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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-26 09:21:05 -0800 |
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Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler +wurden stilllschweigend korrigiert. + +Für die verschiedenen Schriftformen sind folgende Zeichen benutzt +worden: ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+ + +======================================================================= + + + + + [Illustration: Cover] + + + [Illustration] + + + + + Das Land unserer Liebe + + von + + Walter Bloem + + + + + 46.-65. Tausend + + Alle Rechte, im besondern das der Übersetzung in fremde + Sprachen, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten + Copyright 1924 by Grethlein & Co. in Leipzig + Druck von G. Kreysing in Leipzig + + + + + ~Hafis-Ausgabe~ + + [Illustration] + + + + + ~Robert Hohlbaum~ + dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen! + + + + + 1 + + +Um die kahlen, von harzigen Knospen geschwellten Ulmenriesen +des Harvestehuder Weges brandete der Märzsturm. Auf den breit +anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee. +Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe +herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen. + +Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des +altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine +geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren +Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den +Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben +Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten: + + »Was hoch und stolz, das fällt + im Sturm der neuen Zeit -- + jetzt bringen wir der Welt + die rote Seligkeit!« + +Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich +senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn. + +Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen. + +»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht --« + +»-- nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von Hamburg nicht zu +reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los +ist?« + +»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen +immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«, +berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die +reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!« + +Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in +seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel +... Diese Zeit -- dieses Volk ... + +Er straffte sich auf. »Los, Hansen!« + +Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog +der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer +Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der +Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten +der majestätischen Handelspaläste -- zur Linken die im Nebel +verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens. +Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein +flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte +der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte +voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau -- seine kalmückische +Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen +... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen, +wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im +Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke -- in +verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt, +rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den +schiefgestülpten Feldmützen ... + + »-- jetzt bringen wir der Welt + die rote Seligkeit --« + +Stockung -- Schreie -- geballte Fäuste -- -- aber schon war's vorüber +-- ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken. + +Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf +tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine +neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der +vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First +der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des +Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben +Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung +der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier +aufgeschlagen hatte. »-- die rote Seligkeit -- --« + +Hatte es Sinn zu arbeiten, -- -- mit zusammengebissenen Zähnen zu +kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?! + +Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug. + +Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie +schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin -- angefüllt mit +dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr -- man wurde +beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer. + +Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem +Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus +grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben +Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses +klaren, in sich gefestigten Gesichts. + +»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission +hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische +Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des +›Altreichskanzlers‹ vorgenommen -- das Schiff solle heut nachmittag um +drei Uhr in See gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe +von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang +leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden. + +Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne +stützen. Längst fällige Botschaft -- dennoch -- unfaßbar -- +unerträglich! + +Das letzte Schiff der H. T. L. -- das schönste -- und das letzte! + +Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel +gelaufen -- die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft -- am +ersten August zum Glück im Heimathafen -- dann, in ein Kriegsschiff +verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee, +Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö -- nun gemäß den +Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer +der Welt zurückverwandelt -- um als letzter Besitz der einstmals +erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu +werden. + +Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht +aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der +Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor +Mitleid -- und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele +sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den +Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ... + +Schäm' dich, Antje! -- + +Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu +treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu +haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum. + +Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer, +erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes Hirn, daß +daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des +Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die +Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so +weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen? + +Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk! + +Ja -- es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben +können. + +Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit! +Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol -- diese +-- -- Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen +die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins +Elend gestürzt hatten?! + +Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des +Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch +einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer +in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte +Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren +und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche +als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers« +mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der +feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare +Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie +geborsten ... + +Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst +herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel +des Fernsprechers regierte. + +»Ah -- Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja -- -- etwa +gar Nachrichten von Heinz --?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie +Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ... + +Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las: + +»Aus Bremerhaven -- Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte +gestatten. Heinz.« + +Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen +Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen +im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter +Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser +Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ... +Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine, +kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das +Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen -- für +wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub +eingetroffen -- noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer +Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen +Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den +Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um +so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte +Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und +an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen, +altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals +die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des +Emporsteigenden verbunden -- und dem heißen Wollerblute des Ringers +jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem +Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ... + +Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im +Nebeneinander des Alltags -- wenn's um Heinz ging, so verstanden sie +einer des andern Gedanken. + +Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde, die +Gefangenschaft so schwer ertrug -- wie wird er die Heimkehr -- -- die +Heimat ertragen?! + +»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort +auf die stumme Frage der beiden Elternherzen. + +»Weiß sie's schon?« fragte Georg. + +»Einstweilen bist du noch der nächste dazu -- als Vater ...« + +Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an -- der zähe +Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im +Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen +zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes +eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte +des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte, +mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben +hatte. + +»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte +eine Verbindung mit der Hammonia-Werft. + +Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der +»Altreichskanzler« in See gehe. + +Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer +Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende +Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch +die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft +und Anpassung, steifer Nacken und -- gelegentlich! -- krummer Buckel +so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze +Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben -- und um so +zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur +Unerträglichkeit -- fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem +unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem +Jahrzehnt nicht mehr getan -- sie legte ganz leise den Arm um des +Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen. + +Aber schon entwand er sich -- er verstand es nicht, sich bemitleiden zu +lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat. + +»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen +Verlobten seines Sohnes. + +»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen +tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir -- sie hat +eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!« + +Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen +Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht +sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ... + +Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des +Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme -- den Jubel, der durch +die verhaltene Kühle schwang -- und sahen einander nicht ... + +»Na, nun gib mal her, Johanna -- ich muß den alten Carstensen noch +sprechen!« + +Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun +plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen +Senators Carstensen -- des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie +zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende +der Linie hindurchgegeben. + +»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?« + +Georg Freimann biß die Zähne zusammen. + +»Wir sind nachgerade abgehärtet -- wir unglückseligen Deutschen ...« + +»Das weiß der Himmel -- aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr +Junge kommt -- da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig +geworden in Deutschland. Wohl ihm und Ihnen, daß in seines Vaters +Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur -- ob er mögen +wird --?!« + +Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick +schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick +leise zusammenzuckte -- wie unzählige Male zuvor in einem langen +Gemeinschaftsleben. + +»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten +Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren -- von ferne +noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann -- +unser Werk -- unser zertretenes Land ...« + +»Auch ich muß hin --« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß +das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also +Schluß, lieber Freund -- heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ --« + +»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns +möchte Sie noch sprechen ...« + +Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund +in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende +Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen. +Bob Timmermanns -- gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer -- die +rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und +Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem +die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann +Gestalt gewonnen hatten. + +»Hier Timmermanns ...« + +»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns -- der +›Altreichskanzler‹ --?!« + +Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache +mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes +Portemonnaie -- die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...« + +»Tun Sie's nicht, Timmermanns -- Sie springen den Burschen ins Gesicht +... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.« + +»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher +Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre +den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon +noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und +Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber +einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick -- einen Schwur, den +der Himmel erhören soll ... oder die Hölle -- je nachdem --!« + + + + + 2 + + +Der Berlin-Hamburger +D+-Zug schnob durch die kahlen Marschen +von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme +schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier +Waggons dritter Klasse angehängt -- für einen Trupp heimkehrender +Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten. + +Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den +kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen +Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie +einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in +die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in +der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen -- +und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses +edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen +überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland +weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur +ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport +nach Deutschland ab. Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur +solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie +und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren +die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem +Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat +entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der +Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der +lang entwöhnten Berufsarbeit -- das alles wirkte und wühlte wohl im +innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes +Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder +der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau +waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten +sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit +roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im +Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und +Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche +Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des +Proletariats. + +In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten +Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die +Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten, +verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um +Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft, +dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive +Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem +Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine +Zukunftspläne. + +»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as +wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige +Mietjes ut de Fabriken. Uns' russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt +du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi +de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei +danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd +wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt +und denn sozialisert ...« + +Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib, +dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher +von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder +schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am +werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe. + +Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem +klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und +behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach, +die am Gepäcknetz verstiebten. + +»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor +sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in +mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend +... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich +ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger +nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn +spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.« + +»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje. +»Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt -- un brukst jem +nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst +du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! -- denn hest du s' all, +as sei wussen sünd ...« + +Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die +schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge. + +»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!« + +Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende +Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des +nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun: + +»Kiekt, Jungs -- de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol -- +wo leddig; grod as weer hei utstorben ...« + +Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von +ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise +waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden +-- hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet, +das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen +die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis +zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre +Arbeitsstätte vor ihnen auf -- nun fröstelte jählings in ihren Seelen +die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten +Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des +Daseins abgrub. + +Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und +bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle +hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen +Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen +Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte +Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden: + +»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten +Vaterlande!« + +Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig +wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den +früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge +um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der +neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber +man war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen -- man sehnte sich +nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den +ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und +der Hafen so leer ... Woher sollte da -- -- + +Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten +jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über +Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ... + +Musik zur Stelle -- es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine +Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste, +klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das +bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug +der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der +Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten +nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft +Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete +an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum +Alsterbecken hinüber: + + »Wir bluteten vier Jahr + in Schlamm und Glut und Graus + für Krone, Thron, Altar -- + nun ist die Knechtschaft aus! + + Was hoch und stolz, das fällt + im Sturm der neuen Zeit -- + nun bringen wir der Welt + die rote Seligkeit!« + + * * * * * + +Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der +Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen +Gewimmel jener Geschäftsleute, die sich im revolutionären Deutschland +einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark +strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine +breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ... +Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten +Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt. +Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand +als natürliche Kriegsfolge empfunden -- sein Fortbestehen nach dem +Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen +... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den +seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen -- und nur ein tiefes +Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen, +nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch +Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten -- aller tiefsten +Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz. + +Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der +Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf +den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders +als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der +Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte +etwas -- jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der +Schiffahrt entboten hatte -- das vieldutzendstimmige Heulen der +Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer +noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der +Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte? +Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während +der Kriegsjahre so gewesen. Aber -- war denn jetzt nicht Friede? Nur +wogende Menschenmassen -- alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch, +an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne, nach +der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen -- schmetterte +marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten +Seligkeit« ... + +Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor +einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand -- ein Matrose, +die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen +Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa +stramm, als des Offiziers Auge ihn traf -- den erstaunten Blick des +Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden +Grinsen ... + +Ach so ... + +Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit +frechem, verwüstetem Gesicht: + +»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol +fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un +Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!« + +Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten +Bengel herab -- ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen -- aber +schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's +heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche, +Pfiffe. + +»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n +Liew!« + +Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der +sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon +war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte, +parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm, +rissen ihm die Waffe von der Seite -- die Krone vom Ärmel, die +Achselstücke von den Schultern -- vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen +Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient -- Püffe +regneten ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt, +wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über +die Augen fiel ... + +Da stand er, taumelnd, gebrochen -- ein Blutrinnsel tropfte ihm übers +Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte +Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren +starrten ihn an ... + +Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten -- das war der +erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort -- +fort -- sich verkriechen ... + +Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu. +Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits +der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des +Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ... +Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend -- + +Und stob plötzlich auseinander -- spritzte nach rechts und links, +gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß +... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur +der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen -- taumelte +verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der +Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst +und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends +überfahren. + +Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet, +beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut +und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der +feindlichen Flagge. + +Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem +Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt, +sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos +durch die Massen des besiegten Volkes dahinrasend, zur Strecke +gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung +gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden +Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur +einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam +aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden +recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem +flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke. + +»+Beg your pardon, Sir+ --« sagte der Herr des Wagens zu seinem +Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort: +»Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich +bringen Sie?« + +Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er +richtete sich auf und sagte eisig ablehnend: + +»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.« + +Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um +Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu +dürfen, daß er den +captain+ nach Hause fahre. + +»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine +collision+ mit Ihre ++countrymen+ ...« + +»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...« + +Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der +Amerikaner. Er ging ins Englische über: + +»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die +Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...« + +Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich +gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am +Wasser entlang ...« + +Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine +Verbindlichkeit. »O -- Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...« + +»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch. + +»Oh -- ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch« +-- und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich, +daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes +Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus +den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen +gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt +-- damals -- in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu +sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten +Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher +der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der +Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe +den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als +Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen +Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten +Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...« + +In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die +Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an: +Patterson-Konzern -- natürlich, eine der führenden amerikanischen +Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu +entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter +dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet +sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre -- die hatten von +der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos +ausgelöscht ... + +»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in +Haltung. + +»Ich weiß nicht genau« -- wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich +werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß meine Sendung nicht ganz +uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es +ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht +böse sein -- Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche +Geschäft vorüber ist -- vielleicht machen wir dann noch ein privates +...« + +Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des +Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den +braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil +verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner +Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt +seiner Gattin beraten ließ. + +Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen. + +»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann +... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den +abscheulichen Empfang vergessen!« + +Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen +werden so -- nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das +besudelte Ehrenkleid ... + +Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf: + + »O schöner Tag, wenn endlich der Soldat + ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit --« + +Aufschreien hätte er mögen -- aufschreien ... + +Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan, +eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe +hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus +erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der +Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen, +leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es +doch um ihre Fassung geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich +entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander +all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete +Vaterland entgegen. + +Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der +Ehrenzeichen bemerkt und -- in diesem instinktiven Wissen um das +Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern +alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen. + +»Mein Junge du -- mein Junge ... Still -- bist bei mir -- nun wird +alles gut ...« + +Und da -- da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr +Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und +begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine +Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der +Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen +tiefen Anteil des vasallentreuen Greises. + +»Charlie -- sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer -- Bad, +frische Wäsche, Zivil ...« + +Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles +gleichgültig -- er war da, war frei -- lebte -- es hatte ihn nicht +behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte +droben ein gnädiger Hüter ... + +Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge +überragte. + +»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen +Vaterland ...« + +»Still, still, Georg --« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's, +ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht +erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und +angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine +Zimmer warten, und Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du +jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!« + +Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut +versenken -- und dämmern -- schweigen -- leben -- -- + +Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg +-- grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl -- und +doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen -- +breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche +-- warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich +verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ... + +Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit +seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen +sie einander in die Augen -- die feuchteten sich, es zuckten die Lippen +... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ... + +»Mut, liebste Mama --« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der +zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten -- »Mut! Wir werden +arbeiten -- Heinz an seines Vaters Seite -- wir kommen wieder hoch -- +wir kommen hoch!« + +Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn -- das Erbteil +eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung +bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt +Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar +Atterdag das Fürchten lehrten. + +Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem +Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen +Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten +Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief +des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil, +der den Geschmack des weiland Schirmherrn deutscher Handels- und +Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ... + +Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein +unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter +ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes +einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen +Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute +abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten +Weltmächte in den Ozean hinaus. + +Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des +letzten Trösters ... + + + + + 3 + + +Wie alltäglich, seit die Revolution dem arbeitenden Volke den +Achtstundentag beschert hatte, verstummte auch heute auf den +Werften das gellende Ticktack der von Menschenfaust geschwungenen +Niethämmer, das unablässige Schwirren um vier Uhr nachmittags. Vater +Tietgens verschloß sorgfältig den Verschlag des riesigen Laufkrans, +den er seit acht Jahren führte, droben auf der schwindelnden Höhe +des weit gedehnten Krangerüstes, das sich über die ganze Breite +der fünf vorderen Helgen der Hammonia-Werft hinzog. Freilich, +von diesen fünf Schiffsbaustellen war jetzt nur eine belegt: ein +Zehntausendtonnen-Passagier- und Frachtdampfer entstand dort. Den hatte +eine neutrale Macht bestellt. Ja, ja, die Spanier -- und die Holländer +-- die kennen uns ... die wissen: sie kommen ja doch wieder hoch ... +die Deutschen ... werden wieder leistungsfähig wie vor dem großen +Unglück ... Aber die anderen vier Helgen standen leer ... Wann würden +sie sich wieder beleben? + +Der Vadder Tietgens da oben in seinem Laufkran -- der hatte Augen +im Kopf. Wenn's nicht bald wieder Bestellungen gab -- wenn keine +Schiffe mehr auf Helgen gelegt werden konnten -- dann ging's allen +an den Kragen -- den Kapitalisten natürlich -- den Eigentümern, den +Aktionären der Werften ... aber den Handarbeitern erst recht ... +den Hunderttausenden, die ihr Brot fanden da unten, wo am Südufer +der Norderelbe Werft an Werft sich reckte. Und drüben die endlosen +Arbeiterviertel in Hamburg, Altona, Ottensen! Da hausten sie in +unzähligen Straßen und Häuserblocks, vom Erdgeschoß bis unters Dach der +Mietkasernen -- die Kollegen, die -- Genossen! -- mit Weib und Kind und +Schlafburschen ... Und all das lebte -- vom Hafen ... Hatte während +des Krieges alle Hände voll Arbeit gehabt, die Taschen voll Geld. ... +Aber nun --?! Was würde nun?! Die Kanonen waren verstummt ... der Hafen +verödet ... die Werften so gut wie beschäftigungslos ... Himmel -- wenn +das so bliebe -- was dann?! + +Oh -- Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen -- +hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien +-- oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe -- wo +man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte +-- geschweige denn nachdenken. Natürlich -- man war seit Jahrzehnten +ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! -- +jedes Wort ein Evangelium -- aber -- man hatte auch auf der Werft eine +Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand -- so ein +Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein +Kopf -- viele Köpfe -- und nicht bloß ein paar hundert oder tausend +stramme Fäuste. Kopf und Hand -- nur zusammen konnten sie es schaffen. +Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen +ruhigen klaren Hirnkasten -- und die sicheren Augen darin als die +nicht minder verläßliche Hand? + +Freilich -- man war ein Vorkämpfer seiner Klasse, der Klassenkampf +-- der mußte sein. Der Geldsack und der Kopf -- die hielten zusammen +wie Pech und Schwefel -- da mußten auch die Fäuste zusammenhalten, +sonst rückten Kopf und Geldsack nichts heraus, -- als was das »eherne +Lohngesetz« ihnen abpreßte. Und schließlich -- leben will doch auch der +Mann der harten Faust, nicht wahr? Und ein bißchen besser als das Vieh +... man ist ja schließlich ein Mensch und kein Triebrad, kein Zapfen +bloß im Riesengetriebe ... man will sein bißchen Behagen, sein Stück +Fleisch und einen sauberen Rock für den Feiertag ... und abends ein +paar Ruhestunden, in denen man aufatmen kann, sich selber gehören und +seinen Lieben. Das ist doch nicht zuviel verlangt, he? Und nicht einmal +das wollen sie sich abzwacken lassen, die zwei harten Verbündeten, +Kopf und Geldsack ... also zielbewußter Klassenkampf, zielstrebige +Organisation --! Aber: der Irrsinnsschrei aus dem Osten -- Ausrottung +der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats, »die rote Seligkeit«?! +Nein, davon mochte er nichts hören, der alte Kranführer droben auf +seiner blickweiten Höhe. + +Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute +Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein +sauber aufgestelltes Riesenspielzeug -- bis an den breit hinfließenden +Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen +schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen, +Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der +gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum +geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele +des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war +sein ... sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen +und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er +verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der +Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug +ihn zur Erde hinab -- und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth +des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der +Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn +umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung +... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der +Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr +Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen +Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon +war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf +das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung +der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit +die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit +entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer +aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten. + +Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen +diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte +sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer +Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem +der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte +in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war +mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen -- tjä, +da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder +Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber +dann mußte man einen Kopf haben etwa wie jener Bob Timmermanns +... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze +der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft +... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte +es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als +man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein +wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung +zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte +nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister +werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als +Arbeitsaufseher vorgesetzt -- und eine Dienstwohnung in einem der +schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten +Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes +errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß +zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für +Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun -- in der +vollgepramsten Dampffähre -- und dann die halbe Stunde tippeln bis zum +Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige, +barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm +Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von +immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen, +diese Behausung -- damals, als in ihr drei stramme Buben und ein +hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich +verscharrt -- einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das +Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch +strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt +treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine +»Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen, +hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen Bureaus der +Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten +Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte +es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt +bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen +Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es +sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste. +Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am +Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre +Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu +vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte +sie bei Vadder und Mudder -- und hatte immer ein paar Mark übrig, um +den Eltern eine unerwartete Freude zu machen. + +Ja, Antje --! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen +Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und +gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des +arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer +der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der +stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus +gefunden haben müßte --? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen +Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt +hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger +gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben +in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis +Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der +Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener, +hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben -- und es nicht einmal zum +Kranführer bringen -- oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen, +wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte +... + +So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben +Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem +Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen +der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige, +altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern +geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen, +glückseligen Lächeln: + +Ja, meine Antje --! + +Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm +er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde +lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang +still: Das war -- Tedje --! + +Er sprang die letzten Stufen hinan -- riß die Tür auf und -- hal mi de +Düwel -- dei Jung --! + +Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf +den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ... + +Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie +knackten. + +»Junge, wo sühst du ut -- as 'n Russ' -- mit 'n groten Bort ...« + +»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder -- ick bring dei grote +Heilslehre ut'n Osten mit -- Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok +Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme +sang er den Trutzgesang des Radikalismus: + + »Jetzt bringen wir der Welt + die rote Seligkeit!« + +Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr +nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur +Kaffeekanne, um seinem Letzten, seinem Einzigen, einzuschenken. Da +klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ... + +»Na nu? Wat's dit --?!« + +Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein +altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik +machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte, +war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als +unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten +kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich +... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn +sich neigen mußte ... + +»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus -- Clos Mönkebüll +heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft -- öber +freuher hebbt wi uns nich kennt ...« + +Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme +aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter +auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und +in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk +gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft +nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der +Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener +zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen -- +und in der Regel auch im Leben zusammenhält. + +Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen, +fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer +... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und +Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen +die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im +Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit +unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen. + +Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür +geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort +zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser +Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen -- ihr schlug +das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er +war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister +beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für +Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun -- war es möglich, +dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch +die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber +einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte -- war's nicht noch ein +viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber +ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte +kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die +schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es +entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig, +übungsentwöhnt und hart das Spiel -- es strömte dennoch von da drinnen +eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich +nicht entziehen konnte. + +In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang +waren die Lauscher im Bann -- dann schloß Antje dem Bruder von hinten +mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen. + +Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der +damenmäßigen Erscheinung der Schwester -- dann glühte in seinem Blick +etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes: + +»Gottverdammi -- Antje -- Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte +seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie -- aufatmend +machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und +scheu. + +»Willkamen, Tedje -- endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder +hebben!« + +Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an -- doch +ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter +starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein +Kamerad -- aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge -- eine +kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen -- und die Rechte, die er +schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte, +diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens +Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein +Heiligtum. + + + + + 4 + + +Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein +Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der +offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der +Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche +standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des +älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten +Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt, +ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen +der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei +Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten +die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote +Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ... + +Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter. +Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich +unbewegt -- nur seine fest zusammengekniffenen Lippen, von tausend +Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast. + +Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn +hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals +von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen +die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein +feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen +Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen +Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe« +angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte. + +Und nun geschah's: + +Die schwarz-weiß-rote Fahne sank -- und an ihrer Statt stiegen die +Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues +Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht +von Siegestrunkenheit -- Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger +Selbstgefälligkeit sich spreizend -- und im Schutze der drei Gewaltigen +das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des +nackensteifen Belgien -- sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten +von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies +eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über +den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen +inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch -- die +Farben des Reiches waren erloschen. + +Der »Altreichskanzler« war verloren -- das letzte Schiff der deutschen +Handelsflotte -- das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und +Wagemutes. + +Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie -- der weiland +ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein? + +Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein +Lebenswerk war zerbrochen -- und mit ihm sein Leben. + +Ein einziges Mal schluchzte er auf -- kurz und trocken. Da löste sich +das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem +Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des +Schwiegervaters zuckenden Nacken. + +»Mut, Papa -- Mut -- wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe -- Heinz +ist da ...« + +Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich +an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um +sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er +weiterschlummern -- der Genesung, der Zukunft entgegen. + +Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich +bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank +nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep +hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die +Übernahme war vollzogen. + +Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße +Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den +umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin +dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft +durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war +-- kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder +zuzustreben -- und schwebte von dannen -- immer ferner, ferner -- ins +Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche +Traum von Größe und Weltgeltung. + +Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und +bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand +die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete +auf ihrem weißen Gesicht, in ihren blauen Nordlandsaugen. Immer +höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr +Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß +des entschwebenden Schiffes -- er maß die breite Fläche des +schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken +purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg. + +Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings +glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden +schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung -- die Gewißheit der +Wiedergeburt. + +Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem +abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse, +welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der +»Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit +raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche +zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang -- am Fuße der Treppe stehend +schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor -- das +ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines +Chefs. + +Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt +wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur +selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht. +Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit +einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der +Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da +hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor +und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit +war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft +hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um +eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen, +seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem +Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den +blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und +arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr +täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu +pflegen. + +Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen +Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem +ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der +jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten +war ... + +Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung. +Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen. + +Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes, +voll gemessener Zurückhaltung -- und doch auch er gebannt von diesem +herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an +dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum +Deiche hinan -- und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des +Augenblicks. + +»+Good evening+, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit +weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von +Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten +und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?« + +Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf +Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden +internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm +begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen +der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer +Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen +geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson +auf mancher bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork, +Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese +verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft +zertrümmert. + +Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames +Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit +seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark +aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe +seiner Verzweiflung entgegen. + +»Herr Patterson -- Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.« + +»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe, +»ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen. +Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen +in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet -- ich +möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie +erlauben -- auf Wiedersehen morgen früh!« + +Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner +ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen +Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem +»Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg +mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb, +um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten. + +»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem +Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte -- der söffe jetzt +Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine +Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H. +T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen +Mitarbeiter vertraulich die Rechte entgegen -- er drückte sie, daß das +Mädchen lachend ächzte. + +»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?« + +»Danke, Timmermanns --« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.« + +»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte +gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen +die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer +vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in +Auftrag geben wird.« + +Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande. +»Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme. +»Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will -- ich passe.« + +»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung +des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte +a conto+ +Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert -- das +Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott -- wie das Reich.« + +»Aber das ist ja bankrott?« + +»Solange es noch eine Notenpresse gibt« -- grinste Timmermanns -- +»solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes +gelten -- solange ist das Reich nicht bankrott.« + +»Das Reich -- wer ist das Reich?« + +»Die provisorische Regierung.« + +»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder +aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.« + +»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der +Futterkrippe herausholen müssen.« + +»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen +dazwischen. + +»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es +laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden. +Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und +meinen Dampfer?« + +Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein +Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen -- heute abend ... Aber +nicht im Bureau -- speisen Sie mit uns -- Sie, Freund Carstensen, +und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um +unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns +-- im Wagen ist Platz.« + +Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse +heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich +in Villa Freimann melden. + +Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb +zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens. + +Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns -- +so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen +dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn +gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die +Hansa-Transatlantik-Linie? + +Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der +Konkurrent von drüben ... + +Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das +Sternenbanner Platz. + +Schwarz-weiß-rot war niedergeholt. + +Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht +an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder +niederzuholen.« + +Es war niedergeholt -- aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es +eingerafft. + + + + + 5 + + +Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz +Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch +das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe +zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein +tiefes Dunkelgrün -- nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf -- +jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün -- und sieh -- da +entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche -- versank noch +einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels -- +und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum +überstiebt -- bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...« + +Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die +Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die +Vergangenheit -- das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart +-- die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft -- über allem +die Gnadensonne: Ilse ... + +Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer +wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt +aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel, +der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe -- seiner +Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt +seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer +entgegengebrodelt hatte -- würde sie nicht höher, immer höher steigen, +unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem +unglückseligsten aller Länder?! + +Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen +feindlicher Handelsschiffe versenkt -- hatte nicht gezagt, wenn das +dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben seinen empfindlichen Tauchkahn +in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an +die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den +Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und +in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war +das möglich?! + +Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die +Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen -- aber +es reichte nicht. Was -- wollten diese Menschen? Was wünschten, was +erträumten sie sich?! + +Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was -- liebten diese +Menschen?! + +Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb +bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden +Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war +unsauber, geistlos, eintönig -- aber sie gab ihnen doch Nahrung, und +sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht -- oder +wenigstens nicht mehr -- sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem +letzten Kampfe -- der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber +Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott, +Heiland, jenseitiges Leben -- liebten weder Engel noch Heilige, nicht +die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine +Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen, +ihrer fiebrig entzündeten Seelen?! + +Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde, +die ihn am Morgen bespien und entehrt -- auch in ihr erkannte er +die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was +sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft +immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg -- war oft +von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls« +getadelt worden -- und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht +aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich. +Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er +Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse -- und die linkischen +Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm +Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm -- ihm mußte solches Willkommen +geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll -- das wollte studiert, +erkannt, begriffen sein ... + +Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der +Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage. +Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der +Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war -- in diesen Abgrund würde +er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und +grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ... + +Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein. +Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie +ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das +verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter +vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine +Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen +Kriegsmaschine. Aber -- Dame war sie geblieben, Tochter aus altem +Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die +vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie +mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht. +Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein +flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten -- über diesem +schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die +blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate +der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und +wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich -- seine Ilse?! Er +konnte nur ahnen -- und hoffen. + +Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden, +überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar +wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses +Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und +aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ... + +Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben +dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider +sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl +-- der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten -- ein +Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der +Braut Gruß an den Erwachenden ... + +Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine +Lippen, legte sie auf sein Knie -- und dann hob er voll Andacht das +herrliche Instrument an sein Kinn -- führte mit prüfendem Strich den +Bogen über die Saiten -- sogar gestimmt war sie! -- und dann schwollen +Töne durch die stummentrückte Kammer -- die Geigenstimme des Adagio aus +jenem Beethovenschen Streichtrio ... + +Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat +auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes +Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen -- setzte sich +still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz +und Auge. + +Ja -- das war noch da -- das lebte -- das hatten sie uns nicht nehmen +können, konnten es nicht ... + +Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine +Flotte gegeben hatte -- das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk +zerstoben, der stolze Traum verweht war ... + +Das war ewiges Deutschland ... + +Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna -- schwebte heran +wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt -- und zog des Sohnes +zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust. + +»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ -- der Vater, Papa Carstensen, deine +Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen -- und dann werden wir +glücklich sein ...« + +»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der +Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene, +zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut +emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein -- das ist vorbei ...« + +»Still -- still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben -- ist das +nicht Glückes genug?!« + +Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz -- nein, du gütiges +Mutterherz -- für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht +leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk -- +der kann nicht leben ohne Vaterland ... + + * * * * * + +Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den +Wänden grüßten kostbare Bilder -- Meisterwerke der Oswald Achenbach, +Trübner, Kalckreuth -- sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in +kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte +sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der +Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten: +ungleich verteilt seien des Krieges Lasten -- der Reiche habe sich noch +immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das +tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ... + +»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen +Worte lieh. + +Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des +Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink -- die legte die +Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der +Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn +-- schon griff er zu Geige und Bogen -- und bald entschwebten die +Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in +zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu +ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument, +um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom +erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit +wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der +Rheingauberge. + +Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander +einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte. +Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses +-- durfte er in dieser Stunde tändeln?! + +Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer +Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches +Arbeitsgemach führte -- zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne, +seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter +Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt -- darunter ein +»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte +Wogen hinausstürmt ... + +Die Herren versanken in knisternde Klubsessel. + +Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr +einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er +respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte +jetzt das erste Wort. + +Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der +Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben +Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen +können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen +Handelsschiffsbaues -- denn etwas anderes komme ja -- vorläufig! -- +nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) -- +durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der +Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der +Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch +erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern +bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange +gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ... +Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter +schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe, +keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps +fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord +nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse +gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche. +Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die +Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen +Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue +Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik, +deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei. +Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der +Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt +hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen -- und +der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das +verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur +Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das +zwinge von vornherein zur Beschränkung. + +Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen +Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der +Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich, +daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung +stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der +jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der +Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei +es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft +durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen +auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der +internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der +Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die +Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein +werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern. + +Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen +Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit, +doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und +zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt +hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der +zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut +herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn +eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg +Freimanns Züge getreten. + +»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle +Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch +meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen. +Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt, +Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines +Lebenswerkes mir noch gelassen hat.« + +»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder. + +»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat +sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich +seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft +entgegensehen lassen. Aber -- -- wir halten Rat -- er musiziert.« + +»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen. + +Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um +seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen: + +»Gestatten Herr Präsident, daß ich --« + +Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des +Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem +Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger +-- und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse +Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da +nicht aus dem Felde schlagen sollte ... + +Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür +auf und platzte mitten ins Spiel hinein: + +»Herr Kapitänleutnant -- Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.« + +Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten +die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit +disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen. + +»Gut -- entschuldige, Ilse.« + +»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt -- auch sie war durch vier +Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen. +Und nur Frau Johanna blieb zurück -- einsam, verstört, von wirren +Ahnungen und Ängsten bedrängt. + +Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung wies +Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an +des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die +Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff. + +Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise +beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen« +auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte +»Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen -- Tanks, deren Inneres mit dem +Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das +Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft. + +Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die +Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in +Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und +zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit, +Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der +neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »+democratic +ship+« ... + +Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der +Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden +Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß +mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte +Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs +neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der +deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des +daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge. + +Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen +hingen an Georg Freimann. + +Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit. + +»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender +Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich +fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen. +Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie -- die +Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen +Haar ein Jüngling -- an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes, +und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie +die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu +beantworten, ist an dir.« + +Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor. + +»Vater -- ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ -- eigentlich +sogar --« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor +dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war +-- »eigentlich sogar deren vier. Aber -- wo ist Ihre Armee, meine +Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner +Stirn. Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so +empfängt?!« + +»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk -- bei uns -- und +übrigens in aller Welt. In Dock nehmen -- gründlich überholen -- das +Verrostete in den Schrott -- neue Teile einsetzen! Frisch lackieren -- +und das Schiff wird wieder flott!« + +»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank -- ist morsch +bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft? +Es muß von innen aufgebaut werden -- ganz neu. Es ist ein Haufen +Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache -- keine Nation. Was helfen +uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen +erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken +des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn +Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker +Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu -- +aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk +nicht verstehen -- nicht kennen -- und darum nicht führen können -- die +Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.« + +»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer +Volksversammlung -- oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt +haben?!« + +Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf +die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte +er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter +anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer -- ein Tatsachenmensch. Dein Vater +braucht einen Mitarbeiter -- und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine +Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst -- und du stellst dich nicht an +deines Vaters Seite -- und kämpfst, solange du einen Atemzug in der +Brust hast?!« + +»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem +andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich +bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen, +wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn +ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals +werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden +sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.« + +»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine +Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der +sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.« + +»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ... +Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht +ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn +des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe +gestanden hat -- damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie +nichts schaffen können -- die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem +zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem +Kriege da -- er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt +geworden -- eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer +Höllenglut emporgeschürt -- die kommende Not wird ihn zu noch weit +gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt +haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so +angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen -- +eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen +unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins -- daß eine einfache +Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und +Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden +-- nicht neue Schiffstypen -- neue Menschentypen tun uns not.« + +»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten +Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch +und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren. +Was beabsichtigt die Linie zu tun?« + +Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann +sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das +Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung -- und +später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre +Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns, +entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren +-- und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle +mich ein wenig angegriffen -- Sie werden das verstehen -- nach den +tragischen und -- na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...« + +Heinz hatte Ilses Auge gesucht und -- nicht gefunden. Es blieb auch +abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber +straffer gewordene Hand der Geliebten beugte. + +»Ilse --!« + +»Du bist müd', Heinz -- das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das +Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen -- der gemeinsame Zug +dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen -- den Erben +der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus +Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter +Johanna und flüsterte ihr zu: + +»Gib acht auf Papa, Muttchen -- ich hab' Angst um ihn ...« + +Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter +verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten +Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt +-- überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da +drinnen saß ein Einsamer -- und der war ihr Lebensgefährte ... sie +hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie +ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte -- seinem +Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?! + +Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem +sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem +Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus +innersten Tiefen sprach: Schuldig -- du bist schuldig! + +Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte +-- so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und +berufen war -- -- das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ... + +Daß der da drinnen einsam war -- einsam in dieser Zeit, die den +Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege +über sein aufrechtes Haupt beschworen -- das war ihre, das war der +Gattin Schuld ... + +Nein, Georg -- einsam sollst du nicht länger sein ... + +Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und +schrieb -- oder hatte wenigstens geschrieben -- eine einzige Zeile nur +... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau +trat behutsam näher -- der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten +Gang zur Unhörbarkeit. + +Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen. + +»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und +ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih, +verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht +... Komm -- wollen alles zusammen tragen -- alles zusammen ...« + + + + + 6 + + +Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern, +Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand +er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten +und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner +Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika +an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige +Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen +gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter +Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven +Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen +Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der +Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war +einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten, +durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der +umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin +angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose +schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen. + +»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures +Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag, +wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor +vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß +auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen +ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote +Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!« + +»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...« +brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die +Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als +eure Komplotte gegen die Republik -- die übrigens auch von mir aus der +Teufel holen kann.« + +»Na also -- in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte +Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit +freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für +die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen +mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas +über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und +begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die +roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle +Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...« + +»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in +Unkosten gestürzt hättest.« + +»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?« + +Aus der Hülle entschälte sich -- ein vom Kriege stark mitgenommener +Karabiner ... + +»So -- und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen +vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit ++S+-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!« + +»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben, +um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige ++U+-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du +willst die alten niederknallen!« + +Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das -- der einstige ++U+-Bootwüterich?« + +Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner +Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen +Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh +aufzusuchen. + +»Na -- und dein Dank für das da?« + +»Ach so -- bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht. +Wieviel brauchst du mal wieder?« + +»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da +nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so +hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein +kostbares Leben erhalten!« + +»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste +und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel +schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ... +Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ... +Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...« + +»Immerhin -- du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin. +»'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn +Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...« + +»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate, +dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein +Jungeken -- das ist der beste Wiederaufbau!« + +Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer -- der Ingenieur in seinem +Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa. + +Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert +-- dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt -- oder ich, der ich +mit dir und für dich arbeite und schaffe?! + + + + + 7 + + +Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und +verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem +vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat +ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber +mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen +Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt +und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein +Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in +Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den +Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten, +bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die +Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas +Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als +Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte. + +Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg +verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter +begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare +Patrizierin. + +»Sie wünschen?« + +»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die +Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien +Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht! +Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat +Richtige op de Duer ...« + +»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston. + +»Du --?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so +grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd, +dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog, +du smucke Vagel, du!« + +Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock +beiseitegezerrt: + +»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!« + +Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu: + +»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand --!« + +Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern: + +»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!« + +Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck +erstarrten. + +Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den +Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten. + +»Respekt, du Lümmel!« + +Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn, +dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den +Faulen und Unfähigen war -- und der Sohn des Kranführers, dem +der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die +Fortbildungsschule. + +»Och -- Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter +Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin: +»Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken, +wen du vor di hest ...« + +Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen +schwelte der Pariagrimm. + +»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...« + +»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges +Fräulein --« + +»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich +mehr ... Mien Kam'roden in Rußland --« + +»-- haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der +Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung -- öber +wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor +dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien +Knoken tau Mus, versteihst mi?!« + +Ilse lachte. + +»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens -- hör' ich +-- der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und +aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch +mir willkommen -- ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was +macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie +sie recht schön von mir ...« + +Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt -- +die Feine, die Aristokratin -- die ... verdammt -- die Schöne --? + +Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er +sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns +mit ihr gehen -- ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den +angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken +Tedje -- den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt. + +Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein. + +»Mien Kam'roden in Rußland -- -- Verdammi --!« brüllte er plötzlich auf +und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe +zum Bureauhaus hinanschritt. + +»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen +zuckende Schultern. »Nix vör uns.« + +»Verdammi, Jung -- doch!« knirschte Tedje Tietgens. + +Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem +verblüfften Portier vorbei -- und wandte der Werft den Rücken. + +Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein. + +»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r +Arbeit?« + +»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi -- un du mit -- +versteihst mi?!« + + + + + 8 + + +Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten +beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten. +Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem +Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »-- zur +Sicherheit gegen Rückfälle!« + +Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht -- gestärkt vom +Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in +ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild +ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte. +Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und +ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete +nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den +Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan +für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze +weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie, +erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes. + +Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame +Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T. +L.-Gebäude. + +»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.« + +Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ... + +Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher. + +Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's +minder glänzend aus: + +Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ... + +Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation -- wie dies ganze +zertrümmerte Deutschland ... + +Lloyd George hatte recht behalten. Den +knock out+ hatten sie weg, +diese zähen Burschen. + +»+Good morning+, Freimann -- ah, auch der +captain+ ... nun, +Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...« + +Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen. + +»-- Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie +und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer +-- die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat +ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder +die Alten sein miteinander?!« + +»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr +Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich +aus.« + +»Gut -- also, Herr Freimann -- die H. T. L. hat ihre sämtlichen +Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie +besitzt noch Werte -- für die sie selber keine Verwendung mehr hat. +Vor allem diesen Bureaupalast -- er ist wundervoll ausgefallen, Herr +Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum +letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle -- und +das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais -- ich habe sie +mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich +aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern +Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen +Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und +selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles +müßten Sie nun einzeln -- liquidieren -- wie wär's, wenn Sie das Ganze +in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre +kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus. +Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung +einen Mindestpreis festsetzen.« + +Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern +aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands +Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick +auf das Gesicht seines Sohnes. + +Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die +Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine +Prüfung. + +»Mein Sohn -- du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um +deine Meinung.« + +Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf +die Probe stellen wollte -- daß eine Entscheidung über mehr noch als +über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt +wurde. + +Oh -- wer jetzt den Glauben hätte -- diesen kindlichen, phrasenseligen +Glauben jenes Timmermanns -- der als Techniker ein Genie des Verstandes +und Wissens war -- und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger +seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu +sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller +gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am +besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland +zu begraben -- und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den +deutschen Menschen aufzubauen?! + +»Vater -- -- ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste +Erwägung zu ziehen.« + +Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten. +Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort: + +»Ich bin anderer Auffassung.« + +Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die +Stirn. + +»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den +ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir +beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben -- sonst -- würde ich +-- -- Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens +gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte -- +der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T. +L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner +den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse +nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren, +Herr Patterson -- tot ist er noch nicht -- der gerupfte, wehrlose +Adler.« + +Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte +Hansegeist. + +Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um +seine schmalen Lippen. + +»+Well+, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch +nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer +Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich +werde zurückfahren über den großen Teich -- und abwarten. Entweder +Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem +Vaterlande -- dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der +großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen +kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre +stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten +-- dann kann ich Ihnen vielleicht in -- na, sagen wir in einigen +Monaten -- einen anderen Vorschlag machen -- einen Vorschlag, der +Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird +-- ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu +kränken. Inzwischen -- +good bye+, Mister Freimann -- +good bye, +captain+!« + +Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz +wortlos das Arbeitsgemach -- mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das +ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf +sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen +... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt. + +Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die +rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen +Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber -- ohne +eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann +nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf. + +Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht +allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen +hinüber -- halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von +etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren +sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?! +Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte +selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin? +und wozu? Und Ilse --? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?! + +Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse +hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin +auf und schaute hinaus. Aha -- wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal +galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch +wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben +waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler. +Meinetwegen weg damit -- nur, daß in der Regel dabei auch die +Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein +blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von +Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die +kannte sie. + +Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche +Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt -- ein anscheinend +betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte +unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen. +Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft -- zur +Arbeit zurückgekehrt wähnte. + +Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht? +Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr. + +»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?« + +Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen. + +»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl +nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen +Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre +lang für Kaiser und Reich geschlagen -- nun reißt er mit eigenen Händen +das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren +Feinden in den Kot zu zerren!« + +»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts. + +»Ihr -- verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie --« + +»-- ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in +Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie +und ... Ihre Klasse es angefangen hat -- so freilich nicht.« + +Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz +Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ... + +»Also, was haben wir falsch gemacht?« + +»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose +Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten. +Schönheit -- Seele --! Sehen Sie den da -- ein schöner, starker Bursch, +tüchtig zum Leben und Schaffen -- und hat seit seinem vierzehnten Jahre +nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei +Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck +des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!« + +»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen +seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit +schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig? +Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß -- tun, weil er +nichts anderes gelernt hat -- hat der darum das Recht, sich dem Suff +und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten -- unzählige +seinesgleichen haben's vermocht -- sie waren Proletarier, sie wurden +Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des +Aufstiegs zu finden.« + +»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte +das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht -- so wenig wie die Tausende +von uns, die ewig drunten bleiben müssen -- in der trostlosen Tiefe. +Dann hat er in den Krieg gemußt -- für das Vaterland, das ihm nicht +mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine +jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden -- hat +er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern +Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem +Leibe gefressen hat?!« + +Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge -- war es Haß -- oder +verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im +nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung. + +»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie +abschließend. »Ich -- will darüber nachdenken.« + +Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser +militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und +lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz +gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten. +Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der +Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft. + +»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so +will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter +Ferne.« + +»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der +Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte +vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen -- die Herrschaft des +Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt +-- sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der +Presse, der Politik -- damit Raum für den Retter werde. + +»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?« + +»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die +Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben -- also mit allen.« + +»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen. +»Ich war selber Défaitist -- und heute bin ich im Begriff, etwas zu +werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist --« + +»Ich -- verstehe nicht ...« + +»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte +eine verabschiedende Verneigung. + +Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige +Verachtung im Blick. + +Armes Deutschland! dachte Heinz. + + + + + 9 + + +Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie +hinter einer Eiswand. + +Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins +kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte +er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem +Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm +gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch +ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem +Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer +Mithelfer seiner Pläne werden -- das sei Sohnespflicht -- nicht mehr +und nicht weniger. + +Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich zu machen, +was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht -- wieviel weniger +konnte er sich andern erklären. + +Ach -- und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns -- das war ihr +drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt -- Bob Timmermanns würde +in diesem Falle sagen -- -- + +»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt +oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.« + +»Und wohin soll der führen, Heinz?« + +»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues +muß werden -- neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle -- neue +Ideale mit einem Wort ...« + +»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was +uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze --« + +»-- sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter. + +Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren -- hatte sie schon +verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte +aufschauen zum Manne -- Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie +schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit. + +Sie hatte verglichen -- und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ... + +Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit -- das war das Zauberwort, +das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele +schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten +Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und +Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende +Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens +zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen. +Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas +anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu +dienen ... + +Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe -- Schiffe -- Schiffe +... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt +all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben +umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ... + +Eine andere Stimme war ihm erklungen -- auch eine Mädchenstimme. +Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind -- aber sie hatte das Wort Arbeit +ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ... + +Und ihre Lebenslosung -- wie hatte die gelautet? Schönheit -- Freude -- +Seele ... + +Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit -- und eine +aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden -- die +forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren -- und +für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ... + +Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um +Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies +Hamburg, dies Deutschland -- zwei Welten, zwischen denen es keine +Gemeinschaft mehr gab -- keine mehr geben konnte. Die Welt von +Harvestehude -- und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie +nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen -- zwischen ihnen +gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen, +in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines +Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen. + +Und Heinz war heimatlos geworden -- in jener der beiden Welten, aus der +sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch +völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die +sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?! + +Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel -- -- +vielleicht eine Aufgabe -- eine Mission ... + +Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte, +je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser +seiner Welt zu verschwinden -- und in die andere hineinzutauchen ... in +jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte: + +»Freude -- Schönheit -- Seele -- alles habt ihr uns versagt ...« + +Aber -- war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende +nur die eines einzelnen Herzens -- eines Herzens, das herausgewachsen +war aus der Sphäre seiner Abkunft -- ohne in der andern Wurzel fassen +zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der +Arbeit genannt hatte -- war sie vielleicht derselbe Fall wie er -- nur +umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so +gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern -- weil jene andere, +jene da oben, sich an ihr versündigt hatte -- oder hatte jener andere +recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft +so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?! + +Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor -- ein +Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner +Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten -- der aber für den Sohn des +Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes +bedeutete. Wie -- wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich +frostiger ausschied -- wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ... +verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile +mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten, +scheinbar ungegliederten -- -- Unterwelt?! + +Wer wird ihn vermissen -- sich um ihn bangen -- nach ihm forschen, ihn +zurücksehnen?! + +Ach -- fast blieb nur noch die Mutter -- und auch die mehr aus +Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues +Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr +der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen -- sondern +der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?! + +Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit +schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft +des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen, +Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit, +der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange +Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon +verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte +bangte ... + +Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft -- ein Abtrünniger +-- ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein +tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet -- gebrochen +-- »mit den Nerven zusammengebrochen« -- im günstigsten Fall ein +Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer +des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter +zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden -- oder man mußte +ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu +rasch aufgestiegenen Familien -- die ließ man laufen, und wenn sie's +gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber +zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen. + +Heinz durchschaute sie alle -- alle, seine nächsten, seine liebsten +Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt. + + * * * * * + +Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit. + +Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden, sie war aus +ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer, +die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung +mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft +zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an +regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit +bewährte sich -- man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser +erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel +begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus +über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden +fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne +Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur +Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu +veranlassen. + +In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der +Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft +persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten +sie Ilse bestellt -- sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau +Johanna hatte ein Festmahl gezaubert. + +Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung, +Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der +heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns +... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren, +bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte +heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft +der neuen Pläne. + +»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut +abend gehört er doch eigentlich dazu!« + +»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das +läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet +über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an -- ohne Bob Timmermanns +geht's nicht!« + +Schon war sie von dannen. + +Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten, +geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus, +lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat +im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters +sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten +Festschmaus teilzunehmen -- des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch +den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut +vorbei, die ihn gar nicht bemerkte -- und stieg zu seinem Zimmer hinan. +Ihm war, er hätte alles verloren -- Elternhaus und Liebe. + +Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in +dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken -- verschwinden aus dem +Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war -- untertauchen +in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war +hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte +er längst übersonnen. + +Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform +noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg. +Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe +hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte! +Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen. + +Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag, +auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden, +wenn er fortgegangen war ... + +Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse -- -- +ich habe dich geliebt -- geliebt als das Lichte und Klare in einem +dunklen, verworrenen Leben ... + +Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's +gefunden. Bei einem anderen gefunden -- -- vorbei -- + +Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend -- es war keine Wehmut +drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut -- +abgestorben, schmerzlos. + +Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der +Stradivarius -- die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere +Welt ... Aber ohne Geige -- nein. Die war seines besten Wesens ein +Stück. + +Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht +kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte. +Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen, +seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in +Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt: + +»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um +mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach, +das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.« + +Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa, +auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus -- es goß in Strömen. +Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der +er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers +Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender +Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden +Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden +Alster -- nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von +der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ... + +Elternhaus -- Liebe -- ade ... + +Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen. + + + + + Zweites Buch + + + + + 1 + + +Im +D+-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen -- Georg +Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung +und Groll. + +»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit +einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen. +»Dieser -- na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend -- +gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um +nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren -- und sich in der Sonne +der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.« + +»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,« +entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich +aus -- damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen +habe.« + +»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte +der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert. +Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber +diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen +einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre +politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten, +etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher +auszudrücken.« + +»Nein -- das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine +Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur +mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen -- das ist der Vorteil +der Linie. Heute wie je.« + +»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben -- dadurch, daß +Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das +hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das +Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H. +T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude +zumachen.« + +»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg +Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen +bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn +dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte -- und den +rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die +Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für +die nationalen Aufgaben zu haben ...« + +»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit +grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie +werden's nicht hinter den Spiegel stecken.« + +»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des +Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.« + +Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte +Herr hatte recht ... + +Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der +deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und +Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der +Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen, +der Tausende von Menschenleben, die unmittelbar von ihren Entschlüssen +abhingen -- des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen +seinen Söhnen gebieterisch forderte -- und von den Führern am meisten. + +Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste. +Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung +niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an +dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er +ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor. + +»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt +nicht entzweien -- wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und +auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also +Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?« + +»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer +von dreitausend Tonnen bauen -- und ab und zu mal einen neutralen +Auftrag größeren Umfangs ergattern -- dabei kann die Werft nicht +bestehen. Und auch abgesehen davon -- ich müßte danken. Liquidieren, +Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf -- Großes schaffen, wie +ich's gewohnt bin -- dann lieber Schluß!« + +»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen. + +»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte +Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen, +aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist +seine Sache.« + +»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der +Herr Präsident recht: was tun?« + +Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte +der Linie -- und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen, +wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L. +sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva +an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line +in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T. +L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner +weiterzuarbeiten -- für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe +der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab -- und ich für meine Person +würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende +weiter vegetieren dürfen ...« + +»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der +Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als +europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche +Industrie wird den gleichen Weg gehen -- schließlich ist ganz +Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen +Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!« + +»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht -- noch nicht +... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil! +Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die +sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden +unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ... +Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie +begreifen, daß Schiffahrt not ist -- Leben aber nicht!« + +In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's +mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden -- es hatte dem zähen +Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach +auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner +arbeitenden Stirn geahnt: + +»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht +behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren +ganz gut so, so wie sie waren ...