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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75450-0.txt b/75450-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a1e5d80 --- /dev/null +++ b/75450-0.txt @@ -0,0 +1,9591 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 *** + + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription: + +Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. + +Für die verschiedenen Schriftformen sind folgende Zeichen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ +antiqua gedruckter Text+ + +======================================================================= + + + + + Der krasse Fuchs + + Roman + + von + + Walter Bloem + + + 47.-49. Tausend + + + Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, + von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten. + Copyright 1910 by Grethlein & Co. G. m. b. H. + Leipzig + + + + + Erstes Buch + + + + + I. + + +Aus hundert blühenden Apfelbäumen strich eine laue Welle Frühlingsduft +über die morgenflimmernde Chaussee, und aus den Büschen zu beiden +Seiten schmetterte Nachtigallenjauchzen. Feine Glockentöne waren in der +Luft. + + »Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt, + Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!« + +zitierte Werner Achenbach und schob seinen Arm in den des neben ihm +marschierenden Korpsbruders. + +»Du hast gut reden,« sagte der. »Bis du mal selbst vors lange Messer +kommst! Aber ich, siehste! Wer weeß, ob 'ch mei scheenes grades +Neeschen wieder wer' mit zuricke bring'n!« + +»Wie ist dir denn eigentlich zumute, Dammer?« + +»Nu, äbens doch e bißchen benaut,« sagte der stämmige kleine +Dresdener ehrlich. »Wenn's bloß wegen der Senge wäre, nu, das tät'n +mir schon machen, denk 'ch -- aber daß m'r ooch den Ansprichen eines +wohlleeblichen C. C. geniegt --« + +»Wieso?« + +»Nu, bei der ganzen korpsstudent'schen Fechterei kommt's doch eenzig +und alleene aufs gute Stehen an!« erklärte Dammer, und was sein +Leibbursch und sein Fuchsmajor ihm im vorigen Semester eingeprägt und +eingeprügelt durch die Filzmaske hindurch, das setzte er dem »Krassen« +in längerer Rede auseinander: daß der Hauptzweck der Mensur Erziehung +zur Standhaftigkeit und Charakterstärke sei. + +Werner hörte kaum mehr zu. Er sah den Frühling ringsum, er fühlte +die Jugend und Freiheit durch alle Glieder rieseln. Schwüler schon +flimmerte die Maisonne. Blendend flammte die Chaussee; aber das +strahlende Grün der Laubmassen in den Gärten, sachtes Grüßen der +schwellenden Waldberge labten das ermüdete Auge. Und aus den lichten +Büschen hoben sich viele schmucke Landhäuser, streckte sich droben das +graue Gemäuer des Marburger Schlosses in den sanften Morgenhimmel, und +zur Linken, wenn einmal die Gärten den Durchlug gestatteten, überflog +der Blick das breite, gesegnete Tal, durch dessen mattschimmernde +Fläche die Lahn ein flirrendes Band hindurchwob ... so schön war der +Frühling noch nie gewesen, selbst damals nicht, als Werner, das rote +Sekundanerkäppchen auf dem Kopfe, zum ersten Male zwei blonden Zöpfen +nachgestiegen war ... + +Student -- Korpsstudent ... Himmel, das war ja wie ein Traum. Und +plötzlich riß Werner mit der freien Linken die hellblaue Cimbernmütze +vom Kopfe, stieß einen wilden, formlosen Jubelschrei aus ... + +Nervös zuckte Dammer zusammen. »Nanu? biste verrickt geworden?« Seine +blassen Nasenflügel zitterten. + +»Ach so!« Werner fand es komisch, daß der andere, der Brandfuchs, Dampf +hatte vor seiner ersten Mensur. Und das war ersichtlich der Fall. Er, +Werner Achenbach, hätte am liebsten gleich einen Schläger in die Hand +genommen ... + +»Na warte nur, mei Jungchen, wenn du mal erscht den Rummel da draußen +wirscht kennen!« meinte der Ältere. »Nämlich sehre gemietlich is das +gerade nich, das kann 'ch dir sagen! Aber nu sei stille, jetzt kommt +mei Orakel!« + +»Dein Orakel?« + +»Nu äben! nämlich, hier zur Linken das große weiße Haus, das ist das +Pensionat Vogt, mußte wissen, un da nämlich, da is meine ~Sonne~ +dadrinne!« + +»Deine Sonne?!« + +»Nu ja, mei Mädichen nämlich, weeßte, mei sießes Mädichen! Kätchen +heeßt se, Kätchen Fröhlich ... un wenn ich die jetzt zu sehen krieg, +weeßte, dann is das e gutes Omen für mei erschte Mensur, verstehste?« + +Werner verstand und drückte ein wenig den Arm des neuen Freundes. +Beide forschten im Schreiten gespannt an der langen Fensterfront des +Pensionats, ob irgendwo ein Mädchenkopf sich blicken ließe. + +Umsonst ... in der frühen Morgenstunde waren alle die Fensterchen mit +weißen Vorhängen dicht verhüllt. + +»Du, was meenste, wenn m'r da mal kennt e bißchen hinterkucken?« meinte +der Sachse. + +Werner erschrak und wurde rot. Er hatte den gleichen Gedanken gehabt, +aber wie man den Mut und die Schamlosigkeit haben konnte, solch einem +tempelschänderischen Wunsch Worte zu leihen -- -- + +Sieh da: an einem der letzten Fenster öffnete sich inmitten der weißen +Gardinen ein Spalt: ein lieblich verschlafenes Köpfchen lugte einen +Augenblick hervor -- unter dem Kinn bauschte und knitterte der Vorhang, +als zögen da zwei Fäustchen das Leinen fest zusammen -- muntere Augen +spähten einen Moment zum Schloß empor, flogen dann zur Chaussee +hinunter -- und hui, war alles verschwunden wie weggeweht. + +Dammer war zusammengezuckt, hatte ohne Bedenken seine blaue Mütze +heruntergerissen. Nun preßte er den Arm des Korpsbruders: »Du, +Achenbach ... hast se gesehen? Das war se! Ach, Kätchen, Kätchen, +sießestes Mädichen!« + +Und dann richtete er sich stramm auf und schlug mit dem +silberbeschlagenen spanischen Rohr in seiner Rechten einen mächtigen +Lufthieb. »So, mei gutester Herr Pasche Guestphaliae, nu kenn' Se sich +meineswegens in acht nähm'!« und dann schmetterte er los: + + »Auch von Lieb umgä'm + Ist 's Studentenlä'm, + Uns beschitzet Fenus Cipriah, + Mäddchen, die da lie'm + Und das Kissen ie'm, + Waren stets in schwerer Menge da, + Aber die da schmacht'n + Und bladonisch tracht'n, + Ach, die liebe Unschuld tut nur so ... + Denn so recht inwend'g + Brennts doch ganz unbänd'g + Fier den kreizfidelen Studio!« + +Werner war ganz still geworden. Dieses plötzlich auftauchende blühende +Jugendgesicht hatte jählings in ihm aufgewirbelt, was seit seiner +Ankunft in Marburg, unterm ersten Ansturm der tausend neuen Eindrücke +des Studentenlebens geschlummert hatte: ein dumpfes, sehnsüchtig-süßes +Weh ... Und den Anblick des ruhesatten Gesichtchens ergänzte seine +beutelustige Phantasie durch ein Traumbild der ganzen Erscheinung, die +der neidische Vorhang verhüllt hatte: da mußte ja ein ganzer, lebender, +duftender Leib dazugehören, kaum verhüllt vom Nachtgewande -- ein +Mädchen ... ein junges, junges Weib ... + +Da war sie wieder, die tolle Sehnsucht, die ihn so oft gequält in +seinen drei letzten Schuljahren, auf harten Bänken, im öden Wechsel von +Mathematik und zerfetzten, mißhandelten und doch unverwüstlichen und +heimlich aufwühlenden Dichterworten ... + +Und im munteren Schreiten summte da die Melodie des alten +Burschenliedes und die seltsamen Worte in ihm nach: + + »Auch von Lieb umgeben + Ist Studentenleben, + Uns beschützet Venus Cypria: + Mädchen, die da lieben + Und das Küssen üben, + Waren stets in schwerer Menge da ... + Aber die da schmachten + Und platonisch trachten ...« + +also nicht alle trachteten platonisch?! »die da lieben und das Küssen +üben«?! Himmel --! + +Und seine Seele sprang aufgescheucht und ruhelos in ihm hin und her, +wie ein Raubtier im Käfig, wenn die Stunde der Fütterung naht. + +Indessen hatten die beiden Wanderer die letzten Häuser von Marburg +hinter sich gelassen und schritten nun munter aus, dem nahen Dörfchen +Ockershausen zu, wo die Marburger Korps allsamstäglich ihre Mensuren +schlugen. Noch war vom Ziele nichts zu sehen als der Morgenrauch, der +in blauen Säulchen über einem Schwall blühender Apfelbäume kräuselte. +Aber da nun die Chaussee schnurgerade vor ihnen lag, konnten sie sehen, +daß sie nicht die ersten waren. Vor ihnen marschierten schon, zu zweien +und dreien, in ganzen kleinen Trupps die Angehörigen der drei Marburger +Korps: die blaumützigen Cimbern, die hellgrünen Hessen-Nassauer und +die Westfalen in ihren weißen Sommerstürmern. Und auch von hinten +klang Geplauder und Lachen. Die ganze Landstraße war betupft von +bunten Farbflecken: den hellen, schmucken Anzügen, den gleißenden +Mützen und Bändern der Korpsstudenten, die in den Frühlingsmorgen +hineinmarschierten, nicht zu fröhlicher Lenzfahrt, sondern zu blutigem +Turnier. + +Dieser Anblick brachte Werner zur Gegenwart zurück und zu dem +herannahenden Erlebnis dieses Tages. Zum ersten Male sollte sein +junges Leben Waffen und Blut schauen. Und da befiel ihn denn doch eine +sachte wachsende Beklemmung. So friedvoll war seine Jugend verlaufen, +so sturmbehütet im sichern Elternhause, inmitten gleichstrebender +Freunde, nur den Studien, harmlosen Vergnügungen, vor allem den +Dichtern gewidmet ... erst die letzten drei Jahre hatten heimliche, +verschwiegene Ängste und Kämpfe gebracht ... Draußen war immer Friede +gewesen ... nun war's auf einmal anders geworden -- das Leben kam. Er +fühlte, wie ihm ganz langsam etwas die Kehle verengerte. Immer mehr, +ganz leise, aber stetig. Er mußte sprechen, um das Gefühl zu bekämpfen. + +»Kommst du zu allererst dran?« sagte er zu Dammer, der auch ganz still +und etwas fahl geworden war. + +»Nunee,« sagte Dammer, »das wär nu doch gerade keene wirdije Eröffnung +nich fiers Fechtsemester. Zuerst kommt unser Scholz kontra Seydelmann, +den Ersten von den Nassauern.« + +Scholz! bei diesem Namen hatte Werner Achenbach ein unbehagliches +Gefühl. Ein Gefühl -- ähnlich dem, das er, der zarte, geistige Knabe, +in der Schule stets den stämmigen Schulkameraden gegenüber gehabt, die +er in allen Unterrichtsgegenständen leicht und verächtlich hinter sich +gelassen, während sie ihm beim Turnen und Spielen mit Hohngelächter +über seine unbeholfenen und schwächlichen Versuche vergolten hatten. +Scholz! Eine hagere, riesige Gestalt, ein schmales, herrisches +Gesicht mit scharfen, gebietenden Augen, mit einem Munde, der meist +zusammengekniffen war, aber auch plötzlich lächeln konnte, flüchtig, +überlegen, halb mitleidig, halb spöttisch; einem Munde, dessen Lächeln +etwas Geheimnisvolles hatte ... etwas, das den Knaben Werner abstieß +und lockte. Scholz! den gefürchteten und für die Füchse unnahbaren +Senior des Korps -- den sollte er heute fechten sehen ... das konnte +ein Schauspiel werden. Und bei diesem Gedanken empfand Werner ein +seltsames Doppelspiel der Empfindungen: jenes physische Mißbehagen +in der Kehle und zugleich im Herzen ein neugieriges, schauensfrohes +Jauchzen. + +»Gib mal Achtung,« sagte Dammer, »das wird e wiestes Geflitze wer'n, +das Mensierchen. Der Scholz und der Seydelmann, die haben im vorichten +Winter schon eemal zusammen gefochten, das war e beeses Gemärsche, das +kann 'ch dir nur sagen. Damals haben sie ausgepaukt.« + +»Ausgepaukt? Was heißt das?« + +Dammer erklärte dem Novizen, es gäbe zweierlei Arten von Mensuren: +Bestimmungsmensuren und Kontrahagen. Bei letzteren sei ein unangenehmes +Zusammentreffen und demnach eine Forderung vorausgegangen: das sei aber +unter Korpsstudenten Ausnahme: meist fechte man nur aus Bestimmung, +das heißt, die zweiten Chargierten der drei Korps kämen zusammen und +machten untereinander aus, welche ihrer Korpsbrüder gegeneinander auf +Mensur treten sollten: das seien also lediglich Turniere ohne alle +persönliche Feindschaft. + +Und derjenige Fechter, der allen andern im Seniorenkonvent, also unter +allen aktiven Korpsstudenten der Hochschule, überlegen sei, den nenne +man den S.-C.-Fechter. Zwischen Scholz und Seydelmann sei das noch +unentschieden, und obwohl die Mensur des letzten Winters beide Fechter +viel Blut gekostet, sei sie doch ohne Entscheidung zu Ende gegangen, +keinem der Rivalen sei es gelungen, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit +den andern kampfunfähig zu machen. Nun solle der heutige Morgen gleich +zu Anfang des Semesters die Entscheidung bringen. + +»Ich für mein Teil, weeßte, ich möcht ja schon am liebsten, daß wir +Cimbern täten den S.-C.-Fechter haben, aber was der Scholz is, das +hochmietige Luder, weeßte, dem tät 'ch schon genn', daß er mal e paar +ticht'ge über die Schnauze tät kriegen. Freilich, seine Mädchens, die +täten scheene traurig sein.« + +»Seine Mädchen? Hat er denn mehrere?« + +»Nu, der? Hinter ihm sein se doch alle her, wer weeß wie sehr! Von dem +laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.« + +Werner fühlte etwas wie einen Stoß, der von unten, vom Magen her, +gegen das Herz geführt worden wäre. Was --?! so etwas ... so etwas +Fürchterliches ... das gab's?! + +Da lies ein junger Mann von -- na vielleicht von zwei-, dreiundzwanzig +Jahren in Marburg umher, trug die Mütze eines Korps, war sein +gefürchteter und gefeierter Senior, und hatte ...? + +»Unehelich: +pelice ortus, spurius, incerto+ oder +nullo patre +natus+« rezitierte etwas in seinem Innern ganz mechanisch. + +Ja, was war denn das für eine Welt, in der ... war denn so etwas keine +Schande?! Machte denn so etwas nicht verächtlich, unwürdig, unehrlich?! + +Werner schauderte. Ein Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit, Heimweh +überkam ihn. Und dann dachte er wieder an Scholz, an sein ehernes +Gesicht, sein spöttisch-mitleidiges Lächeln, seinen Herrscherblick. +»Hinter dem sein se doch alle her --?« Und ... ~so~? ~der~ +kannte das alles, was in Werners Seele seit ein paar Jahren als +brennendes, verzehrendes Rätsel gärte und wühlte, was in schlaflosen, +schwülen Nächten seine jungen Glieder umherwarf ... der hatte Mädchen +umfangen, dem hatte die Schönheit des Weibes sich hingegeben ... und +von all diesen Erfüllungen gab's Zeugen in Marburg ... kleine Menschen, +lebende, zappelnde ...? + +Ganz verworren marschierte Werner dahin. Beide schwiegen; Erich Dammer +dachte an seine nahe Mensur und ahnte nicht, was für Stürme in der +Seele des Jünglings tobten, dessen Arm in dem seinen hing. Er, der +Großstädter, war früh witzig geworden ... Nur den einen Wunsch hatte er +an die Zukunft in diesem Augenblick: daß er schon sechs Stunden älter +sein möchte und alles vorüber ... Er mußte noch einmal anfangen zu +sprechen und fragte: + +»Hast du dir ooch schon e Leibburschen ausgesucht?« + +»Nein,« sagte Werner auffahrend. »Ich ... es ist ja wohl noch Zeit ... +ich bin doch erst zehn Tage in Marburg.« + +»Ja, nimm dir nur e bißchen Zeit,« sagte Dammer, »sieh dir se nur e +bißchen gründlich an, die Herren C. B. C. B. Und vor allem: daß du nu +nich am Ende gar den Scholz nimmst. Erschtens: er geht balde weg, und +dann: schlecht tut er sie behandeln, seine Leibfichse, nu ja, die ha'm +nischt zu lachen.« + +Inzwischen waren die Wanderer in das Dörfchen Ockershausen eingerückt. +Hier umsäumten verschnittene Weißbuchenhecken den Pfad, braune Dächer +lugten aus dem Grün, manche Häuser standen, aus gelbem Lehmfachwerk +mit schwärzlichen Balken erbaut, dicht an der Straße, und durch ihre +breiten Tore und Einfahrten fiel der Blick in die Höfe voll Ackergerät, +Stallungen und Mist. Dorfkinder lärmten an der Straße, die Jungens auch +in der Sonnenglut in verschlissenen Pelzmützen, die Mädchen in jener +schmucken Hessentracht, die Haare nach dem Scheitel zu gestrichen, das +magere Krönchen von dem bebänderten Rotkäppchen bedeckt. Sie begrüßten +die lang vermißten Studenten mit einem Freudengeheul und begleiteten +sie, die Kleinsten, Stolpernden, an der Hand fassend: »Hurra! die +Cimbern sein widder da! Hurra, die Nassove! Hurra, die schwazze +Weschtfale!« + +Und nun war man am Ziel: dem Wirtshause von Ruppersberg. Ein +bäuerliches Anwesen, von den andern nur unterschieden durch einen +Fachwerkbau von zwei Stockwerken, der unten Ställe, oben aber einen +geräumigen Saal enthielt. Man stolperte eine steile Treppe empor, +nun sah man links in den Saal hinein, in dem schon Gruppen von +Korpsstudenten sich ansammelten; rechts zog sich ein Flur, auf den +niedrige Türen stießen ... + +»Willst mal die Flickstub' sehen?« sagte Dammer zu dem Neuling und +stieß eine der Türen auf. Ein betäubender Dunst von Karbol und +Jodoform schlug Werner entgegen: er erkannte rechts am Fenster, an +einem kleinen Tische, eine Gestalt in Hemdsärmeln und schwarzer +Lederschürze: es war der Paukarzt, ein Mediziner kurz vor dem +Staatsexamen und inaktiver Korpsbursch der Cimbria, Wichart mit Namen, +ein gemütlicher, heiterer Marburger. Der stand gebückt und hantierte +mit einem blinkenden Schwall von merkwürdigen und unheimlichen +Instrumenten, flachen Schalen, Waschbecken, Flaschen ... nun hob er +etwas gegen's Licht: es war eine krumme, starke Nadel, wie ein kleiner +Finger lang, in die fädelte er einen langen Seidenfaden hinein. + +Und an der andern Seite stand Scholz, bis an die Hüfte nackt, vor ihm +Peter, der Korpsdiener der Cimbern, ein gutmütiges Doggengesicht; er +hatte ein blendend weißes Paukhemd über die Arme gestreift und raffte +es in Falten, um es dem gestrengen Senior überzustreifen. Werner +starrte den sonnübergleißten Jüngling an -- der Apoll von Belvedere +stand vor ihm, oder der Apoxyomenos, und in der Ferne dämmerte die +Gestalt des leuchtenden Achilleus ... vollkommen schön war dieser +stählerne Leib gebildet, und darüber das kühne Gesicht, dessen linke +Seite durch zahlreiche Hiebnarben einen mittelalterlich wilden Ausdruck +erhalten hatte, während die gänzlich unberührte rechte Seite die +Idealität eines antiken Kopfes zeigte ... Und da mußte Werner denken, +wie Dammer gesagt hatte: von dem laufen in Marburg wenigstens drei +Bälger herum ... und ihm war's, als säh' er an diese Brust, an diese +Schultern geschmiegt einen Mädchenkopf, einen blonden ... und nun +war's auf einmal ein schwarzer ... und nun ein rötlich-blonder ... und +aus den Umarmungen der Schönheit und der Stärke jedesmal entsproß ein +junges Leben ... doch +pelice natus, spurius, sine patre+ oder ++incerto patre natus+ ... + +Aber nun hatte Scholz die Angekommenen bemerkt. »Was habt ihr da zu +gaffen, Füchse? Schert euch in den Saal!« Beschämt schlichen die beiden +Jüngeren hinaus, und Werner folgte Dammer in den Fechtsaal. + +Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Im bäuerlich getünchten, von +rechts und links durch je vier Fenster erhellten Saal standen Reihen +Tische an den Fensterwänden entlang; hinten war das Gemach durch eine +Schmalwand abgeschlossen; darin war eine Orchesternische eingelassen, +von deren Fußgestell herab Sonntags die Tanzweisen dörflicher Fiedler +ertönen mochten. Aber wo sonst die Paare im Reigen sich drehten, +da wurde nun alles für ein ernsteres Schauspiel bereitet: inmitten +von buntbemützten Gruppen plaudernder Jünglinge standen zwei in +Hemdsärmeln, mit einem ungefügen Schurz um die Lenden, der beim +einen die Farben grün-weiß-blau, beim andern blau-rot-weiß trug -- +im letzteren erkannte Werner den vorläufigen zweiten Chargierten +seines Korps, den schönen, stämmigen, wangenroten und augenleuchtenden +Mediziner Willy Klauser. Beide Herren trugen ferner eine hohe, +steife Halsschutzbinde, gelbe Armstulpen und wüste Mützen mit weit +vorspringenden Lederschirmen. Es waren die Sekundanten, die eben in +Gegenwart des Unparteiischen, eines lockigen Westfalen, mit steifem +Zeremoniell gravitätisch die Mensur abmaßen und durch zwei rücklings +gegenübergestellte Stühle bezeichneten. Und um sie her stand man +in Gruppen zusammen, begrüßte sich, umdrängte den bierschleppenden +bäuerlichen Kellner und entriß ihm die Gläser, um den Nachdurst +der Spielkneipe und die Hitze des Morgenmarsches zu kühlen. Aber +die Gruppen der blauen, grünen und schwarzen Mützen hielten sich +gesondert, und nur ein gelegentliches »Herr Soundso, darf ich mir +gestatten?« schwirrte über die Klüfte hinüber, so die rivalisierenden +Völkerschaften der Cimbern, Westfalen und Nassauer trennten. Nun +schmetterte plötzlich Gelächter: in der Tür erschien ein schmächtiger +Westfalenfuchs und trug sorgsam unterm Arm einen korbartigen Käfig aus +Weidenruten, in dem ängstlich ein weißes Huhn gackerte. Das überreichte +er mit höflich abgezogener Mütze dem Paukarzt der Westfalen mit den +Worten: das sei das Mensurhuhn. Neues schallendes Gelächter der +ganzen Versammlung: Werner ließ sich von Dammer erklären, das sei ein +Fuchsleim, ein uraltüberlieferter Scherz: man habe dem guten Jungen +eingeredet, er müsse ein Huhn besorgen, aus dessen Fleisch etwaige +abgeschlagene Nasen sofort ersetzt werden könnten. + +Indessen entstand eine Bewegung an der Saaltür: in vollem Mensurwichs, +durch die breite schwarze Paukbrille häßlich entstellt, betrat den +Saal der Senior der Hasso-Nassovia, ein vierkantiger, stierschultriger +Gesell, den mit seidenen Binden dick umwickelten rechten Arm auf die +erhobenen Hände eines Fuchses gestützt, schritt auf einen der die +Mensur bezeichnenden Stühle zu, lehnte sich mit dem Gesäß an dessen +Lehne und ließ mit gemachter Ruhe und Gleichgültigkeit seine aus der +Paukbrille hervorfunkelnden Augen durch den Saal gleiten. Noch summte +das Gespräch, etwas leiser, weiter, nur die Zigarren ließen bläuliche +Kringel über die Versammlung emporsteigen. Aber sachte begann man sich +doch im Kreise um den Kampfplatz zu scharen, und eine Erregung begann +und schwoll an, als nun auch die Tür zum Bandagierzimmer der Cimbria +von innen aufgestoßen wurde und Scholz erschien. + +Werner fühlte, wie ein Frösteln ihm durch alle Glieder lief. Vergebens +suchte er sich an seinen Primanererinnerungen aufzurichten, Bilder +homerischer Heldenkämpfe in sich heraufzubeschwören: ihm schauderte +das ungestählte, friedgewohnte junge Herz. Und er vermochte den Blick +nicht vom Gesichte des Korpsbruders zu wenden: auf der schmalen Wange +zwischen Paukbrille und Halsbinde flammten jetzt die alten Narben, in +gebändigter Kampflust flackerten die grauen Augen aus den kurzen Röhren +der Brille hervor, unter dem weißen Bausch des Paukhemdes meinte man +alle Nerven sich straffen, alle Muskeln sich anspannen zu sehen. + +Nun klangen aus dem Munde der beiden Sekundanten, des Unparteiischen +ein paar rasche formelhafte Wechselworte, die Werner in seiner Erregung +nicht verstand; dann vernahm er das Kommando: »Fertig!«, und beide +Fechter taten, aufgerichtet, den rechten Arm mit der Waffe hoch +aufgereckt, ein paar feste, schnelle Schritte nach vorn, so daß sie auf +anderthalb Armlängen einander gegenüberstanden. Die Sekundanten setzten +rasch von hinten den Fechtern ihre großen Sekundiermützen auf, und +Klauser kommandierte gelassen: »Los! Halt!« Das war der »Scheingang«; +die Sekundanten setzten ruhig ihre Mützen wieder auf, kauerten nun wie +sprungbereite Katzen zur Linken ihrer Paukanten nieder, und abermals +klang's, aber jetzt heiser und erregt, in die Totenstille hinein: + +»Fertig!« -- »Los!« + +Und krach, krach, dröhnten drei-, viermal die blechgeschützten Körbe +der Schläger aneinander, dann klirrte ein doppeltes »Halt!!« und von +beiden Seiten warfen die Sekundanten die stumpfen Klingen ihrer +Schläger, ihre stulpgeschützten Arme zwischen die Fechter und trennten +sie. + +»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu +konstatieren!« rief, Triumph in der Stimme, der Nassauersekundant. + +Werner war's blau und schwarz vor den Augen geworden: mit Mühe zwang +er eine Bewegung seiner Eingeweide nieder, die seinen Mageninhalt +ausstülpen zu wollen schienen, und sah unverwandt Scholzens Gesicht +an. Nun fuhr aus dem wirren, dunkelblonden Haar des Seniors ein roter, +senkrechter Strich über Stirn und Wange, und dann schossen auch gleich +ganze Bäche Bluts über das Gesicht, röteten das Weiß des Paukhemdes und +rannen auf den Boden. + +»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der +Unparteiische ruhig, ohne sich vom Platze zu bewegen, und machte +eine Notiz. Nun kam der Paukarzt Wichart, die Hemdärmel wie ein +Schlächtergeselle aufgekrempelt, bedächtig heran, einen nassen, +karbolduftenden Wattebausch in der Hand, untersuchte die Wunde, die +nun auf der linken Kopfseite als langer, klaffender Spalt durch die +ganze Kopfhaut sichtbar wurde, fühlte mit dem Zeigefinger hinein und +machte plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Er sah Klauser an, Klauser +schüttelte heftig mit dem Kopfe; da zog Wichart die völlig blutbedeckte +Hand zurück und sagte: »Na, meinetwegen!« + +Was, dachte Werner entsetzt: ist das denn jetzt nicht aus? Ihm +flimmerte alles vor den Augen: er trank hastig einen tiefen Schluck +Bier. Und wie er den blutüberströmten Kopf da anstarrte, fiel ihm +wieder ein: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum. + +Es war nicht aus. Wieder kauerten die Sekundanten nieder, flogen die +Klingen der Fechter in die Luft, klangen die Kommandos, krachten die +Waffen zusammen, und abermals nach wenig Hieben dröhnte das »Halt!« der +Sekundanten, und sieh, nun klaffte Scholzens linke Wange vom Ohr bis in +die Mitte des Jochbeins. Wieder schoß das Blut hervor, aber kein Fleck +des Gesichts war mehr weiß, den es hätte färben können. + +Und abermals untersuchte Wichart, runzelte bedenklich die Stirn und +ließ dann doch die Mensur weitergehen. + +Als abermals die Klingen in der Luft standen, stieß Dammer den neben +ihm stehenden Werner an und wies mit den Augen auf Scholzens Klinge: +die zitterte nervös, wie rachgierig: »Gib acht, jetzt tut er's ihm +gä'm.« + +Kommando, Zusammenkrachen der Waffen, dreimal, dann schneidendes Halt +der Sekundanten und ein unwillkürlicher Laut aus aller Munde: drei, +vier Strahlen roten Blutes spritzten meterweit aus der Schläfe von +Scholzens Gegner über die Mützen und hellen Anzüge der Versammlung. +Hart über dem Riemen der Paukbrille hatte Scholzens »Durchgezogener« +dem Gegner das linke Ohr und die ganze Schläfenbreite gespalten. Ohne +auch nur einen Moment länger hinzusehen, sprang der Hessen-Nassauer +Paukarzt von hinten mit einem großen Watteballen auf Seydelmann zu, +bedeckte mit der Watte dessen linke Kopfseite, preßte mit beiden +Händen den Kopf zusammen, sagte »Raus!«, drehte seinen Patienten herum +und führte ihn durch den sich öffnenden Schwarm hinaus, während der +Nassauer-Sekundant in ärgerlichem Tone seinen Paukanten für abgeführt +erklärte. + +Ein schwaches Hohnlächeln um die blutbekrusteten Lippen, von den +Glückwünschen der Korpsbrüder umringt, verließ nun auch Scholz den +Saal. + +Während aufgeregte Gespräche den weiten Raum durchschwirrten, suchte +Werner den Weg zur Tür, stolperte die Treppe hinab und ging in den +Garten, um frische Luft zu schöpfen. Da standen in langen Reihen rohe +gestrichene Tische und Stühle, Wäsche hing an Leinen, und im Dickicht +am sonnenflimmernden Bach entlang schmetterten die Nachtigallen; über +den Wiesen stieg Lerchengetriller in die Luft, und der Jasmin und +Flieder dufteten um die Wette. Und wieder fiel dem jungen Studenten +sein Kleist ein: + + »Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme! + Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt, + Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen! + Die Sonne schimmert rötlich durch die Wolken, + Und die Gefühle flattern mit der Lerche + Zum heitern Duft des Himmels jubelnd auf!« + +Und doch war's ihm, als sei es ein süßes Ding, sich zu schlagen. Doch +war ihm, als sei alles, was er sich auf seiner Schulbank geträumt, nun +Leben geworden, als kenne er sie nun wirklich, die düster-herrischen +Reckengestalten seiner Dichter. Schauder und Liebe rangen in seiner +Seele, die nun ihren Helden gefunden hatte: ja, er, der reine, +scheue Knabe, liebte den Jüngling an der Schwelle der Mannesjahre, +den S.-C.-Fechter, den, von dem »wenigstens drei Bälger in Marburg +herumliefen« ... liebte ihn mit jener bangen Scheu, mit der er das +Leben liebte, an dessen geöffneter Pforte er nun plötzlich stand. + +-- -- Es war vorüber. Noch acht weitere Mensuren hatten stattgefunden: +auf die Dielen des Saales hatten die Korpsbrüder mehr als einmal +Sägemehl streuen müssen, um das geflossene Blut aufzusaugen, und als +die Schar nach getaner Arbeit gen Marburg aufbrach, da schwamm im Saale +ein Dunst, aus Schweiß, Blutgeruch, Bier und Tabakrauch gemischt. ... +Auch Dammer hatte seine ersten Nadeln bekommen im Verlauf eines wenig +aufregenden Kampfspiels, das sich nicht gar sehr vom Zusammenschlagen +der Klingen beim festlichen Landesvater unterschieden hatte. Aber +Achenbach gesellte sich auf dem Heimwege nicht zu ihm. Er wußte es +einzurichten, daß er beim Heraustreten aus dem Ruppersbergschen Hof an +Scholzens Seite kam. Scholz trug über seinem fahlen, verschwollenen +Gesicht einen mächtigen weißen Wickelverband, über den er statt der +Coleurmütze eine schwarze Mensurkappe gezogen hatte. Er war etwas +überrascht, als er das schlanke Füchschen neben sich sah. Das stammelte +errötend seine Bitte, wie ein Liebesgeständnis: + +»Scholz, ich möchte dich bitten, mein Leibbursch zu werden.« + +»Hm -- sag' mal, ich hab' deinen Namen noch nicht behalten.« + +»Achenbach.« + +»So ... aus Elberfeld, nicht wahr?« + +»Ja.« + +»Also, mein lieber Achenbach, ich bleib' nur noch drei Wochen hier ...« + +»Nur noch drei Wochen?« + +»Ja -- dann werd' ich inaktiv und geh' nach Berlin ... aber für die +drei Wochen ... gut.« Er hatte einen scharf prüfenden Blick auf das +Studentlein geworfen. »Also schön ... Leibfuchs Achenbach.« Ein +Händedruck, ein rasches Verweilen Aug' in Auge, dann war Achenbach +entlassen, und Scholz gesellte sich zu seinem Sekundanten Klauser. + +Eben rasselte eine Kalesche an den Marschierenden vorbei nach Marburg +zu, drinnen ein paar blasse, verbundene Gesichter; Werner erkannte +den Bulldoggkopf des Nassauerseniors und sah, daß auch Scholz den +besiegten Gegner erkannt hatte: mit einem kurzen Anlegen der Hand an +seine Mensurmütze grüßte Scholz in die Kutsche hinein, aber nicht das +leiseste Lächeln des Triumphs war auf seinen fest geschlossenen Lippen +zu entdecken. + +Werner hielt sich dicht hinter seinem neuen Idol. Dammer gesellte +sich zu ihm. Still und etwas müde trotteten beide den Heimweg bei +sinkender Sonne, deren Abendstrahlen das ruhevolle Tal mit unsäglichem +Abendfrieden übergoldeten. Oben stand das Schloß noch in vollem +Glanz; über die Wipfel der Chausseebäume strich sehnsüchtig ziehender +Schwalbenflug. + +Als die heimkehrenden Studenten näher an Marburg herankamen, zogen +ihnen mancherlei Spaziergänger entgegen: darunter vor allem die +Primaner und Sekundaner des Gymnasiums, die in den Angelegenheiten der +Studentenverbindungen manchmal besser Bescheid wußten, als im Sallust +und Aeschylos: und ferner ... die Sonnen ... + +Neugierig durchmusterten die jungen, hübschen Marburgerinnen die +buntbemützte Schar, und ängstlich spähte manch ein rosiges, blauäugiges +Gesicht, ob man »Ihn« auch nicht zu schlimm zugerichtet ... + +Und Werner dachte: ob wohl auch ihm einmal so ein zartes, schmiegsames +Figürchen entgegenspähen würde? Dabei fiel ihm ein, daß das ja doch +nicht sein dürfe, weil sein Herz der Trägerin eines gewissen Paares +blonder Zöpfe die Treue gelobt hatte ... ach, nur sein Herz ... aber +die war weit ... weit ... und nie, seit der Tanzstunde, hatte er ein +Wort mit ihr gesprochen ... und dann, war er nicht jetzt Student?! + + »Aber die da schmachten + Und platonisch trachten ...« + +Himmel ... konnte man denn solch ein junges, holdseliges Geschöpf +anders als platonisch ...? + +Niemals -- niemals! + +Da stieß Dammer Werner an: »Nu gib mal äbens e bißchen Achtung! +Nämlich, die da links kommt, das is Lenchen Trimpop, Scholzen seine +jetzige!« + +Und da kam in schlichtem, weißem Strohhütchen, in einem hellblauen, +verwaschenen Kattunkleidchen eine vollerblühte Mädchengestalt ... nie +hätte Werner es für möglich gehalten, daß so ein junges, liebliches, +jungfräuliches Geschöpf ... ach, gewiß schwindelte Dammer auch nur! +Sie glühte über und über, als sie Scholz erblickte: der grüßte sie +vollkommen wie eine Dame, und sie dankte sittig und zeremoniell. War's +möglich? Nein -- unmöglich!! Unmöglich!! Und doch -- + + »Aber die da schmachten + Und platonisch trachten, + Ach, die liebe Unschuld tut nur so --« + +sang nicht so das alte rauhwuzige Renommistenlied?! + +»Du ... nu jetzt kommt äbens meine Sonne!« sagte Dammer und glänzte wie +ein Gänsefettbemmchen. Er riß die Mütze herunter, und drüben nickten +die Köpfe von acht Backfischchen, die paarweise zum Spaziergang zogen, +von einer spinösen Mademoiselle geführt ... »Hast se gesehn? Die gelbe +war's, die in dem gelben Fähnichen! Ach, Kätchen, sießestes Mädichen! +Ob sie wohl mei' Kompresse gesehen hat?« -- + +An diesem Abend betrank sich Werner Achenbach besinnungslos unter der +Cimbernlinde in Maibowle und Jugendfieber. + + + + + II. + + +Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte +keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter +Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der +sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben +an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von +Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter +der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke +lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich +in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu +münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade +da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem +eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen +rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und +schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die +weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß, +weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die +Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe +das bescheidene Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner +vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und +ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der +frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die +nun vollchörig den Sonntag einläuteten. + +Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein +geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich +durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war, +strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses +zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des +Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend +Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen +nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen, +das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die +kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen, +geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch? +Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ... +Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid, +aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die +neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat, +das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge? +Was hatte der Kaiser zu sagen, was der Fürst von Reuß ältere +Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war +Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein +Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon +hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des +Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz +der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ... + +Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde +sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von +Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der +Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam +sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig +prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen +zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von +beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor +sich? + +So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man +mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ... + +Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen +Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben +vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf +diesem engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren +... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen +Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas +leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und +Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ... + +Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern +war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten +Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern +zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und +Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen? + +Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm +zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt +hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich +hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen. + +Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria! + +Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze +hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das +neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es +zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen könnten, in Mütze +und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling! + +Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften +seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ... + +Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu +hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd, +oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor +der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und +kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ... +nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ... + +Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe +an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen +Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke +nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ... + +Oh, er wußte das alles ja noch so gut! + +Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den +befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine +gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit +Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit +ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts +von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben. + +Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht geben lassen. +Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem +Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen +hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und +Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül +und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen. + +Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit +seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu +früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und -- -- nicht in Einigkeit und +herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ... + +Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ... +hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter, +verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen +... + +Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen +in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten +Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große +Vorderzähne blitzten -- zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer +vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem +Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und +da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume +gefunden ... + +Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was +Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den +Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst, +alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens +blonden Scheitel. + +Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß +er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit +in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des +Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben +gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht +verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes +Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon +gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen. + +Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr. + +Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der +hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte. + +Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund, +der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos +verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und die +Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal +bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige +Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie +gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen +einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten, +Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen +Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder +ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie, +oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm, +daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert +rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte +es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien +immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem +Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ... + +Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte, +so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke +der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas +Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie +stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend +Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ... + +Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines +schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim +Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der +Schlüssel zum Vorhof des Lebens ... + +Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und +Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und +Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen +hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir +ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird +einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist +und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und +zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen +genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack +der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit +und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre +deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger +Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ... + +Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...! + +Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch +niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die +Menschen dazu, etwas anders zu machen, als ihre Väter und Mütter +es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von +Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem +er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ... +eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll +Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe +einsam bleiben und leiden. + +Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf +... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde +anzuvertrauen ... + +Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem +vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg +oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des +vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen +... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen +Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler. + +Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher +Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die +Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er +mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ... + +Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen und suchen müssen ... +und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und +Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden +und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner +Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ... +schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen +Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen -- -- aber seine +Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn +mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht +-- so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in +seiner einsamen Qual ... + +~Und nun?!~ + + »Auch von Lieb umgeben + Ist Studentenleben« + +Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf -- -- + +Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese +muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und +Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer +Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner +Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde +und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und +Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders, als das blutige +Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe. +Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus +geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man +auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen +mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner +Kommilitonen ... + +Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das +waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von +Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl +durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde +-- -- + +Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ... + +Und da sollte er mittun? + +Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen, +Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior +der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch +ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten +dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze +blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn +möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem +sehnsuchtbebenden Knaben? + +Aber eine andere Stimme war in ihm -- das Bild seiner Mutter stieg +vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder +unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein +anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines +Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an +die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ... +in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte +ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe, +unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt +hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan -- -- nein -- rein +bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch! + +Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung! +ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu +versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu +küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu +pressen mit flatternden Händen --! + +Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und +schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die +ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die +leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. -- + +Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand, +die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen +kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum +Tode fürs Vaterland -- eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner +fielen die Verse ein: + + »Halten will ich stets auf Ehre, + Stets ein braver Bursche sein ...« + +Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?! +Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ... +aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was +er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus +sein ... + +Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine, +überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen +Wasser, und ihm wurde wohl. + +Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in +sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse +hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im +ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und +marschierten der Elisabethkirche zu. + +Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein +Weckruf des Lenzlebens da draußen drang das hinein in seine Klause. +Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel +Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein +Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen +Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins +dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den +Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend +wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche, +nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder +unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch +Mann und Weib vereinigt! + +Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde, +nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und +dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das +unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens +geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine +unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen. + +Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne +in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel +Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen +Geschlechts zu stürzen und aus ihm den Himmel der Erfüllung und +Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an +ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ... + +Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die +helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er +sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer +verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte +er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus, +seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte +er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer +höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner +augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen +der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm, +als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt +aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen +Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit +tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend +weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger +Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings +um den Leib trug -- denn so wulstig setzte der Rock hoch über den +Hüften an; unten -- er reichte kaum über die Knie -- säumten ihn zwei +dunkelgrüne Tuchstreifen, und drunter schauten die drallen Waden vor +in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen +Lederpantoffeln -- das war die Tracht -- die derben, verarbeiteten +und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn +sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein +freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus +harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich, +verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich +hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und +dann still und demütig verschwinden. + +Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das +war ... ja, wer nur? + +Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar +Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches +Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig +aufstieg. -- + +»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die +Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?« + +»Nein, Fräulein ... Rosalie ...« + +»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht +das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« -- Es klang fast +wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem blühend +wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von +uralter Volksherrlichkeit verriet ... + +Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein -- hoffentlich +für mehr als einmal.« + +»So? meine Se?« + +»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak +über seine eigene Kühnheit. + +»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut --« + +»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher, +wenn Sie wieder draußen sind --« + +»Was ich mir dafür kaafe tu!« + +Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen, +blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den +runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so +behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was +er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude +Morche, Herr Achebach -- un auf gude Freindschaft, gelle?« + +Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und, +was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein +neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür, +noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. -- + +Himmel! die und mit ihm unter einem Dache! + +Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür. +Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr +... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu +war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel +auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel +... nicht mehr ~ein~ Weib war's, das sie verlangten, sondern +dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem +Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten +heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens, +war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die +Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies +Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer, +die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt -- und Sättigung +erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln. + +Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria +... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf +die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern, +in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch +Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant +mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig +verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich aus der Einsamkeit +seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als +eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse +entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen, +in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren +Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten +war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und +Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das +nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre. + +Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern +Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener, +dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen +der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der +»freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch +wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen +Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war +erlaubt ... + +Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die +deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen +Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren +aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer +kindischen Rivalität und Neidhammelei ... + +Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner +Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der +ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu +tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die +Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit +dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte, +welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern +feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder +Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber +und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese +bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der +Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister +mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer +Lieblinge zu. + +Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne +teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte, +schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth +»Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine +Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen +vor. -- + +Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des +Steinwegs kam Scholzens Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er +war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm +statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse +auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar +martialisch und reckenmäßig aus. + +Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten +Morgen, Leibbursch!« + +Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach +-- Morgen! Kater?« + +»Keine Spur.« + +»Wohin?« + +»Zur Elisabethkirche.« + +»Mädels begaffen?« + +»Haha! ja!« + +»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.« + +»Was? Mit deinen Schmissen?« + +»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.« + +»Morgen, Leibbursch.« + +Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem +gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab. + +Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war +ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich, +sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit, +sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und +so weit Schwärmer, als sich das mit dem im Korps herrschenden Ton +vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten +plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der +eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte +wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ... + +Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme +von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben +setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der +alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren +nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der +evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn +das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten +Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther +und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen +Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen; +und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine +protestantische Predigthalle geworden. + +Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen. + +Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur +Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder +andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am +Hellgrün erkennen -- beides selbstverständlich, soweit der Teint es +zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ... + +Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke, +sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte +einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen +her kannte -- selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die +gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser +um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren +wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten +zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck, +den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen +Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich +reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren +körperlichen Schmerz ... + +Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden +Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes +Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem +fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur +Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da +wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur +schönen Adelheid las. + +Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte, +seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas +anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er +seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ... +etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten, +als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten +war ... + +Was war es denn? + +Liebe --?! + +Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe? + +Oder gab es am Ende nicht nur ~die~ Liebe, sondern Liebe von +vielerlei Art? + +Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen +seines aufgewühlten Herzens. + + + + + III. + + +Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm! +bumm! bumm! »Herr Achebach!« + +Tiefe Stille drinnen. + +Bumm! bumm! + +»Herr Achebach!« + +»Hrrm -- hö -- hm.« + +»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm -- bumm!! + +»Wa? -- was gibt's -- wer ist denn da?« + +»Ich bin's!« + +»Wer -- ich?« + +»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum +Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!« + +»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!« + +»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!« + +»Ne, ne, is gut!« -- -- + +Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle +Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste +Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des +Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen, +und nun gar früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen +war -- ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und +nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden +schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe -- Zuspätkommen drei Mark -- also +in Satans Namen -- raus!! + +Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das +Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen +-- -- so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den +gemarterten Schädel -- ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider -- +Donnerwetter -- da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte +er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird +'ne Buchs' draus! Weste, so -- nun das Band umhängen, aber nicht wieder +verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr, +ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt -- so, nun +rasch einen Schluck Kaffee -- das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im +Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab, +trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den +Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben! +Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach! +Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!« +Himmel, wie war's nur möglich, so viel Bier in einen armen kleinen +Menschenmagen hineinzuschütten -- --! + +Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie +stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in +seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht +zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war -- oder +gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe? +Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte +Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und +so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer +freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt +war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren! + +Renoncen -- das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse -- +jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die +mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos +strammen Korpszucht unterwarf! + +Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte +alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen, +wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach +altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig +schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den +Kopf, nun den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten! + +Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig +ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub. + +»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und +herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche, +alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die +Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen -- und da +gab's nichts zu lachen ... + +»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort +zurück in die Parade!« + +Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen, +dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske. + +»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal +abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch +leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner +eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und +Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer +dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun +Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den +Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen! + +»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das wollen wir dir schon +austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den +Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So, +jetzt wird's schon besser -- Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken, +wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!« + +Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den +Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und +dann ging's zum -- Friseur. + +Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer +gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich +nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage +zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen, +pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken +und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt +... + +Und dann: »Wo gehst du hin?« -- »Ich? Ins Kolleg.« -- »Was? Ins Kolleg? +Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner +wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts +zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ... +Kolleg ist für die Minderbegabten ...« -- »Ich gehe aber doch ...«-- +»Na gut, wenn du dir nicht zu schade bist für den Stumpfsinn, den die +Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.« + +Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der +Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere +Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen +Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. -- Werner blieb standhaft; +wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und +strebte zur Universität ... + +Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen +Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ... + +Im Institutionen-Kolleg vielleicht anderthalb Dutzend Hörer. Der +Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,« +begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes, +vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich +denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der +klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener. +Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit +typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und +Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter +einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese +sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen +Rechtsentwicklung ...« und so weiter in dieser Tonart. Die Hörer +versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen +Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen, +verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete, +ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen +an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen +anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen +aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie, +eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren +vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen +... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen, +seelenlos und wie zu Seelenlosen ... + +Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ... +aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr, +das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen +Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem +er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern, +schwimmen, rudern, poussieren ... + +Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel +überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen +Frühschoppen ... + +Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war die +universitas +litterarum+, das war das ersehnte freie Studium! + +Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten +eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß +und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein +dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn +an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich +erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit +sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer +los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank, +hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun +ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den +verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte: +»Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne +(Gymnasium), sag' mal?« + +»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.« + +»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?« + +»Wieso?« + +»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?« + +Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche: +jener Korpsbruder dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer +Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will +sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und +nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei +ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe, +wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine +schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen +und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge +edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren, +ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und +verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon +hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien, +brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ... +Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis +in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht +ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen, +noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen +Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein +harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften +Ulk ... + +Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage +ich die gleichen Farben ... wenn das meine Eltern wüßten, meine +gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater +... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte, +warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen +gräßlichen Gefahren?! + +Aber wozu ihn ~warnen~? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner +Achenbach, keine ~Gefahr~! -- Und er, der sich brennend nach +Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem +käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln, +was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte, +gewähren und nehmen ... + +Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine +erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten +Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des +jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen +nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären. +Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der +speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und +scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider +flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke -- nackt +und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die +brüstestarre Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten +Auge ... + +Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den +gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die +Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher. + +Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem +Leibburschen. + +»Was willst du, Leibfuchs?« + +»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.« + +»Nanu? Ist was passiert?« + +Werner verneinte stumm. + +»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.« + +»Ich passe nicht zu euch.« + +»So -- -- das erklär' mir gefälligst.« + +»Das kann ich nicht.« + +»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn +doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht +entlassen -- in Ehren entlassen.« + +»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?« + +»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen +wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das +wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes +Korps eintreten und kannst auch im späteren Leben mancherlei +Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.« + +Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer. +Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon +manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er +hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um +die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt +und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches +Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte +er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen +leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah, +schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen +Spuren inneren Wirbels. + +Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel +zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er +wissen wollte. + +»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du +dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast, +da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und +daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind, +das stimmt auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen +... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten +Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da +noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was +willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du +Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark -- mit sechs- bis +achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren -- und +inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen, +wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir +auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für +einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst, +dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel +von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen +bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet +das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das +zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube +für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen +beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu +Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein +paar Monaten tust du's doch! --« + +Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl, +als zöge jener ihn nackt aus und sähe kalt und sicher jedes Fältchen +seines Leibes und seiner Seele. + +»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir. +Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er +geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er +so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum +Mädel oder -- -- pfui Deuwel! -- -- Ich weiß nicht, ob man dir auch +schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt +vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte +anständige Mädels hergenommen -- Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine +nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer +hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die +armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren, +ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar +nicht mehr nach Hause kommen -- und da liegt gerade noch der Brief von +einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie +heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt +nicht. Dann schon lieber nach Gießen.« + +»Und ... der Dettmer?« + +»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht +vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur +huren oder ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?« + +»Himmel -- dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten +... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.« + +»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja +für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig. +Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst, +wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher +liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden +verzichtest -- wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei +enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund +und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus -- das garantiere +ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du +hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's, +wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und +Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde +Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« -- -- -- -- -- -- -- -- + + * * * * * + +Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße. + +Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam +ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles +erzählen, ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß +es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater +... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins +Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte +der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig, +kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet +und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht +auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht +irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel +herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch +einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae? +-- + +Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen +Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe? + +-- Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa +seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte +geworfen. Alles in ihm tobte. + +Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett. + +»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem +sinn.« + +»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.« + +»Darf ich die Zimmern zurecht mache?« + +»Nur zu.« + +Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den +Studenten. + +Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube -- nur des Jünglings +hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke +auf. + +Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die +Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben +unentweihte Lagerstatt. + +»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen. + +»Herr Achebach?« + +Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die +Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt. + +Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren +Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und +Schulter. + +Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch, +stolperte hinaus. + +Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend +weinen. + + + + + IV. + + +Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe +Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die +Geschwister zankten sich. + +»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie +dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich +noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel +kriege.« + +»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich +gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein +Millionär auf d' Welt komme.« + +»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon, +und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die +alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse +zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins +Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll +erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht, +mich Medizin studiere lasse.« + +»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt +Markus. Du un e Student! du un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank +is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst +immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!« + +»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie -- die is +mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!« + +»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir +die Auge aus auf der offene Straß!« + +»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der +Herr Cimbrefuchs Achebach -- kratz nur -- kratz! Dann weiß der auch +gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!« + +Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich +verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und +geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch, +von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam, +seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben. + +Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen +aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem +kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte. + +Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln +und verabschiedete sich plötzlich und verlegen von dem grinsenden +Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür +standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien +immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen +Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude. +Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen. + +Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm +ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei +Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor +kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so +zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie +da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der +filia +hospitalis+ bei ihm eintraf ... + +»Da, Herr Achebach -- fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und +legte das Paket auf den Tisch. + +»Ah -- Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank -- hier +...« Er zog sein Portemonnaie heraus -- aber ... kein Pfennig fand sich +vor -- auch nicht einer. + +»Himmel -- was haben wir denn heut für'n Datum?« + +»De sechsundzwanzigste -- ach so!« + +Student und Mädel sahen sich an und mußten lachen, daß ihnen die +Tränen die Backen herunterliefen. + +»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!« + +»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!« + +»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? -- gibt's nit -- wär auch +schad um Ihne!« + +»So -- finden Sie?!« + +»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's +wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch +von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?« + +Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu, +wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten. + +Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig +sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben +-- daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld, +und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte, +auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die +seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost +einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken +Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ... + +Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und +verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern +entziehen. Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich +nur an die Kommod -- ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm +vor: »-- -- zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde -- -- zehn, elf, zwölf Paar +Unnerhose -- -- zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde -- uh, was habe +Se für schön gestickte Nachthemde!« + +Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah, +lachte sie noch viel stärker. + +Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall +beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als +Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und +Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais, +eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief +mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand +in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in +diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte +sie ihre Lustigkeit. + +»Ah! Zigarette! un sicher gute!« + +Ihre Augen funkelten begehrlich. + +»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen +sehen. Doch -- einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen. + +»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung +auf, und eins, zwei, drei hatte sie die Zigarette entzündet. Nach +ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er +sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die +Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf +dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden +Lippen. + +Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne, +baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen +lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein +Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute. + +»Nu?« sagte sie nach einer Weile. + +Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine +Kinnbacken bebten leise. + +»So e hübscher Jung -- un so langweilig!« sagte Rosalie. + +»Langweilig? finden Sie mich langweilig?« + +»Arg,« sagte Rosalie. + +Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch +die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus. + +»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd +zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme +nehmen -- das war doch bei den andern auch so gewesen ... + +Aber Werner drehte sich nicht um, und mit einem mißtönigen Lachen der +Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen. + +Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der +Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!« + +Und auf einmal konnte Werner weinen. + +Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ... + +Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben +Zimmer die blonde Babett geweint hatte. + +»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen -- und wie +anders war das Antlitz der Wirklichkeit -- -- + +Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll +vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen +dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und +Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft, +aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten +Freunden ... und die Wirklichkeit? + +Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig +hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine +Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden +Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen, +verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen +in der von Mensur- und Weibergesprächen ausgefüllten Runde der +Korpsbrüder -- dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein +Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und +abends -- Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier -- +Bier -- Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache, +doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen +rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln +des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von +dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier -- Bier -- Bier +... + +Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum +geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ... + +Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ... + +Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift +Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins +Auge schauten. + +Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von +der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der +Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die +Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe. + +Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als +müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ... +aber was dann? + +Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er +sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz +des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne +doch! sonnte -- + +Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte +ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben +begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes +seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden, +versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle +Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes, +der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer +imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken +Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den +historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen, +wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen +obskuren Kneipen -- die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren +und darum für den »Finken« fast unmöglich -- angewiesen auf den Zufall, +der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen er +einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt, +als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem +Korps getrieben -- -- + +Nein -- lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit +der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden, +damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden +möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps -- Chargierter werden +-- Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben +... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie +er's auf dem Gymnasium gewesen ... + +So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte +am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem +Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern. + +Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die +erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen, +die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch +trachte, nein, daß recht inwendig ... + +Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus +der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare +folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren das eine, in +wildem, dumpfem Neiderhaß das andere. + +Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in +seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar +Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn +des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne +eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter +seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte +das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen +gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden. +Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam +gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden +von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda +und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der +akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der +gleichberechtigten Kommilitonen aus. + +Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg +des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine +armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen +semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der +Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten. + +Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien Stunden im Laden +der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des +Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern, +die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die +Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung, +die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer +ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier +Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das +Zimmer blieb leer und wartete. + +Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer +sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im +Laden zu finden. + +Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten +Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit +Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte +es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht +gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum +Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch +nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart +der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl +mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine +besondere Genugtuung, den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu +lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer +Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon +sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante +abzubekommen. + +Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder -- schimpfte nur +selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen +Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er +beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ... + +Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den +Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock +des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese +Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in +die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten. + +Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische +Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede +Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war. +Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster, +forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben +haben? + +Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem Pariahaß +betrachtete -- eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende +Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ... +es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer +von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches +Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von +seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen +gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte, +dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren +Leib ... + +Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner +Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete -- mußte sich +abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen -- den +Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in +den weißen Hals des Jünglings zu bohren ... + +Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners +Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in +seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde +da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie, +seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und +die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf +einem Schemel hinter dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine +beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles +Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte +von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie +hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter +den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor +Mittag. + +Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor +deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen +ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die +Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen +in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten +der Cimbria vorüberspazierte -- Klauser hatte das Mädchen, das sein +ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und +ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein. + +»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne +diene?« + +Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur +eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde. +Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln. + +Klauser trat heran und zog die Mütze. + +»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.« + +Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern, +noch verbergen. + +»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein +werden?« + +»Oh, ich denke doch -- und Sie?« + +»Ich bin da -- aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.« + +»Ach so --« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?« + +»Herr Seydelmann.« + +»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.« + +»Wenn Sie tanzen, komme ich.« + +»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!« + +Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz +und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte +so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe +zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung +einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste +Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten +diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's +nur nicht Rosalie war. + +Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da +kam ein anderer Besuch: ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre +alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich. + +»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und +reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber -- was hast, +Mädche?« + +Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen. + +Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß +dich spreche -- allein muß ich dich spreche -- du mußt mer helfe, +sonscht --« + +»Na, da geh im Zimmer -- ich komm -- nur ebe die Kunde muß ich +abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.« + + + + + V. + + +Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort +stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die +alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er +leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht +hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun +oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und +rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten +möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte +nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die +Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals +gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop. +Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es +knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen +Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten, +einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber +nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche +Pochen in ihrem armen Leibe ... + +»Na, Lenche, was bringst gut's?« + +Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend, +stand Rosalie vor der Freundin. + +»Ach, Salche -- ich muß ja sterbe, Salche!« + +»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der +Freundin und umfaßte ihren Leib -- -- + +Was war das?! + +»Lenche --!!« + +»Ja, Salche -- das is es --« + +»Nit möglich -- Lenche -- wie hast denn das angefange? Na, aber so e +Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer -- wer -- +von wem hast es denn?« + +»Kennst du de Scholz?« + +»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?« + +Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin. + +»De Scholz -- na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch +mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon +e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt, +Lenche?« + +»Ach, Salche -- du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en +kenn! -- Das is einer, Salche -- wenn der dich will, da kannst de nit +nein sage!!« + +Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht +nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht +gehen. + +»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?« + +»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!« + +»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder -- der tut mich dotschlage, wenn +er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un -- oh, +Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!« + +»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche +Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?« + +»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.« + +»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange +verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch +schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch +zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!« + +»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot +tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich +kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?« + +»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?« + +»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er +selbstverständlich tät das Kind bezahle -- aber ... heirate will er +mich nit!« + +»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de +Kopp gesetzt?« + +Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was +redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn +de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...« + +»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr +wie recht ...« + +E dumm Gans! -- Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles +zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz +so gar viel Schlipse und Kragen brauchte -- wie er ihr das erste +Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste +Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so +viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der +armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell -- und dann +der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach, +unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der +Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht -- am andern Morgen +wollte er in die Ferien reisen, auf zwei Monate fort ... und dieser +Abschied am Waldrand -- und wie sie sich erst schon losgerissen hatte +-- und dann doch zu ihm zurück mußte -- zurück in das Waldesdämmern +... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach +zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag- +und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine +Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten +Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde, +Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und +niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte +-- daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte -- nein, das war ja +unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte +dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus +aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der +väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem +öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er +angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte +sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines +sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde, +eines Kampfes um Amt und Brot -- -- für sie war er immer ein Gott +gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er, +der junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel, +die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch +nicht mit Spazierengehen verdiente ... + +»So e dumm Gans!« + +Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm ~das~ erzählt +hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und +sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun +doppelt heilig ... + +Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs +Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das +Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie +das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei: +den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern +als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen +zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den +Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ... + +Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche +mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht +in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen. + +Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen +Stimmen und Jugendschritte. Hundegebell erscholl dazwischen, +Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem +holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die +Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen +Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im +Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle +frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher +roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren, +die Fürsten dieses Städtchens. + +Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den +Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach +der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen +war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der +Cimbern umsonst -- Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen +... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten +Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ... + +Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte +den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau +betrachtet ... + +Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen +halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner +linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des ersten +Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er +stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen. + +»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der +Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr, +gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im +Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte. + +Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere +Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese +jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in +Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten. + + + + + VI. + + +Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die +Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob +der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die +andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches +Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum« +bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte, +war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden, +der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das +Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private +Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die +Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft +erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften, +Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme +museumsberechtigt. + +Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere +Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen +und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh, +dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten. + +Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete +oberste Schichten dieser Hierarchie zu halten hätten, wurde ihnen vom +Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon +ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er +beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen +dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal +bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame +auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte. + +Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen +Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte, +sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber +geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu +tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig +in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die +Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein +commercium +et connubium+ bestand. + +Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst +unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz +waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren +pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber +fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte +des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem +Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern. + +In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden, +unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da +gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne +flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln +die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee +saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den +ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst +war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten +vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten, +soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf +den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der +grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht. + +Aber die Studenten! Auf den ersten Blick hatte Werner natürlich seine +Korpsbrüder erspäht, deren schon eine stattliche Zahl versammelt war. +Daneben der Tisch der Hessen-Nassauer, deren hellgrüne Mützenreihe so +lustig leuchtete, wie das junge Lindengrün darüber, und der Tisch der +Westfalen, die jetzt im Sommer statt der schwarzen Mützen weiße Stürmer +trugen. + +In gewissem Abstande vom S. C. dann die Burschenschaften, violette +Alemannen und ziegelrote Arminen, und alle die anderen Korporationen, +deren Nam und Art Werner noch immer nicht ganz sicher beherrschte. + +Und an allen Tischen scholl lustiges Geplauder, überall wurden von +schwitzenden Kellnern Flaschenbatterien angeschleift, überall konnte +man beobachten, wie in riesigen Steinguttöpfen von sachverständiger +Hand über die Würzeblättlein des Waldmeisters endlose Moselfluten +ausgegossen wurden, bis eine Flasche Wachenheimer Schaumwein, +Kostenpunkt zwei Mark zwanzig Pfennige, dem Gebräu die letzte festliche +Vollendung gab. + +Und zwischen den leuchtenden Farbflecken der Damenkleider, den +grellbunten der Burschenmützen konnte ein sorgfältiges Auge schon jetzt +ein geheimes Hinüber und Herüber erkennen, einen Austausch von Blicken +hin und her -- -- als wären da unsichtbare Drähte gespannt, fluteten +feine, geheime Ströme hinüber und herüber, hin und her, im Maienhauch, +unterm leise schwankenden Lindenlaub, getragen von den schaukelnden +Wogen der Orchestermusik, hinüber, herüber, herüber, hinüber ... + +Und Werner empfand das alles im Schauen. Eine große Freudigkeit weitete +ihm die Brust. Sein erster Ball! Wenn auch nicht im kerzengeschmückten +Saale, nicht im feierlichen Winterschmuck -- dafür in Sonn' und +Lindenluft, bei Mückentanz und Amselschlag. + +Ach, hinein in diese duftenden Wogen, diese farbigen Fluten -- Leben, +Jugend, hinein in deine festliche Fülle, hinein, hinein! + +Hinein, dorthin, wo lose Locken wehen und helle Augen flackern, wo +weiche, schmiegsame Mädchengestalten in raschen Rhythmen sich wiegen, +wo alles Verheißung ist und Sehnsucht und Erfüllung und freigebendes +Auskosten der gnädigen Stunde! Hinein -- hinein! + +Mit souveräner Nasenhebung schritt Werner an den Tischen der Turner +und Burschenschafter vorbei, mit feierlich abgezogener Mütze an den +Niederlassungen der Hessen und Westfalen, mit lächelnder, doch auch +zeremonieller Verbeugung trat er an den Cimberntisch, wo man ihn +willkommen hieß, nicht mit jugendlich lautem Hallo, sondern mit der +gemessenen Heiterkeit, welche die Korpsstudenten überall zur Schau +trugen, wo sie sich beobachtet wußten. Dann setzte er sich zu den +Mitfüchsen, die ihn, den Rheinländer, als Bowlesachverständigen +willkommen hießen. Und Werner, eingedenk, wie oft er dem geselligen +Vater beim Bowlenbrauen hatte helfen müssen, war bald eifrig +beschäftigt, das Gebräu anzusetzen und, was bei der Waldmeisterbowle so +wichtig, es abzukosten, ob auch die Kräuter schon genügend »gezogen« +hätten. + +Inzwischen beobachtete er die Korpsbrüder und entdeckte bald die ihm +schon bekannten Beziehungen. An der Spitze des Tisches saß Scholz, +eisern, blasiert, gleichgültig: die Damen der Gesellschaft kamen als +unnahbar für ihn nicht in Betracht ... Aber neben ihm saß Klauser +... den Ausdruck seines Gesichtes kannte Werner schon, und mit einer +leichten Linkswendung des Kopfes folgte er den starren, gebannten +Blicken seines Korpsbruders ... natürlich, da drüben saß ja die schöne +Marie Hollerbaum, neben einer zarten, grauhaarigen Dame, umringt +von einer Schar junger Mädchen, wieder in Hellgrün, der Grundfarbe +Hasso-Nassovias, die dem Cimbernherzen nun einmal fatal war ... Ihr +Kopf mit dem blumenwippenden Sommerhütchen hing nach vorn über einer +Häkeltändelei -- aber jetzt -- jetzt hob sie den Kopf, und ein Blick +blitzte aus umdunkelten Augen unter dem Hutrand hervor, daß Klauser +den mächtigen Brustkasten dehnte und aufflammenden Gesichts rasch ein +ganzes Glas Bowle hinunterstürzte. + +Und glänzte nicht auch Dammers Bemmchengesicht wie frisch geschmiert? +Drüben saß ja, in neutrales Weiß gekleidet, das ganze Vogtsche +Pensionat, anderthalb Dutzend frischester Mädelgestalten, rechts +und links des Tisches aufgereiht ganz wie zwei Reihen Täubchen auf +der Stange, sorgsam behütet von den ruhelosen Augen einer unendlich +gutmütig dreinschauenden Vorsteherin und dem Falkenblick der hageren +Mademoiselle ... aber »Kätchen, das sießeste Mädichen« zu erspähen +glückte Werner nicht ... die Kinder sahen alle egal aus ... + +Und poussierte nicht auch der biedere Korpsbursch Dettmer heftig +mit den Augen, obwohl er an der Bowle nicht teilnahm, und vor ihm +noch immer Rotwein und Selterswasser verräterisch aufgebaut waren? +Aber auch er, ob er schon das schmutzige Gift aus Gießen noch mit +sich herumschleppte, ließ seine Blicke zum Vogtschen Pensionate +hinüberschweifen, und da entdeckte Werner auch gar bald ein +Madonnenköpfchen voll himmlischer Kinderunschuld, dessen friedvolle +Augen halb bewußt widerstrebend, halb unbewußt hingebend die Blicke des +blaubemützten Studiosen auffingen, dessen Gesicht durch die Blässe der +Krankheit einen Ausdruck von Geist bekommen hatte, der ihm in gesunden +Tagen fremd war. + +Ach, es waren wenige unter den Cimbern, die nicht an irgendeiner Stelle +des weiten Museumsgartens einen Haltepunkt für ihre Augen, ein Ziel +ihrer feurigen Blicke gefunden hatten. Die wenigen Unberührbaren aber +vertieften sich um so eifriger in die Bowle. + +Und die Mütter, die Pensionsvorsteherinnen sahen schmunzelnd, friedvoll +dem Treiben zu. Es war immer so gewesen in Marburg. In ihrer Jugendzeit +hatten auch sie ganze Generationen von Studenten durchgeliebt ... das +war nun einmal das Schicksal der jungen Mädchen in einem kleinen +Universitätsnest, wo der Student die anderen Tänzer und Courmacher +verdrängte ... schließlich blieb doch einmal einer hängen ... und wenn +nicht ... dann wurde man eben alte Jungfer ... das sollte ja auch +anderswo als in Universitätsstädten vorkommen ... mochten sie sich +doch ihres Lebens freuen, die jungen Dinger ... und wenn auch einmal +ein paar Rendezvous und Küsse dabei vorkamen ... daran sind wir Alten +ja seinerzeit auch nicht gestorben ... ernstere Gefahren drohten den +jungen Damen ja nicht von Studenten ... dafür gab's andere Mädchen ... +bequemere, gefahrlosere Gelegenheiten. + +Und der Tanz begann. Im Nu liefen all die bunten Farbflecke +durcheinander, flossen hinüber und herüber und mündeten dann in +einen schmalen Strom, der sich nun mitten zwischen Tischen und +Menschengruppen hindurch zur obersten Terrasse emporwand, wo unter +freiem Himmel das niedere bretterne Tanzgerüst aufgeschlagen war. Und +das krachte nun unwillig unter der Last von Jugend, die sich darüber +hin ergoß. + +Werner hatte nicht engagiert. Er wollte sich's erst mal ansehen. Und +etwas in ihm jauchzte und frohlockte still und gelassen im Anschauen +von so viel brünstiger Jugendkraft, so viel festlich aufschäumender +Lebensfülle. + +Er sah dem Tanze zu, sah, wie Klauser Marie Hollerbaum fest im Arm +hielt und, ein etwas stürmischer, doch sicherer Tänzer, sie durch das +Gewühl der Paare steuerte; dabei kam's ihm nicht darauf an, dies Paar +rechts, jenes links beiseite zu schieben oder auch zu stoßen. + +Gleichzeitig bemerkte er aber auch, daß derjenige, mit dem Klauser +morgen den schwersten Gang seines korpsstudentischen Lebens zu bestehen +haben würde, daß der Hessen-Nassauer-Senior Seydelmann ohne zu tanzen +beiseite stand und des Gegners Eifer mit unmerklichem Lächeln +verfolgte. + +Aber fest und hingebend lag die schlankerblühte Mädchengestalt in +Klausers Arm, und Werner wußte, daß auch ihn kein Morgen, kein +künftiger Kampf gehindert haben würde, das Glück eines solchen +Augenblickes in sich hineinzutrinken, wenn ... wenn jene hier gewesen +wäre, nach der ihn auf einmal eine süße Sehnsucht überfallen hatte ... +jenes einzige weibliche Wesen, das bisher zu seiner Seele gesprochen +hatte. + +Elfriede! Wie ein Heimweh überkam den Zuschauenden der Gedanke. Nein, +er würde keine »Sonne« haben in Marburg, er würde niemals hier draußen +das bebende Jauchzen, den wunderverheißenden Ruck am Herzen spüren, den +ihr Anblick ihm stets gegeben ... niemals das wilde, heilige Glück, +wie er es daheim empfunden, wenn er sie im Konzert, bei einem Feste +erkannt, nie den lastenden und dennoch beseligenden Schmerz, wenn er +sie hatte vermissen müssen. + +Elfriede! Das war ihm mehr als ein Name, als das Symbol ihrer Person: +es war ihm eine Zauberformel ... bei deren Erklingen die innersten +Pforten seines Herzens weit, weit aufsprangen, auf daß ein Festzug +einziehe, dem alles folgte, was es Seltenes, Heilig-Herrschendes gab +auf Erden und in den Himmeln aller Vergangenheiten und kommenden Tage +... + +Aber der Tanz war aus, und um den schauenden Jüngling schwoll nun der +Strom der Tänzer dem Ausweg zu. Und um ihn herum nichts als glühende, +tief atmende Mädchenfrätzchen, scherzende, schwitzende Knabengesichter, +alles hell, alles warm, alles duftend vom Hauch gepflegten, gehüteten +Jugendlebens, alles brandend, brausend von Heiterkeit und sehnsüchtiger +Kraft ... + +Und wieder klang's in ihm: hinein! + +Und als sein Fuchsmajor an ihm vorüberstrich, der hagere Papendieck, +ein wuschliges Blondköpfchen an seiner Seite in einem weißen +Spitzenfähnchen, da ließ er sich vorstellen und bat um den nächsten +Tanz. Mit kecker Neugier musterte ihn die Kleine -- nickte dann dem +Fuchsmajor den Abschied, zog ihre feuchte Hand aus seinem Arm und sagte +zu Werner: »Wollen wir gleich hier oben bleiben?« + +»Ei, warum denn nicht?« + +»Na also! Los!« + +Und schon fühlte Werner das Händchen in seinem rechten Arm, fühlte, daß +sie ihn mit einem leichten Druck rechts herum zog, und da schwenkte er +denn rasch herum, daß auch sie ein bißchen flog, und lachend trollten +die beiden in einen von wildem Wein übersponnenen Seitengang hinein. + +»Na, also zunächst mal, wie heißen Sie eigentlich?« sagte die Blonde, +trat ihm gegenüber und musterte ihn nochmals recht eingehend. »Ich hab' +Ihren Namen bei der sogenannten Vorstellung natürlich nicht verstanden, +wie immer.« + +»Also Achenbach, Werner Achenbach, Cimbriae, +studiosus juris+ aus +Elberfeld ... und Sie, Fräulein?« + +»Ich heiß' Ernestine Buchner, bin aus Siegen in Westfalen und bei Tante +Vogt in Pension -- nun wissen Sie's!« + +»Danke -- also Sie studieren auch hier -- auch erstes Semester?« + +»Ne, zweites -- Brandfuchs!« + +»Ich bin Krasser --« + +»Das weiß ich -- sonst kennte ich Sie ja schon vom Winter her.« + +»Was? Kennen Sie denn alle tausend Marburger Studenten?« + +»Die Korpsstudenten kennen wir bei Tante Vogt jedenfalls alle und nun +gar die Cimbern: Frau Vogt ist ja 'ne Alte Dame von Ihnen!« + +»So? Das wußte ich ja noch gar nicht.« + +»Doch -- ihr verstorbener Seliger, der Sanitätsrat, war Alter Herr von +Ihrem Korps. Ihr Korps und unsere Pension haben doch überhaupt Kartell +-- innige und alte Kartellbeziehungen -- wissen Sie das denn nicht?! +Wie gefällt Ihnen denn dieser Betrieb?« + +»Betrieb?« fragte Werner. »Was für ein Betrieb?« + +»Na, hier die Hopserei! die Wald-, Wiesen- und Hecken-Hopserei!« + +»Ach so, Sie meinen die Reunion? Nun -- seit einigen Minuten -- ganz +erträglich.« + +»Quasseln Sie nich! Komplimente sind bei mir nicht angebracht. Haben +Sie denn einen Schimmer vom Tanzen?« + +»In der Tanzstunde hat der Tanzlehrer mich immer gelobt ...« + +»Und seitdem --?« + +»Hab' ich bis heute keinen Schritt mehr getanzt.« + +»Und wie lange ist das her?« + +»Vier Jahre,« sagte Werner etwas kleinlaut. + +»Oh, Sie Unglückswurm -- oder vielmehr ich Unglückswurm! -- Na, Kopf +hoch, ich kriege Sie schon rum. Aber wenn Sie mir aus die Hühneraugen +treten, dann schmeiß ich mit feuchtem Lehm.« + +Etwas verblüfft sah Werner zu dem strammen Figürchen an seiner Seite +herunter. Sie reichte ihm gerade bis über die Schultern. Ein völlig +kindliches Gesicht, das Mündchen eines verzogenen Backfischchens, +und -- + +»Sie -- schnell, kehrt, marsch, marsch!« rief die Kleine plötzlich +erschrocken, »da ins Gebüsch!« + +»Himmel -- was ist denn los?« + +»Mademoiselle kommt! Jedenfalls hat sie beim Abzählen eines von ihren +Küken vermißt, und nu kommt se und will mich bei de Hammelbeine +kriegen!« + +Und eh' er sich's versah, stak Werner mit seiner »Dame« mitten in einem +blühenden Jasmindickicht. Draußen spürte die Mademoiselle herum. + +»Hier bleiben wir, bis der Tanz losgeht! Ich find's ganz nett hier -- +Sie auch?« + +»Ich auch,« sagte Werner, ganz benommen. + +»Raum ist in der kleinsten Hütte«, sagte Ernestine pathetisch, »für ein +glücklich liebend Paar. Glücklich liebend! Hehe! Sie machen gar kein +sehr glückliches Gesicht! Wollen Sie wohl mal schnell ein glückliches +Gesicht machen?« + +Und dabei hatte sie seine beiden Arme oberhalb der Ellenbogen gepackt +und schüttelte ihn ganz derb. + +Und Werner wurde warm. Das lachende Milch- und Blut-Gesicht vor seiner +Nase, von lauter feinen Schweißperlchen Stirn und Näschen bedeckt, die +losen Löckchen, die ihm manchmal kitzelnd ins Gesicht wehten, dies +dralle Figürchen dicht vor seiner Brust und die Umklammerung der +festen kleinen Fäuste um seine Arme ... + + »Auch von Lieb umgeben + Ist Studentenleben -- « + +Schon umspannten seine Hände ihre Taille, er zog sie an sich heran, und +sie hob ihr Mäulchen seinem Kuß entgegen -- + +Da schoben sich die Zweige des Bosketts auseinander, und dazwischen +erschien das gelbe Gesicht der Mademoiselle. + + * * * * * + +Die Mademoiselle hatte Werner energisch anbefohlen, ihr und der trotzig +leise schluchzenden kleinen Westfälingerin einen ordentlichen Vorsprung +zu lassen. So stak Werner im Boskett und versuchte, sich die Folgen +dieses Abenteuers auszumalen. Er nahm als gewiß an, daß Frau Vogt, die +»Alte Dame«, sich beim Korps über ihn beschweren und man ihn dann mit +Schimpf und Schande hinauswerfen würde. + +Wie ein beim Naschen erwischter Köter kroch er tief gesenkten Hauptes +aus dem Gebüsch und schlich an den Korpstisch zurück. + +»Nanu?« rief der lange Papendieck. »Wo hast du denn die kleine +Siegerländerin gelassen? Eben geht doch der Tanz los?« + +Werner wies nur mit stummem Kopfnicken zum Tisch des Vogtschen +Pensionats hinüber. + +»Was? -- eingeheimst? nanu? hast du am Ende gar --?« + +Werner hielt es für das beste, dem Fuchsmajor die ganze Sache offen zu +erzählen. Der lachte übers ganze Gesicht und sah den jungen Fuchs mit +einem Ausdruck an, dem selbst der unerfahrene Werner entnehmen mußte, +daß er, Werner, statt einer Korpsstrafe entgegenzugehen, in der Achtung +seines Erziehers um einige Haupteslängen gestiegen sei. + +Aber sein Tatendrang war dennoch vergangen. Und statt abermals um +eine Tänzerin zu werben, vertiefte Werner sich in die Bowle. Aber +nicht weichen wollte von ihm ein süßes und neues Gefühl; als er die +blonde Ernestine an sich gezogen, da hatte er ihre Arme umspannt ... +O Gott, waren die seltsam weich und kühl gewesen! -- Und als sie +Brust an Brust vor ihm gestanden, da hatte er an seinem Herzen etwas +noch viel Weicheres gefühlt ... das wollte nicht fort von ihm, dies +quälend-entzückende Gefühl ... ihm wurde ganz wirr davon. Und er trank +unmenschlich. -- + +Und das Fest ging seinen Gang. Über dem Hin- und Herströmen der +Tänzerpaare, über den Wirbeln und Verschlingungen ihrer Rundtänze und +Kontres senkte sich die Nacht. Kühle kam. Hunderte bunter Lampions +flammten auf. Und immer weiter ging's: Lanciers, Polka, Walzer, Walzer, +Walzer ... + +Röter flammten die Wangen der Burschen, höher atmeten die jungen Brüste +der Mädchen unter leichten Batisthüllen, doch strenge Sitte, eiserne +Kavalierspflicht türmte eine trennende Schranke ... und wenn auch das +eine oder andere Paar sich auf ein paar Minuten in einen Laubengang +verlor ... mehr als ein paar scheue Küsse forderte auch der Keckste, +bewilligte die Leichtsinnigste nicht. Kavalier und Dame ... so standen +sich diese jungen Kinder gegenüber. Und dabei waren fast alle diese +Jünglinge schon wissend; fast alle hatten sie schon weit, weit abseits +der Sphären dieser bürgerlichen Wohlanständigkeit, in dunklen, dumpfen +Lasterhöhlen das Geheimnis des Lebens ergründet ... + +Hier aber gaben sie sich als die korrekten, kittelsaubern Gentlemen, +denn sie trugen die Farben ihrer Couleur, ihres Korps, und die jungen +Mädchen an ihrem Arme waren Damen ... Damen, deren Reinheit von der +Pistole bewacht wurde, für deren Unschuld das Leben von Vätern und +Brüdern bürgte. + +Und sie waren ahnungslos. Die Schlimmsten und Schlauesten unter ihnen, +für die das Storchmärchen Kinderspott, die sich einbildeten, wunder +wie aufgeklärt zu sein über die Bestimmung der Geschlechter, sie waren +reine Engel gegen die Jünglinge, zu denen sie aufschauten, die aus dem +Anschmiegen ihres jungen Körpers, aus dem Duft ihrer holden Wärme das +süße Gift friedloser Sehnsucht sogen, das so manchen von ihnen spät +nach dem Tanz in geheime Winkel trieb, wo für ein paar Silberlinge zu +erkaufen war, was Sitte und Satzung hier dem Sehnenden lockend zeigte +und dann hämisch aus den Armen riß ... + +Auch Werner sehnte sich. Es trieb ihn von dem Zechertisch weg, wo um +den immer neu aufgefüllten Bowlennapf die Köpfe der Trinkenden immer +schwerer, die Augen immer stierer wurden ... höher stieg er in den +Garten, und die leichten Walzermelodien, der Mondflimmer, der das Tal +mit flutenden Nebeln füllte, der Nachtigallenruf aus den Uferbüschen +drunten in der Ferne wühlten das Blut in ihm auf, der Wein in seinem +Hirn, die Erinnerung an jenen Augenblick hastigen Erhaschens verwirrten +sein Wollen ... Leib und Seele ächzten auf, ihre Sehnsucht schrie +ineinander: ein Weib ... ein Weib ... + +Da, als er fast taumelnd an dem Boskett vorbeischlenderte, in dem +Ernestine ihm ihre Lippen geboten, vernahm er drinnen ein Geflüster: + +»Es ist Zeit für dich, Liebster -- wahrhaftig, es ist Zeit -- schon +dreiviertel elf ... ich will nicht, daß der greuliche Seydelmann dich +mir morgen zu arg zurichtet ...« + +Und dann eine Stimme, die er kannte: + +»Noch einen Kuß, Liebchen -- noch einen Kuß --« + +Und eine Stille, ach, eine lange Stille ... + +»Willst du mir das Däumchen halten morgen?« + +»Aber gewiß!« + +»Tu's lieber nicht -- du meinst es nicht ehrlich -- du bist eine +Hessen-Nassauer-Dame --« + +»Mit dir mein' ich's ehrlich --« + +»Liebste -- komm -- so -- und so -- und nun -- nun müssen wir gehn!« + +»Hast du mich lieb -- Willy?!« + +»Du! Marie! Du! -- -- hast du mich auch lieb, Marie?« + +»Willy -- Willy ... meiner -- mein Willy!« + +»Meine Braut -- meine süße, süße Braut --« + +Und da traten sie aus dem Gebüsch, der Klauser und sein blonder Schatz +... und sie an seinem Arm, so schritten sie dem fernen Lärm des Tanzes +zu, durch den Mondglast der Berggartenwiese ... + +Und Werner war allein ... + +Allein? Warum? + +Wußte er nicht auch ein paar Arme, die sich ihm auftun, ein paar +Lippen, die sich ihm nicht versagen würden? + +Rosalie! Er sah ihren gewährenden Blick, ihr ermutigendes Lächeln ... + +Er hatte eine geheime Angst vor dem wissenden, überlegenen Ausdruck +ihrer Augen ... aber in dieser Stunde ... sie war ein Weib ... ein Weib +--!! + +Seinen Stock, den er am Bowlentische stehen gelassen -- ein schönes +Stück, eine Dedikation Dammers -- ließ er im Stich ... er flog nach +Hause, immer nur von dem Gedanken beseelt, daß er an Rosaliens +Zimmertür pochen müsse ... mochte dann kommen, was da wolle, er mußte +anklopfen, er mußte ... + +Er zog die Schuhe aus, schlich die zwei Treppen hinauf ... oft knackten +die trockenen, jahrhundertalten Dielen ... dann hielt er lauschend den +Atem an ... + +Ihn fror, seine Hände flogen, seine Kinnbacken schlotterten ... + +Nun stand er oben vor der Tür ... die Hand lag auf der Klinke -- -- + +In diesem Augenblick faßte ihn ein solch jähes Zittern, daß er sich +kaum auf den Beinen halten konnte. Ein wilder Schrei -- ein Schrei, +der nichts Menschliches hatte, ein Klang wie das Todesgeheul einer +waidwunden Bestie -- war draußen, drunten in der Tiefe erklungen -- -- +zum offenen Flurfenster hinein ... + +Bebend schlich er ans Fenster und spähte hinaus. Monddurchwoben lag das +breite Lahntal zu seinen Füßen; tief unten zog sich die Straße, daneben +gingen die ruhigen Wasser des Flusses. Da unten -- da unten mußte es +gewesen sein ... ein Schrei aus Menschenmund war das gewesen ... aber +ein Schrei, wie Werner noch keinen gehört hatte. + +Doch alles blieb still und ruhig drunten. Alles schlief ... niemanden +schien die schreckhafte Stimme geweckt zu haben ... + +Werner ging nicht zu Rosaliens Tür zurück. Er tastete sich in dumpfem +Beben die Treppe hinunter ... im Zimmer riß er die Kleider vom +Leibe, kroch zähneklappernd ins Bett und versank tief, tief in die +unfruchtbaren Schauer seiner Knabeneinsamkeit -- -- + + + + + VII. + + +Der Spuk der Nacht war verweht, die wilden Beklemmungen des Begehrens +waren gelöst, der rätselvoll grauenbange Schrei der Finsternis im Ohr +verhallt. Der erste Junimorgen wob überm Lahntal, und munter schritt +Werner, wie jeden Samstagmorgen, dem Schlachtfeld Ockershausen zu. Er +hatte den Weg über Schloß Dammelsberg gewählt und freute sich seiner +Wahl. + +Ach, dies altersbraune Schloß, wie ruhig und trutzig reckte es +seine ungefügen Mauern und Dächer in das junge Blau. Und von den +Terrassen zu seinen Füßen, welch eine Schau in die Tiefe! Gen Norden +überflog Werners Blick die Häuser des Städtchens im Grunde, aus +deren modriger Alltäglichkeit die unverwelkliche Zauberknospe Sankt +Elisabeth sich hob. Die Stadt verlor sich nach rechts in die breite, +tannenbergumsäumte Lahnebene, nach links verkroch sie sich in die +lieblichen Blütenbüsche des Marbachtals ... und da grüßte auch, nur +um ein geringes unter Werners Standpunkt, aus schmuckem Berggarten +die altersmächtige Cimbernlinde, drunter das ehrwürdige bescheidene +Korpshaus, nicht unähnlich einer schlichten Bauernhütte; aber von +seinem Dache flatterte lustig die blau-rot-weiße Fahne, schon ein +wenig ausgefranst vom Zerren des Frühlingswindes, ausgebleicht vom +Maiensonnenblick, doch das Symbol des Bundes, dem Werner seine Jugend +verschrieben, geheiligt durch seinen Willen, sie als eines Heiligen, +seines Heiligsten Gleichnis gelten zu lassen. Und wie befreit von +schweren wuchtenden Qualen atmete der Jüngling die sonnenduftende, +taugekühlte Morgenbrise: sie kam vom Dammelsbergwald und brachte den +Geruch der blühenden Eichen mit. + +Und Werner schritt unterm mächtigen Torbogen durch, und vor ihm lag die +südliche Lahnebene nach Gießen zu, ganz durchhellt von Morgenprächten. +In weitem Bogen umschlossen von lichtgrünen Bergwäldern, vom +Silberzickzack des Flusses durchflirrt, fern überragt vom düstern +burgtrümmer-überzackten Frauenberg, reckte sich die schimmernde Flur. +Und um den Schloßberg hatten sich, hoch herauf geklettert vom Ufersaum +der Lahn, die braunen Ziegeldächer des Städtchens gelagert, wie eine +rastende Pilgerschar, aus deren Mitte die Helme reisiger Begleiter +aufragten -- die stumpfen Kirchturmhelme ... + +Ein gelbes Band, lag drunten ein Stück der Ockershäuser Chaussee, die +sich bald in jungen Blütenhalden verlor: Fliederblüten wölbten violette +Sträuße über der Burschenwalstatt. Und auf der Chaussee erkannte +Werners Auge die wandernden Farbtupfen: blaue, grüne, weiße Punkte, +alle zu dem bekannten Ziele strebend ... + +Aber Werner hatte einmal allein des Weges wandern wollen und schwang +nun rüstig sein dünnes Gymnasiastenstöckchen, das ihm heute den gestern +abend im Stich gelassenen Couleurstock ersetzen mußte. Bald nahm der +Dammelsbergwald ihn auf, er war allein, er war glücklich, sein Herz +schlug vor Jugend und Überschwang, er mußte singen: + + »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, + Wer lange sitzt, muß rosten ... + Den allersonnigsten Sonnenschein + Läßt uns der Himmel kosten ...« + +Viktor Scheffels Verse und eines ihm unbekannten Tonsetzers Weise waren +ihm nur das gleichgültige Fahrzeug seines Morgenglückes ... + +Und was war im Tiefsten seines Freuens Grund? Daß er gestern nacht +umgekehrt war von der Schwelle, hinter der die schöne Rosalie +schlief ... daß ein unbekanntes Etwas, der grausige Widerhall eines +geheimnisvollen Ereignisses ihn abgelenkt hatte vom Ziele seiner +brünstigen Dränge. + +Eine Reinheit wogte durch seine Seele, ein Hauch von jungfräulicher +Frische, der keuschen Stille des Morgenwaldes verwandt, die sein +rascher Fuß durchwallfahrtete ... und in diesem frommen Morgenfrieden +jubilierte sein Herz noch lauter als sein Mund, lobpries einem +unbekannten Geber solcher Gnadenfülle, streckte sich allem Guten und +Großen entgegen, das heranzuwehen schien und in den wiegenden Kronen +der Eichen einen Morgensang des Lebens harfte. + +Reinheit! Reinheit! War es nicht doch besser, die Sehnsucht der Sinne +niederzuringen und Sieger zu bleiben des Begehrens? Konnte man so selig +stolz seines Weges ziehen, wenn man genossen hatte? Lag nicht doch ein +tiefer Sinn in der alten Mär vom Baum der Erkenntnis? + +Waren Tugend und Keuschheit nicht am Ende doch mehr als Maulkörbe für +feige, geduldige Hundel? + +Wernern war's, als blinke aus jedem frischen Tautropfen ein Ja auf +diese Frage ihm entgegen, als wehe der Morgenhauch ihm Kraft und +Kampftrotz in die Seele, in die Sinne, zu wahren die Unschuld und +fromme Tumbheit seiner Kinderjahre, abzutun die buhlerischen Wünsche, +Herz und Leib in priesterlichem Stande zu erhalten bis auf jenen +fernen, fernen Tag, der auch ihm einst Erfüllung brächte ... jene +Erfüllung, die nicht anders als -- -- Elfriede heißen konnte ... + +Elfriede! Elfriede! Es war ihm eine süße Musik, diesen Namen zu +denken, in seiner Seele nach den Zügen zu suchen, die ihm immer in +traumhafte Fernen entflossen. Doch da: er hatte, er haschte ihr Bild, +ihr Profil, wie er's noch vor wenig Wochen daheim beim letzten Konzert +im Kasino lange hatte betrachten dürfen ... und dazu hatten sie droben +Beethovens Zweite gespielt, und als der zweite Satz erklungen war, da +hatte er diese Weise mit dem Bilde der Geliebten vermählt und Elfriede +getauft ... und nun umschwebte, umrauschte, umschattete ihn wieder +diese kühlend, heilend, heiligende Weise, umhegte das Bild des fernen, +kaum gekannten Mädchens sein schauerndes Herz und weckte ihm Räusche +von Hoffnungen und Gewißheiten künftiger Glücksüberschwänge, daß ihm +die Gegenwart versank, daß er sich enthoben fühlte dem Sinn der Stunde +in eine flutende Fülle sinnlos heiligen Glücksgenießens. + +Aber -- der Wald war zu Ende, steil senkte sich der Fußpfad, +Ockershausen war erreicht -- da zogen die blau-rot-weißen, +grün-weiß-blauen Völkerschaften heran, und im Winde verflatterten +Träume und Beseligungen ... die Gegenwart, die Wirklichkeit war da. + +Karboldunst und Zigarrenqualm, Blutbrodem und Bierhauch umfing den +waldgeschmeichelten Sinn und weckte ihn vollends zum Tage. Und schon +klangen die Kommandos der Sekundanten, schmetterten krachend die Körbe +zusammen, knallten die flachen Hiebe auf die Stulpen und Köpfe der +Paukanten ... + +Der kleine Dammer focht seine Rezeptionspartie: es war seine vierte +Mensur, die entscheiden sollte, ob er nun zum Blau-rot der Füchse das +blutumworbene Weiß der Korpsburschen und damit die vollen Rechte +eines Angehörigen des Cimbernbundes erhalten solle. Darum hatte er +eine überlegene Partie bekommen, einen Gegner, dem er eigentlich +nicht gewachsen war, den dicken Zweiten der Westfalen. Herr Bracken +schonte seinen Gegner gutmütig eine Weile, denn Cimbria und Guestphalia +standen augenblicklich gut miteinander, und Bracken gönnte dem andern +Korps den neuen Korpsburschen, dem allgemein beliebten gutmütigen +Dresdener das Band. Er schonte ihn, damit die Mensur lange genug +dauere, um als Rezeptionspartie vor dem sehr strengen Korpskonvent +der Cimbria angerechnet werden zu können. Aber schließlich war er +wohl allzu sorglos gewesen: plötzlich schlug der Cimbernfuchs eine +kecke Tiefquart und spaltete dem Subsenior der Westfalen beide Lippen +und die Nasenspitze. Fast schien's, als wollte der Westfalenpaukarzt +die Verantwortung für ein längeres Stehenlassen des Zweitchargierten +nicht mehr übernehmen; aber Herr Bracken, der nicht imstande war, zu +sprechen, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte so energisch den +Kopf, daß der Paukarzt achselzuckend zurücktrat. + +»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehen!« + +»Silentium -- Pause ex!« + +»Fertig!« + +»Los!!« + +Krach, krach, krach -- + +»Halt!« + +»Halt!!« + +Die Sekundanten hatten's beide fast in derselben Sekunde gerufen, aber +auch aus der Korona waren unwillkürlich Haltrufe ertönt. Donnerwetter! +Da hatte es ihn aber gehascht, den kleinen Cimbernfuchs! + +»Herr Unparteiischer -- wir erklären die Abfuhr!« + +»Silentium! Cimbria erklärt Abfuhr nach sechs Minuten!« + +»Herr Unparteiischer, bitte zuvor noch drei Blutige auf seiten von +Cimbria zu erklären!« + +»Silentium! Drei weitere Blutige auf seiten von Cimbria! Wünscht einer +der Herren noch Erklärungen? -- Silentium, Mensur ex!« + +Dammer war schauderhaft zugerichtet. Jeder Hieb hatte gesessen. +Anhieb auf Außenquart ins linke Ohr, zweiter Hieb auf Quart, linke +Schädelseite der Länge nach gespalten bis auf die Knochen, dritter Hieb +auf Terz, Lappen bis tief in die Kopfschwarte hinein, Knochensplitter +in allen drei Schmissen ... aber Dammer fragte nichts nach seinen +Abfuhren ... während wahre Güsse Bluts über seine Stirn und Wangen +rannen, suchten seine Augen nur den Blick seines Leibburschen, der +ihm sekundiert hatte, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er auch gut +gestanden ... aber Krusius, der Leibbursch, hatte nur auf seine +Sekundantenaufgabe geachtet und war seiner Sache nicht ganz sicher +-- -- er mußte sich selbst erst informieren. Doch alles schien +befriedigt, und so klopfte er dem Blessierten beruhigend mit der vom +Sekundierstulp befreiten schweißdampfenden Rechten auf die Schulter ... + +»Brav, Leibfuchs!« + +Da lachte Dammer glückselig unter der Paukbrille, unter den rinnenden +Quellen seines Blutes hervor: + +»Nu, denn --! Ich dank der ooch scheen, Leibbursch! Na, Wichart, nu +kucke du zu, wie du mich wieder wirscht zusammenbringen!« + +»Maul halten!« brüllte der gutmütige Paukarzt; »du hast grad' genug!« + +Werner hatte Dammern zur Flickstubentür begleitet und das kurze +Gespräch zwischen Krusius und dem Abgeführten aufgefangen. Er freute +sich unendlich für Dammern, daß dieser nun Korpsbursch sei und das +Ziel erreicht haben würde, für das er nun viermal Stirn und Wange +dem Schläger des Gegners geboten. Und das Herz schlug ihm höher in +dem Wunsche, auch ihm möchte es bald vergönnt sein, vor einem hohen +S. C. zu Marburg die Blutprobe des Muts und der Standhaftigkeit +abzulegen. Aber noch eine andere Probe hatte Dammer zu bestehen. +Werner drängte sich in die Flickstube, wo eine ganze Schar von +Korpsburschen der Cimbria sich um den Paukarzt und seinen Patienten +gruppiert hatte und die Hälse streckte, um die mordsmäßigen Abfuhren +des Brandfuchsen etwas näher zu betrachten. Es gelang Wernern, an der +Seite durchzuschlüpfen, und nun erst sah er, wie grauenhaft der wackere +Freund zersäbelt war. Rechts hing ihm die halbe Kopfschwarte als großer +mit Haaren besetzter Lappen nach außen; links war die Schläfe von vorn +bis hinten gespalten, und darunter hing das linke Ohr von vorne nach +hinten mitten durch halbiert, in zwei trübseligen Fetzen herunter. +Wichart war offenbar eine Sekunde in Verlegenheit, wo er eigentlich +anfangen solle. Aber er entschied sich für den Schläfenschmiß, weil +dort die Schlagaderäste zu toll spritzten; rasch und gewandt fuhr er +mit Pinzetten in die Zuflußkanäle der durchschlagenen Arterien hinein +und klemmte die dünnen Schläuche, aus denen das Herzblut spritzte, +zusammen; bald baumelten vier solche Arterienfänger aus der Stirnwunde +heraus. Dann kamen die Arterien vor dem Ohre dran, und nun begann, +da der ärgste Blutstrom gestillt war, die Desinfektion. Aus einem +Irrigator ergossen sich Ströme kalten Wassers mit Karbollösung in die +Wunden und spülten sie rein, damit der Arzt zunächst den Zustand des +Knochens untersuchen könne. Und da runzelte der sonst immer ruhige und +gemütliche Wichart einen Augenblick die Stirn, so daß die zuschauenden +Korpsburschen näher herandrängten. Das ärgerte wieder den Arzt, und er +schrie: »Donnerwetter, schert euch raus, alle zusammen raus! Scholz, +sorg mal, daß ich hier Luft kriege!« Werner wollte sich drücken, wie +alle andern, aber Wichart rief: »Das Füchschen kann bleiben und dem +Dammer die Waschschüssel halten, sonst fällt mir der am Ende noch +ab!« So durfte Werner weiter zuschauen, und freute sich, seine Nerven +bereits so weit gestählt zu fühlen, daß er dem blutigen Schauspiel mit +Interesse folgen konnte. Aber dennoch krampfte sich sein Herz in die +Höhe, als nun der Paukarzt mit einer scharfen Zange in die Wunden fuhr +und erst die losen Knochensplitter herausholte, dann aber die noch +halb festsitzenden mit kräftiger Drehung losbrach. Bei dieser Prozedur +stieß Dammer, der bisher keine Miene verzogen hatte, einen nicht +unterdrückbaren rauhen Kehlton aus. + +Dann wurde abermals mit dem Irrigator nachgespült, und nun begann das +Rasieren. Mit scharfem Messer barbierte Wichart kunstgerecht einen +Finger breit neben den Kopfnarben die Haare weg, um freie Hand für das +Nähen zu haben. Dabei strömte aus den Wundrändern von neuem das Blut, +und auf Wicharts Befehl mußte Werner das Waschbecken, das Dammer vor +sich auf der Stuhllehne hielt, ausgießen, da es völlig mit dunklem +Blut gefüllt war, und mit frischem Karbolwasser füllen, das aber auch +in zwei Sekunden tief dunkel gerötet war. Dabei schaute er zufällig +auf und sah, daß am andern Ende des kleinen Zimmers der Korpsdiener +Peter bereits den nächsten Paukanten -- Klauser -- anbandagierte. Mit +Entzücken haftete Werners Auge eine Sekunde lang an dem entblößten +Oberkörper des wunderschönen Jünglings; dabei fiel ihm aber auf, wie +matt und unstet sein Gesichtsausdruck war. Doch ein »Aufpassen!« +Wicharts rief ihn zu seiner Pflicht zurück, und indem er den Fortgang +der Flickarbeit verfolgte, blieb ihm keine Zeit, dem zweiten +Chargierten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken. + +Er beobachtete sorgfältig, wie Wichart nun zunächst mit Fäden +aus Katzendarm ganz innen die knorpligen Häute der Ohrmuschel +zusammennähte, wobei Dammer wiederum verhalten aufstöhnte; dann +wurde in gleicher Weise die Knochenhaut zusammengeheftet, und immer +spülte dazwischen der Irrigator. Dann ging's an die Außennähte. Stich +für Stich drangen die krummen Nadeln, von der Pinzette in unfehlbar +sicherer Hand geführt, in das Fleisch seitlich der Wunde, durch deren +Grund hindurch und an der anderen Seite wieder heraus. Dann wurden die +Fäden abgeschnitten und ihre Enden sorgsam zusammengeknotet. + +Mitten in der Arbeit bemerkte Werner plötzlich, daß Dammer ganz grün an +Gesicht und Händen wurde, und seine Finger, welche die Flickschüssel +umklammert hielten, nachließen. Er machte Wichart aufmerksam, der nahm +schnell die Schüssel weg, reichte sie Wernern, damit der sie auf den +Tisch setze, und unterstützte Dammers Schultern, die eben zurücksinken +wollten. »Schnell! einen Kognak und eine Flasche Selterswasser!« + +Werner sprang. Als er zurückkam, war Dammer schon wieder bei Besinnung, +nur der Blick seiner Augen war glasig und matt. Gierig trank er seinen +Sodaschnaps. + +Eben trat Scholz im Sekundierwichs herein: »Na, Klauser, wo bleibst +du?« + +»Wichart ist noch nicht fertig mit Dammer.« + +»Ach, nur noch ein paar Nadle -- macht schon immer los, so fix wird der +Klauser sich doch nit haue lasse!« + +»Na, dann raus!« + +Und wenig Sekunden später klirrten draußen im Saale die messerscharfen +Kommandoworte, krachten die Körbe der Schläger blechern zusammen. + +Gar zu gern wäre Werner entwischt, um die Mensur des Zweiten anzusehen. +Aber Wichart konnte seine Hilfe noch nicht entbehren. + +»Du hast dich ganz gut gehalte, Füchsche,« sagte er. »Bist eigentlich +Mediziner?« + +Dabei zog er Nadel um Nadel mit maschinenmäßiger Sicherheit durch +Dammers feiste Schädelschwarte. + +»Nein -- Jurist,« sagte Werner. + +»Warst schon mal auf'm Präparierbode?« + +»Was ist das, Präparierboden?« + +»Nun, die Anatomie, wo die Medizinfüchs das Mensche-Tranchiere lerne!« + +»Nein, da war ich noch nicht -- möcht' aber gern mal hin -- wenn du mir +dazu verhelfen könntest, Wichart, ich wäre dir sehr dankbar.« + +»Nu, das is e einfache Geschicht -- komm Montag 'mal runner um zehn, +ich bin ja Prosektor.« + +Das gedachte Werner sich nicht zweimal sagen zu lassen. Dabei fiel +ihm eine Anekdote aus seines Vaters Jugendzeit ein. Sein Vater hatte +ursprünglich Medizin studieren wollen. Als gar junges Bürschchen war er +zur Hochschule gekommen, und der erste Besuch auf dem Präparierboden +hatte ihn so entsetzt, daß er an der Tür des Saales umgekehrt und +schleunigst zur Universitätskanzlei gestürzt war, um sich von der +medizinischen zur juristischen Fakultät überschreiben zu lassen. Werner +erzählte das Wichart, der herzlich lachte; auch Dammer wurde jetzt, am +Ende der Schinderei, munter und lachte etwas jämmerlich mit. + +»Na, ich denk, du wirst nit weglaufe,« meinte Wichart, »du bist nit so +zärtlich.« + +»Ich hoffe nein.« + +»Für alle Fäll kannst du dir ja vorher en Eimer gebe lasse, damit du +wenigstens nit de Vorsaal verunreinigst.« + +Und wieder lachten alle drei. Und draußen schmetterte dazwischen Gang +auf Gang, Kommandos, krachende, dumpfdröhnende Hiebe, das Halt der +Sekundanten und ihr Gekläff um Inkommentmäßigkeiten, dann schwüle +Pausen -- neue Kommandos, neue Hiebe. Wie mochte es draußen stehen? + +Eben hatte Wichart eine feste Watteverpackung um Dammers Schädel und +linke Kopfseite verstaut und so gründlich mit Stärkebinden umwickelt, +daß nur Augen, Nase und Mund aus dem weißen Paket hervorschauten -- +da entstand, unmittelbar nach Beendigung eines Ganges, draußen jene +allgemeine Bewegung, die das Ende der Mensur verriet, und gleich +darauf trat Klauser, den bandagierten Arm noch auf den Händen des +Schleppfuchses ruhend, blutüberströmt herein. Hinter ihm Scholz und ein +paar andere Korpsburschen, alle ganz merkwürdig still und blaß. + +»Nu?« fragte Wichart. + +»Quartabfuhr nach achteinhalb Minuten,« sagte Scholz in +unheilverkündendem Ton. Dann riß er den Sekundierstulp ab und +schleuderte ihn auf den Boden, Mütze und Schurz hinterher. + +»Hm?« machte Wichart. + +Scholz schlug zweimal mit der Rechten durch die Luft, eine Geste, die +deutlich erkennen ließ, daß irgend etwas Schlimmes passiert sei. + +»Na, kommt raus!« sagte Scholz. Und alle Korpsburschen gingen. Hastig +vollendete Wichart Dammers Verband, hieß ihn Hemd, Weste, Band und Rock +anlegen, schickte ihn und Werner hinaus. -- Drinnen blieben nur der +blessierte Klauser und der Paukarzt. + +Werner begriff nicht, was vorgefallen sein mochte. Er sah, daß draußen +der Fuchsmajor alle Korpsburschen zusammenberief und sie alle sich +aus dem Saale entfernten. In dem dumpfen Gefühl, daß etwas Böses sich +ereignet haben müsse, fragte er Dammer: »Hast du eine Ahnung, was die +Korpsburschen eigentlich haben?« + +»Nu ja, nu ne -- Klauser hat, scheint's, iebel gefocht'n.« + +»Wieso?« + +»Schlecht gestanden scheint er äbens zu haben.« + +»Nun, und --?« + +»Na -- du siehst doch, daß de Korpsburschen zum A. O. C. C. +(außerordentlichen Korpskonvent) sein abgetreten -- da werden sie wohl +beschließen, Klausern auf unbestimmte Zeit hinauszutun.« + +»Und -- was wird dann weiter mit ihm?« + +»Dann muß er Reinigungspartie fechten.« + +»Und ... dann kommt er wieder ins Korps hinein?« + +»Wenn seine Mensur als Reinigungsmensur genügt, dann wird die Dimission +aufgehoben.« + +»Und wenn sie ... nicht genügt?« + +»Ja -- dann tun sie'n äbens ganz rausschmeißen tun sie'n dann.« -- -- + +Dammer hatte richtig vermutet. + +Nach wenigen Minuten kamen die Korpsburschen zurück, alle tief ernst +und gedrückt; der Fuchsmajor ging zuerst zu den Senioren der beiden +anderen Korps und machte diesen mit feierlich abgezogener Mütze eine +kurze Meldung, dann rief er die Füchse in einen Winkel des Saales +zusammen und befahl: + +»Silentium für den A. O. R. C. (außerordentlichen Renoncenkonvent).« + +Er und alle Füchse nahmen die Mützen ab. + +»Es wird den Renoncen aus dem C. C. mitgeteilt: C. B. Klauser Zweiter +seiner Charge entsetzt und derselbe auf unbestimmte Zeit dimittiert. -- +Hat jemand sonst noch etwas vorzubringen? Silentium -- so ist der A. O. +R. C. geschlossen.« + +Schweigend setzten die Füchse die Mützen auf und gingen beklommen zu +ihren Plätzen. + +Über den Tischen der Cimbern lag ein dumpfes Schweigen. Aber auch bei +den beiden andern Korps ging es minder lebhaft zu als sonst. Man ehrte +Cimbrias Muttertrauer über die Strafe, die sie an einem ihrer Söhne +hatte vollziehen müssen, den sie vor andern wert gehalten hatte. + +Leise tauschten auch die Füchse ihre Ansichten über das schmerzliche +Ereignis aus. Die Brandfüchse behaupteten fast alle, sie hätten während +der Mensur ganz genau gemerkt, daß Klauser schlecht stände. + +»Er hat mehrfach den zweiten Hieb ausgelassen.« behauptete einer. + +»Als er die Temporalisabfuhr bekam, hat er ganz merklich reagiert,« +wußte ein anderer zu melden. + +»Mir hat seine ganze Haltung von Anfang an nicht gefallen. Es war, als +ob er gar nicht recht bei der Sache gewesen wäre.« + +»Ja, als ob ihm eigentlich alles wurst wäre. Als ob er immerfort an was +anderes dächte.« + +»Hat er ja vielleicht auch getan.« Zwischen den ernsten Betrachtungen +ein heimliches, verstohlenes Schmunzeln auf allen Lippen. + +»Einmal hat er mitten im Gange aufgehört zu schlagen.« + +»Das hab' ich auch gemerkt -- als er die Terz weghatte: er machte ein +ganz verdutztes Gesicht.« + +Was der eigentliche Grund von Klausers Dimission sei, vermochte Werner +sich aus all dem Wirrwarr der Ansichten nicht recht klar zu machen. Er +beschloß, seinen Leibburschen zu befragen. + +Aber da kam er schön an. »Das sind deine Sachen nicht!« schnauzte +Scholz den Leibfuchs an. »Sorg, daß du selber anständig fechten lernst, +und überlaß das übrige den Korpsburschen! Wenn du mal selber das Band +hast, dann magst du mitreden.« + +Mit hängenden Ohren schlich Werner zu seinem Platze. + +Es war ein trüber Tag für die Cimbern. Noch eine ganze Reihe von +Mensuren folgte, und bei fast allen war Cimbria als weitaus stärkstes +Korps beteiligt, aber die frisch-fröhliche Raufstimmung der andern +Tage fehlte. Die Entgleisung des zweiten Chargierten war so rasch nicht +zu verschmerzen. Geschäftsmäßig wickelte sich der Tag ab. + +Am Spätnachmittage kehrte man heim. Dammer fuhr seines Wickelverbandes +halber in der Mensurdroschke. Der starke Blutverlust hatte ihn müde +gemacht, er schlief, tief in die Wagenecke gedrückt, und als die +Kalesche am Vogtschen Pensionat vorüberrollte, verfehlte er die +Gelegenheit, das Herz des »sießesten Mädichens« durch den Anblick +seines Zustandes zu rühren und mit noch tieferer Bewunderung für seinen +Mannesmut zu erfüllen. + +Vergebens hatte Werner sich nach dem unglücklichen Klauser umgesehen. +Der hatte, nachdem Wichart ihn geflickt und verbunden hatte, von Scholz +die offizielle Mitteilung bekommen, daß er seine Charge verloren habe +und dimittiert sei. Das hatte er schon vorher gewußt. Er hatte eine ihm +sonst ganz fremde Unsicherheit und Apathie während der Mensur selbst +deutlich genug empfunden, aber er war ihrer nicht Herr geworden. Das +Benehmen seiner Korpsbrüder aber unmittelbar nach der Mensur hatte ihm, +dem Erfahrenen, genug gesagt. Und dennoch schnitt es ihm ins Herz, wie +Scholz so kalt und gemessen vor ihm stand und ohne ein Freundeswort, +ohne ein Beben in der Stimme ihm eröffnete: »Klauser, ich habe dir +aus dem C. C. mitzuteilen, daß du deiner Charge entsetzt und auf +unbestimmte Zeit dimittiert bist.« Dann hatte Scholz sich umgewandt und +ihn stehen lassen wie einen Geächteten. + +Da nahm er das Band vom Riegel, und statt es über die Weste zu hängen, +wie sonst beim Ankleiden, ließ er's stumm in die Tasche gleiten. +Und die Korpsmütze versteckte er unter der Weste ... Über seinen +Wickelverband zog er eine schwarze, seidene Mensurmütze bis tief in die +Stirn, griff zum Stock und wollte gehen. + +Der gute Wichart hatte ihm schweigend zugesehen. Klauser fühlte seinen +Blick und wandte sich zu ihm. + +»Wann bin ich wieder so weit, Wichart?« + +»In vierzehn Tagen, Klauser!« + +»Was ... erst in vierzehn Tagen --?!« + +»Ja -- Temporalisabfuhr -- Knochensplitter -- so lange wirst du wohl +aushalte misse.« + +»Himmel!« + +»Na, so vierzehn Tag -- die sinn doch fix herum!« + +»Vierzehn Tage in Dimission --« + +»Kopf hoch, Klauser! Bist ja so e strammer Kerle --« + +Ein Händedruck, und Klauser ging einsam hinaus. Er stieg dumpf brütend +die Treppe hinunter und ging allein nach Marburg zurück -- den Weg, +den er heute morgen in Träumen voll wilder, jung-junger Seligkeit +hergekommen war. + +Denn das hatte er ja seinen Korpsbrüdern nicht sagen können, daß er +die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte -- daß er nichts anderes hatte +denken und träumen können, als daß sie nun sein sei -- seit gestern +abend ... seine Verlobte, seine Braut -- seit jenem Spaziergang im +Museumsgarten, abseits vom Fiedeln der Walzergeigen, seit jenem kurzen +Augenblick im Jasminboskett, der ihm den ersten Kuß seines Lebens +gebracht hatte -- den Kuß einer Liebe, die, so wähnte er, nur mit dem +Schlagen dieses stürmischen Herzens enden könne ... + +Und nun?! + +Langsam tropften schwere Tränen aus dem Auge des Jünglings, der +inmitten der Jugendspiele Mannesrechte und Mannespflichten auf sich +genommen und darüber den Schmuck der Jugend eingebüßt hatte. + +Schwere Tränen tropften auf die Brust, an der gestern Mariens gelber +Flechtenbau geruht hatte, auf der heute das Band Cimbrias fehlte. + +Schwere Tränen, Kindertränen ... + +Am Spätnachmittage hielten die Korpsburschen der Cimbria nochmals +außerordentlichen Korpskonvent ab, und zwar auf der Kneipe. An +Klausers Stelle wurde der dritte Chargierte, Krusius, Dammers +Leibbursch, beauftragt, interimistisch die zweite Charge zu versehen, +und ferner beschlossen, die Brander Böhnke, Dammer und Ehlert, +deren Rezeptionsmensuren am Vormittage den Anforderungen eines +wohllöblichen C. C. genügt hatten, ins engere Korps zu rezipieren. +Das wurde diesen Glücklichen, die man schon ohne Angabe des Zweckes +auf die Kneipe bestellt hatte, in feierlichster Form eröffnet, indem +der Außerordentliche Korpskonvent sich sofort als »Feierlicher +Korpskonvent« konstituierte, die rezipierten Brander vorlud, ihnen ihre +Aufnahme eröffnete, ihnen den Burscheneid auf die Konstitution des +Korps abnahm und sie feierlich mit dem blau-rot-weißen Bande schmückte. + +Hernach war's noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der speziellen +Kneipe. Das benutzten die Jungburschen selbstverständlich, um sich dem +staunenden Marburg alsbald im neuen Schmucke der drei Farben zu zeigen. +Auch Dammer hatte sich soweit erholt, daß er, trotz seines bis zur +Unkenntlichkeit vermummten Kopfes, die Wettergasse herunterschlenderte +bis zum Pensionat Vogt. Aber seine Sehnsucht erfüllte sich nicht: die +Vogtei saß jedenfalls beim Abendessen. + +Auf der Kneipe sah er sich allerdings zum Genusse eines Gebräues aus +Ei, Kognak und Rotwein verurteilt, das er durch ein Röhrchen trinken +mußte, da der angeschlagene Kaumuskel Trinken im eigentlichen Sinne und +Essen verbot. Trotzdem war er selig. + +Und auch das Korps überwand in der Freude über seine drei Jungburschen +allmählich die Mißstimmung über den Verlust des Subseniors. Ach ja, der +Lebende hat recht, und was ist ein einzelner unter einer Schar von mehr +denn vierzig! + +Vielleicht am aufrichtigsten und dauerhaftesten trauerte Werner um +Klauser. Er sah immer noch den Freund am Arm des schönen Mädchens +aus dem Boskett in den Mondflimmer hineintauchen und meinte noch den +unerhört süßen Nachhall der gestammelten Worte zu hören: + +»Willy -- meiner -- mein Willy ...« + +Nun lag der Arme gewiß einsam und schlaflos daheim und fühlte das +Brennen seiner Wunden und seiner Scham ... + +Und warum?! + +Grausam -- grausam ... + +Und Werner betrank sich. + + + + + VIII. + + +»Du -- Salche -- hernach muß ich dich allein spreche!« + +So hatte am Sonnabend früh der Studiosus Simon Markus seine Schwester +im Laden angezischt. + +»Hernach, wenn ich aus'm Kolleg zurückkomm!« + +Seine Augen schielten flackernd an der unförmlichen Nase entlang, deren +wulstige Flügel bebten. + +»Hernach? Warum nit gleich und nit hier? Was du mir zu sage habe +kannst, das kann e jed's heere!« + +»Nein! das kann nit e jed's hören.« + +Damit war er aus dem Laden gestolpert und zur Anatomie geschlendert, +den Rücken gekrümmt von der Last unfaßbarer Qualen. + +Rosalie hatte keine Ahnung, was ihren Bruder so erregte. Und darum, als +der heimkehrende Bruder sie ins Hinterzimmer zog und anfauchte: + +»Ich hab's gehört, heut nacht!« + +-- da konnte sie mit unschuldigster Verwunderung antworten: + +»Was hast geheert?« + +»Ja, mach nur e Gesicht! Heut nacht is er aus deinem Zimmer komme und +de Trepp erunter gange!« + +»Aus mein Zimmer? Ja, ~wer~ denn?« + +»Wirscht's schon wisse!« »Hernach bitt ich mir aus!! Wer soll in mei'm +Zimmer gewese sein heut nacht?« + +»Na, der Achebach -- hä? oder gar nit?!« + +»Bist verrickt, Simon?!« Ihre Augen funkelten gefährlich, ihre Finger +krallten sich. Sie glaubte, der Bruder wolle sie ganz grundlos +beleidigen. + +»Ich hab's geheert. Die Trepp is er nunter auf de Sock! Ich weiß es! +Aber ich tu'n haue! Ins Gesicht schlag ich ein, dem Affe, dem Fatzke!« + +»Du, Simon, mach dich nit unglücklich! Es is nit wahr, ich weiß von gar +nix weiß ich!« + +Simon überlegte. Eigentlich hatte er ja wirklich nichts anderes gehört +als einen Schrei draußen, drunten, an der Lahnstraße ... der ihn +aufgeweckt hatte ... und dann einen verstohlenen Schritt, abwärts, die +knackenden Dielen hinab ... sachtes Öffnen der Tür zum Zimmer, das +der junge Korpsstudent bewohnte ... sonst nichts ... vielleicht wußte +Rosalie wirklich nichts -- vielleicht war wirklich nichts geschehen -- + +»Salche! sieh mer an!! --?« + +Seine Finger krampften sich um des Mädchens stramme Oberarme. + +»Au, du tust mich kneife!« + +»Is wahr, daß du von nix weißt?« + +»Ich hab dir's gesagt -- laß mich in Friede!! Verrickt biste, verrickt! +Laß mich in Friede!! Un wenn's gewese wär, tut's dich was angehe? Hä? +Bist du mei Vormund?« + +Tränen standen in ihren Augen, halb des Schmerzes über den rauhen Griff +des Bruders, halb der Wut über seine Anmaßung -- ja, wenn er wenigstens +noch einen Grund gehabt hätte -- aber es war ja nicht mal was passiert +... + +Simon ließ ihre Arme los, nachdem er sie mit einem letzten harten Ruck +einen Schritt zurückgeschoben. + +»Dei Vormund bin ich nit, Gott sei's gelobt! Un ob mich das was angeht, +das is mer egal, verstehst? Das ein will ich dir sage: ich leid's nit, +daß du eine an dich eranläßt von dene Kerle ... von dene geschwollene +Korpsstudente, von dene dicknäsige Großschnauze ... und wenn du's +tust, den Betreffende den schlag ich in die Fresse, un wenn's Mord un +Totschlag drum tät gebe!!« + +Und damit rannte er hinaus -- er schnappte nach Luft ... in seinem +Herzen war eine so lichtlose, grauenhafte Finsternis, daß er nicht +wußte, wie das Leben ertragen ... allein er gemieden, geschnitten +von den alten Schulkameraden, ohne Möglichkeit, Freunde zu finden, +dem blöden Herzen der hinsiechenden Mutter, dem lebenslüsternen der +saftstrotzenden Schwester entfremdet, einsam, arm ... + +Ja, wenn er nach Berlin gekonnt hätte! Da, das wußte er, gab es große +Zirkel jüdischer Studenten, die in freundschaftlichem Zusammenschluß, +im Genuß der Literatur und Kunst einander den Fluch ihres Blutes +vergessen machen konnten ... nein, dort galt dieser Fluch überhaupt +nichts ... dort war das Judentum eine Macht, beherrschte Presse, +Literatur, Bühne. + +Aber in Marburg ... in dem ausgewucherten Hessenlande, wo seine +Glaubensgenossen, das mußte er als billig denkender Mensch zugeben, +einen Teil des Fluches verdient hatten, der ihren Schritten folgte -- + +Und fortlaufen? sich auf eigene Faust durchschlagen?! Das hieße, den +einzigen Menschen, mit dem ein menschliches Band ihn verknüpfte, das +hieß die Schwester schutzlos zurücklassen, ein Spielzeug jener Bande, +die er wütender als alles haßte: der blonden, vierschrötigen Söhne +Teuts, die dies Nest beherrschten mit ihrer ganzen knallprotzigen, +reckenhaften Arroganz, ihrer siegessicheren, gladiatorenhaften +Dreistigkeit -- die über die Studentenschaft das Schreckensregiment +des Schlägers, des Säbels, der Pistole führten und stark genug waren, +jedem Kommilitonen, der ihre Weltanschauung nicht teilte, das Leben +in Marburg unerträglich zu machen. Fühlten sich doch selbst die +theologischen Verbindungen, der protestantische Wingolf genau so gut +wie die katholische Verbindung Rhenania, schwer bedrückt durch die +Übermacht und alte Herrlichkeit der Waffenverbindungen. + +Und der arme Judenknabe floh in den dunkelnden Wald und warf sich an +finsterster, einsamster Stelle ins Moos. Seine Hände krallten sich in +die kühlen Polster. Tränen waren ihm versagt, aber ächzen konnte er +hier ungehört und ungestört. Und er preßte den breiten Mund, die wüste +Nase tief in das Grün und brüllte wie ein waidwundes Wild sein Weh in +die Mooskissen hinein -- sein lebenzerfressendes Weh über den sinnlosen +Fluch, der auf seinem Volke lastete, der täglich neu auf ihn und seine +Blutsgenossen getürmt wurde von jenen, die längst nicht mehr an den +Heiland glaubten, den seine Voreltern vor zweitausend Jahren ans Kreuz +geschlagen haben sollten. + + * * * * * + +Rosalie aber nahm sich vor, Werner das Vorgefallene zu erzählen und +irgendwie herauszubekommen, ob er wirklich in der Nacht vor ihrer Tür +gewesen. Sie zweifelte kaum daran. Und das machte ihr Blut hochheiß. +Sie wollte diesen keuschen Josef munter machen, sie hatte sich's in den +Kopf gesetzt, seine zitternde Unschuld zu besiegen. Sie kannte sich +schon genügend aus unter dieser bierfrohen und raufstolzen Jugend, +um wittern zu können, daß hier ein edleres Blut kreiste, eine Seele +von sonderlicher Art um ihren angeborenen Adel rang. Das war's, was +sie ahnte: dieser war nicht wie die anderen. Und darum wollte sie ihn +haben. Ein Raffinement, das auch weit erfahrenere Frauen als Salchen +Markus gereizt hätte, würzte ihr Begehren nach dem weichen Knaben, +der so mannhaft wider die Dränge seines Blutes kämpfte; daß er nicht +feige war, daß seine Flucht vor ihrer Nähe nicht eine Chamade der +Armseligkeit, sondern des Stolzes war, das las ihr Weibinstinkt in dem +scheuen, doch lodernden Auge. Und sie dünkte sich schön und feurig +genug, um würdig zu sein, diese tastende Seele in das tiefste Geheimnis +des Lebens und der Schönheit einzuweihen. + +Sie würde ihn fragen, ob er an ihrer Tür gewesen, sie würde zürnen und +ihre Verzeihung sich abbetteln lassen ... + +Aber wenn sie gehofft hatte, Werners noch am Samstag habhaft zu werden, +so sah sie sich enttäuscht. Werner kam erst spät von Ockershausen +zurück, fragte nur im Laden, ob Briefe gekommen seien, und war gleich +wieder hinaus. + +Und als Rosalie mitten in der Nacht von einem Lärm im Hause erwachte, +da konnte sie hören, daß das junge Blut, nach dem es sie verlangte, +sich recht gründlich ausgetobt hatte. Das war ein Gepolter auf der +Stiege, ein Türenschlagen, ein Anstoßen an Möbeln und Waschgeräten in +der Stube! + +»Dunner, der hat gelade!« + +Rosalie kicherte in ihre Kissen. + +Am Sonntagmorgen schlief der Student bis halb eins, stürzte dann, +ohne nach seinem Frühstück geklingelt zu haben, zum Frühschoppen. Und +Rosalie wußte, daß sie ihn nun am ganzen Sonntag nicht so leicht mehr +zu Gesicht bekommen würde. Denn sonntags pflegte das Korps gleich +nach dem Mittagessen zum »offiziellen Exbummel« aufzubrechen, einem +gemeinsamen Spaziergang zu einem der herrlichen Ausflugsorte der +Umgegend. Gegen Abend kehrte man dann heim, und in der Regel ging +alles sofort zur Kneipe, wo in dem prächtigen Garten des Korpshauses +der Sommerabend mit Kegelschieben, Skat und Quodlibet zu Ende genossen +wurde. + +Aber vielleicht würde der Student nach der Rückkehr vom Spaziergange +noch einen Augenblick von der Kneipe heruntergesprungen kommen, um die +Sonntagsgarnitur gegen eine ältere Mütze, ein schon bierbegossenes +Korpsband einzutauschen? + +Darauf wollte Rosalie hoffen, denn die Gelegenheit zu einem +Schäferstündchen kam so günstig nicht vor dem übernächsten Sonntag +wieder. Die Mama Markus hatte sich nämlich erholt, und wenn sie +munter war, verlangte sie von ihren beiden Kindern abwechselnd den +Liebesdienst, daß eins sie zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwester, +der Frau Isidora Mayerstein auf der Ketzerbach, begleitete, wo man +einige Stunden verplauderte. Diesmal war Simon an der Reihe, die Mutter +zu geleiten, und so würde sie von nachmittags fünf bis neun allein +im Hause sein, da auch Babett Ausgang hatte und in ihr Heimatdörfchen +Frohnhausen gepilgert war. + +Und sie mochte nicht lange warten. Er sollte, er mußte kommen! Sie +wollte es, sie wollte es! + +Als nach dem Nachmittagkaffee die Mama am Arme ihres Sohnes die +Wettergasse hinabgehumpelt war, schloß Rosalie den Laden zu, legte die +schweren Holzläden vor, verwahrte sie mit den Eisenriegeln und stieg in +ihr Zimmer empor. Sie hatte noch Zeit, vor sieben würde Werner nicht +kommen. Inzwischen wollte sie Toilette machen. + +Sie kramte eine viereckig ausgeschnittene Batistbluse heraus, bei +deren Anblick sie lächeln mußte, denn sie hatte schon einmal, im +vorigen Sommersemester, ihre Wirkung erprobt. Hehe! der gute Bennert! +Fritzchen! Damals war er dritter Chargierter der Cimbria gewesen. Es +war sehr nett gewesen mit ihm. Simon war damals noch ein ahnungsloser +Primaner gewesen mit einem unerschütterlichen Schlaf ... Bennert +ein hübscher, strammer, rotbäckiger, sommersprossiger Westfale ... +ein wackerer Liebeskamerad ... allerdings kein Werner Achenbach +... jetzt war er inaktiver Korpsbursch und büffelte in Berlin zum +Referendarexamen. Anfangs hatte er noch geschrieben ... ungeschlachte +Briefe, die stets schlossen: »Dein Dich liebender Fritz« -- dann war's +eingeschlafen ... + +Aber die weiße Bluse, die wußte noch von jenem ersten Abend zu erzählen +... es war Zeit, daß sie einmal etwas Neues erlebte. + +Und wie Rosalie ihren Spiegel befragte, da war sie sicher, daß dieses +neue Erlebnis nicht mehr fern sei. Himmel! so gab's doch in Marburg +keine zweite! + +Und sie wollte! sie wollte! sie wollte! --!! + +Sie stieg die Treppe hinunter, setzte sich auf Werners Sofa, nahm +ein Buch vom Tisch und begann zu lesen. Sie hatte schon seit ihrer +Backfischzeit von der Lektüre ihrer studentischen Mieter profitiert und +hatte so eine wirre Menge Bücher durcheinander verschlungen, von den +Wahlverwandtschaften bis zu Casanovas Memoiren ... dies Buch kannte sie +noch nicht; es trug die Zahl des laufenden Jahres, 1887, und führte den +Titel: Frau Sorge. Der Verfasser hieß Hermann Sudermann. + +Sie las und war rasch gefesselt. + +Aber plötzlich, nach etwa einer Stunde, legte sie das Buch mit einem +Ruck aus der Hand. Auf der sonntagnachmittagstillen Straße klang das +Klappern der Spazierstöcke, klang Hundegezänk und der wohlbekannte +Cimbernpfiff ... + +Sie fuhr ans Fenster. Fünf, sechs Cimbern kamen von der Barfüßergasse +her die Wettergasse entlang, offenbar vom Spaziergang zurück: sie +hatten rote Köpfe, Sonnenbrand, frische Luft und Alkohol leuchteten um +die Wette von ihren Gesichtern. Sie lachten laut und unaufhörlich; +ihre Mützen saßen im Nacken; mancher von ihnen schlug mit dem +Spazierstock einen Lufthieb nach dem andern. So trollten sie des Wegs +entlang, bogen den Pfad nach dem Korpshause zu und verschwanden. Alles +war wieder sonntagsstill; die ganze Wettergasse schien ausgestorben; +nur ein mageres Kätzchen schlich den Rinnstein entlang; schon war die +Sonne längst hinterm Schloßberg verschwunden; Dämmerung sank auf die +Straße, tiefere lag in den Winkeln des schlichten Studentenstübchens. + +Und Rosalie dehnte sich in ihrer einsamen, quellenden Schönheit. Sie +sehnte sich bis zum Verschmachten nach dem Knaben, dessen Jugendträume +diese Stube durchwitterten. Dort standen die Bilder seiner Eltern, der +schöne Weißkopf des Vaters mit den leuchtenden Augen, die Rosalie so +gut kannte. Dort die herberen Züge der Mutter, aus denen ein kräftiges +Wollen sprach: von diesen Linien meinte Rosalie kaum scheue Spuren in +dem Gesichte des Ersehnten zu finden. Und da lag ein Päckchen frisch +vom Photographen gekommener Bilder. Werner selbst. Ja, das war er, +seine noch verschwommenen, unausgeprägten Züge, sein suchendes Auge. +Grellbunt leuchtete die grob aufgesetzte Bemalung der Mütze und des +Bandes. Das mußte sie haben; kurz entschlossen mauste sie eins und +schob's in ihre Schürzentasche. Sie wollte ihn schon entschädigen. + +Und wieder klangen draußen Schritte und frische Stimmen, und wieder +fuhr Rosalie ans Fenster. Und wieder waren es andere als der, dessen +sie wartete. + +Und sie stöberte ruhelos in dem Stübchen umher, drehte jeden +Gegenstand, den sie bemerkte, in den Fingern; inzwischen liebäugelte +sie mit dem Sofa, steckte gar den Kopf ins Nebenzimmer und warf dem +Bette einen vertraulichen Nicker zu ... das alles kannte sie ja so gut +... + +Und doch war ihr jungfräulich, war ihr bräutlich zumute ... als +wenn sie rein wäre, wie jener, dessen unberührte Jugend sie an ihre +lechzenden Brüste pressen wollte. + +Da -- da -- Schritte auf der krachenden Stiege, polternd im lichtlosen +Dämmer des Flurs -- -- an der Klinke eine tastende Hand -- und Werner +stand im Rahmen. + +»Fräulein Rosalie -- --« + +»Ach -- guden Abend, Herr Achebach -- grad e bißche aufgeräumt hab ich +da in der Stub --« + +»Ich dank Ihnen schön --« + +»Na -- sinn Se spaziere gewesen?« + +»Na -- der übliche Sonntagsnachmittags-Exbummel ... wir waren in Wehrda +draußen.« + +Er hatte seine neue Mütze an die Wand gehängt und eine ältere +aufgestülpt. Nun nahm er auch ein älteres Band herunter, knüpfte es an +das neue, das er trug, und zog es durch Abziehen des alten unter den +Rock. Dabei stand er von Rosalie abgewandt. Seine Finger zitterten. + +»Herr Achebach!« + +»Fräulein Rosalie?« + +»Ich muß Ihne mal was frage --!« + +»Nun?« Er fuhr herum -- der Ton der Frage hatte so seltsam +geklungen ... + +»Herr Achebach -- sinn Se in Freitag nacht obe vor mei'm Zimmer +g'wese?« + +»Fräu--lein -- -- Rosalie --« + +»Sie --?« sie drohte mit dem Finger. + +»Ach Gott -- ich -- ich werde wohl ... bekneipt gewesen sein -- +entschuldigen Sie nur -- es soll nicht wieder vorkommen --« + +»Ja -- was ich Ihne sagen wollt -- mei Bruder hat's geheert, wie Sie +nunner sinn gange, un er hat mir de greeßte Skandal gemacht deshalb. De +greeßte Skandal!« + +»Fräulein Rosalie -- ich werde morgen ... mit Ihrem Herrn Bruder +sprechen ... und ihm sagen, daß Sie gar nichts ... ich meine, daß ich +allein --« + +»Um Gottes wille, das mache Se nur nit, die größte Unannehmlichkeit +könnt das gebe! Schon so grad schlimm genug is es gewese!« + +»Ach, verzeihen Sie mir doch nur -- ich -- Himmel, ich könnt mich +prügeln deshalb --« + +»Ja, verzeihe, verzeihe! Sie habe gut rede! Sie sinn der große Herr, +ich bin das arm Mädche, was alles muß ausbade!« + +»Fräulein Rosalie!« Er tat einen Schritt auf sie zu -- endlich, endlich. + +»Ach, Herr Achebach --!« + +»Wollen Sie mir verzeihen?!« Er streichelte ihre Hand, ihren Arm -- +endlich! Endlich! + +Und fünf Minuten später hatte sie ihn auf dem Sofa. + +Und Werners Fassung schwand. Die wilden Küsse des Mädchens machten ihn +toll. + +Da fuhr Werner plötzlich auf: draußen klang der Cimbernpfiff! + +»Himmel, meine Korpsbrüder!« + +»Verflucht! Laß se doch pfeife!« + +Einen Augenblick lauschte Werner den Pfiffen, die sich dringender +wiederholten. + +Plötzlich polterten Schritte auf der Stiege. + +»Die Tier! Is de Tier abgeschlossen?! Schnell! Tu se zuschließen!« + +Werner fuhr auf -- verdammt! Der Schlüssel stak draußen! + +Es war zu spät -- da tauchte eine blaue Mütze aus der Dämmerung -- ein +gebieterisches, hageres Gesicht -- der lange Scholz -- -- + +»Guten Abend, Leibfuchs!« + +»Leibbursch, du? Guten Abend --« + +»Na, warum hast du denn auf meinen Pfiff nicht reagiert, wenn du doch +zu Hause bist? --« + +»Oh, ich -- -- womit kann ich dir dienen?« + +»Ich wollt mir nur 'ne alte Mütze bei dir holen -- es scheint ein +Gewitter zu kommen.« Und schon war Scholz in der Stube. Vom Sofa +leuchtete Rosaliens helle Bluse. »Ach, so!! -- Ei, sieh doch den +Duckmäuser! Wer ist denn das?« + +»Fräulein Rosalie Markus -- meine +filia hospitalis+ --« + +»Äh -- +filia hospitalis+ --!« + + »Denn keine ist +aequalis+ + Der +filia hospitalis+!« + +sang Scholz mit näselndem Ulkton. + +»Mach mal Licht an, Leibfuchs! Die schöne Rosalie Markus ist wert, daß +man sie auch mal bei Lichte besieht!« + +Verstört, fassungslos zündete Werner die Petroleumlampe an. Scholz nahm +sie und leuchtete Rosalien ins Gesicht. + +»Verdammt. Dich hab' ich eigentlich noch nie so recht angeschaut, +Mädel! Hat keinen schlechten Geschmack, der kleine Leibfuchs.« + +Rosalie sprang auf, um zu entfliehen. + +»Was, weglaufen? Jetzt, wo's grad gemütlich wird?« + +Und die stählernen Finger des Seniors der Cimbria umklammerten +Rosaliens blühende Handgelenke, preßten das ringende Mädchen +widerstandslos ins Sofa zurück. + +»Au, mein Arme -- lasse Se los, Sie -- Sie ung'schliffener Mensch, Sie!« + +»Wenn du brav bist!« + +Rosalie war frei, sie rieb sich die Handgelenke. »Da, sehe Se nur, wie +Sie mich verdruckt habe!« Sie hielt die Handgelenke unter die Lampe, +Scholzen entgegen; in der Tat, die Finger des jungen Mannes hatten sich +wie eiserne Handschellen in dem weißen, schwellenden Fleisch eingeprägt. + +»Na ja! So geht's, wenn man mir nicht pariert!« lachte Scholz +behaglich. Seine grauen Augen musterten kennerhaft die Gestalt des +Mädchens und hafteten an dem Ausschnitt der Bluse. + +»Donnerwetter! Ich kann nur staunen! Ich kenne mich doch sonst aus +unter den Marburger Mädeln -- warum hab' ich dich eigentlich bisher +übersehen? Nun hat der kleine Leibfuchs da dich mir weggeschnappt. +Schade!« + +»Oh -- weggeschnappt!« sagte Rosalie gedehnt. + +Scholz zog, wie freudig erstaunt, die Augenbrauen hoch. Also noch +nicht? Das wäre! lag in diesem Blick, der Rosalie galt. Und dann über +die rechte Achsel zu dem Jüngeren, der noch immer regungslos und +hilflos dastand: + +»Na, Leibfuchs? Du schweigst ja in sieben Sprachen?!« + +»Gehst du mit zur Kneipe, Leibbursch?« fragte Werner heiser. + +»Oh -- wenn du zur Kneipe willst, ich will dich nicht abhalten. Ich ... +wenn du erlaubst, daß wir noch ein Weilchen auf deiner Bude bleiben +... dann möchte ich Fräulein Rosalie gern noch ein Augenblickchen +Gesellschaft leisten.« + +»Das sollt mer grad fehle!« höhnte Rosalie und stand abermals auf, +aber ihr Blick ruhte freundlich auf dem Unverschämten und mied das +brennende, düstere Auge des Knaben, den sie vor fünf Minuten so wild +geküßt. + +»Schönes Kind, du zwingst mich abermals zu Gewaltmaßregeln!« + +»Herr Scholz, mache Se jetzt keine Unsinn un lasse Se mich vorbei!« Sie +mochte Werner so tief nicht kränken. + +»Also heute nicht? Dann ein andermal, du süßer Racker!« Und während +Rosalie an seinen Knien vorbeistrich, packte er sie dreist um die +Hüften. Sie riß sich los, warf noch einen spöttisch-bedauernden Blick +auf Werner, einen schmollenden, doch verheißungsvollen auf Scholz und +war hinaus. + +»Du, Leibfuchs, die Kleine spann ich dir aus, für die bist du noch zu +jung,« sagte Scholz. »Wenn du der in die Finger fällst, dann bleibt für +die Mensuren nichts mehr von dir übrig.« + +Und gleichmütig hing er seine Mütze an die Wand, nahm die beste +ältere, die da war, stülpte sie auf den Hinterkopf und sagte: »Komm, +Leibfuchs, wollen zur Kneipe!« + +Er blies die Lampe aus, schob seinen Arm in den Werners und zog ihn zur +Tür. + +Und willenlos, kampflos folgte Werner. + + + + + IX. + + +Und abermals war das Geheimnis, die Erfüllung an Werner +vorübergegangen. Und als er andern Morgens im Bette übersann, wie +alles gekommen war, da erfüllte ihn nicht mehr die dankbare Stimmung +selbstbewahrter Reinheit ... da empfand er nichts als Scham und Groll +gegen sich selbst. Diesmal hatte er den Becher nicht selbst von den +Lippen gedrängt, ein Stärkerer war gekommen und hatte den zagen Händen +des Knaben den Trank entrissen. Und er hatte nicht einen Finger zur +Abwehr geregt. Er fühlte: das konnte Rosalie ihm nicht verzeihen. Ihren +Abschiedsblick vergaß er nicht; der brannte noch immer mit ätzender +Schärfe in seiner Seele. Klein und feige hatte er sich die Geliebte +entreißen lassen. + +Die Geliebte! Hahahaha!! + +Dieser Gedanke kam ihm läppisch vor. + +Wer ihm noch vor wenig Monaten gesagt hätte, daß man ein Weib küssen, +ihren Besitz stürmisch begehren könnte, ohne sie zu lieben?! + +Wenn jetzt einer gekommen wäre und hätte ihm erzählt, Rosalie sei in +der Nacht gestorben -- würde er eine einzige Träne um sie vergossen +haben?! + +Was war denn das nun, was ihn zu dem wundervollen Geschöpf gezogen +hatte? + +Werner hatte keinen Namen für dies Gefühl. Und dennoch wußte er, daß es +ein Glück war, ein süßes, leuchtendes, trunken machendes Glück, das an +ihm vorübergegangen war für immer. + +Für immer? + +Ja, für immer. Diese Stunde würde nicht wiederkommen. Diese Stunde, +die ihm vergönnt hätte, seine so lange aufgestaute Sehnsucht in den +Schoß eines Mädchens auszuschütten, das ihm alle seine Schönheit als +freudiges Geschenk entgegengeworfen hatte, das sein gewartet, das ihn +begehrt hatte in hinlechzendem Verlangen. Begehrt hatte ... und nun nie +mehr begehren würde, da er sich unmännlich gezeigt hatte. + +Und in seinem Herzen war eine tiefe Trauer um ein verlorenes Glück ... + +Ja, um ein Glück! + +Der Primaner in ihm versuchte ihn zu belehren, daß ja doch dies Glück +eine Sünde gewesen wäre -- + +Sünde --!! Hahahaha! + +Wo waren die Begriffe hingekommen? Sünde -- Schuld! + +Das Leben wußte nichts von ihnen. Das Leben kannte nur zwei +Empfindungen, nur zwei Seelenzustände: Glück ... und Leid ... + +Narr, wer das Glück von sich stieß! Zehnfacher Narr, wer sich's rauben +ließ! + +Das Leid, das mußte man wegstoßen -- das zudringliche Leid, das immer +wieder von selber kam -- dem mußte man mit Keulen auf den Schädel +dreschen, daß es heulend entweichen mußte ... + +Und haschen, haschen das flüchtige Glück ... + +Er hatte es entweichen lassen -- + +»Du Narr! Du Esel!!« Er schlug sich mit der geballten Faust vor die +Stirn. + +Babett brachte ihm das Frühstück. Er hatte das liebe Kind, dessen +Mund seine ersten Küsse einst empfangen, seit jenem Abend nicht mehr +beachtet. Und still wie ein Schatten war das schlichte Mädel durch sein +Zimmer gehuscht, nie hatte ein Blick ihn daran erinnert, was zwischen +ihnen vorgefallen. + +Heute zum ersten Male ließ er seine Augen auf ihr ruhen. War +die vielleicht sein Schicksal? Er brauchte wohl nur den Finger +auszustrecken -- + +Aber nein -- die da begehrte er nicht. Was war sie gegen Rosalie? + +Sie hatte seinen prüfenden Blick gefühlt, und ein tiefes Rot stieg aus +ihrem Brusttuch bis unter die Wurzeln der zurückgestrichenen Haare. +Aber er blieb stumm. + +Und stumm schlich Babett hinaus. + +Nach dem Fechtboden ging Werner zur Anatomie, um von Wicharts +Gefälligkeit Gebrauch zu machen und den Präparierboden zu besichtigen. +Es war ohnehin Zeit. Die warmen Tage waren nahe, und da würde der +Präparierboden geschlossen werden müssen. + +In der Vorhalle fahndete Werner nach einem dienstbaren Geist, gab dem +seine Karte für Wichart und wartete. Und wie er so stand, ging hin +und wieder die Tür zum Präpariersaal auf, und Studenten gingen ab und +zu. Sie trugen lange, graue Leinenkittel und hatten die Ärmel wie +Schlächter aufgestreift. Die Kittel waren wie mit braunen Farbkrusten +beschmutzt, die Hände dunkel gefärbt ... + +Und aus dem Saale quoll ein Dunst, der sich schwer auf Werners +Brust legte. Der Qualm von Zigarren- und Pfeifenrauch, gemischt mit +einer andern, einer süßlich-faden Witterung ... Werner fühlte sich +unaussprechlich ekel. + +Der Anatomiediener kam: »Der Herr mecht schon immer in de Saal gehe.« + +Und Werner trat ein. Unter der Tür meinte er fast zu ersticken an dem +widerlichen Brodem, der auf ihn zuquoll. Aber das Bild arbeitender +Menschen fesselte seinen Geist und half ihm den Schauder der Sinne +bändigen. + +An vielen kurzen Tischen saßen an hundert Studenten, fast ausnahmlos +junge Semester wie Werner. Alle qualmten sie, alle saßen sie tief +gebeugt, alle hatten sie irgendein seltsam formloses Etwas in der Hand, +an dem sie mit scharfen Instrumenten herumschnitzelten. Neben jedem +lag ein aufgeschlagenes Buch mit Illustrationen in rot und blau, +oder deren mehrere ... und der Blick der Arbeitenden ging hin und her +zwischen den Abbildungen ihrer Bücher und den Gegenständen in ihren +Händen. + +Und diese Gegenstände waren leblose Teile menschlicher Körper. + +Als Werners Augen das Gesamtbild des Saales aufgenommen und nun zum +Einzelnen strebten, fiel ihr erster Blick auf einen blutjungen, +bartlosen Menschen von kindlichem Gesichtsausdruck, der ein langes +menschliches Bein unter den Händen hatte. Er war beschäftigt, die +einzelnen Muskeln von den zwischenliegenden Schichten aus Fett und +Bändern zu befreien und herauszulösen. Eben hatte er einen breiten, +roten Schenkelmuskel lospräpariert, schob seine Rechte darunter her, +strich mit der Linken befriedigt, wie liebkosend über den gesäuberten +Muskel und schmunzelte selbstzufrieden vor sich hin, im Bewußtsein +sauber besorgter Arbeit. Werner mußte in all seinem Schauder lächeln. + +Und er ging weiter von Tisch zu Tisch. Hier wurde ein Arm, dort +ein Fuß, dort eine Hand zersäbelt. Und staunend sah Werner diese +selbstverständliche Ruhe und Gelassenheit, mit der diese gleichaltrigen +Jünglinge das Geheimnis des Meisterstücks der Schöpfung erschürften, +geschäftsmäßig, mit dem sachlichen Ernst von Knaben, die ein Spielzeug +zertrümmern, um seinen Mechanismus zu ergründen. + +Schließlich stand er hinter einem Studenten, der vor sich einen +menschlichen Kopf liegen hatte. Die von Haaren entblößte Schädelhaut +war durch einen Schlitz von der Nasenwurzel bis zum Hinterkopf +gespalten, dann die Schädeldecke flach abgesägt worden, und aus der +Gehirnhöhle hatte der Arbeitende das Hirn losgetrennt und gesäubert. +Eben war er fertig geworden und ließ die quabblige, schaukelnde +Hirnmasse auf einen Porzellanteller gleiten. Erleichtert atmete er auf, +empfand, daß jemand hinter ihm stehe, und wandte sich herum. Es war +Scholz. + +»Tag, Leibfuchs! Na? Was suchst du denn bei uns?« + +»Tag, Leibbursch! Wichart hat mich aufgefordert, mir hier die Sache mal +anzusehen.« + +»So, so -- na, wie gefällt dir's denn in dem Ausschank?« + +»Na -- gefallen? Jedenfalls interessiert mich's riesig.« + +»Nicht wahr? Und dann riecht's auch so gut.« + +»Entschuldige, Leibbursch -- was treibst du denn hier? Ich denke, du +stehst schon ziemlich nahe vor'm Staatsexamen?« + +»Na -- immerhin noch anderthalb Semester -- aber du hast recht -- +eigentlich hab' ich hier ja nichts zu suchen ... uneigentlich aber +mach' ich hier Studien für meine Doktordissertation. Schau dir das +mal an! Das ist die Denkmaschine. Das muß eigentlich jeder gebildete +Mensch mal gesehen haben. Das und 'ne Entbindung. Dann kommt man +dahinter, daß der Mensch ein grad so armseliges Viech ist, wie alle +andern. So die Romanschreiber und die Dichter und so 'ne Leute: die +müßten das mal sehen, dann würden sie nicht so viel idealistischen +Blödsinn quasseln.« + +Diese Logik war Werner unbegreiflich. Mit tiefer Ehrfurcht betrachtete +er die opalisierende Masse auf dem Teller. Ihm war, als wachse vor +diesem Anblick das Geheimnis des Denkens und Schauens nur tiefer +ins Unermeßliche hinab. Wenn nicht eines Gottes kommandierende +Allweisheit dies millionenfach verschlungene Chaos von Gängen und +Fäden und Äderchen gebildet, wenn das alles »geworden war«, so sich +entwickelt hatte im Laufe der Jahrmillionen -- war das nicht tausendmal +wunderbarer -- weckte es nicht tausendmal tiefere Ehrfurchtsschauer?! + +Das alles zuckte nur als dumpfes Ahnen durch des Knaben Hirn ... von +dem Naturerkennen der Zeit waren nur erst flüchtige Blitze in die +dumpfe Geistesdämmerung der Elberfelder Oberprima gedrungen. + +Und er stand vor dem Sitz des Lebens, wie er manchmal in heimischen +Fabriken oder auf der großen Düsseldorfer Gewerbeausstellung vor +sieben Jahren den riesigen Maschinen gegenübergestanden hatte; das +eine konnte man so wenig begreifen wie das andere; nur eine Anschauung +von einer tiefdurchdachten, langsam und kämpfend herangereiften +Zwecktüchtigkeit und Bedeutungsfülle strömte, wie von jenen +schwerfälligen eisernen Kolossen, von dem Unbegreiflichen, dem ewig +Rätselhaften des Seins wie von dem Menschengeiste, der rastlos sich +selber zu ergründen trachtete. Und der nüchterne, eiserne Gesell da vor +ihm, der ihn vor wenig Stunden um einen süßesten Augenblick betrogen, +wuchs in diesem Moment für Werners Empfinden zu einem Pionier des +Geistes empor, der auf oft betretenen, nie bis zum Ende verfolgten +Pfaden tiefer und tiefer in den Urwald des Unbegriffenen einzudringen +trachtete ... + +Da schreckte ein Ruf ihn aus seinem Sinnen: + +»Achenbach!« + +Wichart stand unter einer Tür, die zu einem Nebengelaß führte; auch +er in Kittel und aufgekrempelten Ärmeln, wie Werner ihn schon von der +Mensur her kannte. + +Werner schob sich zwischen den Schemeln der arbeitenden Studenten +hindurch und begrüßte Wichart, streckte ihm die Hand hin. Aber der +sagte: + +»Ne, Füchsche, Hand gibt's net -- ich hab schon gearbeitet!« und +er hielt dem jungen Korpsbruder die besudelte Hand unter die Nase: +»Kannscht es rieche?« + +»Ach, Wichart,« sagte Werner, »ich bin dir ja kolossal dankbar! Es ist +großartig interessant!« + +»Nit wahr? Aber wart nur, jetzt sollst was zu sehe kriege, was mer auch +nit alle Tag vor die Auge bekommt. Ebe ist was Neues bracht worde: 'ne +Selbstmörderin, wo se gestern abend unne bei Frohnhause aus der Lahn +gezoge habe!« + +Und er zog Werner ins Nebenzimmer. Dort standen zwei Anatomiediener, +der eine hatte eine Säge in der Hand, der andere hielt etwas fest -- + +»Warte Se eine Augenblick, Michel,« sagte Wichart und schob Wernern +ganz heran. + +O Gott -- --!! + +Ein junges Weib, ein schönes, wunderschönes Mädchen ... eine Leiche ... +schon bläulich angelaufen, ein wenig gedunsen vom Wasser -- aber ... + +Das also war des Weibes Leiblichkeit!! + +Oh, so ganz anders, als der Jüngling sie geträumt hatte ... + +Das Weib und der Tod -- da lagen sie beide vor des Knaben Augen -- +schleierlos -- allübermächtig ... + +Tot ... und warum tot? + +Eine Selbstmörderin --! Aus dem Wasser gezogen! + +O Gott, o Gott! + +Aus blühender Lebensfülle in die nasse, kalte Flut -- + +Wichart schien die Frage von Werners zuckendem Gesichte gelesen zu +haben. Er wies auf den Leib, der sich stark wölbte. + +»Da steckt's drin!« sagte er. »Das hat sie ins Wasser gebracht. Ja, +Kerlche, so is das! Aber se könne ja die Finger nit davon lasse --! Der +Vater is en Schreiner mit zehn lebendige Kinner, un in seiner Wut, daß +se in de Schand komme is, hat er se uns verkauft.« + +Wernern schüttelte das Grauen so unbezwinglich, daß er mit einem jähen +Laut die Luft durch die klappernden Zähne zog. + +In dem Augenblick trat Scholz ein. »Na, Wichart, was habt ihr denn da +gut's?« + +»Willst es Gehirn habe?« fragte Wichart und wandte sich zu einem +Instrumentenschrank. + +Plötzlich sah Werner, wie Scholzens Augenlider sich weit aufrissen, +die Stirn sich hoch in Falten zog, der Unterkiefer wie haltlos +herunterklappte. Und beide Hände tasteten langsam, irr am grauen Kittel +herauf nach dem Kragen. So stierte er mit blicklosen Augen eine Sekunde +lang auf die Leiche ... und noch eine Sekunde ... dann machte er kurz +kehrt und war hinaus. + +Himmel -- was war ihm?! + +Einen raschen Blick voll zähneknirschend angstvollen Forschens ließ +Werner in das Totenantlitz gleiten -- ja -- sie war's -- sie war's -- +Lenchen Trimpop. + +Wichart hatte nichts bemerkt. Er kramte unter seinen Instrumenten und +holte eine große Schere heraus. Die gab er dem einen der harrenden +Anatomiediener und deutete auf das lang und naß herunterhängende +Blondhaar der Leiche. »Schneiden's ab! Du kannst dir den Kopf gleich +mitnehme, Scholz! Nanu? Wo ist denn der Scholz?« + +Werner konnte nicht antworten. Er drückte Wichart die Hand und +stammelte, totenhaften Gesichts: »Adieu, Wichart, ich danke schön.« +Dann taumelte er hinaus. + +»Is wohl aach kee Mediziner nit, der Herr?« meinte Michel, der +Anatomiediener, und setzte die Schere an. + + + + + X. + + +Gott, Gott! -- + +Ein Mensch war in Verzweiflung getrieben! + +Ein junges, blütenjunges Leben hatte flüchten müssen aus der Welt, in +der es Eltern gab, Geschwister, einen Mann, dem es in Liebe angehört +... in der es Mutterhoffnung gab ... aber keine Heimat ... keine +Rettungshand ... nicht Luft noch Licht zum Leben ... + +Was würde sich nun ereignen? + +Eine Katastrophe, ein Weltuntergang ... + +Aber draußen flimmerte die Sonne heiß und heiter auf dem +Straßenpflaster, übergoldete die Stadt und den friedlichen Fluß, in +dem ... das würde man nie vergessen können ... und nie diesen Anblick, +nie diesen fahlleuchtenden, mütterlichen Mädchenleib mit nassen +Blondsträhnen und den grünlichen Flecken ... nie ... nie ... + +Heim! heim! ins Dunkel, in die Einsamkeit ... + +Er fand in Dumpfheit seine Straße, seine Stiege, sein Sofa ... wühlte +sich in eine Decke, fror und schluchzte und sann. + +Da stürzte Rosalie heulend herein: »Herr Achebach, Herr Achebach! Ach, +das Malheur, das Malheur!« + +»Fräulein Rosalie?« + +»Meine Freundin, es Lenchen Trimpop, is in de Lahn gange!« sie fiel in +einen Stuhl, sie heulte, sie ächzte, stoßweise schrie sie es heraus. + +»Un ich weiß auch, weshalb! E Kind hat se, un ich weiß auch von wem! +Vom Scholz hat se's gehabt, von eurem Scholz --!!« + + * * * * * + +Ja, nun würde die Rache kommen. Die da, dies Mädchen, das gestern der +Überrumpelung des Sieggewohnten fast erlegen war ... die wußte nun, +wer er war ... die würde nun durch alle Straßen von Marburg heulen: +der erste Chargierte der Cimbern ist schuld, daß das Lenchen Trimpop +ins Wasser gegangen ist! Und dann würden die Steine Echo schreien, +die Leute sich auf den Verführer, den Mörder stürzen wie auf eine +gefährliche Bestie und die Rache der Menschheit an ihm vollziehen ... + +Nicht, daß er wieder ein »Balg« in die Welt gesetzt -- nicht das war +das Ungeheuerliche ... sondern daß er hatte die in Verzweiflung sterben +lassen, die ihm ihr Alles gegeben ... das war's, das würde Rosalie als +Anklägerin in alle Lüfte heulen, und die Steine würden Echo schreien ... + +Mit schlotternden Knien suchte Werner um die Mittagsstunde den Kreis +der Korpsbrüder auf, die er im Quentinschen Lokal beim Frühschoppen +wußte. Er glaubte nicht anders, als daß er alles in wilder Verstörung +antreffen würde. Aber sehr behaglich kneipend saßen die Füchse im +Garten über der hohen Terrassenmauer. Die Korpsburschen, hieß es, seien +auf der Kneipe im C. C. + +Ah! also dort vollzog sich das Strafgericht! + +Aber nein. + +Bald kamen die Korpsburschen: sofort sah Werner an ihren Gesichtern, +daß nichts von besonderer Bedeutung vorgefallen. + +Und bald wurde den Füchsen aus dem C. C. mitgeteilt: »C. B. Scholz, +gewesener Dritter Erster, Erster, Erster, Erster +ad interim+ +tritt von seiner Charge ins Korps zurück und derselbe mit Farben +inaktiv. Unter demselben Datum definitive Chargenwahl: Papendieck, +gewesener Fuchsmajor, Erster, Krusius, gewesener Dritter, Zweiter, +Dettmer Dritter. Unterm selben Datum: i. a. C. B. Scholz, gewesener +Dritter, Erster, Erster, Erster in Berlin.« + +Also das war das Ende? Das war alles?! + +Ja, da mußte doch etwas nachkommen! So konnte das doch nicht ausgehen?! + +Rosalie würde reden! Ja, die wußte ja nicht bloß, wie Werner, aus +Anzeichen -- -- die wußte aus dem Munde der Toten, was geschehen war! + + * * * * * + +Rosalie schwieg. Ein paar Tage lang hatte sie verweinte Augen ... lief +ein paar Tage im Hause herum, ohne wie sonst zu trällern und zu pfeifen +-- dann pfiff und trällerte sie wieder. Und hatte geschwiegen. + +Und nichts geschah ... nichts. + +Ein paar Tage sprach man in Marburg davon, daß eine Tischlerstochter +sich ertränkt habe; sie solle ein Verhältnis mit einem Studenten gehabt +haben, das nicht ohne Folgen geblieben sei: dann war Lenchen Trimpop +vergessen. Als wäre eine Mücke ertrunken. + +Und niemand klagte ihren Mörder an. Niemand kannte ihn. Niemand. + +Doch, einer: er -- Werner! -- + +Er würde die Stimme erheben müssen, er würde zeugen müssen gegen den +weiland Senior Cimbrias, den gefürchteten S.-C.-Fechter, gegen seinen +Leibburschen! + +Was konnte alles daraus werden --?! + +Eine furchtbare Katastrophe im Korps! + +Vielleicht würde später Scholz ihn fordern ... gar auf schwere Waffen +-- auf Säbel ... auf Pistolen! + +Was konnte daraus werden?! + +Und mit Schaudern malte Werner sich alle möglichen ungeheuerlichen +Folgen seiner Enthüllung aus. + +Vielleicht würde sich Scholz, wenn das Korps ihn exkludierte, das Leben +nehmen ... + +Aber das wäre dann eben die Nemesis, die Rächerfaust der Erinnyen: + + »Wir heften uns an seine Sohlen, + Das furchtbare Geschlecht der Nacht! + -- -- Geflügelt sind wir da, die Schlingen + Ihm werfend um den flüchtgen Fuß, + Daß er zu Boden fallen muß!« + +O ja, er kannte seinen Schiller! Er wußte, daß es eine ewige, rächende +Gerechtigkeit gab ... und wie durch jener Kraniche Mund der Mord des +frommen Sängers an die Sonne kam; er, Werner, war das Werkzeug der +Vorsehung, des Weltenrichters, den tödlichen Frevel an dem armen +Schreinerskinde zu rächen! + +Mochte kommen, was da wolle! -- + +Und er ging zu Papendieck, seinem verflossenen Fuchsmajor, dem +neugebackenen Ersten Cimbrias. + +Der lange Senior saß mit der Pfeife vor einem medizinischen Buche und +»strebte« fürs Physikum. Er war etwas ungnädig über die Störung. Er war +meistens ungnädig, seit er Erster geworden war. + +Aber bald wurde er aufmerksam. In seinem Gesichte zuckte es ganz +wunderlich, als Werner stammelnd, glühend seine Anklage vorbrachte. + +»Na -- büst fertig?« sagte er, als Werner schwieg und in zuckender +Spannung den Gestrengen ansah. + +»Ich bin fertig.« + +»Na, nu will ick dir mal wat sagen, lütt Jung. Du hast 'n Vagel. Äwer +'n utgewassenen. Nu gah nah Hus, lütt Jung, un leg di up't Ohr.« + +Werner sprang auf. »Habe die Güte, mir das zu erklären!« Seine Augen +funkelten so bedrohlich, daß Papendieck sich zu einer Erläuterung +verstand. + +»Zuerst, min Sähn, mußt du dir klar machen, daß allens, wat du wissen +willst, man Hirnges -- pinste sind, Hirnges--pinste -- versteihst du +mir? Sonst nix! Scholz hat große Augen gemacht, wie er die Leiche von +dem unglücklichen Mädchen gesehn hat, und denn is er weggegangen. Das +is allens! -- Aberst nu will ich mal annehmen, es verhielt sich allens +wirklich so, wie du dir das zusammenklaviert hast, was wäre denn nu +denn dorbi? Wat? Sollen wir vielleicht unsen Senior von drei Semestern +mit Schimpf und Schann rutsmiten, weil so'n doemliches Ding sich ihm +von Rechts wegen an'n Hals hätt smeten? Wat? Scholzen, den s--trammsten +Korpss--tudenten in Marburg?! Nee, nee, min Sähn, da büst du hellschen +schiew gewickelt! Un nu gah, min Sähn, un wenn ick dir nen gauden Roat +soll gewen: denn swig din Mul! vers--tehst du mich?! sonsten kann +dich das noch hellschen slecht bekommen! Der Scholz, weißt du, der +vers--teht keinen S--paß!« + +Werner war draußen. Alles wirbelte um ihn her. + + »Ich durchbohr den Hut und schwöre: + Halten will ich stets auf Ehre, + Stets ein braver Bursche sein.« + +Nicht wahr? So hatten sie doch gesungen auf dem S.-C.-Antritts-Kommers +beim Landesvater? Das war doch der feierliche Burschenschwur, den sie +damals alle miteinander getan?! + +Ja, was war denn Ehre, wenn ~der~ nicht ehrlos war?! + +Aber, Werner Achenbach, schlag an deine eigene Brust! Hat nicht vor +wenig Tagen dieser selbe Scholz, den du verdammst, dich davor bewahrt, +zu tun, was jenes Mädchen in den Tod getrieben hat?! + +Doch nein ... nicht jene trunkenen Stunden, in denen die Tote das Leben +in ihren Schoß empfangen hatte -- nicht die waren's, um die Werner den +Verführer verdammte. + +Jene späteren, kalten, rohen, die gekommen sein mußten, in denen Scholz +der Genossin glücklicher Nächte seinen Beistand versagt hatte, versagt +haben mußte ... hatte nicht Scholz ihm selber gestanden, daß ein Mädel, +das etwas »gefangen« habe, sich hilfeflehend an ihn gewandt habe ... +er solle sie heiraten, sonst müsse sie ins Wasser gehen? Er hatte +keine Hilfe für sie gefunden ... hatte sie verzweifeln und sterben +lassen ... das war's ... das war für Werners Empfinden die eigentliche +Ehrlosigkeit, das endgültige Verbrechen, der unsühnbare Mord. + +Waren sie denn alle so, die Blau-rot-weißen, wie dieser Papendieck? + +Eine andere Stimme wollte Werner hören ... alle die Jünglinge um ihn +herum standen mitten drin in diesem Treiben ... waren noch beeinflußt +von Scholzens Persönlichkeit, die anderthalb Jahre lang das Korps in +fester Zucht gehalten hatte. Eine menschlichere Stimme klang in Werners +Ohren nach, die Stimme eines jungen Mannes, der schon an der Schwelle +des wirklichen Lebens stand -- Wicharts. + +Er suchte ihn auf, erzählte ihm den Sachverhalt. + +»Ja,« sagte der, »das sieht em ähnlich, dem Scholz. Er kann's nu mal +nit lasse. Was willst mache? Laß doch die Mädche ihre siebe Sache +beisamme behalte!« + +»Wichart! und das könntest du ... das brächtest du fertig, den Menschen +noch länger als Korpsbruder zu behandeln? So einen Ehrlosen?!« + +»Ehrlose? Na, Fichsche, die hohe Töne, die wolle mer lieber unnerwegs +lasse un wolle der Sach mal ruhig auf de Grund gehe. Sieh mal, wann +e Mädche sich emal tut hernehme lasse, hernach muß se's doch von +vornherein wisse, was das absetze kann, möglicherweis. Sieh mal, in +Deutschland werde jedes Jahr hunnertunachtzigtausend uneheliche Kinner +gebore. Ob da nu eins mehr oder eins weniger komme wär -- darum wär die +Welt nit unnergange. Oder meinst? Na, un wenn nu das dumme Mädche ihr +Kindche ruhig hätt zur Welt gebracht -- der Scholz hätte zahle misse, +un es wär sicher e strammes Biebche geworde. Warum is se in de Lahn +gange? Wenn alle Mädche, die Kinner kriege, in de Lahn wollte gehn +-- so viel Platz is ja gar nit in der Lahn. Also: der Scholz hat nit +mehr und nit weniger getan, als wir alle tun. Und wenn das Mädche dran +zugrunde is gange -- Pech genug für de arme Scholz, der wird's auch nit +so bald vergesse, wie se da is gelege auf ein Prosektortisch. Ja!« + +»Wichart -- und das alles ist ... wirklich ... deine Ansicht?« + +»Na, aber allemal! Oder hätt er se am End gar heirate solle? die +Schreinerstochter? Da hätt er ja als Student schon e kleine Harem +beisamme.« + +»Wichart -- in mir dreht sich überhaupt alles --« + +»Oder am End gar stehst auf dem Standpunkt vom Keuschheitsprinzip? Die +Burscheschafte, da gibt's so was, bei einige wenigstens. Keuschheit +bis zum Ehebett! Je, dann hättst zu de Armine gehe müsse -- hättst nit +Korpsstudent dirfe werde.« + +Werner richtete sich hoch auf. »Lieber Wichart -- ich will dir ganz +offen etwas sagen. Ich bin jetzt acht Wochen in Marburg. Acht Wochen +aktiv. Aber was in den acht Wochen aus mir geworden ist ... wenn ich +das vorher gewußt hätte -- ob ich Armine geworden wäre, das weiß ich +nicht -- aber Cimber -- Korpsstudent -- bei Gott nicht!« + +Wichart schwieg einige Zeit, zündete sich eine frische Zigarre an, sann +erst vor sich hin, lächelte dann still in sich hinein, richtete sich +auf und sprach: + +»Hernach, lieber Achebach, muß ich dir emal e Rede rede. Sieh mal, +ich hab e bißche mehr von der Welt gesehn, wie du. Ich begreif das +alles ganz gut. Bis vor acht Woche bist mollig un weich im Elternhaus +gesesse, un von der Welt is nix an dich ran komme. Und die Magister, +die habe dir nix gesagt, un so bist e ganz kleins dummes Gänsche +gebliebe mit deine achtzehn Jahr un mit deine lange Knoche. Un nu +auf einmal kopfüber, kopfunter mitte nein in die Welt! Un, ach du +liebe Güte, wie is die so anners, als du dir's träumt hast! Un nu +willst verzweifeln un denkst, das is das Korps, wo all die Mensche so +schlecht macht. Ich aber sag dir: sieh dich mal erst um im Lebe! Dann +wirst finde: die Korpsstudente, die alte wie die junge, sind gewiß +keine weißgewaschene Engelche ... aber ~die Beste im Land~ sinn +doch mit dabei! Ich will ja nit sage, daß es auf anner Weis nit geht, +e richtiger Kerl zu werde, wie das Lebe sie braucht, ich weiß auch: +manches bei uns is faul, könnt anners werde ... aber weißt -- worauf's +ankommt im Lebe -- das habe die alte Korpsstudente im Korps alle +gründlich gelernt. Denn im Lebe, weißt, da schaut's anners aus als auf +der Prima! da heißt's: durchkomme! sich wehre mit Zähn un Klaue! un das +lernst im Korps, verlaß dich drauf! un wenn dabei die Fetze vom Herze +nur so runnerfliege wie die Schwartelappe drauße in Ockershause ... +laß fliege, laß fliege! das wachst wieder nach ... von selber wachst's +wieder nach!!« + +»Aha -- also sieht's aus! sorgen, daß man durchkommt!! und all das +Gerede von Ehre, Ehre, Ehre, das ist also nur Schein! nur Dekoration! +Komödie! Schwindel!!« + +»Komödie?! Schwindel?! Du, da wolle wir uns mal in zehn Jahre wieder +drüber spreche! Lieber Achebach, es is noch e bißchen zu frieh für +dich, so abzuurteilen über die Welt, wo du erst seit acht Woche aus +deiner Kinnerstub nein bist sprungen. Denkst du, mir habe hier all nur +darauf gewartet, daß du kommst, für um uns nu fix fix umzukrempeln nach +deine achtzehnjährige Gedanke? Nee, Männche ... lern du erst emal, dich +in die Welt schicke! Verbessern kannst se immer noch, hernach, wenn mal +bist wer geworde! Lern heule zuerst mit de Wölf, sonst fresse se dich!« + +»Wichart ... nur das eine sag mir ... ich will ja ... ich will +ja mir Mühe geben zu lernen. Was ist sie denn, diese sogenannte +korpsstudentische Ehre, die wir hochhalten sollen? Das wird uns ja +gepredigt in jedem R. C. -- wie soll ich sie hochhalten können, wenn +ich nicht weiß, was sie ist?« + +»Ja, lieber Junge, die Ehre! die korpsstudentische Ehre! wenn mer +das so könnt mit Worte sage! ... Sieh mal, ich glaub, die Ehre, +da is es grad mit wie ... wie mit der Mensur. Schau, is das nit +eigentlich e Bleedsinn, die ganze Fechterei?! Zwei junge Kerl, die +sich im Lebe nimmer nix zuleid getan habe, die werde von dene +zweite Chargierte widerenanner gestellt un misse sich nu die Nase +un die Keps entzweischlage. Bleedsinn is es! aber ... ~mer wird +e Kerl dabei~!! Haar kriegt mer auf die Zähne ... un das is es +doch, worauf es ankommt im Leben! Un so, mein ich, so is es auch mit +der korpsstudentischen Ehre. Eigentlich auch Bleedsinn. Wär's nit +Bleedsinn, wenn mer sich einbildt, mer wäre was Besonners, wann mer +so e blau-rot-weißes Fetzche über der Weste kann trage? Aber trag's +mal so vier Semester lang, mach mal de Bleedsinn e paar Jahr lang mit! +sollst sehe, was das fir e Muck gibt in de Knoche! -- -- Ich weiß ja, +das alles is nur die Schal von der Nuß, un unner der glatte, harte +korpsstudentische Schal, da is auch manch taube Nuß un manch faule +auch. Aber der Kern, weißt, wenn der gesund is, hernach sollst sehn, +wie gut's dem tut, wann die Schale so fest is un so glatt! -- -- Weißt, +lieber Freund, es Lebe is nit so einfach, wie du's dir gedacht hast auf +em Gymnasium; es is e verdammt schwierige Einrichtung un e komplizierte +dazu! Un in manchem Bleedsinn steckt mehr Vernunft un mehr Gesundheit +als in de Kepf von zwei Dutzend Professore!! Na, nu geh un denk e +bißche nach über mei lange Red ... ich muß in d' Klinik!« + + * * * * * + +Werner schlenderte durch die breiten, uncharakteristischen Straßen der +neuentstehenden Südstadt und sann über Wicharts Worte. Er fühlte die +gute Meinung, die Aufrichtigkeit in den Darlegungen des Reiferen, aber +das alles schloß sich nicht zu einem Ganzen zusammen ... das wollte +nicht verschmelzen mit dem Ideenkomplex, mit dem Moralkodex, mit dem +Schule und Elternhaus ihn ausgerüstet. Es sprach nicht zu seinem Herzen +... sie wärmte nicht, diese Weisheit, sie rief nicht zu Taten der +Begeisterung ... Gab es denn keine Stelle, wo der Herzschlag seiner +Sehnsucht Echo fand? War er denn wirklich allein, ganz einsam inmitten +der Stadt der Jugend, wo auf zehn Einwohner ein Student kam? Tausend +Altersgenossen ... tausend Kommilitonen ... und kein Herz ... kein +Freund? + +Und da stand das Angesicht des einen vor seiner Seele, von dem er +wußte, daß er zum mindesten ein Gefühl mit ihm teilte ... aber das +höchste, das wundertätigste ... Klauser ... der arme, dimittierte +Klauser ... + +Ob er den überhaupt besuchen durfte? Ob er sich nicht straffällig +machte dadurch? Er konnte ja fragen ... aber nein ... vielleicht gab's +dann ein Verbot ... und das würde er dann übertreten müssen. Denn eine +Sehnsucht, ein Heimweh nach einem Herzen, das er zum wenigsten erfühlen +könnte, zog ihn unwiderstehlich zu dem Jüngling, zu dem er ein Mädchen +hatte sprechen hören, wie zu ihm selber in seinen Träumen Elfriede +sprach. Er wollte mindestens versuchen, ob da auf die Fragen eines +bangenden Menschenherzens eine Antwort zu hören sei -- -- nicht eine +korpsstudentische, sondern eine menschliche Antwort. + +Klauser saß lesend auf seinem Sofa, als Werner eintrat. Er sprang auf, +seine Augen leuchteten in dankbarer Freude -- als er den Besucher sah. + +»Gott sei Dank, endlich bekümmert sich mal einer um mich. Willkommen, +Achenbach!« + +Mit Rührung sah Werner in das dick verquollene, blasse Gesicht unter +dem turbanartig den Kopf einhüllenden Wickelverbande. Himmel, sah der +Arme verändert aus! Es war die Scham über sein Mensurunglück, die +schimpfliche Strafe, die Einsamkeit von vier Tagen, angefesselt in all +der jungen Sommerpracht an ein dumpfes Studentenbudchen, das man nicht +verlassen durfte, ohne daß die Spießer mit Fingern auf einen zeigten ... + +Vor ihm auf dem Tische stand eine Kabinettphotographie im Rahmen ... +die nahm Klauser hastig und errötend weg und wollte sie verbergen. + +»Laß,« sagte Werner und legte seine Hand leicht auf den Arm des +Korpsbruders -- »laß nur -- ich weiß Bescheid. Das ist Marie. Deine +Braut. Ich gratuliere dir tausendmal.« + +»Achenbach?« + +»Ich ... hab' euch im Museumsgarten zusammen gesehen ... neulich auf +der Reunion. Ich habe ein paar Worte aufgeschnappt ... aber du mußt +nicht denken, daß ich gehorcht hätte!« + +»Das denk' ich auch nicht von dir, Achenbach. Nun, wenn du's weißt, +dann ... ich danke dir. Du bist ... der erste, der ... ich danke dir.« + +Die Jünglinge schüttelten sich die Hände. Beider Augen schimmerten, +ihre Lider schlossen und öffneten sich rasch ein paarmal. + +»Setz' dich! Was trinkst du? Einen Schnaps -- Bier?« + +»Was du hast.« + +»Ich brauche nur zu klingeln.« + +»Na, dann natürlich ein Bierchen.« + +Eine alte Wirtin erschien, nahm den Befehl entgegen und verschwand. + +»Zigarre oder Zigarette?« + +»Erst das letztere, dann das erstere.« + +»Recht so!« Die Dunstwölkchen kräuselten um Mariens Bild, das in seiner +schlanken Herbheit zwischen den Jünglingen stand. + +»Und wie geht's dir, Klauser?« + +»Na, wie's einem geht, wenn -- na, du weißt ja.« + +»Verzeih, aber mir kommt das alles entsetzlich wunderlich vor. Was hast +du denn eigentlich verbrochen, daß man dich so einfach ...« + +»Ja, was hab' ich verbrochen? Meine Mensur hat eben dem C. C. nicht +genügt. Und dann fliegt man raus. Das ist nun mal so.« + +»Ja, ich begreife das alles wirklich nicht.« + +»Warum hast du's dir nicht von deinem Leibburschen erklären lassen? Der +ist doch dafür da.« + +»Mein Leibbursch ist Scholz --« + +»Ach so -- dann freilich --! Na, dann will ich dir helfen. Also sieh +mal, bei uns Korpsstudenten ist die Mensur nicht ein einfacher Sport, +ein Waffenspiel, sondern ein ... Erziehungsmittel. Es soll nämlich der +Korpsstudent auf der Mensur beweisen, daß ihm körperlicher Schmerz, +Entstellung, selbst schwere Wunden und Tod ... daß ihm das alles +gleichgültig ist. Verstehst du? Und dazu erzieht die Mensur.« + +»Das begreif' ich sehr wohl und find' es auch sehr schön. Aber ... hast +du dich denn so benommen, als wenn du ... ja, du mußt mir nicht böse +sein, ich frage ja nur -- als wenn du Angst hättest?« + +»Angst?! Ich und Angst? Haha!« + +»Ja -- warum hat man dich denn dann --« + +»Ja, warum? Sieh mal, wenn du länger im Korps bist, dann wirst du das +alles besser begreifen lernen. Im Korps sind seit einigen Jahren die +-- Anforderungen an die Mensur ... ein bißchen überspannt worden. Man +... verlangt da Dinge, die ... die eben nicht jeder leisten kann. Und +mancher kann sie heute leisten und morgen wieder nicht. Es kommt da +viel auf die Stimmung an ... auf den Gesundheitszustand ... auf die +Verfassung, in der die Nerven sind ...« + +»Ja, mein Himmel -- dann bist du also dafür bestraft worden, daß du ... +dich am Abend vorher verlobt hast --?!« + +»Ja -- wenn man's deutsch nennt -- dann stimmt's.« -- -- -- + +»Das ist Wahnsinn. Wahnsinn ist das.« + +»Ja, sieh mal ... du darfst eben nie vergessen ... das sind Menschen, +die uns beurteilen ... junge Dächse, wie du und ich auch ... die sind +natürlich nicht unfehlbar. Der C. C. ist der Ansicht gewesen, daß meine +Mensur schlecht war, und dann ist sie eben schlecht. Das ist gerade +wie vor Gericht. Da wird auch manchmal ein Unschuldiger verknackt. Das +nennt man dann persönliches Pech.« + +»Persönliches Pech?! Ich meine, das ist eine furchtbare Härte, eine +schauderhafte Unvollkommenheit des Korps --! Ach -- Klauser ... +überhaupt das Korps!! --« + +»Achenbach --?!« + +»Ach, Klauser -- ich bin ja einfach fast am Verzweifeln!! -- Na und du? +Dir muß es doch ähnlich gehen! Du fühlst doch wahrhaftig die Segnungen +dieser famosen Institution am eigenen Fleisch und Blut ... in diesem +Augenblick!« + +»Am eigenen Fleisch und Blut! Ja, das tu ich.« + +Ernst, mit bitter zusammengezogenem Munde, lehnte sich Klauser einen +Augenblick in seinem Stuhle zurück. Er ließ schwere Rauchwolken zur +Decke steigen und starrte ihnen nach. + +»Ja ... wenn man's noch einmal zu tun hätte --!« + +Aber dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf. + +Er setzte sich aufrecht, legte seine Hand auf die des Freundes und +sagte: + +»Kind, sieh mich an. Wie ich hier sitze, hat mich das Korps auf meine +fünfzehnte Mensur herausgeklebt, mir meine Charge genommen, und ich +weiß noch nicht, komme ich Samstag in acht Tagen wieder hinein in den +Bund, oder fliege ich perpetuell raus. Also, kannst mir glauben, zum +Schönfärben und Vertuschen ist mir grad' nicht zumut. Ja, vieles ist +bei uns nicht schön. Vieles könnte anders sein -- milder, menschlicher, +weniger nach Schema F. Aber ... wenn ich noch mal krasser Fuchs wär ... +ich würde doch wieder Korpsstudent!!« + +»Doch wieder? Trotz alledem?« + +»Ja -- trotz alledem! Ich weiß nicht, mein Gefühl sagt mir: das muß +alles so sein. Das ist alles so eingerichtet, damit wir brauchbar +werden für das, was später kommt ... Damit wir lernen, die Zähne +zusammenbeißen -- -- damit wir Männer werden! -- Und du -- -- halt nur +zwei Semester aus ... dann sprichst du geradeso!! --« + +Eben kam die Alte mit dem Bier. Sie schenkte ein, schlich hinaus. + +»Prost, Achenbach!« + +»Prost, Klauser!« + +»Was soll's gelten? -- Ich weiß: auf ein ewiges +Vivat, crescat, +floreat+ unserer lieben Cimbria! Auf daß sie grüne und gedeihe in +alter Herrlichkeit! Auf daß sie Freude erlebe an uns, ihren getreuen +Söhnen! Rest!!« + +Leuchtenden Auges tranken sie aus und schauten einen Augenblick ins +leere Glas. Dann füllte Klauser stumm aufs neue die Gläser. + +»Und nun,« sagte Werner, »nun will ich auch eins ausbringen. Aber dabei +müssen wir aufstehen! -- Auf ... ~die da~! Klauser! Auf die da ... +und auf ... auf eure Liebe, Klauser! Auf daß sie euer Leben reich mache +... reich ... und schön ... schön ... Marie soll leben! Deine Marie!« + +»Marie! -- -- Marie!« + +Die Gläser stießen aneinander, Auge ruhte in Auge, feierlich tranken +sie aus. + +Und wie ein Goldglanz wob es durch die Stube. Heller, leuchtender noch +als das Bild auf dem Tische schwebte vor den Herzen der Jünglinge +strahlend ein Mädchenantlitz vorüber und grüßte die Zecher ... + +»Na und nun?« Klauser schenkte zum dritten Male ein. »Wie heißt der +dritte Spruch? + + Es lebe die Liebste ~deine~, + Herzbruder, im Vaterland! + +denn -- -- du hast auch eine, Achenbach, oder ich will ein schlechter +Kerl sein.« + +»Ja, Klauser ... ich habe eine -- im Vaterland ... daheim!« + +»Die heißt?!« + +»Elfriede --« + +»Also -- Elfriede soll leben!« + +»Elfriede!« + +Still war's im Zimmer. Zwei junge Herzen schlugen dem Glück entgegen. +Dem fernen, dem unerreichbar fernen Glück ... + +»Ach, Klauser,« rief Werner, »es ist ja alles Unsinn -- sich zu grämen +über die Welt -- --« + +»Ist auch Unsinn! Haha! Die Welt! Ist ja viel Dummes und Blödes und +Scheußliches drin ... aber auch das andre ... das ist auch da!« + +»Ja, das Gute, das Heilige ... das Schöne.« + +»Da wollen wir uns dran halten, wenn uns bange wird ...« + +Und die glücklichen Knaben erzählten einander. Jeder von seiner Liebe +... sie konnten kein Ende finden. + +Und lächelnd, rätselvoll lächelnd stand Mariens Bild zwischen ihnen. +Das Bild eines Weibes ... eines reifen Weibes ... + +Plötzlich zog Klauser die Uhr und rief: »Menschenskind ... es ist ja +die höchste Zeit, daß du auf die Kneipe gehst! Zu spät kommen zu +spezieller Kneipe kost' zwei Em! Raus! raus!« + +»Ich danke dir, Klauser ... es war schön.« + +»Ja, es war schön, und du hast mir verdammt gut getan in meiner +Einsamkeit ... mir ist so wohl, so ... und Samstag in acht Tagen ... +ich hab' so'n Gefühl ... es wird gut gehn mit mir ... ich komm schon +wieder hinein in den Bund ... läßt du dich mal wieder sehn inzwischen?« + +»Wenn ich darf?« + +»Du darfst! Brauchst nur um Dispens zu bitten!« + +»Mach ich! Also ... auf Wiedersehn!« + +»Auf Wiedersehn, lieber Achenbach! Und nochmals tausend Dank!