht, den kleinen Cimbernfuchs!
+
+»Herr Unparteiischer -- wir erklären die Abfuhr!«
+
+»Silentium! Cimbria erklärt Abfuhr nach sechs Minuten!«
+
+»Herr Unparteiischer, bitte zuvor noch drei Blutige auf seiten von
+Cimbria zu erklären!«
+
+»Silentium! Drei weitere Blutige auf seiten von Cimbria! Wünscht einer
+der Herren noch Erklärungen? -- Silentium, Mensur ex!«
+
+Dammer war schauderhaft zugerichtet. Jeder Hieb hatte gesessen.
+Anhieb auf Außenquart ins linke Ohr, zweiter Hieb auf Quart, linke
+Schädelseite der Länge nach gespalten bis auf die Knochen, dritter Hieb
+auf Terz, Lappen bis tief in die Kopfschwarte hinein, Knochensplitter
+in allen drei Schmissen ... aber Dammer fragte nichts nach seinen
+Abfuhren ... während wahre Güsse Bluts über seine Stirn und Wangen
+rannen, suchten seine Augen nur den Blick seines Leibburschen, der
+ihm sekundiert hatte, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er auch gut
+gestanden ... aber Krusius, der Leibbursch, hatte nur auf seine
+Sekundantenaufgabe geachtet und war seiner Sache nicht ganz sicher
+-- -- er mußte sich selbst erst informieren. Doch alles schien
+befriedigt, und so klopfte er dem Blessierten beruhigend mit der vom
+Sekundierstulp befreiten schweißdampfenden Rechten auf die Schulter ...
+
+»Brav, Leibfuchs!«
+
+Da lachte Dammer glückselig unter der Paukbrille, unter den rinnenden
+Quellen seines Blutes hervor:
+
+»Nu, denn --! Ich dank der ooch scheen, Leibbursch! Na, Wichart, nu
+kucke du zu, wie du mich wieder wirscht zusammenbringen!«
+
+»Maul halten!« brüllte der gutmütige Paukarzt; »du hast grad' genug!«
+
+Werner hatte Dammern zur Flickstubentür begleitet und das kurze
+Gespräch zwischen Krusius und dem Abgeführten aufgefangen. Er freute
+sich unendlich für Dammern, daß dieser nun Korpsbursch sei und das
+Ziel erreicht haben würde, für das er nun viermal Stirn und Wange
+dem Schläger des Gegners geboten. Und das Herz schlug ihm höher in
+dem Wunsche, auch ihm möchte es bald vergönnt sein, vor einem hohen
+S. C. zu Marburg die Blutprobe des Muts und der Standhaftigkeit
+abzulegen. Aber noch eine andere Probe hatte Dammer zu bestehen.
+Werner drängte sich in die Flickstube, wo eine ganze Schar von
+Korpsburschen der Cimbria sich um den Paukarzt und seinen Patienten
+gruppiert hatte und die Hälse streckte, um die mordsmäßigen Abfuhren
+des Brandfuchsen etwas näher zu betrachten. Es gelang Wernern, an der
+Seite durchzuschlüpfen, und nun erst sah er, wie grauenhaft der wackere
+Freund zersäbelt war. Rechts hing ihm die halbe Kopfschwarte als großer
+mit Haaren besetzter Lappen nach außen; links war die Schläfe von vorn
+bis hinten gespalten, und darunter hing das linke Ohr von vorne nach
+hinten mitten durch halbiert, in zwei trübseligen Fetzen herunter.
+Wichart war offenbar eine Sekunde in Verlegenheit, wo er eigentlich
+anfangen solle. Aber er entschied sich für den Schläfenschmiß, weil
+dort die Schlagaderäste zu toll spritzten; rasch und gewandt fuhr er
+mit Pinzetten in die Zuflußkanäle der durchschlagenen Arterien hinein
+und klemmte die dünnen Schläuche, aus denen das Herzblut spritzte,
+zusammen; bald baumelten vier solche Arterienfänger aus der Stirnwunde
+heraus. Dann kamen die Arterien vor dem Ohre dran, und nun begann,
+da der ärgste Blutstrom gestillt war, die Desinfektion. Aus einem
+Irrigator ergossen sich Ströme kalten Wassers mit Karbollösung in die
+Wunden und spülten sie rein, damit der Arzt zunächst den Zustand des
+Knochens untersuchen könne. Und da runzelte der sonst immer ruhige und
+gemütliche Wichart einen Augenblick die Stirn, so daß die zuschauenden
+Korpsburschen näher herandrängten. Das ärgerte wieder den Arzt, und er
+schrie: »Donnerwetter, schert euch raus, alle zusammen raus! Scholz,
+sorg mal, daß ich hier Luft kriege!« Werner wollte sich drücken, wie
+alle andern, aber Wichart rief: »Das Füchschen kann bleiben und dem
+Dammer die Waschschüssel halten, sonst fällt mir der am Ende noch
+ab!« So durfte Werner weiter zuschauen, und freute sich, seine Nerven
+bereits so weit gestählt zu fühlen, daß er dem blutigen Schauspiel mit
+Interesse folgen konnte. Aber dennoch krampfte sich sein Herz in die
+Höhe, als nun der Paukarzt mit einer scharfen Zange in die Wunden fuhr
+und erst die losen Knochensplitter herausholte, dann aber die noch
+halb festsitzenden mit kräftiger Drehung losbrach. Bei dieser Prozedur
+stieß Dammer, der bisher keine Miene verzogen hatte, einen nicht
+unterdrückbaren rauhen Kehlton aus.
+
+Dann wurde abermals mit dem Irrigator nachgespült, und nun begann das
+Rasieren. Mit scharfem Messer barbierte Wichart kunstgerecht einen
+Finger breit neben den Kopfnarben die Haare weg, um freie Hand für das
+Nähen zu haben. Dabei strömte aus den Wundrändern von neuem das Blut,
+und auf Wicharts Befehl mußte Werner das Waschbecken, das Dammer vor
+sich auf der Stuhllehne hielt, ausgießen, da es völlig mit dunklem
+Blut gefüllt war, und mit frischem Karbolwasser füllen, das aber auch
+in zwei Sekunden tief dunkel gerötet war. Dabei schaute er zufällig
+auf und sah, daß am andern Ende des kleinen Zimmers der Korpsdiener
+Peter bereits den nächsten Paukanten -- Klauser -- anbandagierte. Mit
+Entzücken haftete Werners Auge eine Sekunde lang an dem entblößten
+Oberkörper des wunderschönen Jünglings; dabei fiel ihm aber auf, wie
+matt und unstet sein Gesichtsausdruck war. Doch ein »Aufpassen!«
+Wicharts rief ihn zu seiner Pflicht zurück, und indem er den Fortgang
+der Flickarbeit verfolgte, blieb ihm keine Zeit, dem zweiten
+Chargierten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken.
+
+Er beobachtete sorgfältig, wie Wichart nun zunächst mit Fäden
+aus Katzendarm ganz innen die knorpligen Häute der Ohrmuschel
+zusammennähte, wobei Dammer wiederum verhalten aufstöhnte; dann
+wurde in gleicher Weise die Knochenhaut zusammengeheftet, und immer
+spülte dazwischen der Irrigator. Dann ging's an die Außennähte. Stich
+für Stich drangen die krummen Nadeln, von der Pinzette in unfehlbar
+sicherer Hand geführt, in das Fleisch seitlich der Wunde, durch deren
+Grund hindurch und an der anderen Seite wieder heraus. Dann wurden die
+Fäden abgeschnitten und ihre Enden sorgsam zusammengeknotet.
+
+Mitten in der Arbeit bemerkte Werner plötzlich, daß Dammer ganz grün an
+Gesicht und Händen wurde, und seine Finger, welche die Flickschüssel
+umklammert hielten, nachließen. Er machte Wichart aufmerksam, der nahm
+schnell die Schüssel weg, reichte sie Wernern, damit der sie auf den
+Tisch setze, und unterstützte Dammers Schultern, die eben zurücksinken
+wollten. »Schnell! einen Kognak und eine Flasche Selterswasser!«
+
+Werner sprang. Als er zurückkam, war Dammer schon wieder bei Besinnung,
+nur der Blick seiner Augen war glasig und matt. Gierig trank er seinen
+Sodaschnaps.
+
+Eben trat Scholz im Sekundierwichs herein: »Na, Klauser, wo bleibst
+du?«
+
+»Wichart ist noch nicht fertig mit Dammer.«
+
+»Ach, nur noch ein paar Nadle -- macht schon immer los, so fix wird der
+Klauser sich doch nit haue lasse!«
+
+»Na, dann raus!«
+
+Und wenig Sekunden später klirrten draußen im Saale die messerscharfen
+Kommandoworte, krachten die Körbe der Schläger blechern zusammen.
+
+Gar zu gern wäre Werner entwischt, um die Mensur des Zweiten anzusehen.
+Aber Wichart konnte seine Hilfe noch nicht entbehren.
+
+»Du hast dich ganz gut gehalte, Füchsche,« sagte er. »Bist eigentlich
+Mediziner?«
+
+Dabei zog er Nadel um Nadel mit maschinenmäßiger Sicherheit durch
+Dammers feiste Schädelschwarte.
+
+»Nein -- Jurist,« sagte Werner.
+
+»Warst schon mal auf'm Präparierbode?«
+
+»Was ist das, Präparierboden?«
+
+»Nun, die Anatomie, wo die Medizinfüchs das Mensche-Tranchiere lerne!«
+
+»Nein, da war ich noch nicht -- möcht' aber gern mal hin -- wenn du mir
+dazu verhelfen könntest, Wichart, ich wäre dir sehr dankbar.«
+
+»Nu, das is e einfache Geschicht -- komm Montag 'mal runner um zehn,
+ich bin ja Prosektor.«
+
+Das gedachte Werner sich nicht zweimal sagen zu lassen. Dabei fiel
+ihm eine Anekdote aus seines Vaters Jugendzeit ein. Sein Vater hatte
+ursprünglich Medizin studieren wollen. Als gar junges Bürschchen war er
+zur Hochschule gekommen, und der erste Besuch auf dem Präparierboden
+hatte ihn so entsetzt, daß er an der Tür des Saales umgekehrt und
+schleunigst zur Universitätskanzlei gestürzt war, um sich von der
+medizinischen zur juristischen Fakultät überschreiben zu lassen. Werner
+erzählte das Wichart, der herzlich lachte; auch Dammer wurde jetzt, am
+Ende der Schinderei, munter und lachte etwas jämmerlich mit.
+
+»Na, ich denk, du wirst nit weglaufe,« meinte Wichart, »du bist nit so
+zärtlich.«
+
+»Ich hoffe nein.«
+
+»Für alle Fäll kannst du dir ja vorher en Eimer gebe lasse, damit du
+wenigstens nit de Vorsaal verunreinigst.«
+
+Und wieder lachten alle drei. Und draußen schmetterte dazwischen Gang
+auf Gang, Kommandos, krachende, dumpfdröhnende Hiebe, das Halt der
+Sekundanten und ihr Gekläff um Inkommentmäßigkeiten, dann schwüle
+Pausen -- neue Kommandos, neue Hiebe. Wie mochte es draußen stehen?
+
+Eben hatte Wichart eine feste Watteverpackung um Dammers Schädel und
+linke Kopfseite verstaut und so gründlich mit Stärkebinden umwickelt,
+daß nur Augen, Nase und Mund aus dem weißen Paket hervorschauten --
+da entstand, unmittelbar nach Beendigung eines Ganges, draußen jene
+allgemeine Bewegung, die das Ende der Mensur verriet, und gleich
+darauf trat Klauser, den bandagierten Arm noch auf den Händen des
+Schleppfuchses ruhend, blutüberströmt herein. Hinter ihm Scholz und ein
+paar andere Korpsburschen, alle ganz merkwürdig still und blaß.
+
+»Nu?« fragte Wichart.
+
+»Quartabfuhr nach achteinhalb Minuten,« sagte Scholz in
+unheilverkündendem Ton. Dann riß er den Sekundierstulp ab und
+schleuderte ihn auf den Boden, Mütze und Schurz hinterher.
+
+»Hm?« machte Wichart.
+
+Scholz schlug zweimal mit der Rechten durch die Luft, eine Geste, die
+deutlich erkennen ließ, daß irgend etwas Schlimmes passiert sei.
+
+»Na, kommt raus!« sagte Scholz. Und alle Korpsburschen gingen. Hastig
+vollendete Wichart Dammers Verband, hieß ihn Hemd, Weste, Band und Rock
+anlegen, schickte ihn und Werner hinaus. -- Drinnen blieben nur der
+blessierte Klauser und der Paukarzt.
+
+Werner begriff nicht, was vorgefallen sein mochte. Er sah, daß draußen
+der Fuchsmajor alle Korpsburschen zusammenberief und sie alle sich
+aus dem Saale entfernten. In dem dumpfen Gefühl, daß etwas Böses sich
+ereignet haben müsse, fragte er Dammer: »Hast du eine Ahnung, was die
+Korpsburschen eigentlich haben?«
+
+»Nu ja, nu ne -- Klauser hat, scheint's, iebel gefocht'n.«
+
+»Wieso?«
+
+»Schlecht gestanden scheint er äbens zu haben.«
+
+»Nun, und --?«
+
+»Na -- du siehst doch, daß de Korpsburschen zum A. O. C. C.
+(außerordentlichen Korpskonvent) sein abgetreten -- da werden sie wohl
+beschließen, Klausern auf unbestimmte Zeit hinauszutun.«
+
+»Und -- was wird dann weiter mit ihm?«
+
+»Dann muß er Reinigungspartie fechten.«
+
+»Und ... dann kommt er wieder ins Korps hinein?«
+
+»Wenn seine Mensur als Reinigungsmensur genügt, dann wird die Dimission
+aufgehoben.«
+
+»Und wenn sie ... nicht genügt?«
+
+»Ja -- dann tun sie'n äbens ganz rausschmeißen tun sie'n dann.« -- --
+
+Dammer hatte richtig vermutet.
+
+Nach wenigen Minuten kamen die Korpsburschen zurück, alle tief ernst
+und gedrückt; der Fuchsmajor ging zuerst zu den Senioren der beiden
+anderen Korps und machte diesen mit feierlich abgezogener Mütze eine
+kurze Meldung, dann rief er die Füchse in einen Winkel des Saales
+zusammen und befahl:
+
+»Silentium für den A. O. R. C. (außerordentlichen Renoncenkonvent).«
+
+Er und alle Füchse nahmen die Mützen ab.
+
+»Es wird den Renoncen aus dem C. C. mitgeteilt: C. B. Klauser Zweiter
+seiner Charge entsetzt und derselbe auf unbestimmte Zeit dimittiert. --
+Hat jemand sonst noch etwas vorzubringen? Silentium -- so ist der A. O.
+R. C. geschlossen.«
+
+Schweigend setzten die Füchse die Mützen auf und gingen beklommen zu
+ihren Plätzen.
+
+Über den Tischen der Cimbern lag ein dumpfes Schweigen. Aber auch bei
+den beiden andern Korps ging es minder lebhaft zu als sonst. Man ehrte
+Cimbrias Muttertrauer über die Strafe, die sie an einem ihrer Söhne
+hatte vollziehen müssen, den sie vor andern wert gehalten hatte.
+
+Leise tauschten auch die Füchse ihre Ansichten über das schmerzliche
+Ereignis aus. Die Brandfüchse behaupteten fast alle, sie hätten während
+der Mensur ganz genau gemerkt, daß Klauser schlecht stände.
+
+»Er hat mehrfach den zweiten Hieb ausgelassen.« behauptete einer.
+
+»Als er die Temporalisabfuhr bekam, hat er ganz merklich reagiert,«
+wußte ein anderer zu melden.
+
+»Mir hat seine ganze Haltung von Anfang an nicht gefallen. Es war, als
+ob er gar nicht recht bei der Sache gewesen wäre.«
+
+»Ja, als ob ihm eigentlich alles wurst wäre. Als ob er immerfort an was
+anderes dächte.«
+
+»Hat er ja vielleicht auch getan.« Zwischen den ernsten Betrachtungen
+ein heimliches, verstohlenes Schmunzeln auf allen Lippen.
+
+»Einmal hat er mitten im Gange aufgehört zu schlagen.«
+
+»Das hab' ich auch gemerkt -- als er die Terz weghatte: er machte ein
+ganz verdutztes Gesicht.«
+
+Was der eigentliche Grund von Klausers Dimission sei, vermochte Werner
+sich aus all dem Wirrwarr der Ansichten nicht recht klar zu machen. Er
+beschloß, seinen Leibburschen zu befragen.
+
+Aber da kam er schön an. »Das sind deine Sachen nicht!« schnauzte
+Scholz den Leibfuchs an. »Sorg, daß du selber anständig fechten lernst,
+und überlaß das übrige den Korpsburschen! Wenn du mal selber das Band
+hast, dann magst du mitreden.«
+
+Mit hängenden Ohren schlich Werner zu seinem Platze.
+
+Es war ein trüber Tag für die Cimbern. Noch eine ganze Reihe von
+Mensuren folgte, und bei fast allen war Cimbria als weitaus stärkstes
+Korps beteiligt, aber die frisch-fröhliche Raufstimmung der andern
+Tage fehlte. Die Entgleisung des zweiten Chargierten war so rasch nicht
+zu verschmerzen. Geschäftsmäßig wickelte sich der Tag ab.
+
+Am Spätnachmittage kehrte man heim. Dammer fuhr seines Wickelverbandes
+halber in der Mensurdroschke. Der starke Blutverlust hatte ihn müde
+gemacht, er schlief, tief in die Wagenecke gedrückt, und als die
+Kalesche am Vogtschen Pensionat vorüberrollte, verfehlte er die
+Gelegenheit, das Herz des »sießesten Mädichens« durch den Anblick
+seines Zustandes zu rühren und mit noch tieferer Bewunderung für seinen
+Mannesmut zu erfüllen.
+
+Vergebens hatte Werner sich nach dem unglücklichen Klauser umgesehen.
+Der hatte, nachdem Wichart ihn geflickt und verbunden hatte, von Scholz
+die offizielle Mitteilung bekommen, daß er seine Charge verloren habe
+und dimittiert sei. Das hatte er schon vorher gewußt. Er hatte eine ihm
+sonst ganz fremde Unsicherheit und Apathie während der Mensur selbst
+deutlich genug empfunden, aber er war ihrer nicht Herr geworden. Das
+Benehmen seiner Korpsbrüder aber unmittelbar nach der Mensur hatte ihm,
+dem Erfahrenen, genug gesagt. Und dennoch schnitt es ihm ins Herz, wie
+Scholz so kalt und gemessen vor ihm stand und ohne ein Freundeswort,
+ohne ein Beben in der Stimme ihm eröffnete: »Klauser, ich habe dir
+aus dem C. C. mitzuteilen, daß du deiner Charge entsetzt und auf
+unbestimmte Zeit dimittiert bist.« Dann hatte Scholz sich umgewandt und
+ihn stehen lassen wie einen Geächteten.
+
+Da nahm er das Band vom Riegel, und statt es über die Weste zu hängen,
+wie sonst beim Ankleiden, ließ er's stumm in die Tasche gleiten.
+Und die Korpsmütze versteckte er unter der Weste ... Über seinen
+Wickelverband zog er eine schwarze, seidene Mensurmütze bis tief in die
+Stirn, griff zum Stock und wollte gehen.
+
+Der gute Wichart hatte ihm schweigend zugesehen. Klauser fühlte seinen
+Blick und wandte sich zu ihm.
+
+»Wann bin ich wieder so weit, Wichart?«
+
+»In vierzehn Tagen, Klauser!«
+
+»Was ... erst in vierzehn Tagen --?!«
+
+»Ja -- Temporalisabfuhr -- Knochensplitter -- so lange wirst du wohl
+aushalte misse.«
+
+»Himmel!«
+
+»Na, so vierzehn Tag -- die sinn doch fix herum!«
+
+»Vierzehn Tage in Dimission --«
+
+»Kopf hoch, Klauser! Bist ja so e strammer Kerle --«
+
+Ein Händedruck, und Klauser ging einsam hinaus. Er stieg dumpf brütend
+die Treppe hinunter und ging allein nach Marburg zurück -- den Weg,
+den er heute morgen in Träumen voll wilder, jung-junger Seligkeit
+hergekommen war.
+
+Denn das hatte er ja seinen Korpsbrüdern nicht sagen können, daß er
+die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte -- daß er nichts anderes hatte
+denken und träumen können, als daß sie nun sein sei -- seit gestern
+abend ... seine Verlobte, seine Braut -- seit jenem Spaziergang im
+Museumsgarten, abseits vom Fiedeln der Walzergeigen, seit jenem kurzen
+Augenblick im Jasminboskett, der ihm den ersten Kuß seines Lebens
+gebracht hatte -- den Kuß einer Liebe, die, so wähnte er, nur mit dem
+Schlagen dieses stürmischen Herzens enden könne ...
+
+Und nun?!
+
+Langsam tropften schwere Tränen aus dem Auge des Jünglings, der
+inmitten der Jugendspiele Mannesrechte und Mannespflichten auf sich
+genommen und darüber den Schmuck der Jugend eingebüßt hatte.
+
+Schwere Tränen tropften auf die Brust, an der gestern Mariens gelber
+Flechtenbau geruht hatte, auf der heute das Band Cimbrias fehlte.
+
+Schwere Tränen, Kindertränen ...
+
+Am Spätnachmittage hielten die Korpsburschen der Cimbria nochmals
+außerordentlichen Korpskonvent ab, und zwar auf der Kneipe. An
+Klausers Stelle wurde der dritte Chargierte, Krusius, Dammers
+Leibbursch, beauftragt, interimistisch die zweite Charge zu versehen,
+und ferner beschlossen, die Brander Böhnke, Dammer und Ehlert,
+deren Rezeptionsmensuren am Vormittage den Anforderungen eines
+wohllöblichen C. C. genügt hatten, ins engere Korps zu rezipieren.
+Das wurde diesen Glücklichen, die man schon ohne Angabe des Zweckes
+auf die Kneipe bestellt hatte, in feierlichster Form eröffnet, indem
+der Außerordentliche Korpskonvent sich sofort als »Feierlicher
+Korpskonvent« konstituierte, die rezipierten Brander vorlud, ihnen ihre
+Aufnahme eröffnete, ihnen den Burscheneid auf die Konstitution des
+Korps abnahm und sie feierlich mit dem blau-rot-weißen Bande schmückte.
+
+Hernach war's noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der speziellen
+Kneipe. Das benutzten die Jungburschen selbstverständlich, um sich dem
+staunenden Marburg alsbald im neuen Schmucke der drei Farben zu zeigen.
+Auch Dammer hatte sich soweit erholt, daß er, trotz seines bis zur
+Unkenntlichkeit vermummten Kopfes, die Wettergasse herunterschlenderte
+bis zum Pensionat Vogt. Aber seine Sehnsucht erfüllte sich nicht: die
+Vogtei saß jedenfalls beim Abendessen.
+
+Auf der Kneipe sah er sich allerdings zum Genusse eines Gebräues aus
+Ei, Kognak und Rotwein verurteilt, das er durch ein Röhrchen trinken
+mußte, da der angeschlagene Kaumuskel Trinken im eigentlichen Sinne und
+Essen verbot. Trotzdem war er selig.
+
+Und auch das Korps überwand in der Freude über seine drei Jungburschen
+allmählich die Mißstimmung über den Verlust des Subseniors. Ach ja, der
+Lebende hat recht, und was ist ein einzelner unter einer Schar von mehr
+denn vierzig!
+
+Vielleicht am aufrichtigsten und dauerhaftesten trauerte Werner um
+Klauser. Er sah immer noch den Freund am Arm des schönen Mädchens
+aus dem Boskett in den Mondflimmer hineintauchen und meinte noch den
+unerhört süßen Nachhall der gestammelten Worte zu hören:
+
+»Willy -- meiner -- mein Willy ...«
+
+Nun lag der Arme gewiß einsam und schlaflos daheim und fühlte das
+Brennen seiner Wunden und seiner Scham ...
+
+Und warum?!
+
+Grausam -- grausam ...
+
+Und Werner betrank sich.
+
+
+
+
+ VIII.
+
+
+»Du -- Salche -- hernach muß ich dich allein spreche!«
+
+So hatte am Sonnabend früh der Studiosus Simon Markus seine Schwester
+im Laden angezischt.
+
+»Hernach, wenn ich aus'm Kolleg zurückkomm!«
+
+Seine Augen schielten flackernd an der unförmlichen Nase entlang, deren
+wulstige Flügel bebten.
+
+»Hernach? Warum nit gleich und nit hier? Was du mir zu sage habe
+kannst, das kann e jed's heere!«
+
+»Nein! das kann nit e jed's hören.«
+
+Damit war er aus dem Laden gestolpert und zur Anatomie geschlendert,
+den Rücken gekrümmt von der Last unfaßbarer Qualen.
+
+Rosalie hatte keine Ahnung, was ihren Bruder so erregte. Und darum, als
+der heimkehrende Bruder sie ins Hinterzimmer zog und anfauchte:
+
+»Ich hab's gehört, heut nacht!«
+
+-- da konnte sie mit unschuldigster Verwunderung antworten:
+
+»Was hast geheert?«
+
+»Ja, mach nur e Gesicht! Heut nacht is er aus deinem Zimmer komme und
+de Trepp erunter gange!«
+
+»Aus mein Zimmer? Ja, ~wer~ denn?«
+
+»Wirscht's schon wisse!« »Hernach bitt ich mir aus!! Wer soll in mei'm
+Zimmer gewese sein heut nacht?«
+
+»Na, der Achebach -- hä? oder gar nit?!«
+
+»Bist verrickt, Simon?!« Ihre Augen funkelten gefährlich, ihre Finger
+krallten sich. Sie glaubte, der Bruder wolle sie ganz grundlos
+beleidigen.
+
+»Ich hab's geheert. Die Trepp is er nunter auf de Sock! Ich weiß es!
+Aber ich tu'n haue! Ins Gesicht schlag ich ein, dem Affe, dem Fatzke!«
+
+»Du, Simon, mach dich nit unglücklich! Es is nit wahr, ich weiß von gar
+nix weiß ich!«
+
+Simon überlegte. Eigentlich hatte er ja wirklich nichts anderes gehört
+als einen Schrei draußen, drunten, an der Lahnstraße ... der ihn
+aufgeweckt hatte ... und dann einen verstohlenen Schritt, abwärts, die
+knackenden Dielen hinab ... sachtes Öffnen der Tür zum Zimmer, das
+der junge Korpsstudent bewohnte ... sonst nichts ... vielleicht wußte
+Rosalie wirklich nichts -- vielleicht war wirklich nichts geschehen --
+
+»Salche! sieh mer an!! --?«
+
+Seine Finger krampften sich um des Mädchens stramme Oberarme.
+
+»Au, du tust mich kneife!«
+
+»Is wahr, daß du von nix weißt?«
+
+»Ich hab dir's gesagt -- laß mich in Friede!! Verrickt biste, verrickt!
+Laß mich in Friede!! Un wenn's gewese wär, tut's dich was angehe? Hä?
+Bist du mei Vormund?«
+
+Tränen standen in ihren Augen, halb des Schmerzes über den rauhen Griff
+des Bruders, halb der Wut über seine Anmaßung -- ja, wenn er wenigstens
+noch einen Grund gehabt hätte -- aber es war ja nicht mal was passiert
+...
+
+Simon ließ ihre Arme los, nachdem er sie mit einem letzten harten Ruck
+einen Schritt zurückgeschoben.
+
+»Dei Vormund bin ich nit, Gott sei's gelobt! Un ob mich das was angeht,
+das is mer egal, verstehst? Das ein will ich dir sage: ich leid's nit,
+daß du eine an dich eranläßt von dene Kerle ... von dene geschwollene
+Korpsstudente, von dene dicknäsige Großschnauze ... und wenn du's
+tust, den Betreffende den schlag ich in die Fresse, un wenn's Mord un
+Totschlag drum tät gebe!!«
+
+Und damit rannte er hinaus -- er schnappte nach Luft ... in seinem
+Herzen war eine so lichtlose, grauenhafte Finsternis, daß er nicht
+wußte, wie das Leben ertragen ... allein er gemieden, geschnitten
+von den alten Schulkameraden, ohne Möglichkeit, Freunde zu finden,
+dem blöden Herzen der hinsiechenden Mutter, dem lebenslüsternen der
+saftstrotzenden Schwester entfremdet, einsam, arm ...
+
+Ja, wenn er nach Berlin gekonnt hätte! Da, das wußte er, gab es große
+Zirkel jüdischer Studenten, die in freundschaftlichem Zusammenschluß,
+im Genuß der Literatur und Kunst einander den Fluch ihres Blutes
+vergessen machen konnten ... nein, dort galt dieser Fluch überhaupt
+nichts ... dort war das Judentum eine Macht, beherrschte Presse,
+Literatur, Bühne.
+
+Aber in Marburg ... in dem ausgewucherten Hessenlande, wo seine
+Glaubensgenossen, das mußte er als billig denkender Mensch zugeben,
+einen Teil des Fluches verdient hatten, der ihren Schritten folgte --
+
+Und fortlaufen? sich auf eigene Faust durchschlagen?! Das hieße, den
+einzigen Menschen, mit dem ein menschliches Band ihn verknüpfte, das
+hieß die Schwester schutzlos zurücklassen, ein Spielzeug jener Bande,
+die er wütender als alles haßte: der blonden, vierschrötigen Söhne
+Teuts, die dies Nest beherrschten mit ihrer ganzen knallprotzigen,
+reckenhaften Arroganz, ihrer siegessicheren, gladiatorenhaften
+Dreistigkeit -- die über die Studentenschaft das Schreckensregiment
+des Schlägers, des Säbels, der Pistole führten und stark genug waren,
+jedem Kommilitonen, der ihre Weltanschauung nicht teilte, das Leben
+in Marburg unerträglich zu machen. Fühlten sich doch selbst die
+theologischen Verbindungen, der protestantische Wingolf genau so gut
+wie die katholische Verbindung Rhenania, schwer bedrückt durch die
+Übermacht und alte Herrlichkeit der Waffenverbindungen.
+
+Und der arme Judenknabe floh in den dunkelnden Wald und warf sich an
+finsterster, einsamster Stelle ins Moos. Seine Hände krallten sich in
+die kühlen Polster. Tränen waren ihm versagt, aber ächzen konnte er
+hier ungehört und ungestört. Und er preßte den breiten Mund, die wüste
+Nase tief in das Grün und brüllte wie ein waidwundes Wild sein Weh in
+die Mooskissen hinein -- sein lebenzerfressendes Weh über den sinnlosen
+Fluch, der auf seinem Volke lastete, der täglich neu auf ihn und seine
+Blutsgenossen getürmt wurde von jenen, die längst nicht mehr an den
+Heiland glaubten, den seine Voreltern vor zweitausend Jahren ans Kreuz
+geschlagen haben sollten.
+
+ * * * * *
+
+Rosalie aber nahm sich vor, Werner das Vorgefallene zu erzählen und
+irgendwie herauszubekommen, ob er wirklich in der Nacht vor ihrer Tür
+gewesen. Sie zweifelte kaum daran. Und das machte ihr Blut hochheiß.
+Sie wollte diesen keuschen Josef munter machen, sie hatte sich's in den
+Kopf gesetzt, seine zitternde Unschuld zu besiegen. Sie kannte sich
+schon genügend aus unter dieser bierfrohen und raufstolzen Jugend,
+um wittern zu können, daß hier ein edleres Blut kreiste, eine Seele
+von sonderlicher Art um ihren angeborenen Adel rang. Das war's, was
+sie ahnte: dieser war nicht wie die anderen. Und darum wollte sie ihn
+haben. Ein Raffinement, das auch weit erfahrenere Frauen als Salchen
+Markus gereizt hätte, würzte ihr Begehren nach dem weichen Knaben,
+der so mannhaft wider die Dränge seines Blutes kämpfte; daß er nicht
+feige war, daß seine Flucht vor ihrer Nähe nicht eine Chamade der
+Armseligkeit, sondern des Stolzes war, das las ihr Weibinstinkt in dem
+scheuen, doch lodernden Auge. Und sie dünkte sich schön und feurig
+genug, um würdig zu sein, diese tastende Seele in das tiefste Geheimnis
+des Lebens und der Schönheit einzuweihen.
+
+Sie würde ihn fragen, ob er an ihrer Tür gewesen, sie würde zürnen und
+ihre Verzeihung sich abbetteln lassen ...
+
+Aber wenn sie gehofft hatte, Werners noch am Samstag habhaft zu werden,
+so sah sie sich enttäuscht. Werner kam erst spät von Ockershausen
+zurück, fragte nur im Laden, ob Briefe gekommen seien, und war gleich
+wieder hinaus.
+
+Und als Rosalie mitten in der Nacht von einem Lärm im Hause erwachte,
+da konnte sie hören, daß das junge Blut, nach dem es sie verlangte,
+sich recht gründlich ausgetobt hatte. Das war ein Gepolter auf der
+Stiege, ein Türenschlagen, ein Anstoßen an Möbeln und Waschgeräten in
+der Stube!
+
+»Dunner, der hat gelade!«
+
+Rosalie kicherte in ihre Kissen.
+
+Am Sonntagmorgen schlief der Student bis halb eins, stürzte dann,
+ohne nach seinem Frühstück geklingelt zu haben, zum Frühschoppen. Und
+Rosalie wußte, daß sie ihn nun am ganzen Sonntag nicht so leicht mehr
+zu Gesicht bekommen würde. Denn sonntags pflegte das Korps gleich
+nach dem Mittagessen zum »offiziellen Exbummel« aufzubrechen, einem
+gemeinsamen Spaziergang zu einem der herrlichen Ausflugsorte der
+Umgegend. Gegen Abend kehrte man dann heim, und in der Regel ging
+alles sofort zur Kneipe, wo in dem prächtigen Garten des Korpshauses
+der Sommerabend mit Kegelschieben, Skat und Quodlibet zu Ende genossen
+wurde.
+
+Aber vielleicht würde der Student nach der Rückkehr vom Spaziergange
+noch einen Augenblick von der Kneipe heruntergesprungen kommen, um die
+Sonntagsgarnitur gegen eine ältere Mütze, ein schon bierbegossenes
+Korpsband einzutauschen?
+
+Darauf wollte Rosalie hoffen, denn die Gelegenheit zu einem
+Schäferstündchen kam so günstig nicht vor dem übernächsten Sonntag
+wieder. Die Mama Markus hatte sich nämlich erholt, und wenn sie
+munter war, verlangte sie von ihren beiden Kindern abwechselnd den
+Liebesdienst, daß eins sie zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwester,
+der Frau Isidora Mayerstein auf der Ketzerbach, begleitete, wo man
+einige Stunden verplauderte. Diesmal war Simon an der Reihe, die Mutter
+zu geleiten, und so würde sie von nachmittags fünf bis neun allein
+im Hause sein, da auch Babett Ausgang hatte und in ihr Heimatdörfchen
+Frohnhausen gepilgert war.
+
+Und sie mochte nicht lange warten. Er sollte, er mußte kommen! Sie
+wollte es, sie wollte es!
+
+Als nach dem Nachmittagkaffee die Mama am Arme ihres Sohnes die
+Wettergasse hinabgehumpelt war, schloß Rosalie den Laden zu, legte die
+schweren Holzläden vor, verwahrte sie mit den Eisenriegeln und stieg in
+ihr Zimmer empor. Sie hatte noch Zeit, vor sieben würde Werner nicht
+kommen. Inzwischen wollte sie Toilette machen.
+
+Sie kramte eine viereckig ausgeschnittene Batistbluse heraus, bei
+deren Anblick sie lächeln mußte, denn sie hatte schon einmal, im
+vorigen Sommersemester, ihre Wirkung erprobt. Hehe! der gute Bennert!
+Fritzchen! Damals war er dritter Chargierter der Cimbria gewesen. Es
+war sehr nett gewesen mit ihm. Simon war damals noch ein ahnungsloser
+Primaner gewesen mit einem unerschütterlichen Schlaf ... Bennert
+ein hübscher, strammer, rotbäckiger, sommersprossiger Westfale ...
+ein wackerer Liebeskamerad ... allerdings kein Werner Achenbach
+... jetzt war er inaktiver Korpsbursch und büffelte in Berlin zum
+Referendarexamen. Anfangs hatte er noch geschrieben ... ungeschlachte
+Briefe, die stets schlossen: »Dein Dich liebender Fritz« -- dann war's
+eingeschlafen ...
+
+Aber die weiße Bluse, die wußte noch von jenem ersten Abend zu erzählen
+... es war Zeit, daß sie einmal etwas Neues erlebte.
+
+Und wie Rosalie ihren Spiegel befragte, da war sie sicher, daß dieses
+neue Erlebnis nicht mehr fern sei. Himmel! so gab's doch in Marburg
+keine zweite!
+
+Und sie wollte! sie wollte! sie wollte! --!!
+
+Sie stieg die Treppe hinunter, setzte sich auf Werners Sofa, nahm
+ein Buch vom Tisch und begann zu lesen. Sie hatte schon seit ihrer
+Backfischzeit von der Lektüre ihrer studentischen Mieter profitiert und
+hatte so eine wirre Menge Bücher durcheinander verschlungen, von den
+Wahlverwandtschaften bis zu Casanovas Memoiren ... dies Buch kannte sie
+noch nicht; es trug die Zahl des laufenden Jahres, 1887, und führte den
+Titel: Frau Sorge. Der Verfasser hieß Hermann Sudermann.
+
+Sie las und war rasch gefesselt.
+
+Aber plötzlich, nach etwa einer Stunde, legte sie das Buch mit einem
+Ruck aus der Hand. Auf der sonntagnachmittagstillen Straße klang das
+Klappern der Spazierstöcke, klang Hundegezänk und der wohlbekannte
+Cimbernpfiff ...
+
+Sie fuhr ans Fenster. Fünf, sechs Cimbern kamen von der Barfüßergasse
+her die Wettergasse entlang, offenbar vom Spaziergang zurück: sie
+hatten rote Köpfe, Sonnenbrand, frische Luft und Alkohol leuchteten um
+die Wette von ihren Gesichtern. Sie lachten laut und unaufhörlich;
+ihre Mützen saßen im Nacken; mancher von ihnen schlug mit dem
+Spazierstock einen Lufthieb nach dem andern. So trollten sie des Wegs
+entlang, bogen den Pfad nach dem Korpshause zu und verschwanden. Alles
+war wieder sonntagsstill; die ganze Wettergasse schien ausgestorben;
+nur ein mageres Kätzchen schlich den Rinnstein entlang; schon war die
+Sonne längst hinterm Schloßberg verschwunden; Dämmerung sank auf die
+Straße, tiefere lag in den Winkeln des schlichten Studentenstübchens.
+
+Und Rosalie dehnte sich in ihrer einsamen, quellenden Schönheit. Sie
+sehnte sich bis zum Verschmachten nach dem Knaben, dessen Jugendträume
+diese Stube durchwitterten. Dort standen die Bilder seiner Eltern, der
+schöne Weißkopf des Vaters mit den leuchtenden Augen, die Rosalie so
+gut kannte. Dort die herberen Züge der Mutter, aus denen ein kräftiges
+Wollen sprach: von diesen Linien meinte Rosalie kaum scheue Spuren in
+dem Gesichte des Ersehnten zu finden. Und da lag ein Päckchen frisch
+vom Photographen gekommener Bilder. Werner selbst. Ja, das war er,
+seine noch verschwommenen, unausgeprägten Züge, sein suchendes Auge.
+Grellbunt leuchtete die grob aufgesetzte Bemalung der Mütze und des
+Bandes. Das mußte sie haben; kurz entschlossen mauste sie eins und
+schob's in ihre Schürzentasche. Sie wollte ihn schon entschädigen.
+
+Und wieder klangen draußen Schritte und frische Stimmen, und wieder
+fuhr Rosalie ans Fenster. Und wieder waren es andere als der, dessen
+sie wartete.
+
+Und sie stöberte ruhelos in dem Stübchen umher, drehte jeden
+Gegenstand, den sie bemerkte, in den Fingern; inzwischen liebäugelte
+sie mit dem Sofa, steckte gar den Kopf ins Nebenzimmer und warf dem
+Bette einen vertraulichen Nicker zu ... das alles kannte sie ja so gut
+...
+
+Und doch war ihr jungfräulich, war ihr bräutlich zumute ... als
+wenn sie rein wäre, wie jener, dessen unberührte Jugend sie an ihre
+lechzenden Brüste pressen wollte.
+
+Da -- da -- Schritte auf der krachenden Stiege, polternd im lichtlosen
+Dämmer des Flurs -- -- an der Klinke eine tastende Hand -- und Werner
+stand im Rahmen.
+
+»Fräulein Rosalie -- --«
+
+»Ach -- guden Abend, Herr Achebach -- grad e bißche aufgeräumt hab ich
+da in der Stub --«
+
+»Ich dank Ihnen schön --«
+
+»Na -- sinn Se spaziere gewesen?«
+
+»Na -- der übliche Sonntagsnachmittags-Exbummel ... wir waren in Wehrda
+draußen.«
+
+Er hatte seine neue Mütze an die Wand gehängt und eine ältere
+aufgestülpt. Nun nahm er auch ein älteres Band herunter, knüpfte es an
+das neue, das er trug, und zog es durch Abziehen des alten unter den
+Rock. Dabei stand er von Rosalie abgewandt. Seine Finger zitterten.
+
+»Herr Achebach!«
+
+»Fräulein Rosalie?«
+
+»Ich muß Ihne mal was frage --!«
+
+»Nun?« Er fuhr herum -- der Ton der Frage hatte so seltsam
+geklungen ...
+
+»Herr Achebach -- sinn Se in Freitag nacht obe vor mei'm Zimmer
+g'wese?«
+
+»Fräu--lein -- -- Rosalie --«
+
+»Sie --?« sie drohte mit dem Finger.
+
+»Ach Gott -- ich -- ich werde wohl ... bekneipt gewesen sein --
+entschuldigen Sie nur -- es soll nicht wieder vorkommen --«
+
+»Ja -- was ich Ihne sagen wollt -- mei Bruder hat's geheert, wie Sie
+nunner sinn gange, un er hat mir de greeßte Skandal gemacht deshalb. De
+greeßte Skandal!«
+
+»Fräulein Rosalie -- ich werde morgen ... mit Ihrem Herrn Bruder
+sprechen ... und ihm sagen, daß Sie gar nichts ... ich meine, daß ich
+allein --«
+
+»Um Gottes wille, das mache Se nur nit, die größte Unannehmlichkeit
+könnt das gebe! Schon so grad schlimm genug is es gewese!«
+
+»Ach, verzeihen Sie mir doch nur -- ich -- Himmel, ich könnt mich
+prügeln deshalb --«
+
+»Ja, verzeihe, verzeihe! Sie habe gut rede! Sie sinn der große Herr,
+ich bin das arm Mädche, was alles muß ausbade!«
+
+»Fräulein Rosalie!« Er tat einen Schritt auf sie zu -- endlich, endlich.
+
+»Ach, Herr Achebach --!«
+
+»Wollen Sie mir verzeihen?!« Er streichelte ihre Hand, ihren Arm --
+endlich! Endlich!
+
+Und fünf Minuten später hatte sie ihn auf dem Sofa.
+
+Und Werners Fassung schwand. Die wilden Küsse des Mädchens machten ihn
+toll.
+
+Da fuhr Werner plötzlich auf: draußen klang der Cimbernpfiff!
+
+»Himmel, meine Korpsbrüder!«
+
+»Verflucht! Laß se doch pfeife!«
+
+Einen Augenblick lauschte Werner den Pfiffen, die sich dringender
+wiederholten.
+
+Plötzlich polterten Schritte auf der Stiege.
+
+»Die Tier! Is de Tier abgeschlossen?! Schnell! Tu se zuschließen!«
+
+Werner fuhr auf -- verdammt! Der Schlüssel stak draußen!
+
+Es war zu spät -- da tauchte eine blaue Mütze aus der Dämmerung -- ein
+gebieterisches, hageres Gesicht -- der lange Scholz -- --
+
+»Guten Abend, Leibfuchs!«
+
+»Leibbursch, du? Guten Abend --«
+
+»Na, warum hast du denn auf meinen Pfiff nicht reagiert, wenn du doch
+zu Hause bist? --«
+
+»Oh, ich -- -- womit kann ich dir dienen?«
+
+»Ich wollt mir nur 'ne alte Mütze bei dir holen -- es scheint ein
+Gewitter zu kommen.« Und schon war Scholz in der Stube. Vom Sofa
+leuchtete Rosaliens helle Bluse. »Ach, so!! -- Ei, sieh doch den
+Duckmäuser! Wer ist denn das?«
+
+»Fräulein Rosalie Markus -- meine +filia hospitalis+ --«
+
+»Äh -- +filia hospitalis+ --!«
+
+ »Denn keine ist +aequalis+
+ Der +filia hospitalis+!«
+
+sang Scholz mit näselndem Ulkton.
+
+»Mach mal Licht an, Leibfuchs! Die schöne Rosalie Markus ist wert, daß
+man sie auch mal bei Lichte besieht!«
+
+Verstört, fassungslos zündete Werner die Petroleumlampe an. Scholz nahm
+sie und leuchtete Rosalien ins Gesicht.
+
+»Verdammt. Dich hab' ich eigentlich noch nie so recht angeschaut,
+Mädel! Hat keinen schlechten Geschmack, der kleine Leibfuchs.«
+
+Rosalie sprang auf, um zu entfliehen.
+
+»Was, weglaufen? Jetzt, wo's grad gemütlich wird?«
+
+Und die stählernen Finger des Seniors der Cimbria umklammerten
+Rosaliens blühende Handgelenke, preßten das ringende Mädchen
+widerstandslos ins Sofa zurück.
+
+»Au, mein Arme -- lasse Se los, Sie -- Sie ung'schliffener Mensch, Sie!«
+
+»Wenn du brav bist!«
+
+Rosalie war frei, sie rieb sich die Handgelenke. »Da, sehe Se nur, wie
+Sie mich verdruckt habe!« Sie hielt die Handgelenke unter die Lampe,
+Scholzen entgegen; in der Tat, die Finger des jungen Mannes hatten sich
+wie eiserne Handschellen in dem weißen, schwellenden Fleisch eingeprägt.
+
+»Na ja! So geht's, wenn man mir nicht pariert!« lachte Scholz
+behaglich. Seine grauen Augen musterten kennerhaft die Gestalt des
+Mädchens und hafteten an dem Ausschnitt der Bluse.
+
+»Donnerwetter! Ich kann nur staunen! Ich kenne mich doch sonst aus
+unter den Marburger Mädeln -- warum hab' ich dich eigentlich bisher
+übersehen? Nun hat der kleine Leibfuchs da dich mir weggeschnappt.
+Schade!«
+
+»Oh -- weggeschnappt!« sagte Rosalie gedehnt.
+
+Scholz zog, wie freudig erstaunt, die Augenbrauen hoch. Also noch
+nicht? Das wäre! lag in diesem Blick, der Rosalie galt. Und dann über
+die rechte Achsel zu dem Jüngeren, der noch immer regungslos und
+hilflos dastand:
+
+»Na, Leibfuchs? Du schweigst ja in sieben Sprachen?!«
+
+»Gehst du mit zur Kneipe, Leibbursch?« fragte Werner heiser.
+
+»Oh -- wenn du zur Kneipe willst, ich will dich nicht abhalten. Ich ...
+wenn du erlaubst, daß wir noch ein Weilchen auf deiner Bude bleiben
+... dann möchte ich Fräulein Rosalie gern noch ein Augenblickchen
+Gesellschaft leisten.«
+
+»Das sollt mer grad fehle!« höhnte Rosalie und stand abermals auf,
+aber ihr Blick ruhte freundlich auf dem Unverschämten und mied das
+brennende, düstere Auge des Knaben, den sie vor fünf Minuten so wild
+geküßt.
+
+»Schönes Kind, du zwingst mich abermals zu Gewaltmaßregeln!«
+
+»Herr Scholz, mache Se jetzt keine Unsinn un lasse Se mich vorbei!« Sie
+mochte Werner so tief nicht kränken.
+
+»Also heute nicht? Dann ein andermal, du süßer Racker!« Und während
+Rosalie an seinen Knien vorbeistrich, packte er sie dreist um die
+Hüften. Sie riß sich los, warf noch einen spöttisch-bedauernden Blick
+auf Werner, einen schmollenden, doch verheißungsvollen auf Scholz und
+war hinaus.
+
+»Du, Leibfuchs, die Kleine spann ich dir aus, für die bist du noch zu
+jung,« sagte Scholz. »Wenn du der in die Finger fällst, dann bleibt für
+die Mensuren nichts mehr von dir übrig.«
+
+Und gleichmütig hing er seine Mütze an die Wand, nahm die beste
+ältere, die da war, stülpte sie auf den Hinterkopf und sagte: »Komm,
+Leibfuchs, wollen zur Kneipe!«
+
+Er blies die Lampe aus, schob seinen Arm in den Werners und zog ihn zur
+Tür.
+
+Und willenlos, kampflos folgte Werner.
+
+
+
+
+ IX.
+
+
+Und abermals war das Geheimnis, die Erfüllung an Werner
+vorübergegangen. Und als er andern Morgens im Bette übersann, wie
+alles gekommen war, da erfüllte ihn nicht mehr die dankbare Stimmung
+selbstbewahrter Reinheit ... da empfand er nichts als Scham und Groll
+gegen sich selbst. Diesmal hatte er den Becher nicht selbst von den
+Lippen gedrängt, ein Stärkerer war gekommen und hatte den zagen Händen
+des Knaben den Trank entrissen. Und er hatte nicht einen Finger zur
+Abwehr geregt. Er fühlte: das konnte Rosalie ihm nicht verzeihen. Ihren
+Abschiedsblick vergaß er nicht; der brannte noch immer mit ätzender
+Schärfe in seiner Seele. Klein und feige hatte er sich die Geliebte
+entreißen lassen.
+
+Die Geliebte! Hahahaha!!
+
+Dieser Gedanke kam ihm läppisch vor.
+
+Wer ihm noch vor wenig Monaten gesagt hätte, daß man ein Weib küssen,
+ihren Besitz stürmisch begehren könnte, ohne sie zu lieben?!
+
+Wenn jetzt einer gekommen wäre und hätte ihm erzählt, Rosalie sei in
+der Nacht gestorben -- würde er eine einzige Träne um sie vergossen
+haben?!
+
+Was war denn das nun, was ihn zu dem wundervollen Geschöpf gezogen
+hatte?
+
+Werner hatte keinen Namen für dies Gefühl. Und dennoch wußte er, daß es
+ein Glück war, ein süßes, leuchtendes, trunken machendes Glück, das an
+ihm vorübergegangen war für immer.
+
+Für immer?
+
+Ja, für immer. Diese Stunde würde nicht wiederkommen. Diese Stunde,
+die ihm vergönnt hätte, seine so lange aufgestaute Sehnsucht in den
+Schoß eines Mädchens auszuschütten, das ihm alle seine Schönheit als
+freudiges Geschenk entgegengeworfen hatte, das sein gewartet, das ihn
+begehrt hatte in hinlechzendem Verlangen. Begehrt hatte ... und nun nie
+mehr begehren würde, da er sich unmännlich gezeigt hatte.
+
+Und in seinem Herzen war eine tiefe Trauer um ein verlorenes Glück ...
+
+Ja, um ein Glück!
+
+Der Primaner in ihm versuchte ihn zu belehren, daß ja doch dies Glück
+eine Sünde gewesen wäre --
+
+Sünde --!! Hahahaha!
+
+Wo waren die Begriffe hingekommen? Sünde -- Schuld!
+
+Das Leben wußte nichts von ihnen. Das Leben kannte nur zwei
+Empfindungen, nur zwei Seelenzustände: Glück ... und Leid ...
+
+Narr, wer das Glück von sich stieß! Zehnfacher Narr, wer sich's rauben
+ließ!
+
+Das Leid, das mußte man wegstoßen -- das zudringliche Leid, das immer
+wieder von selber kam -- dem mußte man mit Keulen auf den Schädel
+dreschen, daß es heulend entweichen mußte ...
+
+Und haschen, haschen das flüchtige Glück ...
+
+Er hatte es entweichen lassen --
+
+»Du Narr! Du Esel!!« Er schlug sich mit der geballten Faust vor die
+Stirn.
+
+Babett brachte ihm das Frühstück. Er hatte das liebe Kind, dessen
+Mund seine ersten Küsse einst empfangen, seit jenem Abend nicht mehr
+beachtet. Und still wie ein Schatten war das schlichte Mädel durch sein
+Zimmer gehuscht, nie hatte ein Blick ihn daran erinnert, was zwischen
+ihnen vorgefallen.
+
+Heute zum ersten Male ließ er seine Augen auf ihr ruhen. War
+die vielleicht sein Schicksal? Er brauchte wohl nur den Finger
+auszustrecken --
+
+Aber nein -- die da begehrte er nicht. Was war sie gegen Rosalie?
+
+Sie hatte seinen prüfenden Blick gefühlt, und ein tiefes Rot stieg aus
+ihrem Brusttuch bis unter die Wurzeln der zurückgestrichenen Haare.
+Aber er blieb stumm.
+
+Und stumm schlich Babett hinaus.
+
+Nach dem Fechtboden ging Werner zur Anatomie, um von Wicharts
+Gefälligkeit Gebrauch zu machen und den Präparierboden zu besichtigen.
+Es war ohnehin Zeit. Die warmen Tage waren nahe, und da würde der
+Präparierboden geschlossen werden müssen.
+
+In der Vorhalle fahndete Werner nach einem dienstbaren Geist, gab dem
+seine Karte für Wichart und wartete. Und wie er so stand, ging hin
+und wieder die Tür zum Präpariersaal auf, und Studenten gingen ab und
+zu. Sie trugen lange, graue Leinenkittel und hatten die Ärmel wie
+Schlächter aufgestreift. Die Kittel waren wie mit braunen Farbkrusten
+beschmutzt, die Hände dunkel gefärbt ...
+
+Und aus dem Saale quoll ein Dunst, der sich schwer auf Werners
+Brust legte. Der Qualm von Zigarren- und Pfeifenrauch, gemischt mit
+einer andern, einer süßlich-faden Witterung ... Werner fühlte sich
+unaussprechlich ekel.
+
+Der Anatomiediener kam: »Der Herr mecht schon immer in de Saal gehe.«
+
+Und Werner trat ein. Unter der Tür meinte er fast zu ersticken an dem
+widerlichen Brodem, der auf ihn zuquoll. Aber das Bild arbeitender
+Menschen fesselte seinen Geist und half ihm den Schauder der Sinne
+bändigen.
+
+An vielen kurzen Tischen saßen an hundert Studenten, fast ausnahmlos
+junge Semester wie Werner. Alle qualmten sie, alle saßen sie tief
+gebeugt, alle hatten sie irgendein seltsam formloses Etwas in der Hand,
+an dem sie mit scharfen Instrumenten herumschnitzelten. Neben jedem
+lag ein aufgeschlagenes Buch mit Illustrationen in rot und blau,
+oder deren mehrere ... und der Blick der Arbeitenden ging hin und her
+zwischen den Abbildungen ihrer Bücher und den Gegenständen in ihren
+Händen.
+
+Und diese Gegenstände waren leblose Teile menschlicher Körper.
+
+Als Werners Augen das Gesamtbild des Saales aufgenommen und nun zum
+Einzelnen strebten, fiel ihr erster Blick auf einen blutjungen,
+bartlosen Menschen von kindlichem Gesichtsausdruck, der ein langes
+menschliches Bein unter den Händen hatte. Er war beschäftigt, die
+einzelnen Muskeln von den zwischenliegenden Schichten aus Fett und
+Bändern zu befreien und herauszulösen. Eben hatte er einen breiten,
+roten Schenkelmuskel lospräpariert, schob seine Rechte darunter her,
+strich mit der Linken befriedigt, wie liebkosend über den gesäuberten
+Muskel und schmunzelte selbstzufrieden vor sich hin, im Bewußtsein
+sauber besorgter Arbeit. Werner mußte in all seinem Schauder lächeln.
+
+Und er ging weiter von Tisch zu Tisch. Hier wurde ein Arm, dort
+ein Fuß, dort eine Hand zersäbelt. Und staunend sah Werner diese
+selbstverständliche Ruhe und Gelassenheit, mit der diese gleichaltrigen
+Jünglinge das Geheimnis des Meisterstücks der Schöpfung erschürften,
+geschäftsmäßig, mit dem sachlichen Ernst von Knaben, die ein Spielzeug
+zertrümmern, um seinen Mechanismus zu ergründen.
+
+Schließlich stand er hinter einem Studenten, der vor sich einen
+menschlichen Kopf liegen hatte. Die von Haaren entblößte Schädelhaut
+war durch einen Schlitz von der Nasenwurzel bis zum Hinterkopf
+gespalten, dann die Schädeldecke flach abgesägt worden, und aus der
+Gehirnhöhle hatte der Arbeitende das Hirn losgetrennt und gesäubert.
+Eben war er fertig geworden und ließ die quabblige, schaukelnde
+Hirnmasse auf einen Porzellanteller gleiten. Erleichtert atmete er auf,
+empfand, daß jemand hinter ihm stehe, und wandte sich herum. Es war
+Scholz.
+
+»Tag, Leibfuchs! Na? Was suchst du denn bei uns?«
+
+»Tag, Leibbursch! Wichart hat mich aufgefordert, mir hier die Sache mal
+anzusehen.«
+
+»So, so -- na, wie gefällt dir's denn in dem Ausschank?«
+
+»Na -- gefallen? Jedenfalls interessiert mich's riesig.«
+
+»Nicht wahr? Und dann riecht's auch so gut.«
+
+»Entschuldige, Leibbursch -- was treibst du denn hier? Ich denke, du
+stehst schon ziemlich nahe vor'm Staatsexamen?«
+
+»Na -- immerhin noch anderthalb Semester -- aber du hast recht --
+eigentlich hab' ich hier ja nichts zu suchen ... uneigentlich aber
+mach' ich hier Studien für meine Doktordissertation. Schau dir das
+mal an! Das ist die Denkmaschine. Das muß eigentlich jeder gebildete
+Mensch mal gesehen haben. Das und 'ne Entbindung. Dann kommt man
+dahinter, daß der Mensch ein grad so armseliges Viech ist, wie alle
+andern. So die Romanschreiber und die Dichter und so 'ne Leute: die
+müßten das mal sehen, dann würden sie nicht so viel idealistischen
+Blödsinn quasseln.«
+
+Diese Logik war Werner unbegreiflich. Mit tiefer Ehrfurcht betrachtete
+er die opalisierende Masse auf dem Teller. Ihm war, als wachse vor
+diesem Anblick das Geheimnis des Denkens und Schauens nur tiefer
+ins Unermeßliche hinab. Wenn nicht eines Gottes kommandierende
+Allweisheit dies millionenfach verschlungene Chaos von Gängen und
+Fäden und Äderchen gebildet, wenn das alles »geworden war«, so sich
+entwickelt hatte im Laufe der Jahrmillionen -- war das nicht tausendmal
+wunderbarer -- weckte es nicht tausendmal tiefere Ehrfurchtsschauer?!
+
+Das alles zuckte nur als dumpfes Ahnen durch des Knaben Hirn ... von
+dem Naturerkennen der Zeit waren nur erst flüchtige Blitze in die
+dumpfe Geistesdämmerung der Elberfelder Oberprima gedrungen.
+
+Und er stand vor dem Sitz des Lebens, wie er manchmal in heimischen
+Fabriken oder auf der großen Düsseldorfer Gewerbeausstellung vor
+sieben Jahren den riesigen Maschinen gegenübergestanden hatte; das
+eine konnte man so wenig begreifen wie das andere; nur eine Anschauung
+von einer tiefdurchdachten, langsam und kämpfend herangereiften
+Zwecktüchtigkeit und Bedeutungsfülle strömte, wie von jenen
+schwerfälligen eisernen Kolossen, von dem Unbegreiflichen, dem ewig
+Rätselhaften des Seins wie von dem Menschengeiste, der rastlos sich
+selber zu ergründen trachtete. Und der nüchterne, eiserne Gesell da vor
+ihm, der ihn vor wenig Stunden um einen süßesten Augenblick betrogen,
+wuchs in diesem Moment für Werners Empfinden zu einem Pionier des
+Geistes empor, der auf oft betretenen, nie bis zum Ende verfolgten
+Pfaden tiefer und tiefer in den Urwald des Unbegriffenen einzudringen
+trachtete ...
+
+Da schreckte ein Ruf ihn aus seinem Sinnen:
+
+»Achenbach!«
+
+Wichart stand unter einer Tür, die zu einem Nebengelaß führte; auch
+er in Kittel und aufgekrempelten Ärmeln, wie Werner ihn schon von der
+Mensur her kannte.
+
+Werner schob sich zwischen den Schemeln der arbeitenden Studenten
+hindurch und begrüßte Wichart, streckte ihm die Hand hin. Aber der
+sagte:
+
+»Ne, Füchsche, Hand gibt's net -- ich hab schon gearbeitet!« und
+er hielt dem jungen Korpsbruder die besudelte Hand unter die Nase:
+»Kannscht es rieche?«
+
+»Ach, Wichart,« sagte Werner, »ich bin dir ja kolossal dankbar! Es ist
+großartig interessant!«
+
+»Nit wahr? Aber wart nur, jetzt sollst was zu sehe kriege, was mer auch
+nit alle Tag vor die Auge bekommt. Ebe ist was Neues bracht worde: 'ne
+Selbstmörderin, wo se gestern abend unne bei Frohnhause aus der Lahn
+gezoge habe!«
+
+Und er zog Werner ins Nebenzimmer. Dort standen zwei Anatomiediener,
+der eine hatte eine Säge in der Hand, der andere hielt etwas fest --
+
+»Warte Se eine Augenblick, Michel,« sagte Wichart und schob Wernern
+ganz heran.
+
+O Gott -- --!!
+
+Ein junges Weib, ein schönes, wunderschönes Mädchen ... eine Leiche ...
+schon bläulich angelaufen, ein wenig gedunsen vom Wasser -- aber ...
+
+Das also war des Weibes Leiblichkeit!!
+
+Oh, so ganz anders, als der Jüngling sie geträumt hatte ...
+
+Das Weib und der Tod -- da lagen sie beide vor des Knaben Augen --
+schleierlos -- allübermächtig ...
+
+Tot ... und warum tot?
+
+Eine Selbstmörderin --! Aus dem Wasser gezogen!
+
+O Gott, o Gott!
+
+Aus blühender Lebensfülle in die nasse, kalte Flut --
+
+Wichart schien die Frage von Werners zuckendem Gesichte gelesen zu
+haben. Er wies auf den Leib, der sich stark wölbte.
+
+»Da steckt's drin!« sagte er. »Das hat sie ins Wasser gebracht. Ja,
+Kerlche, so is das! Aber se könne ja die Finger nit davon lasse --! Der
+Vater is en Schreiner mit zehn lebendige Kinner, un in seiner Wut, daß
+se in de Schand komme is, hat er se uns verkauft.«
+
+Wernern schüttelte das Grauen so unbezwinglich, daß er mit einem jähen
+Laut die Luft durch die klappernden Zähne zog.
+
+In dem Augenblick trat Scholz ein. »Na, Wichart, was habt ihr denn da
+gut's?«
+
+»Willst es Gehirn habe?« fragte Wichart und wandte sich zu einem
+Instrumentenschrank.
+
+Plötzlich sah Werner, wie Scholzens Augenlider sich weit aufrissen,
+die Stirn sich hoch in Falten zog, der Unterkiefer wie haltlos
+herunterklappte. Und beide Hände tasteten langsam, irr am grauen Kittel
+herauf nach dem Kragen. So stierte er mit blicklosen Augen eine Sekunde
+lang auf die Leiche ... und noch eine Sekunde ... dann machte er kurz
+kehrt und war hinaus.
+
+Himmel -- was war ihm?!
+
+Einen raschen Blick voll zähneknirschend angstvollen Forschens ließ
+Werner in das Totenantlitz gleiten -- ja -- sie war's -- sie war's --
+Lenchen Trimpop.
+
+Wichart hatte nichts bemerkt. Er kramte unter seinen Instrumenten und
+holte eine große Schere heraus. Die gab er dem einen der harrenden
+Anatomiediener und deutete auf das lang und naß herunterhängende
+Blondhaar der Leiche. »Schneiden's ab! Du kannst dir den Kopf gleich
+mitnehme, Scholz! Nanu? Wo ist denn der Scholz?«
+
+Werner konnte nicht antworten. Er drückte Wichart die Hand und
+stammelte, totenhaften Gesichts: »Adieu, Wichart, ich danke schön.«
+Dann taumelte er hinaus.
+
+»Is wohl aach kee Mediziner nit, der Herr?« meinte Michel, der
+Anatomiediener, und setzte die Schere an.
+
+
+
+
+ X.
+
+
+Gott, Gott! --
+
+Ein Mensch war in Verzweiflung getrieben!
+
+Ein junges, blütenjunges Leben hatte flüchten müssen aus der Welt, in
+der es Eltern gab, Geschwister, einen Mann, dem es in Liebe angehört
+... in der es Mutterhoffnung gab ... aber keine Heimat ... keine
+Rettungshand ... nicht Luft noch Licht zum Leben ...
+
+Was würde sich nun ereignen?
+
+Eine Katastrophe, ein Weltuntergang ...
+
+Aber draußen flimmerte die Sonne heiß und heiter auf dem
+Straßenpflaster, übergoldete die Stadt und den friedlichen Fluß, in
+dem ... das würde man nie vergessen können ... und nie diesen Anblick,
+nie diesen fahlleuchtenden, mütterlichen Mädchenleib mit nassen
+Blondsträhnen und den grünlichen Flecken ... nie ... nie ...
+
+Heim! heim! ins Dunkel, in die Einsamkeit ...
+
+Er fand in Dumpfheit seine Straße, seine Stiege, sein Sofa ... wühlte
+sich in eine Decke, fror und schluchzte und sann.
+
+Da stürzte Rosalie heulend herein: »Herr Achebach, Herr Achebach! Ach,
+das Malheur, das Malheur!«
+
+»Fräulein Rosalie?«
+
+»Meine Freundin, es Lenchen Trimpop, is in de Lahn gange!« sie fiel in
+einen Stuhl, sie heulte, sie ächzte, stoßweise schrie sie es heraus.
+
+»Un ich weiß auch, weshalb! E Kind hat se, un ich weiß auch von wem!
+Vom Scholz hat se's gehabt, von eurem Scholz --!!«
+
+ * * * * *
+
+Ja, nun würde die Rache kommen. Die da, dies Mädchen, das gestern der
+Überrumpelung des Sieggewohnten fast erlegen war ... die wußte nun,
+wer er war ... die würde nun durch alle Straßen von Marburg heulen:
+der erste Chargierte der Cimbern ist schuld, daß das Lenchen Trimpop
+ins Wasser gegangen ist! Und dann würden die Steine Echo schreien,
+die Leute sich auf den Verführer, den Mörder stürzen wie auf eine
+gefährliche Bestie und die Rache der Menschheit an ihm vollziehen ...
+
+Nicht, daß er wieder ein »Balg« in die Welt gesetzt -- nicht das war
+das Ungeheuerliche ... sondern daß er hatte die in Verzweiflung sterben
+lassen, die ihm ihr Alles gegeben ... das war's, das würde Rosalie als
+Anklägerin in alle Lüfte heulen, und die Steine würden Echo schreien ...
+
+Mit schlotternden Knien suchte Werner um die Mittagsstunde den Kreis
+der Korpsbrüder auf, die er im Quentinschen Lokal beim Frühschoppen
+wußte. Er glaubte nicht anders, als daß er alles in wilder Verstörung
+antreffen würde. Aber sehr behaglich kneipend saßen die Füchse im
+Garten über der hohen Terrassenmauer. Die Korpsburschen, hieß es, seien
+auf der Kneipe im C. C.
+
+Ah! also dort vollzog sich das Strafgericht!
+
+Aber nein.
+
+Bald kamen die Korpsburschen: sofort sah Werner an ihren Gesichtern,
+daß nichts von besonderer Bedeutung vorgefallen.
+
+Und bald wurde den Füchsen aus dem C. C. mitgeteilt: »C. B. Scholz,
+gewesener Dritter Erster, Erster, Erster, Erster +ad interim+
+tritt von seiner Charge ins Korps zurück und derselbe mit Farben
+inaktiv. Unter demselben Datum definitive Chargenwahl: Papendieck,
+gewesener Fuchsmajor, Erster, Krusius, gewesener Dritter, Zweiter,
+Dettmer Dritter. Unterm selben Datum: i. a. C. B. Scholz, gewesener
+Dritter, Erster, Erster, Erster in Berlin.«
+
+Also das war das Ende? Das war alles?!
+
+Ja, da mußte doch etwas nachkommen! So konnte das doch nicht ausgehen?!
+
+Rosalie würde reden! Ja, die wußte ja nicht bloß, wie Werner, aus
+Anzeichen -- -- die wußte aus dem Munde der Toten, was geschehen war!
+
+ * * * * *
+
+Rosalie schwieg. Ein paar Tage lang hatte sie verweinte Augen ... lief
+ein paar Tage im Hause herum, ohne wie sonst zu trällern und zu pfeifen
+-- dann pfiff und trällerte sie wieder. Und hatte geschwiegen.
+
+Und nichts geschah ... nichts.
+
+Ein paar Tage sprach man in Marburg davon, daß eine Tischlerstochter
+sich ertränkt habe; sie solle ein Verhältnis mit einem Studenten gehabt
+haben, das nicht ohne Folgen geblieben sei: dann war Lenchen Trimpop
+vergessen. Als wäre eine Mücke ertrunken.
+
+Und niemand klagte ihren Mörder an. Niemand kannte ihn. Niemand.
+
+Doch, einer: er -- Werner! --
+
+Er würde die Stimme erheben müssen, er würde zeugen müssen gegen den
+weiland Senior Cimbrias, den gefürchteten S.-C.-Fechter, gegen seinen
+Leibburschen!
+
+Was konnte alles daraus werden --?!
+
+Eine furchtbare Katastrophe im Korps!
+
+Vielleicht würde später Scholz ihn fordern ... gar auf schwere Waffen
+-- auf Säbel ... auf Pistolen!
+
+Was konnte daraus werden?!
+
+Und mit Schaudern malte Werner sich alle möglichen ungeheuerlichen
+Folgen seiner Enthüllung aus.
+
+Vielleicht würde sich Scholz, wenn das Korps ihn exkludierte, das Leben
+nehmen ...
+
+Aber das wäre dann eben die Nemesis, die Rächerfaust der Erinnyen:
+
+ »Wir heften uns an seine Sohlen,
+ Das furchtbare Geschlecht der Nacht!
+ -- -- Geflügelt sind wir da, die Schlingen
+ Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
+ Daß er zu Boden fallen muß!«
+
+O ja, er kannte seinen Schiller! Er wußte, daß es eine ewige, rächende
+Gerechtigkeit gab ... und wie durch jener Kraniche Mund der Mord des
+frommen Sängers an die Sonne kam; er, Werner, war das Werkzeug der
+Vorsehung, des Weltenrichters, den tödlichen Frevel an dem armen
+Schreinerskinde zu rächen!
+
+Mochte kommen, was da wolle! --
+
+Und er ging zu Papendieck, seinem verflossenen Fuchsmajor, dem
+neugebackenen Ersten Cimbrias.
+
+Der lange Senior saß mit der Pfeife vor einem medizinischen Buche und
+»strebte« fürs Physikum. Er war etwas ungnädig über die Störung. Er war
+meistens ungnädig, seit er Erster geworden war.
+
+Aber bald wurde er aufmerksam. In seinem Gesichte zuckte es ganz
+wunderlich, als Werner stammelnd, glühend seine Anklage vorbrachte.
+
+»Na -- büst fertig?« sagte er, als Werner schwieg und in zuckender
+Spannung den Gestrengen ansah.
+
+»Ich bin fertig.«
+
+»Na, nu will ick dir mal wat sagen, lütt Jung. Du hast 'n Vagel. Äwer
+'n utgewassenen. Nu gah nah Hus, lütt Jung, un leg di up't Ohr.«
+
+Werner sprang auf. »Habe die Güte, mir das zu erklären!« Seine Augen
+funkelten so bedrohlich, daß Papendieck sich zu einer Erläuterung
+verstand.
+
+»Zuerst, min Sähn, mußt du dir klar machen, daß allens, wat du wissen
+willst, man Hirnges -- pinste sind, Hirnges--pinste -- versteihst du
+mir? Sonst nix! Scholz hat große Augen gemacht, wie er die Leiche von
+dem unglücklichen Mädchen gesehn hat, und denn is er weggegangen. Das
+is allens! -- Aberst nu will ich mal annehmen, es verhielt sich allens
+wirklich so, wie du dir das zusammenklaviert hast, was wäre denn nu
+denn dorbi? Wat? Sollen wir vielleicht unsen Senior von drei Semestern
+mit Schimpf und Schann rutsmiten, weil so'n doemliches Ding sich ihm
+von Rechts wegen an'n Hals hätt smeten? Wat? Scholzen, den s--trammsten
+Korpss--tudenten in Marburg?! Nee, nee, min Sähn, da büst du hellschen
+schiew gewickelt! Un nu gah, min Sähn, un wenn ick dir nen gauden Roat
+soll gewen: denn swig din Mul! vers--tehst du mich?! sonsten kann
+dich das noch hellschen slecht bekommen! Der Scholz, weißt du, der
+vers--teht keinen S--paß!«
+
+Werner war draußen. Alles wirbelte um ihn her.
+
+ »Ich durchbohr den Hut und schwöre:
+ Halten will ich stets auf Ehre,
+ Stets ein braver Bursche sein.«
+
+Nicht wahr? So hatten sie doch gesungen auf dem S.-C.-Antritts-Kommers
+beim Landesvater? Das war doch der feierliche Burschenschwur, den sie
+damals alle miteinander getan?!
+
+Ja, was war denn Ehre, wenn ~der~ nicht ehrlos war?!
+
+Aber, Werner Achenbach, schlag an deine eigene Brust! Hat nicht vor
+wenig Tagen dieser selbe Scholz, den du verdammst, dich davor bewahrt,
+zu tun, was jenes Mädchen in den Tod getrieben hat?!
+
+Doch nein ... nicht jene trunkenen Stunden, in denen die Tote das Leben
+in ihren Schoß empfangen hatte -- nicht die waren's, um die Werner den
+Verführer verdammte.
+
+Jene späteren, kalten, rohen, die gekommen sein mußten, in denen Scholz
+der Genossin glücklicher Nächte seinen Beistand versagt hatte, versagt
+haben mußte ... hatte nicht Scholz ihm selber gestanden, daß ein Mädel,
+das etwas »gefangen« habe, sich hilfeflehend an ihn gewandt habe ...
+er solle sie heiraten, sonst müsse sie ins Wasser gehen? Er hatte
+keine Hilfe für sie gefunden ... hatte sie verzweifeln und sterben
+lassen ... das war's ... das war für Werners Empfinden die eigentliche
+Ehrlosigkeit, das endgültige Verbrechen, der unsühnbare Mord.
+
+Waren sie denn alle so, die Blau-rot-weißen, wie dieser Papendieck?
+
+Eine andere Stimme wollte Werner hören ... alle die Jünglinge um ihn
+herum standen mitten drin in diesem Treiben ... waren noch beeinflußt
+von Scholzens Persönlichkeit, die anderthalb Jahre lang das Korps in
+fester Zucht gehalten hatte. Eine menschlichere Stimme klang in Werners
+Ohren nach, die Stimme eines jungen Mannes, der schon an der Schwelle
+des wirklichen Lebens stand -- Wicharts.
+
+Er suchte ihn auf, erzählte ihm den Sachverhalt.
+
+»Ja,« sagte der, »das sieht em ähnlich, dem Scholz. Er kann's nu mal
+nit lasse. Was willst mache? Laß doch die Mädche ihre siebe Sache
+beisamme behalte!«
+
+»Wichart! und das könntest du ... das brächtest du fertig, den Menschen
+noch länger als Korpsbruder zu behandeln? So einen Ehrlosen?!«
+
+»Ehrlose? Na, Fichsche, die hohe Töne, die wolle mer lieber unnerwegs
+lasse un wolle der Sach mal ruhig auf de Grund gehe. Sieh mal, wann
+e Mädche sich emal tut hernehme lasse, hernach muß se's doch von
+vornherein wisse, was das absetze kann, möglicherweis. Sieh mal, in
+Deutschland werde jedes Jahr hunnertunachtzigtausend uneheliche Kinner
+gebore. Ob da nu eins mehr oder eins weniger komme wär -- darum wär die
+Welt nit unnergange. Oder meinst? Na, un wenn nu das dumme Mädche ihr
+Kindche ruhig hätt zur Welt gebracht -- der Scholz hätte zahle misse,
+un es wär sicher e strammes Biebche geworde. Warum is se in de Lahn
+gange? Wenn alle Mädche, die Kinner kriege, in de Lahn wollte gehn
+-- so viel Platz is ja gar nit in der Lahn. Also: der Scholz hat nit
+mehr und nit weniger getan, als wir alle tun. Und wenn das Mädche dran
+zugrunde is gange -- Pech genug für de arme Scholz, der wird's auch nit
+so bald vergesse, wie se da is gelege auf ein Prosektortisch. Ja!«
+
+»Wichart -- und das alles ist ... wirklich ... deine Ansicht?«
+
+»Na, aber allemal! Oder hätt er se am End gar heirate solle? die
+Schreinerstochter? Da hätt er ja als Student schon e kleine Harem
+beisamme.«
+
+»Wichart -- in mir dreht sich überhaupt alles --«
+
+»Oder am End gar stehst auf dem Standpunkt vom Keuschheitsprinzip? Die
+Burscheschafte, da gibt's so was, bei einige wenigstens. Keuschheit
+bis zum Ehebett! Je, dann hättst zu de Armine gehe müsse -- hättst nit
+Korpsstudent dirfe werde.«
+
+Werner richtete sich hoch auf. »Lieber Wichart -- ich will dir ganz
+offen etwas sagen. Ich bin jetzt acht Wochen in Marburg. Acht Wochen
+aktiv. Aber was in den acht Wochen aus mir geworden ist ... wenn ich
+das vorher gewußt hätte -- ob ich Armine geworden wäre, das weiß ich
+nicht -- aber Cimber -- Korpsstudent -- bei Gott nicht!«
+
+Wichart schwieg einige Zeit, zündete sich eine frische Zigarre an, sann
+erst vor sich hin, lächelte dann still in sich hinein, richtete sich
+auf und sprach:
+
+»Hernach, lieber Achebach, muß ich dir emal e Rede rede. Sieh mal,
+ich hab e bißche mehr von der Welt gesehn, wie du. Ich begreif das
+alles ganz gut. Bis vor acht Woche bist mollig un weich im Elternhaus
+gesesse, un von der Welt is nix an dich ran komme. Und die Magister,
+die habe dir nix gesagt, un so bist e ganz kleins dummes Gänsche
+gebliebe mit deine achtzehn Jahr un mit deine lange Knoche. Un nu
+auf einmal kopfüber, kopfunter mitte nein in die Welt! Un, ach du
+liebe Güte, wie is die so anners, als du dir's träumt hast! Un nu
+willst verzweifeln un denkst, das is das Korps, wo all die Mensche so
+schlecht macht. Ich aber sag dir: sieh dich mal erst um im Lebe! Dann
+wirst finde: die Korpsstudente, die alte wie die junge, sind gewiß
+keine weißgewaschene Engelche ... aber ~die Beste im Land~ sinn
+doch mit dabei! Ich will ja nit sage, daß es auf anner Weis nit geht,
+e richtiger Kerl zu werde, wie das Lebe sie braucht, ich weiß auch:
+manches bei uns is faul, könnt anners werde ... aber weißt -- worauf's
+ankommt im Lebe -- das habe die alte Korpsstudente im Korps alle
+gründlich gelernt. Denn im Lebe, weißt, da schaut's anners aus als auf
+der Prima! da heißt's: durchkomme! sich wehre mit Zähn un Klaue! un das
+lernst im Korps, verlaß dich drauf! un wenn dabei die Fetze vom Herze
+nur so runnerfliege wie die Schwartelappe drauße in Ockershause ...
+laß fliege, laß fliege! das wachst wieder nach ... von selber wachst's
+wieder nach!!«
+
+»Aha -- also sieht's aus! sorgen, daß man durchkommt!! und all das
+Gerede von Ehre, Ehre, Ehre, das ist also nur Schein! nur Dekoration!
+Komödie! Schwindel!!«
+
+»Komödie?! Schwindel?! Du, da wolle wir uns mal in zehn Jahre wieder
+drüber spreche! Lieber Achebach, es is noch e bißchen zu frieh für
+dich, so abzuurteilen über die Welt, wo du erst seit acht Woche aus
+deiner Kinnerstub nein bist sprungen. Denkst du, mir habe hier all nur
+darauf gewartet, daß du kommst, für um uns nu fix fix umzukrempeln nach
+deine achtzehnjährige Gedanke? Nee, Männche ... lern du erst emal, dich
+in die Welt schicke! Verbessern kannst se immer noch, hernach, wenn mal
+bist wer geworde! Lern heule zuerst mit de Wölf, sonst fresse se dich!«
+
+»Wichart ... nur das eine sag mir ... ich will ja ... ich will
+ja mir Mühe geben zu lernen. Was ist sie denn, diese sogenannte
+korpsstudentische Ehre, die wir hochhalten sollen? Das wird uns ja
+gepredigt in jedem R. C. -- wie soll ich sie hochhalten können, wenn
+ich nicht weiß, was sie ist?«
+
+»Ja, lieber Junge, die Ehre! die korpsstudentische Ehre! wenn mer
+das so könnt mit Worte sage! ... Sieh mal, ich glaub, die Ehre,
+da is es grad mit wie ... wie mit der Mensur. Schau, is das nit
+eigentlich e Bleedsinn, die ganze Fechterei?! Zwei junge Kerl, die
+sich im Lebe nimmer nix zuleid getan habe, die werde von dene
+zweite Chargierte widerenanner gestellt un misse sich nu die Nase
+un die Keps entzweischlage. Bleedsinn is es! aber ... ~mer wird
+e Kerl dabei~!! Haar kriegt mer auf die Zähne ... un das is es
+doch, worauf es ankommt im Leben! Un so, mein ich, so is es auch mit
+der korpsstudentischen Ehre. Eigentlich auch Bleedsinn. Wär's nit
+Bleedsinn, wenn mer sich einbildt, mer wäre was Besonners, wann mer
+so e blau-rot-weißes Fetzche über der Weste kann trage? Aber trag's
+mal so vier Semester lang, mach mal de Bleedsinn e paar Jahr lang mit!
+sollst sehe, was das fir e Muck gibt in de Knoche! -- -- Ich weiß ja,
+das alles is nur die Schal von der Nuß, un unner der glatte, harte
+korpsstudentische Schal, da is auch manch taube Nuß un manch faule
+auch. Aber der Kern, weißt, wenn der gesund is, hernach sollst sehn,
+wie gut's dem tut, wann die Schale so fest is un so glatt! -- -- Weißt,
+lieber Freund, es Lebe is nit so einfach, wie du's dir gedacht hast auf
+em Gymnasium; es is e verdammt schwierige Einrichtung un e komplizierte
+dazu! Un in manchem Bleedsinn steckt mehr Vernunft un mehr Gesundheit
+als in de Kepf von zwei Dutzend Professore!! Na, nu geh un denk e
+bißche nach über mei lange Red ... ich muß in d' Klinik!«
+
+ * * * * *
+
+Werner schlenderte durch die breiten, uncharakteristischen Straßen der
+neuentstehenden Südstadt und sann über Wicharts Worte. Er fühlte die
+gute Meinung, die Aufrichtigkeit in den Darlegungen des Reiferen, aber
+das alles schloß sich nicht zu einem Ganzen zusammen ... das wollte
+nicht verschmelzen mit dem Ideenkomplex, mit dem Moralkodex, mit dem
+Schule und Elternhaus ihn ausgerüstet. Es sprach nicht zu seinem Herzen
+... sie wärmte nicht, diese Weisheit, sie rief nicht zu Taten der
+Begeisterung ... Gab es denn keine Stelle, wo der Herzschlag seiner
+Sehnsucht Echo fand? War er denn wirklich allein, ganz einsam inmitten
+der Stadt der Jugend, wo auf zehn Einwohner ein Student kam? Tausend
+Altersgenossen ... tausend Kommilitonen ... und kein Herz ... kein
+Freund?
+
+Und da stand das Angesicht des einen vor seiner Seele, von dem er
+wußte, daß er zum mindesten ein Gefühl mit ihm teilte ... aber das
+höchste, das wundertätigste ... Klauser ... der arme, dimittierte
+Klauser ...
+
+Ob er den überhaupt besuchen durfte? Ob er sich nicht straffällig
+machte dadurch? Er konnte ja fragen ... aber nein ... vielleicht gab's
+dann ein Verbot ... und das würde er dann übertreten müssen. Denn eine
+Sehnsucht, ein Heimweh nach einem Herzen, das er zum wenigsten erfühlen
+könnte, zog ihn unwiderstehlich zu dem Jüngling, zu dem er ein Mädchen
+hatte sprechen hören, wie zu ihm selber in seinen Träumen Elfriede
+sprach. Er wollte mindestens versuchen, ob da auf die Fragen eines
+bangenden Menschenherzens eine Antwort zu hören sei -- -- nicht eine
+korpsstudentische, sondern eine menschliche Antwort.
+
+Klauser saß lesend auf seinem Sofa, als Werner eintrat. Er sprang auf,
+seine Augen leuchteten in dankbarer Freude -- als er den Besucher sah.
+
+»Gott sei Dank, endlich bekümmert sich mal einer um mich. Willkommen,
+Achenbach!«
+
+Mit Rührung sah Werner in das dick verquollene, blasse Gesicht unter
+dem turbanartig den Kopf einhüllenden Wickelverbande. Himmel, sah der
+Arme verändert aus! Es war die Scham über sein Mensurunglück, die
+schimpfliche Strafe, die Einsamkeit von vier Tagen, angefesselt in all
+der jungen Sommerpracht an ein dumpfes Studentenbudchen, das man nicht
+verlassen durfte, ohne daß die Spießer mit Fingern auf einen zeigten ...
+
+Vor ihm auf dem Tische stand eine Kabinettphotographie im Rahmen ...
+die nahm Klauser hastig und errötend weg und wollte sie verbergen.
+
+»Laß,« sagte Werner und legte seine Hand leicht auf den Arm des
+Korpsbruders -- »laß nur -- ich weiß Bescheid. Das ist Marie. Deine
+Braut. Ich gratuliere dir tausendmal.«
+
+»Achenbach?«
+
+»Ich ... hab' euch im Museumsgarten zusammen gesehen ... neulich auf
+der Reunion. Ich habe ein paar Worte aufgeschnappt ... aber du mußt
+nicht denken, daß ich gehorcht hätte!«
+
+»Das denk' ich auch nicht von dir, Achenbach. Nun, wenn du's weißt,
+dann ... ich danke dir. Du bist ... der erste, der ... ich danke dir.«
+
+Die Jünglinge schüttelten sich die Hände. Beider Augen schimmerten,
+ihre Lider schlossen und öffneten sich rasch ein paarmal.
+
+»Setz' dich! Was trinkst du? Einen Schnaps -- Bier?«
+
+»Was du hast.«
+
+»Ich brauche nur zu klingeln.«
+
+»Na, dann natürlich ein Bierchen.«
+
+Eine alte Wirtin erschien, nahm den Befehl entgegen und verschwand.