« + + + + + 2 + + +In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann +von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete. +Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen. +Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere +Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine +Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst -- um ihre vier Ränder +zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für +die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst +anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des +werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer +letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften +Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen -- der heute morgen +vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war. +Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft +angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der +Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine +korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine +Aussage glaubhaft, daß er mit +U+ 387, das während eines Vorstoßes +der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe +außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen +Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß +Anders Niemann. + +»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine +ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!« + +Anders Niemann lächelte geschmeichelt. + +»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister. + +»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue. »Doar hebbt +wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt +inschrieben ...« + +»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier +nich lang west.« + +Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling +stehen, um dessen Arbeit zu überwachen -- dann klopfte er ihm derb auf +die Schulter. + +»Du brukst kein'n Oppasser mehr -- mok man so wieder ...« + +Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch +um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste +angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks, +in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren. + +In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen +Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände, +in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß. +Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten +gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit +Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen, +dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ... +Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu +ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben +am St. Pauli Fischmarkt -- man würde ja über kurz oder lang ein etwas +menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen -- +der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche, +von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer +fremden Rasse -- das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft +der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes +... Auf die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier. +Aber wie diese Menschen aßen -- dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen -- +daran mußte man sich erst gewöhnen ... + +Immerhin -- Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all +der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene, +schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten, +in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes +durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der +Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem +Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches -- keine +Ideen ... Lohnfragen -- nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen +lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß +heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei +früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß +es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand +... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit +fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann +lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des +Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse +schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben. + +Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders +Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er +seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den +Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp« +und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der +Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ... + +In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle +wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann +»versenkte« weiter seine Nietlöcher. Immer die gleiche Bewegung, das +gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der +Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne +packten zu -- rrrr -- das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das +Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis +endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann +im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der +vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun +der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen +Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem +Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit +sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das +ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins, +aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben +gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend +nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie +ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns +Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig +-- sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige +Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten +es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was +die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und +dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt, +ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen +können --?! + +»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten, +der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines +Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm +Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden +-- rote Papiergirlanden, rote Fähnchen an den Wänden -- am Klavier +ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger +Jüngling mit der Geige -- zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten +Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar -- die Söhne und Töchter der +»andern Welt«. + +Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und +beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es +schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in +ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein +bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig, +sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu +schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend +nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen +und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze +Welt von Typen heraus -- und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder +andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung. + +Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er +schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen +rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen +am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören -- nachlässig langte +er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin +von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf +Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei +brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien. +Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte +... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ... + +Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien +unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man +ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin: + +»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark +fohrt!« + +Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft -- +einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem +Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von +einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen +standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das +Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel -- ein merkwürdiger, +unvergeßlicher Kopf. + +In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund +einsprach -- der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen +lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut: + +»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege +Tied!« + +Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn +wie eine Puppe auf den Tisch -- alles drängte herzu, der Tanzbums wurde +zur Volksversammlung. + +»Kam'raden -- Genossen -- Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem +Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von +eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was +wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der +Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine +Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige +Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren +angefüllt bis zum Bersten mit Haß -- mit dem roten, glühentigen Haß -- +gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un +vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität. +Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große +Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere Welt ... und +denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un +unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie +kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren +-- doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot +sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns +hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen +Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten +sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte +Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt +wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote +Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n +glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen -- dat +dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein +Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner +... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt +... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt -- un +in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken -- un nach dem Götzen +Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In +diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!« +-- -- + +Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm +Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und +Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach +ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward +von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der +immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders +Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte, +irgend etwas schluchzte ... Er fühlte die Echtheit und Tiefe der +Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig +herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer +Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte -- nach etwas, dem sie +selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht +unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden +müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts, +die aus der Welt Goethes und -- na, meinetwegen auch Napoleons, die +Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte -- die Welt +der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ... + +Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem +Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los: + + »Wir bluteten vier Jahr' + in Schlamm und Glut und Graus + für Krone, Thron, Altar -- + nun ist die Knechtschaft aus! + + Was hoch und stolz, das fällt + im Sturm der neuen Zeit, + nun bringen wir der Welt + die rote Seligkeit!« + +Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der +gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten, +und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten +Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen +Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten +seine Modulationen daher -- von ihnen umrankt, schwang die neue Weise +wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen +Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der +nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien, +als wolle das Lied die Welt aus den Angeln heben -- diese Greuelwelt +des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ... + +Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den +Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu +löschen -- da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen +Soldatenrock am Klavier sitzen -- und immer noch glitten seine Finger +über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr +erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang +... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders +Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen -- sie gingen in +eine Melodie über, die er kannte -- eine Tanzweise ... aber nicht der +übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette -- es war Webers +»Aufforderung zum Tanz«. + +Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum +Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine +aus der Hand, klemmte sie unters Kinn -- und übernahm die Oberstimme +... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem +Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur +noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes. +Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten +Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der +fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des +Freischützsängers. + +Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender +Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes +geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten +durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim +lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern +gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit +eines naturverbundenen Genius. + + + + + 3 + + +Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg +Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der +Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines +Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung +von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der +Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten +Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die +Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins +Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien. + +Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht +ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die +Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem. + +In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den +Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der +Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen +Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute. +Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese +deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt +eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als +bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu +Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen, +seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten. + +Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige +Hand -- nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu +nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger +Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand +immerhin ein Menschenantlitz -- nicht eine Larve des Hasses und +Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses +Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis, +eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den +unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der +Werft befeuerte?! + +Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits +und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen +Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der +Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig +geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten +nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs +neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren +wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten +der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn -- und bekamen +sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand +mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage. + +Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe +Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des +ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen +Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen +noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der +einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem +regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt +hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen. + +Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen. +Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden. + +Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit, +mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann, +diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite. +Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft, +befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch +Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo +Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen. + +Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt, +daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle +ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein, +Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die +Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das +seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung, +drängte nach Erwiderung. + +Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen +Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das +Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute, +überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der +Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des +Menschentums emporgestiegen. + +Wäre Heinz geblieben -- hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an +der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten +zu messen -- vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache, +der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte +Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in +naivem Versagen getan -- es war das klügste, was er hätte tun können. +Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die +Eindeutigkeit ... + +Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens, das +immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr +zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester +hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den +Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in +Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr +der Ingenieur ihr imponierte -- so war das nicht ganz ohne einen Hauch +von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen -- hatte +es gemerkt. Und darum war er still gegangen -- darum ... So mächtig ist +in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben, +daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt -- was ihm +geschieht, was er leidet und handelt -- ihre Liebe wähnt sich selber +die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des +Mannes, dem sie sich verbunden weiß ... + +Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie +allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn +in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen -- hatte in der plötzlichen +Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf, +die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte +sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos +zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen +getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke +das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für +Ilses Gewissen war -- barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei? +Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß, +wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal +bedeutet -- das ganze, das alleinige Schicksal ... + +Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war +erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des +Beisammenseins -- ehe das große Mißverstehen kam -- waren die Seelen +einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von +den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne +getrieben -- als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von +ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste +Ursache seiner Flucht gewesen -- höchstens der äußere, fast zufällige +Anstoß ... + +Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob +ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine +Gegenwart ... + +Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war +dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der +Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über +das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart. + + + + + 4 + + +Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll, +sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens +hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des +Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die +drei Brüder Tietgens gehaust hatten -- -- von denen zwei in Frankreich +verscharrt lagen. + +Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse +geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit +ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim +gebracht hatten -- es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens +taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn +hatte er längst aufgegeben -- das war ein hoffnungsloser Radikaler -- +Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt -- -- auf +dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten -- +das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen, +daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden +war. + +Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten +begreiflich machen zu können. + +»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß -- +dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners! +-- Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken +... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick +mästen -- un weck nich dat dröge Brot hebbt ...« + +»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei +Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken -- Öwerst wenn ick dat utspreken +will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...« + +Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken +ein wenig einfacher zu fassen ... + +Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu +erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater +Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht +schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt +... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen +für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine +Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen +keinem helfen würde -- daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen +Brot und Nahrung gebe. + +Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor +allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen -- und +deiht die mehrste Arbet -- da mutt se ok die mehrste politische Rechte +hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n +Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west +...« + +Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen +immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im +Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die +fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt. + +»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp' +... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann +... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei +Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht +kriegen. -- Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten +willen -- öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n +Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't +Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! -- Vadderland, +so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren +trecken!« + +Ja -- das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte, +handelte -- er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ... +und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und +Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem +Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt, +würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland +seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen. + +Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje +der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch: + +»Vadder -- du büst nich in Rußland west -- du kanns goar nich +mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg +jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau +foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt -- un denn eenmol mit'n +Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten -- da +giwwt Luft vör't Volk!« + +»So -- un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der +Alte bedachtsam. + +»Na -- de Inschineure --!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten! +Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd +Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache +mehr as dei Handlanger un dei Nieters --!« + +»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt +--« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as +Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter +... dei brukt Bäuker -- dei mutt reisen können un sich furtbilden ...« + +»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken, +du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung, +will'n ein'n drinken -- un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn +mit ehr slapen -- kumm, mien Jung!« + +In diesem Augenblick öffnete sich die Tür -- und eine junge Dame trat +ein -- »Gu'n Abend, Vadder -- gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?« + +Plötzlich verstummte sie -- und starrte den neuen Schlafburschen an wie +ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ... + +Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen +Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin: + +»Entschülligen S' man -- ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten -- +Ick bün Antje.« + +»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen +Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst +verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte -- »kiek di'n man gaud +an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen -- en Nieter von de Werft! Un he +wahnt bi Muddern -- un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos +Mönkebüll Klovier -- dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine +Künstlerkonzert ...« + +Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll +linkischen Kratzfuß zustande und stotterte: + +»Djä, Fräulein -- dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in +de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...« + +»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien +Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder? +Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...« + +Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und +sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt, +lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes +Gesichtchen. + +Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde +vollzählig -- denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder +täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll +Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen +Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch. + +Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der +Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs +seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen -- +einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so +abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei -- eine Sekunde +lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht, +schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht +Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter. + +Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue +von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit +mit Tedje war auffallend -- freilich nur im Gesicht. Die schlanke +Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten +Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ... +Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen -- ging der +Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand -- und mit dem rauhen Bruder +stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus +dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten, +kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester +war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch +kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein +darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft, +durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische +Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ... + +Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig +hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit +aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber -- +seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer +Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes +ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn +kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte +Anstarren ihr unbequem ... + +Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier -- trat mit ins +Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten, +funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern +zusammengezimmertes Stehpult stellten ... + +»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann +der Haustochter zu. + +»Ja -- aber die andern dürfen's nicht merken -- ich nehme niemals +Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und +erwarten Sie mich unten ...« + +Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten +Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie +spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas +doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er +sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie +ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf +seine Noten -- ein banges Zucken um die schmalen Lippen. + +Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube +hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der +wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im +Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis -- +das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen +-- sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges +Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und +Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne +empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können -- nicht im weiland +Kasino beim Damenabend -- nicht einmal im Elternhaus -- wie noch +jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so +entsagend liebte -- das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst +entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst +bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen +gespielt -- geschenkt -- sich selber verschenkt wie heut ... + +Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren +Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung, +deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte +-- nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer +Persönlichkeit -- nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes +-- nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer +Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der +Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius -- was bedeutete er ihnen +mehr als eine Entspannung -- eine Ausbalancierung ihres seelischen +Gleichgewichtes?! + +Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit +wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz +... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über +die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte -- auch sie hätte +wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn +eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die +müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich +so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend -- das den Wunsch +entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich +auszusöhnen, liebend zu verschwenden -- -- + +Ja -- was war es denn eigentlich?! + + + + + 5 + + +Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu +folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet +heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit +seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen +bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen +müssen -- sein ganzes Jugendleben hindurch -- die starre, in korrekte +Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte +er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses +selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen +bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen. + +Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war +verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast +als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?! +Na ja -- schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein -- und +der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des +müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ... +eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht +als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein +Glück versuchen -- ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon +ablaufen lassen ... + +Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit +Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch. + +»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung, +Deern -- dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas, +das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas +von brüderlicher Eifersucht -- im Hintergrunde gar etwas wie ein vager, +noch ganz unbewußter Argwohn ... + +Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der +entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt +... + +-- »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«, +sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um +beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall +Menschen -- Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und +rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer +endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten +-- hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden +Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene +Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter +Warenhausfassaden ... + +»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens, +bitte -- Anders Niemann heiß' ich!« + +Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif, +den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er +berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei -- selbstverständlich +ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal +den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion +erteilt habe. + +»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.« + +»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.« + +»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte +Glut in ihren Wangen. + +»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes -- ich bin hingegangen, sie +zu suchen.« + +»Und -- was haben Sie gefunden?!« + +»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere -- und den glühenden +Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.« + +»Ausgefüllt -- mit was?« + +»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem -- mit einem Ideal.« + +»Geben Sie's -- das Ideal!« + +»Wenn ich's hätte!« + +»So helfen Sie's uns suchen.« + +»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich +weiß es schon zu benennen -- ein Vaterland -- ein Mutterland, das allen +den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.« + +»Ach, wenn Sie es fänden!« + +»Ja -- dann wäre uns allen geholfen -- uns armen, zerrissenen +Deutschen.« + + + + + 6 + + +Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte +Georg Freimann an Patterson gedrahtet: + +»Erwarte angekündigte Vorschläge.« + +Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter +amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder +ging an Land -- mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn +Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet -- aschblond, nußbraune +Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß +Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte +es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens. + +»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig +klingendem Deutsch. + +»So, +my darling+, du magst nun eine halbe Stunde lang in der +Stadt herumkutschieren --« + +»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier, +diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹ +versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.« + +»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson +gehorsam und entließ das Auto. + +»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.« + +Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum +Präsidentenbureau der Linie empor. + +»Ich finde, +daddy+, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ... +Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?« + +»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So -- nun benimm dich manierlich. +Die Deutschen sind ernsthafte Leute.« + +Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der +Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man +keine Dame mit. + +»+Good morning+, Freimann -- darf ich wieder Freimann sagen? Der +Mister geniert mich.« + +»Sie dürfen, Patterson -- weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen. +Miß Patterson -- willkommen in Deutschland.« + +»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn, +sagt +daddy+ ... Er ist verlobt -- schade ... Verlobte junge +Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes +... Ist er vielleicht schon verheiratet?« + +»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist +durchgebrannt -- mir und seiner Braut.« + +»Durchgebrannt --?! Das finde ich +smart+ von ihm ... Wo ist er?« + +»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.« + +»Oh -- wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...« + +»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich +habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.« + +»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber +Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde -- ganz kleine +und ganz große -- Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen. +Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die +Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher +heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl +sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon +hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal +wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche. +»Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen +ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das +sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften +Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man +damit machen, sag' ich Ihnen!« + +»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften +Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.« + +»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch +zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt +zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen, +wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame +gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu +wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es +immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt. + +Die Männer sahen sich an und lachten. + +»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal +wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...« + +»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker +... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann +ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und +nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen -- ich bin da.« + +Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener +rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als +die beste Politik bewährt hatte. + +Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu. +So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt. + +»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von +Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein +Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.« + +»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich +nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft +zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen -- wenigstens +unter das Sternenbanner allein.« + +»Hm -- und wenn nun die Sterne und Streifen -- sich neben Ihre +Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt +mir vor -- wie sind doch die Farben?« + +»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im +Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.« + +»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne +Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach -- nur ein +einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte +Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen +lassen ... Nette Kaufleute das ...« + +»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem +Aufstieg führt -- wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft +versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das +Sternenbanner -- sie würden sich miteinander vertragen?« + +»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind -- warum nicht?« +sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr +dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr +habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen +... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine +Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?« + + * * * * * + +»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja +Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar -- es +flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz +ausgesucht -- da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen +Augenblick.« + +Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak. +»Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich +von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.« + +»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje. + +»Oh -- Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie +drüben?« + +»Nein -- ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele +Amerikaner verkehrten.« + +»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie +Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?« + +»Ich weiß«, lächelte die Deutsche. + +»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier. +Die Leute hier machen alle traurige Gesichter -- Sie auch, sogar wenn +Sie lachen. Ich liebe das nicht.« + +»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt -- im größten aller +Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.« + +»Oh -- ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid. +Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk +kennenlernen.« + +»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man +unter Volk die sogenannten kleinen Leute.« + +»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß -- wie +heißen Sie? -- Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn +lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die +das Rennen schon gemacht haben -- und solche, die es noch machen wollen +-- außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind -- weil +sie nicht reiten können --. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind +uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und +ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn +ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte +ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn. +Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?« + + * * * * * + +Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen +Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns +mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line, +die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte +drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft -- darunter den +»Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von +San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen +Heimathafen würde er niemals wiedersehen ... + +Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung +vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen +Konkurrenten -- der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es +würde noch harte Kämpfe geben -- ums Ganze und um tausend Einzelheiten +... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft +dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider +großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich +eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches +Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ... +Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen +hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das +amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ... +Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen, +die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen +eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden -- ohne +doch einen anderen Weg der Rettung zu wissen ... Aber diese Gedanken +behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich -- blieb +überhaupt eine Wahl?! + +Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und +schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich +zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust. +Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen +Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger +Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden. + +Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit +der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und +lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren +die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem +Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte +das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein +Gefängnis. + +»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte +Bessie. »+Daddy+, fahr mich zu Mistreß Freimann. +Good +morning+, Miß Tiet-- Tiet-- nein, das ist zu schwer, das kann man +beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie +heißen Sie mit Vornamen? Antje -- oh, das ist reizend, ich werde Sie +Miß Antje nennen. +Good morning+, Mister Freimann -- +go on, +daddy+.« + + + + + 7 + + +Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten +Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne +zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem +Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des +Restes auf Anfang bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen. +Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich. +Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin -- allenthalben +standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive +Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte +Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich +durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung. + +Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die +Leitung kannte diese Sturmzeichen. + +Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen. +Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge. + +»Gnädiges Fräulein -- es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut +nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben +ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen +fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten +Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen +bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat +mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.« + +»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als +daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf +Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte -- aber senkrecht über der +Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier +Jahrhunderten war sie erkennbar. + +»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur +Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.« + +Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr +immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der +Schranke am Werfteingang, morgens, wenn sie kam, nachmittags, wenn sie +ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das +scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen. + +»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein +bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel -- ich weiß es aus Erfahrung.« +Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es +verdient -- sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen +hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er +belohnt werden. + +Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug -- es war schon +wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein +Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart. + +Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob +Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte. +Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne +zusammen. + +In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin -- um seine +Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln. + +»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?« + +Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf +der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder +Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.« + +»Meinst du? Wer weiß -- vielleicht schon heute nachmittag denkst du +anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom +Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit +Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu +drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des +Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel +fallen. Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die +er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob. + +Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem +Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef +angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter +entstand -- etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden. +Es war der Karabiner. + +»Donnerwetter, Bob -- ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben +in dein Bureau herübergeflogen?!« + +Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an +-- sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander +näher gekommen. + +»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich +nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da +unten.« + +»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der +Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die +Wirtschaft -- es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!« + +»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die +Fleißigen -- und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen -- und die +Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen -- aber +solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast +nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst +du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine +schwere Batterie im Schrank haben!!« + +Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs +Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem +lieben Kapital!« hohnlachte Armin. + +Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster, +bremste die Wucht seines Körpers und nahm den Hörer. Im Lauschen schoß +ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht. + +»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein -- tausend Dank! +Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!« + +»Was ist los?« + +Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war +abgeblaßt -- irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin +lauschte atemlos. + +»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von +-- drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir +können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...« + +Achselzuckend, zähneknirschend verließ Armin das Zimmer. + + * * * * * + +Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten +und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für +morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen! +Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem +Kran triumphieren! + +Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war +Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem +Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung +hatte ihn aufgesucht -- und im Tresor der seit kurzem in Hamburg +eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll +Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den +Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter +geklopft: + +»Alles für großes Befreiungswärk ... Abber kleine Mäddchen in Hamburg +wollen auch lebben ... Mußte ibberall Stimmung machen für großes +Befreiungswärk -- auch bei kleine Mäddchen ...« + +Seitdem war Tedje bei den abendlichen Musikunterhaltungen im +Elternhause nur noch ein seltener Gast. Um so bekannter und geschätzter +wurde er von Nacht zu Nacht in den Weiberspelunken um die Reeperbahn +herum. + +Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft +scheine am Ende ihrer Mittel -- die Krawallstimmung seiner Kollegen sei +im Wachsen. -- Nun würde er mal wieder abblasen müssen ... + +Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen. +Die Glut durfte nicht kalt werden -- es galt, sie zuzudecken und +unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk +taugte der Genosse Mönkebüll nicht -- was er sprach, war Lava aus +glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen -- +zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten. +Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede +Temperatur. + +Sie versprach, den Genossen Dragomiroff zu schicken. Er würde sprechen +über das Thema: »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution.« Das +mußte ziehen ... Und nicht etwa als Sonderaktion für die Genossen der +Hammonia-Werft. -- Drüben in der Stadt sollte das arrangiert werden als +Werbeversammlung für das gesamte Proletariat des Unterelbegebietes. + +Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war, +wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er +setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach +Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern +verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje. +Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu +erforschen ... Aber wenn er so abends durch die still gewordenen, +im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte +phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und +die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an +die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und +verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje +... + +Antje --! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas +von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit +der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die +Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie +komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig +war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen +nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein +paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie +Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch +legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet, +wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall +hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten +Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin +und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber +der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er +bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst. +Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden -- hatte die +glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des +werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er +selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte -- und sie mit der Zange +festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen +mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar +mit der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch +hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe -- aber +man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden +Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne, +durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee -- und konnte ab und an +mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und +wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene +herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden +Spantengerüst eingefügt wurden ... + +Das alles wußte Mudder Tietgens aus den allabendlichen Erzählungen +ihrer Tisch- und Hausgenossen. Ihre vier Mannsleut' waren täglich bei +der Arbeit vereinigt. Schön war das zu denken -- das alte Frauchen, +das im stillen Winkel fast stumm geworden war, vergnügte sich in +seiner Einsamkeit mit der Vorstellung, wie sie da zusammen schafften, +ihre vier Mannsleut' ... Aber den Anders, den hatte sie besonders +in ihr Herz geschlossen, weil er ihr am meisten Ehre gab. Sie war +ja so bescheiden, so wenig verwöhnt ... Aber schön war's eben doch, +daß der Neue sie mit einer Achtung und Rücksicht behandelte, zu der +Vadder und Tedje bei aller Liebe zu Mudder nun doch mal nicht erzogen +waren. Ihr Fritzing, der wäre am Ende auch so geworden ... Aber der +lag an der Somme -- wenn die Granaten seinen Leichnam nicht längst +in tausend Fetzen zerrissen hatten. Ach ja, Fritzing ... Die müden +Augen standen wieder einmal in einsamen Tränen ... Sie begriff's, daß +Antje zu dem schmucken Anders hielt ... Sie und Fritzing waren ja auch +unzertrennlich gewesen ... Und Anders würde aufsteigen -- der könnte es +noch mal zum Werkmeister bringen ... früher als Vadder, der schon so +lange von der Vierzimmerwohnung im Werfthaus drüben schwärmte -- und ja +doch wohl schließlich seinen Kran behalten würde, bis die Invalidität +kam ... Tja, und wenn die Antje sich also für den Anders nicht zu fein +war -- Mudder Mines Segen hatten sie -- die zwei Kinder. + +Und Antje?! + +Oh, Antje war klug. + +So sehr sie in der Theorie Revolutionärin war und für das +republikanische Ideal der Gleichheit schwärmte -- sie stand lange +genug im Leben der Oberschicht -- sie wußte: Zwischen ihr und dem +Sohne ihres Chefs lagen Welten ... Was wollte das besagen, daß Heinz +Freimann sich in einen Anders Niemann gewandelt hatte? Eine Herrenlaune +-- eine Maskerade, die jederzeit abgestreift werden konnte wie ein +Faschingskostüm ... Und Anders Niemann war dann wieder Heinz Freimann. + +Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als +müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit +Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann +flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der +zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie +Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit +gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe +zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt +-- aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets +nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste +Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar +von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge +bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein +... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing, +den Liebling zumal -- gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus -- gegen +das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie +ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie für +internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für +Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war +in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr +selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des +Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife +vollerblühter Männlichkeit -- der war ihr verwandt durch etwas, das sie +kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames +Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum -- was war es nur? + +In hundert Gesprächen umkreisten die zwei jungen Menschen dies +unbekannte, ersehnte, erahnte Land ... Dies Land, in dem sie beide +sich beheimatet fühlten. Sie vernahmen seine Stimme aus Beethovens +Sonaten und Schumanns Klavierstücken, aus Wilhelm Meister, den er +ihr, und aus Richard Dehmels Gedichten, die sie ihm zu lesen gegeben +hatte. Aber auch in Vater Tietgens' abendlichen Schwärmereien von den +Zukunftsrechten des Proletariats, in Clas Mönkebülls phantastischen +Gesichten von der Erlöserin Weltrevolution, ja selbst in Tedjes +Blutträumen war etwas von diesem fernen, nebelhaft vor den Seelen +schwankenden Land ... Wenn Antje dann nach solchen Spaziergängen und +Gesprächen in ihrem Pensionskämmerchen unter die Decke schlüpfte, +dann träumte sie doch für selbstvergessene Viertelstunden den uralten +Mädchentraum von dem Königssohn, der das Dornröschen weckte zu einem +Leben im Licht ... Und dann rann ihr das trostvolle Gesicht einer +Seelenheimat für alle Menschen ihrer Sprache und ihres Blutes zusammen +mit seinem verengerten, ins Heimliche und Geborgene verkleinerten +Abbild, seiner mütterlichen Urzelle: einer Heimat für zwei Glückliche. + + + + + 8 + + +Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem +schon auf die Nerven fallen. + +Sie fand es selbstverständlich, daß sie den Vater überallhin begleiten +durfte. An seiner Seite drang sie in die ängstlich umhüteten Bureaus +der unnahbarsten Direktoren -- im H. T. L.-Haus wie drüben auf der +Werft. Und nicht minder ungeniert spazierte sie durch die endlos +hingedehnten Werkstätten, ließ sich im Aufzug zum schwindelnden +Helgengerüst emporfahren, turnte zum Entsetzen der ölbeklexten Maler +zwischen ihnen über die frisch mit Mennig überholten Stahlgerüste, +tauchte neben dem alten Tietgens im Kranführerhäuschen auf, war +plötzlich wieder drunten, kroch durch den Doppelboden des werdenden +Riesendampfers, kletterte an den Leitern der Aufrichtegerüste hinauf, +flitzte über die Laufstege des schon zur vollen Höhe hinangewachsenen +Zehntausendtonnendampfers, stand voll brennenden Interesses neben dem +glosenden Vorwärm-Feuer und beobachtete, wie der Junge die rotglühenden +Niete aus dem Kohlenbecken holte und durch eine offengebliebene Lücke +der Beplattung ins Innere des Schiffes reichte ... staunte, wie der +Stiel des Nietes plötzlich aus einem der Nietlöcher auftauchte, wie +die Nieterzwillinge mit ihren langgestielten Hämmern zuschlugen +und ticktack, ticktack aus dem Stiel ein glattes, rundes Köpfchen +zurechthämmerten ... Und überall Fragen, Fragen -- überall, knips, der +Kodak in Tätigkeit ... + +Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen +Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit +gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft, +indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in +den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren +Geruch das kleine Scheusal empörte, in die schlampigen Hosen biß ... +Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem +Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust. + +Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der +Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin: + +»Schreib, +daddy+ ... sechshundert Dollar ...« + +»+Goddam+ -- wofür?« + +»Wirst du gleich sehen. Habe mir ein Auto gekauft.« + +»Du bist toll -- wozu?« + +»Für meine Studienreisen.« + +»Ach, bitte -- was studierst du, wenn man fragen darf?« + +»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben +wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden +arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich +weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie +friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren +Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein +mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her, ++daddy+ ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen +Freunde in den schlimmen Vierteln ...« + +»In den schlimmen Vierteln?!« + +»Gewiß -- ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich +mir das Auto kaufen -- daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen +Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen +Vierteln!« + + + + + 9 + + +Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer +jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt +der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden wußte, hauste als +Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein +hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und +umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre +Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt -- +sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn +hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt +mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die +der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen, +mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war +sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd, +Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden. +In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt -- und war ihr +Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu -- er +machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech +wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch +ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel +von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr +nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen +Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern +und geheimnisvollen Gewölben -- dazwischen hier und da eingekapselt +plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem, +verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm +riechendem Prunk ausstaffiert -- alles verbunden durch Geheimtüren, +die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder +Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich +jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder +Art -- wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten +Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen +verschlungene Lektüre bildeten. + +Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis +ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er +der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war +Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ... + +In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in +die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten, +mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen +Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von +Handgranatenkisten -- Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer +aus der großen Konkursmasse Deutschland -- einstmals Werkzeuge +ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege +den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ... + +Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die +stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen. + +Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen. +Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten +der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von +Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher, +Führer im Kampfe gewesen war -- ein Wort, das ihn entlarvte -- und +der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf +einem Sportplatz, verschlang ihn -- das stinkende Labyrinth, in dessen +pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht +wieder heraus ... + + * * * * * + +»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im +Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von +dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten +»öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte Kellergelaß, in dem +Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach +Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der +Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu +vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale +ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter -- und ohne sein Ahnen zugleich +als Aufseher -- überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher +Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft +untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden +Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf. + +Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die +Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe +in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte +mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge +eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner +auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen +aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich +schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen. + +Dragomiroff -- der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen +als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten +nach der Bekanntschaft des Gewaltigen -- keiner brennender als Anders +Niemann ... + +In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und +schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere +Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel. + +Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab, +von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr +Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es -- fast noch +ein Backfisch. Sie winkte den Kindern lachend zu wie eine alte +Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter +Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar, +die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte +mit Balgen und Gekreisch. + +Da -- o weh! -- Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige +Achtsamkeit versäumt?! -- Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger +Schreckensruf als Echo -- ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem +schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt +gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen. + +Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang +heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer +Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust -- +im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche +Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger --. + +Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in +die Augen. Eine Feine -- eine wie jene, die seine Gier seit Wochen +umstrich ... Zupacken -- züchtigen -- und im Strafen sich ersättigen +... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der +unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror +-- --. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer +keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie +empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck +der kleinen, festen Brüste spürte. + +Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten. + +»Tedje -- büst du öwersnappt?! Lat ehr doch -- is jo unschüllig, dei +Lüttje! Is man'n Malleur west!« + +Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ... + +Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den +erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff +zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen. + +Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes +zuchtloser Seele. + +Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob +der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen +zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden, +Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?! + +Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an -- +kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen, +das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im +Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und +starrte auf die drei Kampfhähne. + +Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein +orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen +der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den +Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen +Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert -- klapp! die Aufnahme +war fertig. + +»+Thank you, gentlemen+ ...« + +Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der +kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich -- daß +aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie +er aufgeflammt, in sich zusammensank. + +Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen +zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem +Würmchen, dem sie Schmerz und Schreck zugefügt, in die Hand, pappte +ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen -- und schon saß +sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein +Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen. + + + + + 10 + + +In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche +Gründlichkeit -- und was deutsche Zerrüttung bedeutete. + +Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem +Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren +hinüber- und herübergeflogen -- und wenige Tage nach der grundlegenden +Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson +bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm +stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge +abzuschließen. + +Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der +Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme +vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf +Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen +amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch +bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der +Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten, +als Bürgschaft zur Verfügung -- unter dem Vorbehalt freilich, diese +Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit +zurückziehen zu können. + +So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten. + +Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres +Flottwerdens nicht lange froh werden. Der deutsche Jammer hemmte +alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb. + +Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu +stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich +anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder +lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe +wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten +Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige +Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen. +Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich, +es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der +Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten. + +Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und +Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und +mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr +Glück -- ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und +tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem +Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger +gestaltete -- die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von +Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen +Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten -- +in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung +fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war -- von +der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht +bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der +sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?! + +Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber +in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des Oberleiters dieses +Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles, +was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als +Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles -- außer dem einen ... + +Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen +Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere +als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier +Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen +Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr +aufgesproßt war wie ein Eichbaum -- in eben die Aufgabe, die sie selber +ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen +wie eigens für sie geboren -- das sei der Kamerad, den sie brauchte ... +und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt +hatte, um ins Nichts zu verschwinden ... + +Ilse war keine Romantikerin -- ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms +zum Trotz. Sie war eine Carstensen -- aber -- sie war eine Frau. +Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche +Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben -- aber eben +ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der +verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem +wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ... + +Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber +in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die +verstohlene Anklage: du -- du hast ihn mir genommen! + +Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann, +dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien. + +Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie +für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie +war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter +seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe +des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an +der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte +der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und +unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete +das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ... + +Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den +siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen -- +jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem +scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den +Begnadeten des Schicksals. + +Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten, +nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne +Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ... + +Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet +setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude, +die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus +auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle +hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am +Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine +Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause +in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der +törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten +Herzenskammer gewiegt hatte. + +Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not, wenn die Feine, +die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch +das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder +Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre +der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches +mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ -- der +wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein +grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen +und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit +ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht -- sie ließ ihren +Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling +hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ... +Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine +Stunde würde kommen. + + * * * * * + +Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine +Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig +gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und +überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu, +unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen +hatten ihre Sorgen -- und Sehnsüchte. + +Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche +Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt +ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt +-- die arbeitet wie ein Mann -- statt sich verwöhnen, feiern und +beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie +mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein +treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ... + +Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte: +Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle des +»President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue +Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war, +entsprungen sein sollten -- der war in diese kühle, imposante +Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker ++business-man+ in eine typische Modeschönheit vom Manhattan +Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens +Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick +bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen. + +Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser +täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages +wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon, +der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers +um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast +ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort +einzulegen. + +»Miß Ilse -- Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem +jungen Mädchen gefunden habe ...« + +Ilse hatte sofort verstanden. »Oh -- Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte +sie mit zurückhaltendem Lächeln. + +»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.« + +Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt, +Bessiechen?« + +»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um +Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's -- aber Sie sind schlecht. +Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine, +welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor +Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.« + +Und schon war sie hinaus. + +Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor +Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen +klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul. + +Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte +sie vorsichtig auf -- und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen +Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand +der Riese -- mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort +als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die +Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen +Worte Bessie nicht enträtseln konnte. + + »Was nützet mihaich ein schönes Mädchen, + wenn andre mit spazieren gehn? + Was nützet mimamich ein schönes Mädchen, + wenn andre mit spazieren gehn? + Und küssen ihr die Schönheit ab, + und küssen ihr die Schönheit ab -- + Daran ich meine, + so ganz alleine, + daran ich meine Freude hab'?!« + +»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen +Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen. + +Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der +Enakssohn und das Püppchen -- und lachten -- lachten -- lachten, daß +ihnen die Tränen von den Backen liefen. + +»Oh -- das ist eine sehr +wonderfull song+«, radebrechte die +Kleine -- der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß +lernen zu mir diese +wonderfull song+ ...« + +»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.« + +»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr +melancholical+, wenn sie +singen +songs+ so swer -- swer --« + +»Schwermütig ...« + +»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige ++soldiers song+ ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige ++songs+, Sie müssen singen lustige +songs+ ...« + +»Kann ich auch, kleine Puppe -- da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die +Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit +Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen. +»Hören Sie zu: + + ›Bei der Kaiserin Klementine + haben wir heut Musik gemacht, + der eine spielte auf der Viggoline, + der andre auf dem Stiewelschacht -- + Hodahumpahumpahadaha -- + hodahumpahumpahadawumm!‹« + +»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist +es auch eine +German soldiers song+? Ich wünsche zu lernen hundert ++German soldiers songs+ -- das wird machen eine gigantische Effekt +in Amerika ...« + + + + + 11 + + +Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland +zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös. + +Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden +Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres +Apparats gehemmt. + +Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die +Genehmigung der Generalversammlung erforderlich. Schon ihre +Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn, +bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen +Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor +einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an +das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar, +Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten. + +Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen +letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung +über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen +Ablaufe werde der Kredit gesperrt. + +Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen. + +Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten +Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und +Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit +Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei +nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung +des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter +Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg +aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben +aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge +der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste +es, was es wolle ... + +~Seefahrt ist not~ ... + +Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien +in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich +gereift -- ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl +wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ... + +Fast einstimmig genehmigte die Generalversammlung die Anträge des +Direktoriums. Und noch in derselben Stunde vollzogen die Herren +Freimann und Patterson die längst fertig daliegende Fusionsakte. + +Die United Transatlantic Lines waren gegründet. + + * * * * * + +In derselben Stunde, als die Führer der deutschen Überseeschiffahrt +mit ihren Damen sich auf Einladung ihres neuen Verbündeten von +drüben zu einem Festdiner im Atlantic-Hotel versammelten, strömten +aus ganz Hamburg die Arbeiter und Unterbeamten der Werften und +Häfen in dem niederen, doch weitgedehnten Saale der »Neuen Welt« +am Heiligengeistfelde zusammen, um sich von Wassily Petrowitsch +Dragomiroff aus Moskau über »Deutschland als Stoßtrupp der +Weltrevolution« belehren zu lassen ... + +Anders Niemann, der durch Antje über die Vorgänge im Präsidialbureau +der Linie genau unterrichtet war, mußte lächeln in grimmig bitterer +Ironie, als er sich Schulter an Schulter mit seinen Stubenkameraden +zur »Neuen Welt« begab. »United Transatlantic Lines« und »Sturmtrupp +der Weltrevolution« -- konnte das deutsche Elend, die deutsche +Zerrissenheit packender, wahrhaftiger formuliert werden?! + +Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner +Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der +Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen +Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen. +Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der +sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden -- auch an der +beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß +gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung +des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen. +Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose Masse +der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil +mochte seinen Lauf nehmen. Und wer -- wer hatte es heraufbeschworen?! + +Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken, +daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben +bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch +fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen +nur der Deutsche helfen könne -- daß moskowitische Ideale niemals +Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine +Wiedergeburt ... + +Was Tedje Tietgens bejubelte, anführte, organisierte -- konnte es das +Gute, das Heilsame sein?! + +In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor +der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ... + +Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm +hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden -- und hatte nun +seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine +Antje sich bemühte und härmte -- daß der ganz in die Hörigkeit seiner +beiden Arbeitskameraden geraten war ... + +Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was +er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war +der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben +Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik +auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um +Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke +lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff +in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das +Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig +beschäftigen ... + +Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf +diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich +zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere +Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm +einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung +von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte +Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion +verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage +lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung +unter den Genossen geschehen ... + +Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich: +Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß +die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte +mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war, +hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande +kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben, +während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da +war Antje gekommen -- schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte +Clas bescheiden gefragt ... Ach -- es sei nur, daß sie sich so sehr +auf die Musik gefreut habe ... Ei -- da könne ihr geholfen werden ... +ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem +vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele +gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck -- Clas bebte +bei der bloßen Erinnerung. + +Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls +Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden -- »die Welt wird +schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an +die Zukunft des Menschengeschlechts -- an den neuen Erdentag -- dessen +erste Morgenröte heut aufgehen werde, heut -- mit dem Vortrage des +Genossen Dragomiroff ... + +Ob sie auch kommen würde -- sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten +eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie, +ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin, +rot bis in den innersten Winkel der Seele -- sie, die Verkörperung der +roten Seligkeit ... + + * * * * * + +Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos. + +Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge, +die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine +Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse, +weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik +getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die +harrende Masse gewirkt -- dämpfend, beschämend, stimmungmordend ... +Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im +atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen -- Leib an Leib ringsum an den +Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf, +Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die +Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da +scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde: + +»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!« + +Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter. + +In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte +seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel +an der Wand klebte: + +»Clas -- späl 'n Lütten op!« + +Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel, +der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte der +Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug +begeistert in die Tasten -- aufbrandete sein Leiblied ... + +Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse +wurden heruntergesungen: + + »Der alte Haß sei tot, + die Liebe sei befreit -- + aus unsern Herzen loht + die rote Seligkeit --!« + +Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse +Dragomiroff ... + +Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz +zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge: + +»Musik! Mehr Musik!« + +Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und +wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf. +Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer +Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg -- ein Sang von der Schmach +und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden, +seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung -- seinem +Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat -- vom Triumph +der Freiheit -- jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt -- den +Männervölkern. + +Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige +Freiheitslied -- kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont --?! + +Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer +Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im +Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats -- nein, den Sieg eines +brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?! + +Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter +dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den +letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es +durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen +Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders +Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit +aus ... + +Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner +braunscheiteligen Freundin sandte -- der funkelte geheime Ironie ... +Es war der Blick eines Wissenden -- eines Liebenden, der hoch über dem +Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und +eine Ahnende erwiderte ihn ... + +Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen -- trotz allem -- du +und ich -- ihr und wir?! + +Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da +meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern -- und in +Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die -- die uns allen, allen +einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche, +wenn wir -- Menschen bleiben wollen? + +Die Republikanerin, die Revolutionärin, die -- Proletarierin fühlte in +dieser Sekunde ganz als Deutsche ... + +Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom +Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden, +deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten -- die er nun +kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen +Ideal, einer neuen Seelenheimat -- einem neuen -- freien -- großen -- +nach innen und außen großen -- wiedergeborenen -- Vaterland -- + +Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür +zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich, +wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter +Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von +struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es +zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung... + +»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter +entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse. + +Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus. + +Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck +des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll +gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte +aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den +knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten... + +Die Bestie wachte plötzlich auf -- aus dem Abgrunde der Jahrtausende +brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die +Urnacht ... + +Tedje Tietgens schwang die Klingel: + +»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.« + + + + + 12 + + +Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der +Gastgeber konnte sich's leisten. + +Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener +Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot +nicht herankönnen -- solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und +die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der +Üppigkeit dieses Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel +anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen +geworden waren. + +Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie- +und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen +Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen +Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen +melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und +Vereinsamung ... + +Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus +den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale, +beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein +glänzendes Yankeegesicht ... + +Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des +industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge +der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der +roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke +hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer +an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen +des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter +des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ... + +Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den +eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte. +Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic +Lines zu feiern -- aber die Herzen der Deutschen feierten das erste +Zeichen deutschen Wiederaufstiegs. + +Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch +blendender Stein- und Perlenschmuck -- die Frackaufschläge der Herren +wiesen, dem Sturz der Throne zum Trotz, den blinkenden Schmuck der +Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der +jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der +Eisernen Kreuze. + +Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers, +thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des +glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher +gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten +ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie +Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes -- nun blieben +ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja +auch ... + +Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse +Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen. +Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der +Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm +Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe, +alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland +zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes +unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg +bereitgestellt werden. + +»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das +war eine dumme Frage -- vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch +... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt +Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...« + +Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie +die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und +Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere +einander heute wieder die Hand zu reichen wagten -- + +Lusitania -- die Argonnenschlacht -- die Vierzehn Punkte. + +Dennoch -- man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte +Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne -- es wurde wieder heller in der +Welt -- die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu +zerflattern ... + +Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken +des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls +führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T. +L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen +kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr +Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß +Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise +einmal abgeschlagen -- Robert Timmermanns saß heute, seiner +gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel +-- inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft. +Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des +Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit +in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf +einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen +Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies. + +Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug, +seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr +Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen +transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten +als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des +durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H. +T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United +Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden +der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev +Carstensen, sein Glas leerte. + +Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern +zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem +Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren +Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde -- bei diesen Führern deutschen +Schaffens war sie wohl aufgehoben. + +Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde +blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm +II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens +das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm +Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt +der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das +Kaiserreich gelegt habe. + +»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden +blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das +besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs, +der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes +ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde +gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg, +der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien, +auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des +Präsidenten Wilson -- es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.« + +Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des +Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des +Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte +kein Nerv. + +»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit, +welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle, +welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in +die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert hatte. Wir haben es getan +in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur +zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an +eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg +vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir +diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.« + +Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es +sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von +gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter, +die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen, +Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen +zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener +Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen, +unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer, +ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und +Empfindens -- kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über +Staubgeborene verhängt werden können. + +Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur +unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher +Hoffnung. + +Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare +Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung, +ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von +drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als +erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit +aufgefordert haben -- vor allem für Sie, Freund Elias Patterson -- +der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind. +Seefahrt ist not -- ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen +Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen, +die uns den Weg zum Meer aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren +von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen, +daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre +Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer +Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im +Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser +Land verbindet, durchqueren soll -- daß dies stolze Schiff, dessen +Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst, +den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen +›Deutschland‹.« + +Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung -- es klang wie +erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung +genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt. + +In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber +und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel +... + +Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme +wieder den alten Vollklang: + +»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche +Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in +Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber +arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer +Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen +ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk +dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den +Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in +seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das +aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns +zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind +dieses Tages, die United Transatlantic Lines -- wir begrüßen das freie +Weltmeer, das sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns +auftut -- wir grüßen die Zukunft -- die Zukunft unseres Volkes, die +Zukunft des Menschengeschlechts.« + +Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch -- in stummem, feierlichem +Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe +der Stunde. + + + + + 13 + + +Und endlich forderte die Freude doch ihr Recht. + +Der Champagner löste die Lippen, beschwingte die Hoffnungen, machte +die Augen der Frauen leuchten, entrunzelte die Stirnen der Männer. Die +starre, zusammengeraffte Haltung der Deutschen lockerte sich. Man stand +in Gruppen, man fand sich zu immer neuer Begrüßung zusammen. + +Um Johanna Freimann, um Ilse Carstensen bildeten sich dichte Kreise der +Verehrung, der Huldigung. War's nicht fast, als hielten zwei Fürstinnen +der Vergangenheit Cercle? + +Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang +von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der +bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie +spähte nach ihrem Lehrmeister -- dem Riesen mit dem struppigen blonden +Bart ... + +Natürlich -- da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse +Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte +er aus dem Schwall. + +Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen +Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art +Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie +präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein +marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen +begann sie zu singen. + +Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne +Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken +Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie -- +-- kannten -- -- + + »Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, + uänn andre mit spätziere gehn? + Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, + uänn andre mit spätziere gehn -- + und kussen ihr die Schönheit äbb, + und kussen ihr die Schönheit äbb -- --« + +Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an +der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer -- strahlte vor Wonne, als die +Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ... + +Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr +Gewaltmittel hatte geholfen -- hinter der vier- und fünffachen Reihe +staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise, +verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender +junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters +auf -- auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches +Grausen ... + +Schmetternd trällerte Klein-Bessie: + + »Darän ich meine, so gänz alleine, + darän ich meine Freude häbb -- + Darän ich meine, so ganz alleine, + darän ich meine Freude häbb --!« + +Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme: + +»+Bessie, finish, please --!+« + +Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die +Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu. + +Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum, +patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ... + +Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab, +klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein +barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen -- Hamburgs kühle +Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons +Stabe -- das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter +Fröhlichkeit ... + +Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte +wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er +lachte mit. + +Aber -- -- was -- war denn -- das -- --?! + +In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang +plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ... + +Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe -- +vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf: + +»Nieder mit dem Kapitalismus!« + +»Licht aus -- Messer 'raus!« + +»Es lebe die Weltrevolution!« + +Erblassen -- Entsetzen -- starres Verstummen -- fieberndes Lauschen -- +-- + +Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse, +das den Hotelpalast umbrandete ... + +Gesang -- schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang: + + »Die Guillotine saust, + der Rachejubel schreit, + es flammt in unsrer Faust + die rote Seligkeit!« + + + + + Drittes Buch + + + + + 1 + + +Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet. + +Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag« +unterzeichnet. + +Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen. + +Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale +von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster +Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere, +entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die +Junirevolte. + +Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still. +In den Adern der Stadt stockte das Blut. + +Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in +ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern, +ohnmächtig geballten Fäusten. + +Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen, +Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu +wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu +werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend -- der Söhne und +Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung +und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich +genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer +erhöhten Lebensstellung genossen hatte. + +Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel +des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen war, als die scheußliche +Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo +herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein +Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und +Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter +das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten -- kämpften in +hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer +der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war -- +und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und +unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt. + +Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme -- Tage, die ihre +Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ... + +Und endlich kam dennoch die Erlösung. + +Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und +plötzlich war das Gesindel zerstoben. + + * * * * * + +Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein +anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um +nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich +nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden: +Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner +verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen +die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen +beobachtet, gelauscht, gelernt ... + +Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden. + +Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse -- und es +gab den Pöbel. + +Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er +für eine ungewisse Zeit des Schauens und Erkennens über sich verhängt +hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und -- +ach ja, auch Antje. + +Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine +in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie +sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte +den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas +völlig Neues in der Geschichte der Menschheit -- mit dem Proletarier +vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. -- Ein neuer +Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit +den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt. +Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der +neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft +der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild +Gottes« gekommen waren ... + +Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen -- und die andern, +die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band +wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg +Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen, +die an gemeinsamem Werke wirkten ... + +Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke +Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen +Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu, +sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit, +sein Gesicht gewandelt hatte -- der Pöbel ... + +Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in +das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte +sich Pöbel gebildet -- der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der +Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten +... Und uralt war auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser +Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte -- daß die Hefeschicht nicht mehr +ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte, +emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte, +in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen +Zersetzung ... + +War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit +an dieser Zeit sich auswirkte -- an dieser nie erhörten Zeit der +Umformung und der Erschütterung, welche die -- -- Maschine über die +Menschheit verhängt hatte?! + +Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen +hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun +auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem +Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das +alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin +seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ... + +Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung +nachsann -- in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in +denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang. + +Unsäglich das Grauen solcher Nächte -- durchängstet von der +hoffnungslosen Frage: + +Wie soll das enden?! + +Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns +aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter +Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten +Geschlecht seiner Tage ... + +Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen +Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins, +das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit +der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation, +mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit +trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff: +daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein +Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am +gemeinsamen Werk? + +Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen +ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den +lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was +half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande +waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an +den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?! + +Arm blieben sie dennoch -- sie konnten nicht glücklich werden, niemals +und auf keine Weise glücklich ... + +Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward, +sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig, +wesentlich, notwendig, sinnvoll -- heilig zu begreifen ... + +Wer hatte sie das gelehrt -- wer sah auch nur die Aufgabe, sie das +zu lehren -- wer war selbstlos, unantastbar -- und dabei wort- und +wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein +genug, sie das zu lehren?! + +Ach -- und selbst der Abschaum, der Pöbel -- verdiente er Verdammung, +Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und +Maulkorb -- oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des +Erbarmens, der Erlösung? + +Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt +erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und +in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß +einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen +... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die +Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und +wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ... + +Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten, +zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich +zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war +gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine +Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein +Bolschewist -- ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des +Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ... + +Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der +Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch +zähe Arbeit des Kopfes -- nein, es erraffen, an sich reißen mit der +Masse der starken Fäuste -- nicht es genießen mit den tausend Organen +verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser, +verständnisloser Orgie ... + +Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die +sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft, +zertrampelt hatte -- wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien +wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals, +ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens -- +hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall +das gleiche gefunden: + +Unabweisbare Folgerichtigkeit -- lückenlose Kausalität -- unentrinnbare +Logik -- -- + +Notwendigkeit -- --?! + +Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber -- +sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie +er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung +entraffte -- nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in +seiner Rolle auch jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden +Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß +der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand -- +wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören, +Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ... + +Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz -- das hörende, +schauende, verstehende Herz ... + + * * * * * + +In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für +Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das +Beisammensein mit der Freundin genossen hatte. + +Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen +verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit +Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht +und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen +und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen, +sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am +Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte, +durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst +und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und +abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen +und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der +Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften +und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit +trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle +Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz +des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und +gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg +gewiesen in die Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster, +verhetzter, irregeführter Menschenherzen -- in jene Tiefe, in der, +ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte -- die Sehnsucht nach +Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ... + +Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum +erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie +begreifen lehren. + + + + + 2 + + +Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten +Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen +Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige +Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von +Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung. + +Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die +überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder +zur Arbeit ein. + +Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und +Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden +Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern +und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner +in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer +angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen +worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom +Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu +Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch +der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um +nach seinem Kran zu sehen. + +Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen +Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück. + +Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit +anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen +der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen +auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern: + + »-- und kussen ihr die Schönheit äbb -- + und kussen ihr die Schönheit äbb ...