« + +Und als die Jünglinge sich zum Abschied in die Augen sahen, da +löste sich für einen Augenblick die glatte Rinde korpsstudentischer +Gemessenheit um ihre jungjungen Herzen. Sie lagen sich plötzlich in den +Armen. + +Halb beschämt über diese Selbstvergessenheit, halb glückselig in einem +nie erlebten Gefühl des Einklangs, trennten sie sich mit einem derben +Lachen. Und doch war ihnen beiden so warm und stark im Herzen. + +Sie waren noch etwas Besseres als Korpsbrüder geworden in dieser Stunde. + +Sie waren Brüder geworden. + + + + + XI. + + +Seit Werner mit Klauser und Mariens Bilde ein fein Kollegium gehalten, +war ihm heller zu Sinn. + +Allmählich verblaßte in seiner Erinnerung das Grauengesicht des +ertrunkenen Lenchens. Das zurückgekrampfte Totenhaupt mit den +halbgeschlossenen, geschwollenen Augenlidern verschwebte im +Dämmerlichte der Erinnerung, und dafür hob sich Mariens lebenswarmes +Gesicht, von innen mit strahlender Glut erhellt. Er liebte das Mädchen +nun mit der ritterlichen Schwärmerei eines dienstgetreuen Bruders. +Wenn er ihr auf der Straße begegnete, grüßte er ehrerbietig, obgleich +er ihr noch nie vorgestellt war. Das erstemal dankte sie erstaunt und +kühl, bei der zweiten Begegnung hatte Werner die stolze Freude, von +ihr, der Fremden, ein vertrauliches, kameradschaftliches Nicken zu +ernten. Das sagte deutlich: er hat mir von dir erzählt! Er! Und da +wußte Werner auf einmal auch noch etwas anderes von Marien: daß sie +Mut habe ... daß sie, die »Hessen-Nassauer-Dame«, deren Vater, der +Universitätsprofessor Geheimrat Hollerbaum, wie auch ihre drei Brüder, +Alte Herren des rivalisierenden Korps waren, den armen verbannten +Cimbern die Strafe nicht hatte entgelten lassen, die sein junges Glück +ihm eingetragen ... daß sie ihn gesehen, getröstet hatte ... einerlei +wo und wann ... Oh, wie er sie liebte dafür! Ach, es hatten doch nicht +alle Jugendträume gelogen! So ganz anders war sie doch nicht, die Welt! +Wohl gab es manches darinnen, wovon seine Lehrer, seine Dichter ihm +nichts verraten hatten; aber auch das andere, das Schöne, das Heilige +war da, es wandelte wie auf leuchtenden Wolken mitten durch Blut und +Tränen, durch Schmutz und Alltäglichkeit ... + +Und auch im Korps fand Werner sich nun besser zurecht. Er begann sich +einzufügen, einzuordnen in die Jahrzehnte alte Organisation, die +sicherlich nicht auf ihn gewartet hatte, um sich alsbald nach seinen +Ideen zu wandeln ... die am starren Zaun der Tradition entlang ihren +eisenklirrenden Weg schritt. + +Eifriger als je war er auf dem Fechtboden. Zum Leibburschen hatte er an +Scholzens Stelle den neuen Zweitchargierten, Krusius, gewählt. Einen +Augenblick hatte er daran gedacht, zu warten, bis Klauser sich aus der +Dimission gepaukt haben würde, und diesen dann zum Leibburschen zu +wählen. Aber nein, ein solches offizielles Verhältnis dünkte ihm unwert +des Bundes, den ihre Herzen geschlossen hatten ... und der stramme +Fechtchargierte schien ihm der rechte Erzieher, nun er sich ernstlich +entschlossen hatte, seine ohnmächtige Kritik an den Zuständen des Korps +aufzugeben und zunächst einmal sein ganzes Wesen in die harte Form +pressen zu lassen, die sich ihm darbot und ihm zum mindesten einen Halt +versprach. + +Und noch eine andere Quelle der Unruhe und Qual schien versiegt in dem +ungeheuren Riß, den jene erste Berührung mit dem Ursprung und Ende des +Seins durch seine Seele gezogen hatte. Sein wildes Begehren nach dem +Weibe war einem tiefen Entsetzen gewichen. Des Weibes nackte Schönheit, +die ihn so gequält: er hatte sie zum ersten Male geschaut im Stande der +Auflösung -- der Vergänglichkeit -- der Vernichtung, und die Schauer +dieser Erinnerung hatten die Sehnsucht in ein fröstelndes Grauen +verwandelt. Und aus diesem Grauen rang sich nach und nach eine Ruhe los +... eine tiefe, entsagende Ruhe. + +Rosalie! + +Wie ein schönes Bild nur sah er die jüngst so wild Begehrte noch an. +Und sie schien zu empfinden, daß die Flammen erloschen waren, die sie +so hoffnungsgierig geschürt hatte. Sie blieb Wernern fern, und wenn +sich ja einmal ein Zusammentreffen fügte, so verkehrten sie ruhig und +heiter zusammen, wie ein paar gute Kameraden. Vollends Babett war ihm +zu einem geschlechtslosen Wesen geworden, zu einem guten, dienstbaren +Geistlein, das um ihn schwebte wie ein körperloser Hauch. + +Und mit ausgebreiteten Armen warf sich Werner hinein in den lustigen +Strudel des Korpslebens. Nun focht's ihn nicht mehr an, wenn er +des Morgens auf dem Fechtboden einmal von einem Korpsburschen derb +gerüffelt wurde. Dann holte er selbst die Filzmaske, ließ sich mit +zusammengebissenen Zähnen den Schädel verdreschen und klopfte weidlich +wieder, so daß der Fechtchargierte Krusius mehr als einmal beifällig +äußerte: + +»Wenn das mit dir so weiter geht, Leibfuchs, dann stell ich dich noch +als Krassen am Semesterschluß ein- oder zweimal raus.« + +Das Kolleg hatte sich Werner nun gänzlich abgewöhnt. Dafür ging's vom +Fechtboden stracks zur Lahn zum Schwimmen. Dann lag er stundenlang im +Grönländer auf dem Wasser. Ach, das war schön! Von dichtem Gebüsch +umrandet, schlängelte sich der schmale Flußlauf durch die breite +Ebene; zur Rechten und Linken säumten die ernsten Bergschranken das +Talbett ein. Blau lag über dem friedvollen Tale das Himmelsdach ... +weiße Wolken segelten von Westen herauf über den Buchenwäldern zur +Linken, wanderten still über Fluß und Ebene und versanken hinter den +Tannen von Spiegelslust. Als Ziel der Ruderfahrt winkte das Dörfchen +Wehrda, friedlich in eine Bergmulde eingebettet, zwei Dutzend schlichte +Häuschen um einen ehrwürdigen Turmstumpf gedrängt; dort gab's saure +Milch und würzigen Handkäs. Und dann zurück ... gar zu gern ließ Werner +die Doppelschaufel des Ruders ein Weilchen ruhen und träumte in die +sommerliche Schönheitsstille hinaus, bis ein plötzlicher Ruck, ein +Schwanken des Bootes ihn gemahnte, daß er sich einem gar empfindlichen +Fahrzeug anvertraut. + +Oder es ging vom Fechtboden aus gleich auf die Wanderschaft. Oft +allein, oft auch in Gesellschaft zweier oder dreier Korpsbrüder +marschierte er los: bald kannte er Weg und Steg der Umgegend. Und er +schloß diese wundersame, versonnene, geheimnisstille Landschaft in sein +Herz. Es war gar nicht auszudenken, was alles diese weiten Bergwälder, +was diese weltverlorenen Hochebenen mit ihren vereinzelten Eichenriesen +über jungem Buschdickicht der Seele sagten. + +Zum Frühschoppen mußte man dann wieder im Quartier sein, und Werner saß +nun nicht mehr als steinerner Gast, nicht mehr als dumpfer, düsterer +Grübler inmitten der munteren Schar. Er sang die derbsten Katerlieder +lachenden Mundes mit, errötete nicht mehr über die massivste +Landsknechtszote, wenn er auch nie selber solche kolportierte. Das +Mensursimpeln langweilte ihn nicht mehr, und niemals mehr fiel's +ihm ein, ein Gespräch über Literatur und Kunst oder Politik und +Religion anfangen zu wollen. Kurz, er war auf dem besten Wege, ein +Korpsfuchs nach dem Herzen des Seniors Papendieck zu werden. Sein neuer +Leibbursch, der Zweite Krusius, war geradezu stolz auf ihn und erzog +ihn mit zärtlichster Vaterliebe. + +Und im stählenden Betrieb des Fechtstudiums, in Luft und Sonne blühte +Werner auf. Der schmächtige Körper streckte sich in Länge und Breite, +die verräterischen Ringe unter den Augen, die Zeugen heimlicher Kämpfe +und Qualen, verschwanden. Die Ströme Biers, die Dammer, der nun zum +Fuchsmajor ernannt worden war, durch seiner bisherigen Mitfüchse +Verdauungsapparat allabendlich hindurchleitete, gaben Werners Gliedern +eine behagliche Rundung, seinem Gesicht eine frische Röte; dabei +bewahrten Ruder und Wanderstab und Rappier den jungen Körper vor +Stauung und Fülle. + +Schöne Wochen waren gekommen. Hinter ihm lag die Zeit der Kritik. +Hinter ihm die Erinnerung an seine kunstgeweihte, lernfreudige +Gymnasiastenzeit. Nicht mehr war sein Wahlspruch das Homerwort, das +ihn allezeit auf dem ersten Platze der Klasse festgehalten bis zum ++primus omnium+ -- nicht mehr trachtete er »immer der Erste zu +sein und vorzustreben den andern« -- nein -- aufzugehn in der Menge, +nicht herauszufallen aus dem engen Rahmen, der straffen Norm, die +das Korps der Persönlichkeit vorzeichnete, sich anzupassen der neuen +Lebensform, in die er hineingeraten, das war nun das Trachten seiner +Tage. + +Und Werner wurde heiter. Er wurde lustig, geräuschvoll, ausgelassen +im Kreise der Korpsbrüder. Mit Staunen sahen die, wie er, der früher +manchem unheimlich gewesen war in der grüblerischen Unruhe seines +haltlosen Wesens, auf einmal als überschäumend munterer Kumpan +sich entpuppte, plötzlich begann, gar in Tollheiten zu schwelgen. +Eines Abends kamen Werner Achenbach, mit ihm der jüngst gewählte +Dritte, Dettmer, die Jungburschen Böhnke und Dammer, der Fuchsmajor, +von der Kneipe herunter auf gemeinsamem Nachhausewege und lenkten +in die Wettergasse ein. Dort war das Pflaster aufgerissen: bei +der mangelhaften Beleuchtung stolperte Dettmer über einen Haufen +Pflastersteine und fluchte barbarisch. + +In diesem Augenblick fiel Werners Auge auf die offenen Fenster eines +niedern Bürgerhauses: der Schneidermeister Ackermann wohnte da, ein +geriebener Bursche, der den Korpsstudenten pumpte, solange sie in +Marburg waren, und sie dadurch zu bösartigem Kleiderluxus verleitete +-- und kaum, daß sie den Rücken gewandt, an die Eltern schrieb und mit +den Gerichten drohte. Er war deshalb vor kurzem in den S.-C.-Verruf +geflogen. + +»Herrschaften, ich hab' 'ne Idee!« rief Werner. + +»Silentium für Achenbachs Idee!« kommandierte Dettmer. + +»Also da oben hinter den offenen Fenstern ist Ackermanns beste Stube, +das weiß ich, man kann sie von meiner Bude aus sehen! Wie wär's, wenn +ich da hineinkletterte -- ihr reicht mir Pflastersteine an, und wir +verzieren ihm seine Renommierbude ein bißchen!« + +Jubel! Im Augenblick war der Plan durchgedacht: Böhnke lehnte sich +an die Wand zwischen Ackermanns kleinen Schaufenstern, und mit +der Sicherheit und Kühnheit, welche der zwanzigste Schoppen dem +ausgepichten Korpsfuchsen verleiht, turnte Renonce Achenbach auf +Böhnkes Schultern. Von da aus konnte er bequem die Fensterbrüstung im +ersten Stock erreichen: ein kräftiges Ziehen: Böhnke, der als Oberjäger +der Reserve etwas vom Turnen verstand, schob mit den Händen unter +Werners Fußsohlen nach, und mit einigem Gepolter langte Werner in der +Stube an. Nun klopfte ihm doch das Herz: er lauschte einen Augenblick, +aber Familie Ackermann schlief den Schlaf des ungerechten Mammons. Nun +ließ Werner einen Stuhl zum Fenster hinaushängen: die andern Cimbern +packten Pflastersteine hinauf, ein kräftiges Heben, die Ladung war +oben. Und mit dem Behagen eines Künstlers arrangierte nun Werner die +Basaltklötze auf Salontisch, Vertikow, Sofa und Plüschsesseln, mitten +zwischen den geschmackvollen Nippsachen eines Schneidermeistersalons. +Noch eine zweite Ladung konnte untergebracht werden: dann turnte Werner +zurück, und voll Hochgefühls zog man fürbaß. Schlafen gehen mochte +keiner: der Tatendrang war einmal geweckt. Das sonst so beliebte +Laternenausdrehen reizte heute nicht sonderlich, denn der Vollmond +stand schmunzelnd über Stadt und Schloßberg und beschämte die +armseligen Funzeln der Gasflammen. Und Dettmers Vorschlag, den Mond +auszudrehen, mußte man nach längerer Beratung als unausführbar fallen +lassen. + +Aber es mußte etwas geschehen. Und man kam auf folgende Idee -- diesmal +war Dammer das Ingenium gewesen: + +Von der Barfüßerstraße führten viele kleine dunkle Gassen steil hinab +zur unteren Stadt. In eine solche wollte man aus Pflastersteinen +eine Barrikade bauen; dann sollte unten skandaliert werden, um einen +Wächter der Nacht herbeizulocken: dieser sollte, abwärts eilend, über +die Barrikade stolpern und schmählich zu Falle kommen. Damit aber der +Dienst der Pflicht für ihn nicht mit schwerer Körperverletzung endige, +sollte hinter der Barrikade ein hoher Sandhaufen aufgetürmt werden. + +So ward's, nachdem mancher Schweißtropfen geflossen, und bald konnten +die Exzedenten den tiefen Fall eines Polypen bejubeln, dessen +schlaftrunkenes Haupt sich im Sande begrub. + +Aber die Rache kam. Ein Brunnen plätscherte silbertönig in die stille +Nacht. Es war gar nicht einzusehen, warum die vier Strahlen Wassers +sich nun immer und immer in die vier darunter befindlichen Steinbecken +ergießen sollten. Mit Hilfe je zweier Bretter von einem nahen Neubau +und einiger Pflastersteine ließen sich leicht ein paar Rinnen +improvisieren, die das Wasser auf das Pflaster ablenkten. Das würde +bald eine hübsche Überschwemmung absetzen. + +Schon plätscherte das Wasser lustig auf den Steinen, da griff plötzlich +eine kräftige Faust in die Gruppe der Bauenden: an dieser Faust blieb +der C. B. Dammer aus Dräsen zappelnd hängen. + +»Na, Ihne hab ich!« + +Wie der Wind waren Dettmer, Böhnke und Achenbach auseinandergeflogen. +Ihre Schritte verhallten in der Ferne der nächtlichen Straßen. + +»So,« sagte der Wächter des Gesetzes, »wenn Se nun vernünftig sinn und +bringe die Geschicht da wieder in Ordnung, und schleppe da die Bretter +wieder an ihr Stell un die Pflasterstein, hernach will ich Ihne laafe +lasse, weil die Herre Cimbre immer so anständig sinn.« + +Das letztere war ein Wink der Sehnsucht nach den üblichen Biermarken +der Sühne. + +Aber Dammer fand es unter seiner Würde, die angerichtete Störung der +öffentlichen Ordnung +in integrum+ zu restituieren. + +»Nu heern Se mal, mei Gutester,« sagte er, »wie kommen Se mir denn vor +-- eegentlich, heern Se? Bin ich denn hier der Wächter der effentlichen +Ordnung, oder sind's gar am Ende Sie, mei Gutester? Also sein Se so gut +und tun Sie, was Ihres Amtes ist.« + +Das ging dem Beamten übern Spaß. Sein Biermarkentraum versank, und der +ehemalige preußische Unteroffizier tauchte aus dem Schlummer zweier +Jahrzehnte empor. + +»Sie komme mit zur Wach!« + +»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!« + +»Sie zeige mir Ihre Studentekart!« + +»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!« + +»Na, alsdann kurze Prozeß!« + +Und eine energische Faust packte den kleinen Dammer, und der, als +Jurist plötzlich eingedenk, daß es irgendeinen geheimnisvollen +Paragraphen über Widerstand gegen die Staatsgewalt geben mußte, ließ +sich schieben. + +Inzwischen hatten seine drei Komplizen die Entwicklung der Dinge +vorsichtig beobachtet und machten Rettungspläne. Auch hier hatte +Werner eine Idee. Auf einem halsbrechenden Wege, durch berganklimmende +Seitengassen, überholten sie den Wächter des Gesetzes und sein Opfer. + +Als der Nachtrat Dammern bis in die Nähe des Marktplatzes geschafft +hatte, standen da auf einmal zwei Cimbern über eine dunkle Masse +gebückt, die auf dem Straßenpflaster lag. Bei näherem Besehen war es +ein Mensch. Ein junger. Ein Student ohne Kopfbedeckung oder sonstige +Abzeichen. + +Der eine der Zuschauer näherte sich dem Nachtwächter -- fragte +zunächst: »Was hat denn dieser unglückliche Jüngling da verbrochen, +daß er in Ketten und Banden in das Haus des Entsetzens geschleift wird?« + +»Das geht Ihne gar nichts an, verstehn Se mich? Gehe Se Ihrer Wege!« + +»Auf höfliche Frage eine grobe Antwort. Na, Geschmacksache! Herr +Nachtrat, da in der Straßenrinne liegt ein unglücklicher Mitmensch, den +offenbar der Schlag gerührt hat. Tot ist er aber nicht, wir haben schon +gehorcht.« + +»Wird wohl besuffe sinn!« + +»Das haben wir auch geglaubt, aber aus seinem Munde geht kein Hauch von +Alkohol. Überzeugen Sie sich nur.« + +»Ich hann kee Zeit -- ich muß hier de Gefangene transpottiere!« + +»Und wenn der arme Jüngling nun stirbt?! Jeder Augenblick kann kostbar +sein.« + +»Wir machen Sie verantwortlich für das Leben dieses Menschen!« + +»Nu sähn Se, Herr Nachtrat, das is doch wahrhaftig wicht'ger, als mich +ins Kittchen zu bring'n?« + +So redeten Dammer, Achenbach, Dettmer auf den unglücklichen Beamten ein. + +Böhnke stöhnte inzwischen schauerlich. + +»Da sehn Sie's! er stirbt, wenn Sie nicht sofort anfassen! Wir helfen +Ihnen!« + +»Ich loof nich fort, Herr Nachtrat! ich loof nich fort!« -- + +Der Nachtwächter verlor die Fassung. Er ließ Dammer los: »Na, da fasse +Se an die Bein an, meine Herre, ich nemm en obbe!« + +Er bückte sich über den Röchelnden ... in diesem Augenblick versetzte +der ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und im Hui +waren der Sterbende, die beiden Samariter und auch der Arrestant +verschwunden. + +»Bande, verfluchte!« + +Der Beamte klopfte seine Mütze ab, die in den Staub gefallen war, und +befühlte seine schmerzenden Glieder. + +»Die Cimbre sinns gewese! aber wenn ich nur tät wisse, welche! es sinn +doch Stücker vierzig ihre hier!« + +Aber er beschloß, reinen Mund zu halten. Er würde sonst nur den Spott +seiner Kollegen ernten ... und wenn ihm morgen nacht auf einmal ein +paar Biermarken in die Tasche regneten, dann würde er ja auch wissen, +woher die kämen. + + + + + XII. + + +Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die +Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und +Lachen, es mußte noch etwas geschehen. + +»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die +Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!« + +Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei +den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber +es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die +Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die +Westen stecken und die Röcke zuknöpfen. + +Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da +lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster +offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise +hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht. +Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann +im Nachthauch. Fern raunte die Lahn. + +Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im +tiefen Schatten einer Blutbuche geborgen. Und da war keiner unter +ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt +wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut, +dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert +nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens. + +Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht: + + »Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht, + Stumm irr ich und träumend umher, + Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht, + Es taumeln die Wellen ins Meer. + Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen Altan, + Hell flattert im Winde ihr Haar, + Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan, + Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar! + Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell, + Nie hab ich die Dirne geschaut -- -- + Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell -- + Was lacht sie und küßt mich so traut?!« + +Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite +Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die +Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's; +hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug, +um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches +Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises +Kichern klang doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war, +zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch +die Adern. + +Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an; +es schloß: + + »Seh ich ein Haus von weitem, + Wo ein lieb Mädel träumt, + Sing ich zu allen Zeiten + Ein Lied ihr ungesäumt. + Und wird's im Fenster helle, + Wär es auch noch so spat, + So weiß ich auf der Stelle, + Wie viel's geschlagen hat.« + +Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues +Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu +Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ... + +»Die Mademoiselle! die revidiert!« + +Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen, +in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung +überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus: + +»Nachtwächter --! Nachtwächter!!« + +Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus -- hielten's dann +aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt, +dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen. + +Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen +seinen Pfad. + + »Was lacht sie und küßt mich so traut?« + »Und wird's im Fenster helle -- + -- So weiß ich auf der Stelle, + Wie viel's geschlagen hat ...« + +Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder +hinein in ein einsames Knabenstübchen. + +Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett +des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich +entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen +gewesen ... + +Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes +und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes +stillen, die Wonne der Jugend auskosten ... + +Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines +Herzens ... + +Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung +des Augenblicks dräuend geschwebt hatte: + +»Kinder -- wir gehn zur Lina!!« + +Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte: + +»Wir sind doch in Couleur!« + +»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer. »Die Lina wohnt +draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem +Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer +sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab' +ich schon öfter so gemacht!« + +»Na, denn in Deibels Namen!« + +Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg +man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter +ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in +schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend. +Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man +ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem +Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den +Nacken der Schreitenden. + +Zeit genug, nachzudenken ... + +Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn -- +und im Nacken klatschte die Geißel. + +Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen +Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich +erfüllen, nun würde er wissend werden ... + +Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die +Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten +wirren Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm +entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend +sich an ihn schmiegte -- Rosaliens glühende Brüste, die sich aus +blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten -- + +Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten -- ein grünlich +schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll +winkende Gottheit ... Elfriede ... + +Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die +Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ... + +Und das würde nun das Ende sein -- Lina ... irgendeine Lina. + +Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das +war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er +erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen. + +Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem +verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck +ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün. +Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem +einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen. + +Dettmer klopfte. + +Nichts rührte sich. + +Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig. +Er hätte sterben mögen. + +Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. -- + +Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte +und rief halblaut: + +»Lina!« + +Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen +vorsichtig geöffnet. + +»Wer is es denn?« + +»Ich bin's -- der Theodor!« + +»Bist denn allein?« + +»Nein -- ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine +Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!« + +»Oh, ne -- wann du nit allein bist ... ich bin müd -- was kommt ihr +auch so spät in der Nacht -- geh nach Haus!« + +»Du bist verrückt, Lina -- schnell mach auf -- sonst komm ich nicht so +bald wieder!« + +»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang -- ich bleib in +meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du +ja.« + +»Is jut, riegle man auf.« + +Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer +klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut. +Eine Tür knallte. + +Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten +die beiden andern Korpsburschen. + +Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem +machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien. + +Renonce Achenbach war verschwunden. + + * * * * * + +Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein -- das durfte nicht das +Ende sein!! Das nicht!! + +Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende +Sehnsucht da drinnen ... + +Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie +brüllte wilder denn je ... + +Aber so nicht -- so nicht! + +Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines +Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! -- + +Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und +so begehrenswert ... + +Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde +er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ... + +Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen +... + +Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im +Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete -- + +Und bald sollte es sein -- vielleicht schon morgen -- übermorgen ... + +Mochte daraus werden, was wollte ... + +Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte -- er mußte!! + +Aber nicht bei der da oben -- nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im +Pfuhl! ... + +Rosalie! -- Rosalie! -- -- + +Hell schien am Himmel noch der Vollmond. + +Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen. + +Und Werner schritt zu Tal. + +Rosalie -- -- Rosalie -- -- -- + + + + + Zweites Buch + + + + + I. + + +Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen +Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie +fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen. + +Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern +morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer +Freundin nach Frankfurt gefahren sei. -- -- -- + +Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende, +breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine +aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig +mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie +ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen, +taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch +des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines +rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück. + +Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner, +dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt +im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die +Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier, eine Lodenjoppe mit lose +baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen, +daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und +Korrektheit legte. + +Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben, +überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen +flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas +erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das +blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog +Werner die Mütze und hielt den Schritt an. + +Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die +Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke, +ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des +anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen +Namen: + +»Achenbach!« + +»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres +Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?« + +»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn +Partien.« + +»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich +eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.« + +»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?« + +»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.« + +»Auf der Durchreise?« + +»O nein -- -- na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ... +ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor +Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.« + +»Ach? Das -- davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher +Fakultät, wenn ich fragen darf?« + +Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind +wohl Mediziner?« + +»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.« + +»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer +Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden +Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser, +und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen +Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom +Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit +dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins +alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...« + +Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner. + +»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem +Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht +Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei +Brander.« + +»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir +eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es +Ihnen?« + +»Oh -- selbstverständlich wundervoll -- großartig.« + +»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen +Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei +Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?« + +Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei +Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.« + +»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.« + +»Dann -- fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie. +Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia +gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann +Guestphaliae Dritten.« + +»Wird's da was zu sehen geben?« + +»Nun -- besondere Fechter sind die beiden gerade nicht. Aber dann -- +dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war +... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten +Reinigungsmensur.« + +»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?« + +»Allerdings.« + +Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt +er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser +eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen +seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern. + +»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ... +der besteht noch immer? Aber na -- darüber werd ich mich mit den +Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann? +Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut +abschneidet?« + +»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein +bester Freund im Korps.« + +»Ach -- sieh da. Also ein guter und braver Kerl?« + +»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.« + +»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das +wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in +solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art --« Wieder +schwieg der Professor. + +Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da +bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und +unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte +eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und +richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam +Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt. +Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal +begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ... + +Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne +Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß +mit einem ernsten Blick des Einverständnisses. + +»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz +seltsamen Tone an Werners Ohr. + +»Das -- o -- das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.« + +Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen +und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen +Knabenantlitz. + +»Ihre Flamme wohl, wie?« + +»Nein, meine nicht ...« + +»Aber?« + +»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen +das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ... +Braut.« + +»Ach?! Seine Braut? Offiziell?« + +»Offiziell natürlich nicht --« + +»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?« + +»Einundzwanzig.« + +»Und -- sie?« + +»Auch einundzwanzig -- meines Wissens.« + +»Kinder, Kinder!! -- Und er -- welche Fakultät?« + +»Mediziner.« + +»Vor dem Staatsexamen?« + +»Nein -- hat das Physikum noch vor sich.« + +»Und dann -- Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet +... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank +in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte +Marie an Klauser vorbei -- er zog den Hut tief, sie neigte das +flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ... + +Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die +Begrüßung. + +»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl --?« + +»Ja -- das ist Klauser.« + +Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam +auf dem Wege zur -- Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend +... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das +letzte halb zu sich selbst gesprochen. + +»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ... +das ist heiliger Ernst --!« + +»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch +schöner, mit ~so einem~ Mädchen anders als in heiligem Ernst ... +Wollen wir nicht auf Klauser warten?« + +»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht, +verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.« + +»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde +nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder +eingewöhnen.« + +Einen Augenblick schwiegen beide und sannen. + +Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln. + +»Na -- nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg +... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken, +daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male +diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver +Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut >hab' ich Semester +und heiß altes Haus< ... aber das da, das Schloß da oben und diese +wunderbaren Berge ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie, +Herr Korpsbruder, erzählen Sie!« + +Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps +... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und +wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn +erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von +dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören +würde. + +Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der +eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in +seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu. + +Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen. + +»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?« + +»Ja -- so heißt sie.« + +»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ... +mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt +habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.« + +»Das ist der Vater der jungen Dame.« + +»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter. +Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht +gewöhnen Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich +meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft +etwas genießbar machen könnte.« + +»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja +ganz schön -- aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich +glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde +einem dann viel besser schmecken.« + +»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies +Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings +die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen, +und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine +Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten +Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise +in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude +aneinander erleben.« + +»Das wäre herrlich, Herr Professor!« + +»Von wegen Verschwindens des >Moralischen<, nicht wahr?« + +»Nein -- überhaupt, Herr Professor, überhaupt!« + + * * * * * + +Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes +verfolgt. Er hatte noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten +zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte +er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht, +um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung +auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der +jugendlichen Richter. + +Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der +Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine +Stunde gedauert hatte, endlich verkündete: + +»Silentium -- zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren +Sekundanten noch Erklärung? -- Silentium. Mensur ex --!« + +Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und +frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz +des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er +hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu +sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der +Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband +aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus +den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie +Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen +zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm +wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth +dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter +Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube +und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während +Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und +Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die +körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was +mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?! + +In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und +Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen. +Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr +Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen +waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers +Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich +die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken +nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube. + +»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle +nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der +Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen +vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender +Locken trug. + +»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur +Besprechung. Wer wünscht das Wort?« + +»Ich bitte ums Wort.« + +»Ich auch.« + +»Ich auch.« + +Von allen Seiten klang's. + +»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der +anderen Bewerber. + +»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer +Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor +vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich +noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich +die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg. +So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst +ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« -- Der Sprecher schlug +sein Notizbuch auf -- »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter +etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen +aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus. +Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch +aufgefallen ist, hat er sich beim +a-tempo+-Hieb ganz deutlich +zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar +nicht mit dem Kopf gemuckt, das nicht, aber die Augen zugekniffen und +das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.« + +»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste. + +»Überhaupt nicht.« + +»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.« + +Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den +Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig: + +»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich +einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur +habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die +Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem +Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen. +Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und +uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir +sehr schlecht gefallen.« + +»Silentium für Dettmer!« + +»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde, +Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder +einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts +aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.« + +»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann +hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur +sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren +ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach +meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie +Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem +Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen +bekommen haben.« + +Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie +wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus. + +Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei. + +»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit +Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann +nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich +gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur +darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut +hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich +meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is, +der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal +mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen +'ch.« + +»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja +schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte +einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen +hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es +scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr +findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten, +Krusius, daß du einen ents--prechenden Antrag s--tellst.« + +»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte +es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick +ein jähes Frösteln durch die Versammlung. + +»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den +Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben -- so daß +also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?« + +»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest. + +»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar +genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide +Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl +wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?« + +»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte es mit markiger +Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das, +tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon +etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte +ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen +Knabengesichtern stand. + +»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst +seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe +seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser +Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben +ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht +wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor +der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in +Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem +Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner +Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das +voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte +von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr +starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv, +war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher +souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst +vergangener Ansichten und Auffassungen herabsahen, welche sich in den +Alten Herren verkörperten.« + +Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein +verständnisinniges Schmunzeln. + +»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen -- wenigstens möchte +Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als +glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu +veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen. +Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein +Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen +zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das +ist ein herausgeschmissener Korpsstudent -- herausgeschmissen, weil +er sich auf der Mensur feige benommen hat!! -- Und das wird der Mann +sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer +bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu +werfen!! -- Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre +Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder +genannt haben, so ins Leben hinausstoßen --? Hat er das verdient?!« + +Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen, +Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen, +die jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn +zuzujubeln. + +»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie, +meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter +Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat +Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht +einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab' +das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus +dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ... +aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?« + +»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn +nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille +hinein. + +»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich, +dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.« + +»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig +dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung +des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der +Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem +Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum +als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede +Bewegung bei seiner Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken: +es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes +zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht +so?!« + +Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die +Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen +war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von +Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal +ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem +Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu +sühnen. + +»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem +Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie +den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als +daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat --« + +»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen +Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf. + +»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder, +Ihren Antrag anzunehmen.« + +»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit +zurück,« sagte Krusius. + +»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission +auf unbestimmte Zeit des C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite +hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der +jüngste Korpsbursch. Also bitte?« + +»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!« +ging's von Mund zu Munde. + +Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten +gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias +verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch +eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten +Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit +lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man +die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben +den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der +Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des +Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn +durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest +schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald +aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben, +ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband +gerettet hatte. -- -- + +Oben hatte es ~allen~ dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch +dem guten, teilnahmsvollen Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen +wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart +fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch +eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die +Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand +des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am +Fenster stand: »Sie komme!« + +Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen +... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!« + +Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn +Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun +der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit +den gleichen formelhaften Worten: + +»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission +aufgehoben ist. Gratuliere!« + +Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die +beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton +von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das +Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief +niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete. + +Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges, +doch lächelnden Mundes: + +»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's +schon!« + +Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber +das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser +behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte +ihm dabei selig zu: + +»Du ... Marie --!!« + +Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten +Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem +Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht +erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn +Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles? +warum?! + +Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen -- aber er war es nicht. + + + + + II. + + +Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm +Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen +geblieben. + +Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die +folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele, +wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ... + +Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem +Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten +Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten +Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den +Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten, +lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal +kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht +eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende +Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten +hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der +Versuchung hinweg ... + +Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte +stellten sich ein, die immer wieder nach Sättigung schrien ... und +manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte +die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in +den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse +ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich +sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte +Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd. + +Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen +Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der +Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte +dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser, +kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen +Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem +ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen +Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb. + +Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden, +machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter +Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei +den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens. +Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte +er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren, führte er sie +stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort +beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine +tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte +nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener +raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem +Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen +würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder +glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute +bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof +des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte. + +Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte +... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die +Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten, +die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn +man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere +Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an +dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen +am Golde. + +Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den +trug seine Liebe, seine junge, heilige Liebe über den Schlamm der +Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und +die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein +einziges Mal von Elfrieden gehört hätte: + +Mein Süßer! Mein Geliebter! -- + +O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die +Straßen von Marburg gerannt ... + +Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein +stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit +Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen +Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt +rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft, +und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über +einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier +bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden +Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein +zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die +Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie +ablösen würden. + +Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon +standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit. + +»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!« + +Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres +Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet +hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich +ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem +alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes, +in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines +deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist, +dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren +Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus +wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte +mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte, +knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das +wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die +blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen +Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand +des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender +Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte. + +Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein +hübscher, doch zu schmächtiger Bursche, eine unbedeutende, der +baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur. + +Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien +Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch +die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell- +und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren, +um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim +Feste imposanter zu gestalten. + +Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich +alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen +Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte. + +»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!« + +»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit +Achenbach gehen.« + +Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser. + +Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem +dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es +unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls +im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes +Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier +befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur +Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene +Banner im Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das +Korps das Symbol seines Bundes. + +Und nun zog das Korps auf dem nächsten Wege zur Ketzerbach hinab, wo +der Festzug der Studentenschaft sich versammelte. Unten standen schon +fast alle Korporationen aufgereiht: nach langen Verhandlungen hatte man +sich geeinigt, daß die beiden ältesten Verbände, der Seniorenkonvent +der Korps und der Delegiertenkonvent der Burschenschaften, um Spitze +und Schluß des Zuges losen sollten, und dem S. C. war die Spitze +zugefallen. So eröffnete Cimbria diesmal als zurzeit im S. C. +präsidierendes Korps den ganzen Zug. Die Cimbern marschierten an den +schier endlosen Linien der aufmarschierten Studentenschaft vorbei; +selbstverständlich ohne die geringste Begrüßung hinüber und herüber: +auch heute fiel die Schranke nicht, welche die Farben zwischen den +Kommilitonen, den Söhnen eines Volkes, eines Reichs, einer Hochschule +gezogen hatten. Nur als man vorne an der Spitze angelangt war und an +den Reihen der bereits aufgezogenen beiden andern Korps vorbeizog, +flogen die blauen Deckel hüben, die hellgrünen und weißen drüben von +den Köpfen. + +Musik erklang: + + »Stoßt an, Marburg soll leben! + Hurra hoch! + Die Philister sind uns gewogen meist, + Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt + Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch! + Frei, frei, frei ist der Bursch!« + +Feierlich tönte der in Marburg übliche verlängerte Schluß der alten +Jubelweise über die breite Allee, die niederen Häuschen, weckte stolzes +Echo an Sankt Elisabeths braunem Doppelgetürm und wogte weit hinaus, zu +den grünen Lahnbergen hinüber. + +Und der Zug trat an und schob sich langsam den ansteigenden Steinweg +hinauf. Alle Fenster der mit Fahnen und Girlanden buntgeschmückten +Häuser waren besetzt, der Geringste in Marburg nahm teil an dem +Jubelfest der Hochschule, aus den Dachluken selbst lugten hellgewandete +Mädchengestalten, wehten winkende Tücher. Und von Fensterbrüstungen +und Balkons flogen Blumensträußchen ohne Zahl auf die Studenten, die +Helden des Tages, hernieder. Die griffen eifrig in die Luft, hielten +die Mützen hin, schmückten jedes Knopfloch, jedes Täschchen, den Rand +der Mützen, ja selbst die Ränder des Rockkragens mit den lieblichen +Spenden. Und als es gar keinen Platz mehr gab, da ließ man die lustigen +Wurfgeschosse dahin zurückfliegen, von wannen sie gekommen waren +-- hinauf, hinunter flogs, mit Jauchzen, Gelächter, sinnigem oder +täppischem Scherz. + +»Paßt auf, Kinder, das da ist für die Schönste von euch!« + +Und zwischen drei blühenden Töchtern tauchte der lachende Graukopf der +Mutter auf, und ihr flog das Sträußchen mitten ins Gesicht. + +»Wie galant!« rief die und nestelte das Sträußchen ans dunkelseidene +Festgewand. + +»Sie waren, auf Ehre, nicht gemeint, gnädige Frau!« + +»So? Na, da haben Sie's wieder!« + +»So! Nun paßt aber auf, ihr drei! Wer's schnappt, ist die Schönste!« + +Und diesmal blieb's in den zierlichen Fäusten eines braunzöpfigen +Backfischchens. + +»Is so recht?« + +»Allemal!« + +Und wenn's nun gar bei Bekannten vorbeiging! + +»Herr Papendieck, passen Sie auf, die weiße Rose sollen Sie haben!« + +Schwapp! mitten auf des Cimbernseniors stattlichem Gesichtshaken. + +»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« zitierte der Mecklenburger +seinen berühmten Landsmann. + +Eine keckere Mädchenstimme schrie: + +»Schöner Krusius, das hier ist für dich!« + +»Ich fühle mich getroffen,« rief Krusius, denn das Sträußchen hatte ihm +unsanft die linke Backe mit dem kaum verheilten Durchzieher von der +letzten Mensur gestreift. Er führte es an die Lippen und schwenkte es +dann grüßend nach oben. + +»-- Das da ist für die, die mich liebt!« + +Jungbursch Ehlert ließ drei, vier rasch zusammengebundene Sträußchen +mitten in einen Balkon voll schmucker Weibchen hineinsausen. + +Und: »Ich! ich! ich!« schrien sie alle, alle und streckten die Hände. +Im Nu war das Sträußchen in tausend Fetzen zerrissen. + +Und die Musik spielte: + + »Wenn wir durch die Straßen ziehen!« + +Da fielen sie alle, alle ein, die Studenten, die jungen Damen, die +Väter, die Mütter, der Friseur und seine Gehilfen vor der Ladentür, die +sich eifrig verbeugten, wenn ihre Kundschaft im strahlenden Schmuck +der frisch durchgezogenen Scheitel vorüberkam, die Ladenfräuleins im +Erdgeschoß und die rotbemützten Dienstmädchen oben unterm Dach, die +Gymnasiasten und die Spielkinder, alle, alle sangen sie mit: + + »Wenn wir durch die Straßen ziehen, + Recht wie Bursch in Saus und Braus, + Schauen Mädchen, schwarz und braune, + Rot und blond aus manchem Haus, + Und ich laß die Blicke schweifen + An den Fenstern hin und her, + Fast als wollt ich eine suchen, + Die mir die allerliebste wär.« + +Und als gält es nur für ihn allein, so inbrünstig sang Werner Achenbach +heraus: + + »Und doch weiß ich, daß die Eine + Wohnt viel Meilen weit von mir, + Und doch kann ich's Schau'n nicht lassen + Nach den schmucken Mädchen hier. + Liebchen, laß dich's nicht betrüben, + Wenn dir eins die Kunde bringt, + Und daß dich's nicht überrasche, + Dieses Lied ein Wandrer singt.« + +Ja -- an wen dachte er dabei! An Elfriede -- oder an Rosalie? +Vielleicht an beide ... und an keine so recht ... es war so ein wildes, +formloses, gegenstandsloses Sehnsuchtsgefühl, dem dies Lied Worte, +Klänge lieh ... + +Eben kam der Zug an Werners Bude vorbei: aus dem Fenster seines +Wohnzimmers hätte Rosalie schauen müssen, aber sie war fern: die blonde +Babett guckte heraus, mit ein paar Freundinnen aus ihrem Heimatdorf, +sie errötete selig, als Werner ihr zunickte -- im Erdgeschoß stand +Mama Markus welken, gütig lächelnden Angesichts in der Ladentür, und +hinter den Flaschen und Büchsen im Schaufenster gewahrte Werner einen +Augenblick die verzerrte, qualzerrissene Grimasse Simons ... nanu -- +warum hockte denn der zu Haus? War denn der nicht auch Student?! -- +gehörte denn der nicht mit dazu, wenn Alma Philippina feierte?! -- ach +so ... + +Musik, jauchzender Gesang, flatternde Fahnen und Blumen, Blumen +überall, Blumen fliegend aus jedem Fenster, Blumen an jeder Brust, +Blumen den Boden bedeckend wie den Einzug ruhmreicher Sieger, und doch +nur eine Huldigung der Jugend an die Jugend, ein Gruß des Lebens ans +Leben ... lächelnd, lachend, jubelnd jeder Mund, leuchtend jede Wange +... + +Doch nein -- eine nicht -- + +»Klauser, was ist dir?« + +»Nichts ... was soll mir denn sein?« + +»So freu dich doch! Bist du nicht vergnügt? Fehlt dir was?« + +»Nicht das geringste!« + +»Vorhin ist's mir schon aufgefallen -- du bist nicht wie sonst -- ist +dir was passiert?!« + +»Was sollte mir passiert sein? Nicht das mindeste ... ich bin bloß +nicht in Stimmung. Ich bin kein Freund von so viel Rummel.« + +»Nanu? Das ist doch das erstemal, daß ich das an dir merke?! Dann +rapple dich aber jetzt gefälligst ein bißchen auf -- gleich sind wir +am Barfüßertor ... weißt du, wer da wohnt? Haha! Da mußt du aber ein +andres Gesicht machen!« + +»Ach -- lieber Kerl -- ich ... mir ist hundemäßig zumute ...« + +»Ja, was ist denn?!« + +»Nichts -- laß mich -- da sieh, wie schön der Markt!« + +Und wahrlich, hier entrollte sich das Bild des feiernden Städtchens +in seiner ganzen ehrwürdig-lieblichen Pracht. Der enge Platz war +ganz von Zuschauern freigehalten, und in langem Bogen umzog nun der +Festzug den Markt, dicht unter den Fenstern der niederen, altersdunklen +Häuserfronten, des schlichten, strengen Rathauses entlang. Hier hatten +alle Häuser noch ein übriges an Festschmuck aufgeboten. Girlanden von +Tannen- und Eichengrün, lange Reihen kleiner Fähnchen überspannten den +ganzen Platz der Länge und Quere nach ... und wieder war bis obenhin +ein jedes Fenster mit geputzten, jubelnden, blumenstreuenden Menschen +besetzt ... und durch die flatternden Tücher der Fahnen, die wehenden, +winkenden Hände, die harzig duftenden Girlanden zog es wie ein Sturm, +wie ein Rausch der Jugend, der Kraft, des Glückes ... als seien alle +diese Jünglinge hier nur zusammengeströmt, um in einem Fest ohne Ende +sich ihrer blühenden Jahre zu freuen, als hieße Student sein nichts +anderes als Olympier sein, als heiter, wunschlos, herrscherhaft wandeln +auf blumenbestreuten Pfaden, von Rosen umduftet, von Schönheit und +Liebe gefeiert und begnadet, selig, selig, selig ... + +Aber ein anderes sprach sich auf dem Gesichte des Freundes aus, dessen +Arm schwer in dem Werners lag, der nur lässig ein Blumensträußchen an +die Brust gesteckt, dessen Herz sich ausschloß vom Jubel der Stunde, +dessen Auge düster hineinstarrte in ein unfaßbares, ungreifbares +Verhängnis, das seine leuchtende Jugend zu überschatten schien mit der +Ahnung unabwendbarer Seelenstürme, unversiegbarer Tränenschauer ... + +»Klauser -- du sollst mir sagen, was du hast! Ich finde das einfach +unfreundschaftlich von dir, mir hier die Stimmung zu verderben, wenn du +keinen Grund hast ...« + +»Keinen Grund?! Ich hoffe, ich habe keinen Grund.« + +»Klauser? Gott, sei doch nicht so albern. Ich bin doch dein Freund. +Rede jetzt, sonst laß ich dich stehen und geh mit einem andern.« Das +war scherzhaft gesprochen, doch Werners Stimme bebte dabei leise, und +Klauser verstand die Meinung des Freundes. + +»Ach ... ich bin verrückt, wirst du sagen. Es ... ist eigentlich nichts +... Marie hat seit acht Tagen nicht zu mir wie sonst ... sie hat +mich zweimal beim Rendezvous warten lassen ... das drittemal ist sie +gekommen, aber ... ganz verändert ... ganz ... ich weiß nicht ... äh +... ich werd's mir wohl nur eingebildet haben.« + +»Ja ... so sprich doch ... was ... sagte sie denn ... was machte sie +denn ..« + +»Ja, Himmel, sie war eben ... anders ... zurückhaltend, befangen, +sonderbar ... eben anders ... und dann auf einmal zum Abschied küßte +sie mich so wild und so wehmütig ... als ob ... ich sage dir, Achenbach +... es war --« + +»Himmel, du bist ja ein Tor -- vielleicht hat's zu Hause Kummer oder +Verdruß gegeben --« + +»Dann hätte sie mir erzählen sollen --« + +»Oder was sonst gewesen ist ... du ... du wirst doch nicht gar -- an +Marien ... ich meine, du bildest dir doch nicht gar ein, sie könnte am +Ende --« + +»Ich bilde mir gar nichts ein ... nur daß mir elend seitdem ist ... +einfach schauderhaft ist mir --« + +»Nimm dich zusammen! Da ist das Haus!« + +Zur Rechten des zum Schloß hinanführenden Weges lag inmitten +eines altprächtigen Gartens über hoher Böschungsmauer das +behaglich-altfränkische Schweizerhaus des Geheimrats Professor Doktor +Hollerbaum. Der alte Herr stand oben, auf dem weißen Scheitel die +verschossene hellgrüne Mütze der Hessen-Nassauer, das falb gewordene +Band umzog seine Brust unter dem Überrock, auf dessen Klappe ein langes +Ordenskettchen klingelte. Er grüßte höflich die Farben der Cimbria, +gegen die er vor Jahrzehnten so manches Mal auf Mensur gestanden; alle +Cimbernmützen flogen herunter; und neben des Professors Silberkopf +neigte sich ein anderes, noch jugendlicheres Haupt ... Mariens Mutter +... aber wo war ~sie~? + +Halb verborgen hinter den Eltern hatte sie gestanden. In weißem Kleide, +nicht im gewohnten Hellgrün -- nun neigte sie sich über die Mauer, +nickte den grüßenden Cimbern zu, suchte mit den Augen, fand Werner und +Klauser und goß plötzlich aus einem Körbchen, das auf der Mauer stand, +einen Schwall weißer Rosen über Willys Haupt, das sich eben grüßend +entblößt hatte. + +Einen Schwall weißer Rosen. + +Und neben ihr tauchte da eine blaue Cimbernmütze auf. Darunter ein +lächelndes, leuchtendes Angesicht -- das Gesicht eines Mannes ... + +Professor Dornblüth. + +Er winkte den bergansteigenden Korpsbrüdern mit der Hand lächelnd zu -- +rief: + +»Auf Wiedersehen auf dem Dammelsberg!« + +Werner suchte Klausers abgewandtes Gesicht. Es war fahl geworden ... +fahl ... es mahnte Werner an jenes Mädchenantlitz, das auf dem Tisch +der Prosektorstube dem Messer des Anatomiedieners entgegengeharrt +hatte. Eine Rose hielt Klauser in der Hand ... eine einzige, weiße Rose +... an der hingen seine starren Augen. + +Gott ... wäre das möglich?! + +Werner hatte Mariens Blick gesehen, als sie die Rosen über Klauser +ausgoß. Ein Unsägliches hatte darin gelegen, das Werner vergebens zu +enträtseln suchte: Weh ... und Scham ... und Dank ... und Liebe ... +ja, auch Liebe ... aber eine Liebe, sterbend, verwelkend wie jene +weiße Rose in Klausers Hand ... und Dank ... ach, ein Dank, der den +Empfänger quält wie ein Schimpf ... und über alles ... Abschied ... +Abschied ... Abschied ... + +Und Werner fragte nicht. Er zog den Arm des Freundes fest an sich heran +... und stumm stiegen die Jünglinge bergan, inmitten der lachenden, +schwatzenden Korpsbrüder, durch die flimmernde Herrlichkeit des +glühenden Julinachmittags, dem Dammelsberg entgegen, dem Fest der +Jugend entgegen. + + + + + III. + + +Wenige Schritte nur hatten die Freunde in dumpfem Schweigen +zurückgelegt. Da riß Klauser seinen Arm aus dem des Freundes, ballte +die Fäuste und zischte zwischen den Zähnen: + +»Vor die Pistole muß er mir! Vor die Pistole --« + +»Wer -- der Alte Herr?!« + +»Was schiert mich das?! Meinst du, ich lasse sie mir so einfach +wegnehmen? Ich schieß ihn über den Haufen --!!« + +»Komm, Klauser, nimm dich ein bißchen zusammen, die andern werden schon +aufmerksam auf dich. Höre mich doch bitte einmal einen Augenblick lang +ruhig an. Ich glaube, du bildest dir das alles nur ein.« + +Klauser lachte wild auf. + +»Doch, Klauser, wahrhaftig, ich glaub's! Sieh mal, der Alte Herr ist +noch nicht drei Wochen in Marburg. Der alte Hollerbaum ist Dekan der +Juristenfakultät, außerdem ist er doch auch Pandektist; also da ist +doch das ganz erklärlich, daß Dornblüth bei ihm verkehrt! Und daß +der Alte seinen Kollegen eingeladen hat, sich von seinem Garten aus +den Festzug anzusehen ... na, das ist doch alles ganz natürlich, da +brauchst du doch nicht gleich auf Gedanken zu kommen!« + +»Haha! und sie?! Ihr Benehmen gegen mich?! Ach geh mir doch mit +deinem faden Trost ... es ist aus ... oder es soll aus sein! Ach, +diese Weiber! Da kommt einer in Amt und Würden, und eins, zwei, drei, +wird man beiseite geschoben wie ein dummer Junge --! Na, wartet, ihr +da unten, in mir sollt ihr euch geirrt haben! Ich laß mich nicht +abschieben, ich habe Rechte! Rechte!« + +»Komm, liebster, einziger Klauser, sei doch nur nicht so wild! Denk +doch, die andern müssen ja was merken! Sieh mal, ich kann's nicht +glauben, ich kann's einfach nicht, daß der Alte Herr Absichten auf +Marie hat --« + +»Ja, warum denn nicht? Was sollte ~den~ denn hindern?« + +»Klauser, ich muß dir etwas gestehen. Neulich, auf dem Wege nach +Ockershausen, am Samstag vor drei Wochen, als du dich wieder in den +Bund hineinpauktest, da tauchte ja der Alte Herr Dornblüth zum ersten +Male auf, erinnerst du dich? Du mußt doch gesehen haben, daß ich mit +ihm vor dir marschierte, weißt du's noch --?« + +»Ja -- mir fällt's ein -- nun, und --?« + +»Also da bin ich mit dem Alten Herrn ganz zufällig zusammengetroffen, +und da fragte er mich nach allem aus, was los sei im Korps, und dann +ist uns Marie begegnet, und da fragte er auch, wer die wäre, und -- da +ist's mir eben entschlüpft, daß sie und du ... daß ihr verlobt wärt.« + +»So -- und --?!« + +»Du mußt mir nicht böse sein, es kam so ganz von selber ... na und +siehst du, nun weiß also der Alte Herr doch, daß die Marie mit einem +Korpsbruder von ihm verlobt ist, und einem Korpsbruder die Braut +abspenstig machen ... so eine Gemeinheit, so eine verdammte Schurkerei +wirst du dem doch nicht zutrauen? So sieht der mir wahrhaftig nicht +aus!« + +Klauser sann einen Moment schweigend vor sich hin. Dann brach er aus: + +»Und wenn du recht hast -- um so schlimmer für mich!! Dann hätte die +Marie sich eben ohne sein Zutun ... denn daß sie von mir nichts mehr +wissen will ... das weiß ich, das fühl ich, da kann mir keiner dawider +reden!! Aber sie soll mich kennen lernen! Kämpfen will ich um sie, +kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!!!« + +»Übereile doch nur nichts, Klauser, um Himmels willen! Marie kommt ja +doch jedenfalls hernach auf den Dammelsberg, ihr könnt zusammen tanzen, +du kannst sie ja einfach fragen, und ich bin überzeugt, sie lacht dich +aus und fragt dich, ob du toll bist! Oder sie haucht dich gründlich an, +daß du überhaupt so abscheulich an ihr zweifeln kannst!« + +So tröstete Werner den Freund. Und der Trost wirkte. Er wirkte, weil +so vieles ihm half. Das gläubige, vergötterungsbedürftige Herz des +verliebten Jünglings, der Rausch der Festfreude ringsum, der lustige +Anstieg zum Schloßberg, der hoffnungatmende Sommerhauch. + +Und als Werner den Erfolg seiner Trostgründe beobachtete, da begann er +schließlich selber an sie zu glauben ... + +Und über den Einmarschierenden wölbte sich nun der Eichenwald. Noch +einen letzten Blick vom Waldrand rückwärts! Da wand sich der Zug vom +Schloßberg hernieder durch heckenumsäumte Wiesenpfade, eine Schlange, +deren Schuppen in den Farben des Regenbogens glänzten. Und von rechts +und links auf Nebenpfaden wallfahrtete nun auch Marburgs Bürgerschaft +heran. Überall tauchten blinkende Gewänder auf, dazwischen die +hellen Sommeranzüge, die Strohhüte, die dunkleren Seidenkleider und +Sonnenschirme schwitzender Väter und Mütter. Und alles verschlang der +Festwald. + +Drinnen war's kühl und herrlich. Alle die geräumigen Festplätze, die +für solche Tage, wie den heutigen, geschaffen waren, hatte man für +den Andrang einer ganzen festfrohen Stadtgemeinde vorbereitet. Von +Baum zu Baum zogen sich buntbebänderte Tannengirlanden, spannten +sich Wimpelketten, lange Reihen bunter Lampions. Und unten waren +Tische und Bänke aufgeschlagen -- jeder Tisch trug auf mächtigem +Pappschild in schwarzen Lettern den Namen der Korporation, für welche +er reserviert war. Ein ganzer Festplatz gehörte dem akademischen +Senat, einer den Stadtbehörden, ein größter der Bürgerschaft, soweit +sie nicht Anschluß bei den Korporationen hatte. Und inmitten all der +Feststätten war der Tanzboden aufgeschlagen ... Überall aber walteten +schon die Küfer ihres Amtes, stellten auf Kreuzböcken mächtige Fässer +Casseler Lagerbier auf, schlugen sie an, daß der Gischt schäumte, und +ließen sich's nicht nehmen, als erste zu probieren. Und über all dem +Treiben bauschten sich Fahnen in den Farben der Stadt Marburg, des +Reiches, Preußens, der Provinz Hessen-Nassau, endlich der sämtlichen +Marburger Korporationen. Und noch höher droben rauschten und webten die +Eichen- und Buchenwipfel, von flatternden, hüpfenden Sonnenlichtern +durchwirrt. Und in das ganze wohlbereitete Festgefilde ergoß sich nun +der Strom der feierlustigen Menge. Das rannte und schrie durcheinander, +das begrüßte sich, wies einander zurecht, lachte, schalt, schnauzte +mit Füchsen, Kellnern, Korpsdienern -- und zwischen den trotzigen +Knabengesichtern, dem Gewimmel bunter Mützen und den Sommerhüten der +farblosen Verbindungen und der Finken, die erhitzten, augenblitzenden +Mädchenlarven unter wippenden Blumenhüten, die hin und her pendelnden, +krampfhaft hochgehobenen Sonnenschirmchen ... ein Wirrwarr, ein Lärm, +ein quirlendes Chaos ... da würde niemals Ordnung werden. + +Doch nach einer Viertelstunde hatte sich alles zurechtgefunden. Alles +saß an seinem Platze, ein wenig eng, doch dafür war eben Festtag -- und +wer hätte gar nach mehr Platz verlangt, wenn er eine hübsche Nachbarin +erwischt hatte -- man würde sich einzurichten wissen ... + +Und das Fest begann. Gedruckte Liederhefte waren schnell verteilt, +und bald brauste durch den ganzen weiten Festwald das alte festliche +Burschenlied: + + »Wo zur frohen Feierstunde + Lächelnd uns die Freude winkt« -- + +Und ein zweites Lied -- und ein drittes -- + +»Du -- da oben steigt wieder eine Rede!« + +»Laß sie reden! Kannst dir's denken, was da oben offiziell gequasselt +wird!! Die Herren Professoren hören für uns alle mit!« + +Plötzlich Orchestertusch ... und lautes Hoch da droben -- + +»Los, Kinder! Hoch! hoch! hoch!!« + +»Auf wen geht's denn?!« + +»Is ja egal! Is ja ganz schnuppe! Brüllt nur ordentlich mit!« + +»Hoch! hoch! hoch!!« + +»Und nun -- Umtrunk!« + +»Prost!« + +»Prost doppelt!« + +Einer kam hinzu: »Stellt euch vor, ihr Herren, eben hat der +>Tausendste< geredet!« + +»Was hat er denn gesagt?« + +»Das hat kein Mensch verstanden. Heimtückischerweise ist's ein Russe, +der kaum drei Töne deutsch reden kann!« + +»Aber schön war's doch -- was?!« + +»Allemal! Kinder, gebt mir was zu saufen -- ich verdurste!« + + * * * * * + +»Sie sitzt auf dem Professorenplatz bei ihren Eltern,« berichtete +Werner, der auf Erkundung ausgegangen war, dem harrenden Freunde am +Cimberntisch. + +»Und -- ist der -- auch dabei?« + +»Professor Dornblüth -- ja -- der ist auch dabei.« + +»Hm. Setz dich. Wann fängt der Tanz an?« + +»Um halb sieben.« + +»Gut. Inzwischen -- prost -- einen Halben auf dein Wohl.« + +»Du, Klauser, trink nicht ... denk nur, was heut alles auf dem Spiel +steht für dich.« + +»Ja, ja, schon gut.« + +In diesem Augenblicke entstand oben am Cimberntisch eine Bewegung. +Man erhob sich, die Mützen flogen von den Köpfen. Einige der älteren +Alten Herren des Korps waren herangetreten, begrüßten die Korpsbrüder +und nahmen oben neben dem Ersten Platz, während die übrigen +zusammenrückten. In ihrer Mitte auch Dornblüth. + +Eine Weile verging. Man trank, ein allgemeines Lied wurde gesungen, +von droben klang wieder der entfernte Tonfall einer Festrede; am +Cimberntisch lärmte und schwatzte man munter weiter, die Alten Herren +tranken den Chargierten zu, schließlich beim Tusch schrie alles munter +mit: Hoch! und stieß mit den wuchtigen Henkelgläsern an. + +Da trat der Korpsdiener zu Klauser heran und sagte halblaut: + +»Herr Klauser, der Alte Herr Professor Dornblüth täte sich erlaube, +Ihne eins zu komme, und ob er Ihne hernach gelegentlich kennt e paar +Minute spreche!« + +»Sagen Sie dem Herrn Professor, Peter, ich werde zu seiner Verfügung +stehen und erlaube mir, nachzukommen.« Er trank, warf aber keinen Blick +hinüber, obwohl Werner ihn anstieß: + +»Du -- er schaut herüber.« + +»Meinetwegen. Hast du verstanden, was Peter sagte?« + +»Ja.« Werner legte die Hand auf des Freundes Arm und drückte ihn leise. + +In diesem Augenblick entstand oben am Tisch ein wahres Hallo. Die +Freunde blickten hinüber und sahen neben dem Senior Papendieck, der +sich in seiner ganzen Länge erhoben hatte, eine Riesengestalt in +Reiseanzug und leichtem Filzhut -- Scholz ... + +Eben warf der seinen Hut dem Korpsdiener zu, nahm aus dessen Hand eine +Mütze entgegen, stülpte sie sich auf den Hinterkopf, streckte beide +Hände den andrängenden Korpsbrüdern hin und lächelte, soweit es seine +starren Gesichtszüge, sein herber Mund gestatteten. Und die meisten der +Cimbern sprangen auf, ihn zu begrüßen, aber er wehrte ab: + +»Bleibt sitzen, Herrschaften, ich komme zu euch.« + +Und er schritt den Tisch entlang, streckte immerfort die langen Arme +über die Schultern der Nächstsitzenden nach jenseits zur Begrüßung, +antwortete auf einen Schwall von Fragen, kam so näher. + +Werner schauderte bei diesem Anblick. Wie ihn begrüßen ... den +Entsetzlichen, der es wagte zu leben und zu lachen, dieweil ... + +»Guten Tag, Leibfuchs Achenbach ... na, da wär ich wieder!« + +»Guten Tag, Leibbursch.« Werner fühlte die hagere, eiserne Tatze des +weiland Cimbernseniors in seiner Hand. + +»Na, laß dich mal besehen -- noch alles glatt? Gut schaust du aus -- +ordentlich dick geworden. Das macht die gute Luft im Korps, seit ich +weg bin. Du, Leibfuchs, gratulier mir mal schnell: ich hab vorgestern +in Berlin den Doktor gemacht -- +magna cum+!« + +Werner gratulierte und schüttelte nochmals die Hand, von der ein +Eisstrom ihm die Glieder durchlief. + +»Ah, und da ist ja auch Klauser. Gratuliere zu -- na du weißt schon. +Donnerwetter, du hast dir aber ein hübsches Lokal zugelegt! Wer hat +denn das gekonnt?« + +Aber er wartete gar nicht erst auf Antwort, begrüßte die Füchse im +Ramsch mit einer winkenden Handbewegung: + +»Tag, Füchse -- na, munter!« und schritt dann zurück zum oberen Ende +des Tisches, wo er mitten zwischen den Alten Herren Platz nahm und +bald in ein eifriges Gespräch verwickelt war, an dem er sich in seiner +kalten, gemessenen, doch entschiedenen Weise beteiligte. + +Scholz wieder da -- Doktor Scholz ... und nächstens müßte Rosalie +wiederkommen -- -- + +Nun trat Professor Dornblüth, ein gefülltes Bierglas in der Hand, von +hinten an Klauser heran und sprach: + +»Herr Korpsbruder, ich glaube, wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt, +Bruderschaft zu trinken ... darf ich Ihnen also Schmollis anbieten?« + +Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar, +erwiderte er: + +»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir +... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung +verschieben?!« + +Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch über den Ton der +Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte +mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines +Blickes stand: + +»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern +können.« + +Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der +Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches -- sie stießen mit +den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten +sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe. + +Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und +sagte: + +»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.« + +Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen. + +Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende +Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde +seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als +alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was +würde werden? Was würde werden?! + +Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt. + +Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ... + + + + + IV. + + +Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange +dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er +die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem +Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm +fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter. + +Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden +blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden +Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten +Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden, +bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und +hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad +in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es +dämmerte durch den Bergpark. + +»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine +Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.« + +»Daß ich nicht wüßte,« sagte Klauser kalt gemessen. + +»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft +angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe -- als +Träger dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine: +das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der +Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum +Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.« + +Mit einem Ruck stand Klauser still. + +»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh +meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?« + +Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren +Schulter. + +»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen +zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu +zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir +Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?« + +»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts +gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben. + +»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber: +ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren, +daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du +diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu +glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick lang +gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen +lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und +... du -- gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage, +daß sie ... mir sehr wert geworden ist.« + +Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine +stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen. + +»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student +gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß +Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um +sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ... +andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin +ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus +... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das +darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch +nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ... +auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. --« + +Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten. + +»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten +von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als +deine Braut betrachtet ...« + +»Bis heute?!« + +»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich +als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu +erwarten, daß du von mir Sühne verlangst -- Genugtuung. Darum laß mich +dir als Korpsbruder -- und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu +diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese +deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte +mir, ob du mir das glauben willst --!« + +»Ich ... will's glauben.« + +»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir +schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch +keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.« + +»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese +Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was +Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber +das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.« + +»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht, +was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch +wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal +ein wenig zusammennehmen ... solch schwere Stunden ... Männer müssen +die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das +da?« + +»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?« + +»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht -- deshalb +laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal -- wenn zwei Männer ... +wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib +... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?« + +»Die Waffe!!« + +»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz +zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ... +die, meine ich, hat dann zu entscheiden! -- Sieh mal, es könnte doch +immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich +nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie +hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du +bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber --« + +»Aber --?!« + +»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich +Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier +in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu +vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger, +herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein +Student, das ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und, +glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge +Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu +ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes. +Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis +heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir +ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde +als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ... +jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ... +da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar +ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück. +Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde +... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns +beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren +Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche +Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie +als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem +sie die Trauer, die Entsagung bringt?!« + +Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine +Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten. + +»Na, deine Antwort, mein Junge?!« + +Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise, +ging sein Atem -- und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges, +trockenes Schluchzen. + +»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang +den linken Arm um Klausers Nacken. + +Der suchte sich loszumachen und schrie: + +»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie +haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! -- Es ist nichts +mehr zu entscheiden -- Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los! +Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ... +dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit +Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie +überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und +darum werden wir uns woanders weiter sprechen --!!« + +Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und +sagte: + +»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? -- Gehöre? -- Kann ein +Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als +des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie +sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf +wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun, zu glauben, sie +täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie +wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß +sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer +liebt ... mich, den Mann. Und dann -- dann wolltest du dem Mädchen, +das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ... +der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden +hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich, +männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache +betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund, +du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen +bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und +so oft schon deinem Gegner auf Mensur -- so wirst du auch dem Schmerz +gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen, +was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!« + +Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne +klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende +Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille +herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm +Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die +breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß. Und Kühle webte durch die +Eichenhallen ... Kühle ... Stille ... + +Und alles -- alles aus -- das Jugendglück entschwindend ... ach, schon +verloren ... + +Und er -- der andere? Der Räuber?! + +Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem +Freundesauge -- + +Wozu?! + +Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben -- die +Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und +Leben ... + +Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute? +Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?! + +Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen? + +Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz. +Wozu noch kämpfen? Es war ja aus -- nicht nur der Sieg, die Waffe +selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge, +den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe +trennten. + +Und plötzlich warf er sich herum. + +»Gute Nacht, Herr Professor.« + +»Wohin?« + +»Ich will nach Hause. Schlafen.« + +Herrgott! durchfuhr's da den Professor -- hatte er's am Ende doch +falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?! + +Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm +nach, holte ihn ein: + +»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst --!« + +»Dummheiten?« + +»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...« + +Da erwachte der Knabentrotz. + +»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um +ein Mädel, das ... äh!! Nee -- das nicht!! So armselig bin ich denn +doch nicht!! -- Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!« + +Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan +führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden. + +Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! -- + +Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie --! + + + + + V. + + +Nein -- so doch nicht! so doch nicht! + +Was, so einfach verschwinden? Stumm, schattenhaft dahinhuschen ... +hinaus aus ihrem Leben? + +Er, der ihre ersten Küsse gepflückt hatte? + +Er, dessen Leben hinfort nur Qual und sinnlos zehrendes Heimweh sein +würde?! + +Nein -- das letzte Wort wenigstens, das Abschiedswort -- das wollte er +ihr nicht ersparen! Wenigstens sehen, fühlen, wissen sollte sie's, was +sie ihm getan hatte! -- + +Hahaha! Darum so treu, so rein, so unberührt sich erhalten -- darum +bezwungen Jugendfieber und Stürme des Bluts ... darum, um weggestoßen +zu werden wie ein verbrauchtes Spielzeug? + +Ach, sie hatten ja recht, die andern, die ihn ausgelacht hatten, wenn +er nicht mitgemocht hatte zu den losen Mädchen ... + +Liebe -- Treue -- Keuschheit -- alles Blödsinn! + +Weiber! Weiber! Dirnen allesamt! Die eine wie die andere! + +Die Dummen, die waren für zwei Taler zu haben ... die Gerissenen, die +taten's nur um einen goldenen Ring und eine lebenslängliche Versorgung +--! + +Und so lange, bis einer kam, der das beides auf den Tisch des Hauses +legen konnte, nahm man auch mit einem vorlieb, auf den man warten mußte! + +Aber, wenn sich's dann doch noch schickte ... wenn er kam, der +Ersehnte, der Mann mit dem großen Portemonnaie ... dann weg mit dem +Jungen, dem armen, dem dummen Buben! + +Weg -- Fußtritt -- aus -- vergessen! + +Nein, Mädel, du hast dich verrechnet!! + +So einfach in die Ecke fliegen, stumm, wehrlos, wie eine zerknüllte +Puppe ... das gibt's nicht! Das gibt's nicht! + +Wenigstens will ich dir noch sagen, wer du bist! will dir sagen, daß +ich dich jetzt kenne! daß der Traum von der Göttin ausgeträumt ist! daß +ich dich erkannt hab' in deiner ganzen Erbärmlichkeit! -- -- daß ich +nun weiß: du bist wie alle! + +Feil für Gold, nur verschmitzter, nur raffinierter als die arme Lina da +hinten im Marbacher Tal! feil ... feil! -- + +Und durch die Büsche brach er sich Bahn, dorthin, wo die Walzerrhythmen +hüpften, wo der rauhe Dielenboden knarrte ... wo arme, betrogene, +verblendete Bürschlein die nichtsnutzigen, verschlagenen, +ränkespinnenden Weiberchen im Tanze drehten ... + +Mit rötlichem Schein überflutete das unstete Licht von Hunderten +buntschimmernder Lampions den Tanzplatz. Glühenden Auges starrte +Klauser in das wirbelnde Gewühl -- fahndete gierig nach einem lichten +Scheitel über der wohlbekannten, adlig reinen, ernst geschwungenen +Stirn, den vergötterten, heilig strahlenden Augen ... + +Da -- -- da kam sie heran, sicher geleitet durchs Getümmel der Paare +von einem starken, tragenden Arm ... sie ... in seinem Arm ... + +Daß die Adern nicht sprangen, das Herz nicht riß, die Brust nicht barst +in einem wilden, weidwunden Todesschrei -- --!! + +Und aus war der Tanz ... durcheinander, auseinander quollen die Paare, +strudelten den Ausgängen zu ... + +Alle überragend die Hochgestalt des Blondbarts unter der vergilbten +Cimbernmütze ... die wies ihm den Weg ... + +Ein paar Minuten dumpfen Harrens am Eingang des Platzes der +Professorenschaft ... dann hüpfte eine kecke Masurkaweise auf ... und +Willy Klauser stand mit abgezogener Mütze neben Marien. + +»Gnädiges Fräulein -- darf ich um den Tanz bitten?« + +Entsetzen stand in Mariens Blicken, düsterer Schreck im grauen +Augenblitz des Professors ... + +»Ich danke ... ich möchte nicht mehr tanzen ... meine Eltern wollen +eben aufbrechen --« + +»Ach, so eilig ist's nicht, Mariechen!« klang da des alten Geheimrats +behagliche Stimme von der andern Tischseite, und: + +»Den einen Tanz kannst du schon noch riskieren, Mariechen!« +lächelte wohlwollend, festlich heiter auch Frau Hollerbaums mildes +Madonnengesicht ... + +»Nein, wirklich, ich danke, Herr Klauser -- ich möchte mich noch ein +wenig abkühlen!« Sie hatte die Augen tief gesenkt, ihre Stimme versagte. + +»Ich habe heut' noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Sie um einen Tanz +zu bitten ... schlagen Sie mir den letzten Tanz nicht ab, ich bitte +darum!« Es war ein befehlender Ton in der Bitte. + +»Tanz nur, Mariechen, es ist noch ein Rest in der Bowle, den laß ich +nicht umkommen!« lachte der Vater. + +Ein hilfesuchender Blick flog aus Mariens Augen zu Dornblüth hinüber. +Er erwiderte mit einem unmerklichen, ruhigen Kopfnicken. + +Und wortlos, totenblaß stand Marie auf. Ihre zitternden Fingerspitzen +schob sie in Klausers Arm, und hochaufgerichtet machte er sich Bahn ... + +Am Tanzplatz führte er sie vorüber ... + +»Wohin?!« + +»Komm mit! ich rat es dir gut!!« Und mit der Linken griff er nach ihrer +Hand, zog sie fest in seinen Arm, riß sie von hinnen, in den Laubgang +hinein ... aus dem blendenden Lichterspiel ins nächtige Dunkel. + +»Ich geh nicht weiter -- laß mich los!« + +»Du bleibst! Bist du zu feige, meinen Glückwunsch zu deiner Verlobung +in Empfang zu nehmen?« + +»Ich habe mich nicht verlobt!« + +»Also noch zu früh? Tut nichts -- er hält sich bis morgen!« + +»Laß mich! Ich will dir schreiben ... will dir alles ... erklären!« + +»Die Mühe spar dir! Ich weiß schon Bescheid! Ich weiß alles -- alles!« + +»Willy ... ich kann nicht anders ... vergib mir ... und laß mich gehn!« + +Er faßte sie an beiden Handgelenken. Durch die Zweige drang ein letzter +Schein der Illumination; der gab in seinen Augen düster flackernden +Widerschein, und rum-tata-tita-rum-tata! klang die Masurka. + +»Laß mich, Willy ... ich hab' ihn lieb ... ich ...« + +»Hast ihn lieb! wirklich! und mich? was? wann hast du denn eigentlich +gelogen? Hä? damals? oder jetzt? oder gar damals ~und~ jetzt?« + +»Ich hab' dich nicht belogen, Willy. Ich hab' dich lieb gehabt ... ich +hab' dich noch lieb --« + +»Marie!« + +»Ja, Willy -- das ist wahr! Immer, immer werd' ich dir dankbar sein ... +für all das Glück ... für deine Liebe ... für alles ... aber jetzt ... +jetzt ... laß mich!« + +»Ja, geh! geh! und lach, daß du mich zertreten hast! zertreten und +zerschmissen!« + +»Willy -- ach Willy -- verzeih mir!« + +»Verzeihen? Niemals -- niemals! Werde glücklich, wenn du kannst! +wenn du den Mut hast, zu vergessen, was du aus mir gemacht hast! du +Verräterin! du Lügnerin!« Und er schleuderte ihre Hände von sich weg, +daß sie fast taumelte. + +»Jetzt ist's genug!« klang da eine schneidende Stimme, und Professor +Dornblüth trat aus dem Dickicht. Er legte seinen Arm um die Wankende. + +»Marie steht unter meinem Schutze!« + +»Hahaha! gut -- nimm sie, Alter Herr! und laß dich von ihr betrügen, +wie sie mich betrogen hat!« + +»Knabe?!« Einen mächtigen Schritt trat Dornblüth auf Klauser zu. + +Da fiel von dem Jüngling ab, was Elternhaus und Schule, was die +Erziehung des Korps, was das Menschentum von Generationen an ihm +gebildet. Die Bestie brüllte nach Blut. Und weit ausholend führte er +einen wuchtigen Faustschlag nach des Nebenbuhlers Haupt. + +Aber mit Riesenkraft fing der den Angriff auf. Mit beiden Tatzen packte +er den Gegner am Unterarm und zwang ihn in die Knie. + +»Danke du Gott, daß du mich nicht getroffen hast!« + +Und er zog die wild aufweinende Marie von dannen. + + + + + VI. + + +Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes +Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann, +ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht +mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten. +Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch +an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie +bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte +schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische, +dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann +war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen; +Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem +Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer +verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß +des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er +wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum +zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes +erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und +erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete +Beleuchtung der Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider +Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum +auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern, +ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden +Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte +geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von +Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen. + +Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund +sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die +Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren +verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den +Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken. +Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch +das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die +Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt. +Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne +Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse +saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den +Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den +Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken. + +Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust. All die Erregung +der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm +in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei +zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in +die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte +nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden. + +Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die +Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der +monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages. + +Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich +schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte +Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich. + +Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine +fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der +ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine + +vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich +den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und +tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die +den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte +sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den +unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen. + +So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten +Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm +in die Augen schoß. + +Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst +du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen? +Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens +immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?! + +Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende, +rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die +fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz! + +Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende, +jagende Sinnenpein -- einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu +bergen! + +Liebe -- Liebe --!! + +Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene +blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen +Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die +Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende, +die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe --!! + +Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor +seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge +gewährungsfrohe Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten +... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte? +Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen +Nächte?! + +Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch +der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner +Ecke hinter dem Ladenpult ... + +Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!! + +Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der +verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen +die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ... + +Darum schnell! schnell! + +Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so +wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre +Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte. + +Rosalie ... Rosalie ... + +Da stand er vor dem niedern Häuschen, vor der Schwelle, über die sie +nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu +beglücken ... + +Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte -- und Werner +stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen +Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen da oben ... +und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ... + +Da ... ha! + +Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet? + +Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ... + +Was?! Unmöglich ... + +Doch ... seine Stimme ... Scholz ... + +Und nun -- eine andere Stimme ... eine -- Frauenstimme -- + +Barmherzigkeit --!! Rosalie!! + +Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes +Liebesgeschwätz ... + +Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen -- nun eine werbende, +dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende +Weibeslaute ... + +Und wieder still ... und Rascheln wieder und ... + +Und nun -- und nun -- -- Werner mußte alles hören ... alles ... mußte +er hören ... alles. + +Stille dann ... Stille ... + +~Das also war die Liebe?! -- Gott -- -- das war die Liebe --?!~ + + * * * * * + +Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über +die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger +den Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen +Stock, dann zur Tür -- -- + +Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes, +bares Geld ... + +Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ... +so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so +.... + +Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die +Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne +schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ... + +Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das +massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als +schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein. + +Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende! + +Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet +sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch +... + +Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift +nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im +Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird +mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt, +gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht +ein stieres Antlitz vorbei, die Augen tief in schwarze Schattenlöcher +versunken ... Willy Klauser ... + +Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch! + +Das ist das Ende!! + +Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ... + +Hahaha! Der auch!! + +Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde, +aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ... + +Das ist das Ende!! + +Wozu sich noch sträuben! + +Hinein, hinein in den Pfuhl --!! + +Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele, +für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ... + +Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ... + +Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ... + +Trinken ... trinken!! ... + +Und Werner klopfte an Linas Tür. + + + + + VII. + + + »Mein Herzensjunge! + + Das ist nun der letzte Brief, den ich Dir in Dein erstes Semester + schreibe, denn heute in acht Tagen werden wir Dich ja, wie Du + schreibst, schon wieder bei uns haben! Ich kann es noch gar nicht + recht glauben, daß uns dann unser Ältester wieder für mehr als + zwei Monate gehören soll, denn die vier Monate, daß Du fort bist, + wollten gar nicht vorübergehen, und kann ich mir kaum vorstellen, + daß es nicht wenigstens ein Jahr war seit Deinem Abiturientenexamen. + Hoffentlich wird es Dir nun aber, nach dem schönen Burschenleben da + draußen in Saus und Braus, in Deinem einfachen Elternhause auch noch + gefallen. Wir freuen uns alle riesig auf Dich, die Brüder schwatzen + von nichts anderem als vom Bruder Student und freuen sich, alle Deine + Herrlichkeiten zu sehen; ich glaube, sie denken, Du läufst immer mit + einem Schläger an der Seite herum. Und unser guter Vater freut sich + schon sehr darauf, mit Dir über das Römische Recht, das Du ja nun + schon kennst, tüchtig fachsimpeln zu können.« + +Hier mußte Werner, trotz seiner Rührung, lächeln, halb verlegen, halb +verschmitzt. + + »Vor allem aber freut sich Deine Mutter auf Dich: ich bin ganz stolz + darauf, einen so großen und wohlgeratenen Sohn zu haben, der auch + draußen in der Fremde dem Namen seines Vaters Ehre macht und im Leben + bewährt, was wir Eltern nach unsern schwachen Kräften versucht haben + ihm mitzugeben. So schließe ich denn für heute mit dem Wunsche, daß + Dir, mein lieber Sohn, noch einige schöne Sommertage in Deiner neuen + Heimat beschert sein mögen und Du dann zurückkehrst, gestärkt und + gereift an Leib und Seele und beglückt in dem Bewußtsein, täglich + vorwärts zu schreiten in allem Guten und Tüchtigen.« + +Werner ließ den Brief einen Augenblick sinken. Mechanisch trank er +einen Schluck Kaffee und starrte zur Decke empor. + +Täglich vorwärts in allem Guten und Tüchtigen --! Ach ja ... der +Dammelsberg ... der heiter-prächtige Anfang und das wüste, scheußliche +Ende: der Heimweg in stolperndem Rausch, und -- + +Äh -- das mußte der wüste Kopf doch nur geträumt haben ... + +Nein ... nein ... es war Wirklichkeit: er ~war~ nun wissend ... er +hatte die Blume der Sehnsucht gepflückt ... und sie war ihm in den Kot +gefallen ... + +Ah -- pfui -- pfui! Der Ekel, die Schmach!! + +Und alles stand auf einmal wieder vor ihm da! + +Das Entsetzen dieser Nacht ... die schreckhafte Erkenntnis, daß auch +ihn, wie seinen Freund, ein Reifer, ein Sicherer, ein Mann um seine +Liebe betrogen hatte ... + +Um seine Liebe --? Hahaha!! + +Und doch ... war das nicht auch Liebe, was ihn zu Rosalien gezogen? +War dieser Schmerz, in dem seine Seele sich krümmte, war der Jammer +um ihren Verlust, der ihn blindlings hinaus und in die Arme der Dirne +gehetzt hatte ... war das nicht auch ein Gram um ein verlorenes +Liebesglück?! + +Liebe? Was war Liebe überhaupt anderes als das Verlangen nach dem +Besitz? + +Ja, sie war ihm verloren, an die sich sein Sehnen angeklammert, in der +es die Erfüllung heißesten Erdenglücksbegehrens erblickt hatte ... sie, +die ihm nicht ein armes Judenmädel, ein armes Käseladenfräulein gewesen +war, sondern Aphrodite, die süße und schreckliche Herrin der Erde ... + +Sie hatte am Morgentore seines Lebens stehen sollen als Spenderin +erlösender Erstlingswonnen, hatte ihn hineinführen sollen in das +Allerheiligste des Daseins, das ihm Liebe, Liebe -- Liebe!! hieß! + +Und nun war sie jenem andern, dem Erfahrenen, dem Desillusionierten, +dem Pascha in die Arme geweht worden, dem ihre Liebe nicht ein +ungeheures, umwälzendes, erlösendes Erlebnis war ... nein, ein Blatt +mehr in einem Notizbuch flüchtiger Erinnerungen an lustige Stunden ... + +Und Werners Blume lag im Kot ... gemein, trivial, weihelos, ekel war +die erste Stunde in Weibesarmen gewesen, Sünde, weil sie schmutzig und +würdebar, Schande, weil sie käuflich und häßlich gewesen war ... + +Das war nicht wieder gut zu machen ... der Fleck aus dem Leben nicht +mehr wegzuwischen ... nein, das würde bleiben ... die Erinnerung an +die frechen, entehrenden Zärtlichkeiten, die rohe Vertraulichkeit, die +hungrige Groschengier der Dirne würde sich besudelnd eindrängen in +alles Glück, das ihm künftig zuteil werden möchte ... + +Unsühnbar -- untilgbar das Andenken an die erste Liebesstunde, besudelt +-- besudelt ... + + * * * * * + +Ein hartes Klopfen an der Tür. + +Und Scholz trat ein. + +»Morgen, Leibfuchs -- na? Jammer? Sieht so aus!« + +Stumm stand Werner auf. Ihm war's, als hätte er dem andern ins Gesicht +schreien müssen, was alles er ihm genommen ... wie jener, jener schuld +sei an der Katastrophe seines Liebeslebens ... + +Aber der würde ihn nicht verstanden haben ... eiskalt, höhnisch ihn +angegrinst ... + +Nein ... Schweigen ... Haltung ... herunter das Visier ... + +Er hieß den Älteren willkommen. Scholz streckte sich aufs Kanapee, +schob die Beine lang in die Stube hinein, gähnte geräuschvoll und +bedeckte eine Sekunde lang die Augen. + +»Verdammt müde ... aber schön war's doch ... na und du, Leibfuchs? +Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin? Ich bin nämlich seit gestern +abend dein Nachbar. Habe da nebenan die kleine Bude für nächstes +Semester gemietet und bin gleich eingezogen. Laß dir erzählen, wie +das gekommen ist. Ich kam gestern abend von Berlin mit dem Casseler +Schnellzug an; zugleich kam von der andern Seite der Frankfurter D-Zug +auch, ich sah zufällig hin, und aus der dritten Klasse klettert wer? +die schöne Rosalie, deine +filia hospitalis+ nee, ~unsere~! +Na, ich begrüßte sie natürlich, machte mich mit Gepäckbesorgung galant, +erzählte ihr, daß ich promoviert hab' und nun zum Abschiedskommers +zurückkomme ... daß ich nächstes Semester wieder nach Marburg will ... +frage ganz im Spaß, ob bei ihr nicht eine Wohnung frei ist ... und ... ++me voilà!+ was sagst du dazu?!« + +Auf der Straße klang der Cimbernpfiff und überhob Werner der Antwort. +Beide gingen ans Fenster; unten stand der Zweite, Krusius, und neben +ihm der Senior der Hasso-Nassovia, Herr Seydelmann. + +Krusius bemerkte zuerst Werner und rief: + +»Sag mal, Achenbach, ist das richtig, daß i. a. C. B. Doktor Scholz +jetzt bei dir im Hause wohnt?« + +»Allerdings, zu dienen!« sagte Scholz und ließ seinen Oberkörper +am Fenster erscheinen. »Guten Morgen, Krusius, guten Morgen, Herr +Seydelmann -- na? Wie schaut's aus? Wieviel Gramm Antipyrin haben Sie +heute morgen schon gefressen?« + +»Lieber Scholz,« sagte Krusius mit tiefernstem Gesicht, »Herr +Seydelmann hat etwas mit dir zu besprechen.« + +Scholzens Gesicht versteinerte sofort ebenfalls in offiziellen Falten. +»Wenn die Herren sich freundlichst heraufbemühen wollen?« + +Die Angeredeten tappten die Treppe hinauf und standen bald darauf an +der Tür, die Scholz ihnen höflich geöffnet hatte. + +»Bitte einzutreten.« + +»Möchten wir nicht lieber in dein Zimmer --?« meinte Krusius mit einem +Seitenblick auf den Fuchs Achenbach. + +»Ich habe nur ein Zimmer, und das ist noch nicht aufgeräumt,« sagte +Doktor Scholz. »Ich denke, mein Leibfuchs erlaubt uns einen Augenblick +seinen Salon?« + +»Selbstverständlich, Leibbursch -- ich gehe so lange hinaus.« + +»Nee, nee, bitte bleib nur --« + +»Es ist aber eine sehr ... persönliche Angelegenheit --« meinte +Seydelmann. + +»Tut nichts, hier, mein Leibfuchs, der kann ruhig zuhören, schad't +ihm nichts, wenn er auch ein bißchen Schimmer bekommt. Also. Herr +Seydelmann --?« + +»Herr Doktor Scholz,« sagte Seydelmann, »ich habe den Auftrag, +Ihnen namens des +studiosus medicinae+ Simon Markus +eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere bis zur +Kampfunfähigkeit zu überbringen.« + +Eine Sekunde lang standen alle vier jungen Männer in der engen Stube +regungslos; langsam zog Scholz die Augenbrauen ganz hoch in die Höhe. +Eine Kälte, ein Schauer wehte allen ans Herz. + +»Hm --« machte Scholz. Wieder ein paar Herzschläge lang Schweigen. + +»-- -- bitte, teilen Sie Ihrem Auftraggeber mit, daß ich die Forderung +annehme,« sagte Scholz dann in eisiger Ruhe. + +»Nein, Scholz, das darfst du nicht!« fuhr da Krusius dazwischen. »Das +darfst du nicht! Es handelt sich doch jedenfalls um -- um das Mädel ... +die Schwester von dem Kerl --« + +»Wir brauchen darüber kein Wort zu verlieren,« sagte Scholz. »Die +Forderung kann binnen vierundzwanzig Stunden ausgetragen sein. Wann +kann das Ehrengericht zusammentreten?« + +»Nun, heut nachmittag um drei, denke ich,« sagte Herr Seydelmann. »Ihr +Gegner hat sich dem S. C. Ehrengericht und dem S. C. Pistolenkomment +ohne weiteres unterworfen, die Sache ist also sehr einfach.« + +»Ich leid's nicht, Scholz!« rief Krusius erregt. »Du wirst dich doch um +so'n Frauenzimmer nicht schießen? Und mit so 'nem Judenjungen, dessen +Schwester nicht viel besser als 'ne Hure ist?« + +»Oho?!« meinte Scholz. »Woher weißt du das?« + +»Ja, ja, woher weiß man das? Ich kann nichts Positives gegen das Mädel +behaupten, aber seit Ewigkeiten wohnen hier Korpsbrüder von uns, und es +müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn die alle sich den Bissen da bis +jetzt hätten entgehen lassen!« + +»Wenn du nichts Positives weißt -- dann braucht man ja gar nicht +darüber zu reden. Hat Ihnen, Herr Seydelmann, Ihr Auftraggeber einen +Grund der Forderung angegeben --?« + +»Allerdings,« sagte Seydelmann mit diskreter Zurückhaltung im Ton. +»Herr +studiosus+ Markus behauptet, Sie hätten heut nacht seine +Schwester ... in Ihrem Schlafzimmer gehabt.« + +»Also gut, Herr Seydelmann ... ich werde, wenn Sie mir keinen +anderweitigen Bescheid mehr zukommen lassen, um drei Uhr auf Ihrer +Kneipe zum S. C. Ehrengericht erscheinen.« + +»Nein, meine Herren, das ist einfach Wahnsinn,« sagte Krusius, »da darf +nichts draus werden! Ich telegraphiere sofort an unsere Inaktiven, die +in den letzten Jahren hier im Hause Markus gewohnt haben, und frage an, +ob sie das Schicksel da unten nicht auch gehabt haben, und wenn auch +nur einer ja sagt, dann hast du doch wahrhaftig keine Veranlassung, +dich mit ihrem Bruder zu schießen, als wenn du sie verführt hättest --! +Was sagen Sie, Herr Seydelmann?« + +»Da mein Auftrag noch nicht erledigt ist, so bedaure ich, eine +Ansicht über diesen Punkt nicht äußern zu können,« erwiderte der +Hessen-Nassauer. + +»Sie haben vollkommen recht,« sagte Doktor Scholz. »Lieber Krusius, +deine Anfrage an die Inaktiven ist überflüssig. Das Mädchen ist keine +Dirne, und nach meiner Auffassung ist der Bruder berechtigt, sich jeden +zu kaufen, der sie mit der Fingerspitze berührt. Und gegen den Herrn +Markus liegt meines Wissens auch nichts vor ... ich würde es also +geradezu als Kneiferei auffassen, wenn ich mich weigern wollte, ihm +Satisfaktion zu geben.« + +»Nun, dann bin ich wohl fertig,« meinte Seydelmann. »Mein Bedauern, +Herr Doktor, daß ich in so fataler Angelegenheit gegen Sie tätig sein +muß -- nachdem wir uns beide bisher --« er lächelte diskret, korrekt, +verbindlich, wies mit leichter Handbewegung erst auf seine, dann auf +Scholzens Narben, die sie beide einer dem andern verdankten -- »immer +so ausgezeichnet vertragen haben.« + +Als der Hessen-Nassauer fort war, bestürmte Krusius nochmals mit aller +Entschiedenheit den Korpsbruder, das Duell nicht anzunehmen. + +»Ich finde, Scholz, du kannst das deinen Eltern gegenüber einfach nicht +verantworten, dich wegen so einem Frauenzimmer zu schießen! Denn daß du +bei der nicht der erste gewesen bist, dafür laß ich mich hängen! Zwar +die Korpsbrüder, die früher hier gewohnt haben, die haben anscheinend +immer nach dem bekannten Grundsatz vom dankbaren und verschwiegenen +Jüngling gehandelt. Aber wenn's um Tod und Leben eines Korpsbruders +geht, dann werden sie wohl herausrücken. Du brauchst gar nicht selbst +zu telegraphieren, gib nur deine Zustimmung, daß ich es tu.« + +»Ich hab' dir schon einmal gesagt, es kommt, meiner Auffassung nach, +gar nicht darauf an, ob das Mädel unschuldig war oder nicht. Ja, es +ist wahr: ich habe sie heut nacht hier, im Hause ihrer Mutter, im Bett +gehabt. Und daß sie einen Bruder hat, der Student ist, und gegen dessen +Honorigkeit nicht das geringste vorliegt, das hab' ich auch gewußt. +Also es wäre die tollste Drückebergerei, wenn ich mich jetzt der +Verantwortung entziehen wollte.« + +»Das finde ich verrückt, nimm mir's nicht übel,« sagte Krusius und +ließ sich wütend in eine Sofaecke fallen. »Das heißt wirklich, die +Schneidigkeit ins Fatzkenhafte übertreiben.« + +»Lieber Krusius, du weißt, ich bin immer ein großer Sünder gewesen. +Wie viele Weiber ich im Arm gehabt habe, ich glaub', ich krieg's +nicht mehr zusammen. Aber eins ist mir dabei stets klar gewesen: der +Korpsstudent kann tun und lassen was er will, wenn er nur stets bereit +ist, mit seiner Person für all seine Handlungen einzutreten. Und wenn +ich Geschichten mit einem Mädel mach', dann muß ich jeden Augenblick +daraus gefaßt sein, daß irgendeiner, der des Mädels natürlicher +Beschützer ist, mich vor die Mündung fordert. Ja -- so weit wäre ich +nun diesmal glücklich gekommen ... da heißt's eben, die Nase hinhalten +... aber an die Korpsbrüder telegraphieren ... und das Mädel, das sich +mir ... na -- die zur Hure machen, bloß damit ich ihrem Bruder nicht +vor die Pistole brauch' ... nee ... das macht Hubert Scholz nicht. Also +gib dir keine Mühe, lieber Krusius, um drei Uhr ist Ehrengericht.« + +Krusius stürzte in großer Erregung hinaus. Im Weggehen rief er noch: + +»Na, jedenfalls besprech ich die Sache zunächst noch mal mit +Papendieck.« + +Als der Zweite fort war, wurde Scholzens Haltung plötzlich matt und +schlaff. Er schien Werners Gegenwart ganz vergessen zu haben; wie eine +tiefe, haltlose Müdigkeit ging es über seine Züge, seine Glieder, er +setzte sich schwerfällig in das Sofa und bedeckte das Gesicht mit +beiden Händen. + +Werner rührte sich nicht in seiner Fensternische, in die er sich +beim Eintritt des Nassauer-Seniors zurückgezogen, von der aus er mit +fliegenden Pulsen, fröstelnden Fingern die Vorgänge verfolgt hatte. +Und mit einem Male begriff er diese undurchdringliche Seele. Er +verstand, was diesem jungen Manne die sieghafte Rücksichtslosigkeit, +die brutale Überlegenheit gegeben hatte. Und noch tiefer meinte er +hineinzuschauen in das innerste Herz des Korpsbruders; er wähnte zu +sehen, wie vor dessen innerem Auge langsam, unabweisbar das Bild eines +verlassenen, ausgestoßenen Mädchens aufstieg, eines kinderjungen, +holdselig-grauenvollen Leibes, den er einst besessen, in dem er die +Keime des Lebens geweckt, um sie dann schutzlos, wehrlos dem Schicksal +zu überlassen, das ihr den Wellentod befahl ... ihm war's, jener lechze +danach, dem Sühnetode die Brust zu bieten, um mindestens sich selber +zu zeigen, daß er nicht nur die Dreistigkeit habe, Glück zu stehlen, +sondern auch den Mut, es bar zu bezahlen. + +Und während Werner den Starken, den Gefürchteten, den Unnahbaren da +sitzen sah, stumm, aufgelöst, von der unerschütterlichen Haltung +verlassen, da kam über ihn eine große, feierliche Liebe zu dieser +schuldbeladenen, doch edlen und mannhaften Seele. Da fühlte er +plötzlich, daß der Drang, der jenen von Munde zu Munde, von Busen +zu Busen getrieben hatte, kein anderer sei, als jener, unter dessen +Geißelhieben auch er geblutet hatte -- er und jener andere auch, der in +dieser Nacht zuerst seinen Verzweiflungswahnsinn zur Dirne geschleppt +hatte. + +Und er ging auf Scholz zu, setzte sich auf die Sofalehne und legte den +Arm um den Nacken des Brütenden. + +»Es wird gut gehn, Leibbursch.« + +»Ach -- Leibfuchs -- entschuldige ... ich hatte dich ganz vergessen.« +Er ließ die Hände sinken ... trocken, glanzlos starrten seine Augen. + +»Wenn sie mich nun morgen früh so ... zurückbringen ... und dann +telegraphieren sie meinem Vater ... und dann kommen meine Eltern und +wollen wissen, was eigentlich passiert ist ... das begreift dann doch +kein Mensch ... ein Lump, den der Teufel geholt hat ... ja ... so reden +dann die Menschen ... und daß das alles so hat sein müssen ... äh -- +bah ... is ja egal ... is ja egal.« + +Er stand mit hartem Ruck auf. + +»Komm, Leibfuchs, wollen zum Frühschoppen gehn -- morgen trinkt ihr ihn +vielleicht ohne mich.« + + + + + VIII. + + +Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr +früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für +den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften +Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg +das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ... +eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus +dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die +Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich. + +Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner +eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von +unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und +er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden +hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende +Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und +mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was +er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun +zurückgedrängten Verehrers nannte. + +Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner Mission ... doch empfand +er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen +Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr +passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als +noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen? + +O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach, +und dennoch ... + +Jugend -- Jugend ... + +Wann fing denn eigentlich das Leben an -- das wahre Leben? Wenn man +begann, der Meister der Dinge zu werden -- dann hatten sie auch schon +den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns +so begehrenswert erscheinen ließ. + +War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht +heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner +Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite +Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was +der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet? + +Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb +das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte +zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden +Sinfonie des Lebens?! + +War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte? + +Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des +Brautglücks aufgestrahlt wäre? + +Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen +mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell +geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte +angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit +abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ... + +Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ... +Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen. + +Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine +Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte +aus tausend Beobachtungen, was das heißt -- daß Unvollkommenheit und +Entsagung Menschenlos ist ... + +Ach, und doch -- und doch ... + +Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe +und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und +reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite +schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des +abgeklärten Mannes zu bergen ... + +Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach +dem Seelenreichtum des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen +so spielend verdrängt hatte ... + +Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen +hatte. + +Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum +hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten +Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem +Haupte gezielt hatte. + +Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor +seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr +auf, stand starr und steif. + +»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!« +begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand +in die ausgestreckte des Besuchers. + +»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was +hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer +Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach +Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf +angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun +kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am +Ende bekneipt, hä?« + +»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe. + +»Wa--?! Wo bist du gewesen?!« + +»Bei der Lina -- der Sau da oben im Marbacher Tal.~Zum +erstenmal.~« + +»Klauser --!! Himmel ... ~so elend~ hab' ich dich gemacht?!« + +Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus. + +Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die +plötzlich feucht geworden war. + +»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten +suchend -- »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ... +daß das ~so~ bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne +Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...« + +»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du +von mir?« + +»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht +Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: >Einer +für alle, alle für einen?< Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht +und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben +soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung. +Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt +miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt +die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen könnte. +Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen +Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich +reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben +hinüber und herüber! Willst du?!« + +»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt +sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen +Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos +aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ... +Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu +hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich +noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten +wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen +dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich +dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ... +dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im +vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen +... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht +wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die +acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch +deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich +dir dankbar sein ... Alter Herr.« + +»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem +Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen +kann?!« + +»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.« + +Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling +hinüber, dessen Augen die seinen mieden. + +»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir +selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden +kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf +berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst -- +doch nein --« + +»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?« + +»Nein -- das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich +einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich +scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das +ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ... +ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.« + +Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern +Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte, +schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor. + +Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff +er langsam zu seiner Korpsmütze. + +Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte! + +Cimbria +vivat, crescat, floreat+! + +Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen +brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung +gekämpft hatte ... + +Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im +Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte +in der Sonne. + +Wo wollte er denn hin? + +Ach so ...!! + +Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder. + + + + + IX. + + +Selbstverständlich hatte Werner von dem Ausfall des Ehrengerichts +nichts erfahren. Krusius, sein zweiter Leibbursch, hatte ihn noch +einmal auf dem Frühschoppen beiseite genommen: »Leibfuchs, du hast +heute morgen nichts gehört -- aber auch nicht das Geringste, verstehst +du mich?!« + +»Nein, nein, Leibbursch, das versteht sich ja ganz von selber.« + +»Also, allen Ernstes, auch nicht den leisesten Ton zu irgend +jemanden, wenn ich dir's raten soll! Du könntest die allertollsten +Unannehmlichkeiten haben.« + +»Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein.« + +Um halb drei waren dann beim Kaffee die beiden ersten Chargierten still +verschwunden, mit ihnen Scholz. Und keinen von ihnen hatte Werner mehr +zu sehen bekommen. + +Auch Klauser war zwar beim Frühschoppen erschienen, hatte eine Zeitlang +stumm, teilnahmslos, unzugänglich inmitten der katerfidelen Runde +gesessen, war dann aber, kurz bevor das Korps zum Mittagessen aufbrach, +plötzlich verschwunden. + +Und Werner war allein geblieben mit all seinem bedrängenden, +beängstigenden Wissen um das Schicksal der anderen. Und schließlich +hatte er sich dann aus dem Kreise der ahnungslosen Korpsbrüder, deren +inhaltlose Unterhaltung ihn heute geradezu anwiderte, losgemacht und +war stundenlang allein in den Wäldern herumgerannt, unfähig, das Grauen +vor dem Erlebten wie dem Kommenden zu besiegen. + +Was mochte zwischen Dornblüth und Klauser vorgefallen sein, wenn +Willy Klauser, der Unberührte, der immer wie auf einer Wolke von +Reinheit zwischen den andern, den alltäglichen, gewöhnlichen Naturen +hingeschritten war, wenn der sich zur Lina geflüchtet hatte?! Was +mochte jetzt in ihm vorgehen? Welche Lösung würde er finden für das +Sphinxrätsel seines sinnlosen Elends? + +Und der andere, der Vielerfahrene, der kalt überlegene Sieger -- +hatte sich nicht auch vor dem plötzlich das Gorgonenhaupt aufgereckt? +Standen nicht beide, der Schuldlose wie der Schuldbesudelte, plötzlich +dem spöttisch grinsenden Schicksal gegenüber, das nach ihrem Herzblut +lechzte? + +Daß Klausers junges Leben aus unheilbaren Wunden seine Kraft +vertropfte, das war offenbarer scheußlicher Hohn des Fatums -- hier +mußte jeder Versuch nach einer sittlichen Erklärung scheitern. + +Aber was für ein Sinn lag denn darin, daß um eine Liebesnacht zwei +Jünglingsleben vor die Pistolenmündung gestellt werden sollten, +bis eins von ihnen die Kraft nicht mehr hätte, den Hahn der Waffe +abzuziehen? Und wenn nun einer fiele? Der arme, tapfere, kleine +Jude, der sein Leben so mannhaft für eine Tugend einsetzte, die +wahrscheinlich längst zerlöchert war, zum mindesten aber doch zum Falle +reif gewesen, wie nur ein rotbäckiger Apfel im September? Wenn der nun +fiele -- was für ein Sinn darin? + +Aber selbst Scholz ... war er des Todes schuldig? War er es um +Rosaliens willen? + +Also alle diese Not ohne Sinn, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit +irgendwie erkennbaren, konstruierbaren Weltgesetzen ... wenn nicht eben +dies das Gesetz war, daß es kein Gesetz gab ... + +Wenn nicht am Ende gar der Mensch wehrlos und machtlos dem Ansturm +der Dinge und Geschehnisse ausgesetzt war, auf nichts angewiesen +als auf seine eigene Kraft und Schläue, gezwungen, sich selber sein +Schicksal zu schmieden in trotziger Auflehnung wider die Brutalität +des Weltganges, und äußersten Falles noch mit der Herzensmacht begabt, +unbeugsamen Grausamkeiten des Daseins gegenüber unerschüttert und +trotzig zu fallen ...? + +Und was war es denn, was jenen erst an das Herz des reinen Mädchens +und dann in die Arme der Buhlerin geführt, was diesen von einer zur +andern getrieben hatte zu immer neuem, flüchtigem Augenblicksentzücken, +dem dann immer, ach so rasch, Erkaltung, Ermattung, Abkehr und Jammer +folgen mußten? + +War es nicht die gleiche, grauenvoll herrschergewaltige Macht, die +auch Werner wie ein unstetes Wild durch alle Abgründe des einsamen +Begehrens, des schaudernden Ergreifens gehetzt hatte? + +Jene Macht, von deren Gnaden, auf deren Geheiß doch alles lebte, was da +war?! + +Wie sie nennen, diese teuflisch-göttliche, paradiesisch-höllische, +dunkellichte, küssetränenblutbrünstige Macht?! + +Die Liebe?! + +Was war ein Name? Ein Name gab keinen Sinn, vermittelte kein Begreifen, +schmiedete keine Waffe ... + +Und der einsame Knabe, der da oben am Waldrand im Moose lag und +herniederstarrte auf die alte Stadt, in der seinem jungen Leben so +Ungeheures aufgegangen war, der wußte keine Lösung für die stürmenden +Schauer, die dahinrasten über sein bebendes, schluchzendes Herz. -- + +Am Abend war dann Spielkneipe. Klauser hatte sich mit Unwohlsein beim +ersten Chargierten schriftlich entschuldigt; Scholz erschien nicht; die +beiden Ersten spielten ein Quodlibet mit zwei Inaktiven. Niemanden als +Werner konnte es auffallen, daß die beiden jungen Männer sehr blaß, +fieberhaft aufgeregt waren: die anerzogene Haltung verschleierte ihre +Stimmung vor jedem Auge, das nicht durch Mitwisserschaft geschärft war. + +»Nun, was ist denn geworden, Leibbursch?« Schüchtern hatte Werner die +Frage gewagt. + +»Geht dich nichts an!« schnauzte Krusius nervös ... dann sah er das +heißerregte Gesicht des Leibfuchsen und setzte in freundlicherem Tone +hinzu: »Nimm mir's nicht übel, Leibfuchs ... ich darf dir's nicht +sagen, auf Ehrenwort nicht!« + +Da glaubte Werner genug zu wissen ... also wirklich ... morgen früh ... + +Schon um zehn Uhr waren Papendieck und Krusius verschwunden ... + +Da machte sich auch Werner von dannen ... er meinte Scholz noch einmal +sprechen zu müssen, ihm vielleicht die schwere Nacht, die vor ihm lag, +tragen helfen zu können ... sie waren ja Zimmernachbarn. + +Aber in dem Zimmer, das in der vergangenen Nacht Rosaliens wilden +Liebesrausch umschlossen, war kein Licht. Bang klopfte Werner an: keine +Antwort ... er drückte die Klinke ... das Zimmer war leer -- keine Spur +von einem Bewohner -- Schränke, Schubfächer leer -- offenbar war Scholz +ins Hotel übergesiedelt, um nicht in der letzten Nacht mit jenem unter +einem Dache zu sein, der ihm morgen ... + +Ins Hotel? Vermutlich ... und dann natürlich ins Pfeiffer ... das war +ja das Cimbernhotel. + +Und von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, rannte Werner +den Steinweg hinab und patrouillierte in der Dunkelheit vor dem +Pfeiffer auf und ab. Der Gasthof war schon geschlossen, in den +Wirtschaftsräumen jedes Licht erloschen. Nur in einem Zimmer des ersten +Stocks schimmerte noch Licht; das Fenster war geöffnet, und sachtes, +oft verlöschendes Geplauder von Männerstimmen drang auf die totenstille +Straße. Werner meinte einmal die sonore Stimme des Ersten zu erkennen. +Sonst vermochte er nichts zu unterscheiden. + +Schließlich schien man droben aufzubrechen. Nach einigen Minuten Stille +rasselte in der Tür des Hotels ein Schlüssel; Werner drückte sich in +eine dunkle Haustürnische und sah, wie Papendieck und Krusius aus dem +Gasthof kamen und sich von Scholz verabschiedeten. + +»Also schlaf nur gehörig,« sagte Papendieck. »Wir kommen um punkt halb +sechs und wecken dich, da kannst di man up verlaten.« + +Sie drückten ihm die Hände und schritten wortlos, Arm in Arm der Stadt +zu. + +Die Hoteltür wurde geschlossen. Nach kurzer Zeit erschien droben am +offenen Fenster Scholzens riesige, hagere Gestalt. Lange stand sie am +Fenster, regungslos; das Haupt schien, in den Nacken zurückgeworfen, +den Sternenhimmel zu suchen. + +Werner aber blieb regungslos in seiner Nische. Er fühlte, daß er nicht +das Recht hatte, sich in die Seele des andern einzudrängen, die der +seinen nicht wesensverwandt war und ihrer nicht bedurfte, nicht nach +ihr verlangt hatte angesichts dieser lichtlosen Nacht, durch die sie +sich hindurchzuringen hatte. + +Und er schaute nur stumm aus seinem Versteck zu dem Einsamen droben +empor und empfand zum ersten Male in seinem jungen Leben mit +erschütternder Gewalt die finstere Erkenntnis, daß es unter Menschen +keine Gemeinsamkeit gibt ... daß gerade in den dunkelsten Stunden des +Lebens auch der letzte Schimmer des fröhlichen Wahns zerfällt, als +könnte einer dem andern irgend etwas sein ... + + * * * * * + +Aus wirrem Schlummer fuhr Werner auf und war sich rasch bewußt, daß +dieser erwachende Tag ein verhülltes Schrecknis heranführe ... Er +fuhr auf; unmöglich, noch eine Sekunde länger im Bett zu bleiben ... +Luft, Luft ... und etwas tun, um zu vergessen ... um über die Stunden +hinwegzukommen, die ihn von der Gewißheit trennten ... + +Er kleidete sich an, und während er sich wusch, vernahm er über sich +die leisen Tritte eines andern, der auch schon munter war ... der sich +auch ankleidete, um sein junges Leben an den wirrsten und zerfahrensten +Wahn zu setzen ... + +Wie verrückt, was jener tat!! -- + +Und doch, wie begriff Werner den Juden da oben! + +Ob jenes Mädchen vorher rein gewesen war -- was ging das den Bruder an? +Für ihn war sie rein gewesen bis zu der Nacht, als er, weiß der Himmel +wie, gewahr werden mußte, daß sie jenem andern das Lager schmückte ... +ihm hatte man sie entehrt, ihm besudelt in dem Augenblick, da er ihrer +Schande wissend geworden war ... und so lechzte jener nach Rache nicht +für die Unschuld seiner Schwester, sondern für das eigene, in den Kot +getretene Herz, für seine eigene, geschändete Bruderliebe ... + +Nun tappte er die Treppe hinunter ... und durch die Vorhänge sah +Werner ihn auf die Gasse treten ... drüben standen zwei Herren, die +ihn empfingen: Herr Seydelmann und Herr v. Göhren, der erste und der +zweite Chargierte der Hasso-Nassovia, beide im Hut, nur das Band +schimmerte unter ihren Röcken hervor. Stumm begrüßten die Nassauer +ihren Waffenbeleger und schritten dann mit ihm von dannen, den Bergpfad +hinan, der über die Cimbernkneipe zum Schlosse führte ... + +Und nicht lange, da klangen auch Schritte vom Steinweg her ... zwischen +Papendieck und Krusius kam Scholz ... + +Aller dreier Gesichter waren fahl ... Krusius strich ohne Unterlaß den +blonden Schnurrbart, Papendieck rieb mit dem Zeigefinger immerfort an +seiner mächtigen Hakennase, Scholz hatte den Kopf hoch in den Nacken +geworfen und die Augen in das durchgoldete Blau des jungen Morgens +gerichtet ... + +Da gingen sie hin ... + +Und Wernern hielt es nicht länger. Er schlich hinter ihnen drein ... +sah sie hinter der Sternwarte zur Cimbernkneipe hinan einbiegen ... +erreichte dann wieder ihren Anblick, als ihre hellgekleideten Gestalten +sich durch die Heckenwege zum Schloß hinaufschoben ... sah sie unter +dem Torbogen des Schlosses verschwinden ... dann hatte er sie wieder +vor sich, als sie den Weg zum Dammelsberg einschlugen ... und so +schritten sie immer vor ihm her, die beiden Gruppen ... ganz fern die +Hessen-Nassauer, den kleinen, schäbig gekleideten, hochschultrigen +Simon Markus in der Mitte ... und dahinter, ihm zunächst, die drei +stattlichen Cimbern, der stattlichste in der Mitte ... + +So schritten die Jünglinge in den Morgen des ersten August hinein ... + +Und ringsum erwachte die Welt. Schon kräuselte erster Rauch aus manchem +Schornstein im Tal. Ein Bahnzug brauste von Frankfurt her die Lahnebene +hinauf ... lustig schwoll der Pfiff der Lokomotive, klang das Rasseln +der Wagen auf den Schienen. Und der Weg, auf dem man schritt, trug noch +die Spuren der Festnacht. Welke Blumensträußchen dorrten hier und dort, +verkohlte Lampions lagen am Wege. + +Und nun nahm der Dammelsbergwald die vorderste Gruppe auf -- Werner +wartete, bis auch die zweite ein Stück in den Wald hineingedrungen +war, damit nicht ein zufällig zurückschweifender Blick ihn erspähen +möchte. + +Und ein Wagengeroll hinter ihm ... schnell barg er sich hinter einem +Busch und sah einen der wenigen schwerfälligen Marburger Mietwagen auf +dem schmalen und steilen Wege sich emporwinden. Darin saßen der erste +Chargierte der Guestphalia und ein älterer Herr, in dem Werner nach +einigem Besinnen den Sanitätsrat Doktor Kuhlemann erkannte ... auf dem +Rücksitz des Wagens standen zwei Kästen: ein großer, verschlissener und +ein schmaler, niederer, eleganter. + +Und dem Geräusch des Wagens folgte Werner. Es ging mitten durch den +Festplatz hindurch, wo von vorgestern noch fast der ganze Aufbau +vorhanden war. Die Arbeiter, welche die Aufräumungsarbeiten zu +besorgen hatten, waren gestern offenbar nicht sehr eifrig beim Werke +gewesen. Zerfetzt, zerschlissen schillerte das lustige Prunkgewand +des Festtages. Und spukhaft huschten durch das Hirn des Jünglings die +Bilder jener wirren Nacht. + +Und plötzlich verstummte das Knirschen der Wagenräder. Werner bog ins +Gebüsch ab, schlich näher und sah, wie der Wagen auf dem Platze hielt, +den vorgestern der akademische Senat mit seinen Familien innegehabt +hatte. Herr Paschke, der Westfalensenior, war ausgestiegen und half +mit dem Kutscher zusammen den größeren der beiden Koffer aus dem +Wagen zu heben. Dann lud der Kutscher den Koffer auf seine Schultern, +und die Herren stiegen zwischen Büschen einen letzten Treppenpfad zu +dem obersten und größten der Festplätze hinauf, der vorgestern die +Marburger Bürgerschaft beherbergt hatte ... + +Werner suchte sich durch das Gestrüpp einen Weg zu irgendeinem Punkte +zu bahnen, der ihm eine Übersicht über den Kampfplatz gewähren könne. +Eine fieberhafte Neugier war in ihm erwacht, die das Grauen seines +Herzens besiegte. Er wollte, er mußte nun alles sehen. + +Aber der Festplatz war ringsum dicht mit einer Kette niederer, kaum +mannshoher Fichtenbäume umpflanzt. Unmöglich, da hindurchzudringen. +-- Werner mußte versuchen, auf einem Umwege einen höheren +Beobachtungspunkt zu erreichen. + +Eine geraume Zeit verging, bis er sich orientiert hatte. Und plötzlich +fiel ihm ein, daß sein Tun nicht gefahrlos sei ... denn da oben würden +gleich Kugeln fliegen ... und daß jemand im Gebüsch herumkriechen +könnte, darauf war man da oben nicht gefaßt ... + +Über diesem Sorgen, Erwägen, dem planlosen Hin- und Herklettern war +einige Zeit vergangen ... doch Werner gab seine Absicht nicht auf ... +das Abenteuerliche des eigenen Beginnens ließ ihn vergessen, daß +droben schon die Todeslose geschüttelt wurden: + +Und plötzlich klang's vernehmlich durch die Stille: + +»Eins ... zwei ... drei ...« + +Und paff ... paff ... knallten zwei Schüsse, und dicht über Werners +Kopfe pfiff's hin, riß Blätter und dünne Äste von den Bäumen ... + +Da packte ihn eine Angst ... und er stand ab und kroch durchs Gebüsch +zurück, dem Platze zu, wo das Wiehern und Scharren der Pferde den +Standpunkt des Wagens verriet ... + +Wie still auf einmal alles ... Gott ... vielleicht war alles schon +vorbei ... + +Da war der Weg; der Kutscher stand bei den Pferden, hielt die unruhigen +am Gebiß, sprach ihnen zu und lauschte dabei gespannt nach oben ... + +Und plötzlich kamen rasche Schritte von droben. Und tief gesenkt den +Kopf, den Hut in der Stirn, daß fast nur die wüste Nase hervorschaute, +kam der Student Markus die Treppe herunter, schritt, ohne den Kopf zu +heben, an dem Kutscher vorüber ... und ... auf einmal wurde sein Gang +zum Lauf ... er raste zu Tal ... + +Also ... Scholz ... + +Und dann, nach einer Weile dumpfen, gedankenlosen, blöden Wartens, +klang der Ruf: + +»Michel! Michel! Komme Se mal da nauf!« + +Da ließ der zitternde Kutscher die Pferde und stürmte mit drei Sätzen +die Treppe hinan ... + +Und bald hörte Werner die keuchenden Atemzüge, die +schwerfällig-unsicheren Tritte schwer tragender Männer. Nun kam der +Sanitätsrat die Treppe herunter. Er trug seinen Strohhut in der Hand, +wischte mit dem Taschentuch die kahle, schweißbedeckte Stirn, besah +mit blöden Blicken seine Rechte -- sie war dunkelgefärbt. Er machte +eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sie an seinem hellen +Flanellanzuge abwischen, ließ es aber, rieb sie mit dem Taschentuch, +riß dann den Wagenschlag auf, strich sich immer wieder krampfhaft über +das gelichtete Haar und durch den langsträhnigen grauen Bart. Dann +erschien der Kutscher zwischen den Büschen. Er tappte mühsam Stufe für +Stufe herunter; die Ellenbogen trug er angewinkelt; ein Paar lange +Unterschenkel in hellen Beinkleidern und gelben Schuhen baumelten +darunter hervor. Und da wußte Werner, was geschehen war. So trug man +keinen Verwundeten. + +Papendieck und Krusius hielten den Oberkörper, hinter ihnen kamen die +beiden Hessen-Nassauer und der Westfale. So schob sich die Gruppe +langsam die Stiege herunter. Die Arme des Toten hingen lang herab, +tief auf der Brust das Haupt mit dem wirren Haar. Unter dem Korpsband +waren Weste und Hemd aufgerissen; die weiße, behaarte Brust zeigte +Blutflecke. + +Und keuchend, die Stirnadern zum Platzen aufgeschwellt, machten die +Träger inmitten der Stiege einen Augenblick halt und senkten die Leiche +auf die Bohlen. Da hielt sich Werner nicht länger: aufschluchzend +sprang er aus dem Gebüsch und fiel neben dem Toten in die Knie. + +Es war, als seien die Jünglinge durch den Anblick des Todes abgestumpft +gegen irdisches Staunen. + +»Ja, kleiner Achenbach,« sagte Papendieck, »deinen Leibburschen haben +sie totgeschossen.« -- + +Als man die Leiche im Wagen untergebracht hatte, fragte der Kutscher, +der das Verdeck geschlossen hatte: + +»Wo soll ich die Herre hinfahre?« + +Die drei Cimbern sahen sich an. + +»Ins Hotel dürfen wir ihn nicht bringen,« sagte Papendieck. »Das dürfen +wir dem Wirt nicht antun.« + +»Der würde uns auch wohl schwerlich aufnehmen,« meinte Krusius. »Und +in seine neue Wohnung bei der alten Markus ... ist ja selbstredend +ausgeschlossen.« + +»Könnte man ihn nicht ... auf die Kneipe --?« meinte Werner schüchtern. + +Die Chargierten überlegten. Es schien so naheliegend. Es war doch das +Heim des Korps, nicht ein gewöhnlicher Ausschank. + +Doch schließlich meinte Krusius: »Ich weiß nicht ... das wird man dann +nie wieder los. Keiner von uns. Gibt's denn nicht eine Leichenhalle +oder so was?« + +»Dazu müßte man erst die Genehmigung der Gemeinde haben,« erklärte der +Sanitätsrat. »Und der Kirchhof liegt ja dann wieder so weit draußen. +Wird er denn hier beerdigt werden? Vermutlich werden doch ... Sie +sagten ja, er hat noch Eltern ... die werden die Leiche doch wohl +heimholen?« + +»Zweifellos,« sagte Krusius. + +»Dann schlage ich Ihnen vor, meine Herren, Sie bringen ihn in die +Anatomie. Da kann er in der Prosektorstube untergebracht werden, bis +der Vater ihn holen kommt.« + +Und in diesem Augenblicke war's Werner, als ob eine Stimme aus ewigen +Fernen erklungen wäre. Eine ruhige, doch übergewaltige Stimme. + +»Die Rache ist mein,« sprach diese Stimme. »Ich will vergelten.« + +Also die gab's doch -- diese Stimme? Oder klang sie nur aus dem eigenen +Herzen herauf? + +Und er sah Papendieck an. Und wie in des Seniors Augen plötzlich die +Erinnerung an jene Erzählung Achenbachs aufflackerte, da ruhten die +Blicke der Jünglinge eine Weile lang ineinander. Und jeder fühlte +Anbetung, Ergebung, Sühne. + +»Gut,« sagte Papendieck. »Also in die Anatomie.« + +Er stieg in den Wagen und setzte sich neben den toten Korpsbruder. +Krusius und Werner gegenüber. Ein stummes Lüften der Hüte zu dem +Sanitätsrat, dem Unparteiischen, den Hessen-Nassauern, und der Wagen +zog an. + + + + + X. + + +Munter trällerte Rosalie Markus durch das Haus. Daß ihr Bruder nicht +zum Mittagessen gekommen war, kümmerte sie nicht sonderlich. Er +war schon früh am Morgen aufgebrochen -- er mochte einen Ausflug +unternommen haben. + +Und daß der Doktor Scholz gleich am Morgen nach jener Nacht seinen +Koffer vom Korpsdiener hatte verpacken lassen und ins Pfeiffer schaffen +... das grämte sie auch nicht sonderlich. Ach ja ... es war schon ein +ganzer Kerl, der Scholz ... aber wenn er nach einem Male genug hatte +von ihr ... na, sie würde sich zu trösten wissen. Mama Markus sollte +ihm einen Brief schreiben und ihn um Einhaltung des Mietvertrages +ersuchen. So einfach ausrücken ... das gab's denn doch nicht. + +Jedenfalls war es hübsch, daß sie ihn nun auch kannte ... den +berühmtesten Studenten der letzten Semester ... den gefürchteten, +gefährlichen Scholz ... Haha! Er war schließlich auch nicht viel anders +als die andern ... + +Um die Mittagsstunde fiel es ihr auf, daß die Cimbern sich alle nach +und nach in dem schräg gegenüberliegenden Mützenladen einfanden. Sie +sah näher zu und entdeckte, daß einer nach dem andern herauskam, einen +Flor um den untern Rand der Mütze und um das Band. Ach, die Cimbern +hatten tiefe Korpstrauer? Wer mochte denn gestorben sein? Sie hatte +doch gar nichts gehört! + +Da kam die Babett durch die Hintertür in den Laden: + +»Freile Rosalie! Freile Rosalie!« + +»Was is?« + +»Habbe Se's denn noch nit geheert? Der Doktor Scholz von dene Cimbern, +wo vorgestern nacht hier geschlafen hat, den habe se heut morge im Wald +erschosse!« + +»Ach, mach doch kee Geschwätz!« -- -- + +»Das is kee Geschwätz -- die Lies vom Friseer Boß driebe hat's mer +erzählt!« + +Der Scholz ... erschossen ... im Wald --?! + +Es war Rosalie plötzlich, als legten sich zwei kalte Fäuste um ihren +schönen Hals und drückten ihn langsam, immer mehr, immer mehr zusammen. +Aber sie mochte das nicht glauben -- es konnte ja nicht wahr sein ... + +Aber ... wenn es nun doch ... und -- erschossen?! -- Im Wald +erschossen?! Das konnte doch nur ein Duell -- Straßenräuber gab's doch +keine mehr im Hessenland ... ein Duell ... und -- der andere? Wer war +der andere?! + +Herrgott -- und Simon morgens um fünf aus dem Haus -- ohne Frühstück -- +ohne Abschied -- -- + +»Mama!!« + +»Was schreist du?« + +»Wo is der Simon?!« + +»Is er noch immer nit heemkomme? Ich hab en nit gesehen!« + +»Gott sei mer gnädig!« + +Sie stürzte zum Friseur Boß hinüber. + +»Herr Boß -- is es wahr, daß der Herr Scholz von de Cimbre --« + +Herr Boß sah sie von oben herab an mit der Miene eines Richters. + +»Na, ich denk, Sie müßte das doch am erschte wisse, Fräulein Markus!« + +»Ich?! Warum ich?!« + +»Weil's Ihr eigne Herr Bruder is, wo en totgeschosse hat!« + +Da schrie die schöne Rosalie auf und fiel gegen einen Barbierstuhl. + +Und bald wußte die ganze Wettergasse, daß der Zweikampf, in dem der +weiland Cimbernsenior gefallen war, um der Rosalie willen ausgefochten +worden war. -- -- + +Indessen war bei Cimbria ein Telegramm aus Hannover eingegangen: + +»Treffe halb acht dort ein, nehme meinen Sohn Hannover mit.+Dr.+ +Scholz.« + +Das hatte die Chargierten der Cimbria sehr erleichtert, denn allerhand +peinliche Sorgen traten nun an sie heran. + +Eine Beerdigung in Marburg hätte zunächst ohne Beteiligung der +Geistlichkeit stattfinden müssen, denn diese würde schwerlich einem +Duellanten das letzte Geleit gegeben haben, der noch dazu um eines +Weibes willen gefallen war. Und das wußte schon am Nachmittag, infolge +der Szene im Boßschen Friseurladen, ganz Marburg. + +Und wie stand es alsdann mit der Beteiligung der Studentenschaft? +Durfte das Korps überhaupt in der üblichen Weise mit einer Aufforderung +zur Beteiligung an die übrige Studentenschaft herantreten? Scholz hatte +zwar zuletzt in Berlin gearbeitet, war aber in Marburg immatrikuliert +geblieben und gehörte demnach noch der Marburger Studentenschaft +an. Wie peinlich aber wäre es für das Korps gewesen, wenn es die +Studentenschaft zur Beerdigung seines Seniors aus drei Semestern +eingeladen hätte, und einige oder gar viele Korporationen hätten sich +nicht beteiligt mit der Begründung: es scheine ihnen nicht angezeigt, +einem Toten die letzte Ehre zu geben, der unter solchen Umständen +gefallen sei! Und diese Antwort wäre zum Beispiel von den theologischen +Korporationen unfehlbar gekommen, meinten die Cimbern. + +Der Entschluß des Vaters, den Sohn in der Heimat beizusetzen, überhob +das Korps aller dieser Unannehmlichkeiten. Es handelte sich nun nicht +um eine Beerdigung, sondern nur um die Überführung der Leiche von der +Anatomie zum Bahnhof. Und dieses Zeremoniell konnte das Korps füglich +als interne Angelegenheit behandeln. Nur den beiden andern Korps wurde +Anzeige gemacht, und beide erklärten sofort, daß sie um die Ehre bäten, +sich an der Feierlichkeit beteiligen zu dürfen. + +Aber die Cimbern sollten die Erfahrung machen, daß der Tod die +Schranken niederlegte, die im Leben die verschiedenen Gruppen der +akademischen Jugend trennten. Im Laufe des Nachmittags fanden +sich von sämtlichen Korporationen, mit Ausnahme der Wingolf, der +katholischen Verbindung Rhenania und des Evangelisch-theologischen +Vereins, Vertreter auf der Cimbernkneipe ein, erkundigten sich nach +den Absichten des Korps betreffend die Beisetzung des Gefallenen und +erklärten gleichfalls, daß sie es für selbstverständlich erachten, sich +der letzten Ehrenerweisung für den in ehrlichem Männerkampfe gefallenen +Kommilitonen anzuschließen. Und dankbar und in beschämter Ergriffenheit +nahmen die Cimbern das Anerbieten der Kommilitonen an. + +Inzwischen hatte die medizinische Fakultät ihre Genehmigung erteilt, +daß mit Rücksicht darauf, daß Scholz in Marburg noch nicht wieder +eine Wohnung gemietet habe, das Prosektorzimmer der Anatomie zur +Aufbewahrung der Leiche benutzt werden dürfe. Man hatte sofort beim +Gärtner Gewächsschmuck bestellt, und korpsbrüderliche Sorge schmückte +die kahle Stube, die schmale Holzpritsche feierlich mit akademischem +Totenprunk. + +Als die Aufbewahrung der Leiche und die Ausschmückung des Zimmers +vollendet war, trat die Totenwache ihren Dienst an. Zunächst standen +der erste und zweite Chargierte. Von Stunde zu Stunde sollten sie dann +durch zwei andere Korpsburschen abgelöst werden, und danach sollten die +Füchse darankommen. + +Werner hatte sich an all diesen Vorbereitungen nicht beteiligen können. +Die Fahrt vom Dammelsberg bis zur Anatomie zu viert mit der Leiche, +dann ... + +Ja dann --! + +Dann hatten sie Scholzens Leiche durch den hallenden Flur des +Anatomiegebäudes hinübergeschleppt in das Prosektorzimmer und hatten +sie auf den Tisch am Fenster gelegt ... und Wichart hatte sie in +Empfang genommen, hatte die breite Brust entblößt, die Wunde mit der +Sonde untersucht und dann still gesagt: + +»Das Herz is glatt durchgeschlage --« + +Und dann hatte der Anatomiediener Michel die Leiche entkleidet, und +in ihrer nackten, frischen Schönheit, noch unberührt vom Hauch der +Auflösung, hatte sie dagelegen im strahlenden Mittagslicht ... + +Und wieder war Werner hinausgestürzt und hatte sich in seine Stube +geflüchtet -- hatte seinen fieberschauergeschüttelten Leib in die +Decken gewühlt und in dumpfem Grübeln um den Sinn dieses Schicksals +gerungen ... + +War das Sühne?! War das die strafende Gerechtigkeit eines Ewigen?! Oder +war es nur ein Zufall ... ein Zufall, der nur für ihn, den Wissenden, +die Grimasse eines gerechten Gerichts, einer Sühne trug? + +War es nicht Sentimentalität, war es nicht Romantik, in dieser +zufälligen Aufeinanderfolge deutungstiefe Symbolik zu suchen ... eine +Symbolik, eine Predigt, die der doch nicht vernehmen konnte, den sie +zuvörderst anging? Oder wurde gar die Seele des Entschlafenen in dieser +Stunde von einem Engel des Gerichts zur Konfrontation in den kahlen +Raum hineingeschleppt ... zur Konfrontation mit ihrem starren Leibe, +zur Konfrontation mit ihrer schlotternden Erinnerung an einen andern +starren Leib, der einmal auf der gleichen Stelle gelegen hatte, gleich +nackt und bloß? Zur Konfrontation mit der Erinnerung an eine andere +Stunde, da diese beiden nackten Leiber sich umschlungen gehalten hatten +in heißem, fieberndem Lebensüberschwang, und ein anderes Leben gezeugt +... ein Leben, dessen Wachsen und Schwellen die Mutter in Verzweiflung +und Tod getrieben hatte?! + +Ja, ~wer das wüßte~! Wer Zeuge sein dürfte nicht bloß einer +willkürlichen Aufeinanderfolge von Ereignissen, die heute wirr- und +sinnlos nacheinander abrollten, morgen einmal für einen Augenblick den +Schein eines inneren, gesetzmäßigen Zusammenhanges annehmen, einer +höheren Ordnung, eines waltenden Oberwillens ... um schnell wieder aus +dem Kosmos in das Chaos zu zerflattern! + +Ja, in das Chaos ... denn draußen auf dem Flur hatte in diesem +Augenblicke das wahnsinnige Verzweiflungsgeschrei eines Weibes +eingesetzt -- eines Weibes, das sich schuldig zieh am Tode des Mannes, +der vorgestern nacht in ihren Armen gelegen -- -- + +Schuldig?! Ach, Himmel ... war sie schuldig?! War sie nicht einfach +dem Gesetz ihrer Natur gefolgt, ihrer Natur, die sie zur Liebe, zum +gedankenlosen Genusse des Augenblicks, zum Kusse der Sinnenliebe +geschaffen hatte?! + +Warum war der gestorben an ihrem Kusse und jene andern nicht, seine +Korpsbrüder, die doch auch in ihren Armen gelegen haben sollten?! Warum +nicht er, Werner selbst, den doch wahrlich nicht sein Wille gehindert +hatte, ein Gleiches zu tun?! + +Nein, es war vergebens, in der ungeheuren Wirrnis dieses Daseins nach +einem Sinn zu suchen ... + +Und jene Stimme, die er droben vernommen, als es zuerst geheißen hatte: +in die Prosektorstube mit ihm ... jene Stimme, die gesprochen hatte: +die Rache ist mein -- war sie etwas anderes, denn ein Reflex aus +Jugendtagen, der Widerhall eines jahrtausendalten Wahns? + +Und vor dem frierenden Knaben, dem am sengenden Augustmittag unter +warmen Decken die Zähne schlugen und die Glieder schauerten ... vor +dem reckte sich das starre Riesenantlitz der Sphinx ... die blicklosen +Augen ins Unendliche gerichtet ... ins Unendliche. + + * * * * * + +Am Nachmittage ging Werner dann, Band und Mütze frisch umflort, zur +Anatomie, um einen Strauß weißer Rosen als Scheidegruß auf die Knie +seines Leibburschen zu legen. + +Unterwegs begegnete ihm Klauser ... auch er trug einen weißen +Rosenstrauß. + +Die Freunde hatten sich seit dem Dammelsberg-Abend noch nicht gesehen. + +Stumm, ein Würgen in der Kehle, drückten sie sich die Hände. + +Und schritten stumm selbander. + +Nach einer Weile zog dann Klauser ein Zeitungsblatt hervor. Er gab es +dem Korpsbruder, wies auf den Rosenstrauß und sprach: + +»Den hat mir eben ein Dienstmann gebracht.« + +Werner entfaltete das Zeitungsblatt; er wußte, was er dort finden +würde; und unter der Rubrik der Familienanzeigen begann er zu lesen: + +»Die Verlobung ihrer Tochter Marie mit Herrn Professor +Dr. jur.+ +Wilhelm Dornblüth beehren sich ...« + +Er konnte nicht weiter lesen. Seine Blicke umschleierten sich. Und er +schob seinen Arm in den des Korpsbruders und zog ihn an sich. + +Und schweigend schritten die Jünglinge dem Hause des Todes zu. + +Die Vorhalle der Anatomie war in einen grünen Gang ernsten dunklen +Laubes verwandelt. In der Prosektorstube stand nun der Tisch, vom +Fenster ab, mitten in die Stube hinein. Am Fußende Papendieck und +Krusius, in Wichs, Cerevis und Schärpe, Band und Verschnürungen +umflort, im Arm den blanken Schläger mit umflorten Farben. So hielten +sie die Totenwacht. + +Über Scholzens Haupt hing das Cimbernbanner. Auf dem bleichen Gesichte, +das noch im Tode den hochmütig-starren Ausdruck wies, spielten +die flackernden Kerzen, glühten und mischten sich mit den letzten +Abendstrahlen, die durchs Fenster fielen. + +Und Werner legte zuerst seine Rosen auf den toten Freund. Klauser aber +zögerte noch. Eine der weißen Blüten brach er ab und steckte sie rasch +in die linke Brusttasche. Dann senkte auch er seinen Strauß auf die +Bahre -- den Strauß, den ihm Marie zum Abschied geschickt hatte. + + * * * * * + +Der Frankfurter Schnellzug brauste heran. Der ganze Bahnhofsperron war +dicht gedrängt von dem Schwall der Studenten besetzt. Die Fremden, +die den Zug benutzen wollten, konnten sich kaum Bahn schaffen. Vorn, +wo der Gepäckwagen halten mußte, stand, mit Kränzen übersät, auf zwei +zusammengeschobenen Gepäckwagen, der Sarg. Obenauf der Kranz der +Cimbria mit riesiger, umflorter blau-rot-weißer Schleife. Und neben dem +Sarge, im Zylinder, eine totenblasse, hochaufgerichtete Männergestalt; +die hochmütigen, unnahbaren, herbgeschlossenen Züge waren den Cimbern +seltsam bekannt und vertraut: nur daß diese Augen, dieser schmale Mund +von buschigem Grau überschattet waren ... + +Und rings umdrängten die Chargierten der Marburger Korporationen den +Sarg. Keine fehlte: auch die theologischen Verbindungen hatten sich, +unangemeldet, zu allgemeinem Staunen noch eingefunden. Voran das +leidtragende Korps, dahinter der übrige S. C. Und dann in bunter Reihe +Burschenschaften, Wingolf, freie Verbindungen und alle die andern. Alle +in Wichs, alle Farben umflort, heut einmal alle geeinigt unterm Banner +des Todes. Und hinter den Chargierten die ganze Studentenschaft, Kopf +an Kopf, alle die Tausend ... auch der Russe vom Dammelsberg fehlte +nicht. + +Nun hielt der Zug. Neugierig staunend fuhren die Gesichter der +eleganten Reisenden ans Fenster, erst belustigt, dann mitergriffen von +dem feierlichen Schauspiel jugendlicher Totenklage. + +Und wie man den Sarg in den Waggon hob, da senkten sich auf einmal alle +Fahnen der Verbindungen, die Mützen und Hüte der Tausend flogen von den +Köpfen, und Musik hob erschütternd an: + + »Jesus, meine Zuversicht, + Und mein Heiland ist im Leben ... + Dieses weiß ich: soll ich nicht + Darum mich zufrieden geben? + Was die langemTodesnacht + Mir doch für Gedanken macht!« + +Dann begleiteten die Cimbern den Vater zum Coupé, das graue Haupt +entblößte sich, dankend schüttelte er die Hände der Jünglinge, dankend, +doch starr, gemessen, tränenlos ... + +»Fertig!« -- »Fertig!« -- »Fertig!« + +»Abfahren!« + +Schrille Pfiffe ... Pfauchen der Lokomotive. + +Und die Schläger der Chargierten flogen blitzend in die Luft. + +Aus tausend Kehlen schwoll zum feierlichen Klang der Hörner das +Burschenabschiedslied: + + »Ist einer unser Brüder dann geschieden, + Vom blassen Tod gerufen ab, + Dann weinen wir und wünschen tiefen Frieden + In unsres Bruders stilles Grab. + Wir weinen und wünschen den Frieden hinab + In unsres Bruders stilles Grab.« + +Und taktmäßig schlugen die Klingen zusammen ... in stillem Gruß wehten +tausend Mützen und Hüte dem Zuge nach ... + +Ade -- ade -- ade -- -- + +Draußen sammelte sich dann der Zug. + +Das leidtragende Korps Cimbria zog zuerst von dannen, stumm, zur Kneipe +hinauf, zum feierlichen Trauersalamander. + +Die andern Korporationen aber nahmen die Flöre von Fahnen und +Cerevisen und Schlägern. Und bald klang ein flotter Marsch, und zu +schmetternden Lebensfanfaren ging's in endlosem Zuge, wie neulich zum +Dammelsbergfeste, dem Marktplatze zu. + +Da traten die Chargierten inmitten des Platzes abermals zusammen, aber +diesmal senkten die Fahnen sich nicht, sie flatterten lustig in Wind +und Sonne. + +Und abermals klangen die Schläger, hob sich Burschengesang: + + +Gaudeamus igitur, + juvenes dum sumus; + post jucundam juventutem + post molestam senectutem + nos habebit humus+ ..., + + +Vita nostra + brevis est, + brevi finietur -- + venit mors velociter, rapit nos + atrociter, nemini parcetur -- -- --+ + + +Vivat academia, + vivant professores, + vivat membrum quodlibet, + vivant membra quaelibet, + semper sint in flore+ ... + +Ja, und als sei schon vergessen, um wessen willen das jüngst +verloschene Jugendleben sich verblutet habe, klang's huldigend und +heiter auch also: + + +Vivant omnes virgines + faciles, formosae, + vivant et mulieres + tenerae, amabiles, + bonae, laboriosae!+ + +Und: + + +Pereat tristitia!+ + +klang's zum Schluß ... + +Da schwollen, tief aufatmend, die Busen der jungen Studenten dem +Sonnenlicht, dem jungen Tage, der ersehnten Weibeshuld, dem Leben, ach +ja, dem lachenden, blühenden, hochaufschäumenden Leben entgegen -- + +Nieder die Traurigkeit ... + + +Pereat tristitia!+ + +so klang's über Marburgs altehrwürdigen Marktplatz ... + + -- -- -- -- + +Pereat tristitia!+ + -- -- -- -- + +Eine Straße weiter aber schrie ein junges Weib wild auf, als die +lebenlockenden Klänge herüberrauschten, daß die ganze alte Stadt zu +klingen und zu schwingen schien ... sie schrie auf in ihrer Kammer, in +ihrem Bett, unter den Händen des Arztes und der Mutter ... + +Und stumm und verbissen schluchzte nebenan ein Jüngling in das +Taschentuch ... der einzige Student in Marburg, der ausgeschlossen +gewesen war an diesem Tage von der Scheideklage, wie vom Hymnus des +Lebens. + + + + + XI. + + +Der letzte Bestimmtag des Sommersemesters! + +Die tiefe Korpstrauer hätte den Cimbern eigentlich die Verpflichtung +auferlegt, sich an den Mensuren nicht zu beteiligen. Aber das ging +einfach nicht, das ließ sich nicht durchführen. Und da ohnehin am +Abend der S. C. Abschiedskommers sein sollte und Cimbria hier aus +Rücksicht auf den S. C. nicht fehlen durfte, so wurde die Korpstrauer +für diesen Tag, es war der siebente August, ganz aufgehoben. Und +ohne die Abzeichen der Trauer erschien das Korps zu gewohnter früher +Morgenstunde auf der Wahlstatt in Ockershausen. + +Vor allem hatten jene Korpsburschen noch einmal zu fechten, die Marburg +verlassen wollten, sei es, um mit Semesterschluß inaktiviert zu werden, +sei es, um im nächsten Semester als Vertreter des Korps bei einem +befreundeten Kartell oder befreundeten Korps aktiv zu werden. + +Von den Chargierten wünschten Papendieck und Dettmer, welche beide +schon vier Semester aktiv gewesen waren, inaktiviert zu werden; der +Erste hatte die Inaktivierung auch ohne Mensur sicher, Dettmer, der +die dritte Charge tadellos geführt hatte, sollte doch noch eine letzte +Probe seiner Fechtsicherheit ablegen. Noch drei weitere Korpsburschen +baten um ihre Inaktivierung; von ihnen mußte Klauser nach seiner +Reinigungspartie noch eine tadellose Mensur schlagen, um Anspruch +auf sofortige Inaktivität zu haben. Böhnke wollte nach Leipzig zu +den Lausitzern, der Zweite, Krusius, nach Heidelberg zu den Schwaben +gehen. Das gab vier Partien, die unter allen Umständen gefochten +werden mußten. Aber der Zweite, Krusius, hatte den Ehrgeiz, am letzten +Tage seiner Führung der zweiten Charge noch mit einem möglichst +langen Bestimmzettel aufzuwarten, und hatte noch für drei weitere +Korpsburschen Partien verlangt und bekommen. Wenn man eine Stunde auf +die Partie rechnete, so konnte es, da der erste Hieb um sieben Uhr +morgens fiel, immerhin bis zwei Uhr nachmittags dauern, dann blieb +gerade noch Zeit zum Essen, Schlafen und Mensuren-C. -C., und dann +mußte man zum Abschiedskommers. Also ein gut besetzter Tag. + +Und programmäßig wickelte sich das »Schlachtfest« ab. Jeder setzte +sein Bestes ein, das Blut floß in Strömen, und Wichart sowohl wie +seine Kollegen bei Hasso-Nassovia und Guestphalia hatten viele +Dutzende Nadeln einzufädeln, auch die Lieferanten von Sublimat und +Verbandstoffen kamen auf ihre Rechnung. + +Klauser hatte das Unglück, seinen ihm eigentlich überlegenen Gegner im +dritten Gang auf eine mächtige Quart abzuführen. Da es sich um seine +Inaktivierung handelte, so mußte er noch einmal ordentliche Hiebe +bekommen, um dem Korps den Beweis zu liefern, daß er die gute Haltung +seiner Reinigungsmensur dauernd bewähre. + +Krusius fragte sofort bei den Westfalen an, ob sie eine zweite Partie +für Klauser stellen könnten, und Paschke, der Senior, erklärte sich +bereit. Klauser blieb gleich anbandagiert in der Flickstube sitzen +und wartete geduldig auf seinen zweiten Gegner. Nach wenig Gängen +hatte Paschke ihn so zugedeckt, daß den kühnsten Anforderungen an eine +Inaktivierungsmensur +in puncto+ der Quantität der empfangenen +Prügel Genüge geleistet war, und ein Durchzieher, der die Unterlippe +bis auf die Zähne spaltete, gab den Rest. + +Im Korps herrschte nur eine Stimme staunender Bewunderung über Klauser. +Der war mit seinem nervösen Temperament, seinem ausgesprochenen +Fechtehrgeiz -- immer ein nicht so ganz sicherer Mann gewesen, trotz +seines unverkennbaren Elans. Heute hatte er die beiden Mensuren mit +einer so vollkommen unerschütterlichen Gleichmütigkeit hingenommen, +als sei das einzig Lebendige an ihm der Mechanismus der bei der Mensur +beteiligten Muskeln. Und daß er inaktiviert werden könne, darüber war +kein Zweifel mehr im C. C. + +Die nächste Partie hatte der Jungbursch Ehlert gegen Bandler, den +Dritten der Hessen-Nassauer, ein elegantes, fixes kleines Männchen, das +leicht, doch mit großer Gewandtheit focht. + +»Sag mal, Krusius -- meinst du eigentlich, daß ich mit ~dem~ +Handgelenk fechten kann?« meinte Ehlert im Augenblick, als der +Korpsdiener ihm das Paukhemde überstreifen wollte, zum Zweiten, der +selbst seine Abschiedspartie schon hinter sich und mit einem Dutzend +Nadeln hüben und drüben ausgepaukt hatte und nun schon wieder im +Sekundierwichs stand, um eine Partie nach der andern zu sekundieren. + +»Donnerwetter! Das ist ja die reinste Knolle! Hast du das schon länger?« + +»Ja, ich schlag mich schon vierzehn Tage damit herum!« + +»Ja, Menschenskind -- das ist ja ... eh, lieber Wichart, willst +du dich mal einen Augenblick herbemühen? Der Ehlert scheint eine +Sehnenscheidenentzündung zu haben.« + +Wichart tupfte Klausers zerfetzte Visage mit einem mächtigen +Wattebausch und befahl Werner, der auch dieses Mal beim Flicken des +Freundes Hilfsdienste leistete, zu halten. Dann trat er zu Ehlert. + +»Nanu?! Mit dem Ärmche willst du fechte, Menschenskind? Du bist ja +e chloroformierte Kindsleich! Gleich machst du, daß du die Kleider +widder an den Leib bekommst, und dann Prießnitz, bis die Lappe nur so +runnerfalle!« + +»Verdammt! Wen stell ich nun gegen den Bandler? Das hättest du mir auch +eher sagen können, Ehlert!« schalt Krusius. + +Da fiel sein Auge auf Werner. + +»Na, Leibfuchs Achenbach, wie wär's? Hättest du Lust, noch vor +Toresschluß vors lange Messer zu kommen?« + +Ein siedender Schreck und zugleich ein jäher Stolz durchfuhr Werner. + +»Selbstverständlich, Leibbursch.« + +»Bist auch aufgelegt? Hast heut morgen nicht zu viel getrunken? Bist +gestern und vorgestern nicht beim Mädchen gewesen?« + +»Alles in Ordnung, Leibbursch.« + +»Na, dann runter mit der Weste und rin in die Lappen.« + +Werner bebte denn doch am ganzen Leibe vor Aufregung, als er nun an +Ehlerts Stelle trat, Rock, Weste, Hemd ablegte und sich das Paukhemd +überstreifen ließ. + +Und dann wurde das Herz durch ein kreisrundes Blech in Lederfassung, +die Achselhöhle durch einen seidenen gesteppten Latz geschützt, die +Hand schlüpfte in den wildledernen, ungefügen Kettenhandschuh, der +rechte Arm wurde vom Korpsdiener langsam und sorgfältig durch eine +endlose Umwicklung mit seidenen, zerfetzten und blutgetränkten Binden, +schließlich durch einen langen Zopf aus Seidengeflecht der Länge nach +verwahrt. Ekelhaft war das Gefühl, als nun die Halsbinde umgelegt +wurde, an der noch Klausers, Dettmers, Krusius' erkaltetes, klebriges +Blut starrte. Dann kam der Schurz, schwerfällig, steif von Strömen +angetrockneten Bluts. Inzwischen hatte schon ein anderer krasser +Fuchs, nicht ohne Neid auf das Glück seines Konsemesters, das Amt des +Schleppfuchses übernommen und stützte Werners schwer verpackten rechten +Arm. + +Und über all den Vorbereitungen fühlte Werner dennoch nichts anderes +als das stürmische Klopfen seines Herzens, das immer munter trommelte: +»Du, jetzt geht's los! Du, jetzt geht's los!« + +»So, nu stehe Se mal auf, Herr Achebach!« + +Und Werner stand auf. Es war inzwischen im Saale laut geworden, daß der +krasse Fuchs Achenbach an Ehlerts Stelle einspringen solle, und fast +alle Korpsburschen kamen neugierig in die Flickstube, um zu sehen, wie +er sich halte. Es regnete Witze: + +»Du, kleiner Achenbach, der Mann, der gleich auf dich zukommt, der will +dir was tun, den mußt du feste hauen, sonst haut er dich!« + +»Du, Füchschen, stich den Gegner ab und nicht deinen Sekundanten, das +kostet fünfundzwanzig Em Korpsstrafe!« + +»Macht mir meinen Leibfuchs nicht dammelig!« rief Krusius dazwischen. + +»Aha! Wenn man den Herrn Zweiten zum Leibburschen hat, dann kommt man +als Krasser schon auf Mensur!« + +Und Papendieck kam auch heran, sah Werner stumm und herablassend an und +zitierte schließlich wieder einmal seinen Landsmann Bräsig: + +»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« + +Dammer kam mit einem Spiegel, hielt ihn Werner vor und griente: + +»Nu darfste Abschied nähm von dei'm glatten Gesichte -- so kriegst es +nich wieder zu sähn!« + +Und mit einem seltsamen Gemisch aus Grauen und Stolz erkannte Werner +sein jugendrosiges Gesicht in der abschreckenden Vermummung von +Halsbinde und Paukbrille, die Peter ihm eben anlegte und von hinten mit +so kräftigem Ruck zusammenschnallte, daß Werner rief: + +»Donnerwetter, Peter, Sie sprengen mir ja den Schädel!« + +»Schad't nix, muß so sinn,« sagte Peter gleichmütig. + +»Bandler schon drinnen?« fragte Krusius. + +»Ja!« + +»Also los -- raus! Nein, warte -- liegt dir der Speer gut in der Hand?« + +Und Werner trat einen Schritt vor, führte mit dem Schläger, den der +Testant ihm in die Hand gedrückt, einen kräftigen Lufthieb ... es +pfiff, die Bandage saß, eng, doch elastisch. + +»Vergiß nicht, daß der erste Gang nur Scheingang ist! Na, und immer +feste draufschlagen, alles andre kommt von selbst!« + +Wie im Traum schritt Werner hinaus. Es rauschte und flimmerte vor +seinen Augen und Ohren -- durch die ungewohnte Paukbrille erkannte +er kaum den bekannten Saal -- sah, wie alles sich im Kreise drängte, +wie zweihundert Augen auf ihn starrten, fühlte den Stuhl an seinen +Hinterbacken, packte mit der Linken fest den Riemen seiner Hose, +umspannte noch einmal mit klammernden Fingern den Griff des Rappiers, +und -- + +»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für einen Gang Schläger +mit Mützen und Sekundanten auf zehn Minuten bis zur Abfuhr!« + +»Silentium für einen Gang Schläger mit Mützen und Sekundanten auf zehn +Minuten bis zur Abfuhr!« + +»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für die Mensur!« + +»Silentium für die Mensur!« + +Wie aus weiter Ferne klangen diese Worte in Werners Ohr. Durch die +engen Öffnungen der Paukbrille starrte er geradeaus ... da stand der +andere, der Gegner, mit dem er sich nun messen sollte im blutigen +Turnier ... + +Und plötzlich summte ihm eine bekannte Weise, altgeliebte Dichterworte, +durch den Sinn: + +»Da tritt kein andrer für ihn ein, Auf sich selber steht er da ganz +allein ...« + +Er reckte sich. + +»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für den Scheingang!« + +»Silentium für den Scheingang!« + +»Fertig!« rief der Gegensekundant. + +Und mechanisch, wie er es oftmals in den letzten Wochen auf dem +Fechtboden geübt, trat Werner zwei Schritte vor, den Arm hoch +aufgereckt, den Schläger in fest umklammernder Faust emporgestreckt. + +Und er fühlte, wie der rechte Fuß seines Leibburschen sich fest neben +seinen linken stellte. Das machte ihn ruhig und sicher. + +Zugleich fühlte er, wie der Sekundant ihm von hinten die riesige Mütze +zum Scheingang aufstülpte. + +Ruhig klang das Kommando aus Krusius' Munde: + +»Los -- halt!« + +Nun verschwand die Mütze von seinen Haaren. Wie eine Katze, +sprungbereit, kauerte sich Krusius an seine Seite, und scharf und grell +scholl des Gegensekundanten Kommando: + +»Fertig!!« + +»Los!!« + +Krach -- krach -- krach! + +»Halt!« + +»Halt!« + +Das hatte gesessen ... ein scharfer und ein dumpfer Schmerz +nacheinander ... + +Und über die linke Röhre der Paukbrille rann's hernieder ... sein Blut +... sein warmes, junges Herzblut ... + +Und wie die ersten heißen Tropfen über sein Gesicht rannen, war alle +Aufregung, alle Befangenheit dahin ... + +»Silentium -- ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« + +»Fertig!« + +»Los!« + +Krach, krach, rack-tack-bumm-tack-rack-tack-bumm-tack, bumm, bumm -- + +»Halt!« + +Nichts ... + +»Fertig!« + +»Los!« + +Und wieder ein Gang, und wieder nichts ... nur flache Hiebe waren wie +Knüppelschläge über die Auslage hinweg auf Werners Schädel und Nase +niedergesaust ... + +Er hörte die Stimme seines Leibburschen an seinem Ohr: + +»Ein wenig ruhiger den Oberkörper, sonst -- ganz famos!« + +Ah!! Wie das spornte! + +O wilde Schwerterlust! -- O jungjunges, pochendes Herz! + +Und Gang auf Gang ... und da ... da färbte sich ja auch das weiße +Paukhemde drüben! + +»Silentium -- ein Blutiger auf seiten von Hasso-Nassovia!« + +»Bravo, Leibfuchs!« + +Der Paukarzt drüben machte ein ganz merkwürdiges Gesicht ... + +Kurze Beratung mit dem Gegensekundanten -- + +»Herr Unparteiischer, wir bitten um Pause!« + +»Silentium -- Pause für Hasso-Nassovia!« + +Der Paukarzt ließ den Gegner seinen Kopf beugen, fühlte mit dem Finger +in den Schlitz der Kopfhaut ... + +Abermals ein bedenkliches Gesicht -- kurze Beratung ... + +»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehn!« + +»Silentium -- Pause ex!« + +»Fertig!« + +»Los!« + +Krach, krach, rack-tack-bumm, tack -- + +»Halt!« + +»Halt!« + +Über Werners linke Backe war's wie ein leises Wehen hinweggegangen ... + +Wichart schmunzelte: + +»Rest, Füchschen! Da bringst deiner Frau Mutter aber gleich e scheene +Bescheerung mit!« + +Und: »Herr Unparteiischer, wir erklären Abfuhr!« + +»Silentium -- Cimbria erklärt Abfuhr nach viereinhalb Minuten.« + +Was? War er denn getroffen? + +O ja, er war getroffen. Seine linke Wange klaffte vom Ohrläppchen bis +unter die Nasenwurzel. + +Werner Achenbach hatte die Bluttaufe bekommen. + + + + + XII. + + +Und Willy Klauser und Werner Achenbach standen am Bahnhof. Sie hatten +sich aus der Schar der Korpsbrüder abgesondert, um die letzten Minuten +allein zu verplaudern. Bald würden von Süden und Norden die Züge +kommen, um Klauser ins heimische Magdeburg, Achenbach über Gießen +ins Wuppertal zu entführen. Das nächste Semester würde sie nicht +wieder zusammenbringen. Klauser würde in Berlin das vernachlässigte +Physikum bauen, Werner in Marburg weiter mit Blut und Eisen Cimbrias +Band umwerben ... und bei Professor Dornblüth eifrig Pandekten hören. +Denn der Alte Herr hatte schon in den letzten drei Wochen Zug in das +Rechtsstudium seiner jungen Korpsbrüder gebracht ... das war hochnötig +gewesen. + +Die Erinnerung an den Abschiedskommers, an die letzte Wanderung des +Korps nach Wehrda, den Beschluß eines wohllöblichen C. C. der Cimbria, +seinen C. B. Klauser mit Farben zu inaktivieren, stimmte die Herzen der +Freunde heiterer, als sie selbst erwartet hätten. + +»Und weißt du, Willy, das andere ... da wirst du auch noch mal drüber +kommen,« wagte Werner endlich zu sagen. Es mußte auch dies letzte Wort +noch gesprochen werden. + +Eben noch hatte Klauser unter seinen Kompressen, seinen Wattebäuschen +heiter gelächelt. Jetzt verlor sein Auge den Glanz, nervös bebten seine +Lippen. + +»Dafür werden hoffentlich die kleinen Mädchen in Berlin sorgen.« + +»Ach nee, Willy, nicht so, nicht so! Laß dich doch nicht so +unterkriegen! Du wirst schon noch was Besseres finden, um ... das +andere zu vergessen.« + +»Was Besseres? Hahaha! Es gibt nichts Besseres für dumme, grüne Jungen, +wie wir zwei. Das geht nicht ans Herz und nicht ans Blut, das geht nur +... ans Portemonnaie.« + +»Willy -- bist du noch mal ... da oben gewesen?!« + +»Da oben?! Bei dem Vieh?!« Voll Ekel und Abscheu wandte sich Klauser ab. + +»Glaubst du, daß sie in Berlin anders sind?!« + +»Nee -- das glaub ich freilich nicht -- --« + +»Also ... du ... für das Pack ... sind wir doch wohl zu schade ... äh +komm ... laß uns jetzt von was anderem sprechen ... du -- schön war's +doch ... dieser Sommer ... und ... du und ich ... nicht wahr?!« + +»Ja, ~das~ war schön, Werner ... und soll auch schön bleiben.« + +Die Freunde sahen sich in die Augen. + +»Ich wünsch dir alles Schönste,« sagte Klauser. »Und -- nimm dir ein +Beispiel an mir. Du hast mir mal was von einer -- Elfriede erzählt ... +laß sie laufen ... vergiß sie ... sonst geht's dir noch mal wie mir.« + +Elfriede! -- War's nicht Werners seligster Gedanke gewesen in diesen +letzten Tagen, daß er sie nun wiedersehen würde --?! Trotz allem -- +trotz allem?! + +»An was soll man sich denn schließlich halten in der Welt?« + +»Halt dich an das da,« sagte Klauser und zeigte auf Werners Band. +»Vorläufig gibt's keinen besseren Halt für unsereinen. Wenn das nicht +gewesen wäre ... dann wär' ich verkommen in diesen Tagen. Später +einmal, wenn die Universitätsjahre hinter uns liegen ... dann gibt's +andere Ideale, hoff ich ... Beruf ... und Vaterland ... und so was +... vielleicht auch ... Weib und Kind -- für mich wohl kaum -- aber +hoffentlich für dich, wenn du klug bist -- und dich vor Enttäuschungen +hütest, über die man nicht hinwegkommt --« + +»Aber Willy!« + +»Wir ... wir sind dumme Jungen ... Schüler ... Lehrlinge ... wir müssen +uns vorläufig mit einem Symbol der großen Lebensideale begnügen ... +und dies Symbol heißt uns ... Cimbria ... das blau-rot-weiße Band +... das ist, scheint's mir, der tiefere Sinn von dem allen, was ich +hier zwei Jahre lang getrieben habe ... zwei Jahre lang, die ich nicht +missen möchte ... wenn auch vielleicht mancher denken mag, sie seien +verplempert und vergeudet ... aber, was soll das Klugreden ... da +hinten kommt mein Zug ... leb wohl, Werner ... bleib mir gut ...« + +Und die Freunde küßten sich ... ein einziges Mal in ihrem Leben. Sie +waren deutsche Jünglinge der neuen Zeit ... der Zeit von Blut und Eisen +... die Dichter der Empfindsamkeit hatten ihre Kindheit begleitet ... +die Lehrer ihrer Jünglingsjahre hießen Korpsband und Rappier. + +Und nun gesellten sie sich wieder zu den Korpsbrüdern. Alle +Norddeutschen führte der Zug hinweg. Papendieck, Dettmer, Böhnke, +Klauser würden nicht mehr wiederkehren. Ihnen galt's das Scheidelied zu +singen. + +Und wie vor wenig Tagen der Zug einen Toten aus der Mitte der Cimbria +hinweggeführt hatte, so trug er jetzt eine Schar lebender Scheidender +der Heimat zu. Ein Abschied auch diesmal. + +Aber Rührungstränen und sentimentale Wehmut waren dieser Jugend +ausgetrieben worden in der eisernen Zucht des Korps. Unter Witzen +und Gelächter barg sich, was die jungen Herzen tief bewegte ... der +Abschied von den Freunden, vom Korps, von der geliebten, wundervollen +Hessenstadt ... von der Aktivität ... von einem ersten, herrlichen +Abschnitt der Jugendzeit ... + +»Fertig!« -- »Fertig!« -- »Fertig!« + +Abfahren!« + +Ein letztes Händedrücken ... bellend sprangen die Korpshunde noch ein +Stück dem Zuge nach ... blaue Mützen wehten und weiße Tücher ... + +Und im letzten Augenblick trat da ein Paar aus dem Wartesaal, wo +es verborgen des Augenblicks der Abfahrt gewartet hatte, auf den +Bahnsteig ... der Mann hochgewachsen, gütigen, strahlenden Auges ... +das Mädchen in hellem Gewand, den Blick von unaufhaltsam strömenden +Tränen verschleiert ... sie winkte mit weißem Tuch, ihr Auge suchte +einen, einen, an dessen Lippen sie vor wenig Wochen gehangen in erster, +keuscher Seligkeit ... + +Und hatte ihn doch verlassen ... + +Da hatte auch er sie erkannt ... starrer Trotz schoß in seine Züge, und +rasch trat er vom Fenster zurück. + +Da lehnte sie ihr blondes Haupt an die breite Brust des erwählten, des +glücklichen Mannes und weinte um den verlorenen Traum ihrer Jugend. + + »Bemooster Bursche zieh ich aus, + Ade! + Behüt dich Gott Philisterhaus! + Ade! + Zur alten Heimat zieh' ich ein, + Muß selber nun Philister sein, + Ade, ade, ade. + Ja, Scheiden und Meiden tut weh!« + +so sangen, die da schieden und die da blieben. + + * * * * * + +Ja, Scheiden und Meiden tut weh ... + +Und Marie Hollerbaum erkannte erst in diesem Augenblick, was sie +dahingegeben habe für immer ... für alle Zeit ... + + * * * * * + +Und nun saß auch Werner im Coupé. Er fuhr allein und dankte das dem +Geschick. Zu viel stürmte durch sein Herz ... es wäre ihm schmerzlich +gewesen, diese Scheidestunde mit einem andern teilen zu müssen, sie zu +entweihen durch gutgemeintes, doch alltägliches Geschwätz. + +Der Zug umkreiste in weitem Bogen die Stadt da drüben am Berge. Vor +wenig Monden hatte Werne, von Verehrungsschauern seligbang umwittert, +dies wundersame Bild zum ersten Male erschaut. Vor wenig Monaten ... +war's möglich? + +Damals war's ein wundersames, doch fremdes Bild gewesen ... nun war +jedes Fleckchen beseelt von Erinnerungen an ungeheure, grundstürzende +Erlebnisse seiner Seele ... + +In ernster, gleichgültiger Erhabenheit thronte droben das Schloß; +Jahrhunderte waren an ihm vorübergezogen ... Völkergeschicke, +Weltgeschicke ... und Millionen, Millionen von Einzelschicksalen ... +Millionen von Herzensgeschicken ... es stand und stand in seiner +braunen Unnahbarkeit ... + +Und länger noch standen und grünten die Berge, die Werners Jugendträume +umschlossen hatten, wie die der andern tausend, die gekommen waren in +diesem Sommer und nun auseinanderflogen in ihre Heimat ... + +Und da unten blühte Sankt Elisabeth, die unverwelkliche Wunderknospe ... + +Und um den Berg herum, ins Tal hüben und drüben hinein und hinunter, +alle die alten, alten Häuser, die spitzen Giebel, die winzigen Fenster +... + +Da oben flatterte Cimbrias Panier, für das er nun auch zum ersten Male +sein Herzblut vergossen ... + +Dort unter dem steilen Dache des Anatomiegebäudes hatte das tote +Lenchen gelegen ... und dann ein paar Wochen später ihr toter Liebster +... der Vater ihres Kindes ... + +Seine drei lebendigen »Bälger« aber ... wo mochten die herumkrabbeln?! + +Auch dort hinten irgendwo ... + +Und dort ... in einem der kleinen Häuschen ... da weinte die schöne +Rosalie ... da harrte der arme Simon Markus des Richterspruchs ... + +Erinnerungen -- Erinnerungen überall ... + +Nun wandte sich der Zug, und die Südstadt tauchte auf. Der Dammelsberg +... Fanfahrengedröhn und Geigengequiek, ein scharfer, doppelter +Pistolenknall ... dies alles wurde wach ... das alles war aufgezeichnet +in Werners Hirn, unauslöschlich ... unvergeßlich ... + +Und unter jenen Bäumen im Tale lag Ockershausen ... + +»Fertig!« + +»Los!« + +Krach -- krach -- krach -- + +»Halt!« + +»Halt!« + +Vorbei -- vorbei ... + +Und rasch entfloh der Zug ... rasch verschwamm das Bild ... so war es +vor wenig Monden zum ersten Male vor des Knaben Augen aufgetaucht ... +so schwand es nun ... geheimnisvoll ... deutungstief ... + +Das Schicksal, das Erleben eines einzigen, kurzen Sommers ... + +Und in Werners Seele quoll ein warmes, tiefes, heiliges Empfinden empor +... ein glockenfeierliches Dankgefühl ... + +Das war das Leben ... nun war er eingetreten in seine Tempelhallen ... + +Becherklang und Pistolenknall, brünstige Küsse und wilde +Verzweiflungstränen, wüste Zechgelage und friedliche +Waldeseinsamkeiten, ekle Buhlschaft und erhabenes Liebesentsagen ... +Jauchzen und Totensang ... Lust und Weh ... + +Das war eingeschlossen in diesen kurzen Monden ... das alles hatte er +erlitten und erfahren, fühlend geschaut und fühlend durchlebt ... + +Oh, Leben, Leben -- heiliges, herrliches, grausiges, mächtiges ... +heiliges, dreimal heiliges Leben --!! + +Und doch ... war denn dies alles schon das Leben selbst gewesen?! + +Das wirkliche, wahre, eigene Leben?! + +Und die Liebe, die ihn und jene andern, seine Freunde, seine Brüder, +gefoltert und entzückt, durch eine Welt von Brünsten und Ängsten, +Küssen und Tränen, Seligkeiten und Todesschauer gejagt ... war das +schon die wirkliche Liebe gewesen?! + +Ein Knabe, des Lebens unkund, war er gekommen ... ein Wissender kehrte +er zur Heimat, sollte er heut abend vor das forschende Vaterauge +treten, ausruhen in gläubigen Mutterarmen ... + +Ein Wissender -- aber nicht doch ein Knabe noch?! + +War nicht am Ende dies alles, Leben, Liebe, Leid ... + +-- War das alles nicht am Ende doch nur ein Vorspiel gewesen?! + +Eine furchtbar ernste Vorbereitung, aber doch eben nur eine +Vorbereitung? + +Ein mächtig ergreifendes Vorspiel, ein Vorspiel, das Ungeheures, +Hochherrliches ankündigte ... aber eben doch nur ein Vorspiel?! + +Fern, fern ahnte Werner ein anderes, ein volleres, ein erschütternderes +Erleben ... das wahre Leben ... die wahre Liebe ... das wahre Leid. + +Das alles würde kommen, wenn er ein Mann geworden sein würde ... + +Ja, ein Mann! Das wollte er werden ... das gelobte er seinem Bande da +um seiner Brust, seiner jungen Burschenwunde, allen gewaltigen und +heiligen Erinnerungen dieser vergangenen Monde ... + +Dem teuren Bilde der geliebten Eltern daheim -- + +Elfrieden, dem Idol seiner Knabenjahre ... + +Und sich selbst, seiner bebenden, weinenden, erstarkenden, werdenden, +jauchzenden Seele ... + +Ja, ein Mann werden! -- + +Das Vorspiel war zu Ende ... + +Und über das Erinnern dieses übergewaltigen Vorklanges hinweg grüßte +der Knabe Werner die Zukunft seiner Seele ... + +Grüßte das kommende Glück, das kommende Leid ... + +Grüßte die wahre Liebe ... das wahre Leben. + + [Illustration] + + + + + Verlagsanzeigen + + + + + Walter Bloems Werke: + + + Das eiserne Jahr + + Roman + + Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl + + 121. bis 130. Tausend + + Preis geheftet M. 5.--, gebunden M. 6.-- + Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50 + + + Volk wider Volk + + Roman + + Mit farbiger Umschlagzeichnung von Ernst Heilemann + + 101. bis 110. Tausend + + Preis geheftet M. 5.--, gebunden M. 6.-- + Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50 + + + Die Schmiede der Zukunft + + Roman + + Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl + + 101. bis 110. Tausend + + Preis geheftet M. 5.--, gebunden M. 6.-- + Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50 + + Alle 3 Bände in Halbleder gebunden zusammen M. 20.-- + + + Sommerleutnants + + Die Geschichte einer achtwöchigen Übung + + 8. Tausend + + Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.-- + + + Sonnenland + + Roman + + 5. Tausend + + Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.-- + + + Das lockende Spiel + + Roman + + 6. Tausend + + Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.-- + + + Der neue Wille + + Schauspiel in vier Akten + + Preis broschiert M. 2.-- + + + Der Jubiläumsbrunnen + + Schauspiel in vier Akten + + Preis broschiert M. 2.--, gebunden M. 3.-- + + + Vergeltung + + Schauspiel in drei Akten + + Preis broschiert M. 2.--, gebunden M. 2.80 + + + Das jüngste Gericht + + (Der Paragraphenlehrling) + + Roman + + 34. Tausend + + Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.-- + +Ein gesunder Idealismus spricht aus dem Werk, das nicht nur dem +Juristen willkommen sein kann, sondern auch von dem beachtet werden +wird, dem die Gesundung unserer Rechtsverhältnisse am Herzen liegt. Die +in dem Roman gezeichneten Zustände bilden gewissermaßen ein Pendant +zu der Kritik, die Beyerlein in seinem »Jena oder Sedan« vor einigen +Jahren an unseren militärischen Verhältnissen übte. + + ~Hamburger Wochenblatt~ + + +Lebensprudelnd ist vor allem die Schilderung der bergischen +Eisenindustrie mit den kernigen, bodenständigen Gestalten der +Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die beide gleichermaßen die gemütlichen +Laute des Wuppertaler Niederdeutsch erklingen lassen. + + ~Berliner Tageblatt~ + + +Bei der Liebesgeschichte erfreut wiederum die Lebenswärme, mit der +die besondere, etwas spießbürgerliche und patriarchalische, aber auch +wieder behagliche, anziehende Art des bergischen Bürgertums in der +Familie und in der Geselligkeit zur Geltung gebracht wird. Auch die +industriellen Arbeiterverhältnisse beherrscht Bloem, und er zeichnet +sie mit großer Anschaulichkeit und lebhafter Bewegung; so wirkt +namentlich die Schilderung der technischen Versuche mit einem neuen +Stahlverfahren nichts weniger als trocken, sondern dramatisch lebendig. +Wir haben ein ausgezeichnetes Buch vor uns, das voll aus dem Leben +geschöpft ist und Zeugnis einer echten Gestaltungskraft gibt. Der +»Paragraphenlehrling« darf sich neben das bekannte Buch Rudolf Herzogs, +des engeren Landsmannes Bloems, »Die Wiskottens«, ebenbürtig stellen. + + ~Kölnische Zeitung~ + + + W. Moeser Buchdruckerei, Berlin S. 34. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 *** diff --git a/75450-h/75450-h.htm b/75450-h/75450-h.htm new file mode 100644 index 0000000..1618cb1 --- /dev/null +++ b/75450-h/75450-h.htm @@ -0,0 +1,10108 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Der krasse Fuchs | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; + clear: both;} + +h1 { font-size: 220%} +h2, .s2 { font-size: 170%} +h3, .s3 { font-size: 150%} + + +h1 { + page-break-before: always + } + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid + } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em;} + +.p0 {text-indent: 0;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%; border-width:2px;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +.pagenum { + visibility: hidden; + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + + .mright5 { + text-align: right; + margin-right: 5em; +} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal; +} + +.antiqua { + font-style: italic + } + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ + +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} + +/* Poetry indents */ +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} +.poetry .indent1 {text-indent: -2.5em;} +.poetry .indent2 {text-indent: -2em;} +.poetry .indent4 {text-indent: -1em;} + +/* Illustration classes */ +.illowp46 {width: 46%;} +.illowe10 {width: 10em;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowe10 {width: 20%; margin: auto 40%;} + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 ***</div> + + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + + +<h1>Der krasse Fuchs</h1> + +<p class="center"><b>Roman</b><br> +von</p><br> + +<p class="s2 center"><b>Walter Bloem</b></p> + + +<p class="p4 center">47.-49. Tausend</p><br> + + +<p class="center">Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig</p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<div class="chapter"> +<p class="center"> +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,<br> +von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten.<br> +Copyright 1910 by Grethlein & Co. G. m. b. H.<br> +Leipzig<br> +</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<p class="s2 center">Erstes Buch</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2>I.</h2> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 1]</span></p> + +</div> + + +<p>Aus hundert blühenden Apfelbäumen strich eine laue Welle Frühlingsduft +über die morgenflimmernde Chaussee, und aus den Büschen zu beiden +Seiten schmetterte Nachtigallenjauchzen. Feine Glockentöne waren in der +Luft.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,</div> + <div class="verse indent0">Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>zitierte Werner Achenbach und schob seinen Arm in den des neben ihm +marschierenden Korpsbruders.</p> + +<p>»Du hast gut reden,« sagte der. »Bis du mal selbst vors lange Messer +kommst! Aber ich, siehste! Wer weeß, ob 'ch mei scheenes grades +Neeschen wieder wer' mit zuricke bring'n!«</p> + +<p>»Wie ist dir denn eigentlich zumute, Dammer?«</p> + +<p>»Nu, äbens doch e bißchen benaut,« sagte der stämmige kleine +Dresdener ehrlich. »Wenn's bloß wegen der Senge wäre, nu, das tät'n +mir schon machen, denk 'ch — aber daß m'r ooch den Ansprichen eines +wohlleeblichen C. C. geniegt —«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Nu, bei der ganzen korpsstudent'schen Fechterei kommt's doch eenzig +und alleene aufs gute Stehen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> an!« erklärte Dammer, und was sein +Leibbursch und sein Fuchsmajor ihm im vorigen Semester eingeprägt und +eingeprügelt durch die Filzmaske hindurch, das setzte er dem »Krassen« +in längerer Rede auseinander: daß der Hauptzweck der Mensur Erziehung +zur Standhaftigkeit und Charakterstärke sei.</p> + +<p>Werner hörte kaum mehr zu. Er sah den Frühling ringsum, er fühlte +die Jugend und Freiheit durch alle Glieder rieseln. Schwüler schon +flimmerte die Maisonne. Blendend flammte die Chaussee; aber das +strahlende Grün der Laubmassen in den Gärten, sachtes Grüßen der +schwellenden Waldberge labten das ermüdete Auge. Und aus den lichten +Büschen hoben sich viele schmucke Landhäuser, streckte sich droben das +graue Gemäuer des Marburger Schlosses in den sanften Morgenhimmel, und +zur Linken, wenn einmal die Gärten den Durchlug gestatteten, überflog +der Blick das breite, gesegnete Tal, durch dessen mattschimmernde +Fläche die Lahn ein flirrendes Band hindurchwob ... so schön war der +Frühling noch nie gewesen, selbst damals nicht, als Werner, das rote +Sekundanerkäppchen auf dem Kopfe, zum ersten Male zwei blonden Zöpfen +nachgestiegen war ...</p> + +<p>Student — Korpsstudent ... Himmel, das war ja wie ein Traum. Und +plötzlich riß Werner mit der freien Linken die hellblaue Cimbernmütze +vom Kopfe, stieß einen wilden, formlosen Jubelschrei aus ...</p> + +<p>Nervös zuckte Dammer zusammen. »Nanu?<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> biste verrickt geworden?« Seine +blassen Nasenflügel zitterten.</p> + +<p>»Ach so!« Werner fand es komisch, daß der andere, der Brandfuchs, Dampf +hatte vor seiner ersten Mensur. Und das war ersichtlich der Fall. Er, +Werner Achenbach, hätte am liebsten gleich einen Schläger in die Hand +genommen ...</p> + +<p>»Na warte nur, mei Jungchen, wenn du mal erscht den Rummel da draußen +wirscht kennen!« meinte der Ältere. »Nämlich sehre gemietlich is das +gerade nich, das kann 'ch dir sagen! Aber nu sei stille, jetzt kommt +mei Orakel!«</p> + +<p>»Dein Orakel?«</p> + +<p>»Nu äben! nämlich, hier zur Linken das große weiße Haus, das ist das +Pensionat Vogt, mußte wissen, un da nämlich, da is meine <em class="gesperrt">Sonne</em> +dadrinne!«</p> + +<p>»Deine Sonne?!«</p> + +<p>»Nu ja, mei Mädichen nämlich, weeßte, mei sießes Mädichen! Kätchen +heeßt se, Kätchen Fröhlich ... un wenn ich die jetzt zu sehen krieg, +weeßte, dann is das e gutes Omen für mei erschte Mensur, verstehste?«</p> + +<p>Werner verstand und drückte ein wenig den Arm des neuen Freundes. +Beide forschten im Schreiten gespannt an der langen Fensterfront des +Pensionats, ob irgendwo ein Mädchenkopf sich blicken ließe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<p>Umsonst ... in der frühen Morgenstunde waren alle die Fensterchen mit +weißen Vorhängen dicht verhüllt.</p> + +<p>»Du, was meenste, wenn m'r da mal kennt e bißchen hinterkucken?« meinte +der Sachse.</p> + +<p>Werner erschrak und wurde rot. Er hatte den gleichen Gedanken gehabt, +aber wie man den Mut und die Schamlosigkeit haben konnte, solch einem +tempelschänderischen Wunsch Worte zu leihen — —</p> + +<p>Sieh da: an einem der letzten Fenster öffnete sich inmitten der weißen +Gardinen ein Spalt: ein lieblich verschlafenes Köpfchen lugte einen +Augenblick hervor — unter dem Kinn bauschte und knitterte der Vorhang, +als zögen da zwei Fäustchen das Leinen fest zusammen — muntere Augen +spähten einen Moment zum Schloß empor, flogen dann zur Chaussee +hinunter — und hui, war alles verschwunden wie weggeweht.</p> + +<p>Dammer war zusammengezuckt, hatte ohne Bedenken seine blaue Mütze +heruntergerissen. Nun preßte er den Arm des Korpsbruders: »Du, +Achenbach ... hast se gesehen? Das war se! Ach, Kätchen, Kätchen, +sießestes Mädichen!«</p> + +<p>Und dann richtete er sich stramm auf und schlug mit dem +silberbeschlagenen spanischen Rohr in seiner Rechten einen mächtigen +Lufthieb. »So, mei gutester Herr Pasche Guestphaliae, nu kenn' Se sich +meineswegens in acht nähm'!« und dann schmetterte er los:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Auch von Lieb umgä'm</div> + <div class="verse indent0">Ist 's Studentenlä'm,</div> + <div class="verse indent0">Uns beschitzet Fenus Cipriah,</div> + <div class="verse indent0">Mäddchen, die da lie'm</div> + <div class="verse indent0">Und das Kissen ie'm,</div> + <div class="verse indent0">Waren stets in schwerer Menge da,</div> + <div class="verse indent0">Aber die da schmacht'n</div> + <div class="verse indent0">Und bladonisch tracht'n,</div> + <div class="verse indent0">Ach, die liebe Unschuld tut nur so ...</div> + <div class="verse indent0">Denn so recht inwend'g</div> + <div class="verse indent0">Brennts doch ganz unbänd'g</div> + <div class="verse indent0">Fier den kreizfidelen Studio!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Werner war ganz still geworden. Dieses plötzlich auftauchende blühende +Jugendgesicht hatte jählings in ihm aufgewirbelt, was seit seiner +Ankunft in Marburg, unterm ersten Ansturm der tausend neuen Eindrücke +des Studentenlebens geschlummert hatte: ein dumpfes, sehnsüchtig-süßes +Weh ... Und den Anblick des ruhesatten Gesichtchens ergänzte seine +beutelustige Phantasie durch ein Traumbild der ganzen Erscheinung, die +der neidische Vorhang verhüllt hatte: da mußte ja ein ganzer, lebender, +duftender Leib dazugehören, kaum verhüllt vom Nachtgewande — ein +Mädchen ... ein junges, junges Weib ...</p> + +<p>Da war sie wieder, die tolle Sehnsucht, die ihn so oft gequält in +seinen drei letzten Schuljahren, auf harten Bänken, im öden Wechsel von +Mathematik und zerfetzten, mißhandelten und doch unverwüstlichen und +heimlich aufwühlenden Dichterworten ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Und im munteren Schreiten summte da die Melodie des alten +Burschenliedes und die seltsamen Worte in ihm nach:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Auch von Lieb umgeben</div> + <div class="verse indent0">Ist Studentenleben,</div> + <div class="verse indent0">Uns beschützet Venus Cypria:</div> + <div class="verse indent0">Mädchen, die da lieben</div> + <div class="verse indent0">Und das Küssen üben,</div> + <div class="verse indent0">Waren stets in schwerer Menge da ...</div> + <div class="verse indent0">Aber die da schmachten</div> + <div class="verse indent0">Und platonisch trachten ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>also nicht alle trachteten platonisch?! »die da lieben und das Küssen +üben«?! Himmel —!</p> + +<p>Und seine Seele sprang aufgescheucht und ruhelos in ihm hin und her, +wie ein Raubtier im Käfig, wenn die Stunde der Fütterung naht.</p> + +<p>Indessen hatten die beiden Wanderer die letzten Häuser von Marburg +hinter sich gelassen und schritten nun munter aus, dem nahen Dörfchen +Ockershausen zu, wo die Marburger Korps allsamstäglich ihre Mensuren +schlugen. Noch war vom Ziele nichts zu sehen als der Morgenrauch, der +in blauen Säulchen über einem Schwall blühender Apfelbäume kräuselte. +Aber da nun die Chaussee schnurgerade vor ihnen lag, konnten sie sehen, +daß sie nicht die ersten waren. Vor ihnen marschierten schon, zu zweien +und dreien, in ganzen kleinen Trupps die Angehörigen der drei Marburger +Korps: die blaumützigen Cimbern, die hellgrünen Hessen-Nassauer und +die Westfalen in<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> ihren weißen Sommerstürmern. Und auch von hinten +klang Geplauder und Lachen. Die ganze Landstraße war betupft von +bunten Farbflecken: den hellen, schmucken Anzügen, den gleißenden +Mützen und Bändern der Korpsstudenten, die in den Frühlingsmorgen +hineinmarschierten, nicht zu fröhlicher Lenzfahrt, sondern zu blutigem +Turnier.</p> + +<p>Dieser Anblick brachte Werner zur Gegenwart zurück und zu dem +herannahenden Erlebnis dieses Tages. Zum ersten Male sollte sein +junges Leben Waffen und Blut schauen. Und da befiel ihn denn doch eine +sachte wachsende Beklemmung. So friedvoll war seine Jugend verlaufen, +so sturmbehütet im sichern Elternhause, inmitten gleichstrebender +Freunde, nur den Studien, harmlosen Vergnügungen, vor allem den +Dichtern gewidmet ... erst die letzten drei Jahre hatten heimliche, +verschwiegene Ängste und Kämpfe gebracht ... Draußen war immer Friede +gewesen ... nun war's auf einmal anders geworden — das Leben kam. Er +fühlte, wie ihm ganz langsam etwas die Kehle verengerte. Immer mehr, +ganz leise, aber stetig. Er mußte sprechen, um das Gefühl zu bekämpfen.</p> + +<p>»Kommst du zu allererst dran?« sagte er zu Dammer, der auch ganz still +und etwas fahl geworden war.</p> + +<p>»Nunee,« sagte Dammer, »das wär nu doch gerade keene wirdije Eröffnung +nich fiers Fechtsemester.<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Zuerst kommt unser Scholz kontra Seydelmann, +den Ersten von den Nassauern.«</p> + +<p>Scholz! bei diesem Namen hatte Werner Achenbach ein unbehagliches +Gefühl. Ein Gefühl — ähnlich dem, das er, der zarte, geistige Knabe, +in der Schule stets den stämmigen Schulkameraden gegenüber gehabt, die +er in allen Unterrichtsgegenständen leicht und verächtlich hinter sich +gelassen, während sie ihm beim Turnen und Spielen mit Hohngelächter +über seine unbeholfenen und schwächlichen Versuche vergolten hatten. +Scholz! Eine hagere, riesige Gestalt, ein schmales, herrisches +Gesicht mit scharfen, gebietenden Augen, mit einem Munde, der meist +zusammengekniffen war, aber auch plötzlich lächeln konnte, flüchtig, +überlegen, halb mitleidig, halb spöttisch; einem Munde, dessen Lächeln +etwas Geheimnisvolles hatte ... etwas, das den Knaben Werner abstieß +und lockte. Scholz! den gefürchteten und für die Füchse unnahbaren +Senior des Korps — den sollte er heute fechten sehen ... das konnte +ein Schauspiel werden. Und bei diesem Gedanken empfand Werner ein +seltsames Doppelspiel der Empfindungen: jenes physische Mißbehagen +in der Kehle und zugleich im Herzen ein neugieriges, schauensfrohes +Jauchzen.</p> + +<p>»Gib mal Achtung,« sagte Dammer, »das wird e wiestes Geflitze wer'n, +das Mensierchen. Der Scholz und der Seydelmann, die haben im vorichten +Winter schon eemal zusammen gefochten, das war e beeses<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Gemärsche, das +kann 'ch dir nur sagen. Damals haben sie ausgepaukt.«</p> + +<p>»Ausgepaukt? Was heißt das?«</p> + +<p>Dammer erklärte dem Novizen, es gäbe zweierlei Arten von Mensuren: +Bestimmungsmensuren und Kontrahagen. Bei letzteren sei ein unangenehmes +Zusammentreffen und demnach eine Forderung vorausgegangen: das sei aber +unter Korpsstudenten Ausnahme: meist fechte man nur aus Bestimmung, +das heißt, die zweiten Chargierten der drei Korps kämen zusammen und +machten untereinander aus, welche ihrer Korpsbrüder gegeneinander auf +Mensur treten sollten: das seien also lediglich Turniere ohne alle +persönliche Feindschaft.</p> + +<p>Und derjenige Fechter, der allen andern im Seniorenkonvent, also unter +allen aktiven Korpsstudenten der Hochschule, überlegen sei, den nenne +man den S.-C.-Fechter. Zwischen Scholz und Seydelmann sei das noch +unentschieden, und obwohl die Mensur des letzten Winters beide Fechter +viel Blut gekostet, sei sie doch ohne Entscheidung zu Ende gegangen, +keinem der Rivalen sei es gelungen, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit +den andern kampfunfähig zu machen. Nun solle der heutige Morgen gleich +zu Anfang des Semesters die Entscheidung bringen.</p> + +<p>»Ich für mein Teil, weeßte, ich möcht ja schon am liebsten, daß wir +Cimbern täten den S.-C.-Fechter<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> haben, aber was der Scholz is, das +hochmietige Luder, weeßte, dem tät 'ch schon genn', daß er mal e paar +ticht'ge über die Schnauze tät kriegen. Freilich, seine Mädchens, die +täten scheene traurig sein.«</p> + +<p>»Seine Mädchen? Hat er denn mehrere?«</p> + +<p>»Nu, der? Hinter ihm sein se doch alle her, wer weeß wie sehr! Von dem +laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.«</p> + +<p>Werner fühlte etwas wie einen Stoß, der von unten, vom Magen her, +gegen das Herz geführt worden wäre. Was —?! so etwas ... so etwas +Fürchterliches ... das gab's?!</p> + +<p>Da lies ein junger Mann von — na vielleicht von zwei-, dreiundzwanzig +Jahren in Marburg umher, trug die Mütze eines Korps, war sein +gefürchteter und gefeierter Senior, und hatte ...?</p> + +<p>»Unehelich: <em class="antiqua">pelice ortus, spurius, incerto</em> oder <em class="antiqua">nullo patre +natus</em>« rezitierte etwas in seinem Innern ganz mechanisch.</p> + +<p>Ja, was war denn das für eine Welt, in der ... war denn so etwas keine +Schande?! Machte denn so etwas nicht verächtlich, unwürdig, unehrlich?!</p> + +<p>Werner schauderte. Ein Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit, Heimweh +überkam ihn. Und dann dachte er wieder an Scholz, an sein ehernes +Gesicht, sein spöttisch-mitleidiges Lächeln, seinen Herrscherblick. +»Hinter dem sein se doch alle her —?« Und ... <em class="gesperrt">so</em>?<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> <em class="gesperrt">der</em> +kannte das alles, was in Werners Seele seit ein paar Jahren als +brennendes, verzehrendes Rätsel gärte und wühlte, was in schlaflosen, +schwülen Nächten seine jungen Glieder umherwarf ... der hatte Mädchen +umfangen, dem hatte die Schönheit des Weibes sich hingegeben ... und +von all diesen Erfüllungen gab's Zeugen in Marburg ... kleine Menschen, +lebende, zappelnde ...?</p> + +<p>Ganz verworren marschierte Werner dahin. Beide schwiegen; Erich Dammer +dachte an seine nahe Mensur und ahnte nicht, was für Stürme in der +Seele des Jünglings tobten, dessen Arm in dem seinen hing. Er, der +Großstädter, war früh witzig geworden ... Nur den einen Wunsch hatte er +an die Zukunft in diesem Augenblick: daß er schon sechs Stunden älter +sein möchte und alles vorüber ... Er mußte noch einmal anfangen zu +sprechen und fragte:</p> + +<p>»Hast du dir ooch schon e Leibburschen ausgesucht?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Werner auffahrend. »Ich ... es ist ja wohl noch Zeit ... +ich bin doch erst zehn Tage in Marburg.«</p> + +<p>»Ja, nimm dir nur e bißchen Zeit,« sagte Dammer, »sieh dir se nur e +bißchen gründlich an, die Herren C. B. C. B. Und vor allem: daß du nu +nich am Ende gar den Scholz nimmst. Erschtens: er geht balde weg, und +dann: schlecht tut er sie behandeln, seine Leibfichse, nu ja, die ha'm +nischt zu lachen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Inzwischen waren die Wanderer in das Dörfchen Ockershausen eingerückt. +Hier umsäumten verschnittene Weißbuchenhecken den Pfad, braune Dächer +lugten aus dem Grün, manche Häuser standen, aus gelbem Lehmfachwerk +mit schwärzlichen Balken erbaut, dicht an der Straße, und durch ihre +breiten Tore und Einfahrten fiel der Blick in die Höfe voll Ackergerät, +Stallungen und Mist. Dorfkinder lärmten an der Straße, die Jungens auch +in der Sonnenglut in verschlissenen Pelzmützen, die Mädchen in jener +schmucken Hessentracht, die Haare nach dem Scheitel zu gestrichen, das +magere Krönchen von dem bebänderten Rotkäppchen bedeckt. Sie begrüßten +die lang vermißten Studenten mit einem Freudengeheul und begleiteten +sie, die Kleinsten, Stolpernden, an der Hand fassend: »Hurra! die +Cimbern sein widder da! Hurra, die Nassove! Hurra, die schwazze +Weschtfale!«</p> + +<p>Und nun war man am Ziel: dem Wirtshause von Ruppersberg. Ein +bäuerliches Anwesen, von den andern nur unterschieden durch einen +Fachwerkbau von zwei Stockwerken, der unten Ställe, oben aber einen +geräumigen Saal enthielt. Man stolperte eine steile Treppe empor, +nun sah man links in den Saal hinein, in dem schon Gruppen von +Korpsstudenten sich ansammelten; rechts zog sich ein Flur, auf den +niedrige Türen stießen ...</p> + +<p>»Willst mal die Flickstub' sehen?« sagte Dammer zu dem Neuling und +stieß eine der Türen auf. Ein<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> betäubender Dunst von Karbol und +Jodoform schlug Werner entgegen: er erkannte rechts am Fenster, an +einem kleinen Tische, eine Gestalt in Hemdsärmeln und schwarzer +Lederschürze: es war der Paukarzt, ein Mediziner kurz vor dem +Staatsexamen und inaktiver Korpsbursch der Cimbria, Wichart mit Namen, +ein gemütlicher, heiterer Marburger. Der stand gebückt und hantierte +mit einem blinkenden Schwall von merkwürdigen und unheimlichen +Instrumenten, flachen Schalen, Waschbecken, Flaschen ... nun hob er +etwas gegen's Licht: es war eine krumme, starke Nadel, wie ein kleiner +Finger lang, in die fädelte er einen langen Seidenfaden hinein.</p> + +<p>Und an der andern Seite stand Scholz, bis an die Hüfte nackt, vor ihm +Peter, der Korpsdiener der Cimbern, ein gutmütiges Doggengesicht; er +hatte ein blendend weißes Paukhemd über die Arme gestreift und raffte +es in Falten, um es dem gestrengen Senior überzustreifen. Werner +starrte den sonnübergleißten Jüngling an — der Apoll von Belvedere +stand vor ihm, oder der Apoxyomenos, und in der Ferne dämmerte die +Gestalt des leuchtenden Achilleus ... vollkommen schön war dieser +stählerne Leib gebildet, und darüber das kühne Gesicht, dessen linke +Seite durch zahlreiche Hiebnarben einen mittelalterlich wilden Ausdruck +erhalten hatte, während die gänzlich unberührte rechte Seite die +Idealität eines antiken Kopfes zeigte ... Und da mußte Werner denken, +wie Dammer<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> gesagt hatte: von dem laufen in Marburg wenigstens drei +Bälger herum ... und ihm war's, als säh' er an diese Brust, an diese +Schultern geschmiegt einen Mädchenkopf, einen blonden ... und nun +war's auf einmal ein schwarzer ... und nun ein rötlich-blonder ... und +aus den Umarmungen der Schönheit und der Stärke jedesmal entsproß ein +junges Leben ... doch <em class="antiqua">pelice natus, spurius, sine patre</em> oder +<em class="antiqua">incerto patre natus</em> ...</p> + +<p>Aber nun hatte Scholz die Angekommenen bemerkt. »Was habt ihr da zu +gaffen, Füchse? Schert euch in den Saal!« Beschämt schlichen die beiden +Jüngeren hinaus, und Werner folgte Dammer in den Fechtsaal.</p> + +<p>Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Im bäuerlich getünchten, von +rechts und links durch je vier Fenster erhellten Saal standen Reihen +Tische an den Fensterwänden entlang; hinten war das Gemach durch eine +Schmalwand abgeschlossen; darin war eine Orchesternische eingelassen, +von deren Fußgestell herab Sonntags die Tanzweisen dörflicher Fiedler +ertönen mochten. Aber wo sonst die Paare im Reigen sich drehten, +da wurde nun alles für ein ernsteres Schauspiel bereitet: inmitten +von buntbemützten Gruppen plaudernder Jünglinge standen zwei in +Hemdsärmeln, mit einem ungefügen Schurz um die Lenden, der beim +einen die Farben grün-weiß-blau, beim andern blau-rot-weiß trug — +im letzteren erkannte Werner den<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> vorläufigen zweiten Chargierten +seines Korps, den schönen, stämmigen, wangenroten und augenleuchtenden +Mediziner Willy Klauser. Beide Herren trugen ferner eine hohe, +steife Halsschutzbinde, gelbe Armstulpen und wüste Mützen mit weit +vorspringenden Lederschirmen. Es waren die Sekundanten, die eben in +Gegenwart des Unparteiischen, eines lockigen Westfalen, mit steifem +Zeremoniell gravitätisch die Mensur abmaßen und durch zwei rücklings +gegenübergestellte Stühle bezeichneten. Und um sie her stand man +in Gruppen zusammen, begrüßte sich, umdrängte den bierschleppenden +bäuerlichen Kellner und entriß ihm die Gläser, um den Nachdurst +der Spielkneipe und die Hitze des Morgenmarsches zu kühlen. Aber +die Gruppen der blauen, grünen und schwarzen Mützen hielten sich +gesondert, und nur ein gelegentliches »Herr Soundso, darf ich mir +gestatten?« schwirrte über die Klüfte hinüber, so die rivalisierenden +Völkerschaften der Cimbern, Westfalen und Nassauer trennten. Nun +schmetterte plötzlich Gelächter: in der Tür erschien ein schmächtiger +Westfalenfuchs und trug sorgsam unterm Arm einen korbartigen Käfig aus +Weidenruten, in dem ängstlich ein weißes Huhn gackerte. Das überreichte +er mit höflich abgezogener Mütze dem Paukarzt der Westfalen mit den +Worten: das sei das Mensurhuhn. Neues schallendes Gelächter der +ganzen Versammlung: Werner ließ sich von Dammer erklären, das sei ein +Fuchsleim, ein uraltüberlieferter<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Scherz: man habe dem guten Jungen +eingeredet, er müsse ein Huhn besorgen, aus dessen Fleisch etwaige +abgeschlagene Nasen sofort ersetzt werden könnten.</p> + +<p>Indessen entstand eine Bewegung an der Saaltür: in vollem Mensurwichs, +durch die breite schwarze Paukbrille häßlich entstellt, betrat den +Saal der Senior der Hasso-Nassovia, ein vierkantiger, stierschultriger +Gesell, den mit seidenen Binden dick umwickelten rechten Arm auf die +erhobenen Hände eines Fuchses gestützt, schritt auf einen der die +Mensur bezeichnenden Stühle zu, lehnte sich mit dem Gesäß an dessen +Lehne und ließ mit gemachter Ruhe und Gleichgültigkeit seine aus der +Paukbrille hervorfunkelnden Augen durch den Saal gleiten. Noch summte +das Gespräch, etwas leiser, weiter, nur die Zigarren ließen bläuliche +Kringel über die Versammlung emporsteigen. Aber sachte begann man sich +doch im Kreise um den Kampfplatz zu scharen, und eine Erregung begann +und schwoll an, als nun auch die Tür zum Bandagierzimmer der Cimbria +von innen aufgestoßen wurde und Scholz erschien.</p> + +<p>Werner fühlte, wie ein Frösteln ihm durch alle Glieder lief. Vergebens +suchte er sich an seinen Primanererinnerungen aufzurichten, Bilder +homerischer Heldenkämpfe in sich heraufzubeschwören: ihm schauderte +das ungestählte, friedgewohnte junge Herz. Und er vermochte den Blick +nicht vom Gesichte des Korpsbruders<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> zu wenden: auf der schmalen Wange +zwischen Paukbrille und Halsbinde flammten jetzt die alten Narben, in +gebändigter Kampflust flackerten die grauen Augen aus den kurzen Röhren +der Brille hervor, unter dem weißen Bausch des Paukhemdes meinte man +alle Nerven sich straffen, alle Muskeln sich anspannen zu sehen.</p> + +<p>Nun klangen aus dem Munde der beiden Sekundanten, des Unparteiischen +ein paar rasche formelhafte Wechselworte, die Werner in seiner Erregung +nicht verstand; dann vernahm er das Kommando: »Fertig!«, und beide +Fechter taten, aufgerichtet, den rechten Arm mit der Waffe hoch +aufgereckt, ein paar feste, schnelle Schritte nach vorn, so daß sie auf +anderthalb Armlängen einander gegenüberstanden. Die Sekundanten setzten +rasch von hinten den Fechtern ihre großen Sekundiermützen auf, und +Klauser kommandierte gelassen: »Los! Halt!« Das war der »Scheingang«; +die Sekundanten setzten ruhig ihre Mützen wieder auf, kauerten nun wie +sprungbereite Katzen zur Linken ihrer Paukanten nieder, und abermals +klang's, aber jetzt heiser und erregt, in die Totenstille hinein:</p> + +<p>»Fertig!« — »Los!«</p> + +<p>Und krach, krach, dröhnten drei-, viermal die blechgeschützten Körbe +der Schläger aneinander, dann klirrte ein doppeltes »Halt!!« und von +beiden Seiten warfen die Sekundanten die stumpfen Klingen ihrer<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> +Schläger, ihre stulpgeschützten Arme zwischen die Fechter und trennten +sie.</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu +konstatieren!« rief, Triumph in der Stimme, der Nassauersekundant.</p> + +<p>Werner war's blau und schwarz vor den Augen geworden: mit Mühe zwang +er eine Bewegung seiner Eingeweide nieder, die seinen Mageninhalt +ausstülpen zu wollen schienen, und sah unverwandt Scholzens Gesicht +an. Nun fuhr aus dem wirren, dunkelblonden Haar des Seniors ein roter, +senkrechter Strich über Stirn und Wange, und dann schossen auch gleich +ganze Bäche Bluts über das Gesicht, röteten das Weiß des Paukhemdes und +rannen auf den Boden.</p> + +<p>»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der +Unparteiische ruhig, ohne sich vom Platze zu bewegen, und machte +eine Notiz. Nun kam der Paukarzt Wichart, die Hemdärmel wie ein +Schlächtergeselle aufgekrempelt, bedächtig heran, einen nassen, +karbolduftenden Wattebausch in der Hand, untersuchte die Wunde, die +nun auf der linken Kopfseite als langer, klaffender Spalt durch die +ganze Kopfhaut sichtbar wurde, fühlte mit dem Zeigefinger hinein und +machte plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Er sah Klauser an, Klauser +schüttelte heftig mit dem Kopfe; da zog Wichart die völlig blutbedeckte +Hand zurück und sagte: »Na, meinetwegen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>Was, dachte Werner entsetzt: ist das denn jetzt nicht aus? Ihm +flimmerte alles vor den Augen: er trank hastig einen tiefen Schluck +Bier. Und wie er den blutüberströmten Kopf da anstarrte, fiel ihm +wieder ein: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.</p> + +<p>Es war nicht aus. Wieder kauerten die Sekundanten nieder, flogen die +Klingen der Fechter in die Luft, klangen die Kommandos, krachten die +Waffen zusammen, und abermals nach wenig Hieben dröhnte das »Halt!« der +Sekundanten, und sieh, nun klaffte Scholzens linke Wange vom Ohr bis in +die Mitte des Jochbeins. Wieder schoß das Blut hervor, aber kein Fleck +des Gesichts war mehr weiß, den es hätte färben können.</p> + +<p>Und abermals untersuchte Wichart, runzelte bedenklich die Stirn und +ließ dann doch die Mensur weitergehen.</p> + +<p>Als abermals die Klingen in der Luft standen, stieß Dammer den neben +ihm stehenden Werner an und wies mit den Augen auf Scholzens Klinge: +die zitterte nervös, wie rachgierig: »Gib acht, jetzt tut er's ihm +gä'm.«</p> + +<p>Kommando, Zusammenkrachen der Waffen, dreimal, dann schneidendes Halt +der Sekundanten und ein unwillkürlicher Laut aus aller Munde: drei, +vier Strahlen roten Blutes spritzten meterweit aus der Schläfe von +Scholzens Gegner über die Mützen und<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> hellen Anzüge der Versammlung. +Hart über dem Riemen der Paukbrille hatte Scholzens »Durchgezogener« +dem Gegner das linke Ohr und die ganze Schläfenbreite gespalten. Ohne +auch nur einen Moment länger hinzusehen, sprang der Hessen-Nassauer +Paukarzt von hinten mit einem großen Watteballen auf Seydelmann zu, +bedeckte mit der Watte dessen linke Kopfseite, preßte mit beiden +Händen den Kopf zusammen, sagte »Raus!«, drehte seinen Patienten herum +und führte ihn durch den sich öffnenden Schwarm hinaus, während der +Nassauer-Sekundant in ärgerlichem Tone seinen Paukanten für abgeführt +erklärte.</p> + +<p>Ein schwaches Hohnlächeln um die blutbekrusteten Lippen, von den +Glückwünschen der Korpsbrüder umringt, verließ nun auch Scholz den Saal.</p> + +<p>Während aufgeregte Gespräche den weiten Raum durchschwirrten, suchte +Werner den Weg zur Tür, stolperte die Treppe hinab und ging in den +Garten, um frische Luft zu schöpfen. Da standen in langen Reihen rohe +gestrichene Tische und Stühle, Wäsche hing an Leinen, und im Dickicht +am sonnenflimmernden Bach entlang schmetterten die Nachtigallen; über +den Wiesen stieg Lerchengetriller in die Luft, und der Jasmin und +Flieder dufteten um die Wette. Und wieder fiel dem jungen Studenten +sein Kleist ein:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme!</div> + <div class="verse indent0">Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,</div><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> + <div class="verse indent0">Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!</div> + <div class="verse indent0">Die Sonne schimmert rötlich durch die Wolken,</div> + <div class="verse indent0">Und die Gefühle flattern mit der Lerche</div> + <div class="verse indent0">Zum heitern Duft des Himmels jubelnd auf!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und doch war's ihm, als sei es ein süßes Ding, sich zu schlagen. Doch +war ihm, als sei alles, was er sich auf seiner Schulbank geträumt, nun +Leben geworden, als kenne er sie nun wirklich, die düster-herrischen +Reckengestalten seiner Dichter. Schauder und Liebe rangen in seiner +Seele, die nun ihren Helden gefunden hatte: ja, er, der reine, +scheue Knabe, liebte den Jüngling an der Schwelle der Mannesjahre, +den S.-C.-Fechter, den, von dem »wenigstens drei Bälger in Marburg +herumliefen« ... liebte ihn mit jener bangen Scheu, mit der er das +Leben liebte, an dessen geöffneter Pforte er nun plötzlich stand.</p> + +<p>— — Es war vorüber. Noch acht weitere Mensuren hatten stattgefunden: +auf die Dielen des Saales hatten die Korpsbrüder mehr als einmal +Sägemehl streuen müssen, um das geflossene Blut aufzusaugen, und als +die Schar nach getaner Arbeit gen Marburg aufbrach, da schwamm im Saale +ein Dunst, aus Schweiß, Blutgeruch, Bier und Tabakrauch gemischt. ... +Auch Dammer hatte seine ersten Nadeln bekommen im Verlauf eines wenig +aufregenden Kampfspiels, das sich nicht gar sehr vom Zusammenschlagen +der Klingen beim festlichen Landesvater unterschieden hatte. Aber +Achenbach gesellte sich auf dem Heimwege<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> nicht zu ihm. Er wußte es +einzurichten, daß er beim Heraustreten aus dem Ruppersbergschen Hof an +Scholzens Seite kam. Scholz trug über seinem fahlen, verschwollenen +Gesicht einen mächtigen weißen Wickelverband, über den er statt der +Coleurmütze eine schwarze Mensurkappe gezogen hatte. Er war etwas +überrascht, als er das schlanke Füchschen neben sich sah. Das stammelte +errötend seine Bitte, wie ein Liebesgeständnis:</p> + +<p>»Scholz, ich möchte dich bitten, mein Leibbursch zu werden.«</p> + +<p>»Hm — sag' mal, ich hab' deinen Namen noch nicht behalten.«</p> + +<p>»Achenbach.«</p> + +<p>»So ... aus Elberfeld, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Also, mein lieber Achenbach, ich bleib' nur noch drei Wochen hier ...«</p> + +<p>»Nur noch drei Wochen?«</p> + +<p>»Ja — dann werd' ich inaktiv und geh' nach Berlin ... aber für die +drei Wochen ... gut.« Er hatte einen scharf prüfenden Blick auf das +Studentlein geworfen. »Also schön ... Leibfuchs Achenbach.« Ein +Händedruck, ein rasches Verweilen Aug' in Auge, dann war Achenbach +entlassen, und Scholz gesellte sich zu seinem Sekundanten Klauser.</p> + +<p>Eben rasselte eine Kalesche an den Marschierenden vorbei nach Marburg +zu, drinnen ein paar blasse,<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> verbundene Gesichter; Werner erkannte +den Bulldoggkopf des Nassauerseniors und sah, daß auch Scholz den +besiegten Gegner erkannt hatte: mit einem kurzen Anlegen der Hand an +seine Mensurmütze grüßte Scholz in die Kutsche hinein, aber nicht das +leiseste Lächeln des Triumphs war auf seinen fest geschlossenen Lippen +zu entdecken.</p> + +<p>Werner hielt sich dicht hinter seinem neuen Idol. Dammer gesellte +sich zu ihm. Still und etwas müde trotteten beide den Heimweg bei +sinkender Sonne, deren Abendstrahlen das ruhevolle Tal mit unsäglichem +Abendfrieden übergoldeten. Oben stand das Schloß noch in vollem +Glanz; über die Wipfel der Chausseebäume strich sehnsüchtig ziehender +Schwalbenflug.</p> + +<p>Als die heimkehrenden Studenten näher an Marburg herankamen, zogen +ihnen mancherlei Spaziergänger entgegen: darunter vor allem die +Primaner und Sekundaner des Gymnasiums, die in den Angelegenheiten der +Studentenverbindungen manchmal besser Bescheid wußten, als im Sallust +und Aeschylos: und ferner ... die Sonnen ...</p> + +<p>Neugierig durchmusterten die jungen, hübschen Marburgerinnen die +buntbemützte Schar, und ängstlich spähte manch ein rosiges, blauäugiges +Gesicht, ob man »Ihn« auch nicht zu schlimm zugerichtet ...</p> + +<p>Und Werner dachte: ob wohl auch ihm einmal so ein zartes, schmiegsames +Figürchen entgegenspähen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> würde? Dabei fiel ihm ein, daß das ja doch +nicht sein dürfe, weil sein Herz der Trägerin eines gewissen Paares +blonder Zöpfe die Treue gelobt hatte ... ach, nur sein Herz ... aber +die war weit ... weit ... und nie, seit der Tanzstunde, hatte er ein +Wort mit ihr gesprochen ... und dann, war er nicht jetzt Student?!</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Aber die da schmachten</div> + <div class="verse indent0">Und platonisch trachten ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Himmel ... konnte man denn solch ein junges, holdseliges Geschöpf +anders als platonisch ...?</p> + +<p>Niemals — niemals!</p> + +<p>Da stieß Dammer Werner an: »Nu gib mal äbens e bißchen Achtung! +Nämlich, die da links kommt, das is Lenchen Trimpop, Scholzen seine +jetzige!«</p> + +<p>Und da kam in schlichtem, weißem Strohhütchen, in einem hellblauen, +verwaschenen Kattunkleidchen eine vollerblühte Mädchengestalt ... nie +hätte Werner es für möglich gehalten, daß so ein junges, liebliches, +jungfräuliches Geschöpf ... ach, gewiß schwindelte Dammer auch nur! +Sie glühte über und über, als sie Scholz erblickte: der grüßte sie +vollkommen wie eine Dame, und sie dankte sittig und zeremoniell. War's +möglich? Nein — unmöglich!! Unmöglich!! Und doch —</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Aber die da schmachten</div> + <div class="verse indent0">Und platonisch trachten,</div> + <div class="verse indent0">Ach, die liebe Unschuld tut nur so —«</div> + </div> +</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> +<p>sang nicht so das alte rauhwuzige Renommistenlied?!</p> + +<p>»Du ... nu jetzt kommt äbens meine Sonne!« sagte Dammer und glänzte wie +ein Gänsefettbemmchen. Er riß die Mütze herunter, und drüben nickten +die Köpfe von acht Backfischchen, die paarweise zum Spaziergang zogen, +von einer spinösen Mademoiselle geführt ... »Hast se gesehn? Die gelbe +war's, die in dem gelben Fähnichen! Ach, Kätchen, sießestes Mädichen! +Ob sie wohl mei' Kompresse gesehen hat?« —</p> + +<p>An diesem Abend betrank sich Werner Achenbach besinnungslos unter der +Cimbernlinde in Maibowle und Jugendfieber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>II.</h2> +</div> + +<p>Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte +keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter +Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der +sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben +an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von +Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter +der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke +lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich +in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu +münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade +da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem +eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen +rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und +schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die +weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß, +weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die +Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe +das bescheidene<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner +vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und +ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der +frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die +nun vollchörig den Sonntag einläuteten.</p> + +<p>Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein +geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich +durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war, +strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses +zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des +Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend +Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen +nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen, +das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die +kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen, +geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch? +Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ... +Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid, +aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die +neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat, +das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge? +Was hatte der Kaiser zu sagen, was<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> der Fürst von Reuß ältere +Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war +Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein +Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon +hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des +Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz +der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ...</p> + +<p>Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde +sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von +Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der +Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam +sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig +prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen +zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von +beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor +sich?</p> + +<p>So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man +mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ...</p> + +<p>Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen +Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben +vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf +diesem<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren +... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen +Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas +leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und +Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ...</p> + +<p>Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern +war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten +Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern +zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und +Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen?</p> + +<p>Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm +zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt +hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich +hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen.</p> + +<p>Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria!</p> + +<p>Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze +hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das +neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es +zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> könnten, in Mütze +und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling!</p> + +<p>Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften +seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ...</p> + +<p>Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu +hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd, +oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor +der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und +kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ... +nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ...</p> + +<p>Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe +an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen +Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke +nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ...</p> + +<p>Oh, er wußte das alles ja noch so gut!</p> + +<p>Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den +befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine +gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit +Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit +ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts +von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben.</p> + +<p>Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> geben lassen. +Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem +Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen +hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und +Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül +und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen.</p> + +<p>Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit +seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu +früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und — — nicht in Einigkeit und +herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ...</p> + +<p>Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ... +hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter, +verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen +...</p> + +<p>Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen +in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten +Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große +Vorderzähne blitzten — zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer +vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem +Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> +da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume +gefunden ...</p> + +<p>Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was +Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den +Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst, +alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens +blonden Scheitel.</p> + +<p>Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß +er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit +in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des +Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben +gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht +verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes +Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon +gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen.</p> + +<p>Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr.</p> + +<p>Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der +hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte.</p> + +<p>Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund, +der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos +verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> die +Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal +bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige +Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie +gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen +einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten, +Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen +Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder +ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie, +oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm, +daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert +rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte +es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien +immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem +Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ...</p> + +<p>Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte, +so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke +der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas +Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie +stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend +Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<p>Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines +schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim +Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der +Schlüssel zum Vorhof des Lebens ...</p> + +<p>Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und +Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und +Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen +hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir +ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird +einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist +und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und +zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen +genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack +der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit +und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre +deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger +Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ...</p> + +<p>Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...!</p> + +<p>Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch +niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die +Menschen dazu, etwas<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> anders zu machen, als ihre Väter und Mütter +es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von +Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem +er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ... +eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll +Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe +einsam bleiben und leiden.</p> + +<p>Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf +... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde +anzuvertrauen ...</p> + +<p>Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem +vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg +oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des +vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen +... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen +Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler.</p> + +<p>Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher +Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die +Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er +mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ...</p> + +<p>Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> und suchen müssen ... +und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und +Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden +und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner +Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ... +schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen +Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen — — aber seine +Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn +mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht +— so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in +seiner einsamen Qual ...</p> + +<p><em class="gesperrt">Und nun?!</em></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Auch von Lieb umgeben</div> + <div class="verse indent0">Ist Studentenleben«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf — —</p> + +<p>Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese +muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und +Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer +Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner +Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde +und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und +Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> als das blutige +Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe. +Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus +geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man +auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen +mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner +Kommilitonen ...</p> + +<p>Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das +waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von +Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl +durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde +— —</p> + +<p>Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ...</p> + +<p>Und da sollte er mittun?</p> + +<p>Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen, +Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior +der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch +ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten +dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze +blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn +möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem +sehnsuchtbebenden Knaben?</p> + +<p>Aber eine andere Stimme war in ihm — das<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Bild seiner Mutter stieg +vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder +unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein +anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines +Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an +die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ... +in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte +ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe, +unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt +hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan — — nein — rein +bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch!</p> + +<p>Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung! +ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu +versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu +küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu +pressen mit flatternden Händen —!</p> + +<p>Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und +schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die +ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die +leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand, +die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen +kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum +Tode fürs Vaterland — eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner +fielen die Verse ein:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Halten will ich stets auf Ehre,</div> + <div class="verse indent0">Stets ein braver Bursche sein ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?! +Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ... +aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was +er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus +sein ...</p> + +<p>Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine, +überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen +Wasser, und ihm wurde wohl.</p> + +<p>Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in +sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse +hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im +ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und +marschierten der Elisabethkirche zu.</p> + +<p>Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein +Weckruf des Lenzlebens<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> da draußen drang das hinein in seine Klause. +Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel +Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein +Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen +Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins +dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den +Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend +wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche, +nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder +unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch +Mann und Weib vereinigt!</p> + +<p>Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde, +nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und +dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das +unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens +geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine +unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen.</p> + +<p>Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne +in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel +Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen +Geschlechts zu stürzen und aus ihm den<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> Himmel der Erfüllung und +Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an +ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ...</p> + +<p>Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die +helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er +sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer +verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte +er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus, +seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte +er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer +höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner +augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen +der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm, +als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt +aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen +Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit +tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend +weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger +Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings +um den Leib trug — denn so wulstig setzte der Rock hoch über den +Hüften an; unten — er reichte kaum über die Knie — säumten ihn zwei +dunkelgrüne Tuchstreifen, und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> drunter schauten die drallen Waden vor +in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen +Lederpantoffeln — das war die Tracht — die derben, verarbeiteten +und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn +sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein +freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus +harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich, +verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich +hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und +dann still und demütig verschwinden.</p> + +<p>Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das +war ... ja, wer nur?</p> + +<p>Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar +Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches +Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig +aufstieg. —</p> + +<p>»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die +Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?«</p> + +<p>»Nein, Fräulein ... Rosalie ...«</p> + +<p>»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht +das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« — Es klang fast +wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> blühend +wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von +uralter Volksherrlichkeit verriet ...</p> + +<p>Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein — hoffentlich +für mehr als einmal.«</p> + +<p>»So? meine Se?«</p> + +<p>»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak +über seine eigene Kühnheit.</p> + +<p>»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut —«</p> + +<p>»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher, +wenn Sie wieder draußen sind —«</p> + +<p>»Was ich mir dafür kaafe tu!«</p> + +<p>Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen, +blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den +runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so +behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was +er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude +Morche, Herr Achebach — un auf gude Freindschaft, gelle?«</p> + +<p>Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und, +was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein +neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür, +noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. —</p> + +<p>Himmel! die und mit ihm unter einem Dache!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür. +Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr +... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu +war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel +auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel +... nicht mehr <em class="gesperrt">ein</em> Weib war's, das sie verlangten, sondern +dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem +Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten +heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens, +war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die +Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies +Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer, +die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt — und Sättigung +erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln.</p> + +<p>Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria +... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf +die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern, +in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch +Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant +mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig +verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> aus der Einsamkeit +seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als +eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse +entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen, +in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren +Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten +war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und +Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das +nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre.</p> + +<p>Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern +Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener, +dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen +der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der +»freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch +wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen +Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war +erlaubt ...</p> + +<p>Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die +deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen +Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren +aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer +kindischen Rivalität und Neidhammelei ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<p>Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner +Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der +ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu +tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die +Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit +dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte, +welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern +feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder +Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber +und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese +bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der +Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister +mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer +Lieblinge zu.</p> + +<p>Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne +teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte, +schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth +»Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine +Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen +vor. —</p> + +<p>Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des +Steinwegs kam Scholzens<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er +war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm +statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse +auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar +martialisch und reckenmäßig aus.</p> + +<p>Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten +Morgen, Leibbursch!«</p> + +<p>Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach +— Morgen! Kater?«</p> + +<p>»Keine Spur.«</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Zur Elisabethkirche.«</p> + +<p>»Mädels begaffen?«</p> + +<p>»Haha! ja!«</p> + +<p>»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.«</p> + +<p>»Was? Mit deinen Schmissen?«</p> + +<p>»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.«</p> + +<p>»Morgen, Leibbursch.«</p> + +<p>Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem +gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab.</p> + +<p>Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war +ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich, +sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit, +sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und +so weit Schwärmer, als sich<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> das mit dem im Korps herrschenden Ton +vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten +plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der +eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte +wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ...</p> + +<p>Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme +von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben +setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der +alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren +nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der +evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn +das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten +Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther +und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen +Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen; +und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine +protestantische Predigthalle geworden.</p> + +<p>Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen.</p> + +<p>Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur +Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> +andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am +Hellgrün erkennen — beides selbstverständlich, soweit der Teint es +zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ...</p> + +<p>Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke, +sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte +einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen +her kannte — selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die +gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser +um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren +wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten +zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck, +den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen +Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich +reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren +körperlichen Schmerz ...</p> + +<p>Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden +Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes +Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem +fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur +Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> +wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur +schönen Adelheid las.</p> + +<p>Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte, +seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas +anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er +seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ... +etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten, +als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten +war ...</p> + +<p>Was war es denn?</p> + +<p>Liebe —?!</p> + +<p>Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe?</p> + +<p>Oder gab es am Ende nicht nur <em class="gesperrt">die</em> Liebe, sondern Liebe von +vielerlei Art?</p> + +<p>Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen +seines aufgewühlten Herzens.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>III.</h2> +</div> + +<p>Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm! +bumm! bumm! »Herr Achebach!«</p> + +<p>Tiefe Stille drinnen.</p> + +<p>Bumm! bumm!</p> + +<p>»Herr Achebach!«</p> + +<p>»Hrrm — hö — hm.«</p> + +<p>»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm — bumm!!</p> + +<p>»Wa? — was gibt's — wer ist denn da?«</p> + +<p>»Ich bin's!«</p> + +<p>»Wer — ich?«</p> + +<p>»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum +Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!«</p> + +<p>»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!«</p> + +<p>»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!«</p> + +<p>»Ne, ne, is gut!« — —</p> + +<p>Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle +Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste +Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des +Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen, +und nun gar<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen +war — ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und +nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden +schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe — Zuspätkommen drei Mark — also +in Satans Namen — raus!!</p> + +<p>Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das +Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen +— — so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den +gemarterten Schädel — ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider — +Donnerwetter — da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte +er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird +'ne Buchs' draus! Weste, so — nun das Band umhängen, aber nicht wieder +verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr, +ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt — so, nun +rasch einen Schluck Kaffee — das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im +Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab, +trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den +Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben! +Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach! +Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!« +Himmel, wie war's nur<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> möglich, so viel Bier in einen armen kleinen +Menschenmagen hineinzuschütten — —!</p> + +<p>Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie +stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in +seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht +zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war — oder +gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe? +Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte +Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und +so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer +freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt +war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren!</p> + +<p>Renoncen — das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse — +jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die +mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos +strammen Korpszucht unterwarf!</p> + +<p>Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte +alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen, +wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach +altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig +schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den +Kopf, nun<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten!</p> + +<p>Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig +ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub.</p> + +<p>»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und +herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche, +alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die +Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen — und da +gab's nichts zu lachen ...</p> + +<p>»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort +zurück in die Parade!«</p> + +<p>Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen, +dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske.</p> + +<p>»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal +abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch +leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner +eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und +Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer +dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun +Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den +Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen!</p> + +<p>»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wollen wir dir schon +austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den +Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So, +jetzt wird's schon besser — Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken, +wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!«</p> + +<p>Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den +Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und +dann ging's zum — Friseur.</p> + +<p>Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer +gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich +nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage +zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen, +pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken +und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt +...</p> + +<p>Und dann: »Wo gehst du hin?« — »Ich? Ins Kolleg.« — »Was? Ins Kolleg? +Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner +wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts +zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ... +Kolleg ist für die Minderbegabten ...« — »Ich gehe aber doch ...«— +»Na gut, wenn du dir nicht zu schade<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> bist für den Stumpfsinn, den die +Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.«</p> + +<p>Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der +Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere +Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen +Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. — Werner blieb standhaft; +wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und +strebte zur Universität ...</p> + +<p>Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen +Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ...</p> + +<p>Im Institutionen-Kolleg vielleicht anderthalb Dutzend Hörer. Der +Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,« +begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes, +vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich +denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der +klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener. +Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit +typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und +Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter +einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese +sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen +Rechtsentwicklung ...« und so weiter in<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> dieser Tonart. Die Hörer +versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen +Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen, +verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete, +ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen +an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen +anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen +aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie, +eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren +vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen +... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen, +seelenlos und wie zu Seelenlosen ...</p> + +<p>Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ... +aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr, +das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen +Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem +er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern, +schwimmen, rudern, poussieren ...</p> + +<p>Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel +überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen +Frühschoppen ...</p> + +<p>Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> die <em class="antiqua">universitas +litterarum</em>, das war das ersehnte freie Studium!</p> + +<p>Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten +eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß +und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein +dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn +an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich +erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit +sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer +los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank, +hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun +ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den +verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte: +»Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne +(Gymnasium), sag' mal?«</p> + +<p>»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.«</p> + +<p>»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?«</p> + +<p>Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche: +jener Korpsbruder<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer +Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will +sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und +nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei +ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe, +wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine +schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen +und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge +edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren, +ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und +verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon +hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien, +brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ... +Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis +in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht +ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen, +noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen +Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein +harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften +Ulk ...</p> + +<p>Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage +ich die gleichen Farben ...<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wenn das meine Eltern wüßten, meine +gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater +... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte, +warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen +gräßlichen Gefahren?!</p> + +<p>Aber wozu ihn <em class="gesperrt">warnen</em>? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner +Achenbach, keine <em class="gesperrt">Gefahr</em>! — Und er, der sich brennend nach +Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem +käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln, +was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte, +gewähren und nehmen ...</p> + +<p>Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine +erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten +Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des +jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen +nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären. +Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der +speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und +scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider +flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke — nackt +und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die +brüstestarre<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten +Auge ...</p> + +<p>Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den +gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die +Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher.</p> + +<p>Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem +Leibburschen.</p> + +<p>»Was willst du, Leibfuchs?«</p> + +<p>»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.«</p> + +<p>»Nanu? Ist was passiert?«</p> + +<p>Werner verneinte stumm.</p> + +<p>»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.«</p> + +<p>»Ich passe nicht zu euch.«</p> + +<p>»So — — das erklär' mir gefälligst.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht.«</p> + +<p>»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn +doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht +entlassen — in Ehren entlassen.«</p> + +<p>»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?«</p> + +<p>»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen +wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das +wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes +Korps eintreten und kannst auch im späteren<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Leben mancherlei +Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.«</p> + +<p>Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer. +Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon +manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er +hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um +die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt +und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches +Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte +er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen +leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah, +schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen +Spuren inneren Wirbels.</p> + +<p>Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel +zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er +wissen wollte.</p> + +<p>»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du +dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast, +da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und +daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind, +das stimmt<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen +... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten +Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da +noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was +willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du +Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark — mit sechs- bis +achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren — und +inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen, +wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir +auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für +einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst, +dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel +von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen +bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet +das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das +zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube +für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen +beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu +Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein +paar Monaten tust du's doch! —«</p> + +<p>Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl, +als zöge jener ihn nackt aus<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und sähe kalt und sicher jedes Fältchen +seines Leibes und seiner Seele.</p> + +<p>»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir. +Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er +geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er +so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum +Mädel oder — — pfui Deuwel! — — Ich weiß nicht, ob man dir auch +schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt +vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte +anständige Mädels hergenommen — Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine +nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer +hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die +armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren, +ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar +nicht mehr nach Hause kommen — und da liegt gerade noch der Brief von +einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie +heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt +nicht. Dann schon lieber nach Gießen.«</p> + +<p>»Und ... der Dettmer?«</p> + +<p>»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht +vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur +huren oder<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?«</p> + +<p>»Himmel — dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten +... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.«</p> + +<p>»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja +für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig. +Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst, +wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher +liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden +verzichtest — wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei +enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund +und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus — das garantiere +ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du +hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's, +wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und +Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde +Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« — — — — — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße.</p> + +<p>Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam +ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles +erzählen,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß +es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater +... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins +Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte +der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig, +kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet +und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht +auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht +irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel +herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch +einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae? +—</p> + +<p>Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen +Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe?</p> + +<p>— Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa +seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte +geworfen. Alles in ihm tobte.</p> + +<p>Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett.</p> + +<p>»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem +sinn.«</p> + +<p>»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<p>»Darf ich die Zimmern zurecht mache?«</p> + +<p>»Nur zu.«</p> + +<p>Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den +Studenten.</p> + +<p>Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube — nur des Jünglings +hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke +auf.</p> + +<p>Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die +Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben +unentweihte Lagerstatt.</p> + +<p>»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen.</p> + +<p>»Herr Achebach?«</p> + +<p>Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die +Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt.</p> + +<p>Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren +Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und +Schulter.</p> + +<p>Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch, +stolperte hinaus.</p> + +<p>Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend +weinen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>IV.</h2> +</div> + +<p>Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe +Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die +Geschwister zankten sich.</p> + +<p>»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie +dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich +noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel kriege.«</p> + +<p>»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich +gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein +Millionär auf d' Welt komme.«</p> + +<p>»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon, +und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die +alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse +zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins +Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll +erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht, +mich Medizin studiere lasse.«</p> + +<p>»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt +Markus. Du un e Student! du<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank +is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst +immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!«</p> + +<p>»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie — die is +mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!«</p> + +<p>»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir +die Auge aus auf der offene Straß!«</p> + +<p>»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der +Herr Cimbrefuchs Achebach — kratz nur — kratz! Dann weiß der auch +gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!«</p> + +<p>Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich +verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und +geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch, +von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam, +seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben.</p> + +<p>Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen +aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem +kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte.</p> + +<p>Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln +und verabschiedete sich plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> und verlegen von dem grinsenden +Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür +standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien +immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen +Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude. +Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen.</p> + +<p>Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm +ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei +Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor +kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so +zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie +da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der <em class="antiqua">filia +hospitalis</em> bei ihm eintraf ...</p> + +<p>»Da, Herr Achebach — fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und +legte das Paket auf den Tisch.</p> + +<p>»Ah — Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank — hier +...« Er zog sein Portemonnaie heraus — aber ... kein Pfennig fand sich +vor — auch nicht einer.</p> + +<p>»Himmel — was haben wir denn heut für'n Datum?«</p> + +<p>»De sechsundzwanzigste — ach so!«</p> + +<p>Student und Mädel sahen sich an und mußten<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> lachen, daß ihnen die +Tränen die Backen herunterliefen.</p> + +<p>»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!«</p> + +<p>»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!«</p> + +<p>»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? — gibt's nit — wär auch +schad um Ihne!«</p> + +<p>»So — finden Sie?!«</p> + +<p>»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's +wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch +von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?«</p> + +<p>Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu, +wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten.</p> + +<p>Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig +sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben +— daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld, +und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte, +auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die +seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost +einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken +Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ...</p> + +<p>Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und +verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern +entziehen.<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich +nur an die Kommod — ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm +vor: »— — zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde — — zehn, elf, zwölf Paar +Unnerhose — — zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde — uh, was habe +Se für schön gestickte Nachthemde!«</p> + +<p>Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah, +lachte sie noch viel stärker.</p> + +<p>Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall +beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als +Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und +Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais, +eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief +mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand +in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in +diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte +sie ihre Lustigkeit.</p> + +<p>»Ah! Zigarette! un sicher gute!«</p> + +<p>Ihre Augen funkelten begehrlich.</p> + +<p>»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen +sehen. Doch — einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen.</p> + +<p>»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung +auf, und eins, zwei, drei hatte<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> sie die Zigarette entzündet. Nach +ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er +sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die +Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf +dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden +Lippen.</p> + +<p>Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne, +baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen +lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein +Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute.</p> + +<p>»Nu?« sagte sie nach einer Weile.</p> + +<p>Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine +Kinnbacken bebten leise.</p> + +<p>»So e hübscher Jung — un so langweilig!« sagte Rosalie.</p> + +<p>»Langweilig? finden Sie mich langweilig?«</p> + +<p>»Arg,« sagte Rosalie.</p> + +<p>Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch +die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus.</p> + +<p>»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd +zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme +nehmen — das war doch bei den andern auch so gewesen ...</p> + +<p>Aber Werner drehte sich nicht um, und mit<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> einem mißtönigen Lachen der +Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen.</p> + +<p>Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der +Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!«</p> + +<p>Und auf einmal konnte Werner weinen.</p> + +<p>Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ...</p> + +<p>Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben +Zimmer die blonde Babett geweint hatte.</p> + +<p>»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen — und wie +anders war das Antlitz der Wirklichkeit — —</p> + +<p>Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll +vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen +dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und +Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft, +aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten +Freunden ... und die Wirklichkeit?</p> + +<p>Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig +hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine +Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden +Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen, +verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen +in der von Mensur- und<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Weibergesprächen ausgefüllten Runde der +Korpsbrüder — dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein +Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und +abends — Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier — +Bier — Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache, +doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen +rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln +des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von +dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier — Bier — Bier +...</p> + +<p>Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum +geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ...</p> + +<p>Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ...</p> + +<p>Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift +Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins +Auge schauten.</p> + +<p>Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von +der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der +Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die +Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<p>Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als +müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ... +aber was dann?</p> + +<p>Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er +sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz +des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne +doch! sonnte —</p> + +<p>Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte +ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben +begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes +seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden, +versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle +Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes, +der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer +imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken +Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den +historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen, +wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen +obskuren Kneipen — die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren +und darum für den »Finken« fast unmöglich — angewiesen auf den Zufall, +der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> er +einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt, +als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem +Korps getrieben — —</p> + +<p>Nein — lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit +der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden, +damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden +möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps — Chargierter werden +— Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben +... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie +er's auf dem Gymnasium gewesen ...</p> + +<p>So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte +am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem +Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern.</p> + +<p>Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die +erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen, +die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch +trachte, nein, daß recht inwendig ...</p> + +<p>Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus +der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare +folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> das eine, in +wildem, dumpfem Neiderhaß das andere.</p> + +<p>Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in +seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar +Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn +des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne +eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter +seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte +das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen +gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden. +Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam +gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden +von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda +und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der +akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der +gleichberechtigten Kommilitonen aus.</p> + +<p>Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg +des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine +armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen +semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der +Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten.</p> + +<p>Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Stunden im Laden +der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des +Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern, +die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die +Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung, +die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer +ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier +Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das +Zimmer blieb leer und wartete.</p> + +<p>Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer +sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im +Laden zu finden.</p> + +<p>Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten +Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit +Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte +es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht +gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum +Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch +nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart +der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl +mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine +besondere Genugtuung,<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu +lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer +Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon +sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante +abzubekommen.</p> + +<p>Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder — schimpfte nur +selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen +Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er +beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ...</p> + +<p>Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den +Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock +des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese +Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in +die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten.</p> + +<p>Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische +Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede +Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war. +Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster, +forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben +haben?</p> + +<p>Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Pariahaß +betrachtete — eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende +Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ... +es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer +von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches +Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von +seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen +gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte, +dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren +Leib ...</p> + +<p>Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner +Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete — mußte sich +abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen — den +Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in +den weißen Hals des Jünglings zu bohren ...</p> + +<p>Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners +Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in +seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde +da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie, +seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und +die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf +einem Schemel hinter<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine +beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles +Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte +von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie +hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter +den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor +Mittag.</p> + +<p>Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor +deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen +ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die +Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen +in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten +der Cimbria vorüberspazierte — Klauser hatte das Mädchen, das sein +ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und +ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein.</p> + +<p>»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne +diene?«</p> + +<p>Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur +eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde. +Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln.</p> + +<p>Klauser trat heran und zog die Mütze.</p> + +<p>»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<p>Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern, +noch verbergen.</p> + +<p>»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein +werden?«</p> + +<p>»Oh, ich denke doch — und Sie?«</p> + +<p>»Ich bin da — aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.«</p> + +<p>»Ach so —« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?«</p> + +<p>»Herr Seydelmann.«</p> + +<p>»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.«</p> + +<p>»Wenn Sie tanzen, komme ich.«</p> + +<p>»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!«</p> + +<p>Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz +und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte +so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe +zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung +einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste +Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten +diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's +nur nicht Rosalie war.</p> + +<p>Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da +kam ein anderer Besuch:<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre +alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich.</p> + +<p>»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und +reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber — was hast, +Mädche?«</p> + +<p>Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen.</p> + +<p>Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß +dich spreche — allein muß ich dich spreche — du mußt mer helfe, +sonscht —«</p> + +<p>»Na, da geh im Zimmer — ich komm — nur ebe die Kunde muß ich +abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>V.</h2> +</div> + +<p>Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort +stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die +alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er +leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht +hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun +oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und +rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten +möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte +nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die +Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals +gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop. +Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es +knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen +Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten, +einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber +nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche +Pochen in ihrem armen Leibe ...</p> + +<p>»Na, Lenche, was bringst gut's?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<p>Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend, +stand Rosalie vor der Freundin.</p> + +<p>»Ach, Salche — ich muß ja sterbe, Salche!«</p> + +<p>»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der +Freundin und umfaßte ihren Leib — —</p> + +<p>Was war das?!</p> + +<p>»Lenche —!!«</p> + +<p>»Ja, Salche — das is es —«</p> + +<p>»Nit möglich — Lenche — wie hast denn das angefange? Na, aber so e +Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer — wer — +von wem hast es denn?«</p> + +<p>»Kennst du de Scholz?«</p> + +<p>»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?«</p> + +<p>Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin.</p> + +<p>»De Scholz — na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch +mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon +e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt, +Lenche?«</p> + +<p>»Ach, Salche — du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en +kenn! — Das is einer, Salche — wenn der dich will, da kannst de nit +nein sage!!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht +nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht +gehen.</p> + +<p>»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?«</p> + +<p>»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!«</p> + +<p>»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder — der tut mich dotschlage, wenn +er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un — oh, +Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!«</p> + +<p>»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche +Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?«</p> + +<p>»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.«</p> + +<p>»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange +verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch +schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch +zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!«</p> + +<p>»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot +tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich +kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?«</p> + +<p>»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er +selbstverständlich tät das Kind bezahle — aber ... heirate will er +mich nit!«</p> + +<p>»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de +Kopp gesetzt?«</p> + +<p>Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was +redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn +de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...«</p> + +<p>»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr +wie recht ...«</p> + +<p>E dumm Gans! — Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles +zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz +so gar viel Schlipse und Kragen brauchte — wie er ihr das erste +Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste +Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so +viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der +armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell — und dann +der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach, +unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der +Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht — am andern Morgen +wollte er in die Ferien reisen,<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> auf zwei Monate fort ... und dieser +Abschied am Waldrand — und wie sie sich erst schon losgerissen hatte +— und dann doch zu ihm zurück mußte — zurück in das Waldesdämmern +... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach +zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag- +und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine +Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten +Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde, +Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und +niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte +— daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte — nein, das war ja +unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte +dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus +aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der +väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem +öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er +angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte +sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines +sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde, +eines Kampfes um Amt und Brot — — für sie war er immer ein Gott +gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er, +der<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel, +die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch +nicht mit Spazierengehen verdiente ...</p> + +<p>»So e dumm Gans!«</p> + +<p>Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm <em class="gesperrt">das</em> erzählt +hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und +sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun +doppelt heilig ...</p> + +<p>Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs +Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das +Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie +das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei: +den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern +als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen +zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den +Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ...</p> + +<p>Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche +mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht +in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen.</p> + +<p>Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen +Stimmen und Jugendschritte.<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Hundegebell erscholl dazwischen, +Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem +holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die +Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen +Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im +Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle +frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher +roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren, +die Fürsten dieses Städtchens.</p> + +<p>Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den +Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach +der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen +war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der +Cimbern umsonst — Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen +... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten +Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ...</p> + +<p>Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte +den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau +betrachtet ...</p> + +<p>Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen +halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner +linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> ersten +Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er +stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen.</p> + +<p>»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der +Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr, +gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im +Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte.</p> + +<p>Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere +Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese +jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in +Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>VI.</h2> +</div> + +<p>Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die +Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob +der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die +andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches +Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum« +bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte, +war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden, +der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das +Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private +Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die +Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft +erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften, +Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme +museumsberechtigt.</p> + +<p>Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere +Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen +und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh, +dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten.</p> + +<p>Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete +oberste Schichten dieser Hierarchie<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> zu halten hätten, wurde ihnen vom +Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon +ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er +beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen +dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal +bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame +auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte.</p> + +<p>Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen +Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte, +sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber +geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu +tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig +in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die +Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein <em class="antiqua">commercium +et connubium</em> bestand.</p> + +<p>Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst +unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz +waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren +pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber +fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte +des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> +Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern.</p> + +<p>In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden, +unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da +gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne +flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln +die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee +saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den +ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst +war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten +vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten, +soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf +den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der +grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht.</p> + +<p>Aber die Studenten! Auf den ersten Blick hatte Werner natürlich seine +Korpsbrüder erspäht, deren schon eine stattliche Zahl versammelt war. +Daneben der Tisch der Hessen-Nassauer, deren hellgrüne Mützenreihe so +lustig leuchtete, wie das junge Lindengrün darüber, und der Tisch der +Westfalen, die jetzt im Sommer statt der schwarzen Mützen weiße Stürmer +trugen.</p> + +<p>In gewissem Abstande vom S. C. dann die<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Burschenschaften, violette +Alemannen und ziegelrote Arminen, und alle die anderen Korporationen, +deren Nam und Art Werner noch immer nicht ganz sicher beherrschte.</p> + +<p>Und an allen Tischen scholl lustiges Geplauder, überall wurden von +schwitzenden Kellnern Flaschenbatterien angeschleift, überall konnte +man beobachten, wie in riesigen Steinguttöpfen von sachverständiger +Hand über die Würzeblättlein des Waldmeisters endlose Moselfluten +ausgegossen wurden, bis eine Flasche Wachenheimer Schaumwein, +Kostenpunkt zwei Mark zwanzig Pfennige, dem Gebräu die letzte festliche +Vollendung gab.</p> + +<p>Und zwischen den leuchtenden Farbflecken der Damenkleider, den +grellbunten der Burschenmützen konnte ein sorgfältiges Auge schon jetzt +ein geheimes Hinüber und Herüber erkennen, einen Austausch von Blicken +hin und her — — als wären da unsichtbare Drähte gespannt, fluteten +feine, geheime Ströme hinüber und herüber, hin und her, im Maienhauch, +unterm leise schwankenden Lindenlaub, getragen von den schaukelnden +Wogen der Orchestermusik, hinüber, herüber, herüber, hinüber ...</p> + +<p>Und Werner empfand das alles im Schauen. Eine große Freudigkeit weitete +ihm die Brust. Sein erster Ball! Wenn auch nicht im kerzengeschmückten +Saale, nicht im feierlichen Winterschmuck — dafür<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> in Sonn' und +Lindenluft, bei Mückentanz und Amselschlag.</p> + +<p>Ach, hinein in diese duftenden Wogen, diese farbigen Fluten — Leben, +Jugend, hinein in deine festliche Fülle, hinein, hinein!</p> + +<p>Hinein, dorthin, wo lose Locken wehen und helle Augen flackern, wo +weiche, schmiegsame Mädchengestalten in raschen Rhythmen sich wiegen, +wo alles Verheißung ist und Sehnsucht und Erfüllung und freigebendes +Auskosten der gnädigen Stunde! Hinein — hinein!</p> + +<p>Mit souveräner Nasenhebung schritt Werner an den Tischen der Turner +und Burschenschafter vorbei, mit feierlich abgezogener Mütze an den +Niederlassungen der Hessen und Westfalen, mit lächelnder, doch auch +zeremonieller Verbeugung trat er an den Cimberntisch, wo man ihn +willkommen hieß, nicht mit jugendlich lautem Hallo, sondern mit der +gemessenen Heiterkeit, welche die Korpsstudenten überall zur Schau +trugen, wo sie sich beobachtet wußten. Dann setzte er sich zu den +Mitfüchsen, die ihn, den Rheinländer, als Bowlesachverständigen +willkommen hießen. Und Werner, eingedenk, wie oft er dem geselligen +Vater beim Bowlenbrauen hatte helfen müssen, war bald eifrig +beschäftigt, das Gebräu anzusetzen und, was bei der Waldmeisterbowle so +wichtig, es abzukosten, ob auch die Kräuter schon genügend »gezogen« +hätten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> + +<p>Inzwischen beobachtete er die Korpsbrüder und entdeckte bald die ihm +schon bekannten Beziehungen. An der Spitze des Tisches saß Scholz, +eisern, blasiert, gleichgültig: die Damen der Gesellschaft kamen als +unnahbar für ihn nicht in Betracht ... Aber neben ihm saß Klauser +... den Ausdruck seines Gesichtes kannte Werner schon, und mit einer +leichten Linkswendung des Kopfes folgte er den starren, gebannten +Blicken seines Korpsbruders ... natürlich, da drüben saß ja die schöne +Marie Hollerbaum, neben einer zarten, grauhaarigen Dame, umringt +von einer Schar junger Mädchen, wieder in Hellgrün, der Grundfarbe +Hasso-Nassovias, die dem Cimbernherzen nun einmal fatal war ... Ihr +Kopf mit dem blumenwippenden Sommerhütchen hing nach vorn über einer +Häkeltändelei — aber jetzt — jetzt hob sie den Kopf, und ein Blick +blitzte aus umdunkelten Augen unter dem Hutrand hervor, daß Klauser +den mächtigen Brustkasten dehnte und aufflammenden Gesichts rasch ein +ganzes Glas Bowle hinunterstürzte.</p> + +<p>Und glänzte nicht auch Dammers Bemmchengesicht wie frisch geschmiert? +Drüben saß ja, in neutrales Weiß gekleidet, das ganze Vogtsche +Pensionat, anderthalb Dutzend frischester Mädelgestalten, rechts +und links des Tisches aufgereiht ganz wie zwei Reihen Täubchen auf +der Stange, sorgsam behütet von den ruhelosen Augen einer unendlich +gutmütig dreinschauenden Vorsteherin und dem Falkenblick der hageren<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> +Mademoiselle ... aber »Kätchen, das sießeste Mädichen« zu erspähen +glückte Werner nicht ... die Kinder sahen alle egal aus ...</p> + +<p>Und poussierte nicht auch der biedere Korpsbursch Dettmer heftig +mit den Augen, obwohl er an der Bowle nicht teilnahm, und vor ihm +noch immer Rotwein und Selterswasser verräterisch aufgebaut waren? +Aber auch er, ob er schon das schmutzige Gift aus Gießen noch mit +sich herumschleppte, ließ seine Blicke zum Vogtschen Pensionate +hinüberschweifen, und da entdeckte Werner auch gar bald ein +Madonnenköpfchen voll himmlischer Kinderunschuld, dessen friedvolle +Augen halb bewußt widerstrebend, halb unbewußt hingebend die Blicke des +blaubemützten Studiosen auffingen, dessen Gesicht durch die Blässe der +Krankheit einen Ausdruck von Geist bekommen hatte, der ihm in gesunden +Tagen fremd war.</p> + +<p>Ach, es waren wenige unter den Cimbern, die nicht an irgendeiner Stelle +des weiten Museumsgartens einen Haltepunkt für ihre Augen, ein Ziel +ihrer feurigen Blicke gefunden hatten. Die wenigen Unberührbaren aber +vertieften sich um so eifriger in die Bowle.</p> + +<p>Und die Mütter, die Pensionsvorsteherinnen sahen schmunzelnd, friedvoll +dem Treiben zu. Es war immer so gewesen in Marburg. In ihrer Jugendzeit +hatten auch sie ganze Generationen von Studenten durchgeliebt ... das +war nun einmal das Schicksal<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> der jungen Mädchen in einem kleinen +Universitätsnest, wo der Student die anderen Tänzer und Courmacher +verdrängte ... schließlich blieb doch einmal einer hängen ... und wenn +nicht ... dann wurde man eben alte Jungfer ... das sollte ja auch +anderswo als in Universitätsstädten vorkommen ... mochten sie sich +doch ihres Lebens freuen, die jungen Dinger ... und wenn auch einmal +ein paar Rendezvous und Küsse dabei vorkamen ... daran sind wir Alten +ja seinerzeit auch nicht gestorben ... ernstere Gefahren drohten den +jungen Damen ja nicht von Studenten ... dafür gab's andere Mädchen ... +bequemere, gefahrlosere Gelegenheiten.</p> + +<p>Und der Tanz begann. Im Nu liefen all die bunten Farbflecke +durcheinander, flossen hinüber und herüber und mündeten dann in +einen schmalen Strom, der sich nun mitten zwischen Tischen und +Menschengruppen hindurch zur obersten Terrasse emporwand, wo unter +freiem Himmel das niedere bretterne Tanzgerüst aufgeschlagen war. Und +das krachte nun unwillig unter der Last von Jugend, die sich darüber +hin ergoß.</p> + +<p>Werner hatte nicht engagiert. Er wollte sich's erst mal ansehen. Und +etwas in ihm jauchzte und frohlockte still und gelassen im Anschauen +von so viel brünstiger Jugendkraft, so viel festlich aufschäumender +Lebensfülle.</p> + +<p>Er sah dem Tanze zu, sah, wie Klauser Marie<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Hollerbaum fest im Arm +hielt und, ein etwas stürmischer, doch sicherer Tänzer, sie durch das +Gewühl der Paare steuerte; dabei kam's ihm nicht darauf an, dies Paar +rechts, jenes links beiseite zu schieben oder auch zu stoßen.</p> + +<p>Gleichzeitig bemerkte er aber auch, daß derjenige, mit dem Klauser +morgen den schwersten Gang seines korpsstudentischen Lebens zu bestehen +haben würde, daß der Hessen-Nassauer-Senior Seydelmann ohne zu tanzen +beiseite stand und des Gegners Eifer mit unmerklichem Lächeln verfolgte.</p> + +<p>Aber fest und hingebend lag die schlankerblühte Mädchengestalt in +Klausers Arm, und Werner wußte, daß auch ihn kein Morgen, kein +künftiger Kampf gehindert haben würde, das Glück eines solchen +Augenblickes in sich hineinzutrinken, wenn ... wenn jene hier gewesen +wäre, nach der ihn auf einmal eine süße Sehnsucht überfallen hatte ... +jenes einzige weibliche Wesen, das bisher zu seiner Seele gesprochen +hatte.</p> + +<p>Elfriede! Wie ein Heimweh überkam den Zuschauenden der Gedanke. Nein, +er würde keine »Sonne« haben in Marburg, er würde niemals hier draußen +das bebende Jauchzen, den wunderverheißenden Ruck am Herzen spüren, den +ihr Anblick ihm stets gegeben ... niemals das wilde, heilige Glück, +wie er es daheim empfunden, wenn er sie im Konzert, bei einem Feste +erkannt, nie den lastenden<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> und dennoch beseligenden Schmerz, wenn er +sie hatte vermissen müssen.</p> + +<p>Elfriede! Das war ihm mehr als ein Name, als das Symbol ihrer Person: +es war ihm eine Zauberformel ... bei deren Erklingen die innersten +Pforten seines Herzens weit, weit aufsprangen, auf daß ein Festzug +einziehe, dem alles folgte, was es Seltenes, Heilig-Herrschendes gab +auf Erden und in den Himmeln aller Vergangenheiten und kommenden Tage +...