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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-26 09:21:05 -0800
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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 ***
+
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+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler
+wurden stilllschweigend korrigiert.
+
+Für die verschiedenen Schriftformen sind folgende Zeichen benutzt
+worden: ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+
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+=======================================================================
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+ [Illustration: Cover]
+
+
+ [Illustration]
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+
+
+
+ Das Land unserer Liebe
+
+ von
+
+ Walter Bloem
+
+
+
+
+ 46.-65. Tausend
+
+ Alle Rechte, im besondern das der Übersetzung in fremde
+ Sprachen, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten
+ Copyright 1924 by Grethlein & Co. in Leipzig
+ Druck von G. Kreysing in Leipzig
+
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+
+ ~Hafis-Ausgabe~
+
+ [Illustration]
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+
+
+
+ ~Robert Hohlbaum~
+ dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen!
+
+
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+
+ 1
+
+
+Um die kahlen, von harzigen Knospen geschwellten Ulmenriesen
+des Harvestehuder Weges brandete der Märzsturm. Auf den breit
+anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee.
+Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe
+herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen.
+
+Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des
+altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine
+geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren
+Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den
+Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben
+Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten:
+
+ »Was hoch und stolz, das fällt
+ im Sturm der neuen Zeit --
+ jetzt bringen wir der Welt
+ die rote Seligkeit!«
+
+Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich
+senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn.
+
+Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen.
+
+»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht --«
+
+»-- nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von Hamburg nicht zu
+reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los
+ist?«
+
+»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen
+immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«,
+berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die
+reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!«
+
+Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in
+seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel
+... Diese Zeit -- dieses Volk ...
+
+Er straffte sich auf. »Los, Hansen!«
+
+Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog
+der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer
+Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der
+Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten
+der majestätischen Handelspaläste -- zur Linken die im Nebel
+verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens.
+Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein
+flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte
+der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte
+voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau -- seine kalmückische
+Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen
+... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen,
+wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im
+Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke -- in
+verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt,
+rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den
+schiefgestülpten Feldmützen ...
+
+ »-- jetzt bringen wir der Welt
+ die rote Seligkeit --«
+
+Stockung -- Schreie -- geballte Fäuste -- -- aber schon war's vorüber
+-- ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken.
+
+Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf
+tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine
+neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der
+vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First
+der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des
+Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben
+Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung
+der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier
+aufgeschlagen hatte. »-- die rote Seligkeit -- --«
+
+Hatte es Sinn zu arbeiten, -- -- mit zusammengebissenen Zähnen zu
+kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?!
+
+Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug.
+
+Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie
+schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin -- angefüllt mit
+dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr -- man wurde
+beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer.
+
+Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem
+Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus
+grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben
+Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses
+klaren, in sich gefestigten Gesichts.
+
+»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission
+hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische
+Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des
+›Altreichskanzlers‹ vorgenommen -- das Schiff solle heut nachmittag um
+drei Uhr in See gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe
+von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang
+leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden.
+
+Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne
+stützen. Längst fällige Botschaft -- dennoch -- unfaßbar --
+unerträglich!
+
+Das letzte Schiff der H. T. L. -- das schönste -- und das letzte!
+
+Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel
+gelaufen -- die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft -- am
+ersten August zum Glück im Heimathafen -- dann, in ein Kriegsschiff
+verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee,
+Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö -- nun gemäß den
+Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer
+der Welt zurückverwandelt -- um als letzter Besitz der einstmals
+erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu
+werden.
+
+Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht
+aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der
+Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor
+Mitleid -- und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele
+sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den
+Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ...
+
+Schäm' dich, Antje! --
+
+Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu
+treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu
+haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum.
+
+Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer,
+erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes Hirn, daß
+daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des
+Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die
+Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so
+weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?
+
+Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk!
+
+Ja -- es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben
+können.
+
+Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit!
+Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol -- diese
+-- -- Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen
+die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins
+Elend gestürzt hatten?!
+
+Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des
+Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch
+einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer
+in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte
+Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren
+und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche
+als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers«
+mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der
+feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare
+Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie
+geborsten ...
+
+Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst
+herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel
+des Fernsprechers regierte.
+
+»Ah -- Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja -- -- etwa
+gar Nachrichten von Heinz --?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie
+Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ...
+
+Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las:
+
+»Aus Bremerhaven -- Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte
+gestatten. Heinz.«
+
+Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen
+Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen
+im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter
+Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser
+Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ...
+Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine,
+kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das
+Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen -- für
+wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub
+eingetroffen -- noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer
+Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen
+Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den
+Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um
+so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte
+Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und
+an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen,
+altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals
+die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des
+Emporsteigenden verbunden -- und dem heißen Wollerblute des Ringers
+jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem
+Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...
+
+Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im
+Nebeneinander des Alltags -- wenn's um Heinz ging, so verstanden sie
+einer des andern Gedanken.
+
+Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde, die
+Gefangenschaft so schwer ertrug -- wie wird er die Heimkehr -- -- die
+Heimat ertragen?!
+
+»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort
+auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.
+
+»Weiß sie's schon?« fragte Georg.
+
+»Einstweilen bist du noch der nächste dazu -- als Vater ...«
+
+Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an -- der zähe
+Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im
+Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen
+zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes
+eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte
+des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte,
+mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben
+hatte.
+
+»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte
+eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.
+
+Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der
+»Altreichskanzler« in See gehe.
+
+Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer
+Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende
+Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch
+die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft
+und Anpassung, steifer Nacken und -- gelegentlich! -- krummer Buckel
+so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze
+Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben -- und um so
+zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur
+Unerträglichkeit -- fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem
+unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem
+Jahrzehnt nicht mehr getan -- sie legte ganz leise den Arm um des
+Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen.
+
+Aber schon entwand er sich -- er verstand es nicht, sich bemitleiden zu
+lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat.
+
+»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen
+Verlobten seines Sohnes.
+
+»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen
+tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir -- sie hat
+eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!«
+
+Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen
+Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht
+sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ...
+
+Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des
+Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme -- den Jubel, der durch
+die verhaltene Kühle schwang -- und sahen einander nicht ...
+
+»Na, nun gib mal her, Johanna -- ich muß den alten Carstensen noch
+sprechen!«
+
+Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun
+plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen
+Senators Carstensen -- des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie
+zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende
+der Linie hindurchgegeben.
+
+»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?«
+
+Georg Freimann biß die Zähne zusammen.
+
+»Wir sind nachgerade abgehärtet -- wir unglückseligen Deutschen ...«
+
+»Das weiß der Himmel -- aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr
+Junge kommt -- da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig
+geworden in Deutschland. Wohl ihm und Ihnen, daß in seines Vaters
+Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur -- ob er mögen
+wird --?!«
+
+Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick
+schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick
+leise zusammenzuckte -- wie unzählige Male zuvor in einem langen
+Gemeinschaftsleben.
+
+»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten
+Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren -- von ferne
+noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann --
+unser Werk -- unser zertretenes Land ...«
+
+»Auch ich muß hin --« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß
+das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also
+Schluß, lieber Freund -- heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ --«
+
+»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns
+möchte Sie noch sprechen ...«
+
+Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund
+in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende
+Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen.
+Bob Timmermanns -- gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer -- die
+rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und
+Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem
+die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann
+Gestalt gewonnen hatten.
+
+»Hier Timmermanns ...«
+
+»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns -- der
+›Altreichskanzler‹ --?!«
+
+Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache
+mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes
+Portemonnaie -- die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«
+
+»Tun Sie's nicht, Timmermanns -- Sie springen den Burschen ins Gesicht
+... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«
+
+»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher
+Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre
+den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon
+noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und
+Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber
+einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick -- einen Schwur, den
+der Himmel erhören soll ... oder die Hölle -- je nachdem --!«
+
+
+
+
+ 2
+
+
+Der Berlin-Hamburger +D+-Zug schnob durch die kahlen Marschen
+von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme
+schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier
+Waggons dritter Klasse angehängt -- für einen Trupp heimkehrender
+Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.
+
+Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den
+kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen
+Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie
+einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in
+die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in
+der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen --
+und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses
+edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen
+überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland
+weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur
+ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport
+nach Deutschland ab. Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur
+solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie
+und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren
+die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem
+Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat
+entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der
+Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der
+lang entwöhnten Berufsarbeit -- das alles wirkte und wühlte wohl im
+innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes
+Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder
+der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau
+waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten
+sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit
+roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im
+Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und
+Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche
+Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des
+Proletariats.
+
+In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten
+Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die
+Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten,
+verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um
+Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft,
+dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive
+Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem
+Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine
+Zukunftspläne.
+
+»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as
+wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige
+Mietjes ut de Fabriken. Uns' russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt
+du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi
+de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei
+danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd
+wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt
+und denn sozialisert ...«
+
+Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib,
+dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher
+von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder
+schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am
+werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.
+
+Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem
+klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und
+behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach,
+die am Gepäcknetz verstiebten.
+
+»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor
+sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in
+mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend
+... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich
+ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger
+nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn
+spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.«
+
+»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje.
+»Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt -- un brukst jem
+nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst
+du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! -- denn hest du s' all,
+as sei wussen sünd ...«
+
+Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die
+schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge.
+
+»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!«
+
+Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende
+Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des
+nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun:
+
+»Kiekt, Jungs -- de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol --
+wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«
+
+Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von
+ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise
+waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden
+-- hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet,
+das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen
+die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis
+zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre
+Arbeitsstätte vor ihnen auf -- nun fröstelte jählings in ihren Seelen
+die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten
+Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des
+Daseins abgrub.
+
+Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und
+bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle
+hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen
+Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen
+Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte
+Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:
+
+»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten
+Vaterlande!«
+
+Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig
+wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den
+früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge
+um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der
+neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber
+man war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen -- man sehnte sich
+nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den
+ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und
+der Hafen so leer ... Woher sollte da -- --
+
+Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten
+jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über
+Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ...
+
+Musik zur Stelle -- es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine
+Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste,
+klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das
+bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug
+der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der
+Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten
+nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft
+Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete
+an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum
+Alsterbecken hinüber:
+
+ »Wir bluteten vier Jahr
+ in Schlamm und Glut und Graus
+ für Krone, Thron, Altar --
+ nun ist die Knechtschaft aus!
+
+ Was hoch und stolz, das fällt
+ im Sturm der neuen Zeit --
+ nun bringen wir der Welt
+ die rote Seligkeit!«
+
+ * * * * *
+
+Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der
+Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen
+Gewimmel jener Geschäftsleute, die sich im revolutionären Deutschland
+einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark
+strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine
+breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ...
+Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten
+Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt.
+Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand
+als natürliche Kriegsfolge empfunden -- sein Fortbestehen nach dem
+Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen
+... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den
+seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen -- und nur ein tiefes
+Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen,
+nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch
+Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten -- aller tiefsten
+Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.
+
+Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der
+Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf
+den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders
+als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der
+Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte
+etwas -- jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der
+Schiffahrt entboten hatte -- das vieldutzendstimmige Heulen der
+Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer
+noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der
+Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte?
+Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während
+der Kriegsjahre so gewesen. Aber -- war denn jetzt nicht Friede? Nur
+wogende Menschenmassen -- alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch,
+an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne, nach
+der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen -- schmetterte
+marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten
+Seligkeit« ...
+
+Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor
+einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand -- ein Matrose,
+die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen
+Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa
+stramm, als des Offiziers Auge ihn traf -- den erstaunten Blick des
+Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden
+Grinsen ...
+
+Ach so ...
+
+Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit
+frechem, verwüstetem Gesicht:
+
+»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol
+fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un
+Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«
+
+Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten
+Bengel herab -- ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen -- aber
+schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's
+heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche,
+Pfiffe.
+
+»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n
+Liew!«
+
+Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der
+sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon
+war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte,
+parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm,
+rissen ihm die Waffe von der Seite -- die Krone vom Ärmel, die
+Achselstücke von den Schultern -- vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen
+Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient -- Püffe
+regneten ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt,
+wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über
+die Augen fiel ...
+
+Da stand er, taumelnd, gebrochen -- ein Blutrinnsel tropfte ihm übers
+Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte
+Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren
+starrten ihn an ...
+
+Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten -- das war der
+erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort --
+fort -- sich verkriechen ...
+
+Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu.
+Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits
+der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des
+Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ...
+Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend --
+
+Und stob plötzlich auseinander -- spritzte nach rechts und links,
+gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß
+... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur
+der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen -- taumelte
+verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der
+Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst
+und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends
+überfahren.
+
+Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet,
+beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut
+und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der
+feindlichen Flagge.
+
+Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem
+Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt,
+sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos
+durch die Massen des besiegten Volkes dahinrasend, zur Strecke
+gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung
+gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden
+Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur
+einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam
+aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden
+recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem
+flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke.
+
+»+Beg your pardon, Sir+ --« sagte der Herr des Wagens zu seinem
+Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort:
+»Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich
+bringen Sie?«
+
+Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er
+richtete sich auf und sagte eisig ablehnend:
+
+»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.«
+
+Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um
+Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu
+dürfen, daß er den +captain+ nach Hause fahre.
+
+»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine +collision+ mit Ihre
++countrymen+ ...«
+
+»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...«
+
+Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der
+Amerikaner. Er ging ins Englische über:
+
+»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die
+Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«
+
+Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich
+gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am
+Wasser entlang ...«
+
+Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine
+Verbindlichkeit. »O -- Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...«
+
+»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.
+
+»Oh -- ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch«
+-- und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich,
+daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes
+Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus
+den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen
+gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt
+-- damals -- in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu
+sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten
+Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher
+der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der
+Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe
+den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als
+Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen
+Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten
+Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«
+
+In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die
+Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an:
+Patterson-Konzern -- natürlich, eine der führenden amerikanischen
+Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu
+entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter
+dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet
+sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre -- die hatten von
+der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos
+ausgelöscht ...
+
+»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in
+Haltung.
+
+»Ich weiß nicht genau« -- wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich
+werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß meine Sendung nicht ganz
+uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es
+ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht
+böse sein -- Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche
+Geschäft vorüber ist -- vielleicht machen wir dann noch ein privates
+...«
+
+Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des
+Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den
+braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil
+verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner
+Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt
+seiner Gattin beraten ließ.
+
+Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen.
+
+»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann
+... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den
+abscheulichen Empfang vergessen!«
+
+Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen
+werden so -- nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das
+besudelte Ehrenkleid ...
+
+Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:
+
+ »O schöner Tag, wenn endlich der Soldat
+ ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit --«
+
+Aufschreien hätte er mögen -- aufschreien ...
+
+Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan,
+eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe
+hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus
+erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der
+Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen,
+leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es
+doch um ihre Fassung geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich
+entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander
+all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete
+Vaterland entgegen.
+
+Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der
+Ehrenzeichen bemerkt und -- in diesem instinktiven Wissen um das
+Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern
+alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.
+
+»Mein Junge du -- mein Junge ... Still -- bist bei mir -- nun wird
+alles gut ...«
+
+Und da -- da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr
+Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und
+begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine
+Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der
+Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen
+tiefen Anteil des vasallentreuen Greises.
+
+»Charlie -- sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer -- Bad,
+frische Wäsche, Zivil ...«
+
+Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles
+gleichgültig -- er war da, war frei -- lebte -- es hatte ihn nicht
+behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte
+droben ein gnädiger Hüter ...
+
+Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge
+überragte.
+
+»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen
+Vaterland ...«
+
+»Still, still, Georg --« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's,
+ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht
+erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und
+angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine
+Zimmer warten, und Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du
+jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«
+
+Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut
+versenken -- und dämmern -- schweigen -- leben -- --
+
+Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg
+-- grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl -- und
+doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen --
+breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche
+-- warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich
+verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ...
+
+Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit
+seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen
+sie einander in die Augen -- die feuchteten sich, es zuckten die Lippen
+... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...
+
+»Mut, liebste Mama --« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der
+zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten -- »Mut! Wir werden
+arbeiten -- Heinz an seines Vaters Seite -- wir kommen wieder hoch --
+wir kommen hoch!«
+
+Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn -- das Erbteil
+eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung
+bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt
+Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar
+Atterdag das Fürchten lehrten.
+
+Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem
+Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen
+Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten
+Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief
+des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil,
+der den Geschmack des weiland Schirmherrn deutscher Handels- und
+Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ...
+
+Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein
+unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter
+ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes
+einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen
+Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute
+abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten
+Weltmächte in den Ozean hinaus.
+
+Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des
+letzten Trösters ...
+
+
+
+
+ 3
+
+
+Wie alltäglich, seit die Revolution dem arbeitenden Volke den
+Achtstundentag beschert hatte, verstummte auch heute auf den
+Werften das gellende Ticktack der von Menschenfaust geschwungenen
+Niethämmer, das unablässige Schwirren um vier Uhr nachmittags. Vater
+Tietgens verschloß sorgfältig den Verschlag des riesigen Laufkrans,
+den er seit acht Jahren führte, droben auf der schwindelnden Höhe
+des weit gedehnten Krangerüstes, das sich über die ganze Breite
+der fünf vorderen Helgen der Hammonia-Werft hinzog. Freilich,
+von diesen fünf Schiffsbaustellen war jetzt nur eine belegt: ein
+Zehntausendtonnen-Passagier- und Frachtdampfer entstand dort. Den hatte
+eine neutrale Macht bestellt. Ja, ja, die Spanier -- und die Holländer
+-- die kennen uns ... die wissen: sie kommen ja doch wieder hoch ...
+die Deutschen ... werden wieder leistungsfähig wie vor dem großen
+Unglück ... Aber die anderen vier Helgen standen leer ... Wann würden
+sie sich wieder beleben?
+
+Der Vadder Tietgens da oben in seinem Laufkran -- der hatte Augen
+im Kopf. Wenn's nicht bald wieder Bestellungen gab -- wenn keine
+Schiffe mehr auf Helgen gelegt werden konnten -- dann ging's allen
+an den Kragen -- den Kapitalisten natürlich -- den Eigentümern, den
+Aktionären der Werften ... aber den Handarbeitern erst recht ...
+den Hunderttausenden, die ihr Brot fanden da unten, wo am Südufer
+der Norderelbe Werft an Werft sich reckte. Und drüben die endlosen
+Arbeiterviertel in Hamburg, Altona, Ottensen! Da hausten sie in
+unzähligen Straßen und Häuserblocks, vom Erdgeschoß bis unters Dach der
+Mietkasernen -- die Kollegen, die -- Genossen! -- mit Weib und Kind und
+Schlafburschen ... Und all das lebte -- vom Hafen ... Hatte während
+des Krieges alle Hände voll Arbeit gehabt, die Taschen voll Geld. ...
+Aber nun --?! Was würde nun?! Die Kanonen waren verstummt ... der Hafen
+verödet ... die Werften so gut wie beschäftigungslos ... Himmel -- wenn
+das so bliebe -- was dann?!
+
+Oh -- Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen --
+hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien
+-- oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe -- wo
+man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte
+-- geschweige denn nachdenken. Natürlich -- man war seit Jahrzehnten
+ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! --
+jedes Wort ein Evangelium -- aber -- man hatte auch auf der Werft eine
+Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand -- so ein
+Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein
+Kopf -- viele Köpfe -- und nicht bloß ein paar hundert oder tausend
+stramme Fäuste. Kopf und Hand -- nur zusammen konnten sie es schaffen.
+Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen
+ruhigen klaren Hirnkasten -- und die sicheren Augen darin als die
+nicht minder verläßliche Hand?
+
+Freilich -- man war ein Vorkämpfer seiner Klasse, der Klassenkampf
+-- der mußte sein. Der Geldsack und der Kopf -- die hielten zusammen
+wie Pech und Schwefel -- da mußten auch die Fäuste zusammenhalten,
+sonst rückten Kopf und Geldsack nichts heraus, -- als was das »eherne
+Lohngesetz« ihnen abpreßte. Und schließlich -- leben will doch auch der
+Mann der harten Faust, nicht wahr? Und ein bißchen besser als das Vieh
+... man ist ja schließlich ein Mensch und kein Triebrad, kein Zapfen
+bloß im Riesengetriebe ... man will sein bißchen Behagen, sein Stück
+Fleisch und einen sauberen Rock für den Feiertag ... und abends ein
+paar Ruhestunden, in denen man aufatmen kann, sich selber gehören und
+seinen Lieben. Das ist doch nicht zuviel verlangt, he? Und nicht einmal
+das wollen sie sich abzwacken lassen, die zwei harten Verbündeten,
+Kopf und Geldsack ... also zielbewußter Klassenkampf, zielstrebige
+Organisation --! Aber: der Irrsinnsschrei aus dem Osten -- Ausrottung
+der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats, »die rote Seligkeit«?!
+Nein, davon mochte er nichts hören, der alte Kranführer droben auf
+seiner blickweiten Höhe.
+
+Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute
+Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein
+sauber aufgestelltes Riesenspielzeug -- bis an den breit hinfließenden
+Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen
+schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen,
+Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der
+gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum
+geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele
+des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war
+sein ... sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen
+und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er
+verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der
+Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug
+ihn zur Erde hinab -- und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth
+des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der
+Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn
+umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung
+... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der
+Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr
+Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen
+Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon
+war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf
+das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung
+der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit
+die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit
+entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer
+aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten.
+
+Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen
+diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte
+sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer
+Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem
+der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte
+in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war
+mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen -- tjä,
+da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder
+Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber
+dann mußte man einen Kopf haben etwa wie jener Bob Timmermanns
+... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze
+der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft
+... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte
+es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als
+man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein
+wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung
+zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte
+nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister
+werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als
+Arbeitsaufseher vorgesetzt -- und eine Dienstwohnung in einem der
+schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten
+Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes
+errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß
+zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für
+Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun -- in der
+vollgepramsten Dampffähre -- und dann die halbe Stunde tippeln bis zum
+Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige,
+barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm
+Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von
+immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen,
+diese Behausung -- damals, als in ihr drei stramme Buben und ein
+hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich
+verscharrt -- einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das
+Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch
+strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt
+treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine
+»Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen,
+hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen Bureaus der
+Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten
+Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte
+es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt
+bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen
+Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es
+sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste.
+Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am
+Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre
+Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu
+vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte
+sie bei Vadder und Mudder -- und hatte immer ein paar Mark übrig, um
+den Eltern eine unerwartete Freude zu machen.
+
+Ja, Antje --! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen
+Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und
+gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des
+arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer
+der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der
+stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus
+gefunden haben müßte --? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen
+Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt
+hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger
+gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben
+in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis
+Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der
+Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener,
+hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben -- und es nicht einmal zum
+Kranführer bringen -- oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen,
+wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte
+...
+
+So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben
+Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem
+Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen
+der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige,
+altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern
+geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen,
+glückseligen Lächeln:
+
+Ja, meine Antje --!
+
+Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm
+er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde
+lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang
+still: Das war -- Tedje --!
+
+Er sprang die letzten Stufen hinan -- riß die Tür auf und -- hal mi de
+Düwel -- dei Jung --!
+
+Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf
+den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...
+
+Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie
+knackten.
+
+»Junge, wo sühst du ut -- as 'n Russ' -- mit 'n groten Bort ...«
+
+»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder -- ick bring dei grote
+Heilslehre ut'n Osten mit -- Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok
+Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme
+sang er den Trutzgesang des Radikalismus:
+
+ »Jetzt bringen wir der Welt
+ die rote Seligkeit!«
+
+Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr
+nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur
+Kaffeekanne, um seinem Letzten, seinem Einzigen, einzuschenken. Da
+klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...
+
+»Na nu? Wat's dit --?!«
+
+Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein
+altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik
+machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte,
+war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als
+unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten
+kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich
+... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn
+sich neigen mußte ...
+
+»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus -- Clos Mönkebüll
+heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft -- öber
+freuher hebbt wi uns nich kennt ...«
+
+Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme
+aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter
+auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und
+in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk
+gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft
+nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der
+Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener
+zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen --
+und in der Regel auch im Leben zusammenhält.
+
+Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen,
+fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer
+... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und
+Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen
+die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im
+Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit
+unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen.
+
+Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür
+geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort
+zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser
+Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen -- ihr schlug
+das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er
+war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister
+beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für
+Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun -- war es möglich,
+dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch
+die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber
+einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte -- war's nicht noch ein
+viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber
+ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte
+kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die
+schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es
+entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig,
+übungsentwöhnt und hart das Spiel -- es strömte dennoch von da drinnen
+eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich
+nicht entziehen konnte.
+
+In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang
+waren die Lauscher im Bann -- dann schloß Antje dem Bruder von hinten
+mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen.
+
+Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der
+damenmäßigen Erscheinung der Schwester -- dann glühte in seinem Blick
+etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:
+
+»Gottverdammi -- Antje -- Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte
+seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie -- aufatmend
+machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und
+scheu.
+
+»Willkamen, Tedje -- endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder
+hebben!«
+
+Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an -- doch
+ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter
+starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein
+Kamerad -- aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge -- eine
+kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen -- und die Rechte, die er
+schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte,
+diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens
+Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein
+Heiligtum.
+
+
+
+
+ 4
+
+
+Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein
+Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der
+offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der
+Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche
+standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des
+älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten
+Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt,
+ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen
+der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei
+Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten
+die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote
+Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...
+
+Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter.
+Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich
+unbewegt -- nur seine fest zusammengekniffenen Lippen, von tausend
+Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast.
+
+Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn
+hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals
+von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen
+die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein
+feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen
+Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen
+Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe«
+angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.
+
+Und nun geschah's:
+
+Die schwarz-weiß-rote Fahne sank -- und an ihrer Statt stiegen die
+Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues
+Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht
+von Siegestrunkenheit -- Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger
+Selbstgefälligkeit sich spreizend -- und im Schutze der drei Gewaltigen
+das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des
+nackensteifen Belgien -- sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten
+von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies
+eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über
+den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen
+inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch -- die
+Farben des Reiches waren erloschen.
+
+Der »Altreichskanzler« war verloren -- das letzte Schiff der deutschen
+Handelsflotte -- das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und
+Wagemutes.
+
+Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie -- der weiland
+ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein?
+
+Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein
+Lebenswerk war zerbrochen -- und mit ihm sein Leben.
+
+Ein einziges Mal schluchzte er auf -- kurz und trocken. Da löste sich
+das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem
+Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des
+Schwiegervaters zuckenden Nacken.
+
+»Mut, Papa -- Mut -- wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe -- Heinz
+ist da ...«
+
+Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich
+an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um
+sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er
+weiterschlummern -- der Genesung, der Zukunft entgegen.
+
+Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich
+bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank
+nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep
+hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die
+Übernahme war vollzogen.
+
+Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße
+Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den
+umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin
+dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft
+durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war
+-- kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder
+zuzustreben -- und schwebte von dannen -- immer ferner, ferner -- ins
+Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche
+Traum von Größe und Weltgeltung.
+
+Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und
+bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand
+die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete
+auf ihrem weißen Gesicht, in ihren blauen Nordlandsaugen. Immer
+höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr
+Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß
+des entschwebenden Schiffes -- er maß die breite Fläche des
+schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken
+purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg.
+
+Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings
+glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden
+schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung -- die Gewißheit der
+Wiedergeburt.
+
+Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem
+abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse,
+welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der
+»Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit
+raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche
+zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang -- am Fuße der Treppe stehend
+schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor -- das
+ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines
+Chefs.
+
+Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt
+wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur
+selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht.
+Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit
+einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der
+Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da
+hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor
+und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit
+war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft
+hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um
+eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen,
+seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem
+Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den
+blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und
+arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr
+täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu
+pflegen.
+
+Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen
+Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem
+ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der
+jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten
+war ...
+
+Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung.
+Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen.
+
+Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes,
+voll gemessener Zurückhaltung -- und doch auch er gebannt von diesem
+herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an
+dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum
+Deiche hinan -- und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des
+Augenblicks.
+
+»+Good evening+, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit
+weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von
+Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten
+und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?«
+
+Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf
+Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden
+internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm
+begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen
+der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer
+Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen
+geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson
+auf mancher bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork,
+Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese
+verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft
+zertrümmert.
+
+Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames
+Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit
+seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark
+aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe
+seiner Verzweiflung entgegen.
+
+»Herr Patterson -- Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«
+
+»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe,
+»ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen.
+Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen
+in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet -- ich
+möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie
+erlauben -- auf Wiedersehen morgen früh!«
+
+Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner
+ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen
+Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem
+»Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg
+mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb,
+um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.
+
+»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem
+Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte -- der söffe jetzt
+Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine
+Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H.
+T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen
+Mitarbeiter vertraulich die Rechte entgegen -- er drückte sie, daß das
+Mädchen lachend ächzte.
+
+»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?«
+
+»Danke, Timmermanns --« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«
+
+»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte
+gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen
+die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer
+vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in
+Auftrag geben wird.«
+
+Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande.
+»Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme.
+»Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will -- ich passe.«
+
+»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung
+des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte +a conto+
+Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert -- das
+Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott -- wie das Reich.«
+
+»Aber das ist ja bankrott?«
+
+»Solange es noch eine Notenpresse gibt« -- grinste Timmermanns --
+»solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes
+gelten -- solange ist das Reich nicht bankrott.«
+
+»Das Reich -- wer ist das Reich?«
+
+»Die provisorische Regierung.«
+
+»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder
+aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.«
+
+»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der
+Futterkrippe herausholen müssen.«
+
+»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen
+dazwischen.
+
+»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es
+laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden.
+Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und
+meinen Dampfer?«
+
+Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein
+Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen -- heute abend ... Aber
+nicht im Bureau -- speisen Sie mit uns -- Sie, Freund Carstensen,
+und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um
+unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns
+-- im Wagen ist Platz.«
+
+Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse
+heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich
+in Villa Freimann melden.
+
+Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb
+zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.
+
+Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns --
+so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen
+dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn
+gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die
+Hansa-Transatlantik-Linie?
+
+Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der
+Konkurrent von drüben ...
+
+Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das
+Sternenbanner Platz.
+
+Schwarz-weiß-rot war niedergeholt.
+
+Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht
+an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder
+niederzuholen.«
+
+Es war niedergeholt -- aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es
+eingerafft.
+
+
+
+
+ 5
+
+
+Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz
+Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch
+das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe
+zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein
+tiefes Dunkelgrün -- nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf --
+jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün -- und sieh -- da
+entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche -- versank noch
+einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels --
+und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum
+überstiebt -- bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«
+
+Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die
+Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die
+Vergangenheit -- das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart
+-- die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft -- über allem
+die Gnadensonne: Ilse ...
+
+Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer
+wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt
+aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel,
+der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe -- seiner
+Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt
+seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer
+entgegengebrodelt hatte -- würde sie nicht höher, immer höher steigen,
+unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem
+unglückseligsten aller Länder?!
+
+Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen
+feindlicher Handelsschiffe versenkt -- hatte nicht gezagt, wenn das
+dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben seinen empfindlichen Tauchkahn
+in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an
+die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den
+Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und
+in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war
+das möglich?!
+
+Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die
+Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen -- aber
+es reichte nicht. Was -- wollten diese Menschen? Was wünschten, was
+erträumten sie sich?!
+
+Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was -- liebten diese
+Menschen?!
+
+Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb
+bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden
+Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war
+unsauber, geistlos, eintönig -- aber sie gab ihnen doch Nahrung, und
+sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht -- oder
+wenigstens nicht mehr -- sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem
+letzten Kampfe -- der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber
+Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott,
+Heiland, jenseitiges Leben -- liebten weder Engel noch Heilige, nicht
+die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine
+Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen,
+ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!
+
+Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde,
+die ihn am Morgen bespien und entehrt -- auch in ihr erkannte er
+die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was
+sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft
+immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg -- war oft
+von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls«
+getadelt worden -- und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht
+aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich.
+Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er
+Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse -- und die linkischen
+Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm
+Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm -- ihm mußte solches Willkommen
+geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll -- das wollte studiert,
+erkannt, begriffen sein ...
+
+Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der
+Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage.
+Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der
+Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war -- in diesen Abgrund würde
+er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und
+grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...
+
+Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein.
+Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie
+ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das
+verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter
+vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine
+Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen
+Kriegsmaschine. Aber -- Dame war sie geblieben, Tochter aus altem
+Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die
+vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie
+mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht.
+Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein
+flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten -- über diesem
+schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die
+blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate
+der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und
+wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich -- seine Ilse?! Er
+konnte nur ahnen -- und hoffen.
+
+Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden,
+überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar
+wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses
+Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und
+aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...
+
+Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben
+dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider
+sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl
+-- der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten -- ein
+Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der
+Braut Gruß an den Erwachenden ...
+
+Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine
+Lippen, legte sie auf sein Knie -- und dann hob er voll Andacht das
+herrliche Instrument an sein Kinn -- führte mit prüfendem Strich den
+Bogen über die Saiten -- sogar gestimmt war sie! -- und dann schwollen
+Töne durch die stummentrückte Kammer -- die Geigenstimme des Adagio aus
+jenem Beethovenschen Streichtrio ...
+
+Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat
+auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes
+Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen -- setzte sich
+still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz
+und Auge.
+
+Ja -- das war noch da -- das lebte -- das hatten sie uns nicht nehmen
+können, konnten es nicht ...
+
+Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine
+Flotte gegeben hatte -- das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk
+zerstoben, der stolze Traum verweht war ...
+
+Das war ewiges Deutschland ...
+
+Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna -- schwebte heran
+wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt -- und zog des Sohnes
+zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.
+
+»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ -- der Vater, Papa Carstensen, deine
+Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen -- und dann werden wir
+glücklich sein ...«
+
+»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der
+Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene,
+zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut
+emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein -- das ist vorbei ...«
+
+»Still -- still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben -- ist das
+nicht Glückes genug?!«
+
+Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz -- nein, du gütiges
+Mutterherz -- für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht
+leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk --
+der kann nicht leben ohne Vaterland ...
+
+ * * * * *
+
+Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den
+Wänden grüßten kostbare Bilder -- Meisterwerke der Oswald Achenbach,
+Trübner, Kalckreuth -- sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in
+kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte
+sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der
+Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten:
+ungleich verteilt seien des Krieges Lasten -- der Reiche habe sich noch
+immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das
+tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...
+
+»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen
+Worte lieh.
+
+Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des
+Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink -- die legte die
+Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der
+Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn
+-- schon griff er zu Geige und Bogen -- und bald entschwebten die
+Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in
+zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu
+ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument,
+um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom
+erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit
+wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der
+Rheingauberge.
+
+Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander
+einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte.
+Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses
+-- durfte er in dieser Stunde tändeln?!
+
+Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer
+Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches
+Arbeitsgemach führte -- zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne,
+seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter
+Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt -- darunter ein
+»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte
+Wogen hinausstürmt ...
+
+Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.
+
+Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr
+einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er
+respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte
+jetzt das erste Wort.
+
+Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der
+Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben
+Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen
+können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen
+Handelsschiffsbaues -- denn etwas anderes komme ja -- vorläufig! --
+nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) --
+durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der
+Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der
+Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch
+erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern
+bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange
+gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ...
+Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter
+schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe,
+keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps
+fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord
+nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse
+gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche.
+Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die
+Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen
+Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue
+Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik,
+deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei.
+Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der
+Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt
+hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen -- und
+der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das
+verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur
+Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das
+zwinge von vornherein zur Beschränkung.
+
+Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen
+Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der
+Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich,
+daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung
+stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der
+jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der
+Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei
+es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft
+durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen
+auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der
+internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der
+Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die
+Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein
+werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.
+
+Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen
+Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit,
+doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und
+zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt
+hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der
+zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut
+herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn
+eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg
+Freimanns Züge getreten.
+
+»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle
+Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch
+meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen.
+Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt,
+Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines
+Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«
+
+»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.
+
+»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat
+sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich
+seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft
+entgegensehen lassen. Aber -- -- wir halten Rat -- er musiziert.«
+
+»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.
+
+Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um
+seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:
+
+»Gestatten Herr Präsident, daß ich --«
+
+Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des
+Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem
+Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger
+-- und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse
+Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da
+nicht aus dem Felde schlagen sollte ...
+
+Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür
+auf und platzte mitten ins Spiel hinein:
+
+»Herr Kapitänleutnant -- Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«
+
+Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten
+die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit
+disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.
+
+»Gut -- entschuldige, Ilse.«
+
+»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt -- auch sie war durch vier
+Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen.
+Und nur Frau Johanna blieb zurück -- einsam, verstört, von wirren
+Ahnungen und Ängsten bedrängt.
+
+Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung wies
+Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an
+des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die
+Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.
+
+Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise
+beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen«
+auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte
+»Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen -- Tanks, deren Inneres mit dem
+Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das
+Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.
+
+Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die
+Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in
+Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und
+zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit,
+Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der
+neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »+democratic
+ship+« ...
+
+Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der
+Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden
+Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß
+mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte
+Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs
+neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der
+deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des
+daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.
+
+Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen
+hingen an Georg Freimann.
+
+Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.
+
+»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender
+Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich
+fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen.
+Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie -- die
+Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen
+Haar ein Jüngling -- an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes,
+und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie
+die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu
+beantworten, ist an dir.«
+
+Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.
+
+»Vater -- ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ -- eigentlich
+sogar --« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor
+dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war
+-- »eigentlich sogar deren vier. Aber -- wo ist Ihre Armee, meine
+Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner
+Stirn. Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so
+empfängt?!«
+
+»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk -- bei uns -- und
+übrigens in aller Welt. In Dock nehmen -- gründlich überholen -- das
+Verrostete in den Schrott -- neue Teile einsetzen! Frisch lackieren --
+und das Schiff wird wieder flott!«
+
+»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank -- ist morsch
+bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft?
+Es muß von innen aufgebaut werden -- ganz neu. Es ist ein Haufen
+Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache -- keine Nation. Was helfen
+uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen
+erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken
+des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn
+Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker
+Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu --
+aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk
+nicht verstehen -- nicht kennen -- und darum nicht führen können -- die
+Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«
+
+»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer
+Volksversammlung -- oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt
+haben?!«
+
+Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf
+die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte
+er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter
+anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer -- ein Tatsachenmensch. Dein Vater
+braucht einen Mitarbeiter -- und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine
+Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst -- und du stellst dich nicht an
+deines Vaters Seite -- und kämpfst, solange du einen Atemzug in der
+Brust hast?!«
+
+»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem
+andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich
+bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen,
+wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn
+ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals
+werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden
+sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«
+
+»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine
+Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der
+sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«
+
+»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ...
+Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht
+ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn
+des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe
+gestanden hat -- damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie
+nichts schaffen können -- die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem
+zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem
+Kriege da -- er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt
+geworden -- eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer
+Höllenglut emporgeschürt -- die kommende Not wird ihn zu noch weit
+gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt
+haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so
+angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen --
+eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen
+unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins -- daß eine einfache
+Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und
+Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden
+-- nicht neue Schiffstypen -- neue Menschentypen tun uns not.«
+
+»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten
+Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch
+und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren.
+Was beabsichtigt die Linie zu tun?«
+
+Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann
+sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das
+Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung -- und
+später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre
+Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns,
+entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren
+-- und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle
+mich ein wenig angegriffen -- Sie werden das verstehen -- nach den
+tragischen und -- na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«
+
+Heinz hatte Ilses Auge gesucht und -- nicht gefunden. Es blieb auch
+abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber
+straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.
+
+»Ilse --!«
+
+»Du bist müd', Heinz -- das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das
+Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen -- der gemeinsame Zug
+dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen -- den Erben
+der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus
+Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter
+Johanna und flüsterte ihr zu:
+
+»Gib acht auf Papa, Muttchen -- ich hab' Angst um ihn ...«
+
+Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter
+verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten
+Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt
+-- überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da
+drinnen saß ein Einsamer -- und der war ihr Lebensgefährte ... sie
+hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie
+ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte -- seinem
+Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!
+
+Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem
+sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem
+Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus
+innersten Tiefen sprach: Schuldig -- du bist schuldig!
+
+Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte
+-- so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und
+berufen war -- -- das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...
+
+Daß der da drinnen einsam war -- einsam in dieser Zeit, die den
+Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege
+über sein aufrechtes Haupt beschworen -- das war ihre, das war der
+Gattin Schuld ...
+
+Nein, Georg -- einsam sollst du nicht länger sein ...
+
+Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und
+schrieb -- oder hatte wenigstens geschrieben -- eine einzige Zeile nur
+... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau
+trat behutsam näher -- der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten
+Gang zur Unhörbarkeit.
+
+Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.
+
+»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und
+ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih,
+verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht
+... Komm -- wollen alles zusammen tragen -- alles zusammen ...«
+
+
+
+
+ 6
+
+
+Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern,
+Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand
+er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten
+und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner
+Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika
+an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige
+Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen
+gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter
+Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven
+Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen
+Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der
+Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war
+einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten,
+durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der
+umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin
+angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose
+schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.
+
+»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures
+Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag,
+wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor
+vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß
+auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen
+ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote
+Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«
+
+»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...«
+brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die
+Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als
+eure Komplotte gegen die Republik -- die übrigens auch von mir aus der
+Teufel holen kann.«
+
+»Na also -- in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte
+Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit
+freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für
+die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen
+mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas
+über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und
+begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die
+roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle
+Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«
+
+»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in
+Unkosten gestürzt hättest.«
+
+»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«
+
+Aus der Hülle entschälte sich -- ein vom Kriege stark mitgenommener
+Karabiner ...
+
+»So -- und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen
+vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit
++S+-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«
+
+»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben,
+um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige
++U+-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du
+willst die alten niederknallen!«
+
+Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das -- der einstige
++U+-Bootwüterich?«
+
+Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner
+Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen
+Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh
+aufzusuchen.
+
+»Na -- und dein Dank für das da?«
+
+»Ach so -- bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht.
+Wieviel brauchst du mal wieder?«
+
+»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da
+nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so
+hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein
+kostbares Leben erhalten!«
+
+»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste
+und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel
+schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ...
+Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ...
+Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«
+
+»Immerhin -- du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin.
+»'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn
+Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«
+
+»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate,
+dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein
+Jungeken -- das ist der beste Wiederaufbau!«
+
+Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer -- der Ingenieur in seinem
+Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.
+
+Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert
+-- dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt -- oder ich, der ich
+mit dir und für dich arbeite und schaffe?!
+
+
+
+
+ 7
+
+
+Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und
+verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem
+vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat
+ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber
+mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen
+Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt
+und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein
+Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in
+Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den
+Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten,
+bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die
+Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas
+Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als
+Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.
+
+Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg
+verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter
+begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare
+Patrizierin.
+
+»Sie wünschen?«
+
+»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die
+Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien
+Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht!
+Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat
+Richtige op de Duer ...«
+
+»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.
+
+»Du --?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so
+grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd,
+dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog,
+du smucke Vagel, du!«
+
+Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock
+beiseitegezerrt:
+
+»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«
+
+Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:
+
+»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand --!«
+
+Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:
+
+»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«
+
+Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck
+erstarrten.
+
+Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den
+Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.
+
+»Respekt, du Lümmel!«
+
+Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn,
+dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den
+Faulen und Unfähigen war -- und der Sohn des Kranführers, dem
+der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die
+Fortbildungsschule.
+
+»Och -- Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter
+Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin:
+»Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken,
+wen du vor di hest ...«
+
+Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen
+schwelte der Pariagrimm.
+
+»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«
+
+»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges
+Fräulein --«
+
+»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich
+mehr ... Mien Kam'roden in Rußland --«
+
+»-- haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der
+Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung -- öber
+wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor
+dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien
+Knoken tau Mus, versteihst mi?!«
+
+Ilse lachte.
+
+»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens -- hör' ich
+-- der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und
+aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch
+mir willkommen -- ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was
+macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie
+sie recht schön von mir ...«
+
+Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt --
+die Feine, die Aristokratin -- die ... verdammt -- die Schöne --?
+
+Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er
+sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns
+mit ihr gehen -- ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den
+angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken
+Tedje -- den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.
+
+Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.
+
+»Mien Kam'roden in Rußland -- -- Verdammi --!« brüllte er plötzlich auf
+und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe
+zum Bureauhaus hinanschritt.
+
+»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen
+zuckende Schultern. »Nix vör uns.«
+
+»Verdammi, Jung -- doch!« knirschte Tedje Tietgens.
+
+Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem
+verblüfften Portier vorbei -- und wandte der Werft den Rücken.
+
+Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.
+
+»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r
+Arbeit?«
+
+»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi -- un du mit --
+versteihst mi?!«
+
+
+
+
+ 8
+
+
+Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten
+beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten.
+Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem
+Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »-- zur
+Sicherheit gegen Rückfälle!«
+
+Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht -- gestärkt vom
+Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in
+ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild
+ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte.
+Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und
+ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete
+nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den
+Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan
+für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze
+weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie,
+erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.
+
+Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame
+Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T.
+L.-Gebäude.
+
+»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«
+
+Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...
+
+Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.
+
+Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's
+minder glänzend aus:
+
+Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...
+
+Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation -- wie dies ganze
+zertrümmerte Deutschland ...
+
+Lloyd George hatte recht behalten. Den +knock out+ hatten sie weg,
+diese zähen Burschen.
+
+»+Good morning+, Freimann -- ah, auch der +captain+ ... nun,
+Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«
+
+Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.
+
+»-- Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie
+und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer
+-- die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat
+ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder
+die Alten sein miteinander?!«
+
+»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr
+Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich
+aus.«
+
+»Gut -- also, Herr Freimann -- die H. T. L. hat ihre sämtlichen
+Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie
+besitzt noch Werte -- für die sie selber keine Verwendung mehr hat.
+Vor allem diesen Bureaupalast -- er ist wundervoll ausgefallen, Herr
+Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum
+letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle -- und
+das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais -- ich habe sie
+mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich
+aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern
+Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen
+Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und
+selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles
+müßten Sie nun einzeln -- liquidieren -- wie wär's, wenn Sie das Ganze
+in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre
+kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus.
+Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung
+einen Mindestpreis festsetzen.«
+
+Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern
+aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands
+Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick
+auf das Gesicht seines Sohnes.
+
+Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die
+Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine
+Prüfung.
+
+»Mein Sohn -- du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um
+deine Meinung.«
+
+Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf
+die Probe stellen wollte -- daß eine Entscheidung über mehr noch als
+über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt
+wurde.
+
+Oh -- wer jetzt den Glauben hätte -- diesen kindlichen, phrasenseligen
+Glauben jenes Timmermanns -- der als Techniker ein Genie des Verstandes
+und Wissens war -- und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger
+seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu
+sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller
+gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am
+besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland
+zu begraben -- und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den
+deutschen Menschen aufzubauen?!
+
+»Vater -- -- ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste
+Erwägung zu ziehen.«
+
+Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten.
+Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:
+
+»Ich bin anderer Auffassung.«
+
+Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die
+Stirn.
+
+»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den
+ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir
+beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben -- sonst -- würde ich
+-- -- Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens
+gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte --
+der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T.
+L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner
+den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse
+nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren,
+Herr Patterson -- tot ist er noch nicht -- der gerupfte, wehrlose
+Adler.«
+
+Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte
+Hansegeist.
+
+Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um
+seine schmalen Lippen.
+
+»+Well+, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch
+nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer
+Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich
+werde zurückfahren über den großen Teich -- und abwarten. Entweder
+Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem
+Vaterlande -- dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der
+großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen
+kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre
+stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten
+-- dann kann ich Ihnen vielleicht in -- na, sagen wir in einigen
+Monaten -- einen anderen Vorschlag machen -- einen Vorschlag, der
+Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird
+-- ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu
+kränken. Inzwischen -- +good bye+, Mister Freimann -- +good bye,
+captain+!«
+
+Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz
+wortlos das Arbeitsgemach -- mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das
+ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf
+sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen
+... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.
+
+Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die
+rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen
+Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber -- ohne
+eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann
+nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.
+
+Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht
+allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen
+hinüber -- halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von
+etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren
+sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?!
+Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte
+selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin?
+und wozu? Und Ilse --? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!
+
+Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse
+hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin
+auf und schaute hinaus. Aha -- wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal
+galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch
+wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben
+waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler.
+Meinetwegen weg damit -- nur, daß in der Regel dabei auch die
+Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein
+blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von
+Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die
+kannte sie.
+
+Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche
+Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt -- ein anscheinend
+betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte
+unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen.
+Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft -- zur
+Arbeit zurückgekehrt wähnte.
+
+Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht?
+Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.
+
+»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«
+
+Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.
+
+»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl
+nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen
+Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre
+lang für Kaiser und Reich geschlagen -- nun reißt er mit eigenen Händen
+das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren
+Feinden in den Kot zu zerren!«
+
+»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.
+
+»Ihr -- verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie --«
+
+»-- ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in
+Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie
+und ... Ihre Klasse es angefangen hat -- so freilich nicht.«
+
+Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz
+Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...
+
+»Also, was haben wir falsch gemacht?«
+
+»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose
+Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten.
+Schönheit -- Seele --! Sehen Sie den da -- ein schöner, starker Bursch,
+tüchtig zum Leben und Schaffen -- und hat seit seinem vierzehnten Jahre
+nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei
+Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck
+des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«
+
+»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen
+seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit
+schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig?
+Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß -- tun, weil er
+nichts anderes gelernt hat -- hat der darum das Recht, sich dem Suff
+und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten -- unzählige
+seinesgleichen haben's vermocht -- sie waren Proletarier, sie wurden
+Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des
+Aufstiegs zu finden.«
+
+»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte
+das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht -- so wenig wie die Tausende
+von uns, die ewig drunten bleiben müssen -- in der trostlosen Tiefe.
+Dann hat er in den Krieg gemußt -- für das Vaterland, das ihm nicht
+mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine
+jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden -- hat
+er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern
+Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem
+Leibe gefressen hat?!«
+
+Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge -- war es Haß -- oder
+verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im
+nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.
+
+»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie
+abschließend. »Ich -- will darüber nachdenken.«
+
+Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser
+militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und
+lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz
+gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten.
+Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der
+Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.
+
+»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so
+will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter
+Ferne.«
+
+»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der
+Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte
+vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen -- die Herrschaft des
+Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt
+-- sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der
+Presse, der Politik -- damit Raum für den Retter werde.
+
+»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«
+
+»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die
+Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben -- also mit allen.«
+
+»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen.
+»Ich war selber Défaitist -- und heute bin ich im Begriff, etwas zu
+werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist --«
+
+»Ich -- verstehe nicht ...«
+
+»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte
+eine verabschiedende Verneigung.
+
+Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige
+Verachtung im Blick.
+
+Armes Deutschland! dachte Heinz.
+
+
+
+
+ 9
+
+
+Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie
+hinter einer Eiswand.
+
+Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins
+kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte
+er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem
+Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm
+gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch
+ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem
+Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer
+Mithelfer seiner Pläne werden -- das sei Sohnespflicht -- nicht mehr
+und nicht weniger.
+
+Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich zu machen,
+was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht -- wieviel weniger
+konnte er sich andern erklären.
+
+Ach -- und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns -- das war ihr
+drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt -- Bob Timmermanns würde
+in diesem Falle sagen -- --
+
+»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt
+oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«
+
+»Und wohin soll der führen, Heinz?«
+
+»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues
+muß werden -- neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle -- neue
+Ideale mit einem Wort ...«
+
+»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was
+uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze --«
+
+»-- sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.
+
+Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren -- hatte sie schon
+verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte
+aufschauen zum Manne -- Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie
+schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.
+
+Sie hatte verglichen -- und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...
+
+Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit -- das war das Zauberwort,
+das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele
+schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten
+Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und
+Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende
+Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens
+zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen.
+Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas
+anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu
+dienen ...
+
+Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe -- Schiffe -- Schiffe
+... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt
+all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben
+umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...
+
+Eine andere Stimme war ihm erklungen -- auch eine Mädchenstimme.
+Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind -- aber sie hatte das Wort Arbeit
+ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...
+
+Und ihre Lebenslosung -- wie hatte die gelautet? Schönheit -- Freude --
+Seele ...
+
+Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit -- und eine
+aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden -- die
+forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren -- und
+für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...
+
+Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um
+Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies
+Hamburg, dies Deutschland -- zwei Welten, zwischen denen es keine
+Gemeinschaft mehr gab -- keine mehr geben konnte. Die Welt von
+Harvestehude -- und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie
+nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen -- zwischen ihnen
+gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen,
+in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines
+Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.
+
+Und Heinz war heimatlos geworden -- in jener der beiden Welten, aus der
+sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch
+völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die
+sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!
+
+Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel -- --
+vielleicht eine Aufgabe -- eine Mission ...
+
+Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte,
+je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser
+seiner Welt zu verschwinden -- und in die andere hineinzutauchen ... in
+jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:
+
+»Freude -- Schönheit -- Seele -- alles habt ihr uns versagt ...«
+
+Aber -- war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende
+nur die eines einzelnen Herzens -- eines Herzens, das herausgewachsen
+war aus der Sphäre seiner Abkunft -- ohne in der andern Wurzel fassen
+zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der
+Arbeit genannt hatte -- war sie vielleicht derselbe Fall wie er -- nur
+umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so
+gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern -- weil jene andere,
+jene da oben, sich an ihr versündigt hatte -- oder hatte jener andere
+recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft
+so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!
+
+Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor -- ein
+Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner
+Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten -- der aber für den Sohn des
+Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes
+bedeutete. Wie -- wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich
+frostiger ausschied -- wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ...
+verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile
+mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten,
+scheinbar ungegliederten -- -- Unterwelt?!
+
+Wer wird ihn vermissen -- sich um ihn bangen -- nach ihm forschen, ihn
+zurücksehnen?!
+
+Ach -- fast blieb nur noch die Mutter -- und auch die mehr aus
+Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues
+Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr
+der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen -- sondern
+der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!
+
+Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit
+schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft
+des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen,
+Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit,
+der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange
+Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon
+verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte
+bangte ...
+
+Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft -- ein Abtrünniger
+-- ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein
+tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet -- gebrochen
+-- »mit den Nerven zusammengebrochen« -- im günstigsten Fall ein
+Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer
+des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter
+zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden -- oder man mußte
+ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu
+rasch aufgestiegenen Familien -- die ließ man laufen, und wenn sie's
+gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber
+zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.
+
+Heinz durchschaute sie alle -- alle, seine nächsten, seine liebsten
+Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.
+
+ * * * * *
+
+Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.
+
+Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden, sie war aus
+ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer,
+die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung
+mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft
+zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an
+regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit
+bewährte sich -- man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser
+erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel
+begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus
+über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden
+fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne
+Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur
+Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu
+veranlassen.
+
+In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der
+Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft
+persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten
+sie Ilse bestellt -- sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau
+Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.
+
+Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung,
+Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der
+heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns
+... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren,
+bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte
+heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft
+der neuen Pläne.
+
+»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut
+abend gehört er doch eigentlich dazu!«
+
+»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das
+läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet
+über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an -- ohne Bob Timmermanns
+geht's nicht!«
+
+Schon war sie von dannen.
+
+Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten,
+geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus,
+lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat
+im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters
+sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten
+Festschmaus teilzunehmen -- des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch
+den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut
+vorbei, die ihn gar nicht bemerkte -- und stieg zu seinem Zimmer hinan.
+Ihm war, er hätte alles verloren -- Elternhaus und Liebe.
+
+Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in
+dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken -- verschwinden aus dem
+Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war -- untertauchen
+in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war
+hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte
+er längst übersonnen.
+
+Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform
+noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg.
+Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe
+hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte!
+Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.
+
+Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag,
+auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden,
+wenn er fortgegangen war ...
+
+Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse -- --
+ich habe dich geliebt -- geliebt als das Lichte und Klare in einem
+dunklen, verworrenen Leben ...
+
+Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's
+gefunden. Bei einem anderen gefunden -- -- vorbei --
+
+Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend -- es war keine Wehmut
+drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut --
+abgestorben, schmerzlos.
+
+Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der
+Stradivarius -- die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere
+Welt ... Aber ohne Geige -- nein. Die war seines besten Wesens ein
+Stück.
+
+Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht
+kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte.
+Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen,
+seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in
+Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:
+
+»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um
+mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach,
+das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«
+
+Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa,
+auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus -- es goß in Strömen.
+Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der
+er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers
+Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender
+Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden
+Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden
+Alster -- nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von
+der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...
+
+Elternhaus -- Liebe -- ade ...
+
+Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.
+
+
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+ Zweites Buch
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+Im +D+-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen -- Georg
+Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung
+und Groll.
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+»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit
+einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen.
+»Dieser -- na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend --
+gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um
+nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren -- und sich in der Sonne
+der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«
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+»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,«
+entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich
+aus -- damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen
+habe.«
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+»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte
+der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert.
+Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber
+diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen
+einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre
+politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten,
+etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher
+auszudrücken.«
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+»Nein -- das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine
+Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur
+mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen -- das ist der Vorteil
+der Linie. Heute wie je.«
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+»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben -- dadurch, daß
+Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das
+hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das
+Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H.
+T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude
+zumachen.«
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+»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg
+Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen
+bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn
+dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte -- und den
+rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die
+Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für
+die nationalen Aufgaben zu haben ...«
+
+»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit
+grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie
+werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«
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+»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des
+Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«
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+Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte
+Herr hatte recht ...
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+Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der
+deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und
+Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der
+Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen,
+der Tausende von Menschenleben, die unmittelbar von ihren Entschlüssen
+abhingen -- des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen
+seinen Söhnen gebieterisch forderte -- und von den Führern am meisten.
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+Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste.
+Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung
+niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an
+dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er
+ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.
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+»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt
+nicht entzweien -- wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und
+auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also
+Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«
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+»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer
+von dreitausend Tonnen bauen -- und ab und zu mal einen neutralen
+Auftrag größeren Umfangs ergattern -- dabei kann die Werft nicht
+bestehen. Und auch abgesehen davon -- ich müßte danken. Liquidieren,
+Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf -- Großes schaffen, wie
+ich's gewohnt bin -- dann lieber Schluß!«
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+»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.
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+»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte
+Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen,
+aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist
+seine Sache.«
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+»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der
+Herr Präsident recht: was tun?«
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+Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte
+der Linie -- und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen,
+wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L.
+sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva
+an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line
+in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T.
+L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner
+weiterzuarbeiten -- für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe
+der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab -- und ich für meine Person
+würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende
+weiter vegetieren dürfen ...«
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+»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der
+Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als
+europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche
+Industrie wird den gleichen Weg gehen -- schließlich ist ganz
+Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen
+Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«
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+»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht -- noch nicht
+... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil!
+Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die
+sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden
+unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ...
+Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie
+begreifen, daß Schiffahrt not ist -- Leben aber nicht!«
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+In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's
+mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden -- es hatte dem zähen
+Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach
+auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner
+arbeitenden Stirn geahnt:
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+»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht
+behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren
+ganz gut so, so wie sie waren ...«
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+In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann
+von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete.
+Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen.
+Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere
+Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine
+Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst -- um ihre vier Ränder
+zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für
+die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst
+anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des
+werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer
+letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften
+Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen -- der heute morgen
+vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war.
+Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft
+angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der
+Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine
+korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine
+Aussage glaubhaft, daß er mit +U+ 387, das während eines Vorstoßes
+der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe
+außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen
+Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß
+Anders Niemann.
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+»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine
+ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«
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+Anders Niemann lächelte geschmeichelt.
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+»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister.
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+»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue. »Doar hebbt
+wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt
+inschrieben ...«
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+»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier
+nich lang west.«
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+Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling
+stehen, um dessen Arbeit zu überwachen -- dann klopfte er ihm derb auf
+die Schulter.
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+»Du brukst kein'n Oppasser mehr -- mok man so wieder ...«
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+Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch
+um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste
+angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks,
+in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren.
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+In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen
+Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände,
+in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß.
+Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten
+gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit
+Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen,
+dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ...
+Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu
+ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben
+am St. Pauli Fischmarkt -- man würde ja über kurz oder lang ein etwas
+menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen --
+der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche,
+von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer
+fremden Rasse -- das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft
+der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes
+... Auf die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier.
+Aber wie diese Menschen aßen -- dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen --
+daran mußte man sich erst gewöhnen ...
+
+Immerhin -- Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all
+der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene,
+schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten,
+in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes
+durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der
+Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem
+Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches -- keine
+Ideen ... Lohnfragen -- nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen
+lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß
+heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei
+früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß
+es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand
+... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit
+fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann
+lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des
+Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse
+schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben.
+
+Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders
+Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er
+seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den
+Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp«
+und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der
+Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...
+
+In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle
+wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann
+»versenkte« weiter seine Nietlöcher. Immer die gleiche Bewegung, das
+gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der
+Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne
+packten zu -- rrrr -- das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das
+Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis
+endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann
+im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der
+vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun
+der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen
+Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem
+Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit
+sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das
+ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins,
+aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben
+gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend
+nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie
+ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns
+Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig
+-- sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige
+Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten
+es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was
+die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und
+dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt,
+ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen
+können --?!
+
+»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten,
+der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines
+Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm
+Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden
+-- rote Papiergirlanden, rote Fähnchen an den Wänden -- am Klavier
+ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger
+Jüngling mit der Geige -- zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten
+Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar -- die Söhne und Töchter der
+»andern Welt«.
+
+Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und
+beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es
+schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in
+ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein
+bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig,
+sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu
+schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend
+nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen
+und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze
+Welt von Typen heraus -- und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder
+andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.
+
+Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er
+schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen
+rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen
+am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören -- nachlässig langte
+er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin
+von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf
+Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei
+brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien.
+Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte
+... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ...
+
+Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien
+unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man
+ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin:
+
+»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark
+fohrt!«
+
+Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft --
+einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem
+Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von
+einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen
+standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das
+Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel -- ein merkwürdiger,
+unvergeßlicher Kopf.
+
+In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund
+einsprach -- der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen
+lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:
+
+»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege
+Tied!«
+
+Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn
+wie eine Puppe auf den Tisch -- alles drängte herzu, der Tanzbums wurde
+zur Volksversammlung.
+
+»Kam'raden -- Genossen -- Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem
+Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von
+eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was
+wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der
+Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine
+Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige
+Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren
+angefüllt bis zum Bersten mit Haß -- mit dem roten, glühentigen Haß --
+gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un
+vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität.
+Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große
+Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere Welt ... und
+denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un
+unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie
+kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren
+-- doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot
+sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns
+hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen
+Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten
+sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte
+Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt
+wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote
+Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n
+glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen -- dat
+dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein
+Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner
+... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt
+... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt -- un
+in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken -- un nach dem Götzen
+Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In
+diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!«
+-- --
+
+Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm
+Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und
+Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach
+ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward
+von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der
+immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders
+Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte,
+irgend etwas schluchzte ... Er fühlte die Echtheit und Tiefe der
+Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig
+herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer
+Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte -- nach etwas, dem sie
+selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht
+unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden
+müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts,
+die aus der Welt Goethes und -- na, meinetwegen auch Napoleons, die
+Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte -- die Welt
+der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ...
+
+Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem
+Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:
+
+ »Wir bluteten vier Jahr'
+ in Schlamm und Glut und Graus
+ für Krone, Thron, Altar --
+ nun ist die Knechtschaft aus!
+
+ Was hoch und stolz, das fällt
+ im Sturm der neuen Zeit,
+ nun bringen wir der Welt
+ die rote Seligkeit!«
+
+Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der
+gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten,
+und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten
+Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen
+Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten
+seine Modulationen daher -- von ihnen umrankt, schwang die neue Weise
+wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen
+Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der
+nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien,
+als wolle das Lied die Welt aus den Angeln heben -- diese Greuelwelt
+des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...
+
+Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den
+Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu
+löschen -- da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen
+Soldatenrock am Klavier sitzen -- und immer noch glitten seine Finger
+über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr
+erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang
+... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders
+Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen -- sie gingen in
+eine Melodie über, die er kannte -- eine Tanzweise ... aber nicht der
+übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette -- es war Webers
+»Aufforderung zum Tanz«.
+
+Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum
+Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine
+aus der Hand, klemmte sie unters Kinn -- und übernahm die Oberstimme
+... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem
+Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur
+noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes.
+Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten
+Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der
+fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des
+Freischützsängers.
+
+Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender
+Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes
+geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten
+durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim
+lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern
+gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit
+eines naturverbundenen Genius.
+
+
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+ 3
+
+
+Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg
+Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der
+Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines
+Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung
+von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der
+Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten
+Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die
+Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins
+Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.
+
+Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht
+ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die
+Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.
+
+In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den
+Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der
+Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen
+Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute.
+Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese
+deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt
+eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als
+bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu
+Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen,
+seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.
+
+Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige
+Hand -- nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu
+nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger
+Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand
+immerhin ein Menschenantlitz -- nicht eine Larve des Hasses und
+Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses
+Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis,
+eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den
+unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der
+Werft befeuerte?!
+
+Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits
+und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen
+Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der
+Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig
+geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten
+nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs
+neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren
+wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten
+der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn -- und bekamen
+sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand
+mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.
+
+Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe
+Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des
+ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen
+Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen
+noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der
+einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem
+regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt
+hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.
+
+Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen.
+Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.
+
+Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit,
+mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann,
+diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite.
+Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft,
+befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch
+Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo
+Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.
+
+Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt,
+daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle
+ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein,
+Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die
+Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das
+seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung,
+drängte nach Erwiderung.
+
+Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen
+Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das
+Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute,
+überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der
+Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des
+Menschentums emporgestiegen.
+
+Wäre Heinz geblieben -- hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an
+der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten
+zu messen -- vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache,
+der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte
+Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in
+naivem Versagen getan -- es war das klügste, was er hätte tun können.
+Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die
+Eindeutigkeit ...
+
+Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens, das
+immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr
+zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester
+hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den
+Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in
+Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr
+der Ingenieur ihr imponierte -- so war das nicht ganz ohne einen Hauch
+von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen -- hatte
+es gemerkt. Und darum war er still gegangen -- darum ... So mächtig ist
+in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben,
+daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt -- was ihm
+geschieht, was er leidet und handelt -- ihre Liebe wähnt sich selber
+die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des
+Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...
+
+Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie
+allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn
+in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen -- hatte in der plötzlichen
+Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf,
+die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte
+sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos
+zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen
+getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke
+das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für
+Ilses Gewissen war -- barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei?
+Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß,
+wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal
+bedeutet -- das ganze, das alleinige Schicksal ...
+
+Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war
+erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des
+Beisammenseins -- ehe das große Mißverstehen kam -- waren die Seelen
+einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von
+den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne
+getrieben -- als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von
+ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste
+Ursache seiner Flucht gewesen -- höchstens der äußere, fast zufällige
+Anstoß ...
+
+Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob
+ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine
+Gegenwart ...
+
+Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war
+dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der
+Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über
+das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.
+
+
+
+
+ 4
+
+
+Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll,
+sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens
+hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des
+Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die
+drei Brüder Tietgens gehaust hatten -- -- von denen zwei in Frankreich
+verscharrt lagen.
+
+Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse
+geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit
+ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim
+gebracht hatten -- es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens
+taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn
+hatte er längst aufgegeben -- das war ein hoffnungsloser Radikaler --
+Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt -- -- auf
+dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten --
+das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen,
+daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden
+war.
+
+Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten
+begreiflich machen zu können.
+
+»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß --
+dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners!
+-- Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken
+... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick
+mästen -- un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«
+
+»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei
+Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken -- Öwerst wenn ick dat utspreken
+will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«
+
+Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken
+ein wenig einfacher zu fassen ...
+
+Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu
+erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater
+Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht
+schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt
+... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen
+für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine
+Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen
+keinem helfen würde -- daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen
+Brot und Nahrung gebe.
+
+Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor
+allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen -- und
+deiht die mehrste Arbet -- da mutt se ok die mehrste politische Rechte
+hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n
+Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west
+...«
+
+Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen
+immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im
+Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die
+fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.
+
+»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp'
+... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann
+... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei
+Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht
+kriegen. -- Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten
+willen -- öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n
+Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't
+Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! -- Vadderland,
+so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren
+trecken!«
+
+Ja -- das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte,
+handelte -- er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ...
+und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und
+Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem
+Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt,
+würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland
+seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.
+
+Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje
+der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:
+
+»Vadder -- du büst nich in Rußland west -- du kanns goar nich
+mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg
+jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau
+foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt -- un denn eenmol mit'n
+Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten -- da
+giwwt Luft vör't Volk!«
+
+»So -- un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der
+Alte bedachtsam.
+
+»Na -- de Inschineure --!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten!
+Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd
+Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache
+mehr as dei Handlanger un dei Nieters --!«
+
+»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt
+--« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as
+Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter
+... dei brukt Bäuker -- dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«
+
+»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken,
+du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung,
+will'n ein'n drinken -- un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn
+mit ehr slapen -- kumm, mien Jung!«
+
+In diesem Augenblick öffnete sich die Tür -- und eine junge Dame trat
+ein -- »Gu'n Abend, Vadder -- gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«
+
+Plötzlich verstummte sie -- und starrte den neuen Schlafburschen an wie
+ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...
+
+Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen
+Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:
+
+»Entschülligen S' man -- ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten --
+Ick bün Antje.«
+
+»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen
+Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst
+verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte -- »kiek di'n man gaud
+an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen -- en Nieter von de Werft! Un he
+wahnt bi Muddern -- un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos
+Mönkebüll Klovier -- dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine
+Künstlerkonzert ...«
+
+Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll
+linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:
+
+»Djä, Fräulein -- dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in
+de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«
+
+»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien
+Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder?
+Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«
+
+Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und
+sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt,
+lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes
+Gesichtchen.
+
+Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde
+vollzählig -- denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder
+täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll
+Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen
+Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.
+
+Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der
+Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs
+seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen --
+einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so
+abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei -- eine Sekunde
+lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht,
+schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht
+Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.
+
+Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue
+von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit
+mit Tedje war auffallend -- freilich nur im Gesicht. Die schlanke
+Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten
+Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ...
+Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen -- ging der
+Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand -- und mit dem rauhen Bruder
+stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus
+dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten,
+kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester
+war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch
+kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein
+darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft,
+durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische
+Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...
+
+Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig
+hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit
+aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber --
+seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer
+Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes
+ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn
+kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte
+Anstarren ihr unbequem ...
+
+Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier -- trat mit ins
+Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten,
+funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern
+zusammengezimmertes Stehpult stellten ...
+
+»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann
+der Haustochter zu.
+
+»Ja -- aber die andern dürfen's nicht merken -- ich nehme niemals
+Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und
+erwarten Sie mich unten ...«
+
+Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten
+Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie
+spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas
+doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er
+sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie
+ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf
+seine Noten -- ein banges Zucken um die schmalen Lippen.
+
+Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube
+hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der
+wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im
+Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis --
+das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen
+-- sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges
+Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und
+Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne
+empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können -- nicht im weiland
+Kasino beim Damenabend -- nicht einmal im Elternhaus -- wie noch
+jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so
+entsagend liebte -- das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst
+entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst
+bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen
+gespielt -- geschenkt -- sich selber verschenkt wie heut ...
+
+Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren
+Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung,
+deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte
+-- nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer
+Persönlichkeit -- nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes
+-- nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer
+Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der
+Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius -- was bedeutete er ihnen
+mehr als eine Entspannung -- eine Ausbalancierung ihres seelischen
+Gleichgewichtes?!
+
+Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit
+wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz
+... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über
+die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte -- auch sie hätte
+wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn
+eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die
+müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich
+so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend -- das den Wunsch
+entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich
+auszusöhnen, liebend zu verschwenden -- --
+
+Ja -- was war es denn eigentlich?!
+
+
+
+
+ 5
+
+
+Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu
+folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet
+heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit
+seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen
+bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen
+müssen -- sein ganzes Jugendleben hindurch -- die starre, in korrekte
+Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte
+er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses
+selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen
+bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.
+
+Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war
+verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast
+als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?!
+Na ja -- schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein -- und
+der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des
+müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ...
+eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht
+als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein
+Glück versuchen -- ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon
+ablaufen lassen ...
+
+Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit
+Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.
+
+»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung,
+Deern -- dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas,
+das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas
+von brüderlicher Eifersucht -- im Hintergrunde gar etwas wie ein vager,
+noch ganz unbewußter Argwohn ...
+
+Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der
+entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt
+...
+
+-- »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«,
+sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um
+beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall
+Menschen -- Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und
+rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer
+endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten
+-- hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden
+Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene
+Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter
+Warenhausfassaden ...
+
+»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens,
+bitte -- Anders Niemann heiß' ich!«
+
+Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif,
+den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er
+berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei -- selbstverständlich
+ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal
+den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion
+erteilt habe.
+
+»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«
+
+»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«
+
+»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte
+Glut in ihren Wangen.
+
+»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes -- ich bin hingegangen, sie
+zu suchen.«
+
+»Und -- was haben Sie gefunden?!«
+
+»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere -- und den glühenden
+Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«
+
+»Ausgefüllt -- mit was?«
+
+»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem -- mit einem Ideal.«
+
+»Geben Sie's -- das Ideal!«
+
+»Wenn ich's hätte!«
+
+»So helfen Sie's uns suchen.«
+
+»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich
+weiß es schon zu benennen -- ein Vaterland -- ein Mutterland, das allen
+den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«
+
+»Ach, wenn Sie es fänden!«
+
+»Ja -- dann wäre uns allen geholfen -- uns armen, zerrissenen
+Deutschen.«
+
+
+
+
+ 6
+
+
+Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte
+Georg Freimann an Patterson gedrahtet:
+
+»Erwarte angekündigte Vorschläge.«
+
+Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter
+amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder
+ging an Land -- mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn
+Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet -- aschblond, nußbraune
+Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß
+Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte
+es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.
+
+»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig
+klingendem Deutsch.
+
+»So, +my darling+, du magst nun eine halbe Stunde lang in der
+Stadt herumkutschieren --«
+
+»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier,
+diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹
+versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«
+
+»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson
+gehorsam und entließ das Auto.
+
+»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«
+
+Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum
+Präsidentenbureau der Linie empor.
+
+»Ich finde, +daddy+, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ...
+Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«
+
+»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So -- nun benimm dich manierlich.
+Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«
+
+Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der
+Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man
+keine Dame mit.
+
+»+Good morning+, Freimann -- darf ich wieder Freimann sagen? Der
+Mister geniert mich.«
+
+»Sie dürfen, Patterson -- weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen.
+Miß Patterson -- willkommen in Deutschland.«
+
+»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn,
+sagt +daddy+ ... Er ist verlobt -- schade ... Verlobte junge
+Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes
+... Ist er vielleicht schon verheiratet?«
+
+»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist
+durchgebrannt -- mir und seiner Braut.«
+
+»Durchgebrannt --?! Das finde ich +smart+ von ihm ... Wo ist er?«
+
+»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«
+
+»Oh -- wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«
+
+»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich
+habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«
+
+»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber
+Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde -- ganz kleine
+und ganz große -- Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen.
+Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die
+Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher
+heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl
+sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon
+hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal
+wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche.
+»Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen
+ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das
+sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften
+Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man
+damit machen, sag' ich Ihnen!«
+
+»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften
+Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«
+
+»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch
+zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt
+zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen,
+wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame
+gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu
+wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es
+immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.
+
+Die Männer sahen sich an und lachten.
+
+»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal
+wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«
+
+»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker
+... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann
+ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und
+nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen -- ich bin da.«
+
+Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener
+rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als
+die beste Politik bewährt hatte.
+
+Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu.
+So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.
+
+»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von
+Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein
+Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«
+
+»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich
+nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft
+zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen -- wenigstens
+unter das Sternenbanner allein.«
+
+»Hm -- und wenn nun die Sterne und Streifen -- sich neben Ihre
+Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt
+mir vor -- wie sind doch die Farben?«
+
+»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im
+Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«
+
+»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne
+Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach -- nur ein
+einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte
+Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen
+lassen ... Nette Kaufleute das ...«
+
+»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem
+Aufstieg führt -- wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft
+versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das
+Sternenbanner -- sie würden sich miteinander vertragen?«
+
+»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind -- warum nicht?«
+sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr
+dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr
+habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen
+... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine
+Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«
+
+ * * * * *
+
+»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja
+Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar -- es
+flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz
+ausgesucht -- da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen
+Augenblick.«
+
+Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak.
+»Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich
+von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«
+
+»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.
+
+»Oh -- Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie
+drüben?«
+
+»Nein -- ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele
+Amerikaner verkehrten.«
+
+»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie
+Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«
+
+»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.
+
+»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier.
+Die Leute hier machen alle traurige Gesichter -- Sie auch, sogar wenn
+Sie lachen. Ich liebe das nicht.«
+
+»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt -- im größten aller
+Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«
+
+»Oh -- ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid.
+Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk
+kennenlernen.«
+
+»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man
+unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«
+
+»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß -- wie
+heißen Sie? -- Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn
+lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die
+das Rennen schon gemacht haben -- und solche, die es noch machen wollen
+-- außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind -- weil
+sie nicht reiten können --. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind
+uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und
+ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn
+ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte
+ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn.
+Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«
+
+ * * * * *
+
+Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen
+Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns
+mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line,
+die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte
+drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft -- darunter den
+»Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von
+San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen
+Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...
+
+Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung
+vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen
+Konkurrenten -- der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es
+würde noch harte Kämpfe geben -- ums Ganze und um tausend Einzelheiten
+... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft
+dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider
+großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich
+eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches
+Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ...
+Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen
+hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das
+amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ...
+Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen,
+die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen
+eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden -- ohne
+doch einen anderen Weg der Rettung zu wissen ... Aber diese Gedanken
+behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich -- blieb
+überhaupt eine Wahl?!
+
+Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und
+schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich
+zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust.
+Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen
+Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger
+Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.
+
+Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit
+der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und
+lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren
+die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem
+Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte
+das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein
+Gefängnis.
+
+»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte
+Bessie. »+Daddy+, fahr mich zu Mistreß Freimann. +Good
+morning+, Miß Tiet-- Tiet-- nein, das ist zu schwer, das kann man
+beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie
+heißen Sie mit Vornamen? Antje -- oh, das ist reizend, ich werde Sie
+Miß Antje nennen. +Good morning+, Mister Freimann -- +go on,
+daddy+.«
+
+
+
+
+ 7
+
+
+Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten
+Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne
+zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem
+Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des
+Restes auf Anfang bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen.
+Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich.
+Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin -- allenthalben
+standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive
+Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte
+Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich
+durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.
+
+Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die
+Leitung kannte diese Sturmzeichen.
+
+Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen.
+Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.
+
+»Gnädiges Fräulein -- es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut
+nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben
+ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen
+fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten
+Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen
+bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat
+mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«
+
+»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als
+daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf
+Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte -- aber senkrecht über der
+Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier
+Jahrhunderten war sie erkennbar.
+
+»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur
+Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«
+
+Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr
+immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der
+Schranke am Werfteingang, morgens, wenn sie kam, nachmittags, wenn sie
+ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das
+scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.
+
+»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein
+bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel -- ich weiß es aus Erfahrung.«
+Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es
+verdient -- sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen
+hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er
+belohnt werden.
+
+Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug -- es war schon
+wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein
+Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.
+
+Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob
+Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte.
+Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne
+zusammen.
+
+In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin -- um seine
+Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln.
+
+»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?«
+
+Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf
+der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder
+Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«
+
+»Meinst du? Wer weiß -- vielleicht schon heute nachmittag denkst du
+anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom
+Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit
+Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu
+drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des
+Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel
+fallen. Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die
+er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob.
+
+Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem
+Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef
+angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter
+entstand -- etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden.
+Es war der Karabiner.
+
+»Donnerwetter, Bob -- ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben
+in dein Bureau herübergeflogen?!«
+
+Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an
+-- sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander
+näher gekommen.
+
+»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich
+nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da
+unten.«
+
+»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der
+Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die
+Wirtschaft -- es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!«
+
+»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die
+Fleißigen -- und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen -- und die
+Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen -- aber
+solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast
+nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst
+du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine
+schwere Batterie im Schrank haben!!«
+
+Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs
+Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem
+lieben Kapital!« hohnlachte Armin.
+
+Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster,
+bremste die Wucht seines Körpers und nahm den Hörer. Im Lauschen schoß
+ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht.
+
+»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein -- tausend Dank!
+Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!«
+
+»Was ist los?«
+
+Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war
+abgeblaßt -- irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin
+lauschte atemlos.
+
+»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von
+-- drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir
+können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...«
+
+Achselzuckend, zähneknirschend verließ Armin das Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten
+und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für
+morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen!
+Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem
+Kran triumphieren!
+
+Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war
+Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem
+Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung
+hatte ihn aufgesucht -- und im Tresor der seit kurzem in Hamburg
+eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll
+Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den
+Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter
+geklopft:
+
+»Alles für großes Befreiungswärk ... Abber kleine Mäddchen in Hamburg
+wollen auch lebben ... Mußte ibberall Stimmung machen für großes
+Befreiungswärk -- auch bei kleine Mäddchen ...«
+
+Seitdem war Tedje bei den abendlichen Musikunterhaltungen im
+Elternhause nur noch ein seltener Gast. Um so bekannter und geschätzter
+wurde er von Nacht zu Nacht in den Weiberspelunken um die Reeperbahn
+herum.
+
+Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft
+scheine am Ende ihrer Mittel -- die Krawallstimmung seiner Kollegen sei
+im Wachsen. -- Nun würde er mal wieder abblasen müssen ...
+
+Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen.
+Die Glut durfte nicht kalt werden -- es galt, sie zuzudecken und
+unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk
+taugte der Genosse Mönkebüll nicht -- was er sprach, war Lava aus
+glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen --
+zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten.
+Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede
+Temperatur.
+
+Sie versprach, den Genossen Dragomiroff zu schicken. Er würde sprechen
+über das Thema: »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution.« Das
+mußte ziehen ... Und nicht etwa als Sonderaktion für die Genossen der
+Hammonia-Werft. -- Drüben in der Stadt sollte das arrangiert werden als
+Werbeversammlung für das gesamte Proletariat des Unterelbegebietes.
+
+Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war,
+wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er
+setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach
+Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern
+verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje.
+Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu
+erforschen ... Aber wenn er so abends durch die still gewordenen,
+im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte
+phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und
+die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an
+die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und
+verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje
+...
+
+Antje --! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas
+von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit
+der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die
+Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie
+komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig
+war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen
+nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein
+paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie
+Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch
+legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet,
+wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall
+hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten
+Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin
+und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber
+der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er
+bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst.
+Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden -- hatte die
+glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des
+werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er
+selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte -- und sie mit der Zange
+festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen
+mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar
+mit der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch
+hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe -- aber
+man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden
+Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne,
+durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee -- und konnte ab und an
+mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und
+wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene
+herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden
+Spantengerüst eingefügt wurden ...
+
+Das alles wußte Mudder Tietgens aus den allabendlichen Erzählungen
+ihrer Tisch- und Hausgenossen. Ihre vier Mannsleut' waren täglich bei
+der Arbeit vereinigt. Schön war das zu denken -- das alte Frauchen,
+das im stillen Winkel fast stumm geworden war, vergnügte sich in
+seiner Einsamkeit mit der Vorstellung, wie sie da zusammen schafften,
+ihre vier Mannsleut' ... Aber den Anders, den hatte sie besonders
+in ihr Herz geschlossen, weil er ihr am meisten Ehre gab. Sie war
+ja so bescheiden, so wenig verwöhnt ... Aber schön war's eben doch,
+daß der Neue sie mit einer Achtung und Rücksicht behandelte, zu der
+Vadder und Tedje bei aller Liebe zu Mudder nun doch mal nicht erzogen
+waren. Ihr Fritzing, der wäre am Ende auch so geworden ... Aber der
+lag an der Somme -- wenn die Granaten seinen Leichnam nicht längst
+in tausend Fetzen zerrissen hatten. Ach ja, Fritzing ... Die müden
+Augen standen wieder einmal in einsamen Tränen ... Sie begriff's, daß
+Antje zu dem schmucken Anders hielt ... Sie und Fritzing waren ja auch
+unzertrennlich gewesen ... Und Anders würde aufsteigen -- der könnte es
+noch mal zum Werkmeister bringen ... früher als Vadder, der schon so
+lange von der Vierzimmerwohnung im Werfthaus drüben schwärmte -- und ja
+doch wohl schließlich seinen Kran behalten würde, bis die Invalidität
+kam ... Tja, und wenn die Antje sich also für den Anders nicht zu fein
+war -- Mudder Mines Segen hatten sie -- die zwei Kinder.
+
+Und Antje?!
+
+Oh, Antje war klug.
+
+So sehr sie in der Theorie Revolutionärin war und für das
+republikanische Ideal der Gleichheit schwärmte -- sie stand lange
+genug im Leben der Oberschicht -- sie wußte: Zwischen ihr und dem
+Sohne ihres Chefs lagen Welten ... Was wollte das besagen, daß Heinz
+Freimann sich in einen Anders Niemann gewandelt hatte? Eine Herrenlaune
+-- eine Maskerade, die jederzeit abgestreift werden konnte wie ein
+Faschingskostüm ... Und Anders Niemann war dann wieder Heinz Freimann.
+
+Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als
+müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit
+Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann
+flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der
+zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie
+Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit
+gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe
+zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt
+-- aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets
+nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste
+Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar
+von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge
+bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein
+... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing,
+den Liebling zumal -- gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus -- gegen
+das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie
+ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie für
+internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für
+Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war
+in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr
+selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des
+Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife
+vollerblühter Männlichkeit -- der war ihr verwandt durch etwas, das sie
+kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames
+Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum -- was war es nur?
+
+In hundert Gesprächen umkreisten die zwei jungen Menschen dies
+unbekannte, ersehnte, erahnte Land ... Dies Land, in dem sie beide
+sich beheimatet fühlten. Sie vernahmen seine Stimme aus Beethovens
+Sonaten und Schumanns Klavierstücken, aus Wilhelm Meister, den er
+ihr, und aus Richard Dehmels Gedichten, die sie ihm zu lesen gegeben
+hatte. Aber auch in Vater Tietgens' abendlichen Schwärmereien von den
+Zukunftsrechten des Proletariats, in Clas Mönkebülls phantastischen
+Gesichten von der Erlöserin Weltrevolution, ja selbst in Tedjes
+Blutträumen war etwas von diesem fernen, nebelhaft vor den Seelen
+schwankenden Land ... Wenn Antje dann nach solchen Spaziergängen und
+Gesprächen in ihrem Pensionskämmerchen unter die Decke schlüpfte,
+dann träumte sie doch für selbstvergessene Viertelstunden den uralten
+Mädchentraum von dem Königssohn, der das Dornröschen weckte zu einem
+Leben im Licht ... Und dann rann ihr das trostvolle Gesicht einer
+Seelenheimat für alle Menschen ihrer Sprache und ihres Blutes zusammen
+mit seinem verengerten, ins Heimliche und Geborgene verkleinerten
+Abbild, seiner mütterlichen Urzelle: einer Heimat für zwei Glückliche.
+
+
+
+
+ 8
+
+
+Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem
+schon auf die Nerven fallen.
+
+Sie fand es selbstverständlich, daß sie den Vater überallhin begleiten
+durfte. An seiner Seite drang sie in die ängstlich umhüteten Bureaus
+der unnahbarsten Direktoren -- im H. T. L.-Haus wie drüben auf der
+Werft. Und nicht minder ungeniert spazierte sie durch die endlos
+hingedehnten Werkstätten, ließ sich im Aufzug zum schwindelnden
+Helgengerüst emporfahren, turnte zum Entsetzen der ölbeklexten Maler
+zwischen ihnen über die frisch mit Mennig überholten Stahlgerüste,
+tauchte neben dem alten Tietgens im Kranführerhäuschen auf, war
+plötzlich wieder drunten, kroch durch den Doppelboden des werdenden
+Riesendampfers, kletterte an den Leitern der Aufrichtegerüste hinauf,
+flitzte über die Laufstege des schon zur vollen Höhe hinangewachsenen
+Zehntausendtonnendampfers, stand voll brennenden Interesses neben dem
+glosenden Vorwärm-Feuer und beobachtete, wie der Junge die rotglühenden
+Niete aus dem Kohlenbecken holte und durch eine offengebliebene Lücke
+der Beplattung ins Innere des Schiffes reichte ... staunte, wie der
+Stiel des Nietes plötzlich aus einem der Nietlöcher auftauchte, wie
+die Nieterzwillinge mit ihren langgestielten Hämmern zuschlugen
+und ticktack, ticktack aus dem Stiel ein glattes, rundes Köpfchen
+zurechthämmerten ... Und überall Fragen, Fragen -- überall, knips, der
+Kodak in Tätigkeit ...
+
+Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen
+Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit
+gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft,
+indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in
+den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren
+Geruch das kleine Scheusal empörte, in die schlampigen Hosen biß ...
+Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem
+Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust.
+
+Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der
+Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin:
+
+»Schreib, +daddy+ ... sechshundert Dollar ...«
+
+»+Goddam+ -- wofür?«
+
+»Wirst du gleich sehen. Habe mir ein Auto gekauft.«
+
+»Du bist toll -- wozu?«
+
+»Für meine Studienreisen.«
+
+»Ach, bitte -- was studierst du, wenn man fragen darf?«
+
+»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben
+wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden
+arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich
+weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie
+friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren
+Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein
+mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her,
++daddy+ ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen
+Freunde in den schlimmen Vierteln ...«
+
+»In den schlimmen Vierteln?!«
+
+»Gewiß -- ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich
+mir das Auto kaufen -- daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen
+Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen
+Vierteln!«
+
+
+
+
+ 9
+
+
+Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer
+jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt
+der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden wußte, hauste als
+Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein
+hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und
+umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre
+Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt --
+sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn
+hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt
+mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die
+der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen,
+mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war
+sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd,
+Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden.
+In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt -- und war ihr
+Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu -- er
+machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech
+wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch
+ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel
+von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr
+nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen
+Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern
+und geheimnisvollen Gewölben -- dazwischen hier und da eingekapselt
+plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem,
+verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm
+riechendem Prunk ausstaffiert -- alles verbunden durch Geheimtüren,
+die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder
+Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich
+jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder
+Art -- wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten
+Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen
+verschlungene Lektüre bildeten.
+
+Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis
+ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er
+der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war
+Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...
+
+In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in
+die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten,
+mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen
+Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von
+Handgranatenkisten -- Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer
+aus der großen Konkursmasse Deutschland -- einstmals Werkzeuge
+ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege
+den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ...
+
+Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die
+stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.
+
+Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen.
+Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten
+der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von
+Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher,
+Führer im Kampfe gewesen war -- ein Wort, das ihn entlarvte -- und
+der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf
+einem Sportplatz, verschlang ihn -- das stinkende Labyrinth, in dessen
+pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht
+wieder heraus ...
+
+ * * * * *
+
+»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im
+Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von
+dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten
+»öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte Kellergelaß, in dem
+Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach
+Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der
+Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu
+vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale
+ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter -- und ohne sein Ahnen zugleich
+als Aufseher -- überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher
+Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft
+untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden
+Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf.
+
+Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die
+Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe
+in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte
+mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge
+eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner
+auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen
+aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich
+schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.
+
+Dragomiroff -- der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen
+als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten
+nach der Bekanntschaft des Gewaltigen -- keiner brennender als Anders
+Niemann ...
+
+In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und
+schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere
+Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel.
+
+Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab,
+von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr
+Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es -- fast noch
+ein Backfisch. Sie winkte den Kindern lachend zu wie eine alte
+Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter
+Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar,
+die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte
+mit Balgen und Gekreisch.
+
+Da -- o weh! -- Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige
+Achtsamkeit versäumt?! -- Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger
+Schreckensruf als Echo -- ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem
+schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt
+gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen.
+
+Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang
+heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer
+Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust --
+im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche
+Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger --.
+
+Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in
+die Augen. Eine Feine -- eine wie jene, die seine Gier seit Wochen
+umstrich ... Zupacken -- züchtigen -- und im Strafen sich ersättigen
+... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der
+unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror
+-- --. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer
+keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie
+empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck
+der kleinen, festen Brüste spürte.
+
+Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten.
+
+»Tedje -- büst du öwersnappt?! Lat ehr doch -- is jo unschüllig, dei
+Lüttje! Is man'n Malleur west!«
+
+Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ...
+
+Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den
+erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff
+zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.
+
+Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes
+zuchtloser Seele.
+
+Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob
+der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen
+zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden,
+Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?!
+
+Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an --
+kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen,
+das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im
+Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und
+starrte auf die drei Kampfhähne.
+
+Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein
+orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen
+der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den
+Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen
+Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert -- klapp! die Aufnahme
+war fertig.
+
+»+Thank you, gentlemen+ ...«
+
+Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der
+kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich -- daß
+aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie
+er aufgeflammt, in sich zusammensank.
+
+Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen
+zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem
+Würmchen, dem sie Schmerz und Schreck zugefügt, in die Hand, pappte
+ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen -- und schon saß
+sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein
+Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen.
+
+
+
+
+ 10
+
+
+In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche
+Gründlichkeit -- und was deutsche Zerrüttung bedeutete.
+
+Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem
+Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren
+hinüber- und herübergeflogen -- und wenige Tage nach der grundlegenden
+Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson
+bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm
+stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge
+abzuschließen.
+
+Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der
+Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme
+vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf
+Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen
+amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch
+bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der
+Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten,
+als Bürgschaft zur Verfügung -- unter dem Vorbehalt freilich, diese
+Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit
+zurückziehen zu können.
+
+So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten.
+
+Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres
+Flottwerdens nicht lange froh werden. Der deutsche Jammer hemmte
+alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb.
+
+Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu
+stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich
+anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder
+lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe
+wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten
+Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige
+Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen.
+Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich,
+es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der
+Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten.
+
+Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und
+Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und
+mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr
+Glück -- ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und
+tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem
+Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger
+gestaltete -- die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von
+Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen
+Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten --
+in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung
+fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war -- von
+der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht
+bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der
+sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!
+
+Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber
+in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des Oberleiters dieses
+Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles,
+was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als
+Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles -- außer dem einen ...
+
+Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen
+Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere
+als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier
+Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen
+Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr
+aufgesproßt war wie ein Eichbaum -- in eben die Aufgabe, die sie selber
+ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen
+wie eigens für sie geboren -- das sei der Kamerad, den sie brauchte ...
+und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt
+hatte, um ins Nichts zu verschwinden ...
+
+Ilse war keine Romantikerin -- ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms
+zum Trotz. Sie war eine Carstensen -- aber -- sie war eine Frau.
+Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche
+Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben -- aber eben
+ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der
+verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem
+wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...
+
+Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber
+in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die
+verstohlene Anklage: du -- du hast ihn mir genommen!
+
+Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann,
+dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.
+
+Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie
+für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie
+war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter
+seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe
+des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an
+der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte
+der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und
+unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete
+das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...
+
+Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den
+siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen --
+jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem
+scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den
+Begnadeten des Schicksals.
+
+Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten,
+nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne
+Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...
+
+Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet
+setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude,
+die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus
+auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle
+hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am
+Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine
+Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause
+in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der
+törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten
+Herzenskammer gewiegt hatte.
+
+Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not, wenn die Feine,
+die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch
+das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder
+Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre
+der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches
+mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ -- der
+wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein
+grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen
+und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit
+ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht -- sie ließ ihren
+Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling
+hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ...
+Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine
+Stunde würde kommen.
+
+ * * * * *
+
+Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine
+Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig
+gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und
+überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu,
+unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen
+hatten ihre Sorgen -- und Sehnsüchte.
+
+Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche
+Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt
+ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt
+-- die arbeitet wie ein Mann -- statt sich verwöhnen, feiern und
+beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie
+mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein
+treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...
+
+Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte:
+Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle des
+»President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue
+Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war,
+entsprungen sein sollten -- der war in diese kühle, imposante
+Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker
++business-man+ in eine typische Modeschönheit vom Manhattan
+Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens
+Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick
+bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen.
+
+Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser
+täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages
+wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon,
+der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers
+um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast
+ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort
+einzulegen.
+
+»Miß Ilse -- Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem
+jungen Mädchen gefunden habe ...«
+
+Ilse hatte sofort verstanden. »Oh -- Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte
+sie mit zurückhaltendem Lächeln.
+
+»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«
+
+Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt,
+Bessiechen?«
+
+»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um
+Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's -- aber Sie sind schlecht.
+Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine,
+welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor
+Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.«
+
+Und schon war sie hinaus.
+
+Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor
+Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen
+klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.
+
+Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte
+sie vorsichtig auf -- und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen
+Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand
+der Riese -- mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort
+als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die
+Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen
+Worte Bessie nicht enträtseln konnte.
+
+ »Was nützet mihaich ein schönes Mädchen,
+ wenn andre mit spazieren gehn?
+ Was nützet mimamich ein schönes Mädchen,
+ wenn andre mit spazieren gehn?
+ Und küssen ihr die Schönheit ab,
+ und küssen ihr die Schönheit ab --
+ Daran ich meine,
+ so ganz alleine,
+ daran ich meine Freude hab'?!«
+
+»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen
+Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen.
+
+Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der
+Enakssohn und das Püppchen -- und lachten -- lachten -- lachten, daß
+ihnen die Tränen von den Backen liefen.
+
+»Oh -- das ist eine sehr +wonderfull song+«, radebrechte die
+Kleine -- der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß
+lernen zu mir diese +wonderfull song+ ...«
+
+»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.«
+
+»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr +melancholical+, wenn sie
+singen +songs+ so swer -- swer --«
+
+»Schwermütig ...«
+
+»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige
++soldiers song+ ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige
++songs+, Sie müssen singen lustige +songs+ ...«
+
+»Kann ich auch, kleine Puppe -- da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die
+Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit
+Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen.
+»Hören Sie zu:
+
+ ›Bei der Kaiserin Klementine
+ haben wir heut Musik gemacht,
+ der eine spielte auf der Viggoline,
+ der andre auf dem Stiewelschacht --
+ Hodahumpahumpahadaha --
+ hodahumpahumpahadawumm!‹«
+
+»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist
+es auch eine +German soldiers song+? Ich wünsche zu lernen hundert
++German soldiers songs+ -- das wird machen eine gigantische Effekt
+in Amerika ...«
+
+
+
+
+ 11
+
+
+Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland
+zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.
+
+Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden
+Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres
+Apparats gehemmt.
+
+Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die
+Genehmigung der Generalversammlung erforderlich. Schon ihre
+Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn,
+bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen
+Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor
+einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an
+das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar,
+Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.
+
+Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen
+letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung
+über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen
+Ablaufe werde der Kredit gesperrt.
+
+Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen.
+
+Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten
+Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und
+Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit
+Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei
+nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung
+des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter
+Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg
+aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben
+aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge
+der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste
+es, was es wolle ...
+
+~Seefahrt ist not~ ...
+
+Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien
+in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich
+gereift -- ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl
+wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ...
+
+Fast einstimmig genehmigte die Generalversammlung die Anträge des
+Direktoriums. Und noch in derselben Stunde vollzogen die Herren
+Freimann und Patterson die längst fertig daliegende Fusionsakte.
+
+Die United Transatlantic Lines waren gegründet.
+
+ * * * * *
+
+In derselben Stunde, als die Führer der deutschen Überseeschiffahrt
+mit ihren Damen sich auf Einladung ihres neuen Verbündeten von
+drüben zu einem Festdiner im Atlantic-Hotel versammelten, strömten
+aus ganz Hamburg die Arbeiter und Unterbeamten der Werften und
+Häfen in dem niederen, doch weitgedehnten Saale der »Neuen Welt«
+am Heiligengeistfelde zusammen, um sich von Wassily Petrowitsch
+Dragomiroff aus Moskau über »Deutschland als Stoßtrupp der
+Weltrevolution« belehren zu lassen ...
+
+Anders Niemann, der durch Antje über die Vorgänge im Präsidialbureau
+der Linie genau unterrichtet war, mußte lächeln in grimmig bitterer
+Ironie, als er sich Schulter an Schulter mit seinen Stubenkameraden
+zur »Neuen Welt« begab. »United Transatlantic Lines« und »Sturmtrupp
+der Weltrevolution« -- konnte das deutsche Elend, die deutsche
+Zerrissenheit packender, wahrhaftiger formuliert werden?!
+
+Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner
+Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der
+Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen
+Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen.
+Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der
+sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden -- auch an der
+beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß
+gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung
+des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen.
+Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose Masse
+der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil
+mochte seinen Lauf nehmen. Und wer -- wer hatte es heraufbeschworen?!
+
+Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken,
+daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben
+bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch
+fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen
+nur der Deutsche helfen könne -- daß moskowitische Ideale niemals
+Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine
+Wiedergeburt ...
+
+Was Tedje Tietgens bejubelte, anführte, organisierte -- konnte es das
+Gute, das Heilsame sein?!
+
+In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor
+der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ...
+
+Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm
+hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden -- und hatte nun
+seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine
+Antje sich bemühte und härmte -- daß der ganz in die Hörigkeit seiner
+beiden Arbeitskameraden geraten war ...
+
+Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was
+er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war
+der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben
+Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik
+auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um
+Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke
+lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff
+in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das
+Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig
+beschäftigen ...
+
+Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf
+diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich
+zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere
+Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm
+einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung
+von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte
+Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion
+verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage
+lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung
+unter den Genossen geschehen ...
+
+Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich:
+Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß
+die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte
+mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war,
+hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande
+kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben,
+während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da
+war Antje gekommen -- schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte
+Clas bescheiden gefragt ... Ach -- es sei nur, daß sie sich so sehr
+auf die Musik gefreut habe ... Ei -- da könne ihr geholfen werden ...
+ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem
+vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele
+gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck -- Clas bebte
+bei der bloßen Erinnerung.
+
+Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls
+Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden -- »die Welt wird
+schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an
+die Zukunft des Menschengeschlechts -- an den neuen Erdentag -- dessen
+erste Morgenröte heut aufgehen werde, heut -- mit dem Vortrage des
+Genossen Dragomiroff ...
+
+Ob sie auch kommen würde -- sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten
+eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie,
+ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin,
+rot bis in den innersten Winkel der Seele -- sie, die Verkörperung der
+roten Seligkeit ...
+
+ * * * * *
+
+Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos.
+
+Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge,
+die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine
+Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse,
+weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik
+getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die
+harrende Masse gewirkt -- dämpfend, beschämend, stimmungmordend ...
+Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im
+atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen -- Leib an Leib ringsum an den
+Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf,
+Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die
+Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da
+scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:
+
+»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!«
+
+Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter.
+
+In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte
+seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel
+an der Wand klebte:
+
+»Clas -- späl 'n Lütten op!«
+
+Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel,
+der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte der
+Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug
+begeistert in die Tasten -- aufbrandete sein Leiblied ...
+
+Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse
+wurden heruntergesungen:
+
+ »Der alte Haß sei tot,
+ die Liebe sei befreit --
+ aus unsern Herzen loht
+ die rote Seligkeit --!«
+
+Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse
+Dragomiroff ...
+
+Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz
+zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge:
+
+»Musik! Mehr Musik!«
+
+Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und
+wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf.
+Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer
+Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg -- ein Sang von der Schmach
+und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden,
+seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung -- seinem
+Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat -- vom Triumph
+der Freiheit -- jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt -- den
+Männervölkern.
+
+Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige
+Freiheitslied -- kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont --?!
+
+Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer
+Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im
+Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats -- nein, den Sieg eines
+brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!
+
+Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter
+dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den
+letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es
+durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen
+Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders
+Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit
+aus ...
+
+Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner
+braunscheiteligen Freundin sandte -- der funkelte geheime Ironie ...
+Es war der Blick eines Wissenden -- eines Liebenden, der hoch über dem
+Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und
+eine Ahnende erwiderte ihn ...
+
+Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen -- trotz allem -- du
+und ich -- ihr und wir?!
+
+Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da
+meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern -- und in
+Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die -- die uns allen, allen
+einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche,
+wenn wir -- Menschen bleiben wollen?
+
+Die Republikanerin, die Revolutionärin, die -- Proletarierin fühlte in
+dieser Sekunde ganz als Deutsche ...
+
+Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom
+Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden,
+deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten -- die er nun
+kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen
+Ideal, einer neuen Seelenheimat -- einem neuen -- freien -- großen --
+nach innen und außen großen -- wiedergeborenen -- Vaterland --
+
+Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür
+zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich,
+wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter
+Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von
+struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es
+zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...
+
+»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter
+entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse.
+
+Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus.
+
+Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck
+des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll
+gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte
+aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den
+knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...
+
+Die Bestie wachte plötzlich auf -- aus dem Abgrunde der Jahrtausende
+brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die
+Urnacht ...
+
+Tedje Tietgens schwang die Klingel:
+
+»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.«
+
+
+
+
+ 12
+
+
+Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der
+Gastgeber konnte sich's leisten.
+
+Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener
+Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot
+nicht herankönnen -- solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und
+die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der
+Üppigkeit dieses Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel
+anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen
+geworden waren.
+
+Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie-
+und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen
+Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen
+Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen
+melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und
+Vereinsamung ...
+
+Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus
+den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale,
+beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein
+glänzendes Yankeegesicht ...
+
+Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des
+industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge
+der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der
+roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke
+hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer
+an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen
+des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter
+des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...
+
+Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den
+eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte.
+Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic
+Lines zu feiern -- aber die Herzen der Deutschen feierten das erste
+Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.
+
+Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch
+blendender Stein- und Perlenschmuck -- die Frackaufschläge der Herren
+wiesen, dem Sturz der Throne zum Trotz, den blinkenden Schmuck der
+Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der
+jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der
+Eisernen Kreuze.
+
+Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers,
+thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des
+glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher
+gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten
+ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie
+Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes -- nun blieben
+ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja
+auch ...
+
+Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse
+Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen.
+Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der
+Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm
+Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe,
+alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland
+zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes
+unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg
+bereitgestellt werden.
+
+»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das
+war eine dumme Frage -- vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch
+... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt
+Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«
+
+Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie
+die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und
+Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere
+einander heute wieder die Hand zu reichen wagten --
+
+Lusitania -- die Argonnenschlacht -- die Vierzehn Punkte.
+
+Dennoch -- man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte
+Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne -- es wurde wieder heller in der
+Welt -- die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu
+zerflattern ...
+
+Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken
+des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls
+führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T.
+L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen
+kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr
+Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß
+Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise
+einmal abgeschlagen -- Robert Timmermanns saß heute, seiner
+gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel
+-- inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft.
+Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des
+Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit
+in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf
+einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen
+Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.
+
+Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug,
+seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr
+Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen
+transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten
+als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des
+durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H.
+T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United
+Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden
+der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev
+Carstensen, sein Glas leerte.
+
+Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern
+zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem
+Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren
+Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde -- bei diesen Führern deutschen
+Schaffens war sie wohl aufgehoben.
+
+Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde
+blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm
+II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens
+das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm
+Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt
+der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das
+Kaiserreich gelegt habe.
+
+»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden
+blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das
+besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs,
+der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes
+ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde
+gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg,
+der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien,
+auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des
+Präsidenten Wilson -- es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«
+
+Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des
+Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des
+Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte
+kein Nerv.
+
+»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit,
+welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle,
+welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in
+die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert hatte. Wir haben es getan
+in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur
+zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an
+eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg
+vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir
+diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«
+
+Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es
+sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von
+gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter,
+die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen,
+Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen
+zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener
+Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen,
+unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer,
+ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und
+Empfindens -- kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über
+Staubgeborene verhängt werden können.
+
+Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur
+unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher
+Hoffnung.
+
+Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare
+Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung,
+ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von
+drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als
+erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit
+aufgefordert haben -- vor allem für Sie, Freund Elias Patterson --
+der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind.
+Seefahrt ist not -- ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen
+Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen,
+die uns den Weg zum Meer aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren
+von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen,
+daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre
+Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer
+Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im
+Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser
+Land verbindet, durchqueren soll -- daß dies stolze Schiff, dessen
+Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst,
+den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen
+›Deutschland‹.«
+
+Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung -- es klang wie
+erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung
+genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt.
+
+In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber
+und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel
+...
+
+Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme
+wieder den alten Vollklang:
+
+»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche
+Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in
+Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber
+arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer
+Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen
+ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk
+dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den
+Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in
+seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das
+aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns
+zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind
+dieses Tages, die United Transatlantic Lines -- wir begrüßen das freie
+Weltmeer, das sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns
+auftut -- wir grüßen die Zukunft -- die Zukunft unseres Volkes, die
+Zukunft des Menschengeschlechts.«
+
+Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch -- in stummem, feierlichem
+Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe
+der Stunde.
+
+
+
+
+ 13
+
+
+Und endlich forderte die Freude doch ihr Recht.
+
+Der Champagner löste die Lippen, beschwingte die Hoffnungen, machte
+die Augen der Frauen leuchten, entrunzelte die Stirnen der Männer. Die
+starre, zusammengeraffte Haltung der Deutschen lockerte sich. Man stand
+in Gruppen, man fand sich zu immer neuer Begrüßung zusammen.
+
+Um Johanna Freimann, um Ilse Carstensen bildeten sich dichte Kreise der
+Verehrung, der Huldigung. War's nicht fast, als hielten zwei Fürstinnen
+der Vergangenheit Cercle?
+
+Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang
+von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der
+bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie
+spähte nach ihrem Lehrmeister -- dem Riesen mit dem struppigen blonden
+Bart ...
+
+Natürlich -- da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse
+Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte
+er aus dem Schwall.
+
+Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen
+Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art
+Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie
+präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein
+marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen
+begann sie zu singen.
+
+Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne
+Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken
+Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie --
+-- kannten -- --
+
+ »Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen,
+ uänn andre mit spätziere gehn?
+ Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen,
+ uänn andre mit spätziere gehn --
+ und kussen ihr die Schönheit äbb,
+ und kussen ihr die Schönheit äbb -- --«
+
+Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an
+der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer -- strahlte vor Wonne, als die
+Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ...
+
+Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr
+Gewaltmittel hatte geholfen -- hinter der vier- und fünffachen Reihe
+staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise,
+verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender
+junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters
+auf -- auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches
+Grausen ...
+
+Schmetternd trällerte Klein-Bessie:
+
+ »Darän ich meine, so gänz alleine,
+ darän ich meine Freude häbb --
+ Darän ich meine, so ganz alleine,
+ darän ich meine Freude häbb --!«
+
+Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme:
+
+»+Bessie, finish, please --!+«
+
+Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die
+Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu.
+
+Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum,
+patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ...
+
+Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab,
+klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein
+barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen -- Hamburgs kühle
+Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons
+Stabe -- das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter
+Fröhlichkeit ...
+
+Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte
+wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er
+lachte mit.
+
+Aber -- -- was -- war denn -- das -- --?!
+
+In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang
+plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ...
+
+Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe --
+vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf:
+
+»Nieder mit dem Kapitalismus!«
+
+»Licht aus -- Messer 'raus!«
+
+»Es lebe die Weltrevolution!«
+
+Erblassen -- Entsetzen -- starres Verstummen -- fieberndes Lauschen --
+--
+
+Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse,
+das den Hotelpalast umbrandete ...
+
+Gesang -- schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang:
+
+ »Die Guillotine saust,
+ der Rachejubel schreit,
+ es flammt in unsrer Faust
+ die rote Seligkeit!«
+
+
+
+
+ Drittes Buch
+
+
+
+
+ 1
+
+
+Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.
+
+Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag«
+unterzeichnet.
+
+Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.
+
+Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale
+von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster
+Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere,
+entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die
+Junirevolte.
+
+Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still.
+In den Adern der Stadt stockte das Blut.
+
+Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in
+ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern,
+ohnmächtig geballten Fäusten.
+
+Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen,
+Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu
+wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu
+werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend -- der Söhne und
+Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung
+und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich
+genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer
+erhöhten Lebensstellung genossen hatte.
+
+Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel
+des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen war, als die scheußliche
+Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo
+herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein
+Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und
+Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter
+das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten -- kämpften in
+hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer
+der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war --
+und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und
+unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.
+
+Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme -- Tage, die ihre
+Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...
+
+Und endlich kam dennoch die Erlösung.
+
+Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und
+plötzlich war das Gesindel zerstoben.
+
+ * * * * *
+
+Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein
+anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um
+nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich
+nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden:
+Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner
+verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen
+die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen
+beobachtet, gelauscht, gelernt ...
+
+Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.
+
+Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse -- und es
+gab den Pöbel.
+
+Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er
+für eine ungewisse Zeit des Schauens und Erkennens über sich verhängt
+hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und --
+ach ja, auch Antje.
+
+Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine
+in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie
+sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte
+den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas
+völlig Neues in der Geschichte der Menschheit -- mit dem Proletarier
+vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. -- Ein neuer
+Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit
+den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt.
+Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der
+neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft
+der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild
+Gottes« gekommen waren ...
+
+Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen -- und die andern,
+die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band
+wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg
+Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen,
+die an gemeinsamem Werke wirkten ...
+
+Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke
+Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen
+Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu,
+sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit,
+sein Gesicht gewandelt hatte -- der Pöbel ...
+
+Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in
+das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte
+sich Pöbel gebildet -- der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der
+Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten
+... Und uralt war auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser
+Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte -- daß die Hefeschicht nicht mehr
+ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte,
+emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte,
+in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen
+Zersetzung ...
+
+War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit
+an dieser Zeit sich auswirkte -- an dieser nie erhörten Zeit der
+Umformung und der Erschütterung, welche die -- -- Maschine über die
+Menschheit verhängt hatte?!
+
+Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen
+hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun
+auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem
+Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das
+alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin
+seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...
+
+Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung
+nachsann -- in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in
+denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.
+
+Unsäglich das Grauen solcher Nächte -- durchängstet von der
+hoffnungslosen Frage:
+
+Wie soll das enden?!
+
+Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns
+aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter
+Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten
+Geschlecht seiner Tage ...
+
+Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen
+Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins,
+das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit
+der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation,
+mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit
+trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff:
+daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein
+Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am
+gemeinsamen Werk?
+
+Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen
+ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den
+lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was
+half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande
+waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an
+den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!
+
+Arm blieben sie dennoch -- sie konnten nicht glücklich werden, niemals
+und auf keine Weise glücklich ...
+
+Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward,
+sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig,
+wesentlich, notwendig, sinnvoll -- heilig zu begreifen ...
+
+Wer hatte sie das gelehrt -- wer sah auch nur die Aufgabe, sie das
+zu lehren -- wer war selbstlos, unantastbar -- und dabei wort- und
+wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein
+genug, sie das zu lehren?!
+
+Ach -- und selbst der Abschaum, der Pöbel -- verdiente er Verdammung,
+Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und
+Maulkorb -- oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des
+Erbarmens, der Erlösung?
+
+Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt
+erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und
+in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß
+einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen
+... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die
+Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und
+wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...
+
+Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten,
+zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich
+zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war
+gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine
+Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein
+Bolschewist -- ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des
+Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...
+
+Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der
+Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch
+zähe Arbeit des Kopfes -- nein, es erraffen, an sich reißen mit der
+Masse der starken Fäuste -- nicht es genießen mit den tausend Organen
+verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser,
+verständnisloser Orgie ...
+
+Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die
+sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft,
+zertrampelt hatte -- wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien
+wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals,
+ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens --
+hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall
+das gleiche gefunden:
+
+Unabweisbare Folgerichtigkeit -- lückenlose Kausalität -- unentrinnbare
+Logik -- --
+
+Notwendigkeit -- --?!
+
+Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber --
+sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie
+er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung
+entraffte -- nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in
+seiner Rolle auch jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden
+Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß
+der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand --
+wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören,
+Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...
+
+Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz -- das hörende,
+schauende, verstehende Herz ...
+
+ * * * * *
+
+In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für
+Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das
+Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.
+
+Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen
+verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit
+Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht
+und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen
+und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen,
+sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am
+Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte,
+durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst
+und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und
+abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen
+und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der
+Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften
+und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit
+trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle
+Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz
+des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und
+gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg
+gewiesen in die Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster,
+verhetzter, irregeführter Menschenherzen -- in jene Tiefe, in der,
+ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte -- die Sehnsucht nach
+Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...
+
+Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum
+erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie
+begreifen lehren.
+
+
+
+
+ 2
+
+
+Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten
+Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen
+Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige
+Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von
+Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.
+
+Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die
+überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder
+zur Arbeit ein.
+
+Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und
+Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden
+Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern
+und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner
+in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer
+angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen
+worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom
+Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu
+Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch
+der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um
+nach seinem Kran zu sehen.
+
+Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen
+Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.
+
+Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit
+anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen
+der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen
+auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:
+
+ »-- und kussen ihr die Schönheit äbb --
+ und kussen ihr die Schönheit äbb ...«
+
+Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe
+mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes
+durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines
+entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und
+von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.
+
+Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die
+eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er
+hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft
+anscheinend noch nicht verloren.
+
+Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung
+in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm
+geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit
+nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und
+riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen
+nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der
+Reedereien heranzutreten.
+
+So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der
+Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen mit einigen
+ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu
+Hause gelassen -- nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden
+wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige
+Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter
+letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P.
+D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn
+seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde
+er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die
+Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des
+Gesamtbetriebes beauftragt.
+
+Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als
+Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen
+hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie
+nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben
+würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme
+Überraschung -- oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von
+Enttäuschung? -- Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle
+seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von
+einer seltsamen Befangenheit ...
+
+Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue
+Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen
+Neuyorkerin für sein Seelenleid -- und dann die Szene im Atlantic --
+Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen
+berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker
+Beifall brüllend -- und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen -- da
+bestand ein Zusammenhang ...
+
+Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers
+Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch mehr
+herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ...
+Bessie -- das Täubchen auf dem Dach -- o weh -- es war sogar schon
+ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand!
+Na, warte, Bobbie -- so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht
+werden!
+
+Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem
+Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.
+
+Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft
+vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden
+Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender
+Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und
+Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen -- dann weinte sie nachts
+in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad
+wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in
+einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande
+gemacht hatte.
+
+
+
+
+ 3
+
+
+Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt --
+aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote
+See«.
+
+Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf
+dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die
+Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs
+in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren -- leider mit ihnen
+die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken
+geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler
+waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam,
+doch unabwendbar angeschwollen war -- nun ward sie Lawine und begrub
+die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie
+immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte
+es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte
+sich ja nicht »verbürgerlichen«.
+
+»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens,
+»denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt
+kriegen, Jungs ...«
+
+Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale -- und wieder kamen
+russische Hilfstruppen -- kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große
+Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab -- aber längst
+war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an
+dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten
+Deutschland den günstigsten Nährboden.
+
+Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf
+der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang
+er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die
+neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.
+
+Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die
+Regierungstruppen abrücken sollten ...
+
+An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch
+seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit.
+Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.
+
+Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten
+der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend
+an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die
+Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen
+Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden
+der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein
+Wunder mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In
+einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch
+erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das
+Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin
+Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was
+Haß ist.
+
+»Also leb' wohl, teures Bruderherz -- und mein aufrichtiges Beileid,
+daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben
+mußt ... Was macht der Karabiner?«
+
+»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht
+behalten -- er hat sich bewährt.«
+
+»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach
+seinem vollen Werte bezahlt hast?!«
+
+»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht
+man dich in Hamburg wieder?«
+
+»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen
+Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und
+Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben -- wo man
+mich bespuckt und getreten hat ...«
+
+Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat,
+wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde,
+disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe
+und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine
+Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der
+Rampe herniederschallend -- grelle Zwischenrufe, die Klingel eines
+selbstbestellten Verhandlungsleiters -- ein Güterwagen als »Olymp«, das
+Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel
+besetzt -- ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers
+klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors
+allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen
+Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben,
+Grotsnuut?!«
+
+Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren
+Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung«
+trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen.
+Ein Trost -- aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug
+auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...
+
+Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:
+
+»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen -- ich hatte schon Angst,
+man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank,
+Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich
+zart:
+
+»Keine Angst, Fräulein Ilse --« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse
+zu sagen! -- »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels
+sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die
+andern lassen sich mitreißen ...«
+
+»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse.
+»Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die
+›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe -- andernfalls
+werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit
+aufgeben ...«
+
+»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.
+
+Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus.
+Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«
+
+Timmermanns trat ans Fenster und las -- o weh -- es war Englisch -- und
+dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...
+
+Ein kurzer Kampf -- dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die
+Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen
+hatte.
+
+»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«
+
+Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters
+Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut
+den Namen der Absenderin.
+
+Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na -- wenn schon --
+--
+
+»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort
+auf!«
+
+Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische
+Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.
+
+»Heißt wie auf Deutsch?«
+
+»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«
+
+»Fräulein Ilse --!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie -- wie können
+Sie nur --«
+
+»Versuchen Sie nicht zu schwindeln -- -- Herr -- Generaldirektor!«
+lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«
+
+Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür
+auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll
+herein -- mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst,
+Schnapsdunst --.
+
+Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte
+der Destille. Da sah er Ilse -- und eine zweite heißere Flamme zuckte
+in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb
+an die »Feine«.
+
+»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch.
+»Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die
+Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen -- und wir sünd beauftragt,
+die Werftdirekschon ein Ul -- ein Ul --«
+
+»-- ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns
+herablassend ein.
+
+»Ja -- dat is dat Wort --« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich
+Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns -- ick heiß' Herr
+Tietgens!«
+
+Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.
+
+»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«,
+erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit
+die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«
+
+Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen
+der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die
+Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes.
+Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel -- so was in
+die Arme kriegen -- -- das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn
+-- die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich
+begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren
+... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...
+
+Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke
+trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das
+überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.
+
+»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die
+Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen,
+dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt
+ist -- das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit
+der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu
+verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure
+Forderungen reden. Vorher -- ausgeschlossen. Sagen wir heute ja zu
+diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«
+
+»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«,
+sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en
+Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«
+
+Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.
+
+Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute
+... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe -- den Arbeitnehmern
+wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die
+Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu
+machen? Es ging nicht ...
+
+»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist
+die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine
+schwere Zeit -- wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«
+
+»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die
+Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise
+bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken
+vörklöhnen --«
+
+In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen
+können, den Ring abzulegen ...
+
+»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte
+Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot
+-- kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne,
+Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der
+hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.
+
+»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns.
+»Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de
+Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«
+
+Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser
+Frau -- der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff
+einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den
+Arm. Ilse riß Timmermanns zurück -- ihre Kinnbacken bebten.
+
+»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen.
+»Ick will di woll kriegen -- un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt
+und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland -- --«
+
+Da schnarrte der Fernsprecher.
+
+Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme
+erkannt. Es war wie ein Zauber -- als stünde er neben ihr, so laut und
+klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie
+durchschwirrte ...
+
+»Ach, Ilse -- du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt
+der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«
+
+»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen
+der Arbeiterschaft.«
+
+»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.
+
+
+
+
+ 4
+
+
+Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude
+zur Helling hinüber -- umstiebt vom ersten Schnee.
+
+»+Goddam!+« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer
+noch, ihr Deutschen ...«
+
+In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen
+Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus,
+der den verarmten Vetter zu besuchen kommt. Aber der verarmte
+Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand
+seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters
+Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das
+tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des
+elektrischen Nietens -- das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen
+hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie
+Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung
+des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja -- es ging aufwärts
+...
+
+Timmermanns fand sich selber sehr komisch -- zwischen den zwei jungen
+Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen
+umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er -- wüßt' ich
+nur genau in welche ...
+
+Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ...
+Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ...
+
+Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit
+ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand
+unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an.
+Es war wie eine Beschlagnahme.
+
+Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und
+Clas. Pink, pank! -- Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände
+klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben
+Minuten ein Niet -- tick tack -- pink pank.
+
+Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe
+starrte. Tedje folgte dem Blick -- und sah da unten seinen Feind stehen
+-- und -- -- die Feine ...
+
+Düwel -- und noch jemanden, den er kannte ...
+
+Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das
+nicht -- --
+
+»Verdammi, Jung -- weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de
+Köpp kregen vör Tieden!«
+
+Wahrhaftig -- sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert
+auf -- die andere ... So nahe hatte er sie -- seit seinem Versinken --
+nicht mehr gesehen ...
+
+Da hob sie den Blick -- alle drei schauten sie an der Steile des
+Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ...
+Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine
+Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch
+droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...
+
+In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust
+keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...
+
+»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser.
+
+Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes
+Fingern, sauste in die Tiefe ...
+
+Ein dreifacher Aufschrei drunten --
+
+Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das
+Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte
+schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut,
+fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.
+
+Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter -- eins aufatmend,
+dankbar, daß der Streich mißglückt -- eins grimmzerfressen,
+zähnefletschend in tückischer Wut ...
+
+»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«
+
+
+
+
+ 5
+
+
+Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die
+Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst,
+die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem
+technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere
+führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche
+im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der
+Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage
+des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie
+wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen.
+Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer
+Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal
+schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder
+scheitern.
+
+Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle
+Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte,
+das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu
+vertreiben wissen.
+
+Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und
+Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner
+verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei
+Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte
+die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue
+Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es
+heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen
+durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle
+Vorschläge über den Haufen.
+
+Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war
+doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale
+Disziplin war zum Teufel -- sie fraßen einander auf, bewucherten sich
+gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen
+Untergang hinein ...
+
+Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen
+deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese
+Menschen, dieses Volk ...
+
+Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf
+gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden
+... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den
+Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen
+lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und
+Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung
+entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last
+ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die
+Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu
+halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte
+zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.
+
+Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie
+ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse
+verbessern -- dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte
+Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem
+Herzen geregt hatte -- sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie
+einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen
+Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und
+ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte
+dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des
+Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische
+Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben,
+seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen
+und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet --. Ilses
+krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts
+Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch
+nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und
+erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit.
+Ein Rauhbein -- ein Streber -- ein Prolet -- aber ein Mann -- ein Kerl.
+
+Und Heinz Freimanns Bild verblaßte -- ward entrückt ... Die Ferne, die
+Zeit übten ihre Rechte.
+
+Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.
+
+In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste
+Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er
+wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ...
+Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum -- gleichgültig,
+was er treibt, leidet, fühlt -- es ist notwendig -- notwendig für ihn
+und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter,
+seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle
+durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger,
+entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn
+sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den
+Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber
+verhängt hat ...
+
+So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht -- so
+mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr
+feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des
+Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr
+entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...
+
+Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den
+zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen
+diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos
+jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter
+Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.
+
+
+
+
+ 6
+
+
+Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere
+Einverständnis.
+
+»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer
+Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen
+nicht, ich fühle es ...«
+
+»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle
+Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?«
+
+»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt
+... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das
+ist mehr als lieben ...«
+
+»Zwei, Bessiechen?«
+
+»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht
+kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie
+den Ring längst abgelegt ...«
+
+»Nun, und der andere?«
+
+Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.
+
+»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in
+Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...«
+
+Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich
+will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist
+ein Esel.«
+
+»Schämen Sie sich, Ilse!«
+
+»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel
+zwischen den zwei Heubündeln?«
+
+ * * * * *
+
+Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es
+besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur
+»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf
+Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie
+belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte,
+daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war
+-- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ...
+Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers
+am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann
+-- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias
+Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine
+allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long
+Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige
+Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des
+Herrn Freimann empfand.
+
+Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem
+kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje
+die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr
+neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff
+herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem
+Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas --
+nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte.
+
+Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art
+zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich
+nicht so übermütig ...«
+
+Antje war skeptisch -- sie warnte die kleine Phantastin energisch.
+»Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich
+verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden
+Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«
+
+»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann
+alles ...«
+
+Plötzlich klatschte sie in die Hände -- blieb vor einem Ladenfenster
+stehen: »Schauen Sie -- da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener
+Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen
+Sie -- was ist das für ein merkwürdiger Baum?«
+
+Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme
+... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche
+Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die
+Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.
+
+»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder,
+wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden --
+beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über
+unserm Wünschen und Hoffen steht ...«
+
+»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«
+
+»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir
+sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir
+alle ...«
+
+Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie
+böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte
+daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe
+wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...
+
+»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein
+hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem
+großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der
+Hand?«
+
+Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten
+deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der
+geflügelte Engel an seiner Spitze ...
+
+Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. -- Wie werden meine
+Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland
+...
+
+Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen
+weiter. So etwas mußte sie machen -- für ihre kleinen Freunde in den
+schlimmen Vierteln.
+
+Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit
+Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber
+dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die
+sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest
+hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das
+mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre,
+würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern
+weiden ...
+
+Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje
+gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen
+Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde
+stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen
+würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der
+Neid der Armen auf die Reichen ...
+
+Nein, man würde zu ihnen gehen -- niedersteigen wie das Christkind
+selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß
+vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr
+verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen
+kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der
+Proletariergassen -- den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen
+ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen.
+Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und
+ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein -- mit einem langen Bart --
+einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel -- und einem Besen
+unterm Arm ...
+
+Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von
+ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur
+ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine
+Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches
+kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen
+dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern
+und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll
+anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte
+einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.
+
+Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt
+hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln
+anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.
+
+Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.
+
+Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im
+Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den
+Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie
+alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte
+Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen
+wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem
+Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem
+braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?!
+
+Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch
+viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er
+aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an
+jenem Sommernachmittage gefahren war ...
+
+Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe
+am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten
+sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen
+Patschen.
+
+»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und
+hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?«
+
+Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende
+ausblieb.
+
+Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden,
+gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte
+-- und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich
+heran:
+
+»Wat wull dei Dam', Kinnings?«
+
+Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach
+aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.
+
+»+Yes, madam+,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch
+die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges +man+, braunes
+Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«
+
+Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes
+Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des
+glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen
+Seligkeit verholfen hatte ...
+
+»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick
+gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi
+ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«
+
+Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom
+schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in
+die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte -- »Fohrräder heff ick all
+männigesmol opbewohrt -- öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien'
+-- dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick
+em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e
+Gang'n is ...«
+
+In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst
+verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch.
+
+Es ging in einen stockfinsteren Gang -- Bessie schauderte und schickte
+ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut
+werd' ich dich brauchen ...
+
+»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an
+...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum
+Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein --
+für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche
+Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient
+werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht
+zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und
+scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.
+
+Nun eine Stiege hinauf -- durch einen elektrisch beleuchteten, nach
+scheußlichen Parfüms duftenden Korridor -- hier und da öffnete sich
+eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ...
+und noch einer, noch einer -- Kichern, kreischende Worte, kreischendes
+Gelächter -- Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie
+Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon
+zu spät? Schutzengel, hilf!!
+
+Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das
+in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine
+dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei
+Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden
+Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern
+Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen --
+grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen
+geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen
+Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte
+zufrieden, knickste und humpelte weiter.
+
+Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die
+Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze
+Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand
+drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein
+neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter,
+knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...
+
+Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war
+sie verloren ...
+
+»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen
+nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich
+gehen ...«
+
+Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue
+im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine
+Bedeutung.
+
+»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an
+den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will
+heraus ...«
+
+»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de
+Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du
+schast tofreden sien ...«
+
+Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang -- tauchte
+plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...
+
+Bessie erstarrte ... Das -- das war -- --
+
+Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit -- -- nur Lachen konnte retten ...
+
+Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich
+grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen -- damals!
+-- der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen
+Schnurrbärtchen -- -- den hatte sie gesucht -- und da war -- der andere
+...
+
+Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...
+
+Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der
+Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.
+
+Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel
+fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.
+
+»Dat's aber scheun, Fräulein -- dat wi uns hier wiederfinnen ...«
+
+»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei
+unser erstes Begegnung.«
+
+»Sei mich auch, Fräulein --« Tedje konnte galant werden, o ja, das
+konnte er -- »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«
+
+»Wie heißen Sie?«
+
+»Ick heit Tedje Tietgens ...«
+
+»Tiet --?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen --
+was auch heißt Tiet--«
+
+»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje --?!«
+
+»Antje -- +yes+ -- +that's it+!« Schutzengel, hab' Dank!!
+
+Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt
+eine jähe Ernüchterung. Antje -- sie kennt Antje ... Er machte eine
+Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen.
+Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die
+Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie
+häufig zusammenkomme?
+
+»Sagen Sei, Fräulein -- sind Sei am End' von Amerika?«
+
+»+Yes, yes+, ich bin ein Bürger von die +United States+ ...«
+Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem
+Köpfchen das Sternenbanner.
+
+»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen
+Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert -- beunruhigt, respektvoll
+... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem
+Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über,
+von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.
+
+»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein -- wie kamen Sei in dit Lakal
+-- un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war
+ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...
+
+»Oh -- ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann -- mit ein braunes
+Schnurrbart ...«
+
+»Na -- dat heff' ick ja ook --« versuchte Tedje zu scherzen.
+
+»Nein -- ich meine ein andres junges Mann -- was Sie kennen also ...
+damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen
+zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie
+nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr
+zwei, für meine Sache ...«
+
+»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«
+
+»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm
+...«
+
+Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun
+schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete --
+die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos
+glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern
+gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies
+Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde
+später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem
+Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei
+Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit
+... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile -- aus einem
+Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen
+Schnurrbärtchen ...
+
+In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte
+auch diesmal nicht geschlafen.
+
+
+
+
+ 7
+
+
+Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste
+Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!
+
+Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front
+waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des
+Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert
+deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die
+Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag
+auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...
+
+Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande,
+vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle,
+glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die
+Nietschlegel ...
+
+Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und
+Welterneuerungsfieber losgerungen.
+
+Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen -- und aus dem
+Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem
+Gerüst flatterte ein neues -- ein uraltes Panier.
+
+Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und
+Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende,
+welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt,
+geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.
+
+Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit
+brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst
+die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich
+zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes
+aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...
+
+Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die
+Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit --
+und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder
+zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der
+brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser,
+hingebender Arbeit ...
+
+Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende
+Tiefe das uralte Fest der Rast -- der Sammlung -- des Einklangs ...
+
+Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.
+
+ * * * * *
+
+Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille,
+müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in
+dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau
+Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes
+und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev
+Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht -- aber
+selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe
+bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man
+spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder -- man schenkte
+Genußmittel, die man sich sonst versagte -- man gab Gegenstände des
+täglichen Bedarfs ...
+
+Ach -- und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen
+aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken,
+Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde
+er sie finden ... und er würde heimkommen -- aus der geheimnisvollen
+Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen -- wie
+er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer
+aller Glaube ihn begleitet hatte.
+
+Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller,
+zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines
+Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen --
+doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...
+
+Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den
+treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner
+Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit
+seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter
+gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen
+Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne
+alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten
+Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann
+für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte
+Johanna die geplante Einladung aufgegeben.
+
+Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie
+Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war
+heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der
+Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United
+Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte,
+wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt,
+daß sie bleiben durfte. -- »Ich kann meine Studien über dies kuriose
+Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß
+Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die
+den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei
+Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem
+allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...
+
+Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt.
+Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da
+draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen -- sie
+werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob -- die
+Heiligabend-Stimmung war gerettet ...
+
+Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach
+der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im
+letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht
+eingeladen. Der Wagen war bestellt.
+
+Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren -- da
+bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung
+war da -- aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter
+saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und
+trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die
+tröstlichen Lichter.
+
+Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch
+schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung,
+Stütze hätte sein sollen -- der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig,
+ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben -- dem
+Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und
+anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten
+...
+
+Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde
+zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes
+zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.
+
+Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte
+keine Tränen.
+
+ * * * * *
+
+In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier
+Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen
+ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und
+friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen
+zu beschenken! Vollends Tedje -- Kunststück, er war seit Monaten
+der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle
+solches plötzlichen Wohlstandes -- der Junge war großjährig, hatte
+sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder
+sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen
+Schnaps, seine Ölsardinen -- ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht
+hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren
+vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut
+Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie
+auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei
+Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter
+Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem
+Gabentisch gestapelt --. »Die reinsten Friedensweihnachten --!« meinte
+Vadder Tietgens -- paff, paff -- »Dunnerslag -- wat'n Tobak!«
+
+Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen
+Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm
+Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen
+und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz
+Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche
+Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife
+mit Hornausguß für Vadder -- für Mudder eine wollene -- ja wahrhaftig,
+eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran -- er bekam als
+Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen
+wunderschönen grünen Lodenhut -- und eine in Seidenpapier gewickelte
+Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit
+einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der
+Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend
+an den Armen -- und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene
+Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach
+Bruderart harmlos gezüchtigt.
+
+Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. -- Die
+Aufschrift der Flasche lautete:
+
+»Apollinaris« ...
+
+Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten -- Klavierstücke von
+Grieg ...
+
+Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie
+Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten
+Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick:
+Wird's nun kommen -- das Erwartete -- trotz mancher Bedenken im
+geheimen doch Ersehnte?
+
+Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch -- er
+las die Aufschrift:
+
+»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«
+
+Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf
+die kam es an ...
+
+Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak -- sah aus der
+aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die
+Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen -- fühlte die
+Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm
+Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter
+Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen
+erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...
+
+Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich
+... Wohin gehörst du?
+
+Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir -- und steige wieder empor
+in die Höhen, auf denen du geboren bist -- auf denen du entbehrt und
+ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann
+aber tu's bald -- ich trag's nicht mehr ...
+
+Oder gehörst du zu uns? Dann sag's -- dann laß mich's wissen ... Ich
+bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann
+sprich ... Ich trag's nicht mehr ...
+
+Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm
+die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand
+die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete -- oft hatte er sie
+ihr vorgelesen:
+
+ »Was willst du -- noch einmal dein Köpfchen lehnen
+ an meine Brust -- ich soll mich nach dir sehnen?!«
+
+Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein
+Mädchentraum.
+
+Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte.
+Enttäuscht die Alten -- aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor
+verbissener Wut der Bruder ...
+
+Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje
+herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins
+Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen -- bei den Lästermäulern in
+allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg -- bis hinunter zu den
+Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen
+Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot
+bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine
+Gesinnungsgenossen von der S. P. D. -- Aber der Kerl war ja wohl nicht
+recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn?
+oder -- wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar -- verdammi!! eine
+andere gefunden? -- eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!
+
+Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl
+auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja
+wohl mit ihnen unter der Decke -- wie seit acht Tagen schon -- seit er
+selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen
+und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es
+kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den
+Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich
+zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren,
+die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen
+heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar -- das war doch mal
+wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf,
+Clas, Antje, Anders -- und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten
+noch 'nen Gang -- in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg
+waren sie -- und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon
+seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und
+verschwunden waren alle drei ...
+
+Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder
+kamen ...«
+
+Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen
+sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...
+
+»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich -- denn möten wi uns allein trösten
+...«
+
+»Hest jo mi, Vadder --« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes,
+dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.
+
+Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen.
+
+
+
+
+ 8
+
+
+Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der
+Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am
+fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der
+Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem
+Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder
+hatte sie Gaben besorgt -- für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht
+kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch
+die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten
+unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen
+Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte
+Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor
+im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet -- und eine
+Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im
+Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen.
+
+»Nicht gar zu sehr verwöhnen! -- Sie werden's nie wieder so gut
+bekommen -- und später immer enttäuscht und traurig sein ...«
+
+»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken
+... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben -- es
+gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert,
+sagt ihr? Es ist warm bei euch -- viel wärmer als drüben ...«
+
+Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die
+Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch
+eine Fünf-Dollarnote. So -- nun war sie aber auch völlig blank ... Gut,
+daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...
+
+Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie
+ihren Gabenkorb bekommen haben -- der arme Bobbie in seinem einsamen
+Junggesellenstübchen -- zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen
+und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die
+erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei
+an sie denken würde?! Ach nein -- er dachte gewiß an die schlanke Ilse
+-- die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ...
+Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer
+...
+
+Ach was -- an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein
+recht dicker, langohriger Esel ...
+
+An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war
+unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse
+eingeladen hatte -- die würde staunen -- und sich vielleicht doch ein
+wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes
+Töchterchen gekümmert hatte.
+
+So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und
+ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den
+Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders -- dessen Seele einmal
+Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen -- und der wunderliche
+Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem
+scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig
+er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im
+Kämmerchen ausgebreitet lag -- samt allem Zubehör: dem langen weißen
+Umhängebart -- dem Sack mit Äpfeln und Nüssen -- und der Rute für die
+unartigen Kinder ...
+
+Horch -- welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das
+Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den
+finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der
+schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die
+Kerzenbäume -- und droben, wo die Hauswände mit schwarzem Strich zu
+Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden
+Sternen beflittert ...
+
+Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön -- noch nie meinte
+die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und
+autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben.
+Glocken -- Kirchenglocken -- aber wie viele -- wie unmenschlich viele!
+
+Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß
+es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt
+um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet
+hatten -- daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend
+Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier
+Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden
+Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen
+Erdballs ...
+
+Die übriggeblieben waren -- ihr vereinter Schall war immer noch
+machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten
+Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige
+Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin
+war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen,
+rätselschweren Landes -- dieses Landes, das sie drüben das
+Hunnenland nannten -- und in dem sie nichts als gütige, schnurrige,
+traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ...
+
+Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den
+Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier -- und nicht im
+Lande der Bethlehem Steel Company ...
+
+O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang -- o Seele,
+Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit --
+des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ...
+
+Doch -- da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten
+Jungen -- die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ...
+Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen
+Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen
+staunten sie, die zwei guten Jungen ...
+
+»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr
+guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister
+Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere
+kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben
+zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind
+richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's
++confusion+!«
+
+Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und
+Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen
+Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen
+Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken
+angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um --
+klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie
+aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen,
+blind, verstaubt:
+
+»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt
+hebbt!«
+
+Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches
+Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick,
+bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht
+vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als
+sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was
+in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine
+fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein
+Schulkind -- sie litt ...
+
+Er wandte sich ab -- es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm
+seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte
+zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal
+heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche
+die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in
+die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen
+Dezembersturm immer ungelenker wurden -- und schlug die Tasten an:
+
+ »O du fröhliche,
+ o du selige,
+ gnadenbringende Weihnachtszeit ...«
+
+Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger
+glitten von den Tasten -- über den weißen Bart kollerten aus des
+Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...
+
+»Wat hebbt Sei, Clos?«
+
+»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick
+warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien
+Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien
+Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt -- un
+Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann -- öwerst nu warden
+mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz
+all sien mit dat Klavierspeelen ...«
+
+Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja
+selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ...
+
+Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind
+und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das
+Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust -- seine
+glühenden Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden
+Mädchenherzens.
+
+»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu
+fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit
+nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw -- ick gleuw ...
+Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...«
+
+Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.
+
+»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«
+
+»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd
+tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«
+
+»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich
+...«
+
+ * * * * *
+
+»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter
+Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...
+
+»Schnell, Clas, Lichter anzünden!«
+
+Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht.
+
+Und -- da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz,
+frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee -- sie trat zur Rechten
+-- und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu
+meistern.
+
+Und nun trappsten und trippelten sie herein -- auf ihren
+zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen -- ach, es waren gar ein paar
+Barfüßer dabei -- die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen,
+verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten
+Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die
+der Frost gelähmt, der Wurm zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre
+verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens
+über den Irrsinn des Leidenmüssens -- in vielen aber auch schon die
+Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und
+jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten
+Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung
+gewordenen Verbrechertums ...
+
+Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender
+Zug von Glückseligkeit -- die alle hatten dieser Weihnachtszeit
+entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen
+freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene
+Gabe -- bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet,
+keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden
+ihres Hauses geladen -- sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der
+Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt
+wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der
+Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten.
+
+Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das
+große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes,
+verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...
+
+Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah
+... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den
+blanken Stiefelchen von ihnen wollte -- wie sie dazu kam, einen Haufen
+fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen
+... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von
+ihrer Sorte ausgesucht hatte -- einen Arbeitsmann und ehemaligen
+Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine
+-- Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das
+war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H.
+T. L. tippen ging!
+
+Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch
+eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal
+-- so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern
+standen, aber ausgestopft -- und das war ein lebendiger -- zwar die
+scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher
+alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange,
+ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er
+hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das
+Schöne, daß es man Spaß war ...
+
+Ach -- und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu
+spielen ...
+
+Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig
+mit, als nun die alte Weise klang -- die wunderliebe deutsche Weise von
+der stillen, der heiligen Nacht.
+
+ * * * * *
+
+Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge,
+flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die
+gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen
+tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein
+feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im
+schmutzigen, schlüpfrigen Schnee.
+
+Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche
+der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten
+Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd,
+heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...
+
+Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan
+... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:
+
+ »Christ, der Retter ist da --
+ Christ, der Retter ist da ...«
+
+Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause
+gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen
+nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften -- ihres einsamen
+Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos,
+unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der
+Gnadenbotschaft aus der Höhe.
+
+Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten
+Klaviernachklänge verschwebten -- und stand geblendet im
+verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer
+Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller
+Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden
+Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend,
+unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige
+Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die
+Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold
+der Güte so lieblich mischte -- und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann
+vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und
+bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes
+Paar -- sieh da -- Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin
+-- mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer
+unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...
+
+Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen
+-- aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem
+jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken
+kehrend, mit der Sekretärin plauderte.
+
+Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens --
+sah wahrhaftig wie eine Dame aus -- und war doch, wenn man sich recht
+erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit
+dem sie im Wechsel mit ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der
+immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte
+-- das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar,
+die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person -- und der Matrose
+mit dem kahlgeschorenen Kopfe ...
+
+Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem
+Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar
+arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner
+Schätze behilflich zu sein -- jetzt hob der Kopf sich ein wenig -- --
+
+Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten,
+in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand --
+
+Und wieder wandte er -- er! -- wandte sich wieder an dieses Fräulein
+Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her -- es lächelte der
+weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die
+zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des
+Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich
+regten, die reine Flamme der Menschengüte.
+
+Sie -- sie ist gut zu ihm -- sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm
+Gutes tun an den Ärmsten -- und ich -- --
+
+Also hier -- hier ist er -- hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt
+der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und
+Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht --?!
+
+In Ilses Wesen löste sich etwas -- etwas Starres und Stählernes --
+etwas Stolzes und Steifes -- löste sich, fiel ab wie Schale, wie
+Schlacke -- und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward
+entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik
+ward Harfen- und Schalmeienjubel -- ein Mensch ward sich seiner
+Menschlichkeit bewußt.
+
+Und jetzt -- jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel sich
+vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur
+Tür -- -- und da sanken seine Arme am Leib herab -- und auch in seine
+Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den
+dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand.
+
+Und Blick senkte sich in Blick.
+
+Du bist's -- du -- -- hier find' ich dich -- hier bist du --! staunte
+Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen -- im Kleide der Schlichten ...
+hingegeben dem Werk der schenkenden Güte -- --
+
+Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück.
+
+Nein -- ich versteh' dich nicht -- aber ich glaube -- -- ich -- ahne
+dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ...
+begriff' erst heute, wer du bist ...
+
+Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest --
+schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über
+den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...
+
+Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen -- dieser kurze
+Blicketausch war letztes Erkennen -- ein Liebesgeständnis ... ein neues
+Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen -- inmitten
+des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte -- heiligstes
+Geheimnis dieser heiligen Nacht -- --
+
+Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden -- mit einem Ruck
+zurückverwandelt ...
+
+Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten
+aufgetaucht -- ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes
+ein Dämon des Hasses ...
+
+Nur einen Moment -- und schon war er verschwunden -- geblendet,
+hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde.
+
+
+
+
+ Viertes Buch
+
+
+
+
+ 1
+
+
+Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in
+der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés
+der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße -- das war
+seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand,
+wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen
+traf -- niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander
+gefunden. Ilse begriff nun alles -- verstand des Freundes Suchen und
+Sehnen -- wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine
+Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ...
+
+Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um
+die berußten Ziegelfronten der Neustadt -- aber durch die jagenden
+Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden
+Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige
+Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein
+Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der
+Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die
+hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre
+Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und
+durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht.
+
+»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich
+armselige Blaujacke schwerlich -- also beichte, für wen?«
+
+»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige
+Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an --
+das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines
+Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!«
+
+»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen.
+
+»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator
+Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der
+›Deutschland‹ -- doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«
+
+»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht
+wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt.
+Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch -- die
+Republik sei in Gefahr.«
+
+»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau
+und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas
+bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung
+... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«
+
+»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum
+Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder
+sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in
+diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die
+Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich -- dann kracht's auch hier, und
+ganz besonders auf unserer Werft!«
+
+»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang'
+ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche
+Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei
+jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist
+mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«
+
+Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der
+Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er
+müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe
+gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit
+Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob
+auch unsereins einmal so frei sein darf ...«
+
+»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich
+habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst
+... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun -- und was wurde weiter?
+Was sagtest du, tatest du?«
+
+»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der
+Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein
+hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle
+mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ...
+es war ein Leutnant Timmermanns -- der Bruder unseres Generaldirektors
+...«
+
+»Ah -- deines stillen Verehrers!«
+
+»Ach -- der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig
+befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die
+›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«
+
+»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger.
+»Nun -- und wie ging's aus?«
+
+»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um
+meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum
+Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in
+seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung -- da
+ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche
+Abschiedsblick -- mir gruselt noch, wenn ich daran denke ...
+ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten -- unwillkürlich zog sie den
+Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz -- und du mit solchen Kerlen
+seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen -- wie du
+das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege -- du ahnst nicht,
+wie oft ich's tu um deinetwillen -- mich ängstigen entsetzliche Bilder
+... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche
+Unternehmung ihren Zweck erreicht?«
+
+»Das hat sie längst getan, Ilse -- und ich denke, es ist nun genug. Ich
+warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab -- dann werde
+ich wieder Heinz Freimann -- und Anders Niemann wird Episode gewesen
+sein ...«
+
+»Heinz -- ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte
+ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«
+
+»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten.
+Das ist ein langes Kapitel ...«
+
+»Erzähl' mir, Heinz -- erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine
+Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin -- noch in einem ganz anderen
+Sinne als jetzt bei Vater ...«
+
+»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich
+gelernt hab'? Ich kenne nun -- oder bilde mir's wenigstens ein -- ich
+kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«
+
+»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier
+Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft -- von Seele habe ich wenig
+gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen
+-- da hast du die Arbeiterseele!«
+
+»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte
+Heinz.
+
+»Ach nein -- die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter.
+»Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan! Bedenk doch nur --
+unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«
+
+»-- die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat -- sollte das
+nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen,
+unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören
+bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung
+des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes
+-- Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums -- -- Und was
+das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge
+nur seinem leiblichen Wohl gilt -- nur bestimmt ist, seinen Wert als
+Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer
+aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige
+Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer
+hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen -- Lebensinhalt
+zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang
+der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem
+Volkstum entfremdeten -- es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat
+den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«
+
+»Und das -- das willst du --?!«
+
+»Ich will's -- solange kein anderer es tut -- kein anderer als
+vielleicht der Feind -- durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese
+Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer
+Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur,
+unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«
+
+»Also was willst du tun?«
+
+»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des
+Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich
+werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten, die
+irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder
+verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß:
+Hier ist eine ungeheure Not -- Millionen der Menschen, die unsere
+Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser
+seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun
+werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja
+jetzt auf einmal alles -- ich begreife, warum wir den Krieg verloren
+haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die
+große Prüfung über uns kam.«
+
+»Und euer berühmter Geist von 1914?«
+
+»Ein schöner Traum -- eine Vorahnung nur von -- etwas, das einmal
+kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres
+Heeres -- nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres
+ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen -- langsam,
+unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten
+Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den
+Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte -- die außerhalb
+der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht
+ausgleichen lassen -- man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So
+-- ist's gekommen.«
+
+»Und -- was soll werden?« fragte Ilse.
+
+»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein
+Deutscher ist. Daß wir zusammengehören -- über den Klüften der Bildung,
+des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies
+und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das
+alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt --
+das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen
+-- dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres
+zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen,
+nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe,
+nicht mit der Diktatur des Proletariats -- aber auch nicht mit
+Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung
+des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes
+nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen
+Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«
+
+»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft -- ist das nicht auch
+nur ein Wort, eine Theorie -- eine Phrase?!«
+
+»Es ist ein Wort -- eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem
+Ernst. »Es ist -- ~das~ Wort.«
+
+»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«
+
+»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf
+kommt es auch gar nicht an -- dazu bedarf es aller Kräfte der Nation.
+Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird.
+Ich habe sie erkannt -- und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht
+alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen
+Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns
+überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein
+amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder
+Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der
+Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner.
+Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt,
+stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans
+Köpfchen und sagt: +My flag+! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die
+Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische
+Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«
+
+»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber -- wer wird die Kraft
+haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja -- und welche Flagge
+sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei -- an der
+einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen -- und die
+andere -- die wird uns aufgezwungen ...«
+
+»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer
+unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen:
+Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz
+eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres
+einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen
+unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun.
+Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter
+Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich
+dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber
+sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt,
+scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja
+übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen
+Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich
+die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn
+ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen
+Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer
+und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das
+Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst
+du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das
+Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor
+meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden.
+Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«
+
+
+
+
+ 2
+
+
+An den St. Pauli Landungsbrücken -- ein Bild fast wie aus der
+Friedenszeit ...
+
+Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter,
+erregter, fast fieberhaft. -- -- Was einst alltäglich war, nun ist's
+ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.
+
+Ein Riese des Ozeans wird erwartet -- ach, es ist kein deutsches
+Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's -- noch nicht wieder ...
+Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der
+Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib
+aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen
+»Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens,
+dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des
+Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen
+Reiches -- -- morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.
+
+Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches
+Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male
+unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg
+anlaufen -- dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste
+Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes
+tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft -- nach der
+allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...
+
+Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne
+mit den Buchstaben »U. T. L.« -- dem Symbol erster Wiederbesinnung der
+wahnzerrissenen Menschheit.
+
+Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand
+eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie und der
+Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu
+begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten
+eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter
+seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen
+hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon
+längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große
+Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen -- und dem feierlichen
+Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte,
+daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die
+qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.
+
+Hatte sie das wirklich?!
+
+Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von
+Linie und Werft es kannten -- wer wußte, was sie wußten -- der mußte es
+billig bezweifeln.
+
+Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg -- wie
+es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.
+
+Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im
+Streik -- und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die
+Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit
+aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen
+Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...
+
+Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen
+als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten
+Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an
+das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe
+Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad
+der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen -- -- er war
+gefunden.
+
+Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von
+drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung
+entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte,
+er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution?
+Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts -- was würde er dem
+Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam -- würde sie nicht das
+Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges
+-- ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland
+immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!
+
+Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev
+Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann,
+gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren
+Mitarbeitern tauschten.
+
+Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis
+dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau
+Johanna -- und Bessie.
+
+Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr
+hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten
+Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:
+
+Heinz ist gefunden!
+
+Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht
+getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn
+die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die
+er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden
+wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz
+hinunter. Aber einst -- doch gewiß bald -- da würde er wiederkehren --
+um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt -- und vielleicht
+den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat
+-- die aus allen Deutschen Brüder machen sollte -- aus den sechzig
+Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren -- ein Reich
+-- ein Volk.
+
+So träumte Mutter Johanna ...
+
+»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie
+trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut
+hätte ...«
+
+Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie --
+du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse -- willst es
+nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein
+kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in
+einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...
+
+»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«
+
+Nein -- sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf -- ganz
+frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.
+
+Ach -- es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage,
+da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der
+Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen
+Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren
+fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte,
+Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt,
+und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene
+Jäckchen in Fetzen gerissen ...
+
+Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der
+scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.
+
+»Mama -- Bessie -- ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim
+... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten -- dann,
+meint er, sei's genug -- dann macht er Schluß mit Anders Niemann -- und
+will wieder unser sein ...«
+
+Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die
+Braut umarmt ... Aber nein -- Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu
+beherrschen, wenn andere zuschauen.
+
+»Und dann? Und dann, Ilse?«
+
+»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium
+berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des
+Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich -- es will
+mir kaum über die Lippen -- unter Anerkennung der Republik -- er, des
+Kaisers Offizier ...«
+
+Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man
+würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam -- alles andere würde sich
+finden -- diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus
+sei ihm nicht Heimat mehr ...
+
+»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr
+von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ...
++Daddy+ und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt
+mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister
+Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse -- wenn
+du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er
+hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«
+
+»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«
+
+»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind
+gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung
+... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in
+der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute
+an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses
+bieten -- sonst verlören sie das Vertrauen -- und die Vereinigung der
+beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der
+Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts
+zu tun habe, könne sie keine Löhne zahlen ... Das hatte Heinz ihm
+alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch
+geblieben ist ...«
+
+Erregung schwoll auf -- alle Hälse reckten sich ... Dort hinten,
+wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den
+hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen
+schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und
+Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der
+Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern
+der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich
+alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das
+Lotsendampferchen -- als führe die Hand eines Kindes einen tappenden
+Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.
+
+Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf
+Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt
+vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen -- ausgesperrt
+vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem
+Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen -- dem
+Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten
+Kaiserreichs ...
+
+»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser --« herrischer Fürstenmund, der
+einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung
+verstummt ...
+
+Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der
+Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's
+möglich -- täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!
+
+Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.
+
+War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief
+an die Lebensgefährtin der Browning lag --?
+
+Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes
+Antlitz.
+
+Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände
+-- drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den
+Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die
+Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte
+Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und
+auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der
+wiedererwachten Menschlichkeit.
+
+
+
+
+ 3
+
+
+Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer
+näher und näher. Unabwendbar.
+
+Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die
+tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur
+ein Vorspiel.
+
+Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph
+des Kapitalismus -- das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm
+selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor -- der Sendling des
+Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht
+vom Stapel laufen -- --
+
+Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit,
+das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft
+geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten
+bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...
+
+Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine
+starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft -- im Bunde mit
+seinen Freunden, seinen Stubengenossen!
+
+Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob
+Timmermanns -- der Werkmeisterssohn -- hatte es ersonnen. Er, der ihn
+einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen
+Hund ...
+
+Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen
+-- für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch
+... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter
+würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des
+Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.
+
+Und dann -- dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen -- und nach
+Amerika fahren -- und schwer Geld verdienen -- für die H. T. L. Für die
+Feinde -- die Kapitalisten.
+
+Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft
+hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?
+
+Nicht zu früh triumphieren -- ihr da oben im Licht!!
+
+Die »Deutschland« läuft morgen ~nicht~ vom Stapel! Die
+»Deutschland« geht heut nacht in die Luft!
+
+Und dann -- wenn alles drunter und drüber geht -- dann holt Tedje
+Tietgens sich seine Feine -- seine »Zarentochter« --!!
+
+ * * * * *
+
+In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens
+hatte nicht den Vorsitz mehr -- die Beratungen leitete im Auftrage der
+Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in
+der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den
+Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der
+lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige
+Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die
+Sowjetrubel.
+
+Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst
+unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie,
+selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen -- sie schielten
+alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken
+zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut!
+Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!!
+
+Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution
+rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte
+sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen
+Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben
+zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue
+aufzurichten in Deutschland.
+
+Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.
+
+Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die
+Laterne!
+
+Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch
+goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah -- schreien!
+Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber
+wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein
+paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren
+punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln -- dazu
+reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter!
+Der Feind, der handelt --! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein
+Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen
+-- das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit
+dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und
+drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr
+selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung
+für die Macht des Götzen, der euch alle knechtet, euch Proletarier der
+alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen
+›Deutschland‹ tragen -- eine neue Herausforderung des international
+gesinnten deutschen Proletariats -- eine neue Verherrlichung des
+Nationalismus -- dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das
+mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in
+unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern -- das sie vier Jahre
+lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig
+zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die
+Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben
+hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer
+Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!«
+
+»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die
+Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut!
+An'ne Wand dei Schufte!«
+
+»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland?
+Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes
+übrig gehabt als verblödende Arbeit -- elenden Hungerlohn -- stinkige
+Zinskasernen -- gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln -- und wenn
+eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben
+der Arbeit für die Großen -- hundert Mark Invalidenrente?!
+
+Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser
+geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!
+
+Soll's dazu kommen?!«
+
+»Nein!« brüllte die Horde.
+
+»Gut -- so sorgt mir, Genossen, ihr Entschlossenen, ihr Jungen,
+ihr, die ihr euch ekelt mit mir vor der Halbheit und Lauheit der
+Maulproletarier, der verkappten Bourgeois -- sorgt mir, daß die
+versumpfende, verrottende sogenannte ›Bewegung‹ endlich Beine bekommt,
+Flügel bekommt, Klauen und Zähne bekommt! Sorgt, daß ein Fanal
+aufglüht, ein Posaunenstoß schmettert, eine Sprengmine in die Luft geht!
+
+Es lebe die Propaganda der Tat!!«
+
+Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen -- stürzte ein Glas
+Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er
+die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.
+
+»Wat söhlt wi moken -- Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n
+Plon, Kierl -- spuck'n mol ut!«
+
+Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer
+pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort.
+
+Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf
+einmal: Wollust, Zerstörungswut -- und die gelbste, tückischste,
+stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des
+Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des
+Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.
+
+»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel --
+wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar
+stohn dree Kisten Dynamit!!«
+
+Was -- -- -- hatte er gesagt -- der Tedje?!
+
+Die »Deutschland« in die Luft blasen -- mit -- Dynamit?! -- Die -- --
+»Deutschland« --?!
+
+Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen -- glotzten blöden,
+jählings erblaßten Gesichts im Kreis -- --
+
+Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat
+reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig -- eine fratzenhafte Ausgeburt
+der Hölle ...
+
+Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu
+bestialisch ...
+
+Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen Schreckenstod
+geschaut -- seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen --
+sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es.
+
+Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken?
+
+Dragomiroff -- nun ja, Halbasien -- -- ein Tier mit Menschenantlitz und
+Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ...
+
+Aber Tedje -- --! War das möglich -- dann -- was war dann nicht zu
+fürchten -- von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen --?!
+
+Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich --
+sie -- konnten ihn dulden -- -- -- -- diesen -- diesen Plan?!
+
+Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan --
+schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu
+Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und -- -- seinem
+Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!
+
+Nein -- sie überlegten -- -- hinter dieser und jener niederen Stirn, in
+dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf -- eine
+scheußliche, quallige Zerstörungswollust ...
+
+Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen,
+Willenlosen -- stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der
+aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen
+emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen -- was
+deutsch in ihnen war. Der Osten siegte -- das Nihil ...
+
+Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman
+über Ormuzd ...
+
+»Verdammi -- ick bün dobi!!«
+
+Clas Mönkebüll hatte es gerufen -- der blauäugige Holste, der Schumann
+und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug,
+er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust
+ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ...
+
+»Ick ook! Ick ook!«
+
+Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr --
+immer mehr ...
+
+Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in
+Untat ...
+
+Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder -- die beisammenhockten, den
+scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen
+verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das --
+Chaos organisierten --
+
+Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er
+dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm
+aufreckte.
+
+Mitwisser -- dieses -- dieses Geheimnisses?! Dieses -- dieses Planes
+--!!
+
+Ja -- nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre,
+reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe
+hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender -- und sah sich plötzlich
+nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis -- er,
+Georg Freimanns Sohn.
+
+Was tun?!
+
+Die »Deutschland« -- Georg Freimann -- die H. T. L. -- die United
+Transatlantic Lines -- das Vaterland -- das alles war eins -- das alles
+wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich --
+einem Bubenstreich -- einem Satansstreich -- --
+
+Heinz -- Anders -- Mann -- Sohn -- Deutscher -- was tun?!
+
+Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins
+Hirn. Aufblick: Tedje --! Er belauert, wittert mich! Vorsicht --!!
+
+Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach
+seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!!
+Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen -- wähnte nun erst zu
+wissen, was sein Weg war -- meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der
+eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen
+Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der
+»Deutschland« ... Deutschlands ...
+
+Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz,
+ganz anders -- --
+
+Ein Spion -- -- ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des
+Geschicks -- --. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter
+Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß -- dem sie alle vertraut -- den eine
+-- -- liebte.
+
+Und nun: Denunziant -- Verräter?!
+
+Unmöglich, Heinz Freimann -- unmöglich!!
+
+Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht
+nur gescheitert -- sie wäre auch -- geschändet ... dein Sehnen zur
+scheußlichen Fratze entstellt ...
+
+Nein -- das war unmöglich -- gab's denn kein anderes Mittel, das
+Unausdenkbare zu verhindern?!
+
+Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort.
+Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.
+
+»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei
+hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei
+Inschenöre, nich blot Timmermanns -- du un du un du un ick, wi hebbt
+unsen Sweit un uns' Gedanken un -- ick kann't nicht beter seggen, wi
+hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«
+
+»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte
+Tedje.
+
+»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn!
+Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was
+dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen
+Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann
+der glorreichen Volksrepublik des Ostens?«
+
+Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm
+das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner
+Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei
+es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der
+Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk -- vom
+rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig
+schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um
+später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust,
+hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß
+Deutschland noch aufrecht stehe -- daß es Erdrosselungskrieg und
+Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ...
+Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen -- er sei ein Russe,
+ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen
+...
+
+»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel
+hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ -- is dat nich uns' Wark,
+dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!«
+
+In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut
+wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des
+Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des
+treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ...
+Und -- Tedje?!
+
+Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf --
+will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der Schleicher, der
+scheinheilige -- um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!
+
+Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen
+Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die
+verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit.
+
+»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du
+Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir
+helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der
+proletarischen Freiheit! -- Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer
+will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen
+Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur -- wer setzt sie in
+Brand?!«
+
+Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und -- -- Clas Mönkebüll ...
+
+Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden
+Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab
+ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle -- sie,
+die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von
+hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu
+erledigen. -- »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn
+die Tat geglückt ist -- dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen
+stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's
+die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die
+Propaganda der Tat!«
+
+Dann winkte er Tedje zu sich heran.
+
+»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den
+Quatschkopp, den Niemann -- der Hund ist gefährlich!«
+
+»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos
+Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl
+lot wi nich ut Sicht!«
+
+ * * * * *
+
+Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus
+seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns
+Leben, was galt selbst seine Ehre -- wo es um alles ging?! Nein -- wer
+solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...
+
+Wenn der Anschlag mißglückt -- mißglückt, weil er verraten ist -- Tedje
+Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen,
+den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen
+... und das bedeutet ein gräßliches Ende -- vielleicht ein spurloses
+Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für
+was er gestorben ist ...
+
+Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?!
+Unmöglich ...
+
+In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß
+-- alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ...
+Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick
+in der Runde -- nein -- niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck
+war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden
+Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür
+nach der andern mit kundigem Druck -- stand im Flur des Vorderhauses,
+verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder,
+die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit
+ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm,
+daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren -- daß zwei
+Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden
+waren -- in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch
+belauschen konnte ...
+
+Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...
+
+»Hier bei Senator Carstensen ...«
+
+»Hallo -- kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort -- es ist
+äußerst dringlich ...«
+
+Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte?
+
+»Ilse Carstensen ...«
+
+»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«
+
+»Unmöglich, Heinz -- du weißt doch, die Amerikaner -- in einer halben
+Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause -- ich bin gerade bei der
+Toilette ...«
+
+Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision --
+beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...
+
+»Wann kannst du dich frei machen?«
+
+»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«
+
+»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb
+zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg
+... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den
+Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist -- und in
+fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«
+
+»Ja, Heinz -- kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung --?«
+
+»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer
+Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles
+auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...«
+
+»Auf Wiedersehen ...«
+
+Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf -- spähte umher,
+ob er unbelauscht geblieben sei -- alles leer, alles still ... Völlig
+beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum
+Versteck der Verschwörung zurück und mischte sich unter die Genossen,
+die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.
+
+Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur
+des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich
+neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern
+traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.
+
+»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt
+di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp
+verdreiht hett -- den'n heff ick -- vor drei Dag heff ick'n seihn, as
+hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg
+dropen hett -- un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen
+-- un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu
+telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«
+
+»Verdammi --!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei
+-- dat uns' Anders Niemann --«
+
+»-- en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du
+dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei
+Idiotenanstalt opnehmen -- doar geheurst du hen, mien Jung!«
+
+»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!«
+
+»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick
+denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann
+odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in -- Heinz ... Im
+Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«
+
+Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn
+nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon
+gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der
+Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant
+aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos
+verschwunden?!
+
+»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!«
+
+Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm
+und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden
+Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft
+war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein -- nicht auszudenken -- ein
+Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ...
+
+»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne
+Waffe?«
+
+»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt
+mi nich weg, Tedje.«
+
+»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi
+mien Swester ...«
+
+Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er
+die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele
+das dunkle Rauschen vernommen -- das er aus den Erzählungen seiner
+Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden
+Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. --
+
+»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«
+
+»Meuglich --« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter
+Slieker, dei Anders Niemann -- ne, dei Heinz Freimann -- dei sall denn
+mit us twei tausom'n kaput gohn!!«
+
+Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz -- der
+bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden
+Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen
+konnten.
+
+»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich
+mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich
+de letzte is!«
+
+Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme -- unterirdisches Grollen
+... dies Gesicht -- verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie
+seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand,
+der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten
+-- sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein
+Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese
+Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen.
+
+»'t is recht, Clos -- wo goht wi hen?«
+
+Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied
+lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n
+ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«
+
+Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau
+überhaupt nicht wieder heraus! -- --
+
+ * * * * *
+
+Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er
+sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des
+unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein
+Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.
+
+Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn
+des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in
+Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch -- schafft auf der
+Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens
+verrückt ... Hund du -- Hund --!!
+
+Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes
+brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte
+-- irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ...
+Nein, nein -- es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts
+weiter als ein ganz gemeiner Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat
+spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch
+gelungen -- jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr
+Verstellung!
+
+Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder
+stehen lassen kann, wenn er will -- der greift nach deiner Gurgel! Wir
+lassen dich nicht aus -- sollst danebenstehen und zusehen, wie die
+stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht -- und dann -- dann bist
+du reif fürs Messer!
+
+Und wenn du nicht mitgehen willst -- wenn du Anstalten machst, Alarm
+zu schlagen, zu warnen -- dann -- schon vorher! Bei Clas bist du gut
+aufgehoben -- schon um Antjes willen --!
+
+Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?!
+Sie wird weinen -- um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte
+totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar
+Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen -- um
+den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...
+
+Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er
+ist ... Sie soll -- sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er
+unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in
+die Luft geht -- Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll
+erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an
+einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor
+Schande -- aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er
+nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.
+
+Also heim -- zu Antje ...
+
+Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große
+Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!
+
+Ah -- die Feine ...
+
+Halb zehn an unserer Gartenpforte -- du erwartest mich, steigst zu mir
+ins Auto -- --
+
+Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...
+
+Aber wie -- wenn statt seiner -- ein anderer im Auto säße --?!
+
+Düwel, Düwel -- dit wier 'n Snack --!!
+
+Mit einem Ruck blieb Tedje stehen -- mitten in einer der üblen Gassen,
+an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf
+Beute warteten.
+
+Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!
+
+Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen --
+trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...
+
+Das kommt nie wieder!
+
+Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung -- vor der
+Tat, die so leicht mißglücken kann -- -- Dynamitkisten sind keine
+Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft
+gehen ... Und vorher das da!
+
+Düwel, Düwel -- so 'n Snack!
+
+Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!
+
+War ja alles zum Lachen einfach, -- die zwei hatten's ja eingefädelt!
+
+Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den
+Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als
+Helfershelfer -- ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich
+in Stücke reißen -- schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle
+ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie --
+--
+
+Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!
+
+
+
+
+ 4
+
+
+Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen
+Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des
+»revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht.
+Und nun -- diese Abschiedsstunde ...
+
+Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige
+Stunden reinen Glücks erlebt -- wenn sie zusammen an Mudder Minings
+klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt -- und sich
+emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen
+kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun -- nun war's vielleicht das
+letztemal ...
+
+Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat
+all man half so slimm.«
+
+Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er
+zusammenzuckte.
+
+»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ...
+blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«
+
+Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich -- Woher sollte er ...
+
+Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust
+zu tragen. Er litt ohne Grenzen.
+
+»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud --?!«
+
+»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie
+die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«
+
+Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der
+er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser
+wahnwitzige, fluchwürdige Plan -- -- Ach -- wenn man ihn retten könnte
+...
+
+»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen
+hebbt ansnacken loten.«
+
+»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas
+Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um
+eine frische Füllung.
+
+»Ick nich, Clos -- ick nich ...«
+
+»Ne ... öwerst ick ...«
+
+Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er
+verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der
+Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht
+allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten
+einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über
+das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war
+unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit:
+Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden --
+und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang
+sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht -- Anders Niemann und
+Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken,
+musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens
+...
+
+Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen -- wohl war zwischen
+ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit
+gewesen ... Dennoch -- ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn
+eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes
+und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern -- ein Anfang war
+gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu
+diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der
+Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft
+aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein
+Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen
+Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte
+hineinzerren lassen?!
+
+»Clos ... segg mi, dat -- dat bliwt, dat du hüt nacht -- ick kann't un
+kann't nich gleuwen von di ...«
+
+»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.
+
+Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn
+verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel.
+Rettung! Rettung!
+
+Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache
+des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen!
+Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes
+heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren
+selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er,
+das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie
+beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem
+Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...
+
+Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich
+vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund
+genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß
+zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der
+Schwur, den jener geleistet ...
+
+»Clos -- du hest wat gegen mi -- segg't mi iehrlich, Clos!«
+
+»Ick verstoh nich ...«
+
+»Doch -- du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi --?«
+
+Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah
+dem Frager starr ins Auge und sagte:
+
+»Geben Sei sick keine Meuh -- -- Herr -- Kapitänleutnant.«
+
+Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?!
+und seit wann?!
+
+»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit
+ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe -- Heinz Freimann ward
+wiedergeboren.
+
+»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich
+will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist
+meine Hand. Ich bin dein Freund -- du hast keinen besseren. Glaub'
+mir's -- werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«
+
+»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«
+
+Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die
+verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun
+schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab,
+steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.
+
+»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n --«
+
+In seiner Hand blinkte das Messer.
+
+Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den
+Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien -- pah -- umsonst.
+Er begriff nichts -- nichts als dies eine: Er war verloren.
+
+Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten
+Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse -- solch fressendes
+Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.
+
+»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich
+töten, weil ich um euren Plan weiß -- und weil du glaubst, daß ich ihn
+verraten will. Ehrlich gestanden, ja -- ich hätte ihn verraten müssen,
+wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas -- und wenn's mich meine
+Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt -- habe euch angefleht mit
+allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter,
+nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten
+-- muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst.
+Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes
+klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst,
+ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten.
+Tu's -- aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir -- und sag' ihr,
+ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch
+nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen
+niemals berührt --!«
+
+Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und
+schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres
+Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:
+
+»Is -- dat -- wohr?! -- Is dat -- wohr --?«
+
+»So wahr ich ein braver Soldat bin -- und dein guter Kamerad, dein
+treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«
+
+Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe
+herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't
+nich dauhn ...«
+
+»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden
+Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher
+... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«
+
+»Dei kümmt -- dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes
+Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis -- krampfhaftes
+Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick
+-- mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte
+-- es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen -- aber mit einem
+krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß
+auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu -- ein schwerer
+Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. --
+
+Heinz Freimann war gefangen.
+
+
+
+
+ 5
+
+
+»Öwersnappt sünd's, Mudder -- öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.
+
+»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll
+Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as
+ji freuer arbeit' hebbt -- nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß
+köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«
+
+Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi
+den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht
+Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren
+...«
+
+Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens
+blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen -- sie
+fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres
+gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt
+seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...
+
+Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud -- ick warr doch
+hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' -- dat is nix miehr
+vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«
+
+»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man
+tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«
+
+Und dann saß sie einsam -- lauschte dem Stundenschlag der unzähligen
+Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes
+walteten -- und sann -- sann -- sann ...
+
+Nun feiern sie in der Villa Freimann -- die Glücklichen, die Reichen
+... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ...
+Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein
+an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der
+zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier
+und Phantasie bliebe?! Nein -- die Faust hatte schon recht, sich zu
+ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte
+stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ...
+die Freude ... der Stolz ...
+
+Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der
+träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur
+gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer
+ganzen Seelenmacht. -- Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft
+dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus
+Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den
+Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...
+
+Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung -- empor in
+seine helle Welt -- in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des
+triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste -- empor zu seinen
+Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse -- empor -- empor
+zu -- der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an
+Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen
+-- wie er hundertmal mit ihr geschlendert war -- mit der armen Antje ...
+
+Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden,
+in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte -- das Beste, was ein jedes
+besessen -- eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und
+Hoffnungen ...
+
+Ach ja -- einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere
+hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er,
+das mochte er -- aber dann -- dann tat sie sich doch aufs neue zwischen
+hüben und drüben auf, die ewige, die unausfüllbare Kluft zwischen
+den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines
+Staates Bürger waren -- eines Vaterlandes Kinder ...
+
+Pah -- Vaterland!!
+
+Ach -- es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten
+überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die
+»vaterlandslosen Gesellen ...«
+
+O Heinz -- du hast das alles empfunden und verstanden -- du Guter -- du
+Reiner -- du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen
+helfen, die unüberbrückbare Kluft ...
+
+Oh, wenn dir das gelänge -- ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig,
+heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk -- deine Antje
+wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in
+dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...
+
+-- Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie
+immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders --?!
+
+Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen --
+
+So blickt kein Mensch ... so blickt ein -- --
+
+»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«
+
+Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.
+
+Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen
+gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend
+von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der
+Schwester vollen Arm:
+
+»Hest 'n arg leiw -- dien'n Kierl -- nich wohr, mien Deern?«
+
+»Ick verstoh di nich, Tedje ...«
+
+Nein -- sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein
+Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas
+selten, fast nie Geschautes auf -- eine wehe Güte -- eine schmerzvolle
+Liebe ...
+
+»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' -- dat deed di weih, nich wohr,
+mien Deern?«
+
+Wunderlicher Gesell -- seine Stimme zitterte -- es stand etwas in
+seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine
+Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas
+Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.
+
+»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick -- wi gohn hüt nacht
+en sworen Gang tausomen ...«
+
+Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen -- ganz ahnungsvolles Grausen ...
+
+»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein
+wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen,
+mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so
+kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote
+Slachtfeld von dei Frieheit -- as truge Söhns von't Proletariat ...«
+
+»Um Gottes willen, Tedje -- wat hebbt ji vör?!«
+
+Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren
+Menschen angezüchtet:
+
+»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren --?!«
+
+Tedje schwieg -- ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die
+Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.
+
+»Jo -- dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«
+
+»Dat's nich wohr, Tedje -- dat's nich wohr!«
+
+»So wohr as ik hüt noch hier sitt -- un morgen vellicht nich miehr ...
+Wi hebbt sworen, Clos un ick --!«
+
+»Tedje --« schrie das Mädchen, »un Anders? -- Wat is mit Anders?!«
+
+Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse
+urweltentstiegenen Hasses.
+
+»Dien Kierl -- hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is
+hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«
+
+Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von
+Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei -- und daß er um
+halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr
+den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.
+
+»Öwerst doar hett hei keen Glück mit -- Clos Mönkebüll bliwt em op de
+Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft
+gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em
+Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«
+
+Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie
+noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.
+
+»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt
+-- dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur -- un dat hei nich wert is,
+dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«
+
+»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich -- ji dörft em nix dauhn! Ji
+kennt em nich -- öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens
+wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick
+em seih'n heff an Mudders Disch ...«
+
+»Dat -- hest du -- wußt?!«
+
+»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie
+dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann
+heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...
+
+Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der
+Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen -- im Anfang
+mit hämischem Grinsen -- dann immer gebannter ... immer verstörter.
+Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf -- eine Ahnung, ein mattes,
+ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...
+
+Nein -- nein -- das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten
+Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes,
+verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung
+hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um
+nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:
+
+»So -- nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern -- ick
+fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs,
+Swester -- ick heff di seggt, wat ick weit -- nu mok, wat du wullt ...
+grüß dei Öllern -- un wenn wi nich wedderkomen -- denn vergeet mi nich
+ganz, heurst?«
+
+Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan --
+preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit -- riß sich
+los -- stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine
+schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße
+verklang sein Schritt.
+
+An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen
+stürzten die Tränen.
+
+Was tun? Was tun?!
+
+Die »Deutschland« sabotiert -- Antje wußte, was das bedeutete. Die H.
+T. L. -- die United Transatlantic Lines -- die Hammonia-Werft -- alles
+brach zusammen. Ach -- und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen,
+gemarterten Herzens? Der Bruder -- Clas -- verloren beide ... diese
+enge, geliebte Stube -- morgen wird sie widerhallen vom Jammer der
+Verzweiflung ...
+
+Und Heinz --! Wo war er? Sie wußte es nicht -- kein Schatten einer
+Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei
+Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt -- die
+er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt -- nun waren
+sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine
+Todfeinde geworden ...
+
+Auch er -- verloren -- verloren ... und damit das letzte, was ihres
+eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.
+
+Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:
+
+Zu ihr -- zu der andern -- zu seiner Braut. Wenn einer noch retten
+konnte -- dann war sie es -- sie -- und die Menschen, die sie umgaben
+-- die Klugen, die Starken, die Mächtigen.
+
+Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe
+hinunter.
+
+Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...
+
+
+
+
+ 6
+
+
+Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die
+Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht -- in die kahlen Parks und
+Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.
+
+Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer -- sie waren freimütige
+Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch
+die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung
+flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo
+sie sich behaglich fühlten.
+
+Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische
+verteilt. Frau Johanna inmitten -- strahlend in Hoffnung und Güte.
+Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich
+manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.
+
+Hinüber und herüber flog's -- Anklagen, Bitterkeiten -- grundlose und
+tief berechtigte hüben und drüben ...
+
+Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man
+fühlte sich wieder -- man sprach sich aus ... man fing an, einander zu
+begreifen ...
+
+Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr
+Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und
+Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep,
+im Boston, im Tango ...
+
+Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine:
+Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde
+entschuldigen lassen. Die war längst herum -- aber vergebens schauten
+die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich
+die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber
+konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren,
+auf deren Fräcken -- nu jrade! -- die Eisernen Kreuze von verbrausten
+Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.
+
+Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein
+blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl.
+Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs
+Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man
+in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem
+breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden
+Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen
+Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:
+
+Bär du -- Hunnensohn -- du gefällst mir ...
+
+Musik verklingt -- Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...
+
+Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins und
+Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:
+
+»Herr Generaldirektor -- eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«
+
+»Schön -- verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte
+Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«
+
+Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft
+... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...
+
+Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten
+Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.
+
+»Fräulein Tietgens -- was gibt's?«
+
+»Herr Generaldirektor -- heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹
+in die Luft gesprengt werden.«
+
+»So -- --« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So -- -- Erzählen Sie,
+Fräulein.«
+
+»Herr Generaldirektor -- ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«
+
+»Nein -- sie hat sich vor -- es muß schon länger als eine halbe Stunde
+sein -- sie hat sich entschuldigt -- Kopfschmerzen -- ist nach Hause
+gegangen -- wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit -- mit
+der ›Deutschland‹ zu tun?«
+
+»Sie -- ist nicht -- wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon
+einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen -- man sagte mir,
+sie sei nach Hause gegangen -- ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist
+sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«
+
+Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz
+verständigen Eindruck, Fräulein -- aber alles, was Sie mir da erzählen
+-- bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen -- und sagen Sie mir kurz
+und bündig, was Sie zu sagen haben.«
+
+Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres
+Chefs.
+
+Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne
+sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.
+
+»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise
+das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf
+dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken -- Sie verstehen
+mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als -- als meinen Bruder, der
+glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein -- Ihren Herrn Chef
+werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«
+
+Er winkte dem alten Charlie -- der stand wie eine Mumie an der Saaltür,
+hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.
+
+»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn
+sprechen. Holen Sie ihn heraus -- und auch den Herrn Präsidenten. Aber
+so, daß es nicht auffällt -- verstanden?«
+
+Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang
+blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die
+Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher.
+Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte
+Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.
+
+Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte,
+schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben
+schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks -- Bessie ...
+Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?
+
+»Verdammt -- die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.
+
+Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte
+heran, streckte beide Hände aus.
+
+»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. -- Ich habe mich den
+ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie
+gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes
+mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! --
+Aber -- was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister
+Bobbie.«
+
+Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor --
+stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«
+
+»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch
+natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet,
+»gehen Sie ruhig wieder hinein -- ich komme gleich zurück, Sie haben
+mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas
+Geschäftliches mit mir zu bereden -- zu Unruhe ist nicht die leiseste
+Veranlassung ...«
+
+Umsonst -- da kamen schon die Herren -- der Leutnant, der Präsident.
+Und Bessie war nicht abzuschütteln ...
+
+»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ...
+Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«
+
+Es blieb nichts übrig -- man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht
+entgegennehmen.
+
+Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann
+seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit
+anzunehmen. Aber -- -- welche Kunde!!
+
+Die »Deutschland« in Gefahr -- Ilse verschwunden -- Heinz
+wiedergefunden, aber in höchster Not ...
+
+Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich
+zusammen -- und übernahm sofort die Führung.
+
+»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte
+von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren
+Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«
+
+Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie
+schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«
+
+»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie -- Sie werden die Ihrigen nicht
+unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut -- so bleiben Sie ... Herr
+Generaldirektor -- Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein
+Wagen wird Sie zum Hafen bringen. -- Sie alarmieren die Hafenpolizei,
+außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren
+herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«
+
+»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.
+
+»Gut -- so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen
+-- und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein
+Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«
+
+»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ...
+Aber ich fürchte, ich fürchte ...«
+
+»Was fürchten Sie?!«
+
+»Ich weiß -- daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte
+sie.
+
+»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt --«
+sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß --
+halten Sie es für möglich -- -- mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«
+
+»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden -- nur
+auf diese Weise erklären --« stammelte das gepeinigte Mädchen.
+
+»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch
+die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel -- -- Hamburg ist
+groß ...«
+
+Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.
+
+Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt
+trat sie hastig einen Schritt vor:
+
+»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen
+tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister
+Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten
+holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen
+Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und
+befreien.«
+
+Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre
+Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes --
+
+»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an --
+Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns --
+würde der Ihren Ansprüchen genügen?«
+
+Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.
+
+»Er tanzt sehr gut, dieser Herr -- er hat auch sehr viele Orden, also
+ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen -- er genügt mir. Kommen Sie,
+Mister Timmermanns.«
+
+»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann.
+»Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«
+
+»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.