« + +Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe +mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes +durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines +entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und +von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt. + +Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die +eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er +hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft +anscheinend noch nicht verloren. + +Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung +in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm +geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit +nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und +riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen +nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der +Reedereien heranzutreten. + +So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der +Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen mit einigen +ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu +Hause gelassen -- nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden +wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige +Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter +letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P. +D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn +seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde +er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die +Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des +Gesamtbetriebes beauftragt. + +Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als +Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen +hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie +nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben +würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme +Überraschung -- oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von +Enttäuschung? -- Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle +seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von +einer seltsamen Befangenheit ... + +Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue +Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen +Neuyorkerin für sein Seelenleid -- und dann die Szene im Atlantic -- +Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen +berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker +Beifall brüllend -- und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen -- da +bestand ein Zusammenhang ... + +Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers +Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch mehr +herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ... +Bessie -- das Täubchen auf dem Dach -- o weh -- es war sogar schon +ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand! +Na, warte, Bobbie -- so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht +werden! + +Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem +Abtrünnigen ein wenig einzuheizen. + +Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft +vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden +Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender +Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und +Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen -- dann weinte sie nachts +in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad +wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in +einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande +gemacht hatte. + + + + + 3 + + +Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt -- +aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote +See«. + +Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf +dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die +Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs +in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren -- leider mit ihnen +die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken +geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler +waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam, +doch unabwendbar angeschwollen war -- nun ward sie Lawine und begrub +die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie +immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte +es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte +sich ja nicht »verbürgerlichen«. + +»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens, +»denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt +kriegen, Jungs ...« + +Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale -- und wieder kamen +russische Hilfstruppen -- kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große +Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab -- aber längst +war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an +dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten +Deutschland den günstigsten Nährboden. + +Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf +der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang +er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die +neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte. + +Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die +Regierungstruppen abrücken sollten ... + +An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch +seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit. +Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert. + +Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten +der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend +an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die +Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen +Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden +der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein +Wunder mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In +einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch +erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das +Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin +Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was +Haß ist. + +»Also leb' wohl, teures Bruderherz -- und mein aufrichtiges Beileid, +daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben +mußt ... Was macht der Karabiner?« + +»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht +behalten -- er hat sich bewährt.« + +»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach +seinem vollen Werte bezahlt hast?!« + +»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht +man dich in Hamburg wieder?« + +»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen +Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und +Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben -- wo man +mich bespuckt und getreten hat ...« + +Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat, +wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde, +disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe +und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine +Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der +Rampe herniederschallend -- grelle Zwischenrufe, die Klingel eines +selbstbestellten Verhandlungsleiters -- ein Güterwagen als »Olymp«, das +Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel +besetzt -- ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers +klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors +allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen +Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben, +Grotsnuut?!« + +Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren +Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung« +trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen. +Ein Trost -- aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug +auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ... + +Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen: + +»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen -- ich hatte schon Angst, +man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank, +Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich +zart: + +»Keine Angst, Fräulein Ilse --« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse +zu sagen! -- »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels +sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die +andern lassen sich mitreißen ...« + +»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse. +»Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die +›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe -- andernfalls +werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit +aufgeben ...« + +»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor. + +Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus. +Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.« + +Timmermanns trat ans Fenster und las -- o weh -- es war Englisch -- und +dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ... + +Ein kurzer Kampf -- dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die +Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen +hatte. + +»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?« + +Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters +Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut +den Namen der Absenderin. + +Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na -- wenn schon -- +-- + +»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort +auf!« + +Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische +Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen. + +»Heißt wie auf Deutsch?« + +»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.« + +»Fräulein Ilse --!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie -- wie können +Sie nur --« + +»Versuchen Sie nicht zu schwindeln -- -- Herr -- Generaldirektor!« +lachte Ilse. »Das können Sie nicht.« + +Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür +auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll +herein -- mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst, +Schnapsdunst --. + +Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte +der Destille. Da sah er Ilse -- und eine zweite heißere Flamme zuckte +in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb +an die »Feine«. + +»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch. +»Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die +Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen -- und wir sünd beauftragt, +die Werftdirekschon ein Ul -- ein Ul --« + +»-- ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns +herablassend ein. + +»Ja -- dat is dat Wort --« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich +Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns -- ick heiß' Herr +Tietgens!« + +Die Kollegen knurrten grinsend Beifall. + +»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«, +erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit +die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.« + +Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen +der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die +Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes. +Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel -- so was in +die Arme kriegen -- -- das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn +-- die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich +begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren +... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ... + +Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke +trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das +überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf. + +»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die +Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen, +dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt +ist -- das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit +der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu +verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure +Forderungen reden. Vorher -- ausgeschlossen. Sagen wir heute ja zu +diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.« + +»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«, +sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en +Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.« + +Und wieder brummten die Genossen Zustimmung. + +Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute +... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe -- den Arbeitnehmern +wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die +Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu +machen? Es ging nicht ... + +»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist +die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine +schwere Zeit -- wir müssen alle zusammen uns einschränken ...« + +»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die +Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise +bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken +vörklöhnen --« + +In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen +können, den Ring abzulegen ... + +»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte +Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot +-- kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne, +Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der +hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten. + +»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns. +»Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de +Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?« + +Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser +Frau -- der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff +einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den +Arm. Ilse riß Timmermanns zurück -- ihre Kinnbacken bebten. + +»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen. +»Ick will di woll kriegen -- un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt +und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland -- --« + +Da schnarrte der Fernsprecher. + +Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme +erkannt. Es war wie ein Zauber -- als stünde er neben ihr, so laut und +klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie +durchschwirrte ... + +»Ach, Ilse -- du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt +der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!« + +»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen +der Arbeiterschaft.« + +»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein. + + + + + 4 + + +Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude +zur Helling hinüber -- umstiebt vom ersten Schnee. + +»+Goddam!+« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer +noch, ihr Deutschen ...« + +In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen +Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus, +der den verarmten Vetter zu besuchen kommt. Aber der verarmte +Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand +seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters +Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das +tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des +elektrischen Nietens -- das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen +hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie +Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung +des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja -- es ging aufwärts +... + +Timmermanns fand sich selber sehr komisch -- zwischen den zwei jungen +Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen +umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er -- wüßt' ich +nur genau in welche ... + +Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ... +Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ... + +Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit +ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand +unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an. +Es war wie eine Beschlagnahme. + +Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und +Clas. Pink, pank! -- Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände +klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben +Minuten ein Niet -- tick tack -- pink pank. + +Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe +starrte. Tedje folgte dem Blick -- und sah da unten seinen Feind stehen +-- und -- -- die Feine ... + +Düwel -- und noch jemanden, den er kannte ... + +Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das +nicht -- -- + +»Verdammi, Jung -- weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de +Köpp kregen vör Tieden!« + +Wahrhaftig -- sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert +auf -- die andere ... So nahe hatte er sie -- seit seinem Versinken -- +nicht mehr gesehen ... + +Da hob sie den Blick -- alle drei schauten sie an der Steile des +Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ... +Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine +Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch +droben aus der Froschperspektive festzuhalten ... + +In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust +keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ... + +»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser. + +Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes +Fingern, sauste in die Tiefe ... + +Ein dreifacher Aufschrei drunten -- + +Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das +Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte +schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut, +fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder. + +Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter -- eins aufatmend, +dankbar, daß der Streich mißglückt -- eins grimmzerfressen, +zähnefletschend in tückischer Wut ... + +»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...« + + + + + 5 + + +Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die +Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst, +die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem +technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere +führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche +im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der +Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage +des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie +wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen. +Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer +Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal +schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder +scheitern. + +Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle +Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte, +das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu +vertreiben wissen. + +Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und +Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner +verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei +Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte +die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue +Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es +heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen +durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle +Vorschläge über den Haufen. + +Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war +doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale +Disziplin war zum Teufel -- sie fraßen einander auf, bewucherten sich +gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen +Untergang hinein ... + +Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen +deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese +Menschen, dieses Volk ... + +Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf +gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden +... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den +Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen +lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und +Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung +entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last +ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die +Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu +halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte +zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt. + +Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie +ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse +verbessern -- dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte +Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem +Herzen geregt hatte -- sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie +einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen +Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und +ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte +dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des +Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische +Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben, +seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen +und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet --. Ilses +krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts +Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch +nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und +erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit. +Ein Rauhbein -- ein Streber -- ein Prolet -- aber ein Mann -- ein Kerl. + +Und Heinz Freimanns Bild verblaßte -- ward entrückt ... Die Ferne, die +Zeit übten ihre Rechte. + +Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann. + +In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste +Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er +wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ... +Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum -- gleichgültig, +was er treibt, leidet, fühlt -- es ist notwendig -- notwendig für ihn +und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter, +seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle +durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger, +entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn +sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den +Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber +verhängt hat ... + +So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht -- so +mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr +feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des +Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr +entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ... + +Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den +zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen +diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos +jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter +Johanna und Ilse um die Zukunft rangen. + + + + + 6 + + +Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere +Einverständnis. + +»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer +Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen +nicht, ich fühle es ...« + +»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle +Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?« + +»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt +... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das +ist mehr als lieben ...« + +»Zwei, Bessiechen?« + +»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht +kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie +den Ring längst abgelegt ...« + +»Nun, und der andere?« + +Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen. + +»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in +Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...« + +Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich +will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist +ein Esel.« + +»Schämen Sie sich, Ilse!« + +»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel +zwischen den zwei Heubündeln?« + + * * * * * + +Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es +besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur +»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf +Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie +belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte, +daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war +-- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ... +Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers +am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann +-- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias +Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine +allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long +Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige +Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des +Herrn Freimann empfand. + +Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem +kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje +die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr +neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff +herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem +Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas -- +nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte. + +Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art +zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich +nicht so übermütig ...« + +Antje war skeptisch -- sie warnte die kleine Phantastin energisch. +»Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich +verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden +Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...« + +»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann +alles ...« + +Plötzlich klatschte sie in die Hände -- blieb vor einem Ladenfenster +stehen: »Schauen Sie -- da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener +Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen +Sie -- was ist das für ein merkwürdiger Baum?« + +Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme +... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche +Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die +Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz. + +»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder, +wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden -- +beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über +unserm Wünschen und Hoffen steht ...« + +»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...« + +»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir +sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir +alle ...« + +Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie +böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte +daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe +wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ... + +»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein +hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem +großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der +Hand?« + +Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten +deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der +geflügelte Engel an seiner Spitze ... + +Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. -- Wie werden meine +Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland +... + +Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen +weiter. So etwas mußte sie machen -- für ihre kleinen Freunde in den +schlimmen Vierteln. + +Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit +Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber +dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die +sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest +hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das +mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre, +würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern +weiden ... + +Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje +gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen +Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde +stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen +würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der +Neid der Armen auf die Reichen ... + +Nein, man würde zu ihnen gehen -- niedersteigen wie das Christkind +selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß +vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr +verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen +kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der +Proletariergassen -- den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen +ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen. +Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und +ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein -- mit einem langen Bart -- +einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel -- und einem Besen +unterm Arm ... + +Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von +ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur +ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine +Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches +kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen +dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern +und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll +anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte +einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel. + +Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt +hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln +anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen. + +Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an. + +Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im +Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den +Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie +alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte +Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen +wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem +Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem +braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?! + +Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch +viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er +aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an +jenem Sommernachmittage gefahren war ... + +Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe +am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten +sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen +Patschen. + +»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und +hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?« + +Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende +ausblieb. + +Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden, +gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte +-- und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich +heran: + +»Wat wull dei Dam', Kinnings?« + +Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach +aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne. + +»+Yes, madam+,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch +die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges +man+, braunes +Schnurrbart, was ist sehr mjutig.« + +Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes +Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des +glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen +Seligkeit verholfen hatte ... + +»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick +gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi +ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...« + +Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom +schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in +die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte -- »Fohrräder heff ick all +männigesmol opbewohrt -- öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien' +-- dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick +em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e +Gang'n is ...« + +In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst +verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch. + +Es ging in einen stockfinsteren Gang -- Bessie schauderte und schickte +ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut +werd' ich dich brauchen ... + +»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an +...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum +Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein -- +für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche +Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient +werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht +zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und +scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte. + +Nun eine Stiege hinauf -- durch einen elektrisch beleuchteten, nach +scheußlichen Parfüms duftenden Korridor -- hier und da öffnete sich +eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ... +und noch einer, noch einer -- Kichern, kreischende Worte, kreischendes +Gelächter -- Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie +Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon +zu spät? Schutzengel, hilf!! + +Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das +in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine +dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei +Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden +Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern +Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen -- +grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen +geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen +Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte +zufrieden, knickste und humpelte weiter. + +Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die +Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze +Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand +drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein +neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter, +knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ... + +Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war +sie verloren ... + +»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen +nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich +gehen ...« + +Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue +im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine +Bedeutung. + +»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an +den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will +heraus ...« + +»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de +Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du +schast tofreden sien ...« + +Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang -- tauchte +plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ... + +Bessie erstarrte ... Das -- das war -- -- + +Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit -- -- nur Lachen konnte retten ... + +Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich +grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen -- damals! +-- der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen +Schnurrbärtchen -- -- den hatte sie gesucht -- und da war -- der andere +... + +Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ... + +Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der +Wiedersehensfreude auf ihre Lippen. + +Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel +fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung. + +»Dat's aber scheun, Fräulein -- dat wi uns hier wiederfinnen ...« + +»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei +unser erstes Begegnung.« + +»Sei mich auch, Fräulein --« Tedje konnte galant werden, o ja, das +konnte er -- »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...« + +»Wie heißen Sie?« + +»Ick heit Tedje Tietgens ...« + +»Tiet --?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen -- +was auch heißt Tiet--« + +»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje --?!« + +»Antje -- +yes+ -- +that's it+!« Schutzengel, hab' Dank!! + +Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt +eine jähe Ernüchterung. Antje -- sie kennt Antje ... Er machte eine +Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen. +Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die +Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie +häufig zusammenkomme? + +»Sagen Sei, Fräulein -- sind Sei am End' von Amerika?« + +»+Yes, yes+, ich bin ein Bürger von die +United States+ ...« +Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem +Köpfchen das Sternenbanner. + +»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen +Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert -- beunruhigt, respektvoll +... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem +Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über, +von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte. + +»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein -- wie kamen Sei in dit Lakal +-- un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war +ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ... + +»Oh -- ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann -- mit ein braunes +Schnurrbart ...« + +»Na -- dat heff' ick ja ook --« versuchte Tedje zu scherzen. + +»Nein -- ich meine ein andres junges Mann -- was Sie kennen also ... +damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen +zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie +nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr +zwei, für meine Sache ...« + +»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...« + +»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm +...« + +Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun +schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete -- +die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos +glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern +gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies +Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde +später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem +Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei +Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit +... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile -- aus einem +Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen +Schnurrbärtchen ... + +In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte +auch diesmal nicht geschlafen. + + + + + 7 + + +Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste +Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht! + +Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front +waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des +Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert +deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die +Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag +auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ... + +Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande, +vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle, +glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die +Nietschlegel ... + +Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und +Welterneuerungsfieber losgerungen. + +Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen -- und aus dem +Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem +Gerüst flatterte ein neues -- ein uraltes Panier. + +Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und +Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende, +welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt, +geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet. + +Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit +brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst +die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich +zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes +aller, aller deutschen Menschen zu verehren ... + +Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die +Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit -- +und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder +zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der +brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser, +hingebender Arbeit ... + +Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende +Tiefe das uralte Fest der Rast -- der Sammlung -- des Einklangs ... + +Das Fest der Menschen, die guten Willens sind. + + * * * * * + +Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille, +müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in +dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau +Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes +und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev +Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht -- aber +selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe +bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man +spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder -- man schenkte +Genußmittel, die man sich sonst versagte -- man gab Gegenstände des +täglichen Bedarfs ... + +Ach -- und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen +aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken, +Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde +er sie finden ... und er würde heimkommen -- aus der geheimnisvollen +Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen -- wie +er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer +aller Glaube ihn begleitet hatte. + +Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller, +zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines +Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen -- +doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ... + +Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den +treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner +Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit +seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter +gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen +Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne +alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten +Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann +für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte +Johanna die geplante Einladung aufgegeben. + +Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie +Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war +heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der +Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United +Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte, +wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt, +daß sie bleiben durfte. -- »Ich kann meine Studien über dies kuriose +Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß +Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die +den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei +Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem +allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ... + +Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt. +Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da +draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen -- sie +werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob -- die +Heiligabend-Stimmung war gerettet ... + +Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach +der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im +letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht +eingeladen. Der Wagen war bestellt. + +Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren -- da +bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung +war da -- aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter +saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und +trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die +tröstlichen Lichter. + +Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch +schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung, +Stütze hätte sein sollen -- der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig, +ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben -- dem +Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und +anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten +... + +Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde +zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes +zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein. + +Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte +keine Tränen. + + * * * * * + +In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier +Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen +ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und +friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen +zu beschenken! Vollends Tedje -- Kunststück, er war seit Monaten +der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle +solches plötzlichen Wohlstandes -- der Junge war großjährig, hatte +sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder +sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen +Schnaps, seine Ölsardinen -- ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht +hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren +vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut +Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie +auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei +Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter +Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem +Gabentisch gestapelt --. »Die reinsten Friedensweihnachten --!« meinte +Vadder Tietgens -- paff, paff -- »Dunnerslag -- wat'n Tobak!« + +Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen +Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm +Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen +und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz +Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche +Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife +mit Hornausguß für Vadder -- für Mudder eine wollene -- ja wahrhaftig, +eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran -- er bekam als +Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen +wunderschönen grünen Lodenhut -- und eine in Seidenpapier gewickelte +Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit +einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der +Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend +an den Armen -- und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene +Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach +Bruderart harmlos gezüchtigt. + +Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. -- Die +Aufschrift der Flasche lautete: + +»Apollinaris« ... + +Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten -- Klavierstücke von +Grieg ... + +Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie +Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten +Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick: +Wird's nun kommen -- das Erwartete -- trotz mancher Bedenken im +geheimen doch Ersehnte? + +Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch -- er +las die Aufschrift: + +»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.« + +Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf +die kam es an ... + +Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak -- sah aus der +aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die +Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen -- fühlte die +Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm +Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter +Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen +erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ... + +Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich +... Wohin gehörst du? + +Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir -- und steige wieder empor +in die Höhen, auf denen du geboren bist -- auf denen du entbehrt und +ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann +aber tu's bald -- ich trag's nicht mehr ... + +Oder gehörst du zu uns? Dann sag's -- dann laß mich's wissen ... Ich +bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann +sprich ... Ich trag's nicht mehr ... + +Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm +die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand +die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete -- oft hatte er sie +ihr vorgelesen: + + »Was willst du -- noch einmal dein Köpfchen lehnen + an meine Brust -- ich soll mich nach dir sehnen?!« + +Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein +Mädchentraum. + +Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte. +Enttäuscht die Alten -- aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor +verbissener Wut der Bruder ... + +Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje +herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins +Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen -- bei den Lästermäulern in +allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg -- bis hinunter zu den +Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen +Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot +bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine +Gesinnungsgenossen von der S. P. D. -- Aber der Kerl war ja wohl nicht +recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn? +oder -- wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar -- verdammi!! eine +andere gefunden? -- eine mit Geld? Na wart, Kamerad!! + +Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl +auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja +wohl mit ihnen unter der Decke -- wie seit acht Tagen schon -- seit er +selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen +und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es +kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den +Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich +zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren, +die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen +heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar -- das war doch mal +wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf, +Clas, Antje, Anders -- und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten +noch 'nen Gang -- in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg +waren sie -- und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon +seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und +verschwunden waren alle drei ... + +Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder +kamen ...« + +Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen +sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ... + +»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich -- denn möten wi uns allein trösten +...« + +»Hest jo mi, Vadder --« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes, +dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter. + +Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen. + + + + + 8 + + +Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der +Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am +fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der +Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem +Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder +hatte sie Gaben besorgt -- für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht +kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch +die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten +unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen +Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte +Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor +im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet -- und eine +Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im +Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen. + +»Nicht gar zu sehr verwöhnen! -- Sie werden's nie wieder so gut +bekommen -- und später immer enttäuscht und traurig sein ...« + +»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken +... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben -- es +gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert, +sagt ihr? Es ist warm bei euch -- viel wärmer als drüben ...« + +Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die +Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch +eine Fünf-Dollarnote. So -- nun war sie aber auch völlig blank ... Gut, +daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ... + +Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie +ihren Gabenkorb bekommen haben -- der arme Bobbie in seinem einsamen +Junggesellenstübchen -- zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen +und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die +erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei +an sie denken würde?! Ach nein -- er dachte gewiß an die schlanke Ilse +-- die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ... +Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer +... + +Ach was -- an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein +recht dicker, langohriger Esel ... + +An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war +unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse +eingeladen hatte -- die würde staunen -- und sich vielleicht doch ein +wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes +Töchterchen gekümmert hatte. + +So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und +ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den +Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders -- dessen Seele einmal +Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen -- und der wunderliche +Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem +scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig +er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im +Kämmerchen ausgebreitet lag -- samt allem Zubehör: dem langen weißen +Umhängebart -- dem Sack mit Äpfeln und Nüssen -- und der Rute für die +unartigen Kinder ... + +Horch -- welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das +Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den +finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der +schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die +Kerzenbäume -- und droben, wo die Hauswände mit schwarzem Strich zu +Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden +Sternen beflittert ... + +Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön -- noch nie meinte +die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und +autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben. +Glocken -- Kirchenglocken -- aber wie viele -- wie unmenschlich viele! + +Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß +es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt +um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet +hatten -- daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend +Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier +Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden +Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen +Erdballs ... + +Die übriggeblieben waren -- ihr vereinter Schall war immer noch +machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten +Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige +Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin +war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen, +rätselschweren Landes -- dieses Landes, das sie drüben das +Hunnenland nannten -- und in dem sie nichts als gütige, schnurrige, +traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ... + +Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den +Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier -- und nicht im +Lande der Bethlehem Steel Company ... + +O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang -- o Seele, +Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit -- +des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ... + +Doch -- da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten +Jungen -- die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ... +Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen +Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen +staunten sie, die zwei guten Jungen ... + +»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr +guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister +Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere +kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben +zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind +richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's ++confusion+!« + +Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und +Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen +Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen +Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken +angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um -- +klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie +aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen, +blind, verstaubt: + +»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt +hebbt!« + +Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches +Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick, +bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht +vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als +sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was +in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine +fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein +Schulkind -- sie litt ... + +Er wandte sich ab -- es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm +seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte +zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal +heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche +die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in +die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen +Dezembersturm immer ungelenker wurden -- und schlug die Tasten an: + + »O du fröhliche, + o du selige, + gnadenbringende Weihnachtszeit ...« + +Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger +glitten von den Tasten -- über den weißen Bart kollerten aus des +Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ... + +»Wat hebbt Sei, Clos?« + +»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick +warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien +Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien +Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt -- un +Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann -- öwerst nu warden +mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz +all sien mit dat Klavierspeelen ...« + +Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja +selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ... + +Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind +und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das +Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust -- seine +glühenden Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden +Mädchenherzens. + +»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu +fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit +nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw -- ick gleuw ... +Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...« + +Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes. + +»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...« + +»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd +tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...« + +»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich +...« + + * * * * * + +»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter +Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ... + +»Schnell, Clas, Lichter anzünden!« + +Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht. + +Und -- da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz, +frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee -- sie trat zur Rechten +-- und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu +meistern. + +Und nun trappsten und trippelten sie herein -- auf ihren +zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen -- ach, es waren gar ein paar +Barfüßer dabei -- die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen, +verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten +Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die +der Frost gelähmt, der Wurm zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre +verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens +über den Irrsinn des Leidenmüssens -- in vielen aber auch schon die +Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und +jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten +Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung +gewordenen Verbrechertums ... + +Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender +Zug von Glückseligkeit -- die alle hatten dieser Weihnachtszeit +entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen +freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene +Gabe -- bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet, +keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden +ihres Hauses geladen -- sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der +Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt +wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der +Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten. + +Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das +große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes, +verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ... + +Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah +... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den +blanken Stiefelchen von ihnen wollte -- wie sie dazu kam, einen Haufen +fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen +... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von +ihrer Sorte ausgesucht hatte -- einen Arbeitsmann und ehemaligen +Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine +-- Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das +war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H. +T. L. tippen ging! + +Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch +eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal +-- so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern +standen, aber ausgestopft -- und das war ein lebendiger -- zwar die +scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher +alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange, +ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er +hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das +Schöne, daß es man Spaß war ... + +Ach -- und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu +spielen ... + +Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig +mit, als nun die alte Weise klang -- die wunderliebe deutsche Weise von +der stillen, der heiligen Nacht. + + * * * * * + +Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge, +flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die +gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen +tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein +feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im +schmutzigen, schlüpfrigen Schnee. + +Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche +der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten +Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd, +heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ... + +Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan +... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen: + + »Christ, der Retter ist da -- + Christ, der Retter ist da ...« + +Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause +gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen +nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften -- ihres einsamen +Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos, +unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der +Gnadenbotschaft aus der Höhe. + +Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten +Klaviernachklänge verschwebten -- und stand geblendet im +verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer +Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller +Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden +Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend, +unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige +Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die +Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold +der Güte so lieblich mischte -- und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann +vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und +bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes +Paar -- sieh da -- Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin +-- mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer +unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ... + +Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen +-- aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem +jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken +kehrend, mit der Sekretärin plauderte. + +Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens -- +sah wahrhaftig wie eine Dame aus -- und war doch, wenn man sich recht +erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit +dem sie im Wechsel mit ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der +immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte +-- das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar, +die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person -- und der Matrose +mit dem kahlgeschorenen Kopfe ... + +Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem +Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar +arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner +Schätze behilflich zu sein -- jetzt hob der Kopf sich ein wenig -- -- + +Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten, +in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand -- + +Und wieder wandte er -- er! -- wandte sich wieder an dieses Fräulein +Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her -- es lächelte der +weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die +zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des +Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich +regten, die reine Flamme der Menschengüte. + +Sie -- sie ist gut zu ihm -- sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm +Gutes tun an den Ärmsten -- und ich -- -- + +Also hier -- hier ist er -- hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt +der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und +Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht --?! + +In Ilses Wesen löste sich etwas -- etwas Starres und Stählernes -- +etwas Stolzes und Steifes -- löste sich, fiel ab wie Schale, wie +Schlacke -- und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward +entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik +ward Harfen- und Schalmeienjubel -- ein Mensch ward sich seiner +Menschlichkeit bewußt. + +Und jetzt -- jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel sich +vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur +Tür -- -- und da sanken seine Arme am Leib herab -- und auch in seine +Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den +dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand. + +Und Blick senkte sich in Blick. + +Du bist's -- du -- -- hier find' ich dich -- hier bist du --! staunte +Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen -- im Kleide der Schlichten ... +hingegeben dem Werk der schenkenden Güte -- -- + +Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück. + +Nein -- ich versteh' dich nicht -- aber ich glaube -- -- ich -- ahne +dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ... +begriff' erst heute, wer du bist ... + +Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest -- +schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über +den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ... + +Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen -- dieser kurze +Blicketausch war letztes Erkennen -- ein Liebesgeständnis ... ein neues +Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen -- inmitten +des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte -- heiligstes +Geheimnis dieser heiligen Nacht -- -- + +Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden -- mit einem Ruck +zurückverwandelt ... + +Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten +aufgetaucht -- ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes +ein Dämon des Hasses ... + +Nur einen Moment -- und schon war er verschwunden -- geblendet, +hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde. + + + + + Viertes Buch + + + + + 1 + + +Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in +der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés +der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße -- das war +seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand, +wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen +traf -- niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander +gefunden. Ilse begriff nun alles -- verstand des Freundes Suchen und +Sehnen -- wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine +Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ... + +Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um +die berußten Ziegelfronten der Neustadt -- aber durch die jagenden +Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden +Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige +Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein +Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der +Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die +hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre +Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und +durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht. + +»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich +armselige Blaujacke schwerlich -- also beichte, für wen?« + +»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige +Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an -- +das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines +Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!« + +»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen. + +»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator +Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der +›Deutschland‹ -- doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.« + +»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht +wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt. +Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch -- die +Republik sei in Gefahr.« + +»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau +und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas +bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung +... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?« + +»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum +Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder +sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in +diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die +Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich -- dann kracht's auch hier, und +ganz besonders auf unserer Werft!« + +»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang' +ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche +Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei +jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist +mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...« + +Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der +Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er +müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe +gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit +Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob +auch unsereins einmal so frei sein darf ...« + +»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich +habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst +... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun -- und was wurde weiter? +Was sagtest du, tatest du?« + +»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der +Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein +hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle +mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ... +es war ein Leutnant Timmermanns -- der Bruder unseres Generaldirektors +...« + +»Ah -- deines stillen Verehrers!« + +»Ach -- der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig +befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die +›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...« + +»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger. +»Nun -- und wie ging's aus?« + +»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um +meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum +Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in +seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung -- da +ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche +Abschiedsblick -- mir gruselt noch, wenn ich daran denke ... +ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten -- unwillkürlich zog sie den +Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz -- und du mit solchen Kerlen +seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen -- wie du +das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege -- du ahnst nicht, +wie oft ich's tu um deinetwillen -- mich ängstigen entsetzliche Bilder +... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche +Unternehmung ihren Zweck erreicht?« + +»Das hat sie längst getan, Ilse -- und ich denke, es ist nun genug. Ich +warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab -- dann werde +ich wieder Heinz Freimann -- und Anders Niemann wird Episode gewesen +sein ...« + +»Heinz -- ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte +ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?« + +»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten. +Das ist ein langes Kapitel ...« + +»Erzähl' mir, Heinz -- erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine +Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin -- noch in einem ganz anderen +Sinne als jetzt bei Vater ...« + +»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich +gelernt hab'? Ich kenne nun -- oder bilde mir's wenigstens ein -- ich +kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.« + +»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier +Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft -- von Seele habe ich wenig +gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen +-- da hast du die Arbeiterseele!« + +»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte +Heinz. + +»Ach nein -- die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter. +»Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan! Bedenk doch nur -- +unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!« + +»-- die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat -- sollte das +nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen, +unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören +bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung +des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes +-- Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums -- -- Und was +das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge +nur seinem leiblichen Wohl gilt -- nur bestimmt ist, seinen Wert als +Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer +aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige +Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer +hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen -- Lebensinhalt +zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang +der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem +Volkstum entfremdeten -- es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat +den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?« + +»Und das -- das willst du --?!« + +»Ich will's -- solange kein anderer es tut -- kein anderer als +vielleicht der Feind -- durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese +Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer +Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur, +unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.« + +»Also was willst du tun?« + +»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des +Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich +werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten, die +irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder +verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß: +Hier ist eine ungeheure Not -- Millionen der Menschen, die unsere +Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser +seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun +werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja +jetzt auf einmal alles -- ich begreife, warum wir den Krieg verloren +haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die +große Prüfung über uns kam.« + +»Und euer berühmter Geist von 1914?« + +»Ein schöner Traum -- eine Vorahnung nur von -- etwas, das einmal +kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres +Heeres -- nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres +ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen -- langsam, +unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten +Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den +Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte -- die außerhalb +der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht +ausgleichen lassen -- man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So +-- ist's gekommen.« + +»Und -- was soll werden?« fragte Ilse. + +»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein +Deutscher ist. Daß wir zusammengehören -- über den Klüften der Bildung, +des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies +und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das +alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt -- +das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen +-- dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres +zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen, +nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe, +nicht mit der Diktatur des Proletariats -- aber auch nicht mit +Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung +des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes +nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen +Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!« + +»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft -- ist das nicht auch +nur ein Wort, eine Theorie -- eine Phrase?!« + +»Es ist ein Wort -- eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem +Ernst. »Es ist -- ~das~ Wort.« + +»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!« + +»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf +kommt es auch gar nicht an -- dazu bedarf es aller Kräfte der Nation. +Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird. +Ich habe sie erkannt -- und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht +alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen +Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns +überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein +amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder +Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der +Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner. +Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt, +stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans +Köpfchen und sagt: +My flag+! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die +Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische +Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!« + +»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber -- wer wird die Kraft +haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja -- und welche Flagge +sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei -- an der +einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen -- und die +andere -- die wird uns aufgezwungen ...« + +»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer +unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen: +Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz +eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres +einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen +unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun. +Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter +Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich +dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber +sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt, +scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja +übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen +Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich +die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn +ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen +Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer +und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das +Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst +du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das +Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor +meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden. +Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!« + + + + + 2 + + +An den St. Pauli Landungsbrücken -- ein Bild fast wie aus der +Friedenszeit ... + +Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter, +erregter, fast fieberhaft. -- -- Was einst alltäglich war, nun ist's +ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes. + +Ein Riese des Ozeans wird erwartet -- ach, es ist kein deutsches +Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's -- noch nicht wieder ... +Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der +Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib +aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen +»Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens, +dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des +Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen +Reiches -- -- morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen. + +Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches +Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male +unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg +anlaufen -- dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste +Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes +tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft -- nach der +allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ... + +Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne +mit den Buchstaben »U. T. L.« -- dem Symbol erster Wiederbesinnung der +wahnzerrissenen Menschheit. + +Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand +eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie und der +Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu +begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten +eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter +seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen +hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon +längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große +Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen -- und dem feierlichen +Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte, +daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die +qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe. + +Hatte sie das wirklich?! + +Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von +Linie und Werft es kannten -- wer wußte, was sie wußten -- der mußte es +billig bezweifeln. + +Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg -- wie +es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte. + +Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im +Streik -- und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die +Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit +aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen +Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ... + +Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen +als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten +Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an +das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe +Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad +der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen -- -- er war +gefunden. + +Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von +drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung +entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte, +er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution? +Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts -- was würde er dem +Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam -- würde sie nicht das +Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges +-- ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland +immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?! + +Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev +Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann, +gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren +Mitarbeitern tauschten. + +Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis +dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau +Johanna -- und Bessie. + +Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr +hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten +Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen: + +Heinz ist gefunden! + +Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht +getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn +die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die +er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden +wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz +hinunter. Aber einst -- doch gewiß bald -- da würde er wiederkehren -- +um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt -- und vielleicht +den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat +-- die aus allen Deutschen Brüder machen sollte -- aus den sechzig +Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren -- ein Reich +-- ein Volk. + +So träumte Mutter Johanna ... + +»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie +trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut +hätte ...« + +Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie -- +du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse -- willst es +nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein +kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in +einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ... + +»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...« + +Nein -- sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf -- ganz +frühlingsmäßig zum Empfang geputzt. + +Ach -- es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage, +da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der +Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen +Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren +fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte, +Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt, +und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene +Jäckchen in Fetzen gerissen ... + +Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der +scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab. + +»Mama -- Bessie -- ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim +... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten -- dann, +meint er, sei's genug -- dann macht er Schluß mit Anders Niemann -- und +will wieder unser sein ...« + +Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die +Braut umarmt ... Aber nein -- Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu +beherrschen, wenn andere zuschauen. + +»Und dann? Und dann, Ilse?« + +»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium +berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des +Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich -- es will +mir kaum über die Lippen -- unter Anerkennung der Republik -- er, des +Kaisers Offizier ...« + +Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man +würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam -- alles andere würde sich +finden -- diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus +sei ihm nicht Heimat mehr ... + +»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr +von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ... ++Daddy+ und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt +mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister +Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse -- wenn +du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er +hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...« + +»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?« + +»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind +gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung +... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in +der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute +an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses +bieten -- sonst verlören sie das Vertrauen -- und die Vereinigung der +beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der +Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts +zu tun habe, könne sie keine Löhne zahlen ... Das hatte Heinz ihm +alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch +geblieben ist ...« + +Erregung schwoll auf -- alle Hälse reckten sich ... Dort hinten, +wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den +hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen +schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und +Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der +Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern +der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich +alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das +Lotsendampferchen -- als führe die Hand eines Kindes einen tappenden +Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen. + +Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf +Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt +vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen -- ausgesperrt +vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem +Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen -- dem +Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten +Kaiserreichs ... + +»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser --« herrischer Fürstenmund, der +einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung +verstummt ... + +Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der +Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's +möglich -- täte die See aufs neue vor ihm sich auf?! + +Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann. + +War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief +an die Lebensgefährtin der Browning lag --? + +Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes +Antlitz. + +Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände +-- drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den +Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die +Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte +Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und +auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der +wiedererwachten Menschlichkeit. + + + + + 3 + + +Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer +näher und näher. Unabwendbar. + +Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die +tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur +ein Vorspiel. + +Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph +des Kapitalismus -- das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm +selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor -- der Sendling des +Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht +vom Stapel laufen -- -- + +Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit, +das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft +geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten +bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ... + +Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine +starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft -- im Bunde mit +seinen Freunden, seinen Stubengenossen! + +Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob +Timmermanns -- der Werkmeisterssohn -- hatte es ersonnen. Er, der ihn +einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen +Hund ... + +Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen +-- für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch +... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter +würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des +Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«. + +Und dann -- dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen -- und nach +Amerika fahren -- und schwer Geld verdienen -- für die H. T. L. Für die +Feinde -- die Kapitalisten. + +Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft +hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß? + +Nicht zu früh triumphieren -- ihr da oben im Licht!! + +Die »Deutschland« läuft morgen ~nicht~ vom Stapel! Die +»Deutschland« geht heut nacht in die Luft! + +Und dann -- wenn alles drunter und drüber geht -- dann holt Tedje +Tietgens sich seine Feine -- seine »Zarentochter« --!! + + * * * * * + +In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens +hatte nicht den Vorsitz mehr -- die Beratungen leitete im Auftrage der +Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in +der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den +Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der +lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige +Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die +Sowjetrubel. + +Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst +unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie, +selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen -- sie schielten +alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken +zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut! +Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!! + +Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution +rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte +sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen +Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben +zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue +aufzurichten in Deutschland. + +Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut. + +Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die +Laterne! + +Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch +goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah -- schreien! +Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber +wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein +paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren +punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln -- dazu +reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter! +Der Feind, der handelt --! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein +Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen +-- das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit +dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und +drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr +selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung +für die Macht des Götzen, der euch alle knechtet, euch Proletarier der +alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen +›Deutschland‹ tragen -- eine neue Herausforderung des international +gesinnten deutschen Proletariats -- eine neue Verherrlichung des +Nationalismus -- dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das +mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in +unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern -- das sie vier Jahre +lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig +zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die +Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben +hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer +Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!« + +»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die +Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut! +An'ne Wand dei Schufte!« + +»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland? +Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes +übrig gehabt als verblödende Arbeit -- elenden Hungerlohn -- stinkige +Zinskasernen -- gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln -- und wenn +eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben +der Arbeit für die Großen -- hundert Mark Invalidenrente?! + +Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser +geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr! + +Soll's dazu kommen?!« + +»Nein!« brüllte die Horde. + +»Gut -- so sorgt mir, Genossen, ihr Entschlossenen, ihr Jungen, +ihr, die ihr euch ekelt mit mir vor der Halbheit und Lauheit der +Maulproletarier, der verkappten Bourgeois -- sorgt mir, daß die +versumpfende, verrottende sogenannte ›Bewegung‹ endlich Beine bekommt, +Flügel bekommt, Klauen und Zähne bekommt! Sorgt, daß ein Fanal +aufglüht, ein Posaunenstoß schmettert, eine Sprengmine in die Luft geht! + +Es lebe die Propaganda der Tat!!« + +Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen -- stürzte ein Glas +Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er +die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten. + +»Wat söhlt wi moken -- Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n +Plon, Kierl -- spuck'n mol ut!« + +Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer +pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort. + +Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf +einmal: Wollust, Zerstörungswut -- und die gelbste, tückischste, +stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des +Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des +Glaubensleeren auf die Glaubensstarken. + +»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel -- +wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar +stohn dree Kisten Dynamit!!« + +Was -- -- -- hatte er gesagt -- der Tedje?! + +Die »Deutschland« in die Luft blasen -- mit -- Dynamit?! -- Die -- -- +»Deutschland« --?! + +Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen -- glotzten blöden, +jählings erblaßten Gesichts im Kreis -- -- + +Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat +reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig -- eine fratzenhafte Ausgeburt +der Hölle ... + +Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu +bestialisch ... + +Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen Schreckenstod +geschaut -- seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen -- +sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es. + +Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken? + +Dragomiroff -- nun ja, Halbasien -- -- ein Tier mit Menschenantlitz und +Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ... + +Aber Tedje -- --! War das möglich -- dann -- was war dann nicht zu +fürchten -- von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen --?! + +Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich -- +sie -- konnten ihn dulden -- -- -- -- diesen -- diesen Plan?! + +Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan -- +schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu +Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und -- -- seinem +Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?! + +Nein -- sie überlegten -- -- hinter dieser und jener niederen Stirn, in +dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf -- eine +scheußliche, quallige Zerstörungswollust ... + +Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen, +Willenlosen -- stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der +aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen +emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen -- was +deutsch in ihnen war. Der Osten siegte -- das Nihil ... + +Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman +über Ormuzd ... + +»Verdammi -- ick bün dobi!!« + +Clas Mönkebüll hatte es gerufen -- der blauäugige Holste, der Schumann +und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug, +er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust +ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ... + +»Ick ook! Ick ook!« + +Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr -- +immer mehr ... + +Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in +Untat ... + +Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder -- die beisammenhockten, den +scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen +verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das -- +Chaos organisierten -- + +Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er +dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm +aufreckte. + +Mitwisser -- dieses -- dieses Geheimnisses?! Dieses -- dieses Planes +--!! + +Ja -- nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre, +reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe +hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender -- und sah sich plötzlich +nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis -- er, +Georg Freimanns Sohn. + +Was tun?! + +Die »Deutschland« -- Georg Freimann -- die H. T. L. -- die United +Transatlantic Lines -- das Vaterland -- das alles war eins -- das alles +wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich -- +einem Bubenstreich -- einem Satansstreich -- -- + +Heinz -- Anders -- Mann -- Sohn -- Deutscher -- was tun?! + +Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins +Hirn. Aufblick: Tedje --! Er belauert, wittert mich! Vorsicht --!! + +Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach +seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!! +Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen -- wähnte nun erst zu +wissen, was sein Weg war -- meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der +eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen +Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der +»Deutschland« ... Deutschlands ... + +Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz, +ganz anders -- -- + +Ein Spion -- -- ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des +Geschicks -- --. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter +Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß -- dem sie alle vertraut -- den eine +-- -- liebte. + +Und nun: Denunziant -- Verräter?! + +Unmöglich, Heinz Freimann -- unmöglich!! + +Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht +nur gescheitert -- sie wäre auch -- geschändet ... dein Sehnen zur +scheußlichen Fratze entstellt ... + +Nein -- das war unmöglich -- gab's denn kein anderes Mittel, das +Unausdenkbare zu verhindern?! + +Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort. +Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben. + +»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei +hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei +Inschenöre, nich blot Timmermanns -- du un du un du un ick, wi hebbt +unsen Sweit un uns' Gedanken un -- ick kann't nicht beter seggen, wi +hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!« + +»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte +Tedje. + +»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn! +Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was +dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen +Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann +der glorreichen Volksrepublik des Ostens?« + +Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm +das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner +Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei +es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der +Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk -- vom +rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig +schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um +später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust, +hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß +Deutschland noch aufrecht stehe -- daß es Erdrosselungskrieg und +Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ... +Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen -- er sei ein Russe, +ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen +... + +»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel +hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ -- is dat nich uns' Wark, +dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!« + +In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut +wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des +Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des +treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ... +Und -- Tedje?! + +Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf -- +will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der Schleicher, der +scheinheilige -- um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung! + +Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen +Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die +verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit. + +»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du +Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir +helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der +proletarischen Freiheit! -- Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer +will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen +Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur -- wer setzt sie in +Brand?!« + +Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und -- -- Clas Mönkebüll ... + +Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden +Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab +ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle -- sie, +die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von +hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu +erledigen. -- »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn +die Tat geglückt ist -- dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen +stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's +die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die +Propaganda der Tat!« + +Dann winkte er Tedje zu sich heran. + +»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den +Quatschkopp, den Niemann -- der Hund ist gefährlich!« + +»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos +Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl +lot wi nich ut Sicht!« + + * * * * * + +Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus +seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns +Leben, was galt selbst seine Ehre -- wo es um alles ging?! Nein -- wer +solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ... + +Wenn der Anschlag mißglückt -- mißglückt, weil er verraten ist -- Tedje +Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen, +den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen +... und das bedeutet ein gräßliches Ende -- vielleicht ein spurloses +Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für +was er gestorben ist ... + +Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?! +Unmöglich ... + +In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß +-- alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ... +Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick +in der Runde -- nein -- niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck +war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden +Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür +nach der andern mit kundigem Druck -- stand im Flur des Vorderhauses, +verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder, +die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit +ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm, +daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren -- daß zwei +Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden +waren -- in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch +belauschen konnte ... + +Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ... + +»Hier bei Senator Carstensen ...« + +»Hallo -- kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort -- es ist +äußerst dringlich ...« + +Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte? + +»Ilse Carstensen ...« + +»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...« + +»Unmöglich, Heinz -- du weißt doch, die Amerikaner -- in einer halben +Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause -- ich bin gerade bei der +Toilette ...« + +Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision -- +beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ... + +»Wann kannst du dich frei machen?« + +»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...« + +»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb +zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg +... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den +Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist -- und in +fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?« + +»Ja, Heinz -- kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung --?« + +»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer +Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles +auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...« + +»Auf Wiedersehen ...« + +Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf -- spähte umher, +ob er unbelauscht geblieben sei -- alles leer, alles still ... Völlig +beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum +Versteck der Verschwörung zurück und mischte sich unter die Genossen, +die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten. + +Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur +des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich +neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern +traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor. + +»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt +di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp +verdreiht hett -- den'n heff ick -- vor drei Dag heff ick'n seihn, as +hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg +dropen hett -- un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen +-- un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu +telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...« + +»Verdammi --!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei +-- dat uns' Anders Niemann --« + +»-- en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du +dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei +Idiotenanstalt opnehmen -- doar geheurst du hen, mien Jung!« + +»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!« + +»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick +denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann +odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in -- Heinz ... Im +Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...« + +Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn +nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon +gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der +Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant +aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos +verschwunden?! + +»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!« + +Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm +und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden +Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft +war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein -- nicht auszudenken -- ein +Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ... + +»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne +Waffe?« + +»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt +mi nich weg, Tedje.« + +»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi +mien Swester ...« + +Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er +die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele +das dunkle Rauschen vernommen -- das er aus den Erzählungen seiner +Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden +Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. -- + +»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...« + +»Meuglich --« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter +Slieker, dei Anders Niemann -- ne, dei Heinz Freimann -- dei sall denn +mit us twei tausom'n kaput gohn!!« + +Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz -- der +bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden +Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen +konnten. + +»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich +mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich +de letzte is!« + +Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme -- unterirdisches Grollen +... dies Gesicht -- verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie +seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand, +der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten +-- sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein +Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese +Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen. + +»'t is recht, Clos -- wo goht wi hen?« + +Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied +lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n +ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...« + +Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau +überhaupt nicht wieder heraus! -- -- + + * * * * * + +Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er +sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des +unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein +Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe. + +Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn +des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in +Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch -- schafft auf der +Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens +verrückt ... Hund du -- Hund --!! + +Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes +brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte +-- irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ... +Nein, nein -- es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts +weiter als ein ganz gemeiner Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat +spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch +gelungen -- jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr +Verstellung! + +Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder +stehen lassen kann, wenn er will -- der greift nach deiner Gurgel! Wir +lassen dich nicht aus -- sollst danebenstehen und zusehen, wie die +stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht -- und dann -- dann bist +du reif fürs Messer! + +Und wenn du nicht mitgehen willst -- wenn du Anstalten machst, Alarm +zu schlagen, zu warnen -- dann -- schon vorher! Bei Clas bist du gut +aufgehoben -- schon um Antjes willen --! + +Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?! +Sie wird weinen -- um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte +totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar +Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen -- um +den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ... + +Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er +ist ... Sie soll -- sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er +unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in +die Luft geht -- Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll +erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an +einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor +Schande -- aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er +nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen. + +Also heim -- zu Antje ... + +Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große +Rachewerk geht?! Was war's doch nur?! + +Ah -- die Feine ... + +Halb zehn an unserer Gartenpforte -- du erwartest mich, steigst zu mir +ins Auto -- -- + +Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ... + +Aber wie -- wenn statt seiner -- ein anderer im Auto säße --?! + +Düwel, Düwel -- dit wier 'n Snack --!! + +Mit einem Ruck blieb Tedje stehen -- mitten in einer der üblen Gassen, +an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf +Beute warteten. + +Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha! + +Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen -- +trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ... + +Das kommt nie wieder! + +Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung -- vor der +Tat, die so leicht mißglücken kann -- -- Dynamitkisten sind keine +Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft +gehen ... Und vorher das da! + +Düwel, Düwel -- so 'n Snack! + +Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt! + +War ja alles zum Lachen einfach, -- die zwei hatten's ja eingefädelt! + +Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den +Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als +Helfershelfer -- ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich +in Stücke reißen -- schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle +ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie -- +-- + +Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß! + + + + + 4 + + +Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen +Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des +»revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht. +Und nun -- diese Abschiedsstunde ... + +Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige +Stunden reinen Glücks erlebt -- wenn sie zusammen an Mudder Minings +klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt -- und sich +emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen +kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun -- nun war's vielleicht das +letztemal ... + +Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat +all man half so slimm.« + +Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er +zusammenzuckte. + +»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ... +blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...« + +Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich -- Woher sollte er ... + +Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust +zu tragen. Er litt ohne Grenzen. + +»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud --?!« + +»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie +die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.« + +Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der +er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser +wahnwitzige, fluchwürdige Plan -- -- Ach -- wenn man ihn retten könnte +... + +»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen +hebbt ansnacken loten.« + +»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas +Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um +eine frische Füllung. + +»Ick nich, Clos -- ick nich ...« + +»Ne ... öwerst ick ...« + +Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er +verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der +Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht +allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten +einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über +das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war +unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit: +Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden -- +und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang +sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht -- Anders Niemann und +Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken, +musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens +... + +Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen -- wohl war zwischen +ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit +gewesen ... Dennoch -- ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn +eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes +und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern -- ein Anfang war +gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu +diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der +Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft +aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein +Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen +Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte +hineinzerren lassen?! + +»Clos ... segg mi, dat -- dat bliwt, dat du hüt nacht -- ick kann't un +kann't nich gleuwen von di ...« + +»Dat bliwt!!« sagte Clas hart. + +Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn +verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel. +Rettung! Rettung! + +Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache +des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen! +Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes +heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren +selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er, +das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie +beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem +Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ... + +Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich +vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund +genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß +zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der +Schwur, den jener geleistet ... + +»Clos -- du hest wat gegen mi -- segg't mi iehrlich, Clos!« + +»Ick verstoh nich ...« + +»Doch -- du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi --?« + +Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah +dem Frager starr ins Auge und sagte: + +»Geben Sei sick keine Meuh -- -- Herr -- Kapitänleutnant.« + +Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?! +und seit wann?! + +»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit +ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe -- Heinz Freimann ward +wiedergeboren. + +»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich +will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist +meine Hand. Ich bin dein Freund -- du hast keinen besseren. Glaub' +mir's -- werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.« + +»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.« + +Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die +verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun +schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab, +steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu. + +»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n --« + +In seiner Hand blinkte das Messer. + +Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den +Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien -- pah -- umsonst. +Er begriff nichts -- nichts als dies eine: Er war verloren. + +Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten +Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse -- solch fressendes +Feuer entzündete nur verschmähte Liebe. + +»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich +töten, weil ich um euren Plan weiß -- und weil du glaubst, daß ich ihn +verraten will. Ehrlich gestanden, ja -- ich hätte ihn verraten müssen, +wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas -- und wenn's mich meine +Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt -- habe euch angefleht mit +allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter, +nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten +-- muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst. +Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes +klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst, +ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten. +Tu's -- aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir -- und sag' ihr, +ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch +nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen +niemals berührt --!« + +Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und +schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres +Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten: + +»Is -- dat -- wohr?! -- Is dat -- wohr --?« + +»So wahr ich ein braver Soldat bin -- und dein guter Kamerad, dein +treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...« + +Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe +herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't +nich dauhn ...« + +»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden +Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher +... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...« + +»Dei kümmt -- dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes +Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis -- krampfhaftes +Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick +-- mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte +-- es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen -- aber mit einem +krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß +auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu -- ein schwerer +Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. -- + +Heinz Freimann war gefangen. + + + + + 5 + + +»Öwersnappt sünd's, Mudder -- öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens. + +»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll +Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as +ji freuer arbeit' hebbt -- nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß +köhnt wi jo nich wedder hoch komen!« + +Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi +den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht +Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren +...« + +Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens +blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen -- sie +fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres +gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt +seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ... + +Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud -- ick warr doch +hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' -- dat is nix miehr +vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?« + +»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man +tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...« + +Und dann saß sie einsam -- lauschte dem Stundenschlag der unzähligen +Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes +walteten -- und sann -- sann -- sann ... + +Nun feiern sie in der Villa Freimann -- die Glücklichen, die Reichen +... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ... +Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein +an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der +zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier +und Phantasie bliebe?! Nein -- die Faust hatte schon recht, sich zu +ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte +stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ... +die Freude ... der Stolz ... + +Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der +träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur +gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer +ganzen Seelenmacht. -- Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft +dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus +Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den +Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ... + +Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung -- empor in +seine helle Welt -- in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des +triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste -- empor zu seinen +Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse -- empor -- empor +zu -- der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an +Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen +-- wie er hundertmal mit ihr geschlendert war -- mit der armen Antje ... + +Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden, +in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte -- das Beste, was ein jedes +besessen -- eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und +Hoffnungen ... + +Ach ja -- einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere +hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er, +das mochte er -- aber dann -- dann tat sie sich doch aufs neue zwischen +hüben und drüben auf, die ewige, die unausfüllbare Kluft zwischen +den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines +Staates Bürger waren -- eines Vaterlandes Kinder ... + +Pah -- Vaterland!! + +Ach -- es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten +überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die +»vaterlandslosen Gesellen ...« + +O Heinz -- du hast das alles empfunden und verstanden -- du Guter -- du +Reiner -- du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen +helfen, die unüberbrückbare Kluft ... + +Oh, wenn dir das gelänge -- ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig, +heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk -- deine Antje +wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in +dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ... + +-- Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie +immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders --?! + +Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen -- + +So blickt kein Mensch ... so blickt ein -- -- + +»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!« + +Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen. + +Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen +gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend +von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der +Schwester vollen Arm: + +»Hest 'n arg leiw -- dien'n Kierl -- nich wohr, mien Deern?« + +»Ick verstoh di nich, Tedje ...