+
+»Zigarre oder Zigarette?«
+
+»Erst das letztere, dann das erstere.«
+
+»Recht so!« Die Dunstwölkchen kräuselten um Mariens Bild, das in seiner
+schlanken Herbheit zwischen den Jünglingen stand.
+
+»Und wie geht's dir, Klauser?«
+
+»Na, wie's einem geht, wenn -- na, du weißt ja.«
+
+»Verzeih, aber mir kommt das alles entsetzlich wunderlich vor. Was hast
+du denn eigentlich verbrochen, daß man dich so einfach ...«
+
+»Ja, was hab' ich verbrochen? Meine Mensur hat eben dem C. C. nicht
+genügt. Und dann fliegt man raus. Das ist nun mal so.«
+
+»Ja, ich begreife das alles wirklich nicht.«
+
+»Warum hast du's dir nicht von deinem Leibburschen erklären lassen? Der
+ist doch dafür da.«
+
+»Mein Leibbursch ist Scholz --«
+
+»Ach so -- dann freilich --! Na, dann will ich dir helfen. Also sieh
+mal, bei uns Korpsstudenten ist die Mensur nicht ein einfacher Sport,
+ein Waffenspiel, sondern ein ... Erziehungsmittel. Es soll nämlich der
+Korpsstudent auf der Mensur beweisen, daß ihm körperlicher Schmerz,
+Entstellung, selbst schwere Wunden und Tod ... daß ihm das alles
+gleichgültig ist. Verstehst du? Und dazu erzieht die Mensur.«
+
+»Das begreif' ich sehr wohl und find' es auch sehr schön. Aber ... hast
+du dich denn so benommen, als wenn du ... ja, du mußt mir nicht böse
+sein, ich frage ja nur -- als wenn du Angst hättest?«
+
+»Angst?! Ich und Angst? Haha!«
+
+»Ja -- warum hat man dich denn dann --«
+
+»Ja, warum? Sieh mal, wenn du länger im Korps bist, dann wirst du das
+alles besser begreifen lernen. Im Korps sind seit einigen Jahren die
+-- Anforderungen an die Mensur ... ein bißchen überspannt worden. Man
+... verlangt da Dinge, die ... die eben nicht jeder leisten kann. Und
+mancher kann sie heute leisten und morgen wieder nicht. Es kommt da
+viel auf die Stimmung an ... auf den Gesundheitszustand ... auf die
+Verfassung, in der die Nerven sind ...«
+
+»Ja, mein Himmel -- dann bist du also dafür bestraft worden, daß du ...
+dich am Abend vorher verlobt hast --?!«
+
+»Ja -- wenn man's deutsch nennt -- dann stimmt's.« -- -- --
+
+»Das ist Wahnsinn. Wahnsinn ist das.«
+
+»Ja, sieh mal ... du darfst eben nie vergessen ... das sind Menschen,
+die uns beurteilen ... junge Dächse, wie du und ich auch ... die sind
+natürlich nicht unfehlbar. Der C. C. ist der Ansicht gewesen, daß meine
+Mensur schlecht war, und dann ist sie eben schlecht. Das ist gerade
+wie vor Gericht. Da wird auch manchmal ein Unschuldiger verknackt. Das
+nennt man dann persönliches Pech.«
+
+»Persönliches Pech?! Ich meine, das ist eine furchtbare Härte, eine
+schauderhafte Unvollkommenheit des Korps --! Ach -- Klauser ...
+überhaupt das Korps!! --«
+
+»Achenbach --?!«
+
+»Ach, Klauser -- ich bin ja einfach fast am Verzweifeln!! -- Na und du?
+Dir muß es doch ähnlich gehen! Du fühlst doch wahrhaftig die Segnungen
+dieser famosen Institution am eigenen Fleisch und Blut ... in diesem
+Augenblick!«
+
+»Am eigenen Fleisch und Blut! Ja, das tu ich.«
+
+Ernst, mit bitter zusammengezogenem Munde, lehnte sich Klauser einen
+Augenblick in seinem Stuhle zurück. Er ließ schwere Rauchwolken zur
+Decke steigen und starrte ihnen nach.
+
+»Ja ... wenn man's noch einmal zu tun hätte --!«
+
+Aber dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf.
+
+Er setzte sich aufrecht, legte seine Hand auf die des Freundes und
+sagte:
+
+»Kind, sieh mich an. Wie ich hier sitze, hat mich das Korps auf meine
+fünfzehnte Mensur herausgeklebt, mir meine Charge genommen, und ich
+weiß noch nicht, komme ich Samstag in acht Tagen wieder hinein in den
+Bund, oder fliege ich perpetuell raus. Also, kannst mir glauben, zum
+Schönfärben und Vertuschen ist mir grad' nicht zumut. Ja, vieles ist
+bei uns nicht schön. Vieles könnte anders sein -- milder, menschlicher,
+weniger nach Schema F. Aber ... wenn ich noch mal krasser Fuchs wär ...
+ich würde doch wieder Korpsstudent!!«
+
+»Doch wieder? Trotz alledem?«
+
+»Ja -- trotz alledem! Ich weiß nicht, mein Gefühl sagt mir: das muß
+alles so sein. Das ist alles so eingerichtet, damit wir brauchbar
+werden für das, was später kommt ... Damit wir lernen, die Zähne
+zusammenbeißen -- -- damit wir Männer werden! -- Und du -- -- halt nur
+zwei Semester aus ... dann sprichst du geradeso!! --«
+
+Eben kam die Alte mit dem Bier. Sie schenkte ein, schlich hinaus.
+
+»Prost, Achenbach!«
+
+»Prost, Klauser!«
+
+»Was soll's gelten? -- Ich weiß: auf ein ewiges +Vivat, crescat,
+floreat+ unserer lieben Cimbria! Auf daß sie grüne und gedeihe in
+alter Herrlichkeit! Auf daß sie Freude erlebe an uns, ihren getreuen
+Söhnen! Rest!!«
+
+Leuchtenden Auges tranken sie aus und schauten einen Augenblick ins
+leere Glas. Dann füllte Klauser stumm aufs neue die Gläser.
+
+»Und nun,« sagte Werner, »nun will ich auch eins ausbringen. Aber dabei
+müssen wir aufstehen! -- Auf ... ~die da~! Klauser! Auf die da ...
+und auf ... auf eure Liebe, Klauser! Auf daß sie euer Leben reich mache
+... reich ... und schön ... schön ... Marie soll leben! Deine Marie!«
+
+»Marie! -- -- Marie!«
+
+Die Gläser stießen aneinander, Auge ruhte in Auge, feierlich tranken
+sie aus.
+
+Und wie ein Goldglanz wob es durch die Stube. Heller, leuchtender noch
+als das Bild auf dem Tische schwebte vor den Herzen der Jünglinge
+strahlend ein Mädchenantlitz vorüber und grüßte die Zecher ...
+
+»Na und nun?« Klauser schenkte zum dritten Male ein. »Wie heißt der
+dritte Spruch?
+
+ Es lebe die Liebste ~deine~,
+ Herzbruder, im Vaterland!
+
+denn -- -- du hast auch eine, Achenbach, oder ich will ein schlechter
+Kerl sein.«
+
+»Ja, Klauser ... ich habe eine -- im Vaterland ... daheim!«
+
+»Die heißt?!«
+
+»Elfriede --«
+
+»Also -- Elfriede soll leben!«
+
+»Elfriede!«
+
+Still war's im Zimmer. Zwei junge Herzen schlugen dem Glück entgegen.
+Dem fernen, dem unerreichbar fernen Glück ...
+
+»Ach, Klauser,« rief Werner, »es ist ja alles Unsinn -- sich zu grämen
+über die Welt -- --«
+
+»Ist auch Unsinn! Haha! Die Welt! Ist ja viel Dummes und Blödes und
+Scheußliches drin ... aber auch das andre ... das ist auch da!«
+
+»Ja, das Gute, das Heilige ... das Schöne.«
+
+»Da wollen wir uns dran halten, wenn uns bange wird ...«
+
+Und die glücklichen Knaben erzählten einander. Jeder von seiner Liebe
+... sie konnten kein Ende finden.
+
+Und lächelnd, rätselvoll lächelnd stand Mariens Bild zwischen ihnen.
+Das Bild eines Weibes ... eines reifen Weibes ...
+
+Plötzlich zog Klauser die Uhr und rief: »Menschenskind ... es ist ja
+die höchste Zeit, daß du auf die Kneipe gehst! Zu spät kommen zu
+spezieller Kneipe kost' zwei Em! Raus! raus!«
+
+»Ich danke dir, Klauser ... es war schön.«
+
+»Ja, es war schön, und du hast mir verdammt gut getan in meiner
+Einsamkeit ... mir ist so wohl, so ... und Samstag in acht Tagen ...
+ich hab' so'n Gefühl ... es wird gut gehn mit mir ... ich komm schon
+wieder hinein in den Bund ... läßt du dich mal wieder sehn inzwischen?«
+
+»Wenn ich darf?«
+
+»Du darfst! Brauchst nur um Dispens zu bitten!«
+
+»Mach ich! Also ... auf Wiedersehn!«
+
+»Auf Wiedersehn, lieber Achenbach! Und nochmals tausend Dank!«
+
+Und als die Jünglinge sich zum Abschied in die Augen sahen, da
+löste sich für einen Augenblick die glatte Rinde korpsstudentischer
+Gemessenheit um ihre jungjungen Herzen. Sie lagen sich plötzlich in den
+Armen.
+
+Halb beschämt über diese Selbstvergessenheit, halb glückselig in einem
+nie erlebten Gefühl des Einklangs, trennten sie sich mit einem derben
+Lachen. Und doch war ihnen beiden so warm und stark im Herzen.
+
+Sie waren noch etwas Besseres als Korpsbrüder geworden in dieser Stunde.
+
+Sie waren Brüder geworden.
+
+
+
+
+ XI.
+
+
+Seit Werner mit Klauser und Mariens Bilde ein fein Kollegium gehalten,
+war ihm heller zu Sinn.
+
+Allmählich verblaßte in seiner Erinnerung das Grauengesicht des
+ertrunkenen Lenchens. Das zurückgekrampfte Totenhaupt mit den
+halbgeschlossenen, geschwollenen Augenlidern verschwebte im
+Dämmerlichte der Erinnerung, und dafür hob sich Mariens lebenswarmes
+Gesicht, von innen mit strahlender Glut erhellt. Er liebte das Mädchen
+nun mit der ritterlichen Schwärmerei eines dienstgetreuen Bruders.
+Wenn er ihr auf der Straße begegnete, grüßte er ehrerbietig, obgleich
+er ihr noch nie vorgestellt war. Das erstemal dankte sie erstaunt und
+kühl, bei der zweiten Begegnung hatte Werner die stolze Freude, von
+ihr, der Fremden, ein vertrauliches, kameradschaftliches Nicken zu
+ernten. Das sagte deutlich: er hat mir von dir erzählt! Er! Und da
+wußte Werner auf einmal auch noch etwas anderes von Marien: daß sie
+Mut habe ... daß sie, die »Hessen-Nassauer-Dame«, deren Vater, der
+Universitätsprofessor Geheimrat Hollerbaum, wie auch ihre drei Brüder,
+Alte Herren des rivalisierenden Korps waren, den armen verbannten
+Cimbern die Strafe nicht hatte entgelten lassen, die sein junges Glück
+ihm eingetragen ... daß sie ihn gesehen, getröstet hatte ... einerlei
+wo und wann ... Oh, wie er sie liebte dafür! Ach, es hatten doch nicht
+alle Jugendträume gelogen! So ganz anders war sie doch nicht, die Welt!
+Wohl gab es manches darinnen, wovon seine Lehrer, seine Dichter ihm
+nichts verraten hatten; aber auch das andere, das Schöne, das Heilige
+war da, es wandelte wie auf leuchtenden Wolken mitten durch Blut und
+Tränen, durch Schmutz und Alltäglichkeit ...
+
+Und auch im Korps fand Werner sich nun besser zurecht. Er begann sich
+einzufügen, einzuordnen in die Jahrzehnte alte Organisation, die
+sicherlich nicht auf ihn gewartet hatte, um sich alsbald nach seinen
+Ideen zu wandeln ... die am starren Zaun der Tradition entlang ihren
+eisenklirrenden Weg schritt.
+
+Eifriger als je war er auf dem Fechtboden. Zum Leibburschen hatte er an
+Scholzens Stelle den neuen Zweitchargierten, Krusius, gewählt. Einen
+Augenblick hatte er daran gedacht, zu warten, bis Klauser sich aus der
+Dimission gepaukt haben würde, und diesen dann zum Leibburschen zu
+wählen. Aber nein, ein solches offizielles Verhältnis dünkte ihm unwert
+des Bundes, den ihre Herzen geschlossen hatten ... und der stramme
+Fechtchargierte schien ihm der rechte Erzieher, nun er sich ernstlich
+entschlossen hatte, seine ohnmächtige Kritik an den Zuständen des Korps
+aufzugeben und zunächst einmal sein ganzes Wesen in die harte Form
+pressen zu lassen, die sich ihm darbot und ihm zum mindesten einen Halt
+versprach.
+
+Und noch eine andere Quelle der Unruhe und Qual schien versiegt in dem
+ungeheuren Riß, den jene erste Berührung mit dem Ursprung und Ende des
+Seins durch seine Seele gezogen hatte. Sein wildes Begehren nach dem
+Weibe war einem tiefen Entsetzen gewichen. Des Weibes nackte Schönheit,
+die ihn so gequält: er hatte sie zum ersten Male geschaut im Stande der
+Auflösung -- der Vergänglichkeit -- der Vernichtung, und die Schauer
+dieser Erinnerung hatten die Sehnsucht in ein fröstelndes Grauen
+verwandelt. Und aus diesem Grauen rang sich nach und nach eine Ruhe los
+... eine tiefe, entsagende Ruhe.
+
+Rosalie!
+
+Wie ein schönes Bild nur sah er die jüngst so wild Begehrte noch an.
+Und sie schien zu empfinden, daß die Flammen erloschen waren, die sie
+so hoffnungsgierig geschürt hatte. Sie blieb Wernern fern, und wenn
+sich ja einmal ein Zusammentreffen fügte, so verkehrten sie ruhig und
+heiter zusammen, wie ein paar gute Kameraden. Vollends Babett war ihm
+zu einem geschlechtslosen Wesen geworden, zu einem guten, dienstbaren
+Geistlein, das um ihn schwebte wie ein körperloser Hauch.
+
+Und mit ausgebreiteten Armen warf sich Werner hinein in den lustigen
+Strudel des Korpslebens. Nun focht's ihn nicht mehr an, wenn er
+des Morgens auf dem Fechtboden einmal von einem Korpsburschen derb
+gerüffelt wurde. Dann holte er selbst die Filzmaske, ließ sich mit
+zusammengebissenen Zähnen den Schädel verdreschen und klopfte weidlich
+wieder, so daß der Fechtchargierte Krusius mehr als einmal beifällig
+äußerte:
+
+»Wenn das mit dir so weiter geht, Leibfuchs, dann stell ich dich noch
+als Krassen am Semesterschluß ein- oder zweimal raus.«
+
+Das Kolleg hatte sich Werner nun gänzlich abgewöhnt. Dafür ging's vom
+Fechtboden stracks zur Lahn zum Schwimmen. Dann lag er stundenlang im
+Grönländer auf dem Wasser. Ach, das war schön! Von dichtem Gebüsch
+umrandet, schlängelte sich der schmale Flußlauf durch die breite
+Ebene; zur Rechten und Linken säumten die ernsten Bergschranken das
+Talbett ein. Blau lag über dem friedvollen Tale das Himmelsdach ...
+weiße Wolken segelten von Westen herauf über den Buchenwäldern zur
+Linken, wanderten still über Fluß und Ebene und versanken hinter den
+Tannen von Spiegelslust. Als Ziel der Ruderfahrt winkte das Dörfchen
+Wehrda, friedlich in eine Bergmulde eingebettet, zwei Dutzend schlichte
+Häuschen um einen ehrwürdigen Turmstumpf gedrängt; dort gab's saure
+Milch und würzigen Handkäs. Und dann zurück ... gar zu gern ließ Werner
+die Doppelschaufel des Ruders ein Weilchen ruhen und träumte in die
+sommerliche Schönheitsstille hinaus, bis ein plötzlicher Ruck, ein
+Schwanken des Bootes ihn gemahnte, daß er sich einem gar empfindlichen
+Fahrzeug anvertraut.
+
+Oder es ging vom Fechtboden aus gleich auf die Wanderschaft. Oft
+allein, oft auch in Gesellschaft zweier oder dreier Korpsbrüder
+marschierte er los: bald kannte er Weg und Steg der Umgegend. Und er
+schloß diese wundersame, versonnene, geheimnisstille Landschaft in sein
+Herz. Es war gar nicht auszudenken, was alles diese weiten Bergwälder,
+was diese weltverlorenen Hochebenen mit ihren vereinzelten Eichenriesen
+über jungem Buschdickicht der Seele sagten.
+
+Zum Frühschoppen mußte man dann wieder im Quartier sein, und Werner saß
+nun nicht mehr als steinerner Gast, nicht mehr als dumpfer, düsterer
+Grübler inmitten der munteren Schar. Er sang die derbsten Katerlieder
+lachenden Mundes mit, errötete nicht mehr über die massivste
+Landsknechtszote, wenn er auch nie selber solche kolportierte. Das
+Mensursimpeln langweilte ihn nicht mehr, und niemals mehr fiel's
+ihm ein, ein Gespräch über Literatur und Kunst oder Politik und
+Religion anfangen zu wollen. Kurz, er war auf dem besten Wege, ein
+Korpsfuchs nach dem Herzen des Seniors Papendieck zu werden. Sein neuer
+Leibbursch, der Zweite Krusius, war geradezu stolz auf ihn und erzog
+ihn mit zärtlichster Vaterliebe.
+
+Und im stählenden Betrieb des Fechtstudiums, in Luft und Sonne blühte
+Werner auf. Der schmächtige Körper streckte sich in Länge und Breite,
+die verräterischen Ringe unter den Augen, die Zeugen heimlicher Kämpfe
+und Qualen, verschwanden. Die Ströme Biers, die Dammer, der nun zum
+Fuchsmajor ernannt worden war, durch seiner bisherigen Mitfüchse
+Verdauungsapparat allabendlich hindurchleitete, gaben Werners Gliedern
+eine behagliche Rundung, seinem Gesicht eine frische Röte; dabei
+bewahrten Ruder und Wanderstab und Rappier den jungen Körper vor
+Stauung und Fülle.
+
+Schöne Wochen waren gekommen. Hinter ihm lag die Zeit der Kritik.
+Hinter ihm die Erinnerung an seine kunstgeweihte, lernfreudige
+Gymnasiastenzeit. Nicht mehr war sein Wahlspruch das Homerwort, das
+ihn allezeit auf dem ersten Platze der Klasse festgehalten bis zum
++primus omnium+ -- nicht mehr trachtete er »immer der Erste zu
+sein und vorzustreben den andern« -- nein -- aufzugehn in der Menge,
+nicht herauszufallen aus dem engen Rahmen, der straffen Norm, die
+das Korps der Persönlichkeit vorzeichnete, sich anzupassen der neuen
+Lebensform, in die er hineingeraten, das war nun das Trachten seiner
+Tage.
+
+Und Werner wurde heiter. Er wurde lustig, geräuschvoll, ausgelassen
+im Kreise der Korpsbrüder. Mit Staunen sahen die, wie er, der früher
+manchem unheimlich gewesen war in der grüblerischen Unruhe seines
+haltlosen Wesens, auf einmal als überschäumend munterer Kumpan
+sich entpuppte, plötzlich begann, gar in Tollheiten zu schwelgen.
+Eines Abends kamen Werner Achenbach, mit ihm der jüngst gewählte
+Dritte, Dettmer, die Jungburschen Böhnke und Dammer, der Fuchsmajor,
+von der Kneipe herunter auf gemeinsamem Nachhausewege und lenkten
+in die Wettergasse ein. Dort war das Pflaster aufgerissen: bei
+der mangelhaften Beleuchtung stolperte Dettmer über einen Haufen
+Pflastersteine und fluchte barbarisch.
+
+In diesem Augenblick fiel Werners Auge auf die offenen Fenster eines
+niedern Bürgerhauses: der Schneidermeister Ackermann wohnte da, ein
+geriebener Bursche, der den Korpsstudenten pumpte, solange sie in
+Marburg waren, und sie dadurch zu bösartigem Kleiderluxus verleitete
+-- und kaum, daß sie den Rücken gewandt, an die Eltern schrieb und mit
+den Gerichten drohte. Er war deshalb vor kurzem in den S.-C.-Verruf
+geflogen.
+
+»Herrschaften, ich hab' 'ne Idee!« rief Werner.
+
+»Silentium für Achenbachs Idee!« kommandierte Dettmer.
+
+»Also da oben hinter den offenen Fenstern ist Ackermanns beste Stube,
+das weiß ich, man kann sie von meiner Bude aus sehen! Wie wär's, wenn
+ich da hineinkletterte -- ihr reicht mir Pflastersteine an, und wir
+verzieren ihm seine Renommierbude ein bißchen!«
+
+Jubel! Im Augenblick war der Plan durchgedacht: Böhnke lehnte sich
+an die Wand zwischen Ackermanns kleinen Schaufenstern, und mit
+der Sicherheit und Kühnheit, welche der zwanzigste Schoppen dem
+ausgepichten Korpsfuchsen verleiht, turnte Renonce Achenbach auf
+Böhnkes Schultern. Von da aus konnte er bequem die Fensterbrüstung im
+ersten Stock erreichen: ein kräftiges Ziehen: Böhnke, der als Oberjäger
+der Reserve etwas vom Turnen verstand, schob mit den Händen unter
+Werners Fußsohlen nach, und mit einigem Gepolter langte Werner in der
+Stube an. Nun klopfte ihm doch das Herz: er lauschte einen Augenblick,
+aber Familie Ackermann schlief den Schlaf des ungerechten Mammons. Nun
+ließ Werner einen Stuhl zum Fenster hinaushängen: die andern Cimbern
+packten Pflastersteine hinauf, ein kräftiges Heben, die Ladung war
+oben. Und mit dem Behagen eines Künstlers arrangierte nun Werner die
+Basaltklötze auf Salontisch, Vertikow, Sofa und Plüschsesseln, mitten
+zwischen den geschmackvollen Nippsachen eines Schneidermeistersalons.
+Noch eine zweite Ladung konnte untergebracht werden: dann turnte Werner
+zurück, und voll Hochgefühls zog man fürbaß. Schlafen gehen mochte
+keiner: der Tatendrang war einmal geweckt. Das sonst so beliebte
+Laternenausdrehen reizte heute nicht sonderlich, denn der Vollmond
+stand schmunzelnd über Stadt und Schloßberg und beschämte die
+armseligen Funzeln der Gasflammen. Und Dettmers Vorschlag, den Mond
+auszudrehen, mußte man nach längerer Beratung als unausführbar fallen
+lassen.
+
+Aber es mußte etwas geschehen. Und man kam auf folgende Idee -- diesmal
+war Dammer das Ingenium gewesen:
+
+Von der Barfüßerstraße führten viele kleine dunkle Gassen steil hinab
+zur unteren Stadt. In eine solche wollte man aus Pflastersteinen
+eine Barrikade bauen; dann sollte unten skandaliert werden, um einen
+Wächter der Nacht herbeizulocken: dieser sollte, abwärts eilend, über
+die Barrikade stolpern und schmählich zu Falle kommen. Damit aber der
+Dienst der Pflicht für ihn nicht mit schwerer Körperverletzung endige,
+sollte hinter der Barrikade ein hoher Sandhaufen aufgetürmt werden.
+
+So ward's, nachdem mancher Schweißtropfen geflossen, und bald konnten
+die Exzedenten den tiefen Fall eines Polypen bejubeln, dessen
+schlaftrunkenes Haupt sich im Sande begrub.
+
+Aber die Rache kam. Ein Brunnen plätscherte silbertönig in die stille
+Nacht. Es war gar nicht einzusehen, warum die vier Strahlen Wassers
+sich nun immer und immer in die vier darunter befindlichen Steinbecken
+ergießen sollten. Mit Hilfe je zweier Bretter von einem nahen Neubau
+und einiger Pflastersteine ließen sich leicht ein paar Rinnen
+improvisieren, die das Wasser auf das Pflaster ablenkten. Das würde
+bald eine hübsche Überschwemmung absetzen.
+
+Schon plätscherte das Wasser lustig auf den Steinen, da griff plötzlich
+eine kräftige Faust in die Gruppe der Bauenden: an dieser Faust blieb
+der C. B. Dammer aus Dräsen zappelnd hängen.
+
+»Na, Ihne hab ich!«
+
+Wie der Wind waren Dettmer, Böhnke und Achenbach auseinandergeflogen.
+Ihre Schritte verhallten in der Ferne der nächtlichen Straßen.
+
+»So,« sagte der Wächter des Gesetzes, »wenn Se nun vernünftig sinn und
+bringe die Geschicht da wieder in Ordnung, und schleppe da die Bretter
+wieder an ihr Stell un die Pflasterstein, hernach will ich Ihne laafe
+lasse, weil die Herre Cimbre immer so anständig sinn.«
+
+Das letztere war ein Wink der Sehnsucht nach den üblichen Biermarken
+der Sühne.
+
+Aber Dammer fand es unter seiner Würde, die angerichtete Störung der
+öffentlichen Ordnung +in integrum+ zu restituieren.
+
+»Nu heern Se mal, mei Gutester,« sagte er, »wie kommen Se mir denn vor
+-- eegentlich, heern Se? Bin ich denn hier der Wächter der effentlichen
+Ordnung, oder sind's gar am Ende Sie, mei Gutester? Also sein Se so gut
+und tun Sie, was Ihres Amtes ist.«
+
+Das ging dem Beamten übern Spaß. Sein Biermarkentraum versank, und der
+ehemalige preußische Unteroffizier tauchte aus dem Schlummer zweier
+Jahrzehnte empor.
+
+»Sie komme mit zur Wach!«
+
+»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«
+
+»Sie zeige mir Ihre Studentekart!«
+
+»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«
+
+»Na, alsdann kurze Prozeß!«
+
+Und eine energische Faust packte den kleinen Dammer, und der, als
+Jurist plötzlich eingedenk, daß es irgendeinen geheimnisvollen
+Paragraphen über Widerstand gegen die Staatsgewalt geben mußte, ließ
+sich schieben.
+
+Inzwischen hatten seine drei Komplizen die Entwicklung der Dinge
+vorsichtig beobachtet und machten Rettungspläne. Auch hier hatte
+Werner eine Idee. Auf einem halsbrechenden Wege, durch berganklimmende
+Seitengassen, überholten sie den Wächter des Gesetzes und sein Opfer.
+
+Als der Nachtrat Dammern bis in die Nähe des Marktplatzes geschafft
+hatte, standen da auf einmal zwei Cimbern über eine dunkle Masse
+gebückt, die auf dem Straßenpflaster lag. Bei näherem Besehen war es
+ein Mensch. Ein junger. Ein Student ohne Kopfbedeckung oder sonstige
+Abzeichen.
+
+Der eine der Zuschauer näherte sich dem Nachtwächter -- fragte
+zunächst: »Was hat denn dieser unglückliche Jüngling da verbrochen,
+daß er in Ketten und Banden in das Haus des Entsetzens geschleift wird?«
+
+»Das geht Ihne gar nichts an, verstehn Se mich? Gehe Se Ihrer Wege!«
+
+»Auf höfliche Frage eine grobe Antwort. Na, Geschmacksache! Herr
+Nachtrat, da in der Straßenrinne liegt ein unglücklicher Mitmensch, den
+offenbar der Schlag gerührt hat. Tot ist er aber nicht, wir haben schon
+gehorcht.«
+
+»Wird wohl besuffe sinn!«
+
+»Das haben wir auch geglaubt, aber aus seinem Munde geht kein Hauch von
+Alkohol. Überzeugen Sie sich nur.«
+
+»Ich hann kee Zeit -- ich muß hier de Gefangene transpottiere!«
+
+»Und wenn der arme Jüngling nun stirbt?! Jeder Augenblick kann kostbar
+sein.«
+
+»Wir machen Sie verantwortlich für das Leben dieses Menschen!«
+
+»Nu sähn Se, Herr Nachtrat, das is doch wahrhaftig wicht'ger, als mich
+ins Kittchen zu bring'n?«
+
+So redeten Dammer, Achenbach, Dettmer auf den unglücklichen Beamten ein.
+
+Böhnke stöhnte inzwischen schauerlich.
+
+»Da sehn Sie's! er stirbt, wenn Sie nicht sofort anfassen! Wir helfen
+Ihnen!«
+
+»Ich loof nich fort, Herr Nachtrat! ich loof nich fort!« --
+
+Der Nachtwächter verlor die Fassung. Er ließ Dammer los: »Na, da fasse
+Se an die Bein an, meine Herre, ich nemm en obbe!«
+
+Er bückte sich über den Röchelnden ... in diesem Augenblick versetzte
+der ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und im Hui
+waren der Sterbende, die beiden Samariter und auch der Arrestant
+verschwunden.
+
+»Bande, verfluchte!«
+
+Der Beamte klopfte seine Mütze ab, die in den Staub gefallen war, und
+befühlte seine schmerzenden Glieder.
+
+»Die Cimbre sinns gewese! aber wenn ich nur tät wisse, welche! es sinn
+doch Stücker vierzig ihre hier!«
+
+Aber er beschloß, reinen Mund zu halten. Er würde sonst nur den Spott
+seiner Kollegen ernten ... und wenn ihm morgen nacht auf einmal ein
+paar Biermarken in die Tasche regneten, dann würde er ja auch wissen,
+woher die kämen.
+
+
+
+
+ XII.
+
+
+Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die
+Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und
+Lachen, es mußte noch etwas geschehen.
+
+»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die
+Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!«
+
+Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei
+den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber
+es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die
+Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die
+Westen stecken und die Röcke zuknöpfen.
+
+Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da
+lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster
+offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise
+hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht.
+Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann
+im Nachthauch. Fern raunte die Lahn.
+
+Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im
+tiefen Schatten einer Blutbuche geborgen. Und da war keiner unter
+ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt
+wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut,
+dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert
+nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens.
+
+Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht:
+
+ »Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht,
+ Stumm irr ich und träumend umher,
+ Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht,
+ Es taumeln die Wellen ins Meer.
+ Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen Altan,
+ Hell flattert im Winde ihr Haar,
+ Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan,
+ Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar!
+ Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell,
+ Nie hab ich die Dirne geschaut -- --
+ Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell --
+ Was lacht sie und küßt mich so traut?!«
+
+Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite
+Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die
+Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's;
+hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug,
+um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches
+Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises
+Kichern klang doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war,
+zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch
+die Adern.
+
+Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an;
+es schloß:
+
+ »Seh ich ein Haus von weitem,
+ Wo ein lieb Mädel träumt,
+ Sing ich zu allen Zeiten
+ Ein Lied ihr ungesäumt.
+ Und wird's im Fenster helle,
+ Wär es auch noch so spat,
+ So weiß ich auf der Stelle,
+ Wie viel's geschlagen hat.«
+
+Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues
+Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu
+Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ...
+
+»Die Mademoiselle! die revidiert!«
+
+Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen,
+in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung
+überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus:
+
+»Nachtwächter --! Nachtwächter!!«
+
+Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus -- hielten's dann
+aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt,
+dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen.
+
+Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen
+seinen Pfad.
+
+ »Was lacht sie und küßt mich so traut?«
+ »Und wird's im Fenster helle --
+ -- So weiß ich auf der Stelle,
+ Wie viel's geschlagen hat ...«
+
+Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder
+hinein in ein einsames Knabenstübchen.
+
+Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett
+des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich
+entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen
+gewesen ...
+
+Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes
+und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes
+stillen, die Wonne der Jugend auskosten ...
+
+Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines
+Herzens ...
+
+Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung
+des Augenblicks dräuend geschwebt hatte:
+
+»Kinder -- wir gehn zur Lina!!«
+
+Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte:
+
+»Wir sind doch in Couleur!«
+
+»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer. »Die Lina wohnt
+draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem
+Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer
+sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab'
+ich schon öfter so gemacht!«
+
+»Na, denn in Deibels Namen!«
+
+Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg
+man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter
+ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in
+schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend.
+Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man
+ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem
+Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den
+Nacken der Schreitenden.
+
+Zeit genug, nachzudenken ...
+
+Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn --
+und im Nacken klatschte die Geißel.
+
+Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen
+Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich
+erfüllen, nun würde er wissend werden ...
+
+Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die
+Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten
+wirren Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm
+entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend
+sich an ihn schmiegte -- Rosaliens glühende Brüste, die sich aus
+blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten --
+
+Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten -- ein grünlich
+schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll
+winkende Gottheit ... Elfriede ...
+
+Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die
+Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ...
+
+Und das würde nun das Ende sein -- Lina ... irgendeine Lina.
+
+Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das
+war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er
+erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen.
+
+Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem
+verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck
+ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün.
+Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem
+einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen.
+
+Dettmer klopfte.
+
+Nichts rührte sich.
+
+Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig.
+Er hätte sterben mögen.
+
+Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. --
+
+Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte
+und rief halblaut:
+
+»Lina!«
+
+Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen
+vorsichtig geöffnet.
+
+»Wer is es denn?«
+
+»Ich bin's -- der Theodor!«
+
+»Bist denn allein?«
+
+»Nein -- ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine
+Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!«
+
+»Oh, ne -- wann du nit allein bist ... ich bin müd -- was kommt ihr
+auch so spät in der Nacht -- geh nach Haus!«
+
+»Du bist verrückt, Lina -- schnell mach auf -- sonst komm ich nicht so
+bald wieder!«
+
+»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang -- ich bleib in
+meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du
+ja.«
+
+»Is jut, riegle man auf.«
+
+Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer
+klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut.
+Eine Tür knallte.
+
+Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten
+die beiden andern Korpsburschen.
+
+Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem
+machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien.
+
+Renonce Achenbach war verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein -- das durfte nicht das
+Ende sein!! Das nicht!!
+
+Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende
+Sehnsucht da drinnen ...
+
+Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie
+brüllte wilder denn je ...
+
+Aber so nicht -- so nicht!
+
+Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines
+Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! --
+
+Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und
+so begehrenswert ...
+
+Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde
+er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ...
+
+Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen
+...
+
+Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im
+Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete --
+
+Und bald sollte es sein -- vielleicht schon morgen -- übermorgen ...
+
+Mochte daraus werden, was wollte ...
+
+Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte -- er mußte!!
+
+Aber nicht bei der da oben -- nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im
+Pfuhl! ...
+
+Rosalie! -- Rosalie! -- --
+
+Hell schien am Himmel noch der Vollmond.
+
+Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen.
+
+Und Werner schritt zu Tal.
+
+Rosalie -- -- Rosalie -- -- --
+
+
+
+
+ Zweites Buch
+
+
+
+
+ I.
+
+
+Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen
+Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie
+fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen.
+
+Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern
+morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer
+Freundin nach Frankfurt gefahren sei. -- -- --
+
+Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende,
+breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine
+aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig
+mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie
+ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen,
+taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch
+des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines
+rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück.
+
+Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner,
+dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt
+im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die
+Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier, eine Lodenjoppe mit lose
+baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen,
+daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und
+Korrektheit legte.
+
+Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben,
+überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen
+flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas
+erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das
+blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog
+Werner die Mütze und hielt den Schritt an.
+
+Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die
+Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke,
+ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des
+anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen
+Namen:
+
+»Achenbach!«
+
+»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres
+Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?«
+
+»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn
+Partien.«
+
+»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich
+eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.«
+
+»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?«
+
+»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.«
+
+»Auf der Durchreise?«
+
+»O nein -- -- na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ...
+ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor
+Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.«
+
+»Ach? Das -- davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher
+Fakultät, wenn ich fragen darf?«
+
+Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind
+wohl Mediziner?«
+
+»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.«
+
+»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer
+Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden
+Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser,
+und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen
+Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom
+Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit
+dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins
+alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...«
+
+Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner.
+
+»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem
+Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht
+Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei
+Brander.«
+
+»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir
+eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es
+Ihnen?«
+
+»Oh -- selbstverständlich wundervoll -- großartig.«
+
+»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen
+Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei
+Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?«
+
+Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei
+Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.«
+
+»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.«
+
+»Dann -- fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie.
+Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia
+gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann
+Guestphaliae Dritten.«
+
+»Wird's da was zu sehen geben?«
+
+»Nun -- besondere Fechter sind die beiden gerade nicht. Aber dann --
+dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war
+... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten
+Reinigungsmensur.«
+
+»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?«
+
+»Allerdings.«
+
+Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt
+er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser
+eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen
+seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern.
+
+»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ...
+der besteht noch immer? Aber na -- darüber werd ich mich mit den
+Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann?
+Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut
+abschneidet?«
+
+»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein
+bester Freund im Korps.«
+
+»Ach -- sieh da. Also ein guter und braver Kerl?«
+
+»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.«
+
+»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das
+wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in
+solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art --« Wieder
+schwieg der Professor.
+
+Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da
+bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und
+unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte
+eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und
+richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam
+Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt.
+Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal
+begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ...
+
+Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne
+Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß
+mit einem ernsten Blick des Einverständnisses.
+
+»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz
+seltsamen Tone an Werners Ohr.
+
+»Das -- o -- das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.«
+
+Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen
+und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen
+Knabenantlitz.
+
+»Ihre Flamme wohl, wie?«
+
+»Nein, meine nicht ...«
+
+»Aber?«
+
+»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen
+das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ...
+Braut.«
+
+»Ach?! Seine Braut? Offiziell?«
+
+»Offiziell natürlich nicht --«
+
+»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?«
+
+»Einundzwanzig.«
+
+»Und -- sie?«
+
+»Auch einundzwanzig -- meines Wissens.«
+
+»Kinder, Kinder!! -- Und er -- welche Fakultät?«
+
+»Mediziner.«
+
+»Vor dem Staatsexamen?«
+
+»Nein -- hat das Physikum noch vor sich.«
+
+»Und dann -- Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet
+... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank
+in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte
+Marie an Klauser vorbei -- er zog den Hut tief, sie neigte das
+flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ...
+
+Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die
+Begrüßung.
+
+»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl --?«
+
+»Ja -- das ist Klauser.«
+
+Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam
+auf dem Wege zur -- Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend
+... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das
+letzte halb zu sich selbst gesprochen.
+
+»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ...
+das ist heiliger Ernst --!«
+
+»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch
+schöner, mit ~so einem~ Mädchen anders als in heiligem Ernst ...
+Wollen wir nicht auf Klauser warten?«
+
+»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht,
+verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.«
+
+»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde
+nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder
+eingewöhnen.«
+
+Einen Augenblick schwiegen beide und sannen.
+
+Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln.
+
+»Na -- nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg
+... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken,
+daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male
+diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver
+Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut >hab' ich Semester
+und heiß altes Haus< ... aber das da, das Schloß da oben und diese
+wunderbaren Berge ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie,
+Herr Korpsbruder, erzählen Sie!«
+
+Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps
+... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und
+wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn
+erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von
+dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören
+würde.
+
+Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der
+eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in
+seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu.
+
+Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen.
+
+»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?«
+
+»Ja -- so heißt sie.«
+
+»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ...
+mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt
+habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.«
+
+»Das ist der Vater der jungen Dame.«
+
+»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter.
+Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht
+gewöhnen Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich
+meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft
+etwas genießbar machen könnte.«
+
+»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja
+ganz schön -- aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich
+glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde
+einem dann viel besser schmecken.«
+
+»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies
+Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings
+die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen,
+und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine
+Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten
+Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise
+in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude
+aneinander erleben.«
+
+»Das wäre herrlich, Herr Professor!«
+
+»Von wegen Verschwindens des >Moralischen<, nicht wahr?«
+
+»Nein -- überhaupt, Herr Professor, überhaupt!«
+
+ * * * * *
+
+Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes
+verfolgt. Er hatte noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten
+zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte
+er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht,
+um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung
+auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der
+jugendlichen Richter.
+
+Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der
+Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine
+Stunde gedauert hatte, endlich verkündete:
+
+»Silentium -- zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren
+Sekundanten noch Erklärung? -- Silentium. Mensur ex --!«
+
+Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und
+frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz
+des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er
+hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu
+sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der
+Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband
+aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus
+den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie
+Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen
+zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm
+wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth
+dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter
+Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube
+und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während
+Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und
+Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die
+körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was
+mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?!
+
+In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und
+Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen.
+Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr
+Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen
+waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers
+Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich
+die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken
+nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube.
+
+»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle
+nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der
+Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen
+vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender
+Locken trug.
+
+»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur
+Besprechung. Wer wünscht das Wort?«
+
+»Ich bitte ums Wort.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Ich auch.«
+
+Von allen Seiten klang's.
+
+»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der
+anderen Bewerber.
+
+»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer
+Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor
+vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich
+noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich
+die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg.
+So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst
+ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« -- Der Sprecher schlug
+sein Notizbuch auf -- »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter
+etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen
+aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus.
+Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch
+aufgefallen ist, hat er sich beim +a-tempo+-Hieb ganz deutlich
+zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar
+nicht mit dem Kopf gemuckt, das nicht, aber die Augen zugekniffen und
+das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.«
+
+»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste.
+
+»Überhaupt nicht.«
+
+»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.«
+
+Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den
+Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig:
+
+»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich
+einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur
+habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die
+Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem
+Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen.
+Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und
+uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir
+sehr schlecht gefallen.«
+
+»Silentium für Dettmer!«
+
+»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde,
+Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder
+einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts
+aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.«
+
+»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann
+hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur
+sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren
+ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach
+meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie
+Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem
+Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen
+bekommen haben.«
+
+Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie
+wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus.
+
+Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei.
+
+»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit
+Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann
+nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich
+gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur
+darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut
+hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich
+meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is,
+der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal
+mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen
+'ch.«
+
+»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja
+schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte
+einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen
+hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es
+scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr
+findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten,
+Krusius, daß du einen ents--prechenden Antrag s--tellst.«
+
+»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte
+es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick
+ein jähes Frösteln durch die Versammlung.
+
+»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den
+Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben -- so daß
+also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?«
+
+»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest.
+
+»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar
+genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide
+Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl
+wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?«
+
+»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte es mit markiger
+Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das,
+tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon
+etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte
+ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen
+Knabengesichtern stand.
+
+»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst
+seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe
+seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser
+Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben
+ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht
+wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor
+der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in
+Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem
+Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner
+Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das
+voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte
+von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr
+starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv,
+war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher
+souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst
+vergangener Ansichten und Auffassungen herabsahen, welche sich in den
+Alten Herren verkörperten.«
+
+Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein
+verständnisinniges Schmunzeln.
+
+»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen -- wenigstens möchte
+Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als
+glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu
+veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen.
+Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein
+Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen
+zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das
+ist ein herausgeschmissener Korpsstudent -- herausgeschmissen, weil
+er sich auf der Mensur feige benommen hat!! -- Und das wird der Mann
+sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer
+bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu
+werfen!! -- Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre
+Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder
+genannt haben, so ins Leben hinausstoßen --? Hat er das verdient?!«
+
+Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen,
+Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen,
+die jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn
+zuzujubeln.
+
+»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie,
+meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter
+Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat
+Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht
+einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab'
+das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus
+dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ...
+aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?«
+
+»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn
+nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille
+hinein.
+
+»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich,
+dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.«
+
+»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig
+dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung
+des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der
+Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem
+Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum
+als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede
+Bewegung bei seiner Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken:
+es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes
+zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht
+so?!«
+
+Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die
+Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen
+war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von
+Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal
+ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem
+Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu
+sühnen.
+
+»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem
+Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie
+den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als
+daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat --«
+
+»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen
+Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf.
+
+»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder,
+Ihren Antrag anzunehmen.«
+
+»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit
+zurück,« sagte Krusius.
+
+»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission
+auf unbestimmte Zeit des C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite
+hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der
+jüngste Korpsbursch. Also bitte?«
+
+»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!«
+ging's von Mund zu Munde.
+
+Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten
+gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias
+verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch
+eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten
+Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit
+lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man
+die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben
+den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der
+Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des
+Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn
+durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest
+schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald
+aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben,
+ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband
+gerettet hatte. -- --
+
+Oben hatte es ~allen~ dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch
+dem guten, teilnahmsvollen Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen
+wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart
+fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch
+eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die
+Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand
+des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am
+Fenster stand: »Sie komme!«
+
+Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen
+... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!«
+
+Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn
+Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun
+der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit
+den gleichen formelhaften Worten:
+
+»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission
+aufgehoben ist. Gratuliere!«
+
+Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die
+beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton
+von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das
+Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief
+niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete.
+
+Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges,
+doch lächelnden Mundes:
+
+»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's
+schon!«
+
+Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber
+das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser
+behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte
+ihm dabei selig zu:
+
+»Du ... Marie --!!«
+
+Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten
+Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem
+Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht
+erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn
+Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles?
+warum?!
+
+Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen -- aber er war es nicht.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm
+Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen
+geblieben.
+
+Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die
+folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele,
+wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ...
+
+Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem
+Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten
+Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten
+Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den
+Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten,
+lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal
+kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht
+eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende
+Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten
+hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der
+Versuchung hinweg ...
+
+Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte
+stellten sich ein, die immer wieder nach Sättigung schrien ... und
+manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte
+die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in
+den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse
+ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich
+sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte
+Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd.
+
+Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen
+Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der
+Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte
+dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser,
+kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen
+Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem
+ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen
+Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb.
+
+Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden,
+machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter
+Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei
+den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens.
+Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte
+er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren, führte er sie
+stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort
+beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine
+tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte
+nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener
+raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem
+Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen
+würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder
+glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute
+bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof
+des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte.
+
+Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte
+... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die
+Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten,
+die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn
+man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere
+Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an
+dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen
+am Golde.
+
+Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den
+trug seine Liebe, seine junge, heilige Liebe über den Schlamm der
+Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und
+die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein
+einziges Mal von Elfrieden gehört hätte:
+
+Mein Süßer! Mein Geliebter! --
+
+O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die
+Straßen von Marburg gerannt ...
+
+Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein
+stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit
+Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen
+Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt
+rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft,
+und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über
+einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier
+bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden
+Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein
+zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die
+Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie
+ablösen würden.
+
+Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon
+standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit.
+
+»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!«
+
+Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres
+Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet
+hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich
+ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem
+alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes,
+in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines
+deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist,
+dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren
+Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus
+wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte
+mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte,
+knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das
+wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die
+blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen
+Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand
+des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender
+Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte.
+
+Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein
+hübscher, doch zu schmächtiger Bursche, eine unbedeutende, der
+baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur.
+
+Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien
+Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch
+die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell-
+und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren,
+um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim
+Feste imposanter zu gestalten.
+
+Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich
+alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen
+Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte.
+
+»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!«
+
+»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit
+Achenbach gehen.«
+
+Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser.
+
+Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem
+dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es
+unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls
+im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes
+Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier
+befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur
+Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene
+Banner im Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das
+Korps das Symbol seines Bundes.
+
+Und nun zog das Korps auf dem nächsten Wege zur Ketzerbach hinab, wo
+der Festzug der Studentenschaft sich versammelte. Unten standen schon
+fast alle Korporationen aufgereiht: nach langen Verhandlungen hatte man
+sich geeinigt, daß die beiden ältesten Verbände, der Seniorenkonvent
+der Korps und der Delegiertenkonvent der Burschenschaften, um Spitze
+und Schluß des Zuges losen sollten, und dem S. C. war die Spitze
+zugefallen. So eröffnete Cimbria diesmal als zurzeit im S. C.
+präsidierendes Korps den ganzen Zug. Die Cimbern marschierten an den
+schier endlosen Linien der aufmarschierten Studentenschaft vorbei;
+selbstverständlich ohne die geringste Begrüßung hinüber und herüber:
+auch heute fiel die Schranke nicht, welche die Farben zwischen den
+Kommilitonen, den Söhnen eines Volkes, eines Reichs, einer Hochschule
+gezogen hatten. Nur als man vorne an der Spitze angelangt war und an
+den Reihen der bereits aufgezogenen beiden andern Korps vorbeizog,
+flogen die blauen Deckel hüben, die hellgrünen und weißen drüben von
+den Köpfen.
+
+Musik erklang:
+
+ »Stoßt an, Marburg soll leben!
+ Hurra hoch!
+ Die Philister sind uns gewogen meist,
+ Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt
+ Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!
+ Frei, frei, frei ist der Bursch!«
+
+Feierlich tönte der in Marburg übliche verlängerte Schluß der alten
+Jubelweise über die breite Allee, die niederen Häuschen, weckte stolzes
+Echo an Sankt Elisabeths braunem Doppelgetürm und wogte weit hinaus, zu
+den grünen Lahnbergen hinüber.
+
+Und der Zug trat an und schob sich langsam den ansteigenden Steinweg
+hinauf. Alle Fenster der mit Fahnen und Girlanden buntgeschmückten
+Häuser waren besetzt, der Geringste in Marburg nahm teil an dem
+Jubelfest der Hochschule, aus den Dachluken selbst lugten hellgewandete
+Mädchengestalten, wehten winkende Tücher. Und von Fensterbrüstungen
+und Balkons flogen Blumensträußchen ohne Zahl auf die Studenten, die
+Helden des Tages, hernieder. Die griffen eifrig in die Luft, hielten
+die Mützen hin, schmückten jedes Knopfloch, jedes Täschchen, den Rand
+der Mützen, ja selbst die Ränder des Rockkragens mit den lieblichen
+Spenden. Und als es gar keinen Platz mehr gab, da ließ man die lustigen
+Wurfgeschosse dahin zurückfliegen, von wannen sie gekommen waren
+-- hinauf, hinunter flogs, mit Jauchzen, Gelächter, sinnigem oder
+täppischem Scherz.
+
+»Paßt auf, Kinder, das da ist für die Schönste von euch!«
+
+Und zwischen drei blühenden Töchtern tauchte der lachende Graukopf der
+Mutter auf, und ihr flog das Sträußchen mitten ins Gesicht.
+
+»Wie galant!« rief die und nestelte das Sträußchen ans dunkelseidene
+Festgewand.
+
+»Sie waren, auf Ehre, nicht gemeint, gnädige Frau!«
+
+»So? Na, da haben Sie's wieder!«
+
+»So! Nun paßt aber auf, ihr drei! Wer's schnappt, ist die Schönste!«
+
+Und diesmal blieb's in den zierlichen Fäusten eines braunzöpfigen
+Backfischchens.
+
+»Is so recht?«
+
+»Allemal!«
+
+Und wenn's nun gar bei Bekannten vorbeiging!
+
+»Herr Papendieck, passen Sie auf, die weiße Rose sollen Sie haben!«
+
+Schwapp! mitten auf des Cimbernseniors stattlichem Gesichtshaken.
+
+»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« zitierte der Mecklenburger
+seinen berühmten Landsmann.
+
+Eine keckere Mädchenstimme schrie:
+
+»Schöner Krusius, das hier ist für dich!«
+
+»Ich fühle mich getroffen,« rief Krusius, denn das Sträußchen hatte ihm
+unsanft die linke Backe mit dem kaum verheilten Durchzieher von der
+letzten Mensur gestreift. Er führte es an die Lippen und schwenkte es
+dann grüßend nach oben.
+
+»-- Das da ist für die, die mich liebt!«
+
+Jungbursch Ehlert ließ drei, vier rasch zusammengebundene Sträußchen
+mitten in einen Balkon voll schmucker Weibchen hineinsausen.
+
+Und: »Ich! ich! ich!« schrien sie alle, alle und streckten die Hände.
+Im Nu war das Sträußchen in tausend Fetzen zerrissen.
+
+Und die Musik spielte:
+
+ »Wenn wir durch die Straßen ziehen!«
+
+Da fielen sie alle, alle ein, die Studenten, die jungen Damen, die
+Väter, die Mütter, der Friseur und seine Gehilfen vor der Ladentür, die
+sich eifrig verbeugten, wenn ihre Kundschaft im strahlenden Schmuck
+der frisch durchgezogenen Scheitel vorüberkam, die Ladenfräuleins im
+Erdgeschoß und die rotbemützten Dienstmädchen oben unterm Dach, die
+Gymnasiasten und die Spielkinder, alle, alle sangen sie mit:
+
+ »Wenn wir durch die Straßen ziehen,
+ Recht wie Bursch in Saus und Braus,
+ Schauen Mädchen, schwarz und braune,
+ Rot und blond aus manchem Haus,
+ Und ich laß die Blicke schweifen
+ An den Fenstern hin und her,
+ Fast als wollt ich eine suchen,
+ Die mir die allerliebste wär.«
+
+Und als gält es nur für ihn allein, so inbrünstig sang Werner Achenbach
+heraus:
+
+ »Und doch weiß ich, daß die Eine
+ Wohnt viel Meilen weit von mir,
+ Und doch kann ich's Schau'n nicht lassen
+ Nach den schmucken Mädchen hier.
+ Liebchen, laß dich's nicht betrüben,
+ Wenn dir eins die Kunde bringt,
+ Und daß dich's nicht überrasche,
+ Dieses Lied ein Wandrer singt.«
+
+Ja -- an wen dachte er dabei! An Elfriede -- oder an Rosalie?
+Vielleicht an beide ... und an keine so recht ... es war so ein wildes,
+formloses, gegenstandsloses Sehnsuchtsgefühl, dem dies Lied Worte,
+Klänge lieh ...
+
+Eben kam der Zug an Werners Bude vorbei: aus dem Fenster seines
+Wohnzimmers hätte Rosalie schauen müssen, aber sie war fern: die blonde
+Babett guckte heraus, mit ein paar Freundinnen aus ihrem Heimatdorf,
+sie errötete selig, als Werner ihr zunickte -- im Erdgeschoß stand
+Mama Markus welken, gütig lächelnden Angesichts in der Ladentür, und
+hinter den Flaschen und Büchsen im Schaufenster gewahrte Werner einen
+Augenblick die verzerrte, qualzerrissene Grimasse Simons ... nanu --
+warum hockte denn der zu Haus? War denn der nicht auch Student?! --
+gehörte denn der nicht mit dazu, wenn Alma Philippina feierte?! -- ach
+so ...
+
+Musik, jauchzender Gesang, flatternde Fahnen und Blumen, Blumen
+überall, Blumen fliegend aus jedem Fenster, Blumen an jeder Brust,
+Blumen den Boden bedeckend wie den Einzug ruhmreicher Sieger, und doch
+nur eine Huldigung der Jugend an die Jugend, ein Gruß des Lebens ans
+Leben ... lächelnd, lachend, jubelnd jeder Mund, leuchtend jede Wange
+...
+
+Doch nein -- eine nicht --
+
+»Klauser, was ist dir?«
+
+»Nichts ... was soll mir denn sein?«
+
+»So freu dich doch! Bist du nicht vergnügt? Fehlt dir was?«
+
+»Nicht das geringste!«
+
+»Vorhin ist's mir schon aufgefallen -- du bist nicht wie sonst -- ist
+dir was passiert?!«
+
+»Was sollte mir passiert sein? Nicht das mindeste ... ich bin bloß
+nicht in Stimmung. Ich bin kein Freund von so viel Rummel.«
+
+»Nanu? Das ist doch das erstemal, daß ich das an dir merke?! Dann
+rapple dich aber jetzt gefälligst ein bißchen auf -- gleich sind wir
+am Barfüßertor ... weißt du, wer da wohnt? Haha! Da mußt du aber ein
+andres Gesicht machen!«
+
+»Ach -- lieber Kerl -- ich ... mir ist hundemäßig zumute ...«
+
+»Ja, was ist denn?!«
+
+»Nichts -- laß mich -- da sieh, wie schön der Markt!«
+
+Und wahrlich, hier entrollte sich das Bild des feiernden Städtchens
+in seiner ganzen ehrwürdig-lieblichen Pracht. Der enge Platz war
+ganz von Zuschauern freigehalten, und in langem Bogen umzog nun der
+Festzug den Markt, dicht unter den Fenstern der niederen, altersdunklen
+Häuserfronten, des schlichten, strengen Rathauses entlang. Hier hatten
+alle Häuser noch ein übriges an Festschmuck aufgeboten. Girlanden von
+Tannen- und Eichengrün, lange Reihen kleiner Fähnchen überspannten den
+ganzen Platz der Länge und Quere nach ... und wieder war bis obenhin
+ein jedes Fenster mit geputzten, jubelnden, blumenstreuenden Menschen
+besetzt ... und durch die flatternden Tücher der Fahnen, die wehenden,
+winkenden Hände, die harzig duftenden Girlanden zog es wie ein Sturm,
+wie ein Rausch der Jugend, der Kraft, des Glückes ... als seien alle
+diese Jünglinge hier nur zusammengeströmt, um in einem Fest ohne Ende
+sich ihrer blühenden Jahre zu freuen, als hieße Student sein nichts
+anderes als Olympier sein, als heiter, wunschlos, herrscherhaft wandeln
+auf blumenbestreuten Pfaden, von Rosen umduftet, von Schönheit und
+Liebe gefeiert und begnadet, selig, selig, selig ...
+
+Aber ein anderes sprach sich auf dem Gesichte des Freundes aus, dessen
+Arm schwer in dem Werners lag, der nur lässig ein Blumensträußchen an
+die Brust gesteckt, dessen Herz sich ausschloß vom Jubel der Stunde,
+dessen Auge düster hineinstarrte in ein unfaßbares, ungreifbares
+Verhängnis, das seine leuchtende Jugend zu überschatten schien mit der
+Ahnung unabwendbarer Seelenstürme, unversiegbarer Tränenschauer ...
+
+»Klauser -- du sollst mir sagen, was du hast! Ich finde das einfach
+unfreundschaftlich von dir, mir hier die Stimmung zu verderben, wenn du
+keinen Grund hast ...«
+
+»Keinen Grund?! Ich hoffe, ich habe keinen Grund.«
+
+»Klauser? Gott, sei doch nicht so albern. Ich bin doch dein Freund.
+Rede jetzt, sonst laß ich dich stehen und geh mit einem andern.« Das
+war scherzhaft gesprochen, doch Werners Stimme bebte dabei leise, und
+Klauser verstand die Meinung des Freundes.
+
+»Ach ... ich bin verrückt, wirst du sagen. Es ... ist eigentlich nichts
+... Marie hat seit acht Tagen nicht zu mir wie sonst ... sie hat
+mich zweimal beim Rendezvous warten lassen ... das drittemal ist sie
+gekommen, aber ... ganz verändert ... ganz ... ich weiß nicht ... äh
+... ich werd's mir wohl nur eingebildet haben.«
+
+»Ja ... so sprich doch ... was ... sagte sie denn ... was machte sie
+denn ..«
+
+»Ja, Himmel, sie war eben ... anders ... zurückhaltend, befangen,
+sonderbar ... eben anders ... und dann auf einmal zum Abschied küßte
+sie mich so wild und so wehmütig ... als ob ... ich sage dir, Achenbach
+... es war --«
+
+»Himmel, du bist ja ein Tor -- vielleicht hat's zu Hause Kummer oder
+Verdruß gegeben --«
+
+»Dann hätte sie mir erzählen sollen --«
+
+»Oder was sonst gewesen ist ... du ... du wirst doch nicht gar -- an
+Marien ... ich meine, du bildest dir doch nicht gar ein, sie könnte am
+Ende --«
+
+»Ich bilde mir gar nichts ein ... nur daß mir elend seitdem ist ...
+einfach schauderhaft ist mir --«
+
+»Nimm dich zusammen! Da ist das Haus!«
+
+Zur Rechten des zum Schloß hinanführenden Weges lag inmitten
+eines altprächtigen Gartens über hoher Böschungsmauer das
+behaglich-altfränkische Schweizerhaus des Geheimrats Professor Doktor
+Hollerbaum. Der alte Herr stand oben, auf dem weißen Scheitel die
+verschossene hellgrüne Mütze der Hessen-Nassauer, das falb gewordene
+Band umzog seine Brust unter dem Überrock, auf dessen Klappe ein langes
+Ordenskettchen klingelte. Er grüßte höflich die Farben der Cimbria,
+gegen die er vor Jahrzehnten so manches Mal auf Mensur gestanden; alle
+Cimbernmützen flogen herunter; und neben des Professors Silberkopf
+neigte sich ein anderes, noch jugendlicheres Haupt ... Mariens Mutter
+... aber wo war ~sie~?
+
+Halb verborgen hinter den Eltern hatte sie gestanden. In weißem Kleide,
+nicht im gewohnten Hellgrün -- nun neigte sie sich über die Mauer,
+nickte den grüßenden Cimbern zu, suchte mit den Augen, fand Werner und
+Klauser und goß plötzlich aus einem Körbchen, das auf der Mauer stand,
+einen Schwall weißer Rosen über Willys Haupt, das sich eben grüßend
+entblößt hatte.
+
+Einen Schwall weißer Rosen.
+
+Und neben ihr tauchte da eine blaue Cimbernmütze auf. Darunter ein
+lächelndes, leuchtendes Angesicht -- das Gesicht eines Mannes ...
+
+Professor Dornblüth.
+
+Er winkte den bergansteigenden Korpsbrüdern mit der Hand lächelnd zu --
+rief:
+
+»Auf Wiedersehen auf dem Dammelsberg!«
+
+Werner suchte Klausers abgewandtes Gesicht. Es war fahl geworden ...
+fahl ... es mahnte Werner an jenes Mädchenantlitz, das auf dem Tisch
+der Prosektorstube dem Messer des Anatomiedieners entgegengeharrt
+hatte. Eine Rose hielt Klauser in der Hand ... eine einzige, weiße Rose
+... an der hingen seine starren Augen.
+
+Gott ... wäre das möglich?!
+
+Werner hatte Mariens Blick gesehen, als sie die Rosen über Klauser
+ausgoß. Ein Unsägliches hatte darin gelegen, das Werner vergebens zu
+enträtseln suchte: Weh ... und Scham ... und Dank ... und Liebe ...
+ja, auch Liebe ... aber eine Liebe, sterbend, verwelkend wie jene
+weiße Rose in Klausers Hand ... und Dank ... ach, ein Dank, der den
+Empfänger quält wie ein Schimpf ... und über alles ... Abschied ...
+Abschied ... Abschied ...
+
+Und Werner fragte nicht. Er zog den Arm des Freundes fest an sich heran
+... und stumm stiegen die Jünglinge bergan, inmitten der lachenden,
+schwatzenden Korpsbrüder, durch die flimmernde Herrlichkeit des
+glühenden Julinachmittags, dem Dammelsberg entgegen, dem Fest der
+Jugend entgegen.
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Wenige Schritte nur hatten die Freunde in dumpfem Schweigen
+zurückgelegt. Da riß Klauser seinen Arm aus dem des Freundes, ballte
+die Fäuste und zischte zwischen den Zähnen:
+
+»Vor die Pistole muß er mir! Vor die Pistole --«
+
+»Wer -- der Alte Herr?!«
+
+»Was schiert mich das?! Meinst du, ich lasse sie mir so einfach
+wegnehmen? Ich schieß ihn über den Haufen --!!«
+
+»Komm, Klauser, nimm dich ein bißchen zusammen, die andern werden schon
+aufmerksam auf dich. Höre mich doch bitte einmal einen Augenblick lang
+ruhig an. Ich glaube, du bildest dir das alles nur ein.«
+
+Klauser lachte wild auf.
+
+»Doch, Klauser, wahrhaftig, ich glaub's! Sieh mal, der Alte Herr ist
+noch nicht drei Wochen in Marburg. Der alte Hollerbaum ist Dekan der
+Juristenfakultät, außerdem ist er doch auch Pandektist; also da ist
+doch das ganz erklärlich, daß Dornblüth bei ihm verkehrt! Und daß
+der Alte seinen Kollegen eingeladen hat, sich von seinem Garten aus
+den Festzug anzusehen ... na, das ist doch alles ganz natürlich, da
+brauchst du doch nicht gleich auf Gedanken zu kommen!«
+
+»Haha! und sie?! Ihr Benehmen gegen mich?! Ach geh mir doch mit
+deinem faden Trost ... es ist aus ... oder es soll aus sein! Ach,
+diese Weiber! Da kommt einer in Amt und Würden, und eins, zwei, drei,
+wird man beiseite geschoben wie ein dummer Junge --! Na, wartet, ihr
+da unten, in mir sollt ihr euch geirrt haben! Ich laß mich nicht
+abschieben, ich habe Rechte! Rechte!«
+
+»Komm, liebster, einziger Klauser, sei doch nur nicht so wild! Denk
+doch, die andern müssen ja was merken! Sieh mal, ich kann's nicht
+glauben, ich kann's einfach nicht, daß der Alte Herr Absichten auf
+Marie hat --«
+
+»Ja, warum denn nicht? Was sollte ~den~ denn hindern?«
+
+»Klauser, ich muß dir etwas gestehen. Neulich, auf dem Wege nach
+Ockershausen, am Samstag vor drei Wochen, als du dich wieder in den
+Bund hineinpauktest, da tauchte ja der Alte Herr Dornblüth zum ersten
+Male auf, erinnerst du dich? Du mußt doch gesehen haben, daß ich mit
+ihm vor dir marschierte, weißt du's noch --?«
+
+»Ja -- mir fällt's ein -- nun, und --?«
+
+»Also da bin ich mit dem Alten Herrn ganz zufällig zusammengetroffen,
+und da fragte er mich nach allem aus, was los sei im Korps, und dann
+ist uns Marie begegnet, und da fragte er auch, wer die wäre, und -- da
+ist's mir eben entschlüpft, daß sie und du ... daß ihr verlobt wärt.«
+
+»So -- und --?!«
+
+»Du mußt mir nicht böse sein, es kam so ganz von selber ... na und
+siehst du, nun weiß also der Alte Herr doch, daß die Marie mit einem
+Korpsbruder von ihm verlobt ist, und einem Korpsbruder die Braut
+abspenstig machen ... so eine Gemeinheit, so eine verdammte Schurkerei
+wirst du dem doch nicht zutrauen? So sieht der mir wahrhaftig nicht
+aus!«
+
+Klauser sann einen Moment schweigend vor sich hin. Dann brach er aus:
+
+»Und wenn du recht hast -- um so schlimmer für mich!! Dann hätte die
+Marie sich eben ohne sein Zutun ... denn daß sie von mir nichts mehr
+wissen will ... das weiß ich, das fühl ich, da kann mir keiner dawider
+reden!! Aber sie soll mich kennen lernen! Kämpfen will ich um sie,
+kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!!!«
+
+Ȇbereile doch nur nichts, Klauser, um Himmels willen! Marie kommt ja
+doch jedenfalls hernach auf den Dammelsberg, ihr könnt zusammen tanzen,
+du kannst sie ja einfach fragen, und ich bin überzeugt, sie lacht dich
+aus und fragt dich, ob du toll bist! Oder sie haucht dich gründlich an,
+daß du überhaupt so abscheulich an ihr zweifeln kannst!«
+
+So tröstete Werner den Freund. Und der Trost wirkte. Er wirkte, weil
+so vieles ihm half. Das gläubige, vergötterungsbedürftige Herz des
+verliebten Jünglings, der Rausch der Festfreude ringsum, der lustige
+Anstieg zum Schloßberg, der hoffnungatmende Sommerhauch.
+
+Und als Werner den Erfolg seiner Trostgründe beobachtete, da begann er
+schließlich selber an sie zu glauben ...
+
+Und über den Einmarschierenden wölbte sich nun der Eichenwald. Noch
+einen letzten Blick vom Waldrand rückwärts! Da wand sich der Zug vom
+Schloßberg hernieder durch heckenumsäumte Wiesenpfade, eine Schlange,
+deren Schuppen in den Farben des Regenbogens glänzten. Und von rechts
+und links auf Nebenpfaden wallfahrtete nun auch Marburgs Bürgerschaft
+heran. Überall tauchten blinkende Gewänder auf, dazwischen die
+hellen Sommeranzüge, die Strohhüte, die dunkleren Seidenkleider und
+Sonnenschirme schwitzender Väter und Mütter. Und alles verschlang der
+Festwald.
+
+Drinnen war's kühl und herrlich. Alle die geräumigen Festplätze, die
+für solche Tage, wie den heutigen, geschaffen waren, hatte man für
+den Andrang einer ganzen festfrohen Stadtgemeinde vorbereitet. Von
+Baum zu Baum zogen sich buntbebänderte Tannengirlanden, spannten
+sich Wimpelketten, lange Reihen bunter Lampions. Und unten waren
+Tische und Bänke aufgeschlagen -- jeder Tisch trug auf mächtigem
+Pappschild in schwarzen Lettern den Namen der Korporation, für welche
+er reserviert war. Ein ganzer Festplatz gehörte dem akademischen
+Senat, einer den Stadtbehörden, ein größter der Bürgerschaft, soweit
+sie nicht Anschluß bei den Korporationen hatte. Und inmitten all der
+Feststätten war der Tanzboden aufgeschlagen ... Überall aber walteten
+schon die Küfer ihres Amtes, stellten auf Kreuzböcken mächtige Fässer
+Casseler Lagerbier auf, schlugen sie an, daß der Gischt schäumte, und
+ließen sich's nicht nehmen, als erste zu probieren. Und über all dem
+Treiben bauschten sich Fahnen in den Farben der Stadt Marburg, des
+Reiches, Preußens, der Provinz Hessen-Nassau, endlich der sämtlichen
+Marburger Korporationen. Und noch höher droben rauschten und webten die
+Eichen- und Buchenwipfel, von flatternden, hüpfenden Sonnenlichtern
+durchwirrt. Und in das ganze wohlbereitete Festgefilde ergoß sich nun
+der Strom der feierlustigen Menge. Das rannte und schrie durcheinander,
+das begrüßte sich, wies einander zurecht, lachte, schalt, schnauzte
+mit Füchsen, Kellnern, Korpsdienern -- und zwischen den trotzigen
+Knabengesichtern, dem Gewimmel bunter Mützen und den Sommerhüten der
+farblosen Verbindungen und der Finken, die erhitzten, augenblitzenden
+Mädchenlarven unter wippenden Blumenhüten, die hin und her pendelnden,
+krampfhaft hochgehobenen Sonnenschirmchen ... ein Wirrwarr, ein Lärm,
+ein quirlendes Chaos ... da würde niemals Ordnung werden.
+
+Doch nach einer Viertelstunde hatte sich alles zurechtgefunden. Alles
+saß an seinem Platze, ein wenig eng, doch dafür war eben Festtag -- und
+wer hätte gar nach mehr Platz verlangt, wenn er eine hübsche Nachbarin
+erwischt hatte -- man würde sich einzurichten wissen ...
+
+Und das Fest begann. Gedruckte Liederhefte waren schnell verteilt,
+und bald brauste durch den ganzen weiten Festwald das alte festliche
+Burschenlied:
+
+ »Wo zur frohen Feierstunde
+ Lächelnd uns die Freude winkt« --
+
+Und ein zweites Lied -- und ein drittes --
+
+»Du -- da oben steigt wieder eine Rede!«
+
+»Laß sie reden! Kannst dir's denken, was da oben offiziell gequasselt
+wird!! Die Herren Professoren hören für uns alle mit!«
+
+Plötzlich Orchestertusch ... und lautes Hoch da droben --
+
+»Los, Kinder! Hoch! hoch! hoch!!«
+
+»Auf wen geht's denn?!«
+
+»Is ja egal! Is ja ganz schnuppe! Brüllt nur ordentlich mit!«
+
+»Hoch! hoch! hoch!!«
+
+»Und nun -- Umtrunk!«
+
+»Prost!«
+
+»Prost doppelt!«
+
+Einer kam hinzu: »Stellt euch vor, ihr Herren, eben hat der
+>Tausendste< geredet!«
+
+»Was hat er denn gesagt?«
+
+»Das hat kein Mensch verstanden. Heimtückischerweise ist's ein Russe,
+der kaum drei Töne deutsch reden kann!«
+
+»Aber schön war's doch -- was?!«
+
+»Allemal! Kinder, gebt mir was zu saufen -- ich verdurste!«
+
+ * * * * *
+
+»Sie sitzt auf dem Professorenplatz bei ihren Eltern,« berichtete
+Werner, der auf Erkundung ausgegangen war, dem harrenden Freunde am
+Cimberntisch.
+
+»Und -- ist der -- auch dabei?«
+
+»Professor Dornblüth -- ja -- der ist auch dabei.«
+
+»Hm. Setz dich. Wann fängt der Tanz an?«
+
+»Um halb sieben.«
+
+»Gut. Inzwischen -- prost -- einen Halben auf dein Wohl.«
+
+»Du, Klauser, trink nicht ... denk nur, was heut alles auf dem Spiel
+steht für dich.«
+
+»Ja, ja, schon gut.«
+
+In diesem Augenblicke entstand oben am Cimberntisch eine Bewegung.
+Man erhob sich, die Mützen flogen von den Köpfen. Einige der älteren
+Alten Herren des Korps waren herangetreten, begrüßten die Korpsbrüder
+und nahmen oben neben dem Ersten Platz, während die übrigen
+zusammenrückten. In ihrer Mitte auch Dornblüth.
+
+Eine Weile verging. Man trank, ein allgemeines Lied wurde gesungen,
+von droben klang wieder der entfernte Tonfall einer Festrede; am
+Cimberntisch lärmte und schwatzte man munter weiter, die Alten Herren
+tranken den Chargierten zu, schließlich beim Tusch schrie alles munter
+mit: Hoch! und stieß mit den wuchtigen Henkelgläsern an.
+
+Da trat der Korpsdiener zu Klauser heran und sagte halblaut:
+
+»Herr Klauser, der Alte Herr Professor Dornblüth täte sich erlaube,
+Ihne eins zu komme, und ob er Ihne hernach gelegentlich kennt e paar
+Minute spreche!«
+
+»Sagen Sie dem Herrn Professor, Peter, ich werde zu seiner Verfügung
+stehen und erlaube mir, nachzukommen.« Er trank, warf aber keinen Blick
+hinüber, obwohl Werner ihn anstieß:
+
+»Du -- er schaut herüber.«
+
+»Meinetwegen. Hast du verstanden, was Peter sagte?«
+
+»Ja.« Werner legte die Hand auf des Freundes Arm und drückte ihn leise.
+
+In diesem Augenblick entstand oben am Tisch ein wahres Hallo. Die
+Freunde blickten hinüber und sahen neben dem Senior Papendieck, der
+sich in seiner ganzen Länge erhoben hatte, eine Riesengestalt in
+Reiseanzug und leichtem Filzhut -- Scholz ...
+
+Eben warf der seinen Hut dem Korpsdiener zu, nahm aus dessen Hand eine
+Mütze entgegen, stülpte sie sich auf den Hinterkopf, streckte beide
+Hände den andrängenden Korpsbrüdern hin und lächelte, soweit es seine
+starren Gesichtszüge, sein herber Mund gestatteten. Und die meisten der
+Cimbern sprangen auf, ihn zu begrüßen, aber er wehrte ab:
+
+»Bleibt sitzen, Herrschaften, ich komme zu euch.«
+
+Und er schritt den Tisch entlang, streckte immerfort die langen Arme
+über die Schultern der Nächstsitzenden nach jenseits zur Begrüßung,
+antwortete auf einen Schwall von Fragen, kam so näher.
+
+Werner schauderte bei diesem Anblick. Wie ihn begrüßen ... den
+Entsetzlichen, der es wagte zu leben und zu lachen, dieweil ...
+
+»Guten Tag, Leibfuchs Achenbach ... na, da wär ich wieder!«
+
+»Guten Tag, Leibbursch.« Werner fühlte die hagere, eiserne Tatze des
+weiland Cimbernseniors in seiner Hand.
+
+»Na, laß dich mal besehen -- noch alles glatt? Gut schaust du aus --
+ordentlich dick geworden. Das macht die gute Luft im Korps, seit ich
+weg bin. Du, Leibfuchs, gratulier mir mal schnell: ich hab vorgestern
+in Berlin den Doktor gemacht -- +magna cum+!«
+
+Werner gratulierte und schüttelte nochmals die Hand, von der ein
+Eisstrom ihm die Glieder durchlief.
+
+»Ah, und da ist ja auch Klauser. Gratuliere zu -- na du weißt schon.
+Donnerwetter, du hast dir aber ein hübsches Lokal zugelegt! Wer hat
+denn das gekonnt?«
+
+Aber er wartete gar nicht erst auf Antwort, begrüßte die Füchse im
+Ramsch mit einer winkenden Handbewegung:
+
+»Tag, Füchse -- na, munter!« und schritt dann zurück zum oberen Ende
+des Tisches, wo er mitten zwischen den Alten Herren Platz nahm und
+bald in ein eifriges Gespräch verwickelt war, an dem er sich in seiner
+kalten, gemessenen, doch entschiedenen Weise beteiligte.
+
+Scholz wieder da -- Doktor Scholz ... und nächstens müßte Rosalie
+wiederkommen -- --
+
+Nun trat Professor Dornblüth, ein gefülltes Bierglas in der Hand, von
+hinten an Klauser heran und sprach:
+
+»Herr Korpsbruder, ich glaube, wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt,
+Bruderschaft zu trinken ... darf ich Ihnen also Schmollis anbieten?«
+
+Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar,
+erwiderte er:
+
+»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir
+... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung
+verschieben?!«
+
+Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch über den Ton der
+Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte
+mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines
+Blickes stand:
+
+»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern
+können.«
+
+Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der
+Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches -- sie stießen mit
+den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten
+sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe.
+
+Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und
+sagte:
+
+»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.«
+
+Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen.
+
+Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende
+Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde
+seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als
+alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was
+würde werden? Was würde werden?!
+
+Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt.
+
+Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ...
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange
+dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er
+die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem
+Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm
+fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter.
+
+Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden
+blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden
+Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten
+Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden,
+bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und
+hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad
+in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es
+dämmerte durch den Bergpark.
+
+»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine
+Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.«
+
+»Daß ich nicht wüßte,« sagte Klauser kalt gemessen.
+
+»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft
+angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe -- als
+Träger dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine:
+das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der
+Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum
+Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.«
+
+Mit einem Ruck stand Klauser still.
+
+»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh
+meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?«
+
+Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren
+Schulter.
+
+»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen
+zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu
+zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir
+Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?«
+
+»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts
+gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben.
+
+»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber:
+ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren,
+daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du
+diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu
+glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick lang
+gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen
+lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und
+... du -- gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage,
+daß sie ... mir sehr wert geworden ist.«
+
+Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine
+stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen.
+
+»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student
+gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß
+Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um
+sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ...
+andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin
+ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus
+... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das
+darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch
+nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ...
+auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. --«
+
+Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten.
+
+»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten
+von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als
+deine Braut betrachtet ...«
+
+»Bis heute?!«
+
+»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich
+als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu
+erwarten, daß du von mir Sühne verlangst -- Genugtuung. Darum laß mich
+dir als Korpsbruder -- und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu
+diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese
+deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte
+mir, ob du mir das glauben willst --!«
+
+»Ich ... will's glauben.«
+
+»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir
+schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch
+keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.«
+
+»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese
+Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was
+Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber
+das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.«
+
+»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht,
+was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch
+wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal
+ein wenig zusammennehmen ... solch schwere Stunden ... Männer müssen
+die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das
+da?«
+
+»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?«
+
+»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht -- deshalb
+laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal -- wenn zwei Männer ...
+wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib
+... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?«
+
+»Die Waffe!!«
+
+»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz
+zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ...
+die, meine ich, hat dann zu entscheiden! -- Sieh mal, es könnte doch
+immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich
+nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie
+hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du
+bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber --«
+
+»Aber --?!«
+
+»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich
+Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier
+in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu
+vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger,
+herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein
+Student, das ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und,
+glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge
+Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu
+ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes.
+Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis
+heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir
+ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde
+als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ...
+jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ...
+da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar
+ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück.
+Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde
+... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns
+beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren
+Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche
+Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie
+als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem
+sie die Trauer, die Entsagung bringt?!«
+
+Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine
+Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten.
+
+»Na, deine Antwort, mein Junge?!«
+
+Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise,
+ging sein Atem -- und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges,
+trockenes Schluchzen.
+
+»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang
+den linken Arm um Klausers Nacken.
+
+Der suchte sich loszumachen und schrie:
+
+»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie
+haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! -- Es ist nichts
+mehr zu entscheiden -- Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los!
+Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ...
+dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit
+Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie
+überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und
+darum werden wir uns woanders weiter sprechen --!!«
+
+Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und
+sagte:
+
+»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? -- Gehöre? -- Kann ein
+Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als
+des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie
+sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf
+wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun, zu glauben, sie
+täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie
+wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß
+sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer
+liebt ... mich, den Mann. Und dann -- dann wolltest du dem Mädchen,
+das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ...
+der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden
+hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich,
+männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache
+betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund,
+du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen
+bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und
+so oft schon deinem Gegner auf Mensur -- so wirst du auch dem Schmerz
+gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen,
+was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!«
+
+Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne
+klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende
+Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille
+herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm
+Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die
+breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß. Und Kühle webte durch die
+Eichenhallen ... Kühle ... Stille ...
+
+Und alles -- alles aus -- das Jugendglück entschwindend ... ach, schon
+verloren ...
+
+Und er -- der andere? Der Räuber?!
+
+Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem
+Freundesauge --
+
+Wozu?!
+
+Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben -- die
+Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und
+Leben ...
+
+Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute?
+Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?!
+
+Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen?
+
+Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz.
+Wozu noch kämpfen? Es war ja aus -- nicht nur der Sieg, die Waffe
+selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge,
+den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe
+trennten.
+
+Und plötzlich warf er sich herum.
+
+»Gute Nacht, Herr Professor.«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich will nach Hause. Schlafen.«
+
+Herrgott! durchfuhr's da den Professor -- hatte er's am Ende doch
+falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?!
+
+Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm
+nach, holte ihn ein:
+
+»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst --!«
+
+»Dummheiten?«
+
+»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...«
+
+Da erwachte der Knabentrotz.
+
+»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um
+ein Mädel, das ... äh!! Nee -- das nicht!! So armselig bin ich denn
+doch nicht!! -- Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!«
+
+Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan
+führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden.
+
+Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! --
+
+Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie --!
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Nein -- so doch nicht! so doch nicht!
+
+Was, so einfach verschwinden? Stumm, schattenhaft dahinhuschen ...
+hinaus aus ihrem Leben?
+
+Er, der ihre ersten Küsse gepflückt hatte?
+
+Er, dessen Leben hinfort nur Qual und sinnlos zehrendes Heimweh sein
+würde?!
+
+Nein -- das letzte Wort wenigstens, das Abschiedswort -- das wollte er
+ihr nicht ersparen! Wenigstens sehen, fühlen, wissen sollte sie's, was
+sie ihm getan hatte! --
+
+Hahaha! Darum so treu, so rein, so unberührt sich erhalten -- darum
+bezwungen Jugendfieber und Stürme des Bluts ... darum, um weggestoßen
+zu werden wie ein verbrauchtes Spielzeug?
+
+Ach, sie hatten ja recht, die andern, die ihn ausgelacht hatten, wenn
+er nicht mitgemocht hatte zu den losen Mädchen ...
+
+Liebe -- Treue -- Keuschheit -- alles Blödsinn!
+
+Weiber! Weiber! Dirnen allesamt! Die eine wie die andere!
+
+Die Dummen, die waren für zwei Taler zu haben ... die Gerissenen, die
+taten's nur um einen goldenen Ring und eine lebenslängliche Versorgung
+--!
+
+Und so lange, bis einer kam, der das beides auf den Tisch des Hauses
+legen konnte, nahm man auch mit einem vorlieb, auf den man warten mußte!
+
+Aber, wenn sich's dann doch noch schickte ... wenn er kam, der
+Ersehnte, der Mann mit dem großen Portemonnaie ... dann weg mit dem
+Jungen, dem armen, dem dummen Buben!
+
+Weg -- Fußtritt -- aus -- vergessen!
+
+Nein, Mädel, du hast dich verrechnet!!
+
+So einfach in die Ecke fliegen, stumm, wehrlos, wie eine zerknüllte
+Puppe ... das gibt's nicht! Das gibt's nicht!
+
+Wenigstens will ich dir noch sagen, wer du bist! will dir sagen, daß
+ich dich jetzt kenne! daß der Traum von der Göttin ausgeträumt ist! daß
+ich dich erkannt hab' in deiner ganzen Erbärmlichkeit! -- -- daß ich
+nun weiß: du bist wie alle!
+
+Feil für Gold, nur verschmitzter, nur raffinierter als die arme Lina da
+hinten im Marbacher Tal! feil ... feil! --
+
+Und durch die Büsche brach er sich Bahn, dorthin, wo die Walzerrhythmen
+hüpften, wo der rauhe Dielenboden knarrte ... wo arme, betrogene,
+verblendete Bürschlein die nichtsnutzigen, verschlagenen,
+ränkespinnenden Weiberchen im Tanze drehten ...
+
+Mit rötlichem Schein überflutete das unstete Licht von Hunderten
+buntschimmernder Lampions den Tanzplatz. Glühenden Auges starrte
+Klauser in das wirbelnde Gewühl -- fahndete gierig nach einem lichten
+Scheitel über der wohlbekannten, adlig reinen, ernst geschwungenen
+Stirn, den vergötterten, heilig strahlenden Augen ...
+
+Da -- -- da kam sie heran, sicher geleitet durchs Getümmel der Paare
+von einem starken, tragenden Arm ... sie ... in seinem Arm ...
+
+Daß die Adern nicht sprangen, das Herz nicht riß, die Brust nicht barst
+in einem wilden, weidwunden Todesschrei -- --!!
+
+Und aus war der Tanz ... durcheinander, auseinander quollen die Paare,
+strudelten den Ausgängen zu ...
+
+Alle überragend die Hochgestalt des Blondbarts unter der vergilbten
+Cimbernmütze ... die wies ihm den Weg ...
+
+Ein paar Minuten dumpfen Harrens am Eingang des Platzes der
+Professorenschaft ... dann hüpfte eine kecke Masurkaweise auf ... und
+Willy Klauser stand mit abgezogener Mütze neben Marien.
+
+»Gnädiges Fräulein -- darf ich um den Tanz bitten?«
+
+Entsetzen stand in Mariens Blicken, düsterer Schreck im grauen
+Augenblitz des Professors ...
+
+»Ich danke ... ich möchte nicht mehr tanzen ... meine Eltern wollen
+eben aufbrechen --«
+
+»Ach, so eilig ist's nicht, Mariechen!« klang da des alten Geheimrats
+behagliche Stimme von der andern Tischseite, und:
+
+»Den einen Tanz kannst du schon noch riskieren, Mariechen!«
+lächelte wohlwollend, festlich heiter auch Frau Hollerbaums mildes
+Madonnengesicht ...
+
+»Nein, wirklich, ich danke, Herr Klauser -- ich möchte mich noch ein
+wenig abkühlen!« Sie hatte die Augen tief gesenkt, ihre Stimme versagte.
+
+»Ich habe heut' noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Sie um einen Tanz
+zu bitten ... schlagen Sie mir den letzten Tanz nicht ab, ich bitte
+darum!« Es war ein befehlender Ton in der Bitte.
+
+»Tanz nur, Mariechen, es ist noch ein Rest in der Bowle, den laß ich
+nicht umkommen!« lachte der Vater.
+
+Ein hilfesuchender Blick flog aus Mariens Augen zu Dornblüth hinüber.
+Er erwiderte mit einem unmerklichen, ruhigen Kopfnicken.