+
+»Gut -- so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen -- Sohn
+tun können ...«
+
+Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.
+
+»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann
+ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte
+Möglichkeit ...«
+
+Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle
+mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher
+aber suchen wir Miß Ilse -- und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in
+die schlimmen Viertel gehen -- und Sie, Sie kennen sich aus in den
+schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde --
+dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«
+
+»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere
+Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer --«
+
+»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. -- Sie werden doch meinen
+guten +Daddy+ nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine
+Überraschungen von mir gewohnt ...«
+
+»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß
+Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«
+
+»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs
+beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück -- die dürfen
+unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven.
+Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«
+
+Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann
+zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den
+Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ...
+das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«
+
+Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der
+kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein -- ich habe in
+Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht -- aber noch nie
+mit einer Dame am Arm ...«
+
+Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter
+Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm
+ihres Kavaliers -- mit der Linken zog sie Antje an sich heran.
+
+»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß,
+wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der
+Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will
+bleiben mit ihr in diese Nacht ...«
+
+»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die
+Lage war verteufelt ernst.
+
+Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte
+ihnen entgegen.
+
+»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo
+zu finden das nächste +Police office+ ...«
+
+»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«
+
+Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten
+das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später
+sausten beide davon -- das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.
+
+Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte
+den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und
+Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es
+war nichts vorgefallen -- gar nichts.
+
+»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und
+klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz
+entzückendes Fest -- ein glückliches Omen für morgen -- und ein
+vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre
+Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr
+Deutschen ...«
+
+
+
+
+ 7
+
+
+Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen -- -- und
+sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank,
+nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem
+behüteten Bettchen daheim -- und die abscheuliche Vision abschütteln
+mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von
+einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park -- um irgendwen --
+wen nur? -- zu treffen -- von einem Auto, in das man vertrauensvoll
+einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung --
+einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch -- von mühsamer
+Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge
+und Willen stürzte ...
+
+Himmel, wie schwer der Schlaf -- wie mühsam dieser Kampf um das
+erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. -- Mein Gott
+-- wenn das alles am Ende gar kein -- Traum -- gewesen wäre -- sondern
+--
+
+Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des
+Erwachens -- nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die
+Augen auf -- -- und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt
+bis ins Mark. Nein -- der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ...
+oder -- --?!
+
+Und abermals hob sie mühsam die Lider -- -- und sah -- -- und sah -- --
+sah sich -- -- nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen
+-- nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern,
+denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war -- -- wo? Auf einem
+verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter
+Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm
+rochen ... verknitterte Samtportieren -- ein Taburett, darauf ein
+Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen -- zwei Schalen, in denen
+die Perlen leise knisternd aufstiegen ...
+
+Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten
+Schein einer roten Ampel ...
+
+Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem
+Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...
+
+Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens -- dann hatte Ilse begriffen.
+Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer
+unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände
+tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die
+hämmernden Adern zu öffnen.
+
+»Na, mien Deern -- glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick
+di seggt --?! Mien Kamroden in Rußland -- --«
+
+Seltsam -- Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein
+Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann -- ein betrunkener Gorilla ...
+Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste
+zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich -- das würde
+nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher
+Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:
+
+»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«
+
+Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen.
+Er kannte es -- aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn
+eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner
+liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben
+... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten
+versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.
+
+Da ächzte der wilde Tedje -- und in seinem fiebergeschüttelten Körper
+schäumte gieriger Lebenshunger, quälender Durst nach Helle, Glück,
+Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte.
+Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und
+Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und
+stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll
+Seele, voll Sinn ...
+
+Und wie sie da vor ihm sich auftat -- das Sinnbild seiner Träume, in
+seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos -- da fühlte, da
+wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie
+besitzen, nie -- haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein
+kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht
+lesen kann -- ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber
+verschmutzen, zerreißen, zerstampfen -- begreifen, erfassen, erleben
+kann er es nicht.
+
+Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje
+... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein
+grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel
+vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber
+nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige
+Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben,
+seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt
+seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte --
+in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu -- kaum
+Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner
+Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz
+tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre
+weltenweite Ferne ...
+
+Gut denn -- und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll --
+die Welt seiner Träume -- so soll sie wenigstens zertrümmert sein.
+
+Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt, erhob
+sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die
+Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die
+goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht
+höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die
+arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die
+blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da
+nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen
+und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend
+zersprang.
+
+Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt -- und fühlte zugleich
+eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen -- ein
+Herr im Frack -- Schutzmannshelme -- --
+
+Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung -- ein
+Griff in das aufgeschlagene Bett -- die Daunendecke flog dem
+Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte -- den
+nachdrängenden Beamten in die Arme sank -- -- und jetzt -- Höllenspuk!
+jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter
+schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte -- der Spalt schloß sich --
+
+Tedje Tietgens war verschwunden -- wie weggeweht.
+
+Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein
+Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...
+
+Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin
+Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:
+
+»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«
+
+Stumm nickte das Mädchen -- bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der
+zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt -- jetzt schwirrte ein
+helles Triumphlachen -- und da streckte Bessie der geretteten Freundin
+ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um
+den Hals ... und jetzt -- hoch lauschte Ilse auf -- durch das wirre
+Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen --
+
+Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder
+aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der
+Attentäter verschwunden war.
+
+Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die
+Mitte des Raumes ...
+
+»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen
+in'n Liew kaput ...«
+
+Und jetzt -- durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger
+Mann in einer Matrosenbluse ...
+
+»Ilse --!!«
+
+Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust.
+Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte -- weinte -- weinte.
+
+
+
+
+ 8
+
+
+Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste
+ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn
+spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen,
+stand Robert Timmermanns -- den Zylinder fest in den Nacken geschoben,
+den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein
+Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute,
+Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.
+
+»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant,
+»rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh
+sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht
+Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«
+
+»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß
+wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft
+sprengen.«
+
+Kommen wir zu spät, dachte er bei sich -- dann schieß' ich mir eine
+Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.
+
+Schade wär's doch --! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein
+bißchen nett zu werden -- das Leben. United Transatlantic Lines --
+Generaldirektor -- Stapellauf der »Deutschland« -- und ich laß mich
+hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein
+bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals
+hätte haben können ... Na -- wollen sehen ... Wenn mir von den
+Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...
+
+Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes
+zur Linken -- gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten,
+breit hingelagerten Helgengerüstes -- und darunter wie ein Gebirge
+massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« -- alles
+lag in gelassen rastendem Schweigen.
+
+Da stieß -- des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ...
+Dies Gefühl kannte er -- aus hundert Nachtgefechten ...
+
+Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann -- an seinem Hals ein
+gräßlich klaffender Schnitt -- Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ...
+Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...
+
+»Ihr Hunde --!« knirschte er, »ihr Hunde!«
+
+Weiter -- weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir
+dürfen nicht zu spät kommen! Da -- ein paar Gestalten, die sich
+niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon
+fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den
+Fliehenden drein -- weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf
+-- da sind wir am Schiffsrumpf -- steil klaftert die Eisenwand sich
+empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die
+Flut zu gleiten ...
+
+Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine
+Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die
+Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da
+steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die
+Luft zu sprengen ... Und da -- noch ein Toter -- nein, ein Sterbender
+... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein
+Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen -- hinter dieser Stirn
+hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut
+getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende
+Strahl. Er öffnet den Mund -- will etwas sagen -- aber es kommt kaum
+noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...
+
+Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.
+
+Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste
+aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren
+durchschneiden! Unnütze Vorsicht -- die haben sie nicht einmal mehr in
+Brand gekriegt -- außer der einen.
+
+Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze
+Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt
+hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt.
+Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert
+aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb
+angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht
+-- außerdem würde es einem schlecht bekommen. -- Einer ist gefallen
+-- kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja -- das ist der
+Mönkebüll.
+
+Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß
+seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse
+haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.
+
+ * * * * *
+
+Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen
+Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage
+gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den
+Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten.
+Und dann -- das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin --
+ihre Schreckensbotschaft -- Kleine Bessie -- wie mag's dir ergangen
+sein.
+
+Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem
+Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk -- und
+fiel in Träumerei. Kleine -- süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl,
+diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie
+sogar dem Präsidenten imponiert.
+
+Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine:
+Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das
+fertig bringst -- und uns unsere Ilse wiederschaffst -- dann verlange
+von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst
+in die Elbe springt -- er tut's.
+
+Kleine ... süßeste ... Bessie ...
+
+»Guten Morgen, Bob.«
+
+Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel -- eingeschlafen ... Vor ihm stand
+sein Bruder Armin -- auch er noch immer im Frack.
+
+»Erzähl'!«
+
+»Gerettet!«
+
+»Erzähl'!«
+
+»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«
+
+Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.
+
+»Entwischt -- Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht
+uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du
+meinst, er hat ihr nichts getan?«
+
+»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das
+Sektglas in die Fresse gehauen!«
+
+»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?«
+
+»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem
+seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob -- bei
+der hast du verspielt ...«
+
+Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte
+stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette
+gefällig?«
+
+»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui.
+
+»Und -- die kleine Amerikanerin?« fragte Bob -- leichthin, wie er
+meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört.
+Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ...
+
+»Weißt du, was -- ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe -- einen
+Kuß! -- Da leckst du dir die Lippen, nicht -- Bobchen?! Habe sie dann
+persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit
+Recht. Süßer kleiner Käfer -- schwärmt für dich, Bob!«
+
+Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den
+Wölkchen ihrer Zigaretten nach.
+
+»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun
+bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche
+bedeuten?«
+
+Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses
+Nächtchen.«
+
+»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher
+glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«
+
+Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es
+schafft -- ich war schon ein halber Republikaner -- aber dann mausere
+ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«
+
+»Aha -- dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So
+reden sie alle -- so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein --
+mittun -- selber handeln -- vorangehen!«
+
+»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft -- werde
+morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«
+
+»So is recht -- Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen --
+rettet ›die‹ Deutschland -- seine kleine ›Deutschland‹, und derweil
+geht das große Deutschland in die Luft -- äh -- schlappe, versumpfende
+Nation ...«
+
+»Was soll ich machen?!«
+
+»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in
+Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor
+Dämmerung unsere Waffen heran ...«
+
+»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser
+Senator Carstensen!«
+
+»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse
+das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der
+Werft zum Krawall -- so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu
+Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle
+Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden
+abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die
+Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen
+abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«
+
+Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den
+Gebeinen. Nein -- wenn sie ihm an seine Schiffe wollten -- dann hörte
+die Gemütlichkeit auf.
+
+Und dann -- die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das
+Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens
+eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.
+
+»Mein lieber Armin -- das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal
+genauer auseinandersetzen.«
+
+Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.
+
+Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.
+
+Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen
+Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.
+
+
+
+
+ 9
+
+
+Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder
+Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er
+hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen
+müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich
+fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt
+öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht
+hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein
+-- alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine
+Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der
+menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen
+Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete
+Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt
+bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.
+
+Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät
+kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll
+wird da sein ... Und »Anders Niemann« -- hahaha! Feine, den wenigstens
+kriegst du nicht wieder zu sehen -- deinen »Heinz«! Der geht mit deinem
+Schiff in die Luft!!
+
+Nur nicht zu spät kommen! ...
+
+Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte
+den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart
+gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn
+erwarten wollen.
+
+Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ...
+Aber -- warum ging's denn da drüben noch nicht los?!
+
+Horch -- ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom -- legt zu
+Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe
+hinauf -- im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle
+Gesicht des Genossen Dragomiroff.
+
+Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird
+erwidert ...
+
+»Nun?«
+
+Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du,
+Scheißkerl -- jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«
+
+Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet
+-- kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...
+
+»Allein?!« fragte Tedje heiser.
+
+»Allein --«
+
+»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll
+-- un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«
+
+»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen
+... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser --«
+
+»Na -- un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«
+
+»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits
+angezündet -- auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir
+zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ...
+Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«
+
+»Verdammi ... wat nu, Genosse?«
+
+Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.
+
+»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht,
+die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir
+wenigstens alles -- ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge
+...«
+
+Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch
+belauscht hatte -- und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund
+und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein
+Spitzel und Verräter war ...
+
+Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du -- das rettet uns
+vielleicht. Ein Spitzel -- ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- das
+ließe sich ausschlachten ... Laß sehen -- laß sehen ... Ich hab's, du
+Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß
+der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen
+wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in
+Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt.
+Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat
+mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin
+ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner
+kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar
+nicht kompromittiert -- kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst
+morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder
+Heinz Freimann erzählen -- und daß der die ganze Sabotagegeschichte
+angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird
+auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast
+du begriffen?«
+
+Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte
+ihm das Verständnis. Ein Spitzel -- der ein Jahr lang auf der Werft
+gearbeitet hat -- den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein
+Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- und jetzt, wo der Anschlag auf
+den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas
+machen.
+
+»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das
+ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen
+sei -- eines +agent provocateur+, du weißt wohl, was das ist,
+nicht wahr?«
+
+»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei
+Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' --«
+
+»-- nur ein Bluff der Weißen ist -- ein Mittel, das Bürgertum gegen
+die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für
+eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf
+morgen vereitelt wird -- daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in
+Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden
+sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken -- werden
+abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das
+erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem
+Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen
+hatte, reißt wieder ab -- ein Haupthindernis für das Übergreifen der
+Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich,
+Tedje?«
+
+Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also
+doch noch ...
+
+Aber -- wenn man ihn morgen da drüben -- wegen seines Attentats auf die
+Tochter seines Chefs -- verhaften ließe?!
+
+»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die
+Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner
+ungestraft in den Topf.«
+
+»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken -- öberkoken sall dei
+Supp -- dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«
+
+Und ich -- hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt -- der andere
+kriegt sie wenigstens auch nicht ...
+
+Hahaha -- du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der
+liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen -- mit Clas Mönkebülls
+Messer zwischen den Rippen --!!
+
+Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist -- die
+H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die
+Hammonia-Werft mit ...
+
+Und dann -- Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...
+
+Sie kommt ja doch -- kommt doch -- die Diktatur des Proletariats -- die
+Weltrevolution -- --!
+
+Die rote Seligkeit -- --!!
+
+
+
+
+ 10
+
+
+An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem
+Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.
+
+Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in
+seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank
+und Wehmut schwoll ihm das Herz.
+
+»Antje --« sagte er leise -- »Antje ... alles hast du gerettet -- die
+›Deutschland‹, die Werft -- die -- Linie -- meines Vaters Lebenswerk --
+meine Ilse -- mich selber -- alles ... Mädchen, Mädchen -- wie soll ich
+dir danken?!«
+
+Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche
+der Binnenalster kräuselte sich kaum -- der Märzsturm, vom starren
+Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste
+nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein
+flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen
+Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten
+die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.
+
+In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr -- -- euch hab'
+ich alles gerettet -- und ich?!
+
+Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht
+sitzt er hinter Schloß und Riegel -- weil er es gewagt hat, Blick und
+Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als
+Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus
+dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt --
+gottlob -- das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert.
+Nein -- diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten
+Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche
+Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus
+ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht -- -- und
+morgen früh werden die Eltern alles erfahren -- die Kammer der »drei
+Söhne« wird verödet sein -- -- für lange Zeit -- vielleicht für immer
+... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...
+
+Ach, Antje -- und dein eigenes Herz?!
+
+Er hielt, er küßte ihre Hand -- der Mann, der seit einem Jahr ihres
+Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank --
+nur aus Dank -- weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn
+gar nicht -- auch nicht im leisesten -- was er ihr bedeutete? O doch,
+er ahnte, nein, er wußte es -- mußte es wissen ...
+
+Pah -- was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft -- aus einem
+Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag -- ein
+weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung
+er ein Jahr seines Lebens gesetzt -- ein -- Studienobjekt ... Was wußte
+er von ihrer Seele -- von ihrer Liebe? Was -- verlangte er von ihr zu
+wissen?!
+
+Heinz wußte von ihr. Alles wußte er -- und daß er ihr ewiger Schuldner
+bliebe -- bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende -- alles,
+was zwischen ihnen beiden gewesen war -- dies lange, erlebnistiefe,
+schöne -- ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott -- zu Ende? War
+das möglich? Durfte das möglich sein?
+
+Denn jetzt erst -- jetzt, da es zu Ende ging -- jetzt erst, da dieses
+Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte -- jetzt
+erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht
+wie eine Freundin -- nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche -- ein
+Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.
+
+War das möglich?! Liebte er denn Ilse -- nicht?!
+
+O ja, ja -- er liebte Ilse -- heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender
+denn je ... war das -- möglich?!
+
+Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold
+für diese Erde ...
+
+Er mußte wählen -- er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog,
+das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt -- dem er so
+viel, dem er verdankte, was er niemals vergelten konnte -- das mußte
+er niederzwingen -- das durfte sie nicht einmal ahnen.
+
+Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb
+scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich
+nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles
+-- für sein Vergehen gegen Ilse -- für seinen Anteil an dem -- gottlob
+-- vereitelten Plane dieser Nacht -- für seine Wühlarbeit auf der
+Werft. Man wird für ihn sorgen -- so daß er sich emporarbeiten kann --
+er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er -- man wird ihn
+auf den rechten Weg bringen.
+
+Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den
+herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen.
+Das machte sie froh -- nur helfen konnte er ihr nicht.
+
+In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des
+einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der
+stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste.
+Seine Welt -- die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie
+-- sie wird vergessen sein -- wenn nicht morgen, dann übermorgen.
+
+Ihre Seele weinte, rang, schrie -- er hörte es nicht, sollte es ja auch
+nicht hören -- nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine
+Verwendung.
+
+Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe -- in dem langen,
+ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei --
+und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem
+Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen
+-- in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben
+dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun
+gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch
+so jung -- man wird ihn auf das Konservatorium schicken -- einen
+tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann -- dann will er selber,
+Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne
+machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre
+in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für
+die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für
+die ganze Arbeiterschaft -- mit Lichtbildern -- die sie in den Sinn
+des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es
+sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen
+Erträgnis der Werft zu beteiligen ...
+
+Er redete -- redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort
+dazwischen: »Ja -- das wär' schön --« oder: »Gewiß, das könnte viel
+Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er
+gehört der andern -- gehört ihr allein.
+
+Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje --
+-- wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!
+
+Die Polizei war hinter ihm drein -- pah, sie würde ihn nicht kriegen,
+des war sie sicher. Aber -- was tat er, was plante er sonst?! Er
+war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's
+gewollt -- sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen,
+entsetzlichen Plänen aufpeitschen -- der Genosse Dragomiroff ...
+
+Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes.
+Was würden sie aushecken in dieser Stunde -- ihr Bruder -- und der
+Russe?!
+
+Es half nichts -- sie mußte den Freund warnen ...
+
+Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien -- fragte ihn, was er
+selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er
+sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar
+nicht überlegt hatte. Das war ja selbstverständlich, daß er Antje zu
+ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück -- zum
+Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen?
+Nein -- das ist vorbei. Nun -- sein Elternhaus steht ihm ja offen --
+aber -- dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann -- --
+Und -- die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs
+ungeheuerlichste mißverstehen --?
+
+Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.
+
+»Heinz -- bedenk doch -- Dragomiroff -- und -- mein Bruder ...«
+
+»Natürlich -- sitzt die Polizei dem auf den Hacken -- er ahnt ja nicht,
+welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne
+nichts retten, als wenn -- als wenn morgen --«
+
+»-- alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer.
+»Alles drunter und drüber -- auf der Werft -- in ganz Hamburg ...«
+
+Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension
+sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen
+entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der
+Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.
+
+»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund
+durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so
+kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«
+
+»Nun gut -- so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts
+vorgefallen -- und stelle mich dem Sturm.«
+
+»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht -- die Arbeiter! Der
+leiseste Verdacht -- und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein
+-- das darfst du nicht!«
+
+Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach
+den Wall der Entsagung.
+
+Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der
+Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie
+nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer
+anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden,
+Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...
+
+O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir
+zu spielen ...
+
+Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...
+
+»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«
+
+»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen
+halten, bis alles vorbei ist ...«
+
+»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie
+den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache
+fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im
+Einverständnis gewesen sei -- werden das Ganze als ein Komplott der
+Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?!
+Nein -- das ist unmöglich -- -- ich habe die ganze Verantwortung ...
+Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen,
+darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung
+gehabt haben --«
+
+»-- was die Arbeiter aber niemals glauben werden --« warf Antje ein.
+
+»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten,
+muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor
+der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt
+hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht
+eine Tat der Provokation -- kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen --
+komme was wolle!«
+
+»Heinz, Heinz -- du bist verloren!«
+
+»Mag sein -- Früchte meines Tuns --! Ich hab' eine Maske getragen
+ein ganzes Jahr lang -- ein Dasein geführt, das ein einziger großer
+Betrug war -- und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit
+und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich
+bin ein alter Seemann und Soldat -- kein Drückeberger ... Ich werde
+mich dem Schicksal nicht aufdrängen -- aber bereit werd' ich mich
+halten. Ich werde -- -- jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen
+früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor
+Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern.
+So ist's gut -- so mach' ich's.«
+
+Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund
+beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der
+Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...
+
+Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten -- da lag die
+gigantische Rotunde des Elbtunnels -- und vor ihnen brauste der
+sturmgepeitschte Fluß -- und nun -- nun hob sich über die niederen
+Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit
+hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da -- da lag der Koloß der
+»Deutschland« -- unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine
+Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft -- die goß neuen Glauben in die
+ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.
+
+Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom
+Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens,
+deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei
+deutsche Menschen -- zwei Liebende.
+
+Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine
+Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.
+
+Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...
+
+Sie lösten sich -- sie hielten einander an den Händen. Sie suchten
+einer des andern Blick -- auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste
+ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich
+den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.
+
+Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die
+Kraft zur Entsagung finden würden.
+
+
+
+
+ 11
+
+
+Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.
+
+Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des
+Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde,
+erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ...
+Die Regierung entflohen -- oder, wie andere wissen wollten, hinter
+Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute
+nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft
+hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...
+
+Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren
+Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer,
+der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte
+wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner
+Klassengenossen.
+
+»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die
+Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji
+söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne
+söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein
+scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben
+Genossen an de Wand stellt!«
+
+Wutschreie -- Pfiffe -- geschwungene Knüppel ...
+
+Ein anderer wußte noch mehr:
+
+»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei
+Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft
+sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«
+
+»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden,
+dei Swienhund!«
+
+Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die
+Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege,
+schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während
+der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und
+hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns
+den'n Spitzel rutgeben!«
+
+»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.
+
+»Ne -- Generalstreik! Generalstreik!« --
+
+Das war das Wort der Stunde.
+
+Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.
+
+»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an,
+mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig.
+Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten -- süß
+köhnt wie Hungerpooten sugen.«
+
+Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen,
+der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.
+
+»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol
+negger bekieken!«
+
+»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat
+vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden,
+dei't heurn mag!«
+
+»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«
+
+»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen
+op de Direkschon -- un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll
+Timmermanns dat Mul stoppen!«
+
+Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht
+die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten
+Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen
+-- und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem
+Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich
+losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher,
+eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die
+»Deutschland« vom Stapel müsse, müsse -- damit der Hafen wieder
+aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die
+Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um
+Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten
+müsse, brüderlich zusammenhalten ...
+
+Umsonst -- die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die
+Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...
+
+»Generolstreik -- Generolstreik!«
+
+»Nieder mit die Reakschon!«
+
+»Es lebe das internationale Proletariat!«
+
+»Es lebe die Weltrevolution!«
+
+Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester
+Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte
+es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht
+zu.
+
+»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek
+liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«
+
+»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«
+
+Einer kam vom Eingang herangestürzt:
+
+»Jungs -- Kollegen -- weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund, dei hüt
+nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel
+west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters -- Anders Niemann hett
+hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei
+west -- Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de
+Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei
+entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann -- un is en Söhn von
+den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«
+
+Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung
+angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf
+die Schulter:
+
+»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders
+Niemann is mien Fründ -- hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en
+Johr! Dat sast du mi bewiesen! -- Wer hett di dat seggt?!«
+
+Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat
+hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«
+
+»Lagen is dat -- utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders
+Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«
+
+Umsonst -- von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche
+Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel -- ein +agent provocateur+ der
+Gegenrevolution ... ein Saboteur -- ein scheußlicher, schmutziger Spion
+und Verräter ...
+
+Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt,
+so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen
+Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.
+
+Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von
+Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen,
+Fragen, Kombinationen.
+
+Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden
+können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um
+das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen -- Stimmung für den
+Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!
+
+Aber nein -- es war ja geschossen worden auf der Werft -- und da
+standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand,
+Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel -- die Würgengel des
+Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In
+voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der
+die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit
+stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die
+gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.
+
+Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des
+Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten
+die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein
+Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik,
+ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere,
+ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die
+Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz
+der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an
+Arbeit -- die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.
+
+Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft,
+herrlich die »Deutschland« -- ein Werk von Menschenhand, doch nicht
+leblos, seelenlos -- ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des
+Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen,
+immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in
+goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der
+massigen Schwellung des Hecks trug.
+
+ * * * * *
+
+Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende
+Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches,
+quälendes Gefühl -- eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur
+ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag
+... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim -- in ihrem behüteten Bette
+... und alles, alles war gut ... sie war gerettet -- Heinz war gerettet
+... alles -- war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die
+Augen zu öffnen ...
+
+Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung --
+das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« -- großer
+Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird
+wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...
+
+Mit einem Ruck richtete sie sich auf -- und schau -- an ihrem Bette saß
+in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf
+die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen
+zurück.
+
+»Aber ich muß doch zur Werft, Mama --«
+
+»Still, Kind, still -- dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und
+ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen
+vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr
+alle zusammen zum Stapellauf -- mein Mann, ich, du, die Herren von der
+Linie, die Amerikaner ...«
+
+Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder
+betreut zu werden von Mutterhänden ...
+
+Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie
+nieder.
+
+»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe -- fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug
+...«
+
+Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden -- und dann zog Johanna
+sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.
+
+Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für
+alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an -- meines und
+seines -- unser Leben ...
+
+Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der
+Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan -- als
+Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters -- mit Stolz und
+Freude -- aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines
+gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein -- wie vor
+ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres
+Elternhauses schmückten -- wie die Carstensens sie sich im Laufe der
+Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten,
+ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...
+
+Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben -- sie wird eine Freimann
+... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier
+Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein
+zwiefach Bewährter -- ein Kriegsheld -- und hat nun auch im Leben des
+Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der
+vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland
+wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz -- vertrau' deiner Ilse ...
+Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird
+sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die
+drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt
+regieren droben im Kontor -- und in prächtigen Villen wohnen ...
+Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des
+Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje
+ist ein Tier -- aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen
+Händen? -- Diese Antje -- die seine Schwester ist ... und die Heinz
+Freimann seine Freundin nennt ...
+
+Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für
+dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen
+liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche
+bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen.
+Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war -- was wäre aus
+ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre
+verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich,
+konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen
+Menschen -- ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau'
+euch.
+
+Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem
+Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ...
+vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig
+Leitung kommt -- vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß
+Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen,
+gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom
+-- eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...
+
+Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende
+Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...
+
+ * * * * *
+
+Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der
+Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum
+um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres
+Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ...
+Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte
+Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen
+Großreeders Tochter -- Bündnis der amerikanischen und deutschen
+Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer
+weiß -- vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen
+gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle ihre
+Freunde müßten darin vorkommen -- vor allem er, der ihr so stark, so
+tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur -- der
+dicke Bobbie ... Ach Himmel -- wie mochte es dem wohl ergangen sein
+heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen -- wäre die
+»Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der
+ganzen Stadt gehört ...
+
+Ach nein -- was Bobbie anfaßt, das glückt ...
+
+Bobbie ... du armer, dummer Hunne -- du dicker, grauer Esel zwischen
+den zwei Heubündeln ...
+
+Es klopfte. »Ich bin's, Bessie -- darf ich?«
+
+»Aber gewiß, +daddy+!«
+
+Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt
+etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen,
+versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein:
+Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem
+Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt
+stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so
+ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du
+hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz
+etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«
+
+»Ach, +daddy+ --« lachte Bessie -- »was ich dir alles zu erzählen
+habe --? Du wirst staunen --!«
+
+ * * * * *
+
+Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht
+still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus
+aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im
+Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner
+Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede
+Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren
+noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie
+meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden
+Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen.
+Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.
+
+Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der
+Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors
+Timmermanns.
+
+»Wer ist am Apparat?«
+
+»Tietgens ...«
+
+»Ach, Sie, liebes Fräulein -- nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen
+der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der
+›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein
+Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«
+
+»-- Ein Werftarbeiter?! -- Wissen Sie zufällig seinen Namen?«
+
+»Doch -- auch das -- ein gewisser Mönkebüll ...«
+
+Clas -- o Gott -- mein armer, armer Clas -- nun hast du sie, deine
+»rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den
+Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme
+Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...
+
+Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der
+Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr
+werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten,
+daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen.
+Noch Fragen?
+
+»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen
+unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt
+geworden?«
+
+»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei
+ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt,
+daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird -- schon um seines
+würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters -- vor allem
+aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch
+im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie
+werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein -- seien
+Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften
+steht.«
+
+Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie
+gut ... Vielleicht war er noch zu retten -- der arme, wilde, verführte,
+der geliebte Junge ...
+
+Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine
+Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...
+
+»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme,
+den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde
+keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist
+nicht auszudenken --«
+
+»Meine Pflicht -- Herr Präsident --«
+
+»Ach was, Pflicht -- ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft
+können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich
+-- ich vollends -- Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter
+und -- mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind -- ich kann
+nicht anders ...«
+
+Er nahm das Mädchen in seine Arme -- er küßte ihre Stirn wie einer
+lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen
+Schluchzen.
+
+»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und
+verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's
+wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes,
+liebes, herrliches Mädchen ...«
+
+
+
+
+ 12
+
+
+Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und
+vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher
+Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn
+empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein
+Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ
+er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.
+
+Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem
+Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank
+für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet
+und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem
+ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief
+bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge
+Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand
+ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem
+Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen
+des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr
+auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese
+Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren -- daß nichts davon bis zu
+den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten
+sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks,
+an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu
+schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen
+von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen
+Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das
+Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar,
+den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge --?!
+
+Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses
+und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.
+
+Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er
+langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht -- so viel für
+mich getan -- daß ich -- daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen
+zu sagen -- daß Sie mit dieser Anordnung -- Ihre Kompetenzen denn doch
+erheblich überschritten haben ...«
+
+»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß --« stotterte der Riese. »Aber bei
+der Kürze der Zeit -- --«
+
+Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein
+Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn -- schnitt
+jeden Widerspruch ab.
+
+»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun,
+wo er es verantworten zu können glaubt -- ich für meine Person muß
+Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir
+auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer
+Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten
+muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die
+Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht
+eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat --
+und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem
+gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß
+meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich,
+lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede
+Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie --
+-- nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«
+
+In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr
+Senator, ich werde Sorge tragen, daß niemand sich zeigt ... ich
+werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als
+Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat -- daß nicht das
+mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus
+Ihrem Munde ...«
+
+»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«
+
+In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen
+hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.
+
+»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«
+
+Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter
+gereifte, scharfgeprägte Köpfe -- besonnene, erlesene Vertreter ihrer
+Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte
+getreue Kranführer Timm Tietgens.
+
+Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«
+
+Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in
+tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen.
+Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein
+Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle
+einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei
+überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche
+Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich
+Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so
+könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der
+angeblich Gefallene -- es werde der Name Clas Mönkebüll genannt -- sei
+ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein
+Kostgänger -- ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber
+grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei,
+daß er gefallen sei?
+
+»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die Werftleitung
+hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen -- Herr
+Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert -- es ist ihm
+gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln.
+Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden.
+Dann sind Schüsse gefallen -- man hat den Arbeiter Mönkebüll
+sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der
+›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze
+Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«
+
+Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise
+mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der
+Übereinstimmung mit dieser Tat ab.
+
+Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit
+Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen,
+als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für
+eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.
+
+Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der
+Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk
+eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters
+genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der
+Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser
+Arbeiter -- in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei -- daß
+sein Name ein angenommener sei -- daß sein Träger in Wirklichkeit
+ganz jemand anders sei -- nämlich -- -- der Sohn des Präsidenten
+der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene
+Kapitänleutnant Heinrich Freimann -- --.
+
+Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden
+unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte.
+Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da -- -- und
+eine zitternde Wut war in ihm -- gegen den jungen Mann, dem er die
+Hand seiner Tochter vertraut hatte -- -- und der legte nun durch sein
+phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen
+sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor --
+in der gleichen stummen Empörung -- ihm schoß das Blut in die Augen,
+in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu
+zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...
+
+»Ich weiß das alles --!« sagte Detlev Carstensen. »Aber -- ich weiß es
+erst seit heute nacht.«
+
+»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen
+Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der
+Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der
+Werft?«
+
+»Ja, Herr Generaldirektor.«
+
+Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen
+fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.
+
+»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«
+
+»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen
+hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der
+Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«
+
+Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein
+Beamter sollte den Auftrag erhalten -- aber die Arbeiter mischten
+sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den
+Arbeitern hinauszuschicken -- man könne für seine Person nicht bürgen.
+Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen
+Tietgens herbeizuschaffen.
+
+Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die
+Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit geschwollenen Stirnadern
+saß der alte Herr -- folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem
+Gesicht -- nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm,
+der sein Inneres schüttelte.
+
+Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm
+gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses,
+ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers
+geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung
+... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein
+scheine ...
+
+Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur
+so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes
+des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ...
+Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der
+Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt
+sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.
+
+Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war,
+der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn
+zur Rechenschaft zu ziehen.
+
+»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders
+Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt
+Ihnen das, meine Herren?«
+
+Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:
+
+»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber -- hat auch der Herr Timm
+-- der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«
+
+»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute
+nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der
+Werft gearbeitet hat.«
+
+»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben einen Bruder,
+der is im Krieg Leutnant gewesen -- dann hat er mit die Bahrenfelder
+ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er
+ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt
+haben?«
+
+Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause -- Sie können ihn
+fragen.« Das war ihm herausgerutscht -- schon bereute er.
+
+Die Arbeiter horchten hoch auf -- tuschelten erregt zusammen.
+
+»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de
+Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«
+
+»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht
+doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht
+wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.
+
+»Ja -- dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden
+fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen
+auf die Werft geschafft sünd -- un dat im Keller mehr als hundert
+Weißgardisten versteckt sünd?!«
+
+In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner
+Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein
+Alles gerettet -- jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich
+auf.
+
+»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen
+zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht
+durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer
+arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge
+verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«
+
+In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon
+willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen,
+empfand, verstand diesen Klang.
+
+Da öffnete sich die Tür -- und Tedje Tietgens trat ein.
+Hochaufgereckten Hauptes -- polternden Schritts. In seinen verwüsteten
+Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell -- Zerstörer
+-- Dämon.
+
+»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.
+
+Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje
+antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.
+
+Ja, es sei wahr -- Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die
+ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen
+Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion
+sei -- und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung
+des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen
+bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die
+Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik
+mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der
+nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.
+
+»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch
+gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die
+Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie.
+Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter -- wenigstens an die
+Verständigen unter Ihnen -- denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf,
+Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde
+länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von
+denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich,
+daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser
+aller gemeinsames Werk, vernichten wollte -- daß ihr die nicht weit
+schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für
+die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut
+nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen -- und ich hoffe
+noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis -- als auf ein
+Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird
+durch innere Zerrüttung -- daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt
+ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung -- ihr seid alle
+viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für
+Folgen haben wird -- für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle,
+für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht
+mich allein -- euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke
+Ihnen.«
+
+Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt,
+verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten
+gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber
+in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.
+
+»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den
+Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd
+nich dei Arbeiterschaft -- ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat
+wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen -- wi lat't uns nich besabbeln!
+Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«
+
+Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal
+vor:
+
+»Herr Senator -- meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat
+Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles
+... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns -- un
+mit die Waffenkisten -- dat gefällt uns nich -- un dat eine kann ich
+Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! --
+Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren --
+wer dat verseuken will, dei is unser Feind -- un gegen den'n stohn wi
+all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«
+
+ * * * * *
+
+Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster
+Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das
+Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine
+Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle
+Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen
+-- Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ...
+In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die
+unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr
+im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit
+den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt
+hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem
+die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht.
+Man würde sie niederhalten müssen -- aber überhören durfte man sie
+nicht mehr.
+
+Gut -- aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen,
+wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.
+
+Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der
+von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er
+wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte
+das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.
+
+»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«
+
+»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten
+können, an dem Stapellauf festzuhalten?«
+
+»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«
+
+»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist
+eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher
+Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie
+können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich
+die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts
+vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ...
+So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn
+einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug -- wollen
+sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort
+verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ...
+Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei
+ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es
+würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen
+würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf
+der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen
+Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie?
+Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? -- Ob Heinz hier draußen ist? Nein
+-- bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei
+uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht
+allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner
+phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich
+soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut
+geht, lieber Freimann -- so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie
+Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf
+-- sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch
+persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund -- Ob mir gut
+ist? Doch, doch, selbstverständlich -- meine Stimme -- matt? Keine Idee
+... Schluß!«
+
+Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe Müdigkeit
+nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt
+den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...
+
+»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie
+die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im
+schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh,
+daß er da ist. Können ihn mir schicken.«
+
+Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte
+es. Robert Timmermanns öffnete -- Heinz Freimann trat ein in seiner
+abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der
+verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.
+
+»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«
+
+Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein
+Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht.
+»Verantworte dich.«
+
+Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit
+Handwink zu bleiben.
+
+In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe
+hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt
+-- ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der
+Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht --
+ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden -- deren
+Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe.
+Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein.
+Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein
+Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den
+Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen,
+daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung
+gehabt -- daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein +agent
+provocateur+ der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher,
+voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht,
+beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.
+
+Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim
+knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.
+
+»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es
+ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar
+fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im
+Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ...
+Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du
+noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«
+
+Er winkte gnädig Entlassung.
+
+ * * * * *
+
+Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen
+auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel
+stattgefunden -- mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die
+Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen,
+verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die
+Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt -- die Werftleitung habe
+sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter
+versprochen -- man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den
+Stapellauf zu hintertreiben -- er müsse heut nachmittag um drei Uhr
+planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit
+Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören
+der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit
+jeder Arbeitsmöglichkeit --
+
+Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert
+--!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine
+neue Versklavung des arbeitenden Volkes -- der Bolschewismus müsse
+triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden -- die Woge der
+Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des
+Erdballs in Nationen zersplittere -- dann werde die neue Menschheit
+erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...
+
+Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im
+ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles
+in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden -- die Küche war
+glücklicherweise treulich am Werke geblieben.
+
+Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die
+Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die
+Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.
+
+Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es
+zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll
+rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften
+jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen
+in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und
+Flandernkämpfer Maschinengewehre.
+
+Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst
+funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen
+und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf,
+einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den
+alten Carstensen:
+
+»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm
+auf das Verwaltungsgebäude.«
+
+Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein Cäsar, der
+die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine
+schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.
+
+»Ihr Bruder schon zurück?«
+
+»Nein, Herr Senator.«
+
+»Gut -- ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden
+Übereilungen zu verhüten wissen.«
+
+»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«
+
+Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine
+Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen
+Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator
+der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen --
+sie sollten sich blutige Köpfe holen.
+
+Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude
+durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet
+dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front
+nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die
+Türen -- erschrockene Köpfe tauchten auf -- Direktoren, Ingenieure,
+Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah -- also doch! Man war verteidigt ...
+
+Sie mochten kommen.
+
+
+
+
+ 13
+
+
+Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang,
+welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt
+die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United
+Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen
+sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion
+der Hansa-Transatlantik-Linie mit ihren Damen, die Abgesandten des
+Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter
+fehlten noch.
+
+Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen
+weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an,
+welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor
+Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe
+... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...
+
+Endlich -- da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten
+Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes
+Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein
+... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der
+Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend
+...
+
+»Was meinen Sie -- können wir's wagen?«
+
+»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«
+
+»Also gut ... und mein Sohn?«
+
+»-- ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie
+können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«
+
+»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich
+danke Ihnen. -- Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson
+persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«
+
+»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen,
+möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu
+überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen.
+Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem
+Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los
+und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie,
+Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die
+Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall
+am Bismarck vorbei -- kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den
+Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«
+
+»Abgemacht --« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste.
+Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt,
+erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte
+einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.
+
+Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor,
+den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die
+Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen
+Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als
+Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.
+
+»+Enter, please!+« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen.
+Himmel -- wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen
+Augenblick ...
+
+Und -- da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...
+
+»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön -- Sie wollen kommen zu holen
+uns ... Nun -- was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat
+nicht ich machen sehr gut mein Sache -- diese Nacht?«
+
+»Fräulein Bessie -- Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das
+mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«
+
+»Oh -- das freut mich -- das freut mich -- +quite enormously+ ...«
+
+»Wahrhaftig -- Fräulein Bessie?«
+
+»Aber Sie, Mister Bobbie -- Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne
+...«
+
+»Wie -- meinen Sie das -- Fräulein Bessie?«
+
+»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht -- dann sind Sie noch
+viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«
+
+»-- -- Bessie -- --!!«
+
+Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein
+Püppchen an seine breite Brust.
+
+Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte -- Elias
+Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um
+seine ganze Autorität gebracht haben würde.
+
+Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand
+und zerrte ihn auf den Deutschen zu.
+
+»Deinen Segen, +daddy+, schnell -- schnell -- die Herren warten
+drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«
+
+ * * * * *
+
+Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden
+Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:
+
+Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert:
+»Heinz auf der Werft in Sicherheit -- Timmermanns ist begeistert von
+ihm ...«
+
+Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn
+man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch
+verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er
+sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute +daddy+ -- aber wann
+hatte ihm das je etwas genützt?!
+
+Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen -- glühend im Glück über so tröstliche
+Nachricht -- und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen
+auf der Werft?!
+
+Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier
+Welten -- verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des
+Besitzes ... Die schützte sie vor tausend Stößen des Lebens, denen von
+hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...
+
+Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich
+bescheiden gekleidet -- Antje Tietgens ... die Sekretärin -- heute
+von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück,
+und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der
+nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten
+Augenblick ihres Lebens ...
+
+Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der
+Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der
+Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte -- in
+seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit.
+Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit
+seinem flutenden Verkehr, die drei Türme -- zur Rechten der breit
+ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom
+lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender
+Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung --
+zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen
+Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und
+der Musikhalle ...
+
+Und jetzt -- jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes
+Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des
+Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen«
+Bunde zusammengezwungen ...
+
+Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen -- dorthin,
+wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt
+vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf
+des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein
+Volk sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines
+Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...
+
+Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die
+Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie
+Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte
+der andern Arm in stummem Gelöbnis:
+
+Zusammenhalten -- -- weil wir zusammengehören --!!
+
+
+
+
+ 14
+
+
+Sie kamen.
+
+Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der
+hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten
+sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher
+auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze
+Schattenriß der »Deutschland« -- überhöht vom breitgespannten Schirm
+des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des
+Deutschen Reiches flatterte.
+
+Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick
+des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten
+sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!
+
+Näher -- immer näher ...
+
+»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«
+
+Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes
+Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob
+er sich mit schwerfälligem Ruck.
+
+»Das -- Feuer eröffnen?! Herr Leutnant -- wir sind nicht auf dem
+Schlachtfeld -- wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht
+versucht. Wo ist Heinz Freimann?«
+
+»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«
+
+»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«
+
+Der Greis schritt zur Tür.
+
+»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns
+verständnislos.
+
+»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten.
+Geschossen wird nicht.«
+
+»Zu Befehl, Herr Senator.«
+
+Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte
+Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den
+gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in
+Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.
+
+In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp -- Studenten, junge Kaufleute
+--, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage
+ihres Führers -- des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf
+reißen sollte --. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte
+Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine
+Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende
+Gasse schritt er zum Hauptportal -- sah unbeweglich hinaus -- der
+dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen
+sein Lebenswerk heranschob.
+
+Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz -- Armin ...
+
+»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten
+Sie sich bereit -- aber nur für den äußersten Fall.«
+
+Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den
+des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe
+hinaus --
+
+Die dunkle Mauer erstarrte -- stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde
+-- dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is
+hei ja -- dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«
+
+Detlev Carstensen streckte die Rechte aus -- und abermals ward
+lastende, lauschende Stille.
+
+»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und
+gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein
+Spion -- kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt
+und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst
+noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«
+
+Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich
+bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten.
+Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt --
+ich wehre mich nicht!«
+
+Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen
+und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse
+entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte.
+Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.
+
+Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du
+Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ
+t'rügg -- Clos Mönkebüll giv mi wedder!«
+
+Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig
+zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe,
+sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu
+stürzen.
+
+Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem
+jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere
+Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der
+Leutnant im Stahlhelm -- und auch er schwang im Anlauf über seinem
+Haupte das Gewehr --.
+
+Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber.
+Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt,
+sausten nieder --.
+
+Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker -- in weitem Bogen flog des
+Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen
+Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben
+Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und
+grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.
+
+Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch
+aufgerichtet -- stieren Blicks -- das blutige Messer in der langsam
+sinkenden Hand.
+
+Da -- aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes -- ein Knall, ein
+Feuerstrahl -- Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das
+Messer fallen, fuhr nach dem Herzen -- und schon sank der mächtige
+Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.
+
+Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der
+Hand -- --.
+
+Das alles in fünf Sekunden ...
+
+Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen -- aber ein
+Aufschrei nicht der Wut, der Rache -- sondern des Entsetzens -- des
+Abscheus vor dem eigenen Tun ...
+
+Kainstat hüben, Kainstat drüben ...
+
+Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei --
+Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern
+der Opfer des Wahns -- breitete die Arme gegen seine Kameraden aus:
+»Über mich dies Blut -- schlagt mich tot!«
+
+Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige
+Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor --
+des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann,
+unhemmbar, unsühnbar ...
+
+Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der
+entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten
+hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz,
+schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz -- trat vor ihn
+hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje
+Tietgens neben ihr -- auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums
+zu decken gegen ihre Klassengenossen ...
+
+Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben
+senkten sich -- mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten
+-- Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen
+einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines
+Volkes ...
+
+Da hob Ilse die Rechte -- wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand
+sie da.
+
+Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall
+der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten
+Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...
+
+Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen
+Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter,
+Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder -- und
+dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt,
+wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich
+hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die
+Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein
+Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe!
+Laßt uns zusammenhalten -- wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit
+und Kapital, Bürger und Proletarier --! Das hat er mich gelehrt, er,
+mein Freund, unser Freund -- glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da,
+mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...«
+Ihre Stimme wollte brechen -- aber noch einmal raffte sie sich auf:
+»Versöhnung! Brüder -- Kameraden -- Versöhnung!!«
+
+Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der
+todbereite Mann stand -- geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen,
+die ihn verstanden.
+
+Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des
+Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das
+der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand
+der alte Mann -- in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide -- hoch
+in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus
+dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die
+zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster
+des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß
+war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn -- sie zwang die
+Tausende in ihren Bann.
+
+Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der
+Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines
+Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.
+
+Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.
+
+Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des
+Bruderkrieges zu zertrümmern -- schon zersplitterte Kolben um Kolben,
+flog Schaft um Schaft zuhauf -- nun stürmten Dutzende heran, dem
+Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen -- zu Hunderten
+jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes
+Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der
+Klassen, der Brüder ...
+
+Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich
+türmten inmitten -- da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu,
+die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand
+und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der
+Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der
+Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.
+
+Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen
+aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind
+eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen
+und freien Volkes -- inmitten seiner staunenden Landsleute vom
+Patterson-Konzern -- und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden --
+sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten
+Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen,
+dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...
+
+Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses
+Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu
+klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes
+Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.
+
+Mehr noch -- mehr noch -- immer mehr -- alle -- alle -- --
+
+In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten
+wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen,
+freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des
+Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid -- schwören
+ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres
+Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der
+Versöhnung, der Wiedergeburt.
+
+ * * * * *
+
+Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der
+eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die
+letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen,
+der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das
+ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich
+wälzt.
+
+Und jetzt -- jetzt ist es getan -- in erhabener Ruhe setzt die lastende
+Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des
+Deutschen Reiches ...
+
+Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm
+schweren Wandel der Riesin --
+
+Schneller, immer schneller --
+
+Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum -- nun heben sich zu jubelndem
+Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie
+bauten -- die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie
+alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...
+
+Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre
+jüngste Bezwingerin ...
+
+Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen
+Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der
+Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz,
+ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht:
+
+ ~den Namen des Landes unserer
+ Liebe~.
+
+
+
+
+ ~Walter Bloem Romane~
+
+ ~Hafis Ausgabe~
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ 10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50
+
+ 10 Halblederbände in Kassette M. 48.--
+
+
+ Jeder Band ist einzeln lieferbar
+
+ in Ganzleinen M. 3.25, in Halbleder M. 4.80
+
+
+
+
+ ~Inhalt~
+
+ Band 1: Das eiserne Jahr
+ Band 2: Volk wider Volk
+ Band 3: Die Schmiede d. Zukunft
+ Band 4: Das verlorene Vaterland
+ Band 5: Der krasse Fuchs
+ Band 6: Das jüngste Gericht
+ Band 7: Brüderlichkeit
+ Band 8: Das lockende Spiel
+ Band 9: Sonnenland
+ Band 10: Das Land unserer Liebe
+
+
+Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler,
+deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem
+Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor;
+dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen
+Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die
+Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des
+Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre
+hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut
+angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll
+tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das
+Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten.
+
+Alle diese Romane -- und nicht minder die hier unerwähnten -- können
+beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht
+nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden
+von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise
+zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem
+Volke gelten.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 ***
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+ Das Land unserer Liebe | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<hr class="r30">
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="illu-003" style="max-width: 39.0625em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="frontispiece">
+</figure>
+
+<hr class="r10">
+
+<h1>Das Land unserer Liebe</h1>
+
+<p class="s4 center">von</p>
+<p class="s2 center">Walter Bloem</p><br>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 center">46.-65. Tausend<br>
+Alle Rechte, im besondern das der Übersetzung in fremde<br>
+Sprachen, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten<br>
+Copyright 1924 by Grethlein &amp; Co. in Leipzig<br>
+Druck von G. Kreysing in Leipzig</p><br>
+</div>
+
+<p class="p2 s3 center"><em class="gesperrt">Hafis-Ausgabe</em></p>
+
+<figure class="figcenter illowe5_875" id="illu-001">
+ <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt"><b>Robert Hohlbaum</b></em></p>
+<p class="center">dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen!</p>
+</div>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<h3>1</h3>
+</div>
+<p>Um die kahlen, von harzigen Knospen geschwellten Ulmenriesen
+des Harvestehuder Weges brandete der Märzsturm. Auf den breit
+anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee.
+Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe
+herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen.</p>
+
+<p>Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des
+altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine
+geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren
+Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den
+Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben
+Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Was hoch und stolz, das fällt</div>
+ <div class="verse indent0">im Sturm der neuen Zeit —</div>
+ <div class="verse indent0">jetzt bringen wir der Welt</div>
+ <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich
+senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn.</p>
+
+<p>Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen.</p>
+
+<p>»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht —«</p>
+
+<p>»— nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Hamburg nicht zu
+reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los
+ist?«</p>
+
+<p>»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen
+immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«,
+berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die
+reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!«</p>
+
+<p>Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in
+seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel
+... Diese Zeit — dieses Volk ...</p>
+
+<p>Er straffte sich auf. »Los, Hansen!«</p>
+
+<p>Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog
+der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer
+Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der
+Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten
+der majestätischen Handelspaläste — zur Linken die im Nebel
+verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens.
+Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein
+flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte
+der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte
+voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau — seine kalmückische
+Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen
+... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen,
+wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im
+Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke — in
+verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt,
+rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den
+schiefgestülpten Feldmützen ...</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»— jetzt bringen wir der Welt</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">die rote Seligkeit —«</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<p>Stockung — Schreie — geballte Fäuste — — aber schon war's vorüber
+— ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken.</p>
+
+<p>Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf
+tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine
+neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der
+vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First
+der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des
+Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben
+Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung
+der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier
+aufgeschlagen hatte. »— die rote Seligkeit — —«</p>
+
+<p>Hatte es Sinn zu arbeiten, — — mit zusammengebissenen Zähnen zu
+kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?!</p>
+
+<p>Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug.</p>
+
+<p>Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie
+schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin — angefüllt mit
+dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr — man wurde
+beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer.</p>
+
+<p>Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem
+Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus
+grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben
+Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses
+klaren, in sich gefestigten Gesichts.</p>
+
+<p>»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission
+hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische
+Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des
+›Altreichskanzlers‹ vorgenommen — das Schiff solle heut nachmittag um
+drei Uhr in See<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe
+von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang
+leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden.</p>
+
+<p>Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne
+stützen. Längst fällige Botschaft — dennoch — unfaßbar —
+unerträglich!</p>
+
+<p>Das letzte Schiff der H. T. L. — das schönste — und das letzte!</p>
+
+<p>Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel
+gelaufen — die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft — am
+ersten August zum Glück im Heimathafen — dann, in ein Kriegsschiff
+verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee,
+Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö — nun gemäß den
+Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer
+der Welt zurückverwandelt — um als letzter Besitz der einstmals
+erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu
+werden.</p>
+
+<p>Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht
+aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der
+Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor
+Mitleid — und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele
+sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den
+Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ...</p>
+
+<p>Schäm' dich, Antje! —</p>
+
+<p>Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu
+treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu
+haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum.</p>
+
+<p>Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer,
+erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Hirn, daß
+daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des
+Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die
+Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so
+weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?</p>
+
+<p>Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk!</p>
+
+<p>Ja — es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben
+können.</p>
+
+<p>Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit!
+Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol — diese
+— — Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen
+die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins
+Elend gestürzt hatten?!</p>
+
+<p>Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des
+Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch
+einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer
+in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte
+Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren
+und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche
+als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers«
+mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der
+feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare
+Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie
+geborsten ...</p>
+
+<p>Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst
+herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel
+des Fernsprechers regierte.</p>
+
+<p>»Ah — Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja — — etwa
+gar Nachrichten von Heinz —?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie
+Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las:</p>
+
+<p>»Aus Bremerhaven — Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte
+gestatten. Heinz.«</p>
+
+<p>Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen
+Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen
+im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter
+Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser
+Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ...
+Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine,
+kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das
+Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen — für
+wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub
+eingetroffen — noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer
+Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen
+Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den
+Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um
+so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte
+Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und
+an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen,
+altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals
+die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des
+Emporsteigenden verbunden — und dem heißen Wollerblute des Ringers
+jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem
+Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...</p>
+
+<p>Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im
+Nebeneinander des Alltags — wenn's um Heinz ging, so verstanden sie
+einer des andern Gedanken.</p>
+
+<p>Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde,<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> die
+Gefangenschaft so schwer ertrug — wie wird er die Heimkehr — — die
+Heimat ertragen?!</p>
+
+<p>»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort
+auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.</p>
+
+<p>»Weiß sie's schon?« fragte Georg.</p>
+
+<p>»Einstweilen bist du noch der nächste dazu — als Vater ...«</p>
+
+<p>Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an — der zähe
+Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im
+Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen
+zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes
+eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte
+des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte,
+mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben
+hatte.</p>
+
+<p>»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte
+eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.</p>
+
+<p>Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der
+»Altreichskanzler« in See gehe.</p>
+
+<p>Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer
+Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende
+Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch
+die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft
+und Anpassung, steifer Nacken und — gelegentlich! — krummer Buckel
+so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze
+Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben — und um so
+zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur
+Unerträglichkeit — fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem
+unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem
+Jahrzehnt nicht mehr getan —<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> sie legte ganz leise den Arm um des
+Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen.</p>
+
+<p>Aber schon entwand er sich — er verstand es nicht, sich bemitleiden zu
+lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat.</p>
+
+<p>»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen
+Verlobten seines Sohnes.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen
+tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir — sie hat
+eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!«</p>
+
+<p>Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen
+Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht
+sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ...</p>
+
+<p>Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des
+Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme — den Jubel, der durch
+die verhaltene Kühle schwang — und sahen einander nicht ...</p>
+
+<p>»Na, nun gib mal her, Johanna — ich muß den alten Carstensen noch
+sprechen!«</p>
+
+<p>Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun
+plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen
+Senators Carstensen — des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie
+zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende
+der Linie hindurchgegeben.</p>
+
+<p>»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?«</p>
+
+<p>Georg Freimann biß die Zähne zusammen.</p>
+
+<p>»Wir sind nachgerade abgehärtet — wir unglückseligen Deutschen ...«</p>
+
+<p>»Das weiß der Himmel — aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr
+Junge kommt — da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig
+geworden in Deutschland. Wohl<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> ihm und Ihnen, daß in seines Vaters
+Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur — ob er mögen
+wird —?!«</p>
+
+<p>Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick
+schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick
+leise zusammenzuckte — wie unzählige Male zuvor in einem langen
+Gemeinschaftsleben.</p>
+
+<p>»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten
+Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren — von ferne
+noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann —
+unser Werk — unser zertretenes Land ...«</p>
+
+<p>»Auch ich muß hin —« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß
+das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also
+Schluß, lieber Freund — heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ —«</p>
+
+<p>»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns
+möchte Sie noch sprechen ...«</p>
+
+<p>Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund
+in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende
+Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen.
+Bob Timmermanns — gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer — die
+rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und
+Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem
+die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann
+Gestalt gewonnen hatten.</p>
+
+<p>»Hier Timmermanns ...«</p>
+
+<p>»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns — der
+›Altreichskanzler‹ —?!«</p>
+
+<p>Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache
+mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes
+Portemonnaie — die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>»Tun Sie's nicht, Timmermanns — Sie springen den Burschen ins Gesicht
+... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«</p>
+
+<p>»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher
+Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre
+den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon
+noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und
+Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber
+einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick — einen Schwur, den
+der Himmel erhören soll ... oder die Hölle — je nachdem —!«</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>2</h3>
+</div>
+
+
+<p>Der Berlin-Hamburger <em class="antiqua">D</em>-Zug schnob durch die kahlen Marschen
+von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme
+schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier
+Waggons dritter Klasse angehängt — für einen Trupp heimkehrender
+Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.</p>
+
+<p>Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den
+kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen
+Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie
+einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in
+die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in
+der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen —
+und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses
+edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen
+überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland
+weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur
+ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport
+nach Deutschland ab.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur
+solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie
+und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren
+die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem
+Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat
+entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der
+Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der
+lang entwöhnten Berufsarbeit — das alles wirkte und wühlte wohl im
+innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes
+Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder
+der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau
+waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten
+sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit
+roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im
+Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und
+Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche
+Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des
+Proletariats.</p>
+
+<p>In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten
+Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die
+Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten,
+verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um
+Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft,
+dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive
+Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem
+Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine Zukunftspläne.</p>
+
+<p>»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as
+wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige
+Mietjes ut de Fabriken. Uns'<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt
+du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi
+de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei
+danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd
+wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt
+und denn sozialisert ...«</p>
+
+<p>Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib,
+dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher
+von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder
+schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am
+werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.</p>
+
+<p>Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem
+klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und
+behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach,
+die am Gepäcknetz verstiebten.</p>
+
+<p>»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor
+sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in
+mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend
+... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich
+ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger
+nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn
+spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.«</p>
+
+<p>»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje.
+»Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt — un brukst jem
+nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst
+du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! — denn hest du s' all,
+as sei wussen sünd ...«</p>
+
+<p>Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die
+schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!«</p>
+
+<p>Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende
+Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des
+nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun:</p>
+
+<p>»Kiekt, Jungs — de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol —
+wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«</p>
+
+<p>Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von
+ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise
+waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden
+— hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet,
+das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen
+die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis
+zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre
+Arbeitsstätte vor ihnen auf — nun fröstelte jählings in ihren Seelen
+die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten
+Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des
+Daseins abgrub.</p>
+
+<p>Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und
+bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle
+hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen
+Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen
+Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte
+Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:</p>
+
+<p>»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten
+Vaterlande!«</p>
+
+<p>Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig
+wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den
+früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge
+um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der
+neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber
+man<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen — man sehnte sich
+nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den
+ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und
+der Hafen so leer ... Woher sollte da — —</p>
+
+<p>Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten
+jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über
+Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ...</p>
+
+<p>Musik zur Stelle — es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine
+Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste,
+klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das
+bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug
+der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der
+Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten
+nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft
+Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete
+an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum
+Alsterbecken hinüber:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wir bluteten vier Jahr</div>
+ <div class="verse indent0">in Schlamm und Glut und Graus</div>
+ <div class="verse indent0">für Krone, Thron, Altar —</div>
+ <div class="verse indent0">nun ist die Knechtschaft aus!</div>
+ </div>
+ <div class="verse indent0">Was hoch und stolz, das fällt</div>
+ <div class="verse indent0">im Sturm der neuen Zeit —</div>
+ <div class="verse indent0">nun bringen wir der Welt</div>
+ <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div>
+ </div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der
+Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen
+Gewimmel jener Geschäftsleute, die<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> sich im revolutionären Deutschland
+einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark
+strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine
+breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ...
+Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten
+Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt.
+Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand
+als natürliche Kriegsfolge empfunden — sein Fortbestehen nach dem
+Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen
+... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den
+seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen — und nur ein tiefes
+Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen,
+nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch
+Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten — aller tiefsten
+Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.</p>
+
+<p>Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der
+Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf
+den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders
+als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der
+Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte
+etwas — jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der
+Schiffahrt entboten hatte — das vieldutzendstimmige Heulen der
+Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer
+noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der
+Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte?
+Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während
+der Kriegsjahre so gewesen. Aber — war denn jetzt nicht Friede? Nur
+wogende Menschenmassen — alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch,
+an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> nach
+der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen — schmetterte
+marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten
+Seligkeit« ...</p>
+
+<p>Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor
+einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand — ein Matrose,
+die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen
+Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa
+stramm, als des Offiziers Auge ihn traf — den erstaunten Blick des
+Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden
+Grinsen ...</p>
+
+<p>Ach so ...</p>
+
+<p>Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit
+frechem, verwüstetem Gesicht:</p>
+
+<p>»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol
+fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un
+Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«</p>
+
+<p>Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten
+Bengel herab — ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen — aber
+schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's
+heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche, Pfiffe.</p>
+
+<p>»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n
+Liew!«</p>
+
+<p>Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der
+sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon
+war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte,
+parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm,
+rissen ihm die Waffe von der Seite — die Krone vom Ärmel, die
+Achselstücke von den Schultern — vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen
+Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient — Püffe
+regneten<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt,
+wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über
+die Augen fiel ...</p>
+
+<p>Da stand er, taumelnd, gebrochen — ein Blutrinnsel tropfte ihm übers
+Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte
+Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren
+starrten ihn an ...</p>
+
+<p>Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten — das war der
+erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort —
+fort — sich verkriechen ...</p>
+
+<p>Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu.
+Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits
+der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des
+Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ...
+Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend —</p>
+
+<p>Und stob plötzlich auseinander — spritzte nach rechts und links,
+gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß
+... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur
+der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen — taumelte
+verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der
+Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst
+und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends
+überfahren.</p>
+
+<p>Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet,
+beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut
+und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der
+feindlichen Flagge.</p>
+
+<p>Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem
+Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt,
+sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos
+durch die Massen des besiegten<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Volkes dahinrasend, zur Strecke
+gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung
+gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden
+Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur
+einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam
+aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden
+recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem
+flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Beg your pardon, Sir</em> —« sagte der Herr des Wagens zu seinem
+Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort:
+»Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich
+bringen Sie?«</p>
+
+<p>Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er
+richtete sich auf und sagte eisig ablehnend:</p>
+
+<p>»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.«</p>
+
+<p>Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um
+Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu
+dürfen, daß er den <em class="antiqua">captain</em> nach Hause fahre.</p>
+
+<p>»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine <em class="antiqua">collision</em> mit Ihre
+<em class="antiqua">countrymen</em> ...«</p>
+
+<p>»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...«</p>
+
+<p>Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der
+Amerikaner. Er ging ins Englische über:</p>
+
+<p>»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die
+Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«</p>
+
+<p>Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich
+gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am
+Wasser entlang ...«</p>
+
+<p>Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine
+Verbindlichkeit. »O — Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.</p>
+
+<p>»Oh — ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch«
+— und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich,
+daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes
+Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus
+den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen
+gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt
+— damals — in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu
+sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten
+Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher
+der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der
+Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe
+den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als
+Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen
+Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten
+Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«</p>
+
+<p>In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die
+Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an:
+Patterson-Konzern — natürlich, eine der führenden amerikanischen
+Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu
+entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter
+dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet
+sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre — die hatten von
+der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos
+ausgelöscht ...</p>
+
+<p>»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in Haltung.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht genau« — wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich
+werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> meine Sendung nicht ganz
+uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es
+ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht
+böse sein — Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche
+Geschäft vorüber ist — vielleicht machen wir dann noch ein privates
+...«</p>
+
+<p>Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des
+Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den
+braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil
+verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner
+Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt
+seiner Gattin beraten ließ.</p>
+
+<p>Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann
+... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den
+abscheulichen Empfang vergessen!«</p>
+
+<p>Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen
+werden so — nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das
+besudelte Ehrenkleid ...</p>
+
+<p>Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»O schöner Tag, wenn endlich der Soldat</div>
+ <div class="verse indent0">ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit —«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Aufschreien hätte er mögen — aufschreien ...</p>
+
+<p>Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan,
+eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe
+hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus
+erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der
+Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen,
+leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es
+doch um ihre Fassung<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich
+entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander
+all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete
+Vaterland entgegen.</p>
+
+<p>Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der
+Ehrenzeichen bemerkt und — in diesem instinktiven Wissen um das
+Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern
+alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.</p>
+
+<p>»Mein Junge du — mein Junge ... Still — bist bei mir — nun wird
+alles gut ...«</p>
+
+<p>Und da — da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr
+Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und
+begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine
+Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der
+Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen
+tiefen Anteil des vasallentreuen Greises.</p>
+
+<p>»Charlie — sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer — Bad,
+frische Wäsche, Zivil ...«</p>
+
+<p>Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles
+gleichgültig — er war da, war frei — lebte — es hatte ihn nicht
+behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte
+droben ein gnädiger Hüter ...</p>
+
+<p>Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge
+überragte.</p>
+
+<p>»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen
+Vaterland ...«</p>
+
+<p>»Still, still, Georg —« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's,
+ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht
+erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und
+angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine
+Zimmer warten, und<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du
+jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«</p>
+
+<p>Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut
+versenken — und dämmern — schweigen — leben — —</p>
+
+<p>Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg
+— grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl — und
+doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen —
+breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche
+— warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich
+verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ...</p>
+
+<p>Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit
+seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen
+sie einander in die Augen — die feuchteten sich, es zuckten die Lippen
+... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...</p>
+
+<p>»Mut, liebste Mama —« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der
+zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten — »Mut! Wir werden
+arbeiten — Heinz an seines Vaters Seite — wir kommen wieder hoch —
+wir kommen hoch!«</p>
+
+<p>Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn — das Erbteil
+eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung
+bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt
+Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar
+Atterdag das Fürchten lehrten.</p>
+
+<p>Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem
+Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen
+Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten
+Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief
+des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil,
+der den Geschmack des weiland<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Schirmherrn deutscher Handels- und
+Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ...</p>
+
+<p>Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein
+unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter
+ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes
+einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen
+Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute
+abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten
+Weltmächte in den Ozean hinaus.</p>
+
+<p>Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des
+letzten Trösters ...</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>3</h3>
+</div>
+
+
+<p>Wie alltäglich, seit die Revolution dem arbeitenden Volke den
+Achtstundentag beschert hatte, verstummte auch heute auf den
+Werften das gellende Ticktack der von Menschenfaust geschwungenen
+Niethämmer, das unablässige Schwirren um vier Uhr nachmittags. Vater
+Tietgens verschloß sorgfältig den Verschlag des riesigen Laufkrans,
+den er seit acht Jahren führte, droben auf der schwindelnden Höhe
+des weit gedehnten Krangerüstes, das sich über die ganze Breite
+der fünf vorderen Helgen der Hammonia-Werft hinzog. Freilich,
+von diesen fünf Schiffsbaustellen war jetzt nur eine belegt: ein
+Zehntausendtonnen-Passagier- und Frachtdampfer entstand dort. Den hatte
+eine neutrale Macht bestellt. Ja, ja, die Spanier — und die Holländer
+— die kennen uns ... die wissen: sie kommen ja doch wieder hoch ...
+die Deutschen ... werden wieder leistungsfähig wie vor dem großen
+Unglück ... Aber die anderen vier Helgen standen leer ... Wann würden
+sie sich wieder beleben?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>Der Vadder Tietgens da oben in seinem Laufkran — der hatte Augen
+im Kopf. Wenn's nicht bald wieder Bestellungen gab — wenn keine
+Schiffe mehr auf Helgen gelegt werden konnten — dann ging's allen
+an den Kragen — den Kapitalisten natürlich — den Eigentümern, den
+Aktionären der Werften ... aber den Handarbeitern erst recht ...
+den Hunderttausenden, die ihr Brot fanden da unten, wo am Südufer
+der Norderelbe Werft an Werft sich reckte. Und drüben die endlosen
+Arbeiterviertel in Hamburg, Altona, Ottensen! Da hausten sie in
+unzähligen Straßen und Häuserblocks, vom Erdgeschoß bis unters Dach der
+Mietkasernen — die Kollegen, die — Genossen! — mit Weib und Kind und
+Schlafburschen ... Und all das lebte — vom Hafen ... Hatte während
+des Krieges alle Hände voll Arbeit gehabt, die Taschen voll Geld. ...
+Aber nun —?! Was würde nun?! Die Kanonen waren verstummt ... der Hafen
+verödet ... die Werften so gut wie beschäftigungslos ... Himmel — wenn
+das so bliebe — was dann?!</p>
+
+<p>Oh — Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen —
+hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien
+— oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe — wo
+man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte
+— geschweige denn nachdenken. Natürlich — man war seit Jahrzehnten
+ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! —
+jedes Wort ein Evangelium — aber — man hatte auch auf der Werft eine
+Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand — so ein
+Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein
+Kopf — viele Köpfe — und nicht bloß ein paar hundert oder tausend
+stramme Fäuste. Kopf und Hand — nur zusammen konnten sie es schaffen.
+Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen
+ruhigen klaren Hirnkasten —<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und die sicheren Augen darin als die
+nicht minder verläßliche Hand?</p>
+
+<p>Freilich — man war ein Vorkämpfer seiner Klasse, der Klassenkampf
+— der mußte sein. Der Geldsack und der Kopf — die hielten zusammen
+wie Pech und Schwefel — da mußten auch die Fäuste zusammenhalten,
+sonst rückten Kopf und Geldsack nichts heraus, — als was das »eherne
+Lohngesetz« ihnen abpreßte. Und schließlich — leben will doch auch der
+Mann der harten Faust, nicht wahr? Und ein bißchen besser als das Vieh
+... man ist ja schließlich ein Mensch und kein Triebrad, kein Zapfen
+bloß im Riesengetriebe ... man will sein bißchen Behagen, sein Stück
+Fleisch und einen sauberen Rock für den Feiertag ... und abends ein
+paar Ruhestunden, in denen man aufatmen kann, sich selber gehören und
+seinen Lieben. Das ist doch nicht zuviel verlangt, he? Und nicht einmal
+das wollen sie sich abzwacken lassen, die zwei harten Verbündeten,
+Kopf und Geldsack ... also zielbewußter Klassenkampf, zielstrebige
+Organisation —! Aber: der Irrsinnsschrei aus dem Osten — Ausrottung
+der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats, »die rote Seligkeit«?!
+Nein, davon mochte er nichts hören, der alte Kranführer droben auf
+seiner blickweiten Höhe.</p>
+
+<p>Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute
+Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein
+sauber aufgestelltes Riesenspielzeug — bis an den breit hinfließenden
+Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen
+schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen,
+Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der
+gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum
+geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele
+des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war
+sein ...<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen
+und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er
+verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der
+Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug
+ihn zur Erde hinab — und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth
+des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der
+Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn
+umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung
+... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der
+Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr
+Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen
+Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon
+war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf
+das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung
+der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit
+die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit
+entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer
+aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten.</p>
+
+<p>Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen
+diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte
+sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer
+Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem
+der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte
+in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war
+mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen — tjä,
+da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder
+Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber
+dann mußte man einen Kopf<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> haben etwa wie jener Bob Timmermanns
+... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze
+der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft
+... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte
+es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als
+man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein
+wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung
+zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte
+nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister
+werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als
+Arbeitsaufseher vorgesetzt — und eine Dienstwohnung in einem der
+schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten
+Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes
+errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß
+zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für
+Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun — in der
+vollgepramsten Dampffähre — und dann die halbe Stunde tippeln bis zum
+Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige,
+barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm
+Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von
+immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen,
+diese Behausung — damals, als in ihr drei stramme Buben und ein
+hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich
+verscharrt — einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das
+Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch
+strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt
+treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine
+»Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen,
+hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> Bureaus der
+Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten
+Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte
+es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt
+bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen
+Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es
+sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste.
+Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am
+Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre
+Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu
+vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte
+sie bei Vadder und Mudder — und hatte immer ein paar Mark übrig, um
+den Eltern eine unerwartete Freude zu machen.</p>
+
+<p>Ja, Antje —! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen
+Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und
+gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des
+arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer
+der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der
+stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus
+gefunden haben müßte —? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen
+Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt
+hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger
+gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben
+in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis
+Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der
+Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener,
+hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben — und es nicht einmal zum
+Kranführer bringen — oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen,
+wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte
+...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben
+Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem
+Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen
+der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige,
+altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern
+geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen,
+glückseligen Lächeln:</p>
+
+<p>Ja, meine Antje —!</p>
+
+<p>Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm
+er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde
+lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang
+still: Das war — Tedje —!</p>
+
+<p>Er sprang die letzten Stufen hinan — riß die Tür auf und — hal mi de
+Düwel — dei Jung —!</p>
+
+<p>Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf
+den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...</p>
+
+<p>Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie
+knackten.</p>
+
+<p>»Junge, wo sühst du ut — as 'n Russ' — mit 'n groten Bort ...«</p>
+
+<p>»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder — ick bring dei grote
+Heilslehre ut'n Osten mit — Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok
+Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme
+sang er den Trutzgesang des Radikalismus:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Jetzt bringen wir der Welt</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">die rote Seligkeit!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr
+nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur
+Kaffeekanne, um seinem Letzten,<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> seinem Einzigen, einzuschenken. Da
+klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...</p>
+
+<p>»Na nu? Wat's dit —?!«</p>
+
+<p>Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein
+altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik
+machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte,
+war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als
+unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten
+kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich
+... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn
+sich neigen mußte ...</p>
+
+<p>»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus — Clos Mönkebüll
+heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft — öber
+freuher hebbt wi uns nich kennt ...«</p>
+
+<p>Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme
+aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter
+auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und
+in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk
+gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft
+nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der
+Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener
+zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen —
+und in der Regel auch im Leben zusammenhält.</p>
+
+<p>Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen,
+fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer
+... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und
+Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen
+die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im
+Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit
+unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
+
+<p>Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür
+geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort
+zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser
+Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen — ihr schlug
+das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er
+war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister
+beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für
+Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun — war es möglich,
+dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch
+die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber
+einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte — war's nicht noch ein
+viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber
+ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte
+kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die
+schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es
+entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig,
+übungsentwöhnt und hart das Spiel — es strömte dennoch von da drinnen
+eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich
+nicht entziehen konnte.</p>
+
+<p>In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang
+waren die Lauscher im Bann — dann schloß Antje dem Bruder von hinten
+mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen.</p>
+
+<p>Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der
+damenmäßigen Erscheinung der Schwester — dann glühte in seinem Blick
+etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:</p>
+
+<p>»Gottverdammi — Antje — Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte
+seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie — aufatmend
+machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und
+scheu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p>
+
+<p>»Willkamen, Tedje — endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder
+hebben!«</p>
+
+<p>Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an — doch
+ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter
+starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein
+Kamerad — aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge — eine
+kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen — und die Rechte, die er
+schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte,
+diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens
+Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein
+Heiligtum.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>4</h3>
+</div>
+
+
+<p>Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein
+Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der
+offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der
+Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche
+standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des
+älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten
+Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt,
+ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen
+der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei
+Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten
+die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote
+Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...</p>
+
+<p>Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter.
+Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich
+unbewegt — nur seine fest zusammengekniffenen<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Lippen, von tausend
+Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast.</p>
+
+<p>Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn
+hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals
+von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen
+die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein
+feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen
+Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen
+Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe«
+angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.</p>
+
+<p>Und nun geschah's:</p>
+
+<p>Die schwarz-weiß-rote Fahne sank — und an ihrer Statt stiegen die
+Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues
+Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht
+von Siegestrunkenheit — Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger
+Selbstgefälligkeit sich spreizend — und im Schutze der drei Gewaltigen
+das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des
+nackensteifen Belgien — sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten
+von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies
+eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über
+den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen
+inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch — die
+Farben des Reiches waren erloschen.</p>
+
+<p>Der »Altreichskanzler« war verloren — das letzte Schiff der deutschen
+Handelsflotte — das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und
+Wagemutes.</p>
+
+<p>Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie — der weiland
+ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<p>Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein
+Lebenswerk war zerbrochen — und mit ihm sein Leben.</p>
+
+<p>Ein einziges Mal schluchzte er auf — kurz und trocken. Da löste sich
+das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem
+Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des
+Schwiegervaters zuckenden Nacken.</p>
+
+<p>»Mut, Papa — Mut — wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe — Heinz
+ist da ...«</p>
+
+<p>Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich
+an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um
+sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er
+weiterschlummern — der Genesung, der Zukunft entgegen.</p>
+
+<p>Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich
+bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank
+nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep
+hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die
+Übernahme war vollzogen.</p>
+
+<p>Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße
+Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den
+umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin
+dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft
+durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war
+— kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder
+zuzustreben — und schwebte von dannen — immer ferner, ferner — ins
+Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche
+Traum von Größe und Weltgeltung.</p>
+
+<p>Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und
+bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand
+die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete
+auf ihrem weißen Gesicht, in<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> ihren blauen Nordlandsaugen. Immer
+höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr
+Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß
+des entschwebenden Schiffes — er maß die breite Fläche des
+schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken
+purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg.</p>
+
+<p>Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings
+glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden
+schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung — die Gewißheit der
+Wiedergeburt.</p>
+
+<p>Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem
+abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse,
+welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der
+»Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit
+raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche
+zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang — am Fuße der Treppe stehend
+schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor — das
+ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines
+Chefs.</p>
+
+<p>Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt
+wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur
+selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht.
+Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit
+einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der
+Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da
+hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor
+und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit
+war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft
+hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um
+eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
+seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem
+Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den
+blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und
+arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr
+täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu
+pflegen.</p>
+
+<p>Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen
+Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem
+ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der
+jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten
+war ...</p>
+
+<p>Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung.
+Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen.</p>
+
+<p>Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes,
+voll gemessener Zurückhaltung — und doch auch er gebannt von diesem
+herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an
+dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum
+Deiche hinan — und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des
+Augenblicks.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Good evening</em>, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit
+weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von
+Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten
+und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?«</p>
+
+<p>Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf
+Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden
+internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm
+begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen
+der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer
+Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen
+geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson
+auf mancher<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork,
+Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese
+verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft
+zertrümmert.</p>
+
+<p>Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames
+Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit
+seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark
+aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe
+seiner Verzweiflung entgegen.</p>
+
+<p>»Herr Patterson — Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«</p>
+
+<p>»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe,
+»ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen.
+Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen
+in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet — ich
+möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie
+erlauben — auf Wiedersehen morgen früh!«</p>
+
+<p>Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner
+ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen
+Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem
+»Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg
+mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb,
+um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.</p>
+
+<p>»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem
+Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte — der söffe jetzt
+Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine
+Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H.
+T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen
+Mitarbeiter<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> vertraulich die Rechte entgegen — er drückte sie, daß das
+Mädchen lachend ächzte.</p>
+
+<p>»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?«</p>
+
+<p>»Danke, Timmermanns —« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«</p>
+
+<p>»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte
+gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen
+die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer
+vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in
+Auftrag geben wird.«</p>
+
+<p>Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande.
+»Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme.
+»Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will — ich passe.«</p>
+
+<p>»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung
+des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte <em class="antiqua">a conto</em>
+Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert — das
+Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott — wie das Reich.«</p>
+
+<p>»Aber das ist ja bankrott?«</p>
+
+<p>»Solange es noch eine Notenpresse gibt« — grinste Timmermanns —
+»solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes
+gelten — solange ist das Reich nicht bankrott.«</p>
+
+<p>»Das Reich — wer ist das Reich?«</p>
+
+<p>»Die provisorische Regierung.«</p>
+
+<p>»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder
+aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.«</p>
+
+<p>»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der
+Futterkrippe herausholen müssen.«</p>
+
+<p>»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen
+dazwischen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es
+laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden.
+Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und
+meinen Dampfer?«</p>
+
+<p>Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein
+Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen — heute abend ... Aber
+nicht im Bureau — speisen Sie mit uns — Sie, Freund Carstensen,
+und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um
+unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns
+— im Wagen ist Platz.«</p>
+
+<p>Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse
+heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich
+in Villa Freimann melden.</p>
+
+<p>Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb
+zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.</p>
+
+<p>Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns —
+so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen
+dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn
+gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die
+Hansa-Transatlantik-Linie?</p>
+
+<p>Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der
+Konkurrent von drüben ...</p>
+
+<p>Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das
+Sternenbanner Platz.</p>
+
+<p>Schwarz-weiß-rot war niedergeholt.</p>
+
+<p>Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht
+an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder
+niederzuholen.«</p>
+
+<p>Es war niedergeholt — aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es
+eingerafft.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+<h3>5</h3>
+</div>
+
+
+<p>Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz
+Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch
+das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe
+zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein
+tiefes Dunkelgrün — nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf —
+jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün — und sieh — da
+entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche — versank noch
+einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels —
+und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum
+überstiebt — bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«</p>
+
+<p>Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die
+Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die
+Vergangenheit — das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart
+— die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft — über allem
+die Gnadensonne: Ilse ...</p>
+
+<p>Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer
+wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt
+aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel,
+der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe — seiner
+Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt
+seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer
+entgegengebrodelt hatte — würde sie nicht höher, immer höher steigen,
+unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem
+unglückseligsten aller Länder?!</p>
+
+<p>Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen
+feindlicher Handelsschiffe versenkt — hatte nicht gezagt, wenn das
+dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> seinen empfindlichen Tauchkahn
+in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an
+die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den
+Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und
+in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war
+das möglich?!</p>
+
+<p>Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die
+Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen — aber
+es reichte nicht. Was — wollten diese Menschen? Was wünschten, was
+erträumten sie sich?!</p>
+
+<p>Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was — liebten diese
+Menschen?!</p>
+
+<p>Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb
+bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden
+Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war
+unsauber, geistlos, eintönig — aber sie gab ihnen doch Nahrung, und
+sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht — oder
+wenigstens nicht mehr — sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem
+letzten Kampfe — der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber
+Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott,
+Heiland, jenseitiges Leben — liebten weder Engel noch Heilige, nicht
+die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine
+Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen,
+ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!</p>
+
+<p>Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde,
+die ihn am Morgen bespien und entehrt — auch in ihr erkannte er
+die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was
+sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft
+immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg — war oft
+von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> den »Kerls«
+getadelt worden — und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht
+aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich.
+Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er
+Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse — und die linkischen
+Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm
+Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm — ihm mußte solches Willkommen
+geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll — das wollte studiert,
+erkannt, begriffen sein ...</p>
+
+<p>Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der
+Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage.
+Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der
+Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war — in diesen Abgrund würde
+er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und
+grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...</p>
+
+<p>Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein.
+Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie
+ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das
+verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter
+vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine
+Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen
+Kriegsmaschine. Aber — Dame war sie geblieben, Tochter aus altem
+Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die
+vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie
+mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht.
+Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein
+flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten — über diesem
+schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die
+blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate
+der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> und
+wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich — seine Ilse?! Er
+konnte nur ahnen — und hoffen.</p>
+
+<p>Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden,
+überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar
+wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses
+Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und
+aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...</p>
+
+<p>Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben
+dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider
+sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl
+— der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten — ein
+Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der
+Braut Gruß an den Erwachenden ...</p>
+
+<p>Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine
+Lippen, legte sie auf sein Knie — und dann hob er voll Andacht das
+herrliche Instrument an sein Kinn — führte mit prüfendem Strich den
+Bogen über die Saiten — sogar gestimmt war sie! — und dann schwollen
+Töne durch die stummentrückte Kammer — die Geigenstimme des Adagio aus
+jenem Beethovenschen Streichtrio ...</p>
+
+<p>Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat
+auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes
+Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen — setzte sich
+still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz
+und Auge.</p>
+
+<p>Ja — das war noch da — das lebte — das hatten sie uns nicht nehmen
+können, konnten es nicht ...</p>
+
+<p>Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine
+Flotte gegeben hatte — das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk
+zerstoben, der stolze Traum verweht war ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Das war ewiges Deutschland ...</p>
+
+<p>Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna — schwebte heran
+wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt — und zog des Sohnes
+zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.</p>
+
+<p>»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ — der Vater, Papa Carstensen, deine
+Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen — und dann werden wir
+glücklich sein ...«</p>
+
+<p>»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der
+Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene,
+zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut
+emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein — das ist vorbei ...«</p>
+
+<p>»Still — still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben — ist das
+nicht Glückes genug?!«</p>
+
+<p>Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz — nein, du gütiges
+Mutterherz — für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht
+leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk —
+der kann nicht leben ohne Vaterland ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den
+Wänden grüßten kostbare Bilder — Meisterwerke der Oswald Achenbach,
+Trübner, Kalckreuth — sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in
+kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte
+sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der
+Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten:
+ungleich verteilt seien des Krieges Lasten — der Reiche habe sich noch
+immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das
+tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...</p>
+
+<p>»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen
+Worte lieh.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<p>Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des
+Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink — die legte die
+Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der
+Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn
+— schon griff er zu Geige und Bogen — und bald entschwebten die
+Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in
+zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu
+ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument,
+um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom
+erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit
+wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der
+Rheingauberge.</p>
+
+<p>Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander
+einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte.
+Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses
+— durfte er in dieser Stunde tändeln?!</p>
+
+<p>Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer
+Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches
+Arbeitsgemach führte — zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne,
+seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter
+Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt — darunter ein
+»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte
+Wogen hinausstürmt ...</p>
+
+<p>Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.</p>
+
+<p>Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr
+einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er
+respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte
+jetzt das erste Wort.</p>
+
+<p>Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben
+Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen
+können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen
+Handelsschiffsbaues — denn etwas anderes komme ja — vorläufig! —
+nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) —
+durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der
+Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der
+Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch
+erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern
+bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange
+gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ...
+Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter
+schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe,
+keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps
+fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord
+nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse
+gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche.
+Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die
+Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen
+Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue
+Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik,
+deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei.
+Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der
+Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt
+hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen — und
+der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das
+verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur
+Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das
+zwinge von vornherein zur Beschränkung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen
+Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der
+Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich,
+daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung
+stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der
+jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der
+Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei
+es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft
+durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen
+auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der
+internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der
+Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die
+Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein
+werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.</p>
+
+<p>Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen
+Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit,
+doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und
+zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt
+hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der
+zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut
+herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn
+eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg
+Freimanns Züge getreten.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle
+Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch
+meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen.
+Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt,
+Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines
+Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<p>»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.</p>
+
+<p>»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat
+sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich
+seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft
+entgegensehen lassen. Aber — — wir halten Rat — er musiziert.«</p>
+
+<p>»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.</p>
+
+<p>Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um
+seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:</p>
+
+<p>»Gestatten Herr Präsident, daß ich —«</p>
+
+<p>Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des
+Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem
+Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger
+— und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse
+Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da
+nicht aus dem Felde schlagen sollte ...</p>
+
+<p>Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür
+auf und platzte mitten ins Spiel hinein:</p>
+
+<p>»Herr Kapitänleutnant — Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«</p>
+
+<p>Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten
+die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit
+disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.</p>
+
+<p>»Gut — entschuldige, Ilse.«</p>
+
+<p>»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt — auch sie war durch vier
+Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen.
+Und nur Frau Johanna blieb zurück — einsam, verstört, von wirren
+Ahnungen und Ängsten bedrängt.</p>
+
+<p>Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> wies
+Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an
+des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die
+Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.</p>
+
+<p>Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise
+beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen«
+auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte
+»Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen — Tanks, deren Inneres mit dem
+Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das
+Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.</p>
+
+<p>Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die
+Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in
+Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und
+zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit,
+Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der
+neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »<em class="antiqua">democratic
+ship</em>« ...</p>
+
+<p>Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der
+Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden
+Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß
+mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte
+Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs
+neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der
+deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des
+daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.</p>
+
+<p>Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen
+hingen an Georg Freimann.</p>
+
+<p>Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender
+Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich
+fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen.
+Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie — die
+Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen
+Haar ein Jüngling — an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes,
+und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie
+die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu
+beantworten, ist an dir.«</p>
+
+<p>Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.</p>
+
+<p>»Vater — ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ — eigentlich
+sogar —« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor
+dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war
+— »eigentlich sogar deren vier. Aber — wo ist Ihre Armee, meine
+Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner Stirn.
+Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so empfängt?!«</p>
+
+<p>»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk — bei uns — und
+übrigens in aller Welt. In Dock nehmen — gründlich überholen — das
+Verrostete in den Schrott — neue Teile einsetzen! Frisch lackieren —
+und das Schiff wird wieder flott!«</p>
+
+<p>»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank — ist morsch
+bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft?
+Es muß von innen aufgebaut werden — ganz neu. Es ist ein Haufen
+Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache — keine Nation. Was helfen
+uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen
+erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken
+des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn
+Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker
+Deutschland erneuern zu<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> können. Vielleicht auch das gehört dazu —
+aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk
+nicht verstehen — nicht kennen — und darum nicht führen können — die
+Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«</p>
+
+<p>»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer
+Volksversammlung — oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt haben?!«</p>
+
+<p>Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf
+die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte
+er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter
+anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer — ein Tatsachenmensch. Dein Vater
+braucht einen Mitarbeiter — und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine
+Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst — und du stellst dich nicht an
+deines Vaters Seite — und kämpfst, solange du einen Atemzug in der
+Brust hast?!«</p>
+
+<p>»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem
+andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich
+bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen,
+wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn
+ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals
+werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden
+sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«</p>
+
+<p>»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine
+Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der
+sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«</p>
+
+<p>»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ...
+Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht
+ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn
+des alten Getriebes, an dessen Ende diese<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> schreckliche Katastrophe
+gestanden hat — damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie
+nichts schaffen können — die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem
+zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem
+Kriege da — er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt
+geworden — eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer
+Höllenglut emporgeschürt — die kommende Not wird ihn zu noch weit
+gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt
+haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so
+angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen —
+eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen
+unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins — daß eine einfache
+Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und
+Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden
+— nicht neue Schiffstypen — neue Menschentypen tun uns not.«</p>
+
+<p>»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten
+Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch
+und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren.
+Was beabsichtigt die Linie zu tun?«</p>
+
+<p>Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann
+sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das
+Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung — und
+später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre
+Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns,
+entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren
+— und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle
+mich ein wenig angegriffen — Sie werden das verstehen — nach den
+tragischen und — na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«</p>
+
+<p>Heinz hatte Ilses Auge gesucht und — nicht gefunden. Es<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> blieb auch
+abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber
+straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.</p>
+
+<p>»Ilse —!«</p>
+
+<p>»Du bist müd', Heinz — das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das
+Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen — der gemeinsame Zug
+dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen — den Erben
+der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus
+Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter
+Johanna und flüsterte ihr zu:</p>
+
+<p>»Gib acht auf Papa, Muttchen — ich hab' Angst um ihn ...«</p>
+
+<p>Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter
+verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten
+Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt
+— überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da
+drinnen saß ein Einsamer — und der war ihr Lebensgefährte ... sie
+hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie
+ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte — seinem
+Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!</p>
+
+<p>Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem
+sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem
+Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus
+innersten Tiefen sprach: Schuldig — du bist schuldig!</p>
+
+<p>Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte
+— so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und
+berufen war — — das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...</p>
+
+<p>Daß der da drinnen einsam war — einsam in dieser Zeit, die den
+Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Lebenssiege
+über sein aufrechtes Haupt beschworen — das war ihre, das war der
+Gattin Schuld ...</p>
+
+<p>Nein, Georg — einsam sollst du nicht länger sein ...</p>
+
+<p>Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und
+schrieb — oder hatte wenigstens geschrieben — eine einzige Zeile nur
+... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau
+trat behutsam näher — der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten
+Gang zur Unhörbarkeit.</p>
+
+<p>Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.</p>
+
+<p>»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und
+ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih,
+verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht
+... Komm — wollen alles zusammen tragen — alles zusammen ...«</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>6</h3>
+</div>
+
+
+<p>Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern,
+Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand
+er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten
+und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner
+Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika
+an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige
+Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen
+gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter
+Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven
+Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen
+Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der
+Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Monarchisten, war
+einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten,
+durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der
+umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin
+angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose
+schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.</p>
+
+<p>»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures
+Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag,
+wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor
+vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß
+auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen
+ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote
+Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«</p>
+
+<p>»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...«
+brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die
+Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als
+eure Komplotte gegen die Republik — die übrigens auch von mir aus der
+Teufel holen kann.«</p>
+
+<p>»Na also — in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte
+Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit
+freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für
+die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen
+mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas
+über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und
+begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die
+roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle
+Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«</p>
+
+<p>»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in
+Unkosten gestürzt hättest.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«</p>
+
+<p>Aus der Hülle entschälte sich — ein vom Kriege stark mitgenommener
+Karabiner ...</p>
+
+<p>»So — und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen
+vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit
+<em class="antiqua">S</em>-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«</p>
+
+<p>»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben,
+um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige
+<em class="antiqua">U</em>-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du
+willst die alten niederknallen!«</p>
+
+<p>Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das — der einstige
+<em class="antiqua">U</em>-Bootwüterich?«</p>
+
+<p>Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner
+Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen
+Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh
+aufzusuchen.</p>
+
+<p>»Na — und dein Dank für das da?«</p>
+
+<p>»Ach so — bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht.
+Wieviel brauchst du mal wieder?«</p>
+
+<p>»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da
+nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so
+hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein
+kostbares Leben erhalten!«</p>
+
+<p>»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste
+und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel
+schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ...
+Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ...
+Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«</p>
+
+<p>»Immerhin — du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin.
+»'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ...<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Schöne Bescherung, wenn
+Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«</p>
+
+<p>»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate,
+dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein
+Jungeken — das ist der beste Wiederaufbau!«</p>
+
+<p>Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer — der Ingenieur in seinem
+Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.</p>
+
+<p>Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert
+— dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt — oder ich, der ich
+mit dir und für dich arbeite und schaffe?!</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>7</h3>
+</div>
+
+
+<p>Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und
+verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem
+vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat
+ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber
+mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen
+Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt
+und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein
+Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in
+Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den
+Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten,
+bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die
+Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas
+Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als
+Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.</p>
+
+<p>Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> den Weg
+verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter
+begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare
+Patrizierin.</p>
+
+<p>»Sie wünschen?«</p>
+
+<p>»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die
+Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien
+Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht!
+Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat
+Richtige op de Duer ...«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.</p>
+
+<p>»Du —?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so
+grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd,
+dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog,
+du smucke Vagel, du!«</p>
+
+<p>Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock
+beiseitegezerrt:</p>
+
+<p>»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«</p>
+
+<p>Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:</p>
+
+<p>»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand —!«</p>
+
+<p>Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:</p>
+
+<p>»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«</p>
+
+<p>Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck
+erstarrten.</p>
+
+<p>Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den
+Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.</p>
+
+<p>»Respekt, du Lümmel!«</p>
+
+<p>Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn,
+dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den
+Faulen und Unfähigen war — und der<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Sohn des Kranführers, dem
+der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die
+Fortbildungsschule.</p>
+
+<p>»Och — Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter
+Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin:
+»Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken,
+wen du vor di hest ...«</p>
+
+<p>Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen
+schwelte der Pariagrimm.</p>
+
+<p>»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«</p>
+
+<p>»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges
+Fräulein —«</p>
+
+<p>»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich
+mehr ... Mien Kam'roden in Rußland —«</p>
+
+<p>»— haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der
+Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung — öber
+wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor
+dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien
+Knoken tau Mus, versteihst mi?!«</p>
+
+<p>Ilse lachte.</p>
+
+<p>»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens — hör' ich
+— der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und
+aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch
+mir willkommen — ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was
+macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie
+sie recht schön von mir ...«</p>
+
+<p>Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt —
+die Feine, die Aristokratin — die ... verdammt — die Schöne —?</p>
+
+<p>Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er
+sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns
+mit ihr gehen — ein Arbeitersohn<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wie er selber?! Und wie sie den
+angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken
+Tedje — den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.</p>
+
+<p>Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.</p>
+
+<p>»Mien Kam'roden in Rußland — — Verdammi —!« brüllte er plötzlich auf
+und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe
+zum Bureauhaus hinanschritt.</p>
+
+<p>»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen
+zuckende Schultern. »Nix vör uns.«</p>
+
+<p>»Verdammi, Jung — doch!« knirschte Tedje Tietgens.</p>
+
+<p>Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem
+verblüfften Portier vorbei — und wandte der Werft den Rücken.</p>
+
+<p>Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.</p>
+
+<p>»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r
+Arbeit?«</p>
+
+<p>»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi — un du mit —
+versteihst mi?!«</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>8</h3>
+</div>
+
+
+<p>Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten
+beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten.
+Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem
+Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »— zur
+Sicherheit gegen Rückfälle!«</p>
+
+<p>Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht — gestärkt vom
+Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in
+ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild
+ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte.
+Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und
+ihm<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete
+nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den
+Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan
+für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze
+weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie,
+erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.</p>
+
+<p>Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame
+Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T.
+L.-Gebäude.</p>
+
+<p>»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«</p>
+
+<p>Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...</p>
+
+<p>Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.</p>
+
+<p>Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's
+minder glänzend aus:</p>
+
+<p>Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...</p>
+
+<p>Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation — wie dies ganze
+zertrümmerte Deutschland ...</p>
+
+<p>Lloyd George hatte recht behalten. Den <em class="antiqua">knock out</em> hatten sie weg,
+diese zähen Burschen.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Good morning</em>, Freimann — ah, auch der <em class="antiqua">captain</em> ... nun,
+Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«</p>
+
+<p>Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.</p>
+
+<p>»— Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie
+und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer
+— die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat
+ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder
+die Alten sein miteinander?!«</p>
+
+<p>»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr
+Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich
+aus.«</p>
+
+<p>»Gut — also, Herr Freimann — die H. T. L. hat ihre sämtlichen<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie
+besitzt noch Werte — für die sie selber keine Verwendung mehr hat.
+Vor allem diesen Bureaupalast — er ist wundervoll ausgefallen, Herr
+Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum
+letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle — und
+das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais — ich habe sie
+mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich
+aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern
+Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen
+Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und
+selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles
+müßten Sie nun einzeln — liquidieren — wie wär's, wenn Sie das Ganze
+in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre
+kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus.
+Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung
+einen Mindestpreis festsetzen.«</p>
+
+<p>Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern
+aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands
+Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick
+auf das Gesicht seines Sohnes.</p>
+
+<p>Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die
+Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine
+Prüfung.</p>
+
+<p>»Mein Sohn — du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um
+deine Meinung.«</p>
+
+<p>Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf
+die Probe stellen wollte — daß eine Entscheidung über mehr noch als
+über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt
+wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>Oh — wer jetzt den Glauben hätte — diesen kindlichen, phrasenseligen
+Glauben jenes Timmermanns — der als Techniker ein Genie des Verstandes
+und Wissens war — und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger
+seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu
+sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller
+gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am
+besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland
+zu begraben — und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den
+deutschen Menschen aufzubauen?!</p>
+
+<p>»Vater — — ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste
+Erwägung zu ziehen.«</p>
+
+<p>Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten.
+Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:</p>
+
+<p>»Ich bin anderer Auffassung.«</p>
+
+<p>Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die
+Stirn.</p>
+
+<p>»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den
+ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir
+beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben — sonst — würde ich
+— — Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens
+gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte —
+der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T.
+L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner
+den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse
+nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren,
+Herr Patterson — tot ist er noch nicht — der gerupfte, wehrlose
+Adler.«</p>
+
+<p>Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte
+Hansegeist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um
+seine schmalen Lippen.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Well</em>, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch
+nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer
+Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich
+werde zurückfahren über den großen Teich — und abwarten. Entweder
+Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem
+Vaterlande — dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der
+großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen
+kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre
+stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten
+— dann kann ich Ihnen vielleicht in — na, sagen wir in einigen
+Monaten — einen anderen Vorschlag machen — einen Vorschlag, der
+Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird
+— ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu
+kränken. Inzwischen — <em class="antiqua">good bye</em>, Mister Freimann — <em class="antiqua">good bye,
+captain</em>!«</p>
+
+<p>Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz
+wortlos das Arbeitsgemach — mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das
+ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf
+sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen
+... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.</p>
+
+<p>Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die
+rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen
+Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber — ohne
+eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann
+nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.</p>
+
+<p>Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht
+allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen
+hinüber — halb unbewußt nahm sein<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> verwüstetes Gehirn den Eindruck von
+etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren
+sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?!
+Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte
+selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin?
+und wozu? Und Ilse —? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!</p>
+
+<p>Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse
+hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin
+auf und schaute hinaus. Aha — wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal
+galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch
+wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben
+waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler.
+Meinetwegen weg damit — nur, daß in der Regel dabei auch die
+Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein
+blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von
+Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die
+kannte sie.</p>
+
+<p>Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche
+Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt — ein anscheinend
+betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte
+unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen.
+Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft — zur
+Arbeit zurückgekehrt wähnte.</p>
+
+<p>Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht?
+Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.</p>
+
+<p>»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«</p>
+
+<p>Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.</p>
+
+<p>»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl
+nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang.<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Sehen Sie bloß diesen
+Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre
+lang für Kaiser und Reich geschlagen — nun reißt er mit eigenen Händen
+das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren
+Feinden in den Kot zu zerren!«</p>
+
+<p>»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.</p>
+
+<p>»Ihr — verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie —«</p>
+
+<p>»— ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in
+Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie
+und ... Ihre Klasse es angefangen hat — so freilich nicht.«</p>
+
+<p>Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz
+Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...</p>
+
+<p>»Also, was haben wir falsch gemacht?«</p>
+
+<p>»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose
+Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten.
+Schönheit — Seele —! Sehen Sie den da — ein schöner, starker Bursch,
+tüchtig zum Leben und Schaffen — und hat seit seinem vierzehnten Jahre
+nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei
+Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck
+des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«</p>
+
+<p>»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen
+seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit
+schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig?
+Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß — tun, weil er
+nichts anderes gelernt hat — hat der darum das Recht, sich dem Suff
+und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten — unzählige
+seinesgleichen haben's vermocht — sie waren Proletarier,<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> sie wurden
+Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des
+Aufstiegs zu finden.«</p>
+
+<p>»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte
+das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht — so wenig wie die Tausende
+von uns, die ewig drunten bleiben müssen — in der trostlosen Tiefe.
+Dann hat er in den Krieg gemußt — für das Vaterland, das ihm nicht
+mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine
+jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden — hat
+er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern
+Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem
+Leibe gefressen hat?!«</p>
+
+<p>Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge — war es Haß — oder
+verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im
+nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.</p>
+
+<p>»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie
+abschließend. »Ich — will darüber nachdenken.«</p>
+
+<p>Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser
+militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und
+lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz
+gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten.
+Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der
+Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.</p>
+
+<p>»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so
+will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter
+Ferne.«</p>
+
+<p>»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der
+Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte
+vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen — die Herrschaft des
+Gesindels müsse gebrochen werden<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> ... Die Novemberverbrecher weggeräumt
+— sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der
+Presse, der Politik — damit Raum für den Retter werde.</p>
+
+<p>»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«</p>
+
+<p>»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die
+Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben — also mit allen.«</p>
+
+<p>»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen.
+»Ich war selber Défaitist — und heute bin ich im Begriff, etwas zu
+werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist —«</p>
+
+<p>»Ich — verstehe nicht ...«</p>
+
+<p>»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte
+eine verabschiedende Verneigung.</p>
+
+<p>Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige
+Verachtung im Blick.</p>
+
+<p>Armes Deutschland! dachte Heinz.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>9</h3>
+</div>
+
+
+<p>Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie
+hinter einer Eiswand.</p>
+
+<p>Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins
+kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte
+er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem
+Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm
+gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch
+ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem
+Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer
+Mithelfer seiner Pläne werden — das sei Sohnespflicht — nicht mehr
+und nicht weniger.</p>
+
+<p>Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> zu machen,
+was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht — wieviel weniger
+konnte er sich andern erklären.</p>
+
+<p>Ach — und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns — das war ihr
+drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt — Bob Timmermanns würde
+in diesem Falle sagen — —</p>
+
+<p>»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt
+oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«</p>
+
+<p>»Und wohin soll der führen, Heinz?«</p>
+
+<p>»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues
+muß werden — neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle — neue
+Ideale mit einem Wort ...«</p>
+
+<p>»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was
+uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze —«</p>
+
+<p>»— sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.</p>
+
+<p>Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren — hatte sie schon
+verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte
+aufschauen zum Manne — Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie
+schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.</p>
+
+<p>Sie hatte verglichen — und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...</p>
+
+<p>Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit — das war das Zauberwort,
+das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele
+schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten
+Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und
+Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende
+Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens
+zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen.
+Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas
+anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu
+dienen ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
+
+<p>Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe — Schiffe — Schiffe
+... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt
+all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben
+umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...</p>
+
+<p>Eine andere Stimme war ihm erklungen — auch eine Mädchenstimme.
+Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind — aber sie hatte das Wort Arbeit
+ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...</p>
+
+<p>Und ihre Lebenslosung — wie hatte die gelautet? Schönheit — Freude —
+Seele ...</p>
+
+<p>Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit — und eine
+aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden — die
+forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren — und
+für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...</p>
+
+<p>Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um
+Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies
+Hamburg, dies Deutschland — zwei Welten, zwischen denen es keine
+Gemeinschaft mehr gab — keine mehr geben konnte. Die Welt von
+Harvestehude — und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie
+nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen — zwischen ihnen
+gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen,
+in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines
+Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.</p>
+
+<p>Und Heinz war heimatlos geworden — in jener der beiden Welten, aus der
+sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch
+völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die
+sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p>
+
+<p>Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel — —
+vielleicht eine Aufgabe — eine Mission ...</p>
+
+<p>Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte,
+je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser
+seiner Welt zu verschwinden — und in die andere hineinzutauchen ... in
+jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:</p>
+
+<p>»Freude — Schönheit — Seele — alles habt ihr uns versagt ...«</p>
+
+<p>Aber — war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende
+nur die eines einzelnen Herzens — eines Herzens, das herausgewachsen
+war aus der Sphäre seiner Abkunft — ohne in der andern Wurzel fassen
+zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der
+Arbeit genannt hatte — war sie vielleicht derselbe Fall wie er — nur
+umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so
+gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern — weil jene andere,
+jene da oben, sich an ihr versündigt hatte — oder hatte jener andere
+recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft
+so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!</p>
+
+<p>Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor — ein
+Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner
+Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten — der aber für den Sohn des
+Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes
+bedeutete. Wie — wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich
+frostiger ausschied — wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ...
+verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile
+mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten,
+scheinbar ungegliederten — — Unterwelt?!</p>
+
+<p>Wer wird ihn vermissen — sich um ihn bangen — nach ihm forschen, ihn
+zurücksehnen?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Ach — fast blieb nur noch die Mutter — und auch die mehr aus
+Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues
+Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr
+der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen — sondern
+der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!</p>
+
+<p>Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit
+schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft
+des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen,
+Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit,
+der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange
+Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon
+verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte
+bangte ...</p>
+
+<p>Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft — ein Abtrünniger
+— ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein
+tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet — gebrochen
+— »mit den Nerven zusammengebrochen« — im günstigsten Fall ein
+Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer
+des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter
+zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden — oder man mußte
+ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu
+rasch aufgestiegenen Familien — die ließ man laufen, und wenn sie's
+gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber
+zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.</p>
+
+<p>Heinz durchschaute sie alle — alle, seine nächsten, seine liebsten
+Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.</p>
+
+<p>Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> sie war aus
+ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer,
+die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung
+mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft
+zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an
+regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit
+bewährte sich — man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser
+erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel
+begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus
+über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden
+fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne
+Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur
+Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu
+veranlassen.</p>
+
+<p>In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der
+Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft
+persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten
+sie Ilse bestellt — sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau
+Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.</p>
+
+<p>Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung,
+Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der
+heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns
+... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren,
+bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte
+heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft
+der neuen Pläne.</p>
+
+<p>»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut
+abend gehört er doch eigentlich dazu!«</p>
+
+<p>»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das
+läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Abend zu Haus und rechnet
+über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an — ohne Bob Timmermanns
+geht's nicht!«</p>
+
+<p>Schon war sie von dannen.</p>
+
+<p>Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten,
+geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus,
+lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat
+im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters
+sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten
+Festschmaus teilzunehmen — des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch
+den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut
+vorbei, die ihn gar nicht bemerkte — und stieg zu seinem Zimmer hinan.
+Ihm war, er hätte alles verloren — Elternhaus und Liebe.</p>
+
+<p>Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in
+dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken — verschwinden aus dem
+Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war — untertauchen
+in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war
+hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte
+er längst übersonnen.</p>
+
+<p>Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform
+noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg.
+Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe
+hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte!
+Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.</p>
+
+<p>Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag,
+auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden,
+wenn er fortgegangen war ...</p>
+
+<p>Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse — —
+ich habe dich geliebt — geliebt als das Lichte und Klare in einem
+dunklen, verworrenen Leben ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's
+gefunden. Bei einem anderen gefunden — — vorbei —</p>
+
+<p>Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend — es war keine Wehmut
+drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut —
+abgestorben, schmerzlos.</p>
+
+<p>Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der
+Stradivarius — die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere
+Welt ... Aber ohne Geige — nein. Die war seines besten Wesens ein
+Stück.</p>
+
+<p>Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht
+kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte.
+Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen,
+seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in
+Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:</p>
+
+<p>»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um
+mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach,
+das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«</p>
+
+<p>Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa,
+auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus — es goß in Strömen.
+Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der
+er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers
+Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender
+Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden
+Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden
+Alster — nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von
+der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...</p>
+
+<p>Elternhaus — Liebe — ade ...</p>
+
+<p>Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2>
+</div>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>1</h3>
+</div>
+
+
+<p>Im <em class="antiqua">D</em>-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen — Georg
+Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung
+und Groll.</p>
+
+<p>»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit
+einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen.
+»Dieser — na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend —
+gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um
+nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren — und sich in der Sonne
+der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«</p>
+
+<p>»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,«
+entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich
+aus — damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen
+habe.«</p>
+
+<p>»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte
+der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert.
+Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber
+diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen
+einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre
+politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten,
+etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher
+auszudrücken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p>»Nein — das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine
+Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur
+mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen — das ist der Vorteil
+der Linie. Heute wie je.«</p>
+
+<p>»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben — dadurch, daß
+Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das
+hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das
+Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H.
+T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude
+zumachen.«</p>
+
+<p>»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg
+Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen
+bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn
+dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte — und den
+rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die
+Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für
+die nationalen Aufgaben zu haben ...«</p>
+
+<p>»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit
+grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie
+werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«</p>
+
+<p>»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des
+Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«</p>
+
+<p>Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte
+Herr hatte recht ...</p>
+
+<p>Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der
+deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und
+Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der
+Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen,
+der Tausende von Menschenleben,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> die unmittelbar von ihren Entschlüssen
+abhingen — des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen
+seinen Söhnen gebieterisch forderte — und von den Führern am meisten.</p>
+
+<p>Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste.
+Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung
+niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an
+dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er
+ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.</p>
+
+<p>»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt
+nicht entzweien — wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und
+auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also
+Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer
+von dreitausend Tonnen bauen — und ab und zu mal einen neutralen
+Auftrag größeren Umfangs ergattern — dabei kann die Werft nicht
+bestehen. Und auch abgesehen davon — ich müßte danken. Liquidieren,
+Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf — Großes schaffen, wie
+ich's gewohnt bin — dann lieber Schluß!«</p>
+
+<p>»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.</p>
+
+<p>»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte
+Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen,
+aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist
+seine Sache.«</p>
+
+<p>»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der
+Herr Präsident recht: was tun?«</p>
+
+<p>Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte
+der Linie — und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen,
+wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L.
+sei jetzt bereit,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva
+an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line
+in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T.
+L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner
+weiterzuarbeiten — für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe
+der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab — und ich für meine Person
+würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende
+weiter vegetieren dürfen ...«</p>
+
+<p>»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der
+Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als
+europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche
+Industrie wird den gleichen Weg gehen — schließlich ist ganz
+Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen
+Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht — noch nicht
+... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil!
+Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die
+sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden
+unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ...
+Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie
+begreifen, daß Schiffahrt not ist — Leben aber nicht!«</p>
+
+<p>In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's
+mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden — es hatte dem zähen
+Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach
+auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner
+arbeitenden Stirn geahnt:</p>
+
+<p>»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht
+behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren
+ganz gut so, so wie sie waren ...«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<h3>2</h3>
+</div>
+
+
+<p>In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann
+von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete.
+Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen.
+Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere
+Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine
+Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst — um ihre vier Ränder
+zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für
+die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst
+anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des
+werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer
+letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften
+Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen — der heute morgen
+vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war.
+Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft
+angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der
+Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine
+korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine
+Aussage glaubhaft, daß er mit <em class="antiqua">U</em> 387, das während eines Vorstoßes
+der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe
+außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen
+Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß
+Anders Niemann.</p>
+
+<p>»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine
+ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«</p>
+
+<p>Anders Niemann lächelte geschmeichelt.</p>
+
+<p>»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister.</p>
+
+<p>»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue.<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> »Doar hebbt
+wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt
+inschrieben ...«</p>
+
+<p>»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier
+nich lang west.«</p>
+
+<p>Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling
+stehen, um dessen Arbeit zu überwachen — dann klopfte er ihm derb auf
+die Schulter.</p>
+
+<p>»Du brukst kein'n Oppasser mehr — mok man so wieder ...«</p>
+
+<p>Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch
+um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste
+angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks,
+in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren.</p>
+
+<p>In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen
+Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände,
+in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß.
+Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten
+gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit
+Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen,
+dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ...
+Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu
+ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben
+am St. Pauli Fischmarkt — man würde ja über kurz oder lang ein etwas
+menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen —
+der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche,
+von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer
+fremden Rasse — das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft
+der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes
+... Auf<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier.
+Aber wie diese Menschen aßen — dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen —
+daran mußte man sich erst gewöhnen ...</p>
+
+<p>Immerhin — Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all
+der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene,
+schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten,
+in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes
+durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der
+Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem
+Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches — keine
+Ideen ... Lohnfragen — nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen
+lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß
+heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei
+früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß
+es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand
+... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit
+fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann
+lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des
+Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse
+schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben.</p>
+
+<p>Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders
+Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er
+seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den
+Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp«
+und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der
+Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...</p>
+
+<p>In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle
+wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann
+»versenkte« weiter seine Nietlöcher.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Immer die gleiche Bewegung, das
+gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der
+Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne
+packten zu — rrrr — das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das
+Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis
+endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann
+im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der
+vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun
+der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen
+Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem
+Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit
+sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das
+ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins,
+aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben
+gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend
+nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie
+ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns
+Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig
+— sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige
+Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten
+es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was
+die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und
+dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt,
+ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen
+können —?!</p>
+
+<p>»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten,
+der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines
+Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm
+Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden
+— rote Papiergirlanden,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> rote Fähnchen an den Wänden — am Klavier
+ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger
+Jüngling mit der Geige — zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten
+Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar — die Söhne und Töchter der
+»andern Welt«.</p>
+
+<p>Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und
+beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es
+schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in
+ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein
+bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig,
+sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu
+schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend
+nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen
+und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze
+Welt von Typen heraus — und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder
+andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.</p>
+
+<p>Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er
+schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen
+rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen
+am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören — nachlässig langte
+er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin
+von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf
+Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei
+brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien.
+Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte
+... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ...</p>
+
+<p>Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien
+unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man
+ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p>
+
+<p>»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark
+fohrt!«</p>
+
+<p>Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft —
+einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem
+Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von
+einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen
+standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das
+Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel — ein merkwürdiger,
+unvergeßlicher Kopf.</p>
+
+<p>In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund
+einsprach — der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen
+lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:</p>
+
+<p>»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege
+Tied!«</p>
+
+<p>Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn
+wie eine Puppe auf den Tisch — alles drängte herzu, der Tanzbums wurde
+zur Volksversammlung.</p>
+
+<p>»Kam'raden — Genossen — Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem
+Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von
+eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was
+wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der
+Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine
+Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige
+Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren
+angefüllt bis zum Bersten mit Haß — mit dem roten, glühentigen Haß —
+gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un
+vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität.
+Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große
+Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Welt ... und
+denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un
+unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie
+kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren
+— doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot
+sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns
+hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen
+Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten
+sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte
+Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt
+wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote
+Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n
+glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen — dat
+dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein
+Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner
+... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt
+... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt — un
+in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken — un nach dem Götzen
+Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In
+diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!«
+— —</p>
+
+<p>Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm
+Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und
+Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach
+ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward
+von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der
+immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders
+Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte,
+irgend etwas schluchzte ... Er fühlte<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> die Echtheit und Tiefe der
+Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig
+herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer
+Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte — nach etwas, dem sie
+selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht
+unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden
+müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts,
+die aus der Welt Goethes und — na, meinetwegen auch Napoleons, die
+Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte — die Welt
+der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ...</p>
+
+<p>Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem
+Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wir bluteten vier Jahr'</div>
+ <div class="verse indent0">in Schlamm und Glut und Graus</div>
+ <div class="verse indent0">für Krone, Thron, Altar —</div>
+ <div class="verse indent0">nun ist die Knechtschaft aus!</div>
+ </div>
+ <div class="verse indent0">Was hoch und stolz, das fällt</div>
+ <div class="verse indent0">im Sturm der neuen Zeit,</div>
+ <div class="verse indent0">nun bringen wir der Welt</div>
+ <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der
+gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten,
+und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten
+Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen
+Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten
+seine Modulationen daher — von ihnen umrankt, schwang die neue Weise
+wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen
+Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der
+nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien,
+als wolle das<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Lied die Welt aus den Angeln heben — diese Greuelwelt
+des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...</p>
+
+<p>Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den
+Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu
+löschen — da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen
+Soldatenrock am Klavier sitzen — und immer noch glitten seine Finger
+über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr
+erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang
+... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders
+Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen — sie gingen in
+eine Melodie über, die er kannte — eine Tanzweise ... aber nicht der
+übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette — es war Webers
+»Aufforderung zum Tanz«.</p>
+
+<p>Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum
+Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine
+aus der Hand, klemmte sie unters Kinn — und übernahm die Oberstimme
+... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem
+Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur
+noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes.
+Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten
+Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der
+fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des
+Freischützsängers.</p>
+
+<p>Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender
+Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes
+geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten
+durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim
+lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern
+gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit
+eines naturverbundenen Genius.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
+
+<h3>3</h3>
+</div>
+
+
+<p>Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg
+Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der
+Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines
+Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung
+von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der
+Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten
+Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die
+Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins
+Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.</p>
+
+<p>Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht
+ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die
+Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.</p>
+
+<p>In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den
+Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der
+Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen
+Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute.
+Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese
+deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt
+eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als
+bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu
+Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen,
+seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.</p>
+
+<p>Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige
+Hand — nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu
+nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger
+Machtüberfülle noch geblieben<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> war. Aber hinter dieser Hand stand
+immerhin ein Menschenantlitz — nicht eine Larve des Hasses und
+Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses
+Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis,
+eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den
+unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der
+Werft befeuerte?!</p>
+
+<p>Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits
+und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen
+Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der
+Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig
+geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten
+nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs
+neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren
+wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten
+der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn — und bekamen
+sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand
+mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.</p>
+
+<p>Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe
+Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des
+ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen
+Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen
+noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der
+einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem
+regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt
+hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.</p>
+
+<p>Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen.
+Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit,
+mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann,
+diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite.
+Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft,
+befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch
+Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo
+Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.</p>
+
+<p>Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt,
+daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle
+ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein,
+Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die
+Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das
+seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung,
+drängte nach Erwiderung.</p>
+
+<p>Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen
+Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das
+Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute,
+überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der
+Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des
+Menschentums emporgestiegen.</p>
+
+<p>Wäre Heinz geblieben — hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an
+der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten
+zu messen — vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache,
+der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte
+Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in
+naivem Versagen getan — es war das klügste, was er hätte tun können.
+Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die
+Eindeutigkeit ...</p>
+
+<p>Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> das
+immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr
+zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester
+hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den
+Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in
+Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr
+der Ingenieur ihr imponierte — so war das nicht ganz ohne einen Hauch
+von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen — hatte
+es gemerkt. Und darum war er still gegangen — darum ... So mächtig ist
+in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben,
+daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt — was ihm
+geschieht, was er leidet und handelt — ihre Liebe wähnt sich selber
+die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des
+Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...</p>
+
+<p>Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie
+allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn
+in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen — hatte in der plötzlichen
+Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf,
+die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte
+sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos
+zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen
+getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke
+das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für
+Ilses Gewissen war — barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei?
+Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß,
+wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal
+bedeutet — das ganze, das alleinige Schicksal ...</p>
+
+<p>Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war
+erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des
+Beisammenseins — ehe das große Mißverstehen<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> kam — waren die Seelen
+einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von
+den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne
+getrieben — als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von
+ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste
+Ursache seiner Flucht gewesen — höchstens der äußere, fast zufällige
+Anstoß ...</p>
+
+<p>Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob
+ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine
+Gegenwart ...</p>
+
+<p>Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war
+dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der
+Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über
+das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>4</h3>
+</div>
+
+<p>Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll,
+sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens
+hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des
+Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die
+drei Brüder Tietgens gehaust hatten — — von denen zwei in Frankreich
+verscharrt lagen.</p>
+
+<p>Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse
+geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit
+ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim
+gebracht hatten — es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens
+taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn
+hatte er längst aufgegeben — das war ein hoffnungsloser Radikaler<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> —
+Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt — — auf
+dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten —
+das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen,
+daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden
+war.</p>
+
+<p>Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten
+begreiflich machen zu können.</p>
+
+<p>»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß —
+dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners!
+— Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken
+... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick
+mästen — un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«</p>
+
+<p>»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei
+Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken — Öwerst wenn ick dat utspreken
+will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«</p>
+
+<p>Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken
+ein wenig einfacher zu fassen ...</p>
+
+<p>Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu
+erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater
+Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht
+schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt
+... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen
+für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine
+Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen
+keinem helfen würde — daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen
+Brot und Nahrung gebe.</p>
+
+<p>Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor
+allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen — und
+deiht die mehrste Arbet — da mutt se ok die mehrste politische Rechte
+hebben ... Wenn dat Volk tau<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> seggen hatt harr', denn harrn wi den'n
+Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west
+...«</p>
+
+<p>Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen
+immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im
+Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die
+fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.</p>
+
+<p>»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp'
+... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann
+... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei
+Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht
+kriegen. — Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten
+willen — öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n
+Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't
+Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! — Vadderland,
+so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren
+trecken!«</p>
+
+<p>Ja — das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte,
+handelte — er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ...
+und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und
+Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem
+Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt,
+würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland
+seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.</p>
+
+<p>Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje
+der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:</p>
+
+<p>»Vadder — du büst nich in Rußland west — du kanns goar nich
+mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg
+jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sei dat Burschoapack tau
+foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt — un denn eenmol mit'n
+Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten — da
+giwwt Luft vör't Volk!«</p>
+
+<p>»So — un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der
+Alte bedachtsam.</p>
+
+<p>»Na — de Inschineure —!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten!
+Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd
+Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache
+mehr as dei Handlanger un dei Nieters —!«</p>
+
+<p>»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt
+—« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as
+Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter
+... dei brukt Bäuker — dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«</p>
+
+<p>»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken,
+du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung,
+will'n ein'n drinken — un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn
+mit ehr slapen — kumm, mien Jung!«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick öffnete sich die Tür — und eine junge Dame trat
+ein — »Gu'n Abend, Vadder — gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«</p>
+
+<p>Plötzlich verstummte sie — und starrte den neuen Schlafburschen an wie
+ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...</p>
+
+<p>Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen
+Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:</p>
+
+<p>»Entschülligen S' man — ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten —
+Ick bün Antje.«</p>
+
+<p>»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen
+Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> der Vater, zuerst
+verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte — »kiek di'n man gaud
+an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen — en Nieter von de Werft! Un he
+wahnt bi Muddern — un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos
+Mönkebüll Klovier — dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine
+Künstlerkonzert ...«</p>
+
+<p>Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll
+linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:</p>
+
+<p>»Djä, Fräulein — dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in
+de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«</p>
+
+<p>»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien
+Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder?
+Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«</p>
+
+<p>Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und
+sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt,
+lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes
+Gesichtchen.</p>
+
+<p>Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde
+vollzählig — denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder
+täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll
+Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen
+Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.</p>
+
+<p>Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der
+Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs
+seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen —
+einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so
+abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei — eine Sekunde
+lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht,
+schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht
+Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue
+von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit
+mit Tedje war auffallend — freilich nur im Gesicht. Die schlanke
+Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten
+Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ...
+Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen — ging der
+Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand — und mit dem rauhen Bruder
+stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus
+dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten,
+kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester
+war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch
+kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein
+darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft,
+durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische
+Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...</p>
+
+<p>Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig
+hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit
+aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber —
+seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer
+Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes
+ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn
+kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte
+Anstarren ihr unbequem ...</p>
+
+<p>Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier — trat mit ins
+Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten,
+funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern
+zusammengezimmertes Stehpult stellten ...</p>
+
+<p>»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann
+der Haustochter zu.</p>
+
+<p>»Ja — aber die andern dürfen's nicht merken — ich nehme<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> niemals
+Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und
+erwarten Sie mich unten ...«</p>
+
+<p>Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten
+Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie
+spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas
+doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er
+sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie
+ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf
+seine Noten — ein banges Zucken um die schmalen Lippen.</p>
+
+<p>Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube
+hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der
+wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im
+Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis —
+das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen
+— sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges
+Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und
+Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne
+empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können — nicht im weiland
+Kasino beim Damenabend — nicht einmal im Elternhaus — wie noch
+jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so
+entsagend liebte — das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst
+entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst
+bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen
+gespielt — geschenkt — sich selber verschenkt wie heut ...</p>
+
+<p>Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren
+Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung,
+deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte
+— nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer
+Persönlichkeit — nicht<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes
+— nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer
+Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der
+Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius — was bedeutete er ihnen
+mehr als eine Entspannung — eine Ausbalancierung ihres seelischen
+Gleichgewichtes?!</p>
+
+<p>Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit
+wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz
+... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über
+die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte — auch sie hätte
+wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn
+eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die
+müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich
+so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend — das den Wunsch
+entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich
+auszusöhnen, liebend zu verschwenden — —</p>
+
+<p>Ja — was war es denn eigentlich?!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>5</h3>
+</div>
+
+<p>Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu
+folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet
+heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit
+seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen
+bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen
+müssen — sein ganzes Jugendleben hindurch — die starre, in korrekte
+Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte
+er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses
+selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen
+bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war
+verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast
+als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?!
+Na ja — schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein — und
+der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des
+müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ...
+eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht
+als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein
+Glück versuchen — ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon
+ablaufen lassen ...</p>
+
+<p>Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit
+Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung,
+Deern — dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas,
+das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas
+von brüderlicher Eifersucht — im Hintergrunde gar etwas wie ein vager,
+noch ganz unbewußter Argwohn ...</p>
+
+<p>Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der
+entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt
+...</p>
+
+<p>— »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«,
+sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um
+beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall
+Menschen — Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und
+rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer
+endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten
+— hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden
+Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene
+Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter
+Warenhausfassaden ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens,
+bitte — Anders Niemann heiß' ich!«</p>
+
+<p>Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif,
+den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er
+berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei — selbstverständlich
+ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal
+den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion
+erteilt habe.</p>
+
+<p>»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«</p>
+
+<p>»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«</p>
+
+<p>»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte
+Glut in ihren Wangen.</p>
+
+<p>»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes — ich bin hingegangen, sie
+zu suchen.«</p>
+
+<p>»Und — was haben Sie gefunden?!«</p>
+
+<p>»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere — und den glühenden
+Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«</p>
+
+<p>»Ausgefüllt — mit was?«</p>
+
+<p>»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem — mit einem Ideal.«</p>
+
+<p>»Geben Sie's — das Ideal!«</p>
+
+<p>»Wenn ich's hätte!«</p>
+
+<p>»So helfen Sie's uns suchen.«</p>
+
+<p>»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich
+weiß es schon zu benennen — ein Vaterland — ein Mutterland, das allen
+den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«</p>
+
+<p>»Ach, wenn Sie es fänden!«</p>
+
+<p>»Ja — dann wäre uns allen geholfen — uns armen, zerrissenen
+Deutschen.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
+
+<h3>6</h3>
+</div>
+
+<p>Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte
+Georg Freimann an Patterson gedrahtet:</p>
+
+<p>»Erwarte angekündigte Vorschläge.«</p>
+
+<p>Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter
+amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder
+ging an Land — mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn
+Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet — aschblond, nußbraune
+Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß
+Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte
+es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.</p>
+
+<p>»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig
+klingendem Deutsch.</p>
+
+<p>»So, <em class="antiqua">my darling</em>, du magst nun eine halbe Stunde lang in der
+Stadt herumkutschieren —«</p>
+
+<p>»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier,
+diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹
+versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«</p>
+
+<p>»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson
+gehorsam und entließ das Auto.</p>
+
+<p>»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«</p>
+
+<p>Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum
+Präsidentenbureau der Linie empor.</p>
+
+<p>»Ich finde, <em class="antiqua">daddy</em>, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ...
+Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«</p>
+
+<p>»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So — nun benimm dich manierlich.
+Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«</p>
+
+<p>Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der
+Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man
+keine Dame mit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Good morning</em>, Freimann — darf ich wieder Freimann sagen? Der
+Mister geniert mich.«</p>
+
+<p>»Sie dürfen, Patterson — weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen.
+Miß Patterson — willkommen in Deutschland.«</p>
+
+<p>»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn,
+sagt <em class="antiqua">daddy</em> ... Er ist verlobt — schade ... Verlobte junge
+Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes
+... Ist er vielleicht schon verheiratet?«</p>
+
+<p>»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist
+durchgebrannt — mir und seiner Braut.«</p>
+
+<p>»Durchgebrannt —?! Das finde ich <em class="antiqua">smart</em> von ihm ... Wo ist er?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«</p>
+
+<p>»Oh — wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«</p>
+
+<p>»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich
+habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«</p>
+
+<p>»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber
+Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde — ganz kleine
+und ganz große — Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen.
+Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die
+Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher
+heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl
+sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon
+hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal
+wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche.
+»Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen
+ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das
+sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften
+Kodak gekauft<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man
+damit machen, sag' ich Ihnen!«</p>
+
+<p>»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften
+Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«</p>
+
+<p>»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch
+zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt
+zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen,
+wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame
+gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu
+wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es
+immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.</p>
+
+<p>Die Männer sahen sich an und lachten.</p>
+
+<p>»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal
+wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«</p>
+
+<p>»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker
+... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann
+ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und
+nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen — ich bin da.«</p>
+
+<p>Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener
+rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als
+die beste Politik bewährt hatte.</p>
+
+<p>Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu.
+So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.</p>
+
+<p>»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von
+Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein
+Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«</p>
+
+<p>»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Wille hat sich
+nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft
+zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen — wenigstens
+unter das Sternenbanner allein.«</p>
+
+<p>»Hm — und wenn nun die Sterne und Streifen — sich neben Ihre
+Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt
+mir vor — wie sind doch die Farben?«</p>
+
+<p>»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im
+Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«</p>
+
+<p>»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne
+Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach — nur ein
+einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte
+Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen
+lassen ... Nette Kaufleute das ...«</p>
+
+<p>»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem
+Aufstieg führt — wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft
+versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das
+Sternenbanner — sie würden sich miteinander vertragen?«</p>
+
+<p>»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind — warum nicht?«
+sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr
+dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr
+habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen
+... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine
+Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja
+Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar — es
+flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz
+ausgesucht — da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen
+Augenblick.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<p>Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak.
+»Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich
+von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«</p>
+
+<p>»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.</p>
+
+<p>»Oh — Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie
+drüben?«</p>
+
+<p>»Nein — ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele
+Amerikaner verkehrten.«</p>
+
+<p>»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie
+Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«</p>
+
+<p>»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.</p>
+
+<p>»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier.
+Die Leute hier machen alle traurige Gesichter — Sie auch, sogar wenn
+Sie lachen. Ich liebe das nicht.«</p>
+
+<p>»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt — im größten aller
+Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«</p>
+
+<p>»Oh — ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid.
+Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk
+kennenlernen.«</p>
+
+<p>»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man
+unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«</p>
+
+<p>»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß — wie
+heißen Sie? — Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn
+lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die
+das Rennen schon gemacht haben — und solche, die es noch machen wollen
+— außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind — weil
+sie nicht reiten können —. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind
+uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht.<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Und
+ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn
+ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte
+ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn.
+Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen
+Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns
+mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line,
+die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte
+drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft — darunter den
+»Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von
+San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen
+Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...</p>
+
+<p>Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung
+vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen
+Konkurrenten — der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es
+würde noch harte Kämpfe geben — ums Ganze und um tausend Einzelheiten
+... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft
+dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider
+großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich
+eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches
+Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ...
+Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen
+hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das
+amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ...
+Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen,
+die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen
+eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden — ohne
+doch einen anderen Weg der Rettung<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> zu wissen ... Aber diese Gedanken
+behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich — blieb
+überhaupt eine Wahl?!</p>
+
+<p>Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und
+schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich
+zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust.
+Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen
+Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger
+Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.</p>
+
+<p>Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit
+der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und
+lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren
+die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem
+Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte
+das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein
+Gefängnis.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte
+Bessie. »<em class="antiqua">Daddy</em>, fahr mich zu Mistreß Freimann. <em class="antiqua">Good
+morning</em>, Miß Tiet— Tiet— nein, das ist zu schwer, das kann man
+beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie
+heißen Sie mit Vornamen? Antje — oh, das ist reizend, ich werde Sie
+Miß Antje nennen. <em class="antiqua">Good morning</em>, Mister Freimann — <em class="antiqua">go on,
+daddy</em>.«</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>7</h3>
+</div>
+
+<p>Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten
+Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne
+zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem
+Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des
+Restes auf Anfang<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen.
+Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich.
+Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin — allenthalben
+standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive
+Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte
+Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich
+durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.</p>
+
+<p>Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die
+Leitung kannte diese Sturmzeichen.</p>
+
+<p>Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen.
+Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.</p>
+
+<p>»Gnädiges Fräulein — es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut
+nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben
+ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen
+fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten
+Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen
+bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat
+mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als
+daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf
+Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte — aber senkrecht über der
+Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier
+Jahrhunderten war sie erkennbar.</p>
+
+<p>»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur
+Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«</p>
+
+<p>Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr
+immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der
+Schranke am Werfteingang, morgens,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> wenn sie kam, nachmittags, wenn sie
+ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das
+scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.</p>
+
+<p>»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein
+bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel — ich weiß es aus Erfahrung.«
+Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es
+verdient — sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen
+hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er
+belohnt werden.</p>
+
+<p>Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug — es war schon
+wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein
+Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.</p>
+
+<p>Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob
+Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte.
+Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne
+zusammen.</p>
+
+<p>In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin — um seine
+Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln.</p>
+
+<p>»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?«</p>
+
+<p>Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf
+der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder
+Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«</p>
+
+<p>»Meinst du? Wer weiß — vielleicht schon heute nachmittag denkst du
+anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom
+Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit
+Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu
+drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des
+Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel
+fallen.<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die
+er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob.</p>
+
+<p>Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem
+Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef
+angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter
+entstand — etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden.
+Es war der Karabiner.</p>
+
+<p>»Donnerwetter, Bob — ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben
+in dein Bureau herübergeflogen?!«</p>
+
+<p>Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an
+— sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander
+näher gekommen.</p>
+
+<p>»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich
+nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da
+unten.«</p>
+
+<p>»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der
+Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die
+Wirtschaft — es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!«</p>
+
+<p>»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die
+Fleißigen — und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen — und die
+Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen — aber
+solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast
+nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst
+du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine
+schwere Batterie im Schrank haben!!«</p>
+
+<p>Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs
+Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem
+lieben Kapital!« hohnlachte Armin.</p>
+
+<p>Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster,
+bremste die Wucht seines Körpers und nahm den<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Hörer. Im Lauschen schoß
+ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht.</p>
+
+<p>»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein — tausend Dank!
+Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!«</p>
+
+<p>»Was ist los?«</p>
+
+<p>Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war
+abgeblaßt — irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin
+lauschte atemlos.</p>
+
+<p>»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von
+— drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir
+können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...«</p>
+
+<p>Achselzuckend, zähneknirschend verließ Armin das Zimmer.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten
+und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für
+morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen!
+Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem
+Kran triumphieren!</p>
+
+<p>Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war
+Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem
+Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung
+hatte ihn aufgesucht — und im Tresor der seit kurzem in Hamburg
+eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll
+Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den
+Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter
+geklopft:</p>
+
+<p>»Alles für großes Befreiungswärk ... Abber kleine Mäddchen in Hamburg
+wollen auch lebben ... Mußte ibberall Stimmung<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> machen für großes
+Befreiungswärk — auch bei kleine Mäddchen ...«</p>
+
+<p>Seitdem war Tedje bei den abendlichen Musikunterhaltungen im
+Elternhause nur noch ein seltener Gast. Um so bekannter und geschätzter
+wurde er von Nacht zu Nacht in den Weiberspelunken um die Reeperbahn
+herum.</p>
+
+<p>Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft
+scheine am Ende ihrer Mittel — die Krawallstimmung seiner Kollegen sei
+im Wachsen. — Nun würde er mal wieder abblasen müssen ...</p>
+
+<p>Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen.
+Die Glut durfte nicht kalt werden — es galt, sie zuzudecken und
+unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk
+taugte der Genosse Mönkebüll nicht — was er sprach, war Lava aus
+glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen —
+zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten.
+Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede
+Temperatur.</p>
+
+<p>Sie versprach, den Genossen Dragomiroff zu schicken. Er würde sprechen
+über das Thema: »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution.« Das
+mußte ziehen ... Und nicht etwa als Sonderaktion für die Genossen der
+Hammonia-Werft. — Drüben in der Stadt sollte das arrangiert werden als
+Werbeversammlung für das gesamte Proletariat des Unterelbegebietes.</p>
+
+<p>Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war,
+wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er
+setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach
+Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern
+verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje.
+Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu
+erforschen ... Aber<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> wenn er so abends durch die still gewordenen,
+im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte
+phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und
+die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an
+die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und
+verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje
+...</p>
+
+<p>Antje —! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas
+von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit
+der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die
+Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie
+komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig
+war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen
+nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein
+paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie
+Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch
+legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet,
+wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall
+hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten
+Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin
+und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber
+der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er
+bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst.
+Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden — hatte die
+glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des
+werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er
+selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte — und sie mit der Zange
+festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen
+mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar
+mit<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch
+hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe — aber
+man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden
+Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne,
+durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee — und konnte ab und an
+mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und
+wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene
+herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden
+Spantengerüst eingefügt wurden ...</p>
+
+<p>Das alles wußte Mudder Tietgens aus den allabendlichen Erzählungen
+ihrer Tisch- und Hausgenossen. Ihre vier Mannsleut' waren täglich bei
+der Arbeit vereinigt. Schön war das zu denken — das alte Frauchen,
+das im stillen Winkel fast stumm geworden war, vergnügte sich in
+seiner Einsamkeit mit der Vorstellung, wie sie da zusammen schafften,
+ihre vier Mannsleut' ... Aber den Anders, den hatte sie besonders
+in ihr Herz geschlossen, weil er ihr am meisten Ehre gab. Sie war
+ja so bescheiden, so wenig verwöhnt ... Aber schön war's eben doch,
+daß der Neue sie mit einer Achtung und Rücksicht behandelte, zu der
+Vadder und Tedje bei aller Liebe zu Mudder nun doch mal nicht erzogen
+waren. Ihr Fritzing, der wäre am Ende auch so geworden ... Aber der
+lag an der Somme — wenn die Granaten seinen Leichnam nicht längst
+in tausend Fetzen zerrissen hatten. Ach ja, Fritzing ... Die müden
+Augen standen wieder einmal in einsamen Tränen ... Sie begriff's, daß
+Antje zu dem schmucken Anders hielt ... Sie und Fritzing waren ja auch
+unzertrennlich gewesen ... Und Anders würde aufsteigen — der könnte es
+noch mal zum Werkmeister bringen ... früher als Vadder, der schon so
+lange von der Vierzimmerwohnung im Werfthaus drüben schwärmte — und ja
+doch wohl schließlich seinen Kran behalten würde, bis die Invalidität
+kam ... Tja, und wenn die Antje sich also<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> für den Anders nicht zu fein
+war — Mudder Mines Segen hatten sie — die zwei Kinder.</p>
+
+<p>Und Antje?!</p>
+
+<p>Oh, Antje war klug.</p>
+
+<p>So sehr sie in der Theorie Revolutionärin war und für das
+republikanische Ideal der Gleichheit schwärmte — sie stand lange
+genug im Leben der Oberschicht — sie wußte: Zwischen ihr und dem
+Sohne ihres Chefs lagen Welten ... Was wollte das besagen, daß Heinz
+Freimann sich in einen Anders Niemann gewandelt hatte? Eine Herrenlaune
+— eine Maskerade, die jederzeit abgestreift werden konnte wie ein
+Faschingskostüm ... Und Anders Niemann war dann wieder Heinz Freimann.</p>
+
+<p>Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als
+müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit
+Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann
+flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der
+zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie
+Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit
+gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe
+zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt
+— aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets
+nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste
+Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar
+von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge
+bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein
+... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing,
+den Liebling zumal — gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus — gegen
+das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie
+ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> für
+internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für
+Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war
+in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr
+selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des
+Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife
+vollerblühter Männlichkeit — der war ihr verwandt durch etwas, das sie
+kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames
+Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum — was war es nur?</p>
+
+<p>In hundert Gesprächen umkreisten die zwei jungen Menschen dies
+unbekannte, ersehnte, erahnte Land ... Dies Land, in dem sie beide
+sich beheimatet fühlten. Sie vernahmen seine Stimme aus Beethovens
+Sonaten und Schumanns Klavierstücken, aus Wilhelm Meister, den er
+ihr, und aus Richard Dehmels Gedichten, die sie ihm zu lesen gegeben
+hatte. Aber auch in Vater Tietgens' abendlichen Schwärmereien von den
+Zukunftsrechten des Proletariats, in Clas Mönkebülls phantastischen
+Gesichten von der Erlöserin Weltrevolution, ja selbst in Tedjes
+Blutträumen war etwas von diesem fernen, nebelhaft vor den Seelen
+schwankenden Land ... Wenn Antje dann nach solchen Spaziergängen und
+Gesprächen in ihrem Pensionskämmerchen unter die Decke schlüpfte,
+dann träumte sie doch für selbstvergessene Viertelstunden den uralten
+Mädchentraum von dem Königssohn, der das Dornröschen weckte zu einem
+Leben im Licht ... Und dann rann ihr das trostvolle Gesicht einer
+Seelenheimat für alle Menschen ihrer Sprache und ihres Blutes zusammen
+mit seinem verengerten, ins Heimliche und Geborgene verkleinerten
+Abbild, seiner mütterlichen Urzelle: einer Heimat für zwei Glückliche.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<h3>8</h3>
+</div>
+
+<p>Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem
+schon auf die Nerven fallen.</p>
+
+<p>Sie fand es selbstverständlich, daß sie den Vater überallhin begleiten
+durfte. An seiner Seite drang sie in die ängstlich umhüteten Bureaus
+der unnahbarsten Direktoren — im H. T. L.-Haus wie drüben auf der
+Werft. Und nicht minder ungeniert spazierte sie durch die endlos
+hingedehnten Werkstätten, ließ sich im Aufzug zum schwindelnden
+Helgengerüst emporfahren, turnte zum Entsetzen der ölbeklexten Maler
+zwischen ihnen über die frisch mit Mennig überholten Stahlgerüste,
+tauchte neben dem alten Tietgens im Kranführerhäuschen auf, war
+plötzlich wieder drunten, kroch durch den Doppelboden des werdenden
+Riesendampfers, kletterte an den Leitern der Aufrichtegerüste hinauf,
+flitzte über die Laufstege des schon zur vollen Höhe hinangewachsenen
+Zehntausendtonnendampfers, stand voll brennenden Interesses neben dem
+glosenden Vorwärm-Feuer und beobachtete, wie der Junge die rotglühenden
+Niete aus dem Kohlenbecken holte und durch eine offengebliebene Lücke
+der Beplattung ins Innere des Schiffes reichte ... staunte, wie der
+Stiel des Nietes plötzlich aus einem der Nietlöcher auftauchte, wie
+die Nieterzwillinge mit ihren langgestielten Hämmern zuschlugen
+und ticktack, ticktack aus dem Stiel ein glattes, rundes Köpfchen
+zurechthämmerten ... Und überall Fragen, Fragen — überall, knips, der
+Kodak in Tätigkeit ...</p>
+
+<p>Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen
+Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit
+gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft,
+indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in
+den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren
+Geruch das kleine Scheusal empörte,<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> in die schlampigen Hosen biß ...
+Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem
+Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust.</p>
+
+<p>Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der
+Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin:</p>
+
+<p>»Schreib, <em class="antiqua">daddy</em> ... sechshundert Dollar ...«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Goddam</em> — wofür?«</p>
+
+<p>»Wirst du gleich sehen. Habe mir ein Auto gekauft.«</p>
+
+<p>»Du bist toll — wozu?«</p>
+
+<p>»Für meine Studienreisen.«</p>
+
+<p>»Ach, bitte — was studierst du, wenn man fragen darf?«</p>
+
+<p>»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben
+wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden
+arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich
+weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie
+friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren
+Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein
+mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her,
+<em class="antiqua">daddy</em> ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen
+Freunde in den schlimmen Vierteln ...«</p>
+
+<p>»In den schlimmen Vierteln?!«</p>
+
+<p>»Gewiß — ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich
+mir das Auto kaufen — daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen
+Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen
+Vierteln!«</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>9</h3>
+</div>
+
+<p>Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer
+jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt
+der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> wußte, hauste als
+Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein
+hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und
+umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre
+Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt —
+sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn
+hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt
+mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die
+der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen,
+mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war
+sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd,
+Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden.
+In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt — und war ihr
+Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu — er
+machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech
+wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch
+ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel
+von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr
+nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen
+Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern
+und geheimnisvollen Gewölben — dazwischen hier und da eingekapselt
+plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem,
+verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm
+riechendem Prunk ausstaffiert — alles verbunden durch Geheimtüren,
+die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder
+Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich
+jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder
+Art — wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten
+Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen
+verschlungene Lektüre bildeten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
+
+<p>Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis
+ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er
+der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war
+Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...</p>
+
+<p>In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in
+die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten,
+mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen
+Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von
+Handgranatenkisten — Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer
+aus der großen Konkursmasse Deutschland — einstmals Werkzeuge
+ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege
+den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ...</p>
+
+<p>Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die
+stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.</p>
+
+<p>Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen.
+Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten
+der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von
+Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher,
+Führer im Kampfe gewesen war — ein Wort, das ihn entlarvte — und
+der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf
+einem Sportplatz, verschlang ihn — das stinkende Labyrinth, in dessen
+pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht
+wieder heraus ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im
+Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von
+dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten
+»öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Kellergelaß, in dem
+Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach
+Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der
+Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu
+vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale
+ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter — und ohne sein Ahnen zugleich
+als Aufseher — überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher
+Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft
+untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden
+Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf.</p>
+
+<p>Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die
+Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe
+in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte
+mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge
+eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner
+auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen
+aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich
+schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.</p>
+
+<p>Dragomiroff — der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen
+als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten
+nach der Bekanntschaft des Gewaltigen — keiner brennender als Anders
+Niemann ...</p>
+
+<p>In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und
+schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere
+Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel.</p>
+
+<p>Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab,
+von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr
+Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es — fast noch
+ein Backfisch. Sie winkte den<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Kindern lachend zu wie eine alte
+Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter
+Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar,
+die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte
+mit Balgen und Gekreisch.</p>
+
+<p>Da — o weh! — Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige
+Achtsamkeit versäumt?! — Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger
+Schreckensruf als Echo — ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem
+schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt
+gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen.</p>
+
+<p>Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang
+heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer
+Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust —
+im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche
+Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger —.</p>
+
+<p>Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in
+die Augen. Eine Feine — eine wie jene, die seine Gier seit Wochen
+umstrich ... Zupacken — züchtigen — und im Strafen sich ersättigen
+... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der
+unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror
+— —. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer
+keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie
+empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck
+der kleinen, festen Brüste spürte.</p>
+
+<p>Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten.</p>
+
+<p>»Tedje — büst du öwersnappt?! Lat ehr doch — is jo unschüllig, dei
+Lüttje! Is man'n Malleur west!«</p>
+
+<p>Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den
+erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff
+zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.</p>
+
+<p>Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes
+zuchtloser Seele.</p>
+
+<p>Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob
+der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen
+zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden,
+Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?!</p>
+
+<p>Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an —
+kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen,
+das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im
+Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und
+starrte auf die drei Kampfhähne.</p>
+
+<p>Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein
+orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen
+der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den
+Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen
+Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert — klapp! die Aufnahme
+war fertig.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Thank you, gentlemen</em> ...«</p>
+
+<p>Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der
+kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich — daß
+aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie
+er aufgeflammt, in sich zusammensank.</p>
+
+<p>Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen
+zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem
+Würmchen, dem sie Schmerz und<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Schreck zugefügt, in die Hand, pappte
+ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen — und schon saß
+sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein
+Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>10</h3>
+</div>
+
+<p>In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche
+Gründlichkeit — und was deutsche Zerrüttung bedeutete.</p>
+
+<p>Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem
+Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren
+hinüber- und herübergeflogen — und wenige Tage nach der grundlegenden
+Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson
+bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm
+stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge
+abzuschließen.</p>
+
+<p>Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der
+Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme
+vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf
+Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen
+amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch
+bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der
+Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten,
+als Bürgschaft zur Verfügung — unter dem Vorbehalt freilich, diese
+Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit
+zurückziehen zu können.</p>
+
+<p>So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten.</p>
+
+<p>Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres
+Flottwerdens nicht lange froh werden. Der<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> deutsche Jammer hemmte
+alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb.</p>
+
+<p>Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu
+stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich
+anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder
+lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe
+wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten
+Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige
+Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen.
+Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich,
+es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der
+Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten.</p>
+
+<p>Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und
+Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und
+mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr
+Glück — ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und
+tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem
+Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger
+gestaltete — die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von
+Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen
+Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten —
+in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung
+fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war — von
+der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht
+bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der
+sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!</p>
+
+<p>Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber
+in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Oberleiters dieses
+Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles,
+was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als
+Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles — außer dem einen ...</p>
+
+<p>Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen
+Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere
+als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier
+Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen
+Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr
+aufgesproßt war wie ein Eichbaum — in eben die Aufgabe, die sie selber
+ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen
+wie eigens für sie geboren — das sei der Kamerad, den sie brauchte ...
+und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt
+hatte, um ins Nichts zu verschwinden ...</p>
+
+<p>Ilse war keine Romantikerin — ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms
+zum Trotz. Sie war eine Carstensen — aber — sie war eine Frau.
+Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche
+Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben — aber eben
+ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der
+verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem
+wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...</p>
+
+<p>Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber
+in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die
+verstohlene Anklage: du — du hast ihn mir genommen!</p>
+
+<p>Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann,
+dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie
+für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie
+war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter
+seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe
+des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an
+der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte
+der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und
+unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete
+das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...</p>
+
+<p>Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den
+siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen —
+jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem
+scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den
+Begnadeten des Schicksals.</p>
+
+<p>Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten,
+nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne
+Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...</p>
+
+<p>Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet
+setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude,
+die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus
+auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle
+hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am
+Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine
+Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause
+in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der
+törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten
+Herzenskammer gewiegt hatte.</p>
+
+<p>Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> wenn die Feine,
+die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch
+das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder
+Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre
+der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches
+mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ — der
+wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein
+grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen
+und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit
+ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht — sie ließ ihren
+Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling
+hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ...
+Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine
+Stunde würde kommen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine
+Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig
+gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und
+überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu,
+unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen
+hatten ihre Sorgen — und Sehnsüchte.</p>
+
+<p>Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche
+Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt
+ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt
+— die arbeitet wie ein Mann — statt sich verwöhnen, feiern und
+beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie
+mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein
+treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...</p>
+
+<p>Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte:
+Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> des
+»President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue
+Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war,
+entsprungen sein sollten — der war in diese kühle, imposante
+Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker
+<em class="antiqua">business-man</em> in eine typische Modeschönheit vom Manhattan
+Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens
+Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick
+bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen.</p>
+
+<p>Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser
+täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages
+wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon,
+der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers
+um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast
+ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort
+einzulegen.</p>
+
+<p>»Miß Ilse — Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem
+jungen Mädchen gefunden habe ...«</p>
+
+<p>Ilse hatte sofort verstanden. »Oh — Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte
+sie mit zurückhaltendem Lächeln.</p>
+
+<p>»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«</p>
+
+<p>Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt,
+Bessiechen?«</p>
+
+<p>»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um
+Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's — aber Sie sind schlecht.
+Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine,
+welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor
+Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.«</p>
+
+<p>Und schon war sie hinaus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor
+Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen
+klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.</p>
+
+<p>Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte
+sie vorsichtig auf — und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen
+Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand
+der Riese — mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort
+als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die
+Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen
+Worte Bessie nicht enträtseln konnte.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Was nützet mihaich ein schönes Mädchen, </div>
+ <div class="verse indent0">wenn andre mit spazieren gehn? </div>
+ <div class="verse indent0">Was nützet mimamich ein schönes Mädchen, </div>
+ <div class="verse indent0">wenn andre mit spazieren gehn? </div>
+ <div class="verse indent0">Und küssen ihr die Schönheit ab, </div>
+ <div class="verse indent0">und küssen ihr die Schönheit ab — </div>
+ <div class="verse indent0">Daran ich meine, </div>
+ <div class="verse indent0">so ganz alleine, </div>
+ <div class="verse indent0">daran ich meine Freude hab'?!« </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen
+Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen.</p>
+
+<p>Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der
+Enakssohn und das Püppchen — und lachten — lachten — lachten, daß
+ihnen die Tränen von den Backen liefen.</p>
+
+<p>»Oh — das ist eine sehr <em class="antiqua">wonderfull song</em>«, radebrechte die
+Kleine — der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß
+lernen zu mir diese <em class="antiqua">wonderfull song</em> ...«</p>
+
+<p>»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p>
+
+<p>»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr <em class="antiqua">melancholical</em>, wenn sie
+singen <em class="antiqua">songs</em> so swer — swer —«</p>
+
+<p>»Schwermütig ...«</p>
+
+<p>»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige
+<em class="antiqua">soldiers song</em> ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige
+<em class="antiqua">songs</em>, Sie müssen singen lustige <em class="antiqua">songs</em> ...«</p>
+
+<p>»Kann ich auch, kleine Puppe — da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die
+Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit
+Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen.
+»Hören Sie zu:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Bei der Kaiserin Klementine</div>
+ <div class="verse indent0">haben wir heut Musik gemacht,</div>
+ <div class="verse indent0">der eine spielte auf der Viggoline,</div>
+ <div class="verse indent0">der andre auf dem Stiewelschacht —</div>
+ <div class="verse indent0">Hodahumpahumpahadaha —</div>
+ <div class="verse indent0">hodahumpahumpahadawumm!‹«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist
+es auch eine <em class="antiqua">German soldiers song</em>? Ich wünsche zu lernen hundert
+<em class="antiqua">German soldiers songs</em> — das wird machen eine gigantische Effekt
+in Amerika ...«</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>11</h3>
+</div>
+
+
+<p>Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland
+zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.</p>
+
+<p>Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden
+Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres
+Apparats gehemmt.</p>
+
+<p>Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die
+Genehmigung der Generalversammlung erforderlich.<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Schon ihre
+Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn,
+bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen
+Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor
+einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an
+das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar,
+Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.</p>
+
+<p>Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen
+letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung
+über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen
+Ablaufe werde der Kredit gesperrt.</p>
+
+<p>Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen.</p>
+
+<p>Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten
+Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und
+Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit
+Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei
+nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung
+des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter
+Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg
+aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben
+aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge
+der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste
+es, was es wolle ...</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Seefahrt ist not</em> ...</p>
+
+<p>Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien
+in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich
+gereift — ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl
+wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ...</p>
+
+<p>Fast einstimmig genehmigte die Generalversammlung die Anträge des
+Direktoriums. Und noch in derselben Stunde<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> vollzogen die Herren
+Freimann und Patterson die längst fertig daliegende Fusionsakte.</p>
+
+<p>Die United Transatlantic Lines waren gegründet.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In derselben Stunde, als die Führer der deutschen Überseeschiffahrt
+mit ihren Damen sich auf Einladung ihres neuen Verbündeten von
+drüben zu einem Festdiner im Atlantic-Hotel versammelten, strömten
+aus ganz Hamburg die Arbeiter und Unterbeamten der Werften und
+Häfen in dem niederen, doch weitgedehnten Saale der »Neuen Welt«
+am Heiligengeistfelde zusammen, um sich von Wassily Petrowitsch
+Dragomiroff aus Moskau über »Deutschland als Stoßtrupp der
+Weltrevolution« belehren zu lassen ...</p>
+
+<p>Anders Niemann, der durch Antje über die Vorgänge im Präsidialbureau
+der Linie genau unterrichtet war, mußte lächeln in grimmig bitterer
+Ironie, als er sich Schulter an Schulter mit seinen Stubenkameraden
+zur »Neuen Welt« begab. »United Transatlantic Lines« und »Sturmtrupp
+der Weltrevolution« — konnte das deutsche Elend, die deutsche
+Zerrissenheit packender, wahrhaftiger formuliert werden?!</p>
+
+<p>Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner
+Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der
+Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen
+Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen.
+Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der
+sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden — auch an der
+beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß
+gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung
+des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen.
+Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Masse
+der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil
+mochte seinen Lauf nehmen. Und wer — wer hatte es heraufbeschworen?!</p>
+
+<p>Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken,
+daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben
+bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch
+fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen
+nur der Deutsche helfen könne — daß moskowitische Ideale niemals
+Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine
+Wiedergeburt ...</p>
+
+<p>Was Tedje Tietgens bejubelte, anführte, organisierte — konnte es das
+Gute, das Heilsame sein?!</p>
+
+<p>In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor
+der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ...</p>
+
+<p>Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm
+hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden — und hatte nun
+seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine
+Antje sich bemühte und härmte — daß der ganz in die Hörigkeit seiner
+beiden Arbeitskameraden geraten war ...</p>
+
+<p>Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was
+er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war
+der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben
+Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik
+auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um
+Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke
+lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff
+in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das
+Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig
+beschäftigen ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+
+<p>Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf
+diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich
+zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere
+Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm
+einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung
+von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte
+Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion
+verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage
+lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung
+unter den Genossen geschehen ...</p>
+
+<p>Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich:
+Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß
+die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte
+mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war,
+hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande
+kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben,
+während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da
+war Antje gekommen — schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte
+Clas bescheiden gefragt ... Ach — es sei nur, daß sie sich so sehr
+auf die Musik gefreut habe ... Ei — da könne ihr geholfen werden ...
+ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem
+vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele
+gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck — Clas bebte
+bei der bloßen Erinnerung.</p>
+
+<p>Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls
+Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden — »die Welt wird
+schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an
+die Zukunft des Menschengeschlechts — an den neuen Erdentag — dessen
+erste<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Morgenröte heut aufgehen werde, heut — mit dem Vortrage des
+Genossen Dragomiroff ...</p>
+
+<p>Ob sie auch kommen würde — sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten
+eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie,
+ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin,
+rot bis in den innersten Winkel der Seele — sie, die Verkörperung der
+roten Seligkeit ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos.</p>
+
+<p>Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge,
+die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine
+Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse,
+weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik
+getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die
+harrende Masse gewirkt — dämpfend, beschämend, stimmungmordend ...
+Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im
+atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen — Leib an Leib ringsum an den
+Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf,
+Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die
+Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da
+scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:</p>
+
+<p>»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!«</p>
+
+<p>Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter.</p>
+
+<p>In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte
+seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel
+an der Wand klebte:</p>
+
+<p>»Clas — späl 'n Lütten op!«</p>
+
+<p>Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel,
+der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> der
+Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug
+begeistert in die Tasten — aufbrandete sein Leiblied ...</p>
+
+<p>Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse
+wurden heruntergesungen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Der alte Haß sei tot,</div>
+ <div class="verse indent0">die Liebe sei befreit —</div>
+ <div class="verse indent0">aus unsern Herzen loht</div>
+ <div class="verse indent0">die rote Seligkeit —!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse
+Dragomiroff ...</p>
+
+<p>Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz
+zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge:</p>
+
+<p>»Musik! Mehr Musik!«</p>
+
+<p>Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und
+wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf.
+Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer
+Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg — ein Sang von der Schmach
+und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden,
+seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung — seinem
+Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat — vom Triumph
+der Freiheit — jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt — den
+Männervölkern.</p>
+
+<p>Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige
+Freiheitslied — kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont —?!</p>
+
+<p>Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer
+Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im
+Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats —<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> nein, den Sieg eines
+brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!</p>
+
+<p>Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter
+dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den
+letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es
+durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen
+Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders
+Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit
+aus ...</p>
+
+<p>Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner
+braunscheiteligen Freundin sandte — der funkelte geheime Ironie ...
+Es war der Blick eines Wissenden — eines Liebenden, der hoch über dem
+Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und
+eine Ahnende erwiderte ihn ...</p>
+
+<p>Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen — trotz allem — du
+und ich — ihr und wir?!</p>
+
+<p>Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da
+meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern — und in
+Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die — die uns allen, allen
+einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche,
+wenn wir — Menschen bleiben wollen?</p>
+
+<p>Die Republikanerin, die Revolutionärin, die — Proletarierin fühlte in
+dieser Sekunde ganz als Deutsche ...</p>
+
+<p>Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom
+Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden,
+deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten — die er nun
+kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen
+Ideal, einer neuen Seelenheimat — einem neuen — freien — großen —
+nach innen und außen großen — wiedergeborenen — Vaterland —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
+
+<p>Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür
+zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich,
+wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter
+Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von
+struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es
+zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...</p>
+
+<p>»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter
+entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse.</p>
+
+<p>Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus.</p>
+
+<p>Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck
+des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll
+gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte
+aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den
+knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...</p>
+
+<p>Die Bestie wachte plötzlich auf — aus dem Abgrunde der Jahrtausende
+brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die
+Urnacht ...</p>
+
+<p>Tedje Tietgens schwang die Klingel:</p>
+
+<p>»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.«</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>12</h3>
+</div>
+
+
+<p>Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der
+Gastgeber konnte sich's leisten.</p>
+
+<p>Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener
+Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot
+nicht herankönnen — solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und
+die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der
+Üppigkeit dieses<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel
+anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen
+geworden waren.</p>
+
+<p>Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie-
+und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen
+Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen
+Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen
+melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und
+Vereinsamung ...</p>
+
+<p>Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus
+den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale,
+beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein
+glänzendes Yankeegesicht ...</p>
+
+<p>Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des
+industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge
+der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der
+roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke
+hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer
+an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen
+des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter
+des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...</p>
+
+<p>Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den
+eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte.
+Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic
+Lines zu feiern — aber die Herzen der Deutschen feierten das erste
+Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.</p>
+
+<p>Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch
+blendender Stein- und Perlenschmuck — die Frackaufschläge der Herren
+wiesen, dem Sturz der Throne zum<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Trotz, den blinkenden Schmuck der
+Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der
+jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der
+Eisernen Kreuze.</p>
+
+<p>Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers,
+thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des
+glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher
+gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten
+ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie
+Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes — nun blieben
+ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja
+auch ...</p>
+
+<p>Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse
+Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen.
+Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der
+Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm
+Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe,
+alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland
+zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes
+unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg
+bereitgestellt werden.</p>
+
+<p>»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das
+war eine dumme Frage — vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch
+... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt
+Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«</p>
+
+<p>Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie
+die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und
+Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere
+einander heute wieder die Hand zu reichen wagten —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<p>Lusitania — die Argonnenschlacht — die Vierzehn Punkte.</p>
+
+<p>Dennoch — man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte
+Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne — es wurde wieder heller in der
+Welt — die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu
+zerflattern ...</p>
+
+<p>Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken
+des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls
+führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T.
+L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen
+kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr
+Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß
+Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise
+einmal abgeschlagen — Robert Timmermanns saß heute, seiner
+gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel
+— inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft.
+Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des
+Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit
+in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf
+einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen
+Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.</p>
+
+<p>Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug,
+seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr
+Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen
+transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten
+als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des
+durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H.
+T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United
+Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden
+der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev
+Carstensen, sein Glas leerte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern
+zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem
+Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren
+Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde — bei diesen Führern deutschen
+Schaffens war sie wohl aufgehoben.</p>
+
+<p>Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde
+blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm
+II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens
+das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm
+Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt
+der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das
+Kaiserreich gelegt habe.</p>
+
+<p>»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden
+blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das
+besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs,
+der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes
+ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde
+gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg,
+der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien,
+auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des
+Präsidenten Wilson — es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«</p>
+
+<p>Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des
+Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des
+Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte
+kein Nerv.</p>
+
+<p>»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit,
+welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle,
+welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in
+die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> hatte. Wir haben es getan
+in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur
+zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an
+eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg
+vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir
+diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«</p>
+
+<p>Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es
+sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von
+gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter,
+die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen,
+Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen
+zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener
+Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen,
+unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer,
+ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und
+Empfindens — kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über
+Staubgeborene verhängt werden können.</p>
+
+<p>Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur
+unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher
+Hoffnung.</p>
+
+<p>Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare
+Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung,
+ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von
+drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als
+erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit
+aufgefordert haben — vor allem für Sie, Freund Elias Patterson —
+der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind.
+Seefahrt ist not — ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen
+Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen,
+die uns den Weg zum Meer<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren
+von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen,
+daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre
+Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer
+Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im
+Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser
+Land verbindet, durchqueren soll — daß dies stolze Schiff, dessen
+Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst,
+den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen
+›Deutschland‹.«</p>
+
+<p>Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung — es klang wie
+erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung
+genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt.</p>
+
+<p>In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber
+und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel
+...</p>
+
+<p>Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme
+wieder den alten Vollklang:</p>
+
+<p>»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche
+Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in
+Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber
+arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer
+Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen
+ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk
+dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den
+Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in
+seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das
+aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns
+zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind
+dieses Tages, die United Transatlantic Lines — wir begrüßen das freie
+Weltmeer, das<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns
+auftut — wir grüßen die Zukunft — die Zukunft unseres Volkes, die
+Zukunft des Menschengeschlechts.«</p>
+
+<p>Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch — in stummem, feierlichem
+Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe
+der Stunde.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>13</h3>
+</div>
+
+<p>Und endlich forderte die Freude doch ihr Recht.</p>
+
+<p>Der Champagner löste die Lippen, beschwingte die Hoffnungen, machte
+die Augen der Frauen leuchten, entrunzelte die Stirnen der Männer. Die
+starre, zusammengeraffte Haltung der Deutschen lockerte sich. Man stand
+in Gruppen, man fand sich zu immer neuer Begrüßung zusammen.</p>
+
+<p>Um Johanna Freimann, um Ilse Carstensen bildeten sich dichte Kreise der
+Verehrung, der Huldigung. War's nicht fast, als hielten zwei Fürstinnen
+der Vergangenheit Cercle?</p>
+
+<p>Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang
+von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der
+bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie
+spähte nach ihrem Lehrmeister — dem Riesen mit dem struppigen blonden
+Bart ...</p>
+
+<p>Natürlich — da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse
+Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte
+er aus dem Schwall.</p>
+
+<p>Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen
+Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art
+Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie
+präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein
+marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen
+begann sie zu singen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+<p>Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne
+Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken
+Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie —
+— kannten — —</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen,</div>
+ <div class="verse indent0">uänn andre mit spätziere gehn?</div>
+ <div class="verse indent0">Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen,</div>
+ <div class="verse indent0">uänn andre mit spätziere gehn —</div>
+ <div class="verse indent0">und kussen ihr die Schönheit äbb,</div>
+ <div class="verse indent0">und kussen ihr die Schönheit äbb — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an
+der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer — strahlte vor Wonne, als die
+Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ...</p>
+
+<p>Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr
+Gewaltmittel hatte geholfen — hinter der vier- und fünffachen Reihe
+staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise,
+verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender
+junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters
+auf — auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches
+Grausen ...</p>
+
+<p>Schmetternd trällerte Klein-Bessie:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Darän ich meine, so gänz alleine,</div>
+ <div class="verse indent0">darän ich meine Freude häbb —</div>
+ <div class="verse indent0">Darän ich meine, so ganz alleine,</div>
+ <div class="verse indent0">darän ich meine Freude häbb —!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme:</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Bessie, finish, please —!</em>«</p>
+
+<p>Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die
+Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum,
+patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ...</p>
+
+<p>Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab,
+klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein
+barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen — Hamburgs kühle
+Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons
+Stabe — das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter
+Fröhlichkeit ...</p>
+
+<p>Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte
+wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er
+lachte mit.</p>
+
+<p>Aber — — was — war denn — das — —?!</p>
+
+<p>In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang
+plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ...</p>
+
+<p>Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe —
+vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf:</p>
+
+<p>»Nieder mit dem Kapitalismus!«</p>
+
+<p>»Licht aus — Messer 'raus!«</p>
+
+<p>»Es lebe die Weltrevolution!«</p>
+
+<p>Erblassen — Entsetzen — starres Verstummen — fieberndes Lauschen — —</p>
+
+<p>Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse,
+das den Hotelpalast umbrandete ...</p>
+
+<p>Gesang — schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Die Guillotine saust,</div>
+ <div class="verse indent0">der Rachejubel schreit,</div>
+ <div class="verse indent0">es flammt in unsrer Faust</div>
+ <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<h2>Drittes Buch</h2>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>1</h3>
+</div>
+
+<p>Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.</p>
+
+<p>Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag«
+unterzeichnet.</p>
+
+<p>Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.</p>
+
+<p>Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale
+von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster
+Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere,
+entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die
+Junirevolte.</p>
+
+<p>Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still.
+In den Adern der Stadt stockte das Blut.</p>
+
+<p>Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in
+ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern,
+ohnmächtig geballten Fäusten.</p>
+
+<p>Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen,
+Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu
+wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu
+werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend — der Söhne und
+Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung
+und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich
+genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer
+erhöhten Lebensstellung genossen hatte.</p>
+
+<p>Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel
+des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> war, als die scheußliche
+Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo
+herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein
+Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und
+Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter
+das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten — kämpften in
+hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer
+der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war —
+und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und
+unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.</p>
+
+<p>Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme — Tage, die ihre
+Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...</p>
+
+<p>Und endlich kam dennoch die Erlösung.</p>
+
+<p>Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und
+plötzlich war das Gesindel zerstoben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein
+anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um
+nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich
+nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden:
+Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner
+verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen
+die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen
+beobachtet, gelauscht, gelernt ...</p>
+
+<p>Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.</p>
+
+<p>Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse — und es
+gab den Pöbel.</p>
+
+<p>Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er
+für eine ungewisse Zeit des Schauens und<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Erkennens über sich verhängt
+hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und —
+ach ja, auch Antje.</p>
+
+<p>Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine
+in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie
+sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte
+den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas
+völlig Neues in der Geschichte der Menschheit — mit dem Proletarier
+vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. — Ein neuer
+Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit
+den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt.
+Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der
+neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft
+der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild
+Gottes« gekommen waren ...</p>
+
+<p>Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen — und die andern,
+die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band
+wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg
+Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen,
+die an gemeinsamem Werke wirkten ...</p>
+
+<p>Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke
+Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen
+Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu,
+sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit,
+sein Gesicht gewandelt hatte — der Pöbel ...</p>
+
+<p>Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in
+das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte
+sich Pöbel gebildet — der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der
+Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten
+... Und uralt war<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser
+Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte — daß die Hefeschicht nicht mehr
+ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte,
+emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte,
+in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen
+Zersetzung ...</p>
+
+<p>War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit
+an dieser Zeit sich auswirkte — an dieser nie erhörten Zeit der
+Umformung und der Erschütterung, welche die — — Maschine über die
+Menschheit verhängt hatte?!</p>
+
+<p>Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen
+hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun
+auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem
+Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das
+alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin
+seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...</p>
+
+<p>Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung
+nachsann — in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in
+denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.</p>
+
+<p>Unsäglich das Grauen solcher Nächte — durchängstet von der
+hoffnungslosen Frage:</p>
+
+<p>Wie soll das enden?!</p>
+
+<p>Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns
+aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter
+Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten
+Geschlecht seiner Tage ...</p>
+
+<p>Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen
+Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins,
+das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit
+der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation,
+mit dem<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit
+trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff:
+daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein
+Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am
+gemeinsamen Werk?</p>
+
+<p>Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen
+ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den
+lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was
+half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande
+waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an
+den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!</p>
+
+<p>Arm blieben sie dennoch — sie konnten nicht glücklich werden, niemals
+und auf keine Weise glücklich ...</p>
+
+<p>Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward,
+sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig,
+wesentlich, notwendig, sinnvoll — heilig zu begreifen ...</p>
+
+<p>Wer hatte sie das gelehrt — wer sah auch nur die Aufgabe, sie das
+zu lehren — wer war selbstlos, unantastbar — und dabei wort- und
+wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein
+genug, sie das zu lehren?!</p>
+
+<p>Ach — und selbst der Abschaum, der Pöbel — verdiente er Verdammung,
+Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und
+Maulkorb — oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des
+Erbarmens, der Erlösung?</p>
+
+<p>Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt
+erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und
+in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß
+einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen
+... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die
+Dämonen seines<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und
+wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...</p>
+
+<p>Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten,
+zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich
+zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war
+gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine
+Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein
+Bolschewist — ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des
+Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...</p>
+
+<p>Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der
+Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch
+zähe Arbeit des Kopfes — nein, es erraffen, an sich reißen mit der
+Masse der starken Fäuste — nicht es genießen mit den tausend Organen
+verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser,
+verständnisloser Orgie ...</p>
+
+<p>Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die
+sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft,
+zertrampelt hatte — wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien
+wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals,
+ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens —
+hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall
+das gleiche gefunden:</p>
+
+<p>Unabweisbare Folgerichtigkeit — lückenlose Kausalität — unentrinnbare
+Logik — —</p>
+
+<p>Notwendigkeit — —?!</p>
+
+<p>Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber —
+sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie
+er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung
+entraffte — nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in
+seiner Rolle auch<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden
+Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß
+der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand —
+wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören,
+Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...</p>
+
+<p>Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz — das hörende,
+schauende, verstehende Herz ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für
+Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das
+Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.</p>
+
+<p>Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen
+verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit
+Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht
+und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen
+und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen,
+sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am
+Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte,
+durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst
+und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und
+abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen
+und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der
+Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften
+und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit
+trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle
+Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz
+des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und
+gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg
+gewiesen in die<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster,
+verhetzter, irregeführter Menschenherzen — in jene Tiefe, in der,
+ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte — die Sehnsucht nach
+Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...</p>
+
+<p>Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum
+erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie
+begreifen lehren.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>2</h3>
+</div>
+
+
+<p>Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten
+Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen
+Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige
+Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von
+Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.</p>
+
+<p>Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die
+überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder
+zur Arbeit ein.</p>
+
+<p>Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und
+Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden
+Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern
+und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner
+in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer
+angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen
+worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom
+Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu
+Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch
+der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um
+nach seinem Kran zu sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p>
+
+<p>Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen
+Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.</p>
+
+<p>Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit
+anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen
+der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen
+auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»— und kussen ihr die Schönheit äbb —</div>
+ <div class="verse indent0">und kussen ihr die Schönheit äbb ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe
+mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes
+durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines
+entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und
+von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.</p>
+
+<p>Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die
+eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er
+hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft
+anscheinend noch nicht verloren.</p>
+
+<p>Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung
+in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm
+geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit
+nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und
+riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen
+nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der
+Reedereien heranzutreten.</p>
+
+<p>So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der
+Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> mit einigen
+ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu
+Hause gelassen — nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden
+wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige
+Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter
+letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P.
+D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn
+seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde
+er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die
+Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des
+Gesamtbetriebes beauftragt.</p>
+
+<p>Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als
+Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen
+hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie
+nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben
+würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme
+Überraschung — oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von
+Enttäuschung? — Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle
+seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von
+einer seltsamen Befangenheit ...</p>
+
+<p>Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue
+Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen
+Neuyorkerin für sein Seelenleid — und dann die Szene im Atlantic —
+Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen
+berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker
+Beifall brüllend — und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen — da
+bestand ein Zusammenhang ...</p>
+
+<p>Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers
+Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> mehr
+herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ...
+Bessie — das Täubchen auf dem Dach — o weh — es war sogar schon
+ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand!
+Na, warte, Bobbie — so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht
+werden!</p>
+
+<p>Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem
+Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.</p>
+
+<p>Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft
+vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden
+Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender
+Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und
+Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen — dann weinte sie nachts
+in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad
+wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in
+einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande
+gemacht hatte.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>3</h3>
+</div>
+
+
+<p>Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt —
+aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote
+See«.</p>
+
+<p>Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf
+dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die
+Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs
+in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren — leider mit ihnen
+die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken
+geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler
+waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam,
+doch unabwendbar angeschwollen war — nun<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> ward sie Lawine und begrub
+die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie
+immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte
+es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte
+sich ja nicht »verbürgerlichen«.</p>
+
+<p>»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens,
+»denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt
+kriegen, Jungs ...«</p>
+
+<p>Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale — und wieder kamen
+russische Hilfstruppen — kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große
+Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab — aber längst
+war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an
+dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten
+Deutschland den günstigsten Nährboden.</p>
+
+<p>Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf
+der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang
+er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die
+neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.</p>
+
+<p>Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die
+Regierungstruppen abrücken sollten ...</p>
+
+<p>An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch
+seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit.
+Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.</p>
+
+<p>Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten
+der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend
+an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die
+Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen
+Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden
+der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein
+Wunder<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In
+einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch
+erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das
+Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin
+Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was
+Haß ist.</p>
+
+<p>»Also leb' wohl, teures Bruderherz — und mein aufrichtiges Beileid,
+daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben
+mußt ... Was macht der Karabiner?«</p>
+
+<p>»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht
+behalten — er hat sich bewährt.«</p>
+
+<p>»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach
+seinem vollen Werte bezahlt hast?!«</p>
+
+<p>»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht
+man dich in Hamburg wieder?«</p>
+
+<p>»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen
+Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und
+Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben — wo man
+mich bespuckt und getreten hat ...«</p>
+
+<p>Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat,
+wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde,
+disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe
+und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine
+Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der
+Rampe herniederschallend — grelle Zwischenrufe, die Klingel eines
+selbstbestellten Verhandlungsleiters — ein Güterwagen als »Olymp«, das
+Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel
+besetzt — ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers
+klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors
+allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span>
+Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben,
+Grotsnuut?!«</p>
+
+<p>Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren
+Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung«
+trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen.
+Ein Trost — aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug
+auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...</p>
+
+<p>Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:</p>
+
+<p>»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen — ich hatte schon Angst,
+man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank,
+Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich
+zart:</p>
+
+<p>»Keine Angst, Fräulein Ilse —« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse
+zu sagen! — »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels
+sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die
+andern lassen sich mitreißen ...«</p>
+
+<p>»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse.
+»Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die
+›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe — andernfalls
+werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit
+aufgeben ...«</p>
+
+<p>»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.</p>
+
+<p>Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus.
+Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«</p>
+
+<p>Timmermanns trat ans Fenster und las — o weh — es war Englisch — und
+dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...</p>
+
+<p>Ein kurzer Kampf — dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die
+Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen
+hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«</p>
+
+<p>Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters
+Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut
+den Namen der Absenderin.</p>
+
+<p>Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na — wenn schon —
+—</p>
+
+<p>»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort
+auf!«</p>
+
+<p>Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische
+Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.</p>
+
+<p>»Heißt wie auf Deutsch?«</p>
+
+<p>»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«</p>
+
+<p>»Fräulein Ilse —!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie — wie können
+Sie nur —«</p>
+
+<p>»Versuchen Sie nicht zu schwindeln — — Herr — Generaldirektor!«
+lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«</p>
+
+<p>Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür
+auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll
+herein — mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst,
+Schnapsdunst —.</p>
+
+<p>Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte
+der Destille. Da sah er Ilse — und eine zweite heißere Flamme zuckte
+in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb
+an die »Feine«.</p>
+
+<p>»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch.
+»Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die
+Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen — und wir sünd beauftragt,
+die Werftdirekschon ein Ul — ein Ul —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span></p>
+
+<p>»— ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns
+herablassend ein.</p>
+
+<p>»Ja — dat is dat Wort —« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich
+Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns — ick heiß' Herr
+Tietgens!«</p>
+
+<p>Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.</p>
+
+<p>»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«,
+erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit
+die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«</p>
+
+<p>Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen
+der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die
+Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes.
+Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel — so was in
+die Arme kriegen — — das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn
+— die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich
+begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren
+... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...</p>
+
+<p>Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke
+trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das
+überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die
+Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen,
+dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt
+ist — das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit
+der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu
+verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure
+Forderungen reden. Vorher — ausgeschlossen. Sagen wir heute ja<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> zu
+diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«</p>
+
+<p>»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«,
+sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en
+Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«</p>
+
+<p>Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.</p>
+
+<p>Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute
+... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe — den Arbeitnehmern
+wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die
+Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu
+machen? Es ging nicht ...</p>
+
+<p>»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist
+die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine
+schwere Zeit — wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«</p>
+
+<p>»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die
+Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise
+bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken
+vörklöhnen —«</p>
+
+<p>In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen
+können, den Ring abzulegen ...</p>
+
+<p>»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte
+Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot
+— kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne,
+Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der
+hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.</p>
+
+<p>»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns.
+»Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de
+Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser
+Frau — der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff
+einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den
+Arm. Ilse riß Timmermanns zurück — ihre Kinnbacken bebten.</p>
+
+<p>»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen.
+»Ick will di woll kriegen — un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt
+und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland — —«</p>
+
+<p>Da schnarrte der Fernsprecher.</p>
+
+<p>Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme
+erkannt. Es war wie ein Zauber — als stünde er neben ihr, so laut und
+klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie
+durchschwirrte ...</p>
+
+<p>»Ach, Ilse — du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt
+der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«</p>
+
+<p>»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen
+der Arbeiterschaft.«</p>
+
+<p>»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>4</h3>
+</div>
+
+
+<p>Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude
+zur Helling hinüber — umstiebt vom ersten Schnee.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em>« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer
+noch, ihr Deutschen ...«</p>
+
+<p>In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen
+Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus,
+der den verarmten Vetter zu besuchen kommt.<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Aber der verarmte
+Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand
+seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters
+Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das
+tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des
+elektrischen Nietens — das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen
+hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie
+Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung
+des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja — es ging aufwärts
+...</p>
+
+<p>Timmermanns fand sich selber sehr komisch — zwischen den zwei jungen
+Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen
+umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er — wüßt' ich
+nur genau in welche ...</p>
+
+<p>Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ...
+Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ...</p>
+
+<p>Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit
+ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand
+unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an.
+Es war wie eine Beschlagnahme.</p>
+
+<p>Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und
+Clas. Pink, pank! — Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände
+klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben
+Minuten ein Niet — tick tack — pink pank.</p>
+
+<p>Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe
+starrte. Tedje folgte dem Blick — und sah da unten seinen Feind stehen
+— und — — die Feine ...</p>
+
+<p>Düwel — und noch jemanden, den er kannte ...</p>
+
+<p>Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das
+nicht — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>»Verdammi, Jung — weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de
+Köpp kregen vör Tieden!«</p>
+
+<p>Wahrhaftig — sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert
+auf — die andere ... So nahe hatte er sie — seit seinem Versinken —
+nicht mehr gesehen ...</p>
+
+<p>Da hob sie den Blick — alle drei schauten sie an der Steile des
+Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ...
+Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine
+Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch
+droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...</p>
+
+<p>In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust
+keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...</p>
+
+<p>»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser.</p>
+
+<p>Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes
+Fingern, sauste in die Tiefe ...</p>
+
+<p>Ein dreifacher Aufschrei drunten —</p>
+
+<p>Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das
+Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte
+schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut,
+fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.</p>
+
+<p>Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter — eins aufatmend,
+dankbar, daß der Streich mißglückt — eins grimmzerfressen,
+zähnefletschend in tückischer Wut ...</p>
+
+<p>»Entschülligen S' man — t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<h3>5</h3>
+</div>
+
+
+<p>Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die
+Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst,
+die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem
+technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere
+führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche
+im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der
+Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage
+des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie
+wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen.
+Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer
+Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal
+schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder
+scheitern.</p>
+
+<p>Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle
+Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte,
+das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu
+vertreiben wissen.</p>
+
+<p>Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und
+Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner
+verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei
+Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte
+die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue
+Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es
+heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen
+durchzudrücken — morgen warf die anschwellende Markentwertung alle
+Vorschläge über den Haufen.</p>
+
+<p>Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war
+doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale
+Disziplin war zum Teufel — sie fraßen einander<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> auf, bewucherten sich
+gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen
+Untergang hinein ...</p>
+
+<p>Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen
+deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese
+Menschen, dieses Volk ...</p>
+
+<p>Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf
+gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden
+... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den
+Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen
+lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und
+Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung
+entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last
+ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die
+Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu
+halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte
+zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.</p>
+
+<p>Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie
+ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse
+verbessern — dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte
+Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem
+Herzen geregt hatte — sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie
+einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen
+Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und
+ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte
+dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des
+Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische
+Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben,
+seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen
+und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet —. Ilses
+krampfhafte Selbstverteidigung<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> übte immer neue Kritik an Roberts
+Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch
+nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und
+erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit.
+Ein Rauhbein — ein Streber — ein Prolet — aber ein Mann — ein Kerl.</p>
+
+<p>Und Heinz Freimanns Bild verblaßte — ward entrückt ... Die Ferne, die
+Zeit übten ihre Rechte.</p>
+
+<p>Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.</p>
+
+<p>In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste
+Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er
+wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ...
+Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum — gleichgültig,
+was er treibt, leidet, fühlt — es ist notwendig — notwendig für ihn
+und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter,
+seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle
+durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger,
+entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn
+sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den
+Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber
+verhängt hat ...</p>
+
+<p>So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht — so
+mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr
+feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des
+Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr
+entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...</p>
+
+<p>Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den
+zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen
+diesen Schatten war der geheime<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Inhalt aller Gespräche, die endlos
+jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter
+Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>6</h3>
+</div>
+
+<p>Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere
+Einverständnis.</p>
+
+<p>»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer
+Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen
+nicht, ich fühle es ...«</p>
+
+<p>»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle
+Mädchen der Welt — genügt Ihnen das?«</p>
+
+<p>»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt
+... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das
+ist mehr als lieben ...«</p>
+
+<p>»Zwei, Bessiechen?«</p>
+
+<p>»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht
+kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie
+den Ring längst abgelegt ...«</p>
+
+<p>»Nun, und der andere?«</p>
+
+<p>Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.</p>
+
+<p>»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in
+Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat — für uns beide ...«</p>
+
+<p>Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich
+will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist
+ein Esel.«</p>
+
+<p>»Schämen Sie sich, Ilse!«</p>
+
+<p>»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel
+zwischen den zwei Heubündeln?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es
+besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur
+»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf
+Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine — und war dann frei. Bessie
+belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte,
+daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war
+— seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ...
+Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers
+am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann
+— damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias
+Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine
+allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long
+Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige
+Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des
+Herrn Freimann empfand.</p>
+
+<p>Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem
+kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje
+die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr
+neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff
+herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem
+Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas —
+nicht zur Stelle gewesen wären? — und warnte.</p>
+
+<p>Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art
+zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es — sonst wäre ich
+nicht so übermütig ...«</p>
+
+<p>Antje war skeptisch — sie warnte die kleine Phantastin energisch.
+»Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich
+verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden
+Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<p>»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann
+alles ...«</p>
+
+<p>Plötzlich klatschte sie in die Hände — blieb vor einem Ladenfenster
+stehen: »Schauen Sie — da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener
+Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen
+Sie — was ist das für ein merkwürdiger Baum?«</p>
+
+<p>Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme
+... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche
+Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken — selbst die
+Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.</p>
+
+<p>»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder,
+wenn Weihnachten kommt — und warten, daß wir beschenkt werden —
+beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über
+unserm Wünschen und Hoffen steht ...«</p>
+
+<p>»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«</p>
+
+<p>»Ach — es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir
+sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir
+alle ...«</p>
+
+<p>Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie
+böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden — Amerika hatte
+daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe
+wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...</p>
+
+<p>»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein
+hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem
+großen Bart — und einem großen Sack — und er trägt einen Besen in der
+Hand?«</p>
+
+<p>Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten
+deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der
+geflügelte Engel an seiner Spitze ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. — Wie werden meine
+Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland
+...</p>
+
+<p>Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen
+weiter. So etwas mußte sie machen — für ihre kleinen Freunde in den
+schlimmen Vierteln.</p>
+
+<p>Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit
+Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber
+dann hätte <em class="antiqua">daddy</em> davon erfahren — und die anderen alle, die
+sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest
+hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein — das
+mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre,
+würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern
+weiden ...</p>
+
+<p>Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje
+gesagt ... Nein — es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen
+Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde
+stehen und all die Pracht bestaunen — und schon in ihren jungen Seelen
+würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der
+Neid der Armen auf die Reichen ...</p>
+
+<p>Nein, man würde zu ihnen gehen — niedersteigen wie das Christkind
+selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß
+vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr
+verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen
+kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der
+Proletariergassen — den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen
+ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen.
+Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und
+ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein — mit einem langen Bart —
+einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel — und einem Besen
+unterm Arm ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von
+ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur
+ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine
+Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches
+kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen
+dabei, die Bessie wohl leiden mochte — aber sie waren alle nüchtern
+und schwunglos wie ein Lineal — die würden sie groß und respektvoll
+anstaunen — und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein — es müßte
+einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.</p>
+
+<p>Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt
+hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln
+anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.</p>
+
+<p>Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.</p>
+
+<p>Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im
+Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den
+Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie
+alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte
+Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen
+wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte — oder ihrem
+Tempo nicht hätte folgen können ... Pah — diese Stenotypistin mit dem
+braunen Madonnenscheitel — was wußte die von einem Schutzengel?!</p>
+
+<p>Richtig ... hier war's gewesen — hier an der Ecke zu dieser — noch
+viel engeren — puh — wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er
+aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an
+jenem Sommernachmittage gefahren war ...</p>
+
+<p>Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe
+am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> ... Aber die erkannten
+sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen
+Patschen.</p>
+
+<p>»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und
+hat ein Gesicht sehr gut — und ist sehr mjutig?«</p>
+
+<p>Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende
+ausblieb.</p>
+
+<p>Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden,
+gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte
+— und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich
+heran:</p>
+
+<p>»Wat wull dei Dam', Kinnings?«</p>
+
+<p>Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach
+aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Yes, madam</em>,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch
+die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges <em class="antiqua">man</em>, braunes
+Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«</p>
+
+<p>Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes
+Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des
+glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen
+Seligkeit verholfen hatte ...</p>
+
+<p>»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick
+gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi
+ünner — dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«</p>
+
+<p>Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom
+schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in
+die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte — »Fohrräder heff ick all
+männigesmol opbewohrt — öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien'
+— dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> kieken, wenn ick
+em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e
+Gang'n is ...«</p>
+
+<p>In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst
+verdunstet — sie dachte sogar auf hamburgisch.</p>
+
+<p>Es ging in einen stockfinsteren Gang — Bessie schauderte und schickte
+ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut
+werd' ich dich brauchen ...</p>
+
+<p>»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an
+...« Schade — surrte es durch das Hirn der Alten — dat wier wat taum
+Verschärfen — öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein —
+für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche
+Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient
+werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht
+zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung — und
+scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.</p>
+
+<p>Nun eine Stiege hinauf — durch einen elektrisch beleuchteten, nach
+scheußlichen Parfüms duftenden Korridor — hier und da öffnete sich
+eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ...
+und noch einer, noch einer — Kichern, kreischende Worte, kreischendes
+Gelächter — Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie
+Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon
+zu spät? Schutzengel, hilf!!</p>
+
+<p>Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das
+in einer Ecke stand — holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine
+dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei
+Sternen sich schlang — füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden
+Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern
+Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen —
+grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen
+geschüttelt,<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen
+Haufen Dollarnoten in die Krallen — die prüfte genau, schmunzelte
+zufrieden, knickste und humpelte weiter.</p>
+
+<p>Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin — hier schien die
+Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze
+Abschlußwand — eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand
+drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein
+neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter,
+knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...</p>
+
+<p>Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war
+sie verloren ...</p>
+
+<p>»Nein — nein —« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen
+nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will — lassen mich
+gehen ...«</p>
+
+<p>Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue
+im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich — das hatte keine
+Bedeutung.</p>
+
+<p>»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an
+den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin — »ich will fort, ich will
+heraus ...«</p>
+
+<p>»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de
+Frigersmann — nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du
+schast tofreden sien ...«</p>
+
+<p>Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang — tauchte
+plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...</p>
+
+<p>Bessie erstarrte ... Das — das war — —</p>
+
+<p>Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit — — nur Lachen konnte retten ...</p>
+
+<p>Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich
+grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen — damals!
+— der Schutzengel in Gestalt des jungen<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Mannes mit dem braunen
+Schnurrbärtchen — — den hatte sie gesucht — und da war — der andere
+...</p>
+
+<p>Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...</p>
+
+<p>Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der
+Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.</p>
+
+<p>Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel
+fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.</p>
+
+<p>»Dat's aber scheun, Fräulein — dat wi uns hier wiederfinnen ...«</p>
+
+<p>»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei
+unser erstes Begegnung.«</p>
+
+<p>»Sei mich auch, Fräulein —« Tedje konnte galant werden, o ja, das
+konnte er — »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«</p>
+
+<p>»Wie heißen Sie?«</p>
+
+<p>»Ick heit Tedje Tietgens ...«</p>
+
+<p>»Tiet —?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen —
+was auch heißt Tiet—«</p>
+
+<p>»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje —?!«</p>
+
+<p>»Antje — <em class="antiqua">yes</em> — <em class="antiqua">that's it</em>!« Schutzengel, hab' Dank!!</p>
+
+<p>Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt
+eine jähe Ernüchterung. Antje — sie kennt Antje ... Er machte eine
+Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen.
+Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die
+Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie
+häufig zusammenkomme?</p>
+
+<p>»Sagen Sei, Fräulein — sind Sei am End' von Amerika?«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Yes, yes</em>, ich bin ein Bürger von die <em class="antiqua">United States</em> ...«
+Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem
+Köpfchen das Sternenbanner.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen
+Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert — beunruhigt, respektvoll
+... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem
+Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über,
+von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.</p>
+
+<p>»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein — wie kamen Sei in dit Lakal
+— un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war
+ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...</p>
+
+<p>»Oh — ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann — mit ein braunes
+Schnurrbart ...«</p>
+
+<p>»Na — dat heff' ick ja ook —« versuchte Tedje zu scherzen.</p>
+
+<p>»Nein — ich meine ein andres junges Mann — was Sie kennen also ...
+damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen
+zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie
+nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr
+zwei, für meine Sache ...«</p>
+
+<p>»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«</p>
+
+<p>»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm
+...«</p>
+
+<p>Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun
+schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete —
+die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos
+glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern
+gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies
+Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde
+später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem
+Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei
+Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit
+... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile —<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> aus einem
+Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen
+Schnurrbärtchen ...</p>
+
+<p>In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte
+auch diesmal nicht geschlafen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>7</h3>
+</div>
+
+<p>Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste
+Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!</p>
+
+<p>Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front
+waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des
+Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert
+deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die
+Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag
+auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...</p>
+
+<p>Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande,
+vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle,
+glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die
+Nietschlegel ...</p>
+
+<p>Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und
+Welterneuerungsfieber losgerungen.</p>
+
+<p>Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen — und aus dem
+Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem
+Gerüst flatterte ein neues — ein uraltes Panier.</p>
+
+<p>Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und
+Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende,
+welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt,
+geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p>Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit
+brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst
+die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich
+zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes
+aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...</p>
+
+<p>Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die
+Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit —
+und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder
+zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der
+brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser,
+hingebender Arbeit ...</p>
+
+<p>Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende
+Tiefe das uralte Fest der Rast — der Sammlung — des Einklangs ...</p>
+
+<p>Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille,
+müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in
+dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau
+Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes
+und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev
+Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht — aber
+selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe
+bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man
+spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder — man schenkte
+Genußmittel, die man sich sonst versagte — man gab Gegenstände des
+täglichen Bedarfs ...</p>
+
+<p>Ach — und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen
+aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken,
+Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde
+er sie finden ... und<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> er würde heimkommen — aus der geheimnisvollen
+Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen — wie
+er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer
+aller Glaube ihn begleitet hatte.</p>
+
+<p>Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller,
+zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines
+Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen —
+doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...</p>
+
+<p>Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den
+treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner
+Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit
+seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter
+gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen
+Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne
+alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten
+Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann
+für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte
+Johanna die geplante Einladung aufgegeben.</p>
+
+<p>Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie
+Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war
+heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der
+Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United
+Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte,
+wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt,
+daß sie bleiben durfte. — »Ich kann meine Studien über dies kuriose
+Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß
+Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die
+den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei
+Wochen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem
+allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...</p>
+
+<p>Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt.
+Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da
+draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen — sie
+werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob — die
+Heiligabend-Stimmung war gerettet ...</p>
+
+<p>Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach
+der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im
+letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht
+eingeladen. Der Wagen war bestellt.</p>
+
+<p>Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren — da
+bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung
+war da — aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter
+saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und
+trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die
+tröstlichen Lichter.</p>
+
+<p>Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch
+schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung,
+Stütze hätte sein sollen — der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig,
+ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben — dem
+Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und
+anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten
+...</p>
+
+<p>Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde
+zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes
+zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.</p>
+
+<p>Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte
+keine Tränen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier
+Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen
+ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und
+friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen
+zu beschenken! Vollends Tedje — Kunststück, er war seit Monaten
+der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle
+solches plötzlichen Wohlstandes — der Junge war großjährig, hatte
+sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder
+sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen
+Schnaps, seine Ölsardinen — ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht
+hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren
+vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut
+Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie
+auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei
+Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter
+Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem
+Gabentisch gestapelt —. »Die reinsten Friedensweihnachten —!« meinte
+Vadder Tietgens — paff, paff — »Dunnerslag — wat'n Tobak!«</p>
+
+<p>Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen
+Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm
+Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen
+und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz
+Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche
+Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife
+mit Hornausguß für Vadder — für Mudder eine wollene — ja wahrhaftig,
+eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran — er bekam als
+Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen
+wunderschönen grünen Lodenhut<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> — und eine in Seidenpapier gewickelte
+Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit
+einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der
+Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend
+an den Armen — und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene
+Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach
+Bruderart harmlos gezüchtigt.</p>
+
+<p>Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. — Die
+Aufschrift der Flasche lautete:</p>
+
+<p>»Apollinaris« ...</p>
+
+<p>Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten — Klavierstücke von
+Grieg ...</p>
+
+<p>Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie
+Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten
+Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick:
+Wird's nun kommen — das Erwartete — trotz mancher Bedenken im
+geheimen doch Ersehnte?</p>
+
+<p>Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch — er
+las die Aufschrift:</p>
+
+<p>»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«</p>
+
+<p>Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf
+die kam es an ...</p>
+
+<p>Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak — sah aus der
+aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die
+Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen — fühlte die
+Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm
+Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter
+Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen
+erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...</p>
+
+<p>Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich
+... Wohin gehörst du?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p>
+
+<p>Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir — und steige wieder empor
+in die Höhen, auf denen du geboren bist — auf denen du entbehrt und
+ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann
+aber tu's bald — ich trag's nicht mehr ...</p>
+
+<p>Oder gehörst du zu uns? Dann sag's — dann laß mich's wissen ... Ich
+bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann
+sprich ... Ich trag's nicht mehr ...</p>
+
+<p>Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm
+die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand
+die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete — oft hatte er sie
+ihr vorgelesen:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Was willst du — noch einmal dein Köpfchen lehnen</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">an meine Brust — ich soll mich nach dir sehnen?!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein
+Mädchentraum.</p>
+
+<p>Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte.
+Enttäuscht die Alten — aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor
+verbissener Wut der Bruder ...</p>
+
+<p>Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje
+herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins
+Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen — bei den Lästermäulern in
+allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg — bis hinunter zu den
+Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen
+Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot
+bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine
+Gesinnungsgenossen von der S. P. D. — Aber der Kerl war ja wohl nicht
+recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn?
+oder — wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar — verdammi!! eine
+andere gefunden? — eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl
+auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja
+wohl mit ihnen unter der Decke — wie seit acht Tagen schon — seit er
+selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen
+und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es
+kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den
+Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich
+zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren,
+die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen
+heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar — das war doch mal
+wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf,
+Clas, Antje, Anders — und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten
+noch 'nen Gang — in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg
+waren sie — und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon
+seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und
+verschwunden waren alle drei ...</p>
+
+<p>Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder
+kamen ...«</p>
+
+<p>Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen
+sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...</p>
+
+<p>»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich — denn möten wi uns allein trösten
+...«</p>
+
+<p>»Hest jo mi, Vadder —« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes,
+dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.</p>
+
+<p>Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<h3>8</h3>
+</div>
+
+<p>Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der
+Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am
+fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der
+Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem
+Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder
+hatte sie Gaben besorgt — für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht
+kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch
+die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten
+unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen
+Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte
+Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor
+im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet — und eine
+Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im
+Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen.</p>
+
+<p>»Nicht gar zu sehr verwöhnen! — Sie werden's nie wieder so gut
+bekommen — und später immer enttäuscht und traurig sein ...«</p>
+
+<p>»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken
+... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben — es
+gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert,
+sagt ihr? Es ist warm bei euch — viel wärmer als drüben ...«</p>
+
+<p>Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die
+Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch
+eine Fünf-Dollarnote. So — nun war sie aber auch völlig blank ... Gut,
+daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...</p>
+
+<p>Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie
+ihren Gabenkorb bekommen haben — der arme Bobbie<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> in seinem einsamen
+Junggesellenstübchen — zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen
+und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die
+erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei
+an sie denken würde?! Ach nein — er dachte gewiß an die schlanke Ilse
+— die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ...
+Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer
+...</p>
+
+<p>Ach was — an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein
+recht dicker, langohriger Esel ...</p>
+
+<p>An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war
+unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse
+eingeladen hatte — die würde staunen — und sich vielleicht doch ein
+wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes
+Töchterchen gekümmert hatte.</p>
+
+<p>So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und
+ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den
+Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders — dessen Seele einmal
+Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen — und der wunderliche
+Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem
+scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig
+er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im
+Kämmerchen ausgebreitet lag — samt allem Zubehör: dem langen weißen
+Umhängebart — dem Sack mit Äpfeln und Nüssen — und der Rute für die
+unartigen Kinder ...</p>
+
+<p>Horch — welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das
+Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den
+finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der
+schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die
+Kerzenbäume — und droben, wo<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> die Hauswände mit schwarzem Strich zu
+Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden
+Sternen beflittert ...</p>
+
+<p>Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön — noch nie meinte
+die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und
+autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben.
+Glocken — Kirchenglocken — aber wie viele — wie unmenschlich viele!</p>
+
+<p>Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß
+es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt
+um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet
+hatten — daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend
+Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier
+Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden
+Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen
+Erdballs ...</p>
+
+<p>Die übriggeblieben waren — ihr vereinter Schall war immer noch
+machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten
+Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige
+Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin
+war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen,
+rätselschweren Landes — dieses Landes, das sie drüben das
+Hunnenland nannten — und in dem sie nichts als gütige, schnurrige,
+traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ...</p>
+
+<p>Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den
+Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier — und nicht im
+Lande der Bethlehem Steel Company ...</p>
+
+<p>O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang — o Seele,
+Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit —
+des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>Doch — da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten
+Jungen — die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ...
+Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen
+Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen
+staunten sie, die zwei guten Jungen ...</p>
+
+<p>»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr
+guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister
+Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere
+kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben
+zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind
+richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's
+<em class="antiqua">confusion</em>!«</p>
+
+<p>Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und
+Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen
+Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen
+Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken
+angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um —
+klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie
+aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen,
+blind, verstaubt:</p>
+
+<p>»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt
+hebbt!«</p>
+
+<p>Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches
+Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick,
+bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht
+vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als
+sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was
+in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine
+fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein
+Schulkind — sie litt ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>Er wandte sich ab — es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm
+seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte
+zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal
+heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche
+die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in
+die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen
+Dezembersturm immer ungelenker wurden — und schlug die Tasten an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»O du fröhliche,</div>
+ <div class="verse indent0">o du selige,</div>
+ <div class="verse indent0">gnadenbringende Weihnachtszeit ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger
+glitten von den Tasten — über den weißen Bart kollerten aus des
+Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...</p>
+
+<p>»Wat hebbt Sei, Clos?«</p>
+
+<p>»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick
+warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien
+Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien
+Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt — un
+Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann — öwerst nu warden
+mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz
+all sien mit dat Klavierspeelen ...«</p>
+
+<p>Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja
+selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ...</p>
+
+<p>Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind
+und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das
+Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust — seine
+glühenden<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden
+Mädchenherzens.</p>
+
+<p>»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu
+fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit
+nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw — ick gleuw ...
+Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...«</p>
+
+<p>Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.</p>
+
+<p>»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«</p>
+
+<p>»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd
+tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«</p>
+
+<p>»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich
+...«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter
+Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...</p>
+
+<p>»Schnell, Clas, Lichter anzünden!«</p>
+
+<p>Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht.</p>
+
+<p>Und — da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz,
+frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee — sie trat zur Rechten
+— und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu
+meistern.</p>
+
+<p>Und nun trappsten und trippelten sie herein — auf ihren
+zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen — ach, es waren gar ein paar
+Barfüßer dabei — die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen,
+verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten
+Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die
+der Frost gelähmt, der Wurm<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre
+verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens
+über den Irrsinn des Leidenmüssens — in vielen aber auch schon die
+Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und
+jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten
+Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung
+gewordenen Verbrechertums ...</p>
+
+<p>Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender
+Zug von Glückseligkeit — die alle hatten dieser Weihnachtszeit
+entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen
+freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene
+Gabe — bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet,
+keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden
+ihres Hauses geladen — sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der
+Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt
+wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der
+Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten.</p>
+
+<p>Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das
+große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes,
+verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...</p>
+
+<p>Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah
+... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den
+blanken Stiefelchen von ihnen wollte — wie sie dazu kam, einen Haufen
+fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen
+... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von
+ihrer Sorte ausgesucht hatte — einen Arbeitsmann und ehemaligen
+Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine
+— Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das
+war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H.
+T. L. tippen ging!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p>
+
+<p>Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch
+eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal
+— so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern
+standen, aber ausgestopft — und das war ein lebendiger — zwar die
+scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher
+alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange,
+ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er
+hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das
+Schöne, daß es man Spaß war ...</p>
+
+<p>Ach — und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu
+spielen ...</p>
+
+<p>Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig
+mit, als nun die alte Weise klang — die wunderliebe deutsche Weise von
+der stillen, der heiligen Nacht.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge,
+flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die
+gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen
+tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein
+feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im
+schmutzigen, schlüpfrigen Schnee.</p>
+
+<p>Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche
+der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten
+Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd,
+heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...</p>
+
+<p>Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan
+... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Christ, der Retter ist da —</div>
+ <div class="verse indent0">Christ, der Retter ist da ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause
+gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen
+nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften — ihres einsamen
+Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos,
+unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der
+Gnadenbotschaft aus der Höhe.</p>
+
+<p>Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten
+Klaviernachklänge verschwebten — und stand geblendet im
+verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer
+Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller
+Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden
+Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend,
+unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige
+Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die
+Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold
+der Güte so lieblich mischte — und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann
+vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und
+bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes
+Paar — sieh da — Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin
+— mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer
+unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...</p>
+
+<p>Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen
+— aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem
+jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken
+kehrend, mit der Sekretärin plauderte.</p>
+
+<p>Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens —
+sah wahrhaftig wie eine Dame aus — und war doch, wenn man sich recht
+erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit
+dem sie im Wechsel mit<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der
+immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte
+— das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar,
+die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person — und der Matrose
+mit dem kahlgeschorenen Kopfe ...</p>
+
+<p>Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem
+Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar
+arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner
+Schätze behilflich zu sein — jetzt hob der Kopf sich ein wenig — —</p>
+
+<p>Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten,
+in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand —</p>
+
+<p>Und wieder wandte er — er! — wandte sich wieder an dieses Fräulein
+Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her — es lächelte der
+weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die
+zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des
+Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich
+regten, die reine Flamme der Menschengüte.</p>
+
+<p>Sie — sie ist gut zu ihm — sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm
+Gutes tun an den Ärmsten — und ich — —</p>
+
+<p>Also hier — hier ist er — hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt
+der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und
+Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht —?!</p>
+
+<p>In Ilses Wesen löste sich etwas — etwas Starres und Stählernes —
+etwas Stolzes und Steifes — löste sich, fiel ab wie Schale, wie
+Schlacke — und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward
+entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik
+ward Harfen- und Schalmeienjubel — ein Mensch ward sich seiner
+Menschlichkeit bewußt.</p>
+
+<p>Und jetzt — jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> sich
+vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur
+Tür — — und da sanken seine Arme am Leib herab — und auch in seine
+Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den
+dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand.</p>
+
+<p>Und Blick senkte sich in Blick.</p>
+
+<p>Du bist's — du — — hier find' ich dich — hier bist du —! staunte
+Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen — im Kleide der Schlichten ...
+hingegeben dem Werk der schenkenden Güte — —</p>
+
+<p>Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück.</p>
+
+<p>Nein — ich versteh' dich nicht — aber ich glaube — — ich — ahne
+dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ...
+begriff' erst heute, wer du bist ...</p>
+
+<p>Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest —
+schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über
+den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...</p>
+
+<p>Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen — dieser kurze
+Blicketausch war letztes Erkennen — ein Liebesgeständnis ... ein neues
+Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen — inmitten
+des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte — heiligstes
+Geheimnis dieser heiligen Nacht — —</p>
+
+<p>Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden — mit einem Ruck
+zurückverwandelt ...</p>
+
+<p>Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten
+aufgetaucht — ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes
+ein Dämon des Hasses ...</p>
+
+<p>Nur einen Moment — und schon war er verschwunden — geblendet,
+hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Viertes_Buch">Viertes Buch</h2>
+</div>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>1</h3>
+</div>
+
+
+<p>Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in
+der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés
+der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße — das war
+seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand,
+wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen
+traf — niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander
+gefunden. Ilse begriff nun alles — verstand des Freundes Suchen und
+Sehnen — wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine
+Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ...</p>
+
+<p>Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um
+die berußten Ziegelfronten der Neustadt — aber durch die jagenden
+Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden
+Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige
+Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein
+Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der
+Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die
+hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre
+Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und
+durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht.</p>
+
+<p>»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich
+armselige Blaujacke schwerlich — also beichte, für wen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige
+Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an —
+das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines
+Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!«</p>
+
+<p>»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen.</p>
+
+<p>»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator
+Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der
+›Deutschland‹ — doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«</p>
+
+<p>»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht
+wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt.
+Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch — die
+Republik sei in Gefahr.«</p>
+
+<p>»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau
+und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas
+bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung
+... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«</p>
+
+<p>»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum
+Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder
+sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in
+diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die
+Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich — dann kracht's auch hier, und
+ganz besonders auf unserer Werft!«</p>
+
+<p>»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang'
+ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche
+Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei
+jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist
+mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
+
+<p>Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der
+Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er
+müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe
+gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit
+Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob
+auch unsereins einmal so frei sein darf ...«</p>
+
+<p>»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich
+habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst
+... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun — und was wurde weiter?
+Was sagtest du, tatest du?«</p>
+
+<p>»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der
+Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein
+hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle
+mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ...
+es war ein Leutnant Timmermanns — der Bruder unseres Generaldirektors
+...«</p>
+
+<p>»Ah — deines stillen Verehrers!«</p>
+
+<p>»Ach — der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig
+befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die
+›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«</p>
+
+<p>»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger.
+»Nun — und wie ging's aus?«</p>
+
+<p>»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um
+meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum
+Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in
+seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung — da
+ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche
+Abschiedsblick — mir gruselt noch, wenn ich daran denke ...
+ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten — unwillkürlich zog sie den
+Blaufuchskragen<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> am Hals zusammen. »Heinz — und du mit solchen Kerlen
+seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen — wie du
+das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege — du ahnst nicht,
+wie oft ich's tu um deinetwillen — mich ängstigen entsetzliche Bilder
+... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche
+Unternehmung ihren Zweck erreicht?«</p>
+
+<p>»Das hat sie längst getan, Ilse — und ich denke, es ist nun genug. Ich
+warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab — dann werde
+ich wieder Heinz Freimann — und Anders Niemann wird Episode gewesen
+sein ...«</p>
+
+<p>»Heinz — ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte
+ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«</p>
+
+<p>»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten.
+Das ist ein langes Kapitel ...«</p>
+
+<p>»Erzähl' mir, Heinz — erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine
+Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin — noch in einem ganz anderen
+Sinne als jetzt bei Vater ...«</p>
+
+<p>»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich
+gelernt hab'? Ich kenne nun — oder bilde mir's wenigstens ein — ich
+kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«</p>
+
+<p>»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier
+Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft — von Seele habe ich wenig
+gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen
+— da hast du die Arbeiterseele!«</p>
+
+<p>»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte
+Heinz.</p>
+
+<p>»Ach nein — die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter.
+»Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan!<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Bedenk doch nur —
+unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«</p>
+
+<p>»— die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat — sollte das
+nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen,
+unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören
+bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung
+des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes
+— Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums — — Und was
+das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge
+nur seinem leiblichen Wohl gilt — nur bestimmt ist, seinen Wert als
+Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer
+aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige
+Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer
+hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen — Lebensinhalt
+zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang
+der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem
+Volkstum entfremdeten — es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat
+den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«</p>
+
+<p>»Und das — das willst du —?!«</p>
+
+<p>»Ich will's — solange kein anderer es tut — kein anderer als
+vielleicht der Feind — durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese
+Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer
+Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur,
+unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«</p>
+
+<p>»Also was willst du tun?«</p>
+
+<p>»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des
+Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich
+werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> die
+irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder
+verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß:
+Hier ist eine ungeheure Not — Millionen der Menschen, die unsere
+Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser
+seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun
+werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja
+jetzt auf einmal alles — ich begreife, warum wir den Krieg verloren
+haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die
+große Prüfung über uns kam.«</p>
+
+<p>»Und euer berühmter Geist von 1914?«</p>
+
+<p>»Ein schöner Traum — eine Vorahnung nur von — etwas, das einmal
+kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres
+Heeres — nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres
+ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen — langsam,
+unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten
+Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den
+Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte — die außerhalb
+der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht
+ausgleichen lassen — man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So
+— ist's gekommen.«</p>
+
+<p>»Und — was soll werden?« fragte Ilse.</p>
+
+<p>»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein
+Deutscher ist. Daß wir zusammengehören — über den Klüften der Bildung,
+des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies
+und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das
+alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt —
+das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen
+— dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres
+zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span>
+nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe,
+nicht mit der Diktatur des Proletariats — aber auch nicht mit
+Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung
+des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes
+nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen
+Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«</p>
+
+<p>»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft — ist das nicht auch
+nur ein Wort, eine Theorie — eine Phrase?!«</p>
+
+<p>»Es ist ein Wort — eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem
+Ernst. »Es ist — <em class="gesperrt">das</em> Wort.«</p>
+
+<p>»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf
+kommt es auch gar nicht an — dazu bedarf es aller Kräfte der Nation.
+Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird.
+Ich habe sie erkannt — und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht
+alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen
+Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns
+überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein
+amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder
+Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der
+Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner.
+Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt,
+stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans
+Köpfchen und sagt: <em class="antiqua">My flag</em>! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die
+Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische
+Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«</p>
+
+<p>»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber — wer wird die Kraft
+haben, so etwas in Deutschland einzuführen?<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Ja — und welche Flagge
+sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei — an der
+einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen — und die
+andere — die wird uns aufgezwungen ...«</p>
+
+<p>»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer
+unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen:
+Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz
+eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres
+einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen
+unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun.
+Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter
+Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich
+dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber
+sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt,
+scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja
+übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen
+Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich
+die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn
+ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen
+Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer
+und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das
+Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst
+du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das
+Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor
+meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden.
+Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
+
+<h3>2</h3>
+</div>
+
+<p>An den St. Pauli Landungsbrücken — ein Bild fast wie aus der
+Friedenszeit ...</p>
+
+<p>Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter,
+erregter, fast fieberhaft. — — Was einst alltäglich war, nun ist's
+ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.</p>
+
+<p>Ein Riese des Ozeans wird erwartet — ach, es ist kein deutsches
+Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's — noch nicht wieder ...
+Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der
+Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib
+aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen
+»Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens,
+dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des
+Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen
+Reiches — — morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.</p>
+
+<p>Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches
+Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male
+unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg
+anlaufen — dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste
+Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes
+tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft — nach der
+allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...</p>
+
+<p>Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne
+mit den Buchstaben »U. T. L.« — dem Symbol erster Wiederbesinnung der
+wahnzerrissenen Menschheit.</p>
+
+<p>Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand
+eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> und der
+Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu
+begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten
+eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter
+seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen
+hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon
+längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große
+Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen — und dem feierlichen
+Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte,
+daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die
+qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.</p>
+
+<p>Hatte sie das wirklich?!</p>
+
+<p>Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von
+Linie und Werft es kannten — wer wußte, was sie wußten — der mußte es
+billig bezweifeln.</p>
+
+<p>Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg — wie
+es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.</p>
+
+<p>Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im
+Streik — und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die
+Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit
+aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen
+Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...</p>
+
+<p>Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen
+als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten
+Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an
+das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe
+Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad
+der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen — — er war
+gefunden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von
+drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung
+entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte,
+er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution?
+Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts — was würde er dem
+Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam — würde sie nicht das
+Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges
+— ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland
+immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!</p>
+
+<p>Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev
+Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann,
+gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren
+Mitarbeitern tauschten.</p>
+
+<p>Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis
+dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau
+Johanna — und Bessie.</p>
+
+<p>Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr
+hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten
+Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:</p>
+
+<p>Heinz ist gefunden!</p>
+
+<p>Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht
+getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn
+die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die
+er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden
+wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz
+hinunter. Aber einst — doch gewiß bald — da würde er wiederkehren —
+um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt — und vielleicht
+den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat
+— die aus allen Deutschen Brüder<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> machen sollte — aus den sechzig
+Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren — ein Reich
+— ein Volk.</p>
+
+<p>So träumte Mutter Johanna ...</p>
+
+<p>»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie
+trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut
+hätte ...«</p>
+
+<p>Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie —
+du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse — willst es
+nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein
+kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in
+einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...</p>
+
+<p>»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«</p>
+
+<p>Nein — sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf — ganz
+frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.</p>
+
+<p>Ach — es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage,
+da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der
+Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen
+Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren
+fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte,
+Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt,
+und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene
+Jäckchen in Fetzen gerissen ...</p>
+
+<p>Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der
+scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.</p>
+
+<p>»Mama — Bessie — ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim
+... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten — dann,
+meint er, sei's genug — dann macht er Schluß mit Anders Niemann — und
+will wieder unser sein ...«</p>
+
+<p>Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> die
+Braut umarmt ... Aber nein — Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu
+beherrschen, wenn andere zuschauen.</p>
+
+<p>»Und dann? Und dann, Ilse?«</p>
+
+<p>»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium
+berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des
+Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich — es will
+mir kaum über die Lippen — unter Anerkennung der Republik — er, des
+Kaisers Offizier ...«</p>
+
+<p>Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man
+würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam — alles andere würde sich
+finden — diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus
+sei ihm nicht Heimat mehr ...</p>
+
+<p>»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr
+von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ...
+<em class="antiqua">Daddy</em> und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt
+mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister
+Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse — wenn
+du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er
+hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«</p>
+
+<p>»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«</p>
+
+<p>»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind
+gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung
+... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in
+der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute
+an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses
+bieten — sonst verlören sie das Vertrauen — und die Vereinigung der
+beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der
+Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts
+zu tun habe, könne sie keine Löhne<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> zahlen ... Das hatte Heinz ihm
+alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch
+geblieben ist ...«</p>
+
+<p>Erregung schwoll auf — alle Hälse reckten sich ... Dort hinten,
+wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den
+hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen
+schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und
+Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der
+Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern
+der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich
+alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das
+Lotsendampferchen — als führe die Hand eines Kindes einen tappenden
+Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.</p>
+
+<p>Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf
+Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt
+vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen — ausgesperrt
+vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem
+Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen — dem
+Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten
+Kaiserreichs ...</p>
+
+<p>»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser —« herrischer Fürstenmund, der
+einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung
+verstummt ...</p>
+
+<p>Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der
+Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's
+möglich — täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!</p>
+
+<p>Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.</p>
+
+<p>War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief
+an die Lebensgefährtin der Browning lag —?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
+
+<p>Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes
+Antlitz.</p>
+
+<p>Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände
+— drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den
+Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die
+Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte
+Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und
+auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der
+wiedererwachten Menschlichkeit.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+<h3>3</h3>
+</div>
+
+<p>Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer
+näher und näher. Unabwendbar.</p>
+
+<p>Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die
+tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur
+ein Vorspiel.</p>
+
+<p>Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph
+des Kapitalismus — das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm
+selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor — der Sendling des
+Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht
+vom Stapel laufen — —</p>
+
+<p>Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit,
+das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft
+geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten
+bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...</p>
+
+<p>Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine
+starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft — im Bunde mit
+seinen Freunden, seinen Stubengenossen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p>
+
+<p>Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob
+Timmermanns — der Werkmeisterssohn — hatte es ersonnen. Er, der ihn
+einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen
+Hund ...</p>
+
+<p>Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen
+— für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch
+... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter
+würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des
+Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.</p>
+
+<p>Und dann — dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen — und nach
+Amerika fahren — und schwer Geld verdienen — für die H. T. L. Für die
+Feinde — die Kapitalisten.</p>
+
+<p>Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft
+hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?</p>
+
+<p>Nicht zu früh triumphieren — ihr da oben im Licht!!</p>
+
+<p>Die »Deutschland« läuft morgen <em class="gesperrt">nicht</em> vom Stapel! Die
+»Deutschland« geht heut nacht in die Luft!</p>
+
+<p>Und dann — wenn alles drunter und drüber geht — dann holt Tedje
+Tietgens sich seine Feine — seine »Zarentochter« —!!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens
+hatte nicht den Vorsitz mehr — die Beratungen leitete im Auftrage der
+Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in
+der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den
+Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der
+lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige
+Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die
+Sowjetrubel.</p>
+
+<p>Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst
+unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie,<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span>
+selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen — sie schielten
+alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken
+zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut!
+Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!!</p>
+
+<p>Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution
+rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte
+sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen
+Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben
+zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue
+aufzurichten in Deutschland.</p>
+
+<p>Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.</p>
+
+<p>Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die
+Laterne!</p>
+
+<p>Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch
+goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah — schreien!
+Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber
+wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein
+paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren
+punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln — dazu
+reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter!
+Der Feind, der handelt —! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein
+Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen
+— das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit
+dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und
+drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr
+selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung
+für die Macht des Götzen, der<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> euch alle knechtet, euch Proletarier der
+alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen
+›Deutschland‹ tragen — eine neue Herausforderung des international
+gesinnten deutschen Proletariats — eine neue Verherrlichung des
+Nationalismus — dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das
+mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in
+unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern — das sie vier Jahre
+lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig
+zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die
+Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben
+hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer
+Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!«</p>
+
+<p>»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die
+Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut!
+An'ne Wand dei Schufte!«</p>
+
+<p>»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland?
+Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes
+übrig gehabt als verblödende Arbeit — elenden Hungerlohn — stinkige
+Zinskasernen — gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln — und wenn
+eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben
+der Arbeit für die Großen — hundert Mark Invalidenrente?!</p>
+
+<p>Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser
+geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!</p>
+
+<p>Soll's dazu kommen?!«</p>
+
+<p>»Nein!« brüllte die Horde.</p>
+
+<p>»Gut — so sorgt mir, Genossen, ihr Entschlossenen, ihr Jungen,
+ihr, die ihr euch ekelt mit mir vor der Halbheit und Lauheit der
+Maulproletarier, der verkappten Bourgeois — sorgt mir, daß die
+versumpfende, verrottende sogenannte ›Bewegung‹<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> endlich Beine bekommt,
+Flügel bekommt, Klauen und Zähne bekommt! Sorgt, daß ein Fanal
+aufglüht, ein Posaunenstoß schmettert, eine Sprengmine in die Luft geht!</p>
+
+<p>Es lebe die Propaganda der Tat!!«</p>
+
+<p>Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen — stürzte ein Glas
+Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er
+die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.</p>
+
+<p>»Wat söhlt wi moken — Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n
+Plon, Kierl — spuck'n mol ut!«</p>
+
+<p>Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer
+pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort.</p>
+
+<p>Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf
+einmal: Wollust, Zerstörungswut — und die gelbste, tückischste,
+stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des
+Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des
+Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.</p>
+
+<p>»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel —
+wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar
+stohn dree Kisten Dynamit!!«</p>
+
+<p>Was — — — hatte er gesagt — der Tedje?!</p>
+
+<p>Die »Deutschland« in die Luft blasen — mit — Dynamit?! — Die — —
+»Deutschland« —?!</p>
+
+<p>Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen — glotzten blöden,
+jählings erblaßten Gesichts im Kreis — —</p>
+
+<p>Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat
+reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig — eine fratzenhafte Ausgeburt
+der Hölle ...</p>
+
+<p>Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu
+bestialisch ...</p>
+
+<p>Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> Schreckenstod
+geschaut — seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen —
+sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es.</p>
+
+<p>Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken?</p>
+
+<p>Dragomiroff — nun ja, Halbasien — — ein Tier mit Menschenantlitz und
+Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ...</p>
+
+<p>Aber Tedje — —! War das möglich — dann — was war dann nicht zu
+fürchten — von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen —?!</p>
+
+<p>Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich —
+sie — konnten ihn dulden — — — — diesen — diesen Plan?!</p>
+
+<p>Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan —
+schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu
+Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und — — seinem
+Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!</p>
+
+<p>Nein — sie überlegten — — hinter dieser und jener niederen Stirn, in
+dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf — eine
+scheußliche, quallige Zerstörungswollust ...</p>
+
+<p>Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen,
+Willenlosen — stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der
+aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen
+emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen — was
+deutsch in ihnen war. Der Osten siegte — das Nihil ...</p>
+
+<p>Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman
+über Ormuzd ...</p>
+
+<p>»Verdammi — ick bün dobi!!«</p>
+
+<p>Clas Mönkebüll hatte es gerufen — der blauäugige Holste,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> der Schumann
+und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug,
+er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust
+ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ...</p>
+
+<p>»Ick ook! Ick ook!«</p>
+
+<p>Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr —
+immer mehr ...</p>
+
+<p>Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in
+Untat ...</p>
+
+<p>Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder — die beisammenhockten, den
+scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen
+verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das —
+Chaos organisierten —</p>
+
+<p>Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er
+dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm
+aufreckte.</p>
+
+<p>Mitwisser — dieses — dieses Geheimnisses?! Dieses — dieses Planes
+—!!</p>
+
+<p>Ja — nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre,
+reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe
+hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender — und sah sich plötzlich
+nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis — er,
+Georg Freimanns Sohn.</p>
+
+<p>Was tun?!</p>
+
+<p>Die »Deutschland« — Georg Freimann — die H. T. L. — die United
+Transatlantic Lines — das Vaterland — das alles war eins — das alles
+wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich —
+einem Bubenstreich — einem Satansstreich — —</p>
+
+<p>Heinz — Anders — Mann — Sohn — Deutscher — was tun?!</p>
+
+<p>Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins
+Hirn. Aufblick: Tedje —! Er belauert, wittert mich! Vorsicht —!!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach
+seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!!
+Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen — wähnte nun erst zu
+wissen, was sein Weg war — meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der
+eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen
+Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der
+»Deutschland« ... Deutschlands ...</p>
+
+<p>Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz,
+ganz anders — —</p>
+
+<p>Ein Spion — — ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des
+Geschicks — —. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter
+Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß — dem sie alle vertraut — den eine
+— — liebte.</p>
+
+<p>Und nun: Denunziant — Verräter?!</p>
+
+<p>Unmöglich, Heinz Freimann — unmöglich!!</p>
+
+<p>Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht
+nur gescheitert — sie wäre auch — geschändet ... dein Sehnen zur
+scheußlichen Fratze entstellt ...</p>
+
+<p>Nein — das war unmöglich — gab's denn kein anderes Mittel, das
+Unausdenkbare zu verhindern?!</p>
+
+<p>Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort.
+Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.</p>
+
+<p>»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei
+hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei
+Inschenöre, nich blot Timmermanns — du un du un du un ick, wi hebbt
+unsen Sweit un uns' Gedanken un — ick kann't nicht beter seggen, wi
+hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«</p>
+
+<p>»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte
+Tedje.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<p>»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn!
+Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was
+dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen
+Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann
+der glorreichen Volksrepublik des Ostens?«</p>
+
+<p>Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm
+das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner
+Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei
+es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der
+Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk — vom
+rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig
+schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um
+später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust,
+hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß
+Deutschland noch aufrecht stehe — daß es Erdrosselungskrieg und
+Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ...
+Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen — er sei ein Russe,
+ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen
+...</p>
+
+<p>»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel
+hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ — is dat nich uns' Wark,
+dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!«</p>
+
+<p>In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut
+wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des
+Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des
+treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ...
+Und — Tedje?!</p>
+
+<p>Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf —
+will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Schleicher, der
+scheinheilige — um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!</p>
+
+<p>Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen
+Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die
+verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit.</p>
+
+<p>»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du
+Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir
+helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der
+proletarischen Freiheit! — Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer
+will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen
+Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur — wer setzt sie in
+Brand?!«</p>
+
+<p>Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und — — Clas Mönkebüll ...</p>
+
+<p>Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden
+Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab
+ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle — sie,
+die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von
+hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu
+erledigen. — »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn
+die Tat geglückt ist — dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen
+stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's
+die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die
+Propaganda der Tat!«</p>
+
+<p>Dann winkte er Tedje zu sich heran.</p>
+
+<p>»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den
+Quatschkopp, den Niemann — der Hund ist gefährlich!«</p>
+
+<p>»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos
+Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl
+lot wi nich ut Sicht!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus
+seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns
+Leben, was galt selbst seine Ehre — wo es um alles ging?! Nein — wer
+solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...</p>
+
+<p>Wenn der Anschlag mißglückt — mißglückt, weil er verraten ist — Tedje
+Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen,
+den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen
+... und das bedeutet ein gräßliches Ende — vielleicht ein spurloses
+Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für
+was er gestorben ist ...</p>
+
+<p>Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?!
+Unmöglich ...</p>
+
+<p>In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß
+— alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ...
+Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick
+in der Runde — nein — niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck
+war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden
+Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür
+nach der andern mit kundigem Druck — stand im Flur des Vorderhauses,
+verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder,
+die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit
+ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm,
+daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren — daß zwei
+Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden
+waren — in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch
+belauschen konnte ...</p>
+
+<p>Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...</p>
+
+<p>»Hier bei Senator Carstensen ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>»Hallo — kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort — es ist
+äußerst dringlich ...«</p>
+
+<p>Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte?</p>
+
+<p>»Ilse Carstensen ...«</p>
+
+<p>»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«</p>
+
+<p>»Unmöglich, Heinz — du weißt doch, die Amerikaner — in einer halben
+Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause — ich bin gerade bei der
+Toilette ...«</p>
+
+<p>Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision —
+beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...</p>
+
+<p>»Wann kannst du dich frei machen?«</p>
+
+<p>»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«</p>
+
+<p>»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb
+zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg
+... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den
+Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist — und in
+fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«</p>
+
+<p>»Ja, Heinz — kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung —?«</p>
+
+<p>»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer
+Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles
+auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...«</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen ...«</p>
+
+<p>Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf — spähte umher,
+ob er unbelauscht geblieben sei — alles leer, alles still ... Völlig
+beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum
+Versteck der Verschwörung zurück<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> und mischte sich unter die Genossen,
+die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.</p>
+
+<p>Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur
+des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich
+neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern
+traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.</p>
+
+<p>»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt
+di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp
+verdreiht hett — den'n heff ick — vor drei Dag heff ick'n seihn, as
+hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg
+dropen hett — un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen
+— un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu
+telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«</p>
+
+<p>»Verdammi —!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei
+— dat uns' Anders Niemann —«</p>
+
+<p>»— en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du
+dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei
+Idiotenanstalt opnehmen — doar geheurst du hen, mien Jung!«</p>
+
+<p>»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!«</p>
+
+<p>»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick
+denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann
+odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in — Heinz ... Im
+Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«</p>
+
+<p>Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn
+nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon
+gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der
+Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant
+aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos
+verschwunden?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!«</p>
+
+<p>Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm
+und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden
+Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft
+war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein — nicht auszudenken — ein
+Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ...</p>
+
+<p>»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne
+Waffe?«</p>
+
+<p>»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt
+mi nich weg, Tedje.«</p>
+
+<p>»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi
+mien Swester ...«</p>
+
+<p>Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er
+die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele
+das dunkle Rauschen vernommen — das er aus den Erzählungen seiner
+Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden
+Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. —</p>
+
+<p>»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«</p>
+
+<p>»Meuglich —« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter
+Slieker, dei Anders Niemann — ne, dei Heinz Freimann — dei sall denn
+mit us twei tausom'n kaput gohn!!«</p>
+
+<p>Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz — der
+bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden
+Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen
+konnten.</p>
+
+<p>»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich
+mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich
+de letzte is!«</p>
+
+<p>Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme — unterirdisches<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> Grollen
+... dies Gesicht — verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie
+seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand,
+der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten
+— sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein
+Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese
+Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen.</p>
+
+<p>»'t is recht, Clos — wo goht wi hen?«</p>
+
+<p>Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied
+lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n
+ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«</p>
+
+<p>Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau
+überhaupt nicht wieder heraus! — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er
+sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des
+unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein
+Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.</p>
+
+<p>Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn
+des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in
+Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch — schafft auf der
+Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens
+verrückt ... Hund du — Hund —!!</p>
+
+<p>Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes
+brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte
+— irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ...
+Nein, nein — es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts
+weiter als ein ganz gemeiner<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat
+spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch
+gelungen — jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr
+Verstellung!</p>
+
+<p>Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder
+stehen lassen kann, wenn er will — der greift nach deiner Gurgel! Wir
+lassen dich nicht aus — sollst danebenstehen und zusehen, wie die
+stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht — und dann — dann bist
+du reif fürs Messer!</p>
+
+<p>Und wenn du nicht mitgehen willst — wenn du Anstalten machst, Alarm
+zu schlagen, zu warnen — dann — schon vorher! Bei Clas bist du gut
+aufgehoben — schon um Antjes willen —!</p>
+
+<p>Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?!
+Sie wird weinen — um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte
+totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar
+Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen — um
+den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...</p>
+
+<p>Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er
+ist ... Sie soll — sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er
+unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in
+die Luft geht — Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll
+erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an
+einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor
+Schande — aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er
+nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.</p>
+
+<p>Also heim — zu Antje ...</p>
+
+<p>Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große
+Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!</p>
+
+<p>Ah — die Feine ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p>
+
+<p>Halb zehn an unserer Gartenpforte — du erwartest mich, steigst zu mir
+ins Auto — —</p>
+
+<p>Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...</p>
+
+<p>Aber wie — wenn statt seiner — ein anderer im Auto säße —?!</p>
+
+<p>Düwel, Düwel — dit wier 'n Snack —!!</p>
+
+<p>Mit einem Ruck blieb Tedje stehen — mitten in einer der üblen Gassen,
+an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf
+Beute warteten.</p>
+
+<p>Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!</p>
+
+<p>Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen —
+trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...</p>
+
+<p>Das kommt nie wieder!</p>
+
+<p>Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung — vor der
+Tat, die so leicht mißglücken kann — — Dynamitkisten sind keine
+Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft
+gehen ... Und vorher das da!</p>
+
+<p>Düwel, Düwel — so 'n Snack!</p>
+
+<p>Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!</p>
+
+<p>War ja alles zum Lachen einfach, — die zwei hatten's ja eingefädelt!</p>
+
+<p>Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den
+Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als
+Helfershelfer — ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich
+in Stücke reißen — schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle
+ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie —
+—</p>
+
+<p>Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p>
+
+<h3>4</h3>
+</div>
+
+<p>Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen
+Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des
+»revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht.
+Und nun — diese Abschiedsstunde ...</p>
+
+<p>Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige
+Stunden reinen Glücks erlebt — wenn sie zusammen an Mudder Minings
+klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt — und sich
+emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen
+kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun — nun war's vielleicht das
+letztemal ...</p>
+
+<p>Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat
+all man half so slimm.«</p>
+
+<p>Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er
+zusammenzuckte.</p>
+
+<p>»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ...
+blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«</p>
+
+<p>Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich — Woher sollte er ...</p>
+
+<p>Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust
+zu tragen. Er litt ohne Grenzen.</p>
+
+<p>»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud —?!«</p>
+
+<p>»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie
+die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«</p>
+
+<p>Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der
+er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser
+wahnwitzige, fluchwürdige Plan — — Ach — wenn man ihn retten könnte
+...</p>
+
+<p>»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen
+hebbt ansnacken loten.«</p>
+
+<p>»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> großes Glas
+Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um
+eine frische Füllung.</p>
+
+<p>»Ick nich, Clos — ick nich ...«</p>
+
+<p>»Ne ... öwerst ick ...«</p>
+
+<p>Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er
+verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der
+Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht
+allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten
+einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über
+das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war
+unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit:
+Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden —
+und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang
+sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht — Anders Niemann und
+Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken,
+musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens
+...</p>
+
+<p>Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen — wohl war zwischen
+ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit
+gewesen ... Dennoch — ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn
+eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes
+und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern — ein Anfang war
+gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu
+diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der
+Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft
+aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein
+Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen
+Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte
+hineinzerren lassen?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p>
+
+<p>»Clos ... segg mi, dat — dat bliwt, dat du hüt nacht — ick kann't un
+kann't nich gleuwen von di ...«</p>
+
+<p>»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.</p>
+
+<p>Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn
+verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel.
+Rettung! Rettung!</p>
+
+<p>Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache
+des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen!
+Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes
+heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren
+selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er,
+das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie
+beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem
+Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...</p>
+
+<p>Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich
+vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund
+genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß
+zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der
+Schwur, den jener geleistet ...</p>
+
+<p>»Clos — du hest wat gegen mi — segg't mi iehrlich, Clos!«</p>
+
+<p>»Ick verstoh nich ...«</p>
+
+<p>»Doch — du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi —?«</p>
+
+<p>Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah
+dem Frager starr ins Auge und sagte:</p>
+
+<p>»Geben Sei sick keine Meuh — — Herr — Kapitänleutnant.«</p>
+
+<p>Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?!
+und seit wann?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p>
+
+<p>»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit
+ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe — Heinz Freimann ward
+wiedergeboren.</p>
+
+<p>»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich
+will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist
+meine Hand. Ich bin dein Freund — du hast keinen besseren. Glaub'
+mir's — werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«</p>
+
+<p>»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«</p>
+
+<p>Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die
+verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun
+schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab,
+steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.</p>
+
+<p>»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n —«</p>
+
+<p>In seiner Hand blinkte das Messer.</p>
+
+<p>Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den
+Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien — pah — umsonst.
+Er begriff nichts — nichts als dies eine: Er war verloren.</p>
+
+<p>Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten
+Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse — solch fressendes
+Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.</p>
+
+<p>»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich
+töten, weil ich um euren Plan weiß — und weil du glaubst, daß ich ihn
+verraten will. Ehrlich gestanden, ja — ich hätte ihn verraten müssen,
+wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas — und wenn's mich meine
+Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt — habe euch angefleht mit
+allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter,
+nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten
+— muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst.
+Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> mir noch etwas anderes
+klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst,
+ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten.
+Tu's — aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir — und sag' ihr,
+ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch
+nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen
+niemals berührt —!«</p>
+
+<p>Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und
+schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres
+Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:</p>
+
+<p>»Is — dat — wohr?! — Is dat — wohr —?«</p>
+
+<p>»So wahr ich ein braver Soldat bin — und dein guter Kamerad, dein
+treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«</p>
+
+<p>Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe
+herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't
+nich dauhn ...«</p>
+
+<p>»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden
+Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher
+... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«</p>
+
+<p>»Dei kümmt — dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes
+Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis — krampfhaftes
+Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick
+— mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte
+— es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen — aber mit einem
+krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß
+auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu — ein schwerer
+Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. —</p>
+
+<p>Heinz Freimann war gefangen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p>
+
+<h3>5</h3>
+</div>
+
+<p>»Öwersnappt sünd's, Mudder — öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.</p>
+
+<p>»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll
+Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as
+ji freuer arbeit' hebbt — nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß
+köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«</p>
+
+<p>Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi
+den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht
+Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren
+...«</p>
+
+<p>Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens
+blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen — sie
+fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres
+gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt
+seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...</p>
+
+<p>Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud — ick warr doch
+hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' — dat is nix miehr
+vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«</p>
+
+<p>»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man
+tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«</p>
+
+<p>Und dann saß sie einsam — lauschte dem Stundenschlag der unzähligen
+Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes
+walteten — und sann — sann — sann ...</p>
+
+<p>Nun feiern sie in der Villa Freimann — die Glücklichen, die Reichen
+... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ...
+Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen,<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sie rechnen sich's allein
+an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der
+zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier
+und Phantasie bliebe?! Nein — die Faust hatte schon recht, sich zu
+ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte
+stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ...
+die Freude ... der Stolz ...</p>
+
+<p>Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der
+träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur
+gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer
+ganzen Seelenmacht. — Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft
+dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus
+Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den
+Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...</p>
+
+<p>Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung — empor in
+seine helle Welt — in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des
+triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste — empor zu seinen
+Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse — empor — empor
+zu — der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an
+Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen
+— wie er hundertmal mit ihr geschlendert war — mit der armen Antje ...</p>
+
+<p>Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden,
+in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte — das Beste, was ein jedes
+besessen — eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und
+Hoffnungen ...</p>
+
+<p>Ach ja — einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere
+hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er,
+das mochte er — aber dann — dann tat sie sich doch aufs neue zwischen
+hüben und drüben auf, die ewige, die<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> unausfüllbare Kluft zwischen
+den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines
+Staates Bürger waren — eines Vaterlandes Kinder ...</p>
+
+<p>Pah — Vaterland!!</p>
+
+<p>Ach — es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten
+überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die
+»vaterlandslosen Gesellen ...«</p>
+
+<p>O Heinz — du hast das alles empfunden und verstanden — du Guter — du
+Reiner — du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen
+helfen, die unüberbrückbare Kluft ...</p>
+
+<p>Oh, wenn dir das gelänge — ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig,
+heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk — deine Antje
+wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in
+dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...</p>
+
+<p>— Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie
+immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders —?!</p>
+
+<p>Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen —</p>
+
+<p>So blickt kein Mensch ... so blickt ein — —</p>
+
+<p>»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«</p>
+
+<p>Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.</p>
+
+<p>Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen
+gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend
+von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der
+Schwester vollen Arm:</p>
+
+<p>»Hest 'n arg leiw — dien'n Kierl — nich wohr, mien Deern?«</p>
+
+<p>»Ick verstoh di nich, Tedje ...«</p>
+
+<p>Nein — sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein
+Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> jählings etwas
+selten, fast nie Geschautes auf — eine wehe Güte — eine schmerzvolle
+Liebe ...</p>
+
+<p>»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' — dat deed di weih, nich wohr,
+mien Deern?«</p>
+
+<p>Wunderlicher Gesell — seine Stimme zitterte — es stand etwas in
+seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine
+Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas
+Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.</p>
+
+<p>»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick — wi gohn hüt nacht
+en sworen Gang tausomen ...«</p>
+
+<p>Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen — ganz ahnungsvolles Grausen ...</p>
+
+<p>»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein
+wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen,
+mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so
+kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote
+Slachtfeld von dei Frieheit — as truge Söhns von't Proletariat ...«</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, Tedje — wat hebbt ji vör?!«</p>
+
+<p>Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren
+Menschen angezüchtet:</p>
+
+<p>»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren —?!«</p>
+
+<p>Tedje schwieg — ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die
+Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.</p>
+
+<p>»Jo — dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«</p>
+
+<p>»Dat's nich wohr, Tedje — dat's nich wohr!«</p>
+
+<p>»So wohr as ik hüt noch hier sitt — un morgen vellicht nich miehr ...
+Wi hebbt sworen, Clos un ick —!«</p>
+
+<p>»Tedje —« schrie das Mädchen, »un Anders? — Wat is mit Anders?!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<p>Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse
+urweltentstiegenen Hasses.</p>
+
+<p>»Dien Kierl — hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is
+hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«</p>
+
+<p>Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von
+Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei — und daß er um
+halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr
+den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.</p>
+
+<p>»Öwerst doar hett hei keen Glück mit — Clos Mönkebüll bliwt em op de
+Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft
+gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em
+Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«</p>
+
+<p>Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie
+noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.</p>
+
+<p>»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt
+— dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur — un dat hei nich wert is,
+dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«</p>
+
+<p>»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich — ji dörft em nix dauhn! Ji
+kennt em nich — öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens
+wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick
+em seih'n heff an Mudders Disch ...«</p>
+
+<p>»Dat — hest du — wußt?!«</p>
+
+<p>»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie
+dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann
+heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...</p>
+
+<p>Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der
+Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen — im Anfang
+mit hämischem Grinsen — dann<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> immer gebannter ... immer verstörter.
+Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf — eine Ahnung, ein mattes,
+ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...</p>
+
+<p>Nein — nein — das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten
+Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes,
+verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung
+hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um
+nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:</p>
+
+<p>»So — nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern — ick
+fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs,
+Swester — ick heff di seggt, wat ick weit — nu mok, wat du wullt ...