« + +Nein -- sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein +Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas +selten, fast nie Geschautes auf -- eine wehe Güte -- eine schmerzvolle +Liebe ... + +»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' -- dat deed di weih, nich wohr, +mien Deern?« + +Wunderlicher Gesell -- seine Stimme zitterte -- es stand etwas in +seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine +Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas +Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor. + +»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick -- wi gohn hüt nacht +en sworen Gang tausomen ...« + +Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen -- ganz ahnungsvolles Grausen ... + +»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein +wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen, +mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so +kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote +Slachtfeld von dei Frieheit -- as truge Söhns von't Proletariat ...« + +»Um Gottes willen, Tedje -- wat hebbt ji vör?!« + +Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren +Menschen angezüchtet: + +»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren --?!« + +Tedje schwieg -- ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die +Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß. + +»Jo -- dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!« + +»Dat's nich wohr, Tedje -- dat's nich wohr!« + +»So wohr as ik hüt noch hier sitt -- un morgen vellicht nich miehr ... +Wi hebbt sworen, Clos un ick --!« + +»Tedje --« schrie das Mädchen, »un Anders? -- Wat is mit Anders?!« + +Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse +urweltentstiegenen Hasses. + +»Dien Kierl -- hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is +hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!« + +Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von +Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei -- und daß er um +halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr +den Anschlag seiner Kameraden zu verraten. + +»Öwerst doar hett hei keen Glück mit -- Clos Mönkebüll bliwt em op de +Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft +gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em +Clos sien Messer twüschen dei Rippen!« + +Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie +noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen. + +»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt +-- dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur -- un dat hei nich wert is, +dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...« + +»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich -- ji dörft em nix dauhn! Ji +kennt em nich -- öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens +wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick +em seih'n heff an Mudders Disch ...« + +»Dat -- hest du -- wußt?!« + +»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie +dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann +heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ... + +Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der +Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen -- im Anfang +mit hämischem Grinsen -- dann immer gebannter ... immer verstörter. +Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf -- eine Ahnung, ein mattes, +ungewisses, hauchhaftes Leuchten ... + +Nein -- nein -- das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten +Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes, +verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung +hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um +nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf: + +»So -- nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern -- ick +fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs, +Swester -- ick heff di seggt, wat ick weit -- nu mok, wat du wullt ... +grüß dei Öllern -- un wenn wi nich wedderkomen -- denn vergeet mi nich +ganz, heurst?« + +Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan -- +preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit -- riß sich +los -- stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine +schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße +verklang sein Schritt. + +An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen +stürzten die Tränen. + +Was tun? Was tun?! + +Die »Deutschland« sabotiert -- Antje wußte, was das bedeutete. Die H. +T. L. -- die United Transatlantic Lines -- die Hammonia-Werft -- alles +brach zusammen. Ach -- und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen, +gemarterten Herzens? Der Bruder -- Clas -- verloren beide ... diese +enge, geliebte Stube -- morgen wird sie widerhallen vom Jammer der +Verzweiflung ... + +Und Heinz --! Wo war er? Sie wußte es nicht -- kein Schatten einer +Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei +Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt -- die +er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt -- nun waren +sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine +Todfeinde geworden ... + +Auch er -- verloren -- verloren ... und damit das letzte, was ihres +eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war. + +Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung: + +Zu ihr -- zu der andern -- zu seiner Braut. Wenn einer noch retten +konnte -- dann war sie es -- sie -- und die Menschen, die sie umgaben +-- die Klugen, die Starken, die Mächtigen. + +Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe +hinunter. + +Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ... + + + + + 6 + + +Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die +Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht -- in die kahlen Parks und +Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands. + +Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer -- sie waren freimütige +Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch +die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung +flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo +sie sich behaglich fühlten. + +Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische +verteilt. Frau Johanna inmitten -- strahlend in Hoffnung und Güte. +Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich +manchen lange getragenen Groll von der Seele reden. + +Hinüber und herüber flog's -- Anklagen, Bitterkeiten -- grundlose und +tief berechtigte hüben und drüben ... + +Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man +fühlte sich wieder -- man sprach sich aus ... man fing an, einander zu +begreifen ... + +Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr +Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und +Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep, +im Boston, im Tango ... + +Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine: +Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde +entschuldigen lassen. Die war längst herum -- aber vergebens schauten +die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich +die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber +konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren, +auf deren Fräcken -- nu jrade! -- die Eisernen Kreuze von verbrausten +Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten. + +Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein +blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl. +Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs +Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man +in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem +breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden +Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen +Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor: + +Bär du -- Hunnensohn -- du gefällst mir ... + +Musik verklingt -- Gewühl beruhigt, entwirrt sich ... + +Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins und +Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie: + +»Herr Generaldirektor -- eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...« + +»Schön -- verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte +Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...« + +Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft +... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ... + +Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten +Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn. + +»Fräulein Tietgens -- was gibt's?« + +»Herr Generaldirektor -- heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹ +in die Luft gesprengt werden.« + +»So -- --« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So -- -- Erzählen Sie, +Fräulein.« + +»Herr Generaldirektor -- ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?« + +»Nein -- sie hat sich vor -- es muß schon länger als eine halbe Stunde +sein -- sie hat sich entschuldigt -- Kopfschmerzen -- ist nach Hause +gegangen -- wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit -- mit +der ›Deutschland‹ zu tun?« + +»Sie -- ist nicht -- wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon +einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen -- man sagte mir, +sie sei nach Hause gegangen -- ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist +sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...« + +Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz +verständigen Eindruck, Fräulein -- aber alles, was Sie mir da erzählen +-- bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen -- und sagen Sie mir kurz +und bündig, was Sie zu sagen haben.« + +Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres +Chefs. + +Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne +sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen. + +»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise +das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf +dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken -- Sie verstehen +mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als -- als meinen Bruder, der +glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein -- Ihren Herrn Chef +werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.« + +Er winkte dem alten Charlie -- der stand wie eine Mumie an der Saaltür, +hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten. + +»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn +sprechen. Holen Sie ihn heraus -- und auch den Herrn Präsidenten. Aber +so, daß es nicht auffällt -- verstanden?« + +Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang +blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die +Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher. +Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte +Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft. + +Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte, +schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben +schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks -- Bessie ... +Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments? + +»Verdammt -- die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns. + +Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte +heran, streckte beide Hände aus. + +»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. -- Ich habe mich den +ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie +gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes +mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! -- +Aber -- was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister +Bobbie.« + +Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor -- +stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...« + +»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch +natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet, +»gehen Sie ruhig wieder hinein -- ich komme gleich zurück, Sie haben +mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas +Geschäftliches mit mir zu bereden -- zu Unruhe ist nicht die leiseste +Veranlassung ...« + +Umsonst -- da kamen schon die Herren -- der Leutnant, der Präsident. +Und Bessie war nicht abzuschütteln ... + +»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ... +Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...« + +Es blieb nichts übrig -- man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht +entgegennehmen. + +Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann +seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit +anzunehmen. Aber -- -- welche Kunde!! + +Die »Deutschland« in Gefahr -- Ilse verschwunden -- Heinz +wiedergefunden, aber in höchster Not ... + +Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich +zusammen -- und übernahm sofort die Führung. + +»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte +von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren +Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?« + +Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie +schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!« + +»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie -- Sie werden die Ihrigen nicht +unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut -- so bleiben Sie ... Herr +Generaldirektor -- Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein +Wagen wird Sie zum Hafen bringen. -- Sie alarmieren die Hafenpolizei, +außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren +herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?« + +»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest. + +»Gut -- so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen +-- und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein +Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?« + +»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ... +Aber ich fürchte, ich fürchte ...« + +»Was fürchten Sie?!« + +»Ich weiß -- daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte +sie. + +»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt --« +sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß -- +halten Sie es für möglich -- -- mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...« + +»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden -- nur +auf diese Weise erklären --« stammelte das gepeinigte Mädchen. + +»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch +die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel -- -- Hamburg ist +groß ...« + +Verzweifelt zuckte Antje die Achseln. + +Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt +trat sie hastig einen Schritt vor: + +»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen +tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister +Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten +holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen +Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und +befreien.« + +Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre +Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes -- + +»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an -- +Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns -- +würde der Ihren Ansprüchen genügen?« + +Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung. + +»Er tanzt sehr gut, dieser Herr -- er hat auch sehr viele Orden, also +ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen -- er genügt mir. Kommen Sie, +Mister Timmermanns.« + +»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann. +»Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...« + +»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin. + +»Gut -- so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen -- Sohn +tun können ...« + +Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut. + +»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann +ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte +Möglichkeit ...« + +Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle +mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher +aber suchen wir Miß Ilse -- und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in +die schlimmen Viertel gehen -- und Sie, Sie kennen sich aus in den +schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde -- +dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...« + +»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere +Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer --« + +»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. -- Sie werden doch meinen +guten +Daddy+ nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine +Überraschungen von mir gewohnt ...« + +»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß +Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...« + +»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs +beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück -- die dürfen +unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven. +Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...« + +Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann +zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den +Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ... +das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.« + +Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der +kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein -- ich habe in +Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht -- aber noch nie +mit einer Dame am Arm ...« + +Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter +Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm +ihres Kavaliers -- mit der Linken zog sie Antje an sich heran. + +»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß, +wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der +Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will +bleiben mit ihr in diese Nacht ...« + +»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die +Lage war verteufelt ernst. + +Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte +ihnen entgegen. + +»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo +zu finden das nächste +Police office+ ...« + +»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...« + +Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten +das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später +sausten beide davon -- das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt. + +Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte +den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und +Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es +war nichts vorgefallen -- gar nichts. + +»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und +klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz +entzückendes Fest -- ein glückliches Omen für morgen -- und ein +vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre +Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr +Deutschen ...« + + + + + 7 + + +Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen -- -- und +sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank, +nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem +behüteten Bettchen daheim -- und die abscheuliche Vision abschütteln +mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von +einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park -- um irgendwen -- +wen nur? -- zu treffen -- von einem Auto, in das man vertrauensvoll +einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung -- +einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch -- von mühsamer +Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge +und Willen stürzte ... + +Himmel, wie schwer der Schlaf -- wie mühsam dieser Kampf um das +erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. -- Mein Gott +-- wenn das alles am Ende gar kein -- Traum -- gewesen wäre -- sondern +-- + +Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des +Erwachens -- nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die +Augen auf -- -- und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt +bis ins Mark. Nein -- der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ... +oder -- --?! + +Und abermals hob sie mühsam die Lider -- -- und sah -- -- und sah -- -- +sah sich -- -- nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen +-- nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern, +denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war -- -- wo? Auf einem +verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter +Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm +rochen ... verknitterte Samtportieren -- ein Taburett, darauf ein +Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen -- zwei Schalen, in denen +die Perlen leise knisternd aufstiegen ... + +Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten +Schein einer roten Ampel ... + +Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem +Basiliskenblick ... er ... der Kerl ... + +Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens -- dann hatte Ilse begriffen. +Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer +unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände +tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die +hämmernden Adern zu öffnen. + +»Na, mien Deern -- glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick +di seggt --?! Mien Kamroden in Rußland -- --« + +Seltsam -- Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein +Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann -- ein betrunkener Gorilla ... +Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste +zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich -- das würde +nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher +Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber: + +»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!« + +Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen. +Er kannte es -- aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn +eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner +liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben +... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten +versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen. + +Da ächzte der wilde Tedje -- und in seinem fiebergeschüttelten Körper +schäumte gieriger Lebenshunger, quälender Durst nach Helle, Glück, +Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte. +Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und +Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und +stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll +Seele, voll Sinn ... + +Und wie sie da vor ihm sich auftat -- das Sinnbild seiner Träume, in +seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos -- da fühlte, da +wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie +besitzen, nie -- haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein +kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht +lesen kann -- ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber +verschmutzen, zerreißen, zerstampfen -- begreifen, erfassen, erleben +kann er es nicht. + +Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje +... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein +grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel +vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber +nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige +Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben, +seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt +seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte -- +in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu -- kaum +Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner +Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz +tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre +weltenweite Ferne ... + +Gut denn -- und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll -- +die Welt seiner Träume -- so soll sie wenigstens zertrümmert sein. + +Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt, erhob +sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die +Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die +goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht +höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die +arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die +blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da +nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen +und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend +zersprang. + +Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt -- und fühlte zugleich +eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen -- ein +Herr im Frack -- Schutzmannshelme -- -- + +Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung -- ein +Griff in das aufgeschlagene Bett -- die Daunendecke flog dem +Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte -- den +nachdrängenden Beamten in die Arme sank -- -- und jetzt -- Höllenspuk! +jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter +schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte -- der Spalt schloß sich -- + +Tedje Tietgens war verschwunden -- wie weggeweht. + +Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein +Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ... + +Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin +Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu: + +»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!« + +Stumm nickte das Mädchen -- bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der +zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt -- jetzt schwirrte ein +helles Triumphlachen -- und da streckte Bessie der geretteten Freundin +ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um +den Hals ... und jetzt -- hoch lauschte Ilse auf -- durch das wirre +Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen -- + +Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder +aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der +Attentäter verschwunden war. + +Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die +Mitte des Raumes ... + +»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen +in'n Liew kaput ...« + +Und jetzt -- durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger +Mann in einer Matrosenbluse ... + +»Ilse --!!« + +Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust. +Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte -- weinte -- weinte. + + + + + 8 + + +Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste +ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn +spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen, +stand Robert Timmermanns -- den Zylinder fest in den Nacken geschoben, +den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein +Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute, +Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt. + +»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant, +»rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh +sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht +Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.« + +»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß +wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft +sprengen.« + +Kommen wir zu spät, dachte er bei sich -- dann schieß' ich mir eine +Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel. + +Schade wär's doch --! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein +bißchen nett zu werden -- das Leben. United Transatlantic Lines -- +Generaldirektor -- Stapellauf der »Deutschland« -- und ich laß mich +hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein +bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals +hätte haben können ... Na -- wollen sehen ... Wenn mir von den +Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ... + +Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes +zur Linken -- gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten, +breit hingelagerten Helgengerüstes -- und darunter wie ein Gebirge +massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« -- alles +lag in gelassen rastendem Schweigen. + +Da stieß -- des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ... +Dies Gefühl kannte er -- aus hundert Nachtgefechten ... + +Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann -- an seinem Hals ein +gräßlich klaffender Schnitt -- Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ... +Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ... + +»Ihr Hunde --!« knirschte er, »ihr Hunde!« + +Weiter -- weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir +dürfen nicht zu spät kommen! Da -- ein paar Gestalten, die sich +niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon +fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den +Fliehenden drein -- weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf +-- da sind wir am Schiffsrumpf -- steil klaftert die Eisenwand sich +empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die +Flut zu gleiten ... + +Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine +Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die +Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da +steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die +Luft zu sprengen ... Und da -- noch ein Toter -- nein, ein Sterbender +... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein +Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen -- hinter dieser Stirn +hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut +getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende +Strahl. Er öffnet den Mund -- will etwas sagen -- aber es kommt kaum +noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ... + +Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast. + +Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste +aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren +durchschneiden! Unnütze Vorsicht -- die haben sie nicht einmal mehr in +Brand gekriegt -- außer der einen. + +Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze +Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt +hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt. +Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert +aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb +angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht +-- außerdem würde es einem schlecht bekommen. -- Einer ist gefallen +-- kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja -- das ist der +Mönkebüll. + +Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß +seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse +haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt. + + * * * * * + +Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen +Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage +gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den +Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten. +Und dann -- das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin -- +ihre Schreckensbotschaft -- Kleine Bessie -- wie mag's dir ergangen +sein. + +Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem +Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk -- und +fiel in Träumerei. Kleine -- süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl, +diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie +sogar dem Präsidenten imponiert. + +Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine: +Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das +fertig bringst -- und uns unsere Ilse wiederschaffst -- dann verlange +von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst +in die Elbe springt -- er tut's. + +Kleine ... süßeste ... Bessie ... + +»Guten Morgen, Bob.« + +Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel -- eingeschlafen ... Vor ihm stand +sein Bruder Armin -- auch er noch immer im Frack. + +»Erzähl'!« + +»Gerettet!« + +»Erzähl'!« + +»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.« + +Ein hastiges Berichten hinüber und herüber. + +»Entwischt -- Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht +uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du +meinst, er hat ihr nichts getan?« + +»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das +Sektglas in die Fresse gehauen!« + +»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?« + +»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem +seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob -- bei +der hast du verspielt ...« + +Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte +stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette +gefällig?« + +»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui. + +»Und -- die kleine Amerikanerin?« fragte Bob -- leichthin, wie er +meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört. +Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ... + +»Weißt du, was -- ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe -- einen +Kuß! -- Da leckst du dir die Lippen, nicht -- Bobchen?! Habe sie dann +persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit +Recht. Süßer kleiner Käfer -- schwärmt für dich, Bob!« + +Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den +Wölkchen ihrer Zigaretten nach. + +»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun +bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche +bedeuten?« + +Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses +Nächtchen.« + +»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher +glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.« + +Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es +schafft -- ich war schon ein halber Republikaner -- aber dann mausere +ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.« + +»Aha -- dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So +reden sie alle -- so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein -- +mittun -- selber handeln -- vorangehen!« + +»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft -- werde +morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.« + +»So is recht -- Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen -- +rettet ›die‹ Deutschland -- seine kleine ›Deutschland‹, und derweil +geht das große Deutschland in die Luft -- äh -- schlappe, versumpfende +Nation ...« + +»Was soll ich machen?!« + +»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in +Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor +Dämmerung unsere Waffen heran ...« + +»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser +Senator Carstensen!« + +»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse +das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der +Werft zum Krawall -- so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu +Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle +Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden +abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die +Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen +abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.« + +Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den +Gebeinen. Nein -- wenn sie ihm an seine Schiffe wollten -- dann hörte +die Gemütlichkeit auf. + +Und dann -- die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das +Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens +eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte. + +»Mein lieber Armin -- das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal +genauer auseinandersetzen.« + +Die Brüder steckten die Köpfe zusammen. + +Draußen ragte die gerettete »Deutschland«. + +Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen +Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war. + + + + + 9 + + +Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder +Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er +hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen +müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich +fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt +öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht +hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein +-- alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine +Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der +menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen +Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete +Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt +bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut. + +Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät +kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll +wird da sein ... Und »Anders Niemann« -- hahaha! Feine, den wenigstens +kriegst du nicht wieder zu sehen -- deinen »Heinz«! Der geht mit deinem +Schiff in die Luft!! + +Nur nicht zu spät kommen! ... + +Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte +den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart +gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn +erwarten wollen. + +Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ... +Aber -- warum ging's denn da drüben noch nicht los?! + +Horch -- ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom -- legt zu +Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe +hinauf -- im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle +Gesicht des Genossen Dragomiroff. + +Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird +erwidert ... + +»Nun?« + +Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du, +Scheißkerl -- jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...« + +Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet +-- kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ... + +»Allein?!« fragte Tedje heiser. + +»Allein --« + +»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll +-- un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...« + +»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen +... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser --« + +»Na -- un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?« + +»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits +angezündet -- auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir +zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ... +Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.« + +»Verdammi ... wat nu, Genosse?« + +Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen. + +»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht, +die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir +wenigstens alles -- ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge +...« + +Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch +belauscht hatte -- und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund +und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein +Spitzel und Verräter war ... + +Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du -- das rettet uns +vielleicht. Ein Spitzel -- ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- das +ließe sich ausschlachten ... Laß sehen -- laß sehen ... Ich hab's, du +Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß +der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen +wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in +Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt. +Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat +mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin +ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner +kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar +nicht kompromittiert -- kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst +morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder +Heinz Freimann erzählen -- und daß der die ganze Sabotagegeschichte +angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird +auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast +du begriffen?« + +Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte +ihm das Verständnis. Ein Spitzel -- der ein Jahr lang auf der Werft +gearbeitet hat -- den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein +Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- und jetzt, wo der Anschlag auf +den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas +machen. + +»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das +ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen +sei -- eines +agent provocateur+, du weißt wohl, was das ist, +nicht wahr?« + +»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei +Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' --« + +»-- nur ein Bluff der Weißen ist -- ein Mittel, das Bürgertum gegen +die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für +eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf +morgen vereitelt wird -- daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in +Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden +sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken -- werden +abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das +erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem +Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen +hatte, reißt wieder ab -- ein Haupthindernis für das Übergreifen der +Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich, +Tedje?« + +Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also +doch noch ... + +Aber -- wenn man ihn morgen da drüben -- wegen seines Attentats auf die +Tochter seines Chefs -- verhaften ließe?! + +»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die +Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner +ungestraft in den Topf.« + +»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken -- öberkoken sall dei +Supp -- dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!« + +Und ich -- hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt -- der andere +kriegt sie wenigstens auch nicht ... + +Hahaha -- du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der +liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen -- mit Clas Mönkebülls +Messer zwischen den Rippen --!! + +Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist -- die +H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die +Hammonia-Werft mit ... + +Und dann -- Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ... + +Sie kommt ja doch -- kommt doch -- die Diktatur des Proletariats -- die +Weltrevolution -- --! + +Die rote Seligkeit -- --!! + + + + + 10 + + +An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem +Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet. + +Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in +seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank +und Wehmut schwoll ihm das Herz. + +»Antje --« sagte er leise -- »Antje ... alles hast du gerettet -- die +›Deutschland‹, die Werft -- die -- Linie -- meines Vaters Lebenswerk -- +meine Ilse -- mich selber -- alles ... Mädchen, Mädchen -- wie soll ich +dir danken?!« + +Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche +der Binnenalster kräuselte sich kaum -- der Märzsturm, vom starren +Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste +nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein +flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen +Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten +die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider. + +In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr -- -- euch hab' +ich alles gerettet -- und ich?! + +Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht +sitzt er hinter Schloß und Riegel -- weil er es gewagt hat, Blick und +Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als +Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus +dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt -- +gottlob -- das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert. +Nein -- diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten +Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche +Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus +ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht -- -- und +morgen früh werden die Eltern alles erfahren -- die Kammer der »drei +Söhne« wird verödet sein -- -- für lange Zeit -- vielleicht für immer +... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ... + +Ach, Antje -- und dein eigenes Herz?! + +Er hielt, er küßte ihre Hand -- der Mann, der seit einem Jahr ihres +Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank -- +nur aus Dank -- weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn +gar nicht -- auch nicht im leisesten -- was er ihr bedeutete? O doch, +er ahnte, nein, er wußte es -- mußte es wissen ... + +Pah -- was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft -- aus einem +Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag -- ein +weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung +er ein Jahr seines Lebens gesetzt -- ein -- Studienobjekt ... Was wußte +er von ihrer Seele -- von ihrer Liebe? Was -- verlangte er von ihr zu +wissen?! + +Heinz wußte von ihr. Alles wußte er -- und daß er ihr ewiger Schuldner +bliebe -- bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende -- alles, +was zwischen ihnen beiden gewesen war -- dies lange, erlebnistiefe, +schöne -- ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott -- zu Ende? War +das möglich? Durfte das möglich sein? + +Denn jetzt erst -- jetzt, da es zu Ende ging -- jetzt erst, da dieses +Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte -- jetzt +erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht +wie eine Freundin -- nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche -- ein +Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens. + +War das möglich?! Liebte er denn Ilse -- nicht?! + +O ja, ja -- er liebte Ilse -- heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender +denn je ... war das -- möglich?! + +Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold +für diese Erde ... + +Er mußte wählen -- er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog, +das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt -- dem er so +viel, dem er verdankte, was er niemals vergelten konnte -- das mußte +er niederzwingen -- das durfte sie nicht einmal ahnen. + +Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb +scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich +nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles +-- für sein Vergehen gegen Ilse -- für seinen Anteil an dem -- gottlob +-- vereitelten Plane dieser Nacht -- für seine Wühlarbeit auf der +Werft. Man wird für ihn sorgen -- so daß er sich emporarbeiten kann -- +er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er -- man wird ihn +auf den rechten Weg bringen. + +Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den +herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen. +Das machte sie froh -- nur helfen konnte er ihr nicht. + +In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des +einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der +stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste. +Seine Welt -- die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie +-- sie wird vergessen sein -- wenn nicht morgen, dann übermorgen. + +Ihre Seele weinte, rang, schrie -- er hörte es nicht, sollte es ja auch +nicht hören -- nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine +Verwendung. + +Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe -- in dem langen, +ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei -- +und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem +Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen +-- in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben +dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun +gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch +so jung -- man wird ihn auf das Konservatorium schicken -- einen +tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann -- dann will er selber, +Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne +machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre +in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für +die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für +die ganze Arbeiterschaft -- mit Lichtbildern -- die sie in den Sinn +des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es +sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen +Erträgnis der Werft zu beteiligen ... + +Er redete -- redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort +dazwischen: »Ja -- das wär' schön --« oder: »Gewiß, das könnte viel +Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er +gehört der andern -- gehört ihr allein. + +Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje -- +-- wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?! + +Die Polizei war hinter ihm drein -- pah, sie würde ihn nicht kriegen, +des war sie sicher. Aber -- was tat er, was plante er sonst?! Er +war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's +gewollt -- sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen, +entsetzlichen Plänen aufpeitschen -- der Genosse Dragomiroff ... + +Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes. +Was würden sie aushecken in dieser Stunde -- ihr Bruder -- und der +Russe?! + +Es half nichts -- sie mußte den Freund warnen ... + +Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien -- fragte ihn, was er +selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er +sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar +nicht überlegt hatte. Das war ja selbstverständlich, daß er Antje zu +ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück -- zum +Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen? +Nein -- das ist vorbei. Nun -- sein Elternhaus steht ihm ja offen -- +aber -- dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann -- -- +Und -- die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs +ungeheuerlichste mißverstehen --? + +Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte. + +»Heinz -- bedenk doch -- Dragomiroff -- und -- mein Bruder ...« + +»Natürlich -- sitzt die Polizei dem auf den Hacken -- er ahnt ja nicht, +welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne +nichts retten, als wenn -- als wenn morgen --« + +»-- alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer. +»Alles drunter und drüber -- auf der Werft -- in ganz Hamburg ...« + +Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension +sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen +entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der +Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke. + +»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund +durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so +kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!« + +»Nun gut -- so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts +vorgefallen -- und stelle mich dem Sturm.« + +»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht -- die Arbeiter! Der +leiseste Verdacht -- und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein +-- das darfst du nicht!« + +Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach +den Wall der Entsagung. + +Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der +Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie +nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer +anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden, +Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ... + +O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir +zu spielen ... + +Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ... + +»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?« + +»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen +halten, bis alles vorbei ist ...« + +»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie +den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache +fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im +Einverständnis gewesen sei -- werden das Ganze als ein Komplott der +Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?! +Nein -- das ist unmöglich -- -- ich habe die ganze Verantwortung ... +Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen, +darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung +gehabt haben --« + +»-- was die Arbeiter aber niemals glauben werden --« warf Antje ein. + +»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten, +muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor +der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt +hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht +eine Tat der Provokation -- kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen -- +komme was wolle!« + +»Heinz, Heinz -- du bist verloren!« + +»Mag sein -- Früchte meines Tuns --! Ich hab' eine Maske getragen +ein ganzes Jahr lang -- ein Dasein geführt, das ein einziger großer +Betrug war -- und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit +und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich +bin ein alter Seemann und Soldat -- kein Drückeberger ... Ich werde +mich dem Schicksal nicht aufdrängen -- aber bereit werd' ich mich +halten. Ich werde -- -- jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen +früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor +Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern. +So ist's gut -- so mach' ich's.« + +Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund +beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der +Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ... + +Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten -- da lag die +gigantische Rotunde des Elbtunnels -- und vor ihnen brauste der +sturmgepeitschte Fluß -- und nun -- nun hob sich über die niederen +Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit +hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da -- da lag der Koloß der +»Deutschland« -- unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine +Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft -- die goß neuen Glauben in die +ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder. + +Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom +Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens, +deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei +deutsche Menschen -- zwei Liebende. + +Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine +Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen. + +Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ... + +Sie lösten sich -- sie hielten einander an den Händen. Sie suchten +einer des andern Blick -- auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste +ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich +den Wellen des großen Stromes vermählen sollte. + +Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die +Kraft zur Entsagung finden würden. + + + + + 11 + + +Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag. + +Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des +Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde, +erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ... +Die Regierung entflohen -- oder, wie andere wissen wollten, hinter +Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute +nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft +hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ... + +Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren +Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer, +der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte +wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner +Klassengenossen. + +»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die +Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji +söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne +söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein +scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben +Genossen an de Wand stellt!« + +Wutschreie -- Pfiffe -- geschwungene Knüppel ... + +Ein anderer wußte noch mehr: + +»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei +Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft +sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!« + +»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden, +dei Swienhund!« + +Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die +Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege, +schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während +der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und +hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns +den'n Spitzel rutgeben!« + +»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme. + +»Ne -- Generalstreik! Generalstreik!« -- + +Das war das Wort der Stunde. + +Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten. + +»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an, +mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig. +Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten -- süß +köhnt wie Hungerpooten sugen.« + +Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen, +der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten. + +»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol +negger bekieken!« + +»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat +vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden, +dei't heurn mag!« + +»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!« + +»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen +op de Direkschon -- un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll +Timmermanns dat Mul stoppen!« + +Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht +die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten +Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen +-- und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem +Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich +losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher, +eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die +»Deutschland« vom Stapel müsse, müsse -- damit der Hafen wieder +aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die +Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um +Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten +müsse, brüderlich zusammenhalten ... + +Umsonst -- die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die +Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ... + +»Generolstreik -- Generolstreik!« + +»Nieder mit die Reakschon!« + +»Es lebe das internationale Proletariat!« + +»Es lebe die Weltrevolution!« + +Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester +Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte +es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht +zu. + +»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek +liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!« + +»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!« + +Einer kam vom Eingang herangestürzt: + +»Jungs -- Kollegen -- weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund, dei hüt +nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel +west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters -- Anders Niemann hett +hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei +west -- Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de +Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei +entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann -- un is en Söhn von +den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!« + +Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung +angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf +die Schulter: + +»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders +Niemann is mien Fründ -- hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en +Johr! Dat sast du mi bewiesen! -- Wer hett di dat seggt?!« + +Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat +hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!« + +»Lagen is dat -- utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders +Niemann legg ick mien Hand in't Füer!« + +Umsonst -- von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche +Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel -- ein +agent provocateur+ der +Gegenrevolution ... ein Saboteur -- ein scheußlicher, schmutziger Spion +und Verräter ... + +Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt, +so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen +Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte. + +Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von +Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen, +Fragen, Kombinationen. + +Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden +können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um +das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen -- Stimmung für den +Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?! + +Aber nein -- es war ja geschossen worden auf der Werft -- und da +standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand, +Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel -- die Würgengel des +Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In +voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der +die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit +stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die +gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen. + +Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des +Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten +die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein +Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik, +ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere, +ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die +Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz +der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an +Arbeit -- die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung. + +Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft, +herrlich die »Deutschland« -- ein Werk von Menschenhand, doch nicht +leblos, seelenlos -- ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des +Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen, +immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in +goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der +massigen Schwellung des Hecks trug. + + * * * * * + +Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende +Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches, +quälendes Gefühl -- eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur +ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag +... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim -- in ihrem behüteten Bette +... und alles, alles war gut ... sie war gerettet -- Heinz war gerettet +... alles -- war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die +Augen zu öffnen ... + +Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung -- +das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« -- großer +Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird +wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ... + +Mit einem Ruck richtete sie sich auf -- und schau -- an ihrem Bette saß +in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf +die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen +zurück. + +»Aber ich muß doch zur Werft, Mama --« + +»Still, Kind, still -- dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und +ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen +vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr +alle zusammen zum Stapellauf -- mein Mann, ich, du, die Herren von der +Linie, die Amerikaner ...« + +Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder +betreut zu werden von Mutterhänden ... + +Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie +nieder. + +»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe -- fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug +...« + +Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden -- und dann zog Johanna +sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen. + +Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für +alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an -- meines und +seines -- unser Leben ... + +Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der +Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan -- als +Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters -- mit Stolz und +Freude -- aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines +gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein -- wie vor +ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres +Elternhauses schmückten -- wie die Carstensens sie sich im Laufe der +Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten, +ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ... + +Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben -- sie wird eine Freimann +... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier +Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein +zwiefach Bewährter -- ein Kriegsheld -- und hat nun auch im Leben des +Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der +vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland +wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz -- vertrau' deiner Ilse ... +Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird +sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die +drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt +regieren droben im Kontor -- und in prächtigen Villen wohnen ... +Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des +Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje +ist ein Tier -- aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen +Händen? -- Diese Antje -- die seine Schwester ist ... und die Heinz +Freimann seine Freundin nennt ... + +Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für +dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen +liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche +bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen. +Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war -- was wäre aus +ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre +verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich, +konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen +Menschen -- ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau' +euch. + +Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem +Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ... +vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig +Leitung kommt -- vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß +Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen, +gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom +-- eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ... + +Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende +Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ... + + * * * * * + +Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der +Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum +um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres +Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ... +Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte +Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen +Großreeders Tochter -- Bündnis der amerikanischen und deutschen +Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer +weiß -- vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen +gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle ihre +Freunde müßten darin vorkommen -- vor allem er, der ihr so stark, so +tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur -- der +dicke Bobbie ... Ach Himmel -- wie mochte es dem wohl ergangen sein +heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen -- wäre die +»Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der +ganzen Stadt gehört ... + +Ach nein -- was Bobbie anfaßt, das glückt ... + +Bobbie ... du armer, dummer Hunne -- du dicker, grauer Esel zwischen +den zwei Heubündeln ... + +Es klopfte. »Ich bin's, Bessie -- darf ich?« + +»Aber gewiß, +daddy+!« + +Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt +etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen, +versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein: +Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem +Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt +stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so +ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du +hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz +etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...« + +»Ach, +daddy+ --« lachte Bessie -- »was ich dir alles zu erzählen +habe --? Du wirst staunen --!« + + * * * * * + +Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht +still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus +aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im +Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner +Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede +Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren +noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie +meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden +Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen. +Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren. + +Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der +Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors +Timmermanns. + +»Wer ist am Apparat?« + +»Tietgens ...« + +»Ach, Sie, liebes Fräulein -- nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen +der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der +›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein +Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...« + +»-- Ein Werftarbeiter?! -- Wissen Sie zufällig seinen Namen?« + +»Doch -- auch das -- ein gewisser Mönkebüll ...« + +Clas -- o Gott -- mein armer, armer Clas -- nun hast du sie, deine +»rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den +Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme +Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ... + +Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der +Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr +werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten, +daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen. +Noch Fragen? + +»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen +unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt +geworden?« + +»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei +ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt, +daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird -- schon um seines +würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters -- vor allem +aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch +im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie +werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein -- seien +Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften +steht.« + +Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie +gut ... Vielleicht war er noch zu retten -- der arme, wilde, verführte, +der geliebte Junge ... + +Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine +Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ... + +»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme, +den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde +keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist +nicht auszudenken --« + +»Meine Pflicht -- Herr Präsident --« + +»Ach was, Pflicht -- ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft +können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich +-- ich vollends -- Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter +und -- mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind -- ich kann +nicht anders ...« + +Er nahm das Mädchen in seine Arme -- er küßte ihre Stirn wie einer +lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen +Schluchzen. + +»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und +verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's +wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes, +liebes, herrliches Mädchen ...« + + + + + 12 + + +Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und +vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher +Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn +empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein +Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ +er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen. + +Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem +Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank +für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet +und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem +ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief +bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge +Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand +ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem +Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen +des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr +auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese +Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren -- daß nichts davon bis zu +den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten +sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks, +an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu +schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen +von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen +Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das +Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar, +den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge --?! + +Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses +und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen. + +Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er +langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht -- so viel für +mich getan -- daß ich -- daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen +zu sagen -- daß Sie mit dieser Anordnung -- Ihre Kompetenzen denn doch +erheblich überschritten haben ...« + +»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß --« stotterte der Riese. »Aber bei +der Kürze der Zeit -- --« + +Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein +Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn -- schnitt +jeden Widerspruch ab. + +»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun, +wo er es verantworten zu können glaubt -- ich für meine Person muß +Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir +auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer +Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten +muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die +Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht +eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat -- +und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem +gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß +meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich, +lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede +Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie -- +-- nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!« + +In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr +Senator, ich werde Sorge tragen, daß niemand sich zeigt ... ich +werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als +Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat -- daß nicht das +mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus +Ihrem Munde ...« + +»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.« + +In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen +hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft. + +»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.« + +Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter +gereifte, scharfgeprägte Köpfe -- besonnene, erlesene Vertreter ihrer +Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte +getreue Kranführer Timm Tietgens. + +Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.« + +Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in +tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen. +Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein +Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle +einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei +überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche +Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich +Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so +könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der +angeblich Gefallene -- es werde der Name Clas Mönkebüll genannt -- sei +ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein +Kostgänger -- ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber +grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei, +daß er gefallen sei? + +»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die Werftleitung +hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen -- Herr +Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert -- es ist ihm +gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln. +Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden. +Dann sind Schüsse gefallen -- man hat den Arbeiter Mönkebüll +sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der +›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze +Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.« + +Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise +mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der +Übereinstimmung mit dieser Tat ab. + +Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit +Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen, +als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für +eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen. + +Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der +Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk +eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters +genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der +Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser +Arbeiter -- in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei -- daß +sein Name ein angenommener sei -- daß sein Träger in Wirklichkeit +ganz jemand anders sei -- nämlich -- -- der Sohn des Präsidenten +der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene +Kapitänleutnant Heinrich Freimann -- --. + +Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden +unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte. +Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da -- -- und +eine zitternde Wut war in ihm -- gegen den jungen Mann, dem er die +Hand seiner Tochter vertraut hatte -- -- und der legte nun durch sein +phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen +sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor -- +in der gleichen stummen Empörung -- ihm schoß das Blut in die Augen, +in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu +zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ... + +»Ich weiß das alles --!« sagte Detlev Carstensen. »Aber -- ich weiß es +erst seit heute nacht.« + +»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen +Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der +Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der +Werft?« + +»Ja, Herr Generaldirektor.« + +Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen +fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe. + +»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?« + +»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen +hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der +Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.« + +Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein +Beamter sollte den Auftrag erhalten -- aber die Arbeiter mischten +sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den +Arbeitern hinauszuschicken -- man könne für seine Person nicht bürgen. +Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen +Tietgens herbeizuschaffen. + +Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die +Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit geschwollenen Stirnadern +saß der alte Herr -- folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem +Gesicht -- nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm, +der sein Inneres schüttelte. + +Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm +gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses, +ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers +geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung +... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein +scheine ... + +Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur +so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes +des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ... +Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der +Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt +sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung. + +Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war, +der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn +zur Rechenschaft zu ziehen. + +»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders +Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt +Ihnen das, meine Herren?« + +Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte: + +»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber -- hat auch der Herr Timm +-- der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!« + +»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute +nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der +Werft gearbeitet hat.« + +»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben einen Bruder, +der is im Krieg Leutnant gewesen -- dann hat er mit die Bahrenfelder +ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er +ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt +haben?« + +Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause -- Sie können ihn +fragen.« Das war ihm herausgerutscht -- schon bereute er. + +Die Arbeiter horchten hoch auf -- tuschelten erregt zusammen. + +»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de +Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!« + +»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht +doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht +wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme. + +»Ja -- dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden +fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen +auf die Werft geschafft sünd -- un dat im Keller mehr als hundert +Weißgardisten versteckt sünd?!« + +In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner +Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein +Alles gerettet -- jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich +auf. + +»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen +zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht +durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer +arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge +verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.« + +In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon +willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen, +empfand, verstand diesen Klang. + +Da öffnete sich die Tür -- und Tedje Tietgens trat ein. +Hochaufgereckten Hauptes -- polternden Schritts. In seinen verwüsteten +Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell -- Zerstörer +-- Dämon. + +»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech. + +Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje +antwortete knapp, höhnisch, verschlossen. + +Ja, es sei wahr -- Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die +ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen +Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion +sei -- und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung +des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen +bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die +Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik +mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der +nächsten Stunde zum Generalstreik kommen. + +»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch +gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die +Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie. +Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter -- wenigstens an die +Verständigen unter Ihnen -- denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf, +Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde +länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von +denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich, +daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser +aller gemeinsames Werk, vernichten wollte -- daß ihr die nicht weit +schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für +die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut +nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen -- und ich hoffe +noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis -- als auf ein +Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird +durch innere Zerrüttung -- daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt +ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung -- ihr seid alle +viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für +Folgen haben wird -- für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle, +für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht +mich allein -- euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke +Ihnen.« + +Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt, +verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten +gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber +in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter. + +»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den +Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd +nich dei Arbeiterschaft -- ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat +wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen -- wi lat't uns nich besabbeln! +Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!« + +Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal +vor: + +»Herr Senator -- meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat +Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles +... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns -- un +mit die Waffenkisten -- dat gefällt uns nich -- un dat eine kann ich +Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! -- +Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren -- +wer dat verseuken will, dei is unser Feind -- un gegen den'n stohn wi +all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!« + + * * * * * + +Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster +Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das +Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine +Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle +Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen +-- Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ... +In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die +unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr +im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit +den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt +hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem +die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht. +Man würde sie niederhalten müssen -- aber überhören durfte man sie +nicht mehr. + +Gut -- aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen, +wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde. + +Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der +von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er +wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte +das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage. + +»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?« + +»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten +können, an dem Stapellauf festzuhalten?« + +»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.« + +»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist +eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher +Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie +können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich +die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts +vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ... +So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn +einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug -- wollen +sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort +verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ... +Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei +ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es +würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen +würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf +der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen +Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie? +Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? -- Ob Heinz hier draußen ist? Nein +-- bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei +uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht +allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner +phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich +soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut +geht, lieber Freimann -- so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie +Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf +-- sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch +persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund -- Ob mir gut +ist? Doch, doch, selbstverständlich -- meine Stimme -- matt? Keine Idee +... Schluß!« + +Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe Müdigkeit +nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt +den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ... + +»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie +die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im +schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh, +daß er da ist. Können ihn mir schicken.« + +Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte +es. Robert Timmermanns öffnete -- Heinz Freimann trat ein in seiner +abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der +verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier. + +»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.« + +Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein +Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht. +»Verantworte dich.« + +Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit +Handwink zu bleiben. + +In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe +hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt +-- ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der +Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht -- +ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden -- deren +Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe. +Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein. +Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein +Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den +Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen, +daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung +gehabt -- daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein +agent +provocateur+ der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher, +voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht, +beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen. + +Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim +knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter. + +»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es +ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar +fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im +Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ... +Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du +noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.« + +Er winkte gnädig Entlassung. + + * * * * * + +Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen +auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel +stattgefunden -- mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die +Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen, +verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die +Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt -- die Werftleitung habe +sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter +versprochen -- man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den +Stapellauf zu hintertreiben -- er müsse heut nachmittag um drei Uhr +planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit +Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören +der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit +jeder Arbeitsmöglichkeit -- + +Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert +--!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine +neue Versklavung des arbeitenden Volkes -- der Bolschewismus müsse +triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden -- die Woge der +Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des +Erdballs in Nationen zersplittere -- dann werde die neue Menschheit +erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ... + +Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im +ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles +in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden -- die Küche war +glücklicherweise treulich am Werke geblieben. + +Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die +Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die +Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen. + +Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es +zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll +rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften +jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen +in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und +Flandernkämpfer Maschinengewehre. + +Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst +funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen +und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf, +einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den +alten Carstensen: + +»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm +auf das Verwaltungsgebäude.« + +Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein Cäsar, der +die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine +schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen. + +»Ihr Bruder schon zurück?« + +»Nein, Herr Senator.« + +»Gut -- ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden +Übereilungen zu verhüten wissen.« + +»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.« + +Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine +Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen +Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator +der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen -- +sie sollten sich blutige Köpfe holen. + +Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude +durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet +dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front +nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die +Türen -- erschrockene Köpfe tauchten auf -- Direktoren, Ingenieure, +Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah -- also doch! Man war verteidigt ... + +Sie mochten kommen. + + + + + 13 + + +Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang, +welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt +die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United +Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen +sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion +der Hansa-Transatlantik-Linie mit ihren Damen, die Abgesandten des +Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter +fehlten noch. + +Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen +weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an, +welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor +Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe +... noch fehlte jede Kunde von Heinz ... + +Endlich -- da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten +Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes +Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein +... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der +Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend +... + +»Was meinen Sie -- können wir's wagen?« + +»Ich übernehme die volle Verantwortung ...« + +»Also gut ... und mein Sohn?« + +»-- ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie +können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.« + +»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich +danke Ihnen. -- Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson +persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.« + +»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen, +möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu +überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen. +Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem +Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los +und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie, +Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die +Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall +am Bismarck vorbei -- kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den +Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...« + +»Abgemacht --« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste. +Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt, +erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte +einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut. + +Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor, +den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die +Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen +Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als +Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte. + +»+Enter, please!+« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen. +Himmel -- wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen +Augenblick ... + +Und -- da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ... + +»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön -- Sie wollen kommen zu holen +uns ... Nun -- was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat +nicht ich machen sehr gut mein Sache -- diese Nacht?« + +»Fräulein Bessie -- Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das +mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...« + +»Oh -- das freut mich -- das freut mich -- +quite enormously+ ...« + +»Wahrhaftig -- Fräulein Bessie?« + +»Aber Sie, Mister Bobbie -- Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne +...« + +»Wie -- meinen Sie das -- Fräulein Bessie?« + +»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht -- dann sind Sie noch +viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...« + +»-- -- Bessie -- --!!« + +Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein +Püppchen an seine breite Brust. + +Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte -- Elias +Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um +seine ganze Autorität gebracht haben würde. + +Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand +und zerrte ihn auf den Deutschen zu. + +»Deinen Segen, +daddy+, schnell -- schnell -- die Herren warten +drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...« + + * * * * * + +Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden +Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen: + +Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert: +»Heinz auf der Werft in Sicherheit -- Timmermanns ist begeistert von +ihm ...« + +Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn +man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch +verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er +sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute +daddy+ -- aber wann +hatte ihm das je etwas genützt?! + +Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen -- glühend im Glück über so tröstliche +Nachricht -- und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen +auf der Werft?! + +Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier +Welten -- verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des +Besitzes ... Die schützte sie vor tausend Stößen des Lebens, denen von +hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ... + +Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich +bescheiden gekleidet -- Antje Tietgens ... die Sekretärin -- heute +von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück, +und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der +nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten +Augenblick ihres Lebens ... + +Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der +Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der +Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte -- in +seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit. +Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit +seinem flutenden Verkehr, die drei Türme -- zur Rechten der breit +ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom +lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender +Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung -- +zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen +Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und +der Musikhalle ... + +Und jetzt -- jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes +Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des +Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen« +Bunde zusammengezwungen ... + +Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen -- dorthin, +wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt +vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf +des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein +Volk sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines +Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ... + +Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die +Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie +Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte +der andern Arm in stummem Gelöbnis: + +Zusammenhalten -- -- weil wir zusammengehören --!! + + + + + 14 + + +Sie kamen. + +Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der +hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten +sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher +auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze +Schattenriß der »Deutschland« -- überhöht vom breitgespannten Schirm +des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des +Deutschen Reiches flatterte. + +Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick +des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten +sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?! + +Näher -- immer näher ... + +»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?« + +Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes +Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob +er sich mit schwerfälligem Ruck. + +»Das -- Feuer eröffnen?! Herr Leutnant -- wir sind nicht auf dem +Schlachtfeld -- wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht +versucht. Wo ist Heinz Freimann?« + +»Er wartet im Zimmer meines Bruders.« + +»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.« + +Der Greis schritt zur Tür. + +»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns +verständnislos. + +»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten. +Geschossen wird nicht.« + +»Zu Befehl, Herr Senator.« + +Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte +Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den +gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in +Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen. + +In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp -- Studenten, junge Kaufleute +--, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage +ihres Führers -- des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf +reißen sollte --. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte +Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine +Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende +Gasse schritt er zum Hauptportal -- sah unbeweglich hinaus -- der +dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen +sein Lebenswerk heranschob. + +Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz -- Armin ... + +»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten +Sie sich bereit -- aber nur für den äußersten Fall.« + +Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den +des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe +hinaus -- + +Die dunkle Mauer erstarrte -- stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde +-- dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is +hei ja -- dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!« + +Detlev Carstensen streckte die Rechte aus -- und abermals ward +lastende, lauschende Stille. + +»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und +gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein +Spion -- kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt +und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst +noch zu sagen hat, hört von ihm selber.« + +Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich +bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten. +Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt -- +ich wehre mich nicht!« + +Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen +und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse +entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte. +Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich. + +Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du +Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ +t'rügg -- Clos Mönkebüll giv mi wedder!« + +Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig +zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe, +sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu +stürzen. + +Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem +jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere +Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der +Leutnant im Stahlhelm -- und auch er schwang im Anlauf über seinem +Haupte das Gewehr --. + +Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber. +Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt, +sausten nieder --. + +Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker -- in weitem Bogen flog des +Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen +Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben +Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und +grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals. + +Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch +aufgerichtet -- stieren Blicks -- das blutige Messer in der langsam +sinkenden Hand. + +Da -- aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes -- ein Knall, ein +Feuerstrahl -- Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das +Messer fallen, fuhr nach dem Herzen -- und schon sank der mächtige +Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers. + +Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der +Hand -- --. + +Das alles in fünf Sekunden ... + +Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen -- aber ein +Aufschrei nicht der Wut, der Rache -- sondern des Entsetzens -- des +Abscheus vor dem eigenen Tun ... + +Kainstat hüben, Kainstat drüben ... + +Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei -- +Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern +der Opfer des Wahns -- breitete die Arme gegen seine Kameraden aus: +»Über mich dies Blut -- schlagt mich tot!« + +Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige +Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor -- +des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann, +unhemmbar, unsühnbar ... + +Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der +entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten +hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz, +schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz -- trat vor ihn +hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje +Tietgens neben ihr -- auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums +zu decken gegen ihre Klassengenossen ... + +Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben +senkten sich -- mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten +-- Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen +einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines +Volkes ... + +Da hob Ilse die Rechte -- wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand +sie da. + +Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall +der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten +Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ... + +Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen +Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter, +Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder -- und +dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt, +wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich +hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die +Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein +Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe! +Laßt uns zusammenhalten -- wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit +und Kapital, Bürger und Proletarier --! Das hat er mich gelehrt, er, +mein Freund, unser Freund -- glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da, +mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...« +Ihre Stimme wollte brechen -- aber noch einmal raffte sie sich auf: +»Versöhnung! Brüder -- Kameraden -- Versöhnung!!« + +Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der +todbereite Mann stand -- geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen, +die ihn verstanden. + +Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des +Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das +der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand +der alte Mann -- in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide -- hoch +in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus +dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die +zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster +des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß +war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn -- sie zwang die +Tausende in ihren Bann. + +Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der +Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines +Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei. + +Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen. + +Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des +Bruderkrieges zu zertrümmern -- schon zersplitterte Kolben um Kolben, +flog Schaft um Schaft zuhauf -- nun stürmten Dutzende heran, dem +Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen -- zu Hunderten +jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes +Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der +Klassen, der Brüder ... + +Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich +türmten inmitten -- da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu, +die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand +und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der +Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der +Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur. + +Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen +aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind +eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen +und freien Volkes -- inmitten seiner staunenden Landsleute vom +Patterson-Konzern -- und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden -- +sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten +Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen, +dessen Sohn ihm den Bruder getötet ... + +Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses +Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu +klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes +Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen. + +Mehr noch -- mehr noch -- immer mehr -- alle -- alle -- -- + +In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten +wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen, +freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des +Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid -- schwören +ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres +Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der +Versöhnung, der Wiedergeburt. + + * * * * * + +Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der +eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die +letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen, +der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das +ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich +wälzt. + +Und jetzt -- jetzt ist es getan -- in erhabener Ruhe setzt die lastende +Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des +Deutschen Reiches ... + +Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm +schweren Wandel der Riesin -- + +Schneller, immer schneller -- + +Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum -- nun heben sich zu jubelndem +Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie +bauten -- die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie +alle zum neuen Bunde zusammengefügt ... + +Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre +jüngste Bezwingerin ... + +Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen +Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der +Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz, +ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht: + + ~den Namen des Landes unserer + Liebe~. + + + + + ~Walter Bloem Romane~ + + ~Hafis Ausgabe~ + + + [Illustration] + + + 10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50 + + 10 Halblederbände in Kassette M. 48.-- + + + Jeder Band ist einzeln lieferbar + + in Ganzleinen M. 3.25, in Halbleder M. 4.80 + + + + + ~Inhalt~ + + Band 1: Das eiserne Jahr + Band 2: Volk wider Volk + Band 3: Die Schmiede d. Zukunft + Band 4: Das verlorene Vaterland + Band 5: Der krasse Fuchs + Band 6: Das jüngste Gericht + Band 7: Brüderlichkeit + Band 8: Das lockende Spiel + Band 9: Sonnenland + Band 10: Das Land unserer Liebe + + +Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler, +deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem +Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor; +dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen +Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die +Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des +Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre +hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut +angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll +tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das +Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten. + +Alle diese Romane -- und nicht minder die hier unerwähnten -- können +beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht +nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden +von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise +zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem +Volke gelten. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 *** diff --git a/75470-h/75470-h.htm b/75470-h/75470-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b094657 --- /dev/null +++ b/75470-h/75470-h.htm @@ -0,0 +1,11603 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Das Land unserer Liebe | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1, h2, h3{ text-align: center; + clear: both;} + +h1 { font-size: 210%} +h2, .s2 { font-size: 170%} +h3, .s3 { font-size: 140%} + .s4 { font-size: 105%} + .s4 { font-size: 85%} + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid;} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0;} + +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;}} +hr.r30 {width: 30%; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em; margin-left: 35%; margin-right: 35%;} +hr.r10 {width: 10%; margin-top: 3em; margin-bottom: 5em; margin-left: 45%; margin-right: 45%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} +/* page numbers */ + + .blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt{ font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} + +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +/* Illustration classes */ +.illowe5_875 {width: 5.875em;} +.illowe6_4375 {width: 6.4375em;} +.illowp46 {width: 46%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. +Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<hr class="r30"> + +<figure class="figcenter illowp46" id="illu-003" style="max-width: 39.0625em;"> + <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="frontispiece"> +</figure> + +<hr class="r10"> + +<h1>Das Land unserer Liebe</h1> + +<p class="s4 center">von</p> +<p class="s2 center">Walter Bloem</p><br> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 center">46.-65. Tausend<br> +Alle Rechte, im besondern das der Übersetzung in fremde<br> +Sprachen, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten<br> +Copyright 1924 by Grethlein & Co. in Leipzig<br> +Druck von G. Kreysing in Leipzig</p><br> +</div> + +<p class="p2 s3 center"><em class="gesperrt">Hafis-Ausgabe</em></p> + +<figure class="figcenter illowe5_875" id="illu-001"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<p class="s3 center"><em class="gesperrt"><b>Robert Hohlbaum</b></em></p> +<p class="center">dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen!</p> +</div> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<h3>1</h3> +</div> +<p>Um die kahlen, von harzigen Knospen geschwellten Ulmenriesen +des Harvestehuder Weges brandete der Märzsturm. Auf den breit +anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee. +Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe +herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen.</p> + +<p>Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des +altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine +geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren +Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den +Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben +Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Was hoch und stolz, das fällt</div> + <div class="verse indent0">im Sturm der neuen Zeit —</div> + <div class="verse indent0">jetzt bringen wir der Welt</div> + <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich +senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn.</p> + +<p>Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen.</p> + +<p>»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht —«</p> + +<p>»— nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Hamburg nicht zu +reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los +ist?«</p> + +<p>»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen +immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«, +berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die +reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!«</p> + +<p>Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in +seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel +... Diese Zeit — dieses Volk ...</p> + +<p>Er straffte sich auf. »Los, Hansen!«</p> + +<p>Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog +der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer +Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der +Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten +der majestätischen Handelspaläste — zur Linken die im Nebel +verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens. +Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein +flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte +der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte +voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau — seine kalmückische +Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen +... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen, +wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im +Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke — in +verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt, +rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den +schiefgestülpten Feldmützen ...</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»— jetzt bringen wir der Welt</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">die rote Seligkeit —«</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<p>Stockung — Schreie — geballte Fäuste — — aber schon war's vorüber +— ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken.</p> + +<p>Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf +tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine +neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der +vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First +der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des +Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben +Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung +der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier +aufgeschlagen hatte. »— die rote Seligkeit — —«</p> + +<p>Hatte es Sinn zu arbeiten, — — mit zusammengebissenen Zähnen zu +kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?!</p> + +<p>Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug.</p> + +<p>Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie +schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin — angefüllt mit +dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr — man wurde +beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer.</p> + +<p>Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem +Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus +grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben +Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses +klaren, in sich gefestigten Gesichts.</p> + +<p>»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission +hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische +Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des +›Altreichskanzlers‹ vorgenommen — das Schiff solle heut nachmittag um +drei Uhr in See<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe +von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang +leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden.</p> + +<p>Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne +stützen. Längst fällige Botschaft — dennoch — unfaßbar — +unerträglich!</p> + +<p>Das letzte Schiff der H. T. L. — das schönste — und das letzte!</p> + +<p>Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel +gelaufen — die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft — am +ersten August zum Glück im Heimathafen — dann, in ein Kriegsschiff +verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee, +Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö — nun gemäß den +Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer +der Welt zurückverwandelt — um als letzter Besitz der einstmals +erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu +werden.</p> + +<p>Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht +aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der +Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor +Mitleid — und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele +sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den +Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ...</p> + +<p>Schäm' dich, Antje! —</p> + +<p>Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu +treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu +haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum.</p> + +<p>Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer, +erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Hirn, daß +daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des +Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die +Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so +weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?</p> + +<p>Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk!</p> + +<p>Ja — es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben +können.</p> + +<p>Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit! +Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol — diese +— — Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen +die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins +Elend gestürzt hatten?!</p> + +<p>Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des +Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch +einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer +in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte +Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren +und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche +als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers« +mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der +feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare +Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie +geborsten ...</p> + +<p>Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst +herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel +des Fernsprechers regierte.</p> + +<p>»Ah — Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja — — etwa +gar Nachrichten von Heinz —?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie +Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las:</p> + +<p>»Aus Bremerhaven — Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte +gestatten. Heinz.«</p> + +<p>Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen +Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen +im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter +Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser +Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ... +Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine, +kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das +Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen — für +wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub +eingetroffen — noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer +Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen +Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den +Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um +so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte +Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und +an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen, +altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals +die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des +Emporsteigenden verbunden — und dem heißen Wollerblute des Ringers +jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem +Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...</p> + +<p>Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im +Nebeneinander des Alltags — wenn's um Heinz ging, so verstanden sie +einer des andern Gedanken.</p> + +<p>Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde,<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> die +Gefangenschaft so schwer ertrug — wie wird er die Heimkehr — — die +Heimat ertragen?!</p> + +<p>»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort +auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.</p> + +<p>»Weiß sie's schon?« fragte Georg.</p> + +<p>»Einstweilen bist du noch der nächste dazu — als Vater ...«</p> + +<p>Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an — der zähe +Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im +Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen +zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes +eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte +des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte, +mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben +hatte.</p> + +<p>»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte +eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.</p> + +<p>Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der +»Altreichskanzler« in See gehe.