+
+Und wortlos, totenblaß stand Marie auf. Ihre zitternden Fingerspitzen
+schob sie in Klausers Arm, und hochaufgerichtet machte er sich Bahn ...
+
+Am Tanzplatz führte er sie vorüber ...
+
+»Wohin?!«
+
+»Komm mit! ich rat es dir gut!!« Und mit der Linken griff er nach ihrer
+Hand, zog sie fest in seinen Arm, riß sie von hinnen, in den Laubgang
+hinein ... aus dem blendenden Lichterspiel ins nächtige Dunkel.
+
+»Ich geh nicht weiter -- laß mich los!«
+
+»Du bleibst! Bist du zu feige, meinen Glückwunsch zu deiner Verlobung
+in Empfang zu nehmen?«
+
+»Ich habe mich nicht verlobt!«
+
+»Also noch zu früh? Tut nichts -- er hält sich bis morgen!«
+
+»Laß mich! Ich will dir schreiben ... will dir alles ... erklären!«
+
+»Die Mühe spar dir! Ich weiß schon Bescheid! Ich weiß alles -- alles!«
+
+»Willy ... ich kann nicht anders ... vergib mir ... und laß mich gehn!«
+
+Er faßte sie an beiden Handgelenken. Durch die Zweige drang ein letzter
+Schein der Illumination; der gab in seinen Augen düster flackernden
+Widerschein, und rum-tata-tita-rum-tata! klang die Masurka.
+
+»Laß mich, Willy ... ich hab' ihn lieb ... ich ...«
+
+»Hast ihn lieb! wirklich! und mich? was? wann hast du denn eigentlich
+gelogen? Hä? damals? oder jetzt? oder gar damals ~und~ jetzt?«
+
+»Ich hab' dich nicht belogen, Willy. Ich hab' dich lieb gehabt ... ich
+hab' dich noch lieb --«
+
+»Marie!«
+
+»Ja, Willy -- das ist wahr! Immer, immer werd' ich dir dankbar sein ...
+für all das Glück ... für deine Liebe ... für alles ... aber jetzt ...
+jetzt ... laß mich!«
+
+»Ja, geh! geh! und lach, daß du mich zertreten hast! zertreten und
+zerschmissen!«
+
+»Willy -- ach Willy -- verzeih mir!«
+
+»Verzeihen? Niemals -- niemals! Werde glücklich, wenn du kannst!
+wenn du den Mut hast, zu vergessen, was du aus mir gemacht hast! du
+Verräterin! du Lügnerin!« Und er schleuderte ihre Hände von sich weg,
+daß sie fast taumelte.
+
+»Jetzt ist's genug!« klang da eine schneidende Stimme, und Professor
+Dornblüth trat aus dem Dickicht. Er legte seinen Arm um die Wankende.
+
+»Marie steht unter meinem Schutze!«
+
+»Hahaha! gut -- nimm sie, Alter Herr! und laß dich von ihr betrügen,
+wie sie mich betrogen hat!«
+
+»Knabe?!« Einen mächtigen Schritt trat Dornblüth auf Klauser zu.
+
+Da fiel von dem Jüngling ab, was Elternhaus und Schule, was die
+Erziehung des Korps, was das Menschentum von Generationen an ihm
+gebildet. Die Bestie brüllte nach Blut. Und weit ausholend führte er
+einen wuchtigen Faustschlag nach des Nebenbuhlers Haupt.
+
+Aber mit Riesenkraft fing der den Angriff auf. Mit beiden Tatzen packte
+er den Gegner am Unterarm und zwang ihn in die Knie.
+
+»Danke du Gott, daß du mich nicht getroffen hast!«
+
+Und er zog die wild aufweinende Marie von dannen.
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes
+Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann,
+ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht
+mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten.
+Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch
+an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie
+bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte
+schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische,
+dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann
+war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen;
+Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem
+Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer
+verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß
+des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er
+wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum
+zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes
+erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und
+erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete
+Beleuchtung der Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider
+Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum
+auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern,
+ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden
+Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte
+geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von
+Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen.
+
+Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund
+sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die
+Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren
+verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den
+Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken.
+Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch
+das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die
+Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt.
+Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne
+Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse
+saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den
+Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den
+Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken.
+
+Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust. All die Erregung
+der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm
+in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei
+zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in
+die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte
+nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden.
+
+Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die
+Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der
+monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages.
+
+Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich
+schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte
+Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich.
+
+Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine
+fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der
+ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine
+
+vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich
+den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und
+tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die
+den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte
+sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den
+unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen.
+
+So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten
+Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm
+in die Augen schoß.
+
+Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst
+du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen?
+Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens
+immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?!
+
+Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende,
+rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die
+fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz!
+
+Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende,
+jagende Sinnenpein -- einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu
+bergen!
+
+Liebe -- Liebe --!!
+
+Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene
+blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen
+Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die
+Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende,
+die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe --!!
+
+Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor
+seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge
+gewährungsfrohe Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten
+... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte?
+Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen
+Nächte?!
+
+Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch
+der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner
+Ecke hinter dem Ladenpult ...
+
+Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!!
+
+Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der
+verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen
+die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ...
+
+Darum schnell! schnell!
+
+Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so
+wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre
+Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte.
+
+Rosalie ... Rosalie ...
+
+Da stand er vor dem niedern Häuschen, vor der Schwelle, über die sie
+nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu
+beglücken ...
+
+Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte -- und Werner
+stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen
+Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen da oben ...
+und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ...
+
+Da ... ha!
+
+Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet?
+
+Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ...
+
+Was?! Unmöglich ...
+
+Doch ... seine Stimme ... Scholz ...
+
+Und nun -- eine andere Stimme ... eine -- Frauenstimme --
+
+Barmherzigkeit --!! Rosalie!!
+
+Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes
+Liebesgeschwätz ...
+
+Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen -- nun eine werbende,
+dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende
+Weibeslaute ...
+
+Und wieder still ... und Rascheln wieder und ...
+
+Und nun -- und nun -- -- Werner mußte alles hören ... alles ... mußte
+er hören ... alles.
+
+Stille dann ... Stille ...
+
+~Das also war die Liebe?! -- Gott -- -- das war die Liebe --?!~
+
+ * * * * *
+
+Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über
+die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger
+den Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen
+Stock, dann zur Tür -- --
+
+Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes,
+bares Geld ...
+
+Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ...
+so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so
+....
+
+Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die
+Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne
+schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ...
+
+Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das
+massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als
+schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein.
+
+Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende!
+
+Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet
+sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch
+...
+
+Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift
+nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im
+Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird
+mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt,
+gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht
+ein stieres Antlitz vorbei, die Augen tief in schwarze Schattenlöcher
+versunken ... Willy Klauser ...
+
+Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch!
+
+Das ist das Ende!!
+
+Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ...
+
+Hahaha! Der auch!!
+
+Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde,
+aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ...
+
+Das ist das Ende!!
+
+Wozu sich noch sträuben!
+
+Hinein, hinein in den Pfuhl --!!
+
+Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele,
+für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ...
+
+Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ...
+
+Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ...
+
+Trinken ... trinken!! ...
+
+Und Werner klopfte an Linas Tür.
+
+
+
+
+ VII.
+
+
+ »Mein Herzensjunge!
+
+ Das ist nun der letzte Brief, den ich Dir in Dein erstes Semester
+ schreibe, denn heute in acht Tagen werden wir Dich ja, wie Du
+ schreibst, schon wieder bei uns haben! Ich kann es noch gar nicht
+ recht glauben, daß uns dann unser Ältester wieder für mehr als
+ zwei Monate gehören soll, denn die vier Monate, daß Du fort bist,
+ wollten gar nicht vorübergehen, und kann ich mir kaum vorstellen,
+ daß es nicht wenigstens ein Jahr war seit Deinem Abiturientenexamen.
+ Hoffentlich wird es Dir nun aber, nach dem schönen Burschenleben da
+ draußen in Saus und Braus, in Deinem einfachen Elternhause auch noch
+ gefallen. Wir freuen uns alle riesig auf Dich, die Brüder schwatzen
+ von nichts anderem als vom Bruder Student und freuen sich, alle Deine
+ Herrlichkeiten zu sehen; ich glaube, sie denken, Du läufst immer mit
+ einem Schläger an der Seite herum. Und unser guter Vater freut sich
+ schon sehr darauf, mit Dir über das Römische Recht, das Du ja nun
+ schon kennst, tüchtig fachsimpeln zu können.«
+
+Hier mußte Werner, trotz seiner Rührung, lächeln, halb verlegen, halb
+verschmitzt.
+
+ »Vor allem aber freut sich Deine Mutter auf Dich: ich bin ganz stolz
+ darauf, einen so großen und wohlgeratenen Sohn zu haben, der auch
+ draußen in der Fremde dem Namen seines Vaters Ehre macht und im Leben
+ bewährt, was wir Eltern nach unsern schwachen Kräften versucht haben
+ ihm mitzugeben. So schließe ich denn für heute mit dem Wunsche, daß
+ Dir, mein lieber Sohn, noch einige schöne Sommertage in Deiner neuen
+ Heimat beschert sein mögen und Du dann zurückkehrst, gestärkt und
+ gereift an Leib und Seele und beglückt in dem Bewußtsein, täglich
+ vorwärts zu schreiten in allem Guten und Tüchtigen.«
+
+Werner ließ den Brief einen Augenblick sinken. Mechanisch trank er
+einen Schluck Kaffee und starrte zur Decke empor.
+
+Täglich vorwärts in allem Guten und Tüchtigen --! Ach ja ... der
+Dammelsberg ... der heiter-prächtige Anfang und das wüste, scheußliche
+Ende: der Heimweg in stolperndem Rausch, und --
+
+Äh -- das mußte der wüste Kopf doch nur geträumt haben ...
+
+Nein ... nein ... es war Wirklichkeit: er ~war~ nun wissend ... er
+hatte die Blume der Sehnsucht gepflückt ... und sie war ihm in den Kot
+gefallen ...
+
+Ah -- pfui -- pfui! Der Ekel, die Schmach!!
+
+Und alles stand auf einmal wieder vor ihm da!
+
+Das Entsetzen dieser Nacht ... die schreckhafte Erkenntnis, daß auch
+ihn, wie seinen Freund, ein Reifer, ein Sicherer, ein Mann um seine
+Liebe betrogen hatte ...
+
+Um seine Liebe --? Hahaha!!
+
+Und doch ... war das nicht auch Liebe, was ihn zu Rosalien gezogen?
+War dieser Schmerz, in dem seine Seele sich krümmte, war der Jammer
+um ihren Verlust, der ihn blindlings hinaus und in die Arme der Dirne
+gehetzt hatte ... war das nicht auch ein Gram um ein verlorenes
+Liebesglück?!
+
+Liebe? Was war Liebe überhaupt anderes als das Verlangen nach dem
+Besitz?
+
+Ja, sie war ihm verloren, an die sich sein Sehnen angeklammert, in der
+es die Erfüllung heißesten Erdenglücksbegehrens erblickt hatte ... sie,
+die ihm nicht ein armes Judenmädel, ein armes Käseladenfräulein gewesen
+war, sondern Aphrodite, die süße und schreckliche Herrin der Erde ...
+
+Sie hatte am Morgentore seines Lebens stehen sollen als Spenderin
+erlösender Erstlingswonnen, hatte ihn hineinführen sollen in das
+Allerheiligste des Daseins, das ihm Liebe, Liebe -- Liebe!! hieß!
+
+Und nun war sie jenem andern, dem Erfahrenen, dem Desillusionierten,
+dem Pascha in die Arme geweht worden, dem ihre Liebe nicht ein
+ungeheures, umwälzendes, erlösendes Erlebnis war ... nein, ein Blatt
+mehr in einem Notizbuch flüchtiger Erinnerungen an lustige Stunden ...
+
+Und Werners Blume lag im Kot ... gemein, trivial, weihelos, ekel war
+die erste Stunde in Weibesarmen gewesen, Sünde, weil sie schmutzig und
+würdebar, Schande, weil sie käuflich und häßlich gewesen war ...
+
+Das war nicht wieder gut zu machen ... der Fleck aus dem Leben nicht
+mehr wegzuwischen ... nein, das würde bleiben ... die Erinnerung an
+die frechen, entehrenden Zärtlichkeiten, die rohe Vertraulichkeit, die
+hungrige Groschengier der Dirne würde sich besudelnd eindrängen in
+alles Glück, das ihm künftig zuteil werden möchte ...
+
+Unsühnbar -- untilgbar das Andenken an die erste Liebesstunde, besudelt
+-- besudelt ...
+
+ * * * * *
+
+Ein hartes Klopfen an der Tür.
+
+Und Scholz trat ein.
+
+»Morgen, Leibfuchs -- na? Jammer? Sieht so aus!«
+
+Stumm stand Werner auf. Ihm war's, als hätte er dem andern ins Gesicht
+schreien müssen, was alles er ihm genommen ... wie jener, jener schuld
+sei an der Katastrophe seines Liebeslebens ...
+
+Aber der würde ihn nicht verstanden haben ... eiskalt, höhnisch ihn
+angegrinst ...
+
+Nein ... Schweigen ... Haltung ... herunter das Visier ...
+
+Er hieß den Älteren willkommen. Scholz streckte sich aufs Kanapee,
+schob die Beine lang in die Stube hinein, gähnte geräuschvoll und
+bedeckte eine Sekunde lang die Augen.
+
+»Verdammt müde ... aber schön war's doch ... na und du, Leibfuchs?
+Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin? Ich bin nämlich seit gestern
+abend dein Nachbar. Habe da nebenan die kleine Bude für nächstes
+Semester gemietet und bin gleich eingezogen. Laß dir erzählen, wie
+das gekommen ist. Ich kam gestern abend von Berlin mit dem Casseler
+Schnellzug an; zugleich kam von der andern Seite der Frankfurter D-Zug
+auch, ich sah zufällig hin, und aus der dritten Klasse klettert wer?
+die schöne Rosalie, deine +filia hospitalis+ nee, ~unsere~!
+Na, ich begrüßte sie natürlich, machte mich mit Gepäckbesorgung galant,
+erzählte ihr, daß ich promoviert hab' und nun zum Abschiedskommers
+zurückkomme ... daß ich nächstes Semester wieder nach Marburg will ...
+frage ganz im Spaß, ob bei ihr nicht eine Wohnung frei ist ... und ...
++me voilà!+ was sagst du dazu?!«
+
+Auf der Straße klang der Cimbernpfiff und überhob Werner der Antwort.
+Beide gingen ans Fenster; unten stand der Zweite, Krusius, und neben
+ihm der Senior der Hasso-Nassovia, Herr Seydelmann.
+
+Krusius bemerkte zuerst Werner und rief:
+
+»Sag mal, Achenbach, ist das richtig, daß i. a. C. B. Doktor Scholz
+jetzt bei dir im Hause wohnt?«
+
+»Allerdings, zu dienen!« sagte Scholz und ließ seinen Oberkörper
+am Fenster erscheinen. »Guten Morgen, Krusius, guten Morgen, Herr
+Seydelmann -- na? Wie schaut's aus? Wieviel Gramm Antipyrin haben Sie
+heute morgen schon gefressen?«
+
+»Lieber Scholz,« sagte Krusius mit tiefernstem Gesicht, »Herr
+Seydelmann hat etwas mit dir zu besprechen.«
+
+Scholzens Gesicht versteinerte sofort ebenfalls in offiziellen Falten.
+»Wenn die Herren sich freundlichst heraufbemühen wollen?«
+
+Die Angeredeten tappten die Treppe hinauf und standen bald darauf an
+der Tür, die Scholz ihnen höflich geöffnet hatte.
+
+»Bitte einzutreten.«
+
+»Möchten wir nicht lieber in dein Zimmer --?« meinte Krusius mit einem
+Seitenblick auf den Fuchs Achenbach.
+
+»Ich habe nur ein Zimmer, und das ist noch nicht aufgeräumt,« sagte
+Doktor Scholz. »Ich denke, mein Leibfuchs erlaubt uns einen Augenblick
+seinen Salon?«
+
+»Selbstverständlich, Leibbursch -- ich gehe so lange hinaus.«
+
+»Nee, nee, bitte bleib nur --«
+
+»Es ist aber eine sehr ... persönliche Angelegenheit --« meinte
+Seydelmann.
+
+»Tut nichts, hier, mein Leibfuchs, der kann ruhig zuhören, schad't
+ihm nichts, wenn er auch ein bißchen Schimmer bekommt. Also. Herr
+Seydelmann --?«
+
+»Herr Doktor Scholz,« sagte Seydelmann, »ich habe den Auftrag,
+Ihnen namens des +studiosus medicinae+ Simon Markus
+eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere bis zur
+Kampfunfähigkeit zu überbringen.«
+
+Eine Sekunde lang standen alle vier jungen Männer in der engen Stube
+regungslos; langsam zog Scholz die Augenbrauen ganz hoch in die Höhe.
+Eine Kälte, ein Schauer wehte allen ans Herz.
+
+»Hm --« machte Scholz. Wieder ein paar Herzschläge lang Schweigen.
+
+»-- -- bitte, teilen Sie Ihrem Auftraggeber mit, daß ich die Forderung
+annehme,« sagte Scholz dann in eisiger Ruhe.
+
+»Nein, Scholz, das darfst du nicht!« fuhr da Krusius dazwischen. »Das
+darfst du nicht! Es handelt sich doch jedenfalls um -- um das Mädel ...
+die Schwester von dem Kerl --«
+
+»Wir brauchen darüber kein Wort zu verlieren,« sagte Scholz. »Die
+Forderung kann binnen vierundzwanzig Stunden ausgetragen sein. Wann
+kann das Ehrengericht zusammentreten?«
+
+»Nun, heut nachmittag um drei, denke ich,« sagte Herr Seydelmann. »Ihr
+Gegner hat sich dem S. C. Ehrengericht und dem S. C. Pistolenkomment
+ohne weiteres unterworfen, die Sache ist also sehr einfach.«
+
+»Ich leid's nicht, Scholz!« rief Krusius erregt. »Du wirst dich doch um
+so'n Frauenzimmer nicht schießen? Und mit so 'nem Judenjungen, dessen
+Schwester nicht viel besser als 'ne Hure ist?«
+
+»Oho?!« meinte Scholz. »Woher weißt du das?«
+
+»Ja, ja, woher weiß man das? Ich kann nichts Positives gegen das Mädel
+behaupten, aber seit Ewigkeiten wohnen hier Korpsbrüder von uns, und es
+müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn die alle sich den Bissen da bis
+jetzt hätten entgehen lassen!«
+
+»Wenn du nichts Positives weißt -- dann braucht man ja gar nicht
+darüber zu reden. Hat Ihnen, Herr Seydelmann, Ihr Auftraggeber einen
+Grund der Forderung angegeben --?«
+
+»Allerdings,« sagte Seydelmann mit diskreter Zurückhaltung im Ton.
+»Herr +studiosus+ Markus behauptet, Sie hätten heut nacht seine
+Schwester ... in Ihrem Schlafzimmer gehabt.«
+
+»Also gut, Herr Seydelmann ... ich werde, wenn Sie mir keinen
+anderweitigen Bescheid mehr zukommen lassen, um drei Uhr auf Ihrer
+Kneipe zum S. C. Ehrengericht erscheinen.«
+
+»Nein, meine Herren, das ist einfach Wahnsinn,« sagte Krusius, »da darf
+nichts draus werden! Ich telegraphiere sofort an unsere Inaktiven, die
+in den letzten Jahren hier im Hause Markus gewohnt haben, und frage an,
+ob sie das Schicksel da unten nicht auch gehabt haben, und wenn auch
+nur einer ja sagt, dann hast du doch wahrhaftig keine Veranlassung,
+dich mit ihrem Bruder zu schießen, als wenn du sie verführt hättest --!
+Was sagen Sie, Herr Seydelmann?«
+
+»Da mein Auftrag noch nicht erledigt ist, so bedaure ich, eine
+Ansicht über diesen Punkt nicht äußern zu können,« erwiderte der
+Hessen-Nassauer.
+
+»Sie haben vollkommen recht,« sagte Doktor Scholz. »Lieber Krusius,
+deine Anfrage an die Inaktiven ist überflüssig. Das Mädchen ist keine
+Dirne, und nach meiner Auffassung ist der Bruder berechtigt, sich jeden
+zu kaufen, der sie mit der Fingerspitze berührt. Und gegen den Herrn
+Markus liegt meines Wissens auch nichts vor ... ich würde es also
+geradezu als Kneiferei auffassen, wenn ich mich weigern wollte, ihm
+Satisfaktion zu geben.«
+
+»Nun, dann bin ich wohl fertig,« meinte Seydelmann. »Mein Bedauern,
+Herr Doktor, daß ich in so fataler Angelegenheit gegen Sie tätig sein
+muß -- nachdem wir uns beide bisher --« er lächelte diskret, korrekt,
+verbindlich, wies mit leichter Handbewegung erst auf seine, dann auf
+Scholzens Narben, die sie beide einer dem andern verdankten -- »immer
+so ausgezeichnet vertragen haben.«
+
+Als der Hessen-Nassauer fort war, bestürmte Krusius nochmals mit aller
+Entschiedenheit den Korpsbruder, das Duell nicht anzunehmen.
+
+»Ich finde, Scholz, du kannst das deinen Eltern gegenüber einfach nicht
+verantworten, dich wegen so einem Frauenzimmer zu schießen! Denn daß du
+bei der nicht der erste gewesen bist, dafür laß ich mich hängen! Zwar
+die Korpsbrüder, die früher hier gewohnt haben, die haben anscheinend
+immer nach dem bekannten Grundsatz vom dankbaren und verschwiegenen
+Jüngling gehandelt. Aber wenn's um Tod und Leben eines Korpsbruders
+geht, dann werden sie wohl herausrücken. Du brauchst gar nicht selbst
+zu telegraphieren, gib nur deine Zustimmung, daß ich es tu.«
+
+»Ich hab' dir schon einmal gesagt, es kommt, meiner Auffassung nach,
+gar nicht darauf an, ob das Mädel unschuldig war oder nicht. Ja, es
+ist wahr: ich habe sie heut nacht hier, im Hause ihrer Mutter, im Bett
+gehabt. Und daß sie einen Bruder hat, der Student ist, und gegen dessen
+Honorigkeit nicht das geringste vorliegt, das hab' ich auch gewußt.
+Also es wäre die tollste Drückebergerei, wenn ich mich jetzt der
+Verantwortung entziehen wollte.«
+
+»Das finde ich verrückt, nimm mir's nicht übel,« sagte Krusius und
+ließ sich wütend in eine Sofaecke fallen. »Das heißt wirklich, die
+Schneidigkeit ins Fatzkenhafte übertreiben.«
+
+»Lieber Krusius, du weißt, ich bin immer ein großer Sünder gewesen.
+Wie viele Weiber ich im Arm gehabt habe, ich glaub', ich krieg's
+nicht mehr zusammen. Aber eins ist mir dabei stets klar gewesen: der
+Korpsstudent kann tun und lassen was er will, wenn er nur stets bereit
+ist, mit seiner Person für all seine Handlungen einzutreten. Und wenn
+ich Geschichten mit einem Mädel mach', dann muß ich jeden Augenblick
+daraus gefaßt sein, daß irgendeiner, der des Mädels natürlicher
+Beschützer ist, mich vor die Mündung fordert. Ja -- so weit wäre ich
+nun diesmal glücklich gekommen ... da heißt's eben, die Nase hinhalten
+... aber an die Korpsbrüder telegraphieren ... und das Mädel, das sich
+mir ... na -- die zur Hure machen, bloß damit ich ihrem Bruder nicht
+vor die Pistole brauch' ... nee ... das macht Hubert Scholz nicht. Also
+gib dir keine Mühe, lieber Krusius, um drei Uhr ist Ehrengericht.«
+
+Krusius stürzte in großer Erregung hinaus. Im Weggehen rief er noch:
+
+»Na, jedenfalls besprech ich die Sache zunächst noch mal mit
+Papendieck.«
+
+Als der Zweite fort war, wurde Scholzens Haltung plötzlich matt und
+schlaff. Er schien Werners Gegenwart ganz vergessen zu haben; wie eine
+tiefe, haltlose Müdigkeit ging es über seine Züge, seine Glieder, er
+setzte sich schwerfällig in das Sofa und bedeckte das Gesicht mit
+beiden Händen.
+
+Werner rührte sich nicht in seiner Fensternische, in die er sich
+beim Eintritt des Nassauer-Seniors zurückgezogen, von der aus er mit
+fliegenden Pulsen, fröstelnden Fingern die Vorgänge verfolgt hatte.
+Und mit einem Male begriff er diese undurchdringliche Seele. Er
+verstand, was diesem jungen Manne die sieghafte Rücksichtslosigkeit,
+die brutale Überlegenheit gegeben hatte. Und noch tiefer meinte er
+hineinzuschauen in das innerste Herz des Korpsbruders; er wähnte zu
+sehen, wie vor dessen innerem Auge langsam, unabweisbar das Bild eines
+verlassenen, ausgestoßenen Mädchens aufstieg, eines kinderjungen,
+holdselig-grauenvollen Leibes, den er einst besessen, in dem er die
+Keime des Lebens geweckt, um sie dann schutzlos, wehrlos dem Schicksal
+zu überlassen, das ihr den Wellentod befahl ... ihm war's, jener lechze
+danach, dem Sühnetode die Brust zu bieten, um mindestens sich selber
+zu zeigen, daß er nicht nur die Dreistigkeit habe, Glück zu stehlen,
+sondern auch den Mut, es bar zu bezahlen.
+
+Und während Werner den Starken, den Gefürchteten, den Unnahbaren da
+sitzen sah, stumm, aufgelöst, von der unerschütterlichen Haltung
+verlassen, da kam über ihn eine große, feierliche Liebe zu dieser
+schuldbeladenen, doch edlen und mannhaften Seele. Da fühlte er
+plötzlich, daß der Drang, der jenen von Munde zu Munde, von Busen
+zu Busen getrieben hatte, kein anderer sei, als jener, unter dessen
+Geißelhieben auch er geblutet hatte -- er und jener andere auch, der in
+dieser Nacht zuerst seinen Verzweiflungswahnsinn zur Dirne geschleppt
+hatte.
+
+Und er ging auf Scholz zu, setzte sich auf die Sofalehne und legte den
+Arm um den Nacken des Brütenden.
+
+»Es wird gut gehn, Leibbursch.«
+
+»Ach -- Leibfuchs -- entschuldige ... ich hatte dich ganz vergessen.«
+Er ließ die Hände sinken ... trocken, glanzlos starrten seine Augen.
+
+»Wenn sie mich nun morgen früh so ... zurückbringen ... und dann
+telegraphieren sie meinem Vater ... und dann kommen meine Eltern und
+wollen wissen, was eigentlich passiert ist ... das begreift dann doch
+kein Mensch ... ein Lump, den der Teufel geholt hat ... ja ... so reden
+dann die Menschen ... und daß das alles so hat sein müssen ... äh --
+bah ... is ja egal ... is ja egal.«
+
+Er stand mit hartem Ruck auf.
+
+»Komm, Leibfuchs, wollen zum Frühschoppen gehn -- morgen trinkt ihr ihn
+vielleicht ohne mich.«
+
+
+
+
+ VIII.
+
+
+Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr
+früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für
+den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften
+Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg
+das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ...
+eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus
+dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die
+Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich.
+
+Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner
+eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von
+unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und
+er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden
+hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende
+Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und
+mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was
+er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun
+zurückgedrängten Verehrers nannte.
+
+Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner Mission ... doch empfand
+er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen
+Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr
+passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als
+noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen?
+
+O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach,
+und dennoch ...
+
+Jugend -- Jugend ...
+
+Wann fing denn eigentlich das Leben an -- das wahre Leben? Wenn man
+begann, der Meister der Dinge zu werden -- dann hatten sie auch schon
+den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns
+so begehrenswert erscheinen ließ.
+
+War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht
+heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner
+Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite
+Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was
+der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet?
+
+Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb
+das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte
+zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden
+Sinfonie des Lebens?!
+
+War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte?
+
+Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des
+Brautglücks aufgestrahlt wäre?
+
+Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen
+mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell
+geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte
+angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit
+abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ...
+
+Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ...
+Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen.
+
+Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine
+Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte
+aus tausend Beobachtungen, was das heißt -- daß Unvollkommenheit und
+Entsagung Menschenlos ist ...
+
+Ach, und doch -- und doch ...
+
+Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe
+und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und
+reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite
+schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des
+abgeklärten Mannes zu bergen ...
+
+Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach
+dem Seelenreichtum des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen
+so spielend verdrängt hatte ...
+
+Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen
+hatte.
+
+Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum
+hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten
+Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem
+Haupte gezielt hatte.
+
+Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor
+seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr
+auf, stand starr und steif.
+
+»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!«
+begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand
+in die ausgestreckte des Besuchers.
+
+»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was
+hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer
+Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach
+Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf
+angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun
+kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am
+Ende bekneipt, hä?«
+
+»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe.
+
+»Wa--?! Wo bist du gewesen?!«
+
+»Bei der Lina -- der Sau da oben im Marbacher Tal.~Zum
+erstenmal.~«
+
+»Klauser --!! Himmel ... ~so elend~ hab' ich dich gemacht?!«
+
+Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus.
+
+Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die
+plötzlich feucht geworden war.
+
+»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten
+suchend -- »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ...
+daß das ~so~ bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne
+Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...«
+
+»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du
+von mir?«
+
+»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht
+Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: >Einer
+für alle, alle für einen?< Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht
+und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben
+soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung.
+Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt
+miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt
+die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen könnte.
+Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen
+Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich
+reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben
+hinüber und herüber! Willst du?!«
+
+»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt
+sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen
+Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos
+aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ...
+Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu
+hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich
+noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten
+wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen
+dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich
+dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ...
+dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im
+vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen
+... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht
+wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die
+acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch
+deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich
+dir dankbar sein ... Alter Herr.«
+
+»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem
+Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen
+kann?!«
+
+»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.«
+
+Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling
+hinüber, dessen Augen die seinen mieden.
+
+»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir
+selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden
+kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf
+berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst --
+doch nein --«
+
+»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?«
+
+»Nein -- das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich
+einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich
+scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das
+ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ...
+ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.«
+
+Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern
+Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte,
+schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor.
+
+Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff
+er langsam zu seiner Korpsmütze.
+
+Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte!
+
+Cimbria +vivat, crescat, floreat+!
+
+Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen
+brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung
+gekämpft hatte ...
+
+Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im
+Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte
+in der Sonne.
+
+Wo wollte er denn hin?
+
+Ach so ...!!
+
+Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder.
+
+
+
+
+ IX.
+
+
+Selbstverständlich hatte Werner von dem Ausfall des Ehrengerichts
+nichts erfahren. Krusius, sein zweiter Leibbursch, hatte ihn noch
+einmal auf dem Frühschoppen beiseite genommen: »Leibfuchs, du hast
+heute morgen nichts gehört -- aber auch nicht das Geringste, verstehst
+du mich?!«
+
+»Nein, nein, Leibbursch, das versteht sich ja ganz von selber.«
+
+»Also, allen Ernstes, auch nicht den leisesten Ton zu irgend
+jemanden, wenn ich dir's raten soll! Du könntest die allertollsten
+Unannehmlichkeiten haben.«
+
+»Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein.«
+
+Um halb drei waren dann beim Kaffee die beiden ersten Chargierten still
+verschwunden, mit ihnen Scholz. Und keinen von ihnen hatte Werner mehr
+zu sehen bekommen.
+
+Auch Klauser war zwar beim Frühschoppen erschienen, hatte eine Zeitlang
+stumm, teilnahmslos, unzugänglich inmitten der katerfidelen Runde
+gesessen, war dann aber, kurz bevor das Korps zum Mittagessen aufbrach,
+plötzlich verschwunden.
+
+Und Werner war allein geblieben mit all seinem bedrängenden,
+beängstigenden Wissen um das Schicksal der anderen. Und schließlich
+hatte er sich dann aus dem Kreise der ahnungslosen Korpsbrüder, deren
+inhaltlose Unterhaltung ihn heute geradezu anwiderte, losgemacht und
+war stundenlang allein in den Wäldern herumgerannt, unfähig, das Grauen
+vor dem Erlebten wie dem Kommenden zu besiegen.
+
+Was mochte zwischen Dornblüth und Klauser vorgefallen sein, wenn
+Willy Klauser, der Unberührte, der immer wie auf einer Wolke von
+Reinheit zwischen den andern, den alltäglichen, gewöhnlichen Naturen
+hingeschritten war, wenn der sich zur Lina geflüchtet hatte?! Was
+mochte jetzt in ihm vorgehen? Welche Lösung würde er finden für das
+Sphinxrätsel seines sinnlosen Elends?
+
+Und der andere, der Vielerfahrene, der kalt überlegene Sieger --
+hatte sich nicht auch vor dem plötzlich das Gorgonenhaupt aufgereckt?
+Standen nicht beide, der Schuldlose wie der Schuldbesudelte, plötzlich
+dem spöttisch grinsenden Schicksal gegenüber, das nach ihrem Herzblut
+lechzte?
+
+Daß Klausers junges Leben aus unheilbaren Wunden seine Kraft
+vertropfte, das war offenbarer scheußlicher Hohn des Fatums -- hier
+mußte jeder Versuch nach einer sittlichen Erklärung scheitern.
+
+Aber was für ein Sinn lag denn darin, daß um eine Liebesnacht zwei
+Jünglingsleben vor die Pistolenmündung gestellt werden sollten,
+bis eins von ihnen die Kraft nicht mehr hätte, den Hahn der Waffe
+abzuziehen? Und wenn nun einer fiele? Der arme, tapfere, kleine
+Jude, der sein Leben so mannhaft für eine Tugend einsetzte, die
+wahrscheinlich längst zerlöchert war, zum mindesten aber doch zum Falle
+reif gewesen, wie nur ein rotbäckiger Apfel im September? Wenn der nun
+fiele -- was für ein Sinn darin?
+
+Aber selbst Scholz ... war er des Todes schuldig? War er es um
+Rosaliens willen?
+
+Also alle diese Not ohne Sinn, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit
+irgendwie erkennbaren, konstruierbaren Weltgesetzen ... wenn nicht eben
+dies das Gesetz war, daß es kein Gesetz gab ...
+
+Wenn nicht am Ende gar der Mensch wehrlos und machtlos dem Ansturm
+der Dinge und Geschehnisse ausgesetzt war, auf nichts angewiesen
+als auf seine eigene Kraft und Schläue, gezwungen, sich selber sein
+Schicksal zu schmieden in trotziger Auflehnung wider die Brutalität
+des Weltganges, und äußersten Falles noch mit der Herzensmacht begabt,
+unbeugsamen Grausamkeiten des Daseins gegenüber unerschüttert und
+trotzig zu fallen ...?
+
+Und was war es denn, was jenen erst an das Herz des reinen Mädchens
+und dann in die Arme der Buhlerin geführt, was diesen von einer zur
+andern getrieben hatte zu immer neuem, flüchtigem Augenblicksentzücken,
+dem dann immer, ach so rasch, Erkaltung, Ermattung, Abkehr und Jammer
+folgen mußten?
+
+War es nicht die gleiche, grauenvoll herrschergewaltige Macht, die
+auch Werner wie ein unstetes Wild durch alle Abgründe des einsamen
+Begehrens, des schaudernden Ergreifens gehetzt hatte?
+
+Jene Macht, von deren Gnaden, auf deren Geheiß doch alles lebte, was da
+war?!
+
+Wie sie nennen, diese teuflisch-göttliche, paradiesisch-höllische,
+dunkellichte, küssetränenblutbrünstige Macht?!
+
+Die Liebe?!
+
+Was war ein Name? Ein Name gab keinen Sinn, vermittelte kein Begreifen,
+schmiedete keine Waffe ...
+
+Und der einsame Knabe, der da oben am Waldrand im Moose lag und
+herniederstarrte auf die alte Stadt, in der seinem jungen Leben so
+Ungeheures aufgegangen war, der wußte keine Lösung für die stürmenden
+Schauer, die dahinrasten über sein bebendes, schluchzendes Herz. --
+
+Am Abend war dann Spielkneipe. Klauser hatte sich mit Unwohlsein beim
+ersten Chargierten schriftlich entschuldigt; Scholz erschien nicht; die
+beiden Ersten spielten ein Quodlibet mit zwei Inaktiven. Niemanden als
+Werner konnte es auffallen, daß die beiden jungen Männer sehr blaß,
+fieberhaft aufgeregt waren: die anerzogene Haltung verschleierte ihre
+Stimmung vor jedem Auge, das nicht durch Mitwisserschaft geschärft war.
+
+»Nun, was ist denn geworden, Leibbursch?« Schüchtern hatte Werner die
+Frage gewagt.
+
+»Geht dich nichts an!« schnauzte Krusius nervös ... dann sah er das
+heißerregte Gesicht des Leibfuchsen und setzte in freundlicherem Tone
+hinzu: »Nimm mir's nicht übel, Leibfuchs ... ich darf dir's nicht
+sagen, auf Ehrenwort nicht!«
+
+Da glaubte Werner genug zu wissen ... also wirklich ... morgen früh ...
+
+Schon um zehn Uhr waren Papendieck und Krusius verschwunden ...
+
+Da machte sich auch Werner von dannen ... er meinte Scholz noch einmal
+sprechen zu müssen, ihm vielleicht die schwere Nacht, die vor ihm lag,
+tragen helfen zu können ... sie waren ja Zimmernachbarn.
+
+Aber in dem Zimmer, das in der vergangenen Nacht Rosaliens wilden
+Liebesrausch umschlossen, war kein Licht. Bang klopfte Werner an: keine
+Antwort ... er drückte die Klinke ... das Zimmer war leer -- keine Spur
+von einem Bewohner -- Schränke, Schubfächer leer -- offenbar war Scholz
+ins Hotel übergesiedelt, um nicht in der letzten Nacht mit jenem unter
+einem Dache zu sein, der ihm morgen ...
+
+Ins Hotel? Vermutlich ... und dann natürlich ins Pfeiffer ... das war
+ja das Cimbernhotel.
+
+Und von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, rannte Werner
+den Steinweg hinab und patrouillierte in der Dunkelheit vor dem
+Pfeiffer auf und ab. Der Gasthof war schon geschlossen, in den
+Wirtschaftsräumen jedes Licht erloschen. Nur in einem Zimmer des ersten
+Stocks schimmerte noch Licht; das Fenster war geöffnet, und sachtes,
+oft verlöschendes Geplauder von Männerstimmen drang auf die totenstille
+Straße. Werner meinte einmal die sonore Stimme des Ersten zu erkennen.
+Sonst vermochte er nichts zu unterscheiden.
+
+Schließlich schien man droben aufzubrechen. Nach einigen Minuten Stille
+rasselte in der Tür des Hotels ein Schlüssel; Werner drückte sich in
+eine dunkle Haustürnische und sah, wie Papendieck und Krusius aus dem
+Gasthof kamen und sich von Scholz verabschiedeten.
+
+»Also schlaf nur gehörig,« sagte Papendieck. »Wir kommen um punkt halb
+sechs und wecken dich, da kannst di man up verlaten.«
+
+Sie drückten ihm die Hände und schritten wortlos, Arm in Arm der Stadt
+zu.
+
+Die Hoteltür wurde geschlossen. Nach kurzer Zeit erschien droben am
+offenen Fenster Scholzens riesige, hagere Gestalt. Lange stand sie am
+Fenster, regungslos; das Haupt schien, in den Nacken zurückgeworfen,
+den Sternenhimmel zu suchen.
+
+Werner aber blieb regungslos in seiner Nische. Er fühlte, daß er nicht
+das Recht hatte, sich in die Seele des andern einzudrängen, die der
+seinen nicht wesensverwandt war und ihrer nicht bedurfte, nicht nach
+ihr verlangt hatte angesichts dieser lichtlosen Nacht, durch die sie
+sich hindurchzuringen hatte.
+
+Und er schaute nur stumm aus seinem Versteck zu dem Einsamen droben
+empor und empfand zum ersten Male in seinem jungen Leben mit
+erschütternder Gewalt die finstere Erkenntnis, daß es unter Menschen
+keine Gemeinsamkeit gibt ... daß gerade in den dunkelsten Stunden des
+Lebens auch der letzte Schimmer des fröhlichen Wahns zerfällt, als
+könnte einer dem andern irgend etwas sein ...
+
+ * * * * *
+
+Aus wirrem Schlummer fuhr Werner auf und war sich rasch bewußt, daß
+dieser erwachende Tag ein verhülltes Schrecknis heranführe ... Er
+fuhr auf; unmöglich, noch eine Sekunde länger im Bett zu bleiben ...
+Luft, Luft ... und etwas tun, um zu vergessen ... um über die Stunden
+hinwegzukommen, die ihn von der Gewißheit trennten ...
+
+Er kleidete sich an, und während er sich wusch, vernahm er über sich
+die leisen Tritte eines andern, der auch schon munter war ... der sich
+auch ankleidete, um sein junges Leben an den wirrsten und zerfahrensten
+Wahn zu setzen ...
+
+Wie verrückt, was jener tat!! --
+
+Und doch, wie begriff Werner den Juden da oben!
+
+Ob jenes Mädchen vorher rein gewesen war -- was ging das den Bruder an?
+Für ihn war sie rein gewesen bis zu der Nacht, als er, weiß der Himmel
+wie, gewahr werden mußte, daß sie jenem andern das Lager schmückte ...
+ihm hatte man sie entehrt, ihm besudelt in dem Augenblick, da er ihrer
+Schande wissend geworden war ... und so lechzte jener nach Rache nicht
+für die Unschuld seiner Schwester, sondern für das eigene, in den Kot
+getretene Herz, für seine eigene, geschändete Bruderliebe ...
+
+Nun tappte er die Treppe hinunter ... und durch die Vorhänge sah
+Werner ihn auf die Gasse treten ... drüben standen zwei Herren, die
+ihn empfingen: Herr Seydelmann und Herr v. Göhren, der erste und der
+zweite Chargierte der Hasso-Nassovia, beide im Hut, nur das Band
+schimmerte unter ihren Röcken hervor. Stumm begrüßten die Nassauer
+ihren Waffenbeleger und schritten dann mit ihm von dannen, den Bergpfad
+hinan, der über die Cimbernkneipe zum Schlosse führte ...
+
+Und nicht lange, da klangen auch Schritte vom Steinweg her ... zwischen
+Papendieck und Krusius kam Scholz ...
+
+Aller dreier Gesichter waren fahl ... Krusius strich ohne Unterlaß den
+blonden Schnurrbart, Papendieck rieb mit dem Zeigefinger immerfort an
+seiner mächtigen Hakennase, Scholz hatte den Kopf hoch in den Nacken
+geworfen und die Augen in das durchgoldete Blau des jungen Morgens
+gerichtet ...
+
+Da gingen sie hin ...
+
+Und Wernern hielt es nicht länger. Er schlich hinter ihnen drein ...
+sah sie hinter der Sternwarte zur Cimbernkneipe hinan einbiegen ...
+erreichte dann wieder ihren Anblick, als ihre hellgekleideten Gestalten
+sich durch die Heckenwege zum Schloß hinaufschoben ... sah sie unter
+dem Torbogen des Schlosses verschwinden ... dann hatte er sie wieder
+vor sich, als sie den Weg zum Dammelsberg einschlugen ... und so
+schritten sie immer vor ihm her, die beiden Gruppen ... ganz fern die
+Hessen-Nassauer, den kleinen, schäbig gekleideten, hochschultrigen
+Simon Markus in der Mitte ... und dahinter, ihm zunächst, die drei
+stattlichen Cimbern, der stattlichste in der Mitte ...
+
+So schritten die Jünglinge in den Morgen des ersten August hinein ...
+
+Und ringsum erwachte die Welt. Schon kräuselte erster Rauch aus manchem
+Schornstein im Tal. Ein Bahnzug brauste von Frankfurt her die Lahnebene
+hinauf ... lustig schwoll der Pfiff der Lokomotive, klang das Rasseln
+der Wagen auf den Schienen. Und der Weg, auf dem man schritt, trug noch
+die Spuren der Festnacht. Welke Blumensträußchen dorrten hier und dort,
+verkohlte Lampions lagen am Wege.
+
+Und nun nahm der Dammelsbergwald die vorderste Gruppe auf -- Werner
+wartete, bis auch die zweite ein Stück in den Wald hineingedrungen
+war, damit nicht ein zufällig zurückschweifender Blick ihn erspähen
+möchte.
+
+Und ein Wagengeroll hinter ihm ... schnell barg er sich hinter einem
+Busch und sah einen der wenigen schwerfälligen Marburger Mietwagen auf
+dem schmalen und steilen Wege sich emporwinden. Darin saßen der erste
+Chargierte der Guestphalia und ein älterer Herr, in dem Werner nach
+einigem Besinnen den Sanitätsrat Doktor Kuhlemann erkannte ... auf dem
+Rücksitz des Wagens standen zwei Kästen: ein großer, verschlissener und
+ein schmaler, niederer, eleganter.
+
+Und dem Geräusch des Wagens folgte Werner. Es ging mitten durch den
+Festplatz hindurch, wo von vorgestern noch fast der ganze Aufbau
+vorhanden war. Die Arbeiter, welche die Aufräumungsarbeiten zu
+besorgen hatten, waren gestern offenbar nicht sehr eifrig beim Werke
+gewesen. Zerfetzt, zerschlissen schillerte das lustige Prunkgewand
+des Festtages. Und spukhaft huschten durch das Hirn des Jünglings die
+Bilder jener wirren Nacht.
+
+Und plötzlich verstummte das Knirschen der Wagenräder. Werner bog ins
+Gebüsch ab, schlich näher und sah, wie der Wagen auf dem Platze hielt,
+den vorgestern der akademische Senat mit seinen Familien innegehabt
+hatte. Herr Paschke, der Westfalensenior, war ausgestiegen und half
+mit dem Kutscher zusammen den größeren der beiden Koffer aus dem
+Wagen zu heben. Dann lud der Kutscher den Koffer auf seine Schultern,
+und die Herren stiegen zwischen Büschen einen letzten Treppenpfad zu
+dem obersten und größten der Festplätze hinauf, der vorgestern die
+Marburger Bürgerschaft beherbergt hatte ...
+
+Werner suchte sich durch das Gestrüpp einen Weg zu irgendeinem Punkte
+zu bahnen, der ihm eine Übersicht über den Kampfplatz gewähren könne.
+Eine fieberhafte Neugier war in ihm erwacht, die das Grauen seines
+Herzens besiegte. Er wollte, er mußte nun alles sehen.
+
+Aber der Festplatz war ringsum dicht mit einer Kette niederer, kaum
+mannshoher Fichtenbäume umpflanzt. Unmöglich, da hindurchzudringen.
+-- Werner mußte versuchen, auf einem Umwege einen höheren
+Beobachtungspunkt zu erreichen.
+
+Eine geraume Zeit verging, bis er sich orientiert hatte. Und plötzlich
+fiel ihm ein, daß sein Tun nicht gefahrlos sei ... denn da oben würden
+gleich Kugeln fliegen ... und daß jemand im Gebüsch herumkriechen
+könnte, darauf war man da oben nicht gefaßt ...
+
+Über diesem Sorgen, Erwägen, dem planlosen Hin- und Herklettern war
+einige Zeit vergangen ... doch Werner gab seine Absicht nicht auf ...
+das Abenteuerliche des eigenen Beginnens ließ ihn vergessen, daß
+droben schon die Todeslose geschüttelt wurden:
+
+Und plötzlich klang's vernehmlich durch die Stille:
+
+»Eins ... zwei ... drei ...«
+
+Und paff ... paff ... knallten zwei Schüsse, und dicht über Werners
+Kopfe pfiff's hin, riß Blätter und dünne Äste von den Bäumen ...
+
+Da packte ihn eine Angst ... und er stand ab und kroch durchs Gebüsch
+zurück, dem Platze zu, wo das Wiehern und Scharren der Pferde den
+Standpunkt des Wagens verriet ...
+
+Wie still auf einmal alles ... Gott ... vielleicht war alles schon
+vorbei ...
+
+Da war der Weg; der Kutscher stand bei den Pferden, hielt die unruhigen
+am Gebiß, sprach ihnen zu und lauschte dabei gespannt nach oben ...
+
+Und plötzlich kamen rasche Schritte von droben. Und tief gesenkt den
+Kopf, den Hut in der Stirn, daß fast nur die wüste Nase hervorschaute,
+kam der Student Markus die Treppe herunter, schritt, ohne den Kopf zu
+heben, an dem Kutscher vorüber ... und ... auf einmal wurde sein Gang
+zum Lauf ... er raste zu Tal ...
+
+Also ... Scholz ...
+
+Und dann, nach einer Weile dumpfen, gedankenlosen, blöden Wartens,
+klang der Ruf:
+
+»Michel! Michel! Komme Se mal da nauf!«
+
+Da ließ der zitternde Kutscher die Pferde und stürmte mit drei Sätzen
+die Treppe hinan ...
+
+Und bald hörte Werner die keuchenden Atemzüge, die
+schwerfällig-unsicheren Tritte schwer tragender Männer. Nun kam der
+Sanitätsrat die Treppe herunter. Er trug seinen Strohhut in der Hand,
+wischte mit dem Taschentuch die kahle, schweißbedeckte Stirn, besah
+mit blöden Blicken seine Rechte -- sie war dunkelgefärbt. Er machte
+eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sie an seinem hellen
+Flanellanzuge abwischen, ließ es aber, rieb sie mit dem Taschentuch,
+riß dann den Wagenschlag auf, strich sich immer wieder krampfhaft über
+das gelichtete Haar und durch den langsträhnigen grauen Bart. Dann
+erschien der Kutscher zwischen den Büschen. Er tappte mühsam Stufe für
+Stufe herunter; die Ellenbogen trug er angewinkelt; ein Paar lange
+Unterschenkel in hellen Beinkleidern und gelben Schuhen baumelten
+darunter hervor. Und da wußte Werner, was geschehen war. So trug man
+keinen Verwundeten.
+
+Papendieck und Krusius hielten den Oberkörper, hinter ihnen kamen die
+beiden Hessen-Nassauer und der Westfale. So schob sich die Gruppe
+langsam die Stiege herunter. Die Arme des Toten hingen lang herab,
+tief auf der Brust das Haupt mit dem wirren Haar. Unter dem Korpsband
+waren Weste und Hemd aufgerissen; die weiße, behaarte Brust zeigte
+Blutflecke.
+
+Und keuchend, die Stirnadern zum Platzen aufgeschwellt, machten die
+Träger inmitten der Stiege einen Augenblick halt und senkten die Leiche
+auf die Bohlen. Da hielt sich Werner nicht länger: aufschluchzend
+sprang er aus dem Gebüsch und fiel neben dem Toten in die Knie.
+
+Es war, als seien die Jünglinge durch den Anblick des Todes abgestumpft
+gegen irdisches Staunen.
+
+»Ja, kleiner Achenbach,« sagte Papendieck, »deinen Leibburschen haben
+sie totgeschossen.« --
+
+Als man die Leiche im Wagen untergebracht hatte, fragte der Kutscher,
+der das Verdeck geschlossen hatte:
+
+»Wo soll ich die Herre hinfahre?«
+
+Die drei Cimbern sahen sich an.
+
+»Ins Hotel dürfen wir ihn nicht bringen,« sagte Papendieck. »Das dürfen
+wir dem Wirt nicht antun.«
+
+»Der würde uns auch wohl schwerlich aufnehmen,« meinte Krusius. »Und
+in seine neue Wohnung bei der alten Markus ... ist ja selbstredend
+ausgeschlossen.«
+
+»Könnte man ihn nicht ... auf die Kneipe --?« meinte Werner schüchtern.
+
+Die Chargierten überlegten. Es schien so naheliegend. Es war doch das
+Heim des Korps, nicht ein gewöhnlicher Ausschank.
+
+Doch schließlich meinte Krusius: »Ich weiß nicht ... das wird man dann
+nie wieder los. Keiner von uns. Gibt's denn nicht eine Leichenhalle
+oder so was?«
+
+»Dazu müßte man erst die Genehmigung der Gemeinde haben,« erklärte der
+Sanitätsrat. »Und der Kirchhof liegt ja dann wieder so weit draußen.
+Wird er denn hier beerdigt werden? Vermutlich werden doch ... Sie
+sagten ja, er hat noch Eltern ... die werden die Leiche doch wohl
+heimholen?«
+
+»Zweifellos,« sagte Krusius.
+
+»Dann schlage ich Ihnen vor, meine Herren, Sie bringen ihn in die
+Anatomie. Da kann er in der Prosektorstube untergebracht werden, bis
+der Vater ihn holen kommt.«
+
+Und in diesem Augenblicke war's Werner, als ob eine Stimme aus ewigen
+Fernen erklungen wäre. Eine ruhige, doch übergewaltige Stimme.
+
+»Die Rache ist mein,« sprach diese Stimme. »Ich will vergelten.«
+
+Also die gab's doch -- diese Stimme? Oder klang sie nur aus dem eigenen
+Herzen herauf?
+
+Und er sah Papendieck an. Und wie in des Seniors Augen plötzlich die
+Erinnerung an jene Erzählung Achenbachs aufflackerte, da ruhten die
+Blicke der Jünglinge eine Weile lang ineinander. Und jeder fühlte
+Anbetung, Ergebung, Sühne.
+
+»Gut,« sagte Papendieck. »Also in die Anatomie.«
+
+Er stieg in den Wagen und setzte sich neben den toten Korpsbruder.
+Krusius und Werner gegenüber. Ein stummes Lüften der Hüte zu dem
+Sanitätsrat, dem Unparteiischen, den Hessen-Nassauern, und der Wagen
+zog an.
+
+
+
+
+ X.
+
+
+Munter trällerte Rosalie Markus durch das Haus. Daß ihr Bruder nicht
+zum Mittagessen gekommen war, kümmerte sie nicht sonderlich. Er
+war schon früh am Morgen aufgebrochen -- er mochte einen Ausflug
+unternommen haben.
+
+Und daß der Doktor Scholz gleich am Morgen nach jener Nacht seinen
+Koffer vom Korpsdiener hatte verpacken lassen und ins Pfeiffer schaffen
+... das grämte sie auch nicht sonderlich. Ach ja ... es war schon ein
+ganzer Kerl, der Scholz ... aber wenn er nach einem Male genug hatte
+von ihr ... na, sie würde sich zu trösten wissen. Mama Markus sollte
+ihm einen Brief schreiben und ihn um Einhaltung des Mietvertrages
+ersuchen. So einfach ausrücken ... das gab's denn doch nicht.
+
+Jedenfalls war es hübsch, daß sie ihn nun auch kannte ... den
+berühmtesten Studenten der letzten Semester ... den gefürchteten,
+gefährlichen Scholz ... Haha! Er war schließlich auch nicht viel anders
+als die andern ...
+
+Um die Mittagsstunde fiel es ihr auf, daß die Cimbern sich alle nach
+und nach in dem schräg gegenüberliegenden Mützenladen einfanden. Sie
+sah näher zu und entdeckte, daß einer nach dem andern herauskam, einen
+Flor um den untern Rand der Mütze und um das Band. Ach, die Cimbern
+hatten tiefe Korpstrauer? Wer mochte denn gestorben sein? Sie hatte
+doch gar nichts gehört!
+
+Da kam die Babett durch die Hintertür in den Laden:
+
+»Freile Rosalie! Freile Rosalie!«
+
+»Was is?«
+
+»Habbe Se's denn noch nit geheert? Der Doktor Scholz von dene Cimbern,
+wo vorgestern nacht hier geschlafen hat, den habe se heut morge im Wald
+erschosse!«
+
+»Ach, mach doch kee Geschwätz!« -- --
+
+»Das is kee Geschwätz -- die Lies vom Friseer Boß driebe hat's mer
+erzählt!«
+
+Der Scholz ... erschossen ... im Wald --?!
+
+Es war Rosalie plötzlich, als legten sich zwei kalte Fäuste um ihren
+schönen Hals und drückten ihn langsam, immer mehr, immer mehr zusammen.
+Aber sie mochte das nicht glauben -- es konnte ja nicht wahr sein ...
+
+Aber ... wenn es nun doch ... und -- erschossen?! -- Im Wald
+erschossen?! Das konnte doch nur ein Duell -- Straßenräuber gab's doch
+keine mehr im Hessenland ... ein Duell ... und -- der andere? Wer war
+der andere?!
+
+Herrgott -- und Simon morgens um fünf aus dem Haus -- ohne Frühstück --
+ohne Abschied -- --
+
+»Mama!!«
+
+»Was schreist du?«
+
+»Wo is der Simon?!«
+
+»Is er noch immer nit heemkomme? Ich hab en nit gesehen!«
+
+»Gott sei mer gnädig!«
+
+Sie stürzte zum Friseur Boß hinüber.
+
+»Herr Boß -- is es wahr, daß der Herr Scholz von de Cimbre --«
+
+Herr Boß sah sie von oben herab an mit der Miene eines Richters.
+
+»Na, ich denk, Sie müßte das doch am erschte wisse, Fräulein Markus!«
+
+»Ich?! Warum ich?!«
+
+»Weil's Ihr eigne Herr Bruder is, wo en totgeschosse hat!«
+
+Da schrie die schöne Rosalie auf und fiel gegen einen Barbierstuhl.
+
+Und bald wußte die ganze Wettergasse, daß der Zweikampf, in dem der
+weiland Cimbernsenior gefallen war, um der Rosalie willen ausgefochten
+worden war. -- --
+
+Indessen war bei Cimbria ein Telegramm aus Hannover eingegangen:
+
+»Treffe halb acht dort ein, nehme meinen Sohn Hannover mit.+Dr.+
+Scholz.«
+
+Das hatte die Chargierten der Cimbria sehr erleichtert, denn allerhand
+peinliche Sorgen traten nun an sie heran.
+
+Eine Beerdigung in Marburg hätte zunächst ohne Beteiligung der
+Geistlichkeit stattfinden müssen, denn diese würde schwerlich einem
+Duellanten das letzte Geleit gegeben haben, der noch dazu um eines
+Weibes willen gefallen war. Und das wußte schon am Nachmittag, infolge
+der Szene im Boßschen Friseurladen, ganz Marburg.
+
+Und wie stand es alsdann mit der Beteiligung der Studentenschaft?
+Durfte das Korps überhaupt in der üblichen Weise mit einer Aufforderung
+zur Beteiligung an die übrige Studentenschaft herantreten? Scholz hatte
+zwar zuletzt in Berlin gearbeitet, war aber in Marburg immatrikuliert
+geblieben und gehörte demnach noch der Marburger Studentenschaft
+an. Wie peinlich aber wäre es für das Korps gewesen, wenn es die
+Studentenschaft zur Beerdigung seines Seniors aus drei Semestern
+eingeladen hätte, und einige oder gar viele Korporationen hätten sich
+nicht beteiligt mit der Begründung: es scheine ihnen nicht angezeigt,
+einem Toten die letzte Ehre zu geben, der unter solchen Umständen
+gefallen sei! Und diese Antwort wäre zum Beispiel von den theologischen
+Korporationen unfehlbar gekommen, meinten die Cimbern.
+
+Der Entschluß des Vaters, den Sohn in der Heimat beizusetzen, überhob
+das Korps aller dieser Unannehmlichkeiten. Es handelte sich nun nicht
+um eine Beerdigung, sondern nur um die Überführung der Leiche von der
+Anatomie zum Bahnhof. Und dieses Zeremoniell konnte das Korps füglich
+als interne Angelegenheit behandeln. Nur den beiden andern Korps wurde
+Anzeige gemacht, und beide erklärten sofort, daß sie um die Ehre bäten,
+sich an der Feierlichkeit beteiligen zu dürfen.
+
+Aber die Cimbern sollten die Erfahrung machen, daß der Tod die
+Schranken niederlegte, die im Leben die verschiedenen Gruppen der
+akademischen Jugend trennten. Im Laufe des Nachmittags fanden
+sich von sämtlichen Korporationen, mit Ausnahme der Wingolf, der
+katholischen Verbindung Rhenania und des Evangelisch-theologischen
+Vereins, Vertreter auf der Cimbernkneipe ein, erkundigten sich nach
+den Absichten des Korps betreffend die Beisetzung des Gefallenen und
+erklärten gleichfalls, daß sie es für selbstverständlich erachten, sich
+der letzten Ehrenerweisung für den in ehrlichem Männerkampfe gefallenen
+Kommilitonen anzuschließen. Und dankbar und in beschämter Ergriffenheit
+nahmen die Cimbern das Anerbieten der Kommilitonen an.
+
+Inzwischen hatte die medizinische Fakultät ihre Genehmigung erteilt,
+daß mit Rücksicht darauf, daß Scholz in Marburg noch nicht wieder
+eine Wohnung gemietet habe, das Prosektorzimmer der Anatomie zur
+Aufbewahrung der Leiche benutzt werden dürfe. Man hatte sofort beim
+Gärtner Gewächsschmuck bestellt, und korpsbrüderliche Sorge schmückte
+die kahle Stube, die schmale Holzpritsche feierlich mit akademischem
+Totenprunk.
+
+Als die Aufbewahrung der Leiche und die Ausschmückung des Zimmers
+vollendet war, trat die Totenwache ihren Dienst an. Zunächst standen
+der erste und zweite Chargierte. Von Stunde zu Stunde sollten sie dann
+durch zwei andere Korpsburschen abgelöst werden, und danach sollten die
+Füchse darankommen.
+
+Werner hatte sich an all diesen Vorbereitungen nicht beteiligen können.
+Die Fahrt vom Dammelsberg bis zur Anatomie zu viert mit der Leiche,
+dann ...
+
+Ja dann --!
+
+Dann hatten sie Scholzens Leiche durch den hallenden Flur des
+Anatomiegebäudes hinübergeschleppt in das Prosektorzimmer und hatten
+sie auf den Tisch am Fenster gelegt ... und Wichart hatte sie in
+Empfang genommen, hatte die breite Brust entblößt, die Wunde mit der
+Sonde untersucht und dann still gesagt:
+
+»Das Herz is glatt durchgeschlage --«
+
+Und dann hatte der Anatomiediener Michel die Leiche entkleidet, und
+in ihrer nackten, frischen Schönheit, noch unberührt vom Hauch der
+Auflösung, hatte sie dagelegen im strahlenden Mittagslicht ...
+
+Und wieder war Werner hinausgestürzt und hatte sich in seine Stube
+geflüchtet -- hatte seinen fieberschauergeschüttelten Leib in die
+Decken gewühlt und in dumpfem Grübeln um den Sinn dieses Schicksals
+gerungen ...
+
+War das Sühne?! War das die strafende Gerechtigkeit eines Ewigen?! Oder
+war es nur ein Zufall ... ein Zufall, der nur für ihn, den Wissenden,
+die Grimasse eines gerechten Gerichts, einer Sühne trug?
+
+War es nicht Sentimentalität, war es nicht Romantik, in dieser
+zufälligen Aufeinanderfolge deutungstiefe Symbolik zu suchen ... eine
+Symbolik, eine Predigt, die der doch nicht vernehmen konnte, den sie
+zuvörderst anging? Oder wurde gar die Seele des Entschlafenen in dieser
+Stunde von einem Engel des Gerichts zur Konfrontation in den kahlen
+Raum hineingeschleppt ... zur Konfrontation mit ihrem starren Leibe,
+zur Konfrontation mit ihrer schlotternden Erinnerung an einen andern
+starren Leib, der einmal auf der gleichen Stelle gelegen hatte, gleich
+nackt und bloß? Zur Konfrontation mit der Erinnerung an eine andere
+Stunde, da diese beiden nackten Leiber sich umschlungen gehalten hatten
+in heißem, fieberndem Lebensüberschwang, und ein anderes Leben gezeugt
+... ein Leben, dessen Wachsen und Schwellen die Mutter in Verzweiflung
+und Tod getrieben hatte?!
+
+Ja, ~wer das wüßte~! Wer Zeuge sein dürfte nicht bloß einer
+willkürlichen Aufeinanderfolge von Ereignissen, die heute wirr- und
+sinnlos nacheinander abrollten, morgen einmal für einen Augenblick den
+Schein eines inneren, gesetzmäßigen Zusammenhanges annehmen, einer
+höheren Ordnung, eines waltenden Oberwillens ... um schnell wieder aus
+dem Kosmos in das Chaos zu zerflattern!
+
+Ja, in das Chaos ... denn draußen auf dem Flur hatte in diesem
+Augenblicke das wahnsinnige Verzweiflungsgeschrei eines Weibes
+eingesetzt -- eines Weibes, das sich schuldig zieh am Tode des Mannes,
+der vorgestern nacht in ihren Armen gelegen -- --
+
+Schuldig?! Ach, Himmel ... war sie schuldig?! War sie nicht einfach
+dem Gesetz ihrer Natur gefolgt, ihrer Natur, die sie zur Liebe, zum
+gedankenlosen Genusse des Augenblicks, zum Kusse der Sinnenliebe
+geschaffen hatte?!
+
+Warum war der gestorben an ihrem Kusse und jene andern nicht, seine
+Korpsbrüder, die doch auch in ihren Armen gelegen haben sollten?! Warum
+nicht er, Werner selbst, den doch wahrlich nicht sein Wille gehindert
+hatte, ein Gleiches zu tun?!
+
+Nein, es war vergebens, in der ungeheuren Wirrnis dieses Daseins nach
+einem Sinn zu suchen ...
+
+Und jene Stimme, die er droben vernommen, als es zuerst geheißen hatte:
+in die Prosektorstube mit ihm ... jene Stimme, die gesprochen hatte:
+die Rache ist mein -- war sie etwas anderes, denn ein Reflex aus
+Jugendtagen, der Widerhall eines jahrtausendalten Wahns?
+
+Und vor dem frierenden Knaben, dem am sengenden Augustmittag unter
+warmen Decken die Zähne schlugen und die Glieder schauerten ... vor
+dem reckte sich das starre Riesenantlitz der Sphinx ... die blicklosen
+Augen ins Unendliche gerichtet ... ins Unendliche.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittage ging Werner dann, Band und Mütze frisch umflort, zur
+Anatomie, um einen Strauß weißer Rosen als Scheidegruß auf die Knie
+seines Leibburschen zu legen.
+
+Unterwegs begegnete ihm Klauser ... auch er trug einen weißen
+Rosenstrauß.
+
+Die Freunde hatten sich seit dem Dammelsberg-Abend noch nicht gesehen.
+
+Stumm, ein Würgen in der Kehle, drückten sie sich die Hände.
+
+Und schritten stumm selbander.
+
+Nach einer Weile zog dann Klauser ein Zeitungsblatt hervor. Er gab es
+dem Korpsbruder, wies auf den Rosenstrauß und sprach:
+
+»Den hat mir eben ein Dienstmann gebracht.«
+
+Werner entfaltete das Zeitungsblatt; er wußte, was er dort finden
+würde; und unter der Rubrik der Familienanzeigen begann er zu lesen:
+
+»Die Verlobung ihrer Tochter Marie mit Herrn Professor +Dr. jur.+
+Wilhelm Dornblüth beehren sich ...«
+
+Er konnte nicht weiter lesen. Seine Blicke umschleierten sich. Und er
+schob seinen Arm in den des Korpsbruders und zog ihn an sich.
+
+Und schweigend schritten die Jünglinge dem Hause des Todes zu.
+
+Die Vorhalle der Anatomie war in einen grünen Gang ernsten dunklen
+Laubes verwandelt. In der Prosektorstube stand nun der Tisch, vom
+Fenster ab, mitten in die Stube hinein. Am Fußende Papendieck und
+Krusius, in Wichs, Cerevis und Schärpe, Band und Verschnürungen
+umflort, im Arm den blanken Schläger mit umflorten Farben. So hielten
+sie die Totenwacht.
+
+Über Scholzens Haupt hing das Cimbernbanner. Auf dem bleichen Gesichte,
+das noch im Tode den hochmütig-starren Ausdruck wies, spielten
+die flackernden Kerzen, glühten und mischten sich mit den letzten
+Abendstrahlen, die durchs Fenster fielen.
+
+Und Werner legte zuerst seine Rosen auf den toten Freund. Klauser aber
+zögerte noch. Eine der weißen Blüten brach er ab und steckte sie rasch
+in die linke Brusttasche. Dann senkte auch er seinen Strauß auf die
+Bahre -- den Strauß, den ihm Marie zum Abschied geschickt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Der Frankfurter Schnellzug brauste heran. Der ganze Bahnhofsperron war
+dicht gedrängt von dem Schwall der Studenten besetzt. Die Fremden,
+die den Zug benutzen wollten, konnten sich kaum Bahn schaffen. Vorn,
+wo der Gepäckwagen halten mußte, stand, mit Kränzen übersät, auf zwei
+zusammengeschobenen Gepäckwagen, der Sarg. Obenauf der Kranz der
+Cimbria mit riesiger, umflorter blau-rot-weißer Schleife. Und neben dem
+Sarge, im Zylinder, eine totenblasse, hochaufgerichtete Männergestalt;
+die hochmütigen, unnahbaren, herbgeschlossenen Züge waren den Cimbern
+seltsam bekannt und vertraut: nur daß diese Augen, dieser schmale Mund
+von buschigem Grau überschattet waren ...
+
+Und rings umdrängten die Chargierten der Marburger Korporationen den
+Sarg. Keine fehlte: auch die theologischen Verbindungen hatten sich,
+unangemeldet, zu allgemeinem Staunen noch eingefunden. Voran das
+leidtragende Korps, dahinter der übrige S. C. Und dann in bunter Reihe
+Burschenschaften, Wingolf, freie Verbindungen und alle die andern. Alle
+in Wichs, alle Farben umflort, heut einmal alle geeinigt unterm Banner
+des Todes. Und hinter den Chargierten die ganze Studentenschaft, Kopf
+an Kopf, alle die Tausend ... auch der Russe vom Dammelsberg fehlte
+nicht.
+
+Nun hielt der Zug. Neugierig staunend fuhren die Gesichter der
+eleganten Reisenden ans Fenster, erst belustigt, dann mitergriffen von
+dem feierlichen Schauspiel jugendlicher Totenklage.
+
+Und wie man den Sarg in den Waggon hob, da senkten sich auf einmal alle
+Fahnen der Verbindungen, die Mützen und Hüte der Tausend flogen von den
+Köpfen, und Musik hob erschütternd an:
+
+ »Jesus, meine Zuversicht,
+ Und mein Heiland ist im Leben ...
+ Dieses weiß ich: soll ich nicht
+ Darum mich zufrieden geben?
+ Was die langemTodesnacht
+ Mir doch für Gedanken macht!«
+
+Dann begleiteten die Cimbern den Vater zum Coupé, das graue Haupt
+entblößte sich, dankend schüttelte er die Hände der Jünglinge, dankend,
+doch starr, gemessen, tränenlos ...
+
+»Fertig!« -- »Fertig!« -- »Fertig!«
+
+»Abfahren!«
+
+Schrille Pfiffe ... Pfauchen der Lokomotive.
+
+Und die Schläger der Chargierten flogen blitzend in die Luft.
+
+Aus tausend Kehlen schwoll zum feierlichen Klang der Hörner das
+Burschenabschiedslied:
+
+ »Ist einer unser Brüder dann geschieden,
+ Vom blassen Tod gerufen ab,
+ Dann weinen wir und wünschen tiefen Frieden
+ In unsres Bruders stilles Grab.
+ Wir weinen und wünschen den Frieden hinab
+ In unsres Bruders stilles Grab.«
+
+Und taktmäßig schlugen die Klingen zusammen ... in stillem Gruß wehten
+tausend Mützen und Hüte dem Zuge nach ...
+
+Ade -- ade -- ade -- --
+
+Draußen sammelte sich dann der Zug.
+
+Das leidtragende Korps Cimbria zog zuerst von dannen, stumm, zur Kneipe
+hinauf, zum feierlichen Trauersalamander.
+
+Die andern Korporationen aber nahmen die Flöre von Fahnen und
+Cerevisen und Schlägern. Und bald klang ein flotter Marsch, und zu
+schmetternden Lebensfanfaren ging's in endlosem Zuge, wie neulich zum
+Dammelsbergfeste, dem Marktplatze zu.
+
+Da traten die Chargierten inmitten des Platzes abermals zusammen, aber
+diesmal senkten die Fahnen sich nicht, sie flatterten lustig in Wind
+und Sonne.
+
+Und abermals klangen die Schläger, hob sich Burschengesang:
+
+ +Gaudeamus igitur,
+ juvenes dum sumus;
+ post jucundam juventutem
+ post molestam senectutem
+ nos habebit humus+ ...,
+
+ +Vita nostra
+ brevis est,
+ brevi finietur --
+ venit mors velociter, rapit nos
+ atrociter, nemini parcetur -- -- --+
+
+ +Vivat academia,
+ vivant professores,
+ vivat membrum quodlibet,
+ vivant membra quaelibet,
+ semper sint in flore+ ...
+
+Ja, und als sei schon vergessen, um wessen willen das jüngst
+verloschene Jugendleben sich verblutet habe, klang's huldigend und
+heiter auch also:
+
+ +Vivant omnes virgines
+ faciles, formosae,
+ vivant et mulieres
+ tenerae, amabiles,
+ bonae, laboriosae!+
+
+Und:
+
+ +Pereat tristitia!+
+
+klang's zum Schluß ...
+
+Da schwollen, tief aufatmend, die Busen der jungen Studenten dem
+Sonnenlicht, dem jungen Tage, der ersehnten Weibeshuld, dem Leben, ach
+ja, dem lachenden, blühenden, hochaufschäumenden Leben entgegen --
+
+Nieder die Traurigkeit ...
+
+ +Pereat tristitia!+
+
+so klang's über Marburgs altehrwürdigen Marktplatz ...
+
+ -- -- -- --
+ +Pereat tristitia!+
+ -- -- -- --
+
+Eine Straße weiter aber schrie ein junges Weib wild auf, als die
+lebenlockenden Klänge herüberrauschten, daß die ganze alte Stadt zu
+klingen und zu schwingen schien ... sie schrie auf in ihrer Kammer, in
+ihrem Bett, unter den Händen des Arztes und der Mutter ...
+
+Und stumm und verbissen schluchzte nebenan ein Jüngling in das
+Taschentuch ... der einzige Student in Marburg, der ausgeschlossen
+gewesen war an diesem Tage von der Scheideklage, wie vom Hymnus des
+Lebens.
+
+
+
+
+ XI.
+
+
+Der letzte Bestimmtag des Sommersemesters!
+
+Die tiefe Korpstrauer hätte den Cimbern eigentlich die Verpflichtung
+auferlegt, sich an den Mensuren nicht zu beteiligen. Aber das ging
+einfach nicht, das ließ sich nicht durchführen. Und da ohnehin am
+Abend der S. C. Abschiedskommers sein sollte und Cimbria hier aus
+Rücksicht auf den S. C. nicht fehlen durfte, so wurde die Korpstrauer
+für diesen Tag, es war der siebente August, ganz aufgehoben. Und
+ohne die Abzeichen der Trauer erschien das Korps zu gewohnter früher
+Morgenstunde auf der Wahlstatt in Ockershausen.
+
+Vor allem hatten jene Korpsburschen noch einmal zu fechten, die Marburg
+verlassen wollten, sei es, um mit Semesterschluß inaktiviert zu werden,
+sei es, um im nächsten Semester als Vertreter des Korps bei einem
+befreundeten Kartell oder befreundeten Korps aktiv zu werden.
+
+Von den Chargierten wünschten Papendieck und Dettmer, welche beide
+schon vier Semester aktiv gewesen waren, inaktiviert zu werden; der
+Erste hatte die Inaktivierung auch ohne Mensur sicher, Dettmer, der
+die dritte Charge tadellos geführt hatte, sollte doch noch eine letzte
+Probe seiner Fechtsicherheit ablegen. Noch drei weitere Korpsburschen
+baten um ihre Inaktivierung; von ihnen mußte Klauser nach seiner
+Reinigungspartie noch eine tadellose Mensur schlagen, um Anspruch
+auf sofortige Inaktivität zu haben. Böhnke wollte nach Leipzig zu
+den Lausitzern, der Zweite, Krusius, nach Heidelberg zu den Schwaben
+gehen. Das gab vier Partien, die unter allen Umständen gefochten
+werden mußten. Aber der Zweite, Krusius, hatte den Ehrgeiz, am letzten
+Tage seiner Führung der zweiten Charge noch mit einem möglichst
+langen Bestimmzettel aufzuwarten, und hatte noch für drei weitere
+Korpsburschen Partien verlangt und bekommen. Wenn man eine Stunde auf
+die Partie rechnete, so konnte es, da der erste Hieb um sieben Uhr
+morgens fiel, immerhin bis zwei Uhr nachmittags dauern, dann blieb
+gerade noch Zeit zum Essen, Schlafen und Mensuren-C. -C., und dann
+mußte man zum Abschiedskommers. Also ein gut besetzter Tag.
+
+Und programmäßig wickelte sich das »Schlachtfest« ab. Jeder setzte
+sein Bestes ein, das Blut floß in Strömen, und Wichart sowohl wie
+seine Kollegen bei Hasso-Nassovia und Guestphalia hatten viele
+Dutzende Nadeln einzufädeln, auch die Lieferanten von Sublimat und
+Verbandstoffen kamen auf ihre Rechnung.
+
+Klauser hatte das Unglück, seinen ihm eigentlich überlegenen Gegner im
+dritten Gang auf eine mächtige Quart abzuführen. Da es sich um seine
+Inaktivierung handelte, so mußte er noch einmal ordentliche Hiebe
+bekommen, um dem Korps den Beweis zu liefern, daß er die gute Haltung
+seiner Reinigungsmensur dauernd bewähre.
+
+Krusius fragte sofort bei den Westfalen an, ob sie eine zweite Partie
+für Klauser stellen könnten, und Paschke, der Senior, erklärte sich
+bereit. Klauser blieb gleich anbandagiert in der Flickstube sitzen
+und wartete geduldig auf seinen zweiten Gegner. Nach wenig Gängen
+hatte Paschke ihn so zugedeckt, daß den kühnsten Anforderungen an eine
+Inaktivierungsmensur +in puncto+ der Quantität der empfangenen
+Prügel Genüge geleistet war, und ein Durchzieher, der die Unterlippe
+bis auf die Zähne spaltete, gab den Rest.
+
+Im Korps herrschte nur eine Stimme staunender Bewunderung über Klauser.
+Der war mit seinem nervösen Temperament, seinem ausgesprochenen
+Fechtehrgeiz -- immer ein nicht so ganz sicherer Mann gewesen, trotz
+seines unverkennbaren Elans. Heute hatte er die beiden Mensuren mit
+einer so vollkommen unerschütterlichen Gleichmütigkeit hingenommen,
+als sei das einzig Lebendige an ihm der Mechanismus der bei der Mensur
+beteiligten Muskeln. Und daß er inaktiviert werden könne, darüber war
+kein Zweifel mehr im C. C.
+
+Die nächste Partie hatte der Jungbursch Ehlert gegen Bandler, den
+Dritten der Hessen-Nassauer, ein elegantes, fixes kleines Männchen, das
+leicht, doch mit großer Gewandtheit focht.
+
+»Sag mal, Krusius -- meinst du eigentlich, daß ich mit ~dem~
+Handgelenk fechten kann?« meinte Ehlert im Augenblick, als der
+Korpsdiener ihm das Paukhemde überstreifen wollte, zum Zweiten, der
+selbst seine Abschiedspartie schon hinter sich und mit einem Dutzend
+Nadeln hüben und drüben ausgepaukt hatte und nun schon wieder im
+Sekundierwichs stand, um eine Partie nach der andern zu sekundieren.
+
+»Donnerwetter! Das ist ja die reinste Knolle! Hast du das schon länger?«
+
+»Ja, ich schlag mich schon vierzehn Tage damit herum!«
+
+»Ja, Menschenskind -- das ist ja ... eh, lieber Wichart, willst
+du dich mal einen Augenblick herbemühen? Der Ehlert scheint eine
+Sehnenscheidenentzündung zu haben.«
+
+Wichart tupfte Klausers zerfetzte Visage mit einem mächtigen
+Wattebausch und befahl Werner, der auch dieses Mal beim Flicken des
+Freundes Hilfsdienste leistete, zu halten. Dann trat er zu Ehlert.
+
+»Nanu?! Mit dem Ärmche willst du fechte, Menschenskind? Du bist ja
+e chloroformierte Kindsleich! Gleich machst du, daß du die Kleider
+widder an den Leib bekommst, und dann Prießnitz, bis die Lappe nur so
+runnerfalle!«
+
+»Verdammt! Wen stell ich nun gegen den Bandler? Das hättest du mir auch
+eher sagen können, Ehlert!« schalt Krusius.
+
+Da fiel sein Auge auf Werner.
+
+»Na, Leibfuchs Achenbach, wie wär's? Hättest du Lust, noch vor
+Toresschluß vors lange Messer zu kommen?«
+
+Ein siedender Schreck und zugleich ein jäher Stolz durchfuhr Werner.
+
+»Selbstverständlich, Leibbursch.«
+
+»Bist auch aufgelegt? Hast heut morgen nicht zu viel getrunken? Bist
+gestern und vorgestern nicht beim Mädchen gewesen?«
+
+»Alles in Ordnung, Leibbursch.«
+
+»Na, dann runter mit der Weste und rin in die Lappen.«
+
+Werner bebte denn doch am ganzen Leibe vor Aufregung, als er nun an
+Ehlerts Stelle trat, Rock, Weste, Hemd ablegte und sich das Paukhemd
+überstreifen ließ.
+
+Und dann wurde das Herz durch ein kreisrundes Blech in Lederfassung,
+die Achselhöhle durch einen seidenen gesteppten Latz geschützt, die
+Hand schlüpfte in den wildledernen, ungefügen Kettenhandschuh, der
+rechte Arm wurde vom Korpsdiener langsam und sorgfältig durch eine
+endlose Umwicklung mit seidenen, zerfetzten und blutgetränkten Binden,
+schließlich durch einen langen Zopf aus Seidengeflecht der Länge nach
+verwahrt. Ekelhaft war das Gefühl, als nun die Halsbinde umgelegt
+wurde, an der noch Klausers, Dettmers, Krusius' erkaltetes, klebriges
+Blut starrte. Dann kam der Schurz, schwerfällig, steif von Strömen
+angetrockneten Bluts. Inzwischen hatte schon ein anderer krasser
+Fuchs, nicht ohne Neid auf das Glück seines Konsemesters, das Amt des
+Schleppfuchses übernommen und stützte Werners schwer verpackten rechten
+Arm.
+
+Und über all den Vorbereitungen fühlte Werner dennoch nichts anderes
+als das stürmische Klopfen seines Herzens, das immer munter trommelte:
+»Du, jetzt geht's los! Du, jetzt geht's los!«
+
+»So, nu stehe Se mal auf, Herr Achebach!«
+
+Und Werner stand auf. Es war inzwischen im Saale laut geworden, daß der
+krasse Fuchs Achenbach an Ehlerts Stelle einspringen solle, und fast
+alle Korpsburschen kamen neugierig in die Flickstube, um zu sehen, wie
+er sich halte. Es regnete Witze:
+
+»Du, kleiner Achenbach, der Mann, der gleich auf dich zukommt, der will
+dir was tun, den mußt du feste hauen, sonst haut er dich!«
+
+»Du, Füchschen, stich den Gegner ab und nicht deinen Sekundanten, das
+kostet fünfundzwanzig Em Korpsstrafe!«
+
+»Macht mir meinen Leibfuchs nicht dammelig!« rief Krusius dazwischen.
+
+»Aha! Wenn man den Herrn Zweiten zum Leibburschen hat, dann kommt man
+als Krasser schon auf Mensur!«
+
+Und Papendieck kam auch heran, sah Werner stumm und herablassend an und
+zitierte schließlich wieder einmal seinen Landsmann Bräsig:
+
+»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!«
+
+Dammer kam mit einem Spiegel, hielt ihn Werner vor und griente:
+
+»Nu darfste Abschied nähm von dei'm glatten Gesichte -- so kriegst es
+nich wieder zu sähn!«
+
+Und mit einem seltsamen Gemisch aus Grauen und Stolz erkannte Werner
+sein jugendrosiges Gesicht in der abschreckenden Vermummung von
+Halsbinde und Paukbrille, die Peter ihm eben anlegte und von hinten mit
+so kräftigem Ruck zusammenschnallte, daß Werner rief:
+
+»Donnerwetter, Peter, Sie sprengen mir ja den Schädel!«
+
+»Schad't nix, muß so sinn,« sagte Peter gleichmütig.
+
+»Bandler schon drinnen?« fragte Krusius.
+
+»Ja!«
+
+»Also los -- raus! Nein, warte -- liegt dir der Speer gut in der Hand?«
+
+Und Werner trat einen Schritt vor, führte mit dem Schläger, den der
+Testant ihm in die Hand gedrückt, einen kräftigen Lufthieb ... es
+pfiff, die Bandage saß, eng, doch elastisch.
+
+»Vergiß nicht, daß der erste Gang nur Scheingang ist! Na, und immer
+feste draufschlagen, alles andre kommt von selbst!«
+
+Wie im Traum schritt Werner hinaus. Es rauschte und flimmerte vor
+seinen Augen und Ohren -- durch die ungewohnte Paukbrille erkannte
+er kaum den bekannten Saal -- sah, wie alles sich im Kreise drängte,
+wie zweihundert Augen auf ihn starrten, fühlte den Stuhl an seinen
+Hinterbacken, packte mit der Linken fest den Riemen seiner Hose,
+umspannte noch einmal mit klammernden Fingern den Griff des Rappiers,
+und --
+
+»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für einen Gang Schläger
+mit Mützen und Sekundanten auf zehn Minuten bis zur Abfuhr!«
+
+»Silentium für einen Gang Schläger mit Mützen und Sekundanten auf zehn
+Minuten bis zur Abfuhr!«
+
+»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für die Mensur!«
+
+»Silentium für die Mensur!«
+
+Wie aus weiter Ferne klangen diese Worte in Werners Ohr. Durch die
+engen Öffnungen der Paukbrille starrte er geradeaus ... da stand der
+andere, der Gegner, mit dem er sich nun messen sollte im blutigen
+Turnier ...
+
+Und plötzlich summte ihm eine bekannte Weise, altgeliebte Dichterworte,
+durch den Sinn:
+
+»Da tritt kein andrer für ihn ein, Auf sich selber steht er da ganz
+allein ...«
+
+Er reckte sich.
+
+»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für den Scheingang!«
+
+»Silentium für den Scheingang!«
+
+»Fertig!« rief der Gegensekundant.
+
+Und mechanisch, wie er es oftmals in den letzten Wochen auf dem
+Fechtboden geübt, trat Werner zwei Schritte vor, den Arm hoch
+aufgereckt, den Schläger in fest umklammernder Faust emporgestreckt.
+
+Und er fühlte, wie der rechte Fuß seines Leibburschen sich fest neben
+seinen linken stellte. Das machte ihn ruhig und sicher.
+
+Zugleich fühlte er, wie der Sekundant ihm von hinten die riesige Mütze
+zum Scheingang aufstülpte.
+
+Ruhig klang das Kommando aus Krusius' Munde:
+
+»Los -- halt!«
+
+Nun verschwand die Mütze von seinen Haaren. Wie eine Katze,
+sprungbereit, kauerte sich Krusius an seine Seite, und scharf und grell
+scholl des Gegensekundanten Kommando:
+
+»Fertig!!«
+
+»Los!!«
+
+Krach -- krach -- krach!
+
+»Halt!«
+
+»Halt!«
+
+Das hatte gesessen ... ein scharfer und ein dumpfer Schmerz
+nacheinander ...
+
+Und über die linke Röhre der Paukbrille rann's hernieder ... sein Blut
+... sein warmes, junges Herzblut ...
+
+Und wie die ersten heißen Tropfen über sein Gesicht rannen, war alle
+Aufregung, alle Befangenheit dahin ...
+
+»Silentium -- ein Blutiger auf seiten von Cimbria!«
+
+»Fertig!«
+
+»Los!«
+
+Krach, krach, rack-tack-bumm-tack-rack-tack-bumm-tack, bumm, bumm --
+
+»Halt!«
+
+Nichts ...
+
+»Fertig!«
+
+»Los!«
+
+Und wieder ein Gang, und wieder nichts ... nur flache Hiebe waren wie
+Knüppelschläge über die Auslage hinweg auf Werners Schädel und Nase
+niedergesaust ...
+
+Er hörte die Stimme seines Leibburschen an seinem Ohr:
+
+»Ein wenig ruhiger den Oberkörper, sonst -- ganz famos!«
+
+Ah!! Wie das spornte!
+
+O wilde Schwerterlust! -- O jungjunges, pochendes Herz!
+
+Und Gang auf Gang ... und da ... da färbte sich ja auch das weiße
+Paukhemde drüben!
+
+»Silentium -- ein Blutiger auf seiten von Hasso-Nassovia!«
+
+»Bravo, Leibfuchs!«
+
+Der Paukarzt drüben machte ein ganz merkwürdiges Gesicht ...
+
+Kurze Beratung mit dem Gegensekundanten --
+
+»Herr Unparteiischer, wir bitten um Pause!«
+
+»Silentium -- Pause für Hasso-Nassovia!«
+
+Der Paukarzt ließ den Gegner seinen Kopf beugen, fühlte mit dem Finger
+in den Schlitz der Kopfhaut ...
+
+Abermals ein bedenkliches Gesicht -- kurze Beratung ...
+
+»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehn!«
+
+»Silentium -- Pause ex!«
+
+»Fertig!«
+
+»Los!«
+
+Krach, krach, rack-tack-bumm, tack --
+
+»Halt!«
+
+»Halt!«
+
+Über Werners linke Backe war's wie ein leises Wehen hinweggegangen ...
+
+Wichart schmunzelte:
+
+»Rest, Füchschen! Da bringst deiner Frau Mutter aber gleich e scheene
+Bescheerung mit!«
+
+Und: »Herr Unparteiischer, wir erklären Abfuhr!«
+
+»Silentium -- Cimbria erklärt Abfuhr nach viereinhalb Minuten.«
+
+Was? War er denn getroffen?
+
+O ja, er war getroffen. Seine linke Wange klaffte vom Ohrläppchen bis
+unter die Nasenwurzel.
+
+Werner Achenbach hatte die Bluttaufe bekommen.
+
+
+
+
+ XII.
+
+
+Und Willy Klauser und Werner Achenbach standen am Bahnhof. Sie hatten
+sich aus der Schar der Korpsbrüder abgesondert, um die letzten Minuten
+allein zu verplaudern. Bald würden von Süden und Norden die Züge
+kommen, um Klauser ins heimische Magdeburg, Achenbach über Gießen
+ins Wuppertal zu entführen. Das nächste Semester würde sie nicht
+wieder zusammenbringen. Klauser würde in Berlin das vernachlässigte
+Physikum bauen, Werner in Marburg weiter mit Blut und Eisen Cimbrias
+Band umwerben ... und bei Professor Dornblüth eifrig Pandekten hören.
+Denn der Alte Herr hatte schon in den letzten drei Wochen Zug in das
+Rechtsstudium seiner jungen Korpsbrüder gebracht ... das war hochnötig
+gewesen.
+
+Die Erinnerung an den Abschiedskommers, an die letzte Wanderung des
+Korps nach Wehrda, den Beschluß eines wohllöblichen C. C. der Cimbria,
+seinen C. B. Klauser mit Farben zu inaktivieren, stimmte die Herzen der
+Freunde heiterer, als sie selbst erwartet hätten.
+
+»Und weißt du, Willy, das andere ... da wirst du auch noch mal drüber
+kommen,« wagte Werner endlich zu sagen. Es mußte auch dies letzte Wort
+noch gesprochen werden.
+
+Eben noch hatte Klauser unter seinen Kompressen, seinen Wattebäuschen
+heiter gelächelt. Jetzt verlor sein Auge den Glanz, nervös bebten seine
+Lippen.
+
+»Dafür werden hoffentlich die kleinen Mädchen in Berlin sorgen.«
+
+»Ach nee, Willy, nicht so, nicht so! Laß dich doch nicht so
+unterkriegen! Du wirst schon noch was Besseres finden, um ... das
+andere zu vergessen.«
+
+»Was Besseres? Hahaha! Es gibt nichts Besseres für dumme, grüne Jungen,
+wie wir zwei. Das geht nicht ans Herz und nicht ans Blut, das geht nur
+... ans Portemonnaie.«
+
+»Willy -- bist du noch mal ... da oben gewesen?!«
+
+»Da oben?! Bei dem Vieh?!« Voll Ekel und Abscheu wandte sich Klauser ab.
+
+»Glaubst du, daß sie in Berlin anders sind?!«
+
+»Nee -- das glaub ich freilich nicht -- --«
+
+»Also ... du ... für das Pack ... sind wir doch wohl zu schade ... äh
+komm ... laß uns jetzt von was anderem sprechen ... du -- schön war's
+doch ... dieser Sommer ... und ... du und ich ... nicht wahr?!«
+
+»Ja, ~das~ war schön, Werner ... und soll auch schön bleiben.«
+
+Die Freunde sahen sich in die Augen.
+
+»Ich wünsch dir alles Schönste,« sagte Klauser. »Und -- nimm dir ein
+Beispiel an mir. Du hast mir mal was von einer -- Elfriede erzählt ...
+laß sie laufen ... vergiß sie ... sonst geht's dir noch mal wie mir.«
+
+Elfriede! -- War's nicht Werners seligster Gedanke gewesen in diesen
+letzten Tagen, daß er sie nun wiedersehen würde --?! Trotz allem --
+trotz allem?!
+
+»An was soll man sich denn schließlich halten in der Welt?«
+
+»Halt dich an das da,« sagte Klauser und zeigte auf Werners Band.
+»Vorläufig gibt's keinen besseren Halt für unsereinen. Wenn das nicht
+gewesen wäre ... dann wär' ich verkommen in diesen Tagen. Später
+einmal, wenn die Universitätsjahre hinter uns liegen ... dann gibt's
+andere Ideale, hoff ich ... Beruf ... und Vaterland ... und so was
+... vielleicht auch ... Weib und Kind -- für mich wohl kaum -- aber
+hoffentlich für dich, wenn du klug bist -- und dich vor Enttäuschungen
+hütest, über die man nicht hinwegkommt --«
+
+»Aber Willy!«
+
+»Wir ... wir sind dumme Jungen ... Schüler ... Lehrlinge ... wir müssen
+uns vorläufig mit einem Symbol der großen Lebensideale begnügen ...
+und dies Symbol heißt uns ... Cimbria ... das blau-rot-weiße Band
+... das ist, scheint's mir, der tiefere Sinn von dem allen, was ich
+hier zwei Jahre lang getrieben habe ... zwei Jahre lang, die ich nicht
+missen möchte ... wenn auch vielleicht mancher denken mag, sie seien
+verplempert und vergeudet ... aber, was soll das Klugreden ... da
+hinten kommt mein Zug ... leb wohl, Werner ... bleib mir gut ...«
+
+Und die Freunde küßten sich ... ein einziges Mal in ihrem Leben. Sie
+waren deutsche Jünglinge der neuen Zeit ... der Zeit von Blut und Eisen
+... die Dichter der Empfindsamkeit hatten ihre Kindheit begleitet ...
+die Lehrer ihrer Jünglingsjahre hießen Korpsband und Rappier.
+
+Und nun gesellten sie sich wieder zu den Korpsbrüdern. Alle
+Norddeutschen führte der Zug hinweg. Papendieck, Dettmer, Böhnke,
+Klauser würden nicht mehr wiederkehren. Ihnen galt's das Scheidelied zu
+singen.
+
+Und wie vor wenig Tagen der Zug einen Toten aus der Mitte der Cimbria
+hinweggeführt hatte, so trug er jetzt eine Schar lebender Scheidender
+der Heimat zu. Ein Abschied auch diesmal.
+
+Aber Rührungstränen und sentimentale Wehmut waren dieser Jugend
+ausgetrieben worden in der eisernen Zucht des Korps. Unter Witzen
+und Gelächter barg sich, was die jungen Herzen tief bewegte ... der
+Abschied von den Freunden, vom Korps, von der geliebten, wundervollen
+Hessenstadt ... von der Aktivität ... von einem ersten, herrlichen
+Abschnitt der Jugendzeit ...
+
+»Fertig!« -- »Fertig!« -- »Fertig!«
+
+Abfahren!«
+
+Ein letztes Händedrücken ... bellend sprangen die Korpshunde noch ein
+Stück dem Zuge nach ... blaue Mützen wehten und weiße Tücher ...
+
+Und im letzten Augenblick trat da ein Paar aus dem Wartesaal, wo
+es verborgen des Augenblicks der Abfahrt gewartet hatte, auf den
+Bahnsteig ... der Mann hochgewachsen, gütigen, strahlenden Auges ...
+das Mädchen in hellem Gewand, den Blick von unaufhaltsam strömenden
+Tränen verschleiert ... sie winkte mit weißem Tuch, ihr Auge suchte
+einen, einen, an dessen Lippen sie vor wenig Wochen gehangen in erster,
+keuscher Seligkeit ...
+
+Und hatte ihn doch verlassen ...
+
+Da hatte auch er sie erkannt ... starrer Trotz schoß in seine Züge, und
+rasch trat er vom Fenster zurück.
+
+Da lehnte sie ihr blondes Haupt an die breite Brust des erwählten, des
+glücklichen Mannes und weinte um den verlorenen Traum ihrer Jugend.
+
+ »Bemooster Bursche zieh ich aus,
+ Ade!
+ Behüt dich Gott Philisterhaus!
+ Ade!
+ Zur alten Heimat zieh' ich ein,
+ Muß selber nun Philister sein,
+ Ade, ade, ade.
+ Ja, Scheiden und Meiden tut weh!«
+
+so sangen, die da schieden und die da blieben.
+
+ * * * * *
+
+Ja, Scheiden und Meiden tut weh ...
+
+Und Marie Hollerbaum erkannte erst in diesem Augenblick, was sie
+dahingegeben habe für immer ... für alle Zeit ...
+
+ * * * * *
+
+Und nun saß auch Werner im Coupé. Er fuhr allein und dankte das dem
+Geschick. Zu viel stürmte durch sein Herz ... es wäre ihm schmerzlich
+gewesen, diese Scheidestunde mit einem andern teilen zu müssen, sie zu
+entweihen durch gutgemeintes, doch alltägliches Geschwätz.
+
+Der Zug umkreiste in weitem Bogen die Stadt da drüben am Berge. Vor
+wenig Monden hatte Werne, von Verehrungsschauern seligbang umwittert,
+dies wundersame Bild zum ersten Male erschaut. Vor wenig Monaten ...
+war's möglich?
+
+Damals war's ein wundersames, doch fremdes Bild gewesen ... nun war
+jedes Fleckchen beseelt von Erinnerungen an ungeheure, grundstürzende
+Erlebnisse seiner Seele ...
+
+In ernster, gleichgültiger Erhabenheit thronte droben das Schloß;
+Jahrhunderte waren an ihm vorübergezogen ... Völkergeschicke,
+Weltgeschicke ... und Millionen, Millionen von Einzelschicksalen ...
+Millionen von Herzensgeschicken ... es stand und stand in seiner
+braunen Unnahbarkeit ...
+
+Und länger noch standen und grünten die Berge, die Werners Jugendträume
+umschlossen hatten, wie die der andern tausend, die gekommen waren in
+diesem Sommer und nun auseinanderflogen in ihre Heimat ...
+
+Und da unten blühte Sankt Elisabeth, die unverwelkliche Wunderknospe ...
+
+Und um den Berg herum, ins Tal hüben und drüben hinein und hinunter,
+alle die alten, alten Häuser, die spitzen Giebel, die winzigen Fenster
+...
+
+Da oben flatterte Cimbrias Panier, für das er nun auch zum ersten Male
+sein Herzblut vergossen ...
+
+Dort unter dem steilen Dache des Anatomiegebäudes hatte das tote
+Lenchen gelegen ... und dann ein paar Wochen später ihr toter Liebster
+... der Vater ihres Kindes ...
+
+Seine drei lebendigen »Bälger« aber ... wo mochten die herumkrabbeln?!
+
+Auch dort hinten irgendwo ...
+
+Und dort ... in einem der kleinen Häuschen ... da weinte die schöne
+Rosalie ... da harrte der arme Simon Markus des Richterspruchs ...
+
+Erinnerungen -- Erinnerungen überall ...
+
+Nun wandte sich der Zug, und die Südstadt tauchte auf. Der Dammelsberg
+... Fanfahrengedröhn und Geigengequiek, ein scharfer, doppelter
+Pistolenknall ... dies alles wurde wach ... das alles war aufgezeichnet
+in Werners Hirn, unauslöschlich ... unvergeßlich ...
+
+Und unter jenen Bäumen im Tale lag Ockershausen ...
+
+»Fertig!«
+
+»Los!«
+
+Krach -- krach -- krach --
+
+»Halt!«
+
+»Halt!«
+
+Vorbei -- vorbei ...
+
+Und rasch entfloh der Zug ... rasch verschwamm das Bild ... so war es
+vor wenig Monden zum ersten Male vor des Knaben Augen aufgetaucht ...
+so schwand es nun ... geheimnisvoll ... deutungstief ...
+
+Das Schicksal, das Erleben eines einzigen, kurzen Sommers ...
+
+Und in Werners Seele quoll ein warmes, tiefes, heiliges Empfinden empor
+... ein glockenfeierliches Dankgefühl ...
+
+Das war das Leben ... nun war er eingetreten in seine Tempelhallen ...
+
+Becherklang und Pistolenknall, brünstige Küsse und wilde
+Verzweiflungstränen, wüste Zechgelage und friedliche
+Waldeseinsamkeiten, ekle Buhlschaft und erhabenes Liebesentsagen ...
+Jauchzen und Totensang ... Lust und Weh ...
+
+Das war eingeschlossen in diesen kurzen Monden ... das alles hatte er
+erlitten und erfahren, fühlend geschaut und fühlend durchlebt ...
+
+Oh, Leben, Leben -- heiliges, herrliches, grausiges, mächtiges ...
+heiliges, dreimal heiliges Leben --!!
+
+Und doch ... war denn dies alles schon das Leben selbst gewesen?!
+
+Das wirkliche, wahre, eigene Leben?!
+
+Und die Liebe, die ihn und jene andern, seine Freunde, seine Brüder,
+gefoltert und entzückt, durch eine Welt von Brünsten und Ängsten,
+Küssen und Tränen, Seligkeiten und Todesschauer gejagt ... war das
+schon die wirkliche Liebe gewesen?!
+
+Ein Knabe, des Lebens unkund, war er gekommen ... ein Wissender kehrte
+er zur Heimat, sollte er heut abend vor das forschende Vaterauge
+treten, ausruhen in gläubigen Mutterarmen ...
+
+Ein Wissender -- aber nicht doch ein Knabe noch?!
+
+War nicht am Ende dies alles, Leben, Liebe, Leid ...
+
+-- War das alles nicht am Ende doch nur ein Vorspiel gewesen?!
+
+Eine furchtbar ernste Vorbereitung, aber doch eben nur eine
+Vorbereitung?
+
+Ein mächtig ergreifendes Vorspiel, ein Vorspiel, das Ungeheures,
+Hochherrliches ankündigte ... aber eben doch nur ein Vorspiel?!
+
+Fern, fern ahnte Werner ein anderes, ein volleres, ein erschütternderes
+Erleben ... das wahre Leben ... die wahre Liebe ... das wahre Leid.
+
+Das alles würde kommen, wenn er ein Mann geworden sein würde ...
+
+Ja, ein Mann! Das wollte er werden ... das gelobte er seinem Bande da
+um seiner Brust, seiner jungen Burschenwunde, allen gewaltigen und
+heiligen Erinnerungen dieser vergangenen Monde ...
+
+Dem teuren Bilde der geliebten Eltern daheim --
+
+Elfrieden, dem Idol seiner Knabenjahre ...
+
+Und sich selbst, seiner bebenden, weinenden, erstarkenden, werdenden,
+jauchzenden Seele ...
+
+Ja, ein Mann werden! --
+
+Das Vorspiel war zu Ende ...
+
+Und über das Erinnern dieses übergewaltigen Vorklanges hinweg grüßte
+der Knabe Werner die Zukunft seiner Seele ...
+
+Grüßte das kommende Glück, das kommende Leid ...
+
+Grüßte die wahre Liebe ... das wahre Leben.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Verlagsanzeigen
+
+
+
+
+ Walter Bloems Werke:
+
+
+ Das eiserne Jahr
+
+ Roman
+
+ Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl
+
+ 121. bis 130. Tausend
+
+ Preis geheftet M. 5.--, gebunden M. 6.--
+ Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50
+
+
+ Volk wider Volk
+
+ Roman
+
+ Mit farbiger Umschlagzeichnung von Ernst Heilemann
+
+ 101. bis 110. Tausend
+
+ Preis geheftet M. 5.--, gebunden M. 6.--
+ Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50
+
+
+ Die Schmiede der Zukunft
+
+ Roman
+
+ Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl
+
+ 101. bis 110. Tausend
+
+ Preis geheftet M. 5.--, gebunden M. 6.--
+ Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50
+
+ Alle 3 Bände in Halbleder gebunden zusammen M. 20.--
+
+
+ Sommerleutnants
+
+ Die Geschichte einer achtwöchigen Übung
+
+ 8. Tausend
+
+ Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--
+
+
+ Sonnenland
+
+ Roman
+
+ 5. Tausend
+
+ Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--
+
+
+ Das lockende Spiel
+
+ Roman
+
+ 6. Tausend
+
+ Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--
+
+
+ Der neue Wille
+
+ Schauspiel in vier Akten
+
+ Preis broschiert M. 2.--
+
+
+ Der Jubiläumsbrunnen
+
+ Schauspiel in vier Akten
+
+ Preis broschiert M. 2.--, gebunden M. 3.--
+
+
+ Vergeltung
+
+ Schauspiel in drei Akten
+
+ Preis broschiert M. 2.--, gebunden M. 2.80
+
+
+ Das jüngste Gericht
+
+ (Der Paragraphenlehrling)
+
+ Roman
+
+ 34. Tausend
+
+ Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--
+
+Ein gesunder Idealismus spricht aus dem Werk, das nicht nur dem
+Juristen willkommen sein kann, sondern auch von dem beachtet werden
+wird, dem die Gesundung unserer Rechtsverhältnisse am Herzen liegt. Die
+in dem Roman gezeichneten Zustände bilden gewissermaßen ein Pendant
+zu der Kritik, die Beyerlein in seinem »Jena oder Sedan« vor einigen
+Jahren an unseren militärischen Verhältnissen übte.
+
+ ~Hamburger Wochenblatt~
+
+
+Lebensprudelnd ist vor allem die Schilderung der bergischen
+Eisenindustrie mit den kernigen, bodenständigen Gestalten der
+Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die beide gleichermaßen die gemütlichen
+Laute des Wuppertaler Niederdeutsch erklingen lassen.
+
+ ~Berliner Tageblatt~
+
+
+Bei der Liebesgeschichte erfreut wiederum die Lebenswärme, mit der
+die besondere, etwas spießbürgerliche und patriarchalische, aber auch
+wieder behagliche, anziehende Art des bergischen Bürgertums in der
+Familie und in der Geselligkeit zur Geltung gebracht wird. Auch die
+industriellen Arbeiterverhältnisse beherrscht Bloem, und er zeichnet
+sie mit großer Anschaulichkeit und lebhafter Bewegung; so wirkt
+namentlich die Schilderung der technischen Versuche mit einem neuen
+Stahlverfahren nichts weniger als trocken, sondern dramatisch lebendig.
+Wir haben ein ausgezeichnetes Buch vor uns, das voll aus dem Leben
+geschöpft ist und Zeugnis einer echten Gestaltungskraft gibt. Der
+»Paragraphenlehrling« darf sich neben das bekannte Buch Rudolf Herzogs,
+des engeren Landsmannes Bloems, »Die Wiskottens«, ebenbürtig stellen.
+
+ ~Kölnische Zeitung~
+
+
+ W. Moeser Buchdruckerei, Berlin S. 34.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 ***
diff --git a/75450-h/75450-h.htm b/75450-h/75450-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..1618cb1
--- /dev/null
+++ b/75450-h/75450-h.htm
@@ -0,0 +1,10108 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>
+ Der krasse Fuchs | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
+body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+}
+
+ h1,h2,h3 {
+ text-align: center;
+ clear: both;}
+
+h1 { font-size: 220%}
+h2, .s2 { font-size: 170%}
+h3, .s3 { font-size: 150%}
+
+
+h1 {
+ page-break-before: always
+ }
+
+h2 {
+ padding-top: 0;
+ page-break-before: avoid
+ }
+
+p {
+ margin-top: .51em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .49em;
+ text-indent: 1em;}
+
+.p0 {text-indent: 0;}
+.p4 {margin-top: 4em;}
+
+hr {
+ width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: 33.5%;
+ margin-right: 33.5%;
+ clear: both;
+}
+
+hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;}
+hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
+@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
+hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%; border-width:2px;}
+
+div.chapter {page-break-before: always;}
+
+.pagenum {
+ visibility: hidden;
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: small;
+ text-align: right;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ text-indent: 0;
+} /* page numbers */
+
+.center {text-align: center;}
+
+ .mright5 {
+ text-align: right;
+ margin-right: 5em;
+}
+
+.gesperrt
+{
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+}
+
+em.gesperrt
+{
+ font-style: normal;
+}
+
+.antiqua {
+ font-style: italic
+ }
+
+/* Images */
+
+img {
+ max-width: 100%;
+ height: auto;
+}
+img.w100 {width: 100%;}
+
+
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;
+}
+
+
+/* Poetry */
+/* uncomment the next line for centered poetry */
+
+.poetry-container {text-align: center;}
+.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
+.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
+.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
+
+/* Transcriber's notes */
+.transnote {background-color: #E6E6FA;
+ color: black;
+ font-size:small;
+ padding:0.5em;
+ margin-bottom:5em;
+ font-family:sans-serif, serif;
+}
+
+/* Poetry indents */
+.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
+.poetry .indent1 {text-indent: -2.5em;}
+.poetry .indent2 {text-indent: -2em;}
+.poetry .indent4 {text-indent: -1em;}
+
+/* Illustration classes */
+.illowp46 {width: 46%;}
+.illowe10 {width: 10em;}
+.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowe10 {width: 20%; margin: auto 40%;}
+ </style>
+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 ***</div>
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+
+<h1>Der krasse Fuchs</h1>
+
+<p class="center"><b>Roman</b><br>
+von</p><br>
+
+<p class="s2 center"><b>Walter Bloem</b></p>
+
+
+<p class="p4 center">47.-49. Tausend</p><br>
+
+
+<p class="center">Grethlein &amp; Co. G. m. b. H. Leipzig</p><br>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="center">
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,<br>
+von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten.<br>
+Copyright 1910 by Grethlein &amp; Co. G. m. b. H.<br>
+Leipzig<br>
+</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<p class="s2 center">Erstes Buch</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h2>I.</h2>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 1]</span></p>
+
+</div>
+
+
+<p>Aus hundert blühenden Apfelbäumen strich eine laue Welle Frühlingsduft
+über die morgenflimmernde Chaussee, und aus den Büschen zu beiden
+Seiten schmetterte Nachtigallenjauchzen. Feine Glockentöne waren in der
+Luft.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,</div>
+ <div class="verse indent0">Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>zitierte Werner Achenbach und schob seinen Arm in den des neben ihm
+marschierenden Korpsbruders.</p>
+
+<p>»Du hast gut reden,« sagte der. »Bis du mal selbst vors lange Messer
+kommst! Aber ich, siehste! Wer weeß, ob 'ch mei scheenes grades
+Neeschen wieder wer' mit zuricke bring'n!«</p>
+
+<p>»Wie ist dir denn eigentlich zumute, Dammer?«</p>
+
+<p>»Nu, äbens doch e bißchen benaut,« sagte der stämmige kleine
+Dresdener ehrlich. »Wenn's bloß wegen der Senge wäre, nu, das tät'n
+mir schon machen, denk 'ch — aber daß m'r ooch den Ansprichen eines
+wohlleeblichen C. C. geniegt —«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Nu, bei der ganzen korpsstudent'schen Fechterei kommt's doch eenzig
+und alleene aufs gute Stehen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> an!« erklärte Dammer, und was sein
+Leibbursch und sein Fuchsmajor ihm im vorigen Semester eingeprägt und
+eingeprügelt durch die Filzmaske hindurch, das setzte er dem »Krassen«
+in längerer Rede auseinander: daß der Hauptzweck der Mensur Erziehung
+zur Standhaftigkeit und Charakterstärke sei.</p>
+
+<p>Werner hörte kaum mehr zu. Er sah den Frühling ringsum, er fühlte
+die Jugend und Freiheit durch alle Glieder rieseln. Schwüler schon
+flimmerte die Maisonne. Blendend flammte die Chaussee; aber das
+strahlende Grün der Laubmassen in den Gärten, sachtes Grüßen der
+schwellenden Waldberge labten das ermüdete Auge. Und aus den lichten
+Büschen hoben sich viele schmucke Landhäuser, streckte sich droben das
+graue Gemäuer des Marburger Schlosses in den sanften Morgenhimmel, und
+zur Linken, wenn einmal die Gärten den Durchlug gestatteten, überflog
+der Blick das breite, gesegnete Tal, durch dessen mattschimmernde
+Fläche die Lahn ein flirrendes Band hindurchwob ... so schön war der
+Frühling noch nie gewesen, selbst damals nicht, als Werner, das rote
+Sekundanerkäppchen auf dem Kopfe, zum ersten Male zwei blonden Zöpfen
+nachgestiegen war ...</p>
+
+<p>Student — Korpsstudent ... Himmel, das war ja wie ein Traum. Und
+plötzlich riß Werner mit der freien Linken die hellblaue Cimbernmütze
+vom Kopfe, stieß einen wilden, formlosen Jubelschrei aus ...</p>
+
+<p>Nervös zuckte Dammer zusammen. »Nanu?<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> biste verrickt geworden?« Seine
+blassen Nasenflügel zitterten.</p>
+
+<p>»Ach so!« Werner fand es komisch, daß der andere, der Brandfuchs, Dampf
+hatte vor seiner ersten Mensur. Und das war ersichtlich der Fall. Er,
+Werner Achenbach, hätte am liebsten gleich einen Schläger in die Hand
+genommen ...</p>
+
+<p>»Na warte nur, mei Jungchen, wenn du mal erscht den Rummel da draußen
+wirscht kennen!« meinte der Ältere. »Nämlich sehre gemietlich is das
+gerade nich, das kann 'ch dir sagen! Aber nu sei stille, jetzt kommt
+mei Orakel!«</p>
+
+<p>»Dein Orakel?«</p>
+
+<p>»Nu äben! nämlich, hier zur Linken das große weiße Haus, das ist das
+Pensionat Vogt, mußte wissen, un da nämlich, da is meine <em class="gesperrt">Sonne</em>
+dadrinne!«</p>
+
+<p>»Deine Sonne?!«</p>
+
+<p>»Nu ja, mei Mädichen nämlich, weeßte, mei sießes Mädichen! Kätchen
+heeßt se, Kätchen Fröhlich ... un wenn ich die jetzt zu sehen krieg,
+weeßte, dann is das e gutes Omen für mei erschte Mensur, verstehste?«</p>
+
+<p>Werner verstand und drückte ein wenig den Arm des neuen Freundes.
+Beide forschten im Schreiten gespannt an der langen Fensterfront des
+Pensionats, ob irgendwo ein Mädchenkopf sich blicken ließe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p>Umsonst ... in der frühen Morgenstunde waren alle die Fensterchen mit
+weißen Vorhängen dicht verhüllt.</p>
+
+<p>»Du, was meenste, wenn m'r da mal kennt e bißchen hinterkucken?« meinte
+der Sachse.</p>
+
+<p>Werner erschrak und wurde rot. Er hatte den gleichen Gedanken gehabt,
+aber wie man den Mut und die Schamlosigkeit haben konnte, solch einem
+tempelschänderischen Wunsch Worte zu leihen — —</p>
+
+<p>Sieh da: an einem der letzten Fenster öffnete sich inmitten der weißen
+Gardinen ein Spalt: ein lieblich verschlafenes Köpfchen lugte einen
+Augenblick hervor — unter dem Kinn bauschte und knitterte der Vorhang,
+als zögen da zwei Fäustchen das Leinen fest zusammen — muntere Augen
+spähten einen Moment zum Schloß empor, flogen dann zur Chaussee
+hinunter — und hui, war alles verschwunden wie weggeweht.</p>
+
+<p>Dammer war zusammengezuckt, hatte ohne Bedenken seine blaue Mütze
+heruntergerissen. Nun preßte er den Arm des Korpsbruders: »Du,
+Achenbach ... hast se gesehen? Das war se! Ach, Kätchen, Kätchen,
+sießestes Mädichen!«</p>
+
+<p>Und dann richtete er sich stramm auf und schlug mit dem
+silberbeschlagenen spanischen Rohr in seiner Rechten einen mächtigen
+Lufthieb. »So, mei gutester Herr Pasche Guestphaliae, nu kenn' Se sich
+meineswegens in acht nähm'!« und dann schmetterte er los:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Auch von Lieb umgä'm</div>
+ <div class="verse indent0">Ist 's Studentenlä'm,</div>
+ <div class="verse indent0">Uns beschitzet Fenus Cipriah,</div>
+ <div class="verse indent0">Mäddchen, die da lie'm</div>
+ <div class="verse indent0">Und das Kissen ie'm,</div>
+ <div class="verse indent0">Waren stets in schwerer Menge da,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die da schmacht'n</div>
+ <div class="verse indent0">Und bladonisch tracht'n,</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, die liebe Unschuld tut nur so ...</div>
+ <div class="verse indent0">Denn so recht inwend'g</div>
+ <div class="verse indent0">Brennts doch ganz unbänd'g</div>
+ <div class="verse indent0">Fier den kreizfidelen Studio!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Werner war ganz still geworden. Dieses plötzlich auftauchende blühende
+Jugendgesicht hatte jählings in ihm aufgewirbelt, was seit seiner
+Ankunft in Marburg, unterm ersten Ansturm der tausend neuen Eindrücke
+des Studentenlebens geschlummert hatte: ein dumpfes, sehnsüchtig-süßes
+Weh ... Und den Anblick des ruhesatten Gesichtchens ergänzte seine
+beutelustige Phantasie durch ein Traumbild der ganzen Erscheinung, die
+der neidische Vorhang verhüllt hatte: da mußte ja ein ganzer, lebender,
+duftender Leib dazugehören, kaum verhüllt vom Nachtgewande — ein
+Mädchen ... ein junges, junges Weib ...</p>
+
+<p>Da war sie wieder, die tolle Sehnsucht, die ihn so oft gequält in
+seinen drei letzten Schuljahren, auf harten Bänken, im öden Wechsel von
+Mathematik und zerfetzten, mißhandelten und doch unverwüstlichen und
+heimlich aufwühlenden Dichterworten ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Und im munteren Schreiten summte da die Melodie des alten
+Burschenliedes und die seltsamen Worte in ihm nach:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Auch von Lieb umgeben</div>
+ <div class="verse indent0">Ist Studentenleben,</div>
+ <div class="verse indent0">Uns beschützet Venus Cypria:</div>
+ <div class="verse indent0">Mädchen, die da lieben</div>
+ <div class="verse indent0">Und das Küssen üben,</div>
+ <div class="verse indent0">Waren stets in schwerer Menge da ...</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die da schmachten</div>
+ <div class="verse indent0">Und platonisch trachten ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>also nicht alle trachteten platonisch?! »die da lieben und das Küssen
+üben«?! Himmel —!</p>
+
+<p>Und seine Seele sprang aufgescheucht und ruhelos in ihm hin und her,
+wie ein Raubtier im Käfig, wenn die Stunde der Fütterung naht.</p>
+
+<p>Indessen hatten die beiden Wanderer die letzten Häuser von Marburg
+hinter sich gelassen und schritten nun munter aus, dem nahen Dörfchen
+Ockershausen zu, wo die Marburger Korps allsamstäglich ihre Mensuren
+schlugen. Noch war vom Ziele nichts zu sehen als der Morgenrauch, der
+in blauen Säulchen über einem Schwall blühender Apfelbäume kräuselte.
+Aber da nun die Chaussee schnurgerade vor ihnen lag, konnten sie sehen,
+daß sie nicht die ersten waren. Vor ihnen marschierten schon, zu zweien
+und dreien, in ganzen kleinen Trupps die Angehörigen der drei Marburger
+Korps: die blaumützigen Cimbern, die hellgrünen Hessen-Nassauer und
+die Westfalen in<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> ihren weißen Sommerstürmern. Und auch von hinten
+klang Geplauder und Lachen. Die ganze Landstraße war betupft von
+bunten Farbflecken: den hellen, schmucken Anzügen, den gleißenden
+Mützen und Bändern der Korpsstudenten, die in den Frühlingsmorgen
+hineinmarschierten, nicht zu fröhlicher Lenzfahrt, sondern zu blutigem
+Turnier.</p>
+
+<p>Dieser Anblick brachte Werner zur Gegenwart zurück und zu dem
+herannahenden Erlebnis dieses Tages. Zum ersten Male sollte sein
+junges Leben Waffen und Blut schauen. Und da befiel ihn denn doch eine
+sachte wachsende Beklemmung. So friedvoll war seine Jugend verlaufen,
+so sturmbehütet im sichern Elternhause, inmitten gleichstrebender
+Freunde, nur den Studien, harmlosen Vergnügungen, vor allem den
+Dichtern gewidmet ... erst die letzten drei Jahre hatten heimliche,
+verschwiegene Ängste und Kämpfe gebracht ... Draußen war immer Friede
+gewesen ... nun war's auf einmal anders geworden — das Leben kam. Er
+fühlte, wie ihm ganz langsam etwas die Kehle verengerte. Immer mehr,
+ganz leise, aber stetig. Er mußte sprechen, um das Gefühl zu bekämpfen.</p>
+
+<p>»Kommst du zu allererst dran?« sagte er zu Dammer, der auch ganz still
+und etwas fahl geworden war.</p>
+
+<p>»Nunee,« sagte Dammer, »das wär nu doch gerade keene wirdije Eröffnung
+nich fiers Fechtsemester.<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Zuerst kommt unser Scholz kontra Seydelmann,
+den Ersten von den Nassauern.«</p>
+
+<p>Scholz! bei diesem Namen hatte Werner Achenbach ein unbehagliches
+Gefühl. Ein Gefühl — ähnlich dem, das er, der zarte, geistige Knabe,
+in der Schule stets den stämmigen Schulkameraden gegenüber gehabt, die
+er in allen Unterrichtsgegenständen leicht und verächtlich hinter sich
+gelassen, während sie ihm beim Turnen und Spielen mit Hohngelächter
+über seine unbeholfenen und schwächlichen Versuche vergolten hatten.
+Scholz! Eine hagere, riesige Gestalt, ein schmales, herrisches
+Gesicht mit scharfen, gebietenden Augen, mit einem Munde, der meist
+zusammengekniffen war, aber auch plötzlich lächeln konnte, flüchtig,
+überlegen, halb mitleidig, halb spöttisch; einem Munde, dessen Lächeln
+etwas Geheimnisvolles hatte ... etwas, das den Knaben Werner abstieß
+und lockte. Scholz! den gefürchteten und für die Füchse unnahbaren
+Senior des Korps — den sollte er heute fechten sehen ... das konnte
+ein Schauspiel werden. Und bei diesem Gedanken empfand Werner ein
+seltsames Doppelspiel der Empfindungen: jenes physische Mißbehagen
+in der Kehle und zugleich im Herzen ein neugieriges, schauensfrohes
+Jauchzen.</p>
+
+<p>»Gib mal Achtung,« sagte Dammer, »das wird e wiestes Geflitze wer'n,
+das Mensierchen. Der Scholz und der Seydelmann, die haben im vorichten
+Winter schon eemal zusammen gefochten, das war e beeses<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Gemärsche, das
+kann 'ch dir nur sagen. Damals haben sie ausgepaukt.«</p>
+
+<p>»Ausgepaukt? Was heißt das?«</p>
+
+<p>Dammer erklärte dem Novizen, es gäbe zweierlei Arten von Mensuren:
+Bestimmungsmensuren und Kontrahagen. Bei letzteren sei ein unangenehmes
+Zusammentreffen und demnach eine Forderung vorausgegangen: das sei aber
+unter Korpsstudenten Ausnahme: meist fechte man nur aus Bestimmung,
+das heißt, die zweiten Chargierten der drei Korps kämen zusammen und
+machten untereinander aus, welche ihrer Korpsbrüder gegeneinander auf
+Mensur treten sollten: das seien also lediglich Turniere ohne alle
+persönliche Feindschaft.</p>
+
+<p>Und derjenige Fechter, der allen andern im Seniorenkonvent, also unter
+allen aktiven Korpsstudenten der Hochschule, überlegen sei, den nenne
+man den S.-C.-Fechter. Zwischen Scholz und Seydelmann sei das noch
+unentschieden, und obwohl die Mensur des letzten Winters beide Fechter
+viel Blut gekostet, sei sie doch ohne Entscheidung zu Ende gegangen,
+keinem der Rivalen sei es gelungen, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit
+den andern kampfunfähig zu machen. Nun solle der heutige Morgen gleich
+zu Anfang des Semesters die Entscheidung bringen.</p>
+
+<p>»Ich für mein Teil, weeßte, ich möcht ja schon am liebsten, daß wir
+Cimbern täten den S.-C.-Fechter<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> haben, aber was der Scholz is, das
+hochmietige Luder, weeßte, dem tät 'ch schon genn', daß er mal e paar
+ticht'ge über die Schnauze tät kriegen. Freilich, seine Mädchens, die
+täten scheene traurig sein.«</p>
+
+<p>»Seine Mädchen? Hat er denn mehrere?«</p>
+
+<p>»Nu, der? Hinter ihm sein se doch alle her, wer weeß wie sehr! Von dem
+laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.«</p>
+
+<p>Werner fühlte etwas wie einen Stoß, der von unten, vom Magen her,
+gegen das Herz geführt worden wäre. Was —?! so etwas ... so etwas
+Fürchterliches ... das gab's?!</p>
+
+<p>Da lies ein junger Mann von — na vielleicht von zwei-, dreiundzwanzig
+Jahren in Marburg umher, trug die Mütze eines Korps, war sein
+gefürchteter und gefeierter Senior, und hatte ...?</p>
+
+<p>»Unehelich: <em class="antiqua">pelice ortus, spurius, incerto</em> oder <em class="antiqua">nullo patre
+natus</em>« rezitierte etwas in seinem Innern ganz mechanisch.</p>
+
+<p>Ja, was war denn das für eine Welt, in der ... war denn so etwas keine
+Schande?! Machte denn so etwas nicht verächtlich, unwürdig, unehrlich?!</p>
+
+<p>Werner schauderte. Ein Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit, Heimweh
+überkam ihn. Und dann dachte er wieder an Scholz, an sein ehernes
+Gesicht, sein spöttisch-mitleidiges Lächeln, seinen Herrscherblick.
+»Hinter dem sein se doch alle her —?« Und ... <em class="gesperrt">so</em>?<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> <em class="gesperrt">der</em>
+kannte das alles, was in Werners Seele seit ein paar Jahren als
+brennendes, verzehrendes Rätsel gärte und wühlte, was in schlaflosen,
+schwülen Nächten seine jungen Glieder umherwarf ... der hatte Mädchen
+umfangen, dem hatte die Schönheit des Weibes sich hingegeben ... und
+von all diesen Erfüllungen gab's Zeugen in Marburg ... kleine Menschen,
+lebende, zappelnde ...?</p>
+
+<p>Ganz verworren marschierte Werner dahin. Beide schwiegen; Erich Dammer
+dachte an seine nahe Mensur und ahnte nicht, was für Stürme in der
+Seele des Jünglings tobten, dessen Arm in dem seinen hing. Er, der
+Großstädter, war früh witzig geworden ... Nur den einen Wunsch hatte er
+an die Zukunft in diesem Augenblick: daß er schon sechs Stunden älter
+sein möchte und alles vorüber ... Er mußte noch einmal anfangen zu
+sprechen und fragte:</p>
+
+<p>»Hast du dir ooch schon e Leibburschen ausgesucht?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Werner auffahrend. »Ich ... es ist ja wohl noch Zeit ...
+ich bin doch erst zehn Tage in Marburg.«</p>
+
+<p>»Ja, nimm dir nur e bißchen Zeit,« sagte Dammer, »sieh dir se nur e
+bißchen gründlich an, die Herren C. B. C. B. Und vor allem: daß du nu
+nich am Ende gar den Scholz nimmst. Erschtens: er geht balde weg, und
+dann: schlecht tut er sie behandeln, seine Leibfichse, nu ja, die ha'm
+nischt zu lachen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>Inzwischen waren die Wanderer in das Dörfchen Ockershausen eingerückt.
+Hier umsäumten verschnittene Weißbuchenhecken den Pfad, braune Dächer
+lugten aus dem Grün, manche Häuser standen, aus gelbem Lehmfachwerk
+mit schwärzlichen Balken erbaut, dicht an der Straße, und durch ihre
+breiten Tore und Einfahrten fiel der Blick in die Höfe voll Ackergerät,
+Stallungen und Mist. Dorfkinder lärmten an der Straße, die Jungens auch
+in der Sonnenglut in verschlissenen Pelzmützen, die Mädchen in jener
+schmucken Hessentracht, die Haare nach dem Scheitel zu gestrichen, das
+magere Krönchen von dem bebänderten Rotkäppchen bedeckt. Sie begrüßten
+die lang vermißten Studenten mit einem Freudengeheul und begleiteten
+sie, die Kleinsten, Stolpernden, an der Hand fassend: »Hurra! die
+Cimbern sein widder da! Hurra, die Nassove! Hurra, die schwazze
+Weschtfale!«</p>
+
+<p>Und nun war man am Ziel: dem Wirtshause von Ruppersberg. Ein
+bäuerliches Anwesen, von den andern nur unterschieden durch einen
+Fachwerkbau von zwei Stockwerken, der unten Ställe, oben aber einen
+geräumigen Saal enthielt. Man stolperte eine steile Treppe empor,
+nun sah man links in den Saal hinein, in dem schon Gruppen von
+Korpsstudenten sich ansammelten; rechts zog sich ein Flur, auf den
+niedrige Türen stießen ...</p>
+
+<p>»Willst mal die Flickstub' sehen?« sagte Dammer zu dem Neuling und
+stieß eine der Türen auf. Ein<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> betäubender Dunst von Karbol und
+Jodoform schlug Werner entgegen: er erkannte rechts am Fenster, an
+einem kleinen Tische, eine Gestalt in Hemdsärmeln und schwarzer
+Lederschürze: es war der Paukarzt, ein Mediziner kurz vor dem
+Staatsexamen und inaktiver Korpsbursch der Cimbria, Wichart mit Namen,
+ein gemütlicher, heiterer Marburger. Der stand gebückt und hantierte
+mit einem blinkenden Schwall von merkwürdigen und unheimlichen
+Instrumenten, flachen Schalen, Waschbecken, Flaschen ... nun hob er
+etwas gegen's Licht: es war eine krumme, starke Nadel, wie ein kleiner
+Finger lang, in die fädelte er einen langen Seidenfaden hinein.</p>
+
+<p>Und an der andern Seite stand Scholz, bis an die Hüfte nackt, vor ihm
+Peter, der Korpsdiener der Cimbern, ein gutmütiges Doggengesicht; er
+hatte ein blendend weißes Paukhemd über die Arme gestreift und raffte
+es in Falten, um es dem gestrengen Senior überzustreifen. Werner
+starrte den sonnübergleißten Jüngling an — der Apoll von Belvedere
+stand vor ihm, oder der Apoxyomenos, und in der Ferne dämmerte die
+Gestalt des leuchtenden Achilleus ... vollkommen schön war dieser
+stählerne Leib gebildet, und darüber das kühne Gesicht, dessen linke
+Seite durch zahlreiche Hiebnarben einen mittelalterlich wilden Ausdruck
+erhalten hatte, während die gänzlich unberührte rechte Seite die
+Idealität eines antiken Kopfes zeigte ... Und da mußte Werner denken,
+wie Dammer<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> gesagt hatte: von dem laufen in Marburg wenigstens drei
+Bälger herum ... und ihm war's, als säh' er an diese Brust, an diese
+Schultern geschmiegt einen Mädchenkopf, einen blonden ... und nun
+war's auf einmal ein schwarzer ... und nun ein rötlich-blonder ... und
+aus den Umarmungen der Schönheit und der Stärke jedesmal entsproß ein
+junges Leben ... doch <em class="antiqua">pelice natus, spurius, sine patre</em> oder
+<em class="antiqua">incerto patre natus</em> ...</p>
+
+<p>Aber nun hatte Scholz die Angekommenen bemerkt. »Was habt ihr da zu
+gaffen, Füchse? Schert euch in den Saal!« Beschämt schlichen die beiden
+Jüngeren hinaus, und Werner folgte Dammer in den Fechtsaal.</p>
+
+<p>Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Im bäuerlich getünchten, von
+rechts und links durch je vier Fenster erhellten Saal standen Reihen
+Tische an den Fensterwänden entlang; hinten war das Gemach durch eine
+Schmalwand abgeschlossen; darin war eine Orchesternische eingelassen,
+von deren Fußgestell herab Sonntags die Tanzweisen dörflicher Fiedler
+ertönen mochten. Aber wo sonst die Paare im Reigen sich drehten,
+da wurde nun alles für ein ernsteres Schauspiel bereitet: inmitten
+von buntbemützten Gruppen plaudernder Jünglinge standen zwei in
+Hemdsärmeln, mit einem ungefügen Schurz um die Lenden, der beim
+einen die Farben grün-weiß-blau, beim andern blau-rot-weiß trug —
+im letzteren erkannte Werner den<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> vorläufigen zweiten Chargierten
+seines Korps, den schönen, stämmigen, wangenroten und augenleuchtenden
+Mediziner Willy Klauser. Beide Herren trugen ferner eine hohe,
+steife Halsschutzbinde, gelbe Armstulpen und wüste Mützen mit weit
+vorspringenden Lederschirmen. Es waren die Sekundanten, die eben in
+Gegenwart des Unparteiischen, eines lockigen Westfalen, mit steifem
+Zeremoniell gravitätisch die Mensur abmaßen und durch zwei rücklings
+gegenübergestellte Stühle bezeichneten. Und um sie her stand man
+in Gruppen zusammen, begrüßte sich, umdrängte den bierschleppenden
+bäuerlichen Kellner und entriß ihm die Gläser, um den Nachdurst
+der Spielkneipe und die Hitze des Morgenmarsches zu kühlen. Aber
+die Gruppen der blauen, grünen und schwarzen Mützen hielten sich
+gesondert, und nur ein gelegentliches »Herr Soundso, darf ich mir
+gestatten?« schwirrte über die Klüfte hinüber, so die rivalisierenden
+Völkerschaften der Cimbern, Westfalen und Nassauer trennten. Nun
+schmetterte plötzlich Gelächter: in der Tür erschien ein schmächtiger
+Westfalenfuchs und trug sorgsam unterm Arm einen korbartigen Käfig aus
+Weidenruten, in dem ängstlich ein weißes Huhn gackerte. Das überreichte
+er mit höflich abgezogener Mütze dem Paukarzt der Westfalen mit den
+Worten: das sei das Mensurhuhn. Neues schallendes Gelächter der
+ganzen Versammlung: Werner ließ sich von Dammer erklären, das sei ein
+Fuchsleim, ein uraltüberlieferter<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Scherz: man habe dem guten Jungen
+eingeredet, er müsse ein Huhn besorgen, aus dessen Fleisch etwaige
+abgeschlagene Nasen sofort ersetzt werden könnten.</p>
+
+<p>Indessen entstand eine Bewegung an der Saaltür: in vollem Mensurwichs,
+durch die breite schwarze Paukbrille häßlich entstellt, betrat den
+Saal der Senior der Hasso-Nassovia, ein vierkantiger, stierschultriger
+Gesell, den mit seidenen Binden dick umwickelten rechten Arm auf die
+erhobenen Hände eines Fuchses gestützt, schritt auf einen der die
+Mensur bezeichnenden Stühle zu, lehnte sich mit dem Gesäß an dessen
+Lehne und ließ mit gemachter Ruhe und Gleichgültigkeit seine aus der
+Paukbrille hervorfunkelnden Augen durch den Saal gleiten. Noch summte
+das Gespräch, etwas leiser, weiter, nur die Zigarren ließen bläuliche
+Kringel über die Versammlung emporsteigen. Aber sachte begann man sich
+doch im Kreise um den Kampfplatz zu scharen, und eine Erregung begann
+und schwoll an, als nun auch die Tür zum Bandagierzimmer der Cimbria
+von innen aufgestoßen wurde und Scholz erschien.</p>
+
+<p>Werner fühlte, wie ein Frösteln ihm durch alle Glieder lief. Vergebens
+suchte er sich an seinen Primanererinnerungen aufzurichten, Bilder
+homerischer Heldenkämpfe in sich heraufzubeschwören: ihm schauderte
+das ungestählte, friedgewohnte junge Herz. Und er vermochte den Blick
+nicht vom Gesichte des Korpsbruders<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> zu wenden: auf der schmalen Wange
+zwischen Paukbrille und Halsbinde flammten jetzt die alten Narben, in
+gebändigter Kampflust flackerten die grauen Augen aus den kurzen Röhren
+der Brille hervor, unter dem weißen Bausch des Paukhemdes meinte man
+alle Nerven sich straffen, alle Muskeln sich anspannen zu sehen.</p>
+
+<p>Nun klangen aus dem Munde der beiden Sekundanten, des Unparteiischen
+ein paar rasche formelhafte Wechselworte, die Werner in seiner Erregung
+nicht verstand; dann vernahm er das Kommando: »Fertig!«, und beide
+Fechter taten, aufgerichtet, den rechten Arm mit der Waffe hoch
+aufgereckt, ein paar feste, schnelle Schritte nach vorn, so daß sie auf
+anderthalb Armlängen einander gegenüberstanden. Die Sekundanten setzten
+rasch von hinten den Fechtern ihre großen Sekundiermützen auf, und
+Klauser kommandierte gelassen: »Los! Halt!« Das war der »Scheingang«;
+die Sekundanten setzten ruhig ihre Mützen wieder auf, kauerten nun wie
+sprungbereite Katzen zur Linken ihrer Paukanten nieder, und abermals
+klang's, aber jetzt heiser und erregt, in die Totenstille hinein:</p>
+
+<p>»Fertig!« — »Los!«</p>
+
+<p>Und krach, krach, dröhnten drei-, viermal die blechgeschützten Körbe
+der Schläger aneinander, dann klirrte ein doppeltes »Halt!!« und von
+beiden Seiten warfen die Sekundanten die stumpfen Klingen ihrer<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+Schläger, ihre stulpgeschützten Arme zwischen die Fechter und trennten
+sie.</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu
+konstatieren!« rief, Triumph in der Stimme, der Nassauersekundant.</p>
+
+<p>Werner war's blau und schwarz vor den Augen geworden: mit Mühe zwang
+er eine Bewegung seiner Eingeweide nieder, die seinen Mageninhalt
+ausstülpen zu wollen schienen, und sah unverwandt Scholzens Gesicht
+an. Nun fuhr aus dem wirren, dunkelblonden Haar des Seniors ein roter,
+senkrechter Strich über Stirn und Wange, und dann schossen auch gleich
+ganze Bäche Bluts über das Gesicht, röteten das Weiß des Paukhemdes und
+rannen auf den Boden.</p>
+
+<p>»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der
+Unparteiische ruhig, ohne sich vom Platze zu bewegen, und machte
+eine Notiz. Nun kam der Paukarzt Wichart, die Hemdärmel wie ein
+Schlächtergeselle aufgekrempelt, bedächtig heran, einen nassen,
+karbolduftenden Wattebausch in der Hand, untersuchte die Wunde, die
+nun auf der linken Kopfseite als langer, klaffender Spalt durch die
+ganze Kopfhaut sichtbar wurde, fühlte mit dem Zeigefinger hinein und
+machte plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Er sah Klauser an, Klauser
+schüttelte heftig mit dem Kopfe; da zog Wichart die völlig blutbedeckte
+Hand zurück und sagte: »Na, meinetwegen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>Was, dachte Werner entsetzt: ist das denn jetzt nicht aus? Ihm
+flimmerte alles vor den Augen: er trank hastig einen tiefen Schluck
+Bier. Und wie er den blutüberströmten Kopf da anstarrte, fiel ihm
+wieder ein: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.</p>
+
+<p>Es war nicht aus. Wieder kauerten die Sekundanten nieder, flogen die
+Klingen der Fechter in die Luft, klangen die Kommandos, krachten die
+Waffen zusammen, und abermals nach wenig Hieben dröhnte das »Halt!« der
+Sekundanten, und sieh, nun klaffte Scholzens linke Wange vom Ohr bis in
+die Mitte des Jochbeins. Wieder schoß das Blut hervor, aber kein Fleck
+des Gesichts war mehr weiß, den es hätte färben können.</p>
+
+<p>Und abermals untersuchte Wichart, runzelte bedenklich die Stirn und
+ließ dann doch die Mensur weitergehen.</p>
+
+<p>Als abermals die Klingen in der Luft standen, stieß Dammer den neben
+ihm stehenden Werner an und wies mit den Augen auf Scholzens Klinge:
+die zitterte nervös, wie rachgierig: »Gib acht, jetzt tut er's ihm
+gä'm.«</p>
+
+<p>Kommando, Zusammenkrachen der Waffen, dreimal, dann schneidendes Halt
+der Sekundanten und ein unwillkürlicher Laut aus aller Munde: drei,
+vier Strahlen roten Blutes spritzten meterweit aus der Schläfe von
+Scholzens Gegner über die Mützen und<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> hellen Anzüge der Versammlung.
+Hart über dem Riemen der Paukbrille hatte Scholzens »Durchgezogener«
+dem Gegner das linke Ohr und die ganze Schläfenbreite gespalten. Ohne
+auch nur einen Moment länger hinzusehen, sprang der Hessen-Nassauer
+Paukarzt von hinten mit einem großen Watteballen auf Seydelmann zu,
+bedeckte mit der Watte dessen linke Kopfseite, preßte mit beiden
+Händen den Kopf zusammen, sagte »Raus!«, drehte seinen Patienten herum
+und führte ihn durch den sich öffnenden Schwarm hinaus, während der
+Nassauer-Sekundant in ärgerlichem Tone seinen Paukanten für abgeführt
+erklärte.</p>
+
+<p>Ein schwaches Hohnlächeln um die blutbekrusteten Lippen, von den
+Glückwünschen der Korpsbrüder umringt, verließ nun auch Scholz den Saal.</p>
+
+<p>Während aufgeregte Gespräche den weiten Raum durchschwirrten, suchte
+Werner den Weg zur Tür, stolperte die Treppe hinab und ging in den
+Garten, um frische Luft zu schöpfen. Da standen in langen Reihen rohe
+gestrichene Tische und Stühle, Wäsche hing an Leinen, und im Dickicht
+am sonnenflimmernden Bach entlang schmetterten die Nachtigallen; über
+den Wiesen stieg Lerchengetriller in die Luft, und der Jasmin und
+Flieder dufteten um die Wette. Und wieder fiel dem jungen Studenten
+sein Kleist ein:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme!</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,</div><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+ <div class="verse indent0">Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sonne schimmert rötlich durch die Wolken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Gefühle flattern mit der Lerche</div>
+ <div class="verse indent0">Zum heitern Duft des Himmels jubelnd auf!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und doch war's ihm, als sei es ein süßes Ding, sich zu schlagen. Doch
+war ihm, als sei alles, was er sich auf seiner Schulbank geträumt, nun
+Leben geworden, als kenne er sie nun wirklich, die düster-herrischen
+Reckengestalten seiner Dichter. Schauder und Liebe rangen in seiner
+Seele, die nun ihren Helden gefunden hatte: ja, er, der reine,
+scheue Knabe, liebte den Jüngling an der Schwelle der Mannesjahre,
+den S.-C.-Fechter, den, von dem »wenigstens drei Bälger in Marburg
+herumliefen« ... liebte ihn mit jener bangen Scheu, mit der er das
+Leben liebte, an dessen geöffneter Pforte er nun plötzlich stand.</p>
+
+<p>— — Es war vorüber. Noch acht weitere Mensuren hatten stattgefunden:
+auf die Dielen des Saales hatten die Korpsbrüder mehr als einmal
+Sägemehl streuen müssen, um das geflossene Blut aufzusaugen, und als
+die Schar nach getaner Arbeit gen Marburg aufbrach, da schwamm im Saale
+ein Dunst, aus Schweiß, Blutgeruch, Bier und Tabakrauch gemischt. ...
+Auch Dammer hatte seine ersten Nadeln bekommen im Verlauf eines wenig
+aufregenden Kampfspiels, das sich nicht gar sehr vom Zusammenschlagen
+der Klingen beim festlichen Landesvater unterschieden hatte. Aber
+Achenbach gesellte sich auf dem Heimwege<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> nicht zu ihm. Er wußte es
+einzurichten, daß er beim Heraustreten aus dem Ruppersbergschen Hof an
+Scholzens Seite kam. Scholz trug über seinem fahlen, verschwollenen
+Gesicht einen mächtigen weißen Wickelverband, über den er statt der
+Coleurmütze eine schwarze Mensurkappe gezogen hatte. Er war etwas
+überrascht, als er das schlanke Füchschen neben sich sah. Das stammelte
+errötend seine Bitte, wie ein Liebesgeständnis:</p>
+
+<p>»Scholz, ich möchte dich bitten, mein Leibbursch zu werden.«</p>
+
+<p>»Hm — sag' mal, ich hab' deinen Namen noch nicht behalten.«</p>
+
+<p>»Achenbach.«</p>
+
+<p>»So ... aus Elberfeld, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Also, mein lieber Achenbach, ich bleib' nur noch drei Wochen hier ...«</p>
+
+<p>»Nur noch drei Wochen?«</p>
+
+<p>»Ja — dann werd' ich inaktiv und geh' nach Berlin ... aber für die
+drei Wochen ... gut.« Er hatte einen scharf prüfenden Blick auf das
+Studentlein geworfen. »Also schön ... Leibfuchs Achenbach.« Ein
+Händedruck, ein rasches Verweilen Aug' in Auge, dann war Achenbach
+entlassen, und Scholz gesellte sich zu seinem Sekundanten Klauser.</p>
+
+<p>Eben rasselte eine Kalesche an den Marschierenden vorbei nach Marburg
+zu, drinnen ein paar blasse,<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> verbundene Gesichter; Werner erkannte
+den Bulldoggkopf des Nassauerseniors und sah, daß auch Scholz den
+besiegten Gegner erkannt hatte: mit einem kurzen Anlegen der Hand an
+seine Mensurmütze grüßte Scholz in die Kutsche hinein, aber nicht das
+leiseste Lächeln des Triumphs war auf seinen fest geschlossenen Lippen
+zu entdecken.</p>
+
+<p>Werner hielt sich dicht hinter seinem neuen Idol. Dammer gesellte
+sich zu ihm. Still und etwas müde trotteten beide den Heimweg bei
+sinkender Sonne, deren Abendstrahlen das ruhevolle Tal mit unsäglichem
+Abendfrieden übergoldeten. Oben stand das Schloß noch in vollem
+Glanz; über die Wipfel der Chausseebäume strich sehnsüchtig ziehender
+Schwalbenflug.</p>
+
+<p>Als die heimkehrenden Studenten näher an Marburg herankamen, zogen
+ihnen mancherlei Spaziergänger entgegen: darunter vor allem die
+Primaner und Sekundaner des Gymnasiums, die in den Angelegenheiten der
+Studentenverbindungen manchmal besser Bescheid wußten, als im Sallust
+und Aeschylos: und ferner ... die Sonnen ...</p>
+
+<p>Neugierig durchmusterten die jungen, hübschen Marburgerinnen die
+buntbemützte Schar, und ängstlich spähte manch ein rosiges, blauäugiges
+Gesicht, ob man »Ihn« auch nicht zu schlimm zugerichtet ...</p>
+
+<p>Und Werner dachte: ob wohl auch ihm einmal so ein zartes, schmiegsames
+Figürchen entgegenspähen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> würde? Dabei fiel ihm ein, daß das ja doch
+nicht sein dürfe, weil sein Herz der Trägerin eines gewissen Paares
+blonder Zöpfe die Treue gelobt hatte ... ach, nur sein Herz ... aber
+die war weit ... weit ... und nie, seit der Tanzstunde, hatte er ein
+Wort mit ihr gesprochen ... und dann, war er nicht jetzt Student?!</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Aber die da schmachten</div>
+ <div class="verse indent0">Und platonisch trachten ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Himmel ... konnte man denn solch ein junges, holdseliges Geschöpf
+anders als platonisch ...?</p>
+
+<p>Niemals — niemals!</p>
+
+<p>Da stieß Dammer Werner an: »Nu gib mal äbens e bißchen Achtung!
+Nämlich, die da links kommt, das is Lenchen Trimpop, Scholzen seine
+jetzige!«</p>
+
+<p>Und da kam in schlichtem, weißem Strohhütchen, in einem hellblauen,
+verwaschenen Kattunkleidchen eine vollerblühte Mädchengestalt ... nie
+hätte Werner es für möglich gehalten, daß so ein junges, liebliches,
+jungfräuliches Geschöpf ... ach, gewiß schwindelte Dammer auch nur!
+Sie glühte über und über, als sie Scholz erblickte: der grüßte sie
+vollkommen wie eine Dame, und sie dankte sittig und zeremoniell. War's
+möglich? Nein — unmöglich!! Unmöglich!! Und doch —</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Aber die da schmachten</div>
+ <div class="verse indent0">Und platonisch trachten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, die liebe Unschuld tut nur so —«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+<p>sang nicht so das alte rauhwuzige Renommistenlied?!</p>
+
+<p>»Du ... nu jetzt kommt äbens meine Sonne!« sagte Dammer und glänzte wie
+ein Gänsefettbemmchen. Er riß die Mütze herunter, und drüben nickten
+die Köpfe von acht Backfischchen, die paarweise zum Spaziergang zogen,
+von einer spinösen Mademoiselle geführt ... »Hast se gesehn? Die gelbe
+war's, die in dem gelben Fähnichen! Ach, Kätchen, sießestes Mädichen!
+Ob sie wohl mei' Kompresse gesehen hat?« —</p>
+
+<p>An diesem Abend betrank sich Werner Achenbach besinnungslos unter der
+Cimbernlinde in Maibowle und Jugendfieber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>II.</h2>
+</div>
+
+<p>Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte
+keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter
+Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der
+sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben
+an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von
+Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter
+der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke
+lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich
+in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu
+münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade
+da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem
+eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen
+rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und
+schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die
+weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß,
+weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die
+Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe
+das bescheidene<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner
+vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und
+ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der
+frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die
+nun vollchörig den Sonntag einläuteten.</p>
+
+<p>Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein
+geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich
+durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war,
+strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses
+zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des
+Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend
+Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen
+nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen,
+das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die
+kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen,
+geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch?
+Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ...
+Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid,
+aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die
+neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat,
+das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge?
+Was hatte der Kaiser zu sagen, was<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> der Fürst von Reuß ältere
+Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war
+Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein
+Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon
+hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des
+Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz
+der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ...</p>
+
+<p>Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde
+sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von
+Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der
+Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam
+sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig
+prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen
+zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von
+beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor
+sich?</p>
+
+<p>So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man
+mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ...</p>
+
+<p>Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen
+Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben
+vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf
+diesem<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren
+... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen
+Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas
+leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und
+Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ...</p>
+
+<p>Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern
+war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten
+Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern
+zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und
+Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen?</p>
+
+<p>Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm
+zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt
+hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich
+hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen.</p>
+
+<p>Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria!</p>
+
+<p>Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze
+hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das
+neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es
+zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> könnten, in Mütze
+und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling!</p>
+
+<p>Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften
+seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ...</p>
+
+<p>Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu
+hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd,
+oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor
+der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und
+kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ...
+nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ...</p>
+
+<p>Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe
+an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen
+Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke
+nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ...</p>
+
+<p>Oh, er wußte das alles ja noch so gut!</p>
+
+<p>Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den
+befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine
+gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit
+Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit
+ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts
+von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben.</p>
+
+<p>Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> geben lassen.
+Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem
+Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen
+hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und
+Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül
+und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen.</p>
+
+<p>Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit
+seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu
+früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und — — nicht in Einigkeit und
+herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ...</p>
+
+<p>Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ...
+hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter,
+verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen
+...</p>
+
+<p>Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen
+in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten
+Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große
+Vorderzähne blitzten — zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer
+vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem
+Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
+da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume
+gefunden ...</p>
+
+<p>Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was
+Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den
+Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst,
+alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens
+blonden Scheitel.</p>
+
+<p>Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß
+er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit
+in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des
+Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben
+gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht
+verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes
+Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon
+gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen.</p>
+
+<p>Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr.</p>
+
+<p>Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der
+hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte.</p>
+
+<p>Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund,
+der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos
+verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> die
+Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal
+bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige
+Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie
+gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen
+einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten,
+Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen
+Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder
+ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie,
+oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm,
+daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert
+rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte
+es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien
+immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem
+Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ...</p>
+
+<p>Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte,
+so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke
+der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas
+Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie
+stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend
+Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<p>Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines
+schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim
+Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der
+Schlüssel zum Vorhof des Lebens ...</p>
+
+<p>Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und
+Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und
+Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen
+hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir
+ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird
+einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist
+und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und
+zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen
+genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack
+der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit
+und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre
+deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger
+Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ...</p>
+
+<p>Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...!</p>
+
+<p>Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch
+niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die
+Menschen dazu, etwas<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> anders zu machen, als ihre Väter und Mütter
+es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von
+Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem
+er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ...
+eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll
+Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe
+einsam bleiben und leiden.</p>
+
+<p>Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf
+... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde
+anzuvertrauen ...</p>
+
+<p>Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem
+vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg
+oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des
+vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen
+... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen
+Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler.</p>
+
+<p>Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher
+Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die
+Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er
+mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ...</p>
+
+<p>Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> und suchen müssen ...
+und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und
+Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden
+und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner
+Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ...
+schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen
+Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen — — aber seine
+Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn
+mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht
+— so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in
+seiner einsamen Qual ...</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Und nun?!</em></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Auch von Lieb umgeben</div>
+ <div class="verse indent0">Ist Studentenleben«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf — —</p>
+
+<p>Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese
+muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und
+Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer
+Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner
+Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde
+und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und
+Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> als das blutige
+Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe.
+Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus
+geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man
+auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen
+mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner
+Kommilitonen ...</p>
+
+<p>Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das
+waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von
+Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl
+durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde
+— —</p>
+
+<p>Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ...</p>
+
+<p>Und da sollte er mittun?</p>
+
+<p>Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen,
+Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior
+der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch
+ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten
+dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze
+blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn
+möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem
+sehnsuchtbebenden Knaben?</p>
+
+<p>Aber eine andere Stimme war in ihm — das<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Bild seiner Mutter stieg
+vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder
+unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein
+anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines
+Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an
+die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ...
+in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte
+ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe,
+unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt
+hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan — — nein — rein
+bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch!</p>
+
+<p>Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung!
+ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu
+versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu
+küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu
+pressen mit flatternden Händen —!</p>
+
+<p>Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und
+schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die
+ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die
+leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand,
+die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen
+kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum
+Tode fürs Vaterland — eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner
+fielen die Verse ein:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Halten will ich stets auf Ehre,</div>
+ <div class="verse indent0">Stets ein braver Bursche sein ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?!
+Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ...
+aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was
+er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus
+sein ...</p>
+
+<p>Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine,
+überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen
+Wasser, und ihm wurde wohl.</p>
+
+<p>Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in
+sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse
+hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im
+ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und
+marschierten der Elisabethkirche zu.</p>
+
+<p>Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein
+Weckruf des Lenzlebens<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> da draußen drang das hinein in seine Klause.
+Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel
+Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein
+Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen
+Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins
+dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den
+Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend
+wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche,
+nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder
+unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch
+Mann und Weib vereinigt!</p>
+
+<p>Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde,
+nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und
+dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das
+unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens
+geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine
+unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen.</p>
+
+<p>Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne
+in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel
+Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen
+Geschlechts zu stürzen und aus ihm den<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> Himmel der Erfüllung und
+Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an
+ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ...</p>
+
+<p>Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die
+helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er
+sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer
+verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte
+er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus,
+seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte
+er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer
+höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner
+augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen
+der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm,
+als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt
+aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen
+Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit
+tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend
+weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger
+Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings
+um den Leib trug — denn so wulstig setzte der Rock hoch über den
+Hüften an; unten — er reichte kaum über die Knie — säumten ihn zwei
+dunkelgrüne Tuchstreifen, und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> drunter schauten die drallen Waden vor
+in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen
+Lederpantoffeln — das war die Tracht — die derben, verarbeiteten
+und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn
+sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein
+freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus
+harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich,
+verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich
+hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und
+dann still und demütig verschwinden.</p>
+
+<p>Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das
+war ... ja, wer nur?</p>
+
+<p>Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar
+Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches
+Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig
+aufstieg. —</p>
+
+<p>»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die
+Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?«</p>
+
+<p>»Nein, Fräulein ... Rosalie ...«</p>
+
+<p>»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht
+das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« — Es klang fast
+wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> blühend
+wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von
+uralter Volksherrlichkeit verriet ...</p>
+
+<p>Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein — hoffentlich
+für mehr als einmal.«</p>
+
+<p>»So? meine Se?«</p>
+
+<p>»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak
+über seine eigene Kühnheit.</p>
+
+<p>»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut —«</p>
+
+<p>»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher,
+wenn Sie wieder draußen sind —«</p>
+
+<p>»Was ich mir dafür kaafe tu!«</p>
+
+<p>Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen,
+blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den
+runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so
+behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was
+er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude
+Morche, Herr Achebach — un auf gude Freindschaft, gelle?«</p>
+
+<p>Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und,
+was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein
+neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür,
+noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. —</p>
+
+<p>Himmel! die und mit ihm unter einem Dache!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür.
+Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr
+... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu
+war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel
+auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel
+... nicht mehr <em class="gesperrt">ein</em> Weib war's, das sie verlangten, sondern
+dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem
+Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten
+heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens,
+war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die
+Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies
+Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer,
+die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt — und Sättigung
+erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln.</p>
+
+<p>Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria
+... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf
+die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern,
+in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch
+Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant
+mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig
+verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> aus der Einsamkeit
+seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als
+eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse
+entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen,
+in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren
+Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten
+war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und
+Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das
+nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre.</p>
+
+<p>Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern
+Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener,
+dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen
+der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der
+»freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch
+wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen
+Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war
+erlaubt ...</p>
+
+<p>Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die
+deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen
+Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren
+aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer
+kindischen Rivalität und Neidhammelei ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
+
+<p>Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner
+Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der
+ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu
+tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die
+Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit
+dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte,
+welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern
+feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder
+Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber
+und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese
+bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der
+Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister
+mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer
+Lieblinge zu.</p>
+
+<p>Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne
+teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte,
+schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth
+»Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine
+Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen
+vor. —</p>
+
+<p>Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des
+Steinwegs kam Scholzens<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er
+war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm
+statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse
+auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar
+martialisch und reckenmäßig aus.</p>
+
+<p>Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten
+Morgen, Leibbursch!«</p>
+
+<p>Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach
+— Morgen! Kater?«</p>
+
+<p>»Keine Spur.«</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>»Zur Elisabethkirche.«</p>
+
+<p>»Mädels begaffen?«</p>
+
+<p>»Haha! ja!«</p>
+
+<p>»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.«</p>
+
+<p>»Was? Mit deinen Schmissen?«</p>
+
+<p>»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.«</p>
+
+<p>»Morgen, Leibbursch.«</p>
+
+<p>Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem
+gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab.</p>
+
+<p>Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war
+ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich,
+sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit,
+sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und
+so weit Schwärmer, als sich<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> das mit dem im Korps herrschenden Ton
+vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten
+plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der
+eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte
+wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ...</p>
+
+<p>Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme
+von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben
+setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der
+alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren
+nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der
+evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn
+das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten
+Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther
+und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen
+Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen;
+und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine
+protestantische Predigthalle geworden.</p>
+
+<p>Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen.</p>
+
+<p>Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur
+Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am
+Hellgrün erkennen — beides selbstverständlich, soweit der Teint es
+zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ...</p>
+
+<p>Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke,
+sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte
+einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen
+her kannte — selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die
+gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser
+um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren
+wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten
+zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck,
+den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen
+Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich
+reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren
+körperlichen Schmerz ...</p>
+
+<p>Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden
+Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes
+Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem
+fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur
+Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur
+schönen Adelheid las.</p>
+
+<p>Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte,
+seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas
+anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er
+seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ...
+etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten,
+als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten
+war ...</p>
+
+<p>Was war es denn?</p>
+
+<p>Liebe —?!</p>
+
+<p>Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe?</p>
+
+<p>Oder gab es am Ende nicht nur <em class="gesperrt">die</em> Liebe, sondern Liebe von
+vielerlei Art?</p>
+
+<p>Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen
+seines aufgewühlten Herzens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>III.</h2>
+</div>
+
+<p>Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm!
+bumm! bumm! »Herr Achebach!«</p>
+
+<p>Tiefe Stille drinnen.</p>
+
+<p>Bumm! bumm!</p>
+
+<p>»Herr Achebach!«</p>
+
+<p>»Hrrm — hö — hm.«</p>
+
+<p>»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm — bumm!!</p>
+
+<p>»Wa? — was gibt's — wer ist denn da?«</p>
+
+<p>»Ich bin's!«</p>
+
+<p>»Wer — ich?«</p>
+
+<p>»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum
+Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!«</p>
+
+<p>»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!«</p>
+
+<p>»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!«</p>
+
+<p>»Ne, ne, is gut!« — —</p>
+
+<p>Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle
+Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste
+Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des
+Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen,
+und nun gar<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen
+war — ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und
+nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden
+schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe — Zuspätkommen drei Mark — also
+in Satans Namen — raus!!</p>
+
+<p>Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das
+Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen
+— — so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den
+gemarterten Schädel — ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider —
+Donnerwetter — da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte
+er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird
+'ne Buchs' draus! Weste, so — nun das Band umhängen, aber nicht wieder
+verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr,
+ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt — so, nun
+rasch einen Schluck Kaffee — das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im
+Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab,
+trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den
+Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben!
+Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach!
+Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!«
+Himmel, wie war's nur<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> möglich, so viel Bier in einen armen kleinen
+Menschenmagen hineinzuschütten — —!</p>
+
+<p>Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie
+stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in
+seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht
+zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war — oder
+gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe?
+Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte
+Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und
+so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer
+freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt
+war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren!</p>
+
+<p>Renoncen — das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse —
+jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die
+mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos
+strammen Korpszucht unterwarf!</p>
+
+<p>Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte
+alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen,
+wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach
+altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig
+schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den
+Kopf, nun<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten!</p>
+
+<p>Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig
+ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub.</p>
+
+<p>»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und
+herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche,
+alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die
+Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen — und da
+gab's nichts zu lachen ...</p>
+
+<p>»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort
+zurück in die Parade!«</p>
+
+<p>Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen,
+dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske.</p>
+
+<p>»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal
+abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch
+leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner
+eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und
+Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer
+dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun
+Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den
+Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen!</p>
+
+<p>»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wollen wir dir schon
+austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den
+Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So,
+jetzt wird's schon besser — Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken,
+wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!«</p>
+
+<p>Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den
+Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und
+dann ging's zum — Friseur.</p>
+
+<p>Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer
+gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich
+nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage
+zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen,
+pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken
+und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt
+...</p>
+
+<p>Und dann: »Wo gehst du hin?« — »Ich? Ins Kolleg.« — »Was? Ins Kolleg?
+Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner
+wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts
+zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ...
+Kolleg ist für die Minderbegabten ...« — »Ich gehe aber doch ...«—
+»Na gut, wenn du dir nicht zu schade<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> bist für den Stumpfsinn, den die
+Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.«</p>
+
+<p>Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der
+Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere
+Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen
+Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. — Werner blieb standhaft;
+wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und
+strebte zur Universität ...</p>
+
+<p>Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen
+Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ...</p>
+
+<p>Im Institutionen-Kolleg vielleicht anderthalb Dutzend Hörer. Der
+Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,«
+begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes,
+vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich
+denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der
+klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener.
+Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit
+typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und
+Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter
+einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese
+sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen
+Rechtsentwicklung ...« und so weiter in<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> dieser Tonart. Die Hörer
+versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen
+Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen,
+verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete,
+ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen
+an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen
+anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen
+aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie,
+eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren
+vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen
+... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen,
+seelenlos und wie zu Seelenlosen ...</p>
+
+<p>Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ...
+aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr,
+das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen
+Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem
+er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern,
+schwimmen, rudern, poussieren ...</p>
+
+<p>Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel
+überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen
+Frühschoppen ...</p>
+
+<p>Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> die <em class="antiqua">universitas
+litterarum</em>, das war das ersehnte freie Studium!</p>
+
+<p>Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten
+eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß
+und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein
+dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn
+an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich
+erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit
+sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer
+los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank,
+hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun
+ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den
+verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte:
+»Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne
+(Gymnasium), sag' mal?«</p>
+
+<p>»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.«</p>
+
+<p>»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?«</p>
+
+<p>Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche:
+jener Korpsbruder<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer
+Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will
+sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und
+nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei
+ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe,
+wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine
+schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen
+und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge
+edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren,
+ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und
+verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon
+hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien,
+brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ...
+Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis
+in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht
+ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen,
+noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen
+Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein
+harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften
+Ulk ...</p>
+
+<p>Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage
+ich die gleichen Farben ...<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wenn das meine Eltern wüßten, meine
+gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater
+... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte,
+warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen
+gräßlichen Gefahren?!</p>
+
+<p>Aber wozu ihn <em class="gesperrt">warnen</em>? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner
+Achenbach, keine <em class="gesperrt">Gefahr</em>! — Und er, der sich brennend nach
+Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem
+käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln,
+was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte,
+gewähren und nehmen ...</p>
+
+<p>Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine
+erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten
+Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des
+jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen
+nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären.
+Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der
+speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und
+scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider
+flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke — nackt
+und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die
+brüstestarre<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten
+Auge ...</p>
+
+<p>Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den
+gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die
+Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher.</p>
+
+<p>Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem
+Leibburschen.</p>
+
+<p>»Was willst du, Leibfuchs?«</p>
+
+<p>»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.«</p>
+
+<p>»Nanu? Ist was passiert?«</p>
+
+<p>Werner verneinte stumm.</p>
+
+<p>»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.«</p>
+
+<p>»Ich passe nicht zu euch.«</p>
+
+<p>»So — — das erklär' mir gefälligst.«</p>
+
+<p>»Das kann ich nicht.«</p>
+
+<p>»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn
+doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht
+entlassen — in Ehren entlassen.«</p>
+
+<p>»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?«</p>
+
+<p>»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen
+wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das
+wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes
+Korps eintreten und kannst auch im späteren<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Leben mancherlei
+Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.«</p>
+
+<p>Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer.
+Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon
+manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er
+hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um
+die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt
+und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches
+Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte
+er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen
+leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah,
+schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen
+Spuren inneren Wirbels.</p>
+
+<p>Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel
+zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er
+wissen wollte.</p>
+
+<p>»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du
+dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast,
+da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und
+daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind,
+das stimmt<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen
+... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten
+Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da
+noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was
+willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du
+Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark — mit sechs- bis
+achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren — und
+inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen,
+wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir
+auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für
+einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst,
+dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel
+von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen
+bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet
+das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das
+zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube
+für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen
+beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu
+Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein
+paar Monaten tust du's doch! —«</p>
+
+<p>Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl,
+als zöge jener ihn nackt aus<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und sähe kalt und sicher jedes Fältchen
+seines Leibes und seiner Seele.</p>
+
+<p>»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir.
+Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er
+geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er
+so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum
+Mädel oder — — pfui Deuwel! — — Ich weiß nicht, ob man dir auch
+schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt
+vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte
+anständige Mädels hergenommen — Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine
+nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer
+hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die
+armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren,
+ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar
+nicht mehr nach Hause kommen — und da liegt gerade noch der Brief von
+einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie
+heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt
+nicht. Dann schon lieber nach Gießen.«</p>
+
+<p>»Und ... der Dettmer?«</p>
+
+<p>»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht
+vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur
+huren oder<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?«</p>
+
+<p>»Himmel — dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten
+... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.«</p>
+
+<p>»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja
+für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig.
+Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst,
+wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher
+liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden
+verzichtest — wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei
+enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund
+und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus — das garantiere
+ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du
+hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's,
+wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und
+Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde
+Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« — — — — — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße.</p>
+
+<p>Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam
+ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles
+erzählen,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß
+es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater
+... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins
+Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte
+der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig,
+kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet
+und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht
+auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht
+irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel
+herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch
+einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae?
+—</p>
+
+<p>Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen
+Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe?</p>
+
+<p>— Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa
+seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte
+geworfen. Alles in ihm tobte.</p>
+
+<p>Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett.</p>
+
+<p>»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem
+sinn.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>»Darf ich die Zimmern zurecht mache?«</p>
+
+<p>»Nur zu.«</p>
+
+<p>Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den
+Studenten.</p>
+
+<p>Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube — nur des Jünglings
+hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke
+auf.</p>
+
+<p>Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die
+Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben
+unentweihte Lagerstatt.</p>
+
+<p>»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen.</p>
+
+<p>»Herr Achebach?«</p>
+
+<p>Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die
+Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt.</p>
+
+<p>Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren
+Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und
+Schulter.</p>
+
+<p>Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch,
+stolperte hinaus.</p>
+
+<p>Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend
+weinen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>IV.</h2>
+</div>
+
+<p>Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe
+Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die
+Geschwister zankten sich.</p>
+
+<p>»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie
+dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich
+noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel kriege.«</p>
+
+<p>»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich
+gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein
+Millionär auf d' Welt komme.«</p>
+
+<p>»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon,
+und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die
+alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse
+zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins
+Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll
+erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht,
+mich Medizin studiere lasse.«</p>
+
+<p>»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt
+Markus. Du un e Student! du<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank
+is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst
+immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!«</p>
+
+<p>»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie — die is
+mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!«</p>
+
+<p>»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir
+die Auge aus auf der offene Straß!«</p>
+
+<p>»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der
+Herr Cimbrefuchs Achebach — kratz nur — kratz! Dann weiß der auch
+gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!«</p>
+
+<p>Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich
+verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und
+geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch,
+von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam,
+seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben.</p>
+
+<p>Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen
+aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem
+kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte.</p>
+
+<p>Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln
+und verabschiedete sich plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> und verlegen von dem grinsenden
+Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür
+standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien
+immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen
+Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude.
+Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen.</p>
+
+<p>Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm
+ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei
+Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor
+kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so
+zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie
+da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der <em class="antiqua">filia
+hospitalis</em> bei ihm eintraf ...</p>
+
+<p>»Da, Herr Achebach — fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und
+legte das Paket auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Ah — Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank — hier
+...« Er zog sein Portemonnaie heraus — aber ... kein Pfennig fand sich
+vor — auch nicht einer.</p>
+
+<p>»Himmel — was haben wir denn heut für'n Datum?«</p>
+
+<p>»De sechsundzwanzigste — ach so!«</p>
+
+<p>Student und Mädel sahen sich an und mußten<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> lachen, daß ihnen die
+Tränen die Backen herunterliefen.</p>
+
+<p>»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!«</p>
+
+<p>»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!«</p>
+
+<p>»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? — gibt's nit — wär auch
+schad um Ihne!«</p>
+
+<p>»So — finden Sie?!«</p>
+
+<p>»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's
+wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch
+von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?«</p>
+
+<p>Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu,
+wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten.</p>
+
+<p>Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig
+sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben
+— daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld,
+und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte,
+auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die
+seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost
+einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken
+Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ...</p>
+
+<p>Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und
+verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern
+entziehen.<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich
+nur an die Kommod — ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm
+vor: »— — zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde — — zehn, elf, zwölf Paar
+Unnerhose — — zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde — uh, was habe
+Se für schön gestickte Nachthemde!«</p>
+
+<p>Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah,
+lachte sie noch viel stärker.</p>
+
+<p>Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall
+beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als
+Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und
+Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais,
+eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief
+mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand
+in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in
+diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte
+sie ihre Lustigkeit.</p>
+
+<p>»Ah! Zigarette! un sicher gute!«</p>
+
+<p>Ihre Augen funkelten begehrlich.</p>
+
+<p>»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen
+sehen. Doch — einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen.</p>
+
+<p>»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung
+auf, und eins, zwei, drei hatte<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> sie die Zigarette entzündet. Nach
+ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er
+sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die
+Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf
+dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden
+Lippen.</p>
+
+<p>Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne,
+baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen
+lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein
+Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute.</p>
+
+<p>»Nu?« sagte sie nach einer Weile.</p>
+
+<p>Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine
+Kinnbacken bebten leise.</p>
+
+<p>»So e hübscher Jung — un so langweilig!« sagte Rosalie.</p>
+
+<p>»Langweilig? finden Sie mich langweilig?«</p>
+
+<p>»Arg,« sagte Rosalie.</p>
+
+<p>Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch
+die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus.</p>
+
+<p>»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd
+zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme
+nehmen — das war doch bei den andern auch so gewesen ...</p>
+
+<p>Aber Werner drehte sich nicht um, und mit<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> einem mißtönigen Lachen der
+Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen.</p>
+
+<p>Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der
+Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!«</p>
+
+<p>Und auf einmal konnte Werner weinen.</p>
+
+<p>Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ...</p>
+
+<p>Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben
+Zimmer die blonde Babett geweint hatte.</p>
+
+<p>»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen — und wie
+anders war das Antlitz der Wirklichkeit — —</p>
+
+<p>Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll
+vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen
+dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und
+Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft,
+aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten
+Freunden ... und die Wirklichkeit?</p>
+
+<p>Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig
+hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine
+Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden
+Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen,
+verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen
+in der von Mensur- und<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Weibergesprächen ausgefüllten Runde der
+Korpsbrüder — dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein
+Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und
+abends — Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier —
+Bier — Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache,
+doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen
+rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln
+des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von
+dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier — Bier — Bier
+...</p>
+
+<p>Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum
+geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ...</p>
+
+<p>Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ...</p>
+
+<p>Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift
+Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins
+Auge schauten.</p>
+
+<p>Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von
+der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der
+Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die
+Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als
+müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ...
+aber was dann?</p>
+
+<p>Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er
+sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz
+des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne
+doch! sonnte —</p>
+
+<p>Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte
+ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben
+begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes
+seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden,
+versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle
+Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes,
+der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer
+imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken
+Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den
+historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen,
+wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen
+obskuren Kneipen — die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren
+und darum für den »Finken« fast unmöglich — angewiesen auf den Zufall,
+der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> er
+einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt,
+als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem
+Korps getrieben — —</p>
+
+<p>Nein — lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit
+der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden,
+damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden
+möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps — Chargierter werden
+— Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben
+... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie
+er's auf dem Gymnasium gewesen ...</p>
+
+<p>So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte
+am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem
+Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern.</p>
+
+<p>Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die
+erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen,
+die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch
+trachte, nein, daß recht inwendig ...</p>
+
+<p>Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus
+der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare
+folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> das eine, in
+wildem, dumpfem Neiderhaß das andere.</p>
+
+<p>Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in
+seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar
+Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn
+des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne
+eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter
+seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte
+das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen
+gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden.
+Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam
+gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden
+von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda
+und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der
+akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der
+gleichberechtigten Kommilitonen aus.</p>
+
+<p>Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg
+des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine
+armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen
+semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der
+Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten.</p>
+
+<p>Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Stunden im Laden
+der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des
+Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern,
+die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die
+Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung,
+die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer
+ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier
+Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das
+Zimmer blieb leer und wartete.</p>
+
+<p>Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer
+sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im
+Laden zu finden.</p>
+
+<p>Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten
+Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit
+Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte
+es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht
+gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum
+Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch
+nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart
+der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl
+mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine
+besondere Genugtuung,<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu
+lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer
+Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon
+sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante
+abzubekommen.</p>
+
+<p>Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder — schimpfte nur
+selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen
+Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er
+beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ...</p>
+
+<p>Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den
+Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock
+des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese
+Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in
+die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten.</p>
+
+<p>Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische
+Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede
+Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war.
+Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster,
+forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben
+haben?</p>
+
+<p>Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Pariahaß
+betrachtete — eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende
+Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ...
+es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer
+von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches
+Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von
+seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen
+gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte,
+dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren
+Leib ...</p>
+
+<p>Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner
+Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete — mußte sich
+abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen — den
+Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in
+den weißen Hals des Jünglings zu bohren ...</p>
+
+<p>Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners
+Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in
+seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde
+da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie,
+seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und
+die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf
+einem Schemel hinter<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine
+beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles
+Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte
+von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie
+hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter
+den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor
+Mittag.</p>
+
+<p>Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor
+deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen
+ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die
+Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen
+in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten
+der Cimbria vorüberspazierte — Klauser hatte das Mädchen, das sein
+ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und
+ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein.</p>
+
+<p>»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne
+diene?«</p>
+
+<p>Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur
+eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde.
+Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln.</p>
+
+<p>Klauser trat heran und zog die Mütze.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p>
+
+<p>Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern,
+noch verbergen.</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein
+werden?«</p>
+
+<p>»Oh, ich denke doch — und Sie?«</p>
+
+<p>»Ich bin da — aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.«</p>
+
+<p>»Ach so —« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?«</p>
+
+<p>»Herr Seydelmann.«</p>
+
+<p>»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie tanzen, komme ich.«</p>
+
+<p>»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!«</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz
+und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte
+so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe
+zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung
+einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste
+Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten
+diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's
+nur nicht Rosalie war.</p>
+
+<p>Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da
+kam ein anderer Besuch:<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre
+alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich.</p>
+
+<p>»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und
+reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber — was hast,
+Mädche?«</p>
+
+<p>Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen.</p>
+
+<p>Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß
+dich spreche — allein muß ich dich spreche — du mußt mer helfe,
+sonscht —«</p>
+
+<p>»Na, da geh im Zimmer — ich komm — nur ebe die Kunde muß ich
+abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>V.</h2>
+</div>
+
+<p>Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort
+stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die
+alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er
+leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht
+hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun
+oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und
+rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten
+möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte
+nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die
+Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals
+gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop.
+Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es
+knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen
+Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten,
+einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber
+nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche
+Pochen in ihrem armen Leibe ...</p>
+
+<p>»Na, Lenche, was bringst gut's?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<p>Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend,
+stand Rosalie vor der Freundin.</p>
+
+<p>»Ach, Salche — ich muß ja sterbe, Salche!«</p>
+
+<p>»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der
+Freundin und umfaßte ihren Leib — —</p>
+
+<p>Was war das?!</p>
+
+<p>»Lenche —!!«</p>
+
+<p>»Ja, Salche — das is es —«</p>
+
+<p>»Nit möglich — Lenche — wie hast denn das angefange? Na, aber so e
+Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer — wer —
+von wem hast es denn?«</p>
+
+<p>»Kennst du de Scholz?«</p>
+
+<p>»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?«</p>
+
+<p>Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin.</p>
+
+<p>»De Scholz — na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch
+mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon
+e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt,
+Lenche?«</p>
+
+<p>»Ach, Salche — du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en
+kenn! — Das is einer, Salche — wenn der dich will, da kannst de nit
+nein sage!!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht
+nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht
+gehen.</p>
+
+<p>»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?«</p>
+
+<p>»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!«</p>
+
+<p>»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder — der tut mich dotschlage, wenn
+er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un — oh,
+Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!«</p>
+
+<p>»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche
+Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?«</p>
+
+<p>»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.«</p>
+
+<p>»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange
+verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch
+schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch
+zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!«</p>
+
+<p>»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot
+tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich
+kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?«</p>
+
+<p>»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er
+selbstverständlich tät das Kind bezahle — aber ... heirate will er
+mich nit!«</p>
+
+<p>»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de
+Kopp gesetzt?«</p>
+
+<p>Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was
+redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn
+de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...«</p>
+
+<p>»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr
+wie recht ...«</p>
+
+<p>E dumm Gans! — Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles
+zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz
+so gar viel Schlipse und Kragen brauchte — wie er ihr das erste
+Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste
+Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so
+viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der
+armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell — und dann
+der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach,
+unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der
+Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht — am andern Morgen
+wollte er in die Ferien reisen,<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> auf zwei Monate fort ... und dieser
+Abschied am Waldrand — und wie sie sich erst schon losgerissen hatte
+— und dann doch zu ihm zurück mußte — zurück in das Waldesdämmern
+... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach
+zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag-
+und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine
+Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten
+Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde,
+Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und
+niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte
+— daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte — nein, das war ja
+unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte
+dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus
+aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der
+väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem
+öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er
+angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte
+sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines
+sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde,
+eines Kampfes um Amt und Brot — — für sie war er immer ein Gott
+gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er,
+der<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel,
+die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch
+nicht mit Spazierengehen verdiente ...</p>
+
+<p>»So e dumm Gans!«</p>
+
+<p>Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm <em class="gesperrt">das</em> erzählt
+hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und
+sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun
+doppelt heilig ...</p>
+
+<p>Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs
+Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das
+Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie
+das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei:
+den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern
+als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen
+zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den
+Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ...</p>
+
+<p>Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche
+mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht
+in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen.</p>
+
+<p>Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen
+Stimmen und Jugendschritte.<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Hundegebell erscholl dazwischen,
+Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem
+holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die
+Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen
+Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im
+Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle
+frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher
+roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren,
+die Fürsten dieses Städtchens.</p>
+
+<p>Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den
+Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach
+der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen
+war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der
+Cimbern umsonst — Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen
+... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten
+Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ...</p>
+
+<p>Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte
+den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau
+betrachtet ...</p>
+
+<p>Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen
+halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner
+linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> ersten
+Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er
+stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen.</p>
+
+<p>»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der
+Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr,
+gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im
+Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte.</p>
+
+<p>Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere
+Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese
+jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in
+Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>VI.</h2>
+</div>
+
+<p>Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die
+Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob
+der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die
+andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches
+Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum«
+bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte,
+war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden,
+der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das
+Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private
+Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die
+Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft
+erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften,
+Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme
+museumsberechtigt.</p>
+
+<p>Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere
+Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen
+und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh,
+dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten.</p>
+
+<p>Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete
+oberste Schichten dieser Hierarchie<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> zu halten hätten, wurde ihnen vom
+Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon
+ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er
+beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen
+dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal
+bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame
+auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte.</p>
+
+<p>Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen
+Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte,
+sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber
+geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu
+tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig
+in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die
+Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein <em class="antiqua">commercium
+et connubium</em> bestand.</p>
+
+<p>Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst
+unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz
+waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren
+pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber
+fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte
+des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span>
+Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern.</p>
+
+<p>In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden,
+unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da
+gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne
+flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln
+die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee
+saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den
+ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst
+war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten
+vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten,
+soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf
+den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der
+grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht.</p>
+
+<p>Aber die Studenten! Auf den ersten Blick hatte Werner natürlich seine
+Korpsbrüder erspäht, deren schon eine stattliche Zahl versammelt war.
+Daneben der Tisch der Hessen-Nassauer, deren hellgrüne Mützenreihe so
+lustig leuchtete, wie das junge Lindengrün darüber, und der Tisch der
+Westfalen, die jetzt im Sommer statt der schwarzen Mützen weiße Stürmer
+trugen.</p>
+
+<p>In gewissem Abstande vom S. C. dann die<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Burschenschaften, violette
+Alemannen und ziegelrote Arminen, und alle die anderen Korporationen,
+deren Nam und Art Werner noch immer nicht ganz sicher beherrschte.</p>
+
+<p>Und an allen Tischen scholl lustiges Geplauder, überall wurden von
+schwitzenden Kellnern Flaschenbatterien angeschleift, überall konnte
+man beobachten, wie in riesigen Steinguttöpfen von sachverständiger
+Hand über die Würzeblättlein des Waldmeisters endlose Moselfluten
+ausgegossen wurden, bis eine Flasche Wachenheimer Schaumwein,
+Kostenpunkt zwei Mark zwanzig Pfennige, dem Gebräu die letzte festliche
+Vollendung gab.</p>
+
+<p>Und zwischen den leuchtenden Farbflecken der Damenkleider, den
+grellbunten der Burschenmützen konnte ein sorgfältiges Auge schon jetzt
+ein geheimes Hinüber und Herüber erkennen, einen Austausch von Blicken
+hin und her — — als wären da unsichtbare Drähte gespannt, fluteten
+feine, geheime Ströme hinüber und herüber, hin und her, im Maienhauch,
+unterm leise schwankenden Lindenlaub, getragen von den schaukelnden
+Wogen der Orchestermusik, hinüber, herüber, herüber, hinüber ...</p>
+
+<p>Und Werner empfand das alles im Schauen. Eine große Freudigkeit weitete
+ihm die Brust. Sein erster Ball! Wenn auch nicht im kerzengeschmückten
+Saale, nicht im feierlichen Winterschmuck — dafür<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> in Sonn' und
+Lindenluft, bei Mückentanz und Amselschlag.</p>
+
+<p>Ach, hinein in diese duftenden Wogen, diese farbigen Fluten — Leben,
+Jugend, hinein in deine festliche Fülle, hinein, hinein!</p>
+
+<p>Hinein, dorthin, wo lose Locken wehen und helle Augen flackern, wo
+weiche, schmiegsame Mädchengestalten in raschen Rhythmen sich wiegen,
+wo alles Verheißung ist und Sehnsucht und Erfüllung und freigebendes
+Auskosten der gnädigen Stunde! Hinein — hinein!</p>
+
+<p>Mit souveräner Nasenhebung schritt Werner an den Tischen der Turner
+und Burschenschafter vorbei, mit feierlich abgezogener Mütze an den
+Niederlassungen der Hessen und Westfalen, mit lächelnder, doch auch
+zeremonieller Verbeugung trat er an den Cimberntisch, wo man ihn
+willkommen hieß, nicht mit jugendlich lautem Hallo, sondern mit der
+gemessenen Heiterkeit, welche die Korpsstudenten überall zur Schau
+trugen, wo sie sich beobachtet wußten. Dann setzte er sich zu den
+Mitfüchsen, die ihn, den Rheinländer, als Bowlesachverständigen
+willkommen hießen. Und Werner, eingedenk, wie oft er dem geselligen
+Vater beim Bowlenbrauen hatte helfen müssen, war bald eifrig
+beschäftigt, das Gebräu anzusetzen und, was bei der Waldmeisterbowle so
+wichtig, es abzukosten, ob auch die Kräuter schon genügend »gezogen«
+hätten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Inzwischen beobachtete er die Korpsbrüder und entdeckte bald die ihm
+schon bekannten Beziehungen. An der Spitze des Tisches saß Scholz,
+eisern, blasiert, gleichgültig: die Damen der Gesellschaft kamen als
+unnahbar für ihn nicht in Betracht ... Aber neben ihm saß Klauser
+... den Ausdruck seines Gesichtes kannte Werner schon, und mit einer
+leichten Linkswendung des Kopfes folgte er den starren, gebannten
+Blicken seines Korpsbruders ... natürlich, da drüben saß ja die schöne
+Marie Hollerbaum, neben einer zarten, grauhaarigen Dame, umringt
+von einer Schar junger Mädchen, wieder in Hellgrün, der Grundfarbe
+Hasso-Nassovias, die dem Cimbernherzen nun einmal fatal war ... Ihr
+Kopf mit dem blumenwippenden Sommerhütchen hing nach vorn über einer
+Häkeltändelei — aber jetzt — jetzt hob sie den Kopf, und ein Blick
+blitzte aus umdunkelten Augen unter dem Hutrand hervor, daß Klauser
+den mächtigen Brustkasten dehnte und aufflammenden Gesichts rasch ein
+ganzes Glas Bowle hinunterstürzte.</p>
+
+<p>Und glänzte nicht auch Dammers Bemmchengesicht wie frisch geschmiert?
+Drüben saß ja, in neutrales Weiß gekleidet, das ganze Vogtsche
+Pensionat, anderthalb Dutzend frischester Mädelgestalten, rechts
+und links des Tisches aufgereiht ganz wie zwei Reihen Täubchen auf
+der Stange, sorgsam behütet von den ruhelosen Augen einer unendlich
+gutmütig dreinschauenden Vorsteherin und dem Falkenblick der hageren<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>
+Mademoiselle ... aber »Kätchen, das sießeste Mädichen« zu erspähen
+glückte Werner nicht ... die Kinder sahen alle egal aus ...</p>
+
+<p>Und poussierte nicht auch der biedere Korpsbursch Dettmer heftig
+mit den Augen, obwohl er an der Bowle nicht teilnahm, und vor ihm
+noch immer Rotwein und Selterswasser verräterisch aufgebaut waren?
+Aber auch er, ob er schon das schmutzige Gift aus Gießen noch mit
+sich herumschleppte, ließ seine Blicke zum Vogtschen Pensionate
+hinüberschweifen, und da entdeckte Werner auch gar bald ein
+Madonnenköpfchen voll himmlischer Kinderunschuld, dessen friedvolle
+Augen halb bewußt widerstrebend, halb unbewußt hingebend die Blicke des
+blaubemützten Studiosen auffingen, dessen Gesicht durch die Blässe der
+Krankheit einen Ausdruck von Geist bekommen hatte, der ihm in gesunden
+Tagen fremd war.</p>
+
+<p>Ach, es waren wenige unter den Cimbern, die nicht an irgendeiner Stelle
+des weiten Museumsgartens einen Haltepunkt für ihre Augen, ein Ziel
+ihrer feurigen Blicke gefunden hatten. Die wenigen Unberührbaren aber
+vertieften sich um so eifriger in die Bowle.</p>
+
+<p>Und die Mütter, die Pensionsvorsteherinnen sahen schmunzelnd, friedvoll
+dem Treiben zu. Es war immer so gewesen in Marburg. In ihrer Jugendzeit
+hatten auch sie ganze Generationen von Studenten durchgeliebt ... das
+war nun einmal das Schicksal<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> der jungen Mädchen in einem kleinen
+Universitätsnest, wo der Student die anderen Tänzer und Courmacher
+verdrängte ... schließlich blieb doch einmal einer hängen ... und wenn
+nicht ... dann wurde man eben alte Jungfer ... das sollte ja auch
+anderswo als in Universitätsstädten vorkommen ... mochten sie sich
+doch ihres Lebens freuen, die jungen Dinger ... und wenn auch einmal
+ein paar Rendezvous und Küsse dabei vorkamen ... daran sind wir Alten
+ja seinerzeit auch nicht gestorben ... ernstere Gefahren drohten den
+jungen Damen ja nicht von Studenten ... dafür gab's andere Mädchen ...
+bequemere, gefahrlosere Gelegenheiten.</p>
+
+<p>Und der Tanz begann. Im Nu liefen all die bunten Farbflecke
+durcheinander, flossen hinüber und herüber und mündeten dann in
+einen schmalen Strom, der sich nun mitten zwischen Tischen und
+Menschengruppen hindurch zur obersten Terrasse emporwand, wo unter
+freiem Himmel das niedere bretterne Tanzgerüst aufgeschlagen war. Und
+das krachte nun unwillig unter der Last von Jugend, die sich darüber
+hin ergoß.</p>
+
+<p>Werner hatte nicht engagiert. Er wollte sich's erst mal ansehen. Und
+etwas in ihm jauchzte und frohlockte still und gelassen im Anschauen
+von so viel brünstiger Jugendkraft, so viel festlich aufschäumender
+Lebensfülle.</p>
+
+<p>Er sah dem Tanze zu, sah, wie Klauser Marie<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Hollerbaum fest im Arm
+hielt und, ein etwas stürmischer, doch sicherer Tänzer, sie durch das
+Gewühl der Paare steuerte; dabei kam's ihm nicht darauf an, dies Paar
+rechts, jenes links beiseite zu schieben oder auch zu stoßen.</p>
+
+<p>Gleichzeitig bemerkte er aber auch, daß derjenige, mit dem Klauser
+morgen den schwersten Gang seines korpsstudentischen Lebens zu bestehen
+haben würde, daß der Hessen-Nassauer-Senior Seydelmann ohne zu tanzen
+beiseite stand und des Gegners Eifer mit unmerklichem Lächeln verfolgte.</p>
+
+<p>Aber fest und hingebend lag die schlankerblühte Mädchengestalt in
+Klausers Arm, und Werner wußte, daß auch ihn kein Morgen, kein
+künftiger Kampf gehindert haben würde, das Glück eines solchen
+Augenblickes in sich hineinzutrinken, wenn ... wenn jene hier gewesen
+wäre, nach der ihn auf einmal eine süße Sehnsucht überfallen hatte ...
+jenes einzige weibliche Wesen, das bisher zu seiner Seele gesprochen
+hatte.</p>
+
+<p>Elfriede! Wie ein Heimweh überkam den Zuschauenden der Gedanke. Nein,
+er würde keine »Sonne« haben in Marburg, er würde niemals hier draußen
+das bebende Jauchzen, den wunderverheißenden Ruck am Herzen spüren, den
+ihr Anblick ihm stets gegeben ... niemals das wilde, heilige Glück,
+wie er es daheim empfunden, wenn er sie im Konzert, bei einem Feste
+erkannt, nie den lastenden<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> und dennoch beseligenden Schmerz, wenn er
+sie hatte vermissen müssen.</p>
+
+<p>Elfriede! Das war ihm mehr als ein Name, als das Symbol ihrer Person:
+es war ihm eine Zauberformel ... bei deren Erklingen die innersten
+Pforten seines Herzens weit, weit aufsprangen, auf daß ein Festzug
+einziehe, dem alles folgte, was es Seltenes, Heilig-Herrschendes gab
+auf Erden und in den Himmeln aller Vergangenheiten und kommenden Tage
+...</p>
+
+<p>Aber der Tanz war aus, und um den schauenden Jüngling schwoll nun der
+Strom der Tänzer dem Ausweg zu. Und um ihn herum nichts als glühende,
+tief atmende Mädchenfrätzchen, scherzende, schwitzende Knabengesichter,
+alles hell, alles warm, alles duftend vom Hauch gepflegten, gehüteten
+Jugendlebens, alles brandend, brausend von Heiterkeit und sehnsüchtiger
+Kraft ...</p>
+
+<p>Und wieder klang's in ihm: hinein!</p>
+
+<p>Und als sein Fuchsmajor an ihm vorüberstrich, der hagere Papendieck,
+ein wuschliges Blondköpfchen an seiner Seite in einem weißen
+Spitzenfähnchen, da ließ er sich vorstellen und bat um den nächsten
+Tanz. Mit kecker Neugier musterte ihn die Kleine — nickte dann dem
+Fuchsmajor den Abschied, zog ihre feuchte Hand aus seinem Arm und sagte
+zu Werner: »Wollen wir gleich hier oben bleiben?«</p>
+
+<p>»Ei, warum denn nicht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
+
+<p>»Na also! Los!«</p>
+
+<p>Und schon fühlte Werner das Händchen in seinem rechten Arm, fühlte, daß
+sie ihn mit einem leichten Druck rechts herum zog, und da schwenkte er
+denn rasch herum, daß auch sie ein bißchen flog, und lachend trollten
+die beiden in einen von wildem Wein übersponnenen Seitengang hinein.</p>
+
+<p>»Na, also zunächst mal, wie heißen Sie eigentlich?« sagte die Blonde,
+trat ihm gegenüber und musterte ihn nochmals recht eingehend. »Ich hab'
+Ihren Namen bei der sogenannten Vorstellung natürlich nicht verstanden,
+wie immer.«</p>
+
+<p>»Also Achenbach, Werner Achenbach, Cimbriae, <em class="antiqua">studiosus juris</em> aus
+Elberfeld ... und Sie, Fräulein?«</p>
+
+<p>»Ich heiß' Ernestine Buchner, bin aus Siegen in Westfalen und bei Tante
+Vogt in Pension — nun wissen Sie's!«</p>
+
+<p>»Danke — also Sie studieren auch hier — auch erstes Semester?«</p>
+
+<p>»Ne, zweites — Brandfuchs!«</p>
+
+<p>»Ich bin Krasser —«</p>
+
+<p>»Das weiß ich — sonst kennte ich Sie ja schon vom Winter her.«</p>
+
+<p>»Was? Kennen Sie denn alle tausend Marburger Studenten?«</p>
+
+<p>»Die Korpsstudenten kennen wir bei Tante Vogt jedenfalls alle und nun
+gar die Cimbern: Frau Vogt ist ja 'ne Alte Dame von Ihnen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>»So? Das wußte ich ja noch gar nicht.«</p>
+
+<p>»Doch — ihr verstorbener Seliger, der Sanitätsrat, war Alter Herr von
+Ihrem Korps. Ihr Korps und unsere Pension haben doch überhaupt Kartell
+— innige und alte Kartellbeziehungen — wissen Sie das denn nicht?!
+Wie gefällt Ihnen denn dieser Betrieb?«</p>
+
+<p>»Betrieb?« fragte Werner. »Was für ein Betrieb?«</p>
+
+<p>»Na, hier die Hopserei! die Wald-, Wiesen- und Hecken-Hopserei!«</p>
+
+<p>»Ach so, Sie meinen die Reunion? Nun — seit einigen Minuten — ganz
+erträglich.«</p>
+
+<p>»Quasseln Sie nich! Komplimente sind bei mir nicht angebracht. Haben
+Sie denn einen Schimmer vom Tanzen?«</p>
+
+<p>»In der Tanzstunde hat der Tanzlehrer mich immer gelobt ...«</p>
+
+<p>»Und seitdem —?«</p>
+
+<p>»Hab' ich bis heute keinen Schritt mehr getanzt.«</p>
+
+<p>»Und wie lange ist das her?«</p>
+
+<p>»Vier Jahre,« sagte Werner etwas kleinlaut.</p>
+
+<p>»Oh, Sie Unglückswurm — oder vielmehr ich Unglückswurm! — Na, Kopf
+hoch, ich kriege Sie schon rum. Aber wenn Sie mir aus die Hühneraugen
+treten, dann schmeiß ich mit feuchtem Lehm.«</p>
+
+<p>Etwas verblüfft sah Werner zu dem strammen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Figürchen an seiner Seite
+herunter. Sie reichte ihm gerade bis über die Schultern. Ein völlig
+kindliches Gesicht, das Mündchen eines verzogenen Backfischchens, und —</p>
+
+<p>»Sie — schnell, kehrt, marsch, marsch!« rief die Kleine plötzlich
+erschrocken, »da ins Gebüsch!«</p>
+
+<p>»Himmel — was ist denn los?«</p>
+
+<p>»Mademoiselle kommt! Jedenfalls hat sie beim Abzählen eines von ihren
+Küken vermißt, und nu kommt se und will mich bei de Hammelbeine
+kriegen!«</p>
+
+<p>Und eh' er sich's versah, stak Werner mit seiner »Dame« mitten in einem
+blühenden Jasmindickicht. Draußen spürte die Mademoiselle herum.</p>
+
+<p>»Hier bleiben wir, bis der Tanz losgeht! Ich find's ganz nett hier —
+Sie auch?«</p>
+
+<p>»Ich auch,« sagte Werner, ganz benommen.</p>
+
+<p>»Raum ist in der kleinsten Hütte«, sagte Ernestine pathetisch, »für ein
+glücklich liebend Paar. Glücklich liebend! Hehe! Sie machen gar kein
+sehr glückliches Gesicht! Wollen Sie wohl mal schnell ein glückliches
+Gesicht machen?«</p>
+
+<p>Und dabei hatte sie seine beiden Arme oberhalb der Ellenbogen gepackt
+und schüttelte ihn ganz derb.</p>
+
+<p>Und Werner wurde warm. Das lachende Milch- und Blut-Gesicht vor seiner
+Nase, von lauter feinen Schweißperlchen Stirn und Näschen bedeckt, die
+losen Löckchen, die ihm manchmal kitzelnd ins Gesicht wehten, dies
+dralle Figürchen dicht vor seiner Brust<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> und die Umklammerung der
+festen kleinen Fäuste um seine Arme ...</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Auch von Lieb umgeben</div>
+ <div class="verse indent2">Ist Studentenleben —«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Schon umspannten seine Hände ihre Taille, er zog sie an sich heran, und
+sie hob ihr Mäulchen seinem Kuß entgegen —</p>
+
+<p>Da schoben sich die Zweige des Bosketts auseinander, und dazwischen
+erschien das gelbe Gesicht der Mademoiselle.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Mademoiselle hatte Werner energisch anbefohlen, ihr und der trotzig
+leise schluchzenden kleinen Westfälingerin einen ordentlichen Vorsprung
+zu lassen. So stak Werner im Boskett und versuchte, sich die Folgen
+dieses Abenteuers auszumalen. Er nahm als gewiß an, daß Frau Vogt, die
+»Alte Dame«, sich beim Korps über ihn beschweren und man ihn dann mit
+Schimpf und Schande hinauswerfen würde.</p>
+
+<p>Wie ein beim Naschen erwischter Köter kroch er tief gesenkten Hauptes
+aus dem Gebüsch und schlich an den Korpstisch zurück.</p>
+
+<p>»Nanu?« rief der lange Papendieck. »Wo hast du denn die kleine
+Siegerländerin gelassen? Eben geht doch der Tanz los?«</p>
+
+<p>Werner wies nur mit stummem Kopfnicken zum Tisch des Vogtschen
+Pensionats hinüber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<p>»Was? — eingeheimst? nanu? hast du am Ende gar —?«</p>
+
+<p>Werner hielt es für das beste, dem Fuchsmajor die ganze Sache offen zu
+erzählen. Der lachte übers ganze Gesicht und sah den jungen Fuchs mit
+einem Ausdruck an, dem selbst der unerfahrene Werner entnehmen mußte,
+daß er, Werner, statt einer Korpsstrafe entgegenzugehen, in der Achtung
+seines Erziehers um einige Haupteslängen gestiegen sei.</p>
+
+<p>Aber sein Tatendrang war dennoch vergangen. Und statt abermals um
+eine Tänzerin zu werben, vertiefte Werner sich in die Bowle. Aber
+nicht weichen wollte von ihm ein süßes und neues Gefühl; als er die
+blonde Ernestine an sich gezogen, da hatte er ihre Arme umspannt ...
+O Gott, waren die seltsam weich und kühl gewesen! — Und als sie
+Brust an Brust vor ihm gestanden, da hatte er an seinem Herzen etwas
+noch viel Weicheres gefühlt ... das wollte nicht fort von ihm, dies
+quälend-entzückende Gefühl ... ihm wurde ganz wirr davon. Und er trank
+unmenschlich. —</p>
+
+<p>Und das Fest ging seinen Gang. Über dem Hin- und Herströmen der
+Tänzerpaare, über den Wirbeln und Verschlingungen ihrer Rundtänze und
+Kontres senkte sich die Nacht. Kühle kam. Hunderte bunter Lampions
+flammten auf. Und immer weiter ging's: Lanciers, Polka, Walzer, Walzer,
+Walzer ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>Röter flammten die Wangen der Burschen, höher atmeten die jungen Brüste
+der Mädchen unter leichten Batisthüllen, doch strenge Sitte, eiserne
+Kavalierspflicht türmte eine trennende Schranke ... und wenn auch das
+eine oder andere Paar sich auf ein paar Minuten in einen Laubengang
+verlor ... mehr als ein paar scheue Küsse forderte auch der Keckste,
+bewilligte die Leichtsinnigste nicht. Kavalier und Dame ... so standen
+sich diese jungen Kinder gegenüber. Und dabei waren fast alle diese
+Jünglinge schon wissend; fast alle hatten sie schon weit, weit abseits
+der Sphären dieser bürgerlichen Wohlanständigkeit, in dunklen, dumpfen
+Lasterhöhlen das Geheimnis des Lebens ergründet ...</p>
+
+<p>Hier aber gaben sie sich als die korrekten, kittelsaubern Gentlemen,
+denn sie trugen die Farben ihrer Couleur, ihres Korps, und die jungen
+Mädchen an ihrem Arme waren Damen ... Damen, deren Reinheit von der
+Pistole bewacht wurde, für deren Unschuld das Leben von Vätern und
+Brüdern bürgte.</p>
+
+<p>Und sie waren ahnungslos. Die Schlimmsten und Schlauesten unter ihnen,
+für die das Storchmärchen Kinderspott, die sich einbildeten, wunder
+wie aufgeklärt zu sein über die Bestimmung der Geschlechter, sie waren
+reine Engel gegen die Jünglinge, zu denen sie aufschauten, die aus dem
+Anschmiegen ihres jungen Körpers, aus dem Duft ihrer holden Wärme das
+süße Gift friedloser Sehnsucht<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> sogen, das so manchen von ihnen spät
+nach dem Tanz in geheime Winkel trieb, wo für ein paar Silberlinge zu
+erkaufen war, was Sitte und Satzung hier dem Sehnenden lockend zeigte
+und dann hämisch aus den Armen riß ...</p>
+
+<p>Auch Werner sehnte sich. Es trieb ihn von dem Zechertisch weg, wo um
+den immer neu aufgefüllten Bowlennapf die Köpfe der Trinkenden immer
+schwerer, die Augen immer stierer wurden ... höher stieg er in den
+Garten, und die leichten Walzermelodien, der Mondflimmer, der das Tal
+mit flutenden Nebeln füllte, der Nachtigallenruf aus den Uferbüschen
+drunten in der Ferne wühlten das Blut in ihm auf, der Wein in seinem
+Hirn, die Erinnerung an jenen Augenblick hastigen Erhaschens verwirrten
+sein Wollen ... Leib und Seele ächzten auf, ihre Sehnsucht schrie
+ineinander: ein Weib ... ein Weib ...</p>
+
+<p>Da, als er fast taumelnd an dem Boskett vorbeischlenderte, in dem
+Ernestine ihm ihre Lippen geboten, vernahm er drinnen ein Geflüster:</p>
+
+<p>»Es ist Zeit für dich, Liebster — wahrhaftig, es ist Zeit — schon
+dreiviertel elf ... ich will nicht, daß der greuliche Seydelmann dich
+mir morgen zu arg zurichtet ...«</p>
+
+<p>Und dann eine Stimme, die er kannte:</p>
+
+<p>»Noch einen Kuß, Liebchen — noch einen Kuß —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>Und eine Stille, ach, eine lange Stille ...</p>
+
+<p>»Willst du mir das Däumchen halten morgen?«</p>
+
+<p>»Aber gewiß!«</p>
+
+<p>»Tu's lieber nicht — du meinst es nicht ehrlich — du bist eine
+Hessen-Nassauer-Dame —«</p>
+
+<p>»Mit dir mein' ich's ehrlich —«</p>
+
+<p>»Liebste — komm — so — und so — und nun — nun müssen wir gehn!«</p>
+
+<p>»Hast du mich lieb — Willy?!«</p>
+
+<p>»Du! Marie! Du! — — hast du mich auch lieb, Marie?«</p>
+
+<p>»Willy — Willy ... meiner — mein Willy!«</p>
+
+<p>»Meine Braut — meine süße, süße Braut —«</p>
+
+<p>Und da traten sie aus dem Gebüsch, der Klauser und sein blonder Schatz
+... und sie an seinem Arm, so schritten sie dem fernen Lärm des Tanzes
+zu, durch den Mondglast der Berggartenwiese ...</p>
+
+<p>Und Werner war allein ...</p>
+
+<p>Allein? Warum?</p>
+
+<p>Wußte er nicht auch ein paar Arme, die sich ihm auftun, ein paar
+Lippen, die sich ihm nicht versagen würden?</p>
+
+<p>Rosalie! Er sah ihren gewährenden Blick, ihr ermutigendes Lächeln ...</p>
+
+<p>Er hatte eine geheime Angst vor dem wissenden, überlegenen Ausdruck
+ihrer Augen ... aber in dieser Stunde ... sie war ein Weib ... ein Weib
+—!!</p>
+
+<p>Seinen Stock, den er am Bowlentische stehen<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> gelassen — ein schönes
+Stück, eine Dedikation Dammers — ließ er im Stich ... er flog nach
+Hause, immer nur von dem Gedanken beseelt, daß er an Rosaliens
+Zimmertür pochen müsse ... mochte dann kommen, was da wolle, er mußte
+anklopfen, er mußte ...</p>
+
+<p>Er zog die Schuhe aus, schlich die zwei Treppen hinauf ... oft knackten
+die trockenen, jahrhundertalten Dielen ... dann hielt er lauschend den
+Atem an ...</p>
+
+<p>Ihn fror, seine Hände flogen, seine Kinnbacken schlotterten ...</p>
+
+<p>Nun stand er oben vor der Tür ... die Hand lag auf der Klinke — —</p>
+
+<p>In diesem Augenblick faßte ihn ein solch jähes Zittern, daß er sich
+kaum auf den Beinen halten konnte. Ein wilder Schrei — ein Schrei,
+der nichts Menschliches hatte, ein Klang wie das Todesgeheul einer
+waidwunden Bestie — war draußen, drunten in der Tiefe erklungen — —
+zum offenen Flurfenster hinein ...</p>
+
+<p>Bebend schlich er ans Fenster und spähte hinaus. Monddurchwoben lag das
+breite Lahntal zu seinen Füßen; tief unten zog sich die Straße, daneben
+gingen die ruhigen Wasser des Flusses. Da unten — da unten mußte es
+gewesen sein ... ein Schrei aus Menschenmund war das gewesen ... aber
+ein Schrei, wie Werner noch keinen gehört hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p>Doch alles blieb still und ruhig drunten. Alles schlief ... niemanden
+schien die schreckhafte Stimme geweckt zu haben ...</p>
+
+<p>Werner ging nicht zu Rosaliens Tür zurück. Er tastete sich in dumpfem
+Beben die Treppe hinunter ... im Zimmer riß er die Kleider vom
+Leibe, kroch zähneklappernd ins Bett und versank tief, tief in die
+unfruchtbaren Schauer seiner Knabeneinsamkeit — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>VII.</h2>
+</div>
+
+<p>Der Spuk der Nacht war verweht, die wilden Beklemmungen des Begehrens
+waren gelöst, der rätselvoll grauenbange Schrei der Finsternis im Ohr
+verhallt. Der erste Junimorgen wob überm Lahntal, und munter schritt
+Werner, wie jeden Samstagmorgen, dem Schlachtfeld Ockershausen zu. Er
+hatte den Weg über Schloß Dammelsberg gewählt und freute sich seiner
+Wahl.</p>
+
+<p>Ach, dies altersbraune Schloß, wie ruhig und trutzig reckte es
+seine ungefügen Mauern und Dächer in das junge Blau. Und von den
+Terrassen zu seinen Füßen, welch eine Schau in die Tiefe! Gen Norden
+überflog Werners Blick die Häuser des Städtchens im Grunde, aus
+deren modriger Alltäglichkeit die unverwelkliche Zauberknospe Sankt
+Elisabeth sich hob. Die Stadt verlor sich nach rechts in die breite,
+tannenbergumsäumte Lahnebene, nach links verkroch sie sich in die
+lieblichen Blütenbüsche des Marbachtals ... und da grüßte auch, nur
+um ein geringes unter Werners Standpunkt, aus schmuckem Berggarten
+die altersmächtige Cimbernlinde, drunter das ehrwürdige bescheidene
+Korpshaus, nicht unähnlich einer schlichten Bauernhütte; aber von
+seinem Dache flatterte lustig die blau-rot-weiße Fahne, schon ein
+wenig ausgefranst<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> vom Zerren des Frühlingswindes, ausgebleicht vom
+Maiensonnenblick, doch das Symbol des Bundes, dem Werner seine Jugend
+verschrieben, geheiligt durch seinen Willen, sie als eines Heiligen,
+seines Heiligsten Gleichnis gelten zu lassen. Und wie befreit von
+schweren wuchtenden Qualen atmete der Jüngling die sonnenduftende,
+taugekühlte Morgenbrise: sie kam vom Dammelsbergwald und brachte den
+Geruch der blühenden Eichen mit.</p>
+
+<p>Und Werner schritt unterm mächtigen Torbogen durch, und vor ihm lag die
+südliche Lahnebene nach Gießen zu, ganz durchhellt von Morgenprächten.
+In weitem Bogen umschlossen von lichtgrünen Bergwäldern, vom
+Silberzickzack des Flusses durchflirrt, fern überragt vom düstern
+burgtrümmer-überzackten Frauenberg, reckte sich die schimmernde Flur.
+Und um den Schloßberg hatten sich, hoch herauf geklettert vom Ufersaum
+der Lahn, die braunen Ziegeldächer des Städtchens gelagert, wie eine
+rastende Pilgerschar, aus deren Mitte die Helme reisiger Begleiter
+aufragten — die stumpfen Kirchturmhelme ...</p>
+
+<p>Ein gelbes Band, lag drunten ein Stück der Ockershäuser Chaussee, die
+sich bald in jungen Blütenhalden verlor: Fliederblüten wölbten violette
+Sträuße über der Burschenwalstatt. Und auf der Chaussee erkannte
+Werners Auge die wandernden Farbtupfen: blaue, grüne, weiße Punkte,
+alle zu dem bekannten Ziele strebend ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>Aber Werner hatte einmal allein des Weges wandern wollen und schwang
+nun rüstig sein dünnes Gymnasiastenstöckchen, das ihm heute den gestern
+abend im Stich gelassenen Couleurstock ersetzen mußte. Bald nahm der
+Dammelsbergwald ihn auf, er war allein, er war glücklich, sein Herz
+schlug vor Jugend und Überschwang, er mußte singen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,</div>
+ <div class="verse indent0">Wer lange sitzt, muß rosten ...</div>
+ <div class="verse indent0">Den allersonnigsten Sonnenschein</div>
+ <div class="verse indent0">Läßt uns der Himmel kosten ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Viktor Scheffels Verse und eines ihm unbekannten Tonsetzers Weise waren
+ihm nur das gleichgültige Fahrzeug seines Morgenglückes ...</p>
+
+<p>Und was war im Tiefsten seines Freuens Grund? Daß er gestern nacht
+umgekehrt war von der Schwelle, hinter der die schöne Rosalie
+schlief ... daß ein unbekanntes Etwas, der grausige Widerhall eines
+geheimnisvollen Ereignisses ihn abgelenkt hatte vom Ziele seiner
+brünstigen Dränge.</p>
+
+<p>Eine Reinheit wogte durch seine Seele, ein Hauch von jungfräulicher
+Frische, der keuschen Stille des Morgenwaldes verwandt, die sein
+rascher Fuß durchwallfahrtete ... und in diesem frommen Morgenfrieden
+jubilierte sein Herz noch lauter als sein Mund, lobpries einem
+unbekannten Geber solcher Gnadenfülle, streckte sich allem Guten und
+Großen entgegen, das heranzuwehen schien und in den wiegenden<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Kronen
+der Eichen einen Morgensang des Lebens harfte.</p>
+
+<p>Reinheit! Reinheit! War es nicht doch besser, die Sehnsucht der Sinne
+niederzuringen und Sieger zu bleiben des Begehrens? Konnte man so selig
+stolz seines Weges ziehen, wenn man genossen hatte? Lag nicht doch ein
+tiefer Sinn in der alten Mär vom Baum der Erkenntnis?</p>
+
+<p>Waren Tugend und Keuschheit nicht am Ende doch mehr als Maulkörbe für
+feige, geduldige Hundel?</p>
+
+<p>Wernern war's, als blinke aus jedem frischen Tautropfen ein Ja auf
+diese Frage ihm entgegen, als wehe der Morgenhauch ihm Kraft und
+Kampftrotz in die Seele, in die Sinne, zu wahren die Unschuld und
+fromme Tumbheit seiner Kinderjahre, abzutun die buhlerischen Wünsche,
+Herz und Leib in priesterlichem Stande zu erhalten bis auf jenen
+fernen, fernen Tag, der auch ihm einst Erfüllung brächte ... jene
+Erfüllung, die nicht anders als — — Elfriede heißen konnte ...</p>
+
+<p>Elfriede! Elfriede! Es war ihm eine süße Musik, diesen Namen zu
+denken, in seiner Seele nach den Zügen zu suchen, die ihm immer in
+traumhafte Fernen entflossen. Doch da: er hatte, er haschte ihr Bild,
+ihr Profil, wie er's noch vor wenig Wochen daheim beim letzten Konzert
+im Kasino lange hatte betrachten dürfen ... und dazu hatten sie droben
+Beethovens<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> Zweite gespielt, und als der zweite Satz erklungen war, da
+hatte er diese Weise mit dem Bilde der Geliebten vermählt und Elfriede
+getauft ... und nun umschwebte, umrauschte, umschattete ihn wieder
+diese kühlend, heilend, heiligende Weise, umhegte das Bild des fernen,
+kaum gekannten Mädchens sein schauerndes Herz und weckte ihm Räusche
+von Hoffnungen und Gewißheiten künftiger Glücksüberschwänge, daß ihm
+die Gegenwart versank, daß er sich enthoben fühlte dem Sinn der Stunde
+in eine flutende Fülle sinnlos heiligen Glücksgenießens.</p>
+
+<p>Aber — der Wald war zu Ende, steil senkte sich der Fußpfad,
+Ockershausen war erreicht — da zogen die blau-rot-weißen,
+grün-weiß-blauen Völkerschaften heran, und im Winde verflatterten
+Träume und Beseligungen ... die Gegenwart, die Wirklichkeit war da.</p>
+
+<p>Karboldunst und Zigarrenqualm, Blutbrodem und Bierhauch umfing den
+waldgeschmeichelten Sinn und weckte ihn vollends zum Tage. Und schon
+klangen die Kommandos der Sekundanten, schmetterten krachend die Körbe
+zusammen, knallten die flachen Hiebe auf die Stulpen und Köpfe der
+Paukanten ...</p>
+
+<p>Der kleine Dammer focht seine Rezeptionspartie: es war seine vierte
+Mensur, die entscheiden sollte, ob er nun zum Blau-rot der Füchse das
+blutumworbene Weiß der Korpsburschen und damit die vollen Rechte<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span>
+eines Angehörigen des Cimbernbundes erhalten solle. Darum hatte er
+eine überlegene Partie bekommen, einen Gegner, dem er eigentlich
+nicht gewachsen war, den dicken Zweiten der Westfalen. Herr Bracken
+schonte seinen Gegner gutmütig eine Weile, denn Cimbria und Guestphalia
+standen augenblicklich gut miteinander, und Bracken gönnte dem andern
+Korps den neuen Korpsburschen, dem allgemein beliebten gutmütigen
+Dresdener das Band. Er schonte ihn, damit die Mensur lange genug
+dauere, um als Rezeptionspartie vor dem sehr strengen Korpskonvent
+der Cimbria angerechnet werden zu können. Aber schließlich war er
+wohl allzu sorglos gewesen: plötzlich schlug der Cimbernfuchs eine
+kecke Tiefquart und spaltete dem Subsenior der Westfalen beide Lippen
+und die Nasenspitze. Fast schien's, als wollte der Westfalenpaukarzt
+die Verantwortung für ein längeres Stehenlassen des Zweitchargierten
+nicht mehr übernehmen; aber Herr Bracken, der nicht imstande war, zu
+sprechen, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte so energisch den
+Kopf, daß der Paukarzt achselzuckend zurücktrat.</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehen!«</p>
+
+<p>»Silentium — Pause ex!«</p>
+
+<p>»Fertig!«</p>
+
+<p>»Los!!«</p>
+
+<p>Krach, krach, krach —</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<p>»Halt!!«</p>
+
+<p>Die Sekundanten hatten's beide fast in derselben Sekunde gerufen, aber
+auch aus der Korona waren unwillkürlich Haltrufe ertönt. Donnerwetter!
+Da hatte es ihn aber gehascht, den kleinen Cimbernfuchs!</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer — wir erklären die Abfuhr!«</p>
+
+<p>»Silentium! Cimbria erklärt Abfuhr nach sechs Minuten!«</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, bitte zuvor noch drei Blutige auf seiten von
+Cimbria zu erklären!«</p>
+
+<p>»Silentium! Drei weitere Blutige auf seiten von Cimbria! Wünscht einer
+der Herren noch Erklärungen? — Silentium, Mensur ex!«</p>
+
+<p>Dammer war schauderhaft zugerichtet. Jeder Hieb hatte gesessen.
+Anhieb auf Außenquart ins linke Ohr, zweiter Hieb auf Quart, linke
+Schädelseite der Länge nach gespalten bis auf die Knochen, dritter Hieb
+auf Terz, Lappen bis tief in die Kopfschwarte hinein, Knochensplitter
+in allen drei Schmissen ... aber Dammer fragte nichts nach seinen
+Abfuhren ... während wahre Güsse Bluts über seine Stirn und Wangen
+rannen, suchten seine Augen nur den Blick seines Leibburschen, der
+ihm sekundiert hatte, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er auch gut
+gestanden ... aber Krusius, der Leibbursch, hatte nur auf seine
+Sekundantenaufgabe geachtet und war seiner Sache nicht ganz sicher
+— — er mußte sich selbst erst informieren.<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Doch alles schien
+befriedigt, und so klopfte er dem Blessierten beruhigend mit der vom
+Sekundierstulp befreiten schweißdampfenden Rechten auf die Schulter ...</p>
+
+<p>»Brav, Leibfuchs!«</p>
+
+<p>Da lachte Dammer glückselig unter der Paukbrille, unter den rinnenden
+Quellen seines Blutes hervor:</p>
+
+<p>»Nu, denn —! Ich dank der ooch scheen, Leibbursch! Na, Wichart, nu
+kucke du zu, wie du mich wieder wirscht zusammenbringen!«</p>
+
+<p>»Maul halten!« brüllte der gutmütige Paukarzt; »du hast grad' genug!«</p>
+
+<p>Werner hatte Dammern zur Flickstubentür begleitet und das kurze
+Gespräch zwischen Krusius und dem Abgeführten aufgefangen. Er freute
+sich unendlich für Dammern, daß dieser nun Korpsbursch sei und das
+Ziel erreicht haben würde, für das er nun viermal Stirn und Wange
+dem Schläger des Gegners geboten. Und das Herz schlug ihm höher in
+dem Wunsche, auch ihm möchte es bald vergönnt sein, vor einem hohen
+S. C. zu Marburg die Blutprobe des Muts und der Standhaftigkeit
+abzulegen. Aber noch eine andere Probe hatte Dammer zu bestehen.
+Werner drängte sich in die Flickstube, wo eine ganze Schar von
+Korpsburschen der Cimbria sich um den Paukarzt und seinen Patienten
+gruppiert hatte und die Hälse streckte, um die mordsmäßigen Abfuhren
+des<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Brandfuchsen etwas näher zu betrachten. Es gelang Wernern, an der
+Seite durchzuschlüpfen, und nun erst sah er, wie grauenhaft der wackere
+Freund zersäbelt war. Rechts hing ihm die halbe Kopfschwarte als großer
+mit Haaren besetzter Lappen nach außen; links war die Schläfe von vorn
+bis hinten gespalten, und darunter hing das linke Ohr von vorne nach
+hinten mitten durch halbiert, in zwei trübseligen Fetzen herunter.
+Wichart war offenbar eine Sekunde in Verlegenheit, wo er eigentlich
+anfangen solle. Aber er entschied sich für den Schläfenschmiß, weil
+dort die Schlagaderäste zu toll spritzten; rasch und gewandt fuhr er
+mit Pinzetten in die Zuflußkanäle der durchschlagenen Arterien hinein
+und klemmte die dünnen Schläuche, aus denen das Herzblut spritzte,
+zusammen; bald baumelten vier solche Arterienfänger aus der Stirnwunde
+heraus. Dann kamen die Arterien vor dem Ohre dran, und nun begann,
+da der ärgste Blutstrom gestillt war, die Desinfektion. Aus einem
+Irrigator ergossen sich Ströme kalten Wassers mit Karbollösung in die
+Wunden und spülten sie rein, damit der Arzt zunächst den Zustand des
+Knochens untersuchen könne. Und da runzelte der sonst immer ruhige und
+gemütliche Wichart einen Augenblick die Stirn, so daß die zuschauenden
+Korpsburschen näher herandrängten. Das ärgerte wieder den Arzt, und er
+schrie: »Donnerwetter, schert euch raus, alle zusammen raus! Scholz,
+sorg mal, daß ich hier Luft kriege!«<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Werner wollte sich drücken, wie
+alle andern, aber Wichart rief: »Das Füchschen kann bleiben und dem
+Dammer die Waschschüssel halten, sonst fällt mir der am Ende noch
+ab!« So durfte Werner weiter zuschauen, und freute sich, seine Nerven
+bereits so weit gestählt zu fühlen, daß er dem blutigen Schauspiel mit
+Interesse folgen konnte. Aber dennoch krampfte sich sein Herz in die
+Höhe, als nun der Paukarzt mit einer scharfen Zange in die Wunden fuhr
+und erst die losen Knochensplitter herausholte, dann aber die noch
+halb festsitzenden mit kräftiger Drehung losbrach. Bei dieser Prozedur
+stieß Dammer, der bisher keine Miene verzogen hatte, einen nicht
+unterdrückbaren rauhen Kehlton aus.</p>
+
+<p>Dann wurde abermals mit dem Irrigator nachgespült, und nun begann das
+Rasieren. Mit scharfem Messer barbierte Wichart kunstgerecht einen
+Finger breit neben den Kopfnarben die Haare weg, um freie Hand für das
+Nähen zu haben. Dabei strömte aus den Wundrändern von neuem das Blut,
+und auf Wicharts Befehl mußte Werner das Waschbecken, das Dammer vor
+sich auf der Stuhllehne hielt, ausgießen, da es völlig mit dunklem
+Blut gefüllt war, und mit frischem Karbolwasser füllen, das aber auch
+in zwei Sekunden tief dunkel gerötet war. Dabei schaute er zufällig
+auf und sah, daß am andern Ende des kleinen Zimmers der Korpsdiener
+Peter bereits den nächsten Paukanten — Klauser — anbandagierte.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Mit
+Entzücken haftete Werners Auge eine Sekunde lang an dem entblößten
+Oberkörper des wunderschönen Jünglings; dabei fiel ihm aber auf, wie
+matt und unstet sein Gesichtsausdruck war. Doch ein »Aufpassen!«
+Wicharts rief ihn zu seiner Pflicht zurück, und indem er den Fortgang
+der Flickarbeit verfolgte, blieb ihm keine Zeit, dem zweiten
+Chargierten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken.</p>
+
+<p>Er beobachtete sorgfältig, wie Wichart nun zunächst mit Fäden
+aus Katzendarm ganz innen die knorpligen Häute der Ohrmuschel
+zusammennähte, wobei Dammer wiederum verhalten aufstöhnte; dann
+wurde in gleicher Weise die Knochenhaut zusammengeheftet, und immer
+spülte dazwischen der Irrigator. Dann ging's an die Außennähte. Stich
+für Stich drangen die krummen Nadeln, von der Pinzette in unfehlbar
+sicherer Hand geführt, in das Fleisch seitlich der Wunde, durch deren
+Grund hindurch und an der anderen Seite wieder heraus. Dann wurden die
+Fäden abgeschnitten und ihre Enden sorgsam zusammengeknotet.</p>
+
+<p>Mitten in der Arbeit bemerkte Werner plötzlich, daß Dammer ganz grün an
+Gesicht und Händen wurde, und seine Finger, welche die Flickschüssel
+umklammert hielten, nachließen. Er machte Wichart aufmerksam, der nahm
+schnell die Schüssel weg, reichte sie Wernern, damit der sie auf den
+Tisch setze, und unterstützte Dammers Schultern, die eben zurücksinken<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span>
+wollten. »Schnell! einen Kognak und eine Flasche Selterswasser!«</p>
+
+<p>Werner sprang. Als er zurückkam, war Dammer schon wieder bei Besinnung,
+nur der Blick seiner Augen war glasig und matt. Gierig trank er seinen
+Sodaschnaps.</p>
+
+<p>Eben trat Scholz im Sekundierwichs herein: »Na, Klauser, wo bleibst du?«</p>
+
+<p>»Wichart ist noch nicht fertig mit Dammer.«</p>
+
+<p>»Ach, nur noch ein paar Nadle — macht schon immer los, so fix wird der
+Klauser sich doch nit haue lasse!«</p>
+
+<p>»Na, dann raus!«</p>
+
+<p>Und wenig Sekunden später klirrten draußen im Saale die messerscharfen
+Kommandoworte, krachten die Körbe der Schläger blechern zusammen.</p>
+
+<p>Gar zu gern wäre Werner entwischt, um die Mensur des Zweiten anzusehen.
+Aber Wichart konnte seine Hilfe noch nicht entbehren.</p>
+
+<p>»Du hast dich ganz gut gehalte, Füchsche,« sagte er. »Bist eigentlich
+Mediziner?«</p>
+
+<p>Dabei zog er Nadel um Nadel mit maschinenmäßiger Sicherheit durch
+Dammers feiste Schädelschwarte.</p>
+
+<p>»Nein — Jurist,« sagte Werner.</p>
+
+<p>»Warst schon mal auf'm Präparierbode?«</p>
+
+<p>»Was ist das, Präparierboden?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>»Nun, die Anatomie, wo die Medizinfüchs das Mensche-Tranchiere lerne!«</p>
+
+<p>»Nein, da war ich noch nicht — möcht' aber gern mal hin — wenn du mir
+dazu verhelfen könntest, Wichart, ich wäre dir sehr dankbar.«</p>
+
+<p>»Nu, das is e einfache Geschicht — komm Montag 'mal runner um zehn,
+ich bin ja Prosektor.«</p>
+
+<p>Das gedachte Werner sich nicht zweimal sagen zu lassen. Dabei fiel
+ihm eine Anekdote aus seines Vaters Jugendzeit ein. Sein Vater hatte
+ursprünglich Medizin studieren wollen. Als gar junges Bürschchen war er
+zur Hochschule gekommen, und der erste Besuch auf dem Präparierboden
+hatte ihn so entsetzt, daß er an der Tür des Saales umgekehrt und
+schleunigst zur Universitätskanzlei gestürzt war, um sich von der
+medizinischen zur juristischen Fakultät überschreiben zu lassen. Werner
+erzählte das Wichart, der herzlich lachte; auch Dammer wurde jetzt, am
+Ende der Schinderei, munter und lachte etwas jämmerlich mit.</p>
+
+<p>»Na, ich denk, du wirst nit weglaufe,« meinte Wichart, »du bist nit so
+zärtlich.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe nein.«</p>
+
+<p>»Für alle Fäll kannst du dir ja vorher en Eimer gebe lasse, damit du
+wenigstens nit de Vorsaal verunreinigst.«</p>
+
+<p>Und wieder lachten alle drei. Und draußen schmetterte dazwischen Gang
+auf Gang, Kommandos, krachende, dumpfdröhnende Hiebe, das Halt der
+Sekundanten<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> und ihr Gekläff um Inkommentmäßigkeiten, dann schwüle
+Pausen — neue Kommandos, neue Hiebe. Wie mochte es draußen stehen?</p>
+
+<p>Eben hatte Wichart eine feste Watteverpackung um Dammers Schädel und
+linke Kopfseite verstaut und so gründlich mit Stärkebinden umwickelt,
+daß nur Augen, Nase und Mund aus dem weißen Paket hervorschauten —
+da entstand, unmittelbar nach Beendigung eines Ganges, draußen jene
+allgemeine Bewegung, die das Ende der Mensur verriet, und gleich
+darauf trat Klauser, den bandagierten Arm noch auf den Händen des
+Schleppfuchses ruhend, blutüberströmt herein. Hinter ihm Scholz und ein
+paar andere Korpsburschen, alle ganz merkwürdig still und blaß.</p>
+
+<p>»Nu?« fragte Wichart.</p>
+
+<p>»Quartabfuhr nach achteinhalb Minuten,« sagte Scholz in
+unheilverkündendem Ton. Dann riß er den Sekundierstulp ab und
+schleuderte ihn auf den Boden, Mütze und Schurz hinterher.</p>
+
+<p>»Hm?« machte Wichart.</p>
+
+<p>Scholz schlug zweimal mit der Rechten durch die Luft, eine Geste, die
+deutlich erkennen ließ, daß irgend etwas Schlimmes passiert sei.</p>
+
+<p>»Na, kommt raus!« sagte Scholz. Und alle Korpsburschen gingen. Hastig
+vollendete Wichart Dammers Verband, hieß ihn Hemd, Weste, Band und Rock
+anlegen, schickte ihn und Werner hinaus.<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> — Drinnen blieben nur der
+blessierte Klauser und der Paukarzt.</p>
+
+<p>Werner begriff nicht, was vorgefallen sein mochte. Er sah, daß draußen
+der Fuchsmajor alle Korpsburschen zusammenberief und sie alle sich
+aus dem Saale entfernten. In dem dumpfen Gefühl, daß etwas Böses sich
+ereignet haben müsse, fragte er Dammer: »Hast du eine Ahnung, was die
+Korpsburschen eigentlich haben?«</p>
+
+<p>»Nu ja, nu ne — Klauser hat, scheint's, iebel gefocht'n.«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Schlecht gestanden scheint er äbens zu haben.«</p>
+
+<p>»Nun, und —?«</p>
+
+<p>»Na — du siehst doch, daß de Korpsburschen zum A. O. C. C.
+(außerordentlichen Korpskonvent) sein abgetreten — da werden sie wohl
+beschließen, Klausern auf unbestimmte Zeit hinauszutun.«</p>
+
+<p>»Und — was wird dann weiter mit ihm?«</p>
+
+<p>»Dann muß er Reinigungspartie fechten.«</p>
+
+<p>»Und ... dann kommt er wieder ins Korps hinein?«</p>
+
+<p>»Wenn seine Mensur als Reinigungsmensur genügt, dann wird die Dimission
+aufgehoben.«</p>
+
+<p>»Und wenn sie ... nicht genügt?«</p>
+
+<p>»Ja — dann tun sie'n äbens ganz rausschmeißen tun sie'n dann.« — —</p>
+
+<p>Dammer hatte richtig vermutet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>Nach wenigen Minuten kamen die Korpsburschen zurück, alle tief ernst
+und gedrückt; der Fuchsmajor ging zuerst zu den Senioren der beiden
+anderen Korps und machte diesen mit feierlich abgezogener Mütze eine
+kurze Meldung, dann rief er die Füchse in einen Winkel des Saales
+zusammen und befahl:</p>
+
+<p>»Silentium für den A. O. R. C. (außerordentlichen Renoncenkonvent).«</p>
+
+<p>Er und alle Füchse nahmen die Mützen ab.</p>
+
+<p>»Es wird den Renoncen aus dem C. C. mitgeteilt: C. B. Klauser Zweiter
+seiner Charge entsetzt und derselbe auf unbestimmte Zeit dimittiert. —
+Hat jemand sonst noch etwas vorzubringen? Silentium — so ist der A. O.
+R. C. geschlossen.«</p>
+
+<p>Schweigend setzten die Füchse die Mützen auf und gingen beklommen zu
+ihren Plätzen.</p>
+
+<p>Über den Tischen der Cimbern lag ein dumpfes Schweigen. Aber auch bei
+den beiden andern Korps ging es minder lebhaft zu als sonst. Man ehrte
+Cimbrias Muttertrauer über die Strafe, die sie an einem ihrer Söhne
+hatte vollziehen müssen, den sie vor andern wert gehalten hatte.</p>
+
+<p>Leise tauschten auch die Füchse ihre Ansichten über das schmerzliche
+Ereignis aus. Die Brandfüchse behaupteten fast alle, sie hätten während
+der Mensur ganz genau gemerkt, daß Klauser schlecht stände.</p>
+
+<p>»Er hat mehrfach den zweiten Hieb ausgelassen.« behauptete einer.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>»Als er die Temporalisabfuhr bekam, hat er ganz merklich reagiert,«
+wußte ein anderer zu melden.</p>
+
+<p>»Mir hat seine ganze Haltung von Anfang an nicht gefallen. Es war, als
+ob er gar nicht recht bei der Sache gewesen wäre.«</p>
+
+<p>»Ja, als ob ihm eigentlich alles wurst wäre. Als ob er immerfort an was
+anderes dächte.«</p>
+
+<p>»Hat er ja vielleicht auch getan.« Zwischen den ernsten Betrachtungen
+ein heimliches, verstohlenes Schmunzeln auf allen Lippen.</p>
+
+<p>»Einmal hat er mitten im Gange aufgehört zu schlagen.«</p>
+
+<p>»Das hab' ich auch gemerkt — als er die Terz weghatte: er machte ein
+ganz verdutztes Gesicht.«</p>
+
+<p>Was der eigentliche Grund von Klausers Dimission sei, vermochte Werner
+sich aus all dem Wirrwarr der Ansichten nicht recht klar zu machen. Er
+beschloß, seinen Leibburschen zu befragen.</p>
+
+<p>Aber da kam er schön an. »Das sind deine Sachen nicht!« schnauzte
+Scholz den Leibfuchs an. »Sorg, daß du selber anständig fechten lernst,
+und überlaß das übrige den Korpsburschen! Wenn du mal selber das Band
+hast, dann magst du mitreden.«</p>
+
+<p>Mit hängenden Ohren schlich Werner zu seinem Platze.</p>
+
+<p>Es war ein trüber Tag für die Cimbern. Noch eine ganze Reihe von
+Mensuren folgte, und bei fast allen war Cimbria als weitaus stärkstes
+Korps beteiligt,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> aber die frisch-fröhliche Raufstimmung der andern
+Tage fehlte. Die Entgleisung des zweiten Chargierten war so rasch nicht
+zu verschmerzen. Geschäftsmäßig wickelte sich der Tag ab.</p>
+
+<p>Am Spätnachmittage kehrte man heim. Dammer fuhr seines Wickelverbandes
+halber in der Mensurdroschke. Der starke Blutverlust hatte ihn müde
+gemacht, er schlief, tief in die Wagenecke gedrückt, und als die
+Kalesche am Vogtschen Pensionat vorüberrollte, verfehlte er die
+Gelegenheit, das Herz des »sießesten Mädichens« durch den Anblick
+seines Zustandes zu rühren und mit noch tieferer Bewunderung für seinen
+Mannesmut zu erfüllen.</p>
+
+<p>Vergebens hatte Werner sich nach dem unglücklichen Klauser umgesehen.
+Der hatte, nachdem Wichart ihn geflickt und verbunden hatte, von Scholz
+die offizielle Mitteilung bekommen, daß er seine Charge verloren habe
+und dimittiert sei. Das hatte er schon vorher gewußt. Er hatte eine ihm
+sonst ganz fremde Unsicherheit und Apathie während der Mensur selbst
+deutlich genug empfunden, aber er war ihrer nicht Herr geworden. Das
+Benehmen seiner Korpsbrüder aber unmittelbar nach der Mensur hatte ihm,
+dem Erfahrenen, genug gesagt. Und dennoch schnitt es ihm ins Herz, wie
+Scholz so kalt und gemessen vor ihm stand und ohne ein Freundeswort,
+ohne ein Beben in der Stimme ihm eröffnete: »Klauser, ich habe dir
+aus dem C. C. mitzuteilen,<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> daß du deiner Charge entsetzt und auf
+unbestimmte Zeit dimittiert bist.« Dann hatte Scholz sich umgewandt und
+ihn stehen lassen wie einen Geächteten.</p>
+
+<p>Da nahm er das Band vom Riegel, und statt es über die Weste zu hängen,
+wie sonst beim Ankleiden, ließ er's stumm in die Tasche gleiten.
+Und die Korpsmütze versteckte er unter der Weste ... Über seinen
+Wickelverband zog er eine schwarze, seidene Mensurmütze bis tief in die
+Stirn, griff zum Stock und wollte gehen.</p>
+
+<p>Der gute Wichart hatte ihm schweigend zugesehen. Klauser fühlte seinen
+Blick und wandte sich zu ihm.</p>
+
+<p>»Wann bin ich wieder so weit, Wichart?«</p>
+
+<p>»In vierzehn Tagen, Klauser!«</p>
+
+<p>»Was ... erst in vierzehn Tagen —?!«</p>
+
+<p>»Ja — Temporalisabfuhr — Knochensplitter — so lange wirst du wohl
+aushalte misse.«</p>
+
+<p>»Himmel!«</p>
+
+<p>»Na, so vierzehn Tag — die sinn doch fix herum!«</p>
+
+<p>»Vierzehn Tage in Dimission —«</p>
+
+<p>»Kopf hoch, Klauser! Bist ja so e strammer Kerle —«</p>
+
+<p>Ein Händedruck, und Klauser ging einsam hinaus. Er stieg dumpf brütend
+die Treppe hinunter und ging allein nach Marburg zurück — den Weg,<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span>
+den er heute morgen in Träumen voll wilder, jung-junger Seligkeit
+hergekommen war.</p>
+
+<p>Denn das hatte er ja seinen Korpsbrüdern nicht sagen können, daß er
+die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte — daß er nichts anderes hatte
+denken und träumen können, als daß sie nun sein sei — seit gestern
+abend ... seine Verlobte, seine Braut — seit jenem Spaziergang im
+Museumsgarten, abseits vom Fiedeln der Walzergeigen, seit jenem kurzen
+Augenblick im Jasminboskett, der ihm den ersten Kuß seines Lebens
+gebracht hatte — den Kuß einer Liebe, die, so wähnte er, nur mit dem
+Schlagen dieses stürmischen Herzens enden könne ...</p>
+
+<p>Und nun?!</p>
+
+<p>Langsam tropften schwere Tränen aus dem Auge des Jünglings, der
+inmitten der Jugendspiele Mannesrechte und Mannespflichten auf sich
+genommen und darüber den Schmuck der Jugend eingebüßt hatte.</p>
+
+<p>Schwere Tränen tropften auf die Brust, an der gestern Mariens gelber
+Flechtenbau geruht hatte, auf der heute das Band Cimbrias fehlte.</p>
+
+<p>Schwere Tränen, Kindertränen ...</p>
+
+<p>Am Spätnachmittage hielten die Korpsburschen der Cimbria nochmals
+außerordentlichen Korpskonvent ab, und zwar auf der Kneipe. An
+Klausers Stelle wurde der dritte Chargierte, Krusius, Dammers
+Leibbursch, beauftragt, interimistisch die zweite<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Charge zu versehen,
+und ferner beschlossen, die Brander Böhnke, Dammer und Ehlert,
+deren Rezeptionsmensuren am Vormittage den Anforderungen eines
+wohllöblichen C. C. genügt hatten, ins engere Korps zu rezipieren.
+Das wurde diesen Glücklichen, die man schon ohne Angabe des Zweckes
+auf die Kneipe bestellt hatte, in feierlichster Form eröffnet, indem
+der Außerordentliche Korpskonvent sich sofort als »Feierlicher
+Korpskonvent« konstituierte, die rezipierten Brander vorlud, ihnen ihre
+Aufnahme eröffnete, ihnen den Burscheneid auf die Konstitution des
+Korps abnahm und sie feierlich mit dem blau-rot-weißen Bande schmückte.</p>
+
+<p>Hernach war's noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der speziellen
+Kneipe. Das benutzten die Jungburschen selbstverständlich, um sich dem
+staunenden Marburg alsbald im neuen Schmucke der drei Farben zu zeigen.
+Auch Dammer hatte sich soweit erholt, daß er, trotz seines bis zur
+Unkenntlichkeit vermummten Kopfes, die Wettergasse herunterschlenderte
+bis zum Pensionat Vogt. Aber seine Sehnsucht erfüllte sich nicht: die
+Vogtei saß jedenfalls beim Abendessen.</p>
+
+<p>Auf der Kneipe sah er sich allerdings zum Genusse eines Gebräues aus
+Ei, Kognak und Rotwein verurteilt, das er durch ein Röhrchen trinken
+mußte, da der angeschlagene Kaumuskel Trinken im eigentlichen Sinne und
+Essen verbot. Trotzdem war er selig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+
+<p>Und auch das Korps überwand in der Freude über seine drei Jungburschen
+allmählich die Mißstimmung über den Verlust des Subseniors. Ach ja, der
+Lebende hat recht, und was ist ein einzelner unter einer Schar von mehr
+denn vierzig!</p>
+
+<p>Vielleicht am aufrichtigsten und dauerhaftesten trauerte Werner um
+Klauser. Er sah immer noch den Freund am Arm des schönen Mädchens
+aus dem Boskett in den Mondflimmer hineintauchen und meinte noch den
+unerhört süßen Nachhall der gestammelten Worte zu hören:</p>
+
+<p>»Willy — meiner — mein Willy ...«</p>
+
+<p>Nun lag der Arme gewiß einsam und schlaflos daheim und fühlte das
+Brennen seiner Wunden und seiner Scham ...</p>
+
+<p>Und warum?!</p>
+
+<p>Grausam — grausam ...</p>
+
+<p>Und Werner betrank sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>VIII.</h2>
+</div>
+
+<p>»Du — Salche — hernach muß ich dich allein spreche!«</p>
+
+<p>So hatte am Sonnabend früh der Studiosus Simon Markus seine Schwester
+im Laden angezischt.</p>
+
+<p>»Hernach, wenn ich aus'm Kolleg zurückkomm!«</p>
+
+<p>Seine Augen schielten flackernd an der unförmlichen Nase entlang, deren
+wulstige Flügel bebten.</p>
+
+<p>»Hernach? Warum nit gleich und nit hier? Was du mir zu sage habe
+kannst, das kann e jed's heere!«</p>
+
+<p>»Nein! das kann nit e jed's hören.«</p>
+
+<p>Damit war er aus dem Laden gestolpert und zur Anatomie geschlendert,
+den Rücken gekrümmt von der Last unfaßbarer Qualen.</p>
+
+<p>Rosalie hatte keine Ahnung, was ihren Bruder so erregte. Und darum, als
+der heimkehrende Bruder sie ins Hinterzimmer zog und anfauchte:</p>
+
+<p>»Ich hab's gehört, heut nacht!«</p>
+
+<p>— da konnte sie mit unschuldigster Verwunderung antworten:</p>
+
+<p>»Was hast geheert?«</p>
+
+<p>»Ja, mach nur e Gesicht! Heut nacht is er aus deinem Zimmer komme und
+de Trepp erunter gange!«</p>
+
+<p>»Aus mein Zimmer? Ja, <em class="gesperrt">wer</em> denn?«</p>
+
+<p>»Wirscht's schon wisse!«<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> »Hernach bitt ich mir aus!! Wer soll in mei'm
+Zimmer gewese sein heut nacht?«</p>
+
+<p>»Na, der Achebach — hä? oder gar nit?!«</p>
+
+<p>»Bist verrickt, Simon?!« Ihre Augen funkelten gefährlich, ihre Finger
+krallten sich. Sie glaubte, der Bruder wolle sie ganz grundlos
+beleidigen.</p>
+
+<p>»Ich hab's geheert. Die Trepp is er nunter auf de Sock! Ich weiß es!
+Aber ich tu'n haue! Ins Gesicht schlag ich ein, dem Affe, dem Fatzke!«</p>
+
+<p>»Du, Simon, mach dich nit unglücklich! Es is nit wahr, ich weiß von gar
+nix weiß ich!«</p>
+
+<p>Simon überlegte. Eigentlich hatte er ja wirklich nichts anderes gehört
+als einen Schrei draußen, drunten, an der Lahnstraße ... der ihn
+aufgeweckt hatte ... und dann einen verstohlenen Schritt, abwärts, die
+knackenden Dielen hinab ... sachtes Öffnen der Tür zum Zimmer, das
+der junge Korpsstudent bewohnte ... sonst nichts ... vielleicht wußte
+Rosalie wirklich nichts — vielleicht war wirklich nichts geschehen —</p>
+
+<p>»Salche! sieh mer an!! —?«</p>
+
+<p>Seine Finger krampften sich um des Mädchens stramme Oberarme.</p>
+
+<p>»Au, du tust mich kneife!«</p>
+
+<p>»Is wahr, daß du von nix weißt?«</p>
+
+<p>»Ich hab dir's gesagt — laß mich in Friede!! Verrickt biste, verrickt!
+Laß mich in Friede!! Un<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> wenn's gewese wär, tut's dich was angehe? Hä?
+Bist du mei Vormund?«</p>
+
+<p>Tränen standen in ihren Augen, halb des Schmerzes über den rauhen Griff
+des Bruders, halb der Wut über seine Anmaßung — ja, wenn er wenigstens
+noch einen Grund gehabt hätte — aber es war ja nicht mal was passiert
+...</p>
+
+<p>Simon ließ ihre Arme los, nachdem er sie mit einem letzten harten Ruck
+einen Schritt zurückgeschoben.</p>
+
+<p>»Dei Vormund bin ich nit, Gott sei's gelobt! Un ob mich das was angeht,
+das is mer egal, verstehst? Das ein will ich dir sage: ich leid's nit,
+daß du eine an dich eranläßt von dene Kerle ... von dene geschwollene
+Korpsstudente, von dene dicknäsige Großschnauze ... und wenn du's
+tust, den Betreffende den schlag ich in die Fresse, un wenn's Mord un
+Totschlag drum tät gebe!!«</p>
+
+<p>Und damit rannte er hinaus — er schnappte nach Luft ... in seinem
+Herzen war eine so lichtlose, grauenhafte Finsternis, daß er nicht
+wußte, wie das Leben ertragen ... allein er gemieden, geschnitten
+von den alten Schulkameraden, ohne Möglichkeit, Freunde zu finden,
+dem blöden Herzen der hinsiechenden Mutter, dem lebenslüsternen der
+saftstrotzenden Schwester entfremdet, einsam, arm ...</p>
+
+<p>Ja, wenn er nach Berlin gekonnt hätte! Da,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> das wußte er, gab es große
+Zirkel jüdischer Studenten, die in freundschaftlichem Zusammenschluß,
+im Genuß der Literatur und Kunst einander den Fluch ihres Blutes
+vergessen machen konnten ... nein, dort galt dieser Fluch überhaupt
+nichts ... dort war das Judentum eine Macht, beherrschte Presse,
+Literatur, Bühne.</p>
+
+<p>Aber in Marburg ... in dem ausgewucherten Hessenlande, wo seine
+Glaubensgenossen, das mußte er als billig denkender Mensch zugeben,
+einen Teil des Fluches verdient hatten, der ihren Schritten folgte —</p>
+
+<p>Und fortlaufen? sich auf eigene Faust durchschlagen?! Das hieße, den
+einzigen Menschen, mit dem ein menschliches Band ihn verknüpfte, das
+hieß die Schwester schutzlos zurücklassen, ein Spielzeug jener Bande,
+die er wütender als alles haßte: der blonden, vierschrötigen Söhne
+Teuts, die dies Nest beherrschten mit ihrer ganzen knallprotzigen,
+reckenhaften Arroganz, ihrer siegessicheren, gladiatorenhaften
+Dreistigkeit — die über die Studentenschaft das Schreckensregiment
+des Schlägers, des Säbels, der Pistole führten und stark genug waren,
+jedem Kommilitonen, der ihre Weltanschauung nicht teilte, das Leben
+in Marburg unerträglich zu machen. Fühlten sich doch selbst die
+theologischen Verbindungen, der protestantische Wingolf genau so gut
+wie die katholische Verbindung Rhenania, schwer bedrückt<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> durch die
+Übermacht und alte Herrlichkeit der Waffenverbindungen.</p>
+
+<p>Und der arme Judenknabe floh in den dunkelnden Wald und warf sich an
+finsterster, einsamster Stelle ins Moos. Seine Hände krallten sich in
+die kühlen Polster. Tränen waren ihm versagt, aber ächzen konnte er
+hier ungehört und ungestört. Und er preßte den breiten Mund, die wüste
+Nase tief in das Grün und brüllte wie ein waidwundes Wild sein Weh in
+die Mooskissen hinein — sein lebenzerfressendes Weh über den sinnlosen
+Fluch, der auf seinem Volke lastete, der täglich neu auf ihn und seine
+Blutsgenossen getürmt wurde von jenen, die längst nicht mehr an den
+Heiland glaubten, den seine Voreltern vor zweitausend Jahren ans Kreuz
+geschlagen haben sollten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Rosalie aber nahm sich vor, Werner das Vorgefallene zu erzählen und
+irgendwie herauszubekommen, ob er wirklich in der Nacht vor ihrer Tür
+gewesen. Sie zweifelte kaum daran. Und das machte ihr Blut hochheiß.
+Sie wollte diesen keuschen Josef munter machen, sie hatte sich's in den
+Kopf gesetzt, seine zitternde Unschuld zu besiegen. Sie kannte sich
+schon genügend aus unter dieser bierfrohen und raufstolzen Jugend,
+um wittern zu können, daß hier ein edleres Blut kreiste, eine Seele
+von sonderlicher Art um ihren angeborenen Adel rang. Das war's, was<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span>
+sie ahnte: dieser war nicht wie die anderen. Und darum wollte sie ihn
+haben. Ein Raffinement, das auch weit erfahrenere Frauen als Salchen
+Markus gereizt hätte, würzte ihr Begehren nach dem weichen Knaben,
+der so mannhaft wider die Dränge seines Blutes kämpfte; daß er nicht
+feige war, daß seine Flucht vor ihrer Nähe nicht eine Chamade der
+Armseligkeit, sondern des Stolzes war, das las ihr Weibinstinkt in dem
+scheuen, doch lodernden Auge. Und sie dünkte sich schön und feurig
+genug, um würdig zu sein, diese tastende Seele in das tiefste Geheimnis
+des Lebens und der Schönheit einzuweihen.</p>
+
+<p>Sie würde ihn fragen, ob er an ihrer Tür gewesen, sie würde zürnen und
+ihre Verzeihung sich abbetteln lassen ...</p>
+
+<p>Aber wenn sie gehofft hatte, Werners noch am Samstag habhaft zu werden,
+so sah sie sich enttäuscht. Werner kam erst spät von Ockershausen
+zurück, fragte nur im Laden, ob Briefe gekommen seien, und war gleich
+wieder hinaus.</p>
+
+<p>Und als Rosalie mitten in der Nacht von einem Lärm im Hause erwachte,
+da konnte sie hören, daß das junge Blut, nach dem es sie verlangte,
+sich recht gründlich ausgetobt hatte. Das war ein Gepolter auf der
+Stiege, ein Türenschlagen, ein Anstoßen an Möbeln und Waschgeräten in
+der Stube!</p>
+
+<p>»Dunner, der hat gelade!«</p>
+
+<p>Rosalie kicherte in ihre Kissen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
+
+<p>Am Sonntagmorgen schlief der Student bis halb eins, stürzte dann,
+ohne nach seinem Frühstück geklingelt zu haben, zum Frühschoppen. Und
+Rosalie wußte, daß sie ihn nun am ganzen Sonntag nicht so leicht mehr
+zu Gesicht bekommen würde. Denn sonntags pflegte das Korps gleich
+nach dem Mittagessen zum »offiziellen Exbummel« aufzubrechen, einem
+gemeinsamen Spaziergang zu einem der herrlichen Ausflugsorte der
+Umgegend. Gegen Abend kehrte man dann heim, und in der Regel ging
+alles sofort zur Kneipe, wo in dem prächtigen Garten des Korpshauses
+der Sommerabend mit Kegelschieben, Skat und Quodlibet zu Ende genossen
+wurde.</p>
+
+<p>Aber vielleicht würde der Student nach der Rückkehr vom Spaziergange
+noch einen Augenblick von der Kneipe heruntergesprungen kommen, um die
+Sonntagsgarnitur gegen eine ältere Mütze, ein schon bierbegossenes
+Korpsband einzutauschen?</p>
+
+<p>Darauf wollte Rosalie hoffen, denn die Gelegenheit zu einem
+Schäferstündchen kam so günstig nicht vor dem übernächsten Sonntag
+wieder. Die Mama Markus hatte sich nämlich erholt, und wenn sie
+munter war, verlangte sie von ihren beiden Kindern abwechselnd den
+Liebesdienst, daß eins sie zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwester,
+der Frau Isidora Mayerstein auf der Ketzerbach, begleitete, wo man
+einige Stunden verplauderte. Diesmal war Simon an der Reihe, die Mutter
+zu geleiten, und so würde<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> sie von nachmittags fünf bis neun allein
+im Hause sein, da auch Babett Ausgang hatte und in ihr Heimatdörfchen
+Frohnhausen gepilgert war.</p>
+
+<p>Und sie mochte nicht lange warten. Er sollte, er mußte kommen! Sie
+wollte es, sie wollte es!</p>
+
+<p>Als nach dem Nachmittagkaffee die Mama am Arme ihres Sohnes die
+Wettergasse hinabgehumpelt war, schloß Rosalie den Laden zu, legte die
+schweren Holzläden vor, verwahrte sie mit den Eisenriegeln und stieg in
+ihr Zimmer empor. Sie hatte noch Zeit, vor sieben würde Werner nicht
+kommen. Inzwischen wollte sie Toilette machen.</p>
+
+<p>Sie kramte eine viereckig ausgeschnittene Batistbluse heraus, bei
+deren Anblick sie lächeln mußte, denn sie hatte schon einmal, im
+vorigen Sommersemester, ihre Wirkung erprobt. Hehe! der gute Bennert!
+Fritzchen! Damals war er dritter Chargierter der Cimbria gewesen. Es
+war sehr nett gewesen mit ihm. Simon war damals noch ein ahnungsloser
+Primaner gewesen mit einem unerschütterlichen Schlaf ... Bennert
+ein hübscher, strammer, rotbäckiger, sommersprossiger Westfale ...
+ein wackerer Liebeskamerad ... allerdings kein Werner Achenbach
+... jetzt war er inaktiver Korpsbursch und büffelte in Berlin zum
+Referendarexamen. Anfangs hatte er noch geschrieben ... ungeschlachte
+Briefe, die stets schlossen: »Dein Dich liebender Fritz« — dann war's
+eingeschlafen ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<p>Aber die weiße Bluse, die wußte noch von jenem ersten Abend zu erzählen
+... es war Zeit, daß sie einmal etwas Neues erlebte.</p>
+
+<p>Und wie Rosalie ihren Spiegel befragte, da war sie sicher, daß dieses
+neue Erlebnis nicht mehr fern sei. Himmel! so gab's doch in Marburg
+keine zweite!</p>
+
+<p>Und sie wollte! sie wollte! sie wollte! —!!</p>
+
+<p>Sie stieg die Treppe hinunter, setzte sich auf Werners Sofa, nahm
+ein Buch vom Tisch und begann zu lesen. Sie hatte schon seit ihrer
+Backfischzeit von der Lektüre ihrer studentischen Mieter profitiert und
+hatte so eine wirre Menge Bücher durcheinander verschlungen, von den
+Wahlverwandtschaften bis zu Casanovas Memoiren ... dies Buch kannte sie
+noch nicht; es trug die Zahl des laufenden Jahres, 1887, und führte den
+Titel: Frau Sorge. Der Verfasser hieß Hermann Sudermann.</p>
+
+<p>Sie las und war rasch gefesselt.</p>
+
+<p>Aber plötzlich, nach etwa einer Stunde, legte sie das Buch mit einem
+Ruck aus der Hand. Auf der sonntagnachmittagstillen Straße klang das
+Klappern der Spazierstöcke, klang Hundegezänk und der wohlbekannte
+Cimbernpfiff ...</p>
+
+<p>Sie fuhr ans Fenster. Fünf, sechs Cimbern kamen von der Barfüßergasse
+her die Wettergasse entlang, offenbar vom Spaziergang zurück: sie
+hatten rote Köpfe, Sonnenbrand, frische Luft und Alkohol leuchteten um
+die Wette von ihren Gesichtern. Sie<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> lachten laut und unaufhörlich;
+ihre Mützen saßen im Nacken; mancher von ihnen schlug mit dem
+Spazierstock einen Lufthieb nach dem andern. So trollten sie des Wegs
+entlang, bogen den Pfad nach dem Korpshause zu und verschwanden. Alles
+war wieder sonntagsstill; die ganze Wettergasse schien ausgestorben;
+nur ein mageres Kätzchen schlich den Rinnstein entlang; schon war die
+Sonne längst hinterm Schloßberg verschwunden; Dämmerung sank auf die
+Straße, tiefere lag in den Winkeln des schlichten Studentenstübchens.</p>
+
+<p>Und Rosalie dehnte sich in ihrer einsamen, quellenden Schönheit. Sie
+sehnte sich bis zum Verschmachten nach dem Knaben, dessen Jugendträume
+diese Stube durchwitterten. Dort standen die Bilder seiner Eltern, der
+schöne Weißkopf des Vaters mit den leuchtenden Augen, die Rosalie so
+gut kannte. Dort die herberen Züge der Mutter, aus denen ein kräftiges
+Wollen sprach: von diesen Linien meinte Rosalie kaum scheue Spuren in
+dem Gesichte des Ersehnten zu finden. Und da lag ein Päckchen frisch
+vom Photographen gekommener Bilder. Werner selbst. Ja, das war er,
+seine noch verschwommenen, unausgeprägten Züge, sein suchendes Auge.
+Grellbunt leuchtete die grob aufgesetzte Bemalung der Mütze und des
+Bandes. Das mußte sie haben; kurz entschlossen mauste sie eins und
+schob's in ihre Schürzentasche. Sie wollte ihn schon entschädigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>Und wieder klangen draußen Schritte und frische Stimmen, und wieder
+fuhr Rosalie ans Fenster. Und wieder waren es andere als der, dessen
+sie wartete.</p>
+
+<p>Und sie stöberte ruhelos in dem Stübchen umher, drehte jeden
+Gegenstand, den sie bemerkte, in den Fingern; inzwischen liebäugelte
+sie mit dem Sofa, steckte gar den Kopf ins Nebenzimmer und warf dem
+Bette einen vertraulichen Nicker zu ... das alles kannte sie ja so gut
+...</p>
+
+<p>Und doch war ihr jungfräulich, war ihr bräutlich zumute ... als
+wenn sie rein wäre, wie jener, dessen unberührte Jugend sie an ihre
+lechzenden Brüste pressen wollte.</p>
+
+<p>Da — da — Schritte auf der krachenden Stiege, polternd im lichtlosen
+Dämmer des Flurs — — an der Klinke eine tastende Hand — und Werner
+stand im Rahmen.</p>
+
+<p>»Fräulein Rosalie — —«</p>
+
+<p>»Ach — guden Abend, Herr Achebach — grad e bißche aufgeräumt hab ich
+da in der Stub —«</p>
+
+<p>»Ich dank Ihnen schön —«</p>
+
+<p>»Na — sinn Se spaziere gewesen?«</p>
+
+<p>»Na — der übliche Sonntagsnachmittags-Exbummel ... wir waren in Wehrda
+draußen.«</p>
+
+<p>Er hatte seine neue Mütze an die Wand gehängt und eine ältere
+aufgestülpt. Nun nahm er auch ein älteres Band herunter, knüpfte es an
+das neue, das er trug, und zog es durch Abziehen des alten unter<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> den
+Rock. Dabei stand er von Rosalie abgewandt. Seine Finger zitterten.</p>
+
+<p>»Herr Achebach!«</p>
+
+<p>»Fräulein Rosalie?«</p>
+
+<p>»Ich muß Ihne mal was frage —!«</p>
+
+<p>»Nun?« Er fuhr herum — der Ton der Frage hatte so seltsam geklungen ...</p>
+
+<p>»Herr Achebach — sinn Se in Freitag nacht obe vor mei'm Zimmer g'wese?«</p>
+
+<p>»Fräu—lein — — Rosalie —«</p>
+
+<p>»Sie —?« sie drohte mit dem Finger.</p>
+
+<p>»Ach Gott — ich — ich werde wohl ... bekneipt gewesen sein —
+entschuldigen Sie nur — es soll nicht wieder vorkommen —«</p>
+
+<p>»Ja — was ich Ihne sagen wollt — mei Bruder hat's geheert, wie Sie
+nunner sinn gange, un er hat mir de greeßte Skandal gemacht deshalb. De
+greeßte Skandal!«</p>
+
+<p>»Fräulein Rosalie — ich werde morgen ... mit Ihrem Herrn Bruder
+sprechen ... und ihm sagen, daß Sie gar nichts ... ich meine, daß ich
+allein —«</p>
+
+<p>»Um Gottes wille, das mache Se nur nit, die größte Unannehmlichkeit
+könnt das gebe! Schon so grad schlimm genug is es gewese!«</p>
+
+<p>»Ach, verzeihen Sie mir doch nur — ich — Himmel, ich könnt mich
+prügeln deshalb —«</p>
+
+<p>»Ja, verzeihe, verzeihe! Sie habe gut rede! Sie<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> sinn der große Herr,
+ich bin das arm Mädche, was alles muß ausbade!«</p>
+
+<p>»Fräulein Rosalie!« Er tat einen Schritt auf sie zu — endlich, endlich.</p>
+
+<p>»Ach, Herr Achebach —!«</p>
+
+<p>»Wollen Sie mir verzeihen?!« Er streichelte ihre Hand, ihren Arm —
+endlich! Endlich!</p>
+
+<p>Und fünf Minuten später hatte sie ihn auf dem Sofa.</p>
+
+<p>Und Werners Fassung schwand. Die wilden Küsse des Mädchens machten ihn
+toll.</p>
+
+<p>Da fuhr Werner plötzlich auf: draußen klang der Cimbernpfiff!</p>
+
+<p>»Himmel, meine Korpsbrüder!«</p>
+
+<p>»Verflucht! Laß se doch pfeife!«</p>
+
+<p>Einen Augenblick lauschte Werner den Pfiffen, die sich dringender
+wiederholten.</p>
+
+<p>Plötzlich polterten Schritte auf der Stiege.</p>
+
+<p>»Die Tier! Is de Tier abgeschlossen?! Schnell! Tu se zuschließen!«</p>
+
+<p>Werner fuhr auf — verdammt! Der Schlüssel stak draußen!</p>
+
+<p>Es war zu spät — da tauchte eine blaue Mütze aus der Dämmerung — ein
+gebieterisches, hageres Gesicht — der lange Scholz — —</p>
+
+<p>»Guten Abend, Leibfuchs!«</p>
+
+<p>»Leibbursch, du? Guten Abend —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>»Na, warum hast du denn auf meinen Pfiff nicht reagiert, wenn du doch
+zu Hause bist? —«</p>
+
+<p>»Oh, ich — — womit kann ich dir dienen?«</p>
+
+<p>»Ich wollt mir nur 'ne alte Mütze bei dir holen — es scheint ein
+Gewitter zu kommen.« Und schon war Scholz in der Stube. Vom Sofa
+leuchtete Rosaliens helle Bluse. »Ach, so!! — Ei, sieh doch den
+Duckmäuser! Wer ist denn das?«</p>
+
+<p>»Fräulein Rosalie Markus — meine <em class="antiqua">filia hospitalis</em> —«</p>
+
+<p>»Äh — <em class="antiqua">filia hospitalis</em> —!«</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Denn keine ist <em class="antiqua">aequalis</em></div>
+ <div class="verse indent0">Der <em class="antiqua">filia hospitalis</em>!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>sang Scholz mit näselndem Ulkton.</p>
+
+<p>»Mach mal Licht an, Leibfuchs! Die schöne Rosalie Markus ist wert, daß
+man sie auch mal bei Lichte besieht!«</p>
+
+<p>Verstört, fassungslos zündete Werner die Petroleumlampe an. Scholz nahm
+sie und leuchtete Rosalien ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Verdammt. Dich hab' ich eigentlich noch nie so recht angeschaut,
+Mädel! Hat keinen schlechten Geschmack, der kleine Leibfuchs.«</p>
+
+<p>Rosalie sprang auf, um zu entfliehen.</p>
+
+<p>»Was, weglaufen? Jetzt, wo's grad gemütlich wird?«</p>
+
+<p>Und die stählernen Finger des Seniors der Cimbria umklammerten
+Rosaliens blühende Handgelenke,<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> preßten das ringende Mädchen
+widerstandslos ins Sofa zurück.</p>
+
+<p>»Au, mein Arme — lasse Se los, Sie — Sie ung'schliffener Mensch, Sie!«</p>
+
+<p>»Wenn du brav bist!«</p>
+
+<p>Rosalie war frei, sie rieb sich die Handgelenke. »Da, sehe Se nur, wie
+Sie mich verdruckt habe!« Sie hielt die Handgelenke unter die Lampe,
+Scholzen entgegen; in der Tat, die Finger des jungen Mannes hatten sich
+wie eiserne Handschellen in dem weißen, schwellenden Fleisch eingeprägt.</p>
+
+<p>»Na ja! So geht's, wenn man mir nicht pariert!« lachte Scholz
+behaglich. Seine grauen Augen musterten kennerhaft die Gestalt des
+Mädchens und hafteten an dem Ausschnitt der Bluse.</p>
+
+<p>»Donnerwetter! Ich kann nur staunen! Ich kenne mich doch sonst aus
+unter den Marburger Mädeln — warum hab' ich dich eigentlich bisher
+übersehen? Nun hat der kleine Leibfuchs da dich mir weggeschnappt.
+Schade!«</p>
+
+<p>»Oh — weggeschnappt!« sagte Rosalie gedehnt.</p>
+
+<p>Scholz zog, wie freudig erstaunt, die Augenbrauen hoch. Also noch
+nicht? Das wäre! lag in diesem Blick, der Rosalie galt. Und dann über
+die rechte Achsel zu dem Jüngeren, der noch immer regungslos und
+hilflos dastand:</p>
+
+<p>»Na, Leibfuchs? Du schweigst ja in sieben Sprachen?!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>»Gehst du mit zur Kneipe, Leibbursch?« fragte Werner heiser.</p>
+
+<p>»Oh — wenn du zur Kneipe willst, ich will dich nicht abhalten. Ich ...
+wenn du erlaubst, daß wir noch ein Weilchen auf deiner Bude bleiben
+... dann möchte ich Fräulein Rosalie gern noch ein Augenblickchen
+Gesellschaft leisten.«</p>
+
+<p>»Das sollt mer grad fehle!« höhnte Rosalie und stand abermals auf,
+aber ihr Blick ruhte freundlich auf dem Unverschämten und mied das
+brennende, düstere Auge des Knaben, den sie vor fünf Minuten so wild
+geküßt.</p>
+
+<p>»Schönes Kind, du zwingst mich abermals zu Gewaltmaßregeln!«</p>
+
+<p>»Herr Scholz, mache Se jetzt keine Unsinn un lasse Se mich vorbei!« Sie
+mochte Werner so tief nicht kränken.</p>
+
+<p>»Also heute nicht? Dann ein andermal, du süßer Racker!« Und während
+Rosalie an seinen Knien vorbeistrich, packte er sie dreist um die
+Hüften. Sie riß sich los, warf noch einen spöttisch-bedauernden Blick
+auf Werner, einen schmollenden, doch verheißungsvollen auf Scholz und
+war hinaus.</p>
+
+<p>»Du, Leibfuchs, die Kleine spann ich dir aus, für die bist du noch zu
+jung,« sagte Scholz. »Wenn du der in die Finger fällst, dann bleibt für
+die Mensuren nichts mehr von dir übrig.«</p>
+
+<p>Und gleichmütig hing er seine Mütze an die<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Wand, nahm die beste
+ältere, die da war, stülpte sie auf den Hinterkopf und sagte: »Komm,
+Leibfuchs, wollen zur Kneipe!«</p>
+
+<p>Er blies die Lampe aus, schob seinen Arm in den Werners und zog ihn zur
+Tür.</p>
+
+<p>Und willenlos, kampflos folgte Werner.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>IX.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Und abermals war das Geheimnis, die Erfüllung an Werner
+vorübergegangen. Und als er andern Morgens im Bette übersann, wie
+alles gekommen war, da erfüllte ihn nicht mehr die dankbare Stimmung
+selbstbewahrter Reinheit ... da empfand er nichts als Scham und Groll
+gegen sich selbst. Diesmal hatte er den Becher nicht selbst von den
+Lippen gedrängt, ein Stärkerer war gekommen und hatte den zagen Händen
+des Knaben den Trank entrissen. Und er hatte nicht einen Finger zur
+Abwehr geregt. Er fühlte: das konnte Rosalie ihm nicht verzeihen. Ihren
+Abschiedsblick vergaß er nicht; der brannte noch immer mit ätzender
+Schärfe in seiner Seele. Klein und feige hatte er sich die Geliebte
+entreißen lassen.</p>
+
+<p>Die Geliebte! Hahahaha!!</p>
+
+<p>Dieser Gedanke kam ihm läppisch vor.</p>
+
+<p>Wer ihm noch vor wenig Monaten gesagt hätte, daß man ein Weib küssen,
+ihren Besitz stürmisch begehren könnte, ohne sie zu lieben?!</p>
+
+<p>Wenn jetzt einer gekommen wäre und hätte ihm erzählt, Rosalie sei in
+der Nacht gestorben — würde er eine einzige Träne um sie vergossen
+haben?!</p>
+
+<p>Was war denn das nun, was ihn zu dem wundervollen<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Geschöpf gezogen
+hatte?</p>
+
+<p>Werner hatte keinen Namen für dies Gefühl. Und dennoch wußte er, daß es
+ein Glück war, ein süßes, leuchtendes, trunken machendes Glück, das an
+ihm vorübergegangen war für immer.</p>
+
+<p>Für immer?</p>
+
+<p>Ja, für immer. Diese Stunde würde nicht wiederkommen. Diese Stunde,
+die ihm vergönnt hätte, seine so lange aufgestaute Sehnsucht in den
+Schoß eines Mädchens auszuschütten, das ihm alle seine Schönheit als
+freudiges Geschenk entgegengeworfen hatte, das sein gewartet, das ihn
+begehrt hatte in hinlechzendem Verlangen. Begehrt hatte ... und nun nie
+mehr begehren würde, da er sich unmännlich gezeigt hatte.</p>
+
+<p>Und in seinem Herzen war eine tiefe Trauer um ein verlorenes Glück ...</p>
+
+<p>Ja, um ein Glück!</p>
+
+<p>Der Primaner in ihm versuchte ihn zu belehren, daß ja doch dies Glück
+eine Sünde gewesen wäre —</p>
+
+<p>Sünde —!! Hahahaha!</p>
+
+<p>Wo waren die Begriffe hingekommen? Sünde — Schuld!</p>
+
+<p>Das Leben wußte nichts von ihnen. Das Leben kannte nur zwei
+Empfindungen, nur zwei Seelenzustände: Glück ... und Leid ...</p>
+
+<p>Narr, wer das Glück von sich stieß! Zehnfacher Narr, wer sich's rauben
+ließ!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
+
+<p>Das Leid, das mußte man wegstoßen — das zudringliche Leid, das immer
+wieder von selber kam — dem mußte man mit Keulen auf den Schädel
+dreschen, daß es heulend entweichen mußte ...</p>
+
+<p>Und haschen, haschen das flüchtige Glück ...</p>
+
+<p>Er hatte es entweichen lassen —</p>
+
+<p>»Du Narr! Du Esel!!« Er schlug sich mit der geballten Faust vor die
+Stirn.</p>
+
+<p>Babett brachte ihm das Frühstück. Er hatte das liebe Kind, dessen
+Mund seine ersten Küsse einst empfangen, seit jenem Abend nicht mehr
+beachtet. Und still wie ein Schatten war das schlichte Mädel durch sein
+Zimmer gehuscht, nie hatte ein Blick ihn daran erinnert, was zwischen
+ihnen vorgefallen.</p>
+
+<p>Heute zum ersten Male ließ er seine Augen auf ihr ruhen. War
+die vielleicht sein Schicksal? Er brauchte wohl nur den Finger
+auszustrecken —</p>
+
+<p>Aber nein — die da begehrte er nicht. Was war sie gegen Rosalie?</p>
+
+<p>Sie hatte seinen prüfenden Blick gefühlt, und ein tiefes Rot stieg aus
+ihrem Brusttuch bis unter die Wurzeln der zurückgestrichenen Haare.
+Aber er blieb stumm.</p>
+
+<p>Und stumm schlich Babett hinaus.</p>
+
+<p>Nach dem Fechtboden ging Werner zur Anatomie, um von Wicharts
+Gefälligkeit Gebrauch zu machen und den Präparierboden zu besichtigen.
+Es war ohnehin Zeit. Die warmen Tage waren nahe,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und da würde der
+Präparierboden geschlossen werden müssen.</p>
+
+<p>In der Vorhalle fahndete Werner nach einem dienstbaren Geist, gab dem
+seine Karte für Wichart und wartete. Und wie er so stand, ging hin
+und wieder die Tür zum Präpariersaal auf, und Studenten gingen ab und
+zu. Sie trugen lange, graue Leinenkittel und hatten die Ärmel wie
+Schlächter aufgestreift. Die Kittel waren wie mit braunen Farbkrusten
+beschmutzt, die Hände dunkel gefärbt ...</p>
+
+<p>Und aus dem Saale quoll ein Dunst, der sich schwer auf Werners
+Brust legte. Der Qualm von Zigarren- und Pfeifenrauch, gemischt mit
+einer andern, einer süßlich-faden Witterung ... Werner fühlte sich
+unaussprechlich ekel.</p>
+
+<p>Der Anatomiediener kam: »Der Herr mecht schon immer in de Saal gehe.«</p>
+
+<p>Und Werner trat ein. Unter der Tür meinte er fast zu ersticken an dem
+widerlichen Brodem, der auf ihn zuquoll. Aber das Bild arbeitender
+Menschen fesselte seinen Geist und half ihm den Schauder der Sinne
+bändigen.</p>
+
+<p>An vielen kurzen Tischen saßen an hundert Studenten, fast ausnahmlos
+junge Semester wie Werner. Alle qualmten sie, alle saßen sie tief
+gebeugt, alle hatten sie irgendein seltsam formloses Etwas in der Hand,
+an dem sie mit scharfen Instrumenten herumschnitzelten. Neben jedem
+lag ein aufgeschlagenes<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Buch mit Illustrationen in rot und blau,
+oder deren mehrere ... und der Blick der Arbeitenden ging hin und her
+zwischen den Abbildungen ihrer Bücher und den Gegenständen in ihren
+Händen.</p>
+
+<p>Und diese Gegenstände waren leblose Teile menschlicher Körper.</p>
+
+<p>Als Werners Augen das Gesamtbild des Saales aufgenommen und nun zum
+Einzelnen strebten, fiel ihr erster Blick auf einen blutjungen,
+bartlosen Menschen von kindlichem Gesichtsausdruck, der ein langes
+menschliches Bein unter den Händen hatte. Er war beschäftigt, die
+einzelnen Muskeln von den zwischenliegenden Schichten aus Fett und
+Bändern zu befreien und herauszulösen. Eben hatte er einen breiten,
+roten Schenkelmuskel lospräpariert, schob seine Rechte darunter her,
+strich mit der Linken befriedigt, wie liebkosend über den gesäuberten
+Muskel und schmunzelte selbstzufrieden vor sich hin, im Bewußtsein
+sauber besorgter Arbeit. Werner mußte in all seinem Schauder lächeln.</p>
+
+<p>Und er ging weiter von Tisch zu Tisch. Hier wurde ein Arm, dort
+ein Fuß, dort eine Hand zersäbelt. Und staunend sah Werner diese
+selbstverständliche Ruhe und Gelassenheit, mit der diese gleichaltrigen
+Jünglinge das Geheimnis des Meisterstücks der Schöpfung erschürften,
+geschäftsmäßig, mit dem sachlichen Ernst von Knaben, die ein Spielzeug
+zertrümmern, um seinen Mechanismus zu ergründen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<p>Schließlich stand er hinter einem Studenten, der vor sich einen
+menschlichen Kopf liegen hatte. Die von Haaren entblößte Schädelhaut
+war durch einen Schlitz von der Nasenwurzel bis zum Hinterkopf
+gespalten, dann die Schädeldecke flach abgesägt worden, und aus der
+Gehirnhöhle hatte der Arbeitende das Hirn losgetrennt und gesäubert.
+Eben war er fertig geworden und ließ die quabblige, schaukelnde
+Hirnmasse auf einen Porzellanteller gleiten. Erleichtert atmete er auf,
+empfand, daß jemand hinter ihm stehe, und wandte sich herum. Es war
+Scholz.</p>
+
+<p>»Tag, Leibfuchs! Na? Was suchst du denn bei uns?«</p>
+
+<p>»Tag, Leibbursch! Wichart hat mich aufgefordert, mir hier die Sache mal
+anzusehen.«</p>
+
+<p>»So, so — na, wie gefällt dir's denn in dem Ausschank?«</p>
+
+<p>»Na — gefallen? Jedenfalls interessiert mich's riesig.«</p>
+
+<p>»Nicht wahr? Und dann riecht's auch so gut.«</p>
+
+<p>»Entschuldige, Leibbursch — was treibst du denn hier? Ich denke, du
+stehst schon ziemlich nahe vor'm Staatsexamen?«</p>
+
+<p>»Na — immerhin noch anderthalb Semester — aber du hast recht —
+eigentlich hab' ich hier ja nichts zu suchen ... uneigentlich aber
+mach' ich hier Studien für meine Doktordissertation. Schau dir das
+mal an! Das ist die Denkmaschine. Das muß eigentlich jeder<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> gebildete
+Mensch mal gesehen haben. Das und 'ne Entbindung. Dann kommt man
+dahinter, daß der Mensch ein grad so armseliges Viech ist, wie alle
+andern. So die Romanschreiber und die Dichter und so 'ne Leute: die
+müßten das mal sehen, dann würden sie nicht so viel idealistischen
+Blödsinn quasseln.«</p>
+
+<p>Diese Logik war Werner unbegreiflich. Mit tiefer Ehrfurcht betrachtete
+er die opalisierende Masse auf dem Teller. Ihm war, als wachse vor
+diesem Anblick das Geheimnis des Denkens und Schauens nur tiefer
+ins Unermeßliche hinab. Wenn nicht eines Gottes kommandierende
+Allweisheit dies millionenfach verschlungene Chaos von Gängen und
+Fäden und Äderchen gebildet, wenn das alles »geworden war«, so sich
+entwickelt hatte im Laufe der Jahrmillionen — war das nicht tausendmal
+wunderbarer — weckte es nicht tausendmal tiefere Ehrfurchtsschauer?!</p>
+
+<p>Das alles zuckte nur als dumpfes Ahnen durch des Knaben Hirn ... von
+dem Naturerkennen der Zeit waren nur erst flüchtige Blitze in die
+dumpfe Geistesdämmerung der Elberfelder Oberprima gedrungen.</p>
+
+<p>Und er stand vor dem Sitz des Lebens, wie er manchmal in heimischen
+Fabriken oder auf der großen Düsseldorfer Gewerbeausstellung vor
+sieben Jahren den riesigen Maschinen gegenübergestanden hatte;<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> das
+eine konnte man so wenig begreifen wie das andere; nur eine Anschauung
+von einer tiefdurchdachten, langsam und kämpfend herangereiften
+Zwecktüchtigkeit und Bedeutungsfülle strömte, wie von jenen
+schwerfälligen eisernen Kolossen, von dem Unbegreiflichen, dem ewig
+Rätselhaften des Seins wie von dem Menschengeiste, der rastlos sich
+selber zu ergründen trachtete. Und der nüchterne, eiserne Gesell da vor
+ihm, der ihn vor wenig Stunden um einen süßesten Augenblick betrogen,
+wuchs in diesem Moment für Werners Empfinden zu einem Pionier des
+Geistes empor, der auf oft betretenen, nie bis zum Ende verfolgten
+Pfaden tiefer und tiefer in den Urwald des Unbegriffenen einzudringen
+trachtete ...</p>
+
+<p>Da schreckte ein Ruf ihn aus seinem Sinnen:</p>
+
+<p>»Achenbach!«</p>
+
+<p>Wichart stand unter einer Tür, die zu einem Nebengelaß führte; auch
+er in Kittel und aufgekrempelten Ärmeln, wie Werner ihn schon von der
+Mensur her kannte.</p>
+
+<p>Werner schob sich zwischen den Schemeln der arbeitenden Studenten
+hindurch und begrüßte Wichart, streckte ihm die Hand hin. Aber der
+sagte:</p>
+
+<p>»Ne, Füchsche, Hand gibt's net — ich hab schon gearbeitet!« und
+er hielt dem jungen Korpsbruder die besudelte Hand unter die Nase:
+»Kannscht es rieche?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>»Ach, Wichart,« sagte Werner, »ich bin dir ja kolossal dankbar! Es ist
+großartig interessant!«</p>
+
+<p>»Nit wahr? Aber wart nur, jetzt sollst was zu sehe kriege, was mer auch
+nit alle Tag vor die Auge bekommt. Ebe ist was Neues bracht worde: 'ne
+Selbstmörderin, wo se gestern abend unne bei Frohnhause aus der Lahn
+gezoge habe!«</p>
+
+<p>Und er zog Werner ins Nebenzimmer. Dort standen zwei Anatomiediener,
+der eine hatte eine Säge in der Hand, der andere hielt etwas fest —</p>
+
+<p>»Warte Se eine Augenblick, Michel,« sagte Wichart und schob Wernern
+ganz heran.</p>
+
+<p>O Gott — —!!</p>
+
+<p>Ein junges Weib, ein schönes, wunderschönes Mädchen ... eine Leiche ...
+schon bläulich angelaufen, ein wenig gedunsen vom Wasser — aber ...</p>
+
+<p>Das also war des Weibes Leiblichkeit!!</p>
+
+<p>Oh, so ganz anders, als der Jüngling sie geträumt hatte ...</p>
+
+<p>Das Weib und der Tod — da lagen sie beide vor des Knaben Augen —
+schleierlos — allübermächtig ...</p>
+
+<p>Tot ... und warum tot?</p>
+
+<p>Eine Selbstmörderin —! Aus dem Wasser gezogen!</p>
+
+<p>O Gott, o Gott!</p>
+
+<p>Aus blühender Lebensfülle in die nasse, kalte Flut —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
+
+<p>Wichart schien die Frage von Werners zuckendem Gesichte gelesen zu
+haben. Er wies auf den Leib, der sich stark wölbte.</p>
+
+<p>»Da steckt's drin!« sagte er. »Das hat sie ins Wasser gebracht. Ja,
+Kerlche, so is das! Aber se könne ja die Finger nit davon lasse —! Der
+Vater is en Schreiner mit zehn lebendige Kinner, un in seiner Wut, daß
+se in de Schand komme is, hat er se uns verkauft.«</p>
+
+<p>Wernern schüttelte das Grauen so unbezwinglich, daß er mit einem jähen
+Laut die Luft durch die klappernden Zähne zog.</p>
+
+<p>In dem Augenblick trat Scholz ein. »Na, Wichart, was habt ihr denn da
+gut's?«</p>
+
+<p>»Willst es Gehirn habe?« fragte Wichart und wandte sich zu einem
+Instrumentenschrank.</p>
+
+<p>Plötzlich sah Werner, wie Scholzens Augenlider sich weit aufrissen,
+die Stirn sich hoch in Falten zog, der Unterkiefer wie haltlos
+herunterklappte. Und beide Hände tasteten langsam, irr am grauen Kittel
+herauf nach dem Kragen. So stierte er mit blicklosen Augen eine Sekunde
+lang auf die Leiche ... und noch eine Sekunde ... dann machte er kurz
+kehrt und war hinaus.</p>
+
+<p>Himmel — was war ihm?!</p>
+
+<p>Einen raschen Blick voll zähneknirschend angstvollen Forschens ließ
+Werner in das Totenantlitz<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> gleiten — ja — sie war's — sie war's —
+Lenchen Trimpop.</p>
+
+<p>Wichart hatte nichts bemerkt. Er kramte unter seinen Instrumenten und
+holte eine große Schere heraus. Die gab er dem einen der harrenden
+Anatomiediener und deutete auf das lang und naß herunterhängende
+Blondhaar der Leiche. »Schneiden's ab! Du kannst dir den Kopf gleich
+mitnehme, Scholz! Nanu? Wo ist denn der Scholz?«</p>
+
+<p>Werner konnte nicht antworten. Er drückte Wichart die Hand und
+stammelte, totenhaften Gesichts: »Adieu, Wichart, ich danke schön.«
+Dann taumelte er hinaus.</p>
+
+<p>»Is wohl aach kee Mediziner nit, der Herr?« meinte Michel, der
+Anatomiediener, und setzte die Schere an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>X.</h2>
+</div>
+
+<p>Gott, Gott! —</p>
+
+<p>Ein Mensch war in Verzweiflung getrieben!</p>
+
+<p>Ein junges, blütenjunges Leben hatte flüchten müssen aus der Welt, in
+der es Eltern gab, Geschwister, einen Mann, dem es in Liebe angehört
+... in der es Mutterhoffnung gab ... aber keine Heimat ... keine
+Rettungshand ... nicht Luft noch Licht zum Leben ...</p>
+
+<p>Was würde sich nun ereignen?</p>
+
+<p>Eine Katastrophe, ein Weltuntergang ...</p>
+
+<p>Aber draußen flimmerte die Sonne heiß und heiter auf dem
+Straßenpflaster, übergoldete die Stadt und den friedlichen Fluß, in
+dem ... das würde man nie vergessen können ... und nie diesen Anblick,
+nie diesen fahlleuchtenden, mütterlichen Mädchenleib mit nassen
+Blondsträhnen und den grünlichen Flecken ... nie ... nie ...</p>
+
+<p>Heim! heim! ins Dunkel, in die Einsamkeit ...</p>
+
+<p>Er fand in Dumpfheit seine Straße, seine Stiege, sein Sofa ... wühlte
+sich in eine Decke, fror und schluchzte und sann.</p>
+
+<p>Da stürzte Rosalie heulend herein: »Herr Achebach, Herr Achebach! Ach,
+das Malheur, das Malheur!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>»Fräulein Rosalie?«</p>
+
+<p>»Meine Freundin, es Lenchen Trimpop, is in de Lahn gange!« sie fiel in
+einen Stuhl, sie heulte, sie ächzte, stoßweise schrie sie es heraus.</p>
+
+<p>»Un ich weiß auch, weshalb! E Kind hat se, un ich weiß auch von wem!
+Vom Scholz hat se's gehabt, von eurem Scholz —!!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ja, nun würde die Rache kommen. Die da, dies Mädchen, das gestern der
+Überrumpelung des Sieggewohnten fast erlegen war ... die wußte nun,
+wer er war ... die würde nun durch alle Straßen von Marburg heulen:
+der erste Chargierte der Cimbern ist schuld, daß das Lenchen Trimpop
+ins Wasser gegangen ist! Und dann würden die Steine Echo schreien,
+die Leute sich auf den Verführer, den Mörder stürzen wie auf eine
+gefährliche Bestie und die Rache der Menschheit an ihm vollziehen ...</p>
+
+<p>Nicht, daß er wieder ein »Balg« in die Welt gesetzt — nicht das war
+das Ungeheuerliche ... sondern daß er hatte die in Verzweiflung sterben
+lassen, die ihm ihr Alles gegeben ... das war's, das würde Rosalie als
+Anklägerin in alle Lüfte heulen, und die Steine würden Echo schreien ...</p>
+
+<p>Mit schlotternden Knien suchte Werner um die Mittagsstunde den Kreis
+der Korpsbrüder auf, die er im Quentinschen Lokal beim Frühschoppen
+wußte. Er glaubte nicht anders, als daß er alles in wilder<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Verstörung
+antreffen würde. Aber sehr behaglich kneipend saßen die Füchse im
+Garten über der hohen Terrassenmauer. Die Korpsburschen, hieß es, seien
+auf der Kneipe im C. C.</p>
+
+<p>Ah! also dort vollzog sich das Strafgericht!</p>
+
+<p>Aber nein.</p>
+
+<p>Bald kamen die Korpsburschen: sofort sah Werner an ihren Gesichtern,
+daß nichts von besonderer Bedeutung vorgefallen.</p>
+
+<p>Und bald wurde den Füchsen aus dem C. C. mitgeteilt: »C. B. Scholz,
+gewesener Dritter Erster, Erster, Erster, Erster <em class="antiqua">ad interim</em>
+tritt von seiner Charge ins Korps zurück und derselbe mit Farben
+inaktiv. Unter demselben Datum definitive Chargenwahl: Papendieck,
+gewesener Fuchsmajor, Erster, Krusius, gewesener Dritter, Zweiter,
+Dettmer Dritter. Unterm selben Datum: i. a. C. B. Scholz, gewesener
+Dritter, Erster, Erster, Erster in Berlin.«</p>
+
+<p>Also das war das Ende? Das war alles?!</p>
+
+<p>Ja, da mußte doch etwas nachkommen! So konnte das doch nicht ausgehen?!</p>
+
+<p>Rosalie würde reden! Ja, die wußte ja nicht bloß, wie Werner, aus
+Anzeichen — — die wußte aus dem Munde der Toten, was geschehen war!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Rosalie schwieg. Ein paar Tage lang hatte sie verweinte Augen ... lief
+ein paar Tage im Hause herum, ohne wie sonst zu trällern und zu pfeifen
+—<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> dann pfiff und trällerte sie wieder. Und hatte geschwiegen.</p>
+
+<p>Und nichts geschah ... nichts.</p>
+
+<p>Ein paar Tage sprach man in Marburg davon, daß eine Tischlerstochter
+sich ertränkt habe; sie solle ein Verhältnis mit einem Studenten gehabt
+haben, das nicht ohne Folgen geblieben sei: dann war Lenchen Trimpop
+vergessen. Als wäre eine Mücke ertrunken.</p>
+
+<p>Und niemand klagte ihren Mörder an. Niemand kannte ihn. Niemand.</p>
+
+<p>Doch, einer: er — Werner! —</p>
+
+<p>Er würde die Stimme erheben müssen, er würde zeugen müssen gegen den
+weiland Senior Cimbrias, den gefürchteten S.-C.-Fechter, gegen seinen
+Leibburschen!</p>
+
+<p>Was konnte alles daraus werden —?!</p>
+
+<p>Eine furchtbare Katastrophe im Korps!</p>
+
+<p>Vielleicht würde später Scholz ihn fordern ... gar auf schwere Waffen
+— auf Säbel ... auf Pistolen!</p>
+
+<p>Was konnte daraus werden?!</p>
+
+<p>Und mit Schaudern malte Werner sich alle möglichen ungeheuerlichen
+Folgen seiner Enthüllung aus.</p>
+
+<p>Vielleicht würde sich Scholz, wenn das Korps ihn exkludierte, das Leben
+nehmen ...</p>
+
+<p>Aber das wäre dann eben die Nemesis, die Rächerfaust der Erinnyen:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wir heften uns an seine Sohlen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das furchtbare Geschlecht der Nacht!</div>
+ <div class="verse indent0">— — Geflügelt sind wir da, die Schlingen</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er zu Boden fallen muß!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>O ja, er kannte seinen Schiller! Er wußte, daß es eine ewige, rächende
+Gerechtigkeit gab ... und wie durch jener Kraniche Mund der Mord des
+frommen Sängers an die Sonne kam; er, Werner, war das Werkzeug der
+Vorsehung, des Weltenrichters, den tödlichen Frevel an dem armen
+Schreinerskinde zu rächen!</p>
+
+<p>Mochte kommen, was da wolle! —</p>
+
+<p>Und er ging zu Papendieck, seinem verflossenen Fuchsmajor, dem
+neugebackenen Ersten Cimbrias.</p>
+
+<p>Der lange Senior saß mit der Pfeife vor einem medizinischen Buche und
+»strebte« fürs Physikum. Er war etwas ungnädig über die Störung. Er war
+meistens ungnädig, seit er Erster geworden war.</p>
+
+<p>Aber bald wurde er aufmerksam. In seinem Gesichte zuckte es ganz
+wunderlich, als Werner stammelnd, glühend seine Anklage vorbrachte.</p>
+
+<p>»Na — büst fertig?« sagte er, als Werner schwieg und in zuckender
+Spannung den Gestrengen ansah.</p>
+
+<p>»Ich bin fertig.«</p>
+
+<p>»Na, nu will ick dir mal wat sagen, lütt Jung. Du hast 'n Vagel. Äwer
+'n utgewassenen. Nu gah nah Hus, lütt Jung, un leg di up't Ohr.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>Werner sprang auf. »Habe die Güte, mir das zu erklären!« Seine Augen
+funkelten so bedrohlich, daß Papendieck sich zu einer Erläuterung
+verstand.</p>
+
+<p>»Zuerst, min Sähn, mußt du dir klar machen, daß allens, wat du wissen
+willst, man Hirnges — pinste sind, Hirnges—pinste — versteihst du
+mir? Sonst nix! Scholz hat große Augen gemacht, wie er die Leiche von
+dem unglücklichen Mädchen gesehn hat, und denn is er weggegangen. Das
+is allens! — Aberst nu will ich mal annehmen, es verhielt sich allens
+wirklich so, wie du dir das zusammenklaviert hast, was wäre denn nu
+denn dorbi? Wat? Sollen wir vielleicht unsen Senior von drei Semestern
+mit Schimpf und Schann rutsmiten, weil so'n doemliches Ding sich ihm
+von Rechts wegen an'n Hals hätt smeten? Wat? Scholzen, den s—trammsten
+Korpss—tudenten in Marburg?! Nee, nee, min Sähn, da büst du hellschen
+schiew gewickelt! Un nu gah, min Sähn, un wenn ick dir nen gauden Roat
+soll gewen: denn swig din Mul! vers—tehst du mich?! sonsten kann
+dich das noch hellschen slecht bekommen! Der Scholz, weißt du, der
+vers—teht keinen S—paß!«</p>
+
+<p>Werner war draußen. Alles wirbelte um ihn her.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Ich durchbohr den Hut und schwöre:</div>
+ <div class="verse indent0">Halten will ich stets auf Ehre,</div>
+ <div class="verse indent0">Stets ein braver Bursche sein.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Nicht wahr? So hatten sie doch gesungen auf<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> dem S.-C.-Antritts-Kommers
+beim Landesvater? Das war doch der feierliche Burschenschwur, den sie
+damals alle miteinander getan?!</p>
+
+<p>Ja, was war denn Ehre, wenn <em class="gesperrt">der</em> nicht ehrlos war?!</p>
+
+<p>Aber, Werner Achenbach, schlag an deine eigene Brust! Hat nicht vor
+wenig Tagen dieser selbe Scholz, den du verdammst, dich davor bewahrt,
+zu tun, was jenes Mädchen in den Tod getrieben hat?!</p>
+
+<p>Doch nein ... nicht jene trunkenen Stunden, in denen die Tote das Leben
+in ihren Schoß empfangen hatte — nicht die waren's, um die Werner den
+Verführer verdammte.</p>
+
+<p>Jene späteren, kalten, rohen, die gekommen sein mußten, in denen Scholz
+der Genossin glücklicher Nächte seinen Beistand versagt hatte, versagt
+haben mußte ... hatte nicht Scholz ihm selber gestanden, daß ein Mädel,
+das etwas »gefangen« habe, sich hilfeflehend an ihn gewandt habe ...
+er solle sie heiraten, sonst müsse sie ins Wasser gehen? Er hatte
+keine Hilfe für sie gefunden ... hatte sie verzweifeln und sterben
+lassen ... das war's ... das war für Werners Empfinden die eigentliche
+Ehrlosigkeit, das endgültige Verbrechen, der unsühnbare Mord.</p>
+
+<p>Waren sie denn alle so, die Blau-rot-weißen, wie dieser Papendieck?</p>
+
+<p>Eine andere Stimme wollte Werner hören ... alle die Jünglinge um ihn
+herum standen mitten<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> drin in diesem Treiben ... waren noch beeinflußt
+von Scholzens Persönlichkeit, die anderthalb Jahre lang das Korps in
+fester Zucht gehalten hatte. Eine menschlichere Stimme klang in Werners
+Ohren nach, die Stimme eines jungen Mannes, der schon an der Schwelle
+des wirklichen Lebens stand — Wicharts.</p>
+
+<p>Er suchte ihn auf, erzählte ihm den Sachverhalt.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte der, »das sieht em ähnlich, dem Scholz. Er kann's nu mal
+nit lasse. Was willst mache? Laß doch die Mädche ihre siebe Sache
+beisamme behalte!«</p>
+
+<p>»Wichart! und das könntest du ... das brächtest du fertig, den Menschen
+noch länger als Korpsbruder zu behandeln? So einen Ehrlosen?!«</p>
+
+<p>»Ehrlose? Na, Fichsche, die hohe Töne, die wolle mer lieber unnerwegs
+lasse un wolle der Sach mal ruhig auf de Grund gehe. Sieh mal, wann
+e Mädche sich emal tut hernehme lasse, hernach muß se's doch von
+vornherein wisse, was das absetze kann, möglicherweis. Sieh mal, in
+Deutschland werde jedes Jahr hunnertunachtzigtausend uneheliche Kinner
+gebore. Ob da nu eins mehr oder eins weniger komme wär — darum wär die
+Welt nit unnergange. Oder meinst? Na, un wenn nu das dumme Mädche ihr
+Kindche ruhig hätt zur Welt gebracht — der Scholz hätte zahle misse,
+un es wär sicher e strammes Biebche geworde. Warum is se in de Lahn
+gange? Wenn alle Mädche, die Kinner kriege, in de Lahn<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> wollte gehn
+— so viel Platz is ja gar nit in der Lahn. Also: der Scholz hat nit
+mehr und nit weniger getan, als wir alle tun. Und wenn das Mädche dran
+zugrunde is gange — Pech genug für de arme Scholz, der wird's auch nit
+so bald vergesse, wie se da is gelege auf ein Prosektortisch. Ja!«</p>
+
+<p>»Wichart — und das alles ist ... wirklich ... deine Ansicht?«</p>
+
+<p>»Na, aber allemal! Oder hätt er se am End gar heirate solle? die
+Schreinerstochter? Da hätt er ja als Student schon e kleine Harem
+beisamme.«</p>
+
+<p>»Wichart — in mir dreht sich überhaupt alles —«</p>
+
+<p>»Oder am End gar stehst auf dem Standpunkt vom Keuschheitsprinzip? Die
+Burscheschafte, da gibt's so was, bei einige wenigstens. Keuschheit
+bis zum Ehebett! Je, dann hättst zu de Armine gehe müsse — hättst nit
+Korpsstudent dirfe werde.«</p>
+
+<p>Werner richtete sich hoch auf. »Lieber Wichart — ich will dir ganz
+offen etwas sagen. Ich bin jetzt acht Wochen in Marburg. Acht Wochen
+aktiv. Aber was in den acht Wochen aus mir geworden ist ... wenn ich
+das vorher gewußt hätte — ob ich Armine geworden wäre, das weiß ich
+nicht — aber Cimber — Korpsstudent — bei Gott nicht!«</p>
+
+<p>Wichart schwieg einige Zeit, zündete sich eine frische Zigarre an, sann
+erst vor sich hin, lächelte dann still in sich hinein, richtete sich
+auf und sprach:</p>
+
+<p>»Hernach, lieber Achebach, muß ich dir emal e<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Rede rede. Sieh mal,
+ich hab e bißche mehr von der Welt gesehn, wie du. Ich begreif das
+alles ganz gut. Bis vor acht Woche bist mollig un weich im Elternhaus
+gesesse, un von der Welt is nix an dich ran komme. Und die Magister,
+die habe dir nix gesagt, un so bist e ganz kleins dummes Gänsche
+gebliebe mit deine achtzehn Jahr un mit deine lange Knoche. Un nu
+auf einmal kopfüber, kopfunter mitte nein in die Welt! Un, ach du
+liebe Güte, wie is die so anners, als du dir's träumt hast! Un nu
+willst verzweifeln un denkst, das is das Korps, wo all die Mensche so
+schlecht macht. Ich aber sag dir: sieh dich mal erst um im Lebe! Dann
+wirst finde: die Korpsstudente, die alte wie die junge, sind gewiß
+keine weißgewaschene Engelche ... aber <em class="gesperrt">die Beste im Land</em> sinn
+doch mit dabei! Ich will ja nit sage, daß es auf anner Weis nit geht,
+e richtiger Kerl zu werde, wie das Lebe sie braucht, ich weiß auch:
+manches bei uns is faul, könnt anners werde ... aber weißt — worauf's
+ankommt im Lebe — das habe die alte Korpsstudente im Korps alle
+gründlich gelernt. Denn im Lebe, weißt, da schaut's anners aus als auf
+der Prima! da heißt's: durchkomme! sich wehre mit Zähn un Klaue! un das
+lernst im Korps, verlaß dich drauf! un wenn dabei die Fetze vom Herze
+nur so runnerfliege wie die Schwartelappe drauße in Ockershause ...
+laß fliege, laß fliege! das wachst wieder nach ... von selber wachst's
+wieder nach!!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>»Aha — also sieht's aus! sorgen, daß man durchkommt!! und all das
+Gerede von Ehre, Ehre, Ehre, das ist also nur Schein! nur Dekoration!
+Komödie! Schwindel!!«</p>
+
+<p>»Komödie?! Schwindel?! Du, da wolle wir uns mal in zehn Jahre wieder
+drüber spreche! Lieber Achebach, es is noch e bißchen zu frieh für
+dich, so abzuurteilen über die Welt, wo du erst seit acht Woche aus
+deiner Kinnerstub nein bist sprungen. Denkst du, mir habe hier all nur
+darauf gewartet, daß du kommst, für um uns nu fix fix umzukrempeln nach
+deine achtzehnjährige Gedanke? Nee, Männche ... lern du erst emal, dich
+in die Welt schicke! Verbessern kannst se immer noch, hernach, wenn mal
+bist wer geworde! Lern heule zuerst mit de Wölf, sonst fresse se dich!«</p>
+
+<p>»Wichart ... nur das eine sag mir ... ich will ja ... ich will
+ja mir Mühe geben zu lernen. Was ist sie denn, diese sogenannte
+korpsstudentische Ehre, die wir hochhalten sollen? Das wird uns ja
+gepredigt in jedem R. C. — wie soll ich sie hochhalten können, wenn
+ich nicht weiß, was sie ist?«</p>
+
+<p>»Ja, lieber Junge, die Ehre! die korpsstudentische Ehre! wenn mer
+das so könnt mit Worte sage! ... Sieh mal, ich glaub, die Ehre,
+da is es grad mit wie ... wie mit der Mensur. Schau, is das nit
+eigentlich e Bleedsinn, die ganze Fechterei?! Zwei junge Kerl, die
+sich im Lebe nimmer nix zuleid getan<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> habe, die werde von dene
+zweite Chargierte widerenanner gestellt un misse sich nu die Nase
+un die Keps entzweischlage. Bleedsinn is es! aber ... <em class="gesperrt">mer wird
+e Kerl dabei</em>!! Haar kriegt mer auf die Zähne ... un das is es
+doch, worauf es ankommt im Leben! Un so, mein ich, so is es auch mit
+der korpsstudentischen Ehre. Eigentlich auch Bleedsinn. Wär's nit
+Bleedsinn, wenn mer sich einbildt, mer wäre was Besonners, wann mer
+so e blau-rot-weißes Fetzche über der Weste kann trage? Aber trag's
+mal so vier Semester lang, mach mal de Bleedsinn e paar Jahr lang mit!
+sollst sehe, was das fir e Muck gibt in de Knoche! — — Ich weiß ja,
+das alles is nur die Schal von der Nuß, un unner der glatte, harte
+korpsstudentische Schal, da is auch manch taube Nuß un manch faule
+auch. Aber der Kern, weißt, wenn der gesund is, hernach sollst sehn,
+wie gut's dem tut, wann die Schale so fest is un so glatt! — — Weißt,
+lieber Freund, es Lebe is nit so einfach, wie du's dir gedacht hast auf
+em Gymnasium; es is e verdammt schwierige Einrichtung un e komplizierte
+dazu! Un in manchem Bleedsinn steckt mehr Vernunft un mehr Gesundheit
+als in de Kepf von zwei Dutzend Professore!! Na, nu geh un denk e
+bißche nach über mei lange Red ... ich muß in d' Klinik!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Werner schlenderte durch die breiten, uncharakteristischen Straßen der
+neuentstehenden Südstadt und<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> sann über Wicharts Worte. Er fühlte die
+gute Meinung, die Aufrichtigkeit in den Darlegungen des Reiferen, aber
+das alles schloß sich nicht zu einem Ganzen zusammen ... das wollte
+nicht verschmelzen mit dem Ideenkomplex, mit dem Moralkodex, mit dem
+Schule und Elternhaus ihn ausgerüstet. Es sprach nicht zu seinem Herzen
+... sie wärmte nicht, diese Weisheit, sie rief nicht zu Taten der
+Begeisterung ... Gab es denn keine Stelle, wo der Herzschlag seiner
+Sehnsucht Echo fand? War er denn wirklich allein, ganz einsam inmitten
+der Stadt der Jugend, wo auf zehn Einwohner ein Student kam? Tausend
+Altersgenossen ... tausend Kommilitonen ... und kein Herz ... kein
+Freund?</p>
+
+<p>Und da stand das Angesicht des einen vor seiner Seele, von dem er
+wußte, daß er zum mindesten ein Gefühl mit ihm teilte ... aber das
+höchste, das wundertätigste ... Klauser ... der arme, dimittierte
+Klauser ...</p>
+
+<p>Ob er den überhaupt besuchen durfte? Ob er sich nicht straffällig
+machte dadurch? Er konnte ja fragen ... aber nein ... vielleicht gab's
+dann ein Verbot ... und das würde er dann übertreten müssen. Denn eine
+Sehnsucht, ein Heimweh nach einem Herzen, das er zum wenigsten erfühlen
+könnte, zog ihn unwiderstehlich zu dem Jüngling, zu dem er ein Mädchen
+hatte sprechen hören, wie zu ihm selber in seinen Träumen Elfriede
+sprach. Er wollte mindestens versuchen,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> ob da auf die Fragen eines
+bangenden Menschenherzens eine Antwort zu hören sei — — nicht eine
+korpsstudentische, sondern eine menschliche Antwort.</p>
+
+<p>Klauser saß lesend auf seinem Sofa, als Werner eintrat. Er sprang auf,
+seine Augen leuchteten in dankbarer Freude — als er den Besucher sah.</p>
+
+<p>»Gott sei Dank, endlich bekümmert sich mal einer um mich. Willkommen,
+Achenbach!«</p>
+
+<p>Mit Rührung sah Werner in das dick verquollene, blasse Gesicht unter
+dem turbanartig den Kopf einhüllenden Wickelverbande. Himmel, sah der
+Arme verändert aus! Es war die Scham über sein Mensurunglück, die
+schimpfliche Strafe, die Einsamkeit von vier Tagen, angefesselt in all
+der jungen Sommerpracht an ein dumpfes Studentenbudchen, das man nicht
+verlassen durfte, ohne daß die Spießer mit Fingern auf einen zeigten ...</p>
+
+<p>Vor ihm auf dem Tische stand eine Kabinettphotographie im Rahmen ...
+die nahm Klauser hastig und errötend weg und wollte sie verbergen.</p>
+
+<p>»Laß,« sagte Werner und legte seine Hand leicht auf den Arm des
+Korpsbruders — »laß nur — ich weiß Bescheid. Das ist Marie. Deine
+Braut. Ich gratuliere dir tausendmal.«</p>
+
+<p>»Achenbach?«</p>
+
+<p>»Ich ... hab' euch im Museumsgarten zusammen gesehen ... neulich auf
+der Reunion. Ich habe ein<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> paar Worte aufgeschnappt ... aber du mußt
+nicht denken, daß ich gehorcht hätte!«</p>
+
+<p>»Das denk' ich auch nicht von dir, Achenbach. Nun, wenn du's weißt,
+dann ... ich danke dir. Du bist ... der erste, der ... ich danke dir.«</p>
+
+<p>Die Jünglinge schüttelten sich die Hände. Beider Augen schimmerten,
+ihre Lider schlossen und öffneten sich rasch ein paarmal.</p>
+
+<p>»Setz' dich! Was trinkst du? Einen Schnaps — Bier?«</p>
+
+<p>»Was du hast.«</p>
+
+<p>»Ich brauche nur zu klingeln.«</p>
+
+<p>»Na, dann natürlich ein Bierchen.«</p>
+
+<p>Eine alte Wirtin erschien, nahm den Befehl entgegen und verschwand.</p>
+
+<p>»Zigarre oder Zigarette?«</p>
+
+<p>»Erst das letztere, dann das erstere.«</p>
+
+<p>»Recht so!« Die Dunstwölkchen kräuselten um Mariens Bild, das in seiner
+schlanken Herbheit zwischen den Jünglingen stand.</p>
+
+<p>»Und wie geht's dir, Klauser?«</p>
+
+<p>»Na, wie's einem geht, wenn — na, du weißt ja.«</p>
+
+<p>»Verzeih, aber mir kommt das alles entsetzlich wunderlich vor. Was hast
+du denn eigentlich verbrochen, daß man dich so einfach ...«</p>
+
+<p>»Ja, was hab' ich verbrochen? Meine Mensur hat eben dem C. C. nicht
+genügt. Und dann fliegt man raus. Das ist nun mal so.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>»Ja, ich begreife das alles wirklich nicht.«</p>
+
+<p>»Warum hast du's dir nicht von deinem Leibburschen erklären lassen? Der
+ist doch dafür da.«</p>
+
+<p>»Mein Leibbursch ist Scholz —«</p>
+
+<p>»Ach so — dann freilich —! Na, dann will ich dir helfen. Also sieh
+mal, bei uns Korpsstudenten ist die Mensur nicht ein einfacher Sport,
+ein Waffenspiel, sondern ein ... Erziehungsmittel. Es soll nämlich der
+Korpsstudent auf der Mensur beweisen, daß ihm körperlicher Schmerz,
+Entstellung, selbst schwere Wunden und Tod ... daß ihm das alles
+gleichgültig ist. Verstehst du? Und dazu erzieht die Mensur.«</p>
+
+<p>»Das begreif' ich sehr wohl und find' es auch sehr schön. Aber ... hast
+du dich denn so benommen, als wenn du ... ja, du mußt mir nicht böse
+sein, ich frage ja nur — als wenn du Angst hättest?«</p>
+
+<p>»Angst?! Ich und Angst? Haha!«</p>
+
+<p>»Ja — warum hat man dich denn dann —«</p>
+
+<p>»Ja, warum? Sieh mal, wenn du länger im Korps bist, dann wirst du das
+alles besser begreifen lernen. Im Korps sind seit einigen Jahren die
+— Anforderungen an die Mensur ... ein bißchen überspannt worden. Man
+... verlangt da Dinge, die ... die eben nicht jeder leisten kann. Und
+mancher kann sie heute leisten und morgen wieder nicht. Es kommt da
+viel auf die Stimmung an ... auf den<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Gesundheitszustand ... auf die
+Verfassung, in der die Nerven sind ...«</p>
+
+<p>»Ja, mein Himmel — dann bist du also dafür bestraft worden, daß du ...
+dich am Abend vorher verlobt hast —?!«</p>
+
+<p>»Ja — wenn man's deutsch nennt — dann stimmt's.« — — —</p>
+
+<p>»Das ist Wahnsinn. Wahnsinn ist das.«</p>
+
+<p>»Ja, sieh mal ... du darfst eben nie vergessen ... das sind Menschen,
+die uns beurteilen ... junge Dächse, wie du und ich auch ... die sind
+natürlich nicht unfehlbar. Der C. C. ist der Ansicht gewesen, daß meine
+Mensur schlecht war, und dann ist sie eben schlecht. Das ist gerade
+wie vor Gericht. Da wird auch manchmal ein Unschuldiger verknackt. Das
+nennt man dann persönliches Pech.«</p>
+
+<p>»Persönliches Pech?! Ich meine, das ist eine furchtbare Härte, eine
+schauderhafte Unvollkommenheit des Korps —! Ach — Klauser ...
+überhaupt das Korps!! —«</p>
+
+<p>»Achenbach —?!«</p>
+
+<p>»Ach, Klauser — ich bin ja einfach fast am Verzweifeln!! — Na und du?
+Dir muß es doch ähnlich gehen! Du fühlst doch wahrhaftig die Segnungen
+dieser famosen Institution am eigenen Fleisch und Blut ... in diesem
+Augenblick!«</p>
+
+<p>»Am eigenen Fleisch und Blut! Ja, das tu ich.«</p>
+
+<p>Ernst, mit bitter zusammengezogenem Munde,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> lehnte sich Klauser einen
+Augenblick in seinem Stuhle zurück. Er ließ schwere Rauchwolken zur
+Decke steigen und starrte ihnen nach.</p>
+
+<p>»Ja ... wenn man's noch einmal zu tun hätte —!«</p>
+
+<p>Aber dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf.</p>
+
+<p>Er setzte sich aufrecht, legte seine Hand auf die des Freundes und
+sagte:</p>
+
+<p>»Kind, sieh mich an. Wie ich hier sitze, hat mich das Korps auf meine
+fünfzehnte Mensur herausgeklebt, mir meine Charge genommen, und ich
+weiß noch nicht, komme ich Samstag in acht Tagen wieder hinein in den
+Bund, oder fliege ich perpetuell raus. Also, kannst mir glauben, zum
+Schönfärben und Vertuschen ist mir grad' nicht zumut. Ja, vieles ist
+bei uns nicht schön. Vieles könnte anders sein — milder, menschlicher,
+weniger nach Schema F. Aber ... wenn ich noch mal krasser Fuchs wär ...
+ich würde doch wieder Korpsstudent!!«</p>
+
+<p>»Doch wieder? Trotz alledem?«</p>
+
+<p>»Ja — trotz alledem! Ich weiß nicht, mein Gefühl sagt mir: das muß
+alles so sein. Das ist alles so eingerichtet, damit wir brauchbar
+werden für das, was später kommt ... Damit wir lernen, die Zähne
+zusammenbeißen — — damit wir Männer werden! — Und du — — halt nur
+zwei Semester aus ... dann sprichst du geradeso!! —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>Eben kam die Alte mit dem Bier. Sie schenkte ein, schlich hinaus.</p>
+
+<p>»Prost, Achenbach!«</p>
+
+<p>»Prost, Klauser!«</p>
+
+<p>»Was soll's gelten? — Ich weiß: auf ein ewiges <em class="antiqua">Vivat, crescat,
+floreat</em> unserer lieben Cimbria! Auf daß sie grüne und gedeihe in
+alter Herrlichkeit! Auf daß sie Freude erlebe an uns, ihren getreuen
+Söhnen! Rest!!«</p>
+
+<p>Leuchtenden Auges tranken sie aus und schauten einen Augenblick ins
+leere Glas. Dann füllte Klauser stumm aufs neue die Gläser.</p>
+
+<p>»Und nun,« sagte Werner, »nun will ich auch eins ausbringen. Aber dabei
+müssen wir aufstehen! — Auf ... <em class="gesperrt">die da</em>! Klauser! Auf die da ...
+und auf ... auf eure Liebe, Klauser! Auf daß sie euer Leben reich mache
+... reich ... und schön ... schön ... Marie soll leben! Deine Marie!«</p>
+
+<p>»Marie! — — Marie!«</p>
+
+<p>Die Gläser stießen aneinander, Auge ruhte in Auge, feierlich tranken
+sie aus.</p>
+
+<p>Und wie ein Goldglanz wob es durch die Stube. Heller, leuchtender noch
+als das Bild auf dem Tische schwebte vor den Herzen der Jünglinge
+strahlend ein Mädchenantlitz vorüber und grüßte die Zecher ...</p>
+
+<p>»Na und nun?« Klauser schenkte zum dritten Male ein. »Wie heißt der
+dritte Spruch?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es lebe die Liebste <em class="gesperrt">deine</em>,</div>
+ <div class="verse indent0">Herzbruder, im Vaterland!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>denn — — du hast auch eine, Achenbach, oder ich will ein schlechter
+Kerl sein.«</p>
+
+<p>»Ja, Klauser ... ich habe eine — im Vaterland ... daheim!«</p>
+
+<p>»Die heißt?!«</p>
+
+<p>»Elfriede —«</p>
+
+<p>»Also — Elfriede soll leben!«</p>
+
+<p>»Elfriede!«</p>
+
+<p>Still war's im Zimmer. Zwei junge Herzen schlugen dem Glück entgegen.
+Dem fernen, dem unerreichbar fernen Glück ...</p>
+
+<p>»Ach, Klauser,« rief Werner, »es ist ja alles Unsinn — sich zu grämen
+über die Welt — —«</p>
+
+<p>»Ist auch Unsinn! Haha! Die Welt! Ist ja viel Dummes und Blödes und
+Scheußliches drin ... aber auch das andre ... das ist auch da!«</p>
+
+<p>»Ja, das Gute, das Heilige ... das Schöne.«</p>
+
+<p>»Da wollen wir uns dran halten, wenn uns bange wird ...«</p>
+
+<p>Und die glücklichen Knaben erzählten einander. Jeder von seiner Liebe
+... sie konnten kein Ende finden.</p>
+
+<p>Und lächelnd, rätselvoll lächelnd stand Mariens Bild zwischen ihnen.
+Das Bild eines Weibes ... eines reifen Weibes ...</p>
+
+<p>Plötzlich zog Klauser die Uhr und rief: »Menschenskind ... es ist ja
+die höchste Zeit, daß du auf<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> die Kneipe gehst! Zu spät kommen zu
+spezieller Kneipe kost' zwei Em! Raus! raus!«</p>
+
+<p>»Ich danke dir, Klauser ... es war schön.«</p>
+
+<p>»Ja, es war schön, und du hast mir verdammt gut getan in meiner
+Einsamkeit ... mir ist so wohl, so ... und Samstag in acht Tagen ...
+ich hab' so'n Gefühl ... es wird gut gehn mit mir ... ich komm schon
+wieder hinein in den Bund ... läßt du dich mal wieder sehn inzwischen?«</p>
+
+<p>»Wenn ich darf?«</p>
+
+<p>»Du darfst! Brauchst nur um Dispens zu bitten!«</p>
+
+<p>»Mach ich! Also ... auf Wiedersehn!«</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehn, lieber Achenbach! Und nochmals tausend Dank!«</p>
+
+<p>Und als die Jünglinge sich zum Abschied in die Augen sahen, da
+löste sich für einen Augenblick die glatte Rinde korpsstudentischer
+Gemessenheit um ihre jungjungen Herzen. Sie lagen sich plötzlich in den
+Armen.</p>
+
+<p>Halb beschämt über diese Selbstvergessenheit, halb glückselig in einem
+nie erlebten Gefühl des Einklangs, trennten sie sich mit einem derben
+Lachen. Und doch war ihnen beiden so warm und stark im Herzen.</p>
+
+<p>Sie waren noch etwas Besseres als Korpsbrüder geworden in dieser Stunde.</p>
+
+<p>Sie waren Brüder geworden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>XI.</h2>
+</div>
+
+<p>Seit Werner mit Klauser und Mariens Bilde ein fein Kollegium gehalten,
+war ihm heller zu Sinn.</p>
+
+<p>Allmählich verblaßte in seiner Erinnerung das Grauengesicht des
+ertrunkenen Lenchens. Das zurückgekrampfte Totenhaupt mit den
+halbgeschlossenen, geschwollenen Augenlidern verschwebte im
+Dämmerlichte der Erinnerung, und dafür hob sich Mariens lebenswarmes
+Gesicht, von innen mit strahlender Glut erhellt. Er liebte das Mädchen
+nun mit der ritterlichen Schwärmerei eines dienstgetreuen Bruders.
+Wenn er ihr auf der Straße begegnete, grüßte er ehrerbietig, obgleich
+er ihr noch nie vorgestellt war. Das erstemal dankte sie erstaunt und
+kühl, bei der zweiten Begegnung hatte Werner die stolze Freude, von
+ihr, der Fremden, ein vertrauliches, kameradschaftliches Nicken zu
+ernten. Das sagte deutlich: er hat mir von dir erzählt! Er! Und da
+wußte Werner auf einmal auch noch etwas anderes von Marien: daß sie
+Mut habe ... daß sie, die »Hessen-Nassauer-Dame«, deren Vater, der
+Universitätsprofessor Geheimrat Hollerbaum, wie auch ihre drei Brüder,
+Alte Herren des rivalisierenden Korps waren, den armen verbannten
+Cimbern die Strafe nicht hatte entgelten lassen, die sein junges<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Glück
+ihm eingetragen ... daß sie ihn gesehen, getröstet hatte ... einerlei
+wo und wann ... Oh, wie er sie liebte dafür! Ach, es hatten doch nicht
+alle Jugendträume gelogen! So ganz anders war sie doch nicht, die Welt!
+Wohl gab es manches darinnen, wovon seine Lehrer, seine Dichter ihm
+nichts verraten hatten; aber auch das andere, das Schöne, das Heilige
+war da, es wandelte wie auf leuchtenden Wolken mitten durch Blut und
+Tränen, durch Schmutz und Alltäglichkeit ...</p>
+
+<p>Und auch im Korps fand Werner sich nun besser zurecht. Er begann sich
+einzufügen, einzuordnen in die Jahrzehnte alte Organisation, die
+sicherlich nicht auf ihn gewartet hatte, um sich alsbald nach seinen
+Ideen zu wandeln ... die am starren Zaun der Tradition entlang ihren
+eisenklirrenden Weg schritt.</p>
+
+<p>Eifriger als je war er auf dem Fechtboden. Zum Leibburschen hatte er an
+Scholzens Stelle den neuen Zweitchargierten, Krusius, gewählt. Einen
+Augenblick hatte er daran gedacht, zu warten, bis Klauser sich aus der
+Dimission gepaukt haben würde, und diesen dann zum Leibburschen zu
+wählen. Aber nein, ein solches offizielles Verhältnis dünkte ihm unwert
+des Bundes, den ihre Herzen geschlossen hatten ... und der stramme
+Fechtchargierte schien ihm der rechte Erzieher, nun er sich ernstlich
+entschlossen hatte, seine ohnmächtige Kritik an den Zuständen des Korps
+aufzugeben und zunächst einmal sein ganzes Wesen in<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> die harte Form
+pressen zu lassen, die sich ihm darbot und ihm zum mindesten einen Halt
+versprach.</p>
+
+<p>Und noch eine andere Quelle der Unruhe und Qual schien versiegt in dem
+ungeheuren Riß, den jene erste Berührung mit dem Ursprung und Ende des
+Seins durch seine Seele gezogen hatte. Sein wildes Begehren nach dem
+Weibe war einem tiefen Entsetzen gewichen. Des Weibes nackte Schönheit,
+die ihn so gequält: er hatte sie zum ersten Male geschaut im Stande der
+Auflösung — der Vergänglichkeit — der Vernichtung, und die Schauer
+dieser Erinnerung hatten die Sehnsucht in ein fröstelndes Grauen
+verwandelt. Und aus diesem Grauen rang sich nach und nach eine Ruhe los
+... eine tiefe, entsagende Ruhe.</p>
+
+<p>Rosalie!</p>
+
+<p>Wie ein schönes Bild nur sah er die jüngst so wild Begehrte noch an.
+Und sie schien zu empfinden, daß die Flammen erloschen waren, die sie
+so hoffnungsgierig geschürt hatte. Sie blieb Wernern fern, und wenn
+sich ja einmal ein Zusammentreffen fügte, so verkehrten sie ruhig und
+heiter zusammen, wie ein paar gute Kameraden. Vollends Babett war ihm
+zu einem geschlechtslosen Wesen geworden, zu einem guten, dienstbaren
+Geistlein, das um ihn schwebte wie ein körperloser Hauch.</p>
+
+<p>Und mit ausgebreiteten Armen warf sich Werner hinein in den lustigen
+Strudel des Korpslebens. Nun<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> focht's ihn nicht mehr an, wenn er
+des Morgens auf dem Fechtboden einmal von einem Korpsburschen derb
+gerüffelt wurde. Dann holte er selbst die Filzmaske, ließ sich mit
+zusammengebissenen Zähnen den Schädel verdreschen und klopfte weidlich
+wieder, so daß der Fechtchargierte Krusius mehr als einmal beifällig
+äußerte:</p>
+
+<p>»Wenn das mit dir so weiter geht, Leibfuchs, dann stell ich dich noch
+als Krassen am Semesterschluß ein- oder zweimal raus.«</p>
+
+<p>Das Kolleg hatte sich Werner nun gänzlich abgewöhnt. Dafür ging's vom
+Fechtboden stracks zur Lahn zum Schwimmen. Dann lag er stundenlang im
+Grönländer auf dem Wasser. Ach, das war schön! Von dichtem Gebüsch
+umrandet, schlängelte sich der schmale Flußlauf durch die breite
+Ebene; zur Rechten und Linken säumten die ernsten Bergschranken das
+Talbett ein. Blau lag über dem friedvollen Tale das Himmelsdach ...
+weiße Wolken segelten von Westen herauf über den Buchenwäldern zur
+Linken, wanderten still über Fluß und Ebene und versanken hinter den
+Tannen von Spiegelslust. Als Ziel der Ruderfahrt winkte das Dörfchen
+Wehrda, friedlich in eine Bergmulde eingebettet, zwei Dutzend schlichte
+Häuschen um einen ehrwürdigen Turmstumpf gedrängt; dort gab's saure
+Milch und würzigen Handkäs. Und dann zurück ... gar zu gern ließ Werner
+die Doppelschaufel des Ruders ein Weilchen ruhen<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> und träumte in die
+sommerliche Schönheitsstille hinaus, bis ein plötzlicher Ruck, ein
+Schwanken des Bootes ihn gemahnte, daß er sich einem gar empfindlichen
+Fahrzeug anvertraut.</p>
+
+<p>Oder es ging vom Fechtboden aus gleich auf die Wanderschaft. Oft
+allein, oft auch in Gesellschaft zweier oder dreier Korpsbrüder
+marschierte er los: bald kannte er Weg und Steg der Umgegend. Und er
+schloß diese wundersame, versonnene, geheimnisstille Landschaft in sein
+Herz. Es war gar nicht auszudenken, was alles diese weiten Bergwälder,
+was diese weltverlorenen Hochebenen mit ihren vereinzelten Eichenriesen
+über jungem Buschdickicht der Seele sagten.</p>
+
+<p>Zum Frühschoppen mußte man dann wieder im Quartier sein, und Werner saß
+nun nicht mehr als steinerner Gast, nicht mehr als dumpfer, düsterer
+Grübler inmitten der munteren Schar. Er sang die derbsten Katerlieder
+lachenden Mundes mit, errötete nicht mehr über die massivste
+Landsknechtszote, wenn er auch nie selber solche kolportierte. Das
+Mensursimpeln langweilte ihn nicht mehr, und niemals mehr fiel's
+ihm ein, ein Gespräch über Literatur und Kunst oder Politik und
+Religion anfangen zu wollen. Kurz, er war auf dem besten Wege, ein
+Korpsfuchs nach dem Herzen des Seniors Papendieck zu werden. Sein neuer
+Leibbursch, der Zweite Krusius, war geradezu stolz auf ihn und erzog
+ihn mit zärtlichster Vaterliebe.</p>
+
+<p>Und im stählenden Betrieb des Fechtstudiums, in<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Luft und Sonne blühte
+Werner auf. Der schmächtige Körper streckte sich in Länge und Breite,
+die verräterischen Ringe unter den Augen, die Zeugen heimlicher Kämpfe
+und Qualen, verschwanden. Die Ströme Biers, die Dammer, der nun zum
+Fuchsmajor ernannt worden war, durch seiner bisherigen Mitfüchse
+Verdauungsapparat allabendlich hindurchleitete, gaben Werners Gliedern
+eine behagliche Rundung, seinem Gesicht eine frische Röte; dabei
+bewahrten Ruder und Wanderstab und Rappier den jungen Körper vor
+Stauung und Fülle.</p>
+
+<p>Schöne Wochen waren gekommen. Hinter ihm lag die Zeit der Kritik.
+Hinter ihm die Erinnerung an seine kunstgeweihte, lernfreudige
+Gymnasiastenzeit. Nicht mehr war sein Wahlspruch das Homerwort, das
+ihn allezeit auf dem ersten Platze der Klasse festgehalten bis zum
+<em class="antiqua">primus omnium</em> — nicht mehr trachtete er »immer der Erste zu
+sein und vorzustreben den andern« — nein — aufzugehn in der Menge,
+nicht herauszufallen aus dem engen Rahmen, der straffen Norm, die
+das Korps der Persönlichkeit vorzeichnete, sich anzupassen der neuen
+Lebensform, in die er hineingeraten, das war nun das Trachten seiner
+Tage.</p>
+
+<p>Und Werner wurde heiter. Er wurde lustig, geräuschvoll, ausgelassen
+im Kreise der Korpsbrüder. Mit Staunen sahen die, wie er, der früher
+manchem unheimlich gewesen war in der grüblerischen Unruhe seines
+haltlosen Wesens, auf einmal als überschäumend<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> munterer Kumpan
+sich entpuppte, plötzlich begann, gar in Tollheiten zu schwelgen.
+Eines Abends kamen Werner Achenbach, mit ihm der jüngst gewählte
+Dritte, Dettmer, die Jungburschen Böhnke und Dammer, der Fuchsmajor,
+von der Kneipe herunter auf gemeinsamem Nachhausewege und lenkten
+in die Wettergasse ein. Dort war das Pflaster aufgerissen: bei
+der mangelhaften Beleuchtung stolperte Dettmer über einen Haufen
+Pflastersteine und fluchte barbarisch.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick fiel Werners Auge auf die offenen Fenster eines
+niedern Bürgerhauses: der Schneidermeister Ackermann wohnte da, ein
+geriebener Bursche, der den Korpsstudenten pumpte, solange sie in
+Marburg waren, und sie dadurch zu bösartigem Kleiderluxus verleitete
+— und kaum, daß sie den Rücken gewandt, an die Eltern schrieb und mit
+den Gerichten drohte. Er war deshalb vor kurzem in den S.-C.-Verruf
+geflogen.</p>
+
+<p>»Herrschaften, ich hab' 'ne Idee!« rief Werner.</p>
+
+<p>»Silentium für Achenbachs Idee!« kommandierte Dettmer.</p>
+
+<p>»Also da oben hinter den offenen Fenstern ist Ackermanns beste Stube,
+das weiß ich, man kann sie von meiner Bude aus sehen! Wie wär's, wenn
+ich da hineinkletterte — ihr reicht mir Pflastersteine an, und wir
+verzieren ihm seine Renommierbude ein bißchen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Jubel! Im Augenblick war der Plan durchgedacht: Böhnke lehnte sich
+an die Wand zwischen Ackermanns kleinen Schaufenstern, und mit
+der Sicherheit und Kühnheit, welche der zwanzigste Schoppen dem
+ausgepichten Korpsfuchsen verleiht, turnte Renonce Achenbach auf
+Böhnkes Schultern. Von da aus konnte er bequem die Fensterbrüstung im
+ersten Stock erreichen: ein kräftiges Ziehen: Böhnke, der als Oberjäger
+der Reserve etwas vom Turnen verstand, schob mit den Händen unter
+Werners Fußsohlen nach, und mit einigem Gepolter langte Werner in der
+Stube an. Nun klopfte ihm doch das Herz: er lauschte einen Augenblick,
+aber Familie Ackermann schlief den Schlaf des ungerechten Mammons. Nun
+ließ Werner einen Stuhl zum Fenster hinaushängen: die andern Cimbern
+packten Pflastersteine hinauf, ein kräftiges Heben, die Ladung war
+oben. Und mit dem Behagen eines Künstlers arrangierte nun Werner die
+Basaltklötze auf Salontisch, Vertikow, Sofa und Plüschsesseln, mitten
+zwischen den geschmackvollen Nippsachen eines Schneidermeistersalons.
+Noch eine zweite Ladung konnte untergebracht werden: dann turnte Werner
+zurück, und voll Hochgefühls zog man fürbaß. Schlafen gehen mochte
+keiner: der Tatendrang war einmal geweckt. Das sonst so beliebte
+Laternenausdrehen reizte heute nicht sonderlich, denn der Vollmond
+stand schmunzelnd über Stadt und Schloßberg<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> und beschämte die
+armseligen Funzeln der Gasflammen. Und Dettmers Vorschlag, den Mond
+auszudrehen, mußte man nach längerer Beratung als unausführbar fallen
+lassen.</p>
+
+<p>Aber es mußte etwas geschehen. Und man kam auf folgende Idee — diesmal
+war Dammer das Ingenium gewesen:</p>
+
+<p>Von der Barfüßerstraße führten viele kleine dunkle Gassen steil hinab
+zur unteren Stadt. In eine solche wollte man aus Pflastersteinen
+eine Barrikade bauen; dann sollte unten skandaliert werden, um einen
+Wächter der Nacht herbeizulocken: dieser sollte, abwärts eilend, über
+die Barrikade stolpern und schmählich zu Falle kommen. Damit aber der
+Dienst der Pflicht für ihn nicht mit schwerer Körperverletzung endige,
+sollte hinter der Barrikade ein hoher Sandhaufen aufgetürmt werden.</p>
+
+<p>So ward's, nachdem mancher Schweißtropfen geflossen, und bald konnten
+die Exzedenten den tiefen Fall eines Polypen bejubeln, dessen
+schlaftrunkenes Haupt sich im Sande begrub.</p>
+
+<p>Aber die Rache kam. Ein Brunnen plätscherte silbertönig in die stille
+Nacht. Es war gar nicht einzusehen, warum die vier Strahlen Wassers
+sich nun immer und immer in die vier darunter befindlichen Steinbecken
+ergießen sollten. Mit Hilfe je zweier Bretter von einem nahen Neubau
+und einiger Pflastersteine ließen sich leicht ein paar Rinnen
+improvisieren,<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> die das Wasser auf das Pflaster ablenkten. Das würde
+bald eine hübsche Überschwemmung absetzen.</p>
+
+<p>Schon plätscherte das Wasser lustig auf den Steinen, da griff plötzlich
+eine kräftige Faust in die Gruppe der Bauenden: an dieser Faust blieb
+der C. B. Dammer aus Dräsen zappelnd hängen.</p>
+
+<p>»Na, Ihne hab ich!«</p>
+
+<p>Wie der Wind waren Dettmer, Böhnke und Achenbach auseinandergeflogen.
+Ihre Schritte verhallten in der Ferne der nächtlichen Straßen.</p>
+
+<p>»So,« sagte der Wächter des Gesetzes, »wenn Se nun vernünftig sinn und
+bringe die Geschicht da wieder in Ordnung, und schleppe da die Bretter
+wieder an ihr Stell un die Pflasterstein, hernach will ich Ihne laafe
+lasse, weil die Herre Cimbre immer so anständig sinn.«</p>
+
+<p>Das letztere war ein Wink der Sehnsucht nach den üblichen Biermarken
+der Sühne.</p>
+
+<p>Aber Dammer fand es unter seiner Würde, die angerichtete Störung der
+öffentlichen Ordnung <em class="antiqua">in integrum</em> zu restituieren.</p>
+
+<p>»Nu heern Se mal, mei Gutester,« sagte er, »wie kommen Se mir denn vor
+— eegentlich, heern Se? Bin ich denn hier der Wächter der effentlichen
+Ordnung, oder sind's gar am Ende Sie, mei Gutester? Also sein Se so gut
+und tun Sie, was Ihres Amtes ist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p>
+
+<p>Das ging dem Beamten übern Spaß. Sein Biermarkentraum versank, und der
+ehemalige preußische Unteroffizier tauchte aus dem Schlummer zweier
+Jahrzehnte empor.</p>
+
+<p>»Sie komme mit zur Wach!«</p>
+
+<p>»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«</p>
+
+<p>»Sie zeige mir Ihre Studentekart!«</p>
+
+<p>»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«</p>
+
+<p>»Na, alsdann kurze Prozeß!«</p>
+
+<p>Und eine energische Faust packte den kleinen Dammer, und der, als
+Jurist plötzlich eingedenk, daß es irgendeinen geheimnisvollen
+Paragraphen über Widerstand gegen die Staatsgewalt geben mußte, ließ
+sich schieben.</p>
+
+<p>Inzwischen hatten seine drei Komplizen die Entwicklung der Dinge
+vorsichtig beobachtet und machten Rettungspläne. Auch hier hatte
+Werner eine Idee. Auf einem halsbrechenden Wege, durch berganklimmende
+Seitengassen, überholten sie den Wächter des Gesetzes und sein Opfer.</p>
+
+<p>Als der Nachtrat Dammern bis in die Nähe des Marktplatzes geschafft
+hatte, standen da auf einmal zwei Cimbern über eine dunkle Masse
+gebückt, die auf dem Straßenpflaster lag. Bei näherem Besehen war es
+ein Mensch. Ein junger. Ein Student ohne Kopfbedeckung oder sonstige
+Abzeichen.</p>
+
+<p>Der eine der Zuschauer näherte sich dem Nachtwächter — fragte
+zunächst: »Was hat denn dieser<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> unglückliche Jüngling da verbrochen,
+daß er in Ketten und Banden in das Haus des Entsetzens geschleift wird?«</p>
+
+<p>»Das geht Ihne gar nichts an, verstehn Se mich? Gehe Se Ihrer Wege!«</p>
+
+<p>»Auf höfliche Frage eine grobe Antwort. Na, Geschmacksache! Herr
+Nachtrat, da in der Straßenrinne liegt ein unglücklicher Mitmensch, den
+offenbar der Schlag gerührt hat. Tot ist er aber nicht, wir haben schon
+gehorcht.«</p>
+
+<p>»Wird wohl besuffe sinn!«</p>
+
+<p>»Das haben wir auch geglaubt, aber aus seinem Munde geht kein Hauch von
+Alkohol. Überzeugen Sie sich nur.«</p>
+
+<p>»Ich hann kee Zeit — ich muß hier de Gefangene transpottiere!«</p>
+
+<p>»Und wenn der arme Jüngling nun stirbt?! Jeder Augenblick kann kostbar
+sein.«</p>
+
+<p>»Wir machen Sie verantwortlich für das Leben dieses Menschen!«</p>
+
+<p>»Nu sähn Se, Herr Nachtrat, das is doch wahrhaftig wicht'ger, als mich
+ins Kittchen zu bring'n?«</p>
+
+<p>So redeten Dammer, Achenbach, Dettmer auf den unglücklichen Beamten ein.</p>
+
+<p>Böhnke stöhnte inzwischen schauerlich.</p>
+
+<p>»Da sehn Sie's! er stirbt, wenn Sie nicht sofort anfassen! Wir helfen
+Ihnen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>»Ich loof nich fort, Herr Nachtrat! ich loof nich fort!« —</p>
+
+<p>Der Nachtwächter verlor die Fassung. Er ließ Dammer los: »Na, da fasse
+Se an die Bein an, meine Herre, ich nemm en obbe!«</p>
+
+<p>Er bückte sich über den Röchelnden ... in diesem Augenblick versetzte
+der ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und im Hui
+waren der Sterbende, die beiden Samariter und auch der Arrestant
+verschwunden.</p>
+
+<p>»Bande, verfluchte!«</p>
+
+<p>Der Beamte klopfte seine Mütze ab, die in den Staub gefallen war, und
+befühlte seine schmerzenden Glieder.</p>
+
+<p>»Die Cimbre sinns gewese! aber wenn ich nur tät wisse, welche! es sinn
+doch Stücker vierzig ihre hier!«</p>
+
+<p>Aber er beschloß, reinen Mund zu halten. Er würde sonst nur den Spott
+seiner Kollegen ernten ... und wenn ihm morgen nacht auf einmal ein
+paar Biermarken in die Tasche regneten, dann würde er ja auch wissen,
+woher die kämen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>XII.</h2>
+</div>
+
+<p>Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die
+Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und
+Lachen, es mußte noch etwas geschehen.</p>
+
+<p>»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die
+Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!«</p>
+
+<p>Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei
+den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber
+es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die
+Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die
+Westen stecken und die Röcke zuknöpfen.</p>
+
+<p>Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da
+lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster
+offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise
+hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht.
+Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann
+im Nachthauch. Fern raunte die Lahn.</p>
+
+<p>Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im
+tiefen Schatten einer Blutbuche<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> geborgen. Und da war keiner unter
+ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt
+wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut,
+dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert
+nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens.</p>
+
+<p>Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Stumm irr ich und träumend umher,</div>
+ <div class="verse indent0">Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Es taumeln die Wellen ins Meer.</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen</div>
+ <div class="verse indent0">Altan, Hell flattert im Winde ihr Haar,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar!</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell,</div>
+ <div class="verse indent0">Nie hab ich die Dirne geschaut — —</div>
+ <div class="verse indent0">Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell —</div>
+ <div class="verse indent0">Was lacht sie und küßt mich so traut?!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite
+Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die
+Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's;
+hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug,
+um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches
+Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises
+Kichern klang<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war,
+zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch
+die Adern.</p>
+
+<p>Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an;
+es schloß:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Seh ich ein Haus von weitem,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ein lieb Mädel träumt,</div>
+ <div class="verse indent0">Sing ich zu allen Zeiten</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Lied ihr ungesäumt.</div>
+ <div class="verse indent0">Und wird's im Fenster helle,</div>
+ <div class="verse indent0">Wär es auch noch so spat,</div>
+ <div class="verse indent0">So weiß ich auf der Stelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie viel's geschlagen</div>
+ <div class="verse indent0">hat.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues
+Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu
+Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ...</p>
+
+<p>»Die Mademoiselle! die revidiert!«</p>
+
+<p>Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen,
+in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung
+überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus:</p>
+
+<p>»Nachtwächter —! Nachtwächter!!«</p>
+
+<p>Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus — hielten's dann
+aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt,
+dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen
+seinen Pfad.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Was lacht sie und küßt mich so traut?«</div>
+ <div class="verse indent0">»Und wird's im Fenster helle —</div>
+ <div class="verse indent0">So weiß ich auf der Stelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie viel's geschlagen hat ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder
+hinein in ein einsames Knabenstübchen.</p>
+
+<p>Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett
+des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich
+entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen
+gewesen ...</p>
+
+<p>Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes
+und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes
+stillen, die Wonne der Jugend auskosten ...</p>
+
+<p>Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines
+Herzens ...</p>
+
+<p>Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung
+des Augenblicks dräuend geschwebt hatte:</p>
+
+<p>»Kinder — wir gehn zur Lina!!«</p>
+
+<p>Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte:</p>
+
+<p>»Wir sind doch in Couleur!«</p>
+
+<p>»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> »Die Lina wohnt
+draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem
+Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer
+sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab'
+ich schon öfter so gemacht!«</p>
+
+<p>»Na, denn in Deibels Namen!«</p>
+
+<p>Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg
+man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter
+ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in
+schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend.
+Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man
+ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem
+Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den
+Nacken der Schreitenden.</p>
+
+<p>Zeit genug, nachzudenken ...</p>
+
+<p>Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn —
+und im Nacken klatschte die Geißel.</p>
+
+<p>Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen
+Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich
+erfüllen, nun würde er wissend werden ...</p>
+
+<p>Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die
+Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten
+wirren<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm
+entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend
+sich an ihn schmiegte — Rosaliens glühende Brüste, die sich aus
+blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten —</p>
+
+<p>Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten — ein grünlich
+schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll
+winkende Gottheit ... Elfriede ...</p>
+
+<p>Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die
+Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ...</p>
+
+<p>Und das würde nun das Ende sein — Lina ... irgendeine Lina.</p>
+
+<p>Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das
+war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er
+erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen.</p>
+
+<p>Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem
+verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck
+ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün.
+Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem
+einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen.</p>
+
+<p>Dettmer klopfte.</p>
+
+<p>Nichts rührte sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p>
+
+<p>Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig.
+Er hätte sterben mögen.</p>
+
+<p>Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. —</p>
+
+<p>Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte
+und rief halblaut:</p>
+
+<p>»Lina!«</p>
+
+<p>Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen
+vorsichtig geöffnet.</p>
+
+<p>»Wer is es denn?«</p>
+
+<p>»Ich bin's — der Theodor!«</p>
+
+<p>»Bist denn allein?«</p>
+
+<p>»Nein — ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine
+Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!«</p>
+
+<p>»Oh, ne — wann du nit allein bist ... ich bin müd — was kommt ihr
+auch so spät in der Nacht — geh nach Haus!«</p>
+
+<p>»Du bist verrückt, Lina — schnell mach auf — sonst komm ich nicht so
+bald wieder!«</p>
+
+<p>»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang — ich bleib in
+meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du
+ja.«</p>
+
+<p>»Is jut, riegle man auf.«</p>
+
+<p>Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer
+klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut.
+Eine Tür knallte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten
+die beiden andern Korpsburschen.</p>
+
+<p>Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem
+machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien.</p>
+
+<p>Renonce Achenbach war verschwunden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein — das durfte nicht das
+Ende sein!! Das nicht!!</p>
+
+<p>Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende
+Sehnsucht da drinnen ...</p>
+
+<p>Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie
+brüllte wilder denn je ...</p>
+
+<p>Aber so nicht — so nicht!</p>
+
+<p>Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines
+Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! —</p>
+
+<p>Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und
+so begehrenswert ...</p>
+
+<p>Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde
+er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ...</p>
+
+<p>Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen
+...</p>
+
+<p>Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im
+Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
+
+<p>Und bald sollte es sein — vielleicht schon morgen — übermorgen ...</p>
+
+<p>Mochte daraus werden, was wollte ...</p>
+
+<p>Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte — er mußte!!</p>
+
+<p>Aber nicht bei der da oben — nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im
+Pfuhl! ...</p>
+
+<p>Rosalie! — Rosalie! — —</p>
+
+<p>Hell schien am Himmel noch der Vollmond.</p>
+
+<p>Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen.</p>
+
+<p>Und Werner schritt zu Tal.</p>
+
+<p>Rosalie — — Rosalie — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<p class="s2 center">Zweites Buch</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>I.</h2>
+</div>
+
+<p>Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen
+Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie
+fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen.</p>
+
+<p>Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern
+morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer
+Freundin nach Frankfurt gefahren sei. — — —</p>
+
+<p>Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende,
+breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine
+aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig
+mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie
+ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen,
+taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch
+des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines
+rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück.</p>
+
+<p>Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner,
+dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt
+im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die
+Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier,<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> eine Lodenjoppe mit lose
+baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen,
+daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und
+Korrektheit legte.</p>
+
+<p>Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben,
+überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen
+flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas
+erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das
+blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog
+Werner die Mütze und hielt den Schritt an.</p>
+
+<p>Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die
+Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke,
+ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des
+anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen
+Namen:</p>
+
+<p>»Achenbach!«</p>
+
+<p>»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres
+Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?«</p>
+
+<p>»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn
+Partien.«</p>
+
+<p>»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich
+eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
+
+<p>»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?«</p>
+
+<p>»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.«</p>
+
+<p>»Auf der Durchreise?«</p>
+
+<p>»O nein — — na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ...
+ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor
+Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.«</p>
+
+<p>»Ach? Das — davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher
+Fakultät, wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind
+wohl Mediziner?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.«</p>
+
+<p>»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer
+Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden
+Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser,
+und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen
+Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom
+Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit
+dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins
+alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p>
+
+<p>Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner.</p>
+
+<p>»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem
+Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht
+Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei
+Brander.«</p>
+
+<p>»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir
+eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es
+Ihnen?«</p>
+
+<p>»Oh — selbstverständlich wundervoll — großartig.«</p>
+
+<p>»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen
+Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei
+Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?«</p>
+
+<p>Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei
+Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.«</p>
+
+<p>»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.«</p>
+
+<p>»Dann — fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie.
+Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia
+gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann
+Guestphaliae Dritten.«</p>
+
+<p>»Wird's da was zu sehen geben?«</p>
+
+<p>»Nun — besondere Fechter sind die beiden gerade<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> nicht. Aber dann —
+dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war
+... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten
+Reinigungsmensur.«</p>
+
+<p>»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?«</p>
+
+<p>»Allerdings.«</p>
+
+<p>Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt
+er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser
+eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen
+seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern.</p>
+
+<p>»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ...
+der besteht noch immer? Aber na — darüber werd ich mich mit den
+Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann?
+Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut
+abschneidet?«</p>
+
+<p>»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein
+bester Freund im Korps.«</p>
+
+<p>»Ach — sieh da. Also ein guter und braver Kerl?«</p>
+
+<p>»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.«</p>
+
+<p>»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das
+wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>
+solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art —« Wieder
+schwieg der Professor.</p>
+
+<p>Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da
+bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und
+unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte
+eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und
+richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam
+Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt.
+Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal
+begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ...</p>
+
+<p>Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne
+Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß
+mit einem ernsten Blick des Einverständnisses.</p>
+
+<p>»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz
+seltsamen Tone an Werners Ohr.</p>
+
+<p>»Das — o — das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.«</p>
+
+<p>Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen
+und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen
+Knabenantlitz.</p>
+
+<p>»Ihre Flamme wohl, wie?«</p>
+
+<p>»Nein, meine nicht ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<p>»Aber?«</p>
+
+<p>»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen
+das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ...
+Braut.«</p>
+
+<p>»Ach?! Seine Braut? Offiziell?«</p>
+
+<p>»Offiziell natürlich nicht —«</p>
+
+<p>»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?«</p>
+
+<p>»Einundzwanzig.«</p>
+
+<p>»Und — sie?«</p>
+
+<p>»Auch einundzwanzig — meines Wissens.«</p>
+
+<p>»Kinder, Kinder!! — Und er — welche Fakultät?«</p>
+
+<p>»Mediziner.«</p>
+
+<p>»Vor dem Staatsexamen?«</p>
+
+<p>»Nein — hat das Physikum noch vor sich.«</p>
+
+<p>»Und dann — Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet
+... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank
+in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte
+Marie an Klauser vorbei — er zog den Hut tief, sie neigte das
+flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ...</p>
+
+<p>Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die
+Begrüßung.</p>
+
+<p>»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl —?«</p>
+
+<p>»Ja — das ist Klauser.«</p>
+
+<p>Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam
+auf dem Wege zur —<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend
+... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das
+letzte halb zu sich selbst gesprochen.</p>
+
+<p>»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ...
+das ist heiliger Ernst —!«</p>
+
+<p>»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch
+schöner, mit <em class="gesperrt">so einem</em> Mädchen anders als in heiligem Ernst ...
+Wollen wir nicht auf Klauser warten?«</p>
+
+<p>»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht,
+verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.«</p>
+
+<p>»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde
+nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder
+eingewöhnen.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick schwiegen beide und sannen.</p>
+
+<p>Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln.</p>
+
+<p>»Na — nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg
+... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken,
+daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male
+diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver
+Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut &gt;hab' ich Semester
+und heiß altes Haus&lt; ... aber das da, das Schloß da oben und diese
+wunderbaren Berge<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie,
+Herr Korpsbruder, erzählen Sie!«</p>
+
+<p>Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps
+... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und
+wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn
+erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von
+dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören
+würde.</p>
+
+<p>Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der
+eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in
+seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu.</p>
+
+<p>Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen.</p>
+
+<p>»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?«</p>
+
+<p>»Ja — so heißt sie.«</p>
+
+<p>»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ...
+mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt
+habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.«</p>
+
+<p>»Das ist der Vater der jungen Dame.«</p>
+
+<p>»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter.
+Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht
+gewöhnen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich
+meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft
+etwas genießbar machen könnte.«</p>
+
+<p>»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja
+ganz schön — aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich
+glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde
+einem dann viel besser schmecken.«</p>
+
+<p>»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies
+Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings
+die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen,
+und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine
+Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten
+Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise
+in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude
+aneinander erleben.«</p>
+
+<p>»Das wäre herrlich, Herr Professor!«</p>
+
+<p>»Von wegen Verschwindens des &gt;Moralischen&lt;, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Nein — überhaupt, Herr Professor, überhaupt!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes
+verfolgt. Er hatte<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten
+zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte
+er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht,
+um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung
+auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der
+jugendlichen Richter.</p>
+
+<p>Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der
+Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine
+Stunde gedauert hatte, endlich verkündete:</p>
+
+<p>»Silentium — zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren
+Sekundanten noch Erklärung? — Silentium. Mensur ex —!«</p>
+
+<p>Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und
+frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz
+des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er
+hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu
+sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der
+Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband
+aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus
+den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie
+Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen
+zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span>
+wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth
+dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter
+Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube
+und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während
+Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und
+Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die
+körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was
+mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?!</p>
+
+<p>In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und
+Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen.
+Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr
+Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen
+waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers
+Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich
+die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken
+nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube.</p>
+
+<p>»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle
+nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der
+Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen
+vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender
+Locken trug.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<p>»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur
+Besprechung. Wer wünscht das Wort?«</p>
+
+<p>»Ich bitte ums Wort.«</p>
+
+<p>»Ich auch.«</p>
+
+<p>»Ich auch.«</p>
+
+<p>Von allen Seiten klang's.</p>
+
+<p>»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der
+anderen Bewerber.</p>
+
+<p>»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer
+Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor
+vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich
+noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich
+die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg.
+So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst
+ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« — Der Sprecher schlug
+sein Notizbuch auf — »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter
+etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen
+aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus.
+Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch
+aufgefallen ist, hat er sich beim <em class="antiqua">a-tempo</em>-Hieb ganz deutlich
+zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar
+nicht mit dem Kopf gemuckt, das<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> nicht, aber die Augen zugekniffen und
+das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.«</p>
+
+<p>»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste.</p>
+
+<p>»Überhaupt nicht.«</p>
+
+<p>»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.«</p>
+
+<p>Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den
+Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig:</p>
+
+<p>»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich
+einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur
+habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die
+Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem
+Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen.
+Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und
+uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir
+sehr schlecht gefallen.«</p>
+
+<p>»Silentium für Dettmer!«</p>
+
+<p>»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde,
+Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder
+einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts
+aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann
+hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur
+sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren
+ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach
+meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie
+Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem
+Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen
+bekommen haben.«</p>
+
+<p>Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie
+wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus.</p>
+
+<p>Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei.</p>
+
+<p>»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit
+Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann
+nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich
+gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur
+darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut
+hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich
+meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is,
+der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal
+mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen
+'ch.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja
+schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte
+einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen
+hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es
+scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr
+findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten,
+Krusius, daß du einen ents—prechenden Antrag s—tellst.«</p>
+
+<p>»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte
+es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick
+ein jähes Frösteln durch die Versammlung.</p>
+
+<p>»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den
+Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben — so daß
+also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?«</p>
+
+<p>»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest.</p>
+
+<p>»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar
+genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide
+Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl
+wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?«</p>
+
+<p>»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> es mit markiger
+Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das,
+tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon
+etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte
+ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen
+Knabengesichtern stand.</p>
+
+<p>»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst
+seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe
+seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser
+Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben
+ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht
+wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor
+der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in
+Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem
+Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner
+Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das
+voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte
+von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr
+starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv,
+war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher
+souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst
+vergangener Ansichten und Auffassungen<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> herabsahen, welche sich in den
+Alten Herren verkörperten.«</p>
+
+<p>Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein
+verständnisinniges Schmunzeln.</p>
+
+<p>»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen — wenigstens möchte
+Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als
+glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu
+veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen.
+Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein
+Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen
+zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das
+ist ein herausgeschmissener Korpsstudent — herausgeschmissen, weil
+er sich auf der Mensur feige benommen hat!! — Und das wird der Mann
+sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer
+bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu
+werfen!! — Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre
+Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder
+genannt haben, so ins Leben hinausstoßen —? Hat er das verdient?!«</p>
+
+<p>Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen,
+Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen,
+die<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn
+zuzujubeln.</p>
+
+<p>»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie,
+meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter
+Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat
+Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht
+einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab'
+das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus
+dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ...
+aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?«</p>
+
+<p>»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn
+nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille
+hinein.</p>
+
+<p>»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich,
+dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.«</p>
+
+<p>»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig
+dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung
+des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der
+Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem
+Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum
+als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede
+Bewegung bei seiner<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken:
+es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes
+zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht
+so?!«</p>
+
+<p>Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die
+Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen
+war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von
+Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal
+ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem
+Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu
+sühnen.</p>
+
+<p>»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem
+Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie
+den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als
+daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat —«</p>
+
+<p>»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen
+Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf.</p>
+
+<p>»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder,
+Ihren Antrag anzunehmen.«</p>
+
+<p>»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit
+zurück,« sagte Krusius.</p>
+
+<p>»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission
+auf unbestimmte Zeit des<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite
+hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der
+jüngste Korpsbursch. Also bitte?«</p>
+
+<p>»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!«
+ging's von Mund zu Munde.</p>
+
+<p>Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten
+gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias
+verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch
+eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten
+Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit
+lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man
+die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben
+den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der
+Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des
+Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn
+durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest
+schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald
+aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben,
+ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband
+gerettet hatte. — —</p>
+
+<p>Oben hatte es <em class="gesperrt">allen</em> dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch
+dem guten, teilnahmsvollen<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen
+wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart
+fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch
+eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die
+Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand
+des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am
+Fenster stand: »Sie komme!«</p>
+
+<p>Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen
+... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!«</p>
+
+<p>Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn
+Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun
+der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit
+den gleichen formelhaften Worten:</p>
+
+<p>»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission
+aufgehoben ist. Gratuliere!«</p>
+
+<p>Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die
+beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton
+von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das
+Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief
+niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete.</p>
+
+<p>Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges,
+doch lächelnden Mundes:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's
+schon!«</p>
+
+<p>Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber
+das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser
+behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte
+ihm dabei selig zu:</p>
+
+<p>»Du ... Marie —!!«</p>
+
+<p>Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten
+Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem
+Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht
+erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn
+Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles?
+warum?!</p>
+
+<p>Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen — aber er war es nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>II.</h2>
+</div>
+
+<p>Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm
+Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen
+geblieben.</p>
+
+<p>Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die
+folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele,
+wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ...</p>
+
+<p>Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem
+Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten
+Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten
+Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den
+Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten,
+lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal
+kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht
+eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende
+Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten
+hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der
+Versuchung hinweg ...</p>
+
+<p>Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte
+stellten sich ein, die immer<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> wieder nach Sättigung schrien ... und
+manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte
+die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in
+den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse
+ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich
+sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte
+Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd.</p>
+
+<p>Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen
+Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der
+Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte
+dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser,
+kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen
+Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem
+ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen
+Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb.</p>
+
+<p>Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden,
+machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter
+Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei
+den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens.
+Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte
+er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren,<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> führte er sie
+stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort
+beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine
+tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte
+nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener
+raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem
+Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen
+würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder
+glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute
+bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof
+des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte.</p>
+
+<p>Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte
+... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die
+Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten,
+die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn
+man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere
+Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an
+dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen
+am Golde.</p>
+
+<p>Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den
+trug seine Liebe, seine<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> junge, heilige Liebe über den Schlamm der
+Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und
+die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein
+einziges Mal von Elfrieden gehört hätte:</p>
+
+<p>Mein Süßer! Mein Geliebter! —</p>
+
+<p>O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die
+Straßen von Marburg gerannt ...</p>
+
+<p>Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein
+stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit
+Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen
+Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt
+rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft,
+und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über
+einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier
+bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden
+Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein
+zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die
+Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie
+ablösen würden.</p>
+
+<p>Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon
+standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p>
+
+<p>»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!«</p>
+
+<p>Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres
+Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet
+hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich
+ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem
+alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes,
+in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines
+deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist,
+dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren
+Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus
+wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte
+mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte,
+knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das
+wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die
+blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen
+Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand
+des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender
+Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte.</p>
+
+<p>Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein
+hübscher, doch zu schmächtiger<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Bursche, eine unbedeutende, der
+baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur.</p>
+
+<p>Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien
+Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch
+die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell-
+und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren,
+um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim
+Feste imposanter zu gestalten.</p>
+
+<p>Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich
+alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen
+Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte.</p>
+
+<p>»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!«</p>
+
+<p>»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit
+Achenbach gehen.«</p>
+
+<p>Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser.</p>
+
+<p>Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem
+dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es
+unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls
+im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes
+Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier
+befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur
+Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene
+Banner im<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das
+Korps das Symbol seines Bundes.</p>
+
+<p>Und nun zog das Korps auf dem nächsten Wege zur Ketzerbach hinab, wo
+der Festzug der Studentenschaft sich versammelte. Unten standen schon
+fast alle Korporationen aufgereiht: nach langen Verhandlungen hatte man
+sich geeinigt, daß die beiden ältesten Verbände, der Seniorenkonvent
+der Korps und der Delegiertenkonvent der Burschenschaften, um Spitze
+und Schluß des Zuges losen sollten, und dem S. C. war die Spitze
+zugefallen. So eröffnete Cimbria diesmal als zurzeit im S. C.
+präsidierendes Korps den ganzen Zug. Die Cimbern marschierten an den
+schier endlosen Linien der aufmarschierten Studentenschaft vorbei;
+selbstverständlich ohne die geringste Begrüßung hinüber und herüber:
+auch heute fiel die Schranke nicht, welche die Farben zwischen den
+Kommilitonen, den Söhnen eines Volkes, eines Reichs, einer Hochschule
+gezogen hatten. Nur als man vorne an der Spitze angelangt war und an
+den Reihen der bereits aufgezogenen beiden andern Korps vorbeizog,
+flogen die blauen Deckel hüben, die hellgrünen und weißen drüben von
+den Köpfen.</p>
+
+<p>Musik erklang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Stoßt an, Marburg soll leben!</div>
+ <div class="verse indent2">Hurra hoch!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Philister sind uns gewogen meist,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt</div><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span>
+ <div class="verse indent0">Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!</div>
+ <div class="verse indent0">Frei, frei, frei ist der Bursch!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Feierlich tönte der in Marburg übliche verlängerte Schluß der alten
+Jubelweise über die breite Allee, die niederen Häuschen, weckte stolzes
+Echo an Sankt Elisabeths braunem Doppelgetürm und wogte weit hinaus, zu
+den grünen Lahnbergen hinüber.</p>
+
+<p>Und der Zug trat an und schob sich langsam den ansteigenden Steinweg
+hinauf. Alle Fenster der mit Fahnen und Girlanden buntgeschmückten
+Häuser waren besetzt, der Geringste in Marburg nahm teil an dem
+Jubelfest der Hochschule, aus den Dachluken selbst lugten hellgewandete
+Mädchengestalten, wehten winkende Tücher. Und von Fensterbrüstungen
+und Balkons flogen Blumensträußchen ohne Zahl auf die Studenten, die
+Helden des Tages, hernieder. Die griffen eifrig in die Luft, hielten
+die Mützen hin, schmückten jedes Knopfloch, jedes Täschchen, den Rand
+der Mützen, ja selbst die Ränder des Rockkragens mit den lieblichen
+Spenden. Und als es gar keinen Platz mehr gab, da ließ man die lustigen
+Wurfgeschosse dahin zurückfliegen, von wannen sie gekommen waren
+— hinauf, hinunter flogs, mit Jauchzen, Gelächter, sinnigem oder
+täppischem Scherz.</p>
+
+<p>»Paßt auf, Kinder, das da ist für die Schönste von euch!«</p>
+
+<p>Und zwischen drei blühenden Töchtern tauchte<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> der lachende Graukopf der
+Mutter auf, und ihr flog das Sträußchen mitten ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Wie galant!« rief die und nestelte das Sträußchen ans dunkelseidene
+Festgewand.</p>
+
+<p>»Sie waren, auf Ehre, nicht gemeint, gnädige Frau!«</p>
+
+<p>»So? Na, da haben Sie's wieder!«</p>
+
+<p>»So! Nun paßt aber auf, ihr drei! Wer's schnappt, ist die Schönste!«</p>
+
+<p>Und diesmal blieb's in den zierlichen Fäusten eines braunzöpfigen
+Backfischchens.</p>
+
+<p>»Is so recht?«</p>
+
+<p>»Allemal!«</p>
+
+<p>Und wenn's nun gar bei Bekannten vorbeiging!</p>
+
+<p>»Herr Papendieck, passen Sie auf, die weiße Rose sollen Sie haben!«</p>
+
+<p>Schwapp! mitten auf des Cimbernseniors stattlichem Gesichtshaken.</p>
+
+<p>»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« zitierte der Mecklenburger
+seinen berühmten Landsmann.</p>
+
+<p>Eine keckere Mädchenstimme schrie:</p>
+
+<p>»Schöner Krusius, das hier ist für dich!«</p>
+
+<p>»Ich fühle mich getroffen,« rief Krusius, denn das Sträußchen hatte ihm
+unsanft die linke Backe mit dem kaum verheilten Durchzieher von der
+letzten Mensur gestreift. Er führte es an die Lippen und schwenkte es
+dann grüßend nach oben.</p>
+
+<p>»— Das da ist für die, die mich liebt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p>
+
+<p>Jungbursch Ehlert ließ drei, vier rasch zusammengebundene Sträußchen
+mitten in einen Balkon voll schmucker Weibchen hineinsausen.</p>
+
+<p>Und: »Ich! ich! ich!« schrien sie alle, alle und streckten die Hände.
+Im Nu war das Sträußchen in tausend Fetzen zerrissen.</p>
+
+<p>Und die Musik spielte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wenn wir durch die Straßen ziehen!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Da fielen sie alle, alle ein, die Studenten, die jungen Damen, die
+Väter, die Mütter, der Friseur und seine Gehilfen vor der Ladentür, die
+sich eifrig verbeugten, wenn ihre Kundschaft im strahlenden Schmuck
+der frisch durchgezogenen Scheitel vorüberkam, die Ladenfräuleins im
+Erdgeschoß und die rotbemützten Dienstmädchen oben unterm Dach, die
+Gymnasiasten und die Spielkinder, alle, alle sangen sie mit:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wenn wir durch die Straßen ziehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Recht wie Bursch in Saus und Braus,</div>
+ <div class="verse indent0">Schauen Mädchen, schwarz und braune,</div>
+ <div class="verse indent0">Rot und blond aus manchem Haus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ich laß die Blicke schweifen</div>
+ <div class="verse indent0">An den Fenstern hin und her,</div>
+ <div class="verse indent0">Fast als wollt ich eine suchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die mir die allerliebste wär.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und als gält es nur für ihn allein, so inbrünstig sang Werner Achenbach
+heraus:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Und doch weiß ich, daß die Eine</div>
+ <div class="verse indent0">Wohnt viel Meilen weit von mir,</div><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span>
+ <div class="verse indent0">Und doch kann ich's Schau'n nicht lassen</div>
+ <div class="verse indent0">Nach den schmucken Mädchen hier.</div>
+ <div class="verse indent0">Liebchen, laß dich's nicht betrüben,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn dir eins die Kunde bringt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und daß dich's nicht überrasche,</div>
+ <div class="verse indent0">Dieses Lied ein Wandrer singt.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ja — an wen dachte er dabei! An Elfriede — oder an Rosalie?
+Vielleicht an beide ... und an keine so recht ... es war so ein wildes,
+formloses, gegenstandsloses Sehnsuchtsgefühl, dem dies Lied Worte,
+Klänge lieh ...</p>
+
+<p>Eben kam der Zug an Werners Bude vorbei: aus dem Fenster seines
+Wohnzimmers hätte Rosalie schauen müssen, aber sie war fern: die blonde
+Babett guckte heraus, mit ein paar Freundinnen aus ihrem Heimatdorf,
+sie errötete selig, als Werner ihr zunickte — im Erdgeschoß stand
+Mama Markus welken, gütig lächelnden Angesichts in der Ladentür, und
+hinter den Flaschen und Büchsen im Schaufenster gewahrte Werner einen
+Augenblick die verzerrte, qualzerrissene Grimasse Simons ... nanu —
+warum hockte denn der zu Haus? War denn der nicht auch Student?! —
+gehörte denn der nicht mit dazu, wenn Alma Philippina feierte?! — ach
+so ...</p>
+
+<p>Musik, jauchzender Gesang, flatternde Fahnen und Blumen, Blumen
+überall, Blumen fliegend aus jedem Fenster, Blumen an jeder Brust,
+Blumen den Boden bedeckend wie den Einzug ruhmreicher Sieger,<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> und doch
+nur eine Huldigung der Jugend an die Jugend, ein Gruß des Lebens ans
+Leben ... lächelnd, lachend, jubelnd jeder Mund, leuchtend jede Wange
+...</p>
+
+<p>Doch nein — eine nicht —</p>
+
+<p>»Klauser, was ist dir?«</p>
+
+<p>»Nichts ... was soll mir denn sein?«</p>
+
+<p>»So freu dich doch! Bist du nicht vergnügt? Fehlt dir was?«</p>
+
+<p>»Nicht das geringste!«</p>
+
+<p>»Vorhin ist's mir schon aufgefallen — du bist nicht wie sonst — ist
+dir was passiert?!«</p>
+
+<p>»Was sollte mir passiert sein? Nicht das mindeste ... ich bin bloß
+nicht in Stimmung. Ich bin kein Freund von so viel Rummel.«</p>
+
+<p>»Nanu? Das ist doch das erstemal, daß ich das an dir merke?! Dann
+rapple dich aber jetzt gefälligst ein bißchen auf — gleich sind wir
+am Barfüßertor ... weißt du, wer da wohnt? Haha! Da mußt du aber ein
+andres Gesicht machen!«</p>
+
+<p>»Ach — lieber Kerl — ich ... mir ist hundemäßig zumute ...«</p>
+
+<p>»Ja, was ist denn?!«</p>
+
+<p>»Nichts — laß mich — da sieh, wie schön der Markt!«</p>
+
+<p>Und wahrlich, hier entrollte sich das Bild des feiernden Städtchens
+in seiner ganzen ehrwürdig-lieblichen Pracht. Der enge Platz war
+ganz von Zuschauern<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> freigehalten, und in langem Bogen umzog nun der
+Festzug den Markt, dicht unter den Fenstern der niederen, altersdunklen
+Häuserfronten, des schlichten, strengen Rathauses entlang. Hier hatten
+alle Häuser noch ein übriges an Festschmuck aufgeboten. Girlanden von
+Tannen- und Eichengrün, lange Reihen kleiner Fähnchen überspannten den
+ganzen Platz der Länge und Quere nach ... und wieder war bis obenhin
+ein jedes Fenster mit geputzten, jubelnden, blumenstreuenden Menschen
+besetzt ... und durch die flatternden Tücher der Fahnen, die wehenden,
+winkenden Hände, die harzig duftenden Girlanden zog es wie ein Sturm,
+wie ein Rausch der Jugend, der Kraft, des Glückes ... als seien alle
+diese Jünglinge hier nur zusammengeströmt, um in einem Fest ohne Ende
+sich ihrer blühenden Jahre zu freuen, als hieße Student sein nichts
+anderes als Olympier sein, als heiter, wunschlos, herrscherhaft wandeln
+auf blumenbestreuten Pfaden, von Rosen umduftet, von Schönheit und
+Liebe gefeiert und begnadet, selig, selig, selig ...</p>
+
+<p>Aber ein anderes sprach sich auf dem Gesichte des Freundes aus, dessen
+Arm schwer in dem Werners lag, der nur lässig ein Blumensträußchen an
+die Brust gesteckt, dessen Herz sich ausschloß vom Jubel der Stunde,
+dessen Auge düster hineinstarrte in ein unfaßbares, ungreifbares
+Verhängnis, das seine leuchtende Jugend zu überschatten schien mit der<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span>
+Ahnung unabwendbarer Seelenstürme, unversiegbarer Tränenschauer ...</p>
+
+<p>»Klauser — du sollst mir sagen, was du hast! Ich finde das einfach
+unfreundschaftlich von dir, mir hier die Stimmung zu verderben, wenn du
+keinen Grund hast ...«</p>
+
+<p>»Keinen Grund?! Ich hoffe, ich habe keinen Grund.«</p>
+
+<p>»Klauser? Gott, sei doch nicht so albern. Ich bin doch dein Freund.
+Rede jetzt, sonst laß ich dich stehen und geh mit einem andern.« Das
+war scherzhaft gesprochen, doch Werners Stimme bebte dabei leise, und
+Klauser verstand die Meinung des Freundes.</p>
+
+<p>»Ach ... ich bin verrückt, wirst du sagen. Es ... ist eigentlich nichts
+... Marie hat seit acht Tagen nicht zu mir wie sonst ... sie hat
+mich zweimal beim Rendezvous warten lassen ... das drittemal ist sie
+gekommen, aber ... ganz verändert ... ganz ... ich weiß nicht ... äh
+... ich werd's mir wohl nur eingebildet haben.«</p>
+
+<p>»Ja ... so sprich doch ... was ... sagte sie denn ... was machte sie
+denn ..«</p>
+
+<p>»Ja, Himmel, sie war eben ... anders ... zurückhaltend, befangen,
+sonderbar ... eben anders ... und dann auf einmal zum Abschied küßte
+sie mich so wild und so wehmütig ... als ob ... ich sage dir, Achenbach
+... es war —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p>
+
+<p>»Himmel, du bist ja ein Tor — vielleicht hat's zu Hause Kummer oder
+Verdruß gegeben —«</p>
+
+<p>»Dann hätte sie mir erzählen sollen —«</p>
+
+<p>»Oder was sonst gewesen ist ... du ... du wirst doch nicht gar — an
+Marien ... ich meine, du bildest dir doch nicht gar ein, sie könnte am
+Ende —«</p>
+
+<p>»Ich bilde mir gar nichts ein ... nur daß mir elend seitdem ist ...
+einfach schauderhaft ist mir —«</p>
+
+<p>»Nimm dich zusammen! Da ist das Haus!«</p>
+
+<p>Zur Rechten des zum Schloß hinanführenden Weges lag inmitten
+eines altprächtigen Gartens über hoher Böschungsmauer das
+behaglich-altfränkische Schweizerhaus des Geheimrats Professor Doktor
+Hollerbaum. Der alte Herr stand oben, auf dem weißen Scheitel die
+verschossene hellgrüne Mütze der Hessen-Nassauer, das falb gewordene
+Band umzog seine Brust unter dem Überrock, auf dessen Klappe ein langes
+Ordenskettchen klingelte. Er grüßte höflich die Farben der Cimbria,
+gegen die er vor Jahrzehnten so manches Mal auf Mensur gestanden; alle
+Cimbernmützen flogen herunter; und neben des Professors Silberkopf
+neigte sich ein anderes, noch jugendlicheres Haupt ... Mariens Mutter
+... aber wo war <em class="gesperrt">sie</em>?</p>
+
+<p>Halb verborgen hinter den Eltern hatte sie gestanden. In weißem Kleide,
+nicht im gewohnten Hellgrün — nun neigte sie sich über die Mauer,
+nickte den grüßenden Cimbern zu, suchte mit den Augen,<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> fand Werner und
+Klauser und goß plötzlich aus einem Körbchen, das auf der Mauer stand,
+einen Schwall weißer Rosen über Willys Haupt, das sich eben grüßend
+entblößt hatte.</p>
+
+<p>Einen Schwall weißer Rosen.</p>
+
+<p>Und neben ihr tauchte da eine blaue Cimbernmütze auf. Darunter ein
+lächelndes, leuchtendes Angesicht — das Gesicht eines Mannes ...</p>
+
+<p>Professor Dornblüth.</p>
+
+<p>Er winkte den bergansteigenden Korpsbrüdern mit der Hand lächelnd zu —
+rief:</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen auf dem Dammelsberg!«</p>
+
+<p>Werner suchte Klausers abgewandtes Gesicht. Es war fahl geworden ...
+fahl ... es mahnte Werner an jenes Mädchenantlitz, das auf dem Tisch
+der Prosektorstube dem Messer des Anatomiedieners entgegengeharrt
+hatte. Eine Rose hielt Klauser in der Hand ... eine einzige, weiße Rose
+... an der hingen seine starren Augen.</p>
+
+<p>Gott ... wäre das möglich?!</p>
+
+<p>Werner hatte Mariens Blick gesehen, als sie die Rosen über Klauser
+ausgoß. Ein Unsägliches hatte darin gelegen, das Werner vergebens zu
+enträtseln suchte: Weh ... und Scham ... und Dank ... und Liebe ...
+ja, auch Liebe ... aber eine Liebe, sterbend, verwelkend wie jene
+weiße Rose in Klausers Hand ... und Dank ... ach, ein Dank, der den
+Empfänger<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> quält wie ein Schimpf ... und über alles ... Abschied ...
+Abschied ... Abschied ...</p>
+
+<p>Und Werner fragte nicht. Er zog den Arm des Freundes fest an sich heran
+... und stumm stiegen die Jünglinge bergan, inmitten der lachenden,
+schwatzenden Korpsbrüder, durch die flimmernde Herrlichkeit des
+glühenden Julinachmittags, dem Dammelsberg entgegen, dem Fest der
+Jugend entgegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>III.</h2>
+</div>
+
+<p>Wenige Schritte nur hatten die Freunde in dumpfem Schweigen
+zurückgelegt. Da riß Klauser seinen Arm aus dem des Freundes, ballte
+die Fäuste und zischte zwischen den Zähnen:</p>
+
+<p>»Vor die Pistole muß er mir! Vor die Pistole —«</p>
+
+<p>»Wer — der Alte Herr?!«</p>
+
+<p>»Was schiert mich das?! Meinst du, ich lasse sie mir so einfach
+wegnehmen? Ich schieß ihn über den Haufen —!!«</p>
+
+<p>»Komm, Klauser, nimm dich ein bißchen zusammen, die andern werden schon
+aufmerksam auf dich. Höre mich doch bitte einmal einen Augenblick lang
+ruhig an. Ich glaube, du bildest dir das alles nur ein.«</p>
+
+<p>Klauser lachte wild auf.</p>
+
+<p>»Doch, Klauser, wahrhaftig, ich glaub's! Sieh mal, der Alte Herr ist
+noch nicht drei Wochen in Marburg. Der alte Hollerbaum ist Dekan der
+Juristenfakultät, außerdem ist er doch auch Pandektist; also da ist
+doch das ganz erklärlich, daß Dornblüth bei ihm verkehrt! Und daß
+der Alte seinen Kollegen eingeladen hat, sich von seinem Garten aus
+den Festzug anzusehen ... na, das ist doch alles ganz natürlich,<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> da
+brauchst du doch nicht gleich auf Gedanken zu kommen!«</p>
+
+<p>»Haha! und sie?! Ihr Benehmen gegen mich?! Ach geh mir doch mit
+deinem faden Trost ... es ist aus ... oder es soll aus sein! Ach,
+diese Weiber! Da kommt einer in Amt und Würden, und eins, zwei, drei,
+wird man beiseite geschoben wie ein dummer Junge —! Na, wartet, ihr
+da unten, in mir sollt ihr euch geirrt haben! Ich laß mich nicht
+abschieben, ich habe Rechte! Rechte!«</p>
+
+<p>»Komm, liebster, einziger Klauser, sei doch nur nicht so wild! Denk
+doch, die andern müssen ja was merken! Sieh mal, ich kann's nicht
+glauben, ich kann's einfach nicht, daß der Alte Herr Absichten auf
+Marie hat —«</p>
+
+<p>»Ja, warum denn nicht? Was sollte <em class="gesperrt">den</em> denn hindern?«</p>
+
+<p>»Klauser, ich muß dir etwas gestehen. Neulich, auf dem Wege nach
+Ockershausen, am Samstag vor drei Wochen, als du dich wieder in den
+Bund hineinpauktest, da tauchte ja der Alte Herr Dornblüth zum ersten
+Male auf, erinnerst du dich? Du mußt doch gesehen haben, daß ich mit
+ihm vor dir marschierte, weißt du's noch —?«</p>
+
+<p>»Ja — mir fällt's ein — nun, und —?«</p>
+
+<p>»Also da bin ich mit dem Alten Herrn ganz zufällig zusammengetroffen,
+und da fragte er mich nach allem aus, was los sei im Korps, und dann
+ist<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> uns Marie begegnet, und da fragte er auch, wer die wäre, und — da
+ist's mir eben entschlüpft, daß sie und du ... daß ihr verlobt wärt.«</p>
+
+<p>»So — und —?!«</p>
+
+<p>»Du mußt mir nicht böse sein, es kam so ganz von selber ... na und
+siehst du, nun weiß also der Alte Herr doch, daß die Marie mit einem
+Korpsbruder von ihm verlobt ist, und einem Korpsbruder die Braut
+abspenstig machen ... so eine Gemeinheit, so eine verdammte Schurkerei
+wirst du dem doch nicht zutrauen? So sieht der mir wahrhaftig nicht
+aus!«</p>
+
+<p>Klauser sann einen Moment schweigend vor sich hin. Dann brach er aus:</p>
+
+<p>»Und wenn du recht hast — um so schlimmer für mich!! Dann hätte die
+Marie sich eben ohne sein Zutun ... denn daß sie von mir nichts mehr
+wissen will ... das weiß ich, das fühl ich, da kann mir keiner dawider
+reden!! Aber sie soll mich kennen lernen! Kämpfen will ich um sie,
+kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!!!«</p>
+
+<p>Ȇbereile doch nur nichts, Klauser, um Himmels willen! Marie kommt ja
+doch jedenfalls hernach auf den Dammelsberg, ihr könnt zusammen tanzen,
+du kannst sie ja einfach fragen, und ich bin überzeugt, sie lacht dich
+aus und fragt dich, ob du toll bist! Oder sie haucht dich gründlich an,
+daß du überhaupt so abscheulich an ihr zweifeln kannst!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p>
+
+<p>So tröstete Werner den Freund. Und der Trost wirkte. Er wirkte, weil
+so vieles ihm half. Das gläubige, vergötterungsbedürftige Herz des
+verliebten Jünglings, der Rausch der Festfreude ringsum, der lustige
+Anstieg zum Schloßberg, der hoffnungatmende Sommerhauch.</p>
+
+<p>Und als Werner den Erfolg seiner Trostgründe beobachtete, da begann er
+schließlich selber an sie zu glauben ...</p>
+
+<p>Und über den Einmarschierenden wölbte sich nun der Eichenwald. Noch
+einen letzten Blick vom Waldrand rückwärts! Da wand sich der Zug vom
+Schloßberg hernieder durch heckenumsäumte Wiesenpfade, eine Schlange,
+deren Schuppen in den Farben des Regenbogens glänzten. Und von rechts
+und links auf Nebenpfaden wallfahrtete nun auch Marburgs Bürgerschaft
+heran. Überall tauchten blinkende Gewänder auf, dazwischen die
+hellen Sommeranzüge, die Strohhüte, die dunkleren Seidenkleider und
+Sonnenschirme schwitzender Väter und Mütter. Und alles verschlang der
+Festwald.</p>
+
+<p>Drinnen war's kühl und herrlich. Alle die geräumigen Festplätze, die
+für solche Tage, wie den heutigen, geschaffen waren, hatte man für
+den Andrang einer ganzen festfrohen Stadtgemeinde vorbereitet. Von
+Baum zu Baum zogen sich buntbebänderte Tannengirlanden, spannten
+sich Wimpelketten, lange Reihen bunter Lampions. Und unten waren<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span>
+Tische und Bänke aufgeschlagen — jeder Tisch trug auf mächtigem
+Pappschild in schwarzen Lettern den Namen der Korporation, für welche
+er reserviert war. Ein ganzer Festplatz gehörte dem akademischen
+Senat, einer den Stadtbehörden, ein größter der Bürgerschaft, soweit
+sie nicht Anschluß bei den Korporationen hatte. Und inmitten all der
+Feststätten war der Tanzboden aufgeschlagen ... Überall aber walteten
+schon die Küfer ihres Amtes, stellten auf Kreuzböcken mächtige Fässer
+Casseler Lagerbier auf, schlugen sie an, daß der Gischt schäumte, und
+ließen sich's nicht nehmen, als erste zu probieren. Und über all dem
+Treiben bauschten sich Fahnen in den Farben der Stadt Marburg, des
+Reiches, Preußens, der Provinz Hessen-Nassau, endlich der sämtlichen
+Marburger Korporationen. Und noch höher droben rauschten und webten die
+Eichen- und Buchenwipfel, von flatternden, hüpfenden Sonnenlichtern
+durchwirrt. Und in das ganze wohlbereitete Festgefilde ergoß sich nun
+der Strom der feierlustigen Menge. Das rannte und schrie durcheinander,
+das begrüßte sich, wies einander zurecht, lachte, schalt, schnauzte
+mit Füchsen, Kellnern, Korpsdienern — und zwischen den trotzigen
+Knabengesichtern, dem Gewimmel bunter Mützen und den Sommerhüten der
+farblosen Verbindungen und der Finken, die erhitzten, augenblitzenden
+Mädchenlarven unter wippenden Blumenhüten, die hin und her pendelnden,
+krampfhaft hochgehobenen Sonnenschirmchen ...<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> ein Wirrwarr, ein Lärm,
+ein quirlendes Chaos ... da würde niemals Ordnung werden.</p>
+
+<p>Doch nach einer Viertelstunde hatte sich alles zurechtgefunden. Alles
+saß an seinem Platze, ein wenig eng, doch dafür war eben Festtag — und
+wer hätte gar nach mehr Platz verlangt, wenn er eine hübsche Nachbarin
+erwischt hatte — man würde sich einzurichten wissen ...</p>
+
+<p>Und das Fest begann. Gedruckte Liederhefte waren schnell verteilt,
+und bald brauste durch den ganzen weiten Festwald das alte festliche
+Burschenlied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wo zur frohen Feierstunde</div>
+ <div class="verse indent0">Lächelnd uns die Freude winkt« —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und ein zweites Lied — und ein drittes —</p>
+
+<p>»Du — da oben steigt wieder eine Rede!«</p>
+
+<p>»Laß sie reden! Kannst dir's denken, was da oben offiziell gequasselt
+wird!! Die Herren Professoren hören für uns alle mit!«</p>
+
+<p>Plötzlich Orchestertusch ... und lautes Hoch da droben —</p>
+
+<p>»Los, Kinder! Hoch! hoch! hoch!!«</p>
+
+<p>»Auf wen geht's denn?!«</p>
+
+<p>»Is ja egal! Is ja ganz schnuppe! Brüllt nur ordentlich mit!«</p>
+
+<p>»Hoch! hoch! hoch!!«</p>
+
+<p>»Und nun — Umtrunk!«</p>
+
+<p>»Prost!«</p>
+
+<p>»Prost doppelt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p>
+
+<p>Einer kam hinzu: »Stellt euch vor, ihr Herren, eben hat der
+&gt;Tausendste&lt; geredet!«</p>
+
+<p>»Was hat er denn gesagt?«</p>
+
+<p>»Das hat kein Mensch verstanden. Heimtückischerweise ist's ein Russe,
+der kaum drei Töne deutsch reden kann!«</p>
+
+<p>»Aber schön war's doch — was?!«</p>
+
+<p>»Allemal! Kinder, gebt mir was zu saufen — ich verdurste!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Sie sitzt auf dem Professorenplatz bei ihren Eltern,« berichtete
+Werner, der auf Erkundung ausgegangen war, dem harrenden Freunde am
+Cimberntisch.</p>
+
+<p>»Und — ist der — auch dabei?«</p>
+
+<p>»Professor Dornblüth — ja — der ist auch dabei.«</p>
+
+<p>»Hm. Setz dich. Wann fängt der Tanz an?«</p>
+
+<p>»Um halb sieben.«</p>
+
+<p>»Gut. Inzwischen — prost — einen Halben auf dein Wohl.«</p>
+
+<p>»Du, Klauser, trink nicht ... denk nur, was heut alles auf dem Spiel
+steht für dich.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, schon gut.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke entstand oben am Cimberntisch eine Bewegung.
+Man erhob sich, die Mützen flogen von den Köpfen. Einige der älteren
+Alten Herren des Korps waren herangetreten, begrüßten die Korpsbrüder
+und nahmen oben neben dem Ersten<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Platz, während die übrigen
+zusammenrückten. In ihrer Mitte auch Dornblüth.</p>
+
+<p>Eine Weile verging. Man trank, ein allgemeines Lied wurde gesungen,
+von droben klang wieder der entfernte Tonfall einer Festrede; am
+Cimberntisch lärmte und schwatzte man munter weiter, die Alten Herren
+tranken den Chargierten zu, schließlich beim Tusch schrie alles munter
+mit: Hoch! und stieß mit den wuchtigen Henkelgläsern an.</p>
+
+<p>Da trat der Korpsdiener zu Klauser heran und sagte halblaut:</p>
+
+<p>»Herr Klauser, der Alte Herr Professor Dornblüth täte sich erlaube,
+Ihne eins zu komme, und ob er Ihne hernach gelegentlich kennt e paar
+Minute spreche!«</p>
+
+<p>»Sagen Sie dem Herrn Professor, Peter, ich werde zu seiner Verfügung
+stehen und erlaube mir, nachzukommen.« Er trank, warf aber keinen Blick
+hinüber, obwohl Werner ihn anstieß:</p>
+
+<p>»Du — er schaut herüber.«</p>
+
+<p>»Meinetwegen. Hast du verstanden, was Peter sagte?«</p>
+
+<p>»Ja.« Werner legte die Hand auf des Freundes Arm und drückte ihn leise.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick entstand oben am Tisch ein wahres Hallo. Die
+Freunde blickten hinüber und sahen neben dem Senior Papendieck, der
+sich in seiner ganzen Länge erhoben hatte, eine Riesengestalt in
+Reiseanzug und leichtem Filzhut — Scholz ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p>
+
+<p>Eben warf der seinen Hut dem Korpsdiener zu, nahm aus dessen Hand eine
+Mütze entgegen, stülpte sie sich auf den Hinterkopf, streckte beide
+Hände den andrängenden Korpsbrüdern hin und lächelte, soweit es seine
+starren Gesichtszüge, sein herber Mund gestatteten. Und die meisten der
+Cimbern sprangen auf, ihn zu begrüßen, aber er wehrte ab:</p>
+
+<p>»Bleibt sitzen, Herrschaften, ich komme zu euch.«</p>
+
+<p>Und er schritt den Tisch entlang, streckte immerfort die langen Arme
+über die Schultern der Nächstsitzenden nach jenseits zur Begrüßung,
+antwortete auf einen Schwall von Fragen, kam so näher.</p>
+
+<p>Werner schauderte bei diesem Anblick. Wie ihn begrüßen ... den
+Entsetzlichen, der es wagte zu leben und zu lachen, dieweil ...</p>
+
+<p>»Guten Tag, Leibfuchs Achenbach ... na, da wär ich wieder!«</p>
+
+<p>»Guten Tag, Leibbursch.« Werner fühlte die hagere, eiserne Tatze des
+weiland Cimbernseniors in seiner Hand.</p>
+
+<p>»Na, laß dich mal besehen — noch alles glatt? Gut schaust du aus —
+ordentlich dick geworden. Das macht die gute Luft im Korps, seit ich
+weg bin. Du, Leibfuchs, gratulier mir mal schnell: ich hab vorgestern
+in Berlin den Doktor gemacht — <em class="antiqua">magna cum</em>!«</p>
+
+<p>Werner gratulierte und schüttelte nochmals die Hand, von der ein
+Eisstrom ihm die Glieder durchlief.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p>
+
+<p>»Ah, und da ist ja auch Klauser. Gratuliere zu — na du weißt schon.
+Donnerwetter, du hast dir aber ein hübsches Lokal zugelegt! Wer hat
+denn das gekonnt?«</p>
+
+<p>Aber er wartete gar nicht erst auf Antwort, begrüßte die Füchse im
+Ramsch mit einer winkenden Handbewegung:</p>
+
+<p>»Tag, Füchse — na, munter!« und schritt dann zurück zum oberen Ende
+des Tisches, wo er mitten zwischen den Alten Herren Platz nahm und
+bald in ein eifriges Gespräch verwickelt war, an dem er sich in seiner
+kalten, gemessenen, doch entschiedenen Weise beteiligte.</p>
+
+<p>Scholz wieder da — Doktor Scholz ... und nächstens müßte Rosalie
+wiederkommen — —</p>
+
+<p>Nun trat Professor Dornblüth, ein gefülltes Bierglas in der Hand, von
+hinten an Klauser heran und sprach:</p>
+
+<p>»Herr Korpsbruder, ich glaube, wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt,
+Bruderschaft zu trinken ... darf ich Ihnen also Schmollis anbieten?«</p>
+
+<p>Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar,
+erwiderte er:</p>
+
+<p>»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir
+... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung
+verschieben?!«</p>
+
+<p>Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> über den Ton der
+Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte
+mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines
+Blickes stand:</p>
+
+<p>»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern
+können.«</p>
+
+<p>Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der
+Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches — sie stießen mit
+den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten
+sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe.</p>
+
+<p>Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und
+sagte:</p>
+
+<p>»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.«</p>
+
+<p>Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen.</p>
+
+<p>Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende
+Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde
+seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als
+alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was
+würde werden? Was würde werden?!</p>
+
+<p>Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt.</p>
+
+<p>Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>IV.</h2>
+</div>
+
+<p>Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange
+dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er
+die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem
+Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm
+fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter.</p>
+
+<p>Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden
+blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden
+Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten
+Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden,
+bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und
+hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad
+in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es
+dämmerte durch den Bergpark.</p>
+
+<p>»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine
+Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.«</p>
+
+<p>»Daß ich nicht wüßte,« sagte Klauser kalt gemessen.</p>
+
+<p>»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft
+angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe — als
+Träger<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine:
+das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der
+Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum
+Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.«</p>
+
+<p>Mit einem Ruck stand Klauser still.</p>
+
+<p>»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh
+meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?«</p>
+
+<p>Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren
+Schulter.</p>
+
+<p>»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen
+zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu
+zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir
+Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?«</p>
+
+<p>»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts
+gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben.</p>
+
+<p>»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber:
+ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren,
+daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du
+diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu
+glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> lang
+gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen
+lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und
+... du — gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage,
+daß sie ... mir sehr wert geworden ist.«</p>
+
+<p>Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine
+stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen.</p>
+
+<p>»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student
+gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß
+Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um
+sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ...
+andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin
+ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus
+... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das
+darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch
+nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ...
+auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. —«</p>
+
+<p>Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten.</p>
+
+<p>»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten
+von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als
+deine Braut betrachtet ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p>
+
+<p>»Bis heute?!«</p>
+
+<p>»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich
+als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu
+erwarten, daß du von mir Sühne verlangst — Genugtuung. Darum laß mich
+dir als Korpsbruder — und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu
+diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese
+deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte
+mir, ob du mir das glauben willst —!«</p>
+
+<p>»Ich ... will's glauben.«</p>
+
+<p>»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir
+schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch
+keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.«</p>
+
+<p>»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese
+Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was
+Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber
+das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.«</p>
+
+<p>»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht,
+was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch
+wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal
+ein wenig zusammennehmen ... solch schwere<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> Stunden ... Männer müssen
+die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das
+da?«</p>
+
+<p>»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?«</p>
+
+<p>»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht — deshalb
+laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal — wenn zwei Männer ...
+wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib
+... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?«</p>
+
+<p>»Die Waffe!!«</p>
+
+<p>»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz
+zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ...
+die, meine ich, hat dann zu entscheiden! — Sieh mal, es könnte doch
+immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich
+nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie
+hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du
+bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber —«</p>
+
+<p>»Aber —?!«</p>
+
+<p>»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich
+Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier
+in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu
+vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger,
+herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein
+Student, das<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und,
+glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge
+Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu
+ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes.
+Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis
+heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir
+ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde
+als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ...
+jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ...
+da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar
+ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück.
+Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde
+... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns
+beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren
+Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche
+Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie
+als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem
+sie die Trauer, die Entsagung bringt?!«</p>
+
+<p>Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine
+Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten.</p>
+
+<p>»Na, deine Antwort, mein Junge?!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p>
+
+<p>Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise,
+ging sein Atem — und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges,
+trockenes Schluchzen.</p>
+
+<p>»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang
+den linken Arm um Klausers Nacken.</p>
+
+<p>Der suchte sich loszumachen und schrie:</p>
+
+<p>»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie
+haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! — Es ist nichts
+mehr zu entscheiden — Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los!
+Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ...
+dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit
+Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie
+überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und
+darum werden wir uns woanders weiter sprechen —!!«</p>
+
+<p>Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und
+sagte:</p>
+
+<p>»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? — Gehöre? — Kann ein
+Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als
+des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie
+sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf
+wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun,<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> zu glauben, sie
+täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie
+wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß
+sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer
+liebt ... mich, den Mann. Und dann — dann wolltest du dem Mädchen,
+das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ...
+der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden
+hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich,
+männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache
+betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund,
+du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen
+bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und
+so oft schon deinem Gegner auf Mensur — so wirst du auch dem Schmerz
+gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen,
+was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!«</p>
+
+<p>Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne
+klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende
+Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille
+herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm
+Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die
+breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß.<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Und Kühle webte durch die
+Eichenhallen ... Kühle ... Stille ...</p>
+
+<p>Und alles — alles aus — das Jugendglück entschwindend ... ach, schon
+verloren ...</p>
+
+<p>Und er — der andere? Der Räuber?!</p>
+
+<p>Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem
+Freundesauge —</p>
+
+<p>Wozu?!</p>
+
+<p>Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben — die
+Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und
+Leben ...</p>
+
+<p>Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute?
+Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?!</p>
+
+<p>Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen?</p>
+
+<p>Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz.
+Wozu noch kämpfen? Es war ja aus — nicht nur der Sieg, die Waffe
+selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge,
+den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe
+trennten.</p>
+
+<p>Und plötzlich warf er sich herum.</p>
+
+<p>»Gute Nacht, Herr Professor.«</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>»Ich will nach Hause. Schlafen.«</p>
+
+<p>Herrgott! durchfuhr's da den Professor — hatte<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> er's am Ende doch
+falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?!</p>
+
+<p>Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm
+nach, holte ihn ein:</p>
+
+<p>»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst —!«</p>
+
+<p>»Dummheiten?«</p>
+
+<p>»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...«</p>
+
+<p>Da erwachte der Knabentrotz.</p>
+
+<p>»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um
+ein Mädel, das ... äh!! Nee — das nicht!! So armselig bin ich denn
+doch nicht!! — Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!«</p>
+
+<p>Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan
+führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden.</p>
+
+<p>Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! —</p>
+
+<p>Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie —!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>V.</h2>
+</div>
+
+<p>Nein — so doch nicht! so doch nicht!</p>
+
+<p>Was, so einfach verschwinden? Stumm, schattenhaft dahinhuschen ...
+hinaus aus ihrem Leben?</p>
+
+<p>Er, der ihre ersten Küsse gepflückt hatte?</p>
+
+<p>Er, dessen Leben hinfort nur Qual und sinnlos zehrendes Heimweh sein
+würde?!</p>
+
+<p>Nein — das letzte Wort wenigstens, das Abschiedswort — das wollte er
+ihr nicht ersparen! Wenigstens sehen, fühlen, wissen sollte sie's, was
+sie ihm getan hatte! —</p>
+
+<p>Hahaha! Darum so treu, so rein, so unberührt sich erhalten — darum
+bezwungen Jugendfieber und Stürme des Bluts ... darum, um weggestoßen
+zu werden wie ein verbrauchtes Spielzeug?</p>
+
+<p>Ach, sie hatten ja recht, die andern, die ihn ausgelacht hatten, wenn
+er nicht mitgemocht hatte zu den losen Mädchen ...</p>
+
+<p>Liebe — Treue — Keuschheit — alles Blödsinn!</p>
+
+<p>Weiber! Weiber! Dirnen allesamt! Die eine wie die andere!</p>
+
+<p>Die Dummen, die waren für zwei Taler zu haben ... die Gerissenen, die
+taten's nur um einen goldenen Ring und eine lebenslängliche Versorgung
+—!</p>
+
+<p>Und so lange, bis einer kam, der das beides auf<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> den Tisch des Hauses
+legen konnte, nahm man auch mit einem vorlieb, auf den man warten mußte!</p>
+
+<p>Aber, wenn sich's dann doch noch schickte ... wenn er kam, der
+Ersehnte, der Mann mit dem großen Portemonnaie ... dann weg mit dem
+Jungen, dem armen, dem dummen Buben!</p>
+
+<p>Weg — Fußtritt — aus — vergessen!</p>
+
+<p>Nein, Mädel, du hast dich verrechnet!!</p>
+
+<p>So einfach in die Ecke fliegen, stumm, wehrlos, wie eine zerknüllte
+Puppe ... das gibt's nicht! Das gibt's nicht!</p>
+
+<p>Wenigstens will ich dir noch sagen, wer du bist! will dir sagen, daß
+ich dich jetzt kenne! daß der Traum von der Göttin ausgeträumt ist! daß
+ich dich erkannt hab' in deiner ganzen Erbärmlichkeit! — — daß ich
+nun weiß: du bist wie alle!</p>
+
+<p>Feil für Gold, nur verschmitzter, nur raffinierter als die arme Lina da
+hinten im Marbacher Tal! feil ... feil! —</p>
+
+<p>Und durch die Büsche brach er sich Bahn, dorthin, wo die Walzerrhythmen
+hüpften, wo der rauhe Dielenboden knarrte ... wo arme, betrogene,
+verblendete Bürschlein die nichtsnutzigen, verschlagenen,
+ränkespinnenden Weiberchen im Tanze drehten ...</p>
+
+<p>Mit rötlichem Schein überflutete das unstete Licht von Hunderten
+buntschimmernder Lampions den Tanzplatz. Glühenden Auges starrte
+Klauser in das wirbelnde Gewühl — fahndete gierig nach einem<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> lichten
+Scheitel über der wohlbekannten, adlig reinen, ernst geschwungenen
+Stirn, den vergötterten, heilig strahlenden Augen ...</p>
+
+<p>Da — — da kam sie heran, sicher geleitet durchs Getümmel der Paare
+von einem starken, tragenden Arm ... sie ... in seinem Arm ...</p>
+
+<p>Daß die Adern nicht sprangen, das Herz nicht riß, die Brust nicht barst
+in einem wilden, weidwunden Todesschrei — —!!</p>
+
+<p>Und aus war der Tanz ... durcheinander, auseinander quollen die Paare,
+strudelten den Ausgängen zu ...</p>
+
+<p>Alle überragend die Hochgestalt des Blondbarts unter der vergilbten
+Cimbernmütze ... die wies ihm den Weg ...</p>
+
+<p>Ein paar Minuten dumpfen Harrens am Eingang des Platzes der
+Professorenschaft ... dann hüpfte eine kecke Masurkaweise auf ... und
+Willy Klauser stand mit abgezogener Mütze neben Marien.</p>
+
+<p>»Gnädiges Fräulein — darf ich um den Tanz bitten?«</p>
+
+<p>Entsetzen stand in Mariens Blicken, düsterer Schreck im grauen
+Augenblitz des Professors ...</p>
+
+<p>»Ich danke ... ich möchte nicht mehr tanzen ... meine Eltern wollen
+eben aufbrechen —«</p>
+
+<p>»Ach, so eilig ist's nicht, Mariechen!« klang da des alten Geheimrats
+behagliche Stimme von der andern Tischseite, und:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p>
+
+<p>»Den einen Tanz kannst du schon noch riskieren, Mariechen!«
+lächelte wohlwollend, festlich heiter auch Frau Hollerbaums mildes
+Madonnengesicht ...</p>
+
+<p>»Nein, wirklich, ich danke, Herr Klauser — ich möchte mich noch ein
+wenig abkühlen!« Sie hatte die Augen tief gesenkt, ihre Stimme versagte.</p>
+
+<p>»Ich habe heut' noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Sie um einen Tanz
+zu bitten ... schlagen Sie mir den letzten Tanz nicht ab, ich bitte
+darum!« Es war ein befehlender Ton in der Bitte.</p>
+
+<p>»Tanz nur, Mariechen, es ist noch ein Rest in der Bowle, den laß ich
+nicht umkommen!« lachte der Vater.</p>
+
+<p>Ein hilfesuchender Blick flog aus Mariens Augen zu Dornblüth hinüber.
+Er erwiderte mit einem unmerklichen, ruhigen Kopfnicken.</p>
+
+<p>Und wortlos, totenblaß stand Marie auf. Ihre zitternden Fingerspitzen
+schob sie in Klausers Arm, und hochaufgerichtet machte er sich Bahn ...</p>
+
+<p>Am Tanzplatz führte er sie vorüber ...</p>
+
+<p>»Wohin?!«</p>
+
+<p>»Komm mit! ich rat es dir gut!!« Und mit der Linken griff er nach ihrer
+Hand, zog sie fest in seinen Arm, riß sie von hinnen, in den Laubgang
+hinein ... aus dem blendenden Lichterspiel ins nächtige Dunkel.</p>
+
+<p>»Ich geh nicht weiter — laß mich los!«</p>
+
+<p>»Du bleibst! Bist du zu feige, meinen Glückwunsch<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> zu deiner Verlobung
+in Empfang zu nehmen?«</p>
+
+<p>»Ich habe mich nicht verlobt!«</p>
+
+<p>»Also noch zu früh? Tut nichts — er hält sich bis morgen!«</p>
+
+<p>»Laß mich! Ich will dir schreiben ... will dir alles ... erklären!«</p>
+
+<p>»Die Mühe spar dir! Ich weiß schon Bescheid! Ich weiß alles — alles!«</p>
+
+<p>»Willy ... ich kann nicht anders ... vergib mir ... und laß mich gehn!«</p>
+
+<p>Er faßte sie an beiden Handgelenken. Durch die Zweige drang ein letzter
+Schein der Illumination; der gab in seinen Augen düster flackernden
+Widerschein, und rum-tata-tita-rum-tata! klang die Masurka.</p>
+
+<p>»Laß mich, Willy ... ich hab' ihn lieb ... ich ...«</p>
+
+<p>»Hast ihn lieb! wirklich! und mich? was? wann hast du denn eigentlich
+gelogen? Hä? damals? oder jetzt? oder gar damals <em class="gesperrt">und</em> jetzt?«</p>
+
+<p>»Ich hab' dich nicht belogen, Willy. Ich hab' dich lieb gehabt ... ich
+hab' dich noch lieb —«</p>
+
+<p>»Marie!«</p>
+
+<p>»Ja, Willy — das ist wahr! Immer, immer werd' ich dir dankbar sein ...
+für all das Glück ... für deine Liebe ... für alles ... aber jetzt ...
+jetzt ... laß mich!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>»Ja, geh! geh! und lach, daß du mich zertreten hast! zertreten und
+zerschmissen!«</p>
+
+<p>»Willy — ach Willy — verzeih mir!«</p>
+
+<p>»Verzeihen? Niemals — niemals! Werde glücklich, wenn du kannst!
+wenn du den Mut hast, zu vergessen, was du aus mir gemacht hast! du
+Verräterin! du Lügnerin!« Und er schleuderte ihre Hände von sich weg,
+daß sie fast taumelte.</p>
+
+<p>»Jetzt ist's genug!« klang da eine schneidende Stimme, und Professor
+Dornblüth trat aus dem Dickicht. Er legte seinen Arm um die Wankende.</p>
+
+<p>»Marie steht unter meinem Schutze!«</p>
+
+<p>»Hahaha! gut — nimm sie, Alter Herr! und laß dich von ihr betrügen,
+wie sie mich betrogen hat!«</p>
+
+<p>»Knabe?!« Einen mächtigen Schritt trat Dornblüth auf Klauser zu.</p>
+
+<p>Da fiel von dem Jüngling ab, was Elternhaus und Schule, was die
+Erziehung des Korps, was das Menschentum von Generationen an ihm
+gebildet. Die Bestie brüllte nach Blut. Und weit ausholend führte er
+einen wuchtigen Faustschlag nach des Nebenbuhlers Haupt.</p>
+
+<p>Aber mit Riesenkraft fing der den Angriff auf. Mit beiden Tatzen packte
+er den Gegner am Unterarm und zwang ihn in die Knie.</p>
+
+<p>»Danke du Gott, daß du mich nicht getroffen hast!«</p>
+
+<p>Und er zog die wild aufweinende Marie von dannen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>VI.</h2>
+</div>
+
+<p>Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes
+Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann,
+ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht
+mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten.
+Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch
+an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie
+bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte
+schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische,
+dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann
+war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen;
+Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem
+Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer
+verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß
+des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er
+wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum
+zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes
+erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und
+erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete
+Beleuchtung der<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider
+Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum
+auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern,
+ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden
+Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte
+geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von
+Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen.</p>
+
+<p>Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund
+sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die
+Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren
+verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den
+Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken.
+Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch
+das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die
+Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt.
+Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne
+Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse
+saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den
+Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den
+Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken.</p>
+
+<p>Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust.<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> All die Erregung
+der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm
+in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei
+zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in
+die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte
+nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden.</p>
+
+<p>Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die
+Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der
+monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages.</p>
+
+<p>Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich
+schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte
+Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich.</p>
+
+<p>Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine
+fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der
+ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine</p>
+
+<p>vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich
+den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und
+tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die
+den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte
+sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den
+unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<p>So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten
+Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm
+in die Augen schoß.</p>
+
+<p>Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst
+du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen?
+Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens
+immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?!</p>
+
+<p>Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende,
+rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die
+fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz!</p>
+
+<p>Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende,
+jagende Sinnenpein — einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu
+bergen!</p>
+
+<p>Liebe — Liebe —!!</p>
+
+<p>Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene
+blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen
+Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die
+Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende,
+die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe —!!</p>
+
+<p>Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor
+seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge
+gewährungsfrohe<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten
+... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte?
+Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen
+Nächte?!</p>
+
+<p>Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch
+der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner
+Ecke hinter dem Ladenpult ...</p>
+
+<p>Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!!</p>
+
+<p>Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der
+verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen
+die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ...</p>
+
+<p>Darum schnell! schnell!</p>
+
+<p>Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so
+wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre
+Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte.</p>
+
+<p>Rosalie ... Rosalie ...</p>
+
+<p>Da stand er vor dem niedern Häuschen, vor der Schwelle, über die sie
+nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu
+beglücken ...</p>
+
+<p>Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte — und Werner
+stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen
+Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> da oben ...
+und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ...</p>
+
+<p>Da ... ha!</p>
+
+<p>Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet?</p>
+
+<p>Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ...</p>
+
+<p>Was?! Unmöglich ...</p>
+
+<p>Doch ... seine Stimme ... Scholz ...</p>
+
+<p>Und nun — eine andere Stimme ... eine — Frauenstimme —</p>
+
+<p>Barmherzigkeit —!! Rosalie!!</p>
+
+<p>Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes
+Liebesgeschwätz ...</p>
+
+<p>Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen — nun eine werbende,
+dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende
+Weibeslaute ...</p>
+
+<p>Und wieder still ... und Rascheln wieder und ...</p>
+
+<p>Und nun — und nun — — Werner mußte alles hören ... alles ... mußte
+er hören ... alles.</p>
+
+<p>Stille dann ... Stille ...</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Das also war die Liebe?! — Gott — — das war die Liebe —?!</em></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über
+die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger
+den<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen
+Stock, dann zur Tür — —</p>
+
+<p>Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes,
+bares Geld ...</p>
+
+<p>Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ...
+so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so
+....</p>
+
+<p>Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die
+Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne
+schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ...</p>
+
+<p>Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das
+massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als
+schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein.</p>
+
+<p>Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende!</p>
+
+<p>Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet
+sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch
+...</p>
+
+<p>Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift
+nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im
+Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird
+mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt,
+gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht
+ein stieres Antlitz vorbei,<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> die Augen tief in schwarze Schattenlöcher
+versunken ... Willy Klauser ...</p>
+
+<p>Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch!</p>
+
+<p>Das ist das Ende!!</p>
+
+<p>Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ...</p>
+
+<p>Hahaha! Der auch!!</p>
+
+<p>Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde,
+aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ...</p>
+
+<p>Das ist das Ende!!</p>
+
+<p>Wozu sich noch sträuben!</p>
+
+<p>Hinein, hinein in den Pfuhl —!!</p>
+
+<p>Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele,
+für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ...</p>
+
+<p>Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ...</p>
+
+<p>Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ...</p>
+
+<p>Trinken ... trinken!! ...</p>
+
+<p>Und Werner klopfte an Linas Tür.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>VII.</h2>
+</div>
+
+<span style="margin-left: 1em;">/* »Mein Herzensjunge! */</span><br>
+
+<span style="margin-left: 1em;">Das ist nun der letzte Brief, den ich Dir in Dein erstes Semester</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">schreibe, denn heute in acht Tagen werden wir Dich ja, wie Du</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">schreibst, schon wieder bei uns haben! Ich kann es noch gar nicht</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">recht glauben, daß uns dann unser Ältester wieder für mehr als</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">zwei Monate gehören soll, denn die vier Monate, daß Du fort bist,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">wollten gar nicht vorübergehen, und kann ich mir kaum vorstellen,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">daß es nicht wenigstens ein Jahr war seit Deinem Abiturientenexamen.</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Hoffentlich wird es Dir nun aber, nach dem schönen Burschenleben da</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">draußen in Saus und Braus, in Deinem einfachen Elternhause auch noch</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">gefallen. Wir freuen uns alle riesig auf Dich, die Brüder schwatzen</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">von nichts anderem als vom Bruder Student und freuen sich, alle Deine</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Herrlichkeiten zu sehen; ich glaube, sie denken, Du läufst immer mit</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">einem Schläger an der Seite herum. Und unser guter Vater freut sich</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">schon sehr darauf, mit Dir über das Römische Recht, das Du ja nun</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">schon kennst, tüchtig fachsimpeln zu können.«</span><br>
+
+
+<p>Hier mußte Werner, trotz seiner Rührung, lächeln, halb verlegen, halb
+verschmitzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Vor allem aber freut sich Deine Mutter auf Dich: ich bin ganz stolz</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">darauf, einen so großen und wohlgeratenen Sohn zu haben, der auch</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">draußen in der Fremde dem Namen seines Vaters Ehre macht und im Leben</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">bewährt, was wir Eltern nach unsern schwachen Kräften versucht haben</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">ihm mitzugeben. So schließe ich denn für heute mit dem Wunsche, daß</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Dir, mein lieber Sohn, noch einige schöne Sommertage in Deiner neuen</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Heimat beschert sein mögen und Du dann zurückkehrst, gestärkt und</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">gereift an Leib und Seele und beglückt in dem Bewußtsein, täglich</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">vorwärts zu schreiten in allem Guten und Tüchtigen.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Werner ließ den Brief einen Augenblick sinken. Mechanisch trank er
+einen Schluck Kaffee und starrte zur Decke empor.</p>
+
+<p>Täglich vorwärts in allem Guten und Tüchtigen —! Ach ja ... der
+Dammelsberg ... der heiter-prächtige Anfang und das wüste, scheußliche
+Ende: der Heimweg in stolperndem Rausch, und —</p>
+
+<p>Äh — das mußte der wüste Kopf doch nur geträumt haben ...</p>
+
+<p>Nein ... nein ... es war Wirklichkeit: er <em class="gesperrt">war</em> nun wissend ... er
+hatte die Blume der Sehnsucht gepflückt ... und sie war ihm in den Kot
+gefallen ...</p>
+
+<p>Ah — pfui — pfui! Der Ekel, die Schmach!!</p>
+
+<p>Und alles stand auf einmal wieder vor ihm da!</p>
+
+<p>Das Entsetzen dieser Nacht ... die schreckhafte Erkenntnis,<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> daß auch
+ihn, wie seinen Freund, ein Reifer, ein Sicherer, ein Mann um seine
+Liebe betrogen hatte ...</p>
+
+<p>Um seine Liebe —? Hahaha!!</p>
+
+<p>Und doch ... war das nicht auch Liebe, was ihn zu Rosalien gezogen?
+War dieser Schmerz, in dem seine Seele sich krümmte, war der Jammer
+um ihren Verlust, der ihn blindlings hinaus und in die Arme der Dirne
+gehetzt hatte ... war das nicht auch ein Gram um ein verlorenes
+Liebesglück?!</p>
+
+<p>Liebe? Was war Liebe überhaupt anderes als das Verlangen nach dem
+Besitz?</p>
+
+<p>Ja, sie war ihm verloren, an die sich sein Sehnen angeklammert, in der
+es die Erfüllung heißesten Erdenglücksbegehrens erblickt hatte ... sie,
+die ihm nicht ein armes Judenmädel, ein armes Käseladenfräulein gewesen
+war, sondern Aphrodite, die süße und schreckliche Herrin der Erde ...</p>
+
+<p>Sie hatte am Morgentore seines Lebens stehen sollen als Spenderin
+erlösender Erstlingswonnen, hatte ihn hineinführen sollen in das
+Allerheiligste des Daseins, das ihm Liebe, Liebe — Liebe!! hieß!</p>
+
+<p>Und nun war sie jenem andern, dem Erfahrenen, dem Desillusionierten,
+dem Pascha in die Arme geweht worden, dem ihre Liebe nicht ein
+ungeheures, umwälzendes, erlösendes Erlebnis war ... nein, ein Blatt
+mehr in einem Notizbuch flüchtiger Erinnerungen an lustige Stunden ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<p>Und Werners Blume lag im Kot ... gemein, trivial, weihelos, ekel war
+die erste Stunde in Weibesarmen gewesen, Sünde, weil sie schmutzig und
+würdebar, Schande, weil sie käuflich und häßlich gewesen war ...</p>
+
+<p>Das war nicht wieder gut zu machen ... der Fleck aus dem Leben nicht
+mehr wegzuwischen ... nein, das würde bleiben ... die Erinnerung an
+die frechen, entehrenden Zärtlichkeiten, die rohe Vertraulichkeit, die
+hungrige Groschengier der Dirne würde sich besudelnd eindrängen in
+alles Glück, das ihm künftig zuteil werden möchte ...</p>
+
+<p>Unsühnbar — untilgbar das Andenken an die erste Liebesstunde, besudelt
+— besudelt ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ein hartes Klopfen an der Tür.</p>
+
+<p>Und Scholz trat ein.</p>
+
+<p>»Morgen, Leibfuchs — na? Jammer? Sieht so aus!«</p>
+
+<p>Stumm stand Werner auf. Ihm war's, als hätte er dem andern ins Gesicht
+schreien müssen, was alles er ihm genommen ... wie jener, jener schuld
+sei an der Katastrophe seines Liebeslebens ...</p>
+
+<p>Aber der würde ihn nicht verstanden haben ... eiskalt, höhnisch ihn
+angegrinst ...</p>
+
+<p>Nein ... Schweigen ... Haltung ... herunter das Visier ...</p>
+
+<p>Er hieß den Älteren willkommen. Scholz streckte<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> sich aufs Kanapee,
+schob die Beine lang in die Stube hinein, gähnte geräuschvoll und
+bedeckte eine Sekunde lang die Augen.</p>
+
+<p>»Verdammt müde ... aber schön war's doch ... na und du, Leibfuchs?
+Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin? Ich bin nämlich seit gestern
+abend dein Nachbar. Habe da nebenan die kleine Bude für nächstes
+Semester gemietet und bin gleich eingezogen. Laß dir erzählen, wie
+das gekommen ist. Ich kam gestern abend von Berlin mit dem Casseler
+Schnellzug an; zugleich kam von der andern Seite der Frankfurter D-Zug
+auch, ich sah zufällig hin, und aus der dritten Klasse klettert wer?
+die schöne Rosalie, deine <em class="antiqua">filia hospitalis</em> nee, <em class="gesperrt">unsere</em>!
+Na, ich begrüßte sie natürlich, machte mich mit Gepäckbesorgung galant,
+erzählte ihr, daß ich promoviert hab' und nun zum Abschiedskommers
+zurückkomme ... daß ich nächstes Semester wieder nach Marburg will ...
+frage ganz im Spaß, ob bei ihr nicht eine Wohnung frei ist ... und ...
+<em class="antiqua">me voilà!</em> was sagst du dazu?!«</p>
+
+<p>Auf der Straße klang der Cimbernpfiff und überhob Werner der Antwort.
+Beide gingen ans Fenster; unten stand der Zweite, Krusius, und neben
+ihm der Senior der Hasso-Nassovia, Herr Seydelmann.</p>
+
+<p>Krusius bemerkte zuerst Werner und rief:</p>
+
+<p>»Sag mal, Achenbach, ist das richtig, daß i. a. C. B. Doktor Scholz
+jetzt bei dir im Hause wohnt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p>
+
+<p>»Allerdings, zu dienen!« sagte Scholz und ließ seinen Oberkörper
+am Fenster erscheinen. »Guten Morgen, Krusius, guten Morgen, Herr
+Seydelmann — na? Wie schaut's aus? Wieviel Gramm Antipyrin haben Sie
+heute morgen schon gefressen?«</p>
+
+<p>»Lieber Scholz,« sagte Krusius mit tiefernstem Gesicht, »Herr
+Seydelmann hat etwas mit dir zu besprechen.«</p>
+
+<p>Scholzens Gesicht versteinerte sofort ebenfalls in offiziellen Falten.
+»Wenn die Herren sich freundlichst heraufbemühen wollen?«</p>
+
+<p>Die Angeredeten tappten die Treppe hinauf und standen bald darauf an
+der Tür, die Scholz ihnen höflich geöffnet hatte.</p>
+
+<p>»Bitte einzutreten.«</p>
+
+<p>»Möchten wir nicht lieber in dein Zimmer —?« meinte Krusius mit einem
+Seitenblick auf den Fuchs Achenbach.</p>
+
+<p>»Ich habe nur ein Zimmer, und das ist noch nicht aufgeräumt,« sagte
+Doktor Scholz. »Ich denke, mein Leibfuchs erlaubt uns einen Augenblick
+seinen Salon?«</p>
+
+<p>»Selbstverständlich, Leibbursch — ich gehe so lange hinaus.«</p>
+
+<p>»Nee, nee, bitte bleib nur —«</p>
+
+<p>»Es ist aber eine sehr ... persönliche Angelegenheit —« meinte
+Seydelmann.</p>
+
+<p>»Tut nichts, hier, mein Leibfuchs, der kann ruhig<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> zuhören, schad't
+ihm nichts, wenn er auch ein bißchen Schimmer bekommt. Also. Herr
+Seydelmann —?«</p>
+
+<p>»Herr Doktor Scholz,« sagte Seydelmann, »ich habe den Auftrag,
+Ihnen namens des <em class="antiqua">studiosus medicinae</em> Simon Markus
+eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere bis zur
+Kampfunfähigkeit zu überbringen.«</p>
+
+<p>Eine Sekunde lang standen alle vier jungen Männer in der engen Stube
+regungslos; langsam zog Scholz die Augenbrauen ganz hoch in die Höhe.
+Eine Kälte, ein Schauer wehte allen ans Herz.</p>
+
+<p>»Hm —« machte Scholz. Wieder ein paar Herzschläge lang Schweigen.</p>
+
+<p>»— — bitte, teilen Sie Ihrem Auftraggeber mit, daß ich die Forderung
+annehme,« sagte Scholz dann in eisiger Ruhe.</p>
+
+<p>»Nein, Scholz, das darfst du nicht!« fuhr da Krusius dazwischen. »Das
+darfst du nicht! Es handelt sich doch jedenfalls um — um das Mädel ...
+die Schwester von dem Kerl —«</p>
+
+<p>»Wir brauchen darüber kein Wort zu verlieren,« sagte Scholz. »Die
+Forderung kann binnen vierundzwanzig Stunden ausgetragen sein. Wann
+kann das Ehrengericht zusammentreten?«</p>
+
+<p>»Nun, heut nachmittag um drei, denke ich,« sagte Herr Seydelmann. »Ihr
+Gegner hat sich dem S. C. Ehrengericht und dem S. C. Pistolenkomment
+ohne weiteres unterworfen, die Sache ist also sehr einfach.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
+
+<p>»Ich leid's nicht, Scholz!« rief Krusius erregt. »Du wirst dich doch um
+so'n Frauenzimmer nicht schießen? Und mit so 'nem Judenjungen, dessen
+Schwester nicht viel besser als 'ne Hure ist?«</p>
+
+<p>»Oho?!« meinte Scholz. »Woher weißt du das?«</p>
+
+<p>»Ja, ja, woher weiß man das? Ich kann nichts Positives gegen das Mädel
+behaupten, aber seit Ewigkeiten wohnen hier Korpsbrüder von uns, und es
+müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn die alle sich den Bissen da bis
+jetzt hätten entgehen lassen!«</p>
+
+<p>»Wenn du nichts Positives weißt — dann braucht man ja gar nicht
+darüber zu reden. Hat Ihnen, Herr Seydelmann, Ihr Auftraggeber einen
+Grund der Forderung angegeben —?«</p>
+
+<p>»Allerdings,« sagte Seydelmann mit diskreter Zurückhaltung im Ton.
+»Herr <em class="antiqua">studiosus</em> Markus behauptet, Sie hätten heut nacht seine
+Schwester ... in Ihrem Schlafzimmer gehabt.«</p>
+
+<p>»Also gut, Herr Seydelmann ... ich werde, wenn Sie mir keinen
+anderweitigen Bescheid mehr zukommen lassen, um drei Uhr auf Ihrer
+Kneipe zum S. C. Ehrengericht erscheinen.«</p>
+
+<p>»Nein, meine Herren, das ist einfach Wahnsinn,« sagte Krusius, »da darf
+nichts draus werden! Ich telegraphiere sofort an unsere Inaktiven, die
+in den letzten Jahren hier im Hause Markus gewohnt haben, und frage an,
+ob sie das Schicksel da unten<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> nicht auch gehabt haben, und wenn auch
+nur einer ja sagt, dann hast du doch wahrhaftig keine Veranlassung,
+dich mit ihrem Bruder zu schießen, als wenn du sie verführt hättest —!
+Was sagen Sie, Herr Seydelmann?«</p>
+
+<p>»Da mein Auftrag noch nicht erledigt ist, so bedaure ich, eine
+Ansicht über diesen Punkt nicht äußern zu können,« erwiderte der
+Hessen-Nassauer.</p>
+
+<p>»Sie haben vollkommen recht,« sagte Doktor Scholz. »Lieber Krusius,
+deine Anfrage an die Inaktiven ist überflüssig. Das Mädchen ist keine
+Dirne, und nach meiner Auffassung ist der Bruder berechtigt, sich jeden
+zu kaufen, der sie mit der Fingerspitze berührt. Und gegen den Herrn
+Markus liegt meines Wissens auch nichts vor ... ich würde es also
+geradezu als Kneiferei auffassen, wenn ich mich weigern wollte, ihm
+Satisfaktion zu geben.«</p>
+
+<p>»Nun, dann bin ich wohl fertig,« meinte Seydelmann. »Mein Bedauern,
+Herr Doktor, daß ich in so fataler Angelegenheit gegen Sie tätig sein
+muß — nachdem wir uns beide bisher —« er lächelte diskret, korrekt,
+verbindlich, wies mit leichter Handbewegung erst auf seine, dann auf
+Scholzens Narben, die sie beide einer dem andern verdankten — »immer
+so ausgezeichnet vertragen haben.«</p>
+
+<p>Als der Hessen-Nassauer fort war, bestürmte Krusius nochmals mit aller
+Entschiedenheit den Korpsbruder, das Duell nicht anzunehmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p>
+
+<p>»Ich finde, Scholz, du kannst das deinen Eltern gegenüber einfach nicht
+verantworten, dich wegen so einem Frauenzimmer zu schießen! Denn daß du
+bei der nicht der erste gewesen bist, dafür laß ich mich hängen! Zwar
+die Korpsbrüder, die früher hier gewohnt haben, die haben anscheinend
+immer nach dem bekannten Grundsatz vom dankbaren und verschwiegenen
+Jüngling gehandelt. Aber wenn's um Tod und Leben eines Korpsbruders
+geht, dann werden sie wohl herausrücken. Du brauchst gar nicht selbst
+zu telegraphieren, gib nur deine Zustimmung, daß ich es tu.«</p>
+
+<p>»Ich hab' dir schon einmal gesagt, es kommt, meiner Auffassung nach,
+gar nicht darauf an, ob das Mädel unschuldig war oder nicht. Ja, es
+ist wahr: ich habe sie heut nacht hier, im Hause ihrer Mutter, im Bett
+gehabt. Und daß sie einen Bruder hat, der Student ist, und gegen dessen
+Honorigkeit nicht das geringste vorliegt, das hab' ich auch gewußt.
+Also es wäre die tollste Drückebergerei, wenn ich mich jetzt der
+Verantwortung entziehen wollte.«</p>
+
+<p>»Das finde ich verrückt, nimm mir's nicht übel,« sagte Krusius und
+ließ sich wütend in eine Sofaecke fallen. »Das heißt wirklich, die
+Schneidigkeit ins Fatzkenhafte übertreiben.«</p>
+
+<p>»Lieber Krusius, du weißt, ich bin immer ein großer Sünder gewesen.
+Wie viele Weiber ich im Arm gehabt habe, ich glaub', ich krieg's
+nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> zusammen. Aber eins ist mir dabei stets klar gewesen: der
+Korpsstudent kann tun und lassen was er will, wenn er nur stets bereit
+ist, mit seiner Person für all seine Handlungen einzutreten. Und wenn
+ich Geschichten mit einem Mädel mach', dann muß ich jeden Augenblick
+daraus gefaßt sein, daß irgendeiner, der des Mädels natürlicher
+Beschützer ist, mich vor die Mündung fordert. Ja — so weit wäre ich
+nun diesmal glücklich gekommen ... da heißt's eben, die Nase hinhalten
+... aber an die Korpsbrüder telegraphieren ... und das Mädel, das sich
+mir ... na — die zur Hure machen, bloß damit ich ihrem Bruder nicht
+vor die Pistole brauch' ... nee ... das macht Hubert Scholz nicht. Also
+gib dir keine Mühe, lieber Krusius, um drei Uhr ist Ehrengericht.«</p>
+
+<p>Krusius stürzte in großer Erregung hinaus. Im Weggehen rief er noch:</p>
+
+<p>»Na, jedenfalls besprech ich die Sache zunächst noch mal mit
+Papendieck.«</p>
+
+<p>Als der Zweite fort war, wurde Scholzens Haltung plötzlich matt und
+schlaff. Er schien Werners Gegenwart ganz vergessen zu haben; wie eine
+tiefe, haltlose Müdigkeit ging es über seine Züge, seine Glieder, er
+setzte sich schwerfällig in das Sofa und bedeckte das Gesicht mit
+beiden Händen.</p>
+
+<p>Werner rührte sich nicht in seiner Fensternische, in die er sich
+beim Eintritt des Nassauer-Seniors zurückgezogen, von der aus er mit
+fliegenden Pulsen,<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> fröstelnden Fingern die Vorgänge verfolgt hatte.
+Und mit einem Male begriff er diese undurchdringliche Seele. Er
+verstand, was diesem jungen Manne die sieghafte Rücksichtslosigkeit,
+die brutale Überlegenheit gegeben hatte. Und noch tiefer meinte er
+hineinzuschauen in das innerste Herz des Korpsbruders; er wähnte zu
+sehen, wie vor dessen innerem Auge langsam, unabweisbar das Bild eines
+verlassenen, ausgestoßenen Mädchens aufstieg, eines kinderjungen,
+holdselig-grauenvollen Leibes, den er einst besessen, in dem er die
+Keime des Lebens geweckt, um sie dann schutzlos, wehrlos dem Schicksal
+zu überlassen, das ihr den Wellentod befahl ... ihm war's, jener lechze
+danach, dem Sühnetode die Brust zu bieten, um mindestens sich selber
+zu zeigen, daß er nicht nur die Dreistigkeit habe, Glück zu stehlen,
+sondern auch den Mut, es bar zu bezahlen.</p>
+
+<p>Und während Werner den Starken, den Gefürchteten, den Unnahbaren da
+sitzen sah, stumm, aufgelöst, von der unerschütterlichen Haltung
+verlassen, da kam über ihn eine große, feierliche Liebe zu dieser
+schuldbeladenen, doch edlen und mannhaften Seele. Da fühlte er
+plötzlich, daß der Drang, der jenen von Munde zu Munde, von Busen
+zu Busen getrieben hatte, kein anderer sei, als jener, unter dessen
+Geißelhieben auch er geblutet hatte — er und jener andere auch, der in
+dieser Nacht zuerst seinen Verzweiflungswahnsinn zur Dirne geschleppt
+hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p>
+
+<p>Und er ging auf Scholz zu, setzte sich auf die Sofalehne und legte den
+Arm um den Nacken des Brütenden.</p>
+
+<p>»Es wird gut gehn, Leibbursch.«</p>
+
+<p>»Ach — Leibfuchs — entschuldige ... ich hatte dich ganz vergessen.«
+Er ließ die Hände sinken ... trocken, glanzlos starrten seine Augen.</p>
+
+<p>»Wenn sie mich nun morgen früh so ... zurückbringen ... und dann
+telegraphieren sie meinem Vater ... und dann kommen meine Eltern und
+wollen wissen, was eigentlich passiert ist ... das begreift dann doch
+kein Mensch ... ein Lump, den der Teufel geholt hat ... ja ... so reden
+dann die Menschen ... und daß das alles so hat sein müssen ... äh —
+bah ... is ja egal ... is ja egal.«</p>
+
+<p>Er stand mit hartem Ruck auf.</p>
+
+<p>»Komm, Leibfuchs, wollen zum Frühschoppen gehn — morgen trinkt ihr ihn
+vielleicht ohne mich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>VIII.</h2>
+</div>
+
+<p>Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr
+früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für
+den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften
+Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg
+das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ...
+eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus
+dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die
+Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich.</p>
+
+<p>Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner
+eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von
+unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und
+er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden
+hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende
+Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und
+mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was
+er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun
+zurückgedrängten Verehrers nannte.</p>
+
+<p>Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Mission ... doch empfand
+er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen
+Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr
+passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als
+noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen?</p>
+
+<p>O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach,
+und dennoch ...</p>
+
+<p>Jugend — Jugend ...</p>
+
+<p>Wann fing denn eigentlich das Leben an — das wahre Leben? Wenn man
+begann, der Meister der Dinge zu werden — dann hatten sie auch schon
+den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns
+so begehrenswert erscheinen ließ.</p>
+
+<p>War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht
+heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner
+Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite
+Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was
+der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet?</p>
+
+<p>Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb
+das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte
+zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden
+Sinfonie des Lebens?!</p>
+
+<p>War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p>
+
+<p>Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des
+Brautglücks aufgestrahlt wäre?</p>
+
+<p>Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen
+mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell
+geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte
+angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit
+abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ...</p>
+
+<p>Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ...
+Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen.</p>
+
+<p>Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine
+Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte
+aus tausend Beobachtungen, was das heißt — daß Unvollkommenheit und
+Entsagung Menschenlos ist ...</p>
+
+<p>Ach, und doch — und doch ...</p>
+
+<p>Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe
+und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und
+reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite
+schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des
+abgeklärten Mannes zu bergen ...</p>
+
+<p>Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach
+dem Seelenreichtum<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen
+so spielend verdrängt hatte ...</p>
+
+<p>Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen
+hatte.</p>
+
+<p>Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum
+hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten
+Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem
+Haupte gezielt hatte.</p>
+
+<p>Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor
+seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr
+auf, stand starr und steif.</p>
+
+<p>»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!«
+begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand
+in die ausgestreckte des Besuchers.</p>
+
+<p>»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was
+hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer
+Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach
+Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf
+angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun
+kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am
+Ende bekneipt, hä?«</p>
+
+<p>»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p>
+
+<p>»Wa—?! Wo bist du gewesen?!«</p>
+
+<p>»Bei der Lina — der Sau da oben im Marbacher Tal.<em class="gesperrt">Zum
+erstenmal.</em>«</p>
+
+<p>»Klauser —!! Himmel ... <em class="gesperrt">so elend</em> hab' ich dich gemacht?!«</p>
+
+<p>Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus.</p>
+
+<p>Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die
+plötzlich feucht geworden war.</p>
+
+<p>»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten
+suchend — »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ...
+daß das <em class="gesperrt">so</em> bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne
+Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...«</p>
+
+<p>»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du
+von mir?«</p>
+
+<p>»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht
+Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: &gt;Einer
+für alle, alle für einen?&lt; Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht
+und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben
+soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung.
+Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt
+miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt
+die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> könnte.
+Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen
+Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich
+reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben
+hinüber und herüber! Willst du?!«</p>
+
+<p>»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt
+sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen
+Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos
+aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ...
+Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu
+hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich
+noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten
+wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen
+dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich
+dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ...
+dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im
+vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen
+... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht
+wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die
+acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch
+deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich
+dir dankbar sein ... Alter Herr.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
+
+<p>»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem
+Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen
+kann?!«</p>
+
+<p>»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.«</p>
+
+<p>Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling
+hinüber, dessen Augen die seinen mieden.</p>
+
+<p>»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir
+selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden
+kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf
+berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst —
+doch nein —«</p>
+
+<p>»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?«</p>
+
+<p>»Nein — das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich
+einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich
+scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das
+ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ...
+ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.«</p>
+
+<p>Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern
+Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte,
+schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor.</p>
+
+<p>Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff
+er langsam zu seiner Korpsmütze.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p>
+
+<p>Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte!</p>
+
+<p>Cimbria <em class="antiqua">vivat, crescat, floreat</em>!</p>
+
+<p>Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen
+brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung
+gekämpft hatte ...</p>
+
+<p>Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im
+Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte
+in der Sonne.</p>
+
+<p>Wo wollte er denn hin?</p>
+
+<p>Ach so ...!!</p>
+
+<p>Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>IX.</h2>
+</div>
+
+<p>Selbstverständlich hatte Werner von dem Ausfall des Ehrengerichts
+nichts erfahren. Krusius, sein zweiter Leibbursch, hatte ihn noch
+einmal auf dem Frühschoppen beiseite genommen: »Leibfuchs, du hast
+heute morgen nichts gehört — aber auch nicht das Geringste, verstehst
+du mich?!«</p>
+
+<p>»Nein, nein, Leibbursch, das versteht sich ja ganz von selber.«</p>
+
+<p>»Also, allen Ernstes, auch nicht den leisesten Ton zu irgend
+jemanden, wenn ich dir's raten soll! Du könntest die allertollsten
+Unannehmlichkeiten haben.«</p>
+
+<p>»Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein.«</p>
+
+<p>Um halb drei waren dann beim Kaffee die beiden ersten Chargierten still
+verschwunden, mit ihnen Scholz. Und keinen von ihnen hatte Werner mehr
+zu sehen bekommen.</p>
+
+<p>Auch Klauser war zwar beim Frühschoppen erschienen, hatte eine Zeitlang
+stumm, teilnahmslos, unzugänglich inmitten der katerfidelen Runde
+gesessen, war dann aber, kurz bevor das Korps zum Mittagessen aufbrach,
+plötzlich verschwunden.</p>
+
+<p>Und Werner war allein geblieben mit all seinem bedrängenden,
+beängstigenden Wissen um das Schicksal der anderen. Und schließlich
+hatte er sich dann<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> aus dem Kreise der ahnungslosen Korpsbrüder, deren
+inhaltlose Unterhaltung ihn heute geradezu anwiderte, losgemacht und
+war stundenlang allein in den Wäldern herumgerannt, unfähig, das Grauen
+vor dem Erlebten wie dem Kommenden zu besiegen.</p>
+
+<p>Was mochte zwischen Dornblüth und Klauser vorgefallen sein, wenn
+Willy Klauser, der Unberührte, der immer wie auf einer Wolke von
+Reinheit zwischen den andern, den alltäglichen, gewöhnlichen Naturen
+hingeschritten war, wenn der sich zur Lina geflüchtet hatte?! Was
+mochte jetzt in ihm vorgehen? Welche Lösung würde er finden für das
+Sphinxrätsel seines sinnlosen Elends?</p>
+
+<p>Und der andere, der Vielerfahrene, der kalt überlegene Sieger —
+hatte sich nicht auch vor dem plötzlich das Gorgonenhaupt aufgereckt?
+Standen nicht beide, der Schuldlose wie der Schuldbesudelte, plötzlich
+dem spöttisch grinsenden Schicksal gegenüber, das nach ihrem Herzblut
+lechzte?</p>
+
+<p>Daß Klausers junges Leben aus unheilbaren Wunden seine Kraft
+vertropfte, das war offenbarer scheußlicher Hohn des Fatums — hier
+mußte jeder Versuch nach einer sittlichen Erklärung scheitern.</p>
+
+<p>Aber was für ein Sinn lag denn darin, daß um eine Liebesnacht zwei
+Jünglingsleben vor die Pistolenmündung gestellt werden sollten,
+bis eins von ihnen die Kraft nicht mehr hätte, den Hahn der Waffe
+abzuziehen? Und wenn nun einer fiele? Der<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> arme, tapfere, kleine
+Jude, der sein Leben so mannhaft für eine Tugend einsetzte, die
+wahrscheinlich längst zerlöchert war, zum mindesten aber doch zum Falle
+reif gewesen, wie nur ein rotbäckiger Apfel im September? Wenn der nun
+fiele — was für ein Sinn darin?</p>
+
+<p>Aber selbst Scholz ... war er des Todes schuldig? War er es um
+Rosaliens willen?</p>
+
+<p>Also alle diese Not ohne Sinn, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit
+irgendwie erkennbaren, konstruierbaren Weltgesetzen ... wenn nicht eben
+dies das Gesetz war, daß es kein Gesetz gab ...</p>
+
+<p>Wenn nicht am Ende gar der Mensch wehrlos und machtlos dem Ansturm
+der Dinge und Geschehnisse ausgesetzt war, auf nichts angewiesen
+als auf seine eigene Kraft und Schläue, gezwungen, sich selber sein
+Schicksal zu schmieden in trotziger Auflehnung wider die Brutalität
+des Weltganges, und äußersten Falles noch mit der Herzensmacht begabt,
+unbeugsamen Grausamkeiten des Daseins gegenüber unerschüttert und
+trotzig zu fallen ...?</p>
+
+<p>Und was war es denn, was jenen erst an das Herz des reinen Mädchens
+und dann in die Arme der Buhlerin geführt, was diesen von einer zur
+andern getrieben hatte zu immer neuem, flüchtigem Augenblicksentzücken,
+dem dann immer, ach so rasch, Erkaltung, Ermattung, Abkehr und Jammer
+folgen mußten?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p>
+
+<p>War es nicht die gleiche, grauenvoll herrschergewaltige Macht, die
+auch Werner wie ein unstetes Wild durch alle Abgründe des einsamen
+Begehrens, des schaudernden Ergreifens gehetzt hatte?</p>
+
+<p>Jene Macht, von deren Gnaden, auf deren Geheiß doch alles lebte, was da
+war?!</p>
+
+<p>Wie sie nennen, diese teuflisch-göttliche, paradiesisch-höllische,
+dunkellichte, küssetränenblutbrünstige Macht?!</p>
+
+<p>Die Liebe?!</p>
+
+<p>Was war ein Name? Ein Name gab keinen Sinn, vermittelte kein Begreifen,
+schmiedete keine Waffe ...</p>
+
+<p>Und der einsame Knabe, der da oben am Waldrand im Moose lag und
+herniederstarrte auf die alte Stadt, in der seinem jungen Leben so
+Ungeheures aufgegangen war, der wußte keine Lösung für die stürmenden
+Schauer, die dahinrasten über sein bebendes, schluchzendes Herz. —</p>
+
+<p>Am Abend war dann Spielkneipe. Klauser hatte sich mit Unwohlsein beim
+ersten Chargierten schriftlich entschuldigt; Scholz erschien nicht; die
+beiden Ersten spielten ein Quodlibet mit zwei Inaktiven. Niemanden als
+Werner konnte es auffallen, daß die beiden jungen Männer sehr blaß,
+fieberhaft aufgeregt waren: die anerzogene Haltung verschleierte ihre
+Stimmung vor jedem Auge, das nicht durch Mitwisserschaft geschärft war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p>
+
+<p>»Nun, was ist denn geworden, Leibbursch?« Schüchtern hatte Werner die
+Frage gewagt.</p>
+
+<p>»Geht dich nichts an!« schnauzte Krusius nervös ... dann sah er das
+heißerregte Gesicht des Leibfuchsen und setzte in freundlicherem Tone
+hinzu: »Nimm mir's nicht übel, Leibfuchs ... ich darf dir's nicht
+sagen, auf Ehrenwort nicht!«</p>
+
+<p>Da glaubte Werner genug zu wissen ... also wirklich ... morgen früh ...</p>
+
+<p>Schon um zehn Uhr waren Papendieck und Krusius verschwunden ...</p>
+
+<p>Da machte sich auch Werner von dannen ... er meinte Scholz noch einmal
+sprechen zu müssen, ihm vielleicht die schwere Nacht, die vor ihm lag,
+tragen helfen zu können ... sie waren ja Zimmernachbarn.</p>
+
+<p>Aber in dem Zimmer, das in der vergangenen Nacht Rosaliens wilden
+Liebesrausch umschlossen, war kein Licht. Bang klopfte Werner an: keine
+Antwort ... er drückte die Klinke ... das Zimmer war leer — keine Spur
+von einem Bewohner — Schränke, Schubfächer leer — offenbar war Scholz
+ins Hotel übergesiedelt, um nicht in der letzten Nacht mit jenem unter
+einem Dache zu sein, der ihm morgen ...</p>
+
+<p>Ins Hotel? Vermutlich ... und dann natürlich ins Pfeiffer ... das war
+ja das Cimbernhotel.</p>
+
+<p>Und von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, rannte Werner
+den Steinweg hinab und patrouillierte in der Dunkelheit vor dem
+Pfeiffer auf<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> und ab. Der Gasthof war schon geschlossen, in den
+Wirtschaftsräumen jedes Licht erloschen. Nur in einem Zimmer des ersten
+Stocks schimmerte noch Licht; das Fenster war geöffnet, und sachtes,
+oft verlöschendes Geplauder von Männerstimmen drang auf die totenstille
+Straße. Werner meinte einmal die sonore Stimme des Ersten zu erkennen.
+Sonst vermochte er nichts zu unterscheiden.</p>
+
+<p>Schließlich schien man droben aufzubrechen. Nach einigen Minuten Stille
+rasselte in der Tür des Hotels ein Schlüssel; Werner drückte sich in
+eine dunkle Haustürnische und sah, wie Papendieck und Krusius aus dem
+Gasthof kamen und sich von Scholz verabschiedeten.</p>
+
+<p>»Also schlaf nur gehörig,« sagte Papendieck. »Wir kommen um punkt halb
+sechs und wecken dich, da kannst di man up verlaten.«</p>
+
+<p>Sie drückten ihm die Hände und schritten wortlos, Arm in Arm der Stadt
+zu.</p>
+
+<p>Die Hoteltür wurde geschlossen. Nach kurzer Zeit erschien droben am
+offenen Fenster Scholzens riesige, hagere Gestalt. Lange stand sie am
+Fenster, regungslos; das Haupt schien, in den Nacken zurückgeworfen,
+den Sternenhimmel zu suchen.</p>
+
+<p>Werner aber blieb regungslos in seiner Nische. Er fühlte, daß er nicht
+das Recht hatte, sich in die Seele des andern einzudrängen, die der
+seinen nicht wesensverwandt war und ihrer nicht bedurfte, nicht<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> nach
+ihr verlangt hatte angesichts dieser lichtlosen Nacht, durch die sie
+sich hindurchzuringen hatte.</p>
+
+<p>Und er schaute nur stumm aus seinem Versteck zu dem Einsamen droben
+empor und empfand zum ersten Male in seinem jungen Leben mit
+erschütternder Gewalt die finstere Erkenntnis, daß es unter Menschen
+keine Gemeinsamkeit gibt ... daß gerade in den dunkelsten Stunden des
+Lebens auch der letzte Schimmer des fröhlichen Wahns zerfällt, als
+könnte einer dem andern irgend etwas sein ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Aus wirrem Schlummer fuhr Werner auf und war sich rasch bewußt, daß
+dieser erwachende Tag ein verhülltes Schrecknis heranführe ... Er
+fuhr auf; unmöglich, noch eine Sekunde länger im Bett zu bleiben ...
+Luft, Luft ... und etwas tun, um zu vergessen ... um über die Stunden
+hinwegzukommen, die ihn von der Gewißheit trennten ...</p>
+
+<p>Er kleidete sich an, und während er sich wusch, vernahm er über sich
+die leisen Tritte eines andern, der auch schon munter war ... der sich
+auch ankleidete, um sein junges Leben an den wirrsten und zerfahrensten
+Wahn zu setzen ...</p>
+
+<p>Wie verrückt, was jener tat!! —</p>
+
+<p>Und doch, wie begriff Werner den Juden da oben!</p>
+
+<p>Ob jenes Mädchen vorher rein gewesen war — was ging das den Bruder an?
+Für ihn war sie<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> rein gewesen bis zu der Nacht, als er, weiß der Himmel
+wie, gewahr werden mußte, daß sie jenem andern das Lager schmückte ...
+ihm hatte man sie entehrt, ihm besudelt in dem Augenblick, da er ihrer
+Schande wissend geworden war ... und so lechzte jener nach Rache nicht
+für die Unschuld seiner Schwester, sondern für das eigene, in den Kot
+getretene Herz, für seine eigene, geschändete Bruderliebe ...</p>
+
+<p>Nun tappte er die Treppe hinunter ... und durch die Vorhänge sah
+Werner ihn auf die Gasse treten ... drüben standen zwei Herren, die
+ihn empfingen: Herr Seydelmann und Herr v. Göhren, der erste und der
+zweite Chargierte der Hasso-Nassovia, beide im Hut, nur das Band
+schimmerte unter ihren Röcken hervor. Stumm begrüßten die Nassauer
+ihren Waffenbeleger und schritten dann mit ihm von dannen, den Bergpfad
+hinan, der über die Cimbernkneipe zum Schlosse führte ...</p>
+
+<p>Und nicht lange, da klangen auch Schritte vom Steinweg her ... zwischen
+Papendieck und Krusius kam Scholz ...</p>
+
+<p>Aller dreier Gesichter waren fahl ... Krusius strich ohne Unterlaß den
+blonden Schnurrbart, Papendieck rieb mit dem Zeigefinger immerfort an
+seiner mächtigen Hakennase, Scholz hatte den Kopf hoch in den Nacken
+geworfen und die Augen in das durchgoldete Blau des jungen Morgens
+gerichtet ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p>
+
+<p>Da gingen sie hin ...</p>
+
+<p>Und Wernern hielt es nicht länger. Er schlich hinter ihnen drein ...
+sah sie hinter der Sternwarte zur Cimbernkneipe hinan einbiegen ...
+erreichte dann wieder ihren Anblick, als ihre hellgekleideten Gestalten
+sich durch die Heckenwege zum Schloß hinaufschoben ... sah sie unter
+dem Torbogen des Schlosses verschwinden ... dann hatte er sie wieder
+vor sich, als sie den Weg zum Dammelsberg einschlugen ... und so
+schritten sie immer vor ihm her, die beiden Gruppen ... ganz fern die
+Hessen-Nassauer, den kleinen, schäbig gekleideten, hochschultrigen
+Simon Markus in der Mitte ... und dahinter, ihm zunächst, die drei
+stattlichen Cimbern, der stattlichste in der Mitte ...</p>
+
+<p>So schritten die Jünglinge in den Morgen des ersten August hinein ...</p>
+
+<p>Und ringsum erwachte die Welt. Schon kräuselte erster Rauch aus manchem
+Schornstein im Tal. Ein Bahnzug brauste von Frankfurt her die Lahnebene
+hinauf ... lustig schwoll der Pfiff der Lokomotive, klang das Rasseln
+der Wagen auf den Schienen. Und der Weg, auf dem man schritt, trug noch
+die Spuren der Festnacht. Welke Blumensträußchen dorrten hier und dort,
+verkohlte Lampions lagen am Wege.</p>
+
+<p>Und nun nahm der Dammelsbergwald die vorderste Gruppe auf — Werner
+wartete, bis auch die<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> zweite ein Stück in den Wald hineingedrungen
+war, damit nicht ein zufällig zurückschweifender Blick ihn erspähen
+möchte.</p>
+
+<p>Und ein Wagengeroll hinter ihm ... schnell barg er sich hinter einem
+Busch und sah einen der wenigen schwerfälligen Marburger Mietwagen auf
+dem schmalen und steilen Wege sich emporwinden. Darin saßen der erste
+Chargierte der Guestphalia und ein älterer Herr, in dem Werner nach
+einigem Besinnen den Sanitätsrat Doktor Kuhlemann erkannte ... auf dem
+Rücksitz des Wagens standen zwei Kästen: ein großer, verschlissener und
+ein schmaler, niederer, eleganter.</p>
+
+<p>Und dem Geräusch des Wagens folgte Werner. Es ging mitten durch den
+Festplatz hindurch, wo von vorgestern noch fast der ganze Aufbau
+vorhanden war. Die Arbeiter, welche die Aufräumungsarbeiten zu
+besorgen hatten, waren gestern offenbar nicht sehr eifrig beim Werke
+gewesen. Zerfetzt, zerschlissen schillerte das lustige Prunkgewand
+des Festtages. Und spukhaft huschten durch das Hirn des Jünglings die
+Bilder jener wirren Nacht.</p>
+
+<p>Und plötzlich verstummte das Knirschen der Wagenräder. Werner bog ins
+Gebüsch ab, schlich näher und sah, wie der Wagen auf dem Platze hielt,
+den vorgestern der akademische Senat mit seinen Familien innegehabt
+hatte. Herr Paschke, der Westfalensenior, war ausgestiegen und half
+mit dem<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> Kutscher zusammen den größeren der beiden Koffer aus dem
+Wagen zu heben. Dann lud der Kutscher den Koffer auf seine Schultern,
+und die Herren stiegen zwischen Büschen einen letzten Treppenpfad zu
+dem obersten und größten der Festplätze hinauf, der vorgestern die
+Marburger Bürgerschaft beherbergt hatte ...</p>
+
+<p>Werner suchte sich durch das Gestrüpp einen Weg zu irgendeinem Punkte
+zu bahnen, der ihm eine Übersicht über den Kampfplatz gewähren könne.
+Eine fieberhafte Neugier war in ihm erwacht, die das Grauen seines
+Herzens besiegte. Er wollte, er mußte nun alles sehen.</p>
+
+<p>Aber der Festplatz war ringsum dicht mit einer Kette niederer, kaum
+mannshoher Fichtenbäume umpflanzt. Unmöglich, da hindurchzudringen.
+— Werner mußte versuchen, auf einem Umwege einen höheren
+Beobachtungspunkt zu erreichen.</p>
+
+<p>Eine geraume Zeit verging, bis er sich orientiert hatte. Und plötzlich
+fiel ihm ein, daß sein Tun nicht gefahrlos sei ... denn da oben würden
+gleich Kugeln fliegen ... und daß jemand im Gebüsch herumkriechen
+könnte, darauf war man da oben nicht gefaßt ...</p>
+
+<p>Über diesem Sorgen, Erwägen, dem planlosen Hin- und Herklettern war
+einige Zeit vergangen ... doch Werner gab seine Absicht nicht auf ...
+das Abenteuerliche des eigenen Beginnens ließ ihn vergessen,<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> daß
+droben schon die Todeslose geschüttelt wurden:</p>
+
+<p>Und plötzlich klang's vernehmlich durch die Stille:</p>
+
+<p>»Eins ... zwei ... drei ...«</p>
+
+<p>Und paff ... paff ... knallten zwei Schüsse, und dicht über Werners
+Kopfe pfiff's hin, riß Blätter und dünne Äste von den Bäumen ...</p>
+
+<p>Da packte ihn eine Angst ... und er stand ab und kroch durchs Gebüsch
+zurück, dem Platze zu, wo das Wiehern und Scharren der Pferde den
+Standpunkt des Wagens verriet ...</p>
+
+<p>Wie still auf einmal alles ... Gott ... vielleicht war alles schon
+vorbei ...</p>
+
+<p>Da war der Weg; der Kutscher stand bei den Pferden, hielt die unruhigen
+am Gebiß, sprach ihnen zu und lauschte dabei gespannt nach oben ...</p>
+
+<p>Und plötzlich kamen rasche Schritte von droben. Und tief gesenkt den
+Kopf, den Hut in der Stirn, daß fast nur die wüste Nase hervorschaute,
+kam der Student Markus die Treppe herunter, schritt, ohne den Kopf zu
+heben, an dem Kutscher vorüber ... und ... auf einmal wurde sein Gang
+zum Lauf ... er raste zu Tal ...</p>
+
+<p>Also ... Scholz ...</p>
+
+<p>Und dann, nach einer Weile dumpfen, gedankenlosen, blöden Wartens,
+klang der Ruf:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p>
+
+<p>»Michel! Michel! Komme Se mal da nauf!«</p>
+
+<p>Da ließ der zitternde Kutscher die Pferde und stürmte mit drei Sätzen
+die Treppe hinan ...</p>
+
+<p>Und bald hörte Werner die keuchenden Atemzüge, die
+schwerfällig-unsicheren Tritte schwer tragender Männer. Nun kam der
+Sanitätsrat die Treppe herunter. Er trug seinen Strohhut in der Hand,
+wischte mit dem Taschentuch die kahle, schweißbedeckte Stirn, besah
+mit blöden Blicken seine Rechte — sie war dunkelgefärbt. Er machte
+eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sie an seinem hellen
+Flanellanzuge abwischen, ließ es aber, rieb sie mit dem Taschentuch,
+riß dann den Wagenschlag auf, strich sich immer wieder krampfhaft über
+das gelichtete Haar und durch den langsträhnigen grauen Bart. Dann
+erschien der Kutscher zwischen den Büschen. Er tappte mühsam Stufe für
+Stufe herunter; die Ellenbogen trug er angewinkelt; ein Paar lange
+Unterschenkel in hellen Beinkleidern und gelben Schuhen baumelten
+darunter hervor. Und da wußte Werner, was geschehen war. So trug man
+keinen Verwundeten.</p>
+
+<p>Papendieck und Krusius hielten den Oberkörper, hinter ihnen kamen die
+beiden Hessen-Nassauer und der Westfale. So schob sich die Gruppe
+langsam die Stiege herunter. Die Arme des Toten hingen lang herab,
+tief auf der Brust das Haupt mit dem wirren Haar. Unter dem Korpsband
+waren Weste und Hemd<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> aufgerissen; die weiße, behaarte Brust zeigte
+Blutflecke.</p>
+
+<p>Und keuchend, die Stirnadern zum Platzen aufgeschwellt, machten die
+Träger inmitten der Stiege einen Augenblick halt und senkten die Leiche
+auf die Bohlen. Da hielt sich Werner nicht länger: aufschluchzend
+sprang er aus dem Gebüsch und fiel neben dem Toten in die Knie.</p>
+
+<p>Es war, als seien die Jünglinge durch den Anblick des Todes abgestumpft
+gegen irdisches Staunen.</p>
+
+<p>»Ja, kleiner Achenbach,« sagte Papendieck, »deinen Leibburschen haben
+sie totgeschossen.« —</p>
+
+<p>Als man die Leiche im Wagen untergebracht hatte, fragte der Kutscher,
+der das Verdeck geschlossen hatte:</p>
+
+<p>»Wo soll ich die Herre hinfahre?«</p>
+
+<p>Die drei Cimbern sahen sich an.</p>
+
+<p>»Ins Hotel dürfen wir ihn nicht bringen,« sagte Papendieck. »Das dürfen
+wir dem Wirt nicht antun.«</p>
+
+<p>»Der würde uns auch wohl schwerlich aufnehmen,« meinte Krusius. »Und
+in seine neue Wohnung bei der alten Markus ... ist ja selbstredend
+ausgeschlossen.«</p>
+
+<p>»Könnte man ihn nicht ... auf die Kneipe —?« meinte Werner schüchtern.</p>
+
+<p>Die Chargierten überlegten. Es schien so naheliegend.<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Es war doch das
+Heim des Korps, nicht ein gewöhnlicher Ausschank.</p>
+
+<p>Doch schließlich meinte Krusius: »Ich weiß nicht ... das wird man dann
+nie wieder los. Keiner von uns. Gibt's denn nicht eine Leichenhalle
+oder so was?«</p>
+
+<p>»Dazu müßte man erst die Genehmigung der Gemeinde haben,« erklärte der
+Sanitätsrat. »Und der Kirchhof liegt ja dann wieder so weit draußen.
+Wird er denn hier beerdigt werden? Vermutlich werden doch ... Sie
+sagten ja, er hat noch Eltern ... die werden die Leiche doch wohl
+heimholen?«</p>
+
+<p>»Zweifellos,« sagte Krusius.</p>
+
+<p>»Dann schlage ich Ihnen vor, meine Herren, Sie bringen ihn in die
+Anatomie. Da kann er in der Prosektorstube untergebracht werden, bis
+der Vater ihn holen kommt.«</p>
+
+<p>Und in diesem Augenblicke war's Werner, als ob eine Stimme aus ewigen
+Fernen erklungen wäre. Eine ruhige, doch übergewaltige Stimme.</p>
+
+<p>»Die Rache ist mein,« sprach diese Stimme. »Ich will vergelten.«</p>
+
+<p>Also die gab's doch — diese Stimme? Oder klang sie nur aus dem eigenen
+Herzen herauf?</p>
+
+<p>Und er sah Papendieck an. Und wie in des Seniors Augen plötzlich die
+Erinnerung an jene Erzählung Achenbachs aufflackerte, da ruhten die
+Blicke<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> der Jünglinge eine Weile lang ineinander. Und jeder fühlte
+Anbetung, Ergebung, Sühne.</p>
+
+<p>»Gut,« sagte Papendieck. »Also in die Anatomie.«</p>
+
+<p>Er stieg in den Wagen und setzte sich neben den toten Korpsbruder.
+Krusius und Werner gegenüber. Ein stummes Lüften der Hüte zu dem
+Sanitätsrat, dem Unparteiischen, den Hessen-Nassauern, und der Wagen
+zog an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>X.</h2>
+</div>
+
+<p>Munter trällerte Rosalie Markus durch das Haus. Daß ihr Bruder nicht
+zum Mittagessen gekommen war, kümmerte sie nicht sonderlich. Er
+war schon früh am Morgen aufgebrochen — er mochte einen Ausflug
+unternommen haben.</p>
+
+<p>Und daß der Doktor Scholz gleich am Morgen nach jener Nacht seinen
+Koffer vom Korpsdiener hatte verpacken lassen und ins Pfeiffer schaffen
+... das grämte sie auch nicht sonderlich. Ach ja ... es war schon ein
+ganzer Kerl, der Scholz ... aber wenn er nach einem Male genug hatte
+von ihr ... na, sie würde sich zu trösten wissen. Mama Markus sollte
+ihm einen Brief schreiben und ihn um Einhaltung des Mietvertrages
+ersuchen. So einfach ausrücken ... das gab's denn doch nicht.</p>
+
+<p>Jedenfalls war es hübsch, daß sie ihn nun auch kannte ... den
+berühmtesten Studenten der letzten Semester ... den gefürchteten,
+gefährlichen Scholz ... Haha! Er war schließlich auch nicht viel anders
+als die andern ...</p>
+
+<p>Um die Mittagsstunde fiel es ihr auf, daß die Cimbern sich alle nach
+und nach in dem schräg gegenüberliegenden Mützenladen einfanden. Sie
+sah näher zu und entdeckte, daß einer nach dem andern herauskam,<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> einen
+Flor um den untern Rand der Mütze und um das Band. Ach, die Cimbern
+hatten tiefe Korpstrauer? Wer mochte denn gestorben sein? Sie hatte
+doch gar nichts gehört!</p>
+
+<p>Da kam die Babett durch die Hintertür in den Laden:</p>
+
+<p>»Freile Rosalie! Freile Rosalie!«</p>
+
+<p>»Was is?«</p>
+
+<p>»Habbe Se's denn noch nit geheert? Der Doktor Scholz von dene Cimbern,
+wo vorgestern nacht hier geschlafen hat, den habe se heut morge im Wald
+erschosse!«</p>
+
+<p>»Ach, mach doch kee Geschwätz!« — —</p>
+
+<p>»Das is kee Geschwätz — die Lies vom Friseer Boß driebe hat's mer
+erzählt!«</p>
+
+<p>Der Scholz ... erschossen ... im Wald —?!</p>
+
+<p>Es war Rosalie plötzlich, als legten sich zwei kalte Fäuste um ihren
+schönen Hals und drückten ihn langsam, immer mehr, immer mehr zusammen.
+Aber sie mochte das nicht glauben — es konnte ja nicht wahr sein ...</p>
+
+<p>Aber ... wenn es nun doch ... und — erschossen?! — Im Wald
+erschossen?! Das konnte doch nur ein Duell — Straßenräuber gab's doch
+keine mehr im Hessenland ... ein Duell ... und — der andere? Wer war
+der andere?!</p>
+
+<p>Herrgott — und Simon morgens um fünf aus dem Haus — ohne Frühstück —
+ohne Abschied — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p>
+
+<p>»Mama!!«</p>
+
+<p>»Was schreist du?«</p>
+
+<p>»Wo is der Simon?!«</p>
+
+<p>»Is er noch immer nit heemkomme? Ich hab en nit gesehen!«</p>
+
+<p>»Gott sei mer gnädig!«</p>
+
+<p>Sie stürzte zum Friseur Boß hinüber.</p>
+
+<p>»Herr Boß — is es wahr, daß der Herr Scholz von de Cimbre —«</p>
+
+<p>Herr Boß sah sie von oben herab an mit der Miene eines Richters.</p>
+
+<p>»Na, ich denk, Sie müßte das doch am erschte wisse, Fräulein Markus!«</p>
+
+<p>»Ich?! Warum ich?!«</p>
+
+<p>»Weil's Ihr eigne Herr Bruder is, wo en totgeschosse hat!«</p>
+
+<p>Da schrie die schöne Rosalie auf und fiel gegen einen Barbierstuhl.</p>
+
+<p>Und bald wußte die ganze Wettergasse, daß der Zweikampf, in dem der
+weiland Cimbernsenior gefallen war, um der Rosalie willen ausgefochten
+worden war. — —</p>
+
+<p>Indessen war bei Cimbria ein Telegramm aus Hannover eingegangen:</p>
+
+<p>»Treffe halb acht dort ein, nehme meinen Sohn Hannover mit.<em class="antiqua">Dr.</em>
+Scholz.«</p>
+
+<p>Das hatte die Chargierten der Cimbria sehr erleichtert,<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> denn allerhand
+peinliche Sorgen traten nun an sie heran.</p>
+
+<p>Eine Beerdigung in Marburg hätte zunächst ohne Beteiligung der
+Geistlichkeit stattfinden müssen, denn diese würde schwerlich einem
+Duellanten das letzte Geleit gegeben haben, der noch dazu um eines
+Weibes willen gefallen war. Und das wußte schon am Nachmittag, infolge
+der Szene im Boßschen Friseurladen, ganz Marburg.</p>
+
+<p>Und wie stand es alsdann mit der Beteiligung der Studentenschaft?
+Durfte das Korps überhaupt in der üblichen Weise mit einer Aufforderung
+zur Beteiligung an die übrige Studentenschaft herantreten? Scholz hatte
+zwar zuletzt in Berlin gearbeitet, war aber in Marburg immatrikuliert
+geblieben und gehörte demnach noch der Marburger Studentenschaft
+an. Wie peinlich aber wäre es für das Korps gewesen, wenn es die
+Studentenschaft zur Beerdigung seines Seniors aus drei Semestern
+eingeladen hätte, und einige oder gar viele Korporationen hätten sich
+nicht beteiligt mit der Begründung: es scheine ihnen nicht angezeigt,
+einem Toten die letzte Ehre zu geben, der unter solchen Umständen
+gefallen sei! Und diese Antwort wäre zum Beispiel von den theologischen
+Korporationen unfehlbar gekommen, meinten die Cimbern.</p>
+
+<p>Der Entschluß des Vaters, den Sohn in der Heimat beizusetzen, überhob
+das Korps aller dieser<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> Unannehmlichkeiten. Es handelte sich nun nicht
+um eine Beerdigung, sondern nur um die Überführung der Leiche von der
+Anatomie zum Bahnhof. Und dieses Zeremoniell konnte das Korps füglich
+als interne Angelegenheit behandeln. Nur den beiden andern Korps wurde
+Anzeige gemacht, und beide erklärten sofort, daß sie um die Ehre bäten,
+sich an der Feierlichkeit beteiligen zu dürfen.</p>
+
+<p>Aber die Cimbern sollten die Erfahrung machen, daß der Tod die
+Schranken niederlegte, die im Leben die verschiedenen Gruppen der
+akademischen Jugend trennten. Im Laufe des Nachmittags fanden
+sich von sämtlichen Korporationen, mit Ausnahme der Wingolf, der
+katholischen Verbindung Rhenania und des Evangelisch-theologischen
+Vereins, Vertreter auf der Cimbernkneipe ein, erkundigten sich nach
+den Absichten des Korps betreffend die Beisetzung des Gefallenen und
+erklärten gleichfalls, daß sie es für selbstverständlich erachten, sich
+der letzten Ehrenerweisung für den in ehrlichem Männerkampfe gefallenen
+Kommilitonen anzuschließen. Und dankbar und in beschämter Ergriffenheit
+nahmen die Cimbern das Anerbieten der Kommilitonen an.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte die medizinische Fakultät ihre Genehmigung erteilt,
+daß mit Rücksicht darauf, daß Scholz in Marburg noch nicht wieder
+eine Wohnung gemietet habe, das Prosektorzimmer der Anatomie zur
+Aufbewahrung der Leiche benutzt werden dürfe. Man<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> hatte sofort beim
+Gärtner Gewächsschmuck bestellt, und korpsbrüderliche Sorge schmückte
+die kahle Stube, die schmale Holzpritsche feierlich mit akademischem
+Totenprunk.</p>
+
+<p>Als die Aufbewahrung der Leiche und die Ausschmückung des Zimmers
+vollendet war, trat die Totenwache ihren Dienst an. Zunächst standen
+der erste und zweite Chargierte. Von Stunde zu Stunde sollten sie dann
+durch zwei andere Korpsburschen abgelöst werden, und danach sollten die
+Füchse darankommen.</p>
+
+<p>Werner hatte sich an all diesen Vorbereitungen nicht beteiligen können.
+Die Fahrt vom Dammelsberg bis zur Anatomie zu viert mit der Leiche,
+dann ...</p>
+
+<p>Ja dann —!</p>
+
+<p>Dann hatten sie Scholzens Leiche durch den hallenden Flur des
+Anatomiegebäudes hinübergeschleppt in das Prosektorzimmer und hatten
+sie auf den Tisch am Fenster gelegt ... und Wichart hatte sie in
+Empfang genommen, hatte die breite Brust entblößt, die Wunde mit der
+Sonde untersucht und dann still gesagt:</p>
+
+<p>»Das Herz is glatt durchgeschlage —«</p>
+
+<p>Und dann hatte der Anatomiediener Michel die Leiche entkleidet, und
+in ihrer nackten, frischen Schönheit, noch unberührt vom Hauch der
+Auflösung, hatte sie dagelegen im strahlenden Mittagslicht ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span></p>
+
+<p>Und wieder war Werner hinausgestürzt und hatte sich in seine Stube
+geflüchtet — hatte seinen fieberschauergeschüttelten Leib in die
+Decken gewühlt und in dumpfem Grübeln um den Sinn dieses Schicksals
+gerungen ...</p>
+
+<p>War das Sühne?! War das die strafende Gerechtigkeit eines Ewigen?! Oder
+war es nur ein Zufall ... ein Zufall, der nur für ihn, den Wissenden,
+die Grimasse eines gerechten Gerichts, einer Sühne trug?</p>
+
+<p>War es nicht Sentimentalität, war es nicht Romantik, in dieser
+zufälligen Aufeinanderfolge deutungstiefe Symbolik zu suchen ... eine
+Symbolik, eine Predigt, die der doch nicht vernehmen konnte, den sie
+zuvörderst anging? Oder wurde gar die Seele des Entschlafenen in dieser
+Stunde von einem Engel des Gerichts zur Konfrontation in den kahlen
+Raum hineingeschleppt ... zur Konfrontation mit ihrem starren Leibe,
+zur Konfrontation mit ihrer schlotternden Erinnerung an einen andern
+starren Leib, der einmal auf der gleichen Stelle gelegen hatte, gleich
+nackt und bloß? Zur Konfrontation mit der Erinnerung an eine andere
+Stunde, da diese beiden nackten Leiber sich umschlungen gehalten hatten
+in heißem, fieberndem Lebensüberschwang, und ein anderes Leben gezeugt
+... ein Leben, dessen Wachsen und Schwellen die Mutter in Verzweiflung
+und Tod getrieben hatte?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p>
+
+<p>Ja, <em class="gesperrt">wer das wüßte</em>! Wer Zeuge sein dürfte nicht bloß einer
+willkürlichen Aufeinanderfolge von Ereignissen, die heute wirr- und
+sinnlos nacheinander abrollten, morgen einmal für einen Augenblick den
+Schein eines inneren, gesetzmäßigen Zusammenhanges annehmen, einer
+höheren Ordnung, eines waltenden Oberwillens ... um schnell wieder aus
+dem Kosmos in das Chaos zu zerflattern!</p>
+
+<p>Ja, in das Chaos ... denn draußen auf dem Flur hatte in diesem
+Augenblicke das wahnsinnige Verzweiflungsgeschrei eines Weibes
+eingesetzt — eines Weibes, das sich schuldig zieh am Tode des Mannes,
+der vorgestern nacht in ihren Armen gelegen — —</p>
+
+<p>Schuldig?! Ach, Himmel ... war sie schuldig?! War sie nicht einfach
+dem Gesetz ihrer Natur gefolgt, ihrer Natur, die sie zur Liebe, zum
+gedankenlosen Genusse des Augenblicks, zum Kusse der Sinnenliebe
+geschaffen hatte?!</p>
+
+<p>Warum war der gestorben an ihrem Kusse und jene andern nicht, seine
+Korpsbrüder, die doch auch in ihren Armen gelegen haben sollten?! Warum
+nicht er, Werner selbst, den doch wahrlich nicht sein Wille gehindert
+hatte, ein Gleiches zu tun?!</p>
+
+<p>Nein, es war vergebens, in der ungeheuren Wirrnis dieses Daseins nach
+einem Sinn zu suchen ...</p>
+
+<p>Und jene Stimme, die er droben vernommen, als es zuerst geheißen hatte:
+in die Prosektorstube mit<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> ihm ... jene Stimme, die gesprochen hatte:
+die Rache ist mein — war sie etwas anderes, denn ein Reflex aus
+Jugendtagen, der Widerhall eines jahrtausendalten Wahns?</p>
+
+<p>Und vor dem frierenden Knaben, dem am sengenden Augustmittag unter
+warmen Decken die Zähne schlugen und die Glieder schauerten ... vor
+dem reckte sich das starre Riesenantlitz der Sphinx ... die blicklosen
+Augen ins Unendliche gerichtet ... ins Unendliche.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am Nachmittage ging Werner dann, Band und Mütze frisch umflort, zur
+Anatomie, um einen Strauß weißer Rosen als Scheidegruß auf die Knie
+seines Leibburschen zu legen.</p>
+
+<p>Unterwegs begegnete ihm Klauser ... auch er trug einen weißen
+Rosenstrauß.</p>
+
+<p>Die Freunde hatten sich seit dem Dammelsberg-Abend noch nicht gesehen.</p>
+
+<p>Stumm, ein Würgen in der Kehle, drückten sie sich die Hände.</p>
+
+<p>Und schritten stumm selbander.</p>
+
+<p>Nach einer Weile zog dann Klauser ein Zeitungsblatt hervor. Er gab es
+dem Korpsbruder, wies auf den Rosenstrauß und sprach:</p>
+
+<p>»Den hat mir eben ein Dienstmann gebracht.«</p>
+
+<p>Werner entfaltete das Zeitungsblatt; er wußte,<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> was er dort finden
+würde; und unter der Rubrik der Familienanzeigen begann er zu lesen:</p>
+
+<p>»Die Verlobung ihrer Tochter Marie mit Herrn Professor <em class="antiqua">Dr. jur.</em>
+Wilhelm Dornblüth beehren sich ...«</p>
+
+<p>Er konnte nicht weiter lesen. Seine Blicke umschleierten sich. Und er
+schob seinen Arm in den des Korpsbruders und zog ihn an sich.</p>
+
+<p>Und schweigend schritten die Jünglinge dem Hause des Todes zu.</p>
+
+<p>Die Vorhalle der Anatomie war in einen grünen Gang ernsten dunklen
+Laubes verwandelt. In der Prosektorstube stand nun der Tisch, vom
+Fenster ab, mitten in die Stube hinein. Am Fußende Papendieck und
+Krusius, in Wichs, Cerevis und Schärpe, Band und Verschnürungen
+umflort, im Arm den blanken Schläger mit umflorten Farben. So hielten
+sie die Totenwacht.</p>
+
+<p>Über Scholzens Haupt hing das Cimbernbanner. Auf dem bleichen Gesichte,
+das noch im Tode den hochmütig-starren Ausdruck wies, spielten
+die flackernden Kerzen, glühten und mischten sich mit den letzten
+Abendstrahlen, die durchs Fenster fielen.</p>
+
+<p>Und Werner legte zuerst seine Rosen auf den toten Freund. Klauser aber
+zögerte noch. Eine der weißen Blüten brach er ab und steckte sie rasch
+in die linke Brusttasche. Dann senkte auch er seinen<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> Strauß auf die
+Bahre — den Strauß, den ihm Marie zum Abschied geschickt hatte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Frankfurter Schnellzug brauste heran. Der ganze Bahnhofsperron war
+dicht gedrängt von dem Schwall der Studenten besetzt. Die Fremden,
+die den Zug benutzen wollten, konnten sich kaum Bahn schaffen. Vorn,
+wo der Gepäckwagen halten mußte, stand, mit Kränzen übersät, auf zwei
+zusammengeschobenen Gepäckwagen, der Sarg. Obenauf der Kranz der
+Cimbria mit riesiger, umflorter blau-rot-weißer Schleife. Und neben dem
+Sarge, im Zylinder, eine totenblasse, hochaufgerichtete Männergestalt;
+die hochmütigen, unnahbaren, herbgeschlossenen Züge waren den Cimbern
+seltsam bekannt und vertraut: nur daß diese Augen, dieser schmale Mund
+von buschigem Grau überschattet waren ...</p>
+
+<p>Und rings umdrängten die Chargierten der Marburger Korporationen den
+Sarg. Keine fehlte: auch die theologischen Verbindungen hatten sich,
+unangemeldet, zu allgemeinem Staunen noch eingefunden. Voran das
+leidtragende Korps, dahinter der übrige S. C. Und dann in bunter Reihe
+Burschenschaften, Wingolf, freie Verbindungen und alle die andern. Alle
+in Wichs, alle Farben umflort, heut einmal alle geeinigt unterm Banner
+des Todes. Und hinter den Chargierten die ganze Studentenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> Kopf
+an Kopf, alle die Tausend ... auch der Russe vom Dammelsberg fehlte
+nicht.</p>
+
+<p>Nun hielt der Zug. Neugierig staunend fuhren die Gesichter der
+eleganten Reisenden ans Fenster, erst belustigt, dann mitergriffen von
+dem feierlichen Schauspiel jugendlicher Totenklage.</p>
+
+<p>Und wie man den Sarg in den Waggon hob, da senkten sich auf einmal alle
+Fahnen der Verbindungen, die Mützen und Hüte der Tausend flogen von den
+Köpfen, und Musik hob erschütternd an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Jesus, meine Zuversicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und mein Heiland ist im Leben ...</div>
+ <div class="verse indent0">Dieses weiß ich: soll ich nicht</div>
+ <div class="verse indent0">Darum mich zufrieden geben?</div>
+ <div class="verse indent0">Was die langemTodesnacht</div>
+ <div class="verse indent0">Mir doch für Gedanken macht!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Dann begleiteten die Cimbern den Vater zum Coupé, das graue Haupt
+entblößte sich, dankend schüttelte er die Hände der Jünglinge, dankend,
+doch starr, gemessen, tränenlos ...</p>
+
+<p>»Fertig!« — »Fertig!« — »Fertig!«</p>
+
+<p>»Abfahren!«</p>
+
+<p>Schrille Pfiffe ... Pfauchen der Lokomotive.</p>
+
+<p>Und die Schläger der Chargierten flogen blitzend in die Luft.</p>
+
+<p>Aus tausend Kehlen schwoll zum feierlichen Klang der Hörner das
+Burschenabschiedslied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Ist einer unser Brüder dann geschieden,</div>
+ <div class="verse indent4">Vom blassen Tod gerufen ab,</div><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>
+ <div class="verse indent0">Dann weinen wir und wünschen tiefen Frieden</div>
+ <div class="verse indent4">In unsres Bruders stilles Grab.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir weinen und wünschen den Frieden hinab</div>
+ <div class="verse indent4">In unsres Bruders stilles Grab.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und taktmäßig schlugen die Klingen zusammen ... in stillem Gruß wehten
+tausend Mützen und Hüte dem Zuge nach ...</p>
+
+<p>Ade — ade — ade — —</p>
+
+<p>Draußen sammelte sich dann der Zug.</p>
+
+<p>Das leidtragende Korps Cimbria zog zuerst von dannen, stumm, zur Kneipe
+hinauf, zum feierlichen Trauersalamander.</p>
+
+<p>Die andern Korporationen aber nahmen die Flöre von Fahnen und
+Cerevisen und Schlägern. Und bald klang ein flotter Marsch, und zu
+schmetternden Lebensfanfaren ging's in endlosem Zuge, wie neulich zum
+Dammelsbergfeste, dem Marktplatze zu.</p>
+
+<p>Da traten die Chargierten inmitten des Platzes abermals zusammen, aber
+diesmal senkten die Fahnen sich nicht, sie flatterten lustig in Wind
+und Sonne.</p>
+
+<p>Und abermals klangen die Schläger, hob sich Burschengesang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Gaudeamus igitur,</em></div>
+ <div class="verse indent0">juvenes dum sumus;</div>
+ <div class="verse indent0">post jucundam juventutem</div>
+ <div class="verse indent0">post molestam senectutem</div>
+ <div class="verse indent0">nos habebit humus ...,</div><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Vita nostra</em></div>
+ <div class="verse indent0">brevis est,</div>
+ <div class="verse indent0">brevi finietur —</div>
+ <div class="verse indent0">venit mors velociter, rapit nos</div>
+ <div class="verse indent0">atrociter, nemini parcetur — — —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Vivat academia,</em></div>
+ <div class="verse indent0">vivant professores,</div>
+ <div class="verse indent0">vivat membrum quodlibet,</div>
+ <div class="verse indent0">vivant membra quaelibet,</div>
+ <div class="verse indent1">semper sint in flore ...</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ja, und als sei schon vergessen, um wessen willen das jüngst
+verloschene Jugendleben sich verblutet habe, klang's huldigend und
+heiter auch also:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Vivant omnes virgines</em></div>
+ <div class="verse indent0">faciles, formosae,</div>
+ <div class="verse indent0">vivant et mulieres</div>
+ <div class="verse indent0">tenerae, amabiles,</div>
+ <div class="verse indent0">bonae, laboriosae!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Pereat tristitia!</em></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>klang's zum Schluß ...</p>
+
+<p>Da schwollen, tief aufatmend, die Busen der jungen Studenten dem
+Sonnenlicht, dem jungen Tage, der ersehnten Weibeshuld, dem Leben, ach
+ja, dem lachenden, blühenden, hochaufschäumenden Leben entgegen —</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nieder die Traurigkeit ...</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Pereat tristitia!</em></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>so klang's über Marburgs altehrwürdigen Marktplatz ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">— — — —</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Pereat tristitia!</em></div>
+ <div class="verse indent0">— — — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Eine Straße weiter aber schrie ein junges Weib wild auf, als die
+lebenlockenden Klänge herüberrauschten, daß die ganze alte Stadt zu
+klingen und zu schwingen schien ... sie schrie auf in ihrer Kammer, in
+ihrem Bett, unter den Händen des Arztes und der Mutter ...</p>
+
+<p>Und stumm und verbissen schluchzte nebenan ein Jüngling in das
+Taschentuch ... der einzige Student in Marburg, der ausgeschlossen
+gewesen war an diesem Tage von der Scheideklage, wie vom Hymnus des
+Lebens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>XI.</h2>
+</div>
+
+<p>Der letzte Bestimmtag des Sommersemesters!</p>
+
+<p>Die tiefe Korpstrauer hätte den Cimbern eigentlich die Verpflichtung
+auferlegt, sich an den Mensuren nicht zu beteiligen. Aber das ging
+einfach nicht, das ließ sich nicht durchführen. Und da ohnehin am
+Abend der S. C. Abschiedskommers sein sollte und Cimbria hier aus
+Rücksicht auf den S. C. nicht fehlen durfte, so wurde die Korpstrauer
+für diesen Tag, es war der siebente August, ganz aufgehoben. Und
+ohne die Abzeichen der Trauer erschien das Korps zu gewohnter früher
+Morgenstunde auf der Wahlstatt in Ockershausen.</p>
+
+<p>Vor allem hatten jene Korpsburschen noch einmal zu fechten, die Marburg
+verlassen wollten, sei es, um mit Semesterschluß inaktiviert zu werden,
+sei es, um im nächsten Semester als Vertreter des Korps bei einem
+befreundeten Kartell oder befreundeten Korps aktiv zu werden.</p>
+
+<p>Von den Chargierten wünschten Papendieck und Dettmer, welche beide
+schon vier Semester aktiv gewesen waren, inaktiviert zu werden; der
+Erste hatte die Inaktivierung auch ohne Mensur sicher, Dettmer, der
+die dritte Charge tadellos geführt hatte, sollte doch noch eine letzte
+Probe seiner Fechtsicherheit ablegen.<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Noch drei weitere Korpsburschen
+baten um ihre Inaktivierung; von ihnen mußte Klauser nach seiner
+Reinigungspartie noch eine tadellose Mensur schlagen, um Anspruch
+auf sofortige Inaktivität zu haben. Böhnke wollte nach Leipzig zu
+den Lausitzern, der Zweite, Krusius, nach Heidelberg zu den Schwaben
+gehen. Das gab vier Partien, die unter allen Umständen gefochten
+werden mußten. Aber der Zweite, Krusius, hatte den Ehrgeiz, am letzten
+Tage seiner Führung der zweiten Charge noch mit einem möglichst
+langen Bestimmzettel aufzuwarten, und hatte noch für drei weitere
+Korpsburschen Partien verlangt und bekommen. Wenn man eine Stunde auf
+die Partie rechnete, so konnte es, da der erste Hieb um sieben Uhr
+morgens fiel, immerhin bis zwei Uhr nachmittags dauern, dann blieb
+gerade noch Zeit zum Essen, Schlafen und Mensuren-C. -C., und dann
+mußte man zum Abschiedskommers. Also ein gut besetzter Tag.</p>
+
+<p>Und programmäßig wickelte sich das »Schlachtfest« ab. Jeder setzte
+sein Bestes ein, das Blut floß in Strömen, und Wichart sowohl wie
+seine Kollegen bei Hasso-Nassovia und Guestphalia hatten viele
+Dutzende Nadeln einzufädeln, auch die Lieferanten von Sublimat und
+Verbandstoffen kamen auf ihre Rechnung.</p>
+
+<p>Klauser hatte das Unglück, seinen ihm eigentlich überlegenen Gegner im
+dritten Gang auf eine<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> mächtige Quart abzuführen. Da es sich um seine
+Inaktivierung handelte, so mußte er noch einmal ordentliche Hiebe
+bekommen, um dem Korps den Beweis zu liefern, daß er die gute Haltung
+seiner Reinigungsmensur dauernd bewähre.</p>
+
+<p>Krusius fragte sofort bei den Westfalen an, ob sie eine zweite Partie
+für Klauser stellen könnten, und Paschke, der Senior, erklärte sich
+bereit. Klauser blieb gleich anbandagiert in der Flickstube sitzen
+und wartete geduldig auf seinen zweiten Gegner. Nach wenig Gängen
+hatte Paschke ihn so zugedeckt, daß den kühnsten Anforderungen an eine
+Inaktivierungsmensur <em class="antiqua">in puncto</em> der Quantität der empfangenen
+Prügel Genüge geleistet war, und ein Durchzieher, der die Unterlippe
+bis auf die Zähne spaltete, gab den Rest.</p>
+
+<p>Im Korps herrschte nur eine Stimme staunender Bewunderung über Klauser.
+Der war mit seinem nervösen Temperament, seinem ausgesprochenen
+Fechtehrgeiz — immer ein nicht so ganz sicherer Mann gewesen, trotz
+seines unverkennbaren Elans. Heute hatte er die beiden Mensuren mit
+einer so vollkommen unerschütterlichen Gleichmütigkeit hingenommen,
+als sei das einzig Lebendige an ihm der Mechanismus der bei der Mensur
+beteiligten Muskeln. Und daß er inaktiviert werden könne, darüber war
+kein Zweifel mehr im C. C.</p>
+
+<p>Die nächste Partie hatte der Jungbursch Ehlert<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> gegen Bandler, den
+Dritten der Hessen-Nassauer, ein elegantes, fixes kleines Männchen, das
+leicht, doch mit großer Gewandtheit focht.</p>
+
+<p>»Sag mal, Krusius — meinst du eigentlich, daß ich mit <em class="gesperrt">dem</em>
+Handgelenk fechten kann?« meinte Ehlert im Augenblick, als der
+Korpsdiener ihm das Paukhemde überstreifen wollte, zum Zweiten, der
+selbst seine Abschiedspartie schon hinter sich und mit einem Dutzend
+Nadeln hüben und drüben ausgepaukt hatte und nun schon wieder im
+Sekundierwichs stand, um eine Partie nach der andern zu sekundieren.</p>
+
+<p>»Donnerwetter! Das ist ja die reinste Knolle! Hast du das schon länger?«</p>
+
+<p>»Ja, ich schlag mich schon vierzehn Tage damit herum!«</p>
+
+<p>»Ja, Menschenskind — das ist ja ... eh, lieber Wichart, willst
+du dich mal einen Augenblick herbemühen? Der Ehlert scheint eine
+Sehnenscheidenentzündung zu haben.«</p>
+
+<p>Wichart tupfte Klausers zerfetzte Visage mit einem mächtigen
+Wattebausch und befahl Werner, der auch dieses Mal beim Flicken des
+Freundes Hilfsdienste leistete, zu halten. Dann trat er zu Ehlert.</p>
+
+<p>»Nanu?! Mit dem Ärmche willst du fechte, Menschenskind? Du bist ja
+e chloroformierte Kindsleich! Gleich machst du, daß du die Kleider
+widder an den Leib bekommst, und dann Prießnitz, bis die Lappe nur so
+runnerfalle!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p>
+
+<p>»Verdammt! Wen stell ich nun gegen den Bandler? Das hättest du mir auch
+eher sagen können, Ehlert!« schalt Krusius.</p>
+
+<p>Da fiel sein Auge auf Werner.</p>
+
+<p>»Na, Leibfuchs Achenbach, wie wär's? Hättest du Lust, noch vor
+Toresschluß vors lange Messer zu kommen?«</p>
+
+<p>Ein siedender Schreck und zugleich ein jäher Stolz durchfuhr Werner.</p>
+
+<p>»Selbstverständlich, Leibbursch.«</p>
+
+<p>»Bist auch aufgelegt? Hast heut morgen nicht zu viel getrunken? Bist
+gestern und vorgestern nicht beim Mädchen gewesen?«</p>
+
+<p>»Alles in Ordnung, Leibbursch.«</p>
+
+<p>»Na, dann runter mit der Weste und rin in die Lappen.«</p>
+
+<p>Werner bebte denn doch am ganzen Leibe vor Aufregung, als er nun an
+Ehlerts Stelle trat, Rock, Weste, Hemd ablegte und sich das Paukhemd
+überstreifen ließ.</p>
+
+<p>Und dann wurde das Herz durch ein kreisrundes Blech in Lederfassung,
+die Achselhöhle durch einen seidenen gesteppten Latz geschützt, die
+Hand schlüpfte in den wildledernen, ungefügen Kettenhandschuh, der
+rechte Arm wurde vom Korpsdiener langsam und sorgfältig durch eine
+endlose Umwicklung mit seidenen, zerfetzten und blutgetränkten Binden,
+schließlich durch einen langen Zopf aus Seidengeflecht der<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Länge nach
+verwahrt. Ekelhaft war das Gefühl, als nun die Halsbinde umgelegt
+wurde, an der noch Klausers, Dettmers, Krusius' erkaltetes, klebriges
+Blut starrte. Dann kam der Schurz, schwerfällig, steif von Strömen
+angetrockneten Bluts. Inzwischen hatte schon ein anderer krasser
+Fuchs, nicht ohne Neid auf das Glück seines Konsemesters, das Amt des
+Schleppfuchses übernommen und stützte Werners schwer verpackten rechten
+Arm.</p>
+
+<p>Und über all den Vorbereitungen fühlte Werner dennoch nichts anderes
+als das stürmische Klopfen seines Herzens, das immer munter trommelte:
+»Du, jetzt geht's los! Du, jetzt geht's los!«</p>
+
+<p>»So, nu stehe Se mal auf, Herr Achebach!«</p>
+
+<p>Und Werner stand auf. Es war inzwischen im Saale laut geworden, daß der
+krasse Fuchs Achenbach an Ehlerts Stelle einspringen solle, und fast
+alle Korpsburschen kamen neugierig in die Flickstube, um zu sehen, wie
+er sich halte. Es regnete Witze:</p>
+
+<p>»Du, kleiner Achenbach, der Mann, der gleich auf dich zukommt, der will
+dir was tun, den mußt du feste hauen, sonst haut er dich!«</p>
+
+<p>»Du, Füchschen, stich den Gegner ab und nicht deinen Sekundanten, das
+kostet fünfundzwanzig Em Korpsstrafe!«</p>
+
+<p>»Macht mir meinen Leibfuchs nicht dammelig!« rief Krusius dazwischen.</p>
+
+<p>»Aha! Wenn man den Herrn Zweiten zum<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Leibburschen hat, dann kommt man
+als Krasser schon auf Mensur!«</p>
+
+<p>Und Papendieck kam auch heran, sah Werner stumm und herablassend an und
+zitierte schließlich wieder einmal seinen Landsmann Bräsig:</p>
+
+<p>»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!«</p>
+
+<p>Dammer kam mit einem Spiegel, hielt ihn Werner vor und griente:</p>
+
+<p>»Nu darfste Abschied nähm von dei'm glatten Gesichte — so kriegst es
+nich wieder zu sähn!«</p>
+
+<p>Und mit einem seltsamen Gemisch aus Grauen und Stolz erkannte Werner
+sein jugendrosiges Gesicht in der abschreckenden Vermummung von
+Halsbinde und Paukbrille, die Peter ihm eben anlegte und von hinten mit
+so kräftigem Ruck zusammenschnallte, daß Werner rief:</p>
+
+<p>»Donnerwetter, Peter, Sie sprengen mir ja den Schädel!«</p>
+
+<p>»Schad't nix, muß so sinn,« sagte Peter gleichmütig.</p>
+
+<p>»Bandler schon drinnen?« fragte Krusius.</p>
+
+<p>»Ja!«</p>
+
+<p>»Also los — raus! Nein, warte — liegt dir der Speer gut in der Hand?«</p>
+
+<p>Und Werner trat einen Schritt vor, führte mit dem Schläger, den der
+Testant ihm in die Hand gedrückt, einen kräftigen Lufthieb ... es
+pfiff, die Bandage saß, eng, doch elastisch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p>
+
+<p>»Vergiß nicht, daß der erste Gang nur Scheingang ist! Na, und immer
+feste draufschlagen, alles andre kommt von selbst!«</p>
+
+<p>Wie im Traum schritt Werner hinaus. Es rauschte und flimmerte vor
+seinen Augen und Ohren — durch die ungewohnte Paukbrille erkannte
+er kaum den bekannten Saal — sah, wie alles sich im Kreise drängte,
+wie zweihundert Augen auf ihn starrten, fühlte den Stuhl an seinen
+Hinterbacken, packte mit der Linken fest den Riemen seiner Hose,
+umspannte noch einmal mit klammernden Fingern den Griff des Rappiers,
+und —</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für einen Gang Schläger
+mit Mützen und Sekundanten auf zehn Minuten bis zur Abfuhr!«</p>
+
+<p>»Silentium für einen Gang Schläger mit Mützen und Sekundanten auf zehn
+Minuten bis zur Abfuhr!«</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für die Mensur!«</p>
+
+<p>»Silentium für die Mensur!«</p>
+
+<p>Wie aus weiter Ferne klangen diese Worte in Werners Ohr. Durch die
+engen Öffnungen der Paukbrille starrte er geradeaus ... da stand der
+andere, der Gegner, mit dem er sich nun messen sollte im blutigen
+Turnier ...</p>
+
+<p>Und plötzlich summte ihm eine bekannte Weise, altgeliebte Dichterworte,
+durch den Sinn:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Da tritt kein andrer für ihn ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf sich selber steht er da ganz</div>
+ <div class="verse indent0">allein ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Er reckte sich.</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für den Scheingang!«</p>
+
+<p>»Silentium für den Scheingang!«</p>
+
+<p>»Fertig!« rief der Gegensekundant.</p>
+
+<p>Und mechanisch, wie er es oftmals in den letzten Wochen auf dem
+Fechtboden geübt, trat Werner zwei Schritte vor, den Arm hoch
+aufgereckt, den Schläger in fest umklammernder Faust emporgestreckt.</p>
+
+<p>Und er fühlte, wie der rechte Fuß seines Leibburschen sich fest neben
+seinen linken stellte. Das machte ihn ruhig und sicher.</p>
+
+<p>Zugleich fühlte er, wie der Sekundant ihm von hinten die riesige Mütze
+zum Scheingang aufstülpte.</p>
+
+<p>Ruhig klang das Kommando aus Krusius' Munde:</p>
+
+<p>»Los — halt!«</p>
+
+<p>Nun verschwand die Mütze von seinen Haaren. Wie eine Katze,
+sprungbereit, kauerte sich Krusius an seine Seite, und scharf und grell
+scholl des Gegensekundanten Kommando:</p>
+
+<p>»Fertig!!«</p>
+
+<p>»Los!!«</p>
+
+<p>Krach — krach — krach!</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p>
+
+<p>Das hatte gesessen ... ein scharfer und ein dumpfer Schmerz
+nacheinander ...</p>
+
+<p>Und über die linke Röhre der Paukbrille rann's hernieder ... sein Blut
+... sein warmes, junges Herzblut ...</p>
+
+<p>Und wie die ersten heißen Tropfen über sein Gesicht rannen, war alle
+Aufregung, alle Befangenheit dahin ...</p>
+
+<p>»Silentium — ein Blutiger auf seiten von Cimbria!«</p>
+
+<p>»Fertig!«</p>
+
+<p>»Los!«</p>
+
+<p>Krach, krach, rack-tack-bumm-tack-rack-tack-bumm-tack, bumm, bumm —</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>Nichts ...</p>
+
+<p>»Fertig!«</p>
+
+<p>»Los!«</p>
+
+<p>Und wieder ein Gang, und wieder nichts ... nur flache Hiebe waren wie
+Knüppelschläge über die Auslage hinweg auf Werners Schädel und Nase
+niedergesaust ...</p>
+
+<p>Er hörte die Stimme seines Leibburschen an seinem Ohr:</p>
+
+<p>»Ein wenig ruhiger den Oberkörper, sonst — ganz famos!«</p>
+
+<p>Ah!! Wie das spornte!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p>
+
+<p>O wilde Schwerterlust! — O jungjunges, pochendes Herz!</p>
+
+<p>Und Gang auf Gang ... und da ... da färbte sich ja auch das weiße
+Paukhemde drüben!</p>
+
+<p>»Silentium — ein Blutiger auf seiten von Hasso-Nassovia!«</p>
+
+<p>»Bravo, Leibfuchs!«</p>
+
+<p>Der Paukarzt drüben machte ein ganz merkwürdiges Gesicht ...</p>
+
+<p>Kurze Beratung mit dem Gegensekundanten —</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Pause!«</p>
+
+<p>»Silentium — Pause für Hasso-Nassovia!«</p>
+
+<p>Der Paukarzt ließ den Gegner seinen Kopf beugen, fühlte mit dem Finger
+in den Schlitz der Kopfhaut ...</p>
+
+<p>Abermals ein bedenkliches Gesicht — kurze Beratung ...</p>
+
+<p>»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehn!«</p>
+
+<p>»Silentium — Pause ex!«</p>
+
+<p>»Fertig!«</p>
+
+<p>»Los!«</p>
+
+<p>Krach, krach, rack-tack-bumm, tack —</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>Über Werners linke Backe war's wie ein leises Wehen hinweggegangen ...</p>
+
+<p>Wichart schmunzelte:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span></p>
+
+<p>»Rest, Füchschen! Da bringst deiner Frau Mutter aber gleich e scheene
+Bescheerung mit!«</p>
+
+<p>Und: »Herr Unparteiischer, wir erklären Abfuhr!«</p>
+
+<p>»Silentium — Cimbria erklärt Abfuhr nach viereinhalb Minuten.«</p>
+
+<p>Was? War er denn getroffen?</p>
+
+<p>O ja, er war getroffen. Seine linke Wange klaffte vom Ohrläppchen bis
+unter die Nasenwurzel.</p>
+
+<p>Werner Achenbach hatte die Bluttaufe bekommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<h2>XII.</h2>
+</div>
+
+<p>Und Willy Klauser und Werner Achenbach standen am Bahnhof. Sie hatten
+sich aus der Schar der Korpsbrüder abgesondert, um die letzten Minuten
+allein zu verplaudern. Bald würden von Süden und Norden die Züge
+kommen, um Klauser ins heimische Magdeburg, Achenbach über Gießen
+ins Wuppertal zu entführen. Das nächste Semester würde sie nicht
+wieder zusammenbringen. Klauser würde in Berlin das vernachlässigte
+Physikum bauen, Werner in Marburg weiter mit Blut und Eisen Cimbrias
+Band umwerben ... und bei Professor Dornblüth eifrig Pandekten hören.
+Denn der Alte Herr hatte schon in den letzten drei Wochen Zug in das
+Rechtsstudium seiner jungen Korpsbrüder gebracht ... das war hochnötig
+gewesen.</p>
+
+<p>Die Erinnerung an den Abschiedskommers, an die letzte Wanderung des
+Korps nach Wehrda, den Beschluß eines wohllöblichen C. C. der Cimbria,
+seinen C. B. Klauser mit Farben zu inaktivieren, stimmte die Herzen der
+Freunde heiterer, als sie selbst erwartet hätten.</p>
+
+<p>»Und weißt du, Willy, das andere ... da wirst du auch noch mal drüber
+kommen,« wagte Werner<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> endlich zu sagen. Es mußte auch dies letzte Wort
+noch gesprochen werden.</p>
+
+<p>Eben noch hatte Klauser unter seinen Kompressen, seinen Wattebäuschen
+heiter gelächelt. Jetzt verlor sein Auge den Glanz, nervös bebten seine
+Lippen.</p>
+
+<p>»Dafür werden hoffentlich die kleinen Mädchen in Berlin sorgen.«</p>
+
+<p>»Ach nee, Willy, nicht so, nicht so! Laß dich doch nicht so
+unterkriegen! Du wirst schon noch was Besseres finden, um ... das
+andere zu vergessen.«</p>
+
+<p>»Was Besseres? Hahaha! Es gibt nichts Besseres für dumme, grüne Jungen,
+wie wir zwei. Das geht nicht ans Herz und nicht ans Blut, das geht nur
+... ans Portemonnaie.«</p>
+
+<p>»Willy — bist du noch mal ... da oben gewesen?!«</p>
+
+<p>»Da oben?! Bei dem Vieh?!« Voll Ekel und Abscheu wandte sich Klauser ab.</p>
+
+<p>»Glaubst du, daß sie in Berlin anders sind?!«</p>
+
+<p>»Nee — das glaub ich freilich nicht — —«</p>
+
+<p>»Also ... du ... für das Pack ... sind wir doch wohl zu schade ... äh
+komm ... laß uns jetzt von was anderem sprechen ... du — schön war's
+doch ... dieser Sommer ... und ... du und ich ... nicht wahr?!«</p>
+
+<p>»Ja, <em class="gesperrt">das</em> war schön, Werner ... und soll auch schön bleiben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span></p>
+
+<p>Die Freunde sahen sich in die Augen.</p>
+
+<p>»Ich wünsch dir alles Schönste,« sagte Klauser. »Und — nimm dir ein
+Beispiel an mir. Du hast mir mal was von einer — Elfriede erzählt ...
+laß sie laufen ... vergiß sie ... sonst geht's dir noch mal wie mir.«</p>
+
+<p>Elfriede! — War's nicht Werners seligster Gedanke gewesen in diesen
+letzten Tagen, daß er sie nun wiedersehen würde —?! Trotz allem —
+trotz allem?!</p>
+
+<p>»An was soll man sich denn schließlich halten in der Welt?«</p>
+
+<p>»Halt dich an das da,« sagte Klauser und zeigte auf Werners Band.
+»Vorläufig gibt's keinen besseren Halt für unsereinen. Wenn das nicht
+gewesen wäre ... dann wär' ich verkommen in diesen Tagen. Später
+einmal, wenn die Universitätsjahre hinter uns liegen ... dann gibt's
+andere Ideale, hoff ich ... Beruf ... und Vaterland ... und so was
+... vielleicht auch ... Weib und Kind — für mich wohl kaum — aber
+hoffentlich für dich, wenn du klug bist — und dich vor Enttäuschungen
+hütest, über die man nicht hinwegkommt —«</p>
+
+<p>»Aber Willy!«</p>
+
+<p>»Wir ... wir sind dumme Jungen ... Schüler ... Lehrlinge ... wir müssen
+uns vorläufig mit einem Symbol der großen Lebensideale begnügen ...
+und dies Symbol heißt uns ... Cimbria ... das<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> blau-rot-weiße Band
+... das ist, scheint's mir, der tiefere Sinn von dem allen, was ich
+hier zwei Jahre lang getrieben habe ... zwei Jahre lang, die ich nicht
+missen möchte ... wenn auch vielleicht mancher denken mag, sie seien
+verplempert und vergeudet ... aber, was soll das Klugreden ... da
+hinten kommt mein Zug ... leb wohl, Werner ... bleib mir gut ...«</p>
+
+<p>Und die Freunde küßten sich ... ein einziges Mal in ihrem Leben. Sie
+waren deutsche Jünglinge der neuen Zeit ... der Zeit von Blut und Eisen
+... die Dichter der Empfindsamkeit hatten ihre Kindheit begleitet ...
+die Lehrer ihrer Jünglingsjahre hießen Korpsband und Rappier.</p>
+
+<p>Und nun gesellten sie sich wieder zu den Korpsbrüdern. Alle
+Norddeutschen führte der Zug hinweg. Papendieck, Dettmer, Böhnke,
+Klauser würden nicht mehr wiederkehren. Ihnen galt's das Scheidelied zu
+singen.</p>
+
+<p>Und wie vor wenig Tagen der Zug einen Toten aus der Mitte der Cimbria
+hinweggeführt hatte, so trug er jetzt eine Schar lebender Scheidender
+der Heimat zu. Ein Abschied auch diesmal.</p>
+
+<p>Aber Rührungstränen und sentimentale Wehmut waren dieser Jugend
+ausgetrieben worden in der eisernen Zucht des Korps. Unter Witzen
+und Gelächter barg sich, was die jungen Herzen tief bewegte ... der
+Abschied von den Freunden, vom<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> Korps, von der geliebten, wundervollen
+Hessenstadt ... von der Aktivität ... von einem ersten, herrlichen
+Abschnitt der Jugendzeit ...</p>
+
+<p>»Fertig!« — »Fertig!« — »Fertig!«</p>
+
+<p>»Abfahren!«</p>
+
+<p>Ein letztes Händedrücken ... bellend sprangen die Korpshunde noch ein
+Stück dem Zuge nach ... blaue Mützen wehten und weiße Tücher ...</p>
+
+<p>Und im letzten Augenblick trat da ein Paar aus dem Wartesaal, wo
+es verborgen des Augenblicks der Abfahrt gewartet hatte, auf den
+Bahnsteig ... der Mann hochgewachsen, gütigen, strahlenden Auges ...
+das Mädchen in hellem Gewand, den Blick von unaufhaltsam strömenden
+Tränen verschleiert ... sie winkte mit weißem Tuch, ihr Auge suchte
+einen, einen, an dessen Lippen sie vor wenig Wochen gehangen in erster,
+keuscher Seligkeit ...</p>
+
+<p>Und hatte ihn doch verlassen ...</p>
+
+<p>Da hatte auch er sie erkannt ... starrer Trotz schoß in seine Züge, und
+rasch trat er vom Fenster zurück.</p>
+
+<p>Da lehnte sie ihr blondes Haupt an die breite Brust des erwählten, des
+glücklichen Mannes und weinte um den verlorenen Traum ihrer Jugend.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Bemooster Bursche zieh ich aus,</div>
+ <div class="verse indent2">Ade!</div>
+ <div class="verse indent0">Behüt dich Gott, Philisterhaus!</div>
+ <div class="verse indent2">Ade!</div><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span>
+ <div class="verse indent0">Zur alten Heimat zieh' ich ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Muß selber nun Philister sein,</div>
+ <div class="verse indent2">Ade, ade, ade.</div>
+ <div class="verse indent0">Ja, Scheiden und Meiden tut weh!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>so sangen, die da schieden und die da blieben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ja, Scheiden und Meiden tut weh ...</p>
+
+<p>Und Marie Hollerbaum erkannte erst in diesem Augenblick, was sie
+dahingegeben habe für immer ... für alle Zeit ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und nun saß auch Werner im Coupé. Er fuhr allein und dankte das dem
+Geschick. Zu viel stürmte durch sein Herz ... es wäre ihm schmerzlich
+gewesen, diese Scheidestunde mit einem andern teilen zu müssen, sie zu
+entweihen durch gutgemeintes, doch alltägliches Geschwätz.</p>
+
+<p>Der Zug umkreiste in weitem Bogen die Stadt da drüben am Berge. Vor
+wenig Monden hatte Werne, von Verehrungsschauern seligbang umwittert,
+dies wundersame Bild zum ersten Male erschaut. Vor wenig Monaten ...
+war's möglich?</p>
+
+<p>Damals war's ein wundersames, doch fremdes Bild gewesen ... nun war
+jedes Fleckchen beseelt von Erinnerungen an ungeheure, grundstürzende
+Erlebnisse seiner Seele ...</p>
+
+<p>In ernster, gleichgültiger Erhabenheit thronte droben das Schloß;
+Jahrhunderte waren an ihm<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> vorübergezogen ... Völkergeschicke,
+Weltgeschicke ... und Millionen, Millionen von Einzelschicksalen ...
+Millionen von Herzensgeschicken ... es stand und stand in seiner
+braunen Unnahbarkeit ...</p>
+
+<p>Und länger noch standen und grünten die Berge, die Werners Jugendträume
+umschlossen hatten, wie die der andern tausend, die gekommen waren in
+diesem Sommer und nun auseinanderflogen in ihre Heimat ...</p>
+
+<p>Und da unten blühte Sankt Elisabeth, die unverwelkliche Wunderknospe ...</p>
+
+<p>Und um den Berg herum, ins Tal hüben und drüben hinein und hinunter,
+alle die alten, alten Häuser, die spitzen Giebel, die winzigen Fenster
+...</p>
+
+<p>Da oben flatterte Cimbrias Panier, für das er nun auch zum ersten Male
+sein Herzblut vergossen ...</p>
+
+<p>Dort unter dem steilen Dache des Anatomiegebäudes hatte das tote
+Lenchen gelegen ... und dann ein paar Wochen später ihr toter Liebster
+... der Vater ihres Kindes ...</p>
+
+<p>Seine drei lebendigen »Bälger« aber ... wo mochten die herumkrabbeln?!</p>
+
+<p>Auch dort hinten irgendwo ...</p>
+
+<p>Und dort ... in einem der kleinen Häuschen ... da weinte die schöne
+Rosalie ... da harrte der arme Simon Markus des Richterspruchs ...</p>
+
+<p>Erinnerungen — Erinnerungen überall ...</p>
+
+<p>Nun wandte sich der Zug, und die Südstadt<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> tauchte auf. Der Dammelsberg
+... Fanfahrengedröhn und Geigengequiek, ein scharfer, doppelter
+Pistolenknall ... dies alles wurde wach ... das alles war aufgezeichnet
+in Werners Hirn, unauslöschlich ... unvergeßlich ...</p>
+
+<p>Und unter jenen Bäumen im Tale lag Ockershausen ...</p>
+
+<p>»Fertig!«</p>
+
+<p>»Los!«</p>
+
+<p>Krach — krach — krach —</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>Vorbei — vorbei ...</p>
+
+<p>Und rasch entfloh der Zug ... rasch verschwamm das Bild ... so war es
+vor wenig Monden zum ersten Male vor des Knaben Augen aufgetaucht ...
+so schwand es nun ... geheimnisvoll ... deutungstief ...</p>
+
+<p>Das Schicksal, das Erleben eines einzigen, kurzen Sommers ...</p>
+
+<p>Und in Werners Seele quoll ein warmes, tiefes, heiliges Empfinden empor
+... ein glockenfeierliches Dankgefühl ...</p>
+
+<p>Das war das Leben ... nun war er eingetreten in seine Tempelhallen ...</p>
+
+<p>Becherklang und Pistolenknall, brünstige Küsse und wilde
+Verzweiflungstränen, wüste Zechgelage und friedliche
+Waldeseinsamkeiten, ekle Buhlschaft<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> und erhabenes Liebesentsagen ...
+Jauchzen und Totensang ... Lust und Weh ...</p>
+
+<p>Das war eingeschlossen in diesen kurzen Monden ... das alles hatte er
+erlitten und erfahren, fühlend geschaut und fühlend durchlebt ...</p>
+
+<p>Oh, Leben, Leben — heiliges, herrliches, grausiges, mächtiges ...
+heiliges, dreimal heiliges Leben —!!</p>
+
+<p>Und doch ... war denn dies alles schon das Leben selbst gewesen?!</p>
+
+<p>Das wirkliche, wahre, eigene Leben?!</p>
+
+<p>Und die Liebe, die ihn und jene andern, seine Freunde, seine Brüder,
+gefoltert und entzückt, durch eine Welt von Brünsten und Ängsten,
+Küssen und Tränen, Seligkeiten und Todesschauer gejagt ... war das
+schon die wirkliche Liebe gewesen?!</p>
+
+<p>Ein Knabe, des Lebens unkund, war er gekommen ... ein Wissender kehrte
+er zur Heimat, sollte er heut abend vor das forschende Vaterauge
+treten, ausruhen in gläubigen Mutterarmen ...</p>
+
+<p>Ein Wissender — aber nicht doch ein Knabe noch?!</p>
+
+<p>War nicht am Ende dies alles, Leben, Liebe, Leid ...</p>
+
+<p>— War das alles nicht am Ende doch nur ein Vorspiel gewesen?!</p>
+
+<p>Eine furchtbar ernste Vorbereitung, aber doch eben nur eine
+Vorbereitung?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p>
+
+<p>Ein mächtig ergreifendes Vorspiel, ein Vorspiel, das Ungeheures,
+Hochherrliches ankündigte ... aber eben doch nur ein Vorspiel?!</p>
+
+<p>Fern, fern ahnte Werner ein anderes, ein volleres, ein erschütternderes
+Erleben ... das wahre Leben ... die wahre Liebe ... das wahre Leid.</p>
+
+<p>Das alles würde kommen, wenn er ein Mann geworden sein würde ...</p>
+
+<p>Ja, ein Mann! Das wollte er werden ... das gelobte er seinem Bande da
+um seiner Brust, seiner jungen Burschenwunde, allen gewaltigen und
+heiligen Erinnerungen dieser vergangenen Monde ...</p>
+
+<p>Dem teuren Bilde der geliebten Eltern daheim —</p>
+
+<p>Elfrieden, dem Idol seiner Knabenjahre ...</p>
+
+<p>Und sich selbst, seiner bebenden, weinenden, erstarkenden, werdenden,
+jauchzenden Seele ...</p>
+
+<p>Ja, ein Mann werden! —</p>
+
+<p>Das Vorspiel war zu Ende ...</p>
+
+<p>Und über das Erinnern dieses übergewaltigen Vorklanges hinweg grüßte
+der Knabe Werner die Zukunft seiner Seele ...</p>
+
+<p>Grüßte das kommende Glück, das kommende Leid ...</p>
+
+<p>Grüßte die wahre Liebe ... das wahre Leben.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe10" id="363_deco_2">
+ <img class="w100" src="images/363_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="p4">Verlagsanzeigen</h2>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>Walter Bloems Werke:</h3>
+</div>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Das eiserne Jahr</em></p>
+<p class="center">Roman</p>
+<p class="center">Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl</p>
+<p class="center">121. bis 130. Tausend</p>
+<p class="center">Preis geheftet M. 5.—, gebunden M. 6.—</p>
+<p class="center">Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50</p>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Volk wider Volk</em></p>
+<p class="center">Roman</p>
+<p class="center">Mit farbiger Umschlagzeichnung von Ernst Heilemann</p>
+<p class="center">101. bis 110. Tausend</p>
+<p class="center">Preis geheftet M. 5.—, gebunden M. 6.—</p>
+<p class="center">Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Die Schmiede der Zukunft</em></p>
+<p class="center">Roman</p>
+<p class="center">Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl</p>
+<p class="center">101. bis 110. Tausend</p>
+<p class="center">Preis geheftet M. 5.—, gebunden M. 6.—</p>
+<p class="center">Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50</p><br>
+
+<p class="center"><b>Alle 3 Bände in Halbleder gebunden zusammen M. 20.—</b></p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Sommerleutnants</em></p>
+<p class="center">Die Geschichte einer achtwöchigen Übung</p>
+<p class="center">8. Tausend</p>
+<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Sonnenland</em></p>
+<p class="center">Roman</p>
+<p class="center">5. Tausend</p>
+<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Das lockende Spiel</em></p>
+<p class="center">Roman</p>
+<p class="center">6. Tausend</p>
+<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Der neue Wille</em></p>
+<p class="center">Schauspiel in vier Akten</p>
+<p class="center">Preis broschiert M. 2.—</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Der Jubiläumsbrunnen</em></p>
+<p class="center">Schauspiel in vier Akten</p>
+<p class="center">Preis broschiert M. 2.—, gebunden M. 3.—</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Vergeltung</em></p>
+<p class="center">Schauspiel in drei Akten</p>
+<p class="center">Preis broschiert M. 2.—, gebunden M. 2.80</p>
+
+<hr class="full">
+<p class="s3center"><em class="gesperrt">Das jüngste Gericht</em></p>
+
+<p class="center">(<b>Der Paragraphenlehrling</b>)</p>
+
+<p class="center">Roman</p>
+
+<p class="center">34. Tausend</p>
+
+<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p>
+
+<p>Ein gesunder Idealismus spricht aus dem Werk, das nicht nur dem
+Juristen willkommen sein kann, sondern auch von dem beachtet werden
+wird, dem die Gesundung unserer Rechtsverhältnisse am Herzen liegt. Die
+in dem Roman gezeichneten Zustände bilden gewissermaßen ein Pendant
+zu der Kritik, die Beyerlein in seinem »Jena oder Sedan« vor einigen
+Jahren an unseren militärischen Verhältnissen übte.</p>
+
+<p class="mright5">Hamburger Wochenblatt.</p><br>
+
+<p>Lebensprudelnd ist vor allem die Schilderung der bergischen
+Eisenindustrie mit den kernigen, bodenständigen Gestalten der
+Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die beide gleichermaßen die gemütlichen
+Laute des Wuppertaler Niederdeutsch erklingen lassen.</p>
+
+<p class="mright5">Berliner Tageblatt.</p><br>
+
+<p>Bei der Liebesgeschichte erfreut wiederum die Lebenswärme, mit der
+die besondere, etwas spießbürgerliche und patriarchalische, aber auch
+wieder behagliche, anziehende Art des bergischen Bürgertums in der
+Familie und in der Geselligkeit zur Geltung gebracht wird. Auch die
+industriellen Arbeiterverhältnisse beherrscht Bloem, und er zeichnet
+sie mit großer Anschaulichkeit und lebhafter Bewegung; so wirkt
+namentlich die Schilderung der technischen Versuche mit einem neuen
+Stahlverfahren nichts weniger als trocken, sondern dramatisch lebendig.
+Wir haben ein ausgezeichnetes Buch vor uns, das voll aus dem Leben
+geschöpft ist und Zeugnis einer echten Gestaltungskraft gibt. Der
+»Paragraphenlehrling« darf sich neben das bekannte Buch Rudolf Herzogs,
+des engeren Landsmannes Bloems, »Die Wiskottens«, ebenbürtig stellen.</p>
+
+<p class="mright5">Kölnische Zeitung.</p><br>
+
+<hr class="full">
+<p class="center">W. Moeser Buchdruckerei, Berlin S. 34.</p>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 ***</div>
+</body>
+</html>
+
diff --git a/75450-h/images/363_deco.jpg b/75450-h/images/363_deco.jpg
new file mode 100644
index 0000000..d6b34b0
--- /dev/null
+++ b/75450-h/images/363_deco.jpg
Binary files differ
diff --git a/75450-h/images/cover.jpg b/75450-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..b927f9f
--- /dev/null
+++ b/75450-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..fa88772
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #75450 (https://www.gutenberg.org/ebooks/75450)