</p> + +<p>Aber der Tanz war aus, und um den schauenden Jüngling schwoll nun der +Strom der Tänzer dem Ausweg zu. Und um ihn herum nichts als glühende, +tief atmende Mädchenfrätzchen, scherzende, schwitzende Knabengesichter, +alles hell, alles warm, alles duftend vom Hauch gepflegten, gehüteten +Jugendlebens, alles brandend, brausend von Heiterkeit und sehnsüchtiger +Kraft ...</p> + +<p>Und wieder klang's in ihm: hinein!</p> + +<p>Und als sein Fuchsmajor an ihm vorüberstrich, der hagere Papendieck, +ein wuschliges Blondköpfchen an seiner Seite in einem weißen +Spitzenfähnchen, da ließ er sich vorstellen und bat um den nächsten +Tanz. Mit kecker Neugier musterte ihn die Kleine — nickte dann dem +Fuchsmajor den Abschied, zog ihre feuchte Hand aus seinem Arm und sagte +zu Werner: »Wollen wir gleich hier oben bleiben?«</p> + +<p>»Ei, warum denn nicht?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> + +<p>»Na also! Los!«</p> + +<p>Und schon fühlte Werner das Händchen in seinem rechten Arm, fühlte, daß +sie ihn mit einem leichten Druck rechts herum zog, und da schwenkte er +denn rasch herum, daß auch sie ein bißchen flog, und lachend trollten +die beiden in einen von wildem Wein übersponnenen Seitengang hinein.</p> + +<p>»Na, also zunächst mal, wie heißen Sie eigentlich?« sagte die Blonde, +trat ihm gegenüber und musterte ihn nochmals recht eingehend. »Ich hab' +Ihren Namen bei der sogenannten Vorstellung natürlich nicht verstanden, +wie immer.«</p> + +<p>»Also Achenbach, Werner Achenbach, Cimbriae, <em class="antiqua">studiosus juris</em> aus +Elberfeld ... und Sie, Fräulein?«</p> + +<p>»Ich heiß' Ernestine Buchner, bin aus Siegen in Westfalen und bei Tante +Vogt in Pension — nun wissen Sie's!«</p> + +<p>»Danke — also Sie studieren auch hier — auch erstes Semester?«</p> + +<p>»Ne, zweites — Brandfuchs!«</p> + +<p>»Ich bin Krasser —«</p> + +<p>»Das weiß ich — sonst kennte ich Sie ja schon vom Winter her.«</p> + +<p>»Was? Kennen Sie denn alle tausend Marburger Studenten?«</p> + +<p>»Die Korpsstudenten kennen wir bei Tante Vogt jedenfalls alle und nun +gar die Cimbern: Frau Vogt ist ja 'ne Alte Dame von Ihnen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>»So? Das wußte ich ja noch gar nicht.«</p> + +<p>»Doch — ihr verstorbener Seliger, der Sanitätsrat, war Alter Herr von +Ihrem Korps. Ihr Korps und unsere Pension haben doch überhaupt Kartell +— innige und alte Kartellbeziehungen — wissen Sie das denn nicht?! +Wie gefällt Ihnen denn dieser Betrieb?«</p> + +<p>»Betrieb?« fragte Werner. »Was für ein Betrieb?«</p> + +<p>»Na, hier die Hopserei! die Wald-, Wiesen- und Hecken-Hopserei!«</p> + +<p>»Ach so, Sie meinen die Reunion? Nun — seit einigen Minuten — ganz +erträglich.«</p> + +<p>»Quasseln Sie nich! Komplimente sind bei mir nicht angebracht. Haben +Sie denn einen Schimmer vom Tanzen?«</p> + +<p>»In der Tanzstunde hat der Tanzlehrer mich immer gelobt ...«</p> + +<p>»Und seitdem —?«</p> + +<p>»Hab' ich bis heute keinen Schritt mehr getanzt.«</p> + +<p>»Und wie lange ist das her?«</p> + +<p>»Vier Jahre,« sagte Werner etwas kleinlaut.</p> + +<p>»Oh, Sie Unglückswurm — oder vielmehr ich Unglückswurm! — Na, Kopf +hoch, ich kriege Sie schon rum. Aber wenn Sie mir aus die Hühneraugen +treten, dann schmeiß ich mit feuchtem Lehm.«</p> + +<p>Etwas verblüfft sah Werner zu dem strammen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Figürchen an seiner Seite +herunter. Sie reichte ihm gerade bis über die Schultern. Ein völlig +kindliches Gesicht, das Mündchen eines verzogenen Backfischchens, und —</p> + +<p>»Sie — schnell, kehrt, marsch, marsch!« rief die Kleine plötzlich +erschrocken, »da ins Gebüsch!«</p> + +<p>»Himmel — was ist denn los?«</p> + +<p>»Mademoiselle kommt! Jedenfalls hat sie beim Abzählen eines von ihren +Küken vermißt, und nu kommt se und will mich bei de Hammelbeine +kriegen!«</p> + +<p>Und eh' er sich's versah, stak Werner mit seiner »Dame« mitten in einem +blühenden Jasmindickicht. Draußen spürte die Mademoiselle herum.</p> + +<p>»Hier bleiben wir, bis der Tanz losgeht! Ich find's ganz nett hier — +Sie auch?«</p> + +<p>»Ich auch,« sagte Werner, ganz benommen.</p> + +<p>»Raum ist in der kleinsten Hütte«, sagte Ernestine pathetisch, »für ein +glücklich liebend Paar. Glücklich liebend! Hehe! Sie machen gar kein +sehr glückliches Gesicht! Wollen Sie wohl mal schnell ein glückliches +Gesicht machen?«</p> + +<p>Und dabei hatte sie seine beiden Arme oberhalb der Ellenbogen gepackt +und schüttelte ihn ganz derb.</p> + +<p>Und Werner wurde warm. Das lachende Milch- und Blut-Gesicht vor seiner +Nase, von lauter feinen Schweißperlchen Stirn und Näschen bedeckt, die +losen Löckchen, die ihm manchmal kitzelnd ins Gesicht wehten, dies +dralle Figürchen dicht vor seiner Brust<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> und die Umklammerung der +festen kleinen Fäuste um seine Arme ...</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Auch von Lieb umgeben</div> + <div class="verse indent2">Ist Studentenleben —«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Schon umspannten seine Hände ihre Taille, er zog sie an sich heran, und +sie hob ihr Mäulchen seinem Kuß entgegen —</p> + +<p>Da schoben sich die Zweige des Bosketts auseinander, und dazwischen +erschien das gelbe Gesicht der Mademoiselle.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Mademoiselle hatte Werner energisch anbefohlen, ihr und der trotzig +leise schluchzenden kleinen Westfälingerin einen ordentlichen Vorsprung +zu lassen. So stak Werner im Boskett und versuchte, sich die Folgen +dieses Abenteuers auszumalen. Er nahm als gewiß an, daß Frau Vogt, die +»Alte Dame«, sich beim Korps über ihn beschweren und man ihn dann mit +Schimpf und Schande hinauswerfen würde.</p> + +<p>Wie ein beim Naschen erwischter Köter kroch er tief gesenkten Hauptes +aus dem Gebüsch und schlich an den Korpstisch zurück.</p> + +<p>»Nanu?« rief der lange Papendieck. »Wo hast du denn die kleine +Siegerländerin gelassen? Eben geht doch der Tanz los?«</p> + +<p>Werner wies nur mit stummem Kopfnicken zum Tisch des Vogtschen +Pensionats hinüber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<p>»Was? — eingeheimst? nanu? hast du am Ende gar —?«</p> + +<p>Werner hielt es für das beste, dem Fuchsmajor die ganze Sache offen zu +erzählen. Der lachte übers ganze Gesicht und sah den jungen Fuchs mit +einem Ausdruck an, dem selbst der unerfahrene Werner entnehmen mußte, +daß er, Werner, statt einer Korpsstrafe entgegenzugehen, in der Achtung +seines Erziehers um einige Haupteslängen gestiegen sei.</p> + +<p>Aber sein Tatendrang war dennoch vergangen. Und statt abermals um +eine Tänzerin zu werben, vertiefte Werner sich in die Bowle. Aber +nicht weichen wollte von ihm ein süßes und neues Gefühl; als er die +blonde Ernestine an sich gezogen, da hatte er ihre Arme umspannt ... +O Gott, waren die seltsam weich und kühl gewesen! — Und als sie +Brust an Brust vor ihm gestanden, da hatte er an seinem Herzen etwas +noch viel Weicheres gefühlt ... das wollte nicht fort von ihm, dies +quälend-entzückende Gefühl ... ihm wurde ganz wirr davon. Und er trank +unmenschlich. —</p> + +<p>Und das Fest ging seinen Gang. Über dem Hin- und Herströmen der +Tänzerpaare, über den Wirbeln und Verschlingungen ihrer Rundtänze und +Kontres senkte sich die Nacht. Kühle kam. Hunderte bunter Lampions +flammten auf. Und immer weiter ging's: Lanciers, Polka, Walzer, Walzer, +Walzer ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>Röter flammten die Wangen der Burschen, höher atmeten die jungen Brüste +der Mädchen unter leichten Batisthüllen, doch strenge Sitte, eiserne +Kavalierspflicht türmte eine trennende Schranke ... und wenn auch das +eine oder andere Paar sich auf ein paar Minuten in einen Laubengang +verlor ... mehr als ein paar scheue Küsse forderte auch der Keckste, +bewilligte die Leichtsinnigste nicht. Kavalier und Dame ... so standen +sich diese jungen Kinder gegenüber. Und dabei waren fast alle diese +Jünglinge schon wissend; fast alle hatten sie schon weit, weit abseits +der Sphären dieser bürgerlichen Wohlanständigkeit, in dunklen, dumpfen +Lasterhöhlen das Geheimnis des Lebens ergründet ...</p> + +<p>Hier aber gaben sie sich als die korrekten, kittelsaubern Gentlemen, +denn sie trugen die Farben ihrer Couleur, ihres Korps, und die jungen +Mädchen an ihrem Arme waren Damen ... Damen, deren Reinheit von der +Pistole bewacht wurde, für deren Unschuld das Leben von Vätern und +Brüdern bürgte.</p> + +<p>Und sie waren ahnungslos. Die Schlimmsten und Schlauesten unter ihnen, +für die das Storchmärchen Kinderspott, die sich einbildeten, wunder +wie aufgeklärt zu sein über die Bestimmung der Geschlechter, sie waren +reine Engel gegen die Jünglinge, zu denen sie aufschauten, die aus dem +Anschmiegen ihres jungen Körpers, aus dem Duft ihrer holden Wärme das +süße Gift friedloser Sehnsucht<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> sogen, das so manchen von ihnen spät +nach dem Tanz in geheime Winkel trieb, wo für ein paar Silberlinge zu +erkaufen war, was Sitte und Satzung hier dem Sehnenden lockend zeigte +und dann hämisch aus den Armen riß ...</p> + +<p>Auch Werner sehnte sich. Es trieb ihn von dem Zechertisch weg, wo um +den immer neu aufgefüllten Bowlennapf die Köpfe der Trinkenden immer +schwerer, die Augen immer stierer wurden ... höher stieg er in den +Garten, und die leichten Walzermelodien, der Mondflimmer, der das Tal +mit flutenden Nebeln füllte, der Nachtigallenruf aus den Uferbüschen +drunten in der Ferne wühlten das Blut in ihm auf, der Wein in seinem +Hirn, die Erinnerung an jenen Augenblick hastigen Erhaschens verwirrten +sein Wollen ... Leib und Seele ächzten auf, ihre Sehnsucht schrie +ineinander: ein Weib ... ein Weib ...</p> + +<p>Da, als er fast taumelnd an dem Boskett vorbeischlenderte, in dem +Ernestine ihm ihre Lippen geboten, vernahm er drinnen ein Geflüster:</p> + +<p>»Es ist Zeit für dich, Liebster — wahrhaftig, es ist Zeit — schon +dreiviertel elf ... ich will nicht, daß der greuliche Seydelmann dich +mir morgen zu arg zurichtet ...«</p> + +<p>Und dann eine Stimme, die er kannte:</p> + +<p>»Noch einen Kuß, Liebchen — noch einen Kuß —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>Und eine Stille, ach, eine lange Stille ...</p> + +<p>»Willst du mir das Däumchen halten morgen?«</p> + +<p>»Aber gewiß!«</p> + +<p>»Tu's lieber nicht — du meinst es nicht ehrlich — du bist eine +Hessen-Nassauer-Dame —«</p> + +<p>»Mit dir mein' ich's ehrlich —«</p> + +<p>»Liebste — komm — so — und so — und nun — nun müssen wir gehn!«</p> + +<p>»Hast du mich lieb — Willy?!«</p> + +<p>»Du! Marie! Du! — — hast du mich auch lieb, Marie?«</p> + +<p>»Willy — Willy ... meiner — mein Willy!«</p> + +<p>»Meine Braut — meine süße, süße Braut —«</p> + +<p>Und da traten sie aus dem Gebüsch, der Klauser und sein blonder Schatz +... und sie an seinem Arm, so schritten sie dem fernen Lärm des Tanzes +zu, durch den Mondglast der Berggartenwiese ...</p> + +<p>Und Werner war allein ...</p> + +<p>Allein? Warum?</p> + +<p>Wußte er nicht auch ein paar Arme, die sich ihm auftun, ein paar +Lippen, die sich ihm nicht versagen würden?</p> + +<p>Rosalie! Er sah ihren gewährenden Blick, ihr ermutigendes Lächeln ...</p> + +<p>Er hatte eine geheime Angst vor dem wissenden, überlegenen Ausdruck +ihrer Augen ... aber in dieser Stunde ... sie war ein Weib ... ein Weib +—!!</p> + +<p>Seinen Stock, den er am Bowlentische stehen<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> gelassen — ein schönes +Stück, eine Dedikation Dammers — ließ er im Stich ... er flog nach +Hause, immer nur von dem Gedanken beseelt, daß er an Rosaliens +Zimmertür pochen müsse ... mochte dann kommen, was da wolle, er mußte +anklopfen, er mußte ...</p> + +<p>Er zog die Schuhe aus, schlich die zwei Treppen hinauf ... oft knackten +die trockenen, jahrhundertalten Dielen ... dann hielt er lauschend den +Atem an ...</p> + +<p>Ihn fror, seine Hände flogen, seine Kinnbacken schlotterten ...</p> + +<p>Nun stand er oben vor der Tür ... die Hand lag auf der Klinke — —</p> + +<p>In diesem Augenblick faßte ihn ein solch jähes Zittern, daß er sich +kaum auf den Beinen halten konnte. Ein wilder Schrei — ein Schrei, +der nichts Menschliches hatte, ein Klang wie das Todesgeheul einer +waidwunden Bestie — war draußen, drunten in der Tiefe erklungen — — +zum offenen Flurfenster hinein ...</p> + +<p>Bebend schlich er ans Fenster und spähte hinaus. Monddurchwoben lag das +breite Lahntal zu seinen Füßen; tief unten zog sich die Straße, daneben +gingen die ruhigen Wasser des Flusses. Da unten — da unten mußte es +gewesen sein ... ein Schrei aus Menschenmund war das gewesen ... aber +ein Schrei, wie Werner noch keinen gehört hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> + +<p>Doch alles blieb still und ruhig drunten. Alles schlief ... niemanden +schien die schreckhafte Stimme geweckt zu haben ...</p> + +<p>Werner ging nicht zu Rosaliens Tür zurück. Er tastete sich in dumpfem +Beben die Treppe hinunter ... im Zimmer riß er die Kleider vom +Leibe, kroch zähneklappernd ins Bett und versank tief, tief in die +unfruchtbaren Schauer seiner Knabeneinsamkeit — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>VII.</h2> +</div> + +<p>Der Spuk der Nacht war verweht, die wilden Beklemmungen des Begehrens +waren gelöst, der rätselvoll grauenbange Schrei der Finsternis im Ohr +verhallt. Der erste Junimorgen wob überm Lahntal, und munter schritt +Werner, wie jeden Samstagmorgen, dem Schlachtfeld Ockershausen zu. Er +hatte den Weg über Schloß Dammelsberg gewählt und freute sich seiner +Wahl.</p> + +<p>Ach, dies altersbraune Schloß, wie ruhig und trutzig reckte es +seine ungefügen Mauern und Dächer in das junge Blau. Und von den +Terrassen zu seinen Füßen, welch eine Schau in die Tiefe! Gen Norden +überflog Werners Blick die Häuser des Städtchens im Grunde, aus +deren modriger Alltäglichkeit die unverwelkliche Zauberknospe Sankt +Elisabeth sich hob. Die Stadt verlor sich nach rechts in die breite, +tannenbergumsäumte Lahnebene, nach links verkroch sie sich in die +lieblichen Blütenbüsche des Marbachtals ... und da grüßte auch, nur +um ein geringes unter Werners Standpunkt, aus schmuckem Berggarten +die altersmächtige Cimbernlinde, drunter das ehrwürdige bescheidene +Korpshaus, nicht unähnlich einer schlichten Bauernhütte; aber von +seinem Dache flatterte lustig die blau-rot-weiße Fahne, schon ein +wenig ausgefranst<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> vom Zerren des Frühlingswindes, ausgebleicht vom +Maiensonnenblick, doch das Symbol des Bundes, dem Werner seine Jugend +verschrieben, geheiligt durch seinen Willen, sie als eines Heiligen, +seines Heiligsten Gleichnis gelten zu lassen. Und wie befreit von +schweren wuchtenden Qualen atmete der Jüngling die sonnenduftende, +taugekühlte Morgenbrise: sie kam vom Dammelsbergwald und brachte den +Geruch der blühenden Eichen mit.</p> + +<p>Und Werner schritt unterm mächtigen Torbogen durch, und vor ihm lag die +südliche Lahnebene nach Gießen zu, ganz durchhellt von Morgenprächten. +In weitem Bogen umschlossen von lichtgrünen Bergwäldern, vom +Silberzickzack des Flusses durchflirrt, fern überragt vom düstern +burgtrümmer-überzackten Frauenberg, reckte sich die schimmernde Flur. +Und um den Schloßberg hatten sich, hoch herauf geklettert vom Ufersaum +der Lahn, die braunen Ziegeldächer des Städtchens gelagert, wie eine +rastende Pilgerschar, aus deren Mitte die Helme reisiger Begleiter +aufragten — die stumpfen Kirchturmhelme ...</p> + +<p>Ein gelbes Band, lag drunten ein Stück der Ockershäuser Chaussee, die +sich bald in jungen Blütenhalden verlor: Fliederblüten wölbten violette +Sträuße über der Burschenwalstatt. Und auf der Chaussee erkannte +Werners Auge die wandernden Farbtupfen: blaue, grüne, weiße Punkte, +alle zu dem bekannten Ziele strebend ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>Aber Werner hatte einmal allein des Weges wandern wollen und schwang +nun rüstig sein dünnes Gymnasiastenstöckchen, das ihm heute den gestern +abend im Stich gelassenen Couleurstock ersetzen mußte. Bald nahm der +Dammelsbergwald ihn auf, er war allein, er war glücklich, sein Herz +schlug vor Jugend und Überschwang, er mußte singen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,</div> + <div class="verse indent0">Wer lange sitzt, muß rosten ...</div> + <div class="verse indent0">Den allersonnigsten Sonnenschein</div> + <div class="verse indent0">Läßt uns der Himmel kosten ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Viktor Scheffels Verse und eines ihm unbekannten Tonsetzers Weise waren +ihm nur das gleichgültige Fahrzeug seines Morgenglückes ...</p> + +<p>Und was war im Tiefsten seines Freuens Grund? Daß er gestern nacht +umgekehrt war von der Schwelle, hinter der die schöne Rosalie +schlief ... daß ein unbekanntes Etwas, der grausige Widerhall eines +geheimnisvollen Ereignisses ihn abgelenkt hatte vom Ziele seiner +brünstigen Dränge.</p> + +<p>Eine Reinheit wogte durch seine Seele, ein Hauch von jungfräulicher +Frische, der keuschen Stille des Morgenwaldes verwandt, die sein +rascher Fuß durchwallfahrtete ... und in diesem frommen Morgenfrieden +jubilierte sein Herz noch lauter als sein Mund, lobpries einem +unbekannten Geber solcher Gnadenfülle, streckte sich allem Guten und +Großen entgegen, das heranzuwehen schien und in den wiegenden<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Kronen +der Eichen einen Morgensang des Lebens harfte.</p> + +<p>Reinheit! Reinheit! War es nicht doch besser, die Sehnsucht der Sinne +niederzuringen und Sieger zu bleiben des Begehrens? Konnte man so selig +stolz seines Weges ziehen, wenn man genossen hatte? Lag nicht doch ein +tiefer Sinn in der alten Mär vom Baum der Erkenntnis?</p> + +<p>Waren Tugend und Keuschheit nicht am Ende doch mehr als Maulkörbe für +feige, geduldige Hundel?</p> + +<p>Wernern war's, als blinke aus jedem frischen Tautropfen ein Ja auf +diese Frage ihm entgegen, als wehe der Morgenhauch ihm Kraft und +Kampftrotz in die Seele, in die Sinne, zu wahren die Unschuld und +fromme Tumbheit seiner Kinderjahre, abzutun die buhlerischen Wünsche, +Herz und Leib in priesterlichem Stande zu erhalten bis auf jenen +fernen, fernen Tag, der auch ihm einst Erfüllung brächte ... jene +Erfüllung, die nicht anders als — — Elfriede heißen konnte ...</p> + +<p>Elfriede! Elfriede! Es war ihm eine süße Musik, diesen Namen zu +denken, in seiner Seele nach den Zügen zu suchen, die ihm immer in +traumhafte Fernen entflossen. Doch da: er hatte, er haschte ihr Bild, +ihr Profil, wie er's noch vor wenig Wochen daheim beim letzten Konzert +im Kasino lange hatte betrachten dürfen ... und dazu hatten sie droben +Beethovens<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> Zweite gespielt, und als der zweite Satz erklungen war, da +hatte er diese Weise mit dem Bilde der Geliebten vermählt und Elfriede +getauft ... und nun umschwebte, umrauschte, umschattete ihn wieder +diese kühlend, heilend, heiligende Weise, umhegte das Bild des fernen, +kaum gekannten Mädchens sein schauerndes Herz und weckte ihm Räusche +von Hoffnungen und Gewißheiten künftiger Glücksüberschwänge, daß ihm +die Gegenwart versank, daß er sich enthoben fühlte dem Sinn der Stunde +in eine flutende Fülle sinnlos heiligen Glücksgenießens.</p> + +<p>Aber — der Wald war zu Ende, steil senkte sich der Fußpfad, +Ockershausen war erreicht — da zogen die blau-rot-weißen, +grün-weiß-blauen Völkerschaften heran, und im Winde verflatterten +Träume und Beseligungen ... die Gegenwart, die Wirklichkeit war da.</p> + +<p>Karboldunst und Zigarrenqualm, Blutbrodem und Bierhauch umfing den +waldgeschmeichelten Sinn und weckte ihn vollends zum Tage. Und schon +klangen die Kommandos der Sekundanten, schmetterten krachend die Körbe +zusammen, knallten die flachen Hiebe auf die Stulpen und Köpfe der +Paukanten ...</p> + +<p>Der kleine Dammer focht seine Rezeptionspartie: es war seine vierte +Mensur, die entscheiden sollte, ob er nun zum Blau-rot der Füchse das +blutumworbene Weiß der Korpsburschen und damit die vollen Rechte<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> +eines Angehörigen des Cimbernbundes erhalten solle. Darum hatte er +eine überlegene Partie bekommen, einen Gegner, dem er eigentlich +nicht gewachsen war, den dicken Zweiten der Westfalen. Herr Bracken +schonte seinen Gegner gutmütig eine Weile, denn Cimbria und Guestphalia +standen augenblicklich gut miteinander, und Bracken gönnte dem andern +Korps den neuen Korpsburschen, dem allgemein beliebten gutmütigen +Dresdener das Band. Er schonte ihn, damit die Mensur lange genug +dauere, um als Rezeptionspartie vor dem sehr strengen Korpskonvent +der Cimbria angerechnet werden zu können. Aber schließlich war er +wohl allzu sorglos gewesen: plötzlich schlug der Cimbernfuchs eine +kecke Tiefquart und spaltete dem Subsenior der Westfalen beide Lippen +und die Nasenspitze. Fast schien's, als wollte der Westfalenpaukarzt +die Verantwortung für ein längeres Stehenlassen des Zweitchargierten +nicht mehr übernehmen; aber Herr Bracken, der nicht imstande war, zu +sprechen, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte so energisch den +Kopf, daß der Paukarzt achselzuckend zurücktrat.</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehen!«</p> + +<p>»Silentium — Pause ex!«</p> + +<p>»Fertig!«</p> + +<p>»Los!!«</p> + +<p>Krach, krach, krach —</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> + +<p>»Halt!!«</p> + +<p>Die Sekundanten hatten's beide fast in derselben Sekunde gerufen, aber +auch aus der Korona waren unwillkürlich Haltrufe ertönt. Donnerwetter! +Da hatte es ihn aber gehascht, den kleinen Cimbernfuchs!</p> + +<p>»Herr Unparteiischer — wir erklären die Abfuhr!«</p> + +<p>»Silentium! Cimbria erklärt Abfuhr nach sechs Minuten!«</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, bitte zuvor noch drei Blutige auf seiten von +Cimbria zu erklären!«</p> + +<p>»Silentium! Drei weitere Blutige auf seiten von Cimbria! Wünscht einer +der Herren noch Erklärungen? — Silentium, Mensur ex!«</p> + +<p>Dammer war schauderhaft zugerichtet. Jeder Hieb hatte gesessen. +Anhieb auf Außenquart ins linke Ohr, zweiter Hieb auf Quart, linke +Schädelseite der Länge nach gespalten bis auf die Knochen, dritter Hieb +auf Terz, Lappen bis tief in die Kopfschwarte hinein, Knochensplitter +in allen drei Schmissen ... aber Dammer fragte nichts nach seinen +Abfuhren ... während wahre Güsse Bluts über seine Stirn und Wangen +rannen, suchten seine Augen nur den Blick seines Leibburschen, der +ihm sekundiert hatte, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er auch gut +gestanden ... aber Krusius, der Leibbursch, hatte nur auf seine +Sekundantenaufgabe geachtet und war seiner Sache nicht ganz sicher +— — er mußte sich selbst erst informieren.<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Doch alles schien +befriedigt, und so klopfte er dem Blessierten beruhigend mit der vom +Sekundierstulp befreiten schweißdampfenden Rechten auf die Schulter ...</p> + +<p>»Brav, Leibfuchs!«</p> + +<p>Da lachte Dammer glückselig unter der Paukbrille, unter den rinnenden +Quellen seines Blutes hervor:</p> + +<p>»Nu, denn —! Ich dank der ooch scheen, Leibbursch! Na, Wichart, nu +kucke du zu, wie du mich wieder wirscht zusammenbringen!«</p> + +<p>»Maul halten!« brüllte der gutmütige Paukarzt; »du hast grad' genug!«</p> + +<p>Werner hatte Dammern zur Flickstubentür begleitet und das kurze +Gespräch zwischen Krusius und dem Abgeführten aufgefangen. Er freute +sich unendlich für Dammern, daß dieser nun Korpsbursch sei und das +Ziel erreicht haben würde, für das er nun viermal Stirn und Wange +dem Schläger des Gegners geboten. Und das Herz schlug ihm höher in +dem Wunsche, auch ihm möchte es bald vergönnt sein, vor einem hohen +S. C. zu Marburg die Blutprobe des Muts und der Standhaftigkeit +abzulegen. Aber noch eine andere Probe hatte Dammer zu bestehen. +Werner drängte sich in die Flickstube, wo eine ganze Schar von +Korpsburschen der Cimbria sich um den Paukarzt und seinen Patienten +gruppiert hatte und die Hälse streckte, um die mordsmäßigen Abfuhren +des<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Brandfuchsen etwas näher zu betrachten. Es gelang Wernern, an der +Seite durchzuschlüpfen, und nun erst sah er, wie grauenhaft der wackere +Freund zersäbelt war. Rechts hing ihm die halbe Kopfschwarte als großer +mit Haaren besetzter Lappen nach außen; links war die Schläfe von vorn +bis hinten gespalten, und darunter hing das linke Ohr von vorne nach +hinten mitten durch halbiert, in zwei trübseligen Fetzen herunter. +Wichart war offenbar eine Sekunde in Verlegenheit, wo er eigentlich +anfangen solle. Aber er entschied sich für den Schläfenschmiß, weil +dort die Schlagaderäste zu toll spritzten; rasch und gewandt fuhr er +mit Pinzetten in die Zuflußkanäle der durchschlagenen Arterien hinein +und klemmte die dünnen Schläuche, aus denen das Herzblut spritzte, +zusammen; bald baumelten vier solche Arterienfänger aus der Stirnwunde +heraus. Dann kamen die Arterien vor dem Ohre dran, und nun begann, +da der ärgste Blutstrom gestillt war, die Desinfektion. Aus einem +Irrigator ergossen sich Ströme kalten Wassers mit Karbollösung in die +Wunden und spülten sie rein, damit der Arzt zunächst den Zustand des +Knochens untersuchen könne. Und da runzelte der sonst immer ruhige und +gemütliche Wichart einen Augenblick die Stirn, so daß die zuschauenden +Korpsburschen näher herandrängten. Das ärgerte wieder den Arzt, und er +schrie: »Donnerwetter, schert euch raus, alle zusammen raus! Scholz, +sorg mal, daß ich hier Luft kriege!«<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Werner wollte sich drücken, wie +alle andern, aber Wichart rief: »Das Füchschen kann bleiben und dem +Dammer die Waschschüssel halten, sonst fällt mir der am Ende noch +ab!« So durfte Werner weiter zuschauen, und freute sich, seine Nerven +bereits so weit gestählt zu fühlen, daß er dem blutigen Schauspiel mit +Interesse folgen konnte. Aber dennoch krampfte sich sein Herz in die +Höhe, als nun der Paukarzt mit einer scharfen Zange in die Wunden fuhr +und erst die losen Knochensplitter herausholte, dann aber die noch +halb festsitzenden mit kräftiger Drehung losbrach. Bei dieser Prozedur +stieß Dammer, der bisher keine Miene verzogen hatte, einen nicht +unterdrückbaren rauhen Kehlton aus.</p> + +<p>Dann wurde abermals mit dem Irrigator nachgespült, und nun begann das +Rasieren. Mit scharfem Messer barbierte Wichart kunstgerecht einen +Finger breit neben den Kopfnarben die Haare weg, um freie Hand für das +Nähen zu haben. Dabei strömte aus den Wundrändern von neuem das Blut, +und auf Wicharts Befehl mußte Werner das Waschbecken, das Dammer vor +sich auf der Stuhllehne hielt, ausgießen, da es völlig mit dunklem +Blut gefüllt war, und mit frischem Karbolwasser füllen, das aber auch +in zwei Sekunden tief dunkel gerötet war. Dabei schaute er zufällig +auf und sah, daß am andern Ende des kleinen Zimmers der Korpsdiener +Peter bereits den nächsten Paukanten — Klauser — anbandagierte.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Mit +Entzücken haftete Werners Auge eine Sekunde lang an dem entblößten +Oberkörper des wunderschönen Jünglings; dabei fiel ihm aber auf, wie +matt und unstet sein Gesichtsausdruck war. Doch ein »Aufpassen!« +Wicharts rief ihn zu seiner Pflicht zurück, und indem er den Fortgang +der Flickarbeit verfolgte, blieb ihm keine Zeit, dem zweiten +Chargierten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken.</p> + +<p>Er beobachtete sorgfältig, wie Wichart nun zunächst mit Fäden +aus Katzendarm ganz innen die knorpligen Häute der Ohrmuschel +zusammennähte, wobei Dammer wiederum verhalten aufstöhnte; dann +wurde in gleicher Weise die Knochenhaut zusammengeheftet, und immer +spülte dazwischen der Irrigator. Dann ging's an die Außennähte. Stich +für Stich drangen die krummen Nadeln, von der Pinzette in unfehlbar +sicherer Hand geführt, in das Fleisch seitlich der Wunde, durch deren +Grund hindurch und an der anderen Seite wieder heraus. Dann wurden die +Fäden abgeschnitten und ihre Enden sorgsam zusammengeknotet.</p> + +<p>Mitten in der Arbeit bemerkte Werner plötzlich, daß Dammer ganz grün an +Gesicht und Händen wurde, und seine Finger, welche die Flickschüssel +umklammert hielten, nachließen. Er machte Wichart aufmerksam, der nahm +schnell die Schüssel weg, reichte sie Wernern, damit der sie auf den +Tisch setze, und unterstützte Dammers Schultern, die eben zurücksinken<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> +wollten. »Schnell! einen Kognak und eine Flasche Selterswasser!«</p> + +<p>Werner sprang. Als er zurückkam, war Dammer schon wieder bei Besinnung, +nur der Blick seiner Augen war glasig und matt. Gierig trank er seinen +Sodaschnaps.</p> + +<p>Eben trat Scholz im Sekundierwichs herein: »Na, Klauser, wo bleibst du?«</p> + +<p>»Wichart ist noch nicht fertig mit Dammer.«</p> + +<p>»Ach, nur noch ein paar Nadle — macht schon immer los, so fix wird der +Klauser sich doch nit haue lasse!«</p> + +<p>»Na, dann raus!«</p> + +<p>Und wenig Sekunden später klirrten draußen im Saale die messerscharfen +Kommandoworte, krachten die Körbe der Schläger blechern zusammen.</p> + +<p>Gar zu gern wäre Werner entwischt, um die Mensur des Zweiten anzusehen. +Aber Wichart konnte seine Hilfe noch nicht entbehren.</p> + +<p>»Du hast dich ganz gut gehalte, Füchsche,« sagte er. »Bist eigentlich +Mediziner?«</p> + +<p>Dabei zog er Nadel um Nadel mit maschinenmäßiger Sicherheit durch +Dammers feiste Schädelschwarte.</p> + +<p>»Nein — Jurist,« sagte Werner.</p> + +<p>»Warst schon mal auf'm Präparierbode?«</p> + +<p>»Was ist das, Präparierboden?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>»Nun, die Anatomie, wo die Medizinfüchs das Mensche-Tranchiere lerne!«</p> + +<p>»Nein, da war ich noch nicht — möcht' aber gern mal hin — wenn du mir +dazu verhelfen könntest, Wichart, ich wäre dir sehr dankbar.«</p> + +<p>»Nu, das is e einfache Geschicht — komm Montag 'mal runner um zehn, +ich bin ja Prosektor.«</p> + +<p>Das gedachte Werner sich nicht zweimal sagen zu lassen. Dabei fiel +ihm eine Anekdote aus seines Vaters Jugendzeit ein. Sein Vater hatte +ursprünglich Medizin studieren wollen. Als gar junges Bürschchen war er +zur Hochschule gekommen, und der erste Besuch auf dem Präparierboden +hatte ihn so entsetzt, daß er an der Tür des Saales umgekehrt und +schleunigst zur Universitätskanzlei gestürzt war, um sich von der +medizinischen zur juristischen Fakultät überschreiben zu lassen. Werner +erzählte das Wichart, der herzlich lachte; auch Dammer wurde jetzt, am +Ende der Schinderei, munter und lachte etwas jämmerlich mit.</p> + +<p>»Na, ich denk, du wirst nit weglaufe,« meinte Wichart, »du bist nit so +zärtlich.«</p> + +<p>»Ich hoffe nein.«</p> + +<p>»Für alle Fäll kannst du dir ja vorher en Eimer gebe lasse, damit du +wenigstens nit de Vorsaal verunreinigst.«</p> + +<p>Und wieder lachten alle drei. Und draußen schmetterte dazwischen Gang +auf Gang, Kommandos, krachende, dumpfdröhnende Hiebe, das Halt der +Sekundanten<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> und ihr Gekläff um Inkommentmäßigkeiten, dann schwüle +Pausen — neue Kommandos, neue Hiebe. Wie mochte es draußen stehen?</p> + +<p>Eben hatte Wichart eine feste Watteverpackung um Dammers Schädel und +linke Kopfseite verstaut und so gründlich mit Stärkebinden umwickelt, +daß nur Augen, Nase und Mund aus dem weißen Paket hervorschauten — +da entstand, unmittelbar nach Beendigung eines Ganges, draußen jene +allgemeine Bewegung, die das Ende der Mensur verriet, und gleich +darauf trat Klauser, den bandagierten Arm noch auf den Händen des +Schleppfuchses ruhend, blutüberströmt herein. Hinter ihm Scholz und ein +paar andere Korpsburschen, alle ganz merkwürdig still und blaß.</p> + +<p>»Nu?« fragte Wichart.</p> + +<p>»Quartabfuhr nach achteinhalb Minuten,« sagte Scholz in +unheilverkündendem Ton. Dann riß er den Sekundierstulp ab und +schleuderte ihn auf den Boden, Mütze und Schurz hinterher.</p> + +<p>»Hm?« machte Wichart.</p> + +<p>Scholz schlug zweimal mit der Rechten durch die Luft, eine Geste, die +deutlich erkennen ließ, daß irgend etwas Schlimmes passiert sei.</p> + +<p>»Na, kommt raus!« sagte Scholz. Und alle Korpsburschen gingen. Hastig +vollendete Wichart Dammers Verband, hieß ihn Hemd, Weste, Band und Rock +anlegen, schickte ihn und Werner hinaus.<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> — Drinnen blieben nur der +blessierte Klauser und der Paukarzt.</p> + +<p>Werner begriff nicht, was vorgefallen sein mochte. Er sah, daß draußen +der Fuchsmajor alle Korpsburschen zusammenberief und sie alle sich +aus dem Saale entfernten. In dem dumpfen Gefühl, daß etwas Böses sich +ereignet haben müsse, fragte er Dammer: »Hast du eine Ahnung, was die +Korpsburschen eigentlich haben?«</p> + +<p>»Nu ja, nu ne — Klauser hat, scheint's, iebel gefocht'n.«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Schlecht gestanden scheint er äbens zu haben.«</p> + +<p>»Nun, und —?«</p> + +<p>»Na — du siehst doch, daß de Korpsburschen zum A. O. C. C. +(außerordentlichen Korpskonvent) sein abgetreten — da werden sie wohl +beschließen, Klausern auf unbestimmte Zeit hinauszutun.«</p> + +<p>»Und — was wird dann weiter mit ihm?«</p> + +<p>»Dann muß er Reinigungspartie fechten.«</p> + +<p>»Und ... dann kommt er wieder ins Korps hinein?«</p> + +<p>»Wenn seine Mensur als Reinigungsmensur genügt, dann wird die Dimission +aufgehoben.«</p> + +<p>»Und wenn sie ... nicht genügt?«</p> + +<p>»Ja — dann tun sie'n äbens ganz rausschmeißen tun sie'n dann.« — —</p> + +<p>Dammer hatte richtig vermutet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>Nach wenigen Minuten kamen die Korpsburschen zurück, alle tief ernst +und gedrückt; der Fuchsmajor ging zuerst zu den Senioren der beiden +anderen Korps und machte diesen mit feierlich abgezogener Mütze eine +kurze Meldung, dann rief er die Füchse in einen Winkel des Saales +zusammen und befahl:</p> + +<p>»Silentium für den A. O. R. C. (außerordentlichen Renoncenkonvent).«</p> + +<p>Er und alle Füchse nahmen die Mützen ab.</p> + +<p>»Es wird den Renoncen aus dem C. C. mitgeteilt: C. B. Klauser Zweiter +seiner Charge entsetzt und derselbe auf unbestimmte Zeit dimittiert. — +Hat jemand sonst noch etwas vorzubringen? Silentium — so ist der A. O. +R. C. geschlossen.«</p> + +<p>Schweigend setzten die Füchse die Mützen auf und gingen beklommen zu +ihren Plätzen.</p> + +<p>Über den Tischen der Cimbern lag ein dumpfes Schweigen. Aber auch bei +den beiden andern Korps ging es minder lebhaft zu als sonst. Man ehrte +Cimbrias Muttertrauer über die Strafe, die sie an einem ihrer Söhne +hatte vollziehen müssen, den sie vor andern wert gehalten hatte.</p> + +<p>Leise tauschten auch die Füchse ihre Ansichten über das schmerzliche +Ereignis aus. Die Brandfüchse behaupteten fast alle, sie hätten während +der Mensur ganz genau gemerkt, daß Klauser schlecht stände.</p> + +<p>»Er hat mehrfach den zweiten Hieb ausgelassen.« behauptete einer.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>»Als er die Temporalisabfuhr bekam, hat er ganz merklich reagiert,« +wußte ein anderer zu melden.</p> + +<p>»Mir hat seine ganze Haltung von Anfang an nicht gefallen. Es war, als +ob er gar nicht recht bei der Sache gewesen wäre.«</p> + +<p>»Ja, als ob ihm eigentlich alles wurst wäre. Als ob er immerfort an was +anderes dächte.«</p> + +<p>»Hat er ja vielleicht auch getan.« Zwischen den ernsten Betrachtungen +ein heimliches, verstohlenes Schmunzeln auf allen Lippen.</p> + +<p>»Einmal hat er mitten im Gange aufgehört zu schlagen.«</p> + +<p>»Das hab' ich auch gemerkt — als er die Terz weghatte: er machte ein +ganz verdutztes Gesicht.«</p> + +<p>Was der eigentliche Grund von Klausers Dimission sei, vermochte Werner +sich aus all dem Wirrwarr der Ansichten nicht recht klar zu machen. Er +beschloß, seinen Leibburschen zu befragen.</p> + +<p>Aber da kam er schön an. »Das sind deine Sachen nicht!« schnauzte +Scholz den Leibfuchs an. »Sorg, daß du selber anständig fechten lernst, +und überlaß das übrige den Korpsburschen! Wenn du mal selber das Band +hast, dann magst du mitreden.«</p> + +<p>Mit hängenden Ohren schlich Werner zu seinem Platze.</p> + +<p>Es war ein trüber Tag für die Cimbern. Noch eine ganze Reihe von +Mensuren folgte, und bei fast allen war Cimbria als weitaus stärkstes +Korps beteiligt,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> aber die frisch-fröhliche Raufstimmung der andern +Tage fehlte. Die Entgleisung des zweiten Chargierten war so rasch nicht +zu verschmerzen. Geschäftsmäßig wickelte sich der Tag ab.</p> + +<p>Am Spätnachmittage kehrte man heim. Dammer fuhr seines Wickelverbandes +halber in der Mensurdroschke. Der starke Blutverlust hatte ihn müde +gemacht, er schlief, tief in die Wagenecke gedrückt, und als die +Kalesche am Vogtschen Pensionat vorüberrollte, verfehlte er die +Gelegenheit, das Herz des »sießesten Mädichens« durch den Anblick +seines Zustandes zu rühren und mit noch tieferer Bewunderung für seinen +Mannesmut zu erfüllen.</p> + +<p>Vergebens hatte Werner sich nach dem unglücklichen Klauser umgesehen. +Der hatte, nachdem Wichart ihn geflickt und verbunden hatte, von Scholz +die offizielle Mitteilung bekommen, daß er seine Charge verloren habe +und dimittiert sei. Das hatte er schon vorher gewußt. Er hatte eine ihm +sonst ganz fremde Unsicherheit und Apathie während der Mensur selbst +deutlich genug empfunden, aber er war ihrer nicht Herr geworden. Das +Benehmen seiner Korpsbrüder aber unmittelbar nach der Mensur hatte ihm, +dem Erfahrenen, genug gesagt. Und dennoch schnitt es ihm ins Herz, wie +Scholz so kalt und gemessen vor ihm stand und ohne ein Freundeswort, +ohne ein Beben in der Stimme ihm eröffnete: »Klauser, ich habe dir +aus dem C. C. mitzuteilen,<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> daß du deiner Charge entsetzt und auf +unbestimmte Zeit dimittiert bist.« Dann hatte Scholz sich umgewandt und +ihn stehen lassen wie einen Geächteten.</p> + +<p>Da nahm er das Band vom Riegel, und statt es über die Weste zu hängen, +wie sonst beim Ankleiden, ließ er's stumm in die Tasche gleiten. +Und die Korpsmütze versteckte er unter der Weste ... Über seinen +Wickelverband zog er eine schwarze, seidene Mensurmütze bis tief in die +Stirn, griff zum Stock und wollte gehen.</p> + +<p>Der gute Wichart hatte ihm schweigend zugesehen. Klauser fühlte seinen +Blick und wandte sich zu ihm.</p> + +<p>»Wann bin ich wieder so weit, Wichart?«</p> + +<p>»In vierzehn Tagen, Klauser!«</p> + +<p>»Was ... erst in vierzehn Tagen —?!«</p> + +<p>»Ja — Temporalisabfuhr — Knochensplitter — so lange wirst du wohl +aushalte misse.«</p> + +<p>»Himmel!«</p> + +<p>»Na, so vierzehn Tag — die sinn doch fix herum!«</p> + +<p>»Vierzehn Tage in Dimission —«</p> + +<p>»Kopf hoch, Klauser! Bist ja so e strammer Kerle —«</p> + +<p>Ein Händedruck, und Klauser ging einsam hinaus. Er stieg dumpf brütend +die Treppe hinunter und ging allein nach Marburg zurück — den Weg,<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> +den er heute morgen in Träumen voll wilder, jung-junger Seligkeit +hergekommen war.</p> + +<p>Denn das hatte er ja seinen Korpsbrüdern nicht sagen können, daß er +die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte — daß er nichts anderes hatte +denken und träumen können, als daß sie nun sein sei — seit gestern +abend ... seine Verlobte, seine Braut — seit jenem Spaziergang im +Museumsgarten, abseits vom Fiedeln der Walzergeigen, seit jenem kurzen +Augenblick im Jasminboskett, der ihm den ersten Kuß seines Lebens +gebracht hatte — den Kuß einer Liebe, die, so wähnte er, nur mit dem +Schlagen dieses stürmischen Herzens enden könne ...</p> + +<p>Und nun?!</p> + +<p>Langsam tropften schwere Tränen aus dem Auge des Jünglings, der +inmitten der Jugendspiele Mannesrechte und Mannespflichten auf sich +genommen und darüber den Schmuck der Jugend eingebüßt hatte.</p> + +<p>Schwere Tränen tropften auf die Brust, an der gestern Mariens gelber +Flechtenbau geruht hatte, auf der heute das Band Cimbrias fehlte.</p> + +<p>Schwere Tränen, Kindertränen ...</p> + +<p>Am Spätnachmittage hielten die Korpsburschen der Cimbria nochmals +außerordentlichen Korpskonvent ab, und zwar auf der Kneipe. An +Klausers Stelle wurde der dritte Chargierte, Krusius, Dammers +Leibbursch, beauftragt, interimistisch die zweite<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Charge zu versehen, +und ferner beschlossen, die Brander Böhnke, Dammer und Ehlert, +deren Rezeptionsmensuren am Vormittage den Anforderungen eines +wohllöblichen C. C. genügt hatten, ins engere Korps zu rezipieren. +Das wurde diesen Glücklichen, die man schon ohne Angabe des Zweckes +auf die Kneipe bestellt hatte, in feierlichster Form eröffnet, indem +der Außerordentliche Korpskonvent sich sofort als »Feierlicher +Korpskonvent« konstituierte, die rezipierten Brander vorlud, ihnen ihre +Aufnahme eröffnete, ihnen den Burscheneid auf die Konstitution des +Korps abnahm und sie feierlich mit dem blau-rot-weißen Bande schmückte.</p> + +<p>Hernach war's noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der speziellen +Kneipe. Das benutzten die Jungburschen selbstverständlich, um sich dem +staunenden Marburg alsbald im neuen Schmucke der drei Farben zu zeigen. +Auch Dammer hatte sich soweit erholt, daß er, trotz seines bis zur +Unkenntlichkeit vermummten Kopfes, die Wettergasse herunterschlenderte +bis zum Pensionat Vogt. Aber seine Sehnsucht erfüllte sich nicht: die +Vogtei saß jedenfalls beim Abendessen.</p> + +<p>Auf der Kneipe sah er sich allerdings zum Genusse eines Gebräues aus +Ei, Kognak und Rotwein verurteilt, das er durch ein Röhrchen trinken +mußte, da der angeschlagene Kaumuskel Trinken im eigentlichen Sinne und +Essen verbot. Trotzdem war er selig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<p>Und auch das Korps überwand in der Freude über seine drei Jungburschen +allmählich die Mißstimmung über den Verlust des Subseniors. Ach ja, der +Lebende hat recht, und was ist ein einzelner unter einer Schar von mehr +denn vierzig!</p> + +<p>Vielleicht am aufrichtigsten und dauerhaftesten trauerte Werner um +Klauser. Er sah immer noch den Freund am Arm des schönen Mädchens +aus dem Boskett in den Mondflimmer hineintauchen und meinte noch den +unerhört süßen Nachhall der gestammelten Worte zu hören:</p> + +<p>»Willy — meiner — mein Willy ...«</p> + +<p>Nun lag der Arme gewiß einsam und schlaflos daheim und fühlte das +Brennen seiner Wunden und seiner Scham ...</p> + +<p>Und warum?!</p> + +<p>Grausam — grausam ...</p> + +<p>Und Werner betrank sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>VIII.</h2> +</div> + +<p>»Du — Salche — hernach muß ich dich allein spreche!«</p> + +<p>So hatte am Sonnabend früh der Studiosus Simon Markus seine Schwester +im Laden angezischt.</p> + +<p>»Hernach, wenn ich aus'm Kolleg zurückkomm!«</p> + +<p>Seine Augen schielten flackernd an der unförmlichen Nase entlang, deren +wulstige Flügel bebten.</p> + +<p>»Hernach? Warum nit gleich und nit hier? Was du mir zu sage habe +kannst, das kann e jed's heere!«</p> + +<p>»Nein! das kann nit e jed's hören.«</p> + +<p>Damit war er aus dem Laden gestolpert und zur Anatomie geschlendert, +den Rücken gekrümmt von der Last unfaßbarer Qualen.</p> + +<p>Rosalie hatte keine Ahnung, was ihren Bruder so erregte. Und darum, als +der heimkehrende Bruder sie ins Hinterzimmer zog und anfauchte:</p> + +<p>»Ich hab's gehört, heut nacht!«</p> + +<p>— da konnte sie mit unschuldigster Verwunderung antworten:</p> + +<p>»Was hast geheert?«</p> + +<p>»Ja, mach nur e Gesicht! Heut nacht is er aus deinem Zimmer komme und +de Trepp erunter gange!«</p> + +<p>»Aus mein Zimmer? Ja, <em class="gesperrt">wer</em> denn?«</p> + +<p>»Wirscht's schon wisse!«<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> »Hernach bitt ich mir aus!! Wer soll in mei'm +Zimmer gewese sein heut nacht?«</p> + +<p>»Na, der Achebach — hä? oder gar nit?!«</p> + +<p>»Bist verrickt, Simon?!« Ihre Augen funkelten gefährlich, ihre Finger +krallten sich. Sie glaubte, der Bruder wolle sie ganz grundlos +beleidigen.</p> + +<p>»Ich hab's geheert. Die Trepp is er nunter auf de Sock! Ich weiß es! +Aber ich tu'n haue! Ins Gesicht schlag ich ein, dem Affe, dem Fatzke!«</p> + +<p>»Du, Simon, mach dich nit unglücklich! Es is nit wahr, ich weiß von gar +nix weiß ich!«</p> + +<p>Simon überlegte. Eigentlich hatte er ja wirklich nichts anderes gehört +als einen Schrei draußen, drunten, an der Lahnstraße ... der ihn +aufgeweckt hatte ... und dann einen verstohlenen Schritt, abwärts, die +knackenden Dielen hinab ... sachtes Öffnen der Tür zum Zimmer, das +der junge Korpsstudent bewohnte ... sonst nichts ... vielleicht wußte +Rosalie wirklich nichts — vielleicht war wirklich nichts geschehen —</p> + +<p>»Salche! sieh mer an!! —?«</p> + +<p>Seine Finger krampften sich um des Mädchens stramme Oberarme.</p> + +<p>»Au, du tust mich kneife!«</p> + +<p>»Is wahr, daß du von nix weißt?«</p> + +<p>»Ich hab dir's gesagt — laß mich in Friede!! Verrickt biste, verrickt! +Laß mich in Friede!! Un<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> wenn's gewese wär, tut's dich was angehe? Hä? +Bist du mei Vormund?«</p> + +<p>Tränen standen in ihren Augen, halb des Schmerzes über den rauhen Griff +des Bruders, halb der Wut über seine Anmaßung — ja, wenn er wenigstens +noch einen Grund gehabt hätte — aber es war ja nicht mal was passiert +...</p> + +<p>Simon ließ ihre Arme los, nachdem er sie mit einem letzten harten Ruck +einen Schritt zurückgeschoben.</p> + +<p>»Dei Vormund bin ich nit, Gott sei's gelobt! Un ob mich das was angeht, +das is mer egal, verstehst? Das ein will ich dir sage: ich leid's nit, +daß du eine an dich eranläßt von dene Kerle ... von dene geschwollene +Korpsstudente, von dene dicknäsige Großschnauze ... und wenn du's +tust, den Betreffende den schlag ich in die Fresse, un wenn's Mord un +Totschlag drum tät gebe!!«</p> + +<p>Und damit rannte er hinaus — er schnappte nach Luft ... in seinem +Herzen war eine so lichtlose, grauenhafte Finsternis, daß er nicht +wußte, wie das Leben ertragen ... allein er gemieden, geschnitten +von den alten Schulkameraden, ohne Möglichkeit, Freunde zu finden, +dem blöden Herzen der hinsiechenden Mutter, dem lebenslüsternen der +saftstrotzenden Schwester entfremdet, einsam, arm ...</p> + +<p>Ja, wenn er nach Berlin gekonnt hätte! Da,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> das wußte er, gab es große +Zirkel jüdischer Studenten, die in freundschaftlichem Zusammenschluß, +im Genuß der Literatur und Kunst einander den Fluch ihres Blutes +vergessen machen konnten ... nein, dort galt dieser Fluch überhaupt +nichts ... dort war das Judentum eine Macht, beherrschte Presse, +Literatur, Bühne.</p> + +<p>Aber in Marburg ... in dem ausgewucherten Hessenlande, wo seine +Glaubensgenossen, das mußte er als billig denkender Mensch zugeben, +einen Teil des Fluches verdient hatten, der ihren Schritten folgte —</p> + +<p>Und fortlaufen? sich auf eigene Faust durchschlagen?! Das hieße, den +einzigen Menschen, mit dem ein menschliches Band ihn verknüpfte, das +hieß die Schwester schutzlos zurücklassen, ein Spielzeug jener Bande, +die er wütender als alles haßte: der blonden, vierschrötigen Söhne +Teuts, die dies Nest beherrschten mit ihrer ganzen knallprotzigen, +reckenhaften Arroganz, ihrer siegessicheren, gladiatorenhaften +Dreistigkeit — die über die Studentenschaft das Schreckensregiment +des Schlägers, des Säbels, der Pistole führten und stark genug waren, +jedem Kommilitonen, der ihre Weltanschauung nicht teilte, das Leben +in Marburg unerträglich zu machen. Fühlten sich doch selbst die +theologischen Verbindungen, der protestantische Wingolf genau so gut +wie die katholische Verbindung Rhenania, schwer bedrückt<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> durch die +Übermacht und alte Herrlichkeit der Waffenverbindungen.</p> + +<p>Und der arme Judenknabe floh in den dunkelnden Wald und warf sich an +finsterster, einsamster Stelle ins Moos. Seine Hände krallten sich in +die kühlen Polster. Tränen waren ihm versagt, aber ächzen konnte er +hier ungehört und ungestört. Und er preßte den breiten Mund, die wüste +Nase tief in das Grün und brüllte wie ein waidwundes Wild sein Weh in +die Mooskissen hinein — sein lebenzerfressendes Weh über den sinnlosen +Fluch, der auf seinem Volke lastete, der täglich neu auf ihn und seine +Blutsgenossen getürmt wurde von jenen, die längst nicht mehr an den +Heiland glaubten, den seine Voreltern vor zweitausend Jahren ans Kreuz +geschlagen haben sollten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Rosalie aber nahm sich vor, Werner das Vorgefallene zu erzählen und +irgendwie herauszubekommen, ob er wirklich in der Nacht vor ihrer Tür +gewesen. Sie zweifelte kaum daran. Und das machte ihr Blut hochheiß. +Sie wollte diesen keuschen Josef munter machen, sie hatte sich's in den +Kopf gesetzt, seine zitternde Unschuld zu besiegen. Sie kannte sich +schon genügend aus unter dieser bierfrohen und raufstolzen Jugend, +um wittern zu können, daß hier ein edleres Blut kreiste, eine Seele +von sonderlicher Art um ihren angeborenen Adel rang. Das war's, was<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> +sie ahnte: dieser war nicht wie die anderen. Und darum wollte sie ihn +haben. Ein Raffinement, das auch weit erfahrenere Frauen als Salchen +Markus gereizt hätte, würzte ihr Begehren nach dem weichen Knaben, +der so mannhaft wider die Dränge seines Blutes kämpfte; daß er nicht +feige war, daß seine Flucht vor ihrer Nähe nicht eine Chamade der +Armseligkeit, sondern des Stolzes war, das las ihr Weibinstinkt in dem +scheuen, doch lodernden Auge. Und sie dünkte sich schön und feurig +genug, um würdig zu sein, diese tastende Seele in das tiefste Geheimnis +des Lebens und der Schönheit einzuweihen.</p> + +<p>Sie würde ihn fragen, ob er an ihrer Tür gewesen, sie würde zürnen und +ihre Verzeihung sich abbetteln lassen ...</p> + +<p>Aber wenn sie gehofft hatte, Werners noch am Samstag habhaft zu werden, +so sah sie sich enttäuscht. Werner kam erst spät von Ockershausen +zurück, fragte nur im Laden, ob Briefe gekommen seien, und war gleich +wieder hinaus.</p> + +<p>Und als Rosalie mitten in der Nacht von einem Lärm im Hause erwachte, +da konnte sie hören, daß das junge Blut, nach dem es sie verlangte, +sich recht gründlich ausgetobt hatte. Das war ein Gepolter auf der +Stiege, ein Türenschlagen, ein Anstoßen an Möbeln und Waschgeräten in +der Stube!</p> + +<p>»Dunner, der hat gelade!«</p> + +<p>Rosalie kicherte in ihre Kissen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> + +<p>Am Sonntagmorgen schlief der Student bis halb eins, stürzte dann, +ohne nach seinem Frühstück geklingelt zu haben, zum Frühschoppen. Und +Rosalie wußte, daß sie ihn nun am ganzen Sonntag nicht so leicht mehr +zu Gesicht bekommen würde. Denn sonntags pflegte das Korps gleich +nach dem Mittagessen zum »offiziellen Exbummel« aufzubrechen, einem +gemeinsamen Spaziergang zu einem der herrlichen Ausflugsorte der +Umgegend. Gegen Abend kehrte man dann heim, und in der Regel ging +alles sofort zur Kneipe, wo in dem prächtigen Garten des Korpshauses +der Sommerabend mit Kegelschieben, Skat und Quodlibet zu Ende genossen +wurde.</p> + +<p>Aber vielleicht würde der Student nach der Rückkehr vom Spaziergange +noch einen Augenblick von der Kneipe heruntergesprungen kommen, um die +Sonntagsgarnitur gegen eine ältere Mütze, ein schon bierbegossenes +Korpsband einzutauschen?</p> + +<p>Darauf wollte Rosalie hoffen, denn die Gelegenheit zu einem +Schäferstündchen kam so günstig nicht vor dem übernächsten Sonntag +wieder. Die Mama Markus hatte sich nämlich erholt, und wenn sie +munter war, verlangte sie von ihren beiden Kindern abwechselnd den +Liebesdienst, daß eins sie zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwester, +der Frau Isidora Mayerstein auf der Ketzerbach, begleitete, wo man +einige Stunden verplauderte. Diesmal war Simon an der Reihe, die Mutter +zu geleiten, und so würde<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> sie von nachmittags fünf bis neun allein +im Hause sein, da auch Babett Ausgang hatte und in ihr Heimatdörfchen +Frohnhausen gepilgert war.</p> + +<p>Und sie mochte nicht lange warten. Er sollte, er mußte kommen! Sie +wollte es, sie wollte es!</p> + +<p>Als nach dem Nachmittagkaffee die Mama am Arme ihres Sohnes die +Wettergasse hinabgehumpelt war, schloß Rosalie den Laden zu, legte die +schweren Holzläden vor, verwahrte sie mit den Eisenriegeln und stieg in +ihr Zimmer empor. Sie hatte noch Zeit, vor sieben würde Werner nicht +kommen. Inzwischen wollte sie Toilette machen.</p> + +<p>Sie kramte eine viereckig ausgeschnittene Batistbluse heraus, bei +deren Anblick sie lächeln mußte, denn sie hatte schon einmal, im +vorigen Sommersemester, ihre Wirkung erprobt. Hehe! der gute Bennert! +Fritzchen! Damals war er dritter Chargierter der Cimbria gewesen. Es +war sehr nett gewesen mit ihm. Simon war damals noch ein ahnungsloser +Primaner gewesen mit einem unerschütterlichen Schlaf ... Bennert +ein hübscher, strammer, rotbäckiger, sommersprossiger Westfale ... +ein wackerer Liebeskamerad ... allerdings kein Werner Achenbach +... jetzt war er inaktiver Korpsbursch und büffelte in Berlin zum +Referendarexamen. Anfangs hatte er noch geschrieben ... ungeschlachte +Briefe, die stets schlossen: »Dein Dich liebender Fritz« — dann war's +eingeschlafen ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p> + +<p>Aber die weiße Bluse, die wußte noch von jenem ersten Abend zu erzählen +... es war Zeit, daß sie einmal etwas Neues erlebte.</p> + +<p>Und wie Rosalie ihren Spiegel befragte, da war sie sicher, daß dieses +neue Erlebnis nicht mehr fern sei. Himmel! so gab's doch in Marburg +keine zweite!</p> + +<p>Und sie wollte! sie wollte! sie wollte! —!!</p> + +<p>Sie stieg die Treppe hinunter, setzte sich auf Werners Sofa, nahm +ein Buch vom Tisch und begann zu lesen. Sie hatte schon seit ihrer +Backfischzeit von der Lektüre ihrer studentischen Mieter profitiert und +hatte so eine wirre Menge Bücher durcheinander verschlungen, von den +Wahlverwandtschaften bis zu Casanovas Memoiren ... dies Buch kannte sie +noch nicht; es trug die Zahl des laufenden Jahres, 1887, und führte den +Titel: Frau Sorge. Der Verfasser hieß Hermann Sudermann.</p> + +<p>Sie las und war rasch gefesselt.</p> + +<p>Aber plötzlich, nach etwa einer Stunde, legte sie das Buch mit einem +Ruck aus der Hand. Auf der sonntagnachmittagstillen Straße klang das +Klappern der Spazierstöcke, klang Hundegezänk und der wohlbekannte +Cimbernpfiff ...</p> + +<p>Sie fuhr ans Fenster. Fünf, sechs Cimbern kamen von der Barfüßergasse +her die Wettergasse entlang, offenbar vom Spaziergang zurück: sie +hatten rote Köpfe, Sonnenbrand, frische Luft und Alkohol leuchteten um +die Wette von ihren Gesichtern. Sie<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> lachten laut und unaufhörlich; +ihre Mützen saßen im Nacken; mancher von ihnen schlug mit dem +Spazierstock einen Lufthieb nach dem andern. So trollten sie des Wegs +entlang, bogen den Pfad nach dem Korpshause zu und verschwanden. Alles +war wieder sonntagsstill; die ganze Wettergasse schien ausgestorben; +nur ein mageres Kätzchen schlich den Rinnstein entlang; schon war die +Sonne längst hinterm Schloßberg verschwunden; Dämmerung sank auf die +Straße, tiefere lag in den Winkeln des schlichten Studentenstübchens.</p> + +<p>Und Rosalie dehnte sich in ihrer einsamen, quellenden Schönheit. Sie +sehnte sich bis zum Verschmachten nach dem Knaben, dessen Jugendträume +diese Stube durchwitterten. Dort standen die Bilder seiner Eltern, der +schöne Weißkopf des Vaters mit den leuchtenden Augen, die Rosalie so +gut kannte. Dort die herberen Züge der Mutter, aus denen ein kräftiges +Wollen sprach: von diesen Linien meinte Rosalie kaum scheue Spuren in +dem Gesichte des Ersehnten zu finden. Und da lag ein Päckchen frisch +vom Photographen gekommener Bilder. Werner selbst. Ja, das war er, +seine noch verschwommenen, unausgeprägten Züge, sein suchendes Auge. +Grellbunt leuchtete die grob aufgesetzte Bemalung der Mütze und des +Bandes. Das mußte sie haben; kurz entschlossen mauste sie eins und +schob's in ihre Schürzentasche. Sie wollte ihn schon entschädigen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>Und wieder klangen draußen Schritte und frische Stimmen, und wieder +fuhr Rosalie ans Fenster. Und wieder waren es andere als der, dessen +sie wartete.</p> + +<p>Und sie stöberte ruhelos in dem Stübchen umher, drehte jeden +Gegenstand, den sie bemerkte, in den Fingern; inzwischen liebäugelte +sie mit dem Sofa, steckte gar den Kopf ins Nebenzimmer und warf dem +Bette einen vertraulichen Nicker zu ... das alles kannte sie ja so gut +...</p> + +<p>Und doch war ihr jungfräulich, war ihr bräutlich zumute ... als +wenn sie rein wäre, wie jener, dessen unberührte Jugend sie an ihre +lechzenden Brüste pressen wollte.</p> + +<p>Da — da — Schritte auf der krachenden Stiege, polternd im lichtlosen +Dämmer des Flurs — — an der Klinke eine tastende Hand — und Werner +stand im Rahmen.</p> + +<p>»Fräulein Rosalie — —«</p> + +<p>»Ach — guden Abend, Herr Achebach — grad e bißche aufgeräumt hab ich +da in der Stub —«</p> + +<p>»Ich dank Ihnen schön —«</p> + +<p>»Na — sinn Se spaziere gewesen?«</p> + +<p>»Na — der übliche Sonntagsnachmittags-Exbummel ... wir waren in Wehrda +draußen.«</p> + +<p>Er hatte seine neue Mütze an die Wand gehängt und eine ältere +aufgestülpt. Nun nahm er auch ein älteres Band herunter, knüpfte es an +das neue, das er trug, und zog es durch Abziehen des alten unter<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> den +Rock. Dabei stand er von Rosalie abgewandt. Seine Finger zitterten.</p> + +<p>»Herr Achebach!«</p> + +<p>»Fräulein Rosalie?«</p> + +<p>»Ich muß Ihne mal was frage —!«</p> + +<p>»Nun?« Er fuhr herum — der Ton der Frage hatte so seltsam geklungen ...</p> + +<p>»Herr Achebach — sinn Se in Freitag nacht obe vor mei'm Zimmer g'wese?«</p> + +<p>»Fräu—lein — — Rosalie —«</p> + +<p>»Sie —?« sie drohte mit dem Finger.</p> + +<p>»Ach Gott — ich — ich werde wohl ... bekneipt gewesen sein — +entschuldigen Sie nur — es soll nicht wieder vorkommen —«</p> + +<p>»Ja — was ich Ihne sagen wollt — mei Bruder hat's geheert, wie Sie +nunner sinn gange, un er hat mir de greeßte Skandal gemacht deshalb. De +greeßte Skandal!«</p> + +<p>»Fräulein Rosalie — ich werde morgen ... mit Ihrem Herrn Bruder +sprechen ... und ihm sagen, daß Sie gar nichts ... ich meine, daß ich +allein —«</p> + +<p>»Um Gottes wille, das mache Se nur nit, die größte Unannehmlichkeit +könnt das gebe! Schon so grad schlimm genug is es gewese!«</p> + +<p>»Ach, verzeihen Sie mir doch nur — ich — Himmel, ich könnt mich +prügeln deshalb —«</p> + +<p>»Ja, verzeihe, verzeihe! Sie habe gut rede! Sie<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> sinn der große Herr, +ich bin das arm Mädche, was alles muß ausbade!«</p> + +<p>»Fräulein Rosalie!« Er tat einen Schritt auf sie zu — endlich, endlich.</p> + +<p>»Ach, Herr Achebach —!«</p> + +<p>»Wollen Sie mir verzeihen?!« Er streichelte ihre Hand, ihren Arm — +endlich! Endlich!</p> + +<p>Und fünf Minuten später hatte sie ihn auf dem Sofa.</p> + +<p>Und Werners Fassung schwand. Die wilden Küsse des Mädchens machten ihn +toll.</p> + +<p>Da fuhr Werner plötzlich auf: draußen klang der Cimbernpfiff!</p> + +<p>»Himmel, meine Korpsbrüder!«</p> + +<p>»Verflucht! Laß se doch pfeife!«</p> + +<p>Einen Augenblick lauschte Werner den Pfiffen, die sich dringender +wiederholten.</p> + +<p>Plötzlich polterten Schritte auf der Stiege.</p> + +<p>»Die Tier! Is de Tier abgeschlossen?! Schnell! Tu se zuschließen!«</p> + +<p>Werner fuhr auf — verdammt! Der Schlüssel stak draußen!</p> + +<p>Es war zu spät — da tauchte eine blaue Mütze aus der Dämmerung — ein +gebieterisches, hageres Gesicht — der lange Scholz — —</p> + +<p>»Guten Abend, Leibfuchs!«</p> + +<p>»Leibbursch, du? Guten Abend —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>»Na, warum hast du denn auf meinen Pfiff nicht reagiert, wenn du doch +zu Hause bist? —«</p> + +<p>»Oh, ich — — womit kann ich dir dienen?«</p> + +<p>»Ich wollt mir nur 'ne alte Mütze bei dir holen — es scheint ein +Gewitter zu kommen.« Und schon war Scholz in der Stube. Vom Sofa +leuchtete Rosaliens helle Bluse. »Ach, so!! — Ei, sieh doch den +Duckmäuser! Wer ist denn das?«</p> + +<p>»Fräulein Rosalie Markus — meine <em class="antiqua">filia hospitalis</em> —«</p> + +<p>»Äh — <em class="antiqua">filia hospitalis</em> —!«</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Denn keine ist <em class="antiqua">aequalis</em></div> + <div class="verse indent0">Der <em class="antiqua">filia hospitalis</em>!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>sang Scholz mit näselndem Ulkton.</p> + +<p>»Mach mal Licht an, Leibfuchs! Die schöne Rosalie Markus ist wert, daß +man sie auch mal bei Lichte besieht!«</p> + +<p>Verstört, fassungslos zündete Werner die Petroleumlampe an. Scholz nahm +sie und leuchtete Rosalien ins Gesicht.</p> + +<p>»Verdammt. Dich hab' ich eigentlich noch nie so recht angeschaut, +Mädel! Hat keinen schlechten Geschmack, der kleine Leibfuchs.«</p> + +<p>Rosalie sprang auf, um zu entfliehen.</p> + +<p>»Was, weglaufen? Jetzt, wo's grad gemütlich wird?«</p> + +<p>Und die stählernen Finger des Seniors der Cimbria umklammerten +Rosaliens blühende Handgelenke,<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> preßten das ringende Mädchen +widerstandslos ins Sofa zurück.</p> + +<p>»Au, mein Arme — lasse Se los, Sie — Sie ung'schliffener Mensch, Sie!«</p> + +<p>»Wenn du brav bist!«</p> + +<p>Rosalie war frei, sie rieb sich die Handgelenke. »Da, sehe Se nur, wie +Sie mich verdruckt habe!« Sie hielt die Handgelenke unter die Lampe, +Scholzen entgegen; in der Tat, die Finger des jungen Mannes hatten sich +wie eiserne Handschellen in dem weißen, schwellenden Fleisch eingeprägt.</p> + +<p>»Na ja! So geht's, wenn man mir nicht pariert!« lachte Scholz +behaglich. Seine grauen Augen musterten kennerhaft die Gestalt des +Mädchens und hafteten an dem Ausschnitt der Bluse.</p> + +<p>»Donnerwetter! Ich kann nur staunen! Ich kenne mich doch sonst aus +unter den Marburger Mädeln — warum hab' ich dich eigentlich bisher +übersehen? Nun hat der kleine Leibfuchs da dich mir weggeschnappt. +Schade!«</p> + +<p>»Oh — weggeschnappt!« sagte Rosalie gedehnt.</p> + +<p>Scholz zog, wie freudig erstaunt, die Augenbrauen hoch. Also noch +nicht? Das wäre! lag in diesem Blick, der Rosalie galt. Und dann über +die rechte Achsel zu dem Jüngeren, der noch immer regungslos und +hilflos dastand:</p> + +<p>»Na, Leibfuchs? Du schweigst ja in sieben Sprachen?!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<p>»Gehst du mit zur Kneipe, Leibbursch?« fragte Werner heiser.</p> + +<p>»Oh — wenn du zur Kneipe willst, ich will dich nicht abhalten. Ich ... +wenn du erlaubst, daß wir noch ein Weilchen auf deiner Bude bleiben +... dann möchte ich Fräulein Rosalie gern noch ein Augenblickchen +Gesellschaft leisten.«</p> + +<p>»Das sollt mer grad fehle!« höhnte Rosalie und stand abermals auf, +aber ihr Blick ruhte freundlich auf dem Unverschämten und mied das +brennende, düstere Auge des Knaben, den sie vor fünf Minuten so wild +geküßt.</p> + +<p>»Schönes Kind, du zwingst mich abermals zu Gewaltmaßregeln!«</p> + +<p>»Herr Scholz, mache Se jetzt keine Unsinn un lasse Se mich vorbei!« Sie +mochte Werner so tief nicht kränken.</p> + +<p>»Also heute nicht? Dann ein andermal, du süßer Racker!« Und während +Rosalie an seinen Knien vorbeistrich, packte er sie dreist um die +Hüften. Sie riß sich los, warf noch einen spöttisch-bedauernden Blick +auf Werner, einen schmollenden, doch verheißungsvollen auf Scholz und +war hinaus.</p> + +<p>»Du, Leibfuchs, die Kleine spann ich dir aus, für die bist du noch zu +jung,« sagte Scholz. »Wenn du der in die Finger fällst, dann bleibt für +die Mensuren nichts mehr von dir übrig.«</p> + +<p>Und gleichmütig hing er seine Mütze an die<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Wand, nahm die beste +ältere, die da war, stülpte sie auf den Hinterkopf und sagte: »Komm, +Leibfuchs, wollen zur Kneipe!«</p> + +<p>Er blies die Lampe aus, schob seinen Arm in den Werners und zog ihn zur +Tür.</p> + +<p>Und willenlos, kampflos folgte Werner.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>IX.</h2> +</div> + + +<p>Und abermals war das Geheimnis, die Erfüllung an Werner +vorübergegangen. Und als er andern Morgens im Bette übersann, wie +alles gekommen war, da erfüllte ihn nicht mehr die dankbare Stimmung +selbstbewahrter Reinheit ... da empfand er nichts als Scham und Groll +gegen sich selbst. Diesmal hatte er den Becher nicht selbst von den +Lippen gedrängt, ein Stärkerer war gekommen und hatte den zagen Händen +des Knaben den Trank entrissen. Und er hatte nicht einen Finger zur +Abwehr geregt. Er fühlte: das konnte Rosalie ihm nicht verzeihen. Ihren +Abschiedsblick vergaß er nicht; der brannte noch immer mit ätzender +Schärfe in seiner Seele. Klein und feige hatte er sich die Geliebte +entreißen lassen.</p> + +<p>Die Geliebte! Hahahaha!!</p> + +<p>Dieser Gedanke kam ihm läppisch vor.</p> + +<p>Wer ihm noch vor wenig Monaten gesagt hätte, daß man ein Weib küssen, +ihren Besitz stürmisch begehren könnte, ohne sie zu lieben?!</p> + +<p>Wenn jetzt einer gekommen wäre und hätte ihm erzählt, Rosalie sei in +der Nacht gestorben — würde er eine einzige Träne um sie vergossen +haben?!</p> + +<p>Was war denn das nun, was ihn zu dem wundervollen<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Geschöpf gezogen +hatte?</p> + +<p>Werner hatte keinen Namen für dies Gefühl. Und dennoch wußte er, daß es +ein Glück war, ein süßes, leuchtendes, trunken machendes Glück, das an +ihm vorübergegangen war für immer.</p> + +<p>Für immer?</p> + +<p>Ja, für immer. Diese Stunde würde nicht wiederkommen. Diese Stunde, +die ihm vergönnt hätte, seine so lange aufgestaute Sehnsucht in den +Schoß eines Mädchens auszuschütten, das ihm alle seine Schönheit als +freudiges Geschenk entgegengeworfen hatte, das sein gewartet, das ihn +begehrt hatte in hinlechzendem Verlangen. Begehrt hatte ... und nun nie +mehr begehren würde, da er sich unmännlich gezeigt hatte.</p> + +<p>Und in seinem Herzen war eine tiefe Trauer um ein verlorenes Glück ...</p> + +<p>Ja, um ein Glück!</p> + +<p>Der Primaner in ihm versuchte ihn zu belehren, daß ja doch dies Glück +eine Sünde gewesen wäre —</p> + +<p>Sünde —!! Hahahaha!</p> + +<p>Wo waren die Begriffe hingekommen? Sünde — Schuld!</p> + +<p>Das Leben wußte nichts von ihnen. Das Leben kannte nur zwei +Empfindungen, nur zwei Seelenzustände: Glück ... und Leid ...</p> + +<p>Narr, wer das Glück von sich stieß! Zehnfacher Narr, wer sich's rauben +ließ!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> + +<p>Das Leid, das mußte man wegstoßen — das zudringliche Leid, das immer +wieder von selber kam — dem mußte man mit Keulen auf den Schädel +dreschen, daß es heulend entweichen mußte ...</p> + +<p>Und haschen, haschen das flüchtige Glück ...</p> + +<p>Er hatte es entweichen lassen —</p> + +<p>»Du Narr! Du Esel!!« Er schlug sich mit der geballten Faust vor die +Stirn.</p> + +<p>Babett brachte ihm das Frühstück. Er hatte das liebe Kind, dessen +Mund seine ersten Küsse einst empfangen, seit jenem Abend nicht mehr +beachtet. Und still wie ein Schatten war das schlichte Mädel durch sein +Zimmer gehuscht, nie hatte ein Blick ihn daran erinnert, was zwischen +ihnen vorgefallen.</p> + +<p>Heute zum ersten Male ließ er seine Augen auf ihr ruhen. War +die vielleicht sein Schicksal? Er brauchte wohl nur den Finger +auszustrecken —</p> + +<p>Aber nein — die da begehrte er nicht. Was war sie gegen Rosalie?</p> + +<p>Sie hatte seinen prüfenden Blick gefühlt, und ein tiefes Rot stieg aus +ihrem Brusttuch bis unter die Wurzeln der zurückgestrichenen Haare. +Aber er blieb stumm.</p> + +<p>Und stumm schlich Babett hinaus.</p> + +<p>Nach dem Fechtboden ging Werner zur Anatomie, um von Wicharts +Gefälligkeit Gebrauch zu machen und den Präparierboden zu besichtigen. +Es war ohnehin Zeit. Die warmen Tage waren nahe,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und da würde der +Präparierboden geschlossen werden müssen.</p> + +<p>In der Vorhalle fahndete Werner nach einem dienstbaren Geist, gab dem +seine Karte für Wichart und wartete. Und wie er so stand, ging hin +und wieder die Tür zum Präpariersaal auf, und Studenten gingen ab und +zu. Sie trugen lange, graue Leinenkittel und hatten die Ärmel wie +Schlächter aufgestreift. Die Kittel waren wie mit braunen Farbkrusten +beschmutzt, die Hände dunkel gefärbt ...</p> + +<p>Und aus dem Saale quoll ein Dunst, der sich schwer auf Werners +Brust legte. Der Qualm von Zigarren- und Pfeifenrauch, gemischt mit +einer andern, einer süßlich-faden Witterung ... Werner fühlte sich +unaussprechlich ekel.</p> + +<p>Der Anatomiediener kam: »Der Herr mecht schon immer in de Saal gehe.«</p> + +<p>Und Werner trat ein. Unter der Tür meinte er fast zu ersticken an dem +widerlichen Brodem, der auf ihn zuquoll. Aber das Bild arbeitender +Menschen fesselte seinen Geist und half ihm den Schauder der Sinne +bändigen.</p> + +<p>An vielen kurzen Tischen saßen an hundert Studenten, fast ausnahmlos +junge Semester wie Werner. Alle qualmten sie, alle saßen sie tief +gebeugt, alle hatten sie irgendein seltsam formloses Etwas in der Hand, +an dem sie mit scharfen Instrumenten herumschnitzelten. Neben jedem +lag ein aufgeschlagenes<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Buch mit Illustrationen in rot und blau, +oder deren mehrere ... und der Blick der Arbeitenden ging hin und her +zwischen den Abbildungen ihrer Bücher und den Gegenständen in ihren +Händen.</p> + +<p>Und diese Gegenstände waren leblose Teile menschlicher Körper.</p> + +<p>Als Werners Augen das Gesamtbild des Saales aufgenommen und nun zum +Einzelnen strebten, fiel ihr erster Blick auf einen blutjungen, +bartlosen Menschen von kindlichem Gesichtsausdruck, der ein langes +menschliches Bein unter den Händen hatte. Er war beschäftigt, die +einzelnen Muskeln von den zwischenliegenden Schichten aus Fett und +Bändern zu befreien und herauszulösen. Eben hatte er einen breiten, +roten Schenkelmuskel lospräpariert, schob seine Rechte darunter her, +strich mit der Linken befriedigt, wie liebkosend über den gesäuberten +Muskel und schmunzelte selbstzufrieden vor sich hin, im Bewußtsein +sauber besorgter Arbeit. Werner mußte in all seinem Schauder lächeln.</p> + +<p>Und er ging weiter von Tisch zu Tisch. Hier wurde ein Arm, dort +ein Fuß, dort eine Hand zersäbelt. Und staunend sah Werner diese +selbstverständliche Ruhe und Gelassenheit, mit der diese gleichaltrigen +Jünglinge das Geheimnis des Meisterstücks der Schöpfung erschürften, +geschäftsmäßig, mit dem sachlichen Ernst von Knaben, die ein Spielzeug +zertrümmern, um seinen Mechanismus zu ergründen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> + +<p>Schließlich stand er hinter einem Studenten, der vor sich einen +menschlichen Kopf liegen hatte. Die von Haaren entblößte Schädelhaut +war durch einen Schlitz von der Nasenwurzel bis zum Hinterkopf +gespalten, dann die Schädeldecke flach abgesägt worden, und aus der +Gehirnhöhle hatte der Arbeitende das Hirn losgetrennt und gesäubert. +Eben war er fertig geworden und ließ die quabblige, schaukelnde +Hirnmasse auf einen Porzellanteller gleiten. Erleichtert atmete er auf, +empfand, daß jemand hinter ihm stehe, und wandte sich herum. Es war +Scholz.</p> + +<p>»Tag, Leibfuchs! Na? Was suchst du denn bei uns?«</p> + +<p>»Tag, Leibbursch! Wichart hat mich aufgefordert, mir hier die Sache mal +anzusehen.«</p> + +<p>»So, so — na, wie gefällt dir's denn in dem Ausschank?«</p> + +<p>»Na — gefallen? Jedenfalls interessiert mich's riesig.«</p> + +<p>»Nicht wahr? Und dann riecht's auch so gut.«</p> + +<p>»Entschuldige, Leibbursch — was treibst du denn hier? Ich denke, du +stehst schon ziemlich nahe vor'm Staatsexamen?«</p> + +<p>»Na — immerhin noch anderthalb Semester — aber du hast recht — +eigentlich hab' ich hier ja nichts zu suchen ... uneigentlich aber +mach' ich hier Studien für meine Doktordissertation. Schau dir das +mal an! Das ist die Denkmaschine. Das muß eigentlich jeder<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> gebildete +Mensch mal gesehen haben. Das und 'ne Entbindung. Dann kommt man +dahinter, daß der Mensch ein grad so armseliges Viech ist, wie alle +andern. So die Romanschreiber und die Dichter und so 'ne Leute: die +müßten das mal sehen, dann würden sie nicht so viel idealistischen +Blödsinn quasseln.«</p> + +<p>Diese Logik war Werner unbegreiflich. Mit tiefer Ehrfurcht betrachtete +er die opalisierende Masse auf dem Teller. Ihm war, als wachse vor +diesem Anblick das Geheimnis des Denkens und Schauens nur tiefer +ins Unermeßliche hinab. Wenn nicht eines Gottes kommandierende +Allweisheit dies millionenfach verschlungene Chaos von Gängen und +Fäden und Äderchen gebildet, wenn das alles »geworden war«, so sich +entwickelt hatte im Laufe der Jahrmillionen — war das nicht tausendmal +wunderbarer — weckte es nicht tausendmal tiefere Ehrfurchtsschauer?!</p> + +<p>Das alles zuckte nur als dumpfes Ahnen durch des Knaben Hirn ... von +dem Naturerkennen der Zeit waren nur erst flüchtige Blitze in die +dumpfe Geistesdämmerung der Elberfelder Oberprima gedrungen.</p> + +<p>Und er stand vor dem Sitz des Lebens, wie er manchmal in heimischen +Fabriken oder auf der großen Düsseldorfer Gewerbeausstellung vor +sieben Jahren den riesigen Maschinen gegenübergestanden hatte;<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> das +eine konnte man so wenig begreifen wie das andere; nur eine Anschauung +von einer tiefdurchdachten, langsam und kämpfend herangereiften +Zwecktüchtigkeit und Bedeutungsfülle strömte, wie von jenen +schwerfälligen eisernen Kolossen, von dem Unbegreiflichen, dem ewig +Rätselhaften des Seins wie von dem Menschengeiste, der rastlos sich +selber zu ergründen trachtete. Und der nüchterne, eiserne Gesell da vor +ihm, der ihn vor wenig Stunden um einen süßesten Augenblick betrogen, +wuchs in diesem Moment für Werners Empfinden zu einem Pionier des +Geistes empor, der auf oft betretenen, nie bis zum Ende verfolgten +Pfaden tiefer und tiefer in den Urwald des Unbegriffenen einzudringen +trachtete ...</p> + +<p>Da schreckte ein Ruf ihn aus seinem Sinnen:</p> + +<p>»Achenbach!«</p> + +<p>Wichart stand unter einer Tür, die zu einem Nebengelaß führte; auch +er in Kittel und aufgekrempelten Ärmeln, wie Werner ihn schon von der +Mensur her kannte.</p> + +<p>Werner schob sich zwischen den Schemeln der arbeitenden Studenten +hindurch und begrüßte Wichart, streckte ihm die Hand hin. Aber der +sagte:</p> + +<p>»Ne, Füchsche, Hand gibt's net — ich hab schon gearbeitet!« und +er hielt dem jungen Korpsbruder die besudelte Hand unter die Nase: +»Kannscht es rieche?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>»Ach, Wichart,« sagte Werner, »ich bin dir ja kolossal dankbar! Es ist +großartig interessant!«</p> + +<p>»Nit wahr? Aber wart nur, jetzt sollst was zu sehe kriege, was mer auch +nit alle Tag vor die Auge bekommt. Ebe ist was Neues bracht worde: 'ne +Selbstmörderin, wo se gestern abend unne bei Frohnhause aus der Lahn +gezoge habe!«</p> + +<p>Und er zog Werner ins Nebenzimmer. Dort standen zwei Anatomiediener, +der eine hatte eine Säge in der Hand, der andere hielt etwas fest —</p> + +<p>»Warte Se eine Augenblick, Michel,« sagte Wichart und schob Wernern +ganz heran.</p> + +<p>O Gott — —!!</p> + +<p>Ein junges Weib, ein schönes, wunderschönes Mädchen ... eine Leiche ... +schon bläulich angelaufen, ein wenig gedunsen vom Wasser — aber ...</p> + +<p>Das also war des Weibes Leiblichkeit!!</p> + +<p>Oh, so ganz anders, als der Jüngling sie geträumt hatte ...</p> + +<p>Das Weib und der Tod — da lagen sie beide vor des Knaben Augen — +schleierlos — allübermächtig ...</p> + +<p>Tot ... und warum tot?</p> + +<p>Eine Selbstmörderin —! Aus dem Wasser gezogen!</p> + +<p>O Gott, o Gott!</p> + +<p>Aus blühender Lebensfülle in die nasse, kalte Flut —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> + +<p>Wichart schien die Frage von Werners zuckendem Gesichte gelesen zu +haben. Er wies auf den Leib, der sich stark wölbte.</p> + +<p>»Da steckt's drin!« sagte er. »Das hat sie ins Wasser gebracht. Ja, +Kerlche, so is das! Aber se könne ja die Finger nit davon lasse —! Der +Vater is en Schreiner mit zehn lebendige Kinner, un in seiner Wut, daß +se in de Schand komme is, hat er se uns verkauft.«</p> + +<p>Wernern schüttelte das Grauen so unbezwinglich, daß er mit einem jähen +Laut die Luft durch die klappernden Zähne zog.</p> + +<p>In dem Augenblick trat Scholz ein. »Na, Wichart, was habt ihr denn da +gut's?«</p> + +<p>»Willst es Gehirn habe?« fragte Wichart und wandte sich zu einem +Instrumentenschrank.</p> + +<p>Plötzlich sah Werner, wie Scholzens Augenlider sich weit aufrissen, +die Stirn sich hoch in Falten zog, der Unterkiefer wie haltlos +herunterklappte. Und beide Hände tasteten langsam, irr am grauen Kittel +herauf nach dem Kragen. So stierte er mit blicklosen Augen eine Sekunde +lang auf die Leiche ... und noch eine Sekunde ... dann machte er kurz +kehrt und war hinaus.</p> + +<p>Himmel — was war ihm?!</p> + +<p>Einen raschen Blick voll zähneknirschend angstvollen Forschens ließ +Werner in das Totenantlitz<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> gleiten — ja — sie war's — sie war's — +Lenchen Trimpop.</p> + +<p>Wichart hatte nichts bemerkt. Er kramte unter seinen Instrumenten und +holte eine große Schere heraus. Die gab er dem einen der harrenden +Anatomiediener und deutete auf das lang und naß herunterhängende +Blondhaar der Leiche. »Schneiden's ab! Du kannst dir den Kopf gleich +mitnehme, Scholz! Nanu? Wo ist denn der Scholz?«</p> + +<p>Werner konnte nicht antworten. Er drückte Wichart die Hand und +stammelte, totenhaften Gesichts: »Adieu, Wichart, ich danke schön.« +Dann taumelte er hinaus.</p> + +<p>»Is wohl aach kee Mediziner nit, der Herr?« meinte Michel, der +Anatomiediener, und setzte die Schere an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>X.</h2> +</div> + +<p>Gott, Gott! —</p> + +<p>Ein Mensch war in Verzweiflung getrieben!</p> + +<p>Ein junges, blütenjunges Leben hatte flüchten müssen aus der Welt, in +der es Eltern gab, Geschwister, einen Mann, dem es in Liebe angehört +... in der es Mutterhoffnung gab ... aber keine Heimat ... keine +Rettungshand ... nicht Luft noch Licht zum Leben ...</p> + +<p>Was würde sich nun ereignen?</p> + +<p>Eine Katastrophe, ein Weltuntergang ...</p> + +<p>Aber draußen flimmerte die Sonne heiß und heiter auf dem +Straßenpflaster, übergoldete die Stadt und den friedlichen Fluß, in +dem ... das würde man nie vergessen können ... und nie diesen Anblick, +nie diesen fahlleuchtenden, mütterlichen Mädchenleib mit nassen +Blondsträhnen und den grünlichen Flecken ... nie ... nie ...</p> + +<p>Heim! heim! ins Dunkel, in die Einsamkeit ...</p> + +<p>Er fand in Dumpfheit seine Straße, seine Stiege, sein Sofa ... wühlte +sich in eine Decke, fror und schluchzte und sann.</p> + +<p>Da stürzte Rosalie heulend herein: »Herr Achebach, Herr Achebach! Ach, +das Malheur, das Malheur!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>»Fräulein Rosalie?«</p> + +<p>»Meine Freundin, es Lenchen Trimpop, is in de Lahn gange!« sie fiel in +einen Stuhl, sie heulte, sie ächzte, stoßweise schrie sie es heraus.</p> + +<p>»Un ich weiß auch, weshalb! E Kind hat se, un ich weiß auch von wem! +Vom Scholz hat se's gehabt, von eurem Scholz —!!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ja, nun würde die Rache kommen. Die da, dies Mädchen, das gestern der +Überrumpelung des Sieggewohnten fast erlegen war ... die wußte nun, +wer er war ... die würde nun durch alle Straßen von Marburg heulen: +der erste Chargierte der Cimbern ist schuld, daß das Lenchen Trimpop +ins Wasser gegangen ist! Und dann würden die Steine Echo schreien, +die Leute sich auf den Verführer, den Mörder stürzen wie auf eine +gefährliche Bestie und die Rache der Menschheit an ihm vollziehen ...</p> + +<p>Nicht, daß er wieder ein »Balg« in die Welt gesetzt — nicht das war +das Ungeheuerliche ... sondern daß er hatte die in Verzweiflung sterben +lassen, die ihm ihr Alles gegeben ... das war's, das würde Rosalie als +Anklägerin in alle Lüfte heulen, und die Steine würden Echo schreien ...</p> + +<p>Mit schlotternden Knien suchte Werner um die Mittagsstunde den Kreis +der Korpsbrüder auf, die er im Quentinschen Lokal beim Frühschoppen +wußte. Er glaubte nicht anders, als daß er alles in wilder<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Verstörung +antreffen würde. Aber sehr behaglich kneipend saßen die Füchse im +Garten über der hohen Terrassenmauer. Die Korpsburschen, hieß es, seien +auf der Kneipe im C. C.</p> + +<p>Ah! also dort vollzog sich das Strafgericht!</p> + +<p>Aber nein.</p> + +<p>Bald kamen die Korpsburschen: sofort sah Werner an ihren Gesichtern, +daß nichts von besonderer Bedeutung vorgefallen.</p> + +<p>Und bald wurde den Füchsen aus dem C. C. mitgeteilt: »C. B. Scholz, +gewesener Dritter Erster, Erster, Erster, Erster <em class="antiqua">ad interim</em> +tritt von seiner Charge ins Korps zurück und derselbe mit Farben +inaktiv. Unter demselben Datum definitive Chargenwahl: Papendieck, +gewesener Fuchsmajor, Erster, Krusius, gewesener Dritter, Zweiter, +Dettmer Dritter. Unterm selben Datum: i. a. C. B. Scholz, gewesener +Dritter, Erster, Erster, Erster in Berlin.«</p> + +<p>Also das war das Ende? Das war alles?!</p> + +<p>Ja, da mußte doch etwas nachkommen! So konnte das doch nicht ausgehen?!</p> + +<p>Rosalie würde reden! Ja, die wußte ja nicht bloß, wie Werner, aus +Anzeichen — — die wußte aus dem Munde der Toten, was geschehen war!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Rosalie schwieg. Ein paar Tage lang hatte sie verweinte Augen ... lief +ein paar Tage im Hause herum, ohne wie sonst zu trällern und zu pfeifen +—<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> dann pfiff und trällerte sie wieder. Und hatte geschwiegen.</p> + +<p>Und nichts geschah ... nichts.</p> + +<p>Ein paar Tage sprach man in Marburg davon, daß eine Tischlerstochter +sich ertränkt habe; sie solle ein Verhältnis mit einem Studenten gehabt +haben, das nicht ohne Folgen geblieben sei: dann war Lenchen Trimpop +vergessen. Als wäre eine Mücke ertrunken.</p> + +<p>Und niemand klagte ihren Mörder an. Niemand kannte ihn. Niemand.</p> + +<p>Doch, einer: er — Werner! —</p> + +<p>Er würde die Stimme erheben müssen, er würde zeugen müssen gegen den +weiland Senior Cimbrias, den gefürchteten S.-C.-Fechter, gegen seinen +Leibburschen!</p> + +<p>Was konnte alles daraus werden —?!</p> + +<p>Eine furchtbare Katastrophe im Korps!</p> + +<p>Vielleicht würde später Scholz ihn fordern ... gar auf schwere Waffen +— auf Säbel ... auf Pistolen!</p> + +<p>Was konnte daraus werden?!</p> + +<p>Und mit Schaudern malte Werner sich alle möglichen ungeheuerlichen +Folgen seiner Enthüllung aus.</p> + +<p>Vielleicht würde sich Scholz, wenn das Korps ihn exkludierte, das Leben +nehmen ...</p> + +<p>Aber das wäre dann eben die Nemesis, die Rächerfaust der Erinnyen:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wir heften uns an seine Sohlen,</div> + <div class="verse indent0">Das furchtbare Geschlecht der Nacht!</div> + <div class="verse indent0">— — Geflügelt sind wir da, die Schlingen</div> + <div class="verse indent0">Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,</div> + <div class="verse indent0">Daß er zu Boden fallen muß!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>O ja, er kannte seinen Schiller! Er wußte, daß es eine ewige, rächende +Gerechtigkeit gab ... und wie durch jener Kraniche Mund der Mord des +frommen Sängers an die Sonne kam; er, Werner, war das Werkzeug der +Vorsehung, des Weltenrichters, den tödlichen Frevel an dem armen +Schreinerskinde zu rächen!</p> + +<p>Mochte kommen, was da wolle! —</p> + +<p>Und er ging zu Papendieck, seinem verflossenen Fuchsmajor, dem +neugebackenen Ersten Cimbrias.</p> + +<p>Der lange Senior saß mit der Pfeife vor einem medizinischen Buche und +»strebte« fürs Physikum. Er war etwas ungnädig über die Störung. Er war +meistens ungnädig, seit er Erster geworden war.</p> + +<p>Aber bald wurde er aufmerksam. In seinem Gesichte zuckte es ganz +wunderlich, als Werner stammelnd, glühend seine Anklage vorbrachte.</p> + +<p>»Na — büst fertig?« sagte er, als Werner schwieg und in zuckender +Spannung den Gestrengen ansah.</p> + +<p>»Ich bin fertig.«</p> + +<p>»Na, nu will ick dir mal wat sagen, lütt Jung. Du hast 'n Vagel. Äwer +'n utgewassenen. Nu gah nah Hus, lütt Jung, un leg di up't Ohr.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p> + +<p>Werner sprang auf. »Habe die Güte, mir das zu erklären!« Seine Augen +funkelten so bedrohlich, daß Papendieck sich zu einer Erläuterung +verstand.</p> + +<p>»Zuerst, min Sähn, mußt du dir klar machen, daß allens, wat du wissen +willst, man Hirnges — pinste sind, Hirnges—pinste — versteihst du +mir? Sonst nix! Scholz hat große Augen gemacht, wie er die Leiche von +dem unglücklichen Mädchen gesehn hat, und denn is er weggegangen. Das +is allens! — Aberst nu will ich mal annehmen, es verhielt sich allens +wirklich so, wie du dir das zusammenklaviert hast, was wäre denn nu +denn dorbi? Wat? Sollen wir vielleicht unsen Senior von drei Semestern +mit Schimpf und Schann rutsmiten, weil so'n doemliches Ding sich ihm +von Rechts wegen an'n Hals hätt smeten? Wat? Scholzen, den s—trammsten +Korpss—tudenten in Marburg?! Nee, nee, min Sähn, da büst du hellschen +schiew gewickelt! Un nu gah, min Sähn, un wenn ick dir nen gauden Roat +soll gewen: denn swig din Mul! vers—tehst du mich?! sonsten kann +dich das noch hellschen slecht bekommen! Der Scholz, weißt du, der +vers—teht keinen S—paß!«</p> + +<p>Werner war draußen. Alles wirbelte um ihn her.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Ich durchbohr den Hut und schwöre:</div> + <div class="verse indent0">Halten will ich stets auf Ehre,</div> + <div class="verse indent0">Stets ein braver Bursche sein.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Nicht wahr? So hatten sie doch gesungen auf<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> dem S.-C.-Antritts-Kommers +beim Landesvater? Das war doch der feierliche Burschenschwur, den sie +damals alle miteinander getan?!</p> + +<p>Ja, was war denn Ehre, wenn <em class="gesperrt">der</em> nicht ehrlos war?!</p> + +<p>Aber, Werner Achenbach, schlag an deine eigene Brust! Hat nicht vor +wenig Tagen dieser selbe Scholz, den du verdammst, dich davor bewahrt, +zu tun, was jenes Mädchen in den Tod getrieben hat?!</p> + +<p>Doch nein ... nicht jene trunkenen Stunden, in denen die Tote das Leben +in ihren Schoß empfangen hatte — nicht die waren's, um die Werner den +Verführer verdammte.</p> + +<p>Jene späteren, kalten, rohen, die gekommen sein mußten, in denen Scholz +der Genossin glücklicher Nächte seinen Beistand versagt hatte, versagt +haben mußte ... hatte nicht Scholz ihm selber gestanden, daß ein Mädel, +das etwas »gefangen« habe, sich hilfeflehend an ihn gewandt habe ... +er solle sie heiraten, sonst müsse sie ins Wasser gehen? Er hatte +keine Hilfe für sie gefunden ... hatte sie verzweifeln und sterben +lassen ... das war's ... das war für Werners Empfinden die eigentliche +Ehrlosigkeit, das endgültige Verbrechen, der unsühnbare Mord.</p> + +<p>Waren sie denn alle so, die Blau-rot-weißen, wie dieser Papendieck?</p> + +<p>Eine andere Stimme wollte Werner hören ... alle die Jünglinge um ihn +herum standen mitten<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> drin in diesem Treiben ... waren noch beeinflußt +von Scholzens Persönlichkeit, die anderthalb Jahre lang das Korps in +fester Zucht gehalten hatte. Eine menschlichere Stimme klang in Werners +Ohren nach, die Stimme eines jungen Mannes, der schon an der Schwelle +des wirklichen Lebens stand — Wicharts.</p> + +<p>Er suchte ihn auf, erzählte ihm den Sachverhalt.</p> + +<p>»Ja,« sagte der, »das sieht em ähnlich, dem Scholz. Er kann's nu mal +nit lasse. Was willst mache? Laß doch die Mädche ihre siebe Sache +beisamme behalte!«</p> + +<p>»Wichart! und das könntest du ... das brächtest du fertig, den Menschen +noch länger als Korpsbruder zu behandeln? So einen Ehrlosen?!«</p> + +<p>»Ehrlose? Na, Fichsche, die hohe Töne, die wolle mer lieber unnerwegs +lasse un wolle der Sach mal ruhig auf de Grund gehe. Sieh mal, wann +e Mädche sich emal tut hernehme lasse, hernach muß se's doch von +vornherein wisse, was das absetze kann, möglicherweis. Sieh mal, in +Deutschland werde jedes Jahr hunnertunachtzigtausend uneheliche Kinner +gebore. Ob da nu eins mehr oder eins weniger komme wär — darum wär die +Welt nit unnergange. Oder meinst? Na, un wenn nu das dumme Mädche ihr +Kindche ruhig hätt zur Welt gebracht — der Scholz hätte zahle misse, +un es wär sicher e strammes Biebche geworde. Warum is se in de Lahn +gange? Wenn alle Mädche, die Kinner kriege, in de Lahn<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> wollte gehn +— so viel Platz is ja gar nit in der Lahn. Also: der Scholz hat nit +mehr und nit weniger getan, als wir alle tun. Und wenn das Mädche dran +zugrunde is gange — Pech genug für de arme Scholz, der wird's auch nit +so bald vergesse, wie se da is gelege auf ein Prosektortisch. Ja!«</p> + +<p>»Wichart — und das alles ist ... wirklich ... deine Ansicht?«</p> + +<p>»Na, aber allemal! Oder hätt er se am End gar heirate solle? die +Schreinerstochter? Da hätt er ja als Student schon e kleine Harem +beisamme.«</p> + +<p>»Wichart — in mir dreht sich überhaupt alles —«</p> + +<p>»Oder am End gar stehst auf dem Standpunkt vom Keuschheitsprinzip? Die +Burscheschafte, da gibt's so was, bei einige wenigstens. Keuschheit +bis zum Ehebett! Je, dann hättst zu de Armine gehe müsse — hättst nit +Korpsstudent dirfe werde.«</p> + +<p>Werner richtete sich hoch auf. »Lieber Wichart — ich will dir ganz +offen etwas sagen. Ich bin jetzt acht Wochen in Marburg. Acht Wochen +aktiv. Aber was in den acht Wochen aus mir geworden ist ... wenn ich +das vorher gewußt hätte — ob ich Armine geworden wäre, das weiß ich +nicht — aber Cimber — Korpsstudent — bei Gott nicht!«</p> + +<p>Wichart schwieg einige Zeit, zündete sich eine frische Zigarre an, sann +erst vor sich hin, lächelte dann still in sich hinein, richtete sich +auf und sprach:</p> + +<p>»Hernach, lieber Achebach, muß ich dir emal e<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Rede rede. Sieh mal, +ich hab e bißche mehr von der Welt gesehn, wie du. Ich begreif das +alles ganz gut. Bis vor acht Woche bist mollig un weich im Elternhaus +gesesse, un von der Welt is nix an dich ran komme. Und die Magister, +die habe dir nix gesagt, un so bist e ganz kleins dummes Gänsche +gebliebe mit deine achtzehn Jahr un mit deine lange Knoche. Un nu +auf einmal kopfüber, kopfunter mitte nein in die Welt! Un, ach du +liebe Güte, wie is die so anners, als du dir's träumt hast! Un nu +willst verzweifeln un denkst, das is das Korps, wo all die Mensche so +schlecht macht. Ich aber sag dir: sieh dich mal erst um im Lebe! Dann +wirst finde: die Korpsstudente, die alte wie die junge, sind gewiß +keine weißgewaschene Engelche ... aber <em class="gesperrt">die Beste im Land</em> sinn +doch mit dabei! Ich will ja nit sage, daß es auf anner Weis nit geht, +e richtiger Kerl zu werde, wie das Lebe sie braucht, ich weiß auch: +manches bei uns is faul, könnt anners werde ... aber weißt — worauf's +ankommt im Lebe — das habe die alte Korpsstudente im Korps alle +gründlich gelernt. Denn im Lebe, weißt, da schaut's anners aus als auf +der Prima! da heißt's: durchkomme! sich wehre mit Zähn un Klaue! un das +lernst im Korps, verlaß dich drauf! un wenn dabei die Fetze vom Herze +nur so runnerfliege wie die Schwartelappe drauße in Ockershause ... +laß fliege, laß fliege! das wachst wieder nach ... von selber wachst's +wieder nach!!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>»Aha — also sieht's aus! sorgen, daß man durchkommt!! und all das +Gerede von Ehre, Ehre, Ehre, das ist also nur Schein! nur Dekoration! +Komödie! Schwindel!!«</p> + +<p>»Komödie?! Schwindel?! Du, da wolle wir uns mal in zehn Jahre wieder +drüber spreche! Lieber Achebach, es is noch e bißchen zu frieh für +dich, so abzuurteilen über die Welt, wo du erst seit acht Woche aus +deiner Kinnerstub nein bist sprungen. Denkst du, mir habe hier all nur +darauf gewartet, daß du kommst, für um uns nu fix fix umzukrempeln nach +deine achtzehnjährige Gedanke? Nee, Männche ... lern du erst emal, dich +in die Welt schicke! Verbessern kannst se immer noch, hernach, wenn mal +bist wer geworde! Lern heule zuerst mit de Wölf, sonst fresse se dich!«</p> + +<p>»Wichart ... nur das eine sag mir ... ich will ja ... ich will +ja mir Mühe geben zu lernen. Was ist sie denn, diese sogenannte +korpsstudentische Ehre, die wir hochhalten sollen? Das wird uns ja +gepredigt in jedem R. C. — wie soll ich sie hochhalten können, wenn +ich nicht weiß, was sie ist?«</p> + +<p>»Ja, lieber Junge, die Ehre! die korpsstudentische Ehre! wenn mer +das so könnt mit Worte sage! ... Sieh mal, ich glaub, die Ehre, +da is es grad mit wie ... wie mit der Mensur. Schau, is das nit +eigentlich e Bleedsinn, die ganze Fechterei?! Zwei junge Kerl, die +sich im Lebe nimmer nix zuleid getan<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> habe, die werde von dene +zweite Chargierte widerenanner gestellt un misse sich nu die Nase +un die Keps entzweischlage. Bleedsinn is es! aber ... <em class="gesperrt">mer wird +e Kerl dabei</em>!! Haar kriegt mer auf die Zähne ... un das is es +doch, worauf es ankommt im Leben! Un so, mein ich, so is es auch mit +der korpsstudentischen Ehre. Eigentlich auch Bleedsinn. Wär's nit +Bleedsinn, wenn mer sich einbildt, mer wäre was Besonners, wann mer +so e blau-rot-weißes Fetzche über der Weste kann trage? Aber trag's +mal so vier Semester lang, mach mal de Bleedsinn e paar Jahr lang mit! +sollst sehe, was das fir e Muck gibt in de Knoche! — — Ich weiß ja, +das alles is nur die Schal von der Nuß, un unner der glatte, harte +korpsstudentische Schal, da is auch manch taube Nuß un manch faule +auch. Aber der Kern, weißt, wenn der gesund is, hernach sollst sehn, +wie gut's dem tut, wann die Schale so fest is un so glatt! — — Weißt, +lieber Freund, es Lebe is nit so einfach, wie du's dir gedacht hast auf +em Gymnasium; es is e verdammt schwierige Einrichtung un e komplizierte +dazu! Un in manchem Bleedsinn steckt mehr Vernunft un mehr Gesundheit +als in de Kepf von zwei Dutzend Professore!! Na, nu geh un denk e +bißche nach über mei lange Red ... ich muß in d' Klinik!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Werner schlenderte durch die breiten, uncharakteristischen Straßen der +neuentstehenden Südstadt und<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> sann über Wicharts Worte. Er fühlte die +gute Meinung, die Aufrichtigkeit in den Darlegungen des Reiferen, aber +das alles schloß sich nicht zu einem Ganzen zusammen ... das wollte +nicht verschmelzen mit dem Ideenkomplex, mit dem Moralkodex, mit dem +Schule und Elternhaus ihn ausgerüstet. Es sprach nicht zu seinem Herzen +... sie wärmte nicht, diese Weisheit, sie rief nicht zu Taten der +Begeisterung ... Gab es denn keine Stelle, wo der Herzschlag seiner +Sehnsucht Echo fand? War er denn wirklich allein, ganz einsam inmitten +der Stadt der Jugend, wo auf zehn Einwohner ein Student kam? Tausend +Altersgenossen ... tausend Kommilitonen ... und kein Herz ... kein +Freund?</p> + +<p>Und da stand das Angesicht des einen vor seiner Seele, von dem er +wußte, daß er zum mindesten ein Gefühl mit ihm teilte ... aber das +höchste, das wundertätigste ... Klauser ... der arme, dimittierte +Klauser ...</p> + +<p>Ob er den überhaupt besuchen durfte? Ob er sich nicht straffällig +machte dadurch? Er konnte ja fragen ... aber nein ... vielleicht gab's +dann ein Verbot ... und das würde er dann übertreten müssen. Denn eine +Sehnsucht, ein Heimweh nach einem Herzen, das er zum wenigsten erfühlen +könnte, zog ihn unwiderstehlich zu dem Jüngling, zu dem er ein Mädchen +hatte sprechen hören, wie zu ihm selber in seinen Träumen Elfriede +sprach. Er wollte mindestens versuchen,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> ob da auf die Fragen eines +bangenden Menschenherzens eine Antwort zu hören sei — — nicht eine +korpsstudentische, sondern eine menschliche Antwort.</p> + +<p>Klauser saß lesend auf seinem Sofa, als Werner eintrat. Er sprang auf, +seine Augen leuchteten in dankbarer Freude — als er den Besucher sah.</p> + +<p>»Gott sei Dank, endlich bekümmert sich mal einer um mich. Willkommen, +Achenbach!«</p> + +<p>Mit Rührung sah Werner in das dick verquollene, blasse Gesicht unter +dem turbanartig den Kopf einhüllenden Wickelverbande. Himmel, sah der +Arme verändert aus! Es war die Scham über sein Mensurunglück, die +schimpfliche Strafe, die Einsamkeit von vier Tagen, angefesselt in all +der jungen Sommerpracht an ein dumpfes Studentenbudchen, das man nicht +verlassen durfte, ohne daß die Spießer mit Fingern auf einen zeigten ...</p> + +<p>Vor ihm auf dem Tische stand eine Kabinettphotographie im Rahmen ... +die nahm Klauser hastig und errötend weg und wollte sie verbergen.</p> + +<p>»Laß,« sagte Werner und legte seine Hand leicht auf den Arm des +Korpsbruders — »laß nur — ich weiß Bescheid. Das ist Marie. Deine +Braut. Ich gratuliere dir tausendmal.«</p> + +<p>»Achenbach?«</p> + +<p>»Ich ... hab' euch im Museumsgarten zusammen gesehen ... neulich auf +der Reunion. Ich habe ein<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> paar Worte aufgeschnappt ... aber du mußt +nicht denken, daß ich gehorcht hätte!«</p> + +<p>»Das denk' ich auch nicht von dir, Achenbach. Nun, wenn du's weißt, +dann ... ich danke dir. Du bist ... der erste, der ... ich danke dir.«</p> + +<p>Die Jünglinge schüttelten sich die Hände. Beider Augen schimmerten, +ihre Lider schlossen und öffneten sich rasch ein paarmal.</p> + +<p>»Setz' dich! Was trinkst du? Einen Schnaps — Bier?«</p> + +<p>»Was du hast.«</p> + +<p>»Ich brauche nur zu klingeln.«</p> + +<p>»Na, dann natürlich ein Bierchen.«</p> + +<p>Eine alte Wirtin erschien, nahm den Befehl entgegen und verschwand.</p> + +<p>»Zigarre oder Zigarette?«</p> + +<p>»Erst das letztere, dann das erstere.«</p> + +<p>»Recht so!« Die Dunstwölkchen kräuselten um Mariens Bild, das in seiner +schlanken Herbheit zwischen den Jünglingen stand.</p> + +<p>»Und wie geht's dir, Klauser?«</p> + +<p>»Na, wie's einem geht, wenn — na, du weißt ja.«</p> + +<p>»Verzeih, aber mir kommt das alles entsetzlich wunderlich vor. Was hast +du denn eigentlich verbrochen, daß man dich so einfach ...«</p> + +<p>»Ja, was hab' ich verbrochen? Meine Mensur hat eben dem C. C. nicht +genügt. Und dann fliegt man raus. Das ist nun mal so.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<p>»Ja, ich begreife das alles wirklich nicht.«</p> + +<p>»Warum hast du's dir nicht von deinem Leibburschen erklären lassen? Der +ist doch dafür da.«</p> + +<p>»Mein Leibbursch ist Scholz —«</p> + +<p>»Ach so — dann freilich —! Na, dann will ich dir helfen. Also sieh +mal, bei uns Korpsstudenten ist die Mensur nicht ein einfacher Sport, +ein Waffenspiel, sondern ein ... Erziehungsmittel. Es soll nämlich der +Korpsstudent auf der Mensur beweisen, daß ihm körperlicher Schmerz, +Entstellung, selbst schwere Wunden und Tod ... daß ihm das alles +gleichgültig ist. Verstehst du? Und dazu erzieht die Mensur.«</p> + +<p>»Das begreif' ich sehr wohl und find' es auch sehr schön. Aber ... hast +du dich denn so benommen, als wenn du ... ja, du mußt mir nicht böse +sein, ich frage ja nur — als wenn du Angst hättest?«</p> + +<p>»Angst?! Ich und Angst? Haha!«</p> + +<p>»Ja — warum hat man dich denn dann —«</p> + +<p>»Ja, warum? Sieh mal, wenn du länger im Korps bist, dann wirst du das +alles besser begreifen lernen. Im Korps sind seit einigen Jahren die +— Anforderungen an die Mensur ... ein bißchen überspannt worden. Man +... verlangt da Dinge, die ... die eben nicht jeder leisten kann. Und +mancher kann sie heute leisten und morgen wieder nicht. Es kommt da +viel auf die Stimmung an ... auf den<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Gesundheitszustand ... auf die +Verfassung, in der die Nerven sind ...«</p> + +<p>»Ja, mein Himmel — dann bist du also dafür bestraft worden, daß du ... +dich am Abend vorher verlobt hast —?!«</p> + +<p>»Ja — wenn man's deutsch nennt — dann stimmt's.« — — —</p> + +<p>»Das ist Wahnsinn. Wahnsinn ist das.«</p> + +<p>»Ja, sieh mal ... du darfst eben nie vergessen ... das sind Menschen, +die uns beurteilen ... junge Dächse, wie du und ich auch ... die sind +natürlich nicht unfehlbar. Der C. C. ist der Ansicht gewesen, daß meine +Mensur schlecht war, und dann ist sie eben schlecht. Das ist gerade +wie vor Gericht. Da wird auch manchmal ein Unschuldiger verknackt. Das +nennt man dann persönliches Pech.«</p> + +<p>»Persönliches Pech?! Ich meine, das ist eine furchtbare Härte, eine +schauderhafte Unvollkommenheit des Korps —! Ach — Klauser ... +überhaupt das Korps!! —«</p> + +<p>»Achenbach —?!«</p> + +<p>»Ach, Klauser — ich bin ja einfach fast am Verzweifeln!! — Na und du? +Dir muß es doch ähnlich gehen! Du fühlst doch wahrhaftig die Segnungen +dieser famosen Institution am eigenen Fleisch und Blut ... in diesem +Augenblick!«</p> + +<p>»Am eigenen Fleisch und Blut! Ja, das tu ich.«</p> + +<p>Ernst, mit bitter zusammengezogenem Munde,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> lehnte sich Klauser einen +Augenblick in seinem Stuhle zurück. Er ließ schwere Rauchwolken zur +Decke steigen und starrte ihnen nach.</p> + +<p>»Ja ... wenn man's noch einmal zu tun hätte —!«</p> + +<p>Aber dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf.</p> + +<p>Er setzte sich aufrecht, legte seine Hand auf die des Freundes und +sagte:</p> + +<p>»Kind, sieh mich an. Wie ich hier sitze, hat mich das Korps auf meine +fünfzehnte Mensur herausgeklebt, mir meine Charge genommen, und ich +weiß noch nicht, komme ich Samstag in acht Tagen wieder hinein in den +Bund, oder fliege ich perpetuell raus. Also, kannst mir glauben, zum +Schönfärben und Vertuschen ist mir grad' nicht zumut. Ja, vieles ist +bei uns nicht schön. Vieles könnte anders sein — milder, menschlicher, +weniger nach Schema F. Aber ... wenn ich noch mal krasser Fuchs wär ... +ich würde doch wieder Korpsstudent!!«</p> + +<p>»Doch wieder? Trotz alledem?«</p> + +<p>»Ja — trotz alledem! Ich weiß nicht, mein Gefühl sagt mir: das muß +alles so sein. Das ist alles so eingerichtet, damit wir brauchbar +werden für das, was später kommt ... Damit wir lernen, die Zähne +zusammenbeißen — — damit wir Männer werden! — Und du — — halt nur +zwei Semester aus ... dann sprichst du geradeso!! —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>Eben kam die Alte mit dem Bier. Sie schenkte ein, schlich hinaus.</p> + +<p>»Prost, Achenbach!«</p> + +<p>»Prost, Klauser!«</p> + +<p>»Was soll's gelten? — Ich weiß: auf ein ewiges <em class="antiqua">Vivat, crescat, +floreat</em> unserer lieben Cimbria! Auf daß sie grüne und gedeihe in +alter Herrlichkeit! Auf daß sie Freude erlebe an uns, ihren getreuen +Söhnen! Rest!!«</p> + +<p>Leuchtenden Auges tranken sie aus und schauten einen Augenblick ins +leere Glas. Dann füllte Klauser stumm aufs neue die Gläser.</p> + +<p>»Und nun,« sagte Werner, »nun will ich auch eins ausbringen. Aber dabei +müssen wir aufstehen! — Auf ... <em class="gesperrt">die da</em>! Klauser! Auf die da ... +und auf ... auf eure Liebe, Klauser! Auf daß sie euer Leben reich mache +... reich ... und schön ... schön ... Marie soll leben! Deine Marie!«</p> + +<p>»Marie! — — Marie!«</p> + +<p>Die Gläser stießen aneinander, Auge ruhte in Auge, feierlich tranken +sie aus.</p> + +<p>Und wie ein Goldglanz wob es durch die Stube. Heller, leuchtender noch +als das Bild auf dem Tische schwebte vor den Herzen der Jünglinge +strahlend ein Mädchenantlitz vorüber und grüßte die Zecher ...</p> + +<p>»Na und nun?« Klauser schenkte zum dritten Male ein. »Wie heißt der +dritte Spruch?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es lebe die Liebste <em class="gesperrt">deine</em>,</div> + <div class="verse indent0">Herzbruder, im Vaterland!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>denn — — du hast auch eine, Achenbach, oder ich will ein schlechter +Kerl sein.«</p> + +<p>»Ja, Klauser ... ich habe eine — im Vaterland ... daheim!«</p> + +<p>»Die heißt?!«</p> + +<p>»Elfriede —«</p> + +<p>»Also — Elfriede soll leben!«</p> + +<p>»Elfriede!«</p> + +<p>Still war's im Zimmer. Zwei junge Herzen schlugen dem Glück entgegen. +Dem fernen, dem unerreichbar fernen Glück ...</p> + +<p>»Ach, Klauser,« rief Werner, »es ist ja alles Unsinn — sich zu grämen +über die Welt — —«</p> + +<p>»Ist auch Unsinn! Haha! Die Welt! Ist ja viel Dummes und Blödes und +Scheußliches drin ... aber auch das andre ... das ist auch da!«</p> + +<p>»Ja, das Gute, das Heilige ... das Schöne.«</p> + +<p>»Da wollen wir uns dran halten, wenn uns bange wird ...«</p> + +<p>Und die glücklichen Knaben erzählten einander. Jeder von seiner Liebe +... sie konnten kein Ende finden.</p> + +<p>Und lächelnd, rätselvoll lächelnd stand Mariens Bild zwischen ihnen. +Das Bild eines Weibes ... eines reifen Weibes ...</p> + +<p>Plötzlich zog Klauser die Uhr und rief: »Menschenskind ... es ist ja +die höchste Zeit, daß du auf<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> die Kneipe gehst! Zu spät kommen zu +spezieller Kneipe kost' zwei Em! Raus! raus!«</p> + +<p>»Ich danke dir, Klauser ... es war schön.«</p> + +<p>»Ja, es war schön, und du hast mir verdammt gut getan in meiner +Einsamkeit ... mir ist so wohl, so ... und Samstag in acht Tagen ... +ich hab' so'n Gefühl ... es wird gut gehn mit mir ... ich komm schon +wieder hinein in den Bund ... läßt du dich mal wieder sehn inzwischen?«</p> + +<p>»Wenn ich darf?«</p> + +<p>»Du darfst! Brauchst nur um Dispens zu bitten!«</p> + +<p>»Mach ich! Also ... auf Wiedersehn!«</p> + +<p>»Auf Wiedersehn, lieber Achenbach! Und nochmals tausend Dank!«</p> + +<p>Und als die Jünglinge sich zum Abschied in die Augen sahen, da +löste sich für einen Augenblick die glatte Rinde korpsstudentischer +Gemessenheit um ihre jungjungen Herzen. Sie lagen sich plötzlich in den +Armen.</p> + +<p>Halb beschämt über diese Selbstvergessenheit, halb glückselig in einem +nie erlebten Gefühl des Einklangs, trennten sie sich mit einem derben +Lachen. Und doch war ihnen beiden so warm und stark im Herzen.</p> + +<p>Sie waren noch etwas Besseres als Korpsbrüder geworden in dieser Stunde.</p> + +<p>Sie waren Brüder geworden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>XI.</h2> +</div> + +<p>Seit Werner mit Klauser und Mariens Bilde ein fein Kollegium gehalten, +war ihm heller zu Sinn.</p> + +<p>Allmählich verblaßte in seiner Erinnerung das Grauengesicht des +ertrunkenen Lenchens. Das zurückgekrampfte Totenhaupt mit den +halbgeschlossenen, geschwollenen Augenlidern verschwebte im +Dämmerlichte der Erinnerung, und dafür hob sich Mariens lebenswarmes +Gesicht, von innen mit strahlender Glut erhellt. Er liebte das Mädchen +nun mit der ritterlichen Schwärmerei eines dienstgetreuen Bruders. +Wenn er ihr auf der Straße begegnete, grüßte er ehrerbietig, obgleich +er ihr noch nie vorgestellt war. Das erstemal dankte sie erstaunt und +kühl, bei der zweiten Begegnung hatte Werner die stolze Freude, von +ihr, der Fremden, ein vertrauliches, kameradschaftliches Nicken zu +ernten. Das sagte deutlich: er hat mir von dir erzählt! Er! Und da +wußte Werner auf einmal auch noch etwas anderes von Marien: daß sie +Mut habe ... daß sie, die »Hessen-Nassauer-Dame«, deren Vater, der +Universitätsprofessor Geheimrat Hollerbaum, wie auch ihre drei Brüder, +Alte Herren des rivalisierenden Korps waren, den armen verbannten +Cimbern die Strafe nicht hatte entgelten lassen, die sein junges<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Glück +ihm eingetragen ... daß sie ihn gesehen, getröstet hatte ... einerlei +wo und wann ... Oh, wie er sie liebte dafür! Ach, es hatten doch nicht +alle Jugendträume gelogen! So ganz anders war sie doch nicht, die Welt! +Wohl gab es manches darinnen, wovon seine Lehrer, seine Dichter ihm +nichts verraten hatten; aber auch das andere, das Schöne, das Heilige +war da, es wandelte wie auf leuchtenden Wolken mitten durch Blut und +Tränen, durch Schmutz und Alltäglichkeit ...</p> + +<p>Und auch im Korps fand Werner sich nun besser zurecht. Er begann sich +einzufügen, einzuordnen in die Jahrzehnte alte Organisation, die +sicherlich nicht auf ihn gewartet hatte, um sich alsbald nach seinen +Ideen zu wandeln ... die am starren Zaun der Tradition entlang ihren +eisenklirrenden Weg schritt.</p> + +<p>Eifriger als je war er auf dem Fechtboden. Zum Leibburschen hatte er an +Scholzens Stelle den neuen Zweitchargierten, Krusius, gewählt. Einen +Augenblick hatte er daran gedacht, zu warten, bis Klauser sich aus der +Dimission gepaukt haben würde, und diesen dann zum Leibburschen zu +wählen. Aber nein, ein solches offizielles Verhältnis dünkte ihm unwert +des Bundes, den ihre Herzen geschlossen hatten ... und der stramme +Fechtchargierte schien ihm der rechte Erzieher, nun er sich ernstlich +entschlossen hatte, seine ohnmächtige Kritik an den Zuständen des Korps +aufzugeben und zunächst einmal sein ganzes Wesen in<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> die harte Form +pressen zu lassen, die sich ihm darbot und ihm zum mindesten einen Halt +versprach.</p> + +<p>Und noch eine andere Quelle der Unruhe und Qual schien versiegt in dem +ungeheuren Riß, den jene erste Berührung mit dem Ursprung und Ende des +Seins durch seine Seele gezogen hatte. Sein wildes Begehren nach dem +Weibe war einem tiefen Entsetzen gewichen. Des Weibes nackte Schönheit, +die ihn so gequält: er hatte sie zum ersten Male geschaut im Stande der +Auflösung — der Vergänglichkeit — der Vernichtung, und die Schauer +dieser Erinnerung hatten die Sehnsucht in ein fröstelndes Grauen +verwandelt. Und aus diesem Grauen rang sich nach und nach eine Ruhe los +... eine tiefe, entsagende Ruhe.</p> + +<p>Rosalie!</p> + +<p>Wie ein schönes Bild nur sah er die jüngst so wild Begehrte noch an. +Und sie schien zu empfinden, daß die Flammen erloschen waren, die sie +so hoffnungsgierig geschürt hatte. Sie blieb Wernern fern, und wenn +sich ja einmal ein Zusammentreffen fügte, so verkehrten sie ruhig und +heiter zusammen, wie ein paar gute Kameraden. Vollends Babett war ihm +zu einem geschlechtslosen Wesen geworden, zu einem guten, dienstbaren +Geistlein, das um ihn schwebte wie ein körperloser Hauch.</p> + +<p>Und mit ausgebreiteten Armen warf sich Werner hinein in den lustigen +Strudel des Korpslebens. Nun<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> focht's ihn nicht mehr an, wenn er +des Morgens auf dem Fechtboden einmal von einem Korpsburschen derb +gerüffelt wurde. Dann holte er selbst die Filzmaske, ließ sich mit +zusammengebissenen Zähnen den Schädel verdreschen und klopfte weidlich +wieder, so daß der Fechtchargierte Krusius mehr als einmal beifällig +äußerte:</p> + +<p>»Wenn das mit dir so weiter geht, Leibfuchs, dann stell ich dich noch +als Krassen am Semesterschluß ein- oder zweimal raus.«</p> + +<p>Das Kolleg hatte sich Werner nun gänzlich abgewöhnt. Dafür ging's vom +Fechtboden stracks zur Lahn zum Schwimmen. Dann lag er stundenlang im +Grönländer auf dem Wasser. Ach, das war schön! Von dichtem Gebüsch +umrandet, schlängelte sich der schmale Flußlauf durch die breite +Ebene; zur Rechten und Linken säumten die ernsten Bergschranken das +Talbett ein. Blau lag über dem friedvollen Tale das Himmelsdach ... +weiße Wolken segelten von Westen herauf über den Buchenwäldern zur +Linken, wanderten still über Fluß und Ebene und versanken hinter den +Tannen von Spiegelslust. Als Ziel der Ruderfahrt winkte das Dörfchen +Wehrda, friedlich in eine Bergmulde eingebettet, zwei Dutzend schlichte +Häuschen um einen ehrwürdigen Turmstumpf gedrängt; dort gab's saure +Milch und würzigen Handkäs. Und dann zurück ... gar zu gern ließ Werner +die Doppelschaufel des Ruders ein Weilchen ruhen<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> und träumte in die +sommerliche Schönheitsstille hinaus, bis ein plötzlicher Ruck, ein +Schwanken des Bootes ihn gemahnte, daß er sich einem gar empfindlichen +Fahrzeug anvertraut.</p> + +<p>Oder es ging vom Fechtboden aus gleich auf die Wanderschaft. Oft +allein, oft auch in Gesellschaft zweier oder dreier Korpsbrüder +marschierte er los: bald kannte er Weg und Steg der Umgegend. Und er +schloß diese wundersame, versonnene, geheimnisstille Landschaft in sein +Herz. Es war gar nicht auszudenken, was alles diese weiten Bergwälder, +was diese weltverlorenen Hochebenen mit ihren vereinzelten Eichenriesen +über jungem Buschdickicht der Seele sagten.</p> + +<p>Zum Frühschoppen mußte man dann wieder im Quartier sein, und Werner saß +nun nicht mehr als steinerner Gast, nicht mehr als dumpfer, düsterer +Grübler inmitten der munteren Schar. Er sang die derbsten Katerlieder +lachenden Mundes mit, errötete nicht mehr über die massivste +Landsknechtszote, wenn er auch nie selber solche kolportierte. Das +Mensursimpeln langweilte ihn nicht mehr, und niemals mehr fiel's +ihm ein, ein Gespräch über Literatur und Kunst oder Politik und +Religion anfangen zu wollen. Kurz, er war auf dem besten Wege, ein +Korpsfuchs nach dem Herzen des Seniors Papendieck zu werden. Sein neuer +Leibbursch, der Zweite Krusius, war geradezu stolz auf ihn und erzog +ihn mit zärtlichster Vaterliebe.</p> + +<p>Und im stählenden Betrieb des Fechtstudiums, in<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Luft und Sonne blühte +Werner auf. Der schmächtige Körper streckte sich in Länge und Breite, +die verräterischen Ringe unter den Augen, die Zeugen heimlicher Kämpfe +und Qualen, verschwanden. Die Ströme Biers, die Dammer, der nun zum +Fuchsmajor ernannt worden war, durch seiner bisherigen Mitfüchse +Verdauungsapparat allabendlich hindurchleitete, gaben Werners Gliedern +eine behagliche Rundung, seinem Gesicht eine frische Röte; dabei +bewahrten Ruder und Wanderstab und Rappier den jungen Körper vor +Stauung und Fülle.</p> + +<p>Schöne Wochen waren gekommen. Hinter ihm lag die Zeit der Kritik. +Hinter ihm die Erinnerung an seine kunstgeweihte, lernfreudige +Gymnasiastenzeit. Nicht mehr war sein Wahlspruch das Homerwort, das +ihn allezeit auf dem ersten Platze der Klasse festgehalten bis zum +<em class="antiqua">primus omnium</em> — nicht mehr trachtete er »immer der Erste zu +sein und vorzustreben den andern« — nein — aufzugehn in der Menge, +nicht herauszufallen aus dem engen Rahmen, der straffen Norm, die +das Korps der Persönlichkeit vorzeichnete, sich anzupassen der neuen +Lebensform, in die er hineingeraten, das war nun das Trachten seiner +Tage.</p> + +<p>Und Werner wurde heiter. Er wurde lustig, geräuschvoll, ausgelassen +im Kreise der Korpsbrüder. Mit Staunen sahen die, wie er, der früher +manchem unheimlich gewesen war in der grüblerischen Unruhe seines +haltlosen Wesens, auf einmal als überschäumend<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> munterer Kumpan +sich entpuppte, plötzlich begann, gar in Tollheiten zu schwelgen. +Eines Abends kamen Werner Achenbach, mit ihm der jüngst gewählte +Dritte, Dettmer, die Jungburschen Böhnke und Dammer, der Fuchsmajor, +von der Kneipe herunter auf gemeinsamem Nachhausewege und lenkten +in die Wettergasse ein. Dort war das Pflaster aufgerissen: bei +der mangelhaften Beleuchtung stolperte Dettmer über einen Haufen +Pflastersteine und fluchte barbarisch.</p> + +<p>In diesem Augenblick fiel Werners Auge auf die offenen Fenster eines +niedern Bürgerhauses: der Schneidermeister Ackermann wohnte da, ein +geriebener Bursche, der den Korpsstudenten pumpte, solange sie in +Marburg waren, und sie dadurch zu bösartigem Kleiderluxus verleitete +— und kaum, daß sie den Rücken gewandt, an die Eltern schrieb und mit +den Gerichten drohte. Er war deshalb vor kurzem in den S.-C.-Verruf +geflogen.</p> + +<p>»Herrschaften, ich hab' 'ne Idee!« rief Werner.</p> + +<p>»Silentium für Achenbachs Idee!« kommandierte Dettmer.</p> + +<p>»Also da oben hinter den offenen Fenstern ist Ackermanns beste Stube, +das weiß ich, man kann sie von meiner Bude aus sehen! Wie wär's, wenn +ich da hineinkletterte — ihr reicht mir Pflastersteine an, und wir +verzieren ihm seine Renommierbude ein bißchen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Jubel! Im Augenblick war der Plan durchgedacht: Böhnke lehnte sich +an die Wand zwischen Ackermanns kleinen Schaufenstern, und mit +der Sicherheit und Kühnheit, welche der zwanzigste Schoppen dem +ausgepichten Korpsfuchsen verleiht, turnte Renonce Achenbach auf +Böhnkes Schultern. Von da aus konnte er bequem die Fensterbrüstung im +ersten Stock erreichen: ein kräftiges Ziehen: Böhnke, der als Oberjäger +der Reserve etwas vom Turnen verstand, schob mit den Händen unter +Werners Fußsohlen nach, und mit einigem Gepolter langte Werner in der +Stube an. Nun klopfte ihm doch das Herz: er lauschte einen Augenblick, +aber Familie Ackermann schlief den Schlaf des ungerechten Mammons. Nun +ließ Werner einen Stuhl zum Fenster hinaushängen: die andern Cimbern +packten Pflastersteine hinauf, ein kräftiges Heben, die Ladung war +oben. Und mit dem Behagen eines Künstlers arrangierte nun Werner die +Basaltklötze auf Salontisch, Vertikow, Sofa und Plüschsesseln, mitten +zwischen den geschmackvollen Nippsachen eines Schneidermeistersalons. +Noch eine zweite Ladung konnte untergebracht werden: dann turnte Werner +zurück, und voll Hochgefühls zog man fürbaß. Schlafen gehen mochte +keiner: der Tatendrang war einmal geweckt. Das sonst so beliebte +Laternenausdrehen reizte heute nicht sonderlich, denn der Vollmond +stand schmunzelnd über Stadt und Schloßberg<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> und beschämte die +armseligen Funzeln der Gasflammen. Und Dettmers Vorschlag, den Mond +auszudrehen, mußte man nach längerer Beratung als unausführbar fallen +lassen.</p> + +<p>Aber es mußte etwas geschehen. Und man kam auf folgende Idee — diesmal +war Dammer das Ingenium gewesen:</p> + +<p>Von der Barfüßerstraße führten viele kleine dunkle Gassen steil hinab +zur unteren Stadt. In eine solche wollte man aus Pflastersteinen +eine Barrikade bauen; dann sollte unten skandaliert werden, um einen +Wächter der Nacht herbeizulocken: dieser sollte, abwärts eilend, über +die Barrikade stolpern und schmählich zu Falle kommen. Damit aber der +Dienst der Pflicht für ihn nicht mit schwerer Körperverletzung endige, +sollte hinter der Barrikade ein hoher Sandhaufen aufgetürmt werden.</p> + +<p>So ward's, nachdem mancher Schweißtropfen geflossen, und bald konnten +die Exzedenten den tiefen Fall eines Polypen bejubeln, dessen +schlaftrunkenes Haupt sich im Sande begrub.</p> + +<p>Aber die Rache kam. Ein Brunnen plätscherte silbertönig in die stille +Nacht. Es war gar nicht einzusehen, warum die vier Strahlen Wassers +sich nun immer und immer in die vier darunter befindlichen Steinbecken +ergießen sollten. Mit Hilfe je zweier Bretter von einem nahen Neubau +und einiger Pflastersteine ließen sich leicht ein paar Rinnen +improvisieren,<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> die das Wasser auf das Pflaster ablenkten. Das würde +bald eine hübsche Überschwemmung absetzen.</p> + +<p>Schon plätscherte das Wasser lustig auf den Steinen, da griff plötzlich +eine kräftige Faust in die Gruppe der Bauenden: an dieser Faust blieb +der C. B. Dammer aus Dräsen zappelnd hängen.</p> + +<p>»Na, Ihne hab ich!«</p> + +<p>Wie der Wind waren Dettmer, Böhnke und Achenbach auseinandergeflogen. +Ihre Schritte verhallten in der Ferne der nächtlichen Straßen.</p> + +<p>»So,« sagte der Wächter des Gesetzes, »wenn Se nun vernünftig sinn und +bringe die Geschicht da wieder in Ordnung, und schleppe da die Bretter +wieder an ihr Stell un die Pflasterstein, hernach will ich Ihne laafe +lasse, weil die Herre Cimbre immer so anständig sinn.«</p> + +<p>Das letztere war ein Wink der Sehnsucht nach den üblichen Biermarken +der Sühne.</p> + +<p>Aber Dammer fand es unter seiner Würde, die angerichtete Störung der +öffentlichen Ordnung <em class="antiqua">in integrum</em> zu restituieren.</p> + +<p>»Nu heern Se mal, mei Gutester,« sagte er, »wie kommen Se mir denn vor +— eegentlich, heern Se? Bin ich denn hier der Wächter der effentlichen +Ordnung, oder sind's gar am Ende Sie, mei Gutester? Also sein Se so gut +und tun Sie, was Ihres Amtes ist.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + +<p>Das ging dem Beamten übern Spaß. Sein Biermarkentraum versank, und der +ehemalige preußische Unteroffizier tauchte aus dem Schlummer zweier +Jahrzehnte empor.</p> + +<p>»Sie komme mit zur Wach!«</p> + +<p>»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«</p> + +<p>»Sie zeige mir Ihre Studentekart!«</p> + +<p>»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«</p> + +<p>»Na, alsdann kurze Prozeß!«</p> + +<p>Und eine energische Faust packte den kleinen Dammer, und der, als +Jurist plötzlich eingedenk, daß es irgendeinen geheimnisvollen +Paragraphen über Widerstand gegen die Staatsgewalt geben mußte, ließ +sich schieben.</p> + +<p>Inzwischen hatten seine drei Komplizen die Entwicklung der Dinge +vorsichtig beobachtet und machten Rettungspläne. Auch hier hatte +Werner eine Idee. Auf einem halsbrechenden Wege, durch berganklimmende +Seitengassen, überholten sie den Wächter des Gesetzes und sein Opfer.</p> + +<p>Als der Nachtrat Dammern bis in die Nähe des Marktplatzes geschafft +hatte, standen da auf einmal zwei Cimbern über eine dunkle Masse +gebückt, die auf dem Straßenpflaster lag. Bei näherem Besehen war es +ein Mensch. Ein junger. Ein Student ohne Kopfbedeckung oder sonstige +Abzeichen.</p> + +<p>Der eine der Zuschauer näherte sich dem Nachtwächter — fragte +zunächst: »Was hat denn dieser<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> unglückliche Jüngling da verbrochen, +daß er in Ketten und Banden in das Haus des Entsetzens geschleift wird?«</p> + +<p>»Das geht Ihne gar nichts an, verstehn Se mich? Gehe Se Ihrer Wege!«</p> + +<p>»Auf höfliche Frage eine grobe Antwort. Na, Geschmacksache! Herr +Nachtrat, da in der Straßenrinne liegt ein unglücklicher Mitmensch, den +offenbar der Schlag gerührt hat. Tot ist er aber nicht, wir haben schon +gehorcht.«</p> + +<p>»Wird wohl besuffe sinn!«</p> + +<p>»Das haben wir auch geglaubt, aber aus seinem Munde geht kein Hauch von +Alkohol. Überzeugen Sie sich nur.«</p> + +<p>»Ich hann kee Zeit — ich muß hier de Gefangene transpottiere!«</p> + +<p>»Und wenn der arme Jüngling nun stirbt?! Jeder Augenblick kann kostbar +sein.«</p> + +<p>»Wir machen Sie verantwortlich für das Leben dieses Menschen!«</p> + +<p>»Nu sähn Se, Herr Nachtrat, das is doch wahrhaftig wicht'ger, als mich +ins Kittchen zu bring'n?«</p> + +<p>So redeten Dammer, Achenbach, Dettmer auf den unglücklichen Beamten ein.</p> + +<p>Böhnke stöhnte inzwischen schauerlich.</p> + +<p>»Da sehn Sie's! er stirbt, wenn Sie nicht sofort anfassen! Wir helfen +Ihnen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>»Ich loof nich fort, Herr Nachtrat! ich loof nich fort!« —</p> + +<p>Der Nachtwächter verlor die Fassung. Er ließ Dammer los: »Na, da fasse +Se an die Bein an, meine Herre, ich nemm en obbe!«</p> + +<p>Er bückte sich über den Röchelnden ... in diesem Augenblick versetzte +der ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und im Hui +waren der Sterbende, die beiden Samariter und auch der Arrestant +verschwunden.</p> + +<p>»Bande, verfluchte!«</p> + +<p>Der Beamte klopfte seine Mütze ab, die in den Staub gefallen war, und +befühlte seine schmerzenden Glieder.</p> + +<p>»Die Cimbre sinns gewese! aber wenn ich nur tät wisse, welche! es sinn +doch Stücker vierzig ihre hier!«</p> + +<p>Aber er beschloß, reinen Mund zu halten. Er würde sonst nur den Spott +seiner Kollegen ernten ... und wenn ihm morgen nacht auf einmal ein +paar Biermarken in die Tasche regneten, dann würde er ja auch wissen, +woher die kämen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>XII.</h2> +</div> + +<p>Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die +Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und +Lachen, es mußte noch etwas geschehen.</p> + +<p>»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die +Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!«</p> + +<p>Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei +den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber +es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die +Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die +Westen stecken und die Röcke zuknöpfen.</p> + +<p>Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da +lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster +offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise +hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht. +Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann +im Nachthauch. Fern raunte die Lahn.</p> + +<p>Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im +tiefen Schatten einer Blutbuche<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> geborgen. Und da war keiner unter +ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt +wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut, +dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert +nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens.</p> + +<p>Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht,</div> + <div class="verse indent0">Stumm irr ich und träumend umher,</div> + <div class="verse indent0">Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht,</div> + <div class="verse indent0">Es taumeln die Wellen ins Meer.</div> + <div class="verse indent0">Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen</div> + <div class="verse indent0">Altan, Hell flattert im Winde ihr Haar,</div> + <div class="verse indent0">Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan,</div> + <div class="verse indent0">Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar!</div> + <div class="verse indent0">Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell,</div> + <div class="verse indent0">Nie hab ich die Dirne geschaut — —</div> + <div class="verse indent0">Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell —</div> + <div class="verse indent0">Was lacht sie und küßt mich so traut?!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite +Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die +Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's; +hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug, +um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches +Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises +Kichern klang<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war, +zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch +die Adern.</p> + +<p>Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an; +es schloß:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Seh ich ein Haus von weitem,</div> + <div class="verse indent0">Wo ein lieb Mädel träumt,</div> + <div class="verse indent0">Sing ich zu allen Zeiten</div> + <div class="verse indent0">Ein Lied ihr ungesäumt.</div> + <div class="verse indent0">Und wird's im Fenster helle,</div> + <div class="verse indent0">Wär es auch noch so spat,</div> + <div class="verse indent0">So weiß ich auf der Stelle,</div> + <div class="verse indent0">Wie viel's geschlagen</div> + <div class="verse indent0">hat.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues +Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu +Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ...</p> + +<p>»Die Mademoiselle! die revidiert!«</p> + +<p>Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen, +in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung +überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus:</p> + +<p>»Nachtwächter —! Nachtwächter!!«</p> + +<p>Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus — hielten's dann +aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt, +dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<p>Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen +seinen Pfad.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Was lacht sie und küßt mich so traut?«</div> + <div class="verse indent0">»Und wird's im Fenster helle —</div> + <div class="verse indent0">So weiß ich auf der Stelle,</div> + <div class="verse indent0">Wie viel's geschlagen hat ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder +hinein in ein einsames Knabenstübchen.</p> + +<p>Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett +des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich +entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen +gewesen ...</p> + +<p>Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes +und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes +stillen, die Wonne der Jugend auskosten ...</p> + +<p>Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines +Herzens ...</p> + +<p>Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung +des Augenblicks dräuend geschwebt hatte:</p> + +<p>»Kinder — wir gehn zur Lina!!«</p> + +<p>Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte:</p> + +<p>»Wir sind doch in Couleur!«</p> + +<p>»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> »Die Lina wohnt +draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem +Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer +sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab' +ich schon öfter so gemacht!«</p> + +<p>»Na, denn in Deibels Namen!«</p> + +<p>Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg +man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter +ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in +schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend. +Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man +ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem +Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den +Nacken der Schreitenden.</p> + +<p>Zeit genug, nachzudenken ...</p> + +<p>Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn — +und im Nacken klatschte die Geißel.</p> + +<p>Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen +Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich +erfüllen, nun würde er wissend werden ...</p> + +<p>Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die +Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten +wirren<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm +entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend +sich an ihn schmiegte — Rosaliens glühende Brüste, die sich aus +blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten —</p> + +<p>Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten — ein grünlich +schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll +winkende Gottheit ... Elfriede ...</p> + +<p>Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die +Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ...</p> + +<p>Und das würde nun das Ende sein — Lina ... irgendeine Lina.</p> + +<p>Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das +war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er +erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen.</p> + +<p>Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem +verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck +ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün. +Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem +einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen.</p> + +<p>Dettmer klopfte.</p> + +<p>Nichts rührte sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> + +<p>Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig. +Er hätte sterben mögen.</p> + +<p>Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. —</p> + +<p>Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte +und rief halblaut:</p> + +<p>»Lina!«</p> + +<p>Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen +vorsichtig geöffnet.</p> + +<p>»Wer is es denn?«</p> + +<p>»Ich bin's — der Theodor!«</p> + +<p>»Bist denn allein?«</p> + +<p>»Nein — ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine +Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!«</p> + +<p>»Oh, ne — wann du nit allein bist ... ich bin müd — was kommt ihr +auch so spät in der Nacht — geh nach Haus!«</p> + +<p>»Du bist verrückt, Lina — schnell mach auf — sonst komm ich nicht so +bald wieder!«</p> + +<p>»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang — ich bleib in +meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du +ja.«</p> + +<p>»Is jut, riegle man auf.«</p> + +<p>Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer +klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut. +Eine Tür knallte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten +die beiden andern Korpsburschen.</p> + +<p>Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem +machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien.</p> + +<p>Renonce Achenbach war verschwunden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein — das durfte nicht das +Ende sein!! Das nicht!!</p> + +<p>Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende +Sehnsucht da drinnen ...</p> + +<p>Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie +brüllte wilder denn je ...</p> + +<p>Aber so nicht — so nicht!</p> + +<p>Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines +Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! —</p> + +<p>Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und +so begehrenswert ...</p> + +<p>Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde +er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ...</p> + +<p>Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen +...</p> + +<p>Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im +Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> + +<p>Und bald sollte es sein — vielleicht schon morgen — übermorgen ...</p> + +<p>Mochte daraus werden, was wollte ...</p> + +<p>Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte — er mußte!!</p> + +<p>Aber nicht bei der da oben — nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im +Pfuhl! ...</p> + +<p>Rosalie! — Rosalie! — —</p> + +<p>Hell schien am Himmel noch der Vollmond.</p> + +<p>Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen.</p> + +<p>Und Werner schritt zu Tal.</p> + +<p>Rosalie — — Rosalie — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<p class="s2 center">Zweites Buch</p> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>I.</h2> +</div> + +<p>Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen +Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie +fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen.</p> + +<p>Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern +morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer +Freundin nach Frankfurt gefahren sei. — — —</p> + +<p>Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende, +breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine +aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig +mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie +ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen, +taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch +des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines +rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück.</p> + +<p>Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner, +dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt +im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die +Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier,<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> eine Lodenjoppe mit lose +baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen, +daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und +Korrektheit legte.</p> + +<p>Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben, +überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen +flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas +erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das +blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog +Werner die Mütze und hielt den Schritt an.</p> + +<p>Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die +Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke, +ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des +anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen +Namen:</p> + +<p>»Achenbach!«</p> + +<p>»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres +Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?«</p> + +<p>»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn +Partien.«</p> + +<p>»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich +eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<p>»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?«</p> + +<p>»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.«</p> + +<p>»Auf der Durchreise?«</p> + +<p>»O nein — — na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ... +ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor +Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.«</p> + +<p>»Ach? Das — davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher +Fakultät, wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind +wohl Mediziner?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.«</p> + +<p>»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer +Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden +Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser, +und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen +Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom +Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit +dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins +alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p> + +<p>Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner.</p> + +<p>»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem +Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht +Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei +Brander.«</p> + +<p>»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir +eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es +Ihnen?«</p> + +<p>»Oh — selbstverständlich wundervoll — großartig.«</p> + +<p>»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen +Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei +Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?«</p> + +<p>Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei +Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.«</p> + +<p>»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.«</p> + +<p>»Dann — fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie. +Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia +gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann +Guestphaliae Dritten.«</p> + +<p>»Wird's da was zu sehen geben?«</p> + +<p>»Nun — besondere Fechter sind die beiden gerade<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> nicht. Aber dann — +dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war +... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten +Reinigungsmensur.«</p> + +<p>»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?«</p> + +<p>»Allerdings.«</p> + +<p>Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt +er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser +eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen +seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern.</p> + +<p>»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ... +der besteht noch immer? Aber na — darüber werd ich mich mit den +Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann? +Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut +abschneidet?«</p> + +<p>»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein +bester Freund im Korps.«</p> + +<p>»Ach — sieh da. Also ein guter und braver Kerl?«</p> + +<p>»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.«</p> + +<p>»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das +wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> +solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art —« Wieder +schwieg der Professor.</p> + +<p>Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da +bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und +unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte +eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und +richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam +Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt. +Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal +begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ...</p> + +<p>Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne +Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß +mit einem ernsten Blick des Einverständnisses.</p> + +<p>»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz +seltsamen Tone an Werners Ohr.</p> + +<p>»Das — o — das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.«</p> + +<p>Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen +und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen +Knabenantlitz.</p> + +<p>»Ihre Flamme wohl, wie?«</p> + +<p>»Nein, meine nicht ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<p>»Aber?«</p> + +<p>»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen +das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ... +Braut.«</p> + +<p>»Ach?! Seine Braut? Offiziell?«</p> + +<p>»Offiziell natürlich nicht —«</p> + +<p>»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?«</p> + +<p>»Einundzwanzig.«</p> + +<p>»Und — sie?«</p> + +<p>»Auch einundzwanzig — meines Wissens.«</p> + +<p>»Kinder, Kinder!! — Und er — welche Fakultät?«</p> + +<p>»Mediziner.«</p> + +<p>»Vor dem Staatsexamen?«</p> + +<p>»Nein — hat das Physikum noch vor sich.«</p> + +<p>»Und dann — Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet +... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank +in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte +Marie an Klauser vorbei — er zog den Hut tief, sie neigte das +flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ...</p> + +<p>Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die +Begrüßung.</p> + +<p>»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl —?«</p> + +<p>»Ja — das ist Klauser.«</p> + +<p>Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam +auf dem Wege zur —<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend +... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das +letzte halb zu sich selbst gesprochen.</p> + +<p>»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ... +das ist heiliger Ernst —!«</p> + +<p>»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch +schöner, mit <em class="gesperrt">so einem</em> Mädchen anders als in heiligem Ernst ... +Wollen wir nicht auf Klauser warten?«</p> + +<p>»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht, +verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.«</p> + +<p>»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde +nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder +eingewöhnen.«</p> + +<p>Einen Augenblick schwiegen beide und sannen.</p> + +<p>Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln.</p> + +<p>»Na — nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg +... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken, +daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male +diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver +Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut >hab' ich Semester +und heiß altes Haus< ... aber das da, das Schloß da oben und diese +wunderbaren Berge<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie, +Herr Korpsbruder, erzählen Sie!«</p> + +<p>Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps +... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und +wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn +erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von +dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören +würde.</p> + +<p>Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der +eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in +seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu.</p> + +<p>Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen.</p> + +<p>»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?«</p> + +<p>»Ja — so heißt sie.«</p> + +<p>»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ... +mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt +habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.«</p> + +<p>»Das ist der Vater der jungen Dame.«</p> + +<p>»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter. +Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht +gewöhnen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich +meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft +etwas genießbar machen könnte.«</p> + +<p>»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja +ganz schön — aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich +glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde +einem dann viel besser schmecken.«</p> + +<p>»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies +Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings +die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen, +und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine +Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten +Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise +in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude +aneinander erleben.«</p> + +<p>»Das wäre herrlich, Herr Professor!«</p> + +<p>»Von wegen Verschwindens des >Moralischen<, nicht wahr?«</p> + +<p>»Nein — überhaupt, Herr Professor, überhaupt!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes +verfolgt. Er hatte<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten +zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte +er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht, +um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung +auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der +jugendlichen Richter.</p> + +<p>Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der +Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine +Stunde gedauert hatte, endlich verkündete:</p> + +<p>»Silentium — zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren +Sekundanten noch Erklärung? — Silentium. Mensur ex —!«</p> + +<p>Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und +frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz +des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er +hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu +sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der +Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband +aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus +den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie +Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen +zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> +wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth +dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter +Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube +und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während +Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und +Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die +körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was +mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?!</p> + +<p>In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und +Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen. +Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr +Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen +waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers +Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich +die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken +nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube.</p> + +<p>»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle +nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der +Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen +vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender +Locken trug.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<p>»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur +Besprechung. Wer wünscht das Wort?«</p> + +<p>»Ich bitte ums Wort.«</p> + +<p>»Ich auch.«</p> + +<p>»Ich auch.«</p> + +<p>Von allen Seiten klang's.</p> + +<p>»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der +anderen Bewerber.</p> + +<p>»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer +Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor +vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich +noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich +die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg. +So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst +ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« — Der Sprecher schlug +sein Notizbuch auf — »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter +etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen +aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus. +Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch +aufgefallen ist, hat er sich beim <em class="antiqua">a-tempo</em>-Hieb ganz deutlich +zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar +nicht mit dem Kopf gemuckt, das<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> nicht, aber die Augen zugekniffen und +das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.«</p> + +<p>»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste.</p> + +<p>»Überhaupt nicht.«</p> + +<p>»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.«</p> + +<p>Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den +Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig:</p> + +<p>»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich +einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur +habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die +Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem +Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen. +Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und +uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir +sehr schlecht gefallen.«</p> + +<p>»Silentium für Dettmer!«</p> + +<p>»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde, +Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder +einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts +aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<p>»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann +hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur +sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren +ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach +meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie +Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem +Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen +bekommen haben.«</p> + +<p>Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie +wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus.</p> + +<p>Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei.</p> + +<p>»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit +Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann +nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich +gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur +darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut +hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich +meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is, +der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal +mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen +'ch.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> + +<p>»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja +schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte +einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen +hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es +scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr +findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten, +Krusius, daß du einen ents—prechenden Antrag s—tellst.«</p> + +<p>»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte +es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick +ein jähes Frösteln durch die Versammlung.</p> + +<p>»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den +Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben — so daß +also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?«</p> + +<p>»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest.</p> + +<p>»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar +genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide +Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl +wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?«</p> + +<p>»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> es mit markiger +Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das, +tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon +etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte +ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen +Knabengesichtern stand.</p> + +<p>»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst +seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe +seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser +Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben +ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht +wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor +der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in +Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem +Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner +Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das +voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte +von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr +starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv, +war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher +souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst +vergangener Ansichten und Auffassungen<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> herabsahen, welche sich in den +Alten Herren verkörperten.«</p> + +<p>Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein +verständnisinniges Schmunzeln.</p> + +<p>»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen — wenigstens möchte +Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als +glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu +veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen. +Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein +Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen +zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das +ist ein herausgeschmissener Korpsstudent — herausgeschmissen, weil +er sich auf der Mensur feige benommen hat!! — Und das wird der Mann +sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer +bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu +werfen!! — Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre +Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder +genannt haben, so ins Leben hinausstoßen —? Hat er das verdient?!«</p> + +<p>Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen, +Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen, +die<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn +zuzujubeln.</p> + +<p>»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie, +meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter +Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat +Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht +einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab' +das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus +dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ... +aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?«</p> + +<p>»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn +nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille +hinein.</p> + +<p>»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich, +dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.«</p> + +<p>»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig +dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung +des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der +Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem +Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum +als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede +Bewegung bei seiner<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken: +es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes +zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht +so?!«</p> + +<p>Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die +Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen +war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von +Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal +ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem +Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu +sühnen.</p> + +<p>»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem +Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie +den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als +daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat —«</p> + +<p>»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen +Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf.</p> + +<p>»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder, +Ihren Antrag anzunehmen.«</p> + +<p>»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit +zurück,« sagte Krusius.</p> + +<p>»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission +auf unbestimmte Zeit des<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite +hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der +jüngste Korpsbursch. Also bitte?«</p> + +<p>»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!« +ging's von Mund zu Munde.</p> + +<p>Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten +gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias +verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch +eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten +Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit +lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man +die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben +den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der +Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des +Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn +durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest +schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald +aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben, +ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband +gerettet hatte. — —</p> + +<p>Oben hatte es <em class="gesperrt">allen</em> dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch +dem guten, teilnahmsvollen<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen +wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart +fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch +eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die +Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand +des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am +Fenster stand: »Sie komme!«</p> + +<p>Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen +... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!«</p> + +<p>Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn +Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun +der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit +den gleichen formelhaften Worten:</p> + +<p>»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission +aufgehoben ist. Gratuliere!«</p> + +<p>Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die +beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton +von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das +Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief +niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete.</p> + +<p>Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges, +doch lächelnden Mundes:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's +schon!«</p> + +<p>Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber +das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser +behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte +ihm dabei selig zu:</p> + +<p>»Du ... Marie —!!«</p> + +<p>Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten +Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem +Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht +erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn +Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles? +warum?!</p> + +<p>Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen — aber er war es nicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>II.</h2> +</div> + +<p>Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm +Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen +geblieben.</p> + +<p>Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die +folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele, +wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ...</p> + +<p>Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem +Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten +Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten +Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den +Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten, +lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal +kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht +eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende +Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten +hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der +Versuchung hinweg ...</p> + +<p>Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte +stellten sich ein, die immer<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> wieder nach Sättigung schrien ... und +manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte +die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in +den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse +ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich +sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte +Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd.</p> + +<p>Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen +Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der +Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte +dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser, +kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen +Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem +ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen +Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb.</p> + +<p>Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden, +machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter +Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei +den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens. +Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte +er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren,<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> führte er sie +stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort +beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine +tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte +nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener +raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem +Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen +würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder +glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute +bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof +des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte.</p> + +<p>Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte +... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die +Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten, +die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn +man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere +Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an +dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen +am Golde.</p> + +<p>Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den +trug seine Liebe, seine<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> junge, heilige Liebe über den Schlamm der +Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und +die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein +einziges Mal von Elfrieden gehört hätte:</p> + +<p>Mein Süßer! Mein Geliebter! —</p> + +<p>O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die +Straßen von Marburg gerannt ...</p> + +<p>Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein +stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit +Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen +Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt +rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft, +und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über +einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier +bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden +Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein +zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die +Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie +ablösen würden.</p> + +<p>Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon +standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p> + +<p>»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!«</p> + +<p>Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres +Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet +hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich +ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem +alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes, +in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines +deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist, +dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren +Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus +wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte +mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte, +knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das +wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die +blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen +Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand +des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender +Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte.</p> + +<p>Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein +hübscher, doch zu schmächtiger<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Bursche, eine unbedeutende, der +baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur.</p> + +<p>Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien +Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch +die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell- +und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren, +um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim +Feste imposanter zu gestalten.</p> + +<p>Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich +alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen +Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte.</p> + +<p>»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!«</p> + +<p>»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit +Achenbach gehen.«</p> + +<p>Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser.</p> + +<p>Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem +dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es +unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls +im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes +Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier +befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur +Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene +Banner im<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das +Korps das Symbol seines Bundes.</p> + +<p>Und nun zog das Korps auf dem nächsten Wege zur Ketzerbach hinab, wo +der Festzug der Studentenschaft sich versammelte. Unten standen schon +fast alle Korporationen aufgereiht: nach langen Verhandlungen hatte man +sich geeinigt, daß die beiden ältesten Verbände, der Seniorenkonvent +der Korps und der Delegiertenkonvent der Burschenschaften, um Spitze +und Schluß des Zuges losen sollten, und dem S. C. war die Spitze +zugefallen. So eröffnete Cimbria diesmal als zurzeit im S. C. +präsidierendes Korps den ganzen Zug. Die Cimbern marschierten an den +schier endlosen Linien der aufmarschierten Studentenschaft vorbei; +selbstverständlich ohne die geringste Begrüßung hinüber und herüber: +auch heute fiel die Schranke nicht, welche die Farben zwischen den +Kommilitonen, den Söhnen eines Volkes, eines Reichs, einer Hochschule +gezogen hatten. Nur als man vorne an der Spitze angelangt war und an +den Reihen der bereits aufgezogenen beiden andern Korps vorbeizog, +flogen die blauen Deckel hüben, die hellgrünen und weißen drüben von +den Köpfen.</p> + +<p>Musik erklang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Stoßt an, Marburg soll leben!</div> + <div class="verse indent2">Hurra hoch!</div> + <div class="verse indent0">Die Philister sind uns gewogen meist,</div> + <div class="verse indent0">Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt</div><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> + <div class="verse indent0">Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!</div> + <div class="verse indent0">Frei, frei, frei ist der Bursch!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Feierlich tönte der in Marburg übliche verlängerte Schluß der alten +Jubelweise über die breite Allee, die niederen Häuschen, weckte stolzes +Echo an Sankt Elisabeths braunem Doppelgetürm und wogte weit hinaus, zu +den grünen Lahnbergen hinüber.</p> + +<p>Und der Zug trat an und schob sich langsam den ansteigenden Steinweg +hinauf. Alle Fenster der mit Fahnen und Girlanden buntgeschmückten +Häuser waren besetzt, der Geringste in Marburg nahm teil an dem +Jubelfest der Hochschule, aus den Dachluken selbst lugten hellgewandete +Mädchengestalten, wehten winkende Tücher. Und von Fensterbrüstungen +und Balkons flogen Blumensträußchen ohne Zahl auf die Studenten, die +Helden des Tages, hernieder. Die griffen eifrig in die Luft, hielten +die Mützen hin, schmückten jedes Knopfloch, jedes Täschchen, den Rand +der Mützen, ja selbst die Ränder des Rockkragens mit den lieblichen +Spenden. Und als es gar keinen Platz mehr gab, da ließ man die lustigen +Wurfgeschosse dahin zurückfliegen, von wannen sie gekommen waren +— hinauf, hinunter flogs, mit Jauchzen, Gelächter, sinnigem oder +täppischem Scherz.</p> + +<p>»Paßt auf, Kinder, das da ist für die Schönste von euch!«</p> + +<p>Und zwischen drei blühenden Töchtern tauchte<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> der lachende Graukopf der +Mutter auf, und ihr flog das Sträußchen mitten ins Gesicht.</p> + +<p>»Wie galant!« rief die und nestelte das Sträußchen ans dunkelseidene +Festgewand.</p> + +<p>»Sie waren, auf Ehre, nicht gemeint, gnädige Frau!«</p> + +<p>»So? Na, da haben Sie's wieder!«</p> + +<p>»So! Nun paßt aber auf, ihr drei! Wer's schnappt, ist die Schönste!«</p> + +<p>Und diesmal blieb's in den zierlichen Fäusten eines braunzöpfigen +Backfischchens.</p> + +<p>»Is so recht?«</p> + +<p>»Allemal!«</p> + +<p>Und wenn's nun gar bei Bekannten vorbeiging!</p> + +<p>»Herr Papendieck, passen Sie auf, die weiße Rose sollen Sie haben!«</p> + +<p>Schwapp! mitten auf des Cimbernseniors stattlichem Gesichtshaken.</p> + +<p>»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« zitierte der Mecklenburger +seinen berühmten Landsmann.</p> + +<p>Eine keckere Mädchenstimme schrie:</p> + +<p>»Schöner Krusius, das hier ist für dich!«</p> + +<p>»Ich fühle mich getroffen,« rief Krusius, denn das Sträußchen hatte ihm +unsanft die linke Backe mit dem kaum verheilten Durchzieher von der +letzten Mensur gestreift. Er führte es an die Lippen und schwenkte es +dann grüßend nach oben.</p> + +<p>»— Das da ist für die, die mich liebt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> + +<p>Jungbursch Ehlert ließ drei, vier rasch zusammengebundene Sträußchen +mitten in einen Balkon voll schmucker Weibchen hineinsausen.</p> + +<p>Und: »Ich! ich! ich!« schrien sie alle, alle und streckten die Hände. +Im Nu war das Sträußchen in tausend Fetzen zerrissen.</p> + +<p>Und die Musik spielte:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wenn wir durch die Straßen ziehen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Da fielen sie alle, alle ein, die Studenten, die jungen Damen, die +Väter, die Mütter, der Friseur und seine Gehilfen vor der Ladentür, die +sich eifrig verbeugten, wenn ihre Kundschaft im strahlenden Schmuck +der frisch durchgezogenen Scheitel vorüberkam, die Ladenfräuleins im +Erdgeschoß und die rotbemützten Dienstmädchen oben unterm Dach, die +Gymnasiasten und die Spielkinder, alle, alle sangen sie mit:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wenn wir durch die Straßen ziehen,</div> + <div class="verse indent0">Recht wie Bursch in Saus und Braus,</div> + <div class="verse indent0">Schauen Mädchen, schwarz und braune,</div> + <div class="verse indent0">Rot und blond aus manchem Haus,</div> + <div class="verse indent0">Und ich laß die Blicke schweifen</div> + <div class="verse indent0">An den Fenstern hin und her,</div> + <div class="verse indent0">Fast als wollt ich eine suchen,</div> + <div class="verse indent0">Die mir die allerliebste wär.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und als gält es nur für ihn allein, so inbrünstig sang Werner Achenbach +heraus:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Und doch weiß ich, daß die Eine</div> + <div class="verse indent0">Wohnt viel Meilen weit von mir,</div><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> + <div class="verse indent0">Und doch kann ich's Schau'n nicht lassen</div> + <div class="verse indent0">Nach den schmucken Mädchen hier.</div> + <div class="verse indent0">Liebchen, laß dich's nicht betrüben,</div> + <div class="verse indent0">Wenn dir eins die Kunde bringt,</div> + <div class="verse indent0">Und daß dich's nicht überrasche,</div> + <div class="verse indent0">Dieses Lied ein Wandrer singt.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ja — an wen dachte er dabei! An Elfriede — oder an Rosalie? +Vielleicht an beide ... und an keine so recht ... es war so ein wildes, +formloses, gegenstandsloses Sehnsuchtsgefühl, dem dies Lied Worte, +Klänge lieh ...</p> + +<p>Eben kam der Zug an Werners Bude vorbei: aus dem Fenster seines +Wohnzimmers hätte Rosalie schauen müssen, aber sie war fern: die blonde +Babett guckte heraus, mit ein paar Freundinnen aus ihrem Heimatdorf, +sie errötete selig, als Werner ihr zunickte — im Erdgeschoß stand +Mama Markus welken, gütig lächelnden Angesichts in der Ladentür, und +hinter den Flaschen und Büchsen im Schaufenster gewahrte Werner einen +Augenblick die verzerrte, qualzerrissene Grimasse Simons ... nanu — +warum hockte denn der zu Haus? War denn der nicht auch Student?! — +gehörte denn der nicht mit dazu, wenn Alma Philippina feierte?! — ach +so ...</p> + +<p>Musik, jauchzender Gesang, flatternde Fahnen und Blumen, Blumen +überall, Blumen fliegend aus jedem Fenster, Blumen an jeder Brust, +Blumen den Boden bedeckend wie den Einzug ruhmreicher Sieger,<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> und doch +nur eine Huldigung der Jugend an die Jugend, ein Gruß des Lebens ans +Leben ... lächelnd, lachend, jubelnd jeder Mund, leuchtend jede Wange +...</p> + +<p>Doch nein — eine nicht —</p> + +<p>»Klauser, was ist dir?«</p> + +<p>»Nichts ... was soll mir denn sein?«</p> + +<p>»So freu dich doch! Bist du nicht vergnügt? Fehlt dir was?«</p> + +<p>»Nicht das geringste!«</p> + +<p>»Vorhin ist's mir schon aufgefallen — du bist nicht wie sonst — ist +dir was passiert?!«</p> + +<p>»Was sollte mir passiert sein? Nicht das mindeste ... ich bin bloß +nicht in Stimmung. Ich bin kein Freund von so viel Rummel.«</p> + +<p>»Nanu? Das ist doch das erstemal, daß ich das an dir merke?! Dann +rapple dich aber jetzt gefälligst ein bißchen auf — gleich sind wir +am Barfüßertor ... weißt du, wer da wohnt? Haha! Da mußt du aber ein +andres Gesicht machen!«</p> + +<p>»Ach — lieber Kerl — ich ... mir ist hundemäßig zumute ...«</p> + +<p>»Ja, was ist denn?!«</p> + +<p>»Nichts — laß mich — da sieh, wie schön der Markt!«</p> + +<p>Und wahrlich, hier entrollte sich das Bild des feiernden Städtchens +in seiner ganzen ehrwürdig-lieblichen Pracht. Der enge Platz war +ganz von Zuschauern<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> freigehalten, und in langem Bogen umzog nun der +Festzug den Markt, dicht unter den Fenstern der niederen, altersdunklen +Häuserfronten, des schlichten, strengen Rathauses entlang. Hier hatten +alle Häuser noch ein übriges an Festschmuck aufgeboten. Girlanden von +Tannen- und Eichengrün, lange Reihen kleiner Fähnchen überspannten den +ganzen Platz der Länge und Quere nach ... und wieder war bis obenhin +ein jedes Fenster mit geputzten, jubelnden, blumenstreuenden Menschen +besetzt ... und durch die flatternden Tücher der Fahnen, die wehenden, +winkenden Hände, die harzig duftenden Girlanden zog es wie ein Sturm, +wie ein Rausch der Jugend, der Kraft, des Glückes ... als seien alle +diese Jünglinge hier nur zusammengeströmt, um in einem Fest ohne Ende +sich ihrer blühenden Jahre zu freuen, als hieße Student sein nichts +anderes als Olympier sein, als heiter, wunschlos, herrscherhaft wandeln +auf blumenbestreuten Pfaden, von Rosen umduftet, von Schönheit und +Liebe gefeiert und begnadet, selig, selig, selig ...</p> + +<p>Aber ein anderes sprach sich auf dem Gesichte des Freundes aus, dessen +Arm schwer in dem Werners lag, der nur lässig ein Blumensträußchen an +die Brust gesteckt, dessen Herz sich ausschloß vom Jubel der Stunde, +dessen Auge düster hineinstarrte in ein unfaßbares, ungreifbares +Verhängnis, das seine leuchtende Jugend zu überschatten schien mit der<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> +Ahnung unabwendbarer Seelenstürme, unversiegbarer Tränenschauer ...</p> + +<p>»Klauser — du sollst mir sagen, was du hast! Ich finde das einfach +unfreundschaftlich von dir, mir hier die Stimmung zu verderben, wenn du +keinen Grund hast ...«</p> + +<p>»Keinen Grund?! Ich hoffe, ich habe keinen Grund.«</p> + +<p>»Klauser? Gott, sei doch nicht so albern. Ich bin doch dein Freund. +Rede jetzt, sonst laß ich dich stehen und geh mit einem andern.« Das +war scherzhaft gesprochen, doch Werners Stimme bebte dabei leise, und +Klauser verstand die Meinung des Freundes.</p> + +<p>»Ach ... ich bin verrückt, wirst du sagen. Es ... ist eigentlich nichts +... Marie hat seit acht Tagen nicht zu mir wie sonst ... sie hat +mich zweimal beim Rendezvous warten lassen ... das drittemal ist sie +gekommen, aber ... ganz verändert ... ganz ... ich weiß nicht ... äh +... ich werd's mir wohl nur eingebildet haben.«</p> + +<p>»Ja ... so sprich doch ... was ... sagte sie denn ... was machte sie +denn ..«</p> + +<p>»Ja, Himmel, sie war eben ... anders ... zurückhaltend, befangen, +sonderbar ... eben anders ... und dann auf einmal zum Abschied küßte +sie mich so wild und so wehmütig ... als ob ... ich sage dir, Achenbach +... es war —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> + +<p>»Himmel, du bist ja ein Tor — vielleicht hat's zu Hause Kummer oder +Verdruß gegeben —«</p> + +<p>»Dann hätte sie mir erzählen sollen —«</p> + +<p>»Oder was sonst gewesen ist ... du ... du wirst doch nicht gar — an +Marien ... ich meine, du bildest dir doch nicht gar ein, sie könnte am +Ende —«</p> + +<p>»Ich bilde mir gar nichts ein ... nur daß mir elend seitdem ist ... +einfach schauderhaft ist mir —«</p> + +<p>»Nimm dich zusammen! Da ist das Haus!«</p> + +<p>Zur Rechten des zum Schloß hinanführenden Weges lag inmitten +eines altprächtigen Gartens über hoher Böschungsmauer das +behaglich-altfränkische Schweizerhaus des Geheimrats Professor Doktor +Hollerbaum. Der alte Herr stand oben, auf dem weißen Scheitel die +verschossene hellgrüne Mütze der Hessen-Nassauer, das falb gewordene +Band umzog seine Brust unter dem Überrock, auf dessen Klappe ein langes +Ordenskettchen klingelte. Er grüßte höflich die Farben der Cimbria, +gegen die er vor Jahrzehnten so manches Mal auf Mensur gestanden; alle +Cimbernmützen flogen herunter; und neben des Professors Silberkopf +neigte sich ein anderes, noch jugendlicheres Haupt ... Mariens Mutter +... aber wo war <em class="gesperrt">sie</em>?</p> + +<p>Halb verborgen hinter den Eltern hatte sie gestanden. In weißem Kleide, +nicht im gewohnten Hellgrün — nun neigte sie sich über die Mauer, +nickte den grüßenden Cimbern zu, suchte mit den Augen,<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> fand Werner und +Klauser und goß plötzlich aus einem Körbchen, das auf der Mauer stand, +einen Schwall weißer Rosen über Willys Haupt, das sich eben grüßend +entblößt hatte.</p> + +<p>Einen Schwall weißer Rosen.</p> + +<p>Und neben ihr tauchte da eine blaue Cimbernmütze auf. Darunter ein +lächelndes, leuchtendes Angesicht — das Gesicht eines Mannes ...</p> + +<p>Professor Dornblüth.</p> + +<p>Er winkte den bergansteigenden Korpsbrüdern mit der Hand lächelnd zu — +rief:</p> + +<p>»Auf Wiedersehen auf dem Dammelsberg!«</p> + +<p>Werner suchte Klausers abgewandtes Gesicht. Es war fahl geworden ... +fahl ... es mahnte Werner an jenes Mädchenantlitz, das auf dem Tisch +der Prosektorstube dem Messer des Anatomiedieners entgegengeharrt +hatte. Eine Rose hielt Klauser in der Hand ... eine einzige, weiße Rose +... an der hingen seine starren Augen.</p> + +<p>Gott ... wäre das möglich?!</p> + +<p>Werner hatte Mariens Blick gesehen, als sie die Rosen über Klauser +ausgoß. Ein Unsägliches hatte darin gelegen, das Werner vergebens zu +enträtseln suchte: Weh ... und Scham ... und Dank ... und Liebe ... +ja, auch Liebe ... aber eine Liebe, sterbend, verwelkend wie jene +weiße Rose in Klausers Hand ... und Dank ... ach, ein Dank, der den +Empfänger<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> quält wie ein Schimpf ... und über alles ... Abschied ... +Abschied ... Abschied ...</p> + +<p>Und Werner fragte nicht. Er zog den Arm des Freundes fest an sich heran +... und stumm stiegen die Jünglinge bergan, inmitten der lachenden, +schwatzenden Korpsbrüder, durch die flimmernde Herrlichkeit des +glühenden Julinachmittags, dem Dammelsberg entgegen, dem Fest der +Jugend entgegen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>III.</h2> +</div> + +<p>Wenige Schritte nur hatten die Freunde in dumpfem Schweigen +zurückgelegt. Da riß Klauser seinen Arm aus dem des Freundes, ballte +die Fäuste und zischte zwischen den Zähnen:</p> + +<p>»Vor die Pistole muß er mir! Vor die Pistole —«</p> + +<p>»Wer — der Alte Herr?!«</p> + +<p>»Was schiert mich das?! Meinst du, ich lasse sie mir so einfach +wegnehmen? Ich schieß ihn über den Haufen —!!«</p> + +<p>»Komm, Klauser, nimm dich ein bißchen zusammen, die andern werden schon +aufmerksam auf dich. Höre mich doch bitte einmal einen Augenblick lang +ruhig an. Ich glaube, du bildest dir das alles nur ein.«</p> + +<p>Klauser lachte wild auf.</p> + +<p>»Doch, Klauser, wahrhaftig, ich glaub's! Sieh mal, der Alte Herr ist +noch nicht drei Wochen in Marburg. Der alte Hollerbaum ist Dekan der +Juristenfakultät, außerdem ist er doch auch Pandektist; also da ist +doch das ganz erklärlich, daß Dornblüth bei ihm verkehrt! Und daß +der Alte seinen Kollegen eingeladen hat, sich von seinem Garten aus +den Festzug anzusehen ... na, das ist doch alles ganz natürlich,<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> da +brauchst du doch nicht gleich auf Gedanken zu kommen!«</p> + +<p>»Haha! und sie?! Ihr Benehmen gegen mich?! Ach geh mir doch mit +deinem faden Trost ... es ist aus ... oder es soll aus sein! Ach, +diese Weiber! Da kommt einer in Amt und Würden, und eins, zwei, drei, +wird man beiseite geschoben wie ein dummer Junge —! Na, wartet, ihr +da unten, in mir sollt ihr euch geirrt haben! Ich laß mich nicht +abschieben, ich habe Rechte! Rechte!«</p> + +<p>»Komm, liebster, einziger Klauser, sei doch nur nicht so wild! Denk +doch, die andern müssen ja was merken! Sieh mal, ich kann's nicht +glauben, ich kann's einfach nicht, daß der Alte Herr Absichten auf +Marie hat —«</p> + +<p>»Ja, warum denn nicht? Was sollte <em class="gesperrt">den</em> denn hindern?«</p> + +<p>»Klauser, ich muß dir etwas gestehen. Neulich, auf dem Wege nach +Ockershausen, am Samstag vor drei Wochen, als du dich wieder in den +Bund hineinpauktest, da tauchte ja der Alte Herr Dornblüth zum ersten +Male auf, erinnerst du dich? Du mußt doch gesehen haben, daß ich mit +ihm vor dir marschierte, weißt du's noch —?«</p> + +<p>»Ja — mir fällt's ein — nun, und —?«</p> + +<p>»Also da bin ich mit dem Alten Herrn ganz zufällig zusammengetroffen, +und da fragte er mich nach allem aus, was los sei im Korps, und dann +ist<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> uns Marie begegnet, und da fragte er auch, wer die wäre, und — da +ist's mir eben entschlüpft, daß sie und du ... daß ihr verlobt wärt.«</p> + +<p>»So — und —?!«</p> + +<p>»Du mußt mir nicht böse sein, es kam so ganz von selber ... na und +siehst du, nun weiß also der Alte Herr doch, daß die Marie mit einem +Korpsbruder von ihm verlobt ist, und einem Korpsbruder die Braut +abspenstig machen ... so eine Gemeinheit, so eine verdammte Schurkerei +wirst du dem doch nicht zutrauen? So sieht der mir wahrhaftig nicht +aus!«</p> + +<p>Klauser sann einen Moment schweigend vor sich hin. Dann brach er aus:</p> + +<p>»Und wenn du recht hast — um so schlimmer für mich!! Dann hätte die +Marie sich eben ohne sein Zutun ... denn daß sie von mir nichts mehr +wissen will ... das weiß ich, das fühl ich, da kann mir keiner dawider +reden!! Aber sie soll mich kennen lernen! Kämpfen will ich um sie, +kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!!!«</p> + +<p>»Übereile doch nur nichts, Klauser, um Himmels willen! Marie kommt ja +doch jedenfalls hernach auf den Dammelsberg, ihr könnt zusammen tanzen, +du kannst sie ja einfach fragen, und ich bin überzeugt, sie lacht dich +aus und fragt dich, ob du toll bist! Oder sie haucht dich gründlich an, +daß du überhaupt so abscheulich an ihr zweifeln kannst!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p> + +<p>So tröstete Werner den Freund. Und der Trost wirkte. Er wirkte, weil +so vieles ihm half. Das gläubige, vergötterungsbedürftige Herz des +verliebten Jünglings, der Rausch der Festfreude ringsum, der lustige +Anstieg zum Schloßberg, der hoffnungatmende Sommerhauch.</p> + +<p>Und als Werner den Erfolg seiner Trostgründe beobachtete, da begann er +schließlich selber an sie zu glauben ...</p> + +<p>Und über den Einmarschierenden wölbte sich nun der Eichenwald. Noch +einen letzten Blick vom Waldrand rückwärts! Da wand sich der Zug vom +Schloßberg hernieder durch heckenumsäumte Wiesenpfade, eine Schlange, +deren Schuppen in den Farben des Regenbogens glänzten. Und von rechts +und links auf Nebenpfaden wallfahrtete nun auch Marburgs Bürgerschaft +heran. Überall tauchten blinkende Gewänder auf, dazwischen die +hellen Sommeranzüge, die Strohhüte, die dunkleren Seidenkleider und +Sonnenschirme schwitzender Väter und Mütter. Und alles verschlang der +Festwald.</p> + +<p>Drinnen war's kühl und herrlich. Alle die geräumigen Festplätze, die +für solche Tage, wie den heutigen, geschaffen waren, hatte man für +den Andrang einer ganzen festfrohen Stadtgemeinde vorbereitet. Von +Baum zu Baum zogen sich buntbebänderte Tannengirlanden, spannten +sich Wimpelketten, lange Reihen bunter Lampions. Und unten waren<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> +Tische und Bänke aufgeschlagen — jeder Tisch trug auf mächtigem +Pappschild in schwarzen Lettern den Namen der Korporation, für welche +er reserviert war. Ein ganzer Festplatz gehörte dem akademischen +Senat, einer den Stadtbehörden, ein größter der Bürgerschaft, soweit +sie nicht Anschluß bei den Korporationen hatte. Und inmitten all der +Feststätten war der Tanzboden aufgeschlagen ... Überall aber walteten +schon die Küfer ihres Amtes, stellten auf Kreuzböcken mächtige Fässer +Casseler Lagerbier auf, schlugen sie an, daß der Gischt schäumte, und +ließen sich's nicht nehmen, als erste zu probieren. Und über all dem +Treiben bauschten sich Fahnen in den Farben der Stadt Marburg, des +Reiches, Preußens, der Provinz Hessen-Nassau, endlich der sämtlichen +Marburger Korporationen. Und noch höher droben rauschten und webten die +Eichen- und Buchenwipfel, von flatternden, hüpfenden Sonnenlichtern +durchwirrt. Und in das ganze wohlbereitete Festgefilde ergoß sich nun +der Strom der feierlustigen Menge. Das rannte und schrie durcheinander, +das begrüßte sich, wies einander zurecht, lachte, schalt, schnauzte +mit Füchsen, Kellnern, Korpsdienern — und zwischen den trotzigen +Knabengesichtern, dem Gewimmel bunter Mützen und den Sommerhüten der +farblosen Verbindungen und der Finken, die erhitzten, augenblitzenden +Mädchenlarven unter wippenden Blumenhüten, die hin und her pendelnden, +krampfhaft hochgehobenen Sonnenschirmchen ...<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> ein Wirrwarr, ein Lärm, +ein quirlendes Chaos ... da würde niemals Ordnung werden.</p> + +<p>Doch nach einer Viertelstunde hatte sich alles zurechtgefunden. Alles +saß an seinem Platze, ein wenig eng, doch dafür war eben Festtag — und +wer hätte gar nach mehr Platz verlangt, wenn er eine hübsche Nachbarin +erwischt hatte — man würde sich einzurichten wissen ...</p> + +<p>Und das Fest begann. Gedruckte Liederhefte waren schnell verteilt, +und bald brauste durch den ganzen weiten Festwald das alte festliche +Burschenlied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wo zur frohen Feierstunde</div> + <div class="verse indent0">Lächelnd uns die Freude winkt« —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und ein zweites Lied — und ein drittes —</p> + +<p>»Du — da oben steigt wieder eine Rede!«</p> + +<p>»Laß sie reden! Kannst dir's denken, was da oben offiziell gequasselt +wird!! Die Herren Professoren hören für uns alle mit!«</p> + +<p>Plötzlich Orchestertusch ... und lautes Hoch da droben —</p> + +<p>»Los, Kinder! Hoch! hoch! hoch!!«</p> + +<p>»Auf wen geht's denn?!«</p> + +<p>»Is ja egal! Is ja ganz schnuppe! Brüllt nur ordentlich mit!«</p> + +<p>»Hoch! hoch! hoch!!«</p> + +<p>»Und nun — Umtrunk!«</p> + +<p>»Prost!«</p> + +<p>»Prost doppelt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> + +<p>Einer kam hinzu: »Stellt euch vor, ihr Herren, eben hat der +>Tausendste< geredet!«</p> + +<p>»Was hat er denn gesagt?«</p> + +<p>»Das hat kein Mensch verstanden. Heimtückischerweise ist's ein Russe, +der kaum drei Töne deutsch reden kann!«</p> + +<p>»Aber schön war's doch — was?!«</p> + +<p>»Allemal! Kinder, gebt mir was zu saufen — ich verdurste!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Sie sitzt auf dem Professorenplatz bei ihren Eltern,« berichtete +Werner, der auf Erkundung ausgegangen war, dem harrenden Freunde am +Cimberntisch.</p> + +<p>»Und — ist der — auch dabei?«</p> + +<p>»Professor Dornblüth — ja — der ist auch dabei.«</p> + +<p>»Hm. Setz dich. Wann fängt der Tanz an?«</p> + +<p>»Um halb sieben.«</p> + +<p>»Gut. Inzwischen — prost — einen Halben auf dein Wohl.«</p> + +<p>»Du, Klauser, trink nicht ... denk nur, was heut alles auf dem Spiel +steht für dich.«</p> + +<p>»Ja, ja, schon gut.«</p> + +<p>In diesem Augenblicke entstand oben am Cimberntisch eine Bewegung. +Man erhob sich, die Mützen flogen von den Köpfen. Einige der älteren +Alten Herren des Korps waren herangetreten, begrüßten die Korpsbrüder +und nahmen oben neben dem Ersten<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Platz, während die übrigen +zusammenrückten. In ihrer Mitte auch Dornblüth.</p> + +<p>Eine Weile verging. Man trank, ein allgemeines Lied wurde gesungen, +von droben klang wieder der entfernte Tonfall einer Festrede; am +Cimberntisch lärmte und schwatzte man munter weiter, die Alten Herren +tranken den Chargierten zu, schließlich beim Tusch schrie alles munter +mit: Hoch! und stieß mit den wuchtigen Henkelgläsern an.</p> + +<p>Da trat der Korpsdiener zu Klauser heran und sagte halblaut:</p> + +<p>»Herr Klauser, der Alte Herr Professor Dornblüth täte sich erlaube, +Ihne eins zu komme, und ob er Ihne hernach gelegentlich kennt e paar +Minute spreche!«</p> + +<p>»Sagen Sie dem Herrn Professor, Peter, ich werde zu seiner Verfügung +stehen und erlaube mir, nachzukommen.« Er trank, warf aber keinen Blick +hinüber, obwohl Werner ihn anstieß:</p> + +<p>»Du — er schaut herüber.«</p> + +<p>»Meinetwegen. Hast du verstanden, was Peter sagte?«</p> + +<p>»Ja.« Werner legte die Hand auf des Freundes Arm und drückte ihn leise.</p> + +<p>In diesem Augenblick entstand oben am Tisch ein wahres Hallo. Die +Freunde blickten hinüber und sahen neben dem Senior Papendieck, der +sich in seiner ganzen Länge erhoben hatte, eine Riesengestalt in +Reiseanzug und leichtem Filzhut — Scholz ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p> + +<p>Eben warf der seinen Hut dem Korpsdiener zu, nahm aus dessen Hand eine +Mütze entgegen, stülpte sie sich auf den Hinterkopf, streckte beide +Hände den andrängenden Korpsbrüdern hin und lächelte, soweit es seine +starren Gesichtszüge, sein herber Mund gestatteten. Und die meisten der +Cimbern sprangen auf, ihn zu begrüßen, aber er wehrte ab:</p> + +<p>»Bleibt sitzen, Herrschaften, ich komme zu euch.«</p> + +<p>Und er schritt den Tisch entlang, streckte immerfort die langen Arme +über die Schultern der Nächstsitzenden nach jenseits zur Begrüßung, +antwortete auf einen Schwall von Fragen, kam so näher.</p> + +<p>Werner schauderte bei diesem Anblick. Wie ihn begrüßen ... den +Entsetzlichen, der es wagte zu leben und zu lachen, dieweil ...</p> + +<p>»Guten Tag, Leibfuchs Achenbach ... na, da wär ich wieder!«</p> + +<p>»Guten Tag, Leibbursch.« Werner fühlte die hagere, eiserne Tatze des +weiland Cimbernseniors in seiner Hand.</p> + +<p>»Na, laß dich mal besehen — noch alles glatt? Gut schaust du aus — +ordentlich dick geworden. Das macht die gute Luft im Korps, seit ich +weg bin. Du, Leibfuchs, gratulier mir mal schnell: ich hab vorgestern +in Berlin den Doktor gemacht — <em class="antiqua">magna cum</em>!«</p> + +<p>Werner gratulierte und schüttelte nochmals die Hand, von der ein +Eisstrom ihm die Glieder durchlief.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p> + +<p>»Ah, und da ist ja auch Klauser. Gratuliere zu — na du weißt schon. +Donnerwetter, du hast dir aber ein hübsches Lokal zugelegt! Wer hat +denn das gekonnt?«</p> + +<p>Aber er wartete gar nicht erst auf Antwort, begrüßte die Füchse im +Ramsch mit einer winkenden Handbewegung:</p> + +<p>»Tag, Füchse — na, munter!« und schritt dann zurück zum oberen Ende +des Tisches, wo er mitten zwischen den Alten Herren Platz nahm und +bald in ein eifriges Gespräch verwickelt war, an dem er sich in seiner +kalten, gemessenen, doch entschiedenen Weise beteiligte.</p> + +<p>Scholz wieder da — Doktor Scholz ... und nächstens müßte Rosalie +wiederkommen — —</p> + +<p>Nun trat Professor Dornblüth, ein gefülltes Bierglas in der Hand, von +hinten an Klauser heran und sprach:</p> + +<p>»Herr Korpsbruder, ich glaube, wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt, +Bruderschaft zu trinken ... darf ich Ihnen also Schmollis anbieten?«</p> + +<p>Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar, +erwiderte er:</p> + +<p>»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir +... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung +verschieben?!«</p> + +<p>Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> über den Ton der +Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte +mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines +Blickes stand:</p> + +<p>»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern +können.«</p> + +<p>Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der +Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches — sie stießen mit +den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten +sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe.</p> + +<p>Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und +sagte:</p> + +<p>»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.«</p> + +<p>Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen.</p> + +<p>Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende +Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde +seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als +alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was +würde werden? Was würde werden?!</p> + +<p>Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt.</p> + +<p>Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>IV.</h2> +</div> + +<p>Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange +dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er +die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem +Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm +fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter.</p> + +<p>Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden +blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden +Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten +Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden, +bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und +hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad +in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es +dämmerte durch den Bergpark.</p> + +<p>»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine +Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.«</p> + +<p>»Daß ich nicht wüßte,« sagte Klauser kalt gemessen.</p> + +<p>»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft +angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe — als +Träger<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine: +das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der +Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum +Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.«</p> + +<p>Mit einem Ruck stand Klauser still.</p> + +<p>»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh +meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?«</p> + +<p>Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren +Schulter.</p> + +<p>»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen +zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu +zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir +Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?«</p> + +<p>»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts +gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben.</p> + +<p>»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber: +ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren, +daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du +diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu +glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> lang +gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen +lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und +... du — gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage, +daß sie ... mir sehr wert geworden ist.«</p> + +<p>Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine +stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen.</p> + +<p>»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student +gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß +Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um +sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ... +andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin +ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus +... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das +darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch +nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ... +auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. —«</p> + +<p>Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten.</p> + +<p>»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten +von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als +deine Braut betrachtet ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> + +<p>»Bis heute?!«</p> + +<p>»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich +als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu +erwarten, daß du von mir Sühne verlangst — Genugtuung. Darum laß mich +dir als Korpsbruder — und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu +diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese +deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte +mir, ob du mir das glauben willst —!«</p> + +<p>»Ich ... will's glauben.«</p> + +<p>»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir +schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch +keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.«</p> + +<p>»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese +Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was +Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber +das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.«</p> + +<p>»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht, +was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch +wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal +ein wenig zusammennehmen ... solch schwere<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> Stunden ... Männer müssen +die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das +da?«</p> + +<p>»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?«</p> + +<p>»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht — deshalb +laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal — wenn zwei Männer ... +wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib +... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?«</p> + +<p>»Die Waffe!!«</p> + +<p>»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz +zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ... +die, meine ich, hat dann zu entscheiden! — Sieh mal, es könnte doch +immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich +nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie +hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du +bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber —«</p> + +<p>»Aber —?!«</p> + +<p>»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich +Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier +in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu +vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger, +herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein +Student, das<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und, +glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge +Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu +ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes. +Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis +heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir +ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde +als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ... +jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ... +da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar +ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück. +Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde +... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns +beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren +Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche +Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie +als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem +sie die Trauer, die Entsagung bringt?!«</p> + +<p>Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine +Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten.</p> + +<p>»Na, deine Antwort, mein Junge?!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> + +<p>Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise, +ging sein Atem — und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges, +trockenes Schluchzen.</p> + +<p>»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang +den linken Arm um Klausers Nacken.</p> + +<p>Der suchte sich loszumachen und schrie:</p> + +<p>»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie +haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! — Es ist nichts +mehr zu entscheiden — Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los! +Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ... +dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit +Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie +überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und +darum werden wir uns woanders weiter sprechen —!!«</p> + +<p>Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und +sagte:</p> + +<p>»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? — Gehöre? — Kann ein +Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als +des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie +sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf +wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun,<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> zu glauben, sie +täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie +wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß +sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer +liebt ... mich, den Mann. Und dann — dann wolltest du dem Mädchen, +das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ... +der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden +hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich, +männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache +betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund, +du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen +bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und +so oft schon deinem Gegner auf Mensur — so wirst du auch dem Schmerz +gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen, +was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!«</p> + +<p>Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne +klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende +Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille +herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm +Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die +breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß.<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Und Kühle webte durch die +Eichenhallen ... Kühle ... Stille ...</p> + +<p>Und alles — alles aus — das Jugendglück entschwindend ... ach, schon +verloren ...</p> + +<p>Und er — der andere? Der Räuber?!</p> + +<p>Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem +Freundesauge —</p> + +<p>Wozu?!</p> + +<p>Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben — die +Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und +Leben ...</p> + +<p>Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute? +Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?!</p> + +<p>Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen?</p> + +<p>Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz. +Wozu noch kämpfen? Es war ja aus — nicht nur der Sieg, die Waffe +selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge, +den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe +trennten.</p> + +<p>Und plötzlich warf er sich herum.</p> + +<p>»Gute Nacht, Herr Professor.«</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Ich will nach Hause. Schlafen.«</p> + +<p>Herrgott! durchfuhr's da den Professor — hatte<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> er's am Ende doch +falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?!</p> + +<p>Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm +nach, holte ihn ein:</p> + +<p>»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst —!«</p> + +<p>»Dummheiten?«</p> + +<p>»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...«</p> + +<p>Da erwachte der Knabentrotz.</p> + +<p>»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um +ein Mädel, das ... äh!! Nee — das nicht!! So armselig bin ich denn +doch nicht!! — Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!«</p> + +<p>Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan +führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden.</p> + +<p>Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! —</p> + +<p>Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie —!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>V.</h2> +</div> + +<p>Nein — so doch nicht! so doch nicht!</p> + +<p>Was, so einfach verschwinden? Stumm, schattenhaft dahinhuschen ... +hinaus aus ihrem Leben?</p> + +<p>Er, der ihre ersten Küsse gepflückt hatte?</p> + +<p>Er, dessen Leben hinfort nur Qual und sinnlos zehrendes Heimweh sein +würde?!</p> + +<p>Nein — das letzte Wort wenigstens, das Abschiedswort — das wollte er +ihr nicht ersparen! Wenigstens sehen, fühlen, wissen sollte sie's, was +sie ihm getan hatte! —</p> + +<p>Hahaha! Darum so treu, so rein, so unberührt sich erhalten — darum +bezwungen Jugendfieber und Stürme des Bluts ... darum, um weggestoßen +zu werden wie ein verbrauchtes Spielzeug?</p> + +<p>Ach, sie hatten ja recht, die andern, die ihn ausgelacht hatten, wenn +er nicht mitgemocht hatte zu den losen Mädchen ...</p> + +<p>Liebe — Treue — Keuschheit — alles Blödsinn!</p> + +<p>Weiber! Weiber! Dirnen allesamt! Die eine wie die andere!</p> + +<p>Die Dummen, die waren für zwei Taler zu haben ... die Gerissenen, die +taten's nur um einen goldenen Ring und eine lebenslängliche Versorgung +—!</p> + +<p>Und so lange, bis einer kam, der das beides auf<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> den Tisch des Hauses +legen konnte, nahm man auch mit einem vorlieb, auf den man warten mußte!</p> + +<p>Aber, wenn sich's dann doch noch schickte ... wenn er kam, der +Ersehnte, der Mann mit dem großen Portemonnaie ... dann weg mit dem +Jungen, dem armen, dem dummen Buben!</p> + +<p>Weg — Fußtritt — aus — vergessen!</p> + +<p>Nein, Mädel, du hast dich verrechnet!!</p> + +<p>So einfach in die Ecke fliegen, stumm, wehrlos, wie eine zerknüllte +Puppe ... das gibt's nicht! Das gibt's nicht!</p> + +<p>Wenigstens will ich dir noch sagen, wer du bist! will dir sagen, daß +ich dich jetzt kenne! daß der Traum von der Göttin ausgeträumt ist! daß +ich dich erkannt hab' in deiner ganzen Erbärmlichkeit! — — daß ich +nun weiß: du bist wie alle!</p> + +<p>Feil für Gold, nur verschmitzter, nur raffinierter als die arme Lina da +hinten im Marbacher Tal! feil ... feil! —</p> + +<p>Und durch die Büsche brach er sich Bahn, dorthin, wo die Walzerrhythmen +hüpften, wo der rauhe Dielenboden knarrte ... wo arme, betrogene, +verblendete Bürschlein die nichtsnutzigen, verschlagenen, +ränkespinnenden Weiberchen im Tanze drehten ...</p> + +<p>Mit rötlichem Schein überflutete das unstete Licht von Hunderten +buntschimmernder Lampions den Tanzplatz. Glühenden Auges starrte +Klauser in das wirbelnde Gewühl — fahndete gierig nach einem<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> lichten +Scheitel über der wohlbekannten, adlig reinen, ernst geschwungenen +Stirn, den vergötterten, heilig strahlenden Augen ...</p> + +<p>Da — — da kam sie heran, sicher geleitet durchs Getümmel der Paare +von einem starken, tragenden Arm ... sie ... in seinem Arm ...</p> + +<p>Daß die Adern nicht sprangen, das Herz nicht riß, die Brust nicht barst +in einem wilden, weidwunden Todesschrei — —!!</p> + +<p>Und aus war der Tanz ... durcheinander, auseinander quollen die Paare, +strudelten den Ausgängen zu ...</p> + +<p>Alle überragend die Hochgestalt des Blondbarts unter der vergilbten +Cimbernmütze ... die wies ihm den Weg ...</p> + +<p>Ein paar Minuten dumpfen Harrens am Eingang des Platzes der +Professorenschaft ... dann hüpfte eine kecke Masurkaweise auf ... und +Willy Klauser stand mit abgezogener Mütze neben Marien.</p> + +<p>»Gnädiges Fräulein — darf ich um den Tanz bitten?«</p> + +<p>Entsetzen stand in Mariens Blicken, düsterer Schreck im grauen +Augenblitz des Professors ...</p> + +<p>»Ich danke ... ich möchte nicht mehr tanzen ... meine Eltern wollen +eben aufbrechen —«</p> + +<p>»Ach, so eilig ist's nicht, Mariechen!« klang da des alten Geheimrats +behagliche Stimme von der andern Tischseite, und:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> + +<p>»Den einen Tanz kannst du schon noch riskieren, Mariechen!« +lächelte wohlwollend, festlich heiter auch Frau Hollerbaums mildes +Madonnengesicht ...</p> + +<p>»Nein, wirklich, ich danke, Herr Klauser — ich möchte mich noch ein +wenig abkühlen!« Sie hatte die Augen tief gesenkt, ihre Stimme versagte.</p> + +<p>»Ich habe heut' noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Sie um einen Tanz +zu bitten ... schlagen Sie mir den letzten Tanz nicht ab, ich bitte +darum!« Es war ein befehlender Ton in der Bitte.</p> + +<p>»Tanz nur, Mariechen, es ist noch ein Rest in der Bowle, den laß ich +nicht umkommen!« lachte der Vater.</p> + +<p>Ein hilfesuchender Blick flog aus Mariens Augen zu Dornblüth hinüber. +Er erwiderte mit einem unmerklichen, ruhigen Kopfnicken.</p> + +<p>Und wortlos, totenblaß stand Marie auf. Ihre zitternden Fingerspitzen +schob sie in Klausers Arm, und hochaufgerichtet machte er sich Bahn ...</p> + +<p>Am Tanzplatz führte er sie vorüber ...</p> + +<p>»Wohin?!«</p> + +<p>»Komm mit! ich rat es dir gut!!« Und mit der Linken griff er nach ihrer +Hand, zog sie fest in seinen Arm, riß sie von hinnen, in den Laubgang +hinein ... aus dem blendenden Lichterspiel ins nächtige Dunkel.</p> + +<p>»Ich geh nicht weiter — laß mich los!«</p> + +<p>»Du bleibst! Bist du zu feige, meinen Glückwunsch<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> zu deiner Verlobung +in Empfang zu nehmen?«</p> + +<p>»Ich habe mich nicht verlobt!«</p> + +<p>»Also noch zu früh? Tut nichts — er hält sich bis morgen!«</p> + +<p>»Laß mich! Ich will dir schreiben ... will dir alles ... erklären!«</p> + +<p>»Die Mühe spar dir! Ich weiß schon Bescheid! Ich weiß alles — alles!«</p> + +<p>»Willy ... ich kann nicht anders ... vergib mir ... und laß mich gehn!«</p> + +<p>Er faßte sie an beiden Handgelenken. Durch die Zweige drang ein letzter +Schein der Illumination; der gab in seinen Augen düster flackernden +Widerschein, und rum-tata-tita-rum-tata! klang die Masurka.</p> + +<p>»Laß mich, Willy ... ich hab' ihn lieb ... ich ...«</p> + +<p>»Hast ihn lieb! wirklich! und mich? was? wann hast du denn eigentlich +gelogen? Hä? damals? oder jetzt? oder gar damals <em class="gesperrt">und</em> jetzt?«</p> + +<p>»Ich hab' dich nicht belogen, Willy. Ich hab' dich lieb gehabt ... ich +hab' dich noch lieb —«</p> + +<p>»Marie!«</p> + +<p>»Ja, Willy — das ist wahr! Immer, immer werd' ich dir dankbar sein ... +für all das Glück ... für deine Liebe ... für alles ... aber jetzt ... +jetzt ... laß mich!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<p>»Ja, geh! geh! und lach, daß du mich zertreten hast! zertreten und +zerschmissen!«</p> + +<p>»Willy — ach Willy — verzeih mir!«</p> + +<p>»Verzeihen? Niemals — niemals! Werde glücklich, wenn du kannst! +wenn du den Mut hast, zu vergessen, was du aus mir gemacht hast! du +Verräterin! du Lügnerin!« Und er schleuderte ihre Hände von sich weg, +daß sie fast taumelte.</p> + +<p>»Jetzt ist's genug!« klang da eine schneidende Stimme, und Professor +Dornblüth trat aus dem Dickicht. Er legte seinen Arm um die Wankende.</p> + +<p>»Marie steht unter meinem Schutze!«</p> + +<p>»Hahaha! gut — nimm sie, Alter Herr! und laß dich von ihr betrügen, +wie sie mich betrogen hat!«</p> + +<p>»Knabe?!« Einen mächtigen Schritt trat Dornblüth auf Klauser zu.</p> + +<p>Da fiel von dem Jüngling ab, was Elternhaus und Schule, was die +Erziehung des Korps, was das Menschentum von Generationen an ihm +gebildet. Die Bestie brüllte nach Blut. Und weit ausholend führte er +einen wuchtigen Faustschlag nach des Nebenbuhlers Haupt.</p> + +<p>Aber mit Riesenkraft fing der den Angriff auf. Mit beiden Tatzen packte +er den Gegner am Unterarm und zwang ihn in die Knie.</p> + +<p>»Danke du Gott, daß du mich nicht getroffen hast!«</p> + +<p>Und er zog die wild aufweinende Marie von dannen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>VI.</h2> +</div> + +<p>Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes +Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann, +ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht +mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten. +Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch +an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie +bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte +schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische, +dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann +war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen; +Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem +Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer +verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß +des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er +wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum +zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes +erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und +erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete +Beleuchtung der<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider +Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum +auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern, +ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden +Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte +geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von +Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen.</p> + +<p>Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund +sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die +Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren +verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den +Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken. +Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch +das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die +Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt. +Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne +Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse +saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den +Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den +Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken.</p> + +<p>Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust.<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> All die Erregung +der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm +in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei +zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in +die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte +nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden.</p> + +<p>Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die +Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der +monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages.</p> + +<p>Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich +schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte +Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich.</p> + +<p>Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine +fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der +ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine</p> + +<p>vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich +den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und +tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die +den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte +sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den +unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<p>So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten +Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm +in die Augen schoß.</p> + +<p>Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst +du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen? +Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens +immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?!</p> + +<p>Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende, +rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die +fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz!</p> + +<p>Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende, +jagende Sinnenpein — einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu +bergen!</p> + +<p>Liebe — Liebe —!!</p> + +<p>Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene +blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen +Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die +Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende, +die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe —!!</p> + +<p>Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor +seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge +gewährungsfrohe<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten +... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte? +Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen +Nächte?!</p> + +<p>Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch +der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner +Ecke hinter dem Ladenpult ...</p> + +<p>Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!!</p> + +<p>Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der +verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen +die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ...</p> + +<p>Darum schnell! schnell!</p> + +<p>Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so +wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre +Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte.</p> + +<p>Rosalie ... Rosalie ...</p> + +<p>Da stand er vor dem niedern Häuschen, vor der Schwelle, über die sie +nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu +beglücken ...</p> + +<p>Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte — und Werner +stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen +Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> da oben ... +und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ...</p> + +<p>Da ... ha!</p> + +<p>Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet?</p> + +<p>Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ...</p> + +<p>Was?! Unmöglich ...</p> + +<p>Doch ... seine Stimme ... Scholz ...</p> + +<p>Und nun — eine andere Stimme ... eine — Frauenstimme —</p> + +<p>Barmherzigkeit —!! Rosalie!!</p> + +<p>Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes +Liebesgeschwätz ...</p> + +<p>Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen — nun eine werbende, +dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende +Weibeslaute ...</p> + +<p>Und wieder still ... und Rascheln wieder und ...</p> + +<p>Und nun — und nun — — Werner mußte alles hören ... alles ... mußte +er hören ... alles.</p> + +<p>Stille dann ... Stille ...</p> + +<p><em class="gesperrt">Das also war die Liebe?! — Gott — — das war die Liebe —?!</em></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über +die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger +den<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen +Stock, dann zur Tür — —</p> + +<p>Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes, +bares Geld ...</p> + +<p>Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ... +so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so +....</p> + +<p>Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die +Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne +schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ...</p> + +<p>Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das +massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als +schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein.</p> + +<p>Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende!</p> + +<p>Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet +sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch +...</p> + +<p>Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift +nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im +Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird +mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt, +gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht +ein stieres Antlitz vorbei,<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> die Augen tief in schwarze Schattenlöcher +versunken ... Willy Klauser ...</p> + +<p>Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch!</p> + +<p>Das ist das Ende!!</p> + +<p>Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ...</p> + +<p>Hahaha! Der auch!!</p> + +<p>Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde, +aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ...</p> + +<p>Das ist das Ende!!</p> + +<p>Wozu sich noch sträuben!</p> + +<p>Hinein, hinein in den Pfuhl —!!</p> + +<p>Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele, +für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ...</p> + +<p>Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ...</p> + +<p>Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ...</p> + +<p>Trinken ... trinken!! ...</p> + +<p>Und Werner klopfte an Linas Tür.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>VII.</h2> +</div> + +<span style="margin-left: 1em;">/* »Mein Herzensjunge! */</span><br> + +<span style="margin-left: 1em;">Das ist nun der letzte Brief, den ich Dir in Dein erstes Semester</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">schreibe, denn heute in acht Tagen werden wir Dich ja, wie Du</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">schreibst, schon wieder bei uns haben! Ich kann es noch gar nicht</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">recht glauben, daß uns dann unser Ältester wieder für mehr als</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">zwei Monate gehören soll, denn die vier Monate, daß Du fort bist,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">wollten gar nicht vorübergehen, und kann ich mir kaum vorstellen,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">daß es nicht wenigstens ein Jahr war seit Deinem Abiturientenexamen.</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Hoffentlich wird es Dir nun aber, nach dem schönen Burschenleben da</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">draußen in Saus und Braus, in Deinem einfachen Elternhause auch noch</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">gefallen. Wir freuen uns alle riesig auf Dich, die Brüder schwatzen</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">von nichts anderem als vom Bruder Student und freuen sich, alle Deine</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Herrlichkeiten zu sehen; ich glaube, sie denken, Du läufst immer mit</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">einem Schläger an der Seite herum. Und unser guter Vater freut sich</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">schon sehr darauf, mit Dir über das Römische Recht, das Du ja nun</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">schon kennst, tüchtig fachsimpeln zu können.«</span><br> + + +<p>Hier mußte Werner, trotz seiner Rührung, lächeln, halb verlegen, halb +verschmitzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Vor allem aber freut sich Deine Mutter auf Dich: ich bin ganz stolz</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">darauf, einen so großen und wohlgeratenen Sohn zu haben, der auch</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">draußen in der Fremde dem Namen seines Vaters Ehre macht und im Leben</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">bewährt, was wir Eltern nach unsern schwachen Kräften versucht haben</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">ihm mitzugeben. So schließe ich denn für heute mit dem Wunsche, daß</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Dir, mein lieber Sohn, noch einige schöne Sommertage in Deiner neuen</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Heimat beschert sein mögen und Du dann zurückkehrst, gestärkt und</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">gereift an Leib und Seele und beglückt in dem Bewußtsein, täglich</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">vorwärts zu schreiten in allem Guten und Tüchtigen.«</span><br> +</p> + +<p>Werner ließ den Brief einen Augenblick sinken. Mechanisch trank er +einen Schluck Kaffee und starrte zur Decke empor.</p> + +<p>Täglich vorwärts in allem Guten und Tüchtigen —! Ach ja ... der +Dammelsberg ... der heiter-prächtige Anfang und das wüste, scheußliche +Ende: der Heimweg in stolperndem Rausch, und —</p> + +<p>Äh — das mußte der wüste Kopf doch nur geträumt haben ...</p> + +<p>Nein ... nein ... es war Wirklichkeit: er <em class="gesperrt">war</em> nun wissend ... er +hatte die Blume der Sehnsucht gepflückt ... und sie war ihm in den Kot +gefallen ...</p> + +<p>Ah — pfui — pfui! Der Ekel, die Schmach!!</p> + +<p>Und alles stand auf einmal wieder vor ihm da!</p> + +<p>Das Entsetzen dieser Nacht ... die schreckhafte Erkenntnis,<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> daß auch +ihn, wie seinen Freund, ein Reifer, ein Sicherer, ein Mann um seine +Liebe betrogen hatte ...</p> + +<p>Um seine Liebe —? Hahaha!!</p> + +<p>Und doch ... war das nicht auch Liebe, was ihn zu Rosalien gezogen? +War dieser Schmerz, in dem seine Seele sich krümmte, war der Jammer +um ihren Verlust, der ihn blindlings hinaus und in die Arme der Dirne +gehetzt hatte ... war das nicht auch ein Gram um ein verlorenes +Liebesglück?!</p> + +<p>Liebe? Was war Liebe überhaupt anderes als das Verlangen nach dem +Besitz?</p> + +<p>Ja, sie war ihm verloren, an die sich sein Sehnen angeklammert, in der +es die Erfüllung heißesten Erdenglücksbegehrens erblickt hatte ... sie, +die ihm nicht ein armes Judenmädel, ein armes Käseladenfräulein gewesen +war, sondern Aphrodite, die süße und schreckliche Herrin der Erde ...</p> + +<p>Sie hatte am Morgentore seines Lebens stehen sollen als Spenderin +erlösender Erstlingswonnen, hatte ihn hineinführen sollen in das +Allerheiligste des Daseins, das ihm Liebe, Liebe — Liebe!! hieß!</p> + +<p>Und nun war sie jenem andern, dem Erfahrenen, dem Desillusionierten, +dem Pascha in die Arme geweht worden, dem ihre Liebe nicht ein +ungeheures, umwälzendes, erlösendes Erlebnis war ... nein, ein Blatt +mehr in einem Notizbuch flüchtiger Erinnerungen an lustige Stunden ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<p>Und Werners Blume lag im Kot ... gemein, trivial, weihelos, ekel war +die erste Stunde in Weibesarmen gewesen, Sünde, weil sie schmutzig und +würdebar, Schande, weil sie käuflich und häßlich gewesen war ...</p> + +<p>Das war nicht wieder gut zu machen ... der Fleck aus dem Leben nicht +mehr wegzuwischen ... nein, das würde bleiben ... die Erinnerung an +die frechen, entehrenden Zärtlichkeiten, die rohe Vertraulichkeit, die +hungrige Groschengier der Dirne würde sich besudelnd eindrängen in +alles Glück, das ihm künftig zuteil werden möchte ...</p> + +<p>Unsühnbar — untilgbar das Andenken an die erste Liebesstunde, besudelt +— besudelt ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ein hartes Klopfen an der Tür.</p> + +<p>Und Scholz trat ein.</p> + +<p>»Morgen, Leibfuchs — na? Jammer? Sieht so aus!«</p> + +<p>Stumm stand Werner auf. Ihm war's, als hätte er dem andern ins Gesicht +schreien müssen, was alles er ihm genommen ... wie jener, jener schuld +sei an der Katastrophe seines Liebeslebens ...</p> + +<p>Aber der würde ihn nicht verstanden haben ... eiskalt, höhnisch ihn +angegrinst ...</p> + +<p>Nein ... Schweigen ... Haltung ... herunter das Visier ...</p> + +<p>Er hieß den Älteren willkommen. Scholz streckte<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> sich aufs Kanapee, +schob die Beine lang in die Stube hinein, gähnte geräuschvoll und +bedeckte eine Sekunde lang die Augen.</p> + +<p>»Verdammt müde ... aber schön war's doch ... na und du, Leibfuchs? +Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin? Ich bin nämlich seit gestern +abend dein Nachbar. Habe da nebenan die kleine Bude für nächstes +Semester gemietet und bin gleich eingezogen. Laß dir erzählen, wie +das gekommen ist. Ich kam gestern abend von Berlin mit dem Casseler +Schnellzug an; zugleich kam von der andern Seite der Frankfurter D-Zug +auch, ich sah zufällig hin, und aus der dritten Klasse klettert wer? +die schöne Rosalie, deine <em class="antiqua">filia hospitalis</em> nee, <em class="gesperrt">unsere</em>! +Na, ich begrüßte sie natürlich, machte mich mit Gepäckbesorgung galant, +erzählte ihr, daß ich promoviert hab' und nun zum Abschiedskommers +zurückkomme ... daß ich nächstes Semester wieder nach Marburg will ... +frage ganz im Spaß, ob bei ihr nicht eine Wohnung frei ist ... und ... +<em class="antiqua">me voilà!</em> was sagst du dazu?!«</p> + +<p>Auf der Straße klang der Cimbernpfiff und überhob Werner der Antwort. +Beide gingen ans Fenster; unten stand der Zweite, Krusius, und neben +ihm der Senior der Hasso-Nassovia, Herr Seydelmann.</p> + +<p>Krusius bemerkte zuerst Werner und rief:</p> + +<p>»Sag mal, Achenbach, ist das richtig, daß i. a. C. B. Doktor Scholz +jetzt bei dir im Hause wohnt?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> + +<p>»Allerdings, zu dienen!« sagte Scholz und ließ seinen Oberkörper +am Fenster erscheinen. »Guten Morgen, Krusius, guten Morgen, Herr +Seydelmann — na? Wie schaut's aus? Wieviel Gramm Antipyrin haben Sie +heute morgen schon gefressen?«</p> + +<p>»Lieber Scholz,« sagte Krusius mit tiefernstem Gesicht, »Herr +Seydelmann hat etwas mit dir zu besprechen.«</p> + +<p>Scholzens Gesicht versteinerte sofort ebenfalls in offiziellen Falten. +»Wenn die Herren sich freundlichst heraufbemühen wollen?«</p> + +<p>Die Angeredeten tappten die Treppe hinauf und standen bald darauf an +der Tür, die Scholz ihnen höflich geöffnet hatte.</p> + +<p>»Bitte einzutreten.«</p> + +<p>»Möchten wir nicht lieber in dein Zimmer —?« meinte Krusius mit einem +Seitenblick auf den Fuchs Achenbach.</p> + +<p>»Ich habe nur ein Zimmer, und das ist noch nicht aufgeräumt,« sagte +Doktor Scholz. »Ich denke, mein Leibfuchs erlaubt uns einen Augenblick +seinen Salon?«</p> + +<p>»Selbstverständlich, Leibbursch — ich gehe so lange hinaus.«</p> + +<p>»Nee, nee, bitte bleib nur —«</p> + +<p>»Es ist aber eine sehr ... persönliche Angelegenheit —« meinte +Seydelmann.</p> + +<p>»Tut nichts, hier, mein Leibfuchs, der kann ruhig<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> zuhören, schad't +ihm nichts, wenn er auch ein bißchen Schimmer bekommt. Also. Herr +Seydelmann —?«</p> + +<p>»Herr Doktor Scholz,« sagte Seydelmann, »ich habe den Auftrag, +Ihnen namens des <em class="antiqua">studiosus medicinae</em> Simon Markus +eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere bis zur +Kampfunfähigkeit zu überbringen.«</p> + +<p>Eine Sekunde lang standen alle vier jungen Männer in der engen Stube +regungslos; langsam zog Scholz die Augenbrauen ganz hoch in die Höhe. +Eine Kälte, ein Schauer wehte allen ans Herz.</p> + +<p>»Hm —« machte Scholz. Wieder ein paar Herzschläge lang Schweigen.</p> + +<p>»— — bitte, teilen Sie Ihrem Auftraggeber mit, daß ich die Forderung +annehme,« sagte Scholz dann in eisiger Ruhe.</p> + +<p>»Nein, Scholz, das darfst du nicht!« fuhr da Krusius dazwischen. »Das +darfst du nicht! Es handelt sich doch jedenfalls um — um das Mädel ... +die Schwester von dem Kerl —«</p> + +<p>»Wir brauchen darüber kein Wort zu verlieren,« sagte Scholz. »Die +Forderung kann binnen vierundzwanzig Stunden ausgetragen sein. Wann +kann das Ehrengericht zusammentreten?«</p> + +<p>»Nun, heut nachmittag um drei, denke ich,« sagte Herr Seydelmann. »Ihr +Gegner hat sich dem S. C. Ehrengericht und dem S. C. Pistolenkomment +ohne weiteres unterworfen, die Sache ist also sehr einfach.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> + +<p>»Ich leid's nicht, Scholz!« rief Krusius erregt. »Du wirst dich doch um +so'n Frauenzimmer nicht schießen? Und mit so 'nem Judenjungen, dessen +Schwester nicht viel besser als 'ne Hure ist?«</p> + +<p>»Oho?!« meinte Scholz. »Woher weißt du das?«</p> + +<p>»Ja, ja, woher weiß man das? Ich kann nichts Positives gegen das Mädel +behaupten, aber seit Ewigkeiten wohnen hier Korpsbrüder von uns, und es +müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn die alle sich den Bissen da bis +jetzt hätten entgehen lassen!«</p> + +<p>»Wenn du nichts Positives weißt — dann braucht man ja gar nicht +darüber zu reden. Hat Ihnen, Herr Seydelmann, Ihr Auftraggeber einen +Grund der Forderung angegeben —?«</p> + +<p>»Allerdings,« sagte Seydelmann mit diskreter Zurückhaltung im Ton. +»Herr <em class="antiqua">studiosus</em> Markus behauptet, Sie hätten heut nacht seine +Schwester ... in Ihrem Schlafzimmer gehabt.«</p> + +<p>»Also gut, Herr Seydelmann ... ich werde, wenn Sie mir keinen +anderweitigen Bescheid mehr zukommen lassen, um drei Uhr auf Ihrer +Kneipe zum S. C. Ehrengericht erscheinen.«</p> + +<p>»Nein, meine Herren, das ist einfach Wahnsinn,« sagte Krusius, »da darf +nichts draus werden! Ich telegraphiere sofort an unsere Inaktiven, die +in den letzten Jahren hier im Hause Markus gewohnt haben, und frage an, +ob sie das Schicksel da unten<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> nicht auch gehabt haben, und wenn auch +nur einer ja sagt, dann hast du doch wahrhaftig keine Veranlassung, +dich mit ihrem Bruder zu schießen, als wenn du sie verführt hättest —! +Was sagen Sie, Herr Seydelmann?«</p> + +<p>»Da mein Auftrag noch nicht erledigt ist, so bedaure ich, eine +Ansicht über diesen Punkt nicht äußern zu können,« erwiderte der +Hessen-Nassauer.</p> + +<p>»Sie haben vollkommen recht,« sagte Doktor Scholz. »Lieber Krusius, +deine Anfrage an die Inaktiven ist überflüssig. Das Mädchen ist keine +Dirne, und nach meiner Auffassung ist der Bruder berechtigt, sich jeden +zu kaufen, der sie mit der Fingerspitze berührt. Und gegen den Herrn +Markus liegt meines Wissens auch nichts vor ... ich würde es also +geradezu als Kneiferei auffassen, wenn ich mich weigern wollte, ihm +Satisfaktion zu geben.«</p> + +<p>»Nun, dann bin ich wohl fertig,« meinte Seydelmann. »Mein Bedauern, +Herr Doktor, daß ich in so fataler Angelegenheit gegen Sie tätig sein +muß — nachdem wir uns beide bisher —« er lächelte diskret, korrekt, +verbindlich, wies mit leichter Handbewegung erst auf seine, dann auf +Scholzens Narben, die sie beide einer dem andern verdankten — »immer +so ausgezeichnet vertragen haben.«</p> + +<p>Als der Hessen-Nassauer fort war, bestürmte Krusius nochmals mit aller +Entschiedenheit den Korpsbruder, das Duell nicht anzunehmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> + +<p>»Ich finde, Scholz, du kannst das deinen Eltern gegenüber einfach nicht +verantworten, dich wegen so einem Frauenzimmer zu schießen! Denn daß du +bei der nicht der erste gewesen bist, dafür laß ich mich hängen! Zwar +die Korpsbrüder, die früher hier gewohnt haben, die haben anscheinend +immer nach dem bekannten Grundsatz vom dankbaren und verschwiegenen +Jüngling gehandelt. Aber wenn's um Tod und Leben eines Korpsbruders +geht, dann werden sie wohl herausrücken. Du brauchst gar nicht selbst +zu telegraphieren, gib nur deine Zustimmung, daß ich es tu.«</p> + +<p>»Ich hab' dir schon einmal gesagt, es kommt, meiner Auffassung nach, +gar nicht darauf an, ob das Mädel unschuldig war oder nicht. Ja, es +ist wahr: ich habe sie heut nacht hier, im Hause ihrer Mutter, im Bett +gehabt. Und daß sie einen Bruder hat, der Student ist, und gegen dessen +Honorigkeit nicht das geringste vorliegt, das hab' ich auch gewußt. +Also es wäre die tollste Drückebergerei, wenn ich mich jetzt der +Verantwortung entziehen wollte.«</p> + +<p>»Das finde ich verrückt, nimm mir's nicht übel,« sagte Krusius und +ließ sich wütend in eine Sofaecke fallen. »Das heißt wirklich, die +Schneidigkeit ins Fatzkenhafte übertreiben.«</p> + +<p>»Lieber Krusius, du weißt, ich bin immer ein großer Sünder gewesen. +Wie viele Weiber ich im Arm gehabt habe, ich glaub', ich krieg's +nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> zusammen. Aber eins ist mir dabei stets klar gewesen: der +Korpsstudent kann tun und lassen was er will, wenn er nur stets bereit +ist, mit seiner Person für all seine Handlungen einzutreten. Und wenn +ich Geschichten mit einem Mädel mach', dann muß ich jeden Augenblick +daraus gefaßt sein, daß irgendeiner, der des Mädels natürlicher +Beschützer ist, mich vor die Mündung fordert. Ja — so weit wäre ich +nun diesmal glücklich gekommen ... da heißt's eben, die Nase hinhalten +... aber an die Korpsbrüder telegraphieren ... und das Mädel, das sich +mir ... na — die zur Hure machen, bloß damit ich ihrem Bruder nicht +vor die Pistole brauch' ... nee ... das macht Hubert Scholz nicht. Also +gib dir keine Mühe, lieber Krusius, um drei Uhr ist Ehrengericht.«</p> + +<p>Krusius stürzte in großer Erregung hinaus. Im Weggehen rief er noch:</p> + +<p>»Na, jedenfalls besprech ich die Sache zunächst noch mal mit +Papendieck.«</p> + +<p>Als der Zweite fort war, wurde Scholzens Haltung plötzlich matt und +schlaff. Er schien Werners Gegenwart ganz vergessen zu haben; wie eine +tiefe, haltlose Müdigkeit ging es über seine Züge, seine Glieder, er +setzte sich schwerfällig in das Sofa und bedeckte das Gesicht mit +beiden Händen.</p> + +<p>Werner rührte sich nicht in seiner Fensternische, in die er sich +beim Eintritt des Nassauer-Seniors zurückgezogen, von der aus er mit +fliegenden Pulsen,<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> fröstelnden Fingern die Vorgänge verfolgt hatte. +Und mit einem Male begriff er diese undurchdringliche Seele. Er +verstand, was diesem jungen Manne die sieghafte Rücksichtslosigkeit, +die brutale Überlegenheit gegeben hatte. Und noch tiefer meinte er +hineinzuschauen in das innerste Herz des Korpsbruders; er wähnte zu +sehen, wie vor dessen innerem Auge langsam, unabweisbar das Bild eines +verlassenen, ausgestoßenen Mädchens aufstieg, eines kinderjungen, +holdselig-grauenvollen Leibes, den er einst besessen, in dem er die +Keime des Lebens geweckt, um sie dann schutzlos, wehrlos dem Schicksal +zu überlassen, das ihr den Wellentod befahl ... ihm war's, jener lechze +danach, dem Sühnetode die Brust zu bieten, um mindestens sich selber +zu zeigen, daß er nicht nur die Dreistigkeit habe, Glück zu stehlen, +sondern auch den Mut, es bar zu bezahlen.</p> + +<p>Und während Werner den Starken, den Gefürchteten, den Unnahbaren da +sitzen sah, stumm, aufgelöst, von der unerschütterlichen Haltung +verlassen, da kam über ihn eine große, feierliche Liebe zu dieser +schuldbeladenen, doch edlen und mannhaften Seele. Da fühlte er +plötzlich, daß der Drang, der jenen von Munde zu Munde, von Busen +zu Busen getrieben hatte, kein anderer sei, als jener, unter dessen +Geißelhieben auch er geblutet hatte — er und jener andere auch, der in +dieser Nacht zuerst seinen Verzweiflungswahnsinn zur Dirne geschleppt +hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p> + +<p>Und er ging auf Scholz zu, setzte sich auf die Sofalehne und legte den +Arm um den Nacken des Brütenden.</p> + +<p>»Es wird gut gehn, Leibbursch.«</p> + +<p>»Ach — Leibfuchs — entschuldige ... ich hatte dich ganz vergessen.« +Er ließ die Hände sinken ... trocken, glanzlos starrten seine Augen.</p> + +<p>»Wenn sie mich nun morgen früh so ... zurückbringen ... und dann +telegraphieren sie meinem Vater ... und dann kommen meine Eltern und +wollen wissen, was eigentlich passiert ist ... das begreift dann doch +kein Mensch ... ein Lump, den der Teufel geholt hat ... ja ... so reden +dann die Menschen ... und daß das alles so hat sein müssen ... äh — +bah ... is ja egal ... is ja egal.«</p> + +<p>Er stand mit hartem Ruck auf.</p> + +<p>»Komm, Leibfuchs, wollen zum Frühschoppen gehn — morgen trinkt ihr ihn +vielleicht ohne mich.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>VIII.</h2> +</div> + +<p>Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr +früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für +den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften +Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg +das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ... +eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus +dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die +Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich.</p> + +<p>Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner +eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von +unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und +er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden +hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende +Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und +mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was +er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun +zurückgedrängten Verehrers nannte.</p> + +<p>Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Mission ... doch empfand +er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen +Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr +passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als +noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen?</p> + +<p>O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach, +und dennoch ...</p> + +<p>Jugend — Jugend ...</p> + +<p>Wann fing denn eigentlich das Leben an — das wahre Leben? Wenn man +begann, der Meister der Dinge zu werden — dann hatten sie auch schon +den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns +so begehrenswert erscheinen ließ.</p> + +<p>War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht +heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner +Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite +Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was +der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet?</p> + +<p>Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb +das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte +zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden +Sinfonie des Lebens?!</p> + +<p>War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p> + +<p>Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des +Brautglücks aufgestrahlt wäre?</p> + +<p>Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen +mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell +geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte +angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit +abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ...</p> + +<p>Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ... +Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen.</p> + +<p>Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine +Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte +aus tausend Beobachtungen, was das heißt — daß Unvollkommenheit und +Entsagung Menschenlos ist ...</p> + +<p>Ach, und doch — und doch ...</p> + +<p>Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe +und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und +reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite +schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des +abgeklärten Mannes zu bergen ...</p> + +<p>Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach +dem Seelenreichtum<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen +so spielend verdrängt hatte ...</p> + +<p>Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen +hatte.</p> + +<p>Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum +hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten +Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem +Haupte gezielt hatte.</p> + +<p>Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor +seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr +auf, stand starr und steif.</p> + +<p>»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!« +begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand +in die ausgestreckte des Besuchers.</p> + +<p>»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was +hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer +Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach +Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf +angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun +kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am +Ende bekneipt, hä?«</p> + +<p>»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> + +<p>»Wa—?! Wo bist du gewesen?!«</p> + +<p>»Bei der Lina — der Sau da oben im Marbacher Tal.<em class="gesperrt">Zum +erstenmal.</em>«</p> + +<p>»Klauser —!! Himmel ... <em class="gesperrt">so elend</em> hab' ich dich gemacht?!«</p> + +<p>Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus.</p> + +<p>Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die +plötzlich feucht geworden war.</p> + +<p>»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten +suchend — »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ... +daß das <em class="gesperrt">so</em> bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne +Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...«</p> + +<p>»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du +von mir?«</p> + +<p>»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht +Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: >Einer +für alle, alle für einen?< Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht +und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben +soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung. +Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt +miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt +die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> könnte. +Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen +Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich +reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben +hinüber und herüber! Willst du?!«</p> + +<p>»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt +sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen +Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos +aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ... +Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu +hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich +noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten +wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen +dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich +dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ... +dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im +vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen +... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht +wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die +acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch +deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich +dir dankbar sein ... Alter Herr.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> + +<p>»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem +Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen +kann?!«</p> + +<p>»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.«</p> + +<p>Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling +hinüber, dessen Augen die seinen mieden.</p> + +<p>»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir +selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden +kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf +berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst — +doch nein —«</p> + +<p>»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?«</p> + +<p>»Nein — das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich +einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich +scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das +ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ... +ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.«</p> + +<p>Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern +Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte, +schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor.</p> + +<p>Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff +er langsam zu seiner Korpsmütze.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p> + +<p>Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte!</p> + +<p>Cimbria <em class="antiqua">vivat, crescat, floreat</em>!</p> + +<p>Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen +brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung +gekämpft hatte ...</p> + +<p>Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im +Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte +in der Sonne.</p> + +<p>Wo wollte er denn hin?</p> + +<p>Ach so ...!!</p> + +<p>Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>IX.</h2> +</div> + +<p>Selbstverständlich hatte Werner von dem Ausfall des Ehrengerichts +nichts erfahren. Krusius, sein zweiter Leibbursch, hatte ihn noch +einmal auf dem Frühschoppen beiseite genommen: »Leibfuchs, du hast +heute morgen nichts gehört — aber auch nicht das Geringste, verstehst +du mich?!«</p> + +<p>»Nein, nein, Leibbursch, das versteht sich ja ganz von selber.«</p> + +<p>»Also, allen Ernstes, auch nicht den leisesten Ton zu irgend +jemanden, wenn ich dir's raten soll! Du könntest die allertollsten +Unannehmlichkeiten haben.«</p> + +<p>»Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein.«</p> + +<p>Um halb drei waren dann beim Kaffee die beiden ersten Chargierten still +verschwunden, mit ihnen Scholz. Und keinen von ihnen hatte Werner mehr +zu sehen bekommen.</p> + +<p>Auch Klauser war zwar beim Frühschoppen erschienen, hatte eine Zeitlang +stumm, teilnahmslos, unzugänglich inmitten der katerfidelen Runde +gesessen, war dann aber, kurz bevor das Korps zum Mittagessen aufbrach, +plötzlich verschwunden.</p> + +<p>Und Werner war allein geblieben mit all seinem bedrängenden, +beängstigenden Wissen um das Schicksal der anderen. Und schließlich +hatte er sich dann<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> aus dem Kreise der ahnungslosen Korpsbrüder, deren +inhaltlose Unterhaltung ihn heute geradezu anwiderte, losgemacht und +war stundenlang allein in den Wäldern herumgerannt, unfähig, das Grauen +vor dem Erlebten wie dem Kommenden zu besiegen.</p> + +<p>Was mochte zwischen Dornblüth und Klauser vorgefallen sein, wenn +Willy Klauser, der Unberührte, der immer wie auf einer Wolke von +Reinheit zwischen den andern, den alltäglichen, gewöhnlichen Naturen +hingeschritten war, wenn der sich zur Lina geflüchtet hatte?! Was +mochte jetzt in ihm vorgehen? Welche Lösung würde er finden für das +Sphinxrätsel seines sinnlosen Elends?</p> + +<p>Und der andere, der Vielerfahrene, der kalt überlegene Sieger — +hatte sich nicht auch vor dem plötzlich das Gorgonenhaupt aufgereckt? +Standen nicht beide, der Schuldlose wie der Schuldbesudelte, plötzlich +dem spöttisch grinsenden Schicksal gegenüber, das nach ihrem Herzblut +lechzte?</p> + +<p>Daß Klausers junges Leben aus unheilbaren Wunden seine Kraft +vertropfte, das war offenbarer scheußlicher Hohn des Fatums — hier +mußte jeder Versuch nach einer sittlichen Erklärung scheitern.</p> + +<p>Aber was für ein Sinn lag denn darin, daß um eine Liebesnacht zwei +Jünglingsleben vor die Pistolenmündung gestellt werden sollten, +bis eins von ihnen die Kraft nicht mehr hätte, den Hahn der Waffe +abzuziehen? Und wenn nun einer fiele? Der<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> arme, tapfere, kleine +Jude, der sein Leben so mannhaft für eine Tugend einsetzte, die +wahrscheinlich längst zerlöchert war, zum mindesten aber doch zum Falle +reif gewesen, wie nur ein rotbäckiger Apfel im September? Wenn der nun +fiele — was für ein Sinn darin?</p> + +<p>Aber selbst Scholz ... war er des Todes schuldig? War er es um +Rosaliens willen?</p> + +<p>Also alle diese Not ohne Sinn, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit +irgendwie erkennbaren, konstruierbaren Weltgesetzen ... wenn nicht eben +dies das Gesetz war, daß es kein Gesetz gab ...</p> + +<p>Wenn nicht am Ende gar der Mensch wehrlos und machtlos dem Ansturm +der Dinge und Geschehnisse ausgesetzt war, auf nichts angewiesen +als auf seine eigene Kraft und Schläue, gezwungen, sich selber sein +Schicksal zu schmieden in trotziger Auflehnung wider die Brutalität +des Weltganges, und äußersten Falles noch mit der Herzensmacht begabt, +unbeugsamen Grausamkeiten des Daseins gegenüber unerschüttert und +trotzig zu fallen ...?</p> + +<p>Und was war es denn, was jenen erst an das Herz des reinen Mädchens +und dann in die Arme der Buhlerin geführt, was diesen von einer zur +andern getrieben hatte zu immer neuem, flüchtigem Augenblicksentzücken, +dem dann immer, ach so rasch, Erkaltung, Ermattung, Abkehr und Jammer +folgen mußten?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p> + +<p>War es nicht die gleiche, grauenvoll herrschergewaltige Macht, die +auch Werner wie ein unstetes Wild durch alle Abgründe des einsamen +Begehrens, des schaudernden Ergreifens gehetzt hatte?</p> + +<p>Jene Macht, von deren Gnaden, auf deren Geheiß doch alles lebte, was da +war?!</p> + +<p>Wie sie nennen, diese teuflisch-göttliche, paradiesisch-höllische, +dunkellichte, küssetränenblutbrünstige Macht?!</p> + +<p>Die Liebe?!</p> + +<p>Was war ein Name? Ein Name gab keinen Sinn, vermittelte kein Begreifen, +schmiedete keine Waffe ...</p> + +<p>Und der einsame Knabe, der da oben am Waldrand im Moose lag und +herniederstarrte auf die alte Stadt, in der seinem jungen Leben so +Ungeheures aufgegangen war, der wußte keine Lösung für die stürmenden +Schauer, die dahinrasten über sein bebendes, schluchzendes Herz. —</p> + +<p>Am Abend war dann Spielkneipe. Klauser hatte sich mit Unwohlsein beim +ersten Chargierten schriftlich entschuldigt; Scholz erschien nicht; die +beiden Ersten spielten ein Quodlibet mit zwei Inaktiven. Niemanden als +Werner konnte es auffallen, daß die beiden jungen Männer sehr blaß, +fieberhaft aufgeregt waren: die anerzogene Haltung verschleierte ihre +Stimmung vor jedem Auge, das nicht durch Mitwisserschaft geschärft war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> + +<p>»Nun, was ist denn geworden, Leibbursch?« Schüchtern hatte Werner die +Frage gewagt.</p> + +<p>»Geht dich nichts an!« schnauzte Krusius nervös ... dann sah er das +heißerregte Gesicht des Leibfuchsen und setzte in freundlicherem Tone +hinzu: »Nimm mir's nicht übel, Leibfuchs ... ich darf dir's nicht +sagen, auf Ehrenwort nicht!«</p> + +<p>Da glaubte Werner genug zu wissen ... also wirklich ... morgen früh ...</p> + +<p>Schon um zehn Uhr waren Papendieck und Krusius verschwunden ...</p> + +<p>Da machte sich auch Werner von dannen ... er meinte Scholz noch einmal +sprechen zu müssen, ihm vielleicht die schwere Nacht, die vor ihm lag, +tragen helfen zu können ... sie waren ja Zimmernachbarn.</p> + +<p>Aber in dem Zimmer, das in der vergangenen Nacht Rosaliens wilden +Liebesrausch umschlossen, war kein Licht. Bang klopfte Werner an: keine +Antwort ... er drückte die Klinke ... das Zimmer war leer — keine Spur +von einem Bewohner — Schränke, Schubfächer leer — offenbar war Scholz +ins Hotel übergesiedelt, um nicht in der letzten Nacht mit jenem unter +einem Dache zu sein, der ihm morgen ...</p> + +<p>Ins Hotel? Vermutlich ... und dann natürlich ins Pfeiffer ... das war +ja das Cimbernhotel.</p> + +<p>Und von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, rannte Werner +den Steinweg hinab und patrouillierte in der Dunkelheit vor dem +Pfeiffer auf<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> und ab. Der Gasthof war schon geschlossen, in den +Wirtschaftsräumen jedes Licht erloschen. Nur in einem Zimmer des ersten +Stocks schimmerte noch Licht; das Fenster war geöffnet, und sachtes, +oft verlöschendes Geplauder von Männerstimmen drang auf die totenstille +Straße. Werner meinte einmal die sonore Stimme des Ersten zu erkennen. +Sonst vermochte er nichts zu unterscheiden.</p> + +<p>Schließlich schien man droben aufzubrechen. Nach einigen Minuten Stille +rasselte in der Tür des Hotels ein Schlüssel; Werner drückte sich in +eine dunkle Haustürnische und sah, wie Papendieck und Krusius aus dem +Gasthof kamen und sich von Scholz verabschiedeten.</p> + +<p>»Also schlaf nur gehörig,« sagte Papendieck. »Wir kommen um punkt halb +sechs und wecken dich, da kannst di man up verlaten.«</p> + +<p>Sie drückten ihm die Hände und schritten wortlos, Arm in Arm der Stadt +zu.</p> + +<p>Die Hoteltür wurde geschlossen. Nach kurzer Zeit erschien droben am +offenen Fenster Scholzens riesige, hagere Gestalt. Lange stand sie am +Fenster, regungslos; das Haupt schien, in den Nacken zurückgeworfen, +den Sternenhimmel zu suchen.</p> + +<p>Werner aber blieb regungslos in seiner Nische. Er fühlte, daß er nicht +das Recht hatte, sich in die Seele des andern einzudrängen, die der +seinen nicht wesensverwandt war und ihrer nicht bedurfte, nicht<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> nach +ihr verlangt hatte angesichts dieser lichtlosen Nacht, durch die sie +sich hindurchzuringen hatte.</p> + +<p>Und er schaute nur stumm aus seinem Versteck zu dem Einsamen droben +empor und empfand zum ersten Male in seinem jungen Leben mit +erschütternder Gewalt die finstere Erkenntnis, daß es unter Menschen +keine Gemeinsamkeit gibt ... daß gerade in den dunkelsten Stunden des +Lebens auch der letzte Schimmer des fröhlichen Wahns zerfällt, als +könnte einer dem andern irgend etwas sein ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Aus wirrem Schlummer fuhr Werner auf und war sich rasch bewußt, daß +dieser erwachende Tag ein verhülltes Schrecknis heranführe ... Er +fuhr auf; unmöglich, noch eine Sekunde länger im Bett zu bleiben ... +Luft, Luft ... und etwas tun, um zu vergessen ... um über die Stunden +hinwegzukommen, die ihn von der Gewißheit trennten ...</p> + +<p>Er kleidete sich an, und während er sich wusch, vernahm er über sich +die leisen Tritte eines andern, der auch schon munter war ... der sich +auch ankleidete, um sein junges Leben an den wirrsten und zerfahrensten +Wahn zu setzen ...</p> + +<p>Wie verrückt, was jener tat!! —</p> + +<p>Und doch, wie begriff Werner den Juden da oben!</p> + +<p>Ob jenes Mädchen vorher rein gewesen war — was ging das den Bruder an? +Für ihn war sie<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> rein gewesen bis zu der Nacht, als er, weiß der Himmel +wie, gewahr werden mußte, daß sie jenem andern das Lager schmückte ... +ihm hatte man sie entehrt, ihm besudelt in dem Augenblick, da er ihrer +Schande wissend geworden war ... und so lechzte jener nach Rache nicht +für die Unschuld seiner Schwester, sondern für das eigene, in den Kot +getretene Herz, für seine eigene, geschändete Bruderliebe ...</p> + +<p>Nun tappte er die Treppe hinunter ... und durch die Vorhänge sah +Werner ihn auf die Gasse treten ... drüben standen zwei Herren, die +ihn empfingen: Herr Seydelmann und Herr v. Göhren, der erste und der +zweite Chargierte der Hasso-Nassovia, beide im Hut, nur das Band +schimmerte unter ihren Röcken hervor. Stumm begrüßten die Nassauer +ihren Waffenbeleger und schritten dann mit ihm von dannen, den Bergpfad +hinan, der über die Cimbernkneipe zum Schlosse führte ...</p> + +<p>Und nicht lange, da klangen auch Schritte vom Steinweg her ... zwischen +Papendieck und Krusius kam Scholz ...</p> + +<p>Aller dreier Gesichter waren fahl ... Krusius strich ohne Unterlaß den +blonden Schnurrbart, Papendieck rieb mit dem Zeigefinger immerfort an +seiner mächtigen Hakennase, Scholz hatte den Kopf hoch in den Nacken +geworfen und die Augen in das durchgoldete Blau des jungen Morgens +gerichtet ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> + +<p>Da gingen sie hin ...</p> + +<p>Und Wernern hielt es nicht länger. Er schlich hinter ihnen drein ... +sah sie hinter der Sternwarte zur Cimbernkneipe hinan einbiegen ... +erreichte dann wieder ihren Anblick, als ihre hellgekleideten Gestalten +sich durch die Heckenwege zum Schloß hinaufschoben ... sah sie unter +dem Torbogen des Schlosses verschwinden ... dann hatte er sie wieder +vor sich, als sie den Weg zum Dammelsberg einschlugen ... und so +schritten sie immer vor ihm her, die beiden Gruppen ... ganz fern die +Hessen-Nassauer, den kleinen, schäbig gekleideten, hochschultrigen +Simon Markus in der Mitte ... und dahinter, ihm zunächst, die drei +stattlichen Cimbern, der stattlichste in der Mitte ...</p> + +<p>So schritten die Jünglinge in den Morgen des ersten August hinein ...</p> + +<p>Und ringsum erwachte die Welt. Schon kräuselte erster Rauch aus manchem +Schornstein im Tal. Ein Bahnzug brauste von Frankfurt her die Lahnebene +hinauf ... lustig schwoll der Pfiff der Lokomotive, klang das Rasseln +der Wagen auf den Schienen. Und der Weg, auf dem man schritt, trug noch +die Spuren der Festnacht. Welke Blumensträußchen dorrten hier und dort, +verkohlte Lampions lagen am Wege.</p> + +<p>Und nun nahm der Dammelsbergwald die vorderste Gruppe auf — Werner +wartete, bis auch die<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> zweite ein Stück in den Wald hineingedrungen +war, damit nicht ein zufällig zurückschweifender Blick ihn erspähen +möchte.</p> + +<p>Und ein Wagengeroll hinter ihm ... schnell barg er sich hinter einem +Busch und sah einen der wenigen schwerfälligen Marburger Mietwagen auf +dem schmalen und steilen Wege sich emporwinden. Darin saßen der erste +Chargierte der Guestphalia und ein älterer Herr, in dem Werner nach +einigem Besinnen den Sanitätsrat Doktor Kuhlemann erkannte ... auf dem +Rücksitz des Wagens standen zwei Kästen: ein großer, verschlissener und +ein schmaler, niederer, eleganter.</p> + +<p>Und dem Geräusch des Wagens folgte Werner. Es ging mitten durch den +Festplatz hindurch, wo von vorgestern noch fast der ganze Aufbau +vorhanden war. Die Arbeiter, welche die Aufräumungsarbeiten zu +besorgen hatten, waren gestern offenbar nicht sehr eifrig beim Werke +gewesen. Zerfetzt, zerschlissen schillerte das lustige Prunkgewand +des Festtages. Und spukhaft huschten durch das Hirn des Jünglings die +Bilder jener wirren Nacht.</p> + +<p>Und plötzlich verstummte das Knirschen der Wagenräder. Werner bog ins +Gebüsch ab, schlich näher und sah, wie der Wagen auf dem Platze hielt, +den vorgestern der akademische Senat mit seinen Familien innegehabt +hatte. Herr Paschke, der Westfalensenior, war ausgestiegen und half +mit dem<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> Kutscher zusammen den größeren der beiden Koffer aus dem +Wagen zu heben. Dann lud der Kutscher den Koffer auf seine Schultern, +und die Herren stiegen zwischen Büschen einen letzten Treppenpfad zu +dem obersten und größten der Festplätze hinauf, der vorgestern die +Marburger Bürgerschaft beherbergt hatte ...</p> + +<p>Werner suchte sich durch das Gestrüpp einen Weg zu irgendeinem Punkte +zu bahnen, der ihm eine Übersicht über den Kampfplatz gewähren könne. +Eine fieberhafte Neugier war in ihm erwacht, die das Grauen seines +Herzens besiegte. Er wollte, er mußte nun alles sehen.</p> + +<p>Aber der Festplatz war ringsum dicht mit einer Kette niederer, kaum +mannshoher Fichtenbäume umpflanzt. Unmöglich, da hindurchzudringen. +— Werner mußte versuchen, auf einem Umwege einen höheren +Beobachtungspunkt zu erreichen.</p> + +<p>Eine geraume Zeit verging, bis er sich orientiert hatte. Und plötzlich +fiel ihm ein, daß sein Tun nicht gefahrlos sei ... denn da oben würden +gleich Kugeln fliegen ... und daß jemand im Gebüsch herumkriechen +könnte, darauf war man da oben nicht gefaßt ...</p> + +<p>Über diesem Sorgen, Erwägen, dem planlosen Hin- und Herklettern war +einige Zeit vergangen ... doch Werner gab seine Absicht nicht auf ... +das Abenteuerliche des eigenen Beginnens ließ ihn vergessen,<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> daß +droben schon die Todeslose geschüttelt wurden:</p> + +<p>Und plötzlich klang's vernehmlich durch die Stille:</p> + +<p>»Eins ... zwei ... drei ...«</p> + +<p>Und paff ... paff ... knallten zwei Schüsse, und dicht über Werners +Kopfe pfiff's hin, riß Blätter und dünne Äste von den Bäumen ...</p> + +<p>Da packte ihn eine Angst ... und er stand ab und kroch durchs Gebüsch +zurück, dem Platze zu, wo das Wiehern und Scharren der Pferde den +Standpunkt des Wagens verriet ...</p> + +<p>Wie still auf einmal alles ... Gott ... vielleicht war alles schon +vorbei ...</p> + +<p>Da war der Weg; der Kutscher stand bei den Pferden, hielt die unruhigen +am Gebiß, sprach ihnen zu und lauschte dabei gespannt nach oben ...</p> + +<p>Und plötzlich kamen rasche Schritte von droben. Und tief gesenkt den +Kopf, den Hut in der Stirn, daß fast nur die wüste Nase hervorschaute, +kam der Student Markus die Treppe herunter, schritt, ohne den Kopf zu +heben, an dem Kutscher vorüber ... und ... auf einmal wurde sein Gang +zum Lauf ... er raste zu Tal ...</p> + +<p>Also ... Scholz ...</p> + +<p>Und dann, nach einer Weile dumpfen, gedankenlosen, blöden Wartens, +klang der Ruf:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p> + +<p>»Michel! Michel! Komme Se mal da nauf!«</p> + +<p>Da ließ der zitternde Kutscher die Pferde und stürmte mit drei Sätzen +die Treppe hinan ...</p> + +<p>Und bald hörte Werner die keuchenden Atemzüge, die +schwerfällig-unsicheren Tritte schwer tragender Männer. Nun kam der +Sanitätsrat die Treppe herunter. Er trug seinen Strohhut in der Hand, +wischte mit dem Taschentuch die kahle, schweißbedeckte Stirn, besah +mit blöden Blicken seine Rechte — sie war dunkelgefärbt. Er machte +eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sie an seinem hellen +Flanellanzuge abwischen, ließ es aber, rieb sie mit dem Taschentuch, +riß dann den Wagenschlag auf, strich sich immer wieder krampfhaft über +das gelichtete Haar und durch den langsträhnigen grauen Bart. Dann +erschien der Kutscher zwischen den Büschen. Er tappte mühsam Stufe für +Stufe herunter; die Ellenbogen trug er angewinkelt; ein Paar lange +Unterschenkel in hellen Beinkleidern und gelben Schuhen baumelten +darunter hervor. Und da wußte Werner, was geschehen war. So trug man +keinen Verwundeten.</p> + +<p>Papendieck und Krusius hielten den Oberkörper, hinter ihnen kamen die +beiden Hessen-Nassauer und der Westfale. So schob sich die Gruppe +langsam die Stiege herunter. Die Arme des Toten hingen lang herab, +tief auf der Brust das Haupt mit dem wirren Haar. Unter dem Korpsband +waren Weste und Hemd<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> aufgerissen; die weiße, behaarte Brust zeigte +Blutflecke.</p> + +<p>Und keuchend, die Stirnadern zum Platzen aufgeschwellt, machten die +Träger inmitten der Stiege einen Augenblick halt und senkten die Leiche +auf die Bohlen. Da hielt sich Werner nicht länger: aufschluchzend +sprang er aus dem Gebüsch und fiel neben dem Toten in die Knie.</p> + +<p>Es war, als seien die Jünglinge durch den Anblick des Todes abgestumpft +gegen irdisches Staunen.</p> + +<p>»Ja, kleiner Achenbach,« sagte Papendieck, »deinen Leibburschen haben +sie totgeschossen.« —</p> + +<p>Als man die Leiche im Wagen untergebracht hatte, fragte der Kutscher, +der das Verdeck geschlossen hatte:</p> + +<p>»Wo soll ich die Herre hinfahre?«</p> + +<p>Die drei Cimbern sahen sich an.</p> + +<p>»Ins Hotel dürfen wir ihn nicht bringen,« sagte Papendieck. »Das dürfen +wir dem Wirt nicht antun.«</p> + +<p>»Der würde uns auch wohl schwerlich aufnehmen,« meinte Krusius. »Und +in seine neue Wohnung bei der alten Markus ... ist ja selbstredend +ausgeschlossen.«</p> + +<p>»Könnte man ihn nicht ... auf die Kneipe —?« meinte Werner schüchtern.</p> + +<p>Die Chargierten überlegten. Es schien so naheliegend.<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Es war doch das +Heim des Korps, nicht ein gewöhnlicher Ausschank.</p> + +<p>Doch schließlich meinte Krusius: »Ich weiß nicht ... das wird man dann +nie wieder los. Keiner von uns. Gibt's denn nicht eine Leichenhalle +oder so was?«</p> + +<p>»Dazu müßte man erst die Genehmigung der Gemeinde haben,« erklärte der +Sanitätsrat. »Und der Kirchhof liegt ja dann wieder so weit draußen. +Wird er denn hier beerdigt werden? Vermutlich werden doch ... Sie +sagten ja, er hat noch Eltern ... die werden die Leiche doch wohl +heimholen?«</p> + +<p>»Zweifellos,« sagte Krusius.</p> + +<p>»Dann schlage ich Ihnen vor, meine Herren, Sie bringen ihn in die +Anatomie. Da kann er in der Prosektorstube untergebracht werden, bis +der Vater ihn holen kommt.«</p> + +<p>Und in diesem Augenblicke war's Werner, als ob eine Stimme aus ewigen +Fernen erklungen wäre. Eine ruhige, doch übergewaltige Stimme.</p> + +<p>»Die Rache ist mein,« sprach diese Stimme. »Ich will vergelten.«</p> + +<p>Also die gab's doch — diese Stimme? Oder klang sie nur aus dem eigenen +Herzen herauf?</p> + +<p>Und er sah Papendieck an. Und wie in des Seniors Augen plötzlich die +Erinnerung an jene Erzählung Achenbachs aufflackerte, da ruhten die +Blicke<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> der Jünglinge eine Weile lang ineinander. Und jeder fühlte +Anbetung, Ergebung, Sühne.</p> + +<p>»Gut,« sagte Papendieck. »Also in die Anatomie.«</p> + +<p>Er stieg in den Wagen und setzte sich neben den toten Korpsbruder. +Krusius und Werner gegenüber. Ein stummes Lüften der Hüte zu dem +Sanitätsrat, dem Unparteiischen, den Hessen-Nassauern, und der Wagen +zog an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>X.</h2> +</div> + +<p>Munter trällerte Rosalie Markus durch das Haus. Daß ihr Bruder nicht +zum Mittagessen gekommen war, kümmerte sie nicht sonderlich. Er +war schon früh am Morgen aufgebrochen — er mochte einen Ausflug +unternommen haben.</p> + +<p>Und daß der Doktor Scholz gleich am Morgen nach jener Nacht seinen +Koffer vom Korpsdiener hatte verpacken lassen und ins Pfeiffer schaffen +... das grämte sie auch nicht sonderlich. Ach ja ... es war schon ein +ganzer Kerl, der Scholz ... aber wenn er nach einem Male genug hatte +von ihr ... na, sie würde sich zu trösten wissen. Mama Markus sollte +ihm einen Brief schreiben und ihn um Einhaltung des Mietvertrages +ersuchen. So einfach ausrücken ... das gab's denn doch nicht.</p> + +<p>Jedenfalls war es hübsch, daß sie ihn nun auch kannte ... den +berühmtesten Studenten der letzten Semester ... den gefürchteten, +gefährlichen Scholz ... Haha! Er war schließlich auch nicht viel anders +als die andern ...</p> + +<p>Um die Mittagsstunde fiel es ihr auf, daß die Cimbern sich alle nach +und nach in dem schräg gegenüberliegenden Mützenladen einfanden. Sie +sah näher zu und entdeckte, daß einer nach dem andern herauskam,<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> einen +Flor um den untern Rand der Mütze und um das Band. Ach, die Cimbern +hatten tiefe Korpstrauer? Wer mochte denn gestorben sein? Sie hatte +doch gar nichts gehört!</p> + +<p>Da kam die Babett durch die Hintertür in den Laden:</p> + +<p>»Freile Rosalie! Freile Rosalie!«</p> + +<p>»Was is?«</p> + +<p>»Habbe Se's denn noch nit geheert? Der Doktor Scholz von dene Cimbern, +wo vorgestern nacht hier geschlafen hat, den habe se heut morge im Wald +erschosse!«</p> + +<p>»Ach, mach doch kee Geschwätz!« — —</p> + +<p>»Das is kee Geschwätz — die Lies vom Friseer Boß driebe hat's mer +erzählt!«</p> + +<p>Der Scholz ... erschossen ... im Wald —?!</p> + +<p>Es war Rosalie plötzlich, als legten sich zwei kalte Fäuste um ihren +schönen Hals und drückten ihn langsam, immer mehr, immer mehr zusammen. +Aber sie mochte das nicht glauben — es konnte ja nicht wahr sein ...</p> + +<p>Aber ... wenn es nun doch ... und — erschossen?! — Im Wald +erschossen?! Das konnte doch nur ein Duell — Straßenräuber gab's doch +keine mehr im Hessenland ... ein Duell ... und — der andere? Wer war +der andere?!</p> + +<p>Herrgott — und Simon morgens um fünf aus dem Haus — ohne Frühstück — +ohne Abschied — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> + +<p>»Mama!!«</p> + +<p>»Was schreist du?«</p> + +<p>»Wo is der Simon?!«</p> + +<p>»Is er noch immer nit heemkomme? Ich hab en nit gesehen!«</p> + +<p>»Gott sei mer gnädig!«</p> + +<p>Sie stürzte zum Friseur Boß hinüber.</p> + +<p>»Herr Boß — is es wahr, daß der Herr Scholz von de Cimbre —«</p> + +<p>Herr Boß sah sie von oben herab an mit der Miene eines Richters.</p> + +<p>»Na, ich denk, Sie müßte das doch am erschte wisse, Fräulein Markus!«</p> + +<p>»Ich?! Warum ich?!«</p> + +<p>»Weil's Ihr eigne Herr Bruder is, wo en totgeschosse hat!«</p> + +<p>Da schrie die schöne Rosalie auf und fiel gegen einen Barbierstuhl.</p> + +<p>Und bald wußte die ganze Wettergasse, daß der Zweikampf, in dem der +weiland Cimbernsenior gefallen war, um der Rosalie willen ausgefochten +worden war. — —</p> + +<p>Indessen war bei Cimbria ein Telegramm aus Hannover eingegangen:</p> + +<p>»Treffe halb acht dort ein, nehme meinen Sohn Hannover mit.<em class="antiqua">Dr.</em> +Scholz.«</p> + +<p>Das hatte die Chargierten der Cimbria sehr erleichtert,<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> denn allerhand +peinliche Sorgen traten nun an sie heran.</p> + +<p>Eine Beerdigung in Marburg hätte zunächst ohne Beteiligung der +Geistlichkeit stattfinden müssen, denn diese würde schwerlich einem +Duellanten das letzte Geleit gegeben haben, der noch dazu um eines +Weibes willen gefallen war. Und das wußte schon am Nachmittag, infolge +der Szene im Boßschen Friseurladen, ganz Marburg.</p> + +<p>Und wie stand es alsdann mit der Beteiligung der Studentenschaft? +Durfte das Korps überhaupt in der üblichen Weise mit einer Aufforderung +zur Beteiligung an die übrige Studentenschaft herantreten? Scholz hatte +zwar zuletzt in Berlin gearbeitet, war aber in Marburg immatrikuliert +geblieben und gehörte demnach noch der Marburger Studentenschaft +an. Wie peinlich aber wäre es für das Korps gewesen, wenn es die +Studentenschaft zur Beerdigung seines Seniors aus drei Semestern +eingeladen hätte, und einige oder gar viele Korporationen hätten sich +nicht beteiligt mit der Begründung: es scheine ihnen nicht angezeigt, +einem Toten die letzte Ehre zu geben, der unter solchen Umständen +gefallen sei! Und diese Antwort wäre zum Beispiel von den theologischen +Korporationen unfehlbar gekommen, meinten die Cimbern.</p> + +<p>Der Entschluß des Vaters, den Sohn in der Heimat beizusetzen, überhob +das Korps aller dieser<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> Unannehmlichkeiten. Es handelte sich nun nicht +um eine Beerdigung, sondern nur um die Überführung der Leiche von der +Anatomie zum Bahnhof. Und dieses Zeremoniell konnte das Korps füglich +als interne Angelegenheit behandeln. Nur den beiden andern Korps wurde +Anzeige gemacht, und beide erklärten sofort, daß sie um die Ehre bäten, +sich an der Feierlichkeit beteiligen zu dürfen.</p> + +<p>Aber die Cimbern sollten die Erfahrung machen, daß der Tod die +Schranken niederlegte, die im Leben die verschiedenen Gruppen der +akademischen Jugend trennten. Im Laufe des Nachmittags fanden +sich von sämtlichen Korporationen, mit Ausnahme der Wingolf, der +katholischen Verbindung Rhenania und des Evangelisch-theologischen +Vereins, Vertreter auf der Cimbernkneipe ein, erkundigten sich nach +den Absichten des Korps betreffend die Beisetzung des Gefallenen und +erklärten gleichfalls, daß sie es für selbstverständlich erachten, sich +der letzten Ehrenerweisung für den in ehrlichem Männerkampfe gefallenen +Kommilitonen anzuschließen. Und dankbar und in beschämter Ergriffenheit +nahmen die Cimbern das Anerbieten der Kommilitonen an.</p> + +<p>Inzwischen hatte die medizinische Fakultät ihre Genehmigung erteilt, +daß mit Rücksicht darauf, daß Scholz in Marburg noch nicht wieder +eine Wohnung gemietet habe, das Prosektorzimmer der Anatomie zur +Aufbewahrung der Leiche benutzt werden dürfe. Man<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> hatte sofort beim +Gärtner Gewächsschmuck bestellt, und korpsbrüderliche Sorge schmückte +die kahle Stube, die schmale Holzpritsche feierlich mit akademischem +Totenprunk.</p> + +<p>Als die Aufbewahrung der Leiche und die Ausschmückung des Zimmers +vollendet war, trat die Totenwache ihren Dienst an. Zunächst standen +der erste und zweite Chargierte. Von Stunde zu Stunde sollten sie dann +durch zwei andere Korpsburschen abgelöst werden, und danach sollten die +Füchse darankommen.</p> + +<p>Werner hatte sich an all diesen Vorbereitungen nicht beteiligen können. +Die Fahrt vom Dammelsberg bis zur Anatomie zu viert mit der Leiche, +dann ...</p> + +<p>Ja dann —!</p> + +<p>Dann hatten sie Scholzens Leiche durch den hallenden Flur des +Anatomiegebäudes hinübergeschleppt in das Prosektorzimmer und hatten +sie auf den Tisch am Fenster gelegt ... und Wichart hatte sie in +Empfang genommen, hatte die breite Brust entblößt, die Wunde mit der +Sonde untersucht und dann still gesagt:</p> + +<p>»Das Herz is glatt durchgeschlage —«</p> + +<p>Und dann hatte der Anatomiediener Michel die Leiche entkleidet, und +in ihrer nackten, frischen Schönheit, noch unberührt vom Hauch der +Auflösung, hatte sie dagelegen im strahlenden Mittagslicht ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span></p> + +<p>Und wieder war Werner hinausgestürzt und hatte sich in seine Stube +geflüchtet — hatte seinen fieberschauergeschüttelten Leib in die +Decken gewühlt und in dumpfem Grübeln um den Sinn dieses Schicksals +gerungen ...</p> + +<p>War das Sühne?! War das die strafende Gerechtigkeit eines Ewigen?! Oder +war es nur ein Zufall ... ein Zufall, der nur für ihn, den Wissenden, +die Grimasse eines gerechten Gerichts, einer Sühne trug?</p> + +<p>War es nicht Sentimentalität, war es nicht Romantik, in dieser +zufälligen Aufeinanderfolge deutungstiefe Symbolik zu suchen ... eine +Symbolik, eine Predigt, die der doch nicht vernehmen konnte, den sie +zuvörderst anging? Oder wurde gar die Seele des Entschlafenen in dieser +Stunde von einem Engel des Gerichts zur Konfrontation in den kahlen +Raum hineingeschleppt ... zur Konfrontation mit ihrem starren Leibe, +zur Konfrontation mit ihrer schlotternden Erinnerung an einen andern +starren Leib, der einmal auf der gleichen Stelle gelegen hatte, gleich +nackt und bloß? Zur Konfrontation mit der Erinnerung an eine andere +Stunde, da diese beiden nackten Leiber sich umschlungen gehalten hatten +in heißem, fieberndem Lebensüberschwang, und ein anderes Leben gezeugt +... ein Leben, dessen Wachsen und Schwellen die Mutter in Verzweiflung +und Tod getrieben hatte?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> + +<p>Ja, <em class="gesperrt">wer das wüßte</em>! Wer Zeuge sein dürfte nicht bloß einer +willkürlichen Aufeinanderfolge von Ereignissen, die heute wirr- und +sinnlos nacheinander abrollten, morgen einmal für einen Augenblick den +Schein eines inneren, gesetzmäßigen Zusammenhanges annehmen, einer +höheren Ordnung, eines waltenden Oberwillens ... um schnell wieder aus +dem Kosmos in das Chaos zu zerflattern!</p> + +<p>Ja, in das Chaos ... denn draußen auf dem Flur hatte in diesem +Augenblicke das wahnsinnige Verzweiflungsgeschrei eines Weibes +eingesetzt — eines Weibes, das sich schuldig zieh am Tode des Mannes, +der vorgestern nacht in ihren Armen gelegen — —</p> + +<p>Schuldig?! Ach, Himmel ... war sie schuldig?! War sie nicht einfach +dem Gesetz ihrer Natur gefolgt, ihrer Natur, die sie zur Liebe, zum +gedankenlosen Genusse des Augenblicks, zum Kusse der Sinnenliebe +geschaffen hatte?!</p> + +<p>Warum war der gestorben an ihrem Kusse und jene andern nicht, seine +Korpsbrüder, die doch auch in ihren Armen gelegen haben sollten?! Warum +nicht er, Werner selbst, den doch wahrlich nicht sein Wille gehindert +hatte, ein Gleiches zu tun?!</p> + +<p>Nein, es war vergebens, in der ungeheuren Wirrnis dieses Daseins nach +einem Sinn zu suchen ...</p> + +<p>Und jene Stimme, die er droben vernommen, als es zuerst geheißen hatte: +in die Prosektorstube mit<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> ihm ... jene Stimme, die gesprochen hatte: +die Rache ist mein — war sie etwas anderes, denn ein Reflex aus +Jugendtagen, der Widerhall eines jahrtausendalten Wahns?</p> + +<p>Und vor dem frierenden Knaben, dem am sengenden Augustmittag unter +warmen Decken die Zähne schlugen und die Glieder schauerten ... vor +dem reckte sich das starre Riesenantlitz der Sphinx ... die blicklosen +Augen ins Unendliche gerichtet ... ins Unendliche.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am Nachmittage ging Werner dann, Band und Mütze frisch umflort, zur +Anatomie, um einen Strauß weißer Rosen als Scheidegruß auf die Knie +seines Leibburschen zu legen.</p> + +<p>Unterwegs begegnete ihm Klauser ... auch er trug einen weißen +Rosenstrauß.</p> + +<p>Die Freunde hatten sich seit dem Dammelsberg-Abend noch nicht gesehen.</p> + +<p>Stumm, ein Würgen in der Kehle, drückten sie sich die Hände.</p> + +<p>Und schritten stumm selbander.</p> + +<p>Nach einer Weile zog dann Klauser ein Zeitungsblatt hervor. Er gab es +dem Korpsbruder, wies auf den Rosenstrauß und sprach:</p> + +<p>»Den hat mir eben ein Dienstmann gebracht.«</p> + +<p>Werner entfaltete das Zeitungsblatt; er wußte,<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> was er dort finden +würde; und unter der Rubrik der Familienanzeigen begann er zu lesen:</p> + +<p>»Die Verlobung ihrer Tochter Marie mit Herrn Professor <em class="antiqua">Dr. jur.</em> +Wilhelm Dornblüth beehren sich ...«</p> + +<p>Er konnte nicht weiter lesen. Seine Blicke umschleierten sich. Und er +schob seinen Arm in den des Korpsbruders und zog ihn an sich.</p> + +<p>Und schweigend schritten die Jünglinge dem Hause des Todes zu.</p> + +<p>Die Vorhalle der Anatomie war in einen grünen Gang ernsten dunklen +Laubes verwandelt. In der Prosektorstube stand nun der Tisch, vom +Fenster ab, mitten in die Stube hinein. Am Fußende Papendieck und +Krusius, in Wichs, Cerevis und Schärpe, Band und Verschnürungen +umflort, im Arm den blanken Schläger mit umflorten Farben. So hielten +sie die Totenwacht.</p> + +<p>Über Scholzens Haupt hing das Cimbernbanner. Auf dem bleichen Gesichte, +das noch im Tode den hochmütig-starren Ausdruck wies, spielten +die flackernden Kerzen, glühten und mischten sich mit den letzten +Abendstrahlen, die durchs Fenster fielen.</p> + +<p>Und Werner legte zuerst seine Rosen auf den toten Freund. Klauser aber +zögerte noch. Eine der weißen Blüten brach er ab und steckte sie rasch +in die linke Brusttasche. Dann senkte auch er seinen<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> Strauß auf die +Bahre — den Strauß, den ihm Marie zum Abschied geschickt hatte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Frankfurter Schnellzug brauste heran. Der ganze Bahnhofsperron war +dicht gedrängt von dem Schwall der Studenten besetzt. Die Fremden, +die den Zug benutzen wollten, konnten sich kaum Bahn schaffen. Vorn, +wo der Gepäckwagen halten mußte, stand, mit Kränzen übersät, auf zwei +zusammengeschobenen Gepäckwagen, der Sarg. Obenauf der Kranz der +Cimbria mit riesiger, umflorter blau-rot-weißer Schleife. Und neben dem +Sarge, im Zylinder, eine totenblasse, hochaufgerichtete Männergestalt; +die hochmütigen, unnahbaren, herbgeschlossenen Züge waren den Cimbern +seltsam bekannt und vertraut: nur daß diese Augen, dieser schmale Mund +von buschigem Grau überschattet waren ...</p> + +<p>Und rings umdrängten die Chargierten der Marburger Korporationen den +Sarg. Keine fehlte: auch die theologischen Verbindungen hatten sich, +unangemeldet, zu allgemeinem Staunen noch eingefunden. Voran das +leidtragende Korps, dahinter der übrige S. C. Und dann in bunter Reihe +Burschenschaften, Wingolf, freie Verbindungen und alle die andern. Alle +in Wichs, alle Farben umflort, heut einmal alle geeinigt unterm Banner +des Todes. Und hinter den Chargierten die ganze Studentenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> Kopf +an Kopf, alle die Tausend ... auch der Russe vom Dammelsberg fehlte +nicht.</p> + +<p>Nun hielt der Zug. Neugierig staunend fuhren die Gesichter der +eleganten Reisenden ans Fenster, erst belustigt, dann mitergriffen von +dem feierlichen Schauspiel jugendlicher Totenklage.</p> + +<p>Und wie man den Sarg in den Waggon hob, da senkten sich auf einmal alle +Fahnen der Verbindungen, die Mützen und Hüte der Tausend flogen von den +Köpfen, und Musik hob erschütternd an:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Jesus, meine Zuversicht,</div> + <div class="verse indent0">Und mein Heiland ist im Leben ...</div> + <div class="verse indent0">Dieses weiß ich: soll ich nicht</div> + <div class="verse indent0">Darum mich zufrieden geben?</div> + <div class="verse indent0">Was die langemTodesnacht</div> + <div class="verse indent0">Mir doch für Gedanken macht!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Dann begleiteten die Cimbern den Vater zum Coupé, das graue Haupt +entblößte sich, dankend schüttelte er die Hände der Jünglinge, dankend, +doch starr, gemessen, tränenlos ...</p> + +<p>»Fertig!« — »Fertig!« — »Fertig!«</p> + +<p>»Abfahren!«</p> + +<p>Schrille Pfiffe ... Pfauchen der Lokomotive.</p> + +<p>Und die Schläger der Chargierten flogen blitzend in die Luft.</p> + +<p>Aus tausend Kehlen schwoll zum feierlichen Klang der Hörner das +Burschenabschiedslied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Ist einer unser Brüder dann geschieden,</div> + <div class="verse indent4">Vom blassen Tod gerufen ab,</div><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> + <div class="verse indent0">Dann weinen wir und wünschen tiefen Frieden</div> + <div class="verse indent4">In unsres Bruders stilles Grab.</div> + <div class="verse indent0">Wir weinen und wünschen den Frieden hinab</div> + <div class="verse indent4">In unsres Bruders stilles Grab.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und taktmäßig schlugen die Klingen zusammen ... in stillem Gruß wehten +tausend Mützen und Hüte dem Zuge nach ...</p> + +<p>Ade — ade — ade — —</p> + +<p>Draußen sammelte sich dann der Zug.</p> + +<p>Das leidtragende Korps Cimbria zog zuerst von dannen, stumm, zur Kneipe +hinauf, zum feierlichen Trauersalamander.</p> + +<p>Die andern Korporationen aber nahmen die Flöre von Fahnen und +Cerevisen und Schlägern. Und bald klang ein flotter Marsch, und zu +schmetternden Lebensfanfaren ging's in endlosem Zuge, wie neulich zum +Dammelsbergfeste, dem Marktplatze zu.</p> + +<p>Da traten die Chargierten inmitten des Platzes abermals zusammen, aber +diesmal senkten die Fahnen sich nicht, sie flatterten lustig in Wind +und Sonne.</p> + +<p>Und abermals klangen die Schläger, hob sich Burschengesang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Gaudeamus igitur,</em></div> + <div class="verse indent0">juvenes dum sumus;</div> + <div class="verse indent0">post jucundam juventutem</div> + <div class="verse indent0">post molestam senectutem</div> + <div class="verse indent0">nos habebit humus ...,</div><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Vita nostra</em></div> + <div class="verse indent0">brevis est,</div> + <div class="verse indent0">brevi finietur —</div> + <div class="verse indent0">venit mors velociter, rapit nos</div> + <div class="verse indent0">atrociter, nemini parcetur — — —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Vivat academia,</em></div> + <div class="verse indent0">vivant professores,</div> + <div class="verse indent0">vivat membrum quodlibet,</div> + <div class="verse indent0">vivant membra quaelibet,</div> + <div class="verse indent1">semper sint in flore ...</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ja, und als sei schon vergessen, um wessen willen das jüngst +verloschene Jugendleben sich verblutet habe, klang's huldigend und +heiter auch also:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Vivant omnes virgines</em></div> + <div class="verse indent0">faciles, formosae,</div> + <div class="verse indent0">vivant et mulieres</div> + <div class="verse indent0">tenerae, amabiles,</div> + <div class="verse indent0">bonae, laboriosae!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Pereat tristitia!</em></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>klang's zum Schluß ...</p> + +<p>Da schwollen, tief aufatmend, die Busen der jungen Studenten dem +Sonnenlicht, dem jungen Tage, der ersehnten Weibeshuld, dem Leben, ach +ja, dem lachenden, blühenden, hochaufschäumenden Leben entgegen —</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nieder die Traurigkeit ...</div> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Pereat tristitia!</em></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>so klang's über Marburgs altehrwürdigen Marktplatz ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">— — — —</div> + <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Pereat tristitia!</em></div> + <div class="verse indent0">— — — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Eine Straße weiter aber schrie ein junges Weib wild auf, als die +lebenlockenden Klänge herüberrauschten, daß die ganze alte Stadt zu +klingen und zu schwingen schien ... sie schrie auf in ihrer Kammer, in +ihrem Bett, unter den Händen des Arztes und der Mutter ...</p> + +<p>Und stumm und verbissen schluchzte nebenan ein Jüngling in das +Taschentuch ... der einzige Student in Marburg, der ausgeschlossen +gewesen war an diesem Tage von der Scheideklage, wie vom Hymnus des +Lebens.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>XI.</h2> +</div> + +<p>Der letzte Bestimmtag des Sommersemesters!</p> + +<p>Die tiefe Korpstrauer hätte den Cimbern eigentlich die Verpflichtung +auferlegt, sich an den Mensuren nicht zu beteiligen. Aber das ging +einfach nicht, das ließ sich nicht durchführen. Und da ohnehin am +Abend der S. C. Abschiedskommers sein sollte und Cimbria hier aus +Rücksicht auf den S. C. nicht fehlen durfte, so wurde die Korpstrauer +für diesen Tag, es war der siebente August, ganz aufgehoben. Und +ohne die Abzeichen der Trauer erschien das Korps zu gewohnter früher +Morgenstunde auf der Wahlstatt in Ockershausen.</p> + +<p>Vor allem hatten jene Korpsburschen noch einmal zu fechten, die Marburg +verlassen wollten, sei es, um mit Semesterschluß inaktiviert zu werden, +sei es, um im nächsten Semester als Vertreter des Korps bei einem +befreundeten Kartell oder befreundeten Korps aktiv zu werden.</p> + +<p>Von den Chargierten wünschten Papendieck und Dettmer, welche beide +schon vier Semester aktiv gewesen waren, inaktiviert zu werden; der +Erste hatte die Inaktivierung auch ohne Mensur sicher, Dettmer, der +die dritte Charge tadellos geführt hatte, sollte doch noch eine letzte +Probe seiner Fechtsicherheit ablegen.<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Noch drei weitere Korpsburschen +baten um ihre Inaktivierung; von ihnen mußte Klauser nach seiner +Reinigungspartie noch eine tadellose Mensur schlagen, um Anspruch +auf sofortige Inaktivität zu haben. Böhnke wollte nach Leipzig zu +den Lausitzern, der Zweite, Krusius, nach Heidelberg zu den Schwaben +gehen. Das gab vier Partien, die unter allen Umständen gefochten +werden mußten. Aber der Zweite, Krusius, hatte den Ehrgeiz, am letzten +Tage seiner Führung der zweiten Charge noch mit einem möglichst +langen Bestimmzettel aufzuwarten, und hatte noch für drei weitere +Korpsburschen Partien verlangt und bekommen. Wenn man eine Stunde auf +die Partie rechnete, so konnte es, da der erste Hieb um sieben Uhr +morgens fiel, immerhin bis zwei Uhr nachmittags dauern, dann blieb +gerade noch Zeit zum Essen, Schlafen und Mensuren-C. -C., und dann +mußte man zum Abschiedskommers. Also ein gut besetzter Tag.</p> + +<p>Und programmäßig wickelte sich das »Schlachtfest« ab. Jeder setzte +sein Bestes ein, das Blut floß in Strömen, und Wichart sowohl wie +seine Kollegen bei Hasso-Nassovia und Guestphalia hatten viele +Dutzende Nadeln einzufädeln, auch die Lieferanten von Sublimat und +Verbandstoffen kamen auf ihre Rechnung.</p> + +<p>Klauser hatte das Unglück, seinen ihm eigentlich überlegenen Gegner im +dritten Gang auf eine<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> mächtige Quart abzuführen. Da es sich um seine +Inaktivierung handelte, so mußte er noch einmal ordentliche Hiebe +bekommen, um dem Korps den Beweis zu liefern, daß er die gute Haltung +seiner Reinigungsmensur dauernd bewähre.</p> + +<p>Krusius fragte sofort bei den Westfalen an, ob sie eine zweite Partie +für Klauser stellen könnten, und Paschke, der Senior, erklärte sich +bereit. Klauser blieb gleich anbandagiert in der Flickstube sitzen +und wartete geduldig auf seinen zweiten Gegner. Nach wenig Gängen +hatte Paschke ihn so zugedeckt, daß den kühnsten Anforderungen an eine +Inaktivierungsmensur <em class="antiqua">in puncto</em> der Quantität der empfangenen +Prügel Genüge geleistet war, und ein Durchzieher, der die Unterlippe +bis auf die Zähne spaltete, gab den Rest.</p> + +<p>Im Korps herrschte nur eine Stimme staunender Bewunderung über Klauser. +Der war mit seinem nervösen Temperament, seinem ausgesprochenen +Fechtehrgeiz — immer ein nicht so ganz sicherer Mann gewesen, trotz +seines unverkennbaren Elans. Heute hatte er die beiden Mensuren mit +einer so vollkommen unerschütterlichen Gleichmütigkeit hingenommen, +als sei das einzig Lebendige an ihm der Mechanismus der bei der Mensur +beteiligten Muskeln. Und daß er inaktiviert werden könne, darüber war +kein Zweifel mehr im C. C.</p> + +<p>Die nächste Partie hatte der Jungbursch Ehlert<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> gegen Bandler, den +Dritten der Hessen-Nassauer, ein elegantes, fixes kleines Männchen, das +leicht, doch mit großer Gewandtheit focht.</p> + +<p>»Sag mal, Krusius — meinst du eigentlich, daß ich mit <em class="gesperrt">dem</em> +Handgelenk fechten kann?« meinte Ehlert im Augenblick, als der +Korpsdiener ihm das Paukhemde überstreifen wollte, zum Zweiten, der +selbst seine Abschiedspartie schon hinter sich und mit einem Dutzend +Nadeln hüben und drüben ausgepaukt hatte und nun schon wieder im +Sekundierwichs stand, um eine Partie nach der andern zu sekundieren.</p> + +<p>»Donnerwetter! Das ist ja die reinste Knolle! Hast du das schon länger?«</p> + +<p>»Ja, ich schlag mich schon vierzehn Tage damit herum!«</p> + +<p>»Ja, Menschenskind — das ist ja ... eh, lieber Wichart, willst +du dich mal einen Augenblick herbemühen? Der Ehlert scheint eine +Sehnenscheidenentzündung zu haben.«</p> + +<p>Wichart tupfte Klausers zerfetzte Visage mit einem mächtigen +Wattebausch und befahl Werner, der auch dieses Mal beim Flicken des +Freundes Hilfsdienste leistete, zu halten. Dann trat er zu Ehlert.</p> + +<p>»Nanu?! Mit dem Ärmche willst du fechte, Menschenskind? Du bist ja +e chloroformierte Kindsleich! Gleich machst du, daß du die Kleider +widder an den Leib bekommst, und dann Prießnitz, bis die Lappe nur so +runnerfalle!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p> + +<p>»Verdammt! Wen stell ich nun gegen den Bandler? Das hättest du mir auch +eher sagen können, Ehlert!« schalt Krusius.</p> + +<p>Da fiel sein Auge auf Werner.</p> + +<p>»Na, Leibfuchs Achenbach, wie wär's? Hättest du Lust, noch vor +Toresschluß vors lange Messer zu kommen?«</p> + +<p>Ein siedender Schreck und zugleich ein jäher Stolz durchfuhr Werner.</p> + +<p>»Selbstverständlich, Leibbursch.«</p> + +<p>»Bist auch aufgelegt? Hast heut morgen nicht zu viel getrunken? Bist +gestern und vorgestern nicht beim Mädchen gewesen?«</p> + +<p>»Alles in Ordnung, Leibbursch.«</p> + +<p>»Na, dann runter mit der Weste und rin in die Lappen.«</p> + +<p>Werner bebte denn doch am ganzen Leibe vor Aufregung, als er nun an +Ehlerts Stelle trat, Rock, Weste, Hemd ablegte und sich das Paukhemd +überstreifen ließ.</p> + +<p>Und dann wurde das Herz durch ein kreisrundes Blech in Lederfassung, +die Achselhöhle durch einen seidenen gesteppten Latz geschützt, die +Hand schlüpfte in den wildledernen, ungefügen Kettenhandschuh, der +rechte Arm wurde vom Korpsdiener langsam und sorgfältig durch eine +endlose Umwicklung mit seidenen, zerfetzten und blutgetränkten Binden, +schließlich durch einen langen Zopf aus Seidengeflecht der<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Länge nach +verwahrt. Ekelhaft war das Gefühl, als nun die Halsbinde umgelegt +wurde, an der noch Klausers, Dettmers, Krusius' erkaltetes, klebriges +Blut starrte. Dann kam der Schurz, schwerfällig, steif von Strömen +angetrockneten Bluts. Inzwischen hatte schon ein anderer krasser +Fuchs, nicht ohne Neid auf das Glück seines Konsemesters, das Amt des +Schleppfuchses übernommen und stützte Werners schwer verpackten rechten +Arm.</p> + +<p>Und über all den Vorbereitungen fühlte Werner dennoch nichts anderes +als das stürmische Klopfen seines Herzens, das immer munter trommelte: +»Du, jetzt geht's los! Du, jetzt geht's los!«</p> + +<p>»So, nu stehe Se mal auf, Herr Achebach!«</p> + +<p>Und Werner stand auf. Es war inzwischen im Saale laut geworden, daß der +krasse Fuchs Achenbach an Ehlerts Stelle einspringen solle, und fast +alle Korpsburschen kamen neugierig in die Flickstube, um zu sehen, wie +er sich halte. Es regnete Witze:</p> + +<p>»Du, kleiner Achenbach, der Mann, der gleich auf dich zukommt, der will +dir was tun, den mußt du feste hauen, sonst haut er dich!«</p> + +<p>»Du, Füchschen, stich den Gegner ab und nicht deinen Sekundanten, das +kostet fünfundzwanzig Em Korpsstrafe!«</p> + +<p>»Macht mir meinen Leibfuchs nicht dammelig!« rief Krusius dazwischen.</p> + +<p>»Aha! Wenn man den Herrn Zweiten zum<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Leibburschen hat, dann kommt man +als Krasser schon auf Mensur!«</p> + +<p>Und Papendieck kam auch heran, sah Werner stumm und herablassend an und +zitierte schließlich wieder einmal seinen Landsmann Bräsig:</p> + +<p>»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!«</p> + +<p>Dammer kam mit einem Spiegel, hielt ihn Werner vor und griente:</p> + +<p>»Nu darfste Abschied nähm von dei'm glatten Gesichte — so kriegst es +nich wieder zu sähn!«</p> + +<p>Und mit einem seltsamen Gemisch aus Grauen und Stolz erkannte Werner +sein jugendrosiges Gesicht in der abschreckenden Vermummung von +Halsbinde und Paukbrille, die Peter ihm eben anlegte und von hinten mit +so kräftigem Ruck zusammenschnallte, daß Werner rief:</p> + +<p>»Donnerwetter, Peter, Sie sprengen mir ja den Schädel!«</p> + +<p>»Schad't nix, muß so sinn,« sagte Peter gleichmütig.</p> + +<p>»Bandler schon drinnen?« fragte Krusius.</p> + +<p>»Ja!«</p> + +<p>»Also los — raus! Nein, warte — liegt dir der Speer gut in der Hand?«</p> + +<p>Und Werner trat einen Schritt vor, führte mit dem Schläger, den der +Testant ihm in die Hand gedrückt, einen kräftigen Lufthieb ... es +pfiff, die Bandage saß, eng, doch elastisch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p> + +<p>»Vergiß nicht, daß der erste Gang nur Scheingang ist! Na, und immer +feste draufschlagen, alles andre kommt von selbst!«</p> + +<p>Wie im Traum schritt Werner hinaus. Es rauschte und flimmerte vor +seinen Augen und Ohren — durch die ungewohnte Paukbrille erkannte +er kaum den bekannten Saal — sah, wie alles sich im Kreise drängte, +wie zweihundert Augen auf ihn starrten, fühlte den Stuhl an seinen +Hinterbacken, packte mit der Linken fest den Riemen seiner Hose, +umspannte noch einmal mit klammernden Fingern den Griff des Rappiers, +und —</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für einen Gang Schläger +mit Mützen und Sekundanten auf zehn Minuten bis zur Abfuhr!«</p> + +<p>»Silentium für einen Gang Schläger mit Mützen und Sekundanten auf zehn +Minuten bis zur Abfuhr!«</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für die Mensur!«</p> + +<p>»Silentium für die Mensur!«</p> + +<p>Wie aus weiter Ferne klangen diese Worte in Werners Ohr. Durch die +engen Öffnungen der Paukbrille starrte er geradeaus ... da stand der +andere, der Gegner, mit dem er sich nun messen sollte im blutigen +Turnier ...</p> + +<p>Und plötzlich summte ihm eine bekannte Weise, altgeliebte Dichterworte, +durch den Sinn:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Da tritt kein andrer für ihn ein,</div> + <div class="verse indent0">Auf sich selber steht er da ganz</div> + <div class="verse indent0">allein ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Er reckte sich.</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für den Scheingang!«</p> + +<p>»Silentium für den Scheingang!«</p> + +<p>»Fertig!« rief der Gegensekundant.</p> + +<p>Und mechanisch, wie er es oftmals in den letzten Wochen auf dem +Fechtboden geübt, trat Werner zwei Schritte vor, den Arm hoch +aufgereckt, den Schläger in fest umklammernder Faust emporgestreckt.</p> + +<p>Und er fühlte, wie der rechte Fuß seines Leibburschen sich fest neben +seinen linken stellte. Das machte ihn ruhig und sicher.</p> + +<p>Zugleich fühlte er, wie der Sekundant ihm von hinten die riesige Mütze +zum Scheingang aufstülpte.</p> + +<p>Ruhig klang das Kommando aus Krusius' Munde:</p> + +<p>»Los — halt!«</p> + +<p>Nun verschwand die Mütze von seinen Haaren. Wie eine Katze, +sprungbereit, kauerte sich Krusius an seine Seite, und scharf und grell +scholl des Gegensekundanten Kommando:</p> + +<p>»Fertig!!«</p> + +<p>»Los!!«</p> + +<p>Krach — krach — krach!</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p> + +<p>Das hatte gesessen ... ein scharfer und ein dumpfer Schmerz +nacheinander ...</p> + +<p>Und über die linke Röhre der Paukbrille rann's hernieder ... sein Blut +... sein warmes, junges Herzblut ...</p> + +<p>Und wie die ersten heißen Tropfen über sein Gesicht rannen, war alle +Aufregung, alle Befangenheit dahin ...</p> + +<p>»Silentium — ein Blutiger auf seiten von Cimbria!«</p> + +<p>»Fertig!«</p> + +<p>»Los!«</p> + +<p>Krach, krach, rack-tack-bumm-tack-rack-tack-bumm-tack, bumm, bumm —</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>Nichts ...</p> + +<p>»Fertig!«</p> + +<p>»Los!«</p> + +<p>Und wieder ein Gang, und wieder nichts ... nur flache Hiebe waren wie +Knüppelschläge über die Auslage hinweg auf Werners Schädel und Nase +niedergesaust ...</p> + +<p>Er hörte die Stimme seines Leibburschen an seinem Ohr:</p> + +<p>»Ein wenig ruhiger den Oberkörper, sonst — ganz famos!«</p> + +<p>Ah!! Wie das spornte!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p> + +<p>O wilde Schwerterlust! — O jungjunges, pochendes Herz!</p> + +<p>Und Gang auf Gang ... und da ... da färbte sich ja auch das weiße +Paukhemde drüben!</p> + +<p>»Silentium — ein Blutiger auf seiten von Hasso-Nassovia!«</p> + +<p>»Bravo, Leibfuchs!«</p> + +<p>Der Paukarzt drüben machte ein ganz merkwürdiges Gesicht ...</p> + +<p>Kurze Beratung mit dem Gegensekundanten —</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, wir bitten um Pause!«</p> + +<p>»Silentium — Pause für Hasso-Nassovia!«</p> + +<p>Der Paukarzt ließ den Gegner seinen Kopf beugen, fühlte mit dem Finger +in den Schlitz der Kopfhaut ...</p> + +<p>Abermals ein bedenkliches Gesicht — kurze Beratung ...</p> + +<p>»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehn!«</p> + +<p>»Silentium — Pause ex!«</p> + +<p>»Fertig!«</p> + +<p>»Los!«</p> + +<p>Krach, krach, rack-tack-bumm, tack —</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>Über Werners linke Backe war's wie ein leises Wehen hinweggegangen ...</p> + +<p>Wichart schmunzelte:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span></p> + +<p>»Rest, Füchschen! Da bringst deiner Frau Mutter aber gleich e scheene +Bescheerung mit!«</p> + +<p>Und: »Herr Unparteiischer, wir erklären Abfuhr!«</p> + +<p>»Silentium — Cimbria erklärt Abfuhr nach viereinhalb Minuten.«</p> + +<p>Was? War er denn getroffen?</p> + +<p>O ja, er war getroffen. Seine linke Wange klaffte vom Ohrläppchen bis +unter die Nasenwurzel.</p> + +<p>Werner Achenbach hatte die Bluttaufe bekommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<h2>XII.</h2> +</div> + +<p>Und Willy Klauser und Werner Achenbach standen am Bahnhof. Sie hatten +sich aus der Schar der Korpsbrüder abgesondert, um die letzten Minuten +allein zu verplaudern. Bald würden von Süden und Norden die Züge +kommen, um Klauser ins heimische Magdeburg, Achenbach über Gießen +ins Wuppertal zu entführen. Das nächste Semester würde sie nicht +wieder zusammenbringen. Klauser würde in Berlin das vernachlässigte +Physikum bauen, Werner in Marburg weiter mit Blut und Eisen Cimbrias +Band umwerben ... und bei Professor Dornblüth eifrig Pandekten hören. +Denn der Alte Herr hatte schon in den letzten drei Wochen Zug in das +Rechtsstudium seiner jungen Korpsbrüder gebracht ... das war hochnötig +gewesen.</p> + +<p>Die Erinnerung an den Abschiedskommers, an die letzte Wanderung des +Korps nach Wehrda, den Beschluß eines wohllöblichen C. C. der Cimbria, +seinen C. B. Klauser mit Farben zu inaktivieren, stimmte die Herzen der +Freunde heiterer, als sie selbst erwartet hätten.</p> + +<p>»Und weißt du, Willy, das andere ... da wirst du auch noch mal drüber +kommen,« wagte Werner<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> endlich zu sagen. Es mußte auch dies letzte Wort +noch gesprochen werden.</p> + +<p>Eben noch hatte Klauser unter seinen Kompressen, seinen Wattebäuschen +heiter gelächelt. Jetzt verlor sein Auge den Glanz, nervös bebten seine +Lippen.</p> + +<p>»Dafür werden hoffentlich die kleinen Mädchen in Berlin sorgen.«</p> + +<p>»Ach nee, Willy, nicht so, nicht so! Laß dich doch nicht so +unterkriegen! Du wirst schon noch was Besseres finden, um ... das +andere zu vergessen.«</p> + +<p>»Was Besseres? Hahaha! Es gibt nichts Besseres für dumme, grüne Jungen, +wie wir zwei. Das geht nicht ans Herz und nicht ans Blut, das geht nur +... ans Portemonnaie.«</p> + +<p>»Willy — bist du noch mal ... da oben gewesen?!«</p> + +<p>»Da oben?! Bei dem Vieh?!« Voll Ekel und Abscheu wandte sich Klauser ab.</p> + +<p>»Glaubst du, daß sie in Berlin anders sind?!«</p> + +<p>»Nee — das glaub ich freilich nicht — —«</p> + +<p>»Also ... du ... für das Pack ... sind wir doch wohl zu schade ... äh +komm ... laß uns jetzt von was anderem sprechen ... du — schön war's +doch ... dieser Sommer ... und ... du und ich ... nicht wahr?!«</p> + +<p>»Ja, <em class="gesperrt">das</em> war schön, Werner ... und soll auch schön bleiben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span></p> + +<p>Die Freunde sahen sich in die Augen.</p> + +<p>»Ich wünsch dir alles Schönste,« sagte Klauser. »Und — nimm dir ein +Beispiel an mir. Du hast mir mal was von einer — Elfriede erzählt ... +laß sie laufen ... vergiß sie ... sonst geht's dir noch mal wie mir.«</p> + +<p>Elfriede! — War's nicht Werners seligster Gedanke gewesen in diesen +letzten Tagen, daß er sie nun wiedersehen würde —?! Trotz allem — +trotz allem?!</p> + +<p>»An was soll man sich denn schließlich halten in der Welt?«</p> + +<p>»Halt dich an das da,« sagte Klauser und zeigte auf Werners Band. +»Vorläufig gibt's keinen besseren Halt für unsereinen. Wenn das nicht +gewesen wäre ... dann wär' ich verkommen in diesen Tagen. Später +einmal, wenn die Universitätsjahre hinter uns liegen ... dann gibt's +andere Ideale, hoff ich ... Beruf ... und Vaterland ... und so was +... vielleicht auch ... Weib und Kind — für mich wohl kaum — aber +hoffentlich für dich, wenn du klug bist — und dich vor Enttäuschungen +hütest, über die man nicht hinwegkommt —«</p> + +<p>»Aber Willy!«</p> + +<p>»Wir ... wir sind dumme Jungen ... Schüler ... Lehrlinge ... wir müssen +uns vorläufig mit einem Symbol der großen Lebensideale begnügen ... +und dies Symbol heißt uns ... Cimbria ... das<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> blau-rot-weiße Band +... das ist, scheint's mir, der tiefere Sinn von dem allen, was ich +hier zwei Jahre lang getrieben habe ... zwei Jahre lang, die ich nicht +missen möchte ... wenn auch vielleicht mancher denken mag, sie seien +verplempert und vergeudet ... aber, was soll das Klugreden ... da +hinten kommt mein Zug ... leb wohl, Werner ... bleib mir gut ...«</p> + +<p>Und die Freunde küßten sich ... ein einziges Mal in ihrem Leben. Sie +waren deutsche Jünglinge der neuen Zeit ... der Zeit von Blut und Eisen +... die Dichter der Empfindsamkeit hatten ihre Kindheit begleitet ... +die Lehrer ihrer Jünglingsjahre hießen Korpsband und Rappier.</p> + +<p>Und nun gesellten sie sich wieder zu den Korpsbrüdern. Alle +Norddeutschen führte der Zug hinweg. Papendieck, Dettmer, Böhnke, +Klauser würden nicht mehr wiederkehren. Ihnen galt's das Scheidelied zu +singen.</p> + +<p>Und wie vor wenig Tagen der Zug einen Toten aus der Mitte der Cimbria +hinweggeführt hatte, so trug er jetzt eine Schar lebender Scheidender +der Heimat zu. Ein Abschied auch diesmal.</p> + +<p>Aber Rührungstränen und sentimentale Wehmut waren dieser Jugend +ausgetrieben worden in der eisernen Zucht des Korps. Unter Witzen +und Gelächter barg sich, was die jungen Herzen tief bewegte ... der +Abschied von den Freunden, vom<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> Korps, von der geliebten, wundervollen +Hessenstadt ... von der Aktivität ... von einem ersten, herrlichen +Abschnitt der Jugendzeit ...</p> + +<p>»Fertig!« — »Fertig!« — »Fertig!«</p> + +<p>»Abfahren!«</p> + +<p>Ein letztes Händedrücken ... bellend sprangen die Korpshunde noch ein +Stück dem Zuge nach ... blaue Mützen wehten und weiße Tücher ...</p> + +<p>Und im letzten Augenblick trat da ein Paar aus dem Wartesaal, wo +es verborgen des Augenblicks der Abfahrt gewartet hatte, auf den +Bahnsteig ... der Mann hochgewachsen, gütigen, strahlenden Auges ... +das Mädchen in hellem Gewand, den Blick von unaufhaltsam strömenden +Tränen verschleiert ... sie winkte mit weißem Tuch, ihr Auge suchte +einen, einen, an dessen Lippen sie vor wenig Wochen gehangen in erster, +keuscher Seligkeit ...</p> + +<p>Und hatte ihn doch verlassen ...</p> + +<p>Da hatte auch er sie erkannt ... starrer Trotz schoß in seine Züge, und +rasch trat er vom Fenster zurück.</p> + +<p>Da lehnte sie ihr blondes Haupt an die breite Brust des erwählten, des +glücklichen Mannes und weinte um den verlorenen Traum ihrer Jugend.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Bemooster Bursche zieh ich aus,</div> + <div class="verse indent2">Ade!</div> + <div class="verse indent0">Behüt dich Gott, Philisterhaus!</div> + <div class="verse indent2">Ade!</div><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> + <div class="verse indent0">Zur alten Heimat zieh' ich ein,</div> + <div class="verse indent0">Muß selber nun Philister sein,</div> + <div class="verse indent2">Ade, ade, ade.</div> + <div class="verse indent0">Ja, Scheiden und Meiden tut weh!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>so sangen, die da schieden und die da blieben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ja, Scheiden und Meiden tut weh ...</p> + +<p>Und Marie Hollerbaum erkannte erst in diesem Augenblick, was sie +dahingegeben habe für immer ... für alle Zeit ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und nun saß auch Werner im Coupé. Er fuhr allein und dankte das dem +Geschick. Zu viel stürmte durch sein Herz ... es wäre ihm schmerzlich +gewesen, diese Scheidestunde mit einem andern teilen zu müssen, sie zu +entweihen durch gutgemeintes, doch alltägliches Geschwätz.</p> + +<p>Der Zug umkreiste in weitem Bogen die Stadt da drüben am Berge. Vor +wenig Monden hatte Werne, von Verehrungsschauern seligbang umwittert, +dies wundersame Bild zum ersten Male erschaut. Vor wenig Monaten ... +war's möglich?</p> + +<p>Damals war's ein wundersames, doch fremdes Bild gewesen ... nun war +jedes Fleckchen beseelt von Erinnerungen an ungeheure, grundstürzende +Erlebnisse seiner Seele ...</p> + +<p>In ernster, gleichgültiger Erhabenheit thronte droben das Schloß; +Jahrhunderte waren an ihm<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> vorübergezogen ... Völkergeschicke, +Weltgeschicke ... und Millionen, Millionen von Einzelschicksalen ... +Millionen von Herzensgeschicken ... es stand und stand in seiner +braunen Unnahbarkeit ...</p> + +<p>Und länger noch standen und grünten die Berge, die Werners Jugendträume +umschlossen hatten, wie die der andern tausend, die gekommen waren in +diesem Sommer und nun auseinanderflogen in ihre Heimat ...</p> + +<p>Und da unten blühte Sankt Elisabeth, die unverwelkliche Wunderknospe ...</p> + +<p>Und um den Berg herum, ins Tal hüben und drüben hinein und hinunter, +alle die alten, alten Häuser, die spitzen Giebel, die winzigen Fenster +...</p> + +<p>Da oben flatterte Cimbrias Panier, für das er nun auch zum ersten Male +sein Herzblut vergossen ...</p> + +<p>Dort unter dem steilen Dache des Anatomiegebäudes hatte das tote +Lenchen gelegen ... und dann ein paar Wochen später ihr toter Liebster +... der Vater ihres Kindes ...</p> + +<p>Seine drei lebendigen »Bälger« aber ... wo mochten die herumkrabbeln?!</p> + +<p>Auch dort hinten irgendwo ...</p> + +<p>Und dort ... in einem der kleinen Häuschen ... da weinte die schöne +Rosalie ... da harrte der arme Simon Markus des Richterspruchs ...</p> + +<p>Erinnerungen — Erinnerungen überall ...</p> + +<p>Nun wandte sich der Zug, und die Südstadt<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> tauchte auf. Der Dammelsberg +... Fanfahrengedröhn und Geigengequiek, ein scharfer, doppelter +Pistolenknall ... dies alles wurde wach ... das alles war aufgezeichnet +in Werners Hirn, unauslöschlich ... unvergeßlich ...</p> + +<p>Und unter jenen Bäumen im Tale lag Ockershausen ...</p> + +<p>»Fertig!«</p> + +<p>»Los!«</p> + +<p>Krach — krach — krach —</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>Vorbei — vorbei ...</p> + +<p>Und rasch entfloh der Zug ... rasch verschwamm das Bild ... so war es +vor wenig Monden zum ersten Male vor des Knaben Augen aufgetaucht ... +so schwand es nun ... geheimnisvoll ... deutungstief ...</p> + +<p>Das Schicksal, das Erleben eines einzigen, kurzen Sommers ...</p> + +<p>Und in Werners Seele quoll ein warmes, tiefes, heiliges Empfinden empor +... ein glockenfeierliches Dankgefühl ...</p> + +<p>Das war das Leben ... nun war er eingetreten in seine Tempelhallen ...</p> + +<p>Becherklang und Pistolenknall, brünstige Küsse und wilde +Verzweiflungstränen, wüste Zechgelage und friedliche +Waldeseinsamkeiten, ekle Buhlschaft<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> und erhabenes Liebesentsagen ... +Jauchzen und Totensang ... Lust und Weh ...</p> + +<p>Das war eingeschlossen in diesen kurzen Monden ... das alles hatte er +erlitten und erfahren, fühlend geschaut und fühlend durchlebt ...</p> + +<p>Oh, Leben, Leben — heiliges, herrliches, grausiges, mächtiges ... +heiliges, dreimal heiliges Leben —!!</p> + +<p>Und doch ... war denn dies alles schon das Leben selbst gewesen?!</p> + +<p>Das wirkliche, wahre, eigene Leben?!</p> + +<p>Und die Liebe, die ihn und jene andern, seine Freunde, seine Brüder, +gefoltert und entzückt, durch eine Welt von Brünsten und Ängsten, +Küssen und Tränen, Seligkeiten und Todesschauer gejagt ... war das +schon die wirkliche Liebe gewesen?!</p> + +<p>Ein Knabe, des Lebens unkund, war er gekommen ... ein Wissender kehrte +er zur Heimat, sollte er heut abend vor das forschende Vaterauge +treten, ausruhen in gläubigen Mutterarmen ...</p> + +<p>Ein Wissender — aber nicht doch ein Knabe noch?!</p> + +<p>War nicht am Ende dies alles, Leben, Liebe, Leid ...</p> + +<p>— War das alles nicht am Ende doch nur ein Vorspiel gewesen?!</p> + +<p>Eine furchtbar ernste Vorbereitung, aber doch eben nur eine +Vorbereitung?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p> + +<p>Ein mächtig ergreifendes Vorspiel, ein Vorspiel, das Ungeheures, +Hochherrliches ankündigte ... aber eben doch nur ein Vorspiel?!</p> + +<p>Fern, fern ahnte Werner ein anderes, ein volleres, ein erschütternderes +Erleben ... das wahre Leben ... die wahre Liebe ... das wahre Leid.</p> + +<p>Das alles würde kommen, wenn er ein Mann geworden sein würde ...</p> + +<p>Ja, ein Mann! Das wollte er werden ... das gelobte er seinem Bande da +um seiner Brust, seiner jungen Burschenwunde, allen gewaltigen und +heiligen Erinnerungen dieser vergangenen Monde ...</p> + +<p>Dem teuren Bilde der geliebten Eltern daheim —</p> + +<p>Elfrieden, dem Idol seiner Knabenjahre ...</p> + +<p>Und sich selbst, seiner bebenden, weinenden, erstarkenden, werdenden, +jauchzenden Seele ...</p> + +<p>Ja, ein Mann werden! —</p> + +<p>Das Vorspiel war zu Ende ...</p> + +<p>Und über das Erinnern dieses übergewaltigen Vorklanges hinweg grüßte +der Knabe Werner die Zukunft seiner Seele ...</p> + +<p>Grüßte das kommende Glück, das kommende Leid ...</p> + +<p>Grüßte die wahre Liebe ... das wahre Leben.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe10" id="363_deco_2"> + <img class="w100" src="images/363_deco.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="p4">Verlagsanzeigen</h2> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>Walter Bloems Werke:</h3> +</div> + +<hr class="full"> + +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Das eiserne Jahr</em></p> +<p class="center">Roman</p> +<p class="center">Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl</p> +<p class="center">121. bis 130. Tausend</p> +<p class="center">Preis geheftet M. 5.—, gebunden M. 6.—</p> +<p class="center">Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50</p> + +<hr class="full"> + +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Volk wider Volk</em></p> +<p class="center">Roman</p> +<p class="center">Mit farbiger Umschlagzeichnung von Ernst Heilemann</p> +<p class="center">101. bis 110. Tausend</p> +<p class="center">Preis geheftet M. 5.—, gebunden M. 6.—</p> +<p class="center">Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Die Schmiede der Zukunft</em></p> +<p class="center">Roman</p> +<p class="center">Mit farbiger Umschlagzeichnung von Th. Rocholl</p> +<p class="center">101. bis 110. Tausend</p> +<p class="center">Preis geheftet M. 5.—, gebunden M. 6.—</p> +<p class="center">Jubiläumsausgabe (100. Tausend) in Wildleder geb. M. 8.50</p><br> + +<p class="center"><b>Alle 3 Bände in Halbleder gebunden zusammen M. 20.—</b></p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Sommerleutnants</em></p> +<p class="center">Die Geschichte einer achtwöchigen Übung</p> +<p class="center">8. Tausend</p> +<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Sonnenland</em></p> +<p class="center">Roman</p> +<p class="center">5. Tausend</p> +<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Das lockende Spiel</em></p> +<p class="center">Roman</p> +<p class="center">6. Tausend</p> +<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Der neue Wille</em></p> +<p class="center">Schauspiel in vier Akten</p> +<p class="center">Preis broschiert M. 2.—</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Der Jubiläumsbrunnen</em></p> +<p class="center">Schauspiel in vier Akten</p> +<p class="center">Preis broschiert M. 2.—, gebunden M. 3.—</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Vergeltung</em></p> +<p class="center">Schauspiel in drei Akten</p> +<p class="center">Preis broschiert M. 2.—, gebunden M. 2.80</p> + +<hr class="full"> +<p class="s3center"><em class="gesperrt">Das jüngste Gericht</em></p> + +<p class="center">(<b>Der Paragraphenlehrling</b>)</p> + +<p class="center">Roman</p> + +<p class="center">34. Tausend</p> + +<p class="center">Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—</p> + +<p>Ein gesunder Idealismus spricht aus dem Werk, das nicht nur dem +Juristen willkommen sein kann, sondern auch von dem beachtet werden +wird, dem die Gesundung unserer Rechtsverhältnisse am Herzen liegt. Die +in dem Roman gezeichneten Zustände bilden gewissermaßen ein Pendant +zu der Kritik, die Beyerlein in seinem »Jena oder Sedan« vor einigen +Jahren an unseren militärischen Verhältnissen übte.</p> + +<p class="mright5">Hamburger Wochenblatt.</p><br> + +<p>Lebensprudelnd ist vor allem die Schilderung der bergischen +Eisenindustrie mit den kernigen, bodenständigen Gestalten der +Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die beide gleichermaßen die gemütlichen +Laute des Wuppertaler Niederdeutsch erklingen lassen.</p> + +<p class="mright5">Berliner Tageblatt.</p><br> + +<p>Bei der Liebesgeschichte erfreut wiederum die Lebenswärme, mit der +die besondere, etwas spießbürgerliche und patriarchalische, aber auch +wieder behagliche, anziehende Art des bergischen Bürgertums in der +Familie und in der Geselligkeit zur Geltung gebracht wird. Auch die +industriellen Arbeiterverhältnisse beherrscht Bloem, und er zeichnet +sie mit großer Anschaulichkeit und lebhafter Bewegung; so wirkt +namentlich die Schilderung der technischen Versuche mit einem neuen +Stahlverfahren nichts weniger als trocken, sondern dramatisch lebendig. +Wir haben ein ausgezeichnetes Buch vor uns, das voll aus dem Leben +geschöpft ist und Zeugnis einer echten Gestaltungskraft gibt. Der +»Paragraphenlehrling« darf sich neben das bekannte Buch Rudolf Herzogs, +des engeren Landsmannes Bloems, »Die Wiskottens«, ebenbürtig stellen.</p> + +<p class="mright5">Kölnische Zeitung.</p><br> + +<hr class="full"> +<p class="center">W. Moeser Buchdruckerei, Berlin S. 34.</p> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75450 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75450-h/images/363_deco.jpg b/75450-h/images/363_deco.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d6b34b0 --- /dev/null +++ b/75450-h/images/363_deco.jpg diff --git a/75450-h/images/cover.jpg b/75450-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b927f9f --- /dev/null +++ b/75450-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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