</p> + +<p>Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer +Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende +Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch +die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft +und Anpassung, steifer Nacken und — gelegentlich! — krummer Buckel +so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze +Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben — und um so +zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur +Unerträglichkeit — fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem +unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem +Jahrzehnt nicht mehr getan —<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> sie legte ganz leise den Arm um des +Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen.</p> + +<p>Aber schon entwand er sich — er verstand es nicht, sich bemitleiden zu +lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat.</p> + +<p>»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen +Verlobten seines Sohnes.</p> + +<p>»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen +tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir — sie hat +eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!«</p> + +<p>Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen +Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht +sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ...</p> + +<p>Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des +Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme — den Jubel, der durch +die verhaltene Kühle schwang — und sahen einander nicht ...</p> + +<p>»Na, nun gib mal her, Johanna — ich muß den alten Carstensen noch +sprechen!«</p> + +<p>Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun +plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen +Senators Carstensen — des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie +zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende +der Linie hindurchgegeben.</p> + +<p>»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?«</p> + +<p>Georg Freimann biß die Zähne zusammen.</p> + +<p>»Wir sind nachgerade abgehärtet — wir unglückseligen Deutschen ...«</p> + +<p>»Das weiß der Himmel — aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr +Junge kommt — da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig +geworden in Deutschland. Wohl<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> ihm und Ihnen, daß in seines Vaters +Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur — ob er mögen +wird —?!«</p> + +<p>Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick +schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick +leise zusammenzuckte — wie unzählige Male zuvor in einem langen +Gemeinschaftsleben.</p> + +<p>»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten +Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren — von ferne +noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann — +unser Werk — unser zertretenes Land ...«</p> + +<p>»Auch ich muß hin —« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß +das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also +Schluß, lieber Freund — heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ —«</p> + +<p>»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns +möchte Sie noch sprechen ...«</p> + +<p>Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund +in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende +Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen. +Bob Timmermanns — gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer — die +rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und +Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem +die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann +Gestalt gewonnen hatten.</p> + +<p>»Hier Timmermanns ...«</p> + +<p>»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns — der +›Altreichskanzler‹ —?!«</p> + +<p>Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache +mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes +Portemonnaie — die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p>»Tun Sie's nicht, Timmermanns — Sie springen den Burschen ins Gesicht +... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«</p> + +<p>»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher +Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre +den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon +noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und +Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber +einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick — einen Schwur, den +der Himmel erhören soll ... oder die Hölle — je nachdem —!«</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>2</h3> +</div> + + +<p>Der Berlin-Hamburger <em class="antiqua">D</em>-Zug schnob durch die kahlen Marschen +von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme +schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier +Waggons dritter Klasse angehängt — für einen Trupp heimkehrender +Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.</p> + +<p>Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den +kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen +Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie +einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in +die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in +der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen — +und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses +edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen +überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland +weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur +ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport +nach Deutschland ab.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur +solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie +und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren +die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem +Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat +entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der +Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der +lang entwöhnten Berufsarbeit — das alles wirkte und wühlte wohl im +innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes +Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder +der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau +waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten +sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit +roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im +Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und +Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche +Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des +Proletariats.</p> + +<p>In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten +Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die +Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten, +verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um +Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft, +dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive +Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem +Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine Zukunftspläne.</p> + +<p>»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as +wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige +Mietjes ut de Fabriken. Uns'<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt +du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi +de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei +danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd +wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt +und denn sozialisert ...«</p> + +<p>Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib, +dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher +von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder +schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am +werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.</p> + +<p>Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem +klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und +behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach, +die am Gepäcknetz verstiebten.</p> + +<p>»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor +sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in +mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend +... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich +ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger +nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn +spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.«</p> + +<p>»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje. +»Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt — un brukst jem +nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst +du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! — denn hest du s' all, +as sei wussen sünd ...«</p> + +<p>Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die +schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!«</p> + +<p>Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende +Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des +nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun:</p> + +<p>»Kiekt, Jungs — de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol — +wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«</p> + +<p>Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von +ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise +waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden +— hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet, +das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen +die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis +zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre +Arbeitsstätte vor ihnen auf — nun fröstelte jählings in ihren Seelen +die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten +Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des +Daseins abgrub.</p> + +<p>Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und +bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle +hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen +Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen +Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte +Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:</p> + +<p>»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten +Vaterlande!«</p> + +<p>Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig +wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den +früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge +um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der +neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber +man<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen — man sehnte sich +nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den +ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und +der Hafen so leer ... Woher sollte da — —</p> + +<p>Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten +jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über +Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ...</p> + +<p>Musik zur Stelle — es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine +Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste, +klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das +bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug +der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der +Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten +nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft +Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete +an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum +Alsterbecken hinüber:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wir bluteten vier Jahr</div> + <div class="verse indent0">in Schlamm und Glut und Graus</div> + <div class="verse indent0">für Krone, Thron, Altar —</div> + <div class="verse indent0">nun ist die Knechtschaft aus!</div> + </div> + <div class="verse indent0">Was hoch und stolz, das fällt</div> + <div class="verse indent0">im Sturm der neuen Zeit —</div> + <div class="verse indent0">nun bringen wir der Welt</div> + <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div> + </div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der +Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen +Gewimmel jener Geschäftsleute, die<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> sich im revolutionären Deutschland +einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark +strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine +breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ... +Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten +Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt. +Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand +als natürliche Kriegsfolge empfunden — sein Fortbestehen nach dem +Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen +... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den +seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen — und nur ein tiefes +Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen, +nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch +Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten — aller tiefsten +Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.</p> + +<p>Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der +Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf +den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders +als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der +Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte +etwas — jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der +Schiffahrt entboten hatte — das vieldutzendstimmige Heulen der +Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer +noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der +Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte? +Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während +der Kriegsjahre so gewesen. Aber — war denn jetzt nicht Friede? Nur +wogende Menschenmassen — alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch, +an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> nach +der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen — schmetterte +marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten +Seligkeit« ...</p> + +<p>Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor +einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand — ein Matrose, +die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen +Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa +stramm, als des Offiziers Auge ihn traf — den erstaunten Blick des +Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden +Grinsen ...</p> + +<p>Ach so ...</p> + +<p>Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit +frechem, verwüstetem Gesicht:</p> + +<p>»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol +fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un +Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«</p> + +<p>Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten +Bengel herab — ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen — aber +schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's +heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche, Pfiffe.</p> + +<p>»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n +Liew!«</p> + +<p>Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der +sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon +war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte, +parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm, +rissen ihm die Waffe von der Seite — die Krone vom Ärmel, die +Achselstücke von den Schultern — vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen +Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient — Püffe +regneten<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt, +wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über +die Augen fiel ...</p> + +<p>Da stand er, taumelnd, gebrochen — ein Blutrinnsel tropfte ihm übers +Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte +Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren +starrten ihn an ...</p> + +<p>Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten — das war der +erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort — +fort — sich verkriechen ...</p> + +<p>Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu. +Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits +der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des +Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ... +Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend —</p> + +<p>Und stob plötzlich auseinander — spritzte nach rechts und links, +gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß +... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur +der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen — taumelte +verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der +Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst +und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends +überfahren.</p> + +<p>Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet, +beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut +und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der +feindlichen Flagge.</p> + +<p>Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem +Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt, +sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos +durch die Massen des besiegten<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Volkes dahinrasend, zur Strecke +gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung +gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden +Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur +einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam +aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden +recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem +flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Beg your pardon, Sir</em> —« sagte der Herr des Wagens zu seinem +Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort: +»Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich +bringen Sie?«</p> + +<p>Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er +richtete sich auf und sagte eisig ablehnend:</p> + +<p>»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.«</p> + +<p>Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um +Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu +dürfen, daß er den <em class="antiqua">captain</em> nach Hause fahre.</p> + +<p>»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine <em class="antiqua">collision</em> mit Ihre +<em class="antiqua">countrymen</em> ...«</p> + +<p>»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...«</p> + +<p>Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der +Amerikaner. Er ging ins Englische über:</p> + +<p>»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die +Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«</p> + +<p>Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich +gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am +Wasser entlang ...«</p> + +<p>Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine +Verbindlichkeit. »O — Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.</p> + +<p>»Oh — ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch« +— und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich, +daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes +Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus +den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen +gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt +— damals — in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu +sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten +Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher +der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der +Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe +den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als +Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen +Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten +Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«</p> + +<p>In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die +Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an: +Patterson-Konzern — natürlich, eine der führenden amerikanischen +Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu +entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter +dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet +sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre — die hatten von +der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos +ausgelöscht ...</p> + +<p>»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in Haltung.</p> + +<p>»Ich weiß nicht genau« — wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich +werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> meine Sendung nicht ganz +uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es +ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht +böse sein — Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche +Geschäft vorüber ist — vielleicht machen wir dann noch ein privates +...«</p> + +<p>Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des +Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den +braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil +verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner +Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt +seiner Gattin beraten ließ.</p> + +<p>Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen.</p> + +<p>»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann +... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den +abscheulichen Empfang vergessen!«</p> + +<p>Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen +werden so — nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das +besudelte Ehrenkleid ...</p> + +<p>Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»O schöner Tag, wenn endlich der Soldat</div> + <div class="verse indent0">ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit —«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Aufschreien hätte er mögen — aufschreien ...</p> + +<p>Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan, +eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe +hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus +erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der +Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen, +leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es +doch um ihre Fassung<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich +entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander +all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete +Vaterland entgegen.</p> + +<p>Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der +Ehrenzeichen bemerkt und — in diesem instinktiven Wissen um das +Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern +alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.</p> + +<p>»Mein Junge du — mein Junge ... Still — bist bei mir — nun wird +alles gut ...«</p> + +<p>Und da — da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr +Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und +begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine +Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der +Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen +tiefen Anteil des vasallentreuen Greises.</p> + +<p>»Charlie — sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer — Bad, +frische Wäsche, Zivil ...«</p> + +<p>Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles +gleichgültig — er war da, war frei — lebte — es hatte ihn nicht +behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte +droben ein gnädiger Hüter ...</p> + +<p>Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge +überragte.</p> + +<p>»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen +Vaterland ...«</p> + +<p>»Still, still, Georg —« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's, +ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht +erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und +angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine +Zimmer warten, und<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du +jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«</p> + +<p>Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut +versenken — und dämmern — schweigen — leben — —</p> + +<p>Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg +— grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl — und +doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen — +breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche +— warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich +verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ...</p> + +<p>Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit +seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen +sie einander in die Augen — die feuchteten sich, es zuckten die Lippen +... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...</p> + +<p>»Mut, liebste Mama —« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der +zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten — »Mut! Wir werden +arbeiten — Heinz an seines Vaters Seite — wir kommen wieder hoch — +wir kommen hoch!«</p> + +<p>Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn — das Erbteil +eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung +bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt +Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar +Atterdag das Fürchten lehrten.</p> + +<p>Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem +Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen +Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten +Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief +des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil, +der den Geschmack des weiland<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Schirmherrn deutscher Handels- und +Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ...</p> + +<p>Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein +unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter +ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes +einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen +Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute +abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten +Weltmächte in den Ozean hinaus.</p> + +<p>Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des +letzten Trösters ...</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>3</h3> +</div> + + +<p>Wie alltäglich, seit die Revolution dem arbeitenden Volke den +Achtstundentag beschert hatte, verstummte auch heute auf den +Werften das gellende Ticktack der von Menschenfaust geschwungenen +Niethämmer, das unablässige Schwirren um vier Uhr nachmittags. Vater +Tietgens verschloß sorgfältig den Verschlag des riesigen Laufkrans, +den er seit acht Jahren führte, droben auf der schwindelnden Höhe +des weit gedehnten Krangerüstes, das sich über die ganze Breite +der fünf vorderen Helgen der Hammonia-Werft hinzog. Freilich, +von diesen fünf Schiffsbaustellen war jetzt nur eine belegt: ein +Zehntausendtonnen-Passagier- und Frachtdampfer entstand dort. Den hatte +eine neutrale Macht bestellt. Ja, ja, die Spanier — und die Holländer +— die kennen uns ... die wissen: sie kommen ja doch wieder hoch ... +die Deutschen ... werden wieder leistungsfähig wie vor dem großen +Unglück ... Aber die anderen vier Helgen standen leer ... Wann würden +sie sich wieder beleben?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<p>Der Vadder Tietgens da oben in seinem Laufkran — der hatte Augen +im Kopf. Wenn's nicht bald wieder Bestellungen gab — wenn keine +Schiffe mehr auf Helgen gelegt werden konnten — dann ging's allen +an den Kragen — den Kapitalisten natürlich — den Eigentümern, den +Aktionären der Werften ... aber den Handarbeitern erst recht ... +den Hunderttausenden, die ihr Brot fanden da unten, wo am Südufer +der Norderelbe Werft an Werft sich reckte. Und drüben die endlosen +Arbeiterviertel in Hamburg, Altona, Ottensen! Da hausten sie in +unzähligen Straßen und Häuserblocks, vom Erdgeschoß bis unters Dach der +Mietkasernen — die Kollegen, die — Genossen! — mit Weib und Kind und +Schlafburschen ... Und all das lebte — vom Hafen ... Hatte während +des Krieges alle Hände voll Arbeit gehabt, die Taschen voll Geld. ... +Aber nun —?! Was würde nun?! Die Kanonen waren verstummt ... der Hafen +verödet ... die Werften so gut wie beschäftigungslos ... Himmel — wenn +das so bliebe — was dann?!</p> + +<p>Oh — Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen — +hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien +— oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe — wo +man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte +— geschweige denn nachdenken. Natürlich — man war seit Jahrzehnten +ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! — +jedes Wort ein Evangelium — aber — man hatte auch auf der Werft eine +Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand — so ein +Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein +Kopf — viele Köpfe — und nicht bloß ein paar hundert oder tausend +stramme Fäuste. Kopf und Hand — nur zusammen konnten sie es schaffen. +Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen +ruhigen klaren Hirnkasten —<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und die sicheren Augen darin als die +nicht minder verläßliche Hand?</p> + +<p>Freilich — man war ein Vorkämpfer seiner Klasse, der Klassenkampf +— der mußte sein. Der Geldsack und der Kopf — die hielten zusammen +wie Pech und Schwefel — da mußten auch die Fäuste zusammenhalten, +sonst rückten Kopf und Geldsack nichts heraus, — als was das »eherne +Lohngesetz« ihnen abpreßte. Und schließlich — leben will doch auch der +Mann der harten Faust, nicht wahr? Und ein bißchen besser als das Vieh +... man ist ja schließlich ein Mensch und kein Triebrad, kein Zapfen +bloß im Riesengetriebe ... man will sein bißchen Behagen, sein Stück +Fleisch und einen sauberen Rock für den Feiertag ... und abends ein +paar Ruhestunden, in denen man aufatmen kann, sich selber gehören und +seinen Lieben. Das ist doch nicht zuviel verlangt, he? Und nicht einmal +das wollen sie sich abzwacken lassen, die zwei harten Verbündeten, +Kopf und Geldsack ... also zielbewußter Klassenkampf, zielstrebige +Organisation —! Aber: der Irrsinnsschrei aus dem Osten — Ausrottung +der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats, »die rote Seligkeit«?! +Nein, davon mochte er nichts hören, der alte Kranführer droben auf +seiner blickweiten Höhe.</p> + +<p>Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute +Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein +sauber aufgestelltes Riesenspielzeug — bis an den breit hinfließenden +Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen +schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen, +Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der +gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum +geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele +des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war +sein ...<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen +und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er +verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der +Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug +ihn zur Erde hinab — und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth +des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der +Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn +umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung +... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der +Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr +Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen +Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon +war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf +das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung +der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit +die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit +entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer +aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten.</p> + +<p>Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen +diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte +sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer +Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem +der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte +in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war +mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen — tjä, +da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder +Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber +dann mußte man einen Kopf<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> haben etwa wie jener Bob Timmermanns +... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze +der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft +... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte +es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als +man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein +wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung +zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte +nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister +werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als +Arbeitsaufseher vorgesetzt — und eine Dienstwohnung in einem der +schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten +Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes +errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß +zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für +Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun — in der +vollgepramsten Dampffähre — und dann die halbe Stunde tippeln bis zum +Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige, +barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm +Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von +immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen, +diese Behausung — damals, als in ihr drei stramme Buben und ein +hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich +verscharrt — einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das +Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch +strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt +treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine +»Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen, +hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> Bureaus der +Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten +Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte +es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt +bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen +Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es +sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste. +Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am +Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre +Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu +vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte +sie bei Vadder und Mudder — und hatte immer ein paar Mark übrig, um +den Eltern eine unerwartete Freude zu machen.</p> + +<p>Ja, Antje —! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen +Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und +gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des +arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer +der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der +stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus +gefunden haben müßte —? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen +Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt +hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger +gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben +in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis +Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der +Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener, +hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben — und es nicht einmal zum +Kranführer bringen — oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen, +wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte +...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben +Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem +Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen +der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige, +altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern +geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen, +glückseligen Lächeln:</p> + +<p>Ja, meine Antje —!</p> + +<p>Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm +er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde +lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang +still: Das war — Tedje —!</p> + +<p>Er sprang die letzten Stufen hinan — riß die Tür auf und — hal mi de +Düwel — dei Jung —!</p> + +<p>Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf +den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...</p> + +<p>Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie +knackten.</p> + +<p>»Junge, wo sühst du ut — as 'n Russ' — mit 'n groten Bort ...«</p> + +<p>»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder — ick bring dei grote +Heilslehre ut'n Osten mit — Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok +Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme +sang er den Trutzgesang des Radikalismus:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Jetzt bringen wir der Welt</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">die rote Seligkeit!«</span><br> +</p> + +<p>Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr +nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur +Kaffeekanne, um seinem Letzten,<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> seinem Einzigen, einzuschenken. Da +klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...</p> + +<p>»Na nu? Wat's dit —?!«</p> + +<p>Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein +altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik +machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte, +war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als +unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten +kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich +... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn +sich neigen mußte ...</p> + +<p>»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus — Clos Mönkebüll +heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft — öber +freuher hebbt wi uns nich kennt ...«</p> + +<p>Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme +aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter +auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und +in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk +gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft +nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der +Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener +zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen — +und in der Regel auch im Leben zusammenhält.</p> + +<p>Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen, +fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer +... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und +Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen +die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im +Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit +unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> + +<p>Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür +geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort +zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser +Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen — ihr schlug +das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er +war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister +beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für +Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun — war es möglich, +dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch +die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber +einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte — war's nicht noch ein +viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber +ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte +kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die +schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es +entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig, +übungsentwöhnt und hart das Spiel — es strömte dennoch von da drinnen +eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich +nicht entziehen konnte.</p> + +<p>In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang +waren die Lauscher im Bann — dann schloß Antje dem Bruder von hinten +mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen.</p> + +<p>Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der +damenmäßigen Erscheinung der Schwester — dann glühte in seinem Blick +etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:</p> + +<p>»Gottverdammi — Antje — Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte +seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie — aufatmend +machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und +scheu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p> + +<p>»Willkamen, Tedje — endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder +hebben!«</p> + +<p>Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an — doch +ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter +starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein +Kamerad — aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge — eine +kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen — und die Rechte, die er +schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte, +diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens +Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein +Heiligtum.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>4</h3> +</div> + + +<p>Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein +Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der +offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der +Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche +standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des +älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten +Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt, +ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen +der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei +Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten +die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote +Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...</p> + +<p>Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter. +Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich +unbewegt — nur seine fest zusammengekniffenen<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Lippen, von tausend +Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast.</p> + +<p>Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn +hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals +von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen +die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein +feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen +Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen +Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe« +angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.</p> + +<p>Und nun geschah's:</p> + +<p>Die schwarz-weiß-rote Fahne sank — und an ihrer Statt stiegen die +Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues +Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht +von Siegestrunkenheit — Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger +Selbstgefälligkeit sich spreizend — und im Schutze der drei Gewaltigen +das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des +nackensteifen Belgien — sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten +von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies +eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über +den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen +inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch — die +Farben des Reiches waren erloschen.</p> + +<p>Der »Altreichskanzler« war verloren — das letzte Schiff der deutschen +Handelsflotte — das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und +Wagemutes.</p> + +<p>Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie — der weiland +ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<p>Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein +Lebenswerk war zerbrochen — und mit ihm sein Leben.</p> + +<p>Ein einziges Mal schluchzte er auf — kurz und trocken. Da löste sich +das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem +Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des +Schwiegervaters zuckenden Nacken.</p> + +<p>»Mut, Papa — Mut — wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe — Heinz +ist da ...«</p> + +<p>Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich +an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um +sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er +weiterschlummern — der Genesung, der Zukunft entgegen.</p> + +<p>Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich +bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank +nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep +hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die +Übernahme war vollzogen.</p> + +<p>Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße +Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den +umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin +dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft +durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war +— kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder +zuzustreben — und schwebte von dannen — immer ferner, ferner — ins +Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche +Traum von Größe und Weltgeltung.</p> + +<p>Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und +bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand +die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete +auf ihrem weißen Gesicht, in<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> ihren blauen Nordlandsaugen. Immer +höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr +Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß +des entschwebenden Schiffes — er maß die breite Fläche des +schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken +purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg.</p> + +<p>Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings +glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden +schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung — die Gewißheit der +Wiedergeburt.</p> + +<p>Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem +abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse, +welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der +»Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit +raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche +zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang — am Fuße der Treppe stehend +schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor — das +ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines +Chefs.</p> + +<p>Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt +wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur +selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht. +Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit +einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der +Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da +hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor +und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit +war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft +hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um +eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem +Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den +blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und +arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr +täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu +pflegen.</p> + +<p>Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen +Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem +ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der +jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten +war ...</p> + +<p>Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung. +Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen.</p> + +<p>Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes, +voll gemessener Zurückhaltung — und doch auch er gebannt von diesem +herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an +dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum +Deiche hinan — und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des +Augenblicks.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Good evening</em>, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit +weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von +Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten +und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?«</p> + +<p>Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf +Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden +internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm +begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen +der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer +Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen +geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson +auf mancher<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork, +Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese +verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft +zertrümmert.</p> + +<p>Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames +Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit +seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark +aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe +seiner Verzweiflung entgegen.</p> + +<p>»Herr Patterson — Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«</p> + +<p>»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe, +»ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen. +Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen +in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet — ich +möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie +erlauben — auf Wiedersehen morgen früh!«</p> + +<p>Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner +ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen +Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem +»Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg +mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb, +um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.</p> + +<p>»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem +Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte — der söffe jetzt +Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine +Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H. +T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen +Mitarbeiter<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> vertraulich die Rechte entgegen — er drückte sie, daß das +Mädchen lachend ächzte.</p> + +<p>»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?«</p> + +<p>»Danke, Timmermanns —« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«</p> + +<p>»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte +gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen +die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer +vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in +Auftrag geben wird.«</p> + +<p>Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande. +»Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme. +»Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will — ich passe.«</p> + +<p>»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung +des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte <em class="antiqua">a conto</em> +Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert — das +Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott — wie das Reich.«</p> + +<p>»Aber das ist ja bankrott?«</p> + +<p>»Solange es noch eine Notenpresse gibt« — grinste Timmermanns — +»solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes +gelten — solange ist das Reich nicht bankrott.«</p> + +<p>»Das Reich — wer ist das Reich?«</p> + +<p>»Die provisorische Regierung.«</p> + +<p>»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder +aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.«</p> + +<p>»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der +Futterkrippe herausholen müssen.«</p> + +<p>»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen +dazwischen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es +laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden. +Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und +meinen Dampfer?«</p> + +<p>Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein +Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen — heute abend ... Aber +nicht im Bureau — speisen Sie mit uns — Sie, Freund Carstensen, +und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um +unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns +— im Wagen ist Platz.«</p> + +<p>Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse +heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich +in Villa Freimann melden.</p> + +<p>Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb +zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.</p> + +<p>Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns — +so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen +dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn +gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die +Hansa-Transatlantik-Linie?</p> + +<p>Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der +Konkurrent von drüben ...</p> + +<p>Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das +Sternenbanner Platz.</p> + +<p>Schwarz-weiß-rot war niedergeholt.</p> + +<p>Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht +an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder +niederzuholen.«</p> + +<p>Es war niedergeholt — aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es +eingerafft.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + +<h3>5</h3> +</div> + + +<p>Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz +Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch +das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe +zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein +tiefes Dunkelgrün — nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf — +jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün — und sieh — da +entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche — versank noch +einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels — +und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum +überstiebt — bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«</p> + +<p>Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die +Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die +Vergangenheit — das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart +— die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft — über allem +die Gnadensonne: Ilse ...</p> + +<p>Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer +wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt +aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel, +der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe — seiner +Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt +seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer +entgegengebrodelt hatte — würde sie nicht höher, immer höher steigen, +unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem +unglückseligsten aller Länder?!</p> + +<p>Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen +feindlicher Handelsschiffe versenkt — hatte nicht gezagt, wenn das +dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> seinen empfindlichen Tauchkahn +in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an +die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den +Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und +in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war +das möglich?!</p> + +<p>Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die +Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen — aber +es reichte nicht. Was — wollten diese Menschen? Was wünschten, was +erträumten sie sich?!</p> + +<p>Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was — liebten diese +Menschen?!</p> + +<p>Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb +bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden +Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war +unsauber, geistlos, eintönig — aber sie gab ihnen doch Nahrung, und +sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht — oder +wenigstens nicht mehr — sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem +letzten Kampfe — der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber +Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott, +Heiland, jenseitiges Leben — liebten weder Engel noch Heilige, nicht +die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine +Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen, +ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!</p> + +<p>Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde, +die ihn am Morgen bespien und entehrt — auch in ihr erkannte er +die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was +sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft +immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg — war oft +von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> den »Kerls« +getadelt worden — und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht +aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich. +Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er +Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse — und die linkischen +Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm +Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm — ihm mußte solches Willkommen +geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll — das wollte studiert, +erkannt, begriffen sein ...</p> + +<p>Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der +Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage. +Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der +Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war — in diesen Abgrund würde +er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und +grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...</p> + +<p>Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein. +Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie +ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das +verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter +vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine +Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen +Kriegsmaschine. Aber — Dame war sie geblieben, Tochter aus altem +Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die +vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie +mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht. +Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein +flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten — über diesem +schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die +blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate +der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> und +wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich — seine Ilse?! Er +konnte nur ahnen — und hoffen.</p> + +<p>Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden, +überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar +wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses +Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und +aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...</p> + +<p>Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben +dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider +sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl +— der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten — ein +Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der +Braut Gruß an den Erwachenden ...</p> + +<p>Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine +Lippen, legte sie auf sein Knie — und dann hob er voll Andacht das +herrliche Instrument an sein Kinn — führte mit prüfendem Strich den +Bogen über die Saiten — sogar gestimmt war sie! — und dann schwollen +Töne durch die stummentrückte Kammer — die Geigenstimme des Adagio aus +jenem Beethovenschen Streichtrio ...</p> + +<p>Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat +auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes +Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen — setzte sich +still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz +und Auge.</p> + +<p>Ja — das war noch da — das lebte — das hatten sie uns nicht nehmen +können, konnten es nicht ...</p> + +<p>Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine +Flotte gegeben hatte — das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk +zerstoben, der stolze Traum verweht war ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Das war ewiges Deutschland ...</p> + +<p>Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna — schwebte heran +wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt — und zog des Sohnes +zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.</p> + +<p>»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ — der Vater, Papa Carstensen, deine +Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen — und dann werden wir +glücklich sein ...«</p> + +<p>»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der +Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene, +zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut +emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein — das ist vorbei ...«</p> + +<p>»Still — still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben — ist das +nicht Glückes genug?!«</p> + +<p>Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz — nein, du gütiges +Mutterherz — für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht +leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk — +der kann nicht leben ohne Vaterland ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den +Wänden grüßten kostbare Bilder — Meisterwerke der Oswald Achenbach, +Trübner, Kalckreuth — sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in +kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte +sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der +Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten: +ungleich verteilt seien des Krieges Lasten — der Reiche habe sich noch +immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das +tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...</p> + +<p>»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen +Worte lieh.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<p>Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des +Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink — die legte die +Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der +Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn +— schon griff er zu Geige und Bogen — und bald entschwebten die +Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in +zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu +ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument, +um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom +erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit +wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der +Rheingauberge.</p> + +<p>Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander +einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte. +Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses +— durfte er in dieser Stunde tändeln?!</p> + +<p>Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer +Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches +Arbeitsgemach führte — zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne, +seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter +Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt — darunter ein +»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte +Wogen hinausstürmt ...</p> + +<p>Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.</p> + +<p>Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr +einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er +respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte +jetzt das erste Wort.</p> + +<p>Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> +Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben +Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen +können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen +Handelsschiffsbaues — denn etwas anderes komme ja — vorläufig! — +nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) — +durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der +Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der +Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch +erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern +bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange +gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ... +Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter +schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe, +keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps +fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord +nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse +gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche. +Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die +Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen +Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue +Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik, +deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei. +Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der +Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt +hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen — und +der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das +verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur +Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das +zwinge von vornherein zur Beschränkung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen +Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der +Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich, +daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung +stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der +jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der +Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei +es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft +durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen +auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der +internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der +Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die +Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein +werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.</p> + +<p>Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen +Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit, +doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und +zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt +hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der +zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut +herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn +eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg +Freimanns Züge getreten.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle +Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch +meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen. +Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt, +Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines +Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.</p> + +<p>»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat +sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich +seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft +entgegensehen lassen. Aber — — wir halten Rat — er musiziert.«</p> + +<p>»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.</p> + +<p>Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um +seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:</p> + +<p>»Gestatten Herr Präsident, daß ich —«</p> + +<p>Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des +Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem +Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger +— und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse +Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da +nicht aus dem Felde schlagen sollte ...</p> + +<p>Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür +auf und platzte mitten ins Spiel hinein:</p> + +<p>»Herr Kapitänleutnant — Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«</p> + +<p>Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten +die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit +disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.</p> + +<p>»Gut — entschuldige, Ilse.«</p> + +<p>»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt — auch sie war durch vier +Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen. +Und nur Frau Johanna blieb zurück — einsam, verstört, von wirren +Ahnungen und Ängsten bedrängt.</p> + +<p>Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> wies +Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an +des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die +Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.</p> + +<p>Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise +beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen« +auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte +»Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen — Tanks, deren Inneres mit dem +Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das +Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.</p> + +<p>Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die +Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in +Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und +zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit, +Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der +neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »<em class="antiqua">democratic +ship</em>« ...</p> + +<p>Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der +Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden +Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß +mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte +Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs +neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der +deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des +daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.</p> + +<p>Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen +hingen an Georg Freimann.</p> + +<p>Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender +Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich +fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen. +Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie — die +Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen +Haar ein Jüngling — an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes, +und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie +die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu +beantworten, ist an dir.«</p> + +<p>Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.</p> + +<p>»Vater — ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ — eigentlich +sogar —« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor +dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war +— »eigentlich sogar deren vier. Aber — wo ist Ihre Armee, meine +Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner Stirn. +Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so empfängt?!«</p> + +<p>»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk — bei uns — und +übrigens in aller Welt. In Dock nehmen — gründlich überholen — das +Verrostete in den Schrott — neue Teile einsetzen! Frisch lackieren — +und das Schiff wird wieder flott!«</p> + +<p>»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank — ist morsch +bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft? +Es muß von innen aufgebaut werden — ganz neu. Es ist ein Haufen +Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache — keine Nation. Was helfen +uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen +erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken +des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn +Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker +Deutschland erneuern zu<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> können. Vielleicht auch das gehört dazu — +aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk +nicht verstehen — nicht kennen — und darum nicht führen können — die +Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«</p> + +<p>»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer +Volksversammlung — oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt haben?!«</p> + +<p>Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf +die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte +er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter +anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer — ein Tatsachenmensch. Dein Vater +braucht einen Mitarbeiter — und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine +Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst — und du stellst dich nicht an +deines Vaters Seite — und kämpfst, solange du einen Atemzug in der +Brust hast?!«</p> + +<p>»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem +andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich +bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen, +wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn +ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals +werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden +sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«</p> + +<p>»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine +Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der +sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«</p> + +<p>»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ... +Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht +ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn +des alten Getriebes, an dessen Ende diese<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> schreckliche Katastrophe +gestanden hat — damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie +nichts schaffen können — die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem +zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem +Kriege da — er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt +geworden — eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer +Höllenglut emporgeschürt — die kommende Not wird ihn zu noch weit +gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt +haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so +angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen — +eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen +unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins — daß eine einfache +Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und +Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden +— nicht neue Schiffstypen — neue Menschentypen tun uns not.«</p> + +<p>»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten +Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch +und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren. +Was beabsichtigt die Linie zu tun?«</p> + +<p>Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann +sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das +Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung — und +später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre +Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns, +entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren +— und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle +mich ein wenig angegriffen — Sie werden das verstehen — nach den +tragischen und — na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«</p> + +<p>Heinz hatte Ilses Auge gesucht und — nicht gefunden. Es<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> blieb auch +abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber +straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.</p> + +<p>»Ilse —!«</p> + +<p>»Du bist müd', Heinz — das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das +Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen — der gemeinsame Zug +dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen — den Erben +der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus +Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter +Johanna und flüsterte ihr zu:</p> + +<p>»Gib acht auf Papa, Muttchen — ich hab' Angst um ihn ...«</p> + +<p>Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter +verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten +Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt +— überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da +drinnen saß ein Einsamer — und der war ihr Lebensgefährte ... sie +hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie +ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte — seinem +Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!</p> + +<p>Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem +sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem +Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus +innersten Tiefen sprach: Schuldig — du bist schuldig!</p> + +<p>Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte +— so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und +berufen war — — das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...</p> + +<p>Daß der da drinnen einsam war — einsam in dieser Zeit, die den +Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Lebenssiege +über sein aufrechtes Haupt beschworen — das war ihre, das war der +Gattin Schuld ...</p> + +<p>Nein, Georg — einsam sollst du nicht länger sein ...</p> + +<p>Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und +schrieb — oder hatte wenigstens geschrieben — eine einzige Zeile nur +... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau +trat behutsam näher — der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten +Gang zur Unhörbarkeit.</p> + +<p>Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.</p> + +<p>»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und +ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih, +verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht +... Komm — wollen alles zusammen tragen — alles zusammen ...«</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>6</h3> +</div> + + +<p>Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern, +Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand +er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten +und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner +Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika +an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige +Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen +gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter +Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven +Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen +Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der +Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Monarchisten, war +einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten, +durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der +umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin +angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose +schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.</p> + +<p>»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures +Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag, +wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor +vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß +auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen +ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote +Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«</p> + +<p>»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...« +brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die +Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als +eure Komplotte gegen die Republik — die übrigens auch von mir aus der +Teufel holen kann.«</p> + +<p>»Na also — in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte +Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit +freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für +die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen +mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas +über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und +begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die +roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle +Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«</p> + +<p>»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in +Unkosten gestürzt hättest.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«</p> + +<p>Aus der Hülle entschälte sich — ein vom Kriege stark mitgenommener +Karabiner ...</p> + +<p>»So — und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen +vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit +<em class="antiqua">S</em>-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«</p> + +<p>»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben, +um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige +<em class="antiqua">U</em>-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du +willst die alten niederknallen!«</p> + +<p>Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das — der einstige +<em class="antiqua">U</em>-Bootwüterich?«</p> + +<p>Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner +Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen +Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh +aufzusuchen.</p> + +<p>»Na — und dein Dank für das da?«</p> + +<p>»Ach so — bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht. +Wieviel brauchst du mal wieder?«</p> + +<p>»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da +nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so +hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein +kostbares Leben erhalten!«</p> + +<p>»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste +und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel +schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ... +Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ... +Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«</p> + +<p>»Immerhin — du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin. +»'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ...<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Schöne Bescherung, wenn +Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«</p> + +<p>»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate, +dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein +Jungeken — das ist der beste Wiederaufbau!«</p> + +<p>Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer — der Ingenieur in seinem +Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.</p> + +<p>Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert +— dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt — oder ich, der ich +mit dir und für dich arbeite und schaffe?!</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>7</h3> +</div> + + +<p>Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und +verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem +vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat +ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber +mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen +Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt +und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein +Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in +Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den +Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten, +bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die +Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas +Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als +Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.</p> + +<p>Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> den Weg +verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter +begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare +Patrizierin.</p> + +<p>»Sie wünschen?«</p> + +<p>»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die +Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien +Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht! +Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat +Richtige op de Duer ...«</p> + +<p>»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.</p> + +<p>»Du —?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so +grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd, +dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog, +du smucke Vagel, du!«</p> + +<p>Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock +beiseitegezerrt:</p> + +<p>»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«</p> + +<p>Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:</p> + +<p>»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand —!«</p> + +<p>Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:</p> + +<p>»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«</p> + +<p>Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck +erstarrten.</p> + +<p>Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den +Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.</p> + +<p>»Respekt, du Lümmel!«</p> + +<p>Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn, +dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den +Faulen und Unfähigen war — und der<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Sohn des Kranführers, dem +der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die +Fortbildungsschule.</p> + +<p>»Och — Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter +Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin: +»Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken, +wen du vor di hest ...«</p> + +<p>Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen +schwelte der Pariagrimm.</p> + +<p>»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«</p> + +<p>»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges +Fräulein —«</p> + +<p>»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich +mehr ... Mien Kam'roden in Rußland —«</p> + +<p>»— haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der +Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung — öber +wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor +dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien +Knoken tau Mus, versteihst mi?!«</p> + +<p>Ilse lachte.</p> + +<p>»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens — hör' ich +— der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und +aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch +mir willkommen — ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was +macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie +sie recht schön von mir ...«</p> + +<p>Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt — +die Feine, die Aristokratin — die ... verdammt — die Schöne —?</p> + +<p>Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er +sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns +mit ihr gehen — ein Arbeitersohn<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wie er selber?! Und wie sie den +angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken +Tedje — den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.</p> + +<p>Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.</p> + +<p>»Mien Kam'roden in Rußland — — Verdammi —!« brüllte er plötzlich auf +und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe +zum Bureauhaus hinanschritt.</p> + +<p>»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen +zuckende Schultern. »Nix vör uns.«</p> + +<p>»Verdammi, Jung — doch!« knirschte Tedje Tietgens.</p> + +<p>Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem +verblüfften Portier vorbei — und wandte der Werft den Rücken.</p> + +<p>Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.</p> + +<p>»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r +Arbeit?«</p> + +<p>»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi — un du mit — +versteihst mi?!«</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>8</h3> +</div> + + +<p>Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten +beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten. +Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem +Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »— zur +Sicherheit gegen Rückfälle!«</p> + +<p>Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht — gestärkt vom +Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in +ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild +ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte. +Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und +ihm<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete +nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den +Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan +für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze +weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie, +erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.</p> + +<p>Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame +Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T. +L.-Gebäude.</p> + +<p>»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«</p> + +<p>Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...</p> + +<p>Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.</p> + +<p>Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's +minder glänzend aus:</p> + +<p>Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...</p> + +<p>Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation — wie dies ganze +zertrümmerte Deutschland ...</p> + +<p>Lloyd George hatte recht behalten. Den <em class="antiqua">knock out</em> hatten sie weg, +diese zähen Burschen.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Good morning</em>, Freimann — ah, auch der <em class="antiqua">captain</em> ... nun, +Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«</p> + +<p>Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.</p> + +<p>»— Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie +und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer +— die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat +ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder +die Alten sein miteinander?!«</p> + +<p>»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr +Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich +aus.«</p> + +<p>»Gut — also, Herr Freimann — die H. T. L. hat ihre sämtlichen<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> +Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie +besitzt noch Werte — für die sie selber keine Verwendung mehr hat. +Vor allem diesen Bureaupalast — er ist wundervoll ausgefallen, Herr +Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum +letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle — und +das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais — ich habe sie +mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich +aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern +Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen +Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und +selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles +müßten Sie nun einzeln — liquidieren — wie wär's, wenn Sie das Ganze +in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre +kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus. +Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung +einen Mindestpreis festsetzen.«</p> + +<p>Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern +aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands +Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick +auf das Gesicht seines Sohnes.</p> + +<p>Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die +Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine +Prüfung.</p> + +<p>»Mein Sohn — du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um +deine Meinung.«</p> + +<p>Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf +die Probe stellen wollte — daß eine Entscheidung über mehr noch als +über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt +wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>Oh — wer jetzt den Glauben hätte — diesen kindlichen, phrasenseligen +Glauben jenes Timmermanns — der als Techniker ein Genie des Verstandes +und Wissens war — und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger +seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu +sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller +gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am +besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland +zu begraben — und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den +deutschen Menschen aufzubauen?!</p> + +<p>»Vater — — ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste +Erwägung zu ziehen.«</p> + +<p>Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten. +Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:</p> + +<p>»Ich bin anderer Auffassung.«</p> + +<p>Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die +Stirn.</p> + +<p>»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den +ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir +beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben — sonst — würde ich +— — Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens +gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte — +der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T. +L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner +den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse +nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren, +Herr Patterson — tot ist er noch nicht — der gerupfte, wehrlose +Adler.«</p> + +<p>Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte +Hansegeist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um +seine schmalen Lippen.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Well</em>, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch +nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer +Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich +werde zurückfahren über den großen Teich — und abwarten. Entweder +Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem +Vaterlande — dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der +großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen +kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre +stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten +— dann kann ich Ihnen vielleicht in — na, sagen wir in einigen +Monaten — einen anderen Vorschlag machen — einen Vorschlag, der +Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird +— ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu +kränken. Inzwischen — <em class="antiqua">good bye</em>, Mister Freimann — <em class="antiqua">good bye, +captain</em>!«</p> + +<p>Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz +wortlos das Arbeitsgemach — mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das +ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf +sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen +... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.</p> + +<p>Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die +rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen +Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber — ohne +eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann +nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.</p> + +<p>Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht +allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen +hinüber — halb unbewußt nahm sein<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> verwüstetes Gehirn den Eindruck von +etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren +sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?! +Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte +selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin? +und wozu? Und Ilse —? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!</p> + +<p>Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse +hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin +auf und schaute hinaus. Aha — wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal +galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch +wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben +waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler. +Meinetwegen weg damit — nur, daß in der Regel dabei auch die +Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein +blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von +Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die +kannte sie.</p> + +<p>Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche +Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt — ein anscheinend +betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte +unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen. +Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft — zur +Arbeit zurückgekehrt wähnte.</p> + +<p>Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht? +Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.</p> + +<p>»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«</p> + +<p>Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.</p> + +<p>»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl +nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang.<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Sehen Sie bloß diesen +Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre +lang für Kaiser und Reich geschlagen — nun reißt er mit eigenen Händen +das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren +Feinden in den Kot zu zerren!«</p> + +<p>»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.</p> + +<p>»Ihr — verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie —«</p> + +<p>»— ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in +Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie +und ... Ihre Klasse es angefangen hat — so freilich nicht.«</p> + +<p>Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz +Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...</p> + +<p>»Also, was haben wir falsch gemacht?«</p> + +<p>»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose +Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten. +Schönheit — Seele —! Sehen Sie den da — ein schöner, starker Bursch, +tüchtig zum Leben und Schaffen — und hat seit seinem vierzehnten Jahre +nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei +Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck +des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«</p> + +<p>»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen +seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit +schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig? +Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß — tun, weil er +nichts anderes gelernt hat — hat der darum das Recht, sich dem Suff +und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten — unzählige +seinesgleichen haben's vermocht — sie waren Proletarier,<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> sie wurden +Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des +Aufstiegs zu finden.«</p> + +<p>»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte +das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht — so wenig wie die Tausende +von uns, die ewig drunten bleiben müssen — in der trostlosen Tiefe. +Dann hat er in den Krieg gemußt — für das Vaterland, das ihm nicht +mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine +jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden — hat +er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern +Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem +Leibe gefressen hat?!«</p> + +<p>Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge — war es Haß — oder +verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im +nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.</p> + +<p>»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie +abschließend. »Ich — will darüber nachdenken.«</p> + +<p>Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser +militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und +lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz +gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten. +Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der +Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.</p> + +<p>»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so +will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter +Ferne.«</p> + +<p>»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der +Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte +vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen — die Herrschaft des +Gesindels müsse gebrochen werden<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> ... Die Novemberverbrecher weggeräumt +— sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der +Presse, der Politik — damit Raum für den Retter werde.</p> + +<p>»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«</p> + +<p>»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die +Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben — also mit allen.«</p> + +<p>»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen. +»Ich war selber Défaitist — und heute bin ich im Begriff, etwas zu +werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist —«</p> + +<p>»Ich — verstehe nicht ...«</p> + +<p>»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte +eine verabschiedende Verneigung.</p> + +<p>Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige +Verachtung im Blick.</p> + +<p>Armes Deutschland! dachte Heinz.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>9</h3> +</div> + + +<p>Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie +hinter einer Eiswand.</p> + +<p>Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins +kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte +er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem +Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm +gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch +ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem +Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer +Mithelfer seiner Pläne werden — das sei Sohnespflicht — nicht mehr +und nicht weniger.</p> + +<p>Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> zu machen, +was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht — wieviel weniger +konnte er sich andern erklären.</p> + +<p>Ach — und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns — das war ihr +drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt — Bob Timmermanns würde +in diesem Falle sagen — —</p> + +<p>»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt +oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«</p> + +<p>»Und wohin soll der führen, Heinz?«</p> + +<p>»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues +muß werden — neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle — neue +Ideale mit einem Wort ...«</p> + +<p>»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was +uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze —«</p> + +<p>»— sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.</p> + +<p>Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren — hatte sie schon +verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte +aufschauen zum Manne — Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie +schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.</p> + +<p>Sie hatte verglichen — und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...</p> + +<p>Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit — das war das Zauberwort, +das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele +schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten +Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und +Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende +Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens +zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen. +Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas +anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu +dienen ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> + +<p>Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe — Schiffe — Schiffe +... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt +all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben +umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...</p> + +<p>Eine andere Stimme war ihm erklungen — auch eine Mädchenstimme. +Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind — aber sie hatte das Wort Arbeit +ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...</p> + +<p>Und ihre Lebenslosung — wie hatte die gelautet? Schönheit — Freude — +Seele ...</p> + +<p>Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit — und eine +aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden — die +forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren — und +für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...</p> + +<p>Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um +Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies +Hamburg, dies Deutschland — zwei Welten, zwischen denen es keine +Gemeinschaft mehr gab — keine mehr geben konnte. Die Welt von +Harvestehude — und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie +nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen — zwischen ihnen +gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen, +in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines +Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.</p> + +<p>Und Heinz war heimatlos geworden — in jener der beiden Welten, aus der +sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch +völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die +sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> + +<p>Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel — — +vielleicht eine Aufgabe — eine Mission ...</p> + +<p>Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte, +je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser +seiner Welt zu verschwinden — und in die andere hineinzutauchen ... in +jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:</p> + +<p>»Freude — Schönheit — Seele — alles habt ihr uns versagt ...«</p> + +<p>Aber — war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende +nur die eines einzelnen Herzens — eines Herzens, das herausgewachsen +war aus der Sphäre seiner Abkunft — ohne in der andern Wurzel fassen +zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der +Arbeit genannt hatte — war sie vielleicht derselbe Fall wie er — nur +umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so +gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern — weil jene andere, +jene da oben, sich an ihr versündigt hatte — oder hatte jener andere +recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft +so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!</p> + +<p>Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor — ein +Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner +Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten — der aber für den Sohn des +Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes +bedeutete. Wie — wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich +frostiger ausschied — wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ... +verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile +mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten, +scheinbar ungegliederten — — Unterwelt?!</p> + +<p>Wer wird ihn vermissen — sich um ihn bangen — nach ihm forschen, ihn +zurücksehnen?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>Ach — fast blieb nur noch die Mutter — und auch die mehr aus +Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues +Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr +der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen — sondern +der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!</p> + +<p>Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit +schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft +des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen, +Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit, +der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange +Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon +verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte +bangte ...</p> + +<p>Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft — ein Abtrünniger +— ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein +tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet — gebrochen +— »mit den Nerven zusammengebrochen« — im günstigsten Fall ein +Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer +des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter +zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden — oder man mußte +ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu +rasch aufgestiegenen Familien — die ließ man laufen, und wenn sie's +gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber +zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.</p> + +<p>Heinz durchschaute sie alle — alle, seine nächsten, seine liebsten +Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.</p> + +<p>Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> sie war aus +ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer, +die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung +mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft +zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an +regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit +bewährte sich — man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser +erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel +begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus +über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden +fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne +Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur +Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu +veranlassen.</p> + +<p>In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der +Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft +persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten +sie Ilse bestellt — sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau +Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.</p> + +<p>Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung, +Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der +heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns +... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren, +bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte +heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft +der neuen Pläne.</p> + +<p>»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut +abend gehört er doch eigentlich dazu!«</p> + +<p>»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das +läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Abend zu Haus und rechnet +über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an — ohne Bob Timmermanns +geht's nicht!«</p> + +<p>Schon war sie von dannen.</p> + +<p>Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten, +geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus, +lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat +im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters +sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten +Festschmaus teilzunehmen — des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch +den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut +vorbei, die ihn gar nicht bemerkte — und stieg zu seinem Zimmer hinan. +Ihm war, er hätte alles verloren — Elternhaus und Liebe.</p> + +<p>Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in +dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken — verschwinden aus dem +Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war — untertauchen +in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war +hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte +er längst übersonnen.</p> + +<p>Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform +noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg. +Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe +hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte! +Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.</p> + +<p>Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag, +auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden, +wenn er fortgegangen war ...</p> + +<p>Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse — — +ich habe dich geliebt — geliebt als das Lichte und Klare in einem +dunklen, verworrenen Leben ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<p>Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's +gefunden. Bei einem anderen gefunden — — vorbei —</p> + +<p>Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend — es war keine Wehmut +drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut — +abgestorben, schmerzlos.</p> + +<p>Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der +Stradivarius — die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere +Welt ... Aber ohne Geige — nein. Die war seines besten Wesens ein +Stück.</p> + +<p>Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht +kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte. +Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen, +seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in +Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:</p> + +<p>»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um +mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach, +das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«</p> + +<p>Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa, +auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus — es goß in Strömen. +Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der +er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers +Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender +Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden +Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden +Alster — nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von +der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...</p> + +<p>Elternhaus — Liebe — ade ...</p> + +<p>Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2> +</div> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>1</h3> +</div> + + +<p>Im <em class="antiqua">D</em>-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen — Georg +Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung +und Groll.</p> + +<p>»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit +einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen. +»Dieser — na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend — +gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um +nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren — und sich in der Sonne +der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«</p> + +<p>»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,« +entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich +aus — damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen +habe.«</p> + +<p>»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte +der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert. +Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber +diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen +einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre +politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten, +etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher +auszudrücken.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<p>»Nein — das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine +Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur +mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen — das ist der Vorteil +der Linie. Heute wie je.«</p> + +<p>»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben — dadurch, daß +Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das +hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das +Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H. +T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude +zumachen.«</p> + +<p>»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg +Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen +bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn +dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte — und den +rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die +Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für +die nationalen Aufgaben zu haben ...«</p> + +<p>»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit +grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie +werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«</p> + +<p>»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des +Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«</p> + +<p>Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte +Herr hatte recht ...</p> + +<p>Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der +deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und +Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der +Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen, +der Tausende von Menschenleben,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> die unmittelbar von ihren Entschlüssen +abhingen — des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen +seinen Söhnen gebieterisch forderte — und von den Führern am meisten.</p> + +<p>Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste. +Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung +niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an +dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er +ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.</p> + +<p>»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt +nicht entzweien — wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und +auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also +Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer +von dreitausend Tonnen bauen — und ab und zu mal einen neutralen +Auftrag größeren Umfangs ergattern — dabei kann die Werft nicht +bestehen. Und auch abgesehen davon — ich müßte danken. Liquidieren, +Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf — Großes schaffen, wie +ich's gewohnt bin — dann lieber Schluß!«</p> + +<p>»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.</p> + +<p>»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte +Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen, +aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist +seine Sache.«</p> + +<p>»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der +Herr Präsident recht: was tun?«</p> + +<p>Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte +der Linie — und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen, +wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L. +sei jetzt bereit,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva +an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line +in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T. +L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner +weiterzuarbeiten — für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe +der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab — und ich für meine Person +würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende +weiter vegetieren dürfen ...«</p> + +<p>»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der +Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als +europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche +Industrie wird den gleichen Weg gehen — schließlich ist ganz +Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen +Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«</p> + +<p>»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht — noch nicht +... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil! +Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die +sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden +unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ... +Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie +begreifen, daß Schiffahrt not ist — Leben aber nicht!«</p> + +<p>In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's +mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden — es hatte dem zähen +Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach +auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner +arbeitenden Stirn geahnt:</p> + +<p>»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht +behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren +ganz gut so, so wie sie waren ...«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> + +<h3>2</h3> +</div> + + +<p>In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann +von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete. +Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen. +Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere +Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine +Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst — um ihre vier Ränder +zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für +die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst +anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des +werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer +letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften +Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen — der heute morgen +vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war. +Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft +angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der +Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine +korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine +Aussage glaubhaft, daß er mit <em class="antiqua">U</em> 387, das während eines Vorstoßes +der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe +außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen +Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß +Anders Niemann.</p> + +<p>»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine +ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«</p> + +<p>Anders Niemann lächelte geschmeichelt.</p> + +<p>»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister.</p> + +<p>»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue.<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> »Doar hebbt +wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt +inschrieben ...«</p> + +<p>»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier +nich lang west.«</p> + +<p>Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling +stehen, um dessen Arbeit zu überwachen — dann klopfte er ihm derb auf +die Schulter.</p> + +<p>»Du brukst kein'n Oppasser mehr — mok man so wieder ...«</p> + +<p>Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch +um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste +angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks, +in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren.</p> + +<p>In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen +Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände, +in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß. +Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten +gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit +Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen, +dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ... +Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu +ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben +am St. Pauli Fischmarkt — man würde ja über kurz oder lang ein etwas +menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen — +der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche, +von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer +fremden Rasse — das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft +der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes +... Auf<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier. +Aber wie diese Menschen aßen — dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen — +daran mußte man sich erst gewöhnen ...</p> + +<p>Immerhin — Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all +der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene, +schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten, +in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes +durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der +Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem +Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches — keine +Ideen ... Lohnfragen — nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen +lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß +heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei +früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß +es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand +... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit +fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann +lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des +Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse +schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben.</p> + +<p>Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders +Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er +seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den +Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp« +und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der +Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...</p> + +<p>In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle +wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann +»versenkte« weiter seine Nietlöcher.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Immer die gleiche Bewegung, das +gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der +Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne +packten zu — rrrr — das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das +Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis +endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann +im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der +vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun +der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen +Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem +Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit +sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das +ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins, +aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben +gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend +nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie +ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns +Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig +— sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige +Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten +es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was +die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und +dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt, +ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen +können —?!</p> + +<p>»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten, +der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines +Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm +Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden +— rote Papiergirlanden,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> rote Fähnchen an den Wänden — am Klavier +ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger +Jüngling mit der Geige — zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten +Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar — die Söhne und Töchter der +»andern Welt«.</p> + +<p>Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und +beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es +schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in +ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein +bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig, +sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu +schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend +nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen +und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze +Welt von Typen heraus — und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder +andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.</p> + +<p>Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er +schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen +rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen +am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören — nachlässig langte +er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin +von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf +Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei +brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien. +Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte +... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ...</p> + +<p>Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien +unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man +ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p> + +<p>»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark +fohrt!«</p> + +<p>Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft — +einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem +Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von +einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen +standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das +Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel — ein merkwürdiger, +unvergeßlicher Kopf.</p> + +<p>In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund +einsprach — der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen +lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:</p> + +<p>»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege +Tied!«</p> + +<p>Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn +wie eine Puppe auf den Tisch — alles drängte herzu, der Tanzbums wurde +zur Volksversammlung.</p> + +<p>»Kam'raden — Genossen — Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem +Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von +eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was +wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der +Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine +Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige +Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren +angefüllt bis zum Bersten mit Haß — mit dem roten, glühentigen Haß — +gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un +vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität. +Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große +Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Welt ... und +denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un +unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie +kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren +— doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot +sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns +hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen +Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten +sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte +Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt +wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote +Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n +glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen — dat +dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein +Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner +... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt +... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt — un +in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken — un nach dem Götzen +Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In +diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!« +— —</p> + +<p>Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm +Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und +Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach +ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward +von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der +immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders +Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte, +irgend etwas schluchzte ... Er fühlte<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> die Echtheit und Tiefe der +Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig +herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer +Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte — nach etwas, dem sie +selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht +unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden +müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts, +die aus der Welt Goethes und — na, meinetwegen auch Napoleons, die +Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte — die Welt +der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ...</p> + +<p>Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem +Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wir bluteten vier Jahr'</div> + <div class="verse indent0">in Schlamm und Glut und Graus</div> + <div class="verse indent0">für Krone, Thron, Altar —</div> + <div class="verse indent0">nun ist die Knechtschaft aus!</div> + </div> + <div class="verse indent0">Was hoch und stolz, das fällt</div> + <div class="verse indent0">im Sturm der neuen Zeit,</div> + <div class="verse indent0">nun bringen wir der Welt</div> + <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div> + </div> +</div> + +<p>Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der +gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten, +und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten +Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen +Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten +seine Modulationen daher — von ihnen umrankt, schwang die neue Weise +wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen +Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der +nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien, +als wolle das<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Lied die Welt aus den Angeln heben — diese Greuelwelt +des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...</p> + +<p>Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den +Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu +löschen — da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen +Soldatenrock am Klavier sitzen — und immer noch glitten seine Finger +über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr +erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang +... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders +Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen — sie gingen in +eine Melodie über, die er kannte — eine Tanzweise ... aber nicht der +übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette — es war Webers +»Aufforderung zum Tanz«.</p> + +<p>Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum +Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine +aus der Hand, klemmte sie unters Kinn — und übernahm die Oberstimme +... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem +Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur +noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes. +Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten +Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der +fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des +Freischützsängers.</p> + +<p>Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender +Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes +geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten +durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim +lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern +gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit +eines naturverbundenen Genius.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> + +<h3>3</h3> +</div> + + +<p>Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg +Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der +Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines +Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung +von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der +Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten +Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die +Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins +Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.</p> + +<p>Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht +ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die +Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.</p> + +<p>In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den +Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der +Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen +Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute. +Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese +deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt +eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als +bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu +Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen, +seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.</p> + +<p>Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige +Hand — nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu +nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger +Machtüberfülle noch geblieben<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> war. Aber hinter dieser Hand stand +immerhin ein Menschenantlitz — nicht eine Larve des Hasses und +Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses +Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis, +eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den +unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der +Werft befeuerte?!</p> + +<p>Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits +und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen +Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der +Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig +geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten +nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs +neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren +wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten +der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn — und bekamen +sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand +mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.</p> + +<p>Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe +Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des +ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen +Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen +noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der +einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem +regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt +hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.</p> + +<p>Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen. +Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + +<p>Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit, +mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann, +diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite. +Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft, +befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch +Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo +Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.</p> + +<p>Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt, +daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle +ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein, +Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die +Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das +seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung, +drängte nach Erwiderung.</p> + +<p>Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen +Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das +Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute, +überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der +Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des +Menschentums emporgestiegen.</p> + +<p>Wäre Heinz geblieben — hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an +der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten +zu messen — vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache, +der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte +Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in +naivem Versagen getan — es war das klügste, was er hätte tun können. +Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die +Eindeutigkeit ...</p> + +<p>Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> das +immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr +zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester +hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den +Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in +Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr +der Ingenieur ihr imponierte — so war das nicht ganz ohne einen Hauch +von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen — hatte +es gemerkt. Und darum war er still gegangen — darum ... So mächtig ist +in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben, +daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt — was ihm +geschieht, was er leidet und handelt — ihre Liebe wähnt sich selber +die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des +Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...</p> + +<p>Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie +allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn +in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen — hatte in der plötzlichen +Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf, +die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte +sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos +zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen +getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke +das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für +Ilses Gewissen war — barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei? +Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß, +wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal +bedeutet — das ganze, das alleinige Schicksal ...</p> + +<p>Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war +erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des +Beisammenseins — ehe das große Mißverstehen<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> kam — waren die Seelen +einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von +den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne +getrieben — als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von +ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste +Ursache seiner Flucht gewesen — höchstens der äußere, fast zufällige +Anstoß ...</p> + +<p>Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob +ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine +Gegenwart ...</p> + +<p>Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war +dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der +Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über +das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>4</h3> +</div> + +<p>Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll, +sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens +hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des +Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die +drei Brüder Tietgens gehaust hatten — — von denen zwei in Frankreich +verscharrt lagen.</p> + +<p>Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse +geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit +ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim +gebracht hatten — es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens +taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn +hatte er längst aufgegeben — das war ein hoffnungsloser Radikaler<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> — +Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt — — auf +dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten — +das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen, +daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden +war.</p> + +<p>Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten +begreiflich machen zu können.</p> + +<p>»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß — +dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners! +— Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken +... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick +mästen — un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«</p> + +<p>»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei +Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken — Öwerst wenn ick dat utspreken +will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«</p> + +<p>Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken +ein wenig einfacher zu fassen ...</p> + +<p>Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu +erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater +Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht +schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt +... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen +für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine +Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen +keinem helfen würde — daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen +Brot und Nahrung gebe.</p> + +<p>Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor +allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen — und +deiht die mehrste Arbet — da mutt se ok die mehrste politische Rechte +hebben ... Wenn dat Volk tau<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> seggen hatt harr', denn harrn wi den'n +Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west +...«</p> + +<p>Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen +immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im +Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die +fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.</p> + +<p>»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp' +... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann +... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei +Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht +kriegen. — Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten +willen — öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n +Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't +Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! — Vadderland, +so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren +trecken!«</p> + +<p>Ja — das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte, +handelte — er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ... +und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und +Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem +Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt, +würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland +seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.</p> + +<p>Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje +der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:</p> + +<p>»Vadder — du büst nich in Rußland west — du kanns goar nich +mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg +jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sei dat Burschoapack tau +foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt — un denn eenmol mit'n +Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten — da +giwwt Luft vör't Volk!«</p> + +<p>»So — un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der +Alte bedachtsam.</p> + +<p>»Na — de Inschineure —!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten! +Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd +Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache +mehr as dei Handlanger un dei Nieters —!«</p> + +<p>»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt +—« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as +Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter +... dei brukt Bäuker — dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«</p> + +<p>»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken, +du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung, +will'n ein'n drinken — un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn +mit ehr slapen — kumm, mien Jung!«</p> + +<p>In diesem Augenblick öffnete sich die Tür — und eine junge Dame trat +ein — »Gu'n Abend, Vadder — gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«</p> + +<p>Plötzlich verstummte sie — und starrte den neuen Schlafburschen an wie +ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...</p> + +<p>Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen +Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:</p> + +<p>»Entschülligen S' man — ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten — +Ick bün Antje.«</p> + +<p>»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen +Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> der Vater, zuerst +verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte — »kiek di'n man gaud +an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen — en Nieter von de Werft! Un he +wahnt bi Muddern — un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos +Mönkebüll Klovier — dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine +Künstlerkonzert ...«</p> + +<p>Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll +linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:</p> + +<p>»Djä, Fräulein — dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in +de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«</p> + +<p>»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien +Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder? +Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«</p> + +<p>Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und +sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt, +lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes +Gesichtchen.</p> + +<p>Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde +vollzählig — denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder +täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll +Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen +Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.</p> + +<p>Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der +Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs +seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen — +einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so +abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei — eine Sekunde +lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht, +schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht +Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> + +<p>Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue +von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit +mit Tedje war auffallend — freilich nur im Gesicht. Die schlanke +Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten +Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ... +Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen — ging der +Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand — und mit dem rauhen Bruder +stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus +dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten, +kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester +war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch +kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein +darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft, +durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische +Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...</p> + +<p>Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig +hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit +aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber — +seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer +Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes +ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn +kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte +Anstarren ihr unbequem ...</p> + +<p>Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier — trat mit ins +Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten, +funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern +zusammengezimmertes Stehpult stellten ...</p> + +<p>»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann +der Haustochter zu.</p> + +<p>»Ja — aber die andern dürfen's nicht merken — ich nehme<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> niemals +Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und +erwarten Sie mich unten ...«</p> + +<p>Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten +Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie +spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas +doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er +sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie +ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf +seine Noten — ein banges Zucken um die schmalen Lippen.</p> + +<p>Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube +hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der +wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im +Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis — +das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen +— sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges +Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und +Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne +empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können — nicht im weiland +Kasino beim Damenabend — nicht einmal im Elternhaus — wie noch +jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so +entsagend liebte — das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst +entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst +bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen +gespielt — geschenkt — sich selber verschenkt wie heut ...</p> + +<p>Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren +Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung, +deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte +— nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer +Persönlichkeit — nicht<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes +— nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer +Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der +Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius — was bedeutete er ihnen +mehr als eine Entspannung — eine Ausbalancierung ihres seelischen +Gleichgewichtes?!</p> + +<p>Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit +wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz +... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über +die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte — auch sie hätte +wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn +eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die +müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich +so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend — das den Wunsch +entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich +auszusöhnen, liebend zu verschwenden — —</p> + +<p>Ja — was war es denn eigentlich?!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>5</h3> +</div> + +<p>Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu +folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet +heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit +seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen +bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen +müssen — sein ganzes Jugendleben hindurch — die starre, in korrekte +Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte +er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses +selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen +bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<p>Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war +verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast +als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?! +Na ja — schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein — und +der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des +müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ... +eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht +als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein +Glück versuchen — ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon +ablaufen lassen ...</p> + +<p>Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit +Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.</p> + +<p>»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung, +Deern — dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas, +das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas +von brüderlicher Eifersucht — im Hintergrunde gar etwas wie ein vager, +noch ganz unbewußter Argwohn ...</p> + +<p>Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der +entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt +...</p> + +<p>— »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«, +sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um +beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall +Menschen — Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und +rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer +endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten +— hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden +Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene +Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter +Warenhausfassaden ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens, +bitte — Anders Niemann heiß' ich!«</p> + +<p>Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif, +den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er +berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei — selbstverständlich +ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal +den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion +erteilt habe.</p> + +<p>»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«</p> + +<p>»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«</p> + +<p>»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte +Glut in ihren Wangen.</p> + +<p>»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes — ich bin hingegangen, sie +zu suchen.«</p> + +<p>»Und — was haben Sie gefunden?!«</p> + +<p>»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere — und den glühenden +Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«</p> + +<p>»Ausgefüllt — mit was?«</p> + +<p>»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem — mit einem Ideal.«</p> + +<p>»Geben Sie's — das Ideal!«</p> + +<p>»Wenn ich's hätte!«</p> + +<p>»So helfen Sie's uns suchen.«</p> + +<p>»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich +weiß es schon zu benennen — ein Vaterland — ein Mutterland, das allen +den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«</p> + +<p>»Ach, wenn Sie es fänden!«</p> + +<p>»Ja — dann wäre uns allen geholfen — uns armen, zerrissenen +Deutschen.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> + +<h3>6</h3> +</div> + +<p>Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte +Georg Freimann an Patterson gedrahtet:</p> + +<p>»Erwarte angekündigte Vorschläge.«</p> + +<p>Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter +amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder +ging an Land — mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn +Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet — aschblond, nußbraune +Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß +Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte +es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.</p> + +<p>»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig +klingendem Deutsch.</p> + +<p>»So, <em class="antiqua">my darling</em>, du magst nun eine halbe Stunde lang in der +Stadt herumkutschieren —«</p> + +<p>»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier, +diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹ +versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«</p> + +<p>»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson +gehorsam und entließ das Auto.</p> + +<p>»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«</p> + +<p>Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum +Präsidentenbureau der Linie empor.</p> + +<p>»Ich finde, <em class="antiqua">daddy</em>, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ... +Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«</p> + +<p>»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So — nun benimm dich manierlich. +Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«</p> + +<p>Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der +Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man +keine Dame mit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>»<em class="antiqua">Good morning</em>, Freimann — darf ich wieder Freimann sagen? Der +Mister geniert mich.«</p> + +<p>»Sie dürfen, Patterson — weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen. +Miß Patterson — willkommen in Deutschland.«</p> + +<p>»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn, +sagt <em class="antiqua">daddy</em> ... Er ist verlobt — schade ... Verlobte junge +Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes +... Ist er vielleicht schon verheiratet?«</p> + +<p>»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist +durchgebrannt — mir und seiner Braut.«</p> + +<p>»Durchgebrannt —?! Das finde ich <em class="antiqua">smart</em> von ihm ... Wo ist er?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«</p> + +<p>»Oh — wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«</p> + +<p>»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich +habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«</p> + +<p>»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber +Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde — ganz kleine +und ganz große — Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen. +Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die +Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher +heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl +sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon +hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal +wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche. +»Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen +ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das +sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften +Kodak gekauft<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man +damit machen, sag' ich Ihnen!«</p> + +<p>»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften +Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«</p> + +<p>»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch +zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt +zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen, +wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame +gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu +wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es +immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.</p> + +<p>Die Männer sahen sich an und lachten.</p> + +<p>»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal +wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«</p> + +<p>»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker +... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann +ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und +nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen — ich bin da.«</p> + +<p>Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener +rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als +die beste Politik bewährt hatte.</p> + +<p>Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu. +So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.</p> + +<p>»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von +Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein +Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«</p> + +<p>»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Wille hat sich +nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft +zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen — wenigstens +unter das Sternenbanner allein.«</p> + +<p>»Hm — und wenn nun die Sterne und Streifen — sich neben Ihre +Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt +mir vor — wie sind doch die Farben?«</p> + +<p>»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im +Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«</p> + +<p>»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne +Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach — nur ein +einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte +Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen +lassen ... Nette Kaufleute das ...«</p> + +<p>»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem +Aufstieg führt — wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft +versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das +Sternenbanner — sie würden sich miteinander vertragen?«</p> + +<p>»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind — warum nicht?« +sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr +dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr +habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen +... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine +Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja +Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar — es +flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz +ausgesucht — da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen +Augenblick.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<p>Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak. +»Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich +von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«</p> + +<p>»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.</p> + +<p>»Oh — Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie +drüben?«</p> + +<p>»Nein — ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele +Amerikaner verkehrten.«</p> + +<p>»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie +Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«</p> + +<p>»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.</p> + +<p>»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier. +Die Leute hier machen alle traurige Gesichter — Sie auch, sogar wenn +Sie lachen. Ich liebe das nicht.«</p> + +<p>»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt — im größten aller +Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«</p> + +<p>»Oh — ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid. +Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk +kennenlernen.«</p> + +<p>»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man +unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«</p> + +<p>»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß — wie +heißen Sie? — Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn +lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die +das Rennen schon gemacht haben — und solche, die es noch machen wollen +— außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind — weil +sie nicht reiten können —. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind +uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht.<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Und +ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn +ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte +ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn. +Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen +Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns +mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line, +die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte +drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft — darunter den +»Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von +San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen +Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...</p> + +<p>Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung +vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen +Konkurrenten — der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es +würde noch harte Kämpfe geben — ums Ganze und um tausend Einzelheiten +... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft +dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider +großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich +eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches +Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ... +Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen +hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das +amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ... +Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen, +die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen +eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden — ohne +doch einen anderen Weg der Rettung<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> zu wissen ... Aber diese Gedanken +behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich — blieb +überhaupt eine Wahl?!</p> + +<p>Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und +schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich +zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust. +Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen +Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger +Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.</p> + +<p>Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit +der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und +lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren +die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem +Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte +das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein +Gefängnis.</p> + +<p>»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte +Bessie. »<em class="antiqua">Daddy</em>, fahr mich zu Mistreß Freimann. <em class="antiqua">Good +morning</em>, Miß Tiet— Tiet— nein, das ist zu schwer, das kann man +beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie +heißen Sie mit Vornamen? Antje — oh, das ist reizend, ich werde Sie +Miß Antje nennen. <em class="antiqua">Good morning</em>, Mister Freimann — <em class="antiqua">go on, +daddy</em>.«</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>7</h3> +</div> + +<p>Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten +Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne +zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem +Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des +Restes auf Anfang<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen. +Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich. +Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin — allenthalben +standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive +Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte +Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich +durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.</p> + +<p>Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die +Leitung kannte diese Sturmzeichen.</p> + +<p>Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen. +Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.</p> + +<p>»Gnädiges Fräulein — es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut +nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben +ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen +fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten +Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen +bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat +mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«</p> + +<p>»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als +daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf +Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte — aber senkrecht über der +Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier +Jahrhunderten war sie erkennbar.</p> + +<p>»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur +Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«</p> + +<p>Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr +immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der +Schranke am Werfteingang, morgens,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> wenn sie kam, nachmittags, wenn sie +ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das +scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.</p> + +<p>»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein +bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel — ich weiß es aus Erfahrung.« +Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es +verdient — sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen +hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er +belohnt werden.</p> + +<p>Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug — es war schon +wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein +Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.</p> + +<p>Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob +Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte. +Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne +zusammen.</p> + +<p>In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin — um seine +Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln.</p> + +<p>»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?«</p> + +<p>Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf +der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder +Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«</p> + +<p>»Meinst du? Wer weiß — vielleicht schon heute nachmittag denkst du +anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom +Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit +Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu +drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des +Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel +fallen.<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die +er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob.</p> + +<p>Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem +Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef +angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter +entstand — etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden. +Es war der Karabiner.</p> + +<p>»Donnerwetter, Bob — ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben +in dein Bureau herübergeflogen?!«</p> + +<p>Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an +— sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander +näher gekommen.</p> + +<p>»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich +nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da +unten.«</p> + +<p>»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der +Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die +Wirtschaft — es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!«</p> + +<p>»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die +Fleißigen — und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen — und die +Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen — aber +solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast +nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst +du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine +schwere Batterie im Schrank haben!!«</p> + +<p>Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs +Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem +lieben Kapital!« hohnlachte Armin.</p> + +<p>Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster, +bremste die Wucht seines Körpers und nahm den<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Hörer. Im Lauschen schoß +ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht.</p> + +<p>»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein — tausend Dank! +Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!«</p> + +<p>»Was ist los?«</p> + +<p>Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war +abgeblaßt — irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin +lauschte atemlos.</p> + +<p>»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von +— drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir +können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...«</p> + +<p>Achselzuckend, zähneknirschend verließ Armin das Zimmer.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten +und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für +morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen! +Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem +Kran triumphieren!</p> + +<p>Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war +Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem +Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung +hatte ihn aufgesucht — und im Tresor der seit kurzem in Hamburg +eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll +Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den +Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter +geklopft:</p> + +<p>»Alles für großes Befreiungswärk ... Abber kleine Mäddchen in Hamburg +wollen auch lebben ... Mußte ibberall Stimmung<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> machen für großes +Befreiungswärk — auch bei kleine Mäddchen ...«</p> + +<p>Seitdem war Tedje bei den abendlichen Musikunterhaltungen im +Elternhause nur noch ein seltener Gast. Um so bekannter und geschätzter +wurde er von Nacht zu Nacht in den Weiberspelunken um die Reeperbahn +herum.</p> + +<p>Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft +scheine am Ende ihrer Mittel — die Krawallstimmung seiner Kollegen sei +im Wachsen. — Nun würde er mal wieder abblasen müssen ...</p> + +<p>Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen. +Die Glut durfte nicht kalt werden — es galt, sie zuzudecken und +unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk +taugte der Genosse Mönkebüll nicht — was er sprach, war Lava aus +glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen — +zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten. +Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede +Temperatur.</p> + +<p>Sie versprach, den Genossen Dragomiroff zu schicken. Er würde sprechen +über das Thema: »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution.« Das +mußte ziehen ... Und nicht etwa als Sonderaktion für die Genossen der +Hammonia-Werft. — Drüben in der Stadt sollte das arrangiert werden als +Werbeversammlung für das gesamte Proletariat des Unterelbegebietes.</p> + +<p>Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war, +wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er +setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach +Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern +verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje. +Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu +erforschen ... Aber<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> wenn er so abends durch die still gewordenen, +im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte +phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und +die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an +die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und +verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje +...</p> + +<p>Antje —! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas +von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit +der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die +Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie +komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig +war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen +nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein +paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie +Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch +legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet, +wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall +hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten +Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin +und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber +der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er +bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst. +Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden — hatte die +glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des +werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er +selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte — und sie mit der Zange +festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen +mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar +mit<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch +hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe — aber +man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden +Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne, +durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee — und konnte ab und an +mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und +wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene +herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden +Spantengerüst eingefügt wurden ...</p> + +<p>Das alles wußte Mudder Tietgens aus den allabendlichen Erzählungen +ihrer Tisch- und Hausgenossen. Ihre vier Mannsleut' waren täglich bei +der Arbeit vereinigt. Schön war das zu denken — das alte Frauchen, +das im stillen Winkel fast stumm geworden war, vergnügte sich in +seiner Einsamkeit mit der Vorstellung, wie sie da zusammen schafften, +ihre vier Mannsleut' ... Aber den Anders, den hatte sie besonders +in ihr Herz geschlossen, weil er ihr am meisten Ehre gab. Sie war +ja so bescheiden, so wenig verwöhnt ... Aber schön war's eben doch, +daß der Neue sie mit einer Achtung und Rücksicht behandelte, zu der +Vadder und Tedje bei aller Liebe zu Mudder nun doch mal nicht erzogen +waren. Ihr Fritzing, der wäre am Ende auch so geworden ... Aber der +lag an der Somme — wenn die Granaten seinen Leichnam nicht längst +in tausend Fetzen zerrissen hatten. Ach ja, Fritzing ... Die müden +Augen standen wieder einmal in einsamen Tränen ... Sie begriff's, daß +Antje zu dem schmucken Anders hielt ... Sie und Fritzing waren ja auch +unzertrennlich gewesen ... Und Anders würde aufsteigen — der könnte es +noch mal zum Werkmeister bringen ... früher als Vadder, der schon so +lange von der Vierzimmerwohnung im Werfthaus drüben schwärmte — und ja +doch wohl schließlich seinen Kran behalten würde, bis die Invalidität +kam ... Tja, und wenn die Antje sich also<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> für den Anders nicht zu fein +war — Mudder Mines Segen hatten sie — die zwei Kinder.</p> + +<p>Und Antje?!</p> + +<p>Oh, Antje war klug.</p> + +<p>So sehr sie in der Theorie Revolutionärin war und für das +republikanische Ideal der Gleichheit schwärmte — sie stand lange +genug im Leben der Oberschicht — sie wußte: Zwischen ihr und dem +Sohne ihres Chefs lagen Welten ... Was wollte das besagen, daß Heinz +Freimann sich in einen Anders Niemann gewandelt hatte? Eine Herrenlaune +— eine Maskerade, die jederzeit abgestreift werden konnte wie ein +Faschingskostüm ... Und Anders Niemann war dann wieder Heinz Freimann.</p> + +<p>Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als +müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit +Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann +flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der +zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie +Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit +gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe +zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt +— aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets +nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste +Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar +von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge +bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein +... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing, +den Liebling zumal — gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus — gegen +das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie +ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> für +internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für +Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war +in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr +selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des +Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife +vollerblühter Männlichkeit — der war ihr verwandt durch etwas, das sie +kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames +Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum — was war es nur?</p> + +<p>In hundert Gesprächen umkreisten die zwei jungen Menschen dies +unbekannte, ersehnte, erahnte Land ... Dies Land, in dem sie beide +sich beheimatet fühlten. Sie vernahmen seine Stimme aus Beethovens +Sonaten und Schumanns Klavierstücken, aus Wilhelm Meister, den er +ihr, und aus Richard Dehmels Gedichten, die sie ihm zu lesen gegeben +hatte. Aber auch in Vater Tietgens' abendlichen Schwärmereien von den +Zukunftsrechten des Proletariats, in Clas Mönkebülls phantastischen +Gesichten von der Erlöserin Weltrevolution, ja selbst in Tedjes +Blutträumen war etwas von diesem fernen, nebelhaft vor den Seelen +schwankenden Land ... Wenn Antje dann nach solchen Spaziergängen und +Gesprächen in ihrem Pensionskämmerchen unter die Decke schlüpfte, +dann träumte sie doch für selbstvergessene Viertelstunden den uralten +Mädchentraum von dem Königssohn, der das Dornröschen weckte zu einem +Leben im Licht ... Und dann rann ihr das trostvolle Gesicht einer +Seelenheimat für alle Menschen ihrer Sprache und ihres Blutes zusammen +mit seinem verengerten, ins Heimliche und Geborgene verkleinerten +Abbild, seiner mütterlichen Urzelle: einer Heimat für zwei Glückliche.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> + +<h3>8</h3> +</div> + +<p>Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem +schon auf die Nerven fallen.</p> + +<p>Sie fand es selbstverständlich, daß sie den Vater überallhin begleiten +durfte. An seiner Seite drang sie in die ängstlich umhüteten Bureaus +der unnahbarsten Direktoren — im H. T. L.-Haus wie drüben auf der +Werft. Und nicht minder ungeniert spazierte sie durch die endlos +hingedehnten Werkstätten, ließ sich im Aufzug zum schwindelnden +Helgengerüst emporfahren, turnte zum Entsetzen der ölbeklexten Maler +zwischen ihnen über die frisch mit Mennig überholten Stahlgerüste, +tauchte neben dem alten Tietgens im Kranführerhäuschen auf, war +plötzlich wieder drunten, kroch durch den Doppelboden des werdenden +Riesendampfers, kletterte an den Leitern der Aufrichtegerüste hinauf, +flitzte über die Laufstege des schon zur vollen Höhe hinangewachsenen +Zehntausendtonnendampfers, stand voll brennenden Interesses neben dem +glosenden Vorwärm-Feuer und beobachtete, wie der Junge die rotglühenden +Niete aus dem Kohlenbecken holte und durch eine offengebliebene Lücke +der Beplattung ins Innere des Schiffes reichte ... staunte, wie der +Stiel des Nietes plötzlich aus einem der Nietlöcher auftauchte, wie +die Nieterzwillinge mit ihren langgestielten Hämmern zuschlugen +und ticktack, ticktack aus dem Stiel ein glattes, rundes Köpfchen +zurechthämmerten ... Und überall Fragen, Fragen — überall, knips, der +Kodak in Tätigkeit ...</p> + +<p>Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen +Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit +gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft, +indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in +den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren +Geruch das kleine Scheusal empörte,<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> in die schlampigen Hosen biß ... +Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem +Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust.</p> + +<p>Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der +Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin:</p> + +<p>»Schreib, <em class="antiqua">daddy</em> ... sechshundert Dollar ...«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Goddam</em> — wofür?«</p> + +<p>»Wirst du gleich sehen. Habe mir ein Auto gekauft.«</p> + +<p>»Du bist toll — wozu?«</p> + +<p>»Für meine Studienreisen.«</p> + +<p>»Ach, bitte — was studierst du, wenn man fragen darf?«</p> + +<p>»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben +wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden +arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich +weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie +friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren +Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein +mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her, +<em class="antiqua">daddy</em> ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen +Freunde in den schlimmen Vierteln ...«</p> + +<p>»In den schlimmen Vierteln?!«</p> + +<p>»Gewiß — ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich +mir das Auto kaufen — daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen +Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen +Vierteln!«</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>9</h3> +</div> + +<p>Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer +jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt +der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> wußte, hauste als +Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein +hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und +umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre +Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt — +sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn +hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt +mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die +der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen, +mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war +sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd, +Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden. +In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt — und war ihr +Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu — er +machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech +wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch +ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel +von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr +nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen +Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern +und geheimnisvollen Gewölben — dazwischen hier und da eingekapselt +plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem, +verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm +riechendem Prunk ausstaffiert — alles verbunden durch Geheimtüren, +die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder +Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich +jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder +Art — wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten +Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen +verschlungene Lektüre bildeten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> + +<p>Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis +ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er +der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war +Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...</p> + +<p>In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in +die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten, +mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen +Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von +Handgranatenkisten — Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer +aus der großen Konkursmasse Deutschland — einstmals Werkzeuge +ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege +den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ...</p> + +<p>Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die +stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.</p> + +<p>Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen. +Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten +der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von +Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher, +Führer im Kampfe gewesen war — ein Wort, das ihn entlarvte — und +der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf +einem Sportplatz, verschlang ihn — das stinkende Labyrinth, in dessen +pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht +wieder heraus ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im +Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von +dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten +»öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Kellergelaß, in dem +Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach +Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der +Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu +vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale +ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter — und ohne sein Ahnen zugleich +als Aufseher — überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher +Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft +untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden +Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf.</p> + +<p>Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die +Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe +in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte +mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge +eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner +auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen +aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich +schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.</p> + +<p>Dragomiroff — der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen +als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten +nach der Bekanntschaft des Gewaltigen — keiner brennender als Anders +Niemann ...</p> + +<p>In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und +schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere +Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel.</p> + +<p>Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab, +von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr +Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es — fast noch +ein Backfisch. Sie winkte den<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Kindern lachend zu wie eine alte +Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter +Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar, +die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte +mit Balgen und Gekreisch.</p> + +<p>Da — o weh! — Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige +Achtsamkeit versäumt?! — Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger +Schreckensruf als Echo — ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem +schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt +gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen.</p> + +<p>Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang +heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer +Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust — +im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche +Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger —.</p> + +<p>Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in +die Augen. Eine Feine — eine wie jene, die seine Gier seit Wochen +umstrich ... Zupacken — züchtigen — und im Strafen sich ersättigen +... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der +unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror +— —. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer +keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie +empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck +der kleinen, festen Brüste spürte.</p> + +<p>Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten.</p> + +<p>»Tedje — büst du öwersnappt?! Lat ehr doch — is jo unschüllig, dei +Lüttje! Is man'n Malleur west!«</p> + +<p>Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den +erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff +zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.</p> + +<p>Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes +zuchtloser Seele.</p> + +<p>Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob +der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen +zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden, +Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?!</p> + +<p>Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an — +kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen, +das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im +Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und +starrte auf die drei Kampfhähne.</p> + +<p>Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein +orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen +der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den +Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen +Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert — klapp! die Aufnahme +war fertig.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Thank you, gentlemen</em> ...«</p> + +<p>Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der +kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich — daß +aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie +er aufgeflammt, in sich zusammensank.</p> + +<p>Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen +zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem +Würmchen, dem sie Schmerz und<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Schreck zugefügt, in die Hand, pappte +ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen — und schon saß +sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein +Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>10</h3> +</div> + +<p>In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche +Gründlichkeit — und was deutsche Zerrüttung bedeutete.</p> + +<p>Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem +Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren +hinüber- und herübergeflogen — und wenige Tage nach der grundlegenden +Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson +bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm +stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge +abzuschließen.</p> + +<p>Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der +Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme +vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf +Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen +amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch +bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der +Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten, +als Bürgschaft zur Verfügung — unter dem Vorbehalt freilich, diese +Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit +zurückziehen zu können.</p> + +<p>So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten.</p> + +<p>Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres +Flottwerdens nicht lange froh werden. Der<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> deutsche Jammer hemmte +alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb.</p> + +<p>Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu +stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich +anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder +lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe +wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten +Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige +Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen. +Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich, +es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der +Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten.</p> + +<p>Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und +Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und +mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr +Glück — ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und +tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem +Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger +gestaltete — die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von +Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen +Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten — +in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung +fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war — von +der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht +bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der +sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!</p> + +<p>Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber +in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Oberleiters dieses +Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles, +was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als +Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles — außer dem einen ...</p> + +<p>Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen +Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere +als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier +Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen +Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr +aufgesproßt war wie ein Eichbaum — in eben die Aufgabe, die sie selber +ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen +wie eigens für sie geboren — das sei der Kamerad, den sie brauchte ... +und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt +hatte, um ins Nichts zu verschwinden ...</p> + +<p>Ilse war keine Romantikerin — ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms +zum Trotz. Sie war eine Carstensen — aber — sie war eine Frau. +Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche +Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben — aber eben +ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der +verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem +wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...</p> + +<p>Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber +in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die +verstohlene Anklage: du — du hast ihn mir genommen!</p> + +<p>Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann, +dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie +für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie +war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter +seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe +des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an +der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte +der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und +unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete +das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...</p> + +<p>Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den +siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen — +jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem +scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den +Begnadeten des Schicksals.</p> + +<p>Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten, +nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne +Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...</p> + +<p>Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet +setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude, +die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus +auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle +hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am +Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine +Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause +in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der +törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten +Herzenskammer gewiegt hatte.</p> + +<p>Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> wenn die Feine, +die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch +das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder +Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre +der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches +mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ — der +wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein +grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen +und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit +ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht — sie ließ ihren +Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling +hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ... +Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine +Stunde würde kommen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine +Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig +gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und +überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu, +unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen +hatten ihre Sorgen — und Sehnsüchte.</p> + +<p>Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche +Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt +ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt +— die arbeitet wie ein Mann — statt sich verwöhnen, feiern und +beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie +mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein +treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...</p> + +<p>Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte: +Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> des +»President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue +Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war, +entsprungen sein sollten — der war in diese kühle, imposante +Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker +<em class="antiqua">business-man</em> in eine typische Modeschönheit vom Manhattan +Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens +Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick +bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen.</p> + +<p>Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser +täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages +wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon, +der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers +um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast +ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort +einzulegen.</p> + +<p>»Miß Ilse — Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem +jungen Mädchen gefunden habe ...«</p> + +<p>Ilse hatte sofort verstanden. »Oh — Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte +sie mit zurückhaltendem Lächeln.</p> + +<p>»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«</p> + +<p>Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt, +Bessiechen?«</p> + +<p>»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um +Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's — aber Sie sind schlecht. +Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine, +welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor +Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.«</p> + +<p>Und schon war sie hinaus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<p>Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor +Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen +klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.</p> + +<p>Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte +sie vorsichtig auf — und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen +Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand +der Riese — mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort +als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die +Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen +Worte Bessie nicht enträtseln konnte.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Was nützet mihaich ein schönes Mädchen, </div> + <div class="verse indent0">wenn andre mit spazieren gehn? </div> + <div class="verse indent0">Was nützet mimamich ein schönes Mädchen, </div> + <div class="verse indent0">wenn andre mit spazieren gehn? </div> + <div class="verse indent0">Und küssen ihr die Schönheit ab, </div> + <div class="verse indent0">und küssen ihr die Schönheit ab — </div> + <div class="verse indent0">Daran ich meine, </div> + <div class="verse indent0">so ganz alleine, </div> + <div class="verse indent0">daran ich meine Freude hab'?!« </div> + </div> +</div> +</div> + +<p>»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen +Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen.</p> + +<p>Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der +Enakssohn und das Püppchen — und lachten — lachten — lachten, daß +ihnen die Tränen von den Backen liefen.</p> + +<p>»Oh — das ist eine sehr <em class="antiqua">wonderfull song</em>«, radebrechte die +Kleine — der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß +lernen zu mir diese <em class="antiqua">wonderfull song</em> ...«</p> + +<p>»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p> + +<p>»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr <em class="antiqua">melancholical</em>, wenn sie +singen <em class="antiqua">songs</em> so swer — swer —«</p> + +<p>»Schwermütig ...«</p> + +<p>»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige +<em class="antiqua">soldiers song</em> ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige +<em class="antiqua">songs</em>, Sie müssen singen lustige <em class="antiqua">songs</em> ...«</p> + +<p>»Kann ich auch, kleine Puppe — da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die +Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit +Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen. +»Hören Sie zu:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Bei der Kaiserin Klementine</div> + <div class="verse indent0">haben wir heut Musik gemacht,</div> + <div class="verse indent0">der eine spielte auf der Viggoline,</div> + <div class="verse indent0">der andre auf dem Stiewelschacht —</div> + <div class="verse indent0">Hodahumpahumpahadaha —</div> + <div class="verse indent0">hodahumpahumpahadawumm!‹«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist +es auch eine <em class="antiqua">German soldiers song</em>? Ich wünsche zu lernen hundert +<em class="antiqua">German soldiers songs</em> — das wird machen eine gigantische Effekt +in Amerika ...«</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>11</h3> +</div> + + +<p>Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland +zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.</p> + +<p>Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden +Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres +Apparats gehemmt.</p> + +<p>Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die +Genehmigung der Generalversammlung erforderlich.<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Schon ihre +Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn, +bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen +Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor +einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an +das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar, +Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.</p> + +<p>Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen +letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung +über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen +Ablaufe werde der Kredit gesperrt.</p> + +<p>Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen.</p> + +<p>Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten +Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und +Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit +Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei +nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung +des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter +Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg +aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben +aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge +der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste +es, was es wolle ...</p> + +<p><em class="gesperrt">Seefahrt ist not</em> ...</p> + +<p>Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien +in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich +gereift — ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl +wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ...</p> + +<p>Fast einstimmig genehmigte die Generalversammlung die Anträge des +Direktoriums. Und noch in derselben Stunde<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> vollzogen die Herren +Freimann und Patterson die längst fertig daliegende Fusionsakte.</p> + +<p>Die United Transatlantic Lines waren gegründet.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In derselben Stunde, als die Führer der deutschen Überseeschiffahrt +mit ihren Damen sich auf Einladung ihres neuen Verbündeten von +drüben zu einem Festdiner im Atlantic-Hotel versammelten, strömten +aus ganz Hamburg die Arbeiter und Unterbeamten der Werften und +Häfen in dem niederen, doch weitgedehnten Saale der »Neuen Welt« +am Heiligengeistfelde zusammen, um sich von Wassily Petrowitsch +Dragomiroff aus Moskau über »Deutschland als Stoßtrupp der +Weltrevolution« belehren zu lassen ...</p> + +<p>Anders Niemann, der durch Antje über die Vorgänge im Präsidialbureau +der Linie genau unterrichtet war, mußte lächeln in grimmig bitterer +Ironie, als er sich Schulter an Schulter mit seinen Stubenkameraden +zur »Neuen Welt« begab. »United Transatlantic Lines« und »Sturmtrupp +der Weltrevolution« — konnte das deutsche Elend, die deutsche +Zerrissenheit packender, wahrhaftiger formuliert werden?!</p> + +<p>Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner +Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der +Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen +Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen. +Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der +sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden — auch an der +beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß +gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung +des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen. +Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Masse +der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil +mochte seinen Lauf nehmen. Und wer — wer hatte es heraufbeschworen?!</p> + +<p>Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken, +daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben +bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch +fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen +nur der Deutsche helfen könne — daß moskowitische Ideale niemals +Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine +Wiedergeburt ...</p> + +<p>Was Tedje Tietgens bejubelte, anführte, organisierte — konnte es das +Gute, das Heilsame sein?!</p> + +<p>In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor +der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ...</p> + +<p>Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm +hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden — und hatte nun +seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine +Antje sich bemühte und härmte — daß der ganz in die Hörigkeit seiner +beiden Arbeitskameraden geraten war ...</p> + +<p>Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was +er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war +der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben +Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik +auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um +Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke +lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff +in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das +Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig +beschäftigen ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<p>Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf +diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich +zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere +Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm +einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung +von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte +Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion +verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage +lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung +unter den Genossen geschehen ...</p> + +<p>Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich: +Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß +die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte +mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war, +hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande +kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben, +während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da +war Antje gekommen — schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte +Clas bescheiden gefragt ... Ach — es sei nur, daß sie sich so sehr +auf die Musik gefreut habe ... Ei — da könne ihr geholfen werden ... +ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem +vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele +gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck — Clas bebte +bei der bloßen Erinnerung.</p> + +<p>Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls +Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden — »die Welt wird +schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an +die Zukunft des Menschengeschlechts — an den neuen Erdentag — dessen +erste<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Morgenröte heut aufgehen werde, heut — mit dem Vortrage des +Genossen Dragomiroff ...</p> + +<p>Ob sie auch kommen würde — sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten +eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie, +ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin, +rot bis in den innersten Winkel der Seele — sie, die Verkörperung der +roten Seligkeit ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos.</p> + +<p>Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge, +die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine +Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse, +weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik +getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die +harrende Masse gewirkt — dämpfend, beschämend, stimmungmordend ... +Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im +atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen — Leib an Leib ringsum an den +Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf, +Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die +Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da +scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:</p> + +<p>»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!«</p> + +<p>Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter.</p> + +<p>In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte +seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel +an der Wand klebte:</p> + +<p>»Clas — späl 'n Lütten op!«</p> + +<p>Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel, +der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> der +Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug +begeistert in die Tasten — aufbrandete sein Leiblied ...</p> + +<p>Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse +wurden heruntergesungen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Der alte Haß sei tot,</div> + <div class="verse indent0">die Liebe sei befreit —</div> + <div class="verse indent0">aus unsern Herzen loht</div> + <div class="verse indent0">die rote Seligkeit —!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse +Dragomiroff ...</p> + +<p>Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz +zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge:</p> + +<p>»Musik! Mehr Musik!«</p> + +<p>Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und +wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf. +Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer +Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg — ein Sang von der Schmach +und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden, +seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung — seinem +Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat — vom Triumph +der Freiheit — jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt — den +Männervölkern.</p> + +<p>Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige +Freiheitslied — kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont —?!</p> + +<p>Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer +Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im +Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats —<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> nein, den Sieg eines +brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!</p> + +<p>Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter +dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den +letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es +durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen +Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders +Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit +aus ...</p> + +<p>Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner +braunscheiteligen Freundin sandte — der funkelte geheime Ironie ... +Es war der Blick eines Wissenden — eines Liebenden, der hoch über dem +Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und +eine Ahnende erwiderte ihn ...</p> + +<p>Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen — trotz allem — du +und ich — ihr und wir?!</p> + +<p>Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da +meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern — und in +Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die — die uns allen, allen +einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche, +wenn wir — Menschen bleiben wollen?</p> + +<p>Die Republikanerin, die Revolutionärin, die — Proletarierin fühlte in +dieser Sekunde ganz als Deutsche ...</p> + +<p>Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom +Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden, +deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten — die er nun +kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen +Ideal, einer neuen Seelenheimat — einem neuen — freien — großen — +nach innen und außen großen — wiedergeborenen — Vaterland —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> + +<p>Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür +zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich, +wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter +Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von +struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es +zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...</p> + +<p>»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter +entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse.</p> + +<p>Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus.</p> + +<p>Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck +des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll +gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte +aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den +knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...</p> + +<p>Die Bestie wachte plötzlich auf — aus dem Abgrunde der Jahrtausende +brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die +Urnacht ...</p> + +<p>Tedje Tietgens schwang die Klingel:</p> + +<p>»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.«</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>12</h3> +</div> + + +<p>Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der +Gastgeber konnte sich's leisten.</p> + +<p>Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener +Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot +nicht herankönnen — solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und +die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der +Üppigkeit dieses<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel +anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen +geworden waren.</p> + +<p>Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie- +und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen +Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen +Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen +melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und +Vereinsamung ...</p> + +<p>Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus +den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale, +beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein +glänzendes Yankeegesicht ...</p> + +<p>Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des +industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge +der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der +roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke +hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer +an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen +des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter +des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...</p> + +<p>Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den +eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte. +Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic +Lines zu feiern — aber die Herzen der Deutschen feierten das erste +Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.</p> + +<p>Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch +blendender Stein- und Perlenschmuck — die Frackaufschläge der Herren +wiesen, dem Sturz der Throne zum<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Trotz, den blinkenden Schmuck der +Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der +jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der +Eisernen Kreuze.</p> + +<p>Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers, +thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des +glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher +gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten +ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie +Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes — nun blieben +ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja +auch ...</p> + +<p>Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse +Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen. +Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der +Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm +Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe, +alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland +zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes +unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg +bereitgestellt werden.</p> + +<p>»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das +war eine dumme Frage — vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch +... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt +Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«</p> + +<p>Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie +die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und +Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere +einander heute wieder die Hand zu reichen wagten —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<p>Lusitania — die Argonnenschlacht — die Vierzehn Punkte.</p> + +<p>Dennoch — man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte +Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne — es wurde wieder heller in der +Welt — die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu +zerflattern ...</p> + +<p>Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken +des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls +führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T. +L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen +kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr +Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß +Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise +einmal abgeschlagen — Robert Timmermanns saß heute, seiner +gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel +— inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft. +Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des +Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit +in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf +einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen +Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.</p> + +<p>Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug, +seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr +Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen +transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten +als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des +durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H. +T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United +Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden +der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev +Carstensen, sein Glas leerte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern +zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem +Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren +Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde — bei diesen Führern deutschen +Schaffens war sie wohl aufgehoben.</p> + +<p>Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde +blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm +II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens +das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm +Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt +der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das +Kaiserreich gelegt habe.</p> + +<p>»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden +blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das +besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs, +der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes +ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde +gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg, +der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien, +auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des +Präsidenten Wilson — es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«</p> + +<p>Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des +Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des +Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte +kein Nerv.</p> + +<p>»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit, +welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle, +welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in +die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> hatte. Wir haben es getan +in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur +zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an +eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg +vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir +diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«</p> + +<p>Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es +sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von +gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter, +die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen, +Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen +zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener +Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen, +unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer, +ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und +Empfindens — kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über +Staubgeborene verhängt werden können.</p> + +<p>Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur +unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher +Hoffnung.</p> + +<p>Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare +Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung, +ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von +drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als +erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit +aufgefordert haben — vor allem für Sie, Freund Elias Patterson — +der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind. +Seefahrt ist not — ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen +Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen, +die uns den Weg zum Meer<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren +von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen, +daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre +Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer +Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im +Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser +Land verbindet, durchqueren soll — daß dies stolze Schiff, dessen +Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst, +den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen +›Deutschland‹.«</p> + +<p>Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung — es klang wie +erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung +genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt.</p> + +<p>In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber +und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel +...</p> + +<p>Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme +wieder den alten Vollklang:</p> + +<p>»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche +Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in +Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber +arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer +Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen +ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk +dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den +Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in +seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das +aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns +zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind +dieses Tages, die United Transatlantic Lines — wir begrüßen das freie +Weltmeer, das<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns +auftut — wir grüßen die Zukunft — die Zukunft unseres Volkes, die +Zukunft des Menschengeschlechts.«</p> + +<p>Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch — in stummem, feierlichem +Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe +der Stunde.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>13</h3> +</div> + +<p>Und endlich forderte die Freude doch ihr Recht.</p> + +<p>Der Champagner löste die Lippen, beschwingte die Hoffnungen, machte +die Augen der Frauen leuchten, entrunzelte die Stirnen der Männer. Die +starre, zusammengeraffte Haltung der Deutschen lockerte sich. Man stand +in Gruppen, man fand sich zu immer neuer Begrüßung zusammen.</p> + +<p>Um Johanna Freimann, um Ilse Carstensen bildeten sich dichte Kreise der +Verehrung, der Huldigung. War's nicht fast, als hielten zwei Fürstinnen +der Vergangenheit Cercle?</p> + +<p>Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang +von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der +bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie +spähte nach ihrem Lehrmeister — dem Riesen mit dem struppigen blonden +Bart ...</p> + +<p>Natürlich — da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse +Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte +er aus dem Schwall.</p> + +<p>Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen +Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art +Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie +präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein +marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen +begann sie zu singen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<p>Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne +Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken +Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie — +— kannten — —</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen,</div> + <div class="verse indent0">uänn andre mit spätziere gehn?</div> + <div class="verse indent0">Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen,</div> + <div class="verse indent0">uänn andre mit spätziere gehn —</div> + <div class="verse indent0">und kussen ihr die Schönheit äbb,</div> + <div class="verse indent0">und kussen ihr die Schönheit äbb — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an +der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer — strahlte vor Wonne, als die +Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ...</p> + +<p>Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr +Gewaltmittel hatte geholfen — hinter der vier- und fünffachen Reihe +staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise, +verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender +junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters +auf — auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches +Grausen ...</p> + +<p>Schmetternd trällerte Klein-Bessie:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Darän ich meine, so gänz alleine,</div> + <div class="verse indent0">darän ich meine Freude häbb —</div> + <div class="verse indent0">Darän ich meine, so ganz alleine,</div> + <div class="verse indent0">darän ich meine Freude häbb —!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme:</p> + +<p>»<em class="antiqua">Bessie, finish, please —!</em>«</p> + +<p>Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die +Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<p>Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum, +patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ...</p> + +<p>Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab, +klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein +barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen — Hamburgs kühle +Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons +Stabe — das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter +Fröhlichkeit ...</p> + +<p>Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte +wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er +lachte mit.</p> + +<p>Aber — — was — war denn — das — —?!</p> + +<p>In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang +plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ...</p> + +<p>Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe — +vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf:</p> + +<p>»Nieder mit dem Kapitalismus!«</p> + +<p>»Licht aus — Messer 'raus!«</p> + +<p>»Es lebe die Weltrevolution!«</p> + +<p>Erblassen — Entsetzen — starres Verstummen — fieberndes Lauschen — —</p> + +<p>Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse, +das den Hotelpalast umbrandete ...</p> + +<p>Gesang — schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Die Guillotine saust,</div> + <div class="verse indent0">der Rachejubel schreit,</div> + <div class="verse indent0">es flammt in unsrer Faust</div> + <div class="verse indent0">die rote Seligkeit!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<h2>Drittes Buch</h2> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>1</h3> +</div> + +<p>Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.</p> + +<p>Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag« +unterzeichnet.</p> + +<p>Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.</p> + +<p>Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale +von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster +Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere, +entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die +Junirevolte.</p> + +<p>Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still. +In den Adern der Stadt stockte das Blut.</p> + +<p>Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in +ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern, +ohnmächtig geballten Fäusten.</p> + +<p>Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen, +Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu +wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu +werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend — der Söhne und +Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung +und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich +genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer +erhöhten Lebensstellung genossen hatte.</p> + +<p>Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel +des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> war, als die scheußliche +Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo +herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein +Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und +Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter +das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten — kämpften in +hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer +der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war — +und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und +unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.</p> + +<p>Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme — Tage, die ihre +Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...</p> + +<p>Und endlich kam dennoch die Erlösung.</p> + +<p>Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und +plötzlich war das Gesindel zerstoben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein +anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um +nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich +nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden: +Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner +verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen +die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen +beobachtet, gelauscht, gelernt ...</p> + +<p>Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.</p> + +<p>Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse — und es +gab den Pöbel.</p> + +<p>Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er +für eine ungewisse Zeit des Schauens und<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Erkennens über sich verhängt +hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und — +ach ja, auch Antje.</p> + +<p>Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine +in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie +sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte +den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas +völlig Neues in der Geschichte der Menschheit — mit dem Proletarier +vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. — Ein neuer +Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit +den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt. +Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der +neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft +der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild +Gottes« gekommen waren ...</p> + +<p>Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen — und die andern, +die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band +wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg +Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen, +die an gemeinsamem Werke wirkten ...</p> + +<p>Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke +Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen +Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu, +sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit, +sein Gesicht gewandelt hatte — der Pöbel ...</p> + +<p>Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in +das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte +sich Pöbel gebildet — der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der +Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten +... Und uralt war<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser +Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte — daß die Hefeschicht nicht mehr +ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte, +emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte, +in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen +Zersetzung ...</p> + +<p>War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit +an dieser Zeit sich auswirkte — an dieser nie erhörten Zeit der +Umformung und der Erschütterung, welche die — — Maschine über die +Menschheit verhängt hatte?!</p> + +<p>Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen +hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun +auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem +Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das +alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin +seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...</p> + +<p>Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung +nachsann — in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in +denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.</p> + +<p>Unsäglich das Grauen solcher Nächte — durchängstet von der +hoffnungslosen Frage:</p> + +<p>Wie soll das enden?!</p> + +<p>Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns +aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter +Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten +Geschlecht seiner Tage ...</p> + +<p>Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen +Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins, +das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit +der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation, +mit dem<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit +trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff: +daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein +Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am +gemeinsamen Werk?</p> + +<p>Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen +ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den +lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was +half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande +waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an +den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!</p> + +<p>Arm blieben sie dennoch — sie konnten nicht glücklich werden, niemals +und auf keine Weise glücklich ...</p> + +<p>Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward, +sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig, +wesentlich, notwendig, sinnvoll — heilig zu begreifen ...</p> + +<p>Wer hatte sie das gelehrt — wer sah auch nur die Aufgabe, sie das +zu lehren — wer war selbstlos, unantastbar — und dabei wort- und +wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein +genug, sie das zu lehren?!</p> + +<p>Ach — und selbst der Abschaum, der Pöbel — verdiente er Verdammung, +Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und +Maulkorb — oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des +Erbarmens, der Erlösung?</p> + +<p>Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt +erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und +in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß +einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen +... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die +Dämonen seines<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und +wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...</p> + +<p>Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten, +zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich +zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war +gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine +Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein +Bolschewist — ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des +Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...</p> + +<p>Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der +Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch +zähe Arbeit des Kopfes — nein, es erraffen, an sich reißen mit der +Masse der starken Fäuste — nicht es genießen mit den tausend Organen +verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser, +verständnisloser Orgie ...</p> + +<p>Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die +sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft, +zertrampelt hatte — wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien +wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals, +ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens — +hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall +das gleiche gefunden:</p> + +<p>Unabweisbare Folgerichtigkeit — lückenlose Kausalität — unentrinnbare +Logik — —</p> + +<p>Notwendigkeit — —?!</p> + +<p>Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber — +sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie +er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung +entraffte — nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in +seiner Rolle auch<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden +Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß +der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand — +wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören, +Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...</p> + +<p>Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz — das hörende, +schauende, verstehende Herz ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für +Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das +Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.</p> + +<p>Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen +verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit +Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht +und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen +und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen, +sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am +Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte, +durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst +und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und +abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen +und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der +Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften +und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit +trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle +Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz +des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und +gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg +gewiesen in die<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster, +verhetzter, irregeführter Menschenherzen — in jene Tiefe, in der, +ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte — die Sehnsucht nach +Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...</p> + +<p>Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum +erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie +begreifen lehren.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>2</h3> +</div> + + +<p>Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten +Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen +Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige +Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von +Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.</p> + +<p>Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die +überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder +zur Arbeit ein.</p> + +<p>Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und +Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden +Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern +und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner +in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer +angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen +worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom +Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu +Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch +der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um +nach seinem Kran zu sehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p> + +<p>Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen +Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.</p> + +<p>Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit +anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen +der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen +auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»— und kussen ihr die Schönheit äbb —</div> + <div class="verse indent0">und kussen ihr die Schönheit äbb ...«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe +mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes +durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines +entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und +von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.</p> + +<p>Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die +eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er +hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft +anscheinend noch nicht verloren.</p> + +<p>Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung +in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm +geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit +nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und +riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen +nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der +Reedereien heranzutreten.</p> + +<p>So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der +Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> mit einigen +ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu +Hause gelassen — nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden +wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige +Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter +letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P. +D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn +seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde +er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die +Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des +Gesamtbetriebes beauftragt.</p> + +<p>Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als +Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen +hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie +nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben +würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme +Überraschung — oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von +Enttäuschung? — Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle +seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von +einer seltsamen Befangenheit ...</p> + +<p>Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue +Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen +Neuyorkerin für sein Seelenleid — und dann die Szene im Atlantic — +Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen +berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker +Beifall brüllend — und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen — da +bestand ein Zusammenhang ...</p> + +<p>Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers +Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> mehr +herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ... +Bessie — das Täubchen auf dem Dach — o weh — es war sogar schon +ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand! +Na, warte, Bobbie — so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht +werden!</p> + +<p>Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem +Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.</p> + +<p>Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft +vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden +Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender +Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und +Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen — dann weinte sie nachts +in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad +wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in +einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande +gemacht hatte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>3</h3> +</div> + + +<p>Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt — +aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote +See«.</p> + +<p>Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf +dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die +Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs +in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren — leider mit ihnen +die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken +geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler +waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam, +doch unabwendbar angeschwollen war — nun<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> ward sie Lawine und begrub +die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie +immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte +es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte +sich ja nicht »verbürgerlichen«.</p> + +<p>»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens, +»denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt +kriegen, Jungs ...«</p> + +<p>Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale — und wieder kamen +russische Hilfstruppen — kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große +Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab — aber längst +war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an +dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten +Deutschland den günstigsten Nährboden.</p> + +<p>Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf +der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang +er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die +neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.</p> + +<p>Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die +Regierungstruppen abrücken sollten ...</p> + +<p>An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch +seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit. +Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.</p> + +<p>Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten +der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend +an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die +Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen +Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden +der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein +Wunder<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In +einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch +erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das +Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin +Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was +Haß ist.</p> + +<p>»Also leb' wohl, teures Bruderherz — und mein aufrichtiges Beileid, +daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben +mußt ... Was macht der Karabiner?«</p> + +<p>»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht +behalten — er hat sich bewährt.«</p> + +<p>»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach +seinem vollen Werte bezahlt hast?!«</p> + +<p>»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht +man dich in Hamburg wieder?«</p> + +<p>»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen +Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und +Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben — wo man +mich bespuckt und getreten hat ...«</p> + +<p>Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat, +wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde, +disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe +und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine +Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der +Rampe herniederschallend — grelle Zwischenrufe, die Klingel eines +selbstbestellten Verhandlungsleiters — ein Güterwagen als »Olymp«, das +Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel +besetzt — ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers +klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors +allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> +Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben, +Grotsnuut?!«</p> + +<p>Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren +Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung« +trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen. +Ein Trost — aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug +auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...</p> + +<p>Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:</p> + +<p>»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen — ich hatte schon Angst, +man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank, +Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich +zart:</p> + +<p>»Keine Angst, Fräulein Ilse —« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse +zu sagen! — »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels +sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die +andern lassen sich mitreißen ...«</p> + +<p>»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse. +»Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die +›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe — andernfalls +werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit +aufgeben ...«</p> + +<p>»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.</p> + +<p>Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus. +Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«</p> + +<p>Timmermanns trat ans Fenster und las — o weh — es war Englisch — und +dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...</p> + +<p>Ein kurzer Kampf — dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die +Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen +hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«</p> + +<p>Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters +Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut +den Namen der Absenderin.</p> + +<p>Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na — wenn schon — +—</p> + +<p>»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort +auf!«</p> + +<p>Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische +Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.</p> + +<p>»Heißt wie auf Deutsch?«</p> + +<p>»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«</p> + +<p>»Fräulein Ilse —!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie — wie können +Sie nur —«</p> + +<p>»Versuchen Sie nicht zu schwindeln — — Herr — Generaldirektor!« +lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«</p> + +<p>Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür +auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll +herein — mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst, +Schnapsdunst —.</p> + +<p>Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte +der Destille. Da sah er Ilse — und eine zweite heißere Flamme zuckte +in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb +an die »Feine«.</p> + +<p>»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch. +»Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die +Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen — und wir sünd beauftragt, +die Werftdirekschon ein Ul — ein Ul —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span></p> + +<p>»— ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns +herablassend ein.</p> + +<p>»Ja — dat is dat Wort —« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich +Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns — ick heiß' Herr +Tietgens!«</p> + +<p>Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.</p> + +<p>»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«, +erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit +die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«</p> + +<p>Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen +der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die +Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes. +Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel — so was in +die Arme kriegen — — das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn +— die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich +begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren +... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...</p> + +<p>Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke +trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das +überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die +Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen, +dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt +ist — das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit +der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu +verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure +Forderungen reden. Vorher — ausgeschlossen. Sagen wir heute ja<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> zu +diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«</p> + +<p>»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«, +sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en +Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«</p> + +<p>Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.</p> + +<p>Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute +... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe — den Arbeitnehmern +wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die +Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu +machen? Es ging nicht ...</p> + +<p>»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist +die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine +schwere Zeit — wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«</p> + +<p>»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die +Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise +bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken +vörklöhnen —«</p> + +<p>In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen +können, den Ring abzulegen ...</p> + +<p>»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte +Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot +— kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne, +Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der +hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.</p> + +<p>»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns. +»Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de +Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p> + +<p>Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser +Frau — der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff +einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den +Arm. Ilse riß Timmermanns zurück — ihre Kinnbacken bebten.</p> + +<p>»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen. +»Ick will di woll kriegen — un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt +und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland — —«</p> + +<p>Da schnarrte der Fernsprecher.</p> + +<p>Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme +erkannt. Es war wie ein Zauber — als stünde er neben ihr, so laut und +klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie +durchschwirrte ...</p> + +<p>»Ach, Ilse — du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt +der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«</p> + +<p>»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen +der Arbeiterschaft.«</p> + +<p>»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>4</h3> +</div> + + +<p>Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude +zur Helling hinüber — umstiebt vom ersten Schnee.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em>« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer +noch, ihr Deutschen ...«</p> + +<p>In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen +Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus, +der den verarmten Vetter zu besuchen kommt.<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Aber der verarmte +Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand +seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters +Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das +tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des +elektrischen Nietens — das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen +hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie +Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung +des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja — es ging aufwärts +...</p> + +<p>Timmermanns fand sich selber sehr komisch — zwischen den zwei jungen +Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen +umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er — wüßt' ich +nur genau in welche ...</p> + +<p>Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ... +Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ...</p> + +<p>Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit +ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand +unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an. +Es war wie eine Beschlagnahme.</p> + +<p>Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und +Clas. Pink, pank! — Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände +klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben +Minuten ein Niet — tick tack — pink pank.</p> + +<p>Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe +starrte. Tedje folgte dem Blick — und sah da unten seinen Feind stehen +— und — — die Feine ...</p> + +<p>Düwel — und noch jemanden, den er kannte ...</p> + +<p>Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das +nicht — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>»Verdammi, Jung — weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de +Köpp kregen vör Tieden!«</p> + +<p>Wahrhaftig — sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert +auf — die andere ... So nahe hatte er sie — seit seinem Versinken — +nicht mehr gesehen ...</p> + +<p>Da hob sie den Blick — alle drei schauten sie an der Steile des +Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ... +Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine +Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch +droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...</p> + +<p>In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust +keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...</p> + +<p>»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser.</p> + +<p>Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes +Fingern, sauste in die Tiefe ...</p> + +<p>Ein dreifacher Aufschrei drunten —</p> + +<p>Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das +Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte +schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut, +fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.</p> + +<p>Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter — eins aufatmend, +dankbar, daß der Streich mißglückt — eins grimmzerfressen, +zähnefletschend in tückischer Wut ...</p> + +<p>»Entschülligen S' man — t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<h3>5</h3> +</div> + + +<p>Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die +Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst, +die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem +technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere +führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche +im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der +Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage +des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie +wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen. +Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer +Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal +schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder +scheitern.</p> + +<p>Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle +Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte, +das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu +vertreiben wissen.</p> + +<p>Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und +Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner +verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei +Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte +die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue +Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es +heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen +durchzudrücken — morgen warf die anschwellende Markentwertung alle +Vorschläge über den Haufen.</p> + +<p>Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war +doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale +Disziplin war zum Teufel — sie fraßen einander<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> auf, bewucherten sich +gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen +Untergang hinein ...</p> + +<p>Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen +deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese +Menschen, dieses Volk ...</p> + +<p>Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf +gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden +... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den +Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen +lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und +Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung +entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last +ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die +Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu +halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte +zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.</p> + +<p>Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie +ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse +verbessern — dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte +Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem +Herzen geregt hatte — sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie +einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen +Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und +ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte +dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des +Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische +Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben, +seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen +und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet —. Ilses +krampfhafte Selbstverteidigung<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> übte immer neue Kritik an Roberts +Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch +nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und +erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit. +Ein Rauhbein — ein Streber — ein Prolet — aber ein Mann — ein Kerl.</p> + +<p>Und Heinz Freimanns Bild verblaßte — ward entrückt ... Die Ferne, die +Zeit übten ihre Rechte.</p> + +<p>Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.</p> + +<p>In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste +Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er +wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ... +Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum — gleichgültig, +was er treibt, leidet, fühlt — es ist notwendig — notwendig für ihn +und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter, +seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle +durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger, +entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn +sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den +Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber +verhängt hat ...</p> + +<p>So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht — so +mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr +feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des +Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr +entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...</p> + +<p>Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den +zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen +diesen Schatten war der geheime<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Inhalt aller Gespräche, die endlos +jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter +Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>6</h3> +</div> + +<p>Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere +Einverständnis.</p> + +<p>»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer +Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen +nicht, ich fühle es ...«</p> + +<p>»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle +Mädchen der Welt — genügt Ihnen das?«</p> + +<p>»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt +... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das +ist mehr als lieben ...«</p> + +<p>»Zwei, Bessiechen?«</p> + +<p>»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht +kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie +den Ring längst abgelegt ...«</p> + +<p>»Nun, und der andere?«</p> + +<p>Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.</p> + +<p>»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in +Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat — für uns beide ...«</p> + +<p>Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich +will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist +ein Esel.«</p> + +<p>»Schämen Sie sich, Ilse!«</p> + +<p>»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel +zwischen den zwei Heubündeln?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es +besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur +»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf +Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine — und war dann frei. Bessie +belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte, +daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war +— seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ... +Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers +am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann +— damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias +Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine +allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long +Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige +Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des +Herrn Freimann empfand.</p> + +<p>Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem +kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje +die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr +neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff +herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem +Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas — +nicht zur Stelle gewesen wären? — und warnte.</p> + +<p>Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art +zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es — sonst wäre ich +nicht so übermütig ...«</p> + +<p>Antje war skeptisch — sie warnte die kleine Phantastin energisch. +»Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich +verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden +Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<p>»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann +alles ...«</p> + +<p>Plötzlich klatschte sie in die Hände — blieb vor einem Ladenfenster +stehen: »Schauen Sie — da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener +Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen +Sie — was ist das für ein merkwürdiger Baum?«</p> + +<p>Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme +... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche +Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken — selbst die +Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.</p> + +<p>»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder, +wenn Weihnachten kommt — und warten, daß wir beschenkt werden — +beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über +unserm Wünschen und Hoffen steht ...«</p> + +<p>»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«</p> + +<p>»Ach — es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir +sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir +alle ...«</p> + +<p>Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie +böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden — Amerika hatte +daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe +wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...</p> + +<p>»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein +hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem +großen Bart — und einem großen Sack — und er trägt einen Besen in der +Hand?«</p> + +<p>Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten +deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der +geflügelte Engel an seiner Spitze ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> + +<p>Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. — Wie werden meine +Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland +...</p> + +<p>Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen +weiter. So etwas mußte sie machen — für ihre kleinen Freunde in den +schlimmen Vierteln.</p> + +<p>Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit +Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber +dann hätte <em class="antiqua">daddy</em> davon erfahren — und die anderen alle, die +sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest +hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein — das +mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre, +würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern +weiden ...</p> + +<p>Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje +gesagt ... Nein — es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen +Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde +stehen und all die Pracht bestaunen — und schon in ihren jungen Seelen +würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der +Neid der Armen auf die Reichen ...</p> + +<p>Nein, man würde zu ihnen gehen — niedersteigen wie das Christkind +selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß +vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr +verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen +kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der +Proletariergassen — den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen +ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen. +Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und +ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein — mit einem langen Bart — +einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel — und einem Besen +unterm Arm ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<p>Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von +ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur +ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine +Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches +kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen +dabei, die Bessie wohl leiden mochte — aber sie waren alle nüchtern +und schwunglos wie ein Lineal — die würden sie groß und respektvoll +anstaunen — und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein — es müßte +einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.</p> + +<p>Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt +hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln +anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.</p> + +<p>Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.</p> + +<p>Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im +Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den +Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie +alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte +Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen +wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte — oder ihrem +Tempo nicht hätte folgen können ... Pah — diese Stenotypistin mit dem +braunen Madonnenscheitel — was wußte die von einem Schutzengel?!</p> + +<p>Richtig ... hier war's gewesen — hier an der Ecke zu dieser — noch +viel engeren — puh — wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er +aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an +jenem Sommernachmittage gefahren war ...</p> + +<p>Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe +am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> ... Aber die erkannten +sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen +Patschen.</p> + +<p>»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und +hat ein Gesicht sehr gut — und ist sehr mjutig?«</p> + +<p>Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende +ausblieb.</p> + +<p>Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden, +gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte +— und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich +heran:</p> + +<p>»Wat wull dei Dam', Kinnings?«</p> + +<p>Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach +aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Yes, madam</em>,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch +die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges <em class="antiqua">man</em>, braunes +Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«</p> + +<p>Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes +Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des +glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen +Seligkeit verholfen hatte ...</p> + +<p>»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick +gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi +ünner — dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«</p> + +<p>Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom +schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in +die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte — »Fohrräder heff ick all +männigesmol opbewohrt — öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien' +— dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> kieken, wenn ick +em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e +Gang'n is ...«</p> + +<p>In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst +verdunstet — sie dachte sogar auf hamburgisch.</p> + +<p>Es ging in einen stockfinsteren Gang — Bessie schauderte und schickte +ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut +werd' ich dich brauchen ...</p> + +<p>»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an +...« Schade — surrte es durch das Hirn der Alten — dat wier wat taum +Verschärfen — öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein — +für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche +Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient +werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht +zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung — und +scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.</p> + +<p>Nun eine Stiege hinauf — durch einen elektrisch beleuchteten, nach +scheußlichen Parfüms duftenden Korridor — hier und da öffnete sich +eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ... +und noch einer, noch einer — Kichern, kreischende Worte, kreischendes +Gelächter — Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie +Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon +zu spät? Schutzengel, hilf!!</p> + +<p>Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das +in einer Ecke stand — holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine +dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei +Sternen sich schlang — füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden +Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern +Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen — +grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen +geschüttelt,<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen +Haufen Dollarnoten in die Krallen — die prüfte genau, schmunzelte +zufrieden, knickste und humpelte weiter.</p> + +<p>Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin — hier schien die +Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze +Abschlußwand — eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand +drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein +neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter, +knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...</p> + +<p>Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war +sie verloren ...</p> + +<p>»Nein — nein —« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen +nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will — lassen mich +gehen ...«</p> + +<p>Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue +im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich — das hatte keine +Bedeutung.</p> + +<p>»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an +den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin — »ich will fort, ich will +heraus ...«</p> + +<p>»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de +Frigersmann — nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du +schast tofreden sien ...«</p> + +<p>Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang — tauchte +plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...</p> + +<p>Bessie erstarrte ... Das — das war — —</p> + +<p>Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit — — nur Lachen konnte retten ...</p> + +<p>Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich +grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen — damals! +— der Schutzengel in Gestalt des jungen<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Mannes mit dem braunen +Schnurrbärtchen — — den hatte sie gesucht — und da war — der andere +...</p> + +<p>Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...</p> + +<p>Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der +Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.</p> + +<p>Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel +fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.</p> + +<p>»Dat's aber scheun, Fräulein — dat wi uns hier wiederfinnen ...«</p> + +<p>»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei +unser erstes Begegnung.«</p> + +<p>»Sei mich auch, Fräulein —« Tedje konnte galant werden, o ja, das +konnte er — »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«</p> + +<p>»Wie heißen Sie?«</p> + +<p>»Ick heit Tedje Tietgens ...«</p> + +<p>»Tiet —?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen — +was auch heißt Tiet—«</p> + +<p>»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje —?!«</p> + +<p>»Antje — <em class="antiqua">yes</em> — <em class="antiqua">that's it</em>!« Schutzengel, hab' Dank!!</p> + +<p>Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt +eine jähe Ernüchterung. Antje — sie kennt Antje ... Er machte eine +Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen. +Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die +Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie +häufig zusammenkomme?</p> + +<p>»Sagen Sei, Fräulein — sind Sei am End' von Amerika?«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Yes, yes</em>, ich bin ein Bürger von die <em class="antiqua">United States</em> ...« +Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem +Köpfchen das Sternenbanner.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen +Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert — beunruhigt, respektvoll +... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem +Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über, +von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.</p> + +<p>»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein — wie kamen Sei in dit Lakal +— un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war +ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...</p> + +<p>»Oh — ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann — mit ein braunes +Schnurrbart ...«</p> + +<p>»Na — dat heff' ick ja ook —« versuchte Tedje zu scherzen.</p> + +<p>»Nein — ich meine ein andres junges Mann — was Sie kennen also ... +damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen +zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie +nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr +zwei, für meine Sache ...«</p> + +<p>»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«</p> + +<p>»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm +...«</p> + +<p>Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun +schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete — +die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos +glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern +gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies +Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde +später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem +Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei +Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit +... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile —<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> aus einem +Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen +Schnurrbärtchen ...</p> + +<p>In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte +auch diesmal nicht geschlafen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>7</h3> +</div> + +<p>Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste +Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!</p> + +<p>Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front +waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des +Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert +deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die +Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag +auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...</p> + +<p>Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande, +vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle, +glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die +Nietschlegel ...</p> + +<p>Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und +Welterneuerungsfieber losgerungen.</p> + +<p>Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen — und aus dem +Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem +Gerüst flatterte ein neues — ein uraltes Panier.</p> + +<p>Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und +Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende, +welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt, +geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> + +<p>Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit +brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst +die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich +zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes +aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...</p> + +<p>Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die +Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit — +und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder +zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der +brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser, +hingebender Arbeit ...</p> + +<p>Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende +Tiefe das uralte Fest der Rast — der Sammlung — des Einklangs ...</p> + +<p>Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille, +müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in +dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau +Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes +und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev +Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht — aber +selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe +bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man +spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder — man schenkte +Genußmittel, die man sich sonst versagte — man gab Gegenstände des +täglichen Bedarfs ...</p> + +<p>Ach — und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen +aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken, +Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde +er sie finden ... und<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> er würde heimkommen — aus der geheimnisvollen +Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen — wie +er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer +aller Glaube ihn begleitet hatte.</p> + +<p>Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller, +zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines +Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen — +doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...</p> + +<p>Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den +treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner +Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit +seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter +gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen +Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne +alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten +Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann +für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte +Johanna die geplante Einladung aufgegeben.</p> + +<p>Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie +Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war +heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der +Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United +Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte, +wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt, +daß sie bleiben durfte. — »Ich kann meine Studien über dies kuriose +Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß +Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die +den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei +Wochen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem +allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...</p> + +<p>Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt. +Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da +draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen — sie +werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob — die +Heiligabend-Stimmung war gerettet ...</p> + +<p>Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach +der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im +letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht +eingeladen. Der Wagen war bestellt.</p> + +<p>Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren — da +bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung +war da — aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter +saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und +trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die +tröstlichen Lichter.</p> + +<p>Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch +schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung, +Stütze hätte sein sollen — der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig, +ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben — dem +Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und +anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten +...</p> + +<p>Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde +zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes +zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.</p> + +<p>Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte +keine Tränen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier +Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen +ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und +friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen +zu beschenken! Vollends Tedje — Kunststück, er war seit Monaten +der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle +solches plötzlichen Wohlstandes — der Junge war großjährig, hatte +sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder +sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen +Schnaps, seine Ölsardinen — ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht +hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren +vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut +Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie +auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei +Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter +Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem +Gabentisch gestapelt —. »Die reinsten Friedensweihnachten —!« meinte +Vadder Tietgens — paff, paff — »Dunnerslag — wat'n Tobak!«</p> + +<p>Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen +Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm +Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen +und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz +Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche +Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife +mit Hornausguß für Vadder — für Mudder eine wollene — ja wahrhaftig, +eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran — er bekam als +Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen +wunderschönen grünen Lodenhut<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> — und eine in Seidenpapier gewickelte +Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit +einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der +Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend +an den Armen — und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene +Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach +Bruderart harmlos gezüchtigt.</p> + +<p>Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. — Die +Aufschrift der Flasche lautete:</p> + +<p>»Apollinaris« ...</p> + +<p>Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten — Klavierstücke von +Grieg ...</p> + +<p>Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie +Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten +Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick: +Wird's nun kommen — das Erwartete — trotz mancher Bedenken im +geheimen doch Ersehnte?</p> + +<p>Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch — er +las die Aufschrift:</p> + +<p>»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«</p> + +<p>Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf +die kam es an ...</p> + +<p>Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak — sah aus der +aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die +Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen — fühlte die +Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm +Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter +Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen +erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...</p> + +<p>Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich +... Wohin gehörst du?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p> + +<p>Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir — und steige wieder empor +in die Höhen, auf denen du geboren bist — auf denen du entbehrt und +ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann +aber tu's bald — ich trag's nicht mehr ...</p> + +<p>Oder gehörst du zu uns? Dann sag's — dann laß mich's wissen ... Ich +bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann +sprich ... Ich trag's nicht mehr ...</p> + +<p>Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm +die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand +die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete — oft hatte er sie +ihr vorgelesen:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Was willst du — noch einmal dein Köpfchen lehnen</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">an meine Brust — ich soll mich nach dir sehnen?!«</span><br> +</p> + +<p>Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein +Mädchentraum.</p> + +<p>Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte. +Enttäuscht die Alten — aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor +verbissener Wut der Bruder ...</p> + +<p>Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje +herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins +Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen — bei den Lästermäulern in +allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg — bis hinunter zu den +Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen +Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot +bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine +Gesinnungsgenossen von der S. P. D. — Aber der Kerl war ja wohl nicht +recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn? +oder — wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar — verdammi!! eine +andere gefunden? — eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl +auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja +wohl mit ihnen unter der Decke — wie seit acht Tagen schon — seit er +selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen +und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es +kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den +Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich +zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren, +die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen +heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar — das war doch mal +wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf, +Clas, Antje, Anders — und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten +noch 'nen Gang — in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg +waren sie — und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon +seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und +verschwunden waren alle drei ...</p> + +<p>Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder +kamen ...«</p> + +<p>Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen +sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...</p> + +<p>»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich — denn möten wi uns allein trösten +...«</p> + +<p>»Hest jo mi, Vadder —« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes, +dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.</p> + +<p>Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p> + +<h3>8</h3> +</div> + +<p>Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der +Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am +fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der +Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem +Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder +hatte sie Gaben besorgt — für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht +kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch +die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten +unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen +Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte +Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor +im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet — und eine +Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im +Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen.</p> + +<p>»Nicht gar zu sehr verwöhnen! — Sie werden's nie wieder so gut +bekommen — und später immer enttäuscht und traurig sein ...«</p> + +<p>»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken +... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben — es +gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert, +sagt ihr? Es ist warm bei euch — viel wärmer als drüben ...«</p> + +<p>Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die +Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch +eine Fünf-Dollarnote. So — nun war sie aber auch völlig blank ... Gut, +daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...</p> + +<p>Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie +ihren Gabenkorb bekommen haben — der arme Bobbie<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> in seinem einsamen +Junggesellenstübchen — zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen +und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die +erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei +an sie denken würde?! Ach nein — er dachte gewiß an die schlanke Ilse +— die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ... +Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer +...</p> + +<p>Ach was — an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein +recht dicker, langohriger Esel ...</p> + +<p>An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war +unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse +eingeladen hatte — die würde staunen — und sich vielleicht doch ein +wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes +Töchterchen gekümmert hatte.</p> + +<p>So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und +ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den +Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders — dessen Seele einmal +Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen — und der wunderliche +Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem +scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig +er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im +Kämmerchen ausgebreitet lag — samt allem Zubehör: dem langen weißen +Umhängebart — dem Sack mit Äpfeln und Nüssen — und der Rute für die +unartigen Kinder ...</p> + +<p>Horch — welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das +Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den +finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der +schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die +Kerzenbäume — und droben, wo<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> die Hauswände mit schwarzem Strich zu +Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden +Sternen beflittert ...</p> + +<p>Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön — noch nie meinte +die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und +autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben. +Glocken — Kirchenglocken — aber wie viele — wie unmenschlich viele!</p> + +<p>Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß +es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt +um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet +hatten — daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend +Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier +Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden +Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen +Erdballs ...</p> + +<p>Die übriggeblieben waren — ihr vereinter Schall war immer noch +machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten +Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige +Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin +war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen, +rätselschweren Landes — dieses Landes, das sie drüben das +Hunnenland nannten — und in dem sie nichts als gütige, schnurrige, +traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ...</p> + +<p>Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den +Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier — und nicht im +Lande der Bethlehem Steel Company ...</p> + +<p>O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang — o Seele, +Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit — +des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<p>Doch — da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten +Jungen — die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ... +Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen +Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen +staunten sie, die zwei guten Jungen ...</p> + +<p>»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr +guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister +Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere +kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben +zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind +richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's +<em class="antiqua">confusion</em>!«</p> + +<p>Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und +Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen +Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen +Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken +angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um — +klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie +aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen, +blind, verstaubt:</p> + +<p>»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt +hebbt!«</p> + +<p>Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches +Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick, +bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht +vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als +sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was +in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine +fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein +Schulkind — sie litt ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>Er wandte sich ab — es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm +seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte +zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal +heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche +die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in +die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen +Dezembersturm immer ungelenker wurden — und schlug die Tasten an:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»O du fröhliche,</div> + <div class="verse indent0">o du selige,</div> + <div class="verse indent0">gnadenbringende Weihnachtszeit ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger +glitten von den Tasten — über den weißen Bart kollerten aus des +Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...</p> + +<p>»Wat hebbt Sei, Clos?«</p> + +<p>»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick +warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien +Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien +Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt — un +Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann — öwerst nu warden +mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz +all sien mit dat Klavierspeelen ...«</p> + +<p>Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja +selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ...</p> + +<p>Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind +und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das +Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust — seine +glühenden<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden +Mädchenherzens.</p> + +<p>»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu +fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit +nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw — ick gleuw ... +Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...«</p> + +<p>Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.</p> + +<p>»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«</p> + +<p>»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd +tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«</p> + +<p>»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich +...«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter +Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...</p> + +<p>»Schnell, Clas, Lichter anzünden!«</p> + +<p>Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht.</p> + +<p>Und — da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz, +frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee — sie trat zur Rechten +— und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu +meistern.</p> + +<p>Und nun trappsten und trippelten sie herein — auf ihren +zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen — ach, es waren gar ein paar +Barfüßer dabei — die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen, +verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten +Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die +der Frost gelähmt, der Wurm<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre +verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens +über den Irrsinn des Leidenmüssens — in vielen aber auch schon die +Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und +jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten +Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung +gewordenen Verbrechertums ...</p> + +<p>Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender +Zug von Glückseligkeit — die alle hatten dieser Weihnachtszeit +entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen +freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene +Gabe — bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet, +keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden +ihres Hauses geladen — sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der +Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt +wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der +Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten.</p> + +<p>Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das +große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes, +verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...</p> + +<p>Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah +... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den +blanken Stiefelchen von ihnen wollte — wie sie dazu kam, einen Haufen +fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen +... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von +ihrer Sorte ausgesucht hatte — einen Arbeitsmann und ehemaligen +Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine +— Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das +war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H. +T. L. tippen ging!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> + +<p>Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch +eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal +— so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern +standen, aber ausgestopft — und das war ein lebendiger — zwar die +scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher +alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange, +ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er +hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das +Schöne, daß es man Spaß war ...</p> + +<p>Ach — und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu +spielen ...</p> + +<p>Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig +mit, als nun die alte Weise klang — die wunderliebe deutsche Weise von +der stillen, der heiligen Nacht.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge, +flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die +gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen +tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein +feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im +schmutzigen, schlüpfrigen Schnee.</p> + +<p>Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche +der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten +Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd, +heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...</p> + +<p>Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan +... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Christ, der Retter ist da —</div> + <div class="verse indent0">Christ, der Retter ist da ...«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<p>Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause +gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen +nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften — ihres einsamen +Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos, +unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der +Gnadenbotschaft aus der Höhe.</p> + +<p>Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten +Klaviernachklänge verschwebten — und stand geblendet im +verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer +Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller +Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden +Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend, +unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige +Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die +Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold +der Güte so lieblich mischte — und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann +vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und +bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes +Paar — sieh da — Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin +— mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer +unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...</p> + +<p>Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen +— aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem +jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken +kehrend, mit der Sekretärin plauderte.</p> + +<p>Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens — +sah wahrhaftig wie eine Dame aus — und war doch, wenn man sich recht +erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit +dem sie im Wechsel mit<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der +immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte +— das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar, +die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person — und der Matrose +mit dem kahlgeschorenen Kopfe ...</p> + +<p>Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem +Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar +arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner +Schätze behilflich zu sein — jetzt hob der Kopf sich ein wenig — —</p> + +<p>Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten, +in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand —</p> + +<p>Und wieder wandte er — er! — wandte sich wieder an dieses Fräulein +Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her — es lächelte der +weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die +zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des +Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich +regten, die reine Flamme der Menschengüte.</p> + +<p>Sie — sie ist gut zu ihm — sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm +Gutes tun an den Ärmsten — und ich — —</p> + +<p>Also hier — hier ist er — hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt +der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und +Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht —?!</p> + +<p>In Ilses Wesen löste sich etwas — etwas Starres und Stählernes — +etwas Stolzes und Steifes — löste sich, fiel ab wie Schale, wie +Schlacke — und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward +entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik +ward Harfen- und Schalmeienjubel — ein Mensch ward sich seiner +Menschlichkeit bewußt.</p> + +<p>Und jetzt — jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> sich +vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur +Tür — — und da sanken seine Arme am Leib herab — und auch in seine +Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den +dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand.</p> + +<p>Und Blick senkte sich in Blick.</p> + +<p>Du bist's — du — — hier find' ich dich — hier bist du —! staunte +Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen — im Kleide der Schlichten ... +hingegeben dem Werk der schenkenden Güte — —</p> + +<p>Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück.</p> + +<p>Nein — ich versteh' dich nicht — aber ich glaube — — ich — ahne +dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ... +begriff' erst heute, wer du bist ...</p> + +<p>Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest — +schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über +den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...</p> + +<p>Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen — dieser kurze +Blicketausch war letztes Erkennen — ein Liebesgeständnis ... ein neues +Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen — inmitten +des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte — heiligstes +Geheimnis dieser heiligen Nacht — —</p> + +<p>Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden — mit einem Ruck +zurückverwandelt ...</p> + +<p>Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten +aufgetaucht — ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes +ein Dämon des Hasses ...</p> + +<p>Nur einen Moment — und schon war er verschwunden — geblendet, +hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Viertes_Buch">Viertes Buch</h2> +</div> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>1</h3> +</div> + + +<p>Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in +der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés +der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße — das war +seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand, +wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen +traf — niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander +gefunden. Ilse begriff nun alles — verstand des Freundes Suchen und +Sehnen — wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine +Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ...</p> + +<p>Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um +die berußten Ziegelfronten der Neustadt — aber durch die jagenden +Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden +Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige +Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein +Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der +Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die +hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre +Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und +durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht.</p> + +<p>»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich +armselige Blaujacke schwerlich — also beichte, für wen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige +Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an — +das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines +Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!«</p> + +<p>»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen.</p> + +<p>»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator +Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der +›Deutschland‹ — doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«</p> + +<p>»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht +wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt. +Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch — die +Republik sei in Gefahr.«</p> + +<p>»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau +und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas +bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung +... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«</p> + +<p>»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum +Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder +sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in +diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die +Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich — dann kracht's auch hier, und +ganz besonders auf unserer Werft!«</p> + +<p>»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang' +ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche +Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei +jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist +mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> + +<p>Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der +Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er +müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe +gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit +Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob +auch unsereins einmal so frei sein darf ...«</p> + +<p>»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich +habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst +... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun — und was wurde weiter? +Was sagtest du, tatest du?«</p> + +<p>»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der +Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein +hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle +mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ... +es war ein Leutnant Timmermanns — der Bruder unseres Generaldirektors +...«</p> + +<p>»Ah — deines stillen Verehrers!«</p> + +<p>»Ach — der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig +befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die +›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«</p> + +<p>»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger. +»Nun — und wie ging's aus?«</p> + +<p>»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um +meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum +Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in +seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung — da +ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche +Abschiedsblick — mir gruselt noch, wenn ich daran denke ... +ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten — unwillkürlich zog sie den +Blaufuchskragen<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> am Hals zusammen. »Heinz — und du mit solchen Kerlen +seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen — wie du +das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege — du ahnst nicht, +wie oft ich's tu um deinetwillen — mich ängstigen entsetzliche Bilder +... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche +Unternehmung ihren Zweck erreicht?«</p> + +<p>»Das hat sie längst getan, Ilse — und ich denke, es ist nun genug. Ich +warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab — dann werde +ich wieder Heinz Freimann — und Anders Niemann wird Episode gewesen +sein ...«</p> + +<p>»Heinz — ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte +ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«</p> + +<p>»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten. +Das ist ein langes Kapitel ...«</p> + +<p>»Erzähl' mir, Heinz — erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine +Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin — noch in einem ganz anderen +Sinne als jetzt bei Vater ...«</p> + +<p>»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich +gelernt hab'? Ich kenne nun — oder bilde mir's wenigstens ein — ich +kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«</p> + +<p>»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier +Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft — von Seele habe ich wenig +gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen +— da hast du die Arbeiterseele!«</p> + +<p>»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte +Heinz.</p> + +<p>»Ach nein — die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter. +»Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan!<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Bedenk doch nur — +unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«</p> + +<p>»— die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat — sollte das +nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen, +unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören +bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung +des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes +— Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums — — Und was +das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge +nur seinem leiblichen Wohl gilt — nur bestimmt ist, seinen Wert als +Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer +aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige +Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer +hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen — Lebensinhalt +zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang +der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem +Volkstum entfremdeten — es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat +den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«</p> + +<p>»Und das — das willst du —?!«</p> + +<p>»Ich will's — solange kein anderer es tut — kein anderer als +vielleicht der Feind — durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese +Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer +Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur, +unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«</p> + +<p>»Also was willst du tun?«</p> + +<p>»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des +Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich +werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> die +irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder +verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß: +Hier ist eine ungeheure Not — Millionen der Menschen, die unsere +Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser +seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun +werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja +jetzt auf einmal alles — ich begreife, warum wir den Krieg verloren +haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die +große Prüfung über uns kam.«</p> + +<p>»Und euer berühmter Geist von 1914?«</p> + +<p>»Ein schöner Traum — eine Vorahnung nur von — etwas, das einmal +kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres +Heeres — nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres +ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen — langsam, +unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten +Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den +Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte — die außerhalb +der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht +ausgleichen lassen — man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So +— ist's gekommen.«</p> + +<p>»Und — was soll werden?« fragte Ilse.</p> + +<p>»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein +Deutscher ist. Daß wir zusammengehören — über den Klüften der Bildung, +des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies +und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das +alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt — +das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen +— dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres +zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> +nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe, +nicht mit der Diktatur des Proletariats — aber auch nicht mit +Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung +des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes +nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen +Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«</p> + +<p>»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft — ist das nicht auch +nur ein Wort, eine Theorie — eine Phrase?!«</p> + +<p>»Es ist ein Wort — eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem +Ernst. »Es ist — <em class="gesperrt">das</em> Wort.«</p> + +<p>»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf +kommt es auch gar nicht an — dazu bedarf es aller Kräfte der Nation. +Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird. +Ich habe sie erkannt — und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht +alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen +Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns +überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein +amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder +Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der +Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner. +Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt, +stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans +Köpfchen und sagt: <em class="antiqua">My flag</em>! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die +Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische +Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«</p> + +<p>»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber — wer wird die Kraft +haben, so etwas in Deutschland einzuführen?<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Ja — und welche Flagge +sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei — an der +einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen — und die +andere — die wird uns aufgezwungen ...«</p> + +<p>»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer +unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen: +Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz +eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres +einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen +unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun. +Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter +Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich +dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber +sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt, +scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja +übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen +Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich +die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn +ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen +Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer +und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das +Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst +du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das +Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor +meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden. +Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<h3>2</h3> +</div> + +<p>An den St. Pauli Landungsbrücken — ein Bild fast wie aus der +Friedenszeit ...</p> + +<p>Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter, +erregter, fast fieberhaft. — — Was einst alltäglich war, nun ist's +ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.</p> + +<p>Ein Riese des Ozeans wird erwartet — ach, es ist kein deutsches +Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's — noch nicht wieder ... +Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der +Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib +aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen +»Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens, +dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des +Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen +Reiches — — morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.</p> + +<p>Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches +Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male +unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg +anlaufen — dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste +Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes +tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft — nach der +allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...</p> + +<p>Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne +mit den Buchstaben »U. T. L.« — dem Symbol erster Wiederbesinnung der +wahnzerrissenen Menschheit.</p> + +<p>Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand +eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> und der +Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu +begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten +eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter +seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen +hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon +längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große +Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen — und dem feierlichen +Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte, +daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die +qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.</p> + +<p>Hatte sie das wirklich?!</p> + +<p>Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von +Linie und Werft es kannten — wer wußte, was sie wußten — der mußte es +billig bezweifeln.</p> + +<p>Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg — wie +es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.</p> + +<p>Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im +Streik — und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die +Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit +aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen +Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...</p> + +<p>Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen +als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten +Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an +das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe +Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad +der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen — — er war +gefunden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von +drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung +entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte, +er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution? +Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts — was würde er dem +Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam — würde sie nicht das +Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges +— ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland +immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!</p> + +<p>Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev +Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann, +gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren +Mitarbeitern tauschten.</p> + +<p>Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis +dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau +Johanna — und Bessie.</p> + +<p>Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr +hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten +Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:</p> + +<p>Heinz ist gefunden!</p> + +<p>Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht +getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn +die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die +er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden +wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz +hinunter. Aber einst — doch gewiß bald — da würde er wiederkehren — +um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt — und vielleicht +den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat +— die aus allen Deutschen Brüder<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> machen sollte — aus den sechzig +Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren — ein Reich +— ein Volk.</p> + +<p>So träumte Mutter Johanna ...</p> + +<p>»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie +trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut +hätte ...«</p> + +<p>Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie — +du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse — willst es +nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein +kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in +einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...</p> + +<p>»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«</p> + +<p>Nein — sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf — ganz +frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.</p> + +<p>Ach — es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage, +da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der +Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen +Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren +fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte, +Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt, +und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene +Jäckchen in Fetzen gerissen ...</p> + +<p>Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der +scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.</p> + +<p>»Mama — Bessie — ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim +... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten — dann, +meint er, sei's genug — dann macht er Schluß mit Anders Niemann — und +will wieder unser sein ...«</p> + +<p>Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> die +Braut umarmt ... Aber nein — Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu +beherrschen, wenn andere zuschauen.</p> + +<p>»Und dann? Und dann, Ilse?«</p> + +<p>»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium +berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des +Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich — es will +mir kaum über die Lippen — unter Anerkennung der Republik — er, des +Kaisers Offizier ...«</p> + +<p>Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man +würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam — alles andere würde sich +finden — diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus +sei ihm nicht Heimat mehr ...</p> + +<p>»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr +von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ... +<em class="antiqua">Daddy</em> und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt +mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister +Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse — wenn +du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er +hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«</p> + +<p>»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«</p> + +<p>»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind +gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung +... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in +der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute +an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses +bieten — sonst verlören sie das Vertrauen — und die Vereinigung der +beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der +Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts +zu tun habe, könne sie keine Löhne<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> zahlen ... Das hatte Heinz ihm +alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch +geblieben ist ...«</p> + +<p>Erregung schwoll auf — alle Hälse reckten sich ... Dort hinten, +wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den +hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen +schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und +Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der +Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern +der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich +alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das +Lotsendampferchen — als führe die Hand eines Kindes einen tappenden +Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.</p> + +<p>Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf +Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt +vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen — ausgesperrt +vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem +Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen — dem +Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten +Kaiserreichs ...</p> + +<p>»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser —« herrischer Fürstenmund, der +einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung +verstummt ...</p> + +<p>Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der +Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's +möglich — täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!</p> + +<p>Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.</p> + +<p>War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief +an die Lebensgefährtin der Browning lag —?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> + +<p>Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes +Antlitz.</p> + +<p>Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände +— drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den +Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die +Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte +Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und +auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der +wiedererwachten Menschlichkeit.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<h3>3</h3> +</div> + +<p>Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer +näher und näher. Unabwendbar.</p> + +<p>Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die +tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur +ein Vorspiel.</p> + +<p>Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph +des Kapitalismus — das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm +selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor — der Sendling des +Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht +vom Stapel laufen — —</p> + +<p>Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit, +das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft +geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten +bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...</p> + +<p>Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine +starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft — im Bunde mit +seinen Freunden, seinen Stubengenossen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> + +<p>Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob +Timmermanns — der Werkmeisterssohn — hatte es ersonnen. Er, der ihn +einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen +Hund ...</p> + +<p>Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen +— für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch +... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter +würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des +Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.</p> + +<p>Und dann — dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen — und nach +Amerika fahren — und schwer Geld verdienen — für die H. T. L. Für die +Feinde — die Kapitalisten.</p> + +<p>Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft +hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?</p> + +<p>Nicht zu früh triumphieren — ihr da oben im Licht!!</p> + +<p>Die »Deutschland« läuft morgen <em class="gesperrt">nicht</em> vom Stapel! Die +»Deutschland« geht heut nacht in die Luft!</p> + +<p>Und dann — wenn alles drunter und drüber geht — dann holt Tedje +Tietgens sich seine Feine — seine »Zarentochter« —!!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens +hatte nicht den Vorsitz mehr — die Beratungen leitete im Auftrage der +Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in +der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den +Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der +lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige +Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die +Sowjetrubel.</p> + +<p>Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst +unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie,<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> +selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen — sie schielten +alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken +zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut! +Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!!</p> + +<p>Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution +rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte +sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen +Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben +zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue +aufzurichten in Deutschland.</p> + +<p>Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.</p> + +<p>Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die +Laterne!</p> + +<p>Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch +goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah — schreien! +Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber +wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein +paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren +punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln — dazu +reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter! +Der Feind, der handelt —! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein +Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen +— das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit +dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und +drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr +selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung +für die Macht des Götzen, der<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> euch alle knechtet, euch Proletarier der +alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen +›Deutschland‹ tragen — eine neue Herausforderung des international +gesinnten deutschen Proletariats — eine neue Verherrlichung des +Nationalismus — dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das +mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in +unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern — das sie vier Jahre +lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig +zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die +Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben +hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer +Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!«</p> + +<p>»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die +Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut! +An'ne Wand dei Schufte!«</p> + +<p>»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland? +Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes +übrig gehabt als verblödende Arbeit — elenden Hungerlohn — stinkige +Zinskasernen — gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln — und wenn +eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben +der Arbeit für die Großen — hundert Mark Invalidenrente?!</p> + +<p>Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser +geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!</p> + +<p>Soll's dazu kommen?!«</p> + +<p>»Nein!« brüllte die Horde.</p> + +<p>»Gut — so sorgt mir, Genossen, ihr Entschlossenen, ihr Jungen, +ihr, die ihr euch ekelt mit mir vor der Halbheit und Lauheit der +Maulproletarier, der verkappten Bourgeois — sorgt mir, daß die +versumpfende, verrottende sogenannte ›Bewegung‹<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> endlich Beine bekommt, +Flügel bekommt, Klauen und Zähne bekommt! Sorgt, daß ein Fanal +aufglüht, ein Posaunenstoß schmettert, eine Sprengmine in die Luft geht!</p> + +<p>Es lebe die Propaganda der Tat!!«</p> + +<p>Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen — stürzte ein Glas +Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er +die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.</p> + +<p>»Wat söhlt wi moken — Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n +Plon, Kierl — spuck'n mol ut!«</p> + +<p>Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer +pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort.</p> + +<p>Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf +einmal: Wollust, Zerstörungswut — und die gelbste, tückischste, +stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des +Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des +Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.</p> + +<p>»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel — +wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar +stohn dree Kisten Dynamit!!«</p> + +<p>Was — — — hatte er gesagt — der Tedje?!</p> + +<p>Die »Deutschland« in die Luft blasen — mit — Dynamit?! — Die — — +»Deutschland« —?!</p> + +<p>Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen — glotzten blöden, +jählings erblaßten Gesichts im Kreis — —</p> + +<p>Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat +reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig — eine fratzenhafte Ausgeburt +der Hölle ...</p> + +<p>Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu +bestialisch ...</p> + +<p>Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> Schreckenstod +geschaut — seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen — +sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es.</p> + +<p>Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken?</p> + +<p>Dragomiroff — nun ja, Halbasien — — ein Tier mit Menschenantlitz und +Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ...</p> + +<p>Aber Tedje — —! War das möglich — dann — was war dann nicht zu +fürchten — von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen —?!</p> + +<p>Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich — +sie — konnten ihn dulden — — — — diesen — diesen Plan?!</p> + +<p>Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan — +schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu +Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und — — seinem +Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!</p> + +<p>Nein — sie überlegten — — hinter dieser und jener niederen Stirn, in +dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf — eine +scheußliche, quallige Zerstörungswollust ...</p> + +<p>Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen, +Willenlosen — stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der +aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen +emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen — was +deutsch in ihnen war. Der Osten siegte — das Nihil ...</p> + +<p>Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman +über Ormuzd ...</p> + +<p>»Verdammi — ick bün dobi!!«</p> + +<p>Clas Mönkebüll hatte es gerufen — der blauäugige Holste,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> der Schumann +und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug, +er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust +ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ...</p> + +<p>»Ick ook! Ick ook!«</p> + +<p>Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr — +immer mehr ...</p> + +<p>Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in +Untat ...</p> + +<p>Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder — die beisammenhockten, den +scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen +verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das — +Chaos organisierten —</p> + +<p>Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er +dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm +aufreckte.</p> + +<p>Mitwisser — dieses — dieses Geheimnisses?! Dieses — dieses Planes +—!!</p> + +<p>Ja — nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre, +reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe +hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender — und sah sich plötzlich +nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis — er, +Georg Freimanns Sohn.</p> + +<p>Was tun?!</p> + +<p>Die »Deutschland« — Georg Freimann — die H. T. L. — die United +Transatlantic Lines — das Vaterland — das alles war eins — das alles +wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich — +einem Bubenstreich — einem Satansstreich — —</p> + +<p>Heinz — Anders — Mann — Sohn — Deutscher — was tun?!</p> + +<p>Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins +Hirn. Aufblick: Tedje —! Er belauert, wittert mich! Vorsicht —!!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> + +<p>Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach +seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!! +Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen — wähnte nun erst zu +wissen, was sein Weg war — meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der +eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen +Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der +»Deutschland« ... Deutschlands ...</p> + +<p>Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz, +ganz anders — —</p> + +<p>Ein Spion — — ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des +Geschicks — —. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter +Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß — dem sie alle vertraut — den eine +— — liebte.</p> + +<p>Und nun: Denunziant — Verräter?!</p> + +<p>Unmöglich, Heinz Freimann — unmöglich!!</p> + +<p>Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht +nur gescheitert — sie wäre auch — geschändet ... dein Sehnen zur +scheußlichen Fratze entstellt ...</p> + +<p>Nein — das war unmöglich — gab's denn kein anderes Mittel, das +Unausdenkbare zu verhindern?!</p> + +<p>Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort. +Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.</p> + +<p>»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei +hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei +Inschenöre, nich blot Timmermanns — du un du un du un ick, wi hebbt +unsen Sweit un uns' Gedanken un — ick kann't nicht beter seggen, wi +hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«</p> + +<p>»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte +Tedje.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> + +<p>»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn! +Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was +dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen +Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann +der glorreichen Volksrepublik des Ostens?«</p> + +<p>Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm +das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner +Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei +es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der +Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk — vom +rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig +schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um +später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust, +hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß +Deutschland noch aufrecht stehe — daß es Erdrosselungskrieg und +Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ... +Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen — er sei ein Russe, +ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen +...</p> + +<p>»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel +hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ — is dat nich uns' Wark, +dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!«</p> + +<p>In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut +wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des +Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des +treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ... +Und — Tedje?!</p> + +<p>Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf — +will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Schleicher, der +scheinheilige — um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!</p> + +<p>Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen +Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die +verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit.</p> + +<p>»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du +Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir +helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der +proletarischen Freiheit! — Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer +will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen +Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur — wer setzt sie in +Brand?!«</p> + +<p>Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und — — Clas Mönkebüll ...</p> + +<p>Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden +Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab +ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle — sie, +die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von +hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu +erledigen. — »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn +die Tat geglückt ist — dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen +stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's +die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die +Propaganda der Tat!«</p> + +<p>Dann winkte er Tedje zu sich heran.</p> + +<p>»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den +Quatschkopp, den Niemann — der Hund ist gefährlich!«</p> + +<p>»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos +Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl +lot wi nich ut Sicht!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus +seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns +Leben, was galt selbst seine Ehre — wo es um alles ging?! Nein — wer +solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...</p> + +<p>Wenn der Anschlag mißglückt — mißglückt, weil er verraten ist — Tedje +Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen, +den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen +... und das bedeutet ein gräßliches Ende — vielleicht ein spurloses +Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für +was er gestorben ist ...</p> + +<p>Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?! +Unmöglich ...</p> + +<p>In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß +— alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ... +Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick +in der Runde — nein — niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck +war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden +Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür +nach der andern mit kundigem Druck — stand im Flur des Vorderhauses, +verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder, +die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit +ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm, +daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren — daß zwei +Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden +waren — in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch +belauschen konnte ...</p> + +<p>Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...</p> + +<p>»Hier bei Senator Carstensen ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>»Hallo — kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort — es ist +äußerst dringlich ...«</p> + +<p>Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte?</p> + +<p>»Ilse Carstensen ...«</p> + +<p>»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«</p> + +<p>»Unmöglich, Heinz — du weißt doch, die Amerikaner — in einer halben +Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause — ich bin gerade bei der +Toilette ...«</p> + +<p>Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision — +beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...</p> + +<p>»Wann kannst du dich frei machen?«</p> + +<p>»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«</p> + +<p>»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb +zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg +... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den +Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist — und in +fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«</p> + +<p>»Ja, Heinz — kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung —?«</p> + +<p>»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer +Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles +auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...«</p> + +<p>»Auf Wiedersehen ...«</p> + +<p>Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf — spähte umher, +ob er unbelauscht geblieben sei — alles leer, alles still ... Völlig +beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum +Versteck der Verschwörung zurück<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> und mischte sich unter die Genossen, +die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.</p> + +<p>Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur +des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich +neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern +traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.</p> + +<p>»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt +di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp +verdreiht hett — den'n heff ick — vor drei Dag heff ick'n seihn, as +hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg +dropen hett — un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen +— un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu +telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«</p> + +<p>»Verdammi —!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei +— dat uns' Anders Niemann —«</p> + +<p>»— en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du +dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei +Idiotenanstalt opnehmen — doar geheurst du hen, mien Jung!«</p> + +<p>»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!«</p> + +<p>»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick +denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann +odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in — Heinz ... Im +Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«</p> + +<p>Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn +nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon +gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der +Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant +aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos +verschwunden?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!«</p> + +<p>Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm +und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden +Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft +war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein — nicht auszudenken — ein +Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ...</p> + +<p>»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne +Waffe?«</p> + +<p>»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt +mi nich weg, Tedje.«</p> + +<p>»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi +mien Swester ...«</p> + +<p>Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er +die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele +das dunkle Rauschen vernommen — das er aus den Erzählungen seiner +Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden +Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. —</p> + +<p>»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«</p> + +<p>»Meuglich —« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter +Slieker, dei Anders Niemann — ne, dei Heinz Freimann — dei sall denn +mit us twei tausom'n kaput gohn!!«</p> + +<p>Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz — der +bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden +Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen +konnten.</p> + +<p>»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich +mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich +de letzte is!«</p> + +<p>Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme — unterirdisches<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> Grollen +... dies Gesicht — verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie +seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand, +der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten +— sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein +Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese +Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen.</p> + +<p>»'t is recht, Clos — wo goht wi hen?«</p> + +<p>Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied +lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n +ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«</p> + +<p>Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau +überhaupt nicht wieder heraus! — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er +sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des +unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein +Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.</p> + +<p>Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn +des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in +Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch — schafft auf der +Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens +verrückt ... Hund du — Hund —!!</p> + +<p>Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes +brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte +— irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ... +Nein, nein — es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts +weiter als ein ganz gemeiner<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat +spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch +gelungen — jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr +Verstellung!</p> + +<p>Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder +stehen lassen kann, wenn er will — der greift nach deiner Gurgel! Wir +lassen dich nicht aus — sollst danebenstehen und zusehen, wie die +stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht — und dann — dann bist +du reif fürs Messer!</p> + +<p>Und wenn du nicht mitgehen willst — wenn du Anstalten machst, Alarm +zu schlagen, zu warnen — dann — schon vorher! Bei Clas bist du gut +aufgehoben — schon um Antjes willen —!</p> + +<p>Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?! +Sie wird weinen — um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte +totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar +Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen — um +den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...</p> + +<p>Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er +ist ... Sie soll — sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er +unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in +die Luft geht — Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll +erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an +einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor +Schande — aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er +nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.</p> + +<p>Also heim — zu Antje ...</p> + +<p>Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große +Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!</p> + +<p>Ah — die Feine ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> + +<p>Halb zehn an unserer Gartenpforte — du erwartest mich, steigst zu mir +ins Auto — —</p> + +<p>Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...</p> + +<p>Aber wie — wenn statt seiner — ein anderer im Auto säße —?!</p> + +<p>Düwel, Düwel — dit wier 'n Snack —!!</p> + +<p>Mit einem Ruck blieb Tedje stehen — mitten in einer der üblen Gassen, +an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf +Beute warteten.</p> + +<p>Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!</p> + +<p>Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen — +trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...</p> + +<p>Das kommt nie wieder!</p> + +<p>Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung — vor der +Tat, die so leicht mißglücken kann — — Dynamitkisten sind keine +Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft +gehen ... Und vorher das da!</p> + +<p>Düwel, Düwel — so 'n Snack!</p> + +<p>Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!</p> + +<p>War ja alles zum Lachen einfach, — die zwei hatten's ja eingefädelt!</p> + +<p>Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den +Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als +Helfershelfer — ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich +in Stücke reißen — schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle +ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie — +—</p> + +<p>Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p> + +<h3>4</h3> +</div> + +<p>Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen +Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des +»revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht. +Und nun — diese Abschiedsstunde ...</p> + +<p>Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige +Stunden reinen Glücks erlebt — wenn sie zusammen an Mudder Minings +klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt — und sich +emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen +kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun — nun war's vielleicht das +letztemal ...</p> + +<p>Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat +all man half so slimm.«</p> + +<p>Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er +zusammenzuckte.</p> + +<p>»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ... +blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«</p> + +<p>Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich — Woher sollte er ...</p> + +<p>Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust +zu tragen. Er litt ohne Grenzen.</p> + +<p>»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud —?!«</p> + +<p>»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie +die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«</p> + +<p>Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der +er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser +wahnwitzige, fluchwürdige Plan — — Ach — wenn man ihn retten könnte +...</p> + +<p>»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen +hebbt ansnacken loten.«</p> + +<p>»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> großes Glas +Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um +eine frische Füllung.</p> + +<p>»Ick nich, Clos — ick nich ...«</p> + +<p>»Ne ... öwerst ick ...«</p> + +<p>Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er +verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der +Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht +allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten +einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über +das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war +unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit: +Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden — +und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang +sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht — Anders Niemann und +Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken, +musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens +...</p> + +<p>Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen — wohl war zwischen +ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit +gewesen ... Dennoch — ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn +eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes +und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern — ein Anfang war +gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu +diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der +Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft +aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein +Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen +Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte +hineinzerren lassen?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p> + +<p>»Clos ... segg mi, dat — dat bliwt, dat du hüt nacht — ick kann't un +kann't nich gleuwen von di ...«</p> + +<p>»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.</p> + +<p>Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn +verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel. +Rettung! Rettung!</p> + +<p>Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache +des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen! +Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes +heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren +selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er, +das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie +beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem +Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...</p> + +<p>Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich +vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund +genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß +zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der +Schwur, den jener geleistet ...</p> + +<p>»Clos — du hest wat gegen mi — segg't mi iehrlich, Clos!«</p> + +<p>»Ick verstoh nich ...«</p> + +<p>»Doch — du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi —?«</p> + +<p>Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah +dem Frager starr ins Auge und sagte:</p> + +<p>»Geben Sei sick keine Meuh — — Herr — Kapitänleutnant.«</p> + +<p>Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?! +und seit wann?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> + +<p>»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit +ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe — Heinz Freimann ward +wiedergeboren.</p> + +<p>»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich +will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist +meine Hand. Ich bin dein Freund — du hast keinen besseren. Glaub' +mir's — werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«</p> + +<p>»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«</p> + +<p>Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die +verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun +schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab, +steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.</p> + +<p>»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n —«</p> + +<p>In seiner Hand blinkte das Messer.</p> + +<p>Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den +Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien — pah — umsonst. +Er begriff nichts — nichts als dies eine: Er war verloren.</p> + +<p>Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten +Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse — solch fressendes +Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.</p> + +<p>»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich +töten, weil ich um euren Plan weiß — und weil du glaubst, daß ich ihn +verraten will. Ehrlich gestanden, ja — ich hätte ihn verraten müssen, +wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas — und wenn's mich meine +Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt — habe euch angefleht mit +allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter, +nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten +— muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst. +Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> mir noch etwas anderes +klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst, +ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten. +Tu's — aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir — und sag' ihr, +ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch +nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen +niemals berührt —!«</p> + +<p>Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und +schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres +Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:</p> + +<p>»Is — dat — wohr?! — Is dat — wohr —?«</p> + +<p>»So wahr ich ein braver Soldat bin — und dein guter Kamerad, dein +treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«</p> + +<p>Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe +herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't +nich dauhn ...«</p> + +<p>»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden +Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher +... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«</p> + +<p>»Dei kümmt — dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes +Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis — krampfhaftes +Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick +— mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte +— es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen — aber mit einem +krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß +auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu — ein schwerer +Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. —</p> + +<p>Heinz Freimann war gefangen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> + +<h3>5</h3> +</div> + +<p>»Öwersnappt sünd's, Mudder — öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.</p> + +<p>»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll +Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as +ji freuer arbeit' hebbt — nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß +köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«</p> + +<p>Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi +den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht +Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren +...«</p> + +<p>Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens +blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen — sie +fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres +gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt +seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...</p> + +<p>Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud — ick warr doch +hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' — dat is nix miehr +vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«</p> + +<p>»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man +tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«</p> + +<p>Und dann saß sie einsam — lauschte dem Stundenschlag der unzähligen +Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes +walteten — und sann — sann — sann ...</p> + +<p>Nun feiern sie in der Villa Freimann — die Glücklichen, die Reichen +... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ... +Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen,<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sie rechnen sich's allein +an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der +zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier +und Phantasie bliebe?! Nein — die Faust hatte schon recht, sich zu +ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte +stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ... +die Freude ... der Stolz ...</p> + +<p>Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der +träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur +gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer +ganzen Seelenmacht. — Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft +dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus +Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den +Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...</p> + +<p>Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung — empor in +seine helle Welt — in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des +triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste — empor zu seinen +Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse — empor — empor +zu — der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an +Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen +— wie er hundertmal mit ihr geschlendert war — mit der armen Antje ...</p> + +<p>Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden, +in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte — das Beste, was ein jedes +besessen — eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und +Hoffnungen ...</p> + +<p>Ach ja — einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere +hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er, +das mochte er — aber dann — dann tat sie sich doch aufs neue zwischen +hüben und drüben auf, die ewige, die<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> unausfüllbare Kluft zwischen +den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines +Staates Bürger waren — eines Vaterlandes Kinder ...</p> + +<p>Pah — Vaterland!!</p> + +<p>Ach — es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten +überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die +»vaterlandslosen Gesellen ...«</p> + +<p>O Heinz — du hast das alles empfunden und verstanden — du Guter — du +Reiner — du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen +helfen, die unüberbrückbare Kluft ...</p> + +<p>Oh, wenn dir das gelänge — ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig, +heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk — deine Antje +wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in +dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...</p> + +<p>— Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie +immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders —?!</p> + +<p>Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen —</p> + +<p>So blickt kein Mensch ... so blickt ein — —</p> + +<p>»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«</p> + +<p>Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.</p> + +<p>Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen +gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend +von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der +Schwester vollen Arm:</p> + +<p>»Hest 'n arg leiw — dien'n Kierl — nich wohr, mien Deern?«</p> + +<p>»Ick verstoh di nich, Tedje ...«</p> + +<p>Nein — sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein +Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> jählings etwas +selten, fast nie Geschautes auf — eine wehe Güte — eine schmerzvolle +Liebe ...</p> + +<p>»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' — dat deed di weih, nich wohr, +mien Deern?«</p> + +<p>Wunderlicher Gesell — seine Stimme zitterte — es stand etwas in +seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine +Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas +Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.</p> + +<p>»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick — wi gohn hüt nacht +en sworen Gang tausomen ...«</p> + +<p>Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen — ganz ahnungsvolles Grausen ...</p> + +<p>»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein +wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen, +mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so +kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote +Slachtfeld von dei Frieheit — as truge Söhns von't Proletariat ...«</p> + +<p>»Um Gottes willen, Tedje — wat hebbt ji vör?!«</p> + +<p>Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren +Menschen angezüchtet:</p> + +<p>»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren —?!«</p> + +<p>Tedje schwieg — ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die +Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.</p> + +<p>»Jo — dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«</p> + +<p>»Dat's nich wohr, Tedje — dat's nich wohr!«</p> + +<p>»So wohr as ik hüt noch hier sitt — un morgen vellicht nich miehr ... +Wi hebbt sworen, Clos un ick —!«</p> + +<p>»Tedje —« schrie das Mädchen, »un Anders? — Wat is mit Anders?!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> + +<p>Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse +urweltentstiegenen Hasses.</p> + +<p>»Dien Kierl — hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is +hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«</p> + +<p>Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von +Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei — und daß er um +halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr +den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.</p> + +<p>»Öwerst doar hett hei keen Glück mit — Clos Mönkebüll bliwt em op de +Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft +gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em +Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«</p> + +<p>Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie +noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.</p> + +<p>»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt +— dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur — un dat hei nich wert is, +dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«</p> + +<p>»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich — ji dörft em nix dauhn! Ji +kennt em nich — öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens +wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick +em seih'n heff an Mudders Disch ...«</p> + +<p>»Dat — hest du — wußt?!«</p> + +<p>»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie +dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann +heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...</p> + +<p>Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der +Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen — im Anfang +mit hämischem Grinsen — dann<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> immer gebannter ... immer verstörter. +Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf — eine Ahnung, ein mattes, +ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...</p> + +<p>Nein — nein — das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten +Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes, +verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung +hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um +nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:</p> + +<p>»So — nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern — ick +fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs, +Swester — ick heff di seggt, wat ick weit — nu mok, wat du wullt ... +grüß dei Öllern — un wenn wi nich wedderkomen — denn vergeet mi nich +ganz, heurst?«</p> + +<p>Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan — +preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit — riß sich +los — stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine +schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße +verklang sein Schritt.</p> + +<p>An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen +stürzten die Tränen.</p> + +<p>Was tun? Was tun?!</p> + +<p>Die »Deutschland« sabotiert — Antje wußte, was das bedeutete. Die H. +T. L. — die United Transatlantic Lines — die Hammonia-Werft — alles +brach zusammen. Ach — und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen, +gemarterten Herzens? Der Bruder — Clas — verloren beide ... diese +enge, geliebte Stube — morgen wird sie widerhallen vom Jammer der +Verzweiflung ...</p> + +<p>Und Heinz —! Wo war er? Sie wußte es nicht — kein Schatten einer +Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei +Männer, mit denen er seit einem<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Jahr Wachen und Schlaf geteilt — die +er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt — nun waren +sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine +Todfeinde geworden ...</p> + +<p>Auch er — verloren — verloren ... und damit das letzte, was ihres +eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.</p> + +<p>Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:</p> + +<p>Zu ihr — zu der andern — zu seiner Braut. Wenn einer noch retten +konnte — dann war sie es — sie — und die Menschen, die sie umgaben +— die Klugen, die Starken, die Mächtigen.</p> + +<p>Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe +hinunter.</p> + +<p>Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>6</h3> +</div> + +<p>Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die +Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht — in die kahlen Parks und +Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.</p> + +<p>Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer — sie waren freimütige +Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch +die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung +flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo +sie sich behaglich fühlten.</p> + +<p>Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische +verteilt. Frau Johanna inmitten — strahlend in Hoffnung und Güte. +Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich +manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> + +<p>Hinüber und herüber flog's — Anklagen, Bitterkeiten — grundlose und +tief berechtigte hüben und drüben ...</p> + +<p>Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man +fühlte sich wieder — man sprach sich aus ... man fing an, einander zu +begreifen ...</p> + +<p>Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr +Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und +Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep, +im Boston, im Tango ...</p> + +<p>Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine: +Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde +entschuldigen lassen. Die war längst herum — aber vergebens schauten +die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich +die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber +konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren, +auf deren Fräcken — nu jrade! — die Eisernen Kreuze von verbrausten +Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.</p> + +<p>Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein +blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl. +Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs +Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man +in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem +breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden +Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen +Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:</p> + +<p>Bär du — Hunnensohn — du gefällst mir ...</p> + +<p>Musik verklingt — Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...</p> + +<p>Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> und +Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:</p> + +<p>»Herr Generaldirektor — eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«</p> + +<p>»Schön — verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte +Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«</p> + +<p>Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft +... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...</p> + +<p>Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten +Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.</p> + +<p>»Fräulein Tietgens — was gibt's?«</p> + +<p>»Herr Generaldirektor — heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹ +in die Luft gesprengt werden.«</p> + +<p>»So — —« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So — — Erzählen Sie, +Fräulein.«</p> + +<p>»Herr Generaldirektor — ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«</p> + +<p>»Nein — sie hat sich vor — es muß schon länger als eine halbe Stunde +sein — sie hat sich entschuldigt — Kopfschmerzen — ist nach Hause +gegangen — wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit — mit +der ›Deutschland‹ zu tun?«</p> + +<p>»Sie — ist nicht — wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon +einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen — man sagte mir, +sie sei nach Hause gegangen — ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist +sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«</p> + +<p>Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz +verständigen Eindruck, Fräulein — aber alles, was Sie mir da erzählen +— bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen — und sagen Sie mir kurz +und bündig, was Sie zu sagen haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> + +<p>Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres +Chefs.</p> + +<p>Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne +sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.</p> + +<p>»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise +das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf +dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken — Sie verstehen +mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als — als meinen Bruder, der +glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein — Ihren Herrn Chef +werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«</p> + +<p>Er winkte dem alten Charlie — der stand wie eine Mumie an der Saaltür, +hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.</p> + +<p>»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn +sprechen. Holen Sie ihn heraus — und auch den Herrn Präsidenten. Aber +so, daß es nicht auffällt — verstanden?«</p> + +<p>Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang +blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die +Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher. +Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte +Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.</p> + +<p>Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte, +schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben +schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks — Bessie ... +Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?</p> + +<p>»Verdammt — die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> + +<p>Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte +heran, streckte beide Hände aus.</p> + +<p>»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. — Ich habe mich den +ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie +gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes +mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! — +Aber — was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister +Bobbie.«</p> + +<p>Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor — +stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«</p> + +<p>»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch +natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet, +»gehen Sie ruhig wieder hinein — ich komme gleich zurück, Sie haben +mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas +Geschäftliches mit mir zu bereden — zu Unruhe ist nicht die leiseste +Veranlassung ...«</p> + +<p>Umsonst — da kamen schon die Herren — der Leutnant, der Präsident. +Und Bessie war nicht abzuschütteln ...</p> + +<p>»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ... +Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«</p> + +<p>Es blieb nichts übrig — man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht +entgegennehmen.</p> + +<p>Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann +seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit +anzunehmen. Aber — — welche Kunde!!</p> + +<p>Die »Deutschland« in Gefahr — Ilse verschwunden — Heinz +wiedergefunden, aber in höchster Not ...</p> + +<p>Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich +zusammen — und übernahm sofort die Führung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> + +<p>»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte +von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren +Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«</p> + +<p>Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie +schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«</p> + +<p>»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie — Sie werden die Ihrigen nicht +unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut — so bleiben Sie ... Herr +Generaldirektor — Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein +Wagen wird Sie zum Hafen bringen. — Sie alarmieren die Hafenpolizei, +außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren +herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«</p> + +<p>»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.</p> + +<p>»Gut — so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen +— und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein +Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«</p> + +<p>»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ... +Aber ich fürchte, ich fürchte ...«</p> + +<p>»Was fürchten Sie?!«</p> + +<p>»Ich weiß — daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte +sie.</p> + +<p>»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt —« +sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß — +halten Sie es für möglich — — mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«</p> + +<p>»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden — nur +auf diese Weise erklären —« stammelte das gepeinigte Mädchen.</p> + +<p>»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> durch +die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel — — Hamburg ist +groß ...«</p> + +<p>Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.</p> + +<p>Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt +trat sie hastig einen Schritt vor:</p> + +<p>»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen +tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister +Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten +holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen +Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und +befreien.«</p> + +<p>Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre +Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes —</p> + +<p>»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an — +Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns — +würde der Ihren Ansprüchen genügen?«</p> + +<p>Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.</p> + +<p>»Er tanzt sehr gut, dieser Herr — er hat auch sehr viele Orden, also +ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen — er genügt mir. Kommen Sie, +Mister Timmermanns.«</p> + +<p>»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann. +»Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«</p> + +<p>»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.</p> + +<p>»Gut — so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen — Sohn +tun können ...«</p> + +<p>Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.</p> + +<p>»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> finden ist, dann +ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte +Möglichkeit ...«</p> + +<p>Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle +mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher +aber suchen wir Miß Ilse — und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in +die schlimmen Viertel gehen — und Sie, Sie kennen sich aus in den +schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde — +dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«</p> + +<p>»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere +Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer —«</p> + +<p>»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. — Sie werden doch meinen +guten <em class="antiqua">Daddy</em> nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine +Überraschungen von mir gewohnt ...«</p> + +<p>»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß +Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«</p> + +<p>»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs +beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück — die dürfen +unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven. +Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«</p> + +<p>Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann +zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den +Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ... +das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«</p> + +<p>Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der +kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein — ich habe in +Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht — aber noch nie +mit einer Dame am Arm ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p> + +<p>Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter +Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm +ihres Kavaliers — mit der Linken zog sie Antje an sich heran.</p> + +<p>»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß, +wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der +Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will +bleiben mit ihr in diese Nacht ...«</p> + +<p>»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die +Lage war verteufelt ernst.</p> + +<p>Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte +ihnen entgegen.</p> + +<p>»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo +zu finden das nächste <em class="antiqua">Police office</em> ...«</p> + +<p>»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«</p> + +<p>Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten +das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später +sausten beide davon — das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.</p> + +<p>Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte +den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und +Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es +war nichts vorgefallen — gar nichts.</p> + +<p>»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und +klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz +entzückendes Fest — ein glückliches Omen für morgen — und ein +vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre +Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr +Deutschen ...«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> + +<h3>7</h3> +</div> + +<p>Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen — — und +sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank, +nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem +behüteten Bettchen daheim — und die abscheuliche Vision abschütteln +mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von +einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park — um irgendwen — +wen nur? — zu treffen — von einem Auto, in das man vertrauensvoll +einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung — +einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch — von mühsamer +Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge +und Willen stürzte ...</p> + +<p>Himmel, wie schwer der Schlaf — wie mühsam dieser Kampf um das +erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. — Mein Gott +— wenn das alles am Ende gar kein — Traum — gewesen wäre — sondern +—</p> + +<p>Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des +Erwachens — nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die +Augen auf — — und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt +bis ins Mark. Nein — der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ... +oder — —?!</p> + +<p>Und abermals hob sie mühsam die Lider — — und sah — — und sah — — +sah sich — — nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen +— nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern, +denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war — — wo? Auf einem +verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter +Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm +rochen ... verknitterte Samtportieren — ein Taburett, darauf ein +Sektkühler mit zwei goldenen<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Flaschenhälsen — zwei Schalen, in denen +die Perlen leise knisternd aufstiegen ...</p> + +<p>Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten +Schein einer roten Ampel ...</p> + +<p>Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem +Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...</p> + +<p>Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens — dann hatte Ilse begriffen. +Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer +unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände +tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die +hämmernden Adern zu öffnen.</p> + +<p>»Na, mien Deern — glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick +di seggt —?! Mien Kamroden in Rußland — —«</p> + +<p>Seltsam — Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein +Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann — ein betrunkener Gorilla ... +Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste +zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich — das würde +nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher +Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:</p> + +<p>»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«</p> + +<p>Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen. +Er kannte es — aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn +eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner +liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben +... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten +versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.</p> + +<p>Da ächzte der wilde Tedje — und in seinem fiebergeschüttelten Körper +schäumte gieriger Lebenshunger, quälender<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Durst nach Helle, Glück, +Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte. +Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und +Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und +stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll +Seele, voll Sinn ...</p> + +<p>Und wie sie da vor ihm sich auftat — das Sinnbild seiner Träume, in +seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos — da fühlte, da +wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie +besitzen, nie — haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein +kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht +lesen kann — ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber +verschmutzen, zerreißen, zerstampfen — begreifen, erfassen, erleben +kann er es nicht.</p> + +<p>Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje +... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein +grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel +vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber +nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige +Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben, +seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt +seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte — +in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu — kaum +Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner +Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz +tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre +weltenweite Ferne ...</p> + +<p>Gut denn — und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll — +die Welt seiner Träume — so soll sie wenigstens zertrümmert sein.</p> + +<p>Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt,<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> erhob +sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die +Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die +goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht +höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die +arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die +blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da +nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen +und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend +zersprang.</p> + +<p>Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt — und fühlte zugleich +eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen — ein +Herr im Frack — Schutzmannshelme — —</p> + +<p>Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung — ein +Griff in das aufgeschlagene Bett — die Daunendecke flog dem +Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte — den +nachdrängenden Beamten in die Arme sank — — und jetzt — Höllenspuk! +jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter +schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte — der Spalt schloß sich —</p> + +<p>Tedje Tietgens war verschwunden — wie weggeweht.</p> + +<p>Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein +Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...</p> + +<p>Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin +Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:</p> + +<p>»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«</p> + +<p>Stumm nickte das Mädchen — bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der +zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt — jetzt schwirrte ein +helles Triumphlachen — und da streckte Bessie der geretteten Freundin +ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um +den Hals ... und jetzt<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> — hoch lauschte Ilse auf — durch das wirre +Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen —</p> + +<p>Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder +aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der +Attentäter verschwunden war.</p> + +<p>Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die +Mitte des Raumes ...</p> + +<p>»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen +in'n Liew kaput ...«</p> + +<p>Und jetzt — durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger +Mann in einer Matrosenbluse ...</p> + +<p>»Ilse —!!«</p> + +<p>Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust. +Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte — weinte — weinte.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>8</h3> +</div> + +<p>Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste +ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn +spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen, +stand Robert Timmermanns — den Zylinder fest in den Nacken geschoben, +den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein +Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute, +Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.</p> + +<p>»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant, +»rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh +sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht +Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<p>»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß +wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft +sprengen.«</p> + +<p>Kommen wir zu spät, dachte er bei sich — dann schieß' ich mir eine +Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.</p> + +<p>Schade wär's doch —! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein +bißchen nett zu werden — das Leben. United Transatlantic Lines — +Generaldirektor — Stapellauf der »Deutschland« — und ich laß mich +hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein +bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals +hätte haben können ... Na — wollen sehen ... Wenn mir von den +Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...</p> + +<p>Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes +zur Linken — gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten, +breit hingelagerten Helgengerüstes — und darunter wie ein Gebirge +massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« — alles +lag in gelassen rastendem Schweigen.</p> + +<p>Da stieß — des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ... +Dies Gefühl kannte er — aus hundert Nachtgefechten ...</p> + +<p>Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann — an seinem Hals ein +gräßlich klaffender Schnitt — Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ... +Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...</p> + +<p>»Ihr Hunde —!« knirschte er, »ihr Hunde!«</p> + +<p>Weiter — weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir +dürfen nicht zu spät kommen! Da — ein paar Gestalten, die sich +niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon +fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den +Fliehenden drein — weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf +— da sind wir am Schiffsrumpf<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> — steil klaftert die Eisenwand sich +empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die +Flut zu gleiten ...</p> + +<p>Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine +Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die +Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da +steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die +Luft zu sprengen ... Und da — noch ein Toter — nein, ein Sterbender +... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein +Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen — hinter dieser Stirn +hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut +getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende +Strahl. Er öffnet den Mund — will etwas sagen — aber es kommt kaum +noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...</p> + +<p>Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.</p> + +<p>Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste +aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren +durchschneiden! Unnütze Vorsicht — die haben sie nicht einmal mehr in +Brand gekriegt — außer der einen.</p> + +<p>Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze +Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt +hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt. +Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert +aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb +angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht +— außerdem würde es einem schlecht bekommen. — Einer ist gefallen +— kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja — das ist der +Mönkebüll.</p> + +<p>Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Fluß +seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse +haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen +Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage +gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den +Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten. +Und dann — das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin — +ihre Schreckensbotschaft — Kleine Bessie — wie mag's dir ergangen +sein.</p> + +<p>Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem +Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk — und +fiel in Träumerei. Kleine — süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl, +diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie +sogar dem Präsidenten imponiert.</p> + +<p>Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine: +Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das +fertig bringst — und uns unsere Ilse wiederschaffst — dann verlange +von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst +in die Elbe springt — er tut's.</p> + +<p>Kleine ... süßeste ... Bessie ...</p> + +<p>»Guten Morgen, Bob.«</p> + +<p>Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel — eingeschlafen ... Vor ihm stand +sein Bruder Armin — auch er noch immer im Frack.</p> + +<p>»Erzähl'!«</p> + +<p>»Gerettet!«</p> + +<p>»Erzähl'!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p> + +<p>»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«</p> + +<p>Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.</p> + +<p>»Entwischt — Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht +uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du +meinst, er hat ihr nichts getan?«</p> + +<p>»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das +Sektglas in die Fresse gehauen!«</p> + +<p>»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?«</p> + +<p>»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem +seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob — bei +der hast du verspielt ...«</p> + +<p>Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte +stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette +gefällig?«</p> + +<p>»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui.</p> + +<p>»Und — die kleine Amerikanerin?« fragte Bob — leichthin, wie er +meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört. +Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ...</p> + +<p>»Weißt du, was — ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe — einen +Kuß! — Da leckst du dir die Lippen, nicht — Bobchen?! Habe sie dann +persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit +Recht. Süßer kleiner Käfer — schwärmt für dich, Bob!«</p> + +<p>Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den +Wölkchen ihrer Zigaretten nach.</p> + +<p>»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun +bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche +bedeuten?«</p> + +<p>Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses +Nächtchen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> + +<p>»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher +glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«</p> + +<p>Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es +schafft — ich war schon ein halber Republikaner — aber dann mausere +ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«</p> + +<p>»Aha — dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So +reden sie alle — so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein — +mittun — selber handeln — vorangehen!«</p> + +<p>»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft — werde +morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«</p> + +<p>»So is recht — Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen — +rettet ›die‹ Deutschland — seine kleine ›Deutschland‹, und derweil +geht das große Deutschland in die Luft — äh — schlappe, versumpfende +Nation ...«</p> + +<p>»Was soll ich machen?!«</p> + +<p>»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in +Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor +Dämmerung unsere Waffen heran ...«</p> + +<p>»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser +Senator Carstensen!«</p> + +<p>»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse +das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der +Werft zum Krawall — so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu +Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle +Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden +abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die +Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> dem hoffentlich morgen +abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«</p> + +<p>Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den +Gebeinen. Nein — wenn sie ihm an seine Schiffe wollten — dann hörte +die Gemütlichkeit auf.</p> + +<p>Und dann — die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das +Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens +eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.</p> + +<p>»Mein lieber Armin — das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal +genauer auseinandersetzen.«</p> + +<p>Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.</p> + +<p>Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.</p> + +<p>Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen +Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>9</h3> +</div> + +<p>Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder +Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er +hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen +müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich +fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt +öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht +hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein +— alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine +Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der +menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen +Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete +Kruste aus Wein,<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt +bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.</p> + +<p>Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät +kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll +wird da sein ... Und »Anders Niemann« — hahaha! Feine, den wenigstens +kriegst du nicht wieder zu sehen — deinen »Heinz«! Der geht mit deinem +Schiff in die Luft!!</p> + +<p>Nur nicht zu spät kommen! ...</p> + +<p>Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte +den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart +gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn +erwarten wollen.</p> + +<p>Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ... +Aber — warum ging's denn da drüben noch nicht los?!</p> + +<p>Horch — ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom — legt zu +Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe +hinauf — im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle +Gesicht des Genossen Dragomiroff.</p> + +<p>Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird +erwidert ...</p> + +<p>»Nun?«</p> + +<p>Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du, +Scheißkerl — jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«</p> + +<p>Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet +— kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...</p> + +<p>»Allein?!« fragte Tedje heiser.</p> + +<p>»Allein —«</p> + +<p>»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> mitbringen süll +— un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«</p> + +<p>»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen +... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser —«</p> + +<p>»Na — un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«</p> + +<p>»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits +angezündet — auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir +zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ... +Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«</p> + +<p>»Verdammi ... wat nu, Genosse?«</p> + +<p>Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.</p> + +<p>»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht, +die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir +wenigstens alles — ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge +...«</p> + +<p>Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch +belauscht hatte — und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund +und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein +Spitzel und Verräter war ...</p> + +<p>Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du — das rettet uns +vielleicht. Ein Spitzel — ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. — das +ließe sich ausschlachten ... Laß sehen — laß sehen ... Ich hab's, du +Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß +der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen +wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in +Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt. +Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> deutsche Proletariat +mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin +ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner +kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar +nicht kompromittiert — kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst +morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder +Heinz Freimann erzählen — und daß der die ganze Sabotagegeschichte +angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird +auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast +du begriffen?«</p> + +<p>Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte +ihm das Verständnis. Ein Spitzel — der ein Jahr lang auf der Werft +gearbeitet hat — den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein +Sohn des Präsidenten der H. T. L. — und jetzt, wo der Anschlag auf +den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas +machen.</p> + +<p>»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das +ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen +sei — eines <em class="antiqua">agent provocateur</em>, du weißt wohl, was das ist, +nicht wahr?«</p> + +<p>»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei +Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' —«</p> + +<p>»— nur ein Bluff der Weißen ist — ein Mittel, das Bürgertum gegen +die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für +eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf +morgen vereitelt wird — daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in +Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden +sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken — werden +abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das +erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem +Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen +hatte, reißt wieder ab — ein Haupthindernis<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> für das Übergreifen der +Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich, +Tedje?«</p> + +<p>Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also +doch noch ...</p> + +<p>Aber — wenn man ihn morgen da drüben — wegen seines Attentats auf die +Tochter seines Chefs — verhaften ließe?!</p> + +<p>»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die +Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner +ungestraft in den Topf.«</p> + +<p>»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken — öberkoken sall dei +Supp — dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«</p> + +<p>Und ich — hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt — der andere +kriegt sie wenigstens auch nicht ...</p> + +<p>Hahaha — du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der +liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen — mit Clas Mönkebülls +Messer zwischen den Rippen —!!</p> + +<p>Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist — die +H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die +Hammonia-Werft mit ...</p> + +<p>Und dann — Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...</p> + +<p>Sie kommt ja doch — kommt doch — die Diktatur des Proletariats — die +Weltrevolution — —!</p> + +<p>Die rote Seligkeit — —!!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>10</h3> +</div> + +<p>An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem +Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.</p> + +<p>Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Freundin in +seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank +und Wehmut schwoll ihm das Herz.</p> + +<p>»Antje —« sagte er leise — »Antje ... alles hast du gerettet — die +›Deutschland‹, die Werft — die — Linie — meines Vaters Lebenswerk — +meine Ilse — mich selber — alles ... Mädchen, Mädchen — wie soll ich +dir danken?!«</p> + +<p>Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche +der Binnenalster kräuselte sich kaum — der Märzsturm, vom starren +Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste +nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein +flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen +Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten +die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.</p> + +<p>In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr — — euch hab' +ich alles gerettet — und ich?!</p> + +<p>Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht +sitzt er hinter Schloß und Riegel — weil er es gewagt hat, Blick und +Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als +Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus +dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt — +gottlob — das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert. +Nein — diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten +Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche +Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus +ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht — — und +morgen früh werden die Eltern alles erfahren — die Kammer der »drei +Söhne« wird verödet sein — — für lange Zeit — vielleicht für immer +... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...</p> + +<p>Ach, Antje — und dein eigenes Herz?!</p> + +<p>Er hielt, er küßte ihre Hand — der Mann, der seit einem<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Jahr ihres +Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank — +nur aus Dank — weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn +gar nicht — auch nicht im leisesten — was er ihr bedeutete? O doch, +er ahnte, nein, er wußte es — mußte es wissen ...</p> + +<p>Pah — was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft — aus einem +Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag — ein +weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung +er ein Jahr seines Lebens gesetzt — ein — Studienobjekt ... Was wußte +er von ihrer Seele — von ihrer Liebe? Was — verlangte er von ihr zu +wissen?!</p> + +<p>Heinz wußte von ihr. Alles wußte er — und daß er ihr ewiger Schuldner +bliebe — bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende — alles, +was zwischen ihnen beiden gewesen war — dies lange, erlebnistiefe, +schöne — ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott — zu Ende? War +das möglich? Durfte das möglich sein?</p> + +<p>Denn jetzt erst — jetzt, da es zu Ende ging — jetzt erst, da dieses +Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte — jetzt +erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht +wie eine Freundin — nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche — ein +Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.</p> + +<p>War das möglich?! Liebte er denn Ilse — nicht?!</p> + +<p>O ja, ja — er liebte Ilse — heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender +denn je ... war das — möglich?!</p> + +<p>Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold +für diese Erde ...</p> + +<p>Er mußte wählen — er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog, +das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt — dem er so +viel, dem er verdankte, was er niemals<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> vergelten konnte — das mußte +er niederzwingen — das durfte sie nicht einmal ahnen.</p> + +<p>Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb +scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich +nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles +— für sein Vergehen gegen Ilse — für seinen Anteil an dem — gottlob +— vereitelten Plane dieser Nacht — für seine Wühlarbeit auf der +Werft. Man wird für ihn sorgen — so daß er sich emporarbeiten kann — +er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er — man wird ihn +auf den rechten Weg bringen.</p> + +<p>Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den +herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen. +Das machte sie froh — nur helfen konnte er ihr nicht.</p> + +<p>In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des +einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der +stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste. +Seine Welt — die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie +— sie wird vergessen sein — wenn nicht morgen, dann übermorgen.</p> + +<p>Ihre Seele weinte, rang, schrie — er hörte es nicht, sollte es ja auch +nicht hören — nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine +Verwendung.</p> + +<p>Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe — in dem langen, +ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei — +und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem +Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen +— in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben +dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun +gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch +so jung — man wird ihn auf das Konservatorium<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> schicken — einen +tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann — dann will er selber, +Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne +machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre +in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für +die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für +die ganze Arbeiterschaft — mit Lichtbildern — die sie in den Sinn +des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es +sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen +Erträgnis der Werft zu beteiligen ...</p> + +<p>Er redete — redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort +dazwischen: »Ja — das wär' schön —« oder: »Gewiß, das könnte viel +Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er +gehört der andern — gehört ihr allein.</p> + +<p>Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje — +— wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!</p> + +<p>Die Polizei war hinter ihm drein — pah, sie würde ihn nicht kriegen, +des war sie sicher. Aber — was tat er, was plante er sonst?! Er +war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's +gewollt — sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen, +entsetzlichen Plänen aufpeitschen — der Genosse Dragomiroff ...</p> + +<p>Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes. +Was würden sie aushecken in dieser Stunde — ihr Bruder — und der +Russe?!</p> + +<p>Es half nichts — sie mußte den Freund warnen ...</p> + +<p>Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien — fragte ihn, was er +selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er +sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar +nicht überlegt hatte. Das war ja<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> selbstverständlich, daß er Antje zu +ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück — zum +Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen? +Nein — das ist vorbei. Nun — sein Elternhaus steht ihm ja offen — +aber — dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann — — +Und — die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs +ungeheuerlichste mißverstehen —?</p> + +<p>Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.</p> + +<p>»Heinz — bedenk doch — Dragomiroff — und — mein Bruder ...«</p> + +<p>»Natürlich — sitzt die Polizei dem auf den Hacken — er ahnt ja nicht, +welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne +nichts retten, als wenn — als wenn morgen —«</p> + +<p>»— alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer. +»Alles drunter und drüber — auf der Werft — in ganz Hamburg ...«</p> + +<p>Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension +sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen +entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der +Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.</p> + +<p>»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund +durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so +kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«</p> + +<p>»Nun gut — so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts +vorgefallen — und stelle mich dem Sturm.«</p> + +<p>»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht — die Arbeiter! Der +leiseste Verdacht — und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein +— das darfst du nicht!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<p>Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach +den Wall der Entsagung.</p> + +<p>Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der +Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie +nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer +anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden, +Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...</p> + +<p>O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir +zu spielen ...</p> + +<p>Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...</p> + +<p>»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«</p> + +<p>»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen +halten, bis alles vorbei ist ...«</p> + +<p>»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie +den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache +fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im +Einverständnis gewesen sei — werden das Ganze als ein Komplott der +Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?! +Nein — das ist unmöglich — — ich habe die ganze Verantwortung ... +Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen, +darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung +gehabt haben —«</p> + +<p>»— was die Arbeiter aber niemals glauben werden —« warf Antje ein.</p> + +<p>»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten, +muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor +der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt +hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht +eine Tat der Provokation — kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen — +komme was wolle!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<p>»Heinz, Heinz — du bist verloren!«</p> + +<p>»Mag sein — Früchte meines Tuns —! Ich hab' eine Maske getragen +ein ganzes Jahr lang — ein Dasein geführt, das ein einziger großer +Betrug war — und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit +und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich +bin ein alter Seemann und Soldat — kein Drückeberger ... Ich werde +mich dem Schicksal nicht aufdrängen — aber bereit werd' ich mich +halten. Ich werde — — jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen +früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor +Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern. +So ist's gut — so mach' ich's.«</p> + +<p>Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund +beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der +Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...</p> + +<p>Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten — da lag die +gigantische Rotunde des Elbtunnels — und vor ihnen brauste der +sturmgepeitschte Fluß — und nun — nun hob sich über die niederen +Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit +hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da — da lag der Koloß der +»Deutschland« — unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine +Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft — die goß neuen Glauben in die +ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.</p> + +<p>Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom +Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens, +deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei +deutsche Menschen — zwei Liebende.</p> + +<p>Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine +Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.</p> + +<p>Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...</p> + +<p>Sie lösten sich — sie hielten einander an den Händen. Sie<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> suchten +einer des andern Blick — auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste +ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich +den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.</p> + +<p>Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die +Kraft zur Entsagung finden würden.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>11</h3> +</div> + +<p>Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.</p> + +<p>Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des +Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde, +erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ... +Die Regierung entflohen — oder, wie andere wissen wollten, hinter +Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute +nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft +hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...</p> + +<p>Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren +Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer, +der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte +wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner +Klassengenossen.</p> + +<p>»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die +Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji +söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne +söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein +scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben +Genossen an de Wand stellt!«</p> + +<p>Wutschreie — Pfiffe — geschwungene Knüppel ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> + +<p>Ein anderer wußte noch mehr:</p> + +<p>»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei +Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft +sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«</p> + +<p>»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden, +dei Swienhund!«</p> + +<p>Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die +Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege, +schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während +der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und +hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns +den'n Spitzel rutgeben!«</p> + +<p>»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.</p> + +<p>»Ne — Generalstreik! Generalstreik!« —</p> + +<p>Das war das Wort der Stunde.</p> + +<p>Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.</p> + +<p>»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an, +mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig. +Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten — süß +köhnt wie Hungerpooten sugen.«</p> + +<p>Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen, +der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.</p> + +<p>»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol +negger bekieken!«</p> + +<p>»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat +vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden, +dei't heurn mag!«</p> + +<p>»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«</p> + +<p>»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> sien Kollegen +op de Direkschon — un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll +Timmermanns dat Mul stoppen!«</p> + +<p>Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht +die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten +Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen +— und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem +Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich +losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher, +eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die +»Deutschland« vom Stapel müsse, müsse — damit der Hafen wieder +aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die +Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um +Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten +müsse, brüderlich zusammenhalten ...</p> + +<p>Umsonst — die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die +Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...</p> + +<p>»Generolstreik — Generolstreik!«</p> + +<p>»Nieder mit die Reakschon!«</p> + +<p>»Es lebe das internationale Proletariat!«</p> + +<p>»Es lebe die Weltrevolution!«</p> + +<p>Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester +Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte +es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht +zu.</p> + +<p>»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek +liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«</p> + +<p>»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«</p> + +<p>Einer kam vom Eingang herangestürzt:</p> + +<p>»Jungs — Kollegen — weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund,<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> dei hüt +nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel +west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters — Anders Niemann hett +hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei +west — Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de +Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei +entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann — un is en Söhn von +den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«</p> + +<p>Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung +angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf +die Schulter:</p> + +<p>»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders +Niemann is mien Fründ — hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en +Johr! Dat sast du mi bewiesen! — Wer hett di dat seggt?!«</p> + +<p>Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat +hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«</p> + +<p>»Lagen is dat — utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders +Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«</p> + +<p>Umsonst — von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche +Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel — ein <em class="antiqua">agent provocateur</em> der +Gegenrevolution ... ein Saboteur — ein scheußlicher, schmutziger Spion +und Verräter ...</p> + +<p>Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt, +so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen +Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.</p> + +<p>Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von +Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen, +Fragen, Kombinationen.</p> + +<p>Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> werden +können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um +das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen — Stimmung für den +Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!</p> + +<p>Aber nein — es war ja geschossen worden auf der Werft — und da +standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand, +Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel — die Würgengel des +Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In +voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der +die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit +stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die +gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.</p> + +<p>Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des +Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten +die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein +Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik, +ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere, +ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die +Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz +der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an +Arbeit — die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.</p> + +<p>Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft, +herrlich die »Deutschland« — ein Werk von Menschenhand, doch nicht +leblos, seelenlos — ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des +Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen, +immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in +goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der +massigen Schwellung des Hecks trug.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende +Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches, +quälendes Gefühl — eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur +ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag +... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim — in ihrem behüteten Bette +... und alles, alles war gut ... sie war gerettet — Heinz war gerettet +... alles — war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die +Augen zu öffnen ...</p> + +<p>Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung — +das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« — großer +Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird +wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...</p> + +<p>Mit einem Ruck richtete sie sich auf — und schau — an ihrem Bette saß +in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf +die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen +zurück.</p> + +<p>»Aber ich muß doch zur Werft, Mama —«</p> + +<p>»Still, Kind, still — dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und +ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen +vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr +alle zusammen zum Stapellauf — mein Mann, ich, du, die Herren von der +Linie, die Amerikaner ...«</p> + +<p>Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder +betreut zu werden von Mutterhänden ...</p> + +<p>Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie +nieder.</p> + +<p>»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe — fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug +...«</p> + +<p>Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden — und dann<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> zog Johanna +sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.</p> + +<p>Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für +alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an — meines und +seines — unser Leben ...</p> + +<p>Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der +Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan — als +Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters — mit Stolz und +Freude — aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines +gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein — wie vor +ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres +Elternhauses schmückten — wie die Carstensens sie sich im Laufe der +Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten, +ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...</p> + +<p>Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben — sie wird eine Freimann +... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier +Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein +zwiefach Bewährter — ein Kriegsheld — und hat nun auch im Leben des +Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der +vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland +wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz — vertrau' deiner Ilse ... +Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird +sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die +drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt +regieren droben im Kontor — und in prächtigen Villen wohnen ... +Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des +Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje +ist ein Tier — aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen +Händen? — Diese Antje — die seine Schwester ist ... und die Heinz +Freimann seine Freundin nennt ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p> + +<p>Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für +dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen +liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche +bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen. +Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war — was wäre aus +ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre +verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich, +konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen +Menschen — ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau' +euch.</p> + +<p>Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem +Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ... +vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig +Leitung kommt — vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß +Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen, +gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom +— eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...</p> + +<p>Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende +Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der +Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum +um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres +Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ... +Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte +Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen +Großreeders Tochter — Bündnis der amerikanischen und deutschen +Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer +weiß — vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen +gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> ihre +Freunde müßten darin vorkommen — vor allem er, der ihr so stark, so +tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur — der +dicke Bobbie ... Ach Himmel — wie mochte es dem wohl ergangen sein +heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen — wäre die +»Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der +ganzen Stadt gehört ...</p> + +<p>Ach nein — was Bobbie anfaßt, das glückt ...</p> + +<p>Bobbie ... du armer, dummer Hunne — du dicker, grauer Esel zwischen +den zwei Heubündeln ...</p> + +<p>Es klopfte. »Ich bin's, Bessie — darf ich?«</p> + +<p>»Aber gewiß, <em class="antiqua">daddy</em>!«</p> + +<p>Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt +etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen, +versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein: +Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem +Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt +stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so +ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du +hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz +etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«</p> + +<p>»Ach, <em class="antiqua">daddy</em> —« lachte Bessie — »was ich dir alles zu erzählen +habe —? Du wirst staunen —!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht +still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus +aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im +Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner +Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede +Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> waren +noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie +meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden +Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen. +Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.</p> + +<p>Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der +Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors +Timmermanns.</p> + +<p>»Wer ist am Apparat?«</p> + +<p>»Tietgens ...«</p> + +<p>»Ach, Sie, liebes Fräulein — nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen +der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der +›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein +Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«</p> + +<p>»— Ein Werftarbeiter?! — Wissen Sie zufällig seinen Namen?«</p> + +<p>»Doch — auch das — ein gewisser Mönkebüll ...«</p> + +<p>Clas — o Gott — mein armer, armer Clas — nun hast du sie, deine +»rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den +Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme +Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...</p> + +<p>Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der +Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr +werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten, +daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen. +Noch Fragen?</p> + +<p>»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen +unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt +geworden?«</p> + +<p>»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei +ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> Sie überzeugt, +daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird — schon um seines +würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters — vor allem +aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch +im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie +werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein — seien +Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften +steht.«</p> + +<p>Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie +gut ... Vielleicht war er noch zu retten — der arme, wilde, verführte, +der geliebte Junge ...</p> + +<p>Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine +Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...</p> + +<p>»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme, +den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde +keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist +nicht auszudenken —«</p> + +<p>»Meine Pflicht — Herr Präsident —«</p> + +<p>»Ach was, Pflicht — ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft +können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich +— ich vollends — Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter +und — mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind — ich kann +nicht anders ...«</p> + +<p>Er nahm das Mädchen in seine Arme — er küßte ihre Stirn wie einer +lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen +Schluchzen.</p> + +<p>»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und +verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's +wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes, +liebes, herrliches Mädchen ...«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<h3>12</h3> +</div> + +<p>Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und +vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher +Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn +empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein +Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ +er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.</p> + +<p>Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem +Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank +für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet +und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem +ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief +bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge +Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand +ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem +Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen +des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr +auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese +Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren — daß nichts davon bis zu +den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten +sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks, +an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu +schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen +von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen +Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das +Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar, +den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge —?!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p> + +<p>Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses +und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.</p> + +<p>Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er +langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht — so viel für +mich getan — daß ich — daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen +zu sagen — daß Sie mit dieser Anordnung — Ihre Kompetenzen denn doch +erheblich überschritten haben ...«</p> + +<p>»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß —« stotterte der Riese. »Aber bei +der Kürze der Zeit — —«</p> + +<p>Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein +Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn — schnitt +jeden Widerspruch ab.</p> + +<p>»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun, +wo er es verantworten zu können glaubt — ich für meine Person muß +Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir +auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer +Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten +muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die +Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht +eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat — +und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem +gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß +meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich, +lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede +Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie — +— nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«</p> + +<p>In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr +Senator, ich werde Sorge tragen, daß<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> niemand sich zeigt ... ich +werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als +Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat — daß nicht das +mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus +Ihrem Munde ...«</p> + +<p>»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«</p> + +<p>In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen +hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.</p> + +<p>»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«</p> + +<p>Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter +gereifte, scharfgeprägte Köpfe — besonnene, erlesene Vertreter ihrer +Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte +getreue Kranführer Timm Tietgens.</p> + +<p>Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«</p> + +<p>Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in +tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen. +Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein +Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle +einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei +überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche +Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich +Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so +könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der +angeblich Gefallene — es werde der Name Clas Mönkebüll genannt — sei +ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein +Kostgänger — ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber +grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei, +daß er gefallen sei?</p> + +<p>»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Werftleitung +hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen — Herr +Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert — es ist ihm +gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln. +Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden. +Dann sind Schüsse gefallen — man hat den Arbeiter Mönkebüll +sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der +›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze +Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«</p> + +<p>Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise +mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der +Übereinstimmung mit dieser Tat ab.</p> + +<p>Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit +Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen, +als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für +eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.</p> + +<p>Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der +Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk +eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters +genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der +Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser +Arbeiter — in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei — daß +sein Name ein angenommener sei — daß sein Träger in Wirklichkeit +ganz jemand anders sei — nämlich — — der Sohn des Präsidenten +der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene +Kapitänleutnant Heinrich Freimann — —.</p> + +<p>Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden +unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte. +Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> nun war es da — — und +eine zitternde Wut war in ihm — gegen den jungen Mann, dem er die +Hand seiner Tochter vertraut hatte — — und der legte nun durch sein +phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen +sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor — +in der gleichen stummen Empörung — ihm schoß das Blut in die Augen, +in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu +zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...</p> + +<p>»Ich weiß das alles —!« sagte Detlev Carstensen. »Aber — ich weiß es +erst seit heute nacht.«</p> + +<p>»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen +Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der +Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der +Werft?«</p> + +<p>»Ja, Herr Generaldirektor.«</p> + +<p>Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen +fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.</p> + +<p>»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«</p> + +<p>»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen +hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der +Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«</p> + +<p>Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein +Beamter sollte den Auftrag erhalten — aber die Arbeiter mischten +sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den +Arbeitern hinauszuschicken — man könne für seine Person nicht bürgen. +Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen +Tietgens herbeizuschaffen.</p> + +<p>Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die +Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> geschwollenen Stirnadern +saß der alte Herr — folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem +Gesicht — nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm, +der sein Inneres schüttelte.</p> + +<p>Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm +gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses, +ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers +geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung +... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein +scheine ...</p> + +<p>Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur +so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes +des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ... +Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der +Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt +sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.</p> + +<p>Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war, +der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn +zur Rechenschaft zu ziehen.</p> + +<p>»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders +Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt +Ihnen das, meine Herren?«</p> + +<p>Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:</p> + +<p>»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber — hat auch der Herr Timm +— der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«</p> + +<p>»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute +nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der +Werft gearbeitet hat.«</p> + +<p>»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> einen Bruder, +der is im Krieg Leutnant gewesen — dann hat er mit die Bahrenfelder +ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er +ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt +haben?«</p> + +<p>Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause — Sie können ihn +fragen.« Das war ihm herausgerutscht — schon bereute er.</p> + +<p>Die Arbeiter horchten hoch auf — tuschelten erregt zusammen.</p> + +<p>»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de +Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«</p> + +<p>»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht +doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht +wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.</p> + +<p>»Ja — dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden +fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen +auf die Werft geschafft sünd — un dat im Keller mehr als hundert +Weißgardisten versteckt sünd?!«</p> + +<p>In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner +Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein +Alles gerettet — jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich +auf.</p> + +<p>»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen +zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht +durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer +arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge +verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«</p> + +<p>In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon +willens gewesen war, sich zu erheben und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> die Verhandlung abzubrechen, +empfand, verstand diesen Klang.</p> + +<p>Da öffnete sich die Tür — und Tedje Tietgens trat ein. +Hochaufgereckten Hauptes — polternden Schritts. In seinen verwüsteten +Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell — Zerstörer +— Dämon.</p> + +<p>»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.</p> + +<p>Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje +antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.</p> + +<p>Ja, es sei wahr — Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die +ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen +Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion +sei — und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung +des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen +bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die +Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik +mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der +nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.</p> + +<p>»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch +gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die +Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie. +Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter — wenigstens an die +Verständigen unter Ihnen — denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf, +Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde +länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von +denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich, +daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser +aller gemeinsames Werk, vernichten wollte — daß ihr die nicht weit +schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> +die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut +nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen — und ich hoffe +noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis — als auf ein +Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird +durch innere Zerrüttung — daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt +ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung — ihr seid alle +viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für +Folgen haben wird — für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle, +für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht +mich allein — euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke +Ihnen.«</p> + +<p>Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt, +verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten +gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber +in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.</p> + +<p>»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den +Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd +nich dei Arbeiterschaft — ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat +wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen — wi lat't uns nich besabbeln! +Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«</p> + +<p>Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal +vor:</p> + +<p>»Herr Senator — meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat +Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles +... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns — un +mit die Waffenkisten — dat gefällt uns nich — un dat eine kann ich +Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! — +Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> laten wi nich rühren — +wer dat verseuken will, dei is unser Feind — un gegen den'n stohn wi +all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster +Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das +Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine +Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle +Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen +— Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ... +In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die +unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr +im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit +den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt +hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem +die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht. +Man würde sie niederhalten müssen — aber überhören durfte man sie +nicht mehr.</p> + +<p>Gut — aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen, +wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.</p> + +<p>Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der +von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er +wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte +das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.</p> + +<p>»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«</p> + +<p>»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten +können, an dem Stapellauf festzuhalten?«</p> + +<p>»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> + +<p>»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist +eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher +Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie +können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich +die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts +vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ... +So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn +einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug — wollen +sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort +verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ... +Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei +ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es +würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen +würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf +der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen +Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie? +Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? — Ob Heinz hier draußen ist? Nein +— bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei +uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht +allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner +phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich +soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut +geht, lieber Freimann — so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie +Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf +— sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch +persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund — Ob mir gut +ist? Doch, doch, selbstverständlich — meine Stimme — matt? Keine Idee +... Schluß!«</p> + +<p>Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Müdigkeit +nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt +den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...</p> + +<p>»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie +die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im +schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh, +daß er da ist. Können ihn mir schicken.«</p> + +<p>Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte +es. Robert Timmermanns öffnete — Heinz Freimann trat ein in seiner +abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der +verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.</p> + +<p>»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«</p> + +<p>Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein +Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht. +»Verantworte dich.«</p> + +<p>Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit +Handwink zu bleiben.</p> + +<p>In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe +hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt +— ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der +Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht — +ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden — deren +Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe. +Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein. +Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein +Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den +Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen, +daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Ahnung +gehabt — daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein <em class="antiqua">agent +provocateur</em> der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher, +voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht, +beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.</p> + +<p>Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim +knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.</p> + +<p>»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es +ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar +fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im +Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ... +Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du +noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«</p> + +<p>Er winkte gnädig Entlassung.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen +auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel +stattgefunden — mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die +Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen, +verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die +Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt — die Werftleitung habe +sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter +versprochen — man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den +Stapellauf zu hintertreiben — er müsse heut nachmittag um drei Uhr +planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit +Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören +der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit +jeder Arbeitsmöglichkeit —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p> + +<p>Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert +—!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine +neue Versklavung des arbeitenden Volkes — der Bolschewismus müsse +triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden — die Woge der +Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des +Erdballs in Nationen zersplittere — dann werde die neue Menschheit +erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...</p> + +<p>Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im +ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles +in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden — die Küche war +glücklicherweise treulich am Werke geblieben.</p> + +<p>Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die +Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die +Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.</p> + +<p>Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es +zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll +rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften +jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen +in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und +Flandernkämpfer Maschinengewehre.</p> + +<p>Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst +funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen +und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf, +einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den +alten Carstensen:</p> + +<p>»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm +auf das Verwaltungsgebäude.«</p> + +<p>Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Cäsar, der +die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine +schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.</p> + +<p>»Ihr Bruder schon zurück?«</p> + +<p>»Nein, Herr Senator.«</p> + +<p>»Gut — ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden +Übereilungen zu verhüten wissen.«</p> + +<p>»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«</p> + +<p>Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine +Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen +Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator +der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen — +sie sollten sich blutige Köpfe holen.</p> + +<p>Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude +durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet +dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front +nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die +Türen — erschrockene Köpfe tauchten auf — Direktoren, Ingenieure, +Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah — also doch! Man war verteidigt ...</p> + +<p>Sie mochten kommen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>13</h3> +</div> + +<p>Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang, +welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt +die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United +Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen +sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion +der Hansa-Transatlantik-Linie<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> mit ihren Damen, die Abgesandten des +Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter +fehlten noch.</p> + +<p>Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen +weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an, +welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor +Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe +... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...</p> + +<p>Endlich — da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten +Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes +Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein +... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der +Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend +...</p> + +<p>»Was meinen Sie — können wir's wagen?«</p> + +<p>»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«</p> + +<p>»Also gut ... und mein Sohn?«</p> + +<p>»— ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie +können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«</p> + +<p>»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich +danke Ihnen. — Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson +persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«</p> + +<p>»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen, +möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu +überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen. +Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem +Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los +und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> zum Hafen. Sie, +Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die +Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall +am Bismarck vorbei — kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den +Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«</p> + +<p>»Abgemacht —« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste. +Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt, +erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte +einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.</p> + +<p>Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor, +den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die +Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen +Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als +Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Enter, please!</em>« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen. +Himmel — wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen +Augenblick ...</p> + +<p>Und — da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...</p> + +<p>»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön — Sie wollen kommen zu holen +uns ... Nun — was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat +nicht ich machen sehr gut mein Sache — diese Nacht?«</p> + +<p>»Fräulein Bessie — Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das +mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«</p> + +<p>»Oh — das freut mich — das freut mich — <em class="antiqua">quite enormously</em> ...«</p> + +<p>»Wahrhaftig — Fräulein Bessie?«</p> + +<p>»Aber Sie, Mister Bobbie — Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne +...«</p> + +<p>»Wie — meinen Sie das — Fräulein Bessie?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p> + +<p>»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht — dann sind Sie noch +viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«</p> + +<p>»— — Bessie — —!!«</p> + +<p>Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein +Püppchen an seine breite Brust.</p> + +<p>Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte — Elias +Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um +seine ganze Autorität gebracht haben würde.</p> + +<p>Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand +und zerrte ihn auf den Deutschen zu.</p> + +<p>»Deinen Segen, <em class="antiqua">daddy</em>, schnell — schnell — die Herren warten +drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden +Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:</p> + +<p>Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert: +»Heinz auf der Werft in Sicherheit — Timmermanns ist begeistert von +ihm ...«</p> + +<p>Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn +man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch +verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er +sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute <em class="antiqua">daddy</em> — aber wann +hatte ihm das je etwas genützt?!</p> + +<p>Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen — glühend im Glück über so tröstliche +Nachricht — und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen +auf der Werft?!</p> + +<p>Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier +Welten — verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des +Besitzes ... Die schützte sie vor<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> tausend Stößen des Lebens, denen von +hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...</p> + +<p>Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich +bescheiden gekleidet — Antje Tietgens ... die Sekretärin — heute +von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück, +und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der +nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten +Augenblick ihres Lebens ...</p> + +<p>Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der +Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der +Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte — in +seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit. +Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit +seinem flutenden Verkehr, die drei Türme — zur Rechten der breit +ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom +lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender +Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung — +zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen +Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und +der Musikhalle ...</p> + +<p>Und jetzt — jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes +Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des +Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen« +Bunde zusammengezwungen ...</p> + +<p>Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen — dorthin, +wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt +vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf +des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein +Volk<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines +Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...</p> + +<p>Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die +Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie +Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte +der andern Arm in stummem Gelöbnis:</p> + +<p>Zusammenhalten — — weil wir zusammengehören —!!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3>14</h3> +</div> + +<p>Sie kamen.</p> + +<p>Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der +hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten +sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher +auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze +Schattenriß der »Deutschland« — überhöht vom breitgespannten Schirm +des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des +Deutschen Reiches flatterte.</p> + +<p>Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick +des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten +sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!</p> + +<p>Näher — immer näher ...</p> + +<p>»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«</p> + +<p>Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes +Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob +er sich mit schwerfälligem Ruck.</p> + +<p>»Das — Feuer eröffnen?! Herr Leutnant — wir sind nicht auf dem +Schlachtfeld — wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht +versucht. Wo ist Heinz Freimann?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> + +<p>»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«</p> + +<p>»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«</p> + +<p>Der Greis schritt zur Tür.</p> + +<p>»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns +verständnislos.</p> + +<p>»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten. +Geschossen wird nicht.«</p> + +<p>»Zu Befehl, Herr Senator.«</p> + +<p>Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte +Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den +gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in +Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.</p> + +<p>In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp — Studenten, junge Kaufleute +—, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage +ihres Führers — des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf +reißen sollte —. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte +Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine +Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende +Gasse schritt er zum Hauptportal — sah unbeweglich hinaus — der +dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen +sein Lebenswerk heranschob.</p> + +<p>Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz — Armin ...</p> + +<p>»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten +Sie sich bereit — aber nur für den äußersten Fall.«</p> + +<p>Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den +des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe +hinaus —</p> + +<p>Die dunkle Mauer erstarrte — stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde +— dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf,<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> tobten wüste Schreie: »Doar is +hei ja — dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«</p> + +<p>Detlev Carstensen streckte die Rechte aus — und abermals ward +lastende, lauschende Stille.</p> + +<p>»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und +gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein +Spion — kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt +und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst +noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«</p> + +<p>Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich +bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten. +Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt — +ich wehre mich nicht!«</p> + +<p>Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen +und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse +entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte. +Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.</p> + +<p>Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du +Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ +t'rügg — Clos Mönkebüll giv mi wedder!«</p> + +<p>Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig +zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe, +sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu +stürzen.</p> + +<p>Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem +jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere +Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der +Leutnant im Stahlhelm — und auch er schwang im Anlauf über seinem +Haupte das Gewehr —.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> + +<p>Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber. +Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt, +sausten nieder —.</p> + +<p>Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker — in weitem Bogen flog des +Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen +Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben +Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und +grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.</p> + +<p>Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch +aufgerichtet — stieren Blicks — das blutige Messer in der langsam +sinkenden Hand.</p> + +<p>Da — aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes — ein Knall, ein +Feuerstrahl — Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das +Messer fallen, fuhr nach dem Herzen — und schon sank der mächtige +Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.</p> + +<p>Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der +Hand — —.</p> + +<p>Das alles in fünf Sekunden ...</p> + +<p>Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen — aber ein +Aufschrei nicht der Wut, der Rache — sondern des Entsetzens — des +Abscheus vor dem eigenen Tun ...</p> + +<p>Kainstat hüben, Kainstat drüben ...</p> + +<p>Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei — +Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern +der Opfer des Wahns — breitete die Arme gegen seine Kameraden aus: +»Über mich dies Blut — schlagt mich tot!«</p> + +<p>Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige +Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor — +des Führers Tod zu rächen.<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann, +unhemmbar, unsühnbar ...</p> + +<p>Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der +entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten +hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz, +schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz — trat vor ihn +hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje +Tietgens neben ihr — auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums +zu decken gegen ihre Klassengenossen ...</p> + +<p>Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben +senkten sich — mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten +— Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen +einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines +Volkes ...</p> + +<p>Da hob Ilse die Rechte — wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand +sie da.</p> + +<p>Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall +der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten +Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...</p> + +<p>Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen +Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter, +Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder — und +dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt, +wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich +hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die +Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein +Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe! +Laßt uns zusammenhalten — wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit +und Kapital, Bürger und Proletarier<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> —! Das hat er mich gelehrt, er, +mein Freund, unser Freund — glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da, +mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...« +Ihre Stimme wollte brechen — aber noch einmal raffte sie sich auf: +»Versöhnung! Brüder — Kameraden — Versöhnung!!«</p> + +<p>Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der +todbereite Mann stand — geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen, +die ihn verstanden.</p> + +<p>Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des +Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das +der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand +der alte Mann — in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide — hoch +in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus +dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die +zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster +des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß +war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn — sie zwang die +Tausende in ihren Bann.</p> + +<p>Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der +Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines +Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.</p> + +<p>Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.</p> + +<p>Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des +Bruderkrieges zu zertrümmern — schon zersplitterte Kolben um Kolben, +flog Schaft um Schaft zuhauf — nun stürmten Dutzende heran, dem +Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen — zu Hunderten +jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes +Verteidigung,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der +Klassen, der Brüder ...</p> + +<p>Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich +türmten inmitten — da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu, +die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand +und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der +Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der +Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.</p> + +<p>Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen +aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind +eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen +und freien Volkes — inmitten seiner staunenden Landsleute vom +Patterson-Konzern — und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden — +sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten +Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen, +dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...</p> + +<p>Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses +Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu +klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes +Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.</p> + +<p>Mehr noch — mehr noch — immer mehr — alle — alle — —</p> + +<p>In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten +wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen, +freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des +Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid — schwören +ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres +Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der +Versöhnung, der Wiedergeburt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der +eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die +letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen, +der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das +ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich +wälzt.</p> + +<p>Und jetzt — jetzt ist es getan — in erhabener Ruhe setzt die lastende +Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des +Deutschen Reiches ...</p> + +<p>Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm +schweren Wandel der Riesin —</p> + +<p>Schneller, immer schneller —</p> + +<p>Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum — nun heben sich zu jubelndem +Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie +bauten — die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie +alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...</p> + +<p>Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre +jüngste Bezwingerin ...</p> + +<p>Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen +Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der +Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz, +ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht:</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">den Namen des Landes unserer<br> +Liebe</em>.</p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p> + +<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Walter Bloem Romane</em></p> +</div> + +<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Hafis Ausgabe</em></p> + + +<figure class="figcenter illowe6_4375" id="illu-320"> + <img class="w100" src="images/illu-320.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="center">10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50<br> +10 Halblederbände in Kassette M. 48.—</p><br> + +<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Jeder Band ist einzeln lieferbar</em><br> +in Ganzleinen M. 3.25, in Halbleder M. 4.80</p><br> + +<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Inhalt</em></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Band 1: Das eiserne Jahr</p> +<p>Band 2: Volk wider Volk</p> +<p>Band 3: Die Schmiede d. Zukunft</p> +<p>Band 4: Das verlorene Vaterland</p> +<p>Band 5: Der krasse Fuchs</p> +<p>Band 6: Das jüngste Gericht</p> +<p>Band 7: Brüderlichkeit</p> +<p>Band 8: Das lockende Spiel</p> +<p>Band 9: Sonnenland</p> +<p>Band 10: Das Land unserer Liebe</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p>Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler, +deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem +Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor; +dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen +Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die +Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des +Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre +hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut +angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll +tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das +Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten.</p> + +<p>Alle diese Romane — und nicht minder die hier unerwähnten — können +beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht +nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden +von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise +zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem +Volke gelten. +</p> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75470 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75470-h/images/cover.jpg b/75470-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5d45f7c --- /dev/null +++ b/75470-h/images/cover.jpg diff --git a/75470-h/images/illu-001.jpg b/75470-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9b94232 --- /dev/null +++ b/75470-h/images/illu-001.jpg diff --git a/75470-h/images/illu-003.jpg b/75470-h/images/illu-003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9f3c4c0 --- /dev/null +++ b/75470-h/images/illu-003.jpg diff --git a/75470-h/images/illu-320.jpg b/75470-h/images/illu-320.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b3dc0d2 --- /dev/null +++ b/75470-h/images/illu-320.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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