+grüß dei Öllern — un wenn wi nich wedderkomen — denn vergeet mi nich
+ganz, heurst?«</p>
+
+<p>Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan —
+preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit — riß sich
+los — stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine
+schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße
+verklang sein Schritt.</p>
+
+<p>An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen
+stürzten die Tränen.</p>
+
+<p>Was tun? Was tun?!</p>
+
+<p>Die »Deutschland« sabotiert — Antje wußte, was das bedeutete. Die H.
+T. L. — die United Transatlantic Lines — die Hammonia-Werft — alles
+brach zusammen. Ach — und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen,
+gemarterten Herzens? Der Bruder — Clas — verloren beide ... diese
+enge, geliebte Stube — morgen wird sie widerhallen vom Jammer der
+Verzweiflung ...</p>
+
+<p>Und Heinz —! Wo war er? Sie wußte es nicht — kein Schatten einer
+Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei
+Männer, mit denen er seit einem<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Jahr Wachen und Schlaf geteilt — die
+er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt — nun waren
+sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine
+Todfeinde geworden ...</p>
+
+<p>Auch er — verloren — verloren ... und damit das letzte, was ihres
+eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.</p>
+
+<p>Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:</p>
+
+<p>Zu ihr — zu der andern — zu seiner Braut. Wenn einer noch retten
+konnte — dann war sie es — sie — und die Menschen, die sie umgaben
+— die Klugen, die Starken, die Mächtigen.</p>
+
+<p>Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe
+hinunter.</p>
+
+<p>Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>6</h3>
+</div>
+
+<p>Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die
+Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht — in die kahlen Parks und
+Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.</p>
+
+<p>Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer — sie waren freimütige
+Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch
+die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung
+flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo
+sie sich behaglich fühlten.</p>
+
+<p>Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische
+verteilt. Frau Johanna inmitten — strahlend in Hoffnung und Güte.
+Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich
+manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p>
+
+<p>Hinüber und herüber flog's — Anklagen, Bitterkeiten — grundlose und
+tief berechtigte hüben und drüben ...</p>
+
+<p>Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man
+fühlte sich wieder — man sprach sich aus ... man fing an, einander zu
+begreifen ...</p>
+
+<p>Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr
+Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und
+Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep,
+im Boston, im Tango ...</p>
+
+<p>Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine:
+Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde
+entschuldigen lassen. Die war längst herum — aber vergebens schauten
+die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich
+die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber
+konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren,
+auf deren Fräcken — nu jrade! — die Eisernen Kreuze von verbrausten
+Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.</p>
+
+<p>Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein
+blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl.
+Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs
+Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man
+in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem
+breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden
+Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen
+Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:</p>
+
+<p>Bär du — Hunnensohn — du gefällst mir ...</p>
+
+<p>Musik verklingt — Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...</p>
+
+<p>Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> und
+Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:</p>
+
+<p>»Herr Generaldirektor — eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«</p>
+
+<p>»Schön — verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte
+Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«</p>
+
+<p>Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft
+... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...</p>
+
+<p>Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten
+Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.</p>
+
+<p>»Fräulein Tietgens — was gibt's?«</p>
+
+<p>»Herr Generaldirektor — heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹
+in die Luft gesprengt werden.«</p>
+
+<p>»So — —« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So — — Erzählen Sie,
+Fräulein.«</p>
+
+<p>»Herr Generaldirektor — ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«</p>
+
+<p>»Nein — sie hat sich vor — es muß schon länger als eine halbe Stunde
+sein — sie hat sich entschuldigt — Kopfschmerzen — ist nach Hause
+gegangen — wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit — mit
+der ›Deutschland‹ zu tun?«</p>
+
+<p>»Sie — ist nicht — wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon
+einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen — man sagte mir,
+sie sei nach Hause gegangen — ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist
+sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«</p>
+
+<p>Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz
+verständigen Eindruck, Fräulein — aber alles, was Sie mir da erzählen
+— bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen — und sagen Sie mir kurz
+und bündig, was Sie zu sagen haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p>
+
+<p>Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres
+Chefs.</p>
+
+<p>Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne
+sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.</p>
+
+<p>»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise
+das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf
+dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken — Sie verstehen
+mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als — als meinen Bruder, der
+glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein — Ihren Herrn Chef
+werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«</p>
+
+<p>Er winkte dem alten Charlie — der stand wie eine Mumie an der Saaltür,
+hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.</p>
+
+<p>»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn
+sprechen. Holen Sie ihn heraus — und auch den Herrn Präsidenten. Aber
+so, daß es nicht auffällt — verstanden?«</p>
+
+<p>Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang
+blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die
+Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher.
+Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte
+Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.</p>
+
+<p>Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte,
+schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben
+schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks — Bessie ...
+Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?</p>
+
+<p>»Verdammt — die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p>
+
+<p>Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte
+heran, streckte beide Hände aus.</p>
+
+<p>»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. — Ich habe mich den
+ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie
+gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes
+mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! —
+Aber — was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister
+Bobbie.«</p>
+
+<p>Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor —
+stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«</p>
+
+<p>»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch
+natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet,
+»gehen Sie ruhig wieder hinein — ich komme gleich zurück, Sie haben
+mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas
+Geschäftliches mit mir zu bereden — zu Unruhe ist nicht die leiseste
+Veranlassung ...«</p>
+
+<p>Umsonst — da kamen schon die Herren — der Leutnant, der Präsident.
+Und Bessie war nicht abzuschütteln ...</p>
+
+<p>»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ...
+Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«</p>
+
+<p>Es blieb nichts übrig — man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht
+entgegennehmen.</p>
+
+<p>Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann
+seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit
+anzunehmen. Aber — — welche Kunde!!</p>
+
+<p>Die »Deutschland« in Gefahr — Ilse verschwunden — Heinz
+wiedergefunden, aber in höchster Not ...</p>
+
+<p>Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich
+zusammen — und übernahm sofort die Führung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p>
+
+<p>»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte
+von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren
+Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«</p>
+
+<p>Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie
+schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«</p>
+
+<p>»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie — Sie werden die Ihrigen nicht
+unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut — so bleiben Sie ... Herr
+Generaldirektor — Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein
+Wagen wird Sie zum Hafen bringen. — Sie alarmieren die Hafenpolizei,
+außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren
+herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«</p>
+
+<p>»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.</p>
+
+<p>»Gut — so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen
+— und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein
+Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«</p>
+
+<p>»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ...
+Aber ich fürchte, ich fürchte ...«</p>
+
+<p>»Was fürchten Sie?!«</p>
+
+<p>»Ich weiß — daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte
+sie.</p>
+
+<p>»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt —«
+sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß —
+halten Sie es für möglich — — mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«</p>
+
+<p>»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden — nur
+auf diese Weise erklären —« stammelte das gepeinigte Mädchen.</p>
+
+<p>»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> durch
+die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel — — Hamburg ist
+groß ...«</p>
+
+<p>Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.</p>
+
+<p>Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt
+trat sie hastig einen Schritt vor:</p>
+
+<p>»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen
+tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister
+Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten
+holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen
+Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und
+befreien.«</p>
+
+<p>Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre
+Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes —</p>
+
+<p>»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an —
+Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns —
+würde der Ihren Ansprüchen genügen?«</p>
+
+<p>Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.</p>
+
+<p>»Er tanzt sehr gut, dieser Herr — er hat auch sehr viele Orden, also
+ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen — er genügt mir. Kommen Sie,
+Mister Timmermanns.«</p>
+
+<p>»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann.
+»Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«</p>
+
+<p>»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.</p>
+
+<p>»Gut — so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen — Sohn
+tun können ...«</p>
+
+<p>Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.</p>
+
+<p>»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> finden ist, dann
+ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte
+Möglichkeit ...«</p>
+
+<p>Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle
+mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher
+aber suchen wir Miß Ilse — und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in
+die schlimmen Viertel gehen — und Sie, Sie kennen sich aus in den
+schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde —
+dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«</p>
+
+<p>»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere
+Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer —«</p>
+
+<p>»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. — Sie werden doch meinen
+guten <em class="antiqua">Daddy</em> nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine
+Überraschungen von mir gewohnt ...«</p>
+
+<p>»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß
+Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«</p>
+
+<p>»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs
+beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück — die dürfen
+unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven.
+Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«</p>
+
+<p>Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann
+zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den
+Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ...
+das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«</p>
+
+<p>Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der
+kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein — ich habe in
+Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht — aber noch nie
+mit einer Dame am Arm ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p>
+
+<p>Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter
+Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm
+ihres Kavaliers — mit der Linken zog sie Antje an sich heran.</p>
+
+<p>»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß,
+wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der
+Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will
+bleiben mit ihr in diese Nacht ...«</p>
+
+<p>»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die
+Lage war verteufelt ernst.</p>
+
+<p>Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte
+ihnen entgegen.</p>
+
+<p>»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo
+zu finden das nächste <em class="antiqua">Police office</em> ...«</p>
+
+<p>»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«</p>
+
+<p>Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten
+das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später
+sausten beide davon — das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.</p>
+
+<p>Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte
+den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und
+Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es
+war nichts vorgefallen — gar nichts.</p>
+
+<p>»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und
+klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz
+entzückendes Fest — ein glückliches Omen für morgen — und ein
+vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre
+Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr
+Deutschen ...«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p>
+
+<h3>7</h3>
+</div>
+
+<p>Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen — — und
+sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank,
+nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem
+behüteten Bettchen daheim — und die abscheuliche Vision abschütteln
+mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von
+einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park — um irgendwen —
+wen nur? — zu treffen — von einem Auto, in das man vertrauensvoll
+einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung —
+einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch — von mühsamer
+Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge
+und Willen stürzte ...</p>
+
+<p>Himmel, wie schwer der Schlaf — wie mühsam dieser Kampf um das
+erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. — Mein Gott
+— wenn das alles am Ende gar kein — Traum — gewesen wäre — sondern
+—</p>
+
+<p>Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des
+Erwachens — nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die
+Augen auf — — und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt
+bis ins Mark. Nein — der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ...
+oder — —?!</p>
+
+<p>Und abermals hob sie mühsam die Lider — — und sah — — und sah — —
+sah sich — — nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen
+— nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern,
+denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war — — wo? Auf einem
+verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter
+Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm
+rochen ... verknitterte Samtportieren — ein Taburett, darauf ein
+Sektkühler mit zwei goldenen<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Flaschenhälsen — zwei Schalen, in denen
+die Perlen leise knisternd aufstiegen ...</p>
+
+<p>Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten
+Schein einer roten Ampel ...</p>
+
+<p>Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem
+Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...</p>
+
+<p>Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens — dann hatte Ilse begriffen.
+Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer
+unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände
+tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die
+hämmernden Adern zu öffnen.</p>
+
+<p>»Na, mien Deern — glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick
+di seggt —?! Mien Kamroden in Rußland — —«</p>
+
+<p>Seltsam — Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein
+Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann — ein betrunkener Gorilla ...
+Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste
+zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich — das würde
+nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher
+Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:</p>
+
+<p>»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«</p>
+
+<p>Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen.
+Er kannte es — aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn
+eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner
+liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben
+... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten
+versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.</p>
+
+<p>Da ächzte der wilde Tedje — und in seinem fiebergeschüttelten Körper
+schäumte gieriger Lebenshunger, quälender<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Durst nach Helle, Glück,
+Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte.
+Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und
+Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und
+stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll
+Seele, voll Sinn ...</p>
+
+<p>Und wie sie da vor ihm sich auftat — das Sinnbild seiner Träume, in
+seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos — da fühlte, da
+wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie
+besitzen, nie — haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein
+kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht
+lesen kann — ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber
+verschmutzen, zerreißen, zerstampfen — begreifen, erfassen, erleben
+kann er es nicht.</p>
+
+<p>Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje
+... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein
+grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel
+vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber
+nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige
+Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben,
+seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt
+seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte —
+in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu — kaum
+Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner
+Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz
+tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre
+weltenweite Ferne ...</p>
+
+<p>Gut denn — und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll —
+die Welt seiner Träume — so soll sie wenigstens zertrümmert sein.</p>
+
+<p>Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt,<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> erhob
+sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die
+Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die
+goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht
+höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die
+arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die
+blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da
+nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen
+und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend
+zersprang.</p>
+
+<p>Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt — und fühlte zugleich
+eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen — ein
+Herr im Frack — Schutzmannshelme — —</p>
+
+<p>Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung — ein
+Griff in das aufgeschlagene Bett — die Daunendecke flog dem
+Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte — den
+nachdrängenden Beamten in die Arme sank — — und jetzt — Höllenspuk!
+jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter
+schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte — der Spalt schloß sich —</p>
+
+<p>Tedje Tietgens war verschwunden — wie weggeweht.</p>
+
+<p>Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein
+Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...</p>
+
+<p>Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin
+Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:</p>
+
+<p>»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«</p>
+
+<p>Stumm nickte das Mädchen — bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der
+zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt — jetzt schwirrte ein
+helles Triumphlachen — und da streckte Bessie der geretteten Freundin
+ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um
+den Hals ... und jetzt<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> — hoch lauschte Ilse auf — durch das wirre
+Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen —</p>
+
+<p>Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder
+aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der
+Attentäter verschwunden war.</p>
+
+<p>Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die
+Mitte des Raumes ...</p>
+
+<p>»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen
+in'n Liew kaput ...«</p>
+
+<p>Und jetzt — durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger
+Mann in einer Matrosenbluse ...</p>
+
+<p>»Ilse —!!«</p>
+
+<p>Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust.
+Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte — weinte — weinte.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>8</h3>
+</div>
+
+<p>Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste
+ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn
+spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen,
+stand Robert Timmermanns — den Zylinder fest in den Nacken geschoben,
+den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein
+Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute,
+Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.</p>
+
+<p>»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant,
+»rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh
+sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht
+Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p>
+
+<p>»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß
+wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft
+sprengen.«</p>
+
+<p>Kommen wir zu spät, dachte er bei sich — dann schieß' ich mir eine
+Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.</p>
+
+<p>Schade wär's doch —! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein
+bißchen nett zu werden — das Leben. United Transatlantic Lines —
+Generaldirektor — Stapellauf der »Deutschland« — und ich laß mich
+hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein
+bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals
+hätte haben können ... Na — wollen sehen ... Wenn mir von den
+Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...</p>
+
+<p>Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes
+zur Linken — gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten,
+breit hingelagerten Helgengerüstes — und darunter wie ein Gebirge
+massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« — alles
+lag in gelassen rastendem Schweigen.</p>
+
+<p>Da stieß — des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ...
+Dies Gefühl kannte er — aus hundert Nachtgefechten ...</p>
+
+<p>Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann — an seinem Hals ein
+gräßlich klaffender Schnitt — Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ...
+Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...</p>
+
+<p>»Ihr Hunde —!« knirschte er, »ihr Hunde!«</p>
+
+<p>Weiter — weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir
+dürfen nicht zu spät kommen! Da — ein paar Gestalten, die sich
+niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon
+fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den
+Fliehenden drein — weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf
+— da sind wir am Schiffsrumpf<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> — steil klaftert die Eisenwand sich
+empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die
+Flut zu gleiten ...</p>
+
+<p>Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine
+Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die
+Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da
+steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die
+Luft zu sprengen ... Und da — noch ein Toter — nein, ein Sterbender
+... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein
+Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen — hinter dieser Stirn
+hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut
+getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende
+Strahl. Er öffnet den Mund — will etwas sagen — aber es kommt kaum
+noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...</p>
+
+<p>Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.</p>
+
+<p>Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste
+aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren
+durchschneiden! Unnütze Vorsicht — die haben sie nicht einmal mehr in
+Brand gekriegt — außer der einen.</p>
+
+<p>Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze
+Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt
+hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt.
+Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert
+aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb
+angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht
+— außerdem würde es einem schlecht bekommen. — Einer ist gefallen
+— kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja — das ist der
+Mönkebüll.</p>
+
+<p>Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Fluß
+seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse
+haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen
+Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage
+gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den
+Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten.
+Und dann — das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin —
+ihre Schreckensbotschaft — Kleine Bessie — wie mag's dir ergangen
+sein.</p>
+
+<p>Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem
+Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk — und
+fiel in Träumerei. Kleine — süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl,
+diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie
+sogar dem Präsidenten imponiert.</p>
+
+<p>Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine:
+Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das
+fertig bringst — und uns unsere Ilse wiederschaffst — dann verlange
+von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst
+in die Elbe springt — er tut's.</p>
+
+<p>Kleine ... süßeste ... Bessie ...</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Bob.«</p>
+
+<p>Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel — eingeschlafen ... Vor ihm stand
+sein Bruder Armin — auch er noch immer im Frack.</p>
+
+<p>»Erzähl'!«</p>
+
+<p>»Gerettet!«</p>
+
+<p>»Erzähl'!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p>
+
+<p>»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«</p>
+
+<p>Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.</p>
+
+<p>»Entwischt — Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht
+uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du
+meinst, er hat ihr nichts getan?«</p>
+
+<p>»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das
+Sektglas in die Fresse gehauen!«</p>
+
+<p>»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?«</p>
+
+<p>»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem
+seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob — bei
+der hast du verspielt ...«</p>
+
+<p>Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte
+stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette
+gefällig?«</p>
+
+<p>»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui.</p>
+
+<p>»Und — die kleine Amerikanerin?« fragte Bob — leichthin, wie er
+meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört.
+Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ...</p>
+
+<p>»Weißt du, was — ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe — einen
+Kuß! — Da leckst du dir die Lippen, nicht — Bobchen?! Habe sie dann
+persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit
+Recht. Süßer kleiner Käfer — schwärmt für dich, Bob!«</p>
+
+<p>Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den
+Wölkchen ihrer Zigaretten nach.</p>
+
+<p>»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun
+bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche
+bedeuten?«</p>
+
+<p>Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses
+Nächtchen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p>
+
+<p>»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher
+glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«</p>
+
+<p>Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es
+schafft — ich war schon ein halber Republikaner — aber dann mausere
+ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«</p>
+
+<p>»Aha — dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So
+reden sie alle — so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein —
+mittun — selber handeln — vorangehen!«</p>
+
+<p>»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft — werde
+morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«</p>
+
+<p>»So is recht — Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen —
+rettet ›die‹ Deutschland — seine kleine ›Deutschland‹, und derweil
+geht das große Deutschland in die Luft — äh — schlappe, versumpfende
+Nation ...«</p>
+
+<p>»Was soll ich machen?!«</p>
+
+<p>»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in
+Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor
+Dämmerung unsere Waffen heran ...«</p>
+
+<p>»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser
+Senator Carstensen!«</p>
+
+<p>»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse
+das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der
+Werft zum Krawall — so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu
+Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle
+Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden
+abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die
+Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> dem hoffentlich morgen
+abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«</p>
+
+<p>Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den
+Gebeinen. Nein — wenn sie ihm an seine Schiffe wollten — dann hörte
+die Gemütlichkeit auf.</p>
+
+<p>Und dann — die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das
+Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens
+eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.</p>
+
+<p>»Mein lieber Armin — das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal
+genauer auseinandersetzen.«</p>
+
+<p>Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.</p>
+
+<p>Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.</p>
+
+<p>Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen
+Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>9</h3>
+</div>
+
+<p>Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder
+Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er
+hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen
+müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich
+fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt
+öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht
+hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein
+— alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine
+Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der
+menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen
+Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete
+Kruste aus Wein,<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt
+bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.</p>
+
+<p>Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät
+kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll
+wird da sein ... Und »Anders Niemann« — hahaha! Feine, den wenigstens
+kriegst du nicht wieder zu sehen — deinen »Heinz«! Der geht mit deinem
+Schiff in die Luft!!</p>
+
+<p>Nur nicht zu spät kommen! ...</p>
+
+<p>Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte
+den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart
+gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn
+erwarten wollen.</p>
+
+<p>Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ...
+Aber — warum ging's denn da drüben noch nicht los?!</p>
+
+<p>Horch — ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom — legt zu
+Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe
+hinauf — im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle
+Gesicht des Genossen Dragomiroff.</p>
+
+<p>Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird
+erwidert ...</p>
+
+<p>»Nun?«</p>
+
+<p>Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du,
+Scheißkerl — jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«</p>
+
+<p>Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet
+— kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...</p>
+
+<p>»Allein?!« fragte Tedje heiser.</p>
+
+<p>»Allein —«</p>
+
+<p>»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> mitbringen süll
+— un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«</p>
+
+<p>»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen
+... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser —«</p>
+
+<p>»Na — un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«</p>
+
+<p>»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits
+angezündet — auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir
+zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ...
+Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«</p>
+
+<p>»Verdammi ... wat nu, Genosse?«</p>
+
+<p>Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.</p>
+
+<p>»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht,
+die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir
+wenigstens alles — ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge
+...«</p>
+
+<p>Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch
+belauscht hatte — und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund
+und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein
+Spitzel und Verräter war ...</p>
+
+<p>Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du — das rettet uns
+vielleicht. Ein Spitzel — ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. — das
+ließe sich ausschlachten ... Laß sehen — laß sehen ... Ich hab's, du
+Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß
+der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen
+wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in
+Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt.
+Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> deutsche Proletariat
+mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin
+ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner
+kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar
+nicht kompromittiert — kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst
+morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder
+Heinz Freimann erzählen — und daß der die ganze Sabotagegeschichte
+angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird
+auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast
+du begriffen?«</p>
+
+<p>Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte
+ihm das Verständnis. Ein Spitzel — der ein Jahr lang auf der Werft
+gearbeitet hat — den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein
+Sohn des Präsidenten der H. T. L. — und jetzt, wo der Anschlag auf
+den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas
+machen.</p>
+
+<p>»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das
+ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen
+sei — eines <em class="antiqua">agent provocateur</em>, du weißt wohl, was das ist,
+nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei
+Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' —«</p>
+
+<p>»— nur ein Bluff der Weißen ist — ein Mittel, das Bürgertum gegen
+die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für
+eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf
+morgen vereitelt wird — daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in
+Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden
+sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken — werden
+abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das
+erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem
+Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen
+hatte, reißt wieder ab — ein Haupthindernis<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> für das Übergreifen der
+Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich,
+Tedje?«</p>
+
+<p>Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also
+doch noch ...</p>
+
+<p>Aber — wenn man ihn morgen da drüben — wegen seines Attentats auf die
+Tochter seines Chefs — verhaften ließe?!</p>
+
+<p>»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die
+Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner
+ungestraft in den Topf.«</p>
+
+<p>»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken — öberkoken sall dei
+Supp — dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«</p>
+
+<p>Und ich — hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt — der andere
+kriegt sie wenigstens auch nicht ...</p>
+
+<p>Hahaha — du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der
+liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen — mit Clas Mönkebülls
+Messer zwischen den Rippen —!!</p>
+
+<p>Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist — die
+H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die
+Hammonia-Werft mit ...</p>
+
+<p>Und dann — Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...</p>
+
+<p>Sie kommt ja doch — kommt doch — die Diktatur des Proletariats — die
+Weltrevolution — —!</p>
+
+<p>Die rote Seligkeit — —!!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>10</h3>
+</div>
+
+<p>An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem
+Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.</p>
+
+<p>Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Freundin in
+seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank
+und Wehmut schwoll ihm das Herz.</p>
+
+<p>»Antje —« sagte er leise — »Antje ... alles hast du gerettet — die
+›Deutschland‹, die Werft — die — Linie — meines Vaters Lebenswerk —
+meine Ilse — mich selber — alles ... Mädchen, Mädchen — wie soll ich
+dir danken?!«</p>
+
+<p>Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche
+der Binnenalster kräuselte sich kaum — der Märzsturm, vom starren
+Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste
+nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein
+flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen
+Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten
+die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.</p>
+
+<p>In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr — — euch hab'
+ich alles gerettet — und ich?!</p>
+
+<p>Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht
+sitzt er hinter Schloß und Riegel — weil er es gewagt hat, Blick und
+Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als
+Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus
+dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt —
+gottlob — das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert.
+Nein — diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten
+Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche
+Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus
+ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht — — und
+morgen früh werden die Eltern alles erfahren — die Kammer der »drei
+Söhne« wird verödet sein — — für lange Zeit — vielleicht für immer
+... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...</p>
+
+<p>Ach, Antje — und dein eigenes Herz?!</p>
+
+<p>Er hielt, er küßte ihre Hand — der Mann, der seit einem<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Jahr ihres
+Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank —
+nur aus Dank — weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn
+gar nicht — auch nicht im leisesten — was er ihr bedeutete? O doch,
+er ahnte, nein, er wußte es — mußte es wissen ...</p>
+
+<p>Pah — was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft — aus einem
+Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag — ein
+weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung
+er ein Jahr seines Lebens gesetzt — ein — Studienobjekt ... Was wußte
+er von ihrer Seele — von ihrer Liebe? Was — verlangte er von ihr zu
+wissen?!</p>
+
+<p>Heinz wußte von ihr. Alles wußte er — und daß er ihr ewiger Schuldner
+bliebe — bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende — alles,
+was zwischen ihnen beiden gewesen war — dies lange, erlebnistiefe,
+schöne — ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott — zu Ende? War
+das möglich? Durfte das möglich sein?</p>
+
+<p>Denn jetzt erst — jetzt, da es zu Ende ging — jetzt erst, da dieses
+Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte — jetzt
+erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht
+wie eine Freundin — nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche — ein
+Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.</p>
+
+<p>War das möglich?! Liebte er denn Ilse — nicht?!</p>
+
+<p>O ja, ja — er liebte Ilse — heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender
+denn je ... war das — möglich?!</p>
+
+<p>Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold
+für diese Erde ...</p>
+
+<p>Er mußte wählen — er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog,
+das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt — dem er so
+viel, dem er verdankte, was er niemals<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> vergelten konnte — das mußte
+er niederzwingen — das durfte sie nicht einmal ahnen.</p>
+
+<p>Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb
+scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich
+nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles
+— für sein Vergehen gegen Ilse — für seinen Anteil an dem — gottlob
+— vereitelten Plane dieser Nacht — für seine Wühlarbeit auf der
+Werft. Man wird für ihn sorgen — so daß er sich emporarbeiten kann —
+er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er — man wird ihn
+auf den rechten Weg bringen.</p>
+
+<p>Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den
+herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen.
+Das machte sie froh — nur helfen konnte er ihr nicht.</p>
+
+<p>In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des
+einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der
+stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste.
+Seine Welt — die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie
+— sie wird vergessen sein — wenn nicht morgen, dann übermorgen.</p>
+
+<p>Ihre Seele weinte, rang, schrie — er hörte es nicht, sollte es ja auch
+nicht hören — nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine
+Verwendung.</p>
+
+<p>Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe — in dem langen,
+ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei —
+und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem
+Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen
+— in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben
+dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun
+gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch
+so jung — man wird ihn auf das Konservatorium<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> schicken — einen
+tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann — dann will er selber,
+Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne
+machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre
+in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für
+die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für
+die ganze Arbeiterschaft — mit Lichtbildern — die sie in den Sinn
+des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es
+sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen
+Erträgnis der Werft zu beteiligen ...</p>
+
+<p>Er redete — redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort
+dazwischen: »Ja — das wär' schön —« oder: »Gewiß, das könnte viel
+Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er
+gehört der andern — gehört ihr allein.</p>
+
+<p>Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje —
+— wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!</p>
+
+<p>Die Polizei war hinter ihm drein — pah, sie würde ihn nicht kriegen,
+des war sie sicher. Aber — was tat er, was plante er sonst?! Er
+war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's
+gewollt — sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen,
+entsetzlichen Plänen aufpeitschen — der Genosse Dragomiroff ...</p>
+
+<p>Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes.
+Was würden sie aushecken in dieser Stunde — ihr Bruder — und der
+Russe?!</p>
+
+<p>Es half nichts — sie mußte den Freund warnen ...</p>
+
+<p>Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien — fragte ihn, was er
+selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er
+sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar
+nicht überlegt hatte. Das war ja<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> selbstverständlich, daß er Antje zu
+ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück — zum
+Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen?
+Nein — das ist vorbei. Nun — sein Elternhaus steht ihm ja offen —
+aber — dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann — —
+Und — die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs
+ungeheuerlichste mißverstehen —?</p>
+
+<p>Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.</p>
+
+<p>»Heinz — bedenk doch — Dragomiroff — und — mein Bruder ...«</p>
+
+<p>»Natürlich — sitzt die Polizei dem auf den Hacken — er ahnt ja nicht,
+welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne
+nichts retten, als wenn — als wenn morgen —«</p>
+
+<p>»— alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer.
+»Alles drunter und drüber — auf der Werft — in ganz Hamburg ...«</p>
+
+<p>Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension
+sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen
+entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der
+Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.</p>
+
+<p>»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund
+durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so
+kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«</p>
+
+<p>»Nun gut — so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts
+vorgefallen — und stelle mich dem Sturm.«</p>
+
+<p>»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht — die Arbeiter! Der
+leiseste Verdacht — und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein
+— das darfst du nicht!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p>
+
+<p>Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach
+den Wall der Entsagung.</p>
+
+<p>Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der
+Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie
+nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer
+anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden,
+Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...</p>
+
+<p>O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir
+zu spielen ...</p>
+
+<p>Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...</p>
+
+<p>»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«</p>
+
+<p>»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen
+halten, bis alles vorbei ist ...«</p>
+
+<p>»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie
+den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache
+fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im
+Einverständnis gewesen sei — werden das Ganze als ein Komplott der
+Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?!
+Nein — das ist unmöglich — — ich habe die ganze Verantwortung ...
+Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen,
+darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung
+gehabt haben —«</p>
+
+<p>»— was die Arbeiter aber niemals glauben werden —« warf Antje ein.</p>
+
+<p>»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten,
+muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor
+der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt
+hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht
+eine Tat der Provokation — kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen —
+komme was wolle!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>»Heinz, Heinz — du bist verloren!«</p>
+
+<p>»Mag sein — Früchte meines Tuns —! Ich hab' eine Maske getragen
+ein ganzes Jahr lang — ein Dasein geführt, das ein einziger großer
+Betrug war — und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit
+und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich
+bin ein alter Seemann und Soldat — kein Drückeberger ... Ich werde
+mich dem Schicksal nicht aufdrängen — aber bereit werd' ich mich
+halten. Ich werde — — jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen
+früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor
+Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern.
+So ist's gut — so mach' ich's.«</p>
+
+<p>Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund
+beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der
+Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...</p>
+
+<p>Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten — da lag die
+gigantische Rotunde des Elbtunnels — und vor ihnen brauste der
+sturmgepeitschte Fluß — und nun — nun hob sich über die niederen
+Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit
+hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da — da lag der Koloß der
+»Deutschland« — unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine
+Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft — die goß neuen Glauben in die
+ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.</p>
+
+<p>Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom
+Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens,
+deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei
+deutsche Menschen — zwei Liebende.</p>
+
+<p>Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine
+Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.</p>
+
+<p>Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...</p>
+
+<p>Sie lösten sich — sie hielten einander an den Händen. Sie<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> suchten
+einer des andern Blick — auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste
+ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich
+den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.</p>
+
+<p>Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die
+Kraft zur Entsagung finden würden.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>11</h3>
+</div>
+
+<p>Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.</p>
+
+<p>Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des
+Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde,
+erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ...
+Die Regierung entflohen — oder, wie andere wissen wollten, hinter
+Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute
+nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft
+hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...</p>
+
+<p>Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren
+Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer,
+der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte
+wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner
+Klassengenossen.</p>
+
+<p>»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die
+Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji
+söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne
+söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein
+scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben
+Genossen an de Wand stellt!«</p>
+
+<p>Wutschreie — Pfiffe — geschwungene Knüppel ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
+
+<p>Ein anderer wußte noch mehr:</p>
+
+<p>»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei
+Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft
+sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«</p>
+
+<p>»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden,
+dei Swienhund!«</p>
+
+<p>Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die
+Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege,
+schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während
+der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und
+hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns
+den'n Spitzel rutgeben!«</p>
+
+<p>»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.</p>
+
+<p>»Ne — Generalstreik! Generalstreik!« —</p>
+
+<p>Das war das Wort der Stunde.</p>
+
+<p>Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.</p>
+
+<p>»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an,
+mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig.
+Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten — süß
+köhnt wie Hungerpooten sugen.«</p>
+
+<p>Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen,
+der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.</p>
+
+<p>»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol
+negger bekieken!«</p>
+
+<p>»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat
+vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden,
+dei't heurn mag!«</p>
+
+<p>»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«</p>
+
+<p>»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> sien Kollegen
+op de Direkschon — un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll
+Timmermanns dat Mul stoppen!«</p>
+
+<p>Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht
+die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten
+Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen
+— und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem
+Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich
+losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher,
+eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die
+»Deutschland« vom Stapel müsse, müsse — damit der Hafen wieder
+aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die
+Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um
+Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten
+müsse, brüderlich zusammenhalten ...</p>
+
+<p>Umsonst — die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die
+Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...</p>
+
+<p>»Generolstreik — Generolstreik!«</p>
+
+<p>»Nieder mit die Reakschon!«</p>
+
+<p>»Es lebe das internationale Proletariat!«</p>
+
+<p>»Es lebe die Weltrevolution!«</p>
+
+<p>Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester
+Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte
+es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht
+zu.</p>
+
+<p>»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek
+liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«</p>
+
+<p>»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«</p>
+
+<p>Einer kam vom Eingang herangestürzt:</p>
+
+<p>»Jungs — Kollegen — weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund,<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> dei hüt
+nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel
+west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters — Anders Niemann hett
+hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei
+west — Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de
+Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei
+entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann — un is en Söhn von
+den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«</p>
+
+<p>Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung
+angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf
+die Schulter:</p>
+
+<p>»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders
+Niemann is mien Fründ — hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en
+Johr! Dat sast du mi bewiesen! — Wer hett di dat seggt?!«</p>
+
+<p>Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat
+hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«</p>
+
+<p>»Lagen is dat — utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders
+Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«</p>
+
+<p>Umsonst — von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche
+Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel — ein <em class="antiqua">agent provocateur</em> der
+Gegenrevolution ... ein Saboteur — ein scheußlicher, schmutziger Spion
+und Verräter ...</p>
+
+<p>Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt,
+so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen
+Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.</p>
+
+<p>Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von
+Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen,
+Fragen, Kombinationen.</p>
+
+<p>Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> werden
+können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um
+das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen — Stimmung für den
+Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!</p>
+
+<p>Aber nein — es war ja geschossen worden auf der Werft — und da
+standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand,
+Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel — die Würgengel des
+Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In
+voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der
+die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit
+stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die
+gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.</p>
+
+<p>Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des
+Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten
+die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein
+Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik,
+ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere,
+ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die
+Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz
+der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an
+Arbeit — die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.</p>
+
+<p>Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft,
+herrlich die »Deutschland« — ein Werk von Menschenhand, doch nicht
+leblos, seelenlos — ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des
+Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen,
+immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in
+goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der
+massigen Schwellung des Hecks trug.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende
+Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches,
+quälendes Gefühl — eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur
+ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag
+... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim — in ihrem behüteten Bette
+... und alles, alles war gut ... sie war gerettet — Heinz war gerettet
+... alles — war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die
+Augen zu öffnen ...</p>
+
+<p>Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung —
+das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« — großer
+Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird
+wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...</p>
+
+<p>Mit einem Ruck richtete sie sich auf — und schau — an ihrem Bette saß
+in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf
+die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen
+zurück.</p>
+
+<p>»Aber ich muß doch zur Werft, Mama —«</p>
+
+<p>»Still, Kind, still — dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und
+ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen
+vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr
+alle zusammen zum Stapellauf — mein Mann, ich, du, die Herren von der
+Linie, die Amerikaner ...«</p>
+
+<p>Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder
+betreut zu werden von Mutterhänden ...</p>
+
+<p>Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie
+nieder.</p>
+
+<p>»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe — fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug
+...«</p>
+
+<p>Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden — und dann<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> zog Johanna
+sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.</p>
+
+<p>Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für
+alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an — meines und
+seines — unser Leben ...</p>
+
+<p>Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der
+Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan — als
+Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters — mit Stolz und
+Freude — aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines
+gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein — wie vor
+ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres
+Elternhauses schmückten — wie die Carstensens sie sich im Laufe der
+Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten,
+ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...</p>
+
+<p>Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben — sie wird eine Freimann
+... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier
+Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein
+zwiefach Bewährter — ein Kriegsheld — und hat nun auch im Leben des
+Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der
+vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland
+wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz — vertrau' deiner Ilse ...
+Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird
+sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die
+drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt
+regieren droben im Kontor — und in prächtigen Villen wohnen ...
+Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des
+Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje
+ist ein Tier — aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen
+Händen? — Diese Antje — die seine Schwester ist ... und die Heinz
+Freimann seine Freundin nennt ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p>
+
+<p>Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für
+dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen
+liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche
+bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen.
+Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war — was wäre aus
+ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre
+verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich,
+konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen
+Menschen — ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau'
+euch.</p>
+
+<p>Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem
+Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ...
+vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig
+Leitung kommt — vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß
+Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen,
+gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom
+— eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...</p>
+
+<p>Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende
+Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der
+Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum
+um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres
+Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ...
+Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte
+Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen
+Großreeders Tochter — Bündnis der amerikanischen und deutschen
+Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer
+weiß — vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen
+gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> ihre
+Freunde müßten darin vorkommen — vor allem er, der ihr so stark, so
+tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur — der
+dicke Bobbie ... Ach Himmel — wie mochte es dem wohl ergangen sein
+heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen — wäre die
+»Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der
+ganzen Stadt gehört ...</p>
+
+<p>Ach nein — was Bobbie anfaßt, das glückt ...</p>
+
+<p>Bobbie ... du armer, dummer Hunne — du dicker, grauer Esel zwischen
+den zwei Heubündeln ...</p>
+
+<p>Es klopfte. »Ich bin's, Bessie — darf ich?«</p>
+
+<p>»Aber gewiß, <em class="antiqua">daddy</em>!«</p>
+
+<p>Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt
+etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen,
+versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein:
+Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem
+Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt
+stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so
+ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du
+hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz
+etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«</p>
+
+<p>»Ach, <em class="antiqua">daddy</em> —« lachte Bessie — »was ich dir alles zu erzählen
+habe —? Du wirst staunen —!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht
+still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus
+aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im
+Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner
+Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede
+Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> waren
+noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie
+meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden
+Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen.
+Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.</p>
+
+<p>Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der
+Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors
+Timmermanns.</p>
+
+<p>»Wer ist am Apparat?«</p>
+
+<p>»Tietgens ...«</p>
+
+<p>»Ach, Sie, liebes Fräulein — nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen
+der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der
+›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein
+Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«</p>
+
+<p>»— Ein Werftarbeiter?! — Wissen Sie zufällig seinen Namen?«</p>
+
+<p>»Doch — auch das — ein gewisser Mönkebüll ...«</p>
+
+<p>Clas — o Gott — mein armer, armer Clas — nun hast du sie, deine
+»rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den
+Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme
+Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...</p>
+
+<p>Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der
+Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr
+werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten,
+daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen.
+Noch Fragen?</p>
+
+<p>»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen
+unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt
+geworden?«</p>
+
+<p>»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei
+ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> Sie überzeugt,
+daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird — schon um seines
+würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters — vor allem
+aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch
+im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie
+werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein — seien
+Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften
+steht.«</p>
+
+<p>Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie
+gut ... Vielleicht war er noch zu retten — der arme, wilde, verführte,
+der geliebte Junge ...</p>
+
+<p>Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine
+Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...</p>
+
+<p>»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme,
+den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde
+keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist
+nicht auszudenken —«</p>
+
+<p>»Meine Pflicht — Herr Präsident —«</p>
+
+<p>»Ach was, Pflicht — ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft
+können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich
+— ich vollends — Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter
+und — mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind — ich kann
+nicht anders ...«</p>
+
+<p>Er nahm das Mädchen in seine Arme — er küßte ihre Stirn wie einer
+lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen
+Schluchzen.</p>
+
+<p>»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und
+verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's
+wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes,
+liebes, herrliches Mädchen ...«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<h3>12</h3>
+</div>
+
+<p>Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und
+vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher
+Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn
+empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein
+Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ
+er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.</p>
+
+<p>Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem
+Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank
+für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet
+und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem
+ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief
+bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge
+Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand
+ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem
+Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen
+des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr
+auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese
+Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren — daß nichts davon bis zu
+den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten
+sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks,
+an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu
+schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen
+von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen
+Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das
+Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar,
+den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge —?!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p>
+
+<p>Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses
+und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.</p>
+
+<p>Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er
+langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht — so viel für
+mich getan — daß ich — daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen
+zu sagen — daß Sie mit dieser Anordnung — Ihre Kompetenzen denn doch
+erheblich überschritten haben ...«</p>
+
+<p>»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß —« stotterte der Riese. »Aber bei
+der Kürze der Zeit — —«</p>
+
+<p>Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein
+Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn — schnitt
+jeden Widerspruch ab.</p>
+
+<p>»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun,
+wo er es verantworten zu können glaubt — ich für meine Person muß
+Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir
+auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer
+Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten
+muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die
+Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht
+eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat —
+und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem
+gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß
+meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich,
+lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede
+Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie —
+— nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«</p>
+
+<p>In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr
+Senator, ich werde Sorge tragen, daß<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> niemand sich zeigt ... ich
+werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als
+Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat — daß nicht das
+mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus
+Ihrem Munde ...«</p>
+
+<p>»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen
+hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.</p>
+
+<p>»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«</p>
+
+<p>Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter
+gereifte, scharfgeprägte Köpfe — besonnene, erlesene Vertreter ihrer
+Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte
+getreue Kranführer Timm Tietgens.</p>
+
+<p>Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«</p>
+
+<p>Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in
+tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen.
+Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein
+Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle
+einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei
+überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche
+Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich
+Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so
+könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der
+angeblich Gefallene — es werde der Name Clas Mönkebüll genannt — sei
+ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein
+Kostgänger — ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber
+grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei,
+daß er gefallen sei?</p>
+
+<p>»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Werftleitung
+hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen — Herr
+Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert — es ist ihm
+gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln.
+Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden.
+Dann sind Schüsse gefallen — man hat den Arbeiter Mönkebüll
+sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der
+›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze
+Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«</p>
+
+<p>Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise
+mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der
+Übereinstimmung mit dieser Tat ab.</p>
+
+<p>Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit
+Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen,
+als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für
+eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.</p>
+
+<p>Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der
+Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk
+eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters
+genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der
+Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser
+Arbeiter — in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei — daß
+sein Name ein angenommener sei — daß sein Träger in Wirklichkeit
+ganz jemand anders sei — nämlich — — der Sohn des Präsidenten
+der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene
+Kapitänleutnant Heinrich Freimann — —.</p>
+
+<p>Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden
+unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte.
+Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> nun war es da — — und
+eine zitternde Wut war in ihm — gegen den jungen Mann, dem er die
+Hand seiner Tochter vertraut hatte — — und der legte nun durch sein
+phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen
+sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor —
+in der gleichen stummen Empörung — ihm schoß das Blut in die Augen,
+in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu
+zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...</p>
+
+<p>»Ich weiß das alles —!« sagte Detlev Carstensen. »Aber — ich weiß es
+erst seit heute nacht.«</p>
+
+<p>»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen
+Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der
+Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der
+Werft?«</p>
+
+<p>»Ja, Herr Generaldirektor.«</p>
+
+<p>Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen
+fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.</p>
+
+<p>»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«</p>
+
+<p>»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen
+hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der
+Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«</p>
+
+<p>Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein
+Beamter sollte den Auftrag erhalten — aber die Arbeiter mischten
+sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den
+Arbeitern hinauszuschicken — man könne für seine Person nicht bürgen.
+Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen
+Tietgens herbeizuschaffen.</p>
+
+<p>Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die
+Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> geschwollenen Stirnadern
+saß der alte Herr — folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem
+Gesicht — nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm,
+der sein Inneres schüttelte.</p>
+
+<p>Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm
+gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses,
+ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers
+geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung
+... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein
+scheine ...</p>
+
+<p>Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur
+so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes
+des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ...
+Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der
+Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt
+sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.</p>
+
+<p>Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war,
+der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn
+zur Rechenschaft zu ziehen.</p>
+
+<p>»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders
+Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt
+Ihnen das, meine Herren?«</p>
+
+<p>Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:</p>
+
+<p>»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber — hat auch der Herr Timm
+— der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«</p>
+
+<p>»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute
+nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der
+Werft gearbeitet hat.«</p>
+
+<p>»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> einen Bruder,
+der is im Krieg Leutnant gewesen — dann hat er mit die Bahrenfelder
+ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er
+ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt
+haben?«</p>
+
+<p>Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause — Sie können ihn
+fragen.« Das war ihm herausgerutscht — schon bereute er.</p>
+
+<p>Die Arbeiter horchten hoch auf — tuschelten erregt zusammen.</p>
+
+<p>»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de
+Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«</p>
+
+<p>»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht
+doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht
+wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.</p>
+
+<p>»Ja — dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden
+fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen
+auf die Werft geschafft sünd — un dat im Keller mehr als hundert
+Weißgardisten versteckt sünd?!«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner
+Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein
+Alles gerettet — jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich
+auf.</p>
+
+<p>»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen
+zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht
+durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer
+arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge
+verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«</p>
+
+<p>In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon
+willens gewesen war, sich zu erheben und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> die Verhandlung abzubrechen,
+empfand, verstand diesen Klang.</p>
+
+<p>Da öffnete sich die Tür — und Tedje Tietgens trat ein.
+Hochaufgereckten Hauptes — polternden Schritts. In seinen verwüsteten
+Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell — Zerstörer
+— Dämon.</p>
+
+<p>»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.</p>
+
+<p>Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje
+antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.</p>
+
+<p>Ja, es sei wahr — Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die
+ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen
+Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion
+sei — und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung
+des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen
+bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die
+Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik
+mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der
+nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.</p>
+
+<p>»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch
+gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die
+Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie.
+Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter — wenigstens an die
+Verständigen unter Ihnen — denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf,
+Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde
+länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von
+denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich,
+daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser
+aller gemeinsames Werk, vernichten wollte — daß ihr die nicht weit
+schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span>
+die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut
+nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen — und ich hoffe
+noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis — als auf ein
+Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird
+durch innere Zerrüttung — daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt
+ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung — ihr seid alle
+viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für
+Folgen haben wird — für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle,
+für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht
+mich allein — euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke
+Ihnen.«</p>
+
+<p>Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt,
+verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten
+gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber
+in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.</p>
+
+<p>»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den
+Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd
+nich dei Arbeiterschaft — ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat
+wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen — wi lat't uns nich besabbeln!
+Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«</p>
+
+<p>Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal
+vor:</p>
+
+<p>»Herr Senator — meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat
+Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles
+... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns — un
+mit die Waffenkisten — dat gefällt uns nich — un dat eine kann ich
+Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! —
+Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> laten wi nich rühren —
+wer dat verseuken will, dei is unser Feind — un gegen den'n stohn wi
+all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster
+Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das
+Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine
+Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle
+Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen
+— Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ...
+In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die
+unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr
+im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit
+den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt
+hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem
+die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht.
+Man würde sie niederhalten müssen — aber überhören durfte man sie
+nicht mehr.</p>
+
+<p>Gut — aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen,
+wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.</p>
+
+<p>Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der
+von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er
+wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte
+das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.</p>
+
+<p>»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«</p>
+
+<p>»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten
+können, an dem Stapellauf festzuhalten?«</p>
+
+<p>»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p>
+
+<p>»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist
+eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher
+Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie
+können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich
+die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts
+vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ...
+So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn
+einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug — wollen
+sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort
+verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ...
+Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei
+ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es
+würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen
+würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf
+der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen
+Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie?
+Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? — Ob Heinz hier draußen ist? Nein
+— bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei
+uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht
+allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner
+phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich
+soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut
+geht, lieber Freimann — so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie
+Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf
+— sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch
+persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund — Ob mir gut
+ist? Doch, doch, selbstverständlich — meine Stimme — matt? Keine Idee
+... Schluß!«</p>
+
+<p>Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Müdigkeit
+nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt
+den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...</p>
+
+<p>»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie
+die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im
+schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh,
+daß er da ist. Können ihn mir schicken.«</p>
+
+<p>Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte
+es. Robert Timmermanns öffnete — Heinz Freimann trat ein in seiner
+abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der
+verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«</p>
+
+<p>Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein
+Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht.
+»Verantworte dich.«</p>
+
+<p>Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit
+Handwink zu bleiben.</p>
+
+<p>In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe
+hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt
+— ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der
+Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht —
+ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden — deren
+Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe.
+Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein.
+Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein
+Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den
+Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen,
+daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Ahnung
+gehabt — daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein <em class="antiqua">agent
+provocateur</em> der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher,
+voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht,
+beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.</p>
+
+<p>Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim
+knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.</p>
+
+<p>»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es
+ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar
+fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im
+Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ...
+Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du
+noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«</p>
+
+<p>Er winkte gnädig Entlassung.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen
+auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel
+stattgefunden — mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die
+Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen,
+verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die
+Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt — die Werftleitung habe
+sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter
+versprochen — man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den
+Stapellauf zu hintertreiben — er müsse heut nachmittag um drei Uhr
+planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit
+Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören
+der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit
+jeder Arbeitsmöglichkeit —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p>
+
+<p>Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert
+—!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine
+neue Versklavung des arbeitenden Volkes — der Bolschewismus müsse
+triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden — die Woge der
+Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des
+Erdballs in Nationen zersplittere — dann werde die neue Menschheit
+erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...</p>
+
+<p>Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im
+ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles
+in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden — die Küche war
+glücklicherweise treulich am Werke geblieben.</p>
+
+<p>Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die
+Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die
+Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.</p>
+
+<p>Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es
+zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll
+rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften
+jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen
+in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und
+Flandernkämpfer Maschinengewehre.</p>
+
+<p>Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst
+funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen
+und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf,
+einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den
+alten Carstensen:</p>
+
+<p>»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm
+auf das Verwaltungsgebäude.«</p>
+
+<p>Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Cäsar, der
+die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine
+schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.</p>
+
+<p>»Ihr Bruder schon zurück?«</p>
+
+<p>»Nein, Herr Senator.«</p>
+
+<p>»Gut — ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden
+Übereilungen zu verhüten wissen.«</p>
+
+<p>»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«</p>
+
+<p>Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine
+Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen
+Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator
+der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen —
+sie sollten sich blutige Köpfe holen.</p>
+
+<p>Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude
+durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet
+dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front
+nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die
+Türen — erschrockene Köpfe tauchten auf — Direktoren, Ingenieure,
+Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah — also doch! Man war verteidigt ...</p>
+
+<p>Sie mochten kommen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>13</h3>
+</div>
+
+<p>Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang,
+welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt
+die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United
+Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen
+sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion
+der Hansa-Transatlantik-Linie<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> mit ihren Damen, die Abgesandten des
+Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter
+fehlten noch.</p>
+
+<p>Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen
+weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an,
+welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor
+Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe
+... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...</p>
+
+<p>Endlich — da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten
+Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes
+Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein
+... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der
+Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend
+...</p>
+
+<p>»Was meinen Sie — können wir's wagen?«</p>
+
+<p>»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«</p>
+
+<p>»Also gut ... und mein Sohn?«</p>
+
+<p>»— ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie
+können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«</p>
+
+<p>»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich
+danke Ihnen. — Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson
+persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«</p>
+
+<p>»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen,
+möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu
+überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen.
+Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem
+Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los
+und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> zum Hafen. Sie,
+Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die
+Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall
+am Bismarck vorbei — kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den
+Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«</p>
+
+<p>»Abgemacht —« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste.
+Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt,
+erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte
+einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.</p>
+
+<p>Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor,
+den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die
+Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen
+Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als
+Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Enter, please!</em>« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen.
+Himmel — wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen
+Augenblick ...</p>
+
+<p>Und — da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...</p>
+
+<p>»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön — Sie wollen kommen zu holen
+uns ... Nun — was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat
+nicht ich machen sehr gut mein Sache — diese Nacht?«</p>
+
+<p>»Fräulein Bessie — Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das
+mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«</p>
+
+<p>»Oh — das freut mich — das freut mich — <em class="antiqua">quite enormously</em> ...«</p>
+
+<p>»Wahrhaftig — Fräulein Bessie?«</p>
+
+<p>»Aber Sie, Mister Bobbie — Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne
+...«</p>
+
+<p>»Wie — meinen Sie das — Fräulein Bessie?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p>
+
+<p>»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht — dann sind Sie noch
+viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«</p>
+
+<p>»— — Bessie — —!!«</p>
+
+<p>Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein
+Püppchen an seine breite Brust.</p>
+
+<p>Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte — Elias
+Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um
+seine ganze Autorität gebracht haben würde.</p>
+
+<p>Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand
+und zerrte ihn auf den Deutschen zu.</p>
+
+<p>»Deinen Segen, <em class="antiqua">daddy</em>, schnell — schnell — die Herren warten
+drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden
+Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:</p>
+
+<p>Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert:
+»Heinz auf der Werft in Sicherheit — Timmermanns ist begeistert von
+ihm ...«</p>
+
+<p>Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn
+man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch
+verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er
+sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute <em class="antiqua">daddy</em> — aber wann
+hatte ihm das je etwas genützt?!</p>
+
+<p>Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen — glühend im Glück über so tröstliche
+Nachricht — und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen
+auf der Werft?!</p>
+
+<p>Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier
+Welten — verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des
+Besitzes ... Die schützte sie vor<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> tausend Stößen des Lebens, denen von
+hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...</p>
+
+<p>Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich
+bescheiden gekleidet — Antje Tietgens ... die Sekretärin — heute
+von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück,
+und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der
+nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten
+Augenblick ihres Lebens ...</p>
+
+<p>Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der
+Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der
+Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte — in
+seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit.
+Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit
+seinem flutenden Verkehr, die drei Türme — zur Rechten der breit
+ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom
+lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender
+Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung —
+zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen
+Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und
+der Musikhalle ...</p>
+
+<p>Und jetzt — jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes
+Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des
+Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen«
+Bunde zusammengezwungen ...</p>
+
+<p>Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen — dorthin,
+wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt
+vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf
+des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein
+Volk<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines
+Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...</p>
+
+<p>Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die
+Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie
+Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte
+der andern Arm in stummem Gelöbnis:</p>
+
+<p>Zusammenhalten — — weil wir zusammengehören —!!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3>14</h3>
+</div>
+
+<p>Sie kamen.</p>
+
+<p>Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der
+hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten
+sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher
+auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze
+Schattenriß der »Deutschland« — überhöht vom breitgespannten Schirm
+des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des
+Deutschen Reiches flatterte.</p>
+
+<p>Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick
+des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten
+sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!</p>
+
+<p>Näher — immer näher ...</p>
+
+<p>»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«</p>
+
+<p>Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes
+Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob
+er sich mit schwerfälligem Ruck.</p>
+
+<p>»Das — Feuer eröffnen?! Herr Leutnant — wir sind nicht auf dem
+Schlachtfeld — wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht
+versucht. Wo ist Heinz Freimann?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
+
+<p>»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«</p>
+
+<p>»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«</p>
+
+<p>Der Greis schritt zur Tür.</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns
+verständnislos.</p>
+
+<p>»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten.
+Geschossen wird nicht.«</p>
+
+<p>»Zu Befehl, Herr Senator.«</p>
+
+<p>Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte
+Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den
+gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in
+Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.</p>
+
+<p>In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp — Studenten, junge Kaufleute
+—, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage
+ihres Führers — des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf
+reißen sollte —. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte
+Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine
+Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende
+Gasse schritt er zum Hauptportal — sah unbeweglich hinaus — der
+dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen
+sein Lebenswerk heranschob.</p>
+
+<p>Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz — Armin ...</p>
+
+<p>»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten
+Sie sich bereit — aber nur für den äußersten Fall.«</p>
+
+<p>Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den
+des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe
+hinaus —</p>
+
+<p>Die dunkle Mauer erstarrte — stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde
+— dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf,<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> tobten wüste Schreie: »Doar is
+hei ja — dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«</p>
+
+<p>Detlev Carstensen streckte die Rechte aus — und abermals ward
+lastende, lauschende Stille.</p>
+
+<p>»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und
+gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein
+Spion — kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt
+und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst
+noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«</p>
+
+<p>Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich
+bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten.
+Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt —
+ich wehre mich nicht!«</p>
+
+<p>Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen
+und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse
+entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte.
+Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.</p>
+
+<p>Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du
+Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ
+t'rügg — Clos Mönkebüll giv mi wedder!«</p>
+
+<p>Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig
+zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe,
+sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu
+stürzen.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem
+jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere
+Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der
+Leutnant im Stahlhelm — und auch er schwang im Anlauf über seinem
+Haupte das Gewehr —.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p>
+
+<p>Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber.
+Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt,
+sausten nieder —.</p>
+
+<p>Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker — in weitem Bogen flog des
+Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen
+Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben
+Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und
+grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.</p>
+
+<p>Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch
+aufgerichtet — stieren Blicks — das blutige Messer in der langsam
+sinkenden Hand.</p>
+
+<p>Da — aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes — ein Knall, ein
+Feuerstrahl — Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das
+Messer fallen, fuhr nach dem Herzen — und schon sank der mächtige
+Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.</p>
+
+<p>Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der
+Hand — —.</p>
+
+<p>Das alles in fünf Sekunden ...</p>
+
+<p>Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen — aber ein
+Aufschrei nicht der Wut, der Rache — sondern des Entsetzens — des
+Abscheus vor dem eigenen Tun ...</p>
+
+<p>Kainstat hüben, Kainstat drüben ...</p>
+
+<p>Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei —
+Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern
+der Opfer des Wahns — breitete die Arme gegen seine Kameraden aus:
+»Über mich dies Blut — schlagt mich tot!«</p>
+
+<p>Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige
+Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor —
+des Führers Tod zu rächen.<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann,
+unhemmbar, unsühnbar ...</p>
+
+<p>Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der
+entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten
+hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz,
+schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz — trat vor ihn
+hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje
+Tietgens neben ihr — auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums
+zu decken gegen ihre Klassengenossen ...</p>
+
+<p>Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben
+senkten sich — mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten
+— Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen
+einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines
+Volkes ...</p>
+
+<p>Da hob Ilse die Rechte — wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand
+sie da.</p>
+
+<p>Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall
+der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten
+Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...</p>
+
+<p>Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen
+Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter,
+Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder — und
+dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt,
+wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich
+hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die
+Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein
+Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe!
+Laßt uns zusammenhalten — wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit
+und Kapital, Bürger und Proletarier<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> —! Das hat er mich gelehrt, er,
+mein Freund, unser Freund — glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da,
+mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...«
+Ihre Stimme wollte brechen — aber noch einmal raffte sie sich auf:
+»Versöhnung! Brüder — Kameraden — Versöhnung!!«</p>
+
+<p>Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der
+todbereite Mann stand — geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen,
+die ihn verstanden.</p>
+
+<p>Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des
+Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das
+der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand
+der alte Mann — in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide — hoch
+in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus
+dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die
+zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster
+des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß
+war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn — sie zwang die
+Tausende in ihren Bann.</p>
+
+<p>Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der
+Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines
+Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.</p>
+
+<p>Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.</p>
+
+<p>Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des
+Bruderkrieges zu zertrümmern — schon zersplitterte Kolben um Kolben,
+flog Schaft um Schaft zuhauf — nun stürmten Dutzende heran, dem
+Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen — zu Hunderten
+jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes
+Verteidigung,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der
+Klassen, der Brüder ...</p>
+
+<p>Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich
+türmten inmitten — da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu,
+die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand
+und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der
+Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der
+Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.</p>
+
+<p>Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen
+aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind
+eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen
+und freien Volkes — inmitten seiner staunenden Landsleute vom
+Patterson-Konzern — und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden —
+sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten
+Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen,
+dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...</p>
+
+<p>Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses
+Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu
+klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes
+Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.</p>
+
+<p>Mehr noch — mehr noch — immer mehr — alle — alle — —</p>
+
+<p>In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten
+wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen,
+freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des
+Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid — schwören
+ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres
+Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der
+Versöhnung, der Wiedergeburt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der
+eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die
+letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen,
+der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das
+ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich
+wälzt.</p>
+
+<p>Und jetzt — jetzt ist es getan — in erhabener Ruhe setzt die lastende
+Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des
+Deutschen Reiches ...</p>
+
+<p>Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm
+schweren Wandel der Riesin —</p>
+
+<p>Schneller, immer schneller —</p>
+
+<p>Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum — nun heben sich zu jubelndem
+Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie
+bauten — die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie
+alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...</p>
+
+<p>Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre
+jüngste Bezwingerin ...</p>
+
+<p>Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen
+Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der
+Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz,
+ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht:</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">den Namen des Landes unserer<br>
+Liebe</em>.</p><br>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p>
+
+<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Walter Bloem Romane</em></p>
+</div>
+
+<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Hafis Ausgabe</em></p>
+
+
+<figure class="figcenter illowe6_4375" id="illu-320">
+ <img class="w100" src="images/illu-320.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="center">10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50<br>
+10 Halblederbände in Kassette M. 48.—</p><br>
+
+<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Jeder Band ist einzeln lieferbar</em><br>
+in Ganzleinen M. 3.25, in Halbleder M. 4.80</p><br>
+
+<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Inhalt</em></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Band 1: Das eiserne Jahr</p>
+<p>Band 2: Volk wider Volk</p>
+<p>Band 3: Die Schmiede d. Zukunft</p>
+<p>Band 4: Das verlorene Vaterland</p>
+<p>Band 5: Der krasse Fuchs</p>
+<p>Band 6: Das jüngste Gericht</p>
+<p>Band 7: Brüderlichkeit</p>
+<p>Band 8: Das lockende Spiel</p>
+<p>Band 9: Sonnenland</p>
+<p>Band 10: Das Land unserer Liebe</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p>Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler,
+deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem
+Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor;
+dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen
+Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die
+Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des
+Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre
+hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut
+angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll
+tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das
+Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten.</p>
+
+<p>Alle diese Romane — und nicht minder die hier unerwähnten — können
+beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht
+nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden
+von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise
+zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem
+Volke gelten.
+</p>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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