diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:35:33 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:35:33 -0700 |
| commit | 73c7de07cb6ff13e5b5d62923b60a2965c703004 (patch) | |
| tree | cdebda34de07cc2b3c1ca40004ec08646142809b /10917-h | |
Diffstat (limited to '10917-h')
| -rw-r--r-- | 10917-h/10917-h.htm | 9185 |
1 files changed, 9185 insertions, 0 deletions
diff --git a/10917-h/10917-h.htm b/10917-h/10917-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ef09322 --- /dev/null +++ b/10917-h/10917-h.htm @@ -0,0 +1,9185 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Die Familie Pfäffling, by Agnes Sapper</title> + +<style type="text/css"> + +body { margin-left: 20%; + margin-right: 20%; + text-align: justify; } + +h1, h2, h3, h4, h5 {text-align: center; font-style: normal; font-weight: +normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; margin-bottom: .5em;} + +h1 {font-size: 300%; + margin-top: 0.6em; + margin-bottom: 0.6em; + letter-spacing: 0.12em; + word-spacing: 0.2em; + text-indent: 0em;} +h2 {font-size: 150%; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em;} +h3 {font-size: 130%; margin-top: 1em;} +h4 {font-size: 120%;} +h5 {font-size: 110%;} + +.no-break {page-break-before: avoid;} /* for epubs */ + +div.chapter {page-break-before: always; margin-top: 4em;} + +hr {width: 80%; margin-top: 2em; margin-bottom: 2em;} + +p {text-indent: 1em; + margin-top: 0.25em; + margin-bottom: 0.25em; } + +p.poem {text-indent: 0%; + margin-left: 10%; + font-size: 90%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +p.letter {text-indent: 0%; + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +p.center {text-align: center; + text-indent: 0em; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +a:link {color:blue; text-decoration:none} +a:visited {color:blue; text-decoration:none} +a:hover {color:red} + +</style> + +</head> + +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 ***</div> + +<h1>Die Familie Pfäffling</h1> + +<h3>Eine deutsche Wintergeschichte</h3> + +<h2 class="no-break">von Agnes Sapper</h2> + +<p class="center"> +1909 +</p> + +<hr /> + +<p class="center"> +Meiner lieben Mutter +</p> + +<p class="center"> +zum Eintritt in das 80. Lebensjahr. +</p> + +<p> +Die Familie Pfäffling muß *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was ich in +diesem Buche zeigen möchte, das ist Deine eigene Lebens-Erfahrung. Du hast uns +vor Augen geführt, welcher Segen die Menschen durchs Leben begleitet, die im +großen Geschwisterkreis und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, unter +dem Einfluß von Eltern, die mit Gottvertrauen und fröhlichem Humor zu entbehren +verstanden, was ihnen versagt war. +</p> + +<p> +Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die Erinnerung an +Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du die Beschwerden und +Entbehrungen des Alters in geduldiger, anspruchsloser Gesinnung erträgst so ist +das nach deinem eigenen Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist +aus einer entbehrungsreichen und dennoch glückseligen Jugendzeit. +</p> + +<p> +Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte möchte ich +in diesem Buch der deutschen Familie vorführen. +</p> + +<p class="letter"> +Herbst 1906. +</p> + +<p class="letter"> +Die Verfasserin. +</p> + +<hr /> + +<h2>Inhalt</h2> + +<table summary="" style=""> + +<tr> +<td> <a href="#chap01">1 Wir schließen Bekanntschaft</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap02">2 Herr Direktor</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap03">3 Der Leonidenschwarm</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap04">4 Adventszeit</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap05">5 Schnee am unrechten Platz</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap06">6 Am kürzesten Tag</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap07">7 Immer noch nicht Weihnachten</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap08">8 Endlich Weihnachten</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap09">9 Bei grimmiger Kälte</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap10">10 Ein Künstlerkonzert</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap11">11 Geld- und Geigennot</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap12">12 Ein Haus ohne Mutter</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap13">13 Ein fremdes Element</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap14">14 Wir nehmen Abschied</a></td> +</tr> + +</table> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap01"></a>1. Kapitel<br/> +Wir schließen Bekanntschaft.</h2> + +<p> +Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit +hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in die +äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die Infanteriekaserne, sehen +den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz. Aber vor diesem, etwas zurück von +der Straße, steht noch ein letztes Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem +Schreiner Hartwig, bei dem der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie +in Miete wohnt. +</p> + +<p> +Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein Lagerplatz für +Balken und Bretter, auf denen Knaben und Mädchen fröhlich herumklettern, turnen +und schaukeln. Meistens sind es junge Pfäfflinge, die da ihr Wesen treiben, +manchmal sind es auch ihre Kameraden, aber der eine Kleine, den man täglich auf +den obersten Brettern sitzen und dabei die Ziehharmonika spielen sieht, das ist +sicher kein anderer als Frieder Pfäffling. +</p> + +<p> +Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist übrigens der Hof verlassen und +niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach den langen Sommerferien, +wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer Pfäffling, der schlanke Mann, der +noch immer ganz jugendlich aussieht, war schon frühzeitig mit langen Schritten +den gewohnten Weg nach der Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben. +Sechs von seinen sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Bücher und +Hefte zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange +Frühlingsstraße mußten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten sich die +Wege; die drei ältesten suchten weit drinnen in der Stadt das alte +Gymnasiumsgebäude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas näher in die +Töchterschule und Frieder, der noch in die Volksschule ging, hätte sein Ziel am +schnellsten erreichen können, aber das kleine runde Kerlchen pflegte in +Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr Zeit zu lassen als die andern. +</p> + +<p> +Im Hause Pfäffling war nach dem lauten Abgang der sieben Familienmitglieder +eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur noch die Mutter zurück, und +Elschen, das jüngste niedliche Töchterchen, sowie die treue Walburg, die in der +Küche wirtschaftete. Frau Pfäffling atmete auf, die Stille tat ihr wohl. Was +war das für ein Sturm gewesen, bis der letzte die Türe hinter sich zugemacht +hatte, und was für eine Unruhe all die Ferienwochen hindurch! Während sie +ordnend und räumend von einem Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtäglich +zu Mute. Sie war von Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken +versunken, aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen großen +Familienkreis gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte, plaudernde, +fragende, musizierende Menschen um sie herum. Während nun die Mutter sich der +Ruhe freute, wußte Elschen gar nicht, wo es ihr fehlte. Allein zu spielen hatte +sie ganz verlernt. So ging sie hinunter in den Hof, wo die großen Balken lagen. +Oft hatte sie sich in den letzten Wochen geärgert, wenn sie ängstlich auf den +glatten Balken kleine Schrittchen machte, daß die Brüder das so flink konnten +und sie ihnen immer Platz machen sollte. Jetzt hatte sie alle die Baumstämme +allein zu ihrer Verfügung, aber nun machten sie ihr keine Freude. Sie ging +weiter zu den Brettern, die übereinander aufgestapelt lagen. Dort oben, wo ein +kleines dickes Brett querüberlag, war Frieders Lieblingsplatz, auf dem er immer +mit der Ziehharmonika saß. Wenn er gar zu lang spielte und sie nicht beachtete, +war sie manchmal ungeduldig geworden und hatte sogar einmal gesagt, die +Harmonika sei eine alte Kröte. Aber jetzt, wo es überall ganz still war, hätte +sie auch die Harmonika gern gehört. Sie setzte sich auf Frieders Platz und +dachte an ihn. Es war so langweilig heute morgen—fast zum weinen! +</p> + +<p> +Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief: "Elschen, +flink, Essig holen!" +</p> + +<p> +Einen Augenblick später wanderte auch Else die Frühlingsstraße hinunter, zwar +nicht mit den Büchern in die Schule, aber mit dem Essigkrug zum nächsten +Kaufmann. +</p> + +<p> +Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner Frau. Es +waren schon ältere Leute und er hatte das Geschäft abgegeben. Sie war eine +freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf gute Erhaltung des +Besitzes. Als diesen Morgen die Pfäfflinge nacheinander die Treppe hinunter +gesprungen waren, hatte sie zu ihrem Mann gesagt: "Hast du schon bemerkt, wie +die Treppe abgenutzt ist? Seit dem Jahr, wo Pfäfflings bei uns wohnen, sind die +Stufen schon so abgetreten worden, daß mir wirklich bang ist, wie es nach +einigen Jahren aussehen wird." "Verwehr's ihnen, daß sie so die Treppen +herunterpoltern," sagte der Hausherr. +</p> + +<p> +"Ich will gar nicht behaupten, daß sie poltern, sie sind ja rücksichtsvoll, +aber hundertmal springen sie auf und ab und es pressiert ihnen allen so, ein +Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie müssen immer springen. Ich will sie aber +gleich heute aufmerksam machen auf die abgetretenen Stellen." +</p> + +<p> +"Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewöhnen, springt doch der +Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewußt, was es um so +eine neunköpfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen voriges Jahr selbst unsere +Wohnung angeboten haben in ihrer Wohnungsnot. Und jetzt haben wir sie, und zu +kündigen brächtest du doch nicht übers Herz." +</p> + +<p> +"Nein, nie! Aber du auch nicht." +</p> + +<p> +"Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, daß er Bretter für neue Böden +bereit hält," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand bedenklich und +sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch über die Stufen, aber sie +blieben doch abgetreten. +</p> + +<p> +Die Vormittagsstunden waren endlich vorübergegangen, die kleine vereinsamte +Schwester stand am Fenster, sah die Straße hinunter und erkannte schon von +weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das Haus zukam. Bald darauf +tauchten zwei Mädchengestalten auf, das waren die Zwillingsschwestern, die +elfjährigen, Marie und Anna, die der Bequemlichkeit halber oft zusammen +Marianne genannt wurden. So rief auch Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist +schon im Haus und Marianne sehe ich auch, aber sie stehen bei andern Mädchen +und machen gar nicht voran. Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei +Großen, jetzt muß ich entgegen laufen." +</p> + +<p> +Die Schwestern hatten sich den Brüdern zugesellt und so kamen sie alle zugleich +ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor Vergnügen entgegenrief: +"Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder, der zu hinterst war, aber die +Schwestern hatten sie schon an beiden Händen gefaßt und alle drängten der +Treppe zu, als die Türe der untern Wohnung aufging und Frau Hartwig herbeikam. +Flugs zogen die Brüder ihre Mützen, denn die Rücksicht auf die Hausleute war +ihnen zur heiligen Pflicht gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten +Umzug in dem Bewußtsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein. +</p> + +<p> +So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet ein +wenig, Kinder, ich muß euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe an, seht +ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr war davon noch +keine Spur, wer hat das wohl getan?" +</p> + +<p> +Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Köpfe. "Das habt ihr getan," fuhr die +Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln hundertmal auf und ab +gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann richtet ihr mir in <i>einem</i> +Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie standen alle betreten da, die Blicke auf +die Treppe gerichtet. So schlimm kam ihnen diese wohl nicht vor, aber die +Hausfrau mußte es ja wissen! In diesem kritischen Moment kam Karl, dem großen, +der Mutter Hauptregel ins Gedächtnis: nur immer gleich um Entschuldigung +bitten! "Es ist mir leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das +erlösende Wort: "Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der große, an, langsam +und behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der zweite und Otto, +der dritte. Ihnen nach schlichen unhörbar Marie und Anna mit Elschen. Nur +Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und deshalb den Schaden an der +Treppe noch nicht hatte sehen können, der verweilte noch und betrachtete +nachdenklich die Stufen. Dann sagte er zutraulich zu der Hausfrau: "Nur in der +Mitte sieht man etwas, warum denn nicht an den Seiten?" "Kleines Dummerle," +sagte Frau Hartwig, "kannst du dir das nicht denken? In der Mitte geht man wohl +am öftesten." +</p> + +<p> +"So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite," und indem +er dicht am Geländer hinaufstieg, rief er noch freundlich herunter: "Gelt, so +wird deine Treppe schön geschont?" "Ja, so ist's recht," sagte die Hausfrau und +indem sie wieder in ihre Wohnung zurückkehrte, sprach sie so für sich hin: den +guten Willen haben sie, was kann man mehr verlangen? +</p> + +<p> +Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog ihn ins +Zimmer und rief vergnügt: "Jetzt sind sie alle wieder da!" +</p> + +<p> +Den Eßtisch hatte Frau Pfäffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft hin und +hergelaufen und hatte ihr erzählt, was Neues von der Musikschule zu berichten +war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so öfter lief ihm eines in den Weg, so +gab er das Wandeln auf und klatschte mit seinen großen Händen, was immer das +Zeichen war, zu Tisch zu gehen. Da gab es schnell ein Schieben und Stuhlrücken +und einen Augenblick lautloser Stille, während die Mutter das Tischgebet +sprach. Es war nicht alle Tage dasselbe, sie wußte viele. Sie fragte manchmal +den Vater, manchmal die Kinder, welches sie gerne hörten und richtete sich +darnach. Heute sprach sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die Arbeit, du +gönnst uns die Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu." +</p> + +<p> +Das Essen, das die große Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen, aber das +Tischgespräch wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie kannten es schon, +es war immer das gleiche beim Beginn des Wintersemesters. +</p> + +<p> +"Wir müssen jetzt ein Physikbuch haben." +</p> + +<p> +"Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf ich +nimmer mitbringen." +</p> + +<p> +"Zum Nähtuch brauchen wir ein Stück feine neue Leinwand." +</p> + +<p> +"Bis Donnerstag müssen wir richtige Turnanzüge haben." +</p> + +<p> +"In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln." +</p> + +<p> +"Mein Reißzeug sei ganz ungenügend." +</p> + +<p> +So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war, umdrängten +die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der kleine Volksschüler, +hatte keine derartigen Wünsche, er nahm seine Ziehharmonika und verzog sich; +Elschen folgte ihm hinunter auf den Balkenplatz, wo eine freundliche +Herbstsonne die Kinder umfing, die sich noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen +konnten. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling suchte sich dem Drängen seiner Großen zu entziehen, indem er +hinüberflüchtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und Stundenzimmer war. Dort +wartete ein Stoß neuer Musikalien auf ihn, die er prüfen sollte. Aber es währte +nicht lang, so folgten ihm seine drei Lateinschüler nach, und ein jeder brachte +wiederholt sein Anliegen vor und suchte zu beweisen, daß es dringend sei. "Ich +glaube es ja," sagte der Vater, "aber alles auf einmal können wir nicht +anschaffen, ihr müßt eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher +sollte denn so viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun +wieder Stundenschüler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr +Atlas, Reißzeug und die neuesten Ausgaben der Schulbücher bekommen, aber jetzt +reicht es nur für das dringendste." Herr Pfäffling zog eine kleine Schublade +seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war, "Schaut selbst herein und +rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war nicht viel in der Schublade. +Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und miteinander zu beraten, was das +Unentbehrlichste sei. "Für Marianne muß auch noch etwas übrig bleiben," +bemerkte der eine der Brüder, "bei ihr gibt es sonst gleich wieder Tränen. +Leinwand zu einem Nähtuch wollen sie, ob das wohl recht viel kostet?" +</p> + +<p> +So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab und +waren froh, daß das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte. Es blieb +kein großer Rest mehr in der kleinen Schublade. +</p> + +<p> +Als kurze Zeit darauf die Lateinschüler und die Töchterschülerinnen sich wieder +auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfäffling zu ihrem Mann in das +Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen beisammen saßen. +</p> + +<p> +"Sieh nur, Cäcilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist höchste +Zeit, daß wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue Schüler melden, die +besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind jetzt so viele Musiklehrer hier; +von der Musikschule allein könnten wir nicht leben." +</p> + +<p> +"Es werden gewiß welche kommen," sagte Frau Pfäffling, aber sehr zuversichtlich +klang es nicht und eines wußte von dem andern, daß es sorgliche Gedanken im +Herzen bewegte. +</p> + +<p> +In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der wohlbekannte +Klang der Harmonika. Frau Pfäffling trat ans offene Fenster und sah die beiden +kleinen Geschwister auf den Brettern sitzend. "Es ist doch schon 2 Uhr vorbei," +sagte sie, "hat denn Frieder heute nachmittag keine Stunde?" und sie rief +dieselbe Frage dem kleinen Schulbuben hinunter. Die Harmonika verstummte, die +Kinder antworteten nicht, sie sahen sich nur bestürzt an und die Eile, mit der +sie von den Brettern herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu, +sagte genug. +</p> + +<p> +"Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfäffling, "daran ist +wieder nur das verwünschte Harmonikaspielen schuld!" Als Frieder die Treppe +heraufkam—ohne jegliche Rücksicht auf abgetretene Stufen—streckte der Vater ihm +schon den Arm entgegen und nahm ihm die geliebte Harmonika aus der Hand mit den +Worten: "Damit ist's aus und vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darüber +vergißt!" +</p> + +<p> +Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle andern schon +fort? Ist's schon arg spät?" fragte er, während er ins Zimmer lief, um seine +Bücher zu holen. Elschen stand zitternd und strampelnd vor Aufregung dabei, +während er seine Hefte zusammenpackte, rief immer verzweifelter: "Schnell, +schnell, schnell!" und hielt ihm seine Mütze hin, bis er endlich ohne Gruß +davoneilte. Auf halber Treppe blieb er aber noch einmal stehen und rief +kläglich herauf: "Mutter, was soll ich denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur +gleich: es tut mir leid," rief sie ihm nach. So rannte er die Frühlingsstraße +hinunter und rief in seiner Angst immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid." +Die Vorübergehenden sahen ihm mitleidig lächelnd nach—es war leicht zu erraten, +was dem kleinen Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb drei Uhr, als er +um die Ecke der Frühlingsstraße bog. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in seinen +Schrank schloß. "Redlich abgenützt ist sie," sagte er sich, "sie wird bald den +Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in Versuchung führen. Es hat +wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten zwei Jahren, an dem er sie nicht +benützt hat. Er ist ein kleiner Künstler auf dem Instrument, aber er weiß es +nicht und das ist gut und von den Geschwistern hört er auch keine +Schmeicheleien, sie ärgern sich ja nur über den kleinen Virtuosen. Ich wollte, +ich hätte auch nur <i>einen</i> Schüler, der so begabt wäre wie Frieder! Aber +daß er seine Schule über der Musik versäumt oder ganz vergißt wie heute, das +ist doch ein starkes Stück am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und nun +wurde die Harmonika eingeschlossen. +</p> + +<p> +War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als letzter +heraus. Die Geschwister daheim hörten von der kleinen Schwester, was +vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule ergangen sein mochte. +Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern gesammelt, und die +Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafür, daß es glimpflich abgehen würde. Aber +Frieder hatte einen neuen Lehrer, den kannte man noch nicht und die neuen waren +oft scharf. Als nun endlich der Jüngste heimkam und ins Zimmer trat, wo sie +alle beisammen waren, sahen sie ihn begierig, zum Teil auch ein wenig spöttisch +an. Aber das Spöttische verging ihnen bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er +sah so kläglich verweint aus! Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen. +Zuerst wollte Frieder nicht recht herausrücken mit der Sprache, denn der Vater +war auch im Zimmer und das war in Erinnerung an sein zürnendes Gesicht und die +weggenommene Harmonika nicht aufmunternd für Frieder. Aber Herr Pfäffling ging +ans Fenster, trommelte einen Marsch auf den Scheiben und achtete offenbar nicht +auf die Kinder. Da hatte Marie bald alles aus dem kleinen Bruder herausgefragt, +denn sie hatte immer etwas Mütterliches gegen die Kleinen, auch der Mutter +Stimme. So erzählte denn Frieder, daß der Lehrer ihm zuerst nur gewinkt hätte, +sich auf seinen Platz zu setzen, aber nach der Schule hatte Frieder vorkommen +müssen, ja und dann—dann stockte der Bericht. Aber die Geschwister kannten sich +aus, sie nahmen seine Hände in Augenschein, die waren auf der Innenseite rot +und dick. "Wieviel?" fragte Marie. "Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der +große. "Es kommt darauf an, ob's gesalzene waren," und nun erzählte Wilhelm, +der zweite: "Bei uns hat einer auch einmal die Schule vergessen, dann hat er +zum Lehrer gesagt, er habe Nasenbluten bekommen und so ist er ohne alles +durchgeschlupft, der war schlau!" Da hörte auf einmal das Trommeln an den +Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um und sagte: "Der war ein Lügner +und das ist der Frieder nicht. Geh her, du kleines Dummerle du, wenn dir der +Lehrer selbst deinen Denkzettel gegeben hat, dann brauchst du von mir keinen, +du bekommst deine Harmonika wieder, aber—" +</p> + +<p> +Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb, denn in +diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfäffling und sagte eilfertig: +"Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im Bügelzimmer das Klingeln +gehört und ihr seid vornen und achtet nicht darauf!" Schuldbewußt liefen die +der Türe am nächsten Stehenden hinaus und riefen bald darauf den Vater ab, in +freudiger Erregung verkündend: "Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame +mit einem Fräulein ist da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie +nun fortgegangen wären!" sagte die Mutter vorwurfsvoll. +</p> + +<p> +"Manchmal ist's recht unbequem, daß Walburg taub ist," meinte Anne und Else +fügte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmädchen, die hören ganz gut, die hören +sogar das Klingeln, wenn wir so eine hätten!" "Seid ihr ganz zufrieden, daß wir +unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfäffling, "wenn sie nicht bei uns +bleiben wollte, könnten wir gar keine nehmen, sie tut's um den halben Lohn. Und +<i>wieviel</i> tut sie uns! Es ist traurig, zu denken: weil sie ein solches +Gebrechen hat, muß sie sich mit halbem Lohn begnügen. Wenn ich könnte, würde +ich ihr den doppelten geben." Unvermutet ging die Türe auf und die, von der man +gesprochen hatte, trat ein. Unwillkürlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an +als sonst, sie bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das große Brett +voll geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Küche hereintrug. Walburg +war eine ungewöhnlich große, kräftige Gestalt und ihr Gesicht hatte einen +guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein paar Jahren war sie aus einem +Dienst entlassen worden wegen ihrer zunehmenden Schwerhörigkeit, die nun fast +Taubheit zu nennen war. Als niemand sie dingen wollte, war sie froh, bei +kleinem Lohn in der Familie Pfäffling ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie +nicht mehr das Reden der Menschen hörte, hatte sie selbst sich das Sprechen +fast abgewöhnt. So tat sie stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand +wußte viel von dem, was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem +Gebrechen. Durch der Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen Pfäfflinge +wach geworden und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu sein, griff Marie +nach den Bestecken, um sie einzuräumen; die andern bekamen auch Lust zu helfen, +und im Nu war das Brett leer und Walburg sehr erstaunt über die ungewohnte +Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit ist auch ein Lohn," sagte Frau Pfäffling, +"wenn ihr den alle sieben an Walburg bezahlt, dann—" "Dann wird sie kolossal +reich," vollendete Karl. +</p> + +<p> +Unser Musiklehrer kam vergnügt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter Anfang +des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als Schülerin +angetragen. Zwei Stunden wöchentlich in unserem Haus. Das Fräulein mag etwa 17 +Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als sei es noch ein dummes +Gänschen, aber ein freundliches, es lacht immer, wenn nichts zu lachen ist, und +kam in Verlegenheit, als die Frau Mama nach dem Preis fragte mit der Bemerkung, +sie zahle immer voraus. Sie zog auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und +zählte das Geld auf den Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die +Dame, 'so bringt man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl +sie sich, das Fräulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde sein. +Da ist das Geld, wirst's nötig haben," schloß Herr Pfäffling seinen Bericht und +reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder drückten sich an die Fenster, +sahen hinunter und bewunderten die Dame, die mit ihrem seidenen Kleid durch die +Frühlingsstraße rauschte, begleitet von der Tochter, die mehr noch ein Kind als +ein Fräulein zu sein schien. "Hat je eines von euch schon diesen Namen gehört?" +fragte Herr Pfäffling und hielt ihnen die Visitenkarte der Dame hin. Sie +schüttelten alle verneinend, der Name war ganz schwierig herauszubuchstabieren, +er lautete: <i>Frau Privatiere Vernagelding</i>. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap02"></a>2. Kapitel<br/> +Herr Direktor?</h2> + +<p> +November! Du düsterer, nebeliger, naßkalter Monat, wer kann dich leiden? Ich +glaube, unter allen zwölfen hast du die wenigsten Freunde. Du machst den +Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden noch nicht. Aber zu +etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmäßigen Arbeit. +</p> + +<p> +Was wurde allein in der Familie Pfäffling gearbeitet an dem großen Tisch unter +der Hängelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier Brüdern schrieb der +eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte französisch, der vierte +deutsch. Der eine stierte in die Luft und suchte nach geistreichen Gedanken für +den Aufsatz, der andere blätterte im Lexikon, der dritte murmelte Reihen von +Zeitwörtern, der vierte kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde +auch einmal geplaudert und gefragt, gestoßen und aufbegehrt, auch gehustet und +gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter saß mit dem Flickkorb +oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still beschäftigen sollte, was aber +nicht immer gelang. +</p> + +<p> +Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, saßen selten dabei. Sie hatten ein +Schlafzimmer für sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten sie ungestört +ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn der Ofen, der darin +stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern wußten sich zu helfen. Sie +lernten am liebsten aus einem Buch, dabei rückten sie ihre Stühle dicht +zusammen, wickelten einen großen alten Schal um sich und wärmten sich +aneinander. Nur mit der Beleuchtung hatte es seine Schwierigkeit. Eine eigene +Lampe wurde nicht gestattet, es wäre ihnen auch nicht in den Sinn gekommen, +einen solchen Anspruch zu machen. Aber im Vorplatz auf dem Schränkchen stand +eine Ganglampe. Sie mußte immer brennen wegen der Stundenschüler, die den +langen Gang hinunter gehen mußten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfäffling +seine Stunden gab. Hatte aber ein Schüler den Weg gefunden und hinter sich die +Türe des Musikzimmers geschlossen, so konnten die Mädchen wohl auf eine Stunde +die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im Vorplatz und +manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es über den Gang ging und +begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern kühl. Schlimmer war's, +wenn sie etwa überhörten, daß die Musikstunde vorbei war und die Schüler im +Finstern tappen mußten. Dann erschraken sie sehr, stürzten eilig hinaus, um zum +Schluß noch zu leuchten, entschuldigten sich und waren froh, wenn der Vater es +nicht bemerkt hatte. +</p> + +<p> +Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fräulein Vernagelding hatte +Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hörten die Mädchen das Spiel. +Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe. Aber die Stunde +war noch nicht aus, sie lauschten und hörten den Vater noch sprechen: "das ist +doch nicht e, wie heißt denn diese Note?" +</p> + +<p> +"Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen wieder an +ihre Arbeit. Aber Herr Pfäffling sagte nur noch etwas rasch zu seiner +Schülerin: "Ich glaube, es ist genug für heute, besinnen Sie sich daheim, wie +diese Note heißt," und gleich darauf kam Fräulein Vernagelding heraus und stand +in dem stockfinsteren Gang. Jede andere hätte ihren Rückweg im Dunkeln gesucht, +aber das Fräulein gehörte nicht zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch +einmal am Eckzimmer an und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr +Pfäffling, mir graut so vor dem langen dunkeln Gang, würden Sie nicht Licht +machen?" +</p> + +<p> +Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner ängstlichen +Schülerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die Schwestern +mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in Gegenwart von +Fräulein Vernagelding gezankt, so daß dieser ganz das Lachen verging und sie so +schnell wie möglich durch die Treppentüre verschwand. Das Arbeiten im eigenen +Zimmer mußte also mit mancher Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch +nicht davon lassen. +</p> + +<p> +So lernten denn die jungen Pfäfflinge an den langen Winterabenden, der eine +mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker in der Schule, +machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht eben schlechte +Zeugnisse nach Hause. +</p> + +<p> +An einem solchen Novemberabend war es, daß Herr Pfäffling in das Zimmer trat +und seiner Frau zurief: "Cäcilie, komme doch einen Augenblick zu mir herüber, +aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Türe zugemacht, als er ihr +leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie folgte ihm über den Gang, +dieser war wieder stockfinster, aber sie beachteten es nicht. Im Musikzimmer, +wo die Klavierlampe brannte, lag auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er +ihn seiner Frau: "Lies, lies nur!" und als er sah, daß sie mit der fremden +Handschrift für seine Ungeduld nicht schnell genug vorwärts kam, sprach er: +"Die erste Seite ist nebensächlich, die Hauptsache ist eben: Kraußold aus +Marstadt schreibt, es solle dort eine Musikschule gegründet werden, und er +wolle mich, wenn ich Lust hätte, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust hätte, +Cäcilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust hätte, in einer größeren +aufblühenden Stadt eine Musikschule zu gründen, alles nach meinen Ideen +einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor zu werden, anstatt +mich mit Vernagelding und ähnlichen zu plagen; Cäcilie, hast du Lust, Frau +Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit fröhlichem Lachen seine eigenen +Worte: "Ob ich Lust hätte? Wie kann man nur so fragen!" +</p> + +<p> +Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee und +besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet eröffnete. Und +sprachen so lang, bis Elschen herübergesprungen kam und rief: "Walburg hat das +Abendessen hereingebracht und nun werden die Kartoffeln kalt!" +</p> + +<p> +"Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfäffling neckend, folgte +Mutter und Töchterchen und war den ganzen Abend voll Fröhlichkeit, ging singend +oder pfeifend im Familienzimmer hin und her, und die glückliche Stimmung teilte +sich allen mit, obwohl nach stiller Übereinkunft die Eltern zunächst vor den +Kindern noch nichts von dem unsicheren Zukunftsplan erwähnten. +</p> + +<p> +Herr Kraußold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige Aufregung +hervorgebracht hatte, war Herrn Pfäffling aus früheren Jahren gut bekannt, doch +hatte er die Familie Pfäffling noch nie besucht. Bei diesem Anlaß nun kündigte +er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit auf den nächsten Mittwoch an. +Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen und mit dem fünf Uhr Zug wieder +abreisen. Herr Pfäffling war in einiger Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein +etwas verwöhnter Herr," sagte er zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht +viel Sinn für Kinder hat, am wenigsten für sieben auf einmal. Sie sollten ganz +in den Hintergrund treten." +</p> + +<p> +"Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stören die Kinder nicht," +sagte Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Aber zum Tee möchte ich ihn herüber ins Eßzimmer bringen. Die Kinder können ja +irgendwo anders sein, dann richtest du für uns drei einen gemütlichen +Teetisch." +</p> + +<p> +Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, daß sie an diesem +Nachmittag möglichst unhörbar und unsichtbar sein sollten wegen des erwarteten +Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der Vater zu den Kleinen: +"Laßt euch nur nicht blicken, wer weiß, wie es euch sonst geht, wenn der +Kinderfeind kommt!" +</p> + +<p> +Zunächst mußten alle zusammen helfen, die schönste Ordnung herzustellen, bis +der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein käme. Das Wetter war leidlich, sie +wollten sich unten im Hof aufhalten. +</p> + +<p> +Am Fenster stand immer einer der Brüder als Posten und als nun der Vater in der +Frühlingsstraße in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn auftauchte, rannte die +ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und verschwand hinter dem Haus. +Dort war der Boden tief durchweicht und mit dem zäh an den Fußsohlen haftenden +Lehm ließ sich nicht gut auf den Balken klettern. Elschen fiel gleich beim +ersten Versuch herunter und weinte kläglich, denn sie sah übel aus. Die +Schwestern bemühten sich, mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu säubern. +Da tat sich ein Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder, +ihr macht das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur +herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber hinauf!" +</p> + +<p> +"Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen kläglich. +</p> + +<p> +"O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch ein +Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Füße gut ab." +</p> + +<p> +Die Mädchen ließen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wußte nicht recht, +ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den Brüdern um, die +waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch lieber mit hinein zu +der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die Schwestern weg und bis er ihnen +nach ins Haus ging, hatten sie eben die Türe hinter sich geschlossen. +Anklingeln wollte er nicht extra für seine kleine Person. So hielt er sich +wieder an seine treueste Freundin, die Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den +Thron, hoch oben auf den Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choräle +eingeübt, die wollte er auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er +sich nun und hatte kein Verlangen mehr nach den Brüdern, obwohl er sie von +seinem hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem Zaun, der +den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz trennte. Im Oktober waren +neue Rekruten eingerückt, die nun täglich ihre Turnübungen ganz nahe dem Zaune +machten. Unter diesen Soldaten war ein guter Bekannter, ein früherer Lehrling +des Schreiners Hartwig, der zugleich ein Verwandter der Hausfrau war und bei +ihr gewohnt hatte. Diesen nun in Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und +Exerzieren zuzuschauen, war von großem Interesse. Er kam auch manchmal an den +Zaun und plauderte freundschaftlich mit Karl. +</p> + +<p> +Aufmerksam sahen die jungen Pfäfflinge nach dem Turnplatz hinüber. Unter den +Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung über ein gespanntes +Seil üben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt dazu anstellten. Der +eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder einen Anlauf, um über die +Schnur zu kommen und wenn es ihm fünfmal mißlungen war, so kam er doch das +sechste mal darüber und der Schweiß redlicher Anstrengung stand ihm auf der +Stirne. Die beiden anderen Ungeschickten machten gleichgültige, störrische +Gesichter und träge Bewegungen. Als die Abteilung zur Kaserne zurück +kommandiert wurde, mußten sie nachexerzieren. Das war nun kein schöner Anblick. +Dazu fing es an zu regnen, große wässerige Schneeflocken mischten sich +darunter, und die kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespräch über +die unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen. Sie +wollten all diese Übungen schon vorher machen, gleich morgen sollte da, +zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an Frieder +vorbei; der hatte auch bemerkt, daß Schnee und Regen herunter fielen und +kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die Brüder über ihn. Er +würde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter. Welche Schande, wenn ein +Pfäffling so schlecht auf dem Turnplatz bestünde. Es durfte nicht sein, daß er +immer nur Harmonika spielte, sie wollten ihn auch springen lehren, er mußte +mittun, gleich morgen. Er sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig +bedenklich und mit Recht: drei eifrige Unteroffiziere gegen <i>einen</i> +ungeschickten Rekruten! +</p> + +<p> +Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben die +Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Mädchen, die noch bei +der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, daß sie erkundigen sollten, +wie es oben stünde. Marie wagte sich hinauf, erschien bald wieder an der Treppe +und winkte den anderen, leise nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den +Geschwistern, sie stellte sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser +vor. +</p> + +<p> +"Er ist im Wohnzimmer," flüsterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer, da hört +man uns nicht." +</p> + +<p> +Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das Eckzimmer. Dort +fühlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was sie gerne gehabt hätten, +von Büchern und Heften oder Spielen hier nichts zu haben. So standen sie alle +sieben herum, warteten und fingen an, in dem kühlen Zimmer zu frieren, denn sie +waren naß und durchkältet. "Wir wollen miteinander ringen, daß es uns warm +wird," schlug Wilhelm vor und Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich +nehme es mit der ganzen Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen meine +rechte Hand, du Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt die Stühle aus +dem Weg." Sie taten es und dann machten sie es den großen Geschwistern nach. +Das gab ein Gelächter und Gekreisch und aber auch einen großen Plumps, weil +Otto und Wilhelm zu Boden fielen. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick ging die Türe auf; Herr Pfäffling hatte ahnungslos seinen +Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie miteinander ins +Musikzimmer. Nein, auch für einen Kinderfreund wäre dieser Knäuel sich +balgender Knaben und ringender Mädchen kein schöner Anblick gewesen, und nun +erst für den Kinder_feind_! +</p> + +<p> +Er prallte ordentlich zurück. Elschen schrie beim Anblick des gefürchteten +Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen Ausgang die Flucht, alle +Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Türe besann sich Karl, kehrte zurück, +grüßte und sagte: "Entschuldige, Vater, wir wollten drüben nicht stören, +deshalb sind wir alle hier gewesen," dann stellte er rasch die Stühle an ihren +Platz und rettete dadurch noch einigermaßen die Ehre der Pfäfflinge, die sich +wohl noch nie so ungünstig präsentiert hatten, wie eben diesem Fremden +gegenüber. +</p> + +<p> +Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfäffling zur Bahn +geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem großen Tisch im Wohnzimmer +und saßen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben, doch war ihnen allen +bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen habe und was er sagen würde bei +seiner Rückkehr von der Bahn; die Mutter war ja nicht dabei gewesen, sie konnte +es nicht wissen. +</p> + +<p> +Nun kam der Vater heim. Eine merkwürdige Stille herrschte im Zimmer, als er +über die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete das +friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie nun wie Musterkinder +ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige Lämmlein, nicht wieder zu +erkennen die wilde Horde von drüben!" Bei diesem Scherzenden Ton wurde ihnen +allen leicht ums Herz, sie lachten, sprangen dem Vater entgegen und Elschen +fragte: "Ist der Herr weit weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schön da, wo +er hin gehört?" +</p> + +<p> +"Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er käme oder +wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfäffling hinzu, indem er sich an seine +Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Mühe mehr, unser Hauswesen in +stiller Vornehmheit zu zeigen und in künstliches Licht zu stellen, denn so ein +künstliches Licht verlöscht doch plötzlich und dann ist die Dunkelheit um so +größer." +</p> + +<p> +Ein paar Stunden später, als Elschen längst schlief, die Schwestern Gute Nacht +gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im sogenannten Bubenzimmer ihre +Betten aufsuchten, saß Karl noch allein mit den Eltern am Tisch. Seit seinem +fünfzehnten Geburtstag hatte er dies Vorrecht. Es wurde allmählich still im +Haus. Auch Walburg hatte Gute Nacht gewünscht; manchmal lag kein anderes Wort +zwischen ihrem "Guten Morgen" und "Gute Nacht". +</p> + +<p> +Die drei, die nun noch am Tische saßen, waren ganz schweigsam und bewegten doch +ungefähr denselben Gedanken. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, daß ich mit meiner +Frau von Marstadt reden könnte. Die Kinder sollen ja noch nichts davon wissen. +Er zog seine Taschenuhr—es war noch nicht spät. Dann ging er auf und ab, sah +wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling dachte: Meinem Mann ist es lästig, daß wir nicht allein sind, +aber er möchte Karl doch nicht so früh zu Bett schicken. Nein, diese Unruhe! +Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut und nicht ahnt, daß er +stört. +</p> + +<p> +Darin täuschte sich aber Frau Pfäffling, denn Karl dachte: Der Vater schweigt +und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Türe hinausginge, würden sie reden, über +Herrn Kraußold aus Marstadt, denn mit diesem hat es eine besondere Bewandtnis. +Nun zieht der Vater zum drittenmal in fünf Minuten seine Uhr. Er möchte mich +fort haben und doch nicht fortschicken. Und die Mutter auch. Da ist's wohl +angezeigt, daß ich freiwillig gehe. Er klappte das Buch zu, stand auf und +sagte: "Gute Nacht, Vater, gute Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen." +</p> + +<p> +"Gute Nacht, Karl." +</p> + +<p> +Sie waren überrascht, daß er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte Herr +Pfäffling. "Oder hat er gemerkt, daß er uns stört," meinte die Mutter. "Woran +sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und er hat gelesen." +</p> + +<p> +"Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd. +</p> + +<p> +"Das muß ich noch erfahren," sagte Herr Pfäffling lebhaft und rief seinen +Jungen noch einmal zurück: "Sage offen, warum du so bald zu Bett gehst?" Einen +Augenblick zögerte Karl, dann erwiderte er schelmisch: "Weil du dreimal auf +deine Uhr gesehen hast, Vater." +</p> + +<p> +"Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, daß du Takt +hast—übrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier bleiben, dann +wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir besprechen." "Das meine ich +auch," sagte Frau Pfäffling, "er wird nun bald sechzehn Jahre. Komm, Großer, +setze dich noch einmal zu uns." +</p> + +<p> +Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fühlte er sich wie ein Freund zu +Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde erfuhr er, was seine +Eltern gegenwärtig freudig bewegte. +</p> + +<p> +Als er sich aber eine Stunde später leise neben seine Brüder zu Bette legte, da +besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen könnte, das Vertrauen +der Eltern zu täuschen, und er fühlte, daß keine Lockung noch Drohung stark +genug wäre, ihm das anvertraute Geheimnis zu entreißen. +</p> + +<p> +In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach Marstadt, um +sich dort den Herren vorzustellen, die über die Ernennung des Direktors für die +neu zu gründende Musikschule zu entscheiden hatten. Es kam noch ein anderer, +jüngerer Mann aus Marstadt für die Stelle in Betracht, und nun mußte sich's +zeigen, ob Herr Pfäffling wirklich, wie sein Freund Kraußold meinte, die +besseren Aussichten habe. Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr +Pfäffling immer kleinmütiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling, +wählen, statt dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er +sich seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine seitherigen +Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen würden! +</p> + +<p> +In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein Freund +Kraußold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so wuchs seine +Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus <i>einem</i> Munde lautete +das Urteil über seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu jung zum Direktor" Und +einmal, als er in Begleitung seines Freundes über die Straße ging, sah er +selbst den Jüngling, der sein Mitbewerber war, und von da an war er beruhigt; +das war noch kein Mann für solch eine Stelle, der sollte nur noch zehn Jahre +warten! +</p> + +<p> +In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten. Am +Bahnhof von Marstadt bot ein Mädchen Blumen an. In seiner hoffnungsfreudigen +Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz unerhörten Luxus: Er kaufte eine +Rose. Sein Freund Kraußold sah ihn groß an: "Zu was brauchst <i>du</i> so +etwas?" +</p> + +<p> +"Für die zukünftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfäffling fröhlich, und als +sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst hinzu: "Weißt du, sie +hat es schon manchmal recht schwer gehabt in unseren knappen Verhältnissen." +</p> + +<p> +Sie verabschiedeten sich und Kraußold versprach, am nächsten Donnerstag gleich +nach Schluß der Sitzung ihm den Entscheid über die Besetzung der Stelle zu +telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfäffling seiner Frau die Rose +reichte, wußte sie alles, auch ohne Worte: seine glückselige siegesgewisse +Stimmung, seine Freude, daß er auch ihr ein schöneres Los bieten konnte, das +alles erkannte sie an der unerhört verschwenderischen Gabe einer Rose im +November! +</p> + +<p> +Die Sache blieb nicht länger Geheimnis. Herr Pfäffling besprach sie mit seinem +Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt über die geplante +Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch die Kinder hörten +nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg wurde es ins Ohr gerufen. +</p> + +<p> +Je näher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den Entscheid. +Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraußold ein, der keinen Zweifel mehr +darüber ließ, daß Pfäffling einstimmig gewählt würde. +</p> + +<p> +Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als Herr +Pfäffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu Tisch wie +gewöhnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer aufmachen dürfte, wenn der +Telegraphenbote klingeln würde. Die Mutter hatte das aufmerksame Ohr einer +Hausfrau, sie legte den Löffel aus der Hand und sagte: "Er kommt." Einen +Augenblick später klingelte es, und von den dreien, die hinaus gerannt waren, +brachte Wilhelm das Telegramm dem Vater, der rasch den Umschlag zerriß. Es war +ein langes, ein bedenklich langes Telegramm. Es besagte, daß noch in der +letzten Stunde der Beschluß, im nächsten Jahre schon eine Musikschule zu +gründen, umgestoßen worden sei und man eines günstigen Bauplatzes wegen noch +ein paar Jahre warten wolle! +</p> + +<p> +Herrn Pfäffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Füßen +weggezogen hätte, als er las, daß die ganze Musikschule, die er dirigieren +wollte, wie ein Luftschloß zusammenbrach. +</p> + +<p> +O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestürzt sahen die Eltern aus, wie +starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den Mädchen die +Tränen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von einem zum andern, weil +sie gar nichts von dem allen verstand! +</p> + +<p> +Frieder, der neben der Mutter saß, wandte sich halblaut an sie: "Es wäre viel +freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon vorher ausgemacht +hätten, und das mit dem Vater erst nachher." +</p> + +<p> +"O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, daß alle +erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug wären wie du, aber die sind so—ich +will gar nicht sagen wie, das <i>kann</i> man überhaupt gar nicht sagen, dafür +gibt es keinen Ausdruck!" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre wollen +sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann wäre es ja nicht so +sehr ferne gerückt!" +</p> + +<p> +"Es können auch fünf daraus werden und zehn," entgegnete Herr Pfäffling, +"inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins richtige Alter und +ich komme darüber hinaus. Nein, nein, da ist nichts mehr zu hoffen, Direktor +bin ich <i>gewesen</i>." +</p> + +<p> +Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und man hörte ihn über den Gang in das +Musikzimmer gehen. Die Kinder aßen, was auf ihren Tellern fast erkaltet war. +"Ich wollte, Herr Kraußold wäre gar nie in unser Haus gekommen!" sagte Anne. Da +stimmten alle ein und der ganze Zorn entlud sich über ihn, bis die Mutter +wehrte: "Herr Kraußold hat es nur gut gemeint. Ihr Kinder habt überdies allen +Grund, froh zu sein, daß wir hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut +wie hier außen in der Frühlingsstraße. Für euch wäre es kein Gewinn gewesen." +</p> + +<p> +"Aber für den Vater und für dich," sagte Karl, und er dachte an den schönen +Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht anvertraut hatten. +"Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich kommen darüber weg. In der +ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen, aber dann stemmt man sich gegen +das Ungemach und sagt sich: dies gehört auch zu den Dingen, die uns zum besten +dienen müssen, wie alles, was Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muß +ich's anpacken, damit es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken. +</p> + +<p> +"Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann deckt den +Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinübergehen. Nehmt auch die Rose mit +hinaus, die Blätter fallen ab." +</p> + +<p> +Im Eckzimmer wanderte Herr Pfäffling auf und ab und wartete auf seine Frau, +denn er wußte ganz gewiß, daß sie zu ihm kommen würde. Sie hatten schon manches +Schwere miteinander getragen, und nun mußte auch diese Enttäuschung gemeinsam +durchgekämpft werden. +</p> + +<p> +Als Frau Pfäffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand und +reichte es ihr mit schmerzlichem Lächeln: "Da sieh, gestern abend war ich so +zuversichtlich, da habe ich für dich ein kleines Lied komponiert, das wollte +ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die Kinder hätten im Chor den +Schlußreim mitsingen dürfen, auf den jeder Vers ausgeht: +</p> + +<p class="poem"> +"'Drum rufen wir mit frohem Sinn:<br/> +Es lebe die Direktorin!' +</p> + +<p> +"Nun muß es heißen: +</p> + +<p class="poem"> +"'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn<br/> +Du wirst niemals Direktorin.'" +</p> + +<p> +"Nein, nein," wehrte Frau Pfäffling, "du mußt es anders umändern, es muß +ausgedrückt sein, daß wir trotz allem einen frohen Sinn behalten." +</p> + +<p> +"Für den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er trübselig, "ich +brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer machen." +</p> + +<p> +Sie sprachen noch lange von der großen Enttäuschung, und dann kamen sie auf den +beginnenden Winter zu sprechen, für den noch nicht so viel Stunden angesagt +waren als nötig erschien, um gut durchzukommen. So erschien ihnen die Zukunft +grau wie der heutige Novemberhimmel. +</p> + +<p> +Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Türe eine +Kinderstimme: "Dürfen wir herein?" +</p> + +<p> +"Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter der Türe +erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit strahlendem Ausdruck, dann +Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen, Kaffee- und Milchkanne und stellten das +alles vorsichtig auf den Tisch. Die zwei Großen sahen zaghaft aus, wußten nicht +recht, wie die Überraschung wohl aufgenommen würde. "Was fällt euch denn ein, +Kinder?" fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die +Tränen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil ihr fast +nichts gegessen habt!" und Anne flüsterte der Mutter zu: "Von unserem Geld, du +darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus und hörten eben unter +der Türe, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann kann ich freilich nicht +zanken," so war also die Überraschung gut aufgenommen worden. +</p> + +<p> +Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfäffling, die er +sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich vor, sich +gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er war sich keiner +festtäglichen Stimmung bewußt! Aber man mußte es doch schon den Kindern zuliebe +tun, sicher würde Marie, das Hausmütterchen, gleich nachher visitieren, ob auch +die Kannen geleert seien. Diesem festtäglichen Kaffee gegenüber wich die graue +Novemberstimmung unwillkürlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser +Musiklehrer zu seiner Frau: "Man müßte eben den Schlußreim so verändern: +</p> + +<p class="poem"> +"'Direktor her, Direktor hin,<br/> +Wir haben dennoch frohen Sinn.'" +</p> + +<p> +Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es. Frau +Pfäffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fräulein Vernagelding sein?" +</p> + +<p> +"Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglückselige Stunde, die hatte +ich total vergessen, muß die auch gerade heute sein! Wenn ich die jetzt +vertrage, Cäcilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst nicht, wie +unmusikalisch das Fräulein ist!" Frau Pfäffling hatte das Kaffeegeschirr rasch +auf das Brett gestellt und war längst damit verschwunden, bis Fräulein +Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter und Spiegel Toilette gemacht und ihre +niedlichen Löckchen zurechtgesteckt hatte. Herr Pfäffling nahm sich gewaltig +zusammen, als diese unbegabteste aller Schülerinnen sich neben ihn ans Klavier +setzte und mit holdem Lächeln sagte: "Heute dürfen Sie es nicht so streng mit +mir nehmen, Herr Pfäffling, ich konnte nicht so viel üben, denken Sie, ich war +gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in Rosa." +</p> + +<p> +"Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfäffling und trippelte bereits etwas +nervös mit seinem rechten Fuß. "Aber jetzt wollen wir gar nicht mehr an den +Ball denken, sondern bloß an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht immer wieder f +nehmen statt fis, das lautet greulich für mich. Schon wieder f! Wieder f! Aber +Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an den gestrigen Ball!" "Nein, Herr +Pfäffling," entgegnete sie und sah ihn strahlend an, "ich denke ja an den +morgigen Ball, was sagen Sie dazu, daß ich morgen schon wieder tanze! Diesmal +in Meergrün. Ist das nicht süß?" Herr Pfäffling sprang vom Stuhl auf. "Süß, ja +süß!" wiederholte er, "aber zwischen zwei Bällen Sie mit der G-dur Tonleiter zu +plagen, das wäre grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie lieber heim +für heute." +</p> + +<p> +"Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schülerin empfahl +sich mit dankbarem Lächeln und Knix. +</p> + +<p> +Als Frau Pfäffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, daß Fräulein +Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal entschieden mehr +Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling erzählte, daß ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube aber +nicht, daß es das Fräulein übelgenommen habe. +</p> + +<p> +"Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekränkt sein," sagte Frau +Pfäffling besorgt. +</p> + +<p> +Unnötige Sorge! Als das tanzlustige Fräulein daheim von der abgekürzten Stunde +berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller Herr. Er gönnt doch +auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnügen. Wir müssen ihm gelegentlich ein +Präsent machen, Agathe." +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap03"></a>3. Kapitel<br/> +Der Leonidenschwarm.</h2> + +<p> +Samstag nachmittag war's und eifrige Tätigkeit in Haus und Hof. Frau Pfäffling +und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die Hilfe von Marie und +Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob sie gerne das Geschirr in +der Küche abtrockneten und mit Vorliebe den Staub wischten, ob sie mit Lust die +Leuchter putzten und mit Freuden die Lampen, das wußte niemand, aber das wußten +alle, daß diese Arbeiten geschehen mußten und Walburg nicht mit allem allein +fertig werden konnte. +</p> + +<p> +Die Brüder hatten auch für etwas einzustehen im Haus: Sie mußten sorgen, daß in +der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorrätig war. Das hatten sie aber +heute schon besorgt und nun waren sie in fröhlicher Tätigkeit auf dem +Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als Soldat diente und durch +den Zaun die Freundschaft mit den jungen Pfäfflings pflegte, hatte gesehen, wie +sie sich mühsam ein Sprungseil zu spannen versuchten und nicht zurecht damit +kamen. Darauf hatte er ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe, +und nun war er herübergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders +vonstatten. Zwei Pfähle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in +verschiedener Höhe spannen ließ, ganz wie drüben auf dem Militärturnplatz, nur +daß auf kleinere Turner gerechnet werden mußte. Frieder wurde herbeigeholt. Er +war für einen Achtjährigen noch ein kleiner Kerl und nicht so gewandt wie seine +leichtfüßigen Brüder. Es zeigte sich, daß man das Seil noch viel näher am Boden +spannen mußte, und als er seine ersten Sprungversuche machte und fest auf das +Seil, anstatt darüber sprang, lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen +früheren Kinderjahren, das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht übel, um so +weniger als Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika genommen und umsonst +probiert hatte, etwas Wohlklingendes herauszulocken, bewundernd sagte: "Wie der +Kleine nur so umgehen kann mit dem großen Instrument, gestern haben ihm viele +Soldaten zugehört, da hat's geklungen wie das Lied: 'Wachet auf, ruft uns die +Stimme'." "Ja, das war's," sagte Frieder, "das lernen wir jetzt in der Schule." +</p> + +<p> +"Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?" +</p> + +<p> +"Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder ganz +erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da wirst du sehen, +wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine Mitschüler." Frieder +machte große Augen. Daheim war eigentlich immer nur eine Stimme des Ärgers über +sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er sollte seine Harmonika absichtlich +dahin mitnehmen, wo recht viele sie hören würden? Zweifelnd sah er auf seine +alte, treue Begleiterin. Bisher hatten sie sich immer möglichst miteinander +entfernt von allen Menschen, und nun sollten sie sich vordrängen? Ihm kam es +unbescheiden vor, aber doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon, +während seine Brüder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzählte gern +von seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute hatte er +Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte er, "vor dem +Kasernentor. Da bläst einem der Wind eisig um die Ohren und die Füße werden +steif, wenn man nicht immerzu hin und her läuft. Man hört auch gern seinen +eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man meint, man sei ganz allein auf der +Welt. Es war so eine finstere Nacht, kein Mondschein am Himmel und im Westen +eine schwarze Wand, nur im Osten war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor +mir war der weite, leere Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze +Kasernenmauer, ganz unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich +der Wind gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so +hinausschaue, wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in großem +Bogen über den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer +und zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn mir +zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet wäre, denn, dachte ich, es +sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz feierlich zumute. Ich nahm mir +aber vor: den Kameraden erzählst du das nicht, sie meinen sonst, du flunkerst. +Aber da kam morgens eine Abteilung von einer nächtlichen Felddienstübung heim +und die hatten es auch beobachtet und fingen gleich davon an zu erzählen. Ihnen +hat ihr Hauptmann erklärt, daß alle Jahre in den Nächten um den 12. bis 15. +November herum so ein Sternschnuppenschwarm sei, der heiße der Leonidenschwarm. +In manchen Jahren sei er besonders reich und so in diesem. Aber erst nach +Mitternacht und man sehe es nur selten so schön wie in der vergangenen Nacht, +weil die Novembernächte meistens trüb seien. Wenn's heute nacht hell wäre, ich +wollte gleich wieder auf die Wache ziehen um den Preis." +</p> + +<p> +Karl, der große, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle mit +<i>einem</i> Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mußten sie sehen! +Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und von dem Balken +aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die Erlaubnis der Eltern zu +bekommen war. Oder konnte man's ungefragt unternehmen? Es war ja nichts +Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die Schwestern kamen dazu und wurden +eingeweiht in den Plan. Da entschied Marie, das praktische Hausmütterchen: +"Ohne Erlaubnis geht das nicht, weil es nicht ohne Hausschlüssel geht, die +Haustüre wird nachts geschlossen." Also mußte man bittend an die Eltern kommen. +Der Vater wollte nicht gern der Jugend den Hausschlüssel anvertrauen und die +Mutter meinte, so vom Bett in die Novembernacht hinaus würden sie sich +erkälten. Und alle beide fürchteten sie, die Hausleute möchten bei Nacht +gestört werden. Dagegen sagte der Vater, seine Buben dürften nicht so +zimperlich sein, daß sie nicht eine Stunde draußen in der Winternacht aushalten +könnten, und die Mutter erzählte, daß sie schon von ihrer Jugend an den Wunsch +gehabt hätte, so einen Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brüder +versicherten, daß sie lautlos die Treppe hinunterschleichen würden. Da machte +die kleine Else, die gespannt zugehört hatte, ob die Brüder mit ihrer Bitte +wohl durchdringen würden, den Schluß, indem sie erklärte: "Also dann dürft +ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber doch war es nur so eine +halbe Erlaubnis, und die Brüder hielten es für klug, nimmer auf das Gespräch +zurückzukommen. Überdies fing es am Abend an zu regnen, ja es regnete auch noch +den ganzen Sonntag und niemand dachte mehr an die Sternschnuppen. Als aber am +Sonntag abend Karl zu Bett ging, bemerkte er, daß am Himmel ein paar Sterne +sichtbar waren. Wenn es nun doch möglich würde? Er richtete seine Weckuhr auf 1 +Uhr und konnte vor Erwartung kaum einschlafen. Während nun Stille im ganzen +Haus wurde und die Nacht weiter vorrückte, lösten und verteilten sich am Himmel +immer mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern leuchtete hervor und +als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster huschte um zu sehen, ob etwas +zu hoffen wäre, strahlte ihm der klarste Himmel entgegen, ja, er meinte sogar +ein kurzes Leuchten wie von einer fliegenden Kugel gesehen zu haben. +</p> + +<p> +Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei das +ganze Haus aufzumuntern. Zum Glück lag das Bubenzimmer nicht neben dem +Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brüder hatten nicht einmal mehr Lust +zu dem nächtlichen Unternehmen, aber die stellte sich wieder ein, sobald sie +ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei in aller Stille. Nebenan +schliefen die Schwestern. Plötzlich ging die Türe leise auf, ein Arm streckte +sich herein und ein geheimnisvolles: "Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!" +wurde geflüstert; das große warme Tuch flog herein, die Türe ging leise wieder +zu. Mit klopfendem Herzen nahm Karl den Hausschlüssel vom Nagel, in Strümpfen, +die Stiefel in der Hand, schlichen sie alle Drei über den Gang, und die Treppe +hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mußten doch die Stiefel +angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches Geräusch, nicht ohne +Geflüster. Auch der Schlüssel bewegte sich nicht ohne metallenen Klang im +Schloß und die Türe nicht ohne Knarren in den Angeln. Hingegen ging sich's +lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem Balken, und als die Drei erst hinter +den Brettern, nahe dem Kasernenzaun waren, schien ihnen das Unternehmen +gelungen. +</p> + +<p> +Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas gehört. Sie +wußte zunächst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber sie hatte das Gefühl: +Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte sich im Bett auf, horchte, +vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten Ton der sich schließenden Haustüre +und dann ein Flüstern außerhalb derselben. "Es ist jemand hinausgegangen," +sagte sie sich, "wer hat nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es +war ihr unerklärlich. "Es ist ungehörig," sagte sie sich, "wer solch nächtliche +Spaziergänge macht, der soll nur draußen bleiben," und rasch entschlossen ging +sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustüre vor. Dann legte sie sich +beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus herein, ohne anzuklingeln; auf +diese Weise wollte sie schon herausbringen, wer hinausgeschlüpft war. War es +jemand mit gutem Gewissen, der mochte klingeln. +</p> + +<p> +Auf Frieders hohem Brettersitz saßen die drei Brüder in der Stille der Nacht +und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In wunderbarer Klarheit +wölbte er sich über ihnen. Das war ein Schimmern und Leuchten aus unendlichen +Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so schön gesehen. "Wenn auch weiter gar +nichts zu sehen wäre," sagte Karl, "so würde mich's doch nicht reuen, daß ich +aufgestanden bin." "Mich reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar +nicht glaube, daß einer von den Sternen auf einmal anfängt zu fliegen. Die +stehen da droben alle so fest!" +</p> + +<p> +"Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten. Ein +heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen dahin und war +dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die riesige Bahn durchflogen, +wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine Strecke gewesen sein, größer als das +ganze Deutsche Reich. Staunend sahen die Kinder hinauf: da—schon wieder eine +Sternschnuppe, größer als die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach +wenigen Minuten wieder eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und +flogen in gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit +vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die +Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich sichtbar, es +war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich aber von Westen herauf +immer größere Wolkenmassen und fingen an, die Sterne zu verdunkeln. Endlich kam +das Gewölk bis an die Himmelsgegend, von der die meisten Sternschnuppen +ausgingen, und wie wenn den staunenden Blicken nicht länger das schöne +Schauspiel vergönnt sein sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze +Herrlichkeit. +</p> + +<p> +Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken würden sich +wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein einzelner Stern. +"Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto, "nur die Wolken sind +davor." Nun wurde es vollständig Nacht, und die Brüder empfanden auf einmal, +daß es kalt war und sie selbst müd und schläfrig. Jetzt ins warme Bett zu +schlüpfen, mußte köstlich sein! Also kletterten sie herunter und gingen in der +Stockfinsternis dem Haus zu. +</p> + +<p> +"Hast du doch den Schlüssel, Karl?" "Jawohl, da ist er." +</p> + +<p> +"Das wäre kein Spaß, wenn du den verloren hättest und wir müßten da draußen +bleiben in der Kälte!" +</p> + +<p> +Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an die +Türe. Karl schloß auf und klinkte an der Schnalle, aber die von innen +verriegelte Türe ging nicht auf. "Was ist denn das?" flüsterte Karl, drehte den +Schlüssel noch einmal im Schloß auf und zu und klinkte und drückte gegen die +Türe, aber die gab nicht nach. +</p> + +<p> +"Laß doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch +herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr. +</p> + +<p> +"Laßt doch, ihr verdreht das Schloß noch," sagte Karl, "ihr seht doch, es geht +nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloß ist doch in Ordnung, was hält +die Türe zu?" +</p> + +<p> +In leisem Flüsterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand hat etwas +vor die Türe gestellt, damit wir nicht hereinkönnen." "Oder den Riegel +vorgeschoben." +</p> + +<p> +"Ja, ja, den Riegel. Natürlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat das getan? +Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen: "Vielleicht der +Vater, weil wir nichts gesagt haben!" +</p> + +<p> +"Aber er hat es doch erlaubt!" +</p> + +<p> +"Ich weiß nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?" +</p> + +<p> +"Wir hätten vielleicht um den Hausschlüssel bitten sollen." +</p> + +<p> +"So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehört, hat gemerkt, daß wir +ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muß ja so sein, wer +hätte es sonst tun sollen?" +</p> + +<p> +Nach einigem Nachdenken über diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln dürfen +wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in den warmen +Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon schlafen." +</p> + +<p> +So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Sünder ums Haus herum und suchten +sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so stockfinster +gewesen wäre und die Bretter so naß und so hart und so unbequem und wenn es nur +vor allem nicht so bitter kalt gewesen wäre! Karl blieb nur einen Augenblick +liegen, dann sprang er auf: "Der Schal reicht doch nicht für drei, ihr könnt +ihn haben und ich laufe lieber hin und her, wie wenn ich Wache hätte. Wer weiß, +in drei Jahren muß ich's ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brüder in das +Tuch, wanderte stramm hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das +Soldatenleben. Aber nach einer kleinen Weile hörte er einen seltsamen Ton. Was +war denn das? Er kam näher zu den Brüdern her—wahrhaftig, Otto schluchzte und +weinte ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun aufgewacht und +klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich wieder aus seiner +unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da fühlte sich Karl als +Ältester verantwortlich: "Die müssen ins Bett," sagte er sich, "sonst werden +sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir nicht die Marianne wach rufen +können, damit sie uns ausriegelt." Da waren die Verschlafenen gleich wieder +munter. Sie gingen nach der Seite des Hauses, wo das Schlafzimmer der Mädchen +lag, und nun galt es so laut zu rufen, daß diese aufwachten, und zugleich so +leise, daß Hartwigs, die unter ihnen schliefen, nichts hörten. "Marianne, +Marianne," klang es zuerst leise und allmählich lauter. Es ging aber umgekehrt, +als es hätte gehen sollen, die Schwestern hörten nichts und die Hausleute +wachten auf. +</p> + +<p> +Die Hausfrau lächelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun möchte man +wieder herein." Sie erzählte ihrem Mann von der verriegelten Türe. Er machte +das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brüder erschraken, als sie des +Hausherrn Stimme hörten. Keiner rührte sich, keiner antwortete. Der Hausherr +starrte in die Dunkelheit hinaus, lauschte—sah nichts, hörte nichts und schloß +das Fenster. Eine gute Weile blieben unsere drei Ausgestoßenen wie angewurzelt +stehen. "Wir wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und +sie tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in der +Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es unbegreiflich, +daß die Schwestern so fest schliefen. +</p> + +<p> +"Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfäffling erkannt," sagte die +Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern draußen sein in +der kalten Nacht? Laß mich mal rufen, mich kennen sie besser!" und leise +öffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid Ihr es, Kinder?" Auf diesen +Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen sie dreistimmig, näherten sich dem +Fenster und sagten: "Wir wollten nur Marianne rufen, damit sie uns hereinläßt." +Die Hausfrau erschrak. So hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Bösen +hatte sie gedacht, denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln würden, +aber nicht an die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten. +</p> + +<p> +"Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur hinaus?" +</p> + +<p> +"Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie vorwurfsvoll +und schloß das Fenster. +</p> + +<p> +"Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr, "was ist +denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da schwärmen die +Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen Morgen?" +</p> + +<p> +Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu seiner Frau, +"ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was nötig ist. Wenn man nicht mehr +seine Nachtruhe hat, nicht weiß, ob das Haus nachts geschlossen bleibt, dann +hört ja alles auf. Für solche Mietsleute bedanke ich mich!" +</p> + +<p> +Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob den +Riegel der Haustüre zurück. Die drei frierenden, übernächtigen Kameraden sahen +nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig maß sie mit so verächtlichem Blick, +daß ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung entfiel, sie standen vor ihm wie +das böse Gewissen. Er schob sie von der Türe weg und den Riegel mit Gewalt +wieder vor und dann sprach er ruhig und deutlich den <i>einen</i> Satz: "Sagt +eurem Vater, auf ersten Januar sei ihm die Wohnung gekündigt." +</p> + +<p> +Ach, auf den nassen, harten Brettern draußen in der Winterkälte war es den drei +Brüdern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen Betten, in die sie +ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der Meinung, der eigene Vater +habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr Fortgehen schon so schlimm +aufgenommen, wie mußte er erst zürnen, wenn er erfuhr, was daraus entstanden +war! Und wie deutlich erinnerten sie sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo +der Vater von einem Haus zum andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen +war, weswegen? Wegen der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kündigung +herausbeschworen, in ihren Augen das größte Familienunglück! +</p> + +<p> +Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fühlten sich ein +wenig gedeckt dadurch, daß Karl, der große, der Anführer gewesen war. Um so +schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht vorstellen, wie er +am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte. Er fand nur einen kurzen, +unruhigen Schlaf. +</p> + +<p> +Frieder hatte von allem, was seine Schlafkameraden erlebt hatten, keine Ahnung. +Er wunderte sich aber am Morgen, daß sie alle schwer aus dem Bett kamen, +bedrückt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr, als die Schwestern +durch die Türspalte hereinriefen: "War's recht schön heute nacht?" Als er aber +gern erfahren hätte, von was die Rede sei, bekam er ungeduldige Antwort: "Sei +nur still, du wirst noch genug davon hören." Sie waren sonst alle flinker als +Frieder, heute aber kam dieser zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit +den Schwestern beim Frühstück waren und von Marie und Anne wußten, daß die +Brüder in der Nacht fort gewesen waren. Diese zögerten aber immer noch, zu +kommen. Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muß es gesagt +werden, kommt!" +</p> + +<p> +Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das +Wohnzimmer, wo Herr Pfäffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte. "Nun," +fragte er, "ist eure Expedition geglückt? Heute nacht um 11 Uhr hat sich der +Himmel so schön aufgeklärt, da dachte ich an euch, war aber der Meinung, ihr +würdet die Zeit verschlafen. War's denn nun schön?" +</p> + +<p> +Die drei waren so betroffen über die unerwartet freundliche Anrede, daß sie +zunächst gar keiner Antwort fähig waren. Frau Pfäffling ahnte gleich Böses. +"Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch nicht gut? Oder habt +ihr den Hausschlüssel verloren?" +</p> + +<p> +"Das nicht." +</p> + +<p> +"Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl näher und sagte: +"Ich will es ganz erzählen wie es war. Um ein Uhr sind wir hinunter gegangen, +ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken gewesen—wie schön es da war, sage +ich später. Um halb drei Uhr etwa wollen wir wieder ins Haus, da ist die Türe +von innen zugeriegelt." +</p> + +<p> +"Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie aus einem +Mund. +</p> + +<p> +"Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurück, wollten auf den +Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter Mariannens +Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das hörte die Hausfrau +und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir sagten, wo wir herkämen und daß +wir nicht hereinkönnten. Da riegelte Herr Hartwig die Haustüre auf und ließ uns +herein." Karl hielt inne. +</p> + +<p> +"So habt ihr richtig die Hausleute gestört!" sagte Frau Pfäffling. "Hättet ihr +mir doch gesagt, daß ihr in dieser Nacht fort wollt, ich würde euch vorher +hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So aber waren sie wohl +ängstlich, als sie etwas hörten und haben deshalb geriegelt. Habt ihr euch +recht entschuldigt?" +</p> + +<p> +"Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Köpfe. Herr +Pfäffling sah seine Söhne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht alles +gesagt." +</p> + +<p> +"Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die schlimme +Botschaft aussprach: "Der Hausherr läßt dir sagen, auf 1. Januar sei +gekündigt." +</p> + +<p> +Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der +Jammerschrei: "O hätten wir doch das Rufen gehört, wären wir doch aufgewacht!" +Herr Pfäffling aber sträubte sich, die Nachricht zu glauben. "Es ist doch gar +nicht möglich, daß das sein Ernst ist, glaubst du das, Cäcilie? Kann das +wirklich sein? Kündigt man, weil man einmal im Schlaf gestört wird? Täten wir +das? Mich dürfte man zehnmal wecken und ich dächte noch gar nicht an so etwas. +War er denn im Zorn, was hat er denn sonst noch gesagt?" +</p> + +<p> +"Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's schon +vorher ausgedacht hätte." +</p> + +<p> +"Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu +begütigen? Ihr Stöpsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber geklingelt? Ist +unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Läuten? Die Marianne rufen! Der +Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes: "Es ist +gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht verdient haben, +sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie in die Schule gehen, +sieh, wie sie aussehen." +</p> + +<p> +"Wie die Leintücher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch, frühstückt!" +</p> + +<p> +So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten +wirklich ihr Frühstück brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto +verschlangen ihr Teil mit wahrem Heißhunger, und als sie damit fertig waren, +griffen sie noch über zu dem Teil ihres Frieders, der vor Horchen und Staunen +noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch nicht wehrte gegen den +Übergriff; so etwas kam hie und da vor und heute fühlte er, daß es so sein +müsse. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger Erregung, so daß +es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er tief auf, seufzte: "O +Marstadt, Marstadt!" und verließ das Zimmer, um sich zum täglichen Gang nach +der Musikschule zu richten. Rascher noch als sonst eilte er durch den untern +Hausflur, er hatte keine Lust, den Hausherrn zu begegnen. Aber da wäre gar +keine Gefahr gewesen, auch der Schreiner wünschte keine Begegnung und wartete +ab, bis alle Glieder der Familie Pfäffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er +das Haus verließ. +</p> + +<p> +So gab es zwei Männer im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei Frauen, +die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem Gedanken an die Sorge, +die der Familie Pfäffling auferlegt wurde, jetzt bei Beginn des Winters und +nach der eben erlebten Enttäuschung durch die Direktorsstelle. Und es kränkte +sie, daß ihr Mann mit Recht von der leichtsinnigen Gesellschaft da droben +sprechen konnte. Sie hatte so viel von der Familie gehalten, ja, sie spürte es +erst jetzt recht deutlich, eine wahre Liebe hatte sie für sie alle empfunden, +ganz anders als je für frühere Mietsleute. Sie mußte das alles mit Frau +Pfäffling besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, daß sie hinaufging. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie hatte +so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des echten +christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewährt hatten. Wie stimmte dazu die +Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht hinauszuschließen und dann noch zu +kündigen, und das alles bloß wegen einer gestörten Nachtruhe! Sie mußte sich +das erklären lassen von Frau Hartwig, aber mit ihr <i>allein</i> wollte sie +sprechen. So strebten die beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet +sich bald ein Weg. +</p> + +<p> +Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien benützten. Das +war der große Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum Wäschetrocknen und die +Mange stand, zum Mangen und Rollen des Weißzeugs. Die Hausfrau war mit einem +kleinen Korb Wäsche hinaufgegangen, fing an, das Rad zu drehen und zu mangen. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling konnte das unten gut hören. Nicht lange, so stieg auch sie +hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hören. +</p> + +<p> +Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen fröhlichen Sinnes miteinander +herunter, zwischen ihnen gab es kein Mißverständnis mehr und sie waren der +guten Zuversicht, daß sich auch die beiden Männer miteinander verständigen +würden. +</p> + +<p> +Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht gestern +Remboldt erzählt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der Wache gesehen +hat?" +</p> + +<p> +"Ja, du warst ja dabei." +</p> + +<p> +"Weißt du, wie man diese Sternschnuppen heißt? Ich habe es heute zum erstenmal +gehört, die heißt man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte Frau Hartwig gar +nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem Mann zu denken gab. Sie +wußte ja, daß mit dem richtigen Verständnis des Wortes sein ganzer Zorn gegen +die Familie Pfäffling schwinden mußte. Sie wollte ihm gar nicht zureden, sein +eigenes Gefühl würde ihn treiben, zu tun, was recht war. +</p> + +<p> +Am Nachmittag faßte er die drei Lateinschüler ab, als sie heimkamen. Er ließ +sich von ihnen genau erzählen, wie herrlich der Sternenhimmel gewesen sei, und +wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der Leonidenschwarm hießen. Das +wußte Karl: weil diese Sternschnuppen, die da im November so massenhaft fielen, +aus dem Sternbild des Löwen ausgingen. +</p> + +<p> +Während sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, daß der Hausherr sie +wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht, und fingen an, auf +seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er nun mit all seiner früheren +Freundlichkeit: "Seht, ich weiß eben gar nichts von der Sternkunde, ich habe +den Leonidenschwarm für einen Verein oder dergleichen gehalten, mit dem ihr +euch nachts herumtreibt. Und so etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich +werde euch doch nicht bös sein, wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind +nun wieder gute Freunde. Sagt nur eurem Vater: die Kündigung gilt nicht!" +</p> + +<p> +Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht, +Freundschaft und Fröhlichkeit im ganzen Haus. +</p> + +<p> +Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnübungen zurückkehrten, trafen sie an +der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller einen Vorrat +Äpfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht," sagte sie und gab jedem +einen Apfel. +</p> + +<p> +"Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht, damit deine +Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen jetzt immer ganz +nahe am Geländer und wir Buben müssen ganz dicht an der Wand gehen, dann werden +deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh, so hinauf und so wieder herunter." Um +recht dicht an der Mauer zu gehen, setzte er einen Fuß vor den andern, verlor +das Gleichgewicht und kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor +die Füße der erschrockenen Hausfrau. +</p> + +<p> +Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung +zurückkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je besser sie's +meinen, um so ärger poltert's." +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap04"></a>4. Kapitel<br/> +Adventszeit.</h2> + +<p> +"Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reißen, das dünne Blättchen, das +allein noch den Weihnachtsmonat verhüllt?" Die jungen Pfäfflinge standen alle +in die eine Ecke gedrängt, wo der Kalender hing, und stritten sich, halb im +Spaß, halb im Ernst darum, wer den Dezember aufdecken dürfe. Die Eltern, am +Frühstückstisch, sahen auf. "Buben, galant sein!" rief der Vater. Da traten die +vier Brüder vom Kampfplatz zurück. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht +erreichen, so kam das Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen es +miteinander," sagten sie. Da kam denn der erste Dezember zum Vorschein, und +zwar rot, denn es war Sonntag, und kein gewöhnlicher Sonntag, sondern der erste +Advent. Die schönste Weihnachtsstimmung stieg auf mit diesem Tag und nicht nur +bei den Kindern. Herr Pfäffling stimmte unvermutet und ohne Begleitung an: "Wie +soll ich dich empfangen und wie begegnen dir, O aller Welt Verlangen, o meiner +Seele Zier!" Alle Kinder sangen mit, erste Stimme, zweite Stimme, je nach +Begabung, auch die Mutter, aber sie recht leise, denn sie allein von der ganzen +Familie war vollständig unmusikalisch und sang, wie Frieder einmal gesagt hatte +etwas anderes als die Melodie. +</p> + +<p> +Bald darauf war es für diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit sich zu +richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige nachmittags oder in den +Kindergottesdienst. Frau Pfäffling wollte heute mit ihrem Mann gehen, unter den +Kindern gab es ein Beraten und Flüstern. Als nach einer Weile die Eltern, zum +Ausgang gerichtet, an der Treppe standen und sich von den Zurückbleibenden +verabschieden wollten, fand sich's, daß es heute gar keine solchen gab, daß +alle sieben bereit standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer soll +dann aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfäffling bedenklich. +</p> + +<p> +"Es klingelt fast nie während der Kirchenzeit," versicherte der Kinderchor. +</p> + +<p> +"Aber wir können doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze +Prozession!" wandte Herr Pfäffling ein. +</p> + +<p> +"Wir gehen drüben, auf der anderen Seite der Straße," sagten die Buben. +</p> + +<p> +"Aber Walburg muß wenigstens wissen, daß sie ganz allein zu Hause ist, hole sie +schnell, Elschen," rief Frau Pfäffling. Als das Mädchen die ganze Familie im +Begriff sah, auszugehen, wußte sie schon, was man von ihr wollte, und sagte in +ihrer ernsthaften Weise: "Ich wünsche gesegnete Andacht". +</p> + +<p> +Draußen schien die Wintersonne auf bereifte Dächer, Sonntagsruhe herrschte in +der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche einschlug, hatte die +Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben ließen aber, ihrem Versprechen +gemäß, die ganze Breite der Frühlingsstraße zwischen sich und den Eltern und +Schwestern, bis nach einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte. +Da konnte er nicht länger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester +zu. +</p> + +<p> +Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs Haus. Wenn +im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest sprechen wollte, hatte +die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das dauert noch lange, lange, davon +reden wir noch gar nicht, sonst werden die Kleinen ungeduldig." So hätte sie +auch gestern noch gesagt, aber heute war das etwas ganz anderes, man feierte +Advent, Weihnachten war über Nacht ganz nahe gerückt. Im Dämmerstündchen zog +Frau Pfäffling Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weißt du denn noch, +wie schön der Christbaum war?" +</p> + +<p> +Sie wußte es wohl noch, und als nun die Geschwister über Weihnachten +plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten stand sie +nicht hinter den Großen zurück, im Gegenteil, wenn sie mit leuchtenden Augen +vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine Hauptperson, die allen die +Freude erhöhte. +</p> + +<p> +Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten flüsternd, +was sie den Eltern zu Weihnachten schenken könnten. Es durfte kein Geld kosten, +denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken, die Geld kosteten, sprachen sie +ganz verächtlich. "Es ist keine Kunst, in einen Laden zu gehen und etwas zu +kaufen, aber ohne Geld etwas recht Eigenartiges, Schönes und Nützliches zu +bescheren, das ist eine Kunst!" Ja, eine so schwere Kunst ist das, daß sich die +Beratung sehr in die Länge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang +heute immer der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er mußte +ihn ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, daß ungnädige +Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Küche, wo +Walburg saß und in ihrem Gesangbuch las. Sie hörte diese Töne, und da sie sich +in ihrer Taubheit über alles freute, was bis an ihr Ohr drang, schob sie ihm +den Schemel hin, zum Zeichen, daß er sich bei ihr niederlassen sollte. So kam +die Adventsstimmung bis in die Küche. +</p> + +<p> +Am nächsten Tag mußten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den +Hintergrund treten, denn in die Schule paßten sie nicht. Nur Frieder wollte sie +auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte er nicht vergessen, +er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen und dort den Adventschoral +vorspielen. Die Mutter hörte es und wunderte sich: Er hatte sich noch nie +zeigen oder vordrängen wollen mit seiner Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich +hören zu lassen. Sie mochte es ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an +ihrem kleinen, bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner großen Harmonika in +der Hand, den Schulranzen auf dem Rücken, durch die Frühlingsstraße. +</p> + +<p> +Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden machte, +bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen bis zu der großen +Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer verließen und die Schüler +sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber es ging nicht so. +</p> + +<p> +Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch schon ein +paar kecke Bürschchen zu: "Der Pfäffling hat seine Ziehharmonika mitgebracht." +Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob Frieder denn mit dem großen +Instrument zurechtkäme. Nun stießen ihn die Kameraden von allen Seiten: "Spiel +doch, gelt, du kannst es nicht? Spiel doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder +seinen Adventschoral, vergaß seine vielen Zuhörer, vergaß die Schulzeit und +sagte, nachdem er fertig war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme." +</p> + +<p> +Der Lehrer ließ ihn gewähren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhörten und wie +der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast du das bei deinem +Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte Frieder, "Harmonika muß man +nicht lernen, das geht von selbst." +</p> + +<p> +"Das geht vielleicht bei euch Pfäfflingen von selbst, aber bei anderen nicht. +Was meinst du," sagte er zu dem, der am nächsten stand, "könntest du das auch?" +"O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und zuziehen." "Du wirst dich wundern, +wenn du es probierst!" entgegnete der Lehrer, "aber jetzt: auf eure Plätze." +</p> + +<p> +Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und mußte +spielen. Es kamen auch größere Schüler von anderen Klassen herbei und die +wollten nicht nur hören, die wollten es auch probieren. Die Harmonika ging von +Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer riß sie dem andern mit +Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte: "Sie geht ja gar nicht, ich +glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie Frieder zurück und als er sie ansah, +wurde er blaß und als er sie zog, gab sie keinen einzigen Ton mehr. Da wurden +sie alle still und sahen betroffen auf den kleinen Musikanten. +</p> + +<p> +"Wer hat's getan?" hieß es nun. Die Frage ging von einem zum andern und wurde +zum Streit, aber Frieder kümmerte sich nicht darum, er verwandte keinen Blick +von seiner Harmonika, er strich mit der Hand über sie, er drückte sie zärtlich +an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber er wußte es ja schon vorher, +daß ihre Stimme erloschen war und nimmer zum Leben zu erwecken. +</p> + +<p> +Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder +neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hören und nichts sehen von ihnen. Er +trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange Frühlingsstraße nach Hause, +rief die Mutter und drückte sich bitterlich weinend an sie mit dem lauten +Ausruf: "Sie ist tot!" +</p> + +<p> +Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein Heimatloser. +Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Hände, bewegte sie wie zum +Ziehen der Harmonika und ließ sie dann ganz enttäuscht sinken. Das bitterste an +seinem Schmerz war aber die Reue. Er selbst hatte ja seine Freundin den bösen +Buben ausgeliefert. Hätte er sie in der Stille für sich behalten und nicht mit +ihr Ruhm ernten wollen, so wäre sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half +kein Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, daß er vielleicht eine +neue Harmonika zu Weihnachten bekommen würde. +</p> + +<p> +Aber etwas anderes half ganz unvermutet. +</p> + +<p> +Es war wieder Sonntag, der <i>zweite</i> Advent, und wieder standen die Kinder +beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks für die Eltern. +Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen getan hatte, er +konnte ja kein Adventlied mehr üben, so zog ihn nichts ab. Er hatte still +zugehört, wie allerlei Vorschläge gemacht und wieder verworfen wurden, nun +mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf den Balken, da kann man sich +alles ausdenken, aber da oben nicht." +</p> + +<p> +"So geh du hinunter und denke dir etwas für mich aus," sagte eines der +Geschwister. "Für mich auch!" "Und für mich," hieß es nun von allen Seiten. Er +war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren großen Schal mit +hinunter. Er ging auf das Plätzchen, das er so gern mit seiner Harmonika +aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er wickelte sich ganz in das große +Tuch, saß da allein, war vollständig erfüllt von seiner Aufgabe, zweifelte auch +gar nicht daran, daß er sie lösen würde. Auf der Harmonika war ihm hier unten +auch alles gelungen, was er versucht hatte. Der kleine Kopf war fest an der +Arbeit. +</p> + +<p> +Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister um ihn, +und er, der in ihrem Rat noch nie das große Wort geführt hatte, streckte nun +seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da nun gar kein Zweifel +mehr sein könnte: "Du, Karl, mußt ein Gedicht erdichten und du, Wilhelm, auf +einen so großen Bogen Papier schöne Sachen abzeichnen und Otto muß so laut, wie +es der Rudolf Meier beim Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und +Marianne soll das schönste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir +zwei können nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum müssen +wir solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal Walburg sagt, +Nußschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte Zündhölzer, einen rechten +Sack voll." +</p> + +<p> +Jedes der Kinder dachte nach über den Befehl, den es erhalten hatte, und fand +ihn ausführbar. "Ich weiß, was ich zeichne!" rief Wilhelm, "dich zeichne ich +ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da gestanden bist." +</p> + +<p> +"Und ich mache ein Gedicht über unsern Krieg in Afrika, wenn der Morenga darin +vorkommt, dann gefällt es dem Vater." Sie waren alle vergnügt. "Frieder," sagte +Karl, "es tut mir ja leid für dich, daß du deine Harmonika nimmer hast, aber +mir bist du lieber ohne sie." Die andern stimmten ein und Frieder machte nimmer +das trostlose Gesicht, das man die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum +erstenmal fühlte er sich glücklich auch ohne Harmonika. +</p> + +<p> +Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es, viele +Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis abhing. Die Fest- +und Ferienzeit wollte verdient sein. +</p> + +<p> +Unter den jungen Pfäfflingen war Otto der beste Schüler, und er galt viel in +seiner Klasse. Nun saß hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier, der machte sich +sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb hatte. Er war der Sohn +von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und machte sich als solcher gern +ein wenig wichtig. Alle Kameraden mußten es erfahren, wenn hohe +Persönlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und wenn gar Fürstlichkeiten +erwartet wurden, fühlte er sich so stolz, daß sich's die andern zur Ehre +rechnen mußten, wenn er sich an solchen Tagen von ihnen die Aufgaben machen +ließ. Er war älter und größer als alle andern, weil er schon zweimal eine +Klasse repetiert hatte; dessen schämte er sich aber keineswegs, sondern sagte +gelegentlich von oben herab: "In solch einem Welthotel müsse selbstverständlich +die gewöhnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurückstehen." +</p> + +<p> +Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gründe, warum er heute ein ganzes Stück +Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Frühlingsstraße +entgegengesetzt lag. +</p> + +<p> +Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in kurzem, +schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier ein feines +junges Herrchen, mit tadellos gestärkten Manschetten und Kragen nach neuester +Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf Größere bittend zu dem +Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in Verlegenheit, Pfäffling, wegen der +griechischen Arbeit, die wir morgen abliefern sollen. Es ist gegenwärtig keine +Möglichkeit bei uns, all dies Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres +zu tun. Würdest du mir nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, daß ich +einige Stellen vergleichen könnte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir +wieder einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze +deine Unterschrift unter den Klex." +</p> + +<p> +Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen. "Was tust +du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?" sagte Otto +ärgerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles abschreibst, aber ich kann +dich gar nicht begreifen, daß du das magst." +</p> + +<p> +"Weil du nicht weißt, wie es bei uns zugeht, Pfäffling, anders als bei euch und +das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als ihr. Da ist zum +Beispiel vorige Woche eine russische Familie angekommen, Familie ersten Rangs, +offenbar steinreiche Leute, gehören zur feinsten Aristokratie. Haben fünf +Zimmer im ersten Stock vorn heraus gemietet. Sie beabsichtigen offenbar lange +zu bleiben, sieben riesige Koffer. Werden wohl die Revolution fürchten, haben +ihr Geld glücklich noch aus Rußland herausgebracht und warten nun in +Deutschland ab, wie sich die Dinge in Rußland gestalten. Gegen solche Gäste ist +man artig, das begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater, sie +möchte ihren beiden Söhnen Unterricht geben lassen von einem Professor, welchen +er wohl empfehlen könnte? Mein Vater verspricht ihr sofort Auskunft, kommt +natürlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit. Nun heißt es: 'Rudolf, mach +deine Aufwartung droben. Besprich die Unterrichtsfächer, gib guten Rat, nenne +feine Professoren mit liebenswürdigen Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn +Professoren aufzufordern und den Unterricht in Gang zu bringen.' +</p> + +<p> +"Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine +Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spürst gleich, daß du mit +wirklich Adeligen zu tun hast, und der große Herr mit seiner militärischen +Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem Seidenkostüm imponieren dir, +du mußt dich schon zusammennehmen. Die zwei jungen Herrn sehen dich auch so an, +als wollten sie sagen: Ist das ein Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu +reden oder nicht? +</p> + +<p> +"Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblüffen. Es hat +ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen Professoren +gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, daß ich genug zu laufen hatte, bis +ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich wohl noch nicht fertig, denn sie +haben gestern ein Pianino gekauft, eine Violine haben sie auch, da wird sich's +um Musikunterricht handeln." +</p> + +<p> +Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht—wenn das ein Pfäffling hört, so +klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den Musikunterricht geben?" +fragte er. +</p> + +<p> +"Weiß ich nicht." +</p> + +<p> +"Meier, da könntest du meinen Vater empfehlen." +</p> + +<p> +"Warum nicht, das kann man schon machen. Das heißt, für solche Herrschaften muß +man immer das feinste wählen." +</p> + +<p> +"Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht." +</p> + +<p> +"Wohl, wohl, aber so ein <i>Titel</i> fehlt, Professor oder Direktor oder so +etwas, das hören sie gern." +</p> + +<p> +"Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als Direktor +nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen ist. Er hat schon +seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren für ihn. Nur ist es noch +nichts geworden, weil erst gebaut werden muß." +</p> + +<p> +"Dann kann ich wohl etwas für ihn tun," sagte Rudolf Meier herablassend, +"vorausgesetzt, daß sie sich bei mir nach dem Musiklehrer erkundigen und nicht +bei den Professoren." +</p> + +<p> +"Dem mußt du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, mußt du mit +den Russen sprechen." +</p> + +<p> +"Meinst du, da könnte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du hast keinen +Begriff von Umgangsformen." +</p> + +<p> +"Nein," sagte Otto, "wie man das machen muß, weiß ich freilich nicht, aber wenn +<i>du das</i> nicht zustande bringst, dann möchte ich wohl wissen, was du +kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar nichts und dein +Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal in deinem Zentralhotel +etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein Schwindel." +</p> + +<p> +"Ich vermag viel im Hotel." +</p> + +<p> +"So beweise es!" +</p> + +<p> +"Werde ich auch. Vergiß nicht, daß du mir deine Hefte versprochen hast." +</p> + +<p> +So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnügt heim, rief die +Geschwister zusammen und erzählte von der schönen Möglichkeit, die sich für den +Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum Unterricht zu +bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel zu und kamen überein, +daß sie den Eltern zunächst kein Wort sagen wollten, es sollte nicht wieder +eine Enttäuschung geben. +</p> + +<p> +Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am nächsten Tag, in einer +Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen Vater empfehle, gibst +du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?" +</p> + +<p> +"<i>Zehn</i> Aufsätze," sagte Otto, "mach aber, daß es <i>bald</i> so weit +kommt." +</p> + +<p> +Einen Augenblick später traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und erzählte +ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause vorüber war, faßte +er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du solltest das zurücknehmen, so eine +Handelsschaft gefiele dem Vater nicht. So möchte er die Stunden gar nicht +annehmen. Sag du dem Rudolf Meier, er soll seine Aufsätze selbst machen, zu +solch einem Handel sei unser Vater viel zu vornehm." +</p> + +<p> +Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern der Ärger +eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter Schwindler." So ging die +Sache aus und die Kinder waren nur froh, daß sie darüber geschwiegen hatten. +Sie dachten längst nicht mehr daran, als eines Nachmittags Wilhelm meldete: +"Vater, der Diener vom Zentralhotel hat diesen Brief für dich abgegeben, er +soll auf Antwort warten." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling begriff nicht die Blicke glücklichen Einverständnisses, die die +Kinder wechselten, während ihr Mann die Karte las, auf der höflich angefragt +wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und Klavierstunden vorstellen +möchte. Die Karte war an Herrn Direktor Pfäffling adressiert, und als die +Brüder diese Aufschrift bemerkten, flüsterten sie lachend einander zu: Ein +Schwindler ist er trotzdem, der Rudolf Meier! +</p> + +<p> +Der Diener des Zentralhotels bekam für die Überbringung einer so erwünschten +Botschaft ein so schönes Trinkgeld, wie er es von dem schlichten Musiklehrer +nie erwartet hätte, und als er Herrn Meier senior ausrichtete, daß Herr +Direktor Pfäffling noch diesen Nachmittag erscheinen werde, fügte er hinzu: "Es +ist ein sehr feiner Herr." +</p> + +<p> +Bei Pfäfflings war große Freude. Otto erzählte alles, was Rudolf Meier von dem +Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hörten ihm zu, er war stolz +und glücklich und konnte gar nicht erwarten, bis der Vater sich auf den Weg +nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell ging das nicht, im Hausgewand +konnte man dort nicht erscheinen. Herr Pfäffling suchte hervor, was er sich +neulich zu seiner Vorstellung in Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht +wieder eine Enttäuschung gibt," sagte er, während er sich eine seine Krawatte +knüpfte, "wer weiß, wie die hohen Aristokraten sich in der Nähe ausnehmen, mit +denen dieser Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfäffling hatte aber gute Zuversicht: +"Das erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen gelten für +ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere Schüler bekommen +als Fräulein Vernagelding." +</p> + +<p> +"Ach, die Unglückselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr Pfäffling, +"ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurück sein, für meine Marterstunde." +</p> + +<p> +Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die andern, +er fühlte sich doch als der Anstifter des ganzen. +</p> + +<p> +Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war schon der +Abenddämmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch die Ganglampe war +schon angezündet und von Marie und Anne in ihr Stübchen geholt worden. Um fünf +Uhr war Fräulein Vernageldings Zeit. Frau Pfäffling wurde unruhig. So +gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute schien er sich doch zu verspäten. Nun +schlug es fünf Uhr, es klingelte, Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe +herbei. +</p> + +<p> +Zwischen Fräulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmählich eine +kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig herbeikamen +mit der Lampe und gefällig Hilfe leisteten bei dem Anziehen der Gummischuhe, +dem Zuknöpfen der Handschuhe und dem Aufstecken des Schleiers, so freute dies +das Fräulein und es plauderte mit den viel jüngern Mädchen wie mit +ihresgleichen. Als sie nun heute hörte, daß Herr Pfäffling noch nicht da sei, +schien sie ganz vergnügt darüber, lachte und spaßte mit den Schwestern. +</p> + +<p> +"Herr Pfäffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen heißt so?" +</p> + +<p> +"So heißen wir bloß miteinander," antworteten sie, "wir können es eigentlich +nicht leiden, jede möchte lieber ihren eigenen Namen, Marie und Anne, aber so +ist's eben bei uns." +</p> + +<p> +Das fand nun Fräulein Vernagelding so komisch, daß ihr etwas albernes Lachen +über den ganzen Gang tönte. Sie hatte inzwischen abgelegt. +</p> + +<p> +"Mutter sagte, Sie möchten nur einstweilen anfangen, Klavier zu spielen," +richtete Marie aus. +</p> + +<p> +"Ach nein," entgegnete das Fräulein, "ich möchte viel lieber mit Ihnen +plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muß doch sein. Es lautet +nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnädiges Fräulein spielen Klavier? und man +muß antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint Mama. Mein voriger +Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer, ich sei unmusikalisch. Herr +Pfäffling ist schon mein vierter Lehrer. Die Herrn wollen immer nur +musikalische Schülerinnen, es kann aber doch nicht jedermann musikalisch sein, +nicht wahr? Man muß es doch auch den Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?" +</p> + +<p> +"Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da wäre es doch zuviel +für den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt bloß die, die +recht musikalisch sind." +</p> + +<p> +Die drei Mädchen, an der Türe stehend, fuhren ordentlich zusammen, so plötzlich +stand Herr Pfäffling bei ihnen. Im Bewußtsein seiner Verspätung war er mit +wenigen großen Sätzen die Treppe heraufgekommen. Fräulein Vernagelding tat +einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie mich erschreckt, Herr Pfäffling, +aber wie fein sehen Sie heute aus, so elegant." Herr Pfäffling unterbrach sie: +"Wir wollen nun keine Zeit mehr verlieren, bitte um Entschuldigung, daß ich Sie +warten ließ." +</p> + +<p> +"O, es war ein so reizendes Viertelstündchen," hörte man sie noch sagen, ehe +sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen Augenblick nachher +wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer ein sicheres Zeichen war, +daß Fräulein Vernagelding am Klavier saß. +</p> + +<p> +"Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen ist?" +wurden Marie und Anne von den Brüdern gefragt. Sie wußten nichts zu sagen, man +mußte sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am schwersten, und er paßte +und spannte auf das Ende der Klavierstunde, und im selben Augenblick, wo +Fräulein Vernagelding durch die eine Türe das Zimmer verließ, schlüpfte er +schon durch den andern Eingang hinein und fragte: "Vater, wird etwas aus den +Russenstunden?" Herr Pfäffling lachte vergnügt. "Wo ist die Mutter," sagte er, +"komm, ich erzähle es euch im Wohnzimmer," und schon unter der Tür rief er: +"Cäcilie, Cäcilie," und seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Küche +herbeigeholt werden. Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn ich kaum +meine Tassen abstellen darf, dann muß es auch im Zentralhotel gut ausgefallen +sein!" +</p> + +<p> +"Über alles Erwarten," rief Herr Pfäffling, "eine durch und durch musikalische +Familie, die beiden Söhne feine Violinspieler, ich glaube kaum, daß wir +<i>einen</i> solchen Schüler in der Musikschule haben, und ihre Mutter spielt +Klavier mit einer Gewandtheit, daß es ein Hochgenuß sein wird, mit ihr zusammen +vierhändig zu spielen. Aber nun will ich euch erzählen. Im Vorplatz des +Zentralhotels hat mich ein junges Herrchen empfangen, den ich nach deiner +Beschreibung, Otto, gleich als Rudolf Meier erkannt habe. Der führt mich nun in +einen kleinen Salon, spricht mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich, +der Schlingel, kein Mensch denkt, daß man einen Schuljungen vor sich hat, der +von so einem Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte +mir nun, er habe es für besser gehalten, mich als Herr Direktor einzuführen, +und ich möchte nur auch meine Honoraransprüche darnach richten, die Familie +würde sonst nicht an den Wert meiner Stunden glauben, solchen Leuten gegenüber +müsse man hohe Preise machen. Dann geleitete er mich die breite, mit dicken +Teppichen belegte Treppe hinauf. Rudolf Meier fühlte sich ganz als mein Führer, +klopfte für mich an und stellte mich dem russischen General als Herrn Direktor +Pfäffling vor. Eine Weile blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm +Notiz nahm, empfahl er sich. +</p> + +<p> +"Der General ist schon ein älterer Herr mit grauem Bart und ist nicht mehr im +Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen durchdringenden Blick. +Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei jungen Söhnen vor und bot mir einen +Platz an. Aber sie waren alle ziemlich zurückhaltend, vielleicht hatten sie +nicht viel Vertrauen in die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz +unbestimmt davon, daß die Söhne später vielleicht einige Violinstunden nehmen +sollten, und ich hatte das Gefühl: es wird nichts daraus werden. Die +Unterhaltung war auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht geläufig Deutsch, +versuchten es mit Französisch, als sie aber mein Französisch hörten, da meinte +die Dame, es gehe eher noch Deutsch. +</p> + +<p> +"Mir wurde die Sache ungemütlich, es beengten mich auch die ungewohnten +Glacéhandschuhe, dazu mußte ich in einem weich gepolsterten, niedrigen +Lehnsessel ruhig sitzen und wußte gar nicht, wohin mit meinen langen Beinen, +dabei war es mir immer, als müßten sie mir ansehen, daß ich kein Direktor bin. +Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worüber allerdings die Dame ein +wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter und sagte: 'Ich denke, es ist +besser, wir machen ein wenig Musik, dabei lernt man sich viel schneller +kennen,' und ich fragte die Dame, für welchen deutschen Komponisten sie sich +interessiere? Sie schien etwas überrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir +recht war. Da ging ich ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und +fragte, aus welcher Oper sie etwas hören wollte? 'Bitte, etwas aus den +Nibelungen, Herr Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch +einmal nach ihr um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfäffling; +ich wäre allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht einmal, +aber zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann spielte ich. +</p> + +<p> +"Es war ein prächtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer näher +heran und hörten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, daß wir uns +verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann Violine, und die +Dame versicherte mich, daß vierhändiges Klavierspiel ihre größte Passion sei +und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag ein bis zwei Stunden zu kommen. +Zuletzt fragte der General noch nach dem Preis, der war ihnen auch recht, eine +unbescheidene Forderung mochte ich nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier +tun, wenn er seine Hotelrechnung stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich +fortging, begleiteten die Herren mich ganz freundlich an die Türe, alle +Steifheit war vorbei und die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich +vergessen hatte. +</p> + +<p> +"Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er hat +offenbar die Verhandlungen von außen beobachtet und wird morgen in der Klasse +wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt. Er ist aber, wie mir +scheint, nebenbei ein gutmütiger Mensch, schien sich wirklich zu freuen, daß +die Sache gut abgelaufen war, und flüsterte mir zu: 'Sie sind von allen drei +Herren zur Türe begleitet worden, diese Ehre ist keinem der Professoren zuteil +geworden.' Ich habe ihm auch gedankt für seine Vermittlung, und wenn ich ihn +öfter sehe, werde ich ihm einmal sagen: Sei doch froh, daß du noch ein junger +Bursch bist, gib dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen, als du +bist! Er macht sich ja nur lächerlich; wer verlangt von ihm das Auftreten eines +Geschäftsmannes? Der General hat ihn natürlich längst durchschaut." +</p> + +<p> +"Ja, ja," stimmte Frau Pfäffling zu, "er soll von dir lernen, daß man sich +sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhöht haben." +</p> + +<p> +"Ja," sagte Pfäffling vergnügt, "und daß man trotz allem Stunden bekommt. +Kinder, kommt mit herüber, jetzt muß noch ein gehöriges Jubellied gesungen +werden!" +</p> + +<p> +Während im Haus Pfäffling in fröhlichem Chor gesungen wurde, sagte der General +im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher Deutscher." +</p> + +<p> +Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfäffling wird mir morgen meinen +Aufsatz machen." +</p> + +<p> +Und Fräulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die Marianne +ist süß, ich möchte ihr etwas schenken." Da überlegte Frau Privatiere +Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer Glacéhandschuhe." +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap05"></a>5. Kapitel<br/> +Schnee am unrechten Platz.</h2> + +<p> +Der Dezember war schon zur Hälfte vorüber, bis endlich, endlich der erste +Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten Flöckchen stundenlang +gleichmäßig zur Erde fällt und in einem einzigen Tag das ganze Land überzieht +mit seiner weichen, weißen Decke; der alles verhüllt, was vorher braun und +häßlich war, der alles rundet und glättet, was rauh und eckig aussah. Immer ist +sie schön, die Schneelandschaft, aber am allerschönsten doch, wenn das lautlose +Fallen des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen +Weihnacht. +</p> + +<p> +Dezember—Schnee—Tannenbaum—Weihnacht, ihr gehört zusammen bei uns in +Deutschland. In manchen Ländern hat man versucht, unsere Feier nachzumachen, +und wir wollen ihnen auch die Freude gönnen, aber solch eine Sitte muß aus dem +Boden gewachsen sein. Wenn man sie künstlich verpflanzt, wird etwas ganz +anderes daraus. +</p> + +<p> +Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die +Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden Kinder zu +ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie wurde es? Viele +Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen Kleidern. Sie +versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde, klatschten sie +Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke herunter, die man für +sie hinaufgehängt hatte. Dann wurden die Lichter ausgeblasen, damit kein +Ästchen anbrenne und der Diener gerufen, daß er sogleich den Baum, der in einem +Kübel voll Erde steckte, zurücktrage zu dem Gärtner, von dem er gemietet war. +Keine Stunde war der Christbaum im Haus gewesen, keinen Duft hatte er +verbreitet. +</p> + +<p> +"Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge Deutsche und +sah ihm wehmütig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei doch unpraktisch, er +nehme ja so viel Platz weg. +</p> + +<p> +Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie gönnt dem Christbaum +nicht den Platz? +</p> + +<hr /> + +<p> +Im Dunkel des frühen Dezembermorgens waren die jungen Pfäfflinge durch den +frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit dickbeschneiten +Mänteln und Mützen angekommen. Im Schulhof flogen die Schneeballen hin und her, +und bis zu der großen Pause um 10 Uhr waren die zahllosen Spuren der Kinderfüße +schon wieder von frischem Schnee bedeckt und die größten Schneeballenschlachten +konnten ausgeführt werden. +</p> + +<p> +Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerückt, kniete da und sah +vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die wie ein großer +weißer Wall vor dem Kasernenzaun aufgetürmt lagen. Und von diesem Zaun hatte +jeder Stecken sein Käppchen, jeder Pfosten seine hohe Mütze auf. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas sehen," und +schnell führte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und öffnete das Fenster. +Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus vorbei, nach der Stadt zu, fuhr +eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle beladen mit Christbäumen. +</p> + +<p> +"Christbäume, Christbäume," jubelte Elschen so laut, daß einer der Fuhrleute, +der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als er das glückselige +Kindergesicht bemerkte, rief: "Für dich ist auch einer dabei!" Die Kleine +erglühte vor Freude und winkte dem Schneemann nach. +</p> + +<p> +Aber alles auf der Welt ist nur dann schön und gut, wenn es an seinem richtigen +Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand voll von diesem +schönen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und richtete dadurch Unheil +an. +</p> + +<p> +Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Straßenecke, wo einige +Lateinschüler mit Realschülern zusammentrafen, gab es ein hitziges +Schneeballengefecht. Wilhelm Pfäffling war auch dabei. Einer der Realschüler +hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen, indem er sich hinter +der Straßenecke verbarg, dann rasch hervortrat, seinen Wurf tat und wieder +hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber +wollten sie ihn aufs Korn nehmen. Es waren ihm einige tüchtige Schneeballen +zugedacht, wurfbereit warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken ließe. +Jetzt wurde eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war +nicht der Realschüler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen +flogen dicht an seinem Kopf vorüber, zwei trafen ihn ganz gleichmäßig auf die +rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz für den Schnee! +</p> + +<p> +Herr Sekretär Floßmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und so +schlecht empfangen wurde, stand still, warf böse Blicke und kräftige Worte nach +den Jungen. Daß sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus Ungeschick geschehen, +daß nun aber einige laut darüber lachten und dicht an ihm vorbei weiter warfen, +das war Frechheit. +</p> + +<p> +Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehört, zu den frechen nicht. Nach +Pfäfflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und erklärte das +Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees abschütteln. Der Herr schien +die Entschuldigung gelten zu lassen und Wilhelm ging nun seines Wegs nach +Hause. Er sah nicht mehr, daß Herr Sekretär Floßmann, als er ein paar Häuser +weit gegangen war, einem Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und +verlangte, er solle die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das +war nun freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann +kommen sahen, liefen auf und davon. +</p> + +<p> +Aber einen von Wilhelms Kameraden faßte er doch noch ab und fragte nach seinem +Namen. Der zögerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der Kameraden war +noch so nahe, um seine Antwort zu hören. +</p> + +<p> +"Also, dein Name," drängte der Schutzmann. "Wilhelm Pfäffling," lautete die +Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde. +</p> + +<p> +"Die Wohnung?" +</p> + +<p> +"Frühlingsstraße." +</p> + +<p> +"Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir auf die +Polizei willst." Er ließ sich's nicht zweimal sagen. Ein "Wilhelm" war er +allerdings auch, aber kein Pfäffling. Baumann war sein Name. +</p> + +<p> +"Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfäffling schadet +das nichts, der ist überall gut angeschrieben, aber bei mir ist das anders, +wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heißt's: fort mit dir. Ich +sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich aufgeschrieben werden sollte, der +Pfäffling hat ebensogut geworfen wie ich." +</p> + +<p> +Ahnungslos und mit dem besten Gewissen saß am nächsten Abend unser Wilhelm an +seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig zerstreuter als sonst, +denn er hatte sich heute bemüht, seinen Frieder, mit der Harmonika in der Hand, +abzuzeichnen, und da war Frieders Gesicht so ausgefallen, daß allen davor +graute. Nun mußte er unwillkürlich auf seinem Fließblatt Studien machen über +des kleinen Bruders gutmütiges Gesichtchen, das sich über die biblische +Geschichte beugte, die vor ihm lag. Dazu kam, daß die Mutter und Elschen nicht +am Stricken und Flicken saßen, wie sonst, sondern Zwetschgen und Birnenschnitze +zurichteten zu dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor Weihnachten gebacken wurde. +So waren Wilhelms Gedanken heute zwischen Weihnachten und Latein geteilt; er +achtete gar nicht darauf, daß Herr Pfäffling eintrat und gerade hinter seinen +Stuhl kam. +</p> + +<p> +"Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah überrascht +auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick. "Was ist's, Vater?" +fragte er. +</p> + +<p> +"Das frage ich dich," sagte Herr Pfäffling, "ein Polizeidiener war da und hat +dich vorgeladen, für morgen, auf die Polizei. Was hast du angestellt?" +</p> + +<p> +"Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann doch nicht +sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn getroffen haben, der +gerade so ungeschickt daher gekommen ist?" +</p> + +<p> +"Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet +ungeschickt geworfen haben. Könnt ihr nicht aufpassen?" rief Herr Pfäffling, +und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt an des Vaters Hand, +daß es klatschte. +</p> + +<p> +"Aber, Wilhelm," rief die Mutter und schob ihr Weihnachtsgeschäft beiseite, +"warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf diesen Vorwurf +versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein Möglichstes getan, daß man +ihm glauben mußte. Die ganze Geschwisterschar fing nun an, aufzubegehren über +den unguten Mann, der trotzdem auf der Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie +zur Ruhe wies; sie wollte noch genau hören, wie die Sache sich zugetragen, und +woher man seinen Namen gewußt habe. Das letztere konnte aber Wilhelm nicht +erklären. "Muß ich denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um welche Zeit?" +</p> + +<p> +"Um 11 Uhr." +</p> + +<p> +"Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muß ich es dem +Professor sagen, dann erfährt es der Rektor und schließlich kommt die Sache +noch ins Zeugnis!" +</p> + +<p> +"Natürlich erfährt das der Rektor," sagte Herr Pfäffling, "die anderen sind +jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!" +</p> + +<p> +Es war eine Weile still, jedes dachte über den Fall nach. "Könntest du nicht +etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfäffling zu ihrem Mann, "und +ein gutes Wort für ihn einlegen?" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling überlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der Musikschule, da +kann ich unmöglich fort. Das muß er schon allein ausfechten. Es kann ihm auch +nicht viel geschehen, wenn es sich nur um einen Schneeballen an die Schulter +handelt; war auch gewiß sonst gar nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum +glauben!" +</p> + +<p> +"Gar nichts, als daß die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen haben, +dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geärgert. Besonders der +Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl." +</p> + +<p> +"Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heißt es mitgefangen, +mitgehangen." Elschen drückte sich an die Mutter und sagte kläglich: "Jetzt +wird Weihnachten gar nicht schön." Und es widersprach ihr niemand, für diesen +Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude aus dem Hause gewichen. +</p> + +<p> +Noch spät abends, im Bett, flüsterten die beiden Schwestern zusammen, berieten, +ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt würde, und als Anne eben +im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und sagte: "Das ärgste ist +mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der Polizei hört, dann kündigt er +uns!" +</p> + +<p> +Da war es denn schon wieder in der Familie Pfäffling, das Schreckgespenst, die +Kündigung! +</p> + +<p> +So bangen Herzens, wie am nächsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie auf den +Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein Briefchen +mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine Angst, ein Unrecht +ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr doch angemerkt, wie +unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte zufällig gehört, wie der Vater +zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von vier Buben muß sich auf allerlei gefaßt +machen." +</p> + +<p> +In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Übeltätern zu +erkundigen. "Müßt ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die übrigen +Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen! +</p> + +<p> +"Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu Baumann, +"dich hat der Schutzmann aufgeschrieben." +</p> + +<p> +"Es ist nicht wahr." +</p> + +<p> +"Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Nähe und habe es deutlich +gesehen." +</p> + +<p> +Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als der +Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung seiner Schüler +und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn Pfäfflings Brief +reichte und er las, um was es sich handelte, erkundigte er sich gleich, ob noch +mehrere vorgeladen seien, und als er hörte, daß Pfäffling der einzige sei, +sagte er: "Dann möchte ich mir auch ausbitten, daß die anderen sich nicht darum +kümmern. Es ist schon störend genug, daß einer vor Schluß der Stunde fort muß, +gerade heute, wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird. +Wer sich sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken +zusammen!" +</p> + +<p> +So wurde äußerlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht zu +bemerken, wie dem einen Schüler das Herz klopfte vor innerer Entrüstung, daß er +allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen vor Angst darüber, daß +sein Betrug an den Tag kommen würde. +</p> + +<p> +Kurz vor elf Uhr verließ Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors das +Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten Gängen und +auf der breiten Treppe, die nicht für so ein einzelnes Bürschlein berechnet +war, sondern für einen Trupp fröhlicher Kameraden. Heute begleitete ihn keiner, +den sauern Gang auf die Polizei mußte er ganz allein tun. Und nun betrat er das +große Gebäude, in dem er ganz fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der +Hand und las: Erster Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner +kümmerte sich um ihn; vor mancher Zimmertüre standen Männer und Frauen und +warteten. Nun war er bei Nr. 10, die übernächste Türe mußte die richtige sein, +Nr. l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann—und das war Herr Pfäffling. +</p> + +<p> +"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze Qual, +die Angst und die ganze Wonne der Erlösung. Herr Pfäffling faßte ihn bei Hand. +"Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht," sagte er, "jetzt komm +nur schnell herein, daß wir bald fertig werden!" +</p> + +<p> +Im Zimmer Nr. 12 saß ein Polizeiamtmann. +</p> + +<p> +Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache: Wilhelm war +angezeigt worden, weil er Herrn Sekretär Floßmann mit Schneeballen getroffen, +darnach in frecher Weise gelacht und das Schneeballenwerfen in unmittelbarer +Nähe fortgesetzt habe. +</p> + +<p> +"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann. +</p> + +<p> +"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber weiter +nichts." Nun mischte sich Herr Pfäffling ins Gespräch: "Du hast mir erzählt, +daß du dich ausdrücklich entschuldigt habest und sofort heimgegangen seiest." +Da lächelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte wohl der Vater besänftigt +werden, in Wahrheit verhielt sich's aber, nach der Aussage des Herrn Sekretärs +und des Schutzmanns ganz anders, und Sie werden begreifen, daß ich diesen mehr +Glauben schenke als dem Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des +Herrn Sekretär Floßmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen +eines Vergehens entschuldigt hat." +</p> + +<p> +"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfäffling, "daß sowohl Frechheit als Lüge +auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich wäre sonst nicht mit ihm +gekommen, sondern hätte mich seiner geschämt. Wäre es nicht möglich, den Herrn +Sekretär oder den Schutzmann zu sprechen?" +</p> + +<p> +"Gewiß," sagte der Amtmann, "Herr Sekretär hat seine Kanzlei oben und der +Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen Polizeidiener. "Bitten +Sie Herrn Sekretär Floßmann, einen Augenblick zu kommen und rufen Sie den +Schutzmann Schmidt herein." +</p> + +<p> +"Wir machen zwar gewöhnlich nicht so viel Umstände, wenn es sich um solch eine +Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie es wünschen, können +Sie von den beiden selbst hören, wie der Verlauf der Sache war." +</p> + +<p> +Ein paar Minuten später trat der Sekretär Floßmann und gleich darnach der +Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen der +Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte noch weiter +sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretär Floßmann ins Wort, indem er sich an den +Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn gerade <i>diesen</i> Jungen +aufgeschrieben, den einzigen, der sofort aufgehört hat zu werfen, und der sich +in aller Form entschuldigt hat, der mir selbst noch den Schnee abgeschüttelt +hat?" und indem er auf Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir +zwei sind in aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte +ich nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann ärgerlich an den Schutzmann: +"Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie möglich gemacht?" Der +rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfäffling, den ich +aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein rotes Gesicht. +Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?" +</p> + +<p> +"Nein, aber es heißt keiner Wilhelm Pfäffling außer mir." +</p> + +<p> +"Oho," sagte der Amtmann, "da kommt es auf eine falsche Namensangabe hinaus, +das muß ein frecher Kamerad sein. Kannst du dir denken, wer dir den Streich +gespielt hat?" fragte er Wilhelm. Der besann sich nicht lange. "Jawohl," sagte +er, "es ist nur ein solcher Gauner in unserer Klasse." +</p> + +<p> +"Wie heißt er?" Da sah Wilhelm seinen Vater an und sagte zögernd: "Ich kann ihn +doch nicht angeben?" +</p> + +<p> +"Nein," sagte Herr Pfäffling, "du weißt es ja doch nicht gewiß, und deine +Menschenkenntnis ist nicht groß." +</p> + +<p> +"Den Schlingel finde ich schon selbst heraus, den erkenne ich wieder," sagte +der Schutzmann, "ich fasse ihn ab um 12 Uhr, wenn die Schule aus ist." +</p> + +<p> +Nun wandte sich der Amtmann an Herrn Pfäffling: "Ich bedaure das Versehen," +sagte er, und Wilhelm entließ er mit den Worten: "Du kannst nun gehen, aber +halte dich an bessere Kameraden und paß auf mit dem Schneeballenwerfen, in den +Straßen ist das verboten, dazu habt ihr euren Schulhof!" +</p> + +<p> +Vater und Sohn verließen miteinander das Polizeigebäude. "O Vater," rief +Wilhelm, sobald sie allein waren, "wie bin ich so froh, daß du gekommen bist! +Mir allein hätte der Polizeiamtmann nicht geglaubt." +</p> + +<p> +"Du hast dich auch nicht ordentlich verteidigt, hast ja nicht einmal erzählt, +wie der Verlauf war. Bei uns zu Hause hast du deine Sache viel besser +vorgebracht." +</p> + +<p> +"Mir geht das oft so, Vater, wenn ich spüre, daß man mir doch nicht glauben +wird, dann mag ich gar nichts zu meiner Verteidigung sagen. Oft möchte ich +etwas erzählen oder erklären, wie es gemeint war, dann denke ich: ihr haltet +das doch nur für Schwindel und Ausreden, und dann schweige ich lieber." +</p> + +<p> +"Ich kenne das, Wilhelm, es kommt daher, weil es so wenig Menschen genau mit +der Wahrheit nehmen, dann trauen sie auch den andern keine strenge +Wahrhaftigkeit zu. Aber da darf man sich nicht einschüchtern lassen. Wer recht +wahrhaftig ist, darf alles sagen und Glauben dafür fordern. Halte du es so, und +wird dir etwas angezweifelt, so sage du ruhig zu demjenigen: 'Habe ich dich +schon einmal angelogen?' Aber freilich mußt du sicher sein, daß er darauf +'nein' sagt." +</p> + +<p> +Die Beiden waren inzwischen dem Marktplatz nahe gekommen, wo ihre Wege +auseinandergingen. +</p> + +<p> +"War es dir recht ungeschickt, Vater, aus der Probe wegzukommen?" fragte +Wilhelm. "Höllisch ungeschickt!" sagte Herr Pfäffling, "ich mochte den Grund +nicht angeben, ich sagte nur schnell den Nächstsitzenden etwas von +Familienverhältnissen und lief davon; wer weiß, was sie sich gedacht haben. Der +junge Lehrer wird mich inzwischen vertreten haben, so gut er es eben versteht." +</p> + +<p> +"Ich danke dir, Vater," sagte Wilhelm, als er sich trennte, und ganz gegen die +Gewohnheit der Familie Pfäffling griff er rasch nach des Vaters Hand, küßte sie +und lief davon. +</p> + +<p> +Als Herr Pfäffling zu der musikalischen Jugend zurückkam, sah er viele +freundlich lächelnde Gesichter und dachte sich: Die haben es doch schon +erfahren, daß du mit deinem Wilhelm auf der Polizei warst, es bleibt nichts +verborgen. "Darf man gratulieren?" fragte ihn leise eine Bekannte, als er nahe +an ihr vorbeiging. "Jawohl," sagte er, "es ist gut vorübergegangen." Nach ein +paar Minuten war er mit vollem Eifer bei der Musik, und Wilhelm in gehobener +Stimmung bei seinem griechischen Schriftsteller. +</p> + +<p> +"Dir ist es offenbar gnädig gegangen auf der Polizei," sagte der Professor nach +der Stunde zu Wilhelm. +</p> + +<p> +"Ja, Herr Professor, es war eine Verwechslung, ich war gar nicht aufgeschrieben +worden, ein anderer hat meinen Namen statt seinem angegeben." +</p> + +<p> +"Wer? Einer aus meiner Klasse?" +</p> + +<p> +"Wer das war, will der Schutzmann erst herausbringen," antwortete Wilhelm. +</p> + +<p> +Der Professor hatte kaum das Schulzimmer verlassen, als alle Kameraden sich um +Wilhelm drängten und näheres erfahren wollten, auch Baumann war unter ihnen. +Der eine, der schon am Morgen behauptet hatte, daß Baumann aufgeschrieben +worden sei, sagte ihm frei ins Gesicht: "Du hast den falschen Namen angegeben." +Da versuchte er nimmer zu leugnen, sondern fing an, sich zu entschuldigen: "Dem +Pfäffling hat das doch nichts geschadet, für mich wäre es viel schlimmer +gewesen. Du mußt mir's nicht übelnehmen, Pfäffling, ich habe ja vorher gewußt, +daß dir das nichts macht." +</p> + +<p> +"So? frage einmal meinen Vater, ob ihm so etwas nichts macht?" rief Wilhelm, +"du bist ein Tropf, ein Lügner, das sage ich dir; aber dem Polizeiamtmann habe +ich dich nicht verraten. Wenn dich der Schutzmann nicht wieder erkennt, dann +kann es ja wohl sein, daß du dich durchgeschwindelt hast." Nun sprang einer der +Kameraden die Treppe hinunter, um zu sehen, ob ein Polizeidiener unten stehe. +Richtig war es so. Da wurde verabredet, Baumann in die Mitte zu nehmen, einige +Größere um ihn herum und dann in einem dichten Trupp die Treppe hinunter und +bis um die nächste Straßenecke zu rennen. So geschah es. Die meisten Klassen +des Gymnasiums hatten sich schon entleert; der Schutzmann stand lauernd am Tor. +Da, plötzlich tauchte ein Trupp von Knaben auf und schoß an ihm vorbei, in +solcher Geschwindigkeit, daß er auch nicht <i>ein</i> Gesicht erkannt hatte. +Ärgerlich ging er seiner Wege, aber hatte er den Übeltäter auch noch nicht +fassen können, das war ihm jetzt sicher, daß er zu dieser Klasse gehörte, und +er sollte ihm nicht entgehen. +</p> + +<p> +Wie war für Frau Pfäffling dieser Vormittag daheim so lang und so peinlich! +Immer mußte sie an Wilhelm denken. 'Er hat gewiß nichts getan, was strafwürdig +ist,' sagte sie sich und dann fragte sie sich wieder: 'warum ist er dann +vorgeladen?' Gestern hatte sie in fröhlicher Stimmung alles vorbereitet für das +Weihnachtsgebäck, heute hätte sie es am liebsten ganz beiseite gestellt, alle +Lust dazu war weg. Sie mühte sich sonst so gern den ganzen Vormittag im +Haushalt und dachte dabei: 'Wenn Mann und Kinder heimkommen von fleißiger +Arbeit, sollen sie es zu Hause gemütlich finden.' Aber wenn die Kinder nicht +ihre Schuldigkeit taten, wenn sie draußen Unfug trieben, sollte man dann daheim +Zeit und Geld für sie verwenden? +</p> + +<p> +In dieser Stimmung sah Frau Pfäffling diesen Morgen manches, was ihr nicht +gefiel. Im Bubenzimmer lagen Hausschuhe, nur so leichthin unter das Bett +geschleudert; häßlich niedergetreten waren sie auch, wie oft hatte sie das +schon verboten! Im Wohnzimmer lag ein Brief, den hätten die Kinder mit zum +Schalter nehmen sollen, alle sechs hatten sie ihn sehen müssen, alle sechs +hatten ihn liegen lassen, sogar Marianne, die doch als Mädchen allmählich ein +wenig selbst daran denken sollten, ob nichts zu besorgen wäre! Das waren lauter +Pflichtversäumnisse, und wer daheim die Hausgesetze nicht beachtete, der konnte +leicht auch draußen gegen die Ordnung verstoßen. Aber freilich müßte die Mutter +ihre Kinder fester dazu anhalten, strenger erziehen, als sie es tat! Sie selbst +war schuld. +</p> + +<p> +Elschen, die nicht wußte oder nimmer daran dachte, was die Mutter heute +bedrückte, kam in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung herbeigesprungen. Walburg +hatte ihr die Teigschüssel ausscharren lassen. "Mutter," rief die Kleine, "die +Backröhre ist schon geheizt!" Aber die Mutter hatte heute einen unglückseligen +Blick. An dem ganzen kleinen Liebling sah sie nichts als drei Streifen, Spuren +von Teig an der Schürze. +</p> + +<p> +"Else, dahin hast du deine Finger gewischt," sagte sie mit ungewohnter Strenge, +"gestern erst habe ich dir gesagt, du sollst deine Hände waschen, und nicht an +die Schürze wischen," und sie patschte fest auf die kleinen Hände. Das Kind zog +leise weinend ab, und die Mutter sagte sich vorwurfsvoll: 'Deine Kinder sind +alle unfolgsam!' Darnach ging sie aber doch zum Backen in die Küche, das +angefangene mußte trotz allem vollendet werden. Sie wollte den Schlüssel zum +Küchenschrank mit hinausnehmen, fand ihn nicht gleich und dachte bekümmert: 'Wo +die Hausfrau selbst ihre Ordnung nicht einhält, muß freilich die ganze +Wirtschaft herunterkommen!' In dieser schwarzsichtigen Stimmung vergingen ihr +langsam die Stunden, und gegen Mittag sah sie in ängstlicher Spannung nach den +Kindern aus. Diese hatten sich alle auf dem Heimweg zusammengefunden und in der +Frühlingsstraße holte auch Herr Pfäffling sie ein. Die Losung war nun: "Nur +schnell heim zur Mutter, sie allein ist noch in Angst, hat keine Ahnung, wie +gut sich alles gelöst hat. Wie wird sie sorgen und warten, wie wird sie sich +freuen!" +</p> + +<p> +Aber nicht nur Frau Pfäffling paßte auf die eilig Heimkehrenden, auch Frau +Hartwig sah heute Mittag nach ihnen aus, freilich aus einem ganz andern Grund. +Sie hatte diesen Morgen an die Haustüre einen großen Bogen Papier genagelt, auf +dem mit handgroßen roten Buchstaben geschrieben stand: +</p> + +<p class="poem"> +Man bittet die Türe zu schließen! +</p> + +<p> +Darüber lachte ihr Mann sie aus und versicherte, es würde gar nichts helfen, +die Pfäfflinge würden die Türe offen stehen lassen. +</p> + +<p> +Die Hausfrau nahm ihre Mietsleute in Schutz. "Sie sind viel ordentlicher, als +du denkst. Wilhelm und Otto sind ja ein wenig flüchtig, aber Karl ist immer +aufmerksam und auch die Mädchen sind manierlich; der kleine Frieder sogar wird +zumachen, wenn er hört, daß es mich sonst friert. Du wirst sehen, die Haustüre +wird geschlossen." +</p> + +<p> +Um das zu beobachten stand nun die Hausfrau am Fenster, sah wie die Familie +Pfäffling sieben Mann hoch heim kam—eifriger sprechend als sonst, hörte sie die +Treppe hinauf gehen—noch flinker als gewöhnlich, ging dann hinaus, um +nachzusehen und fand die Haustüre offen stehend, so weit sie nur aufging. +</p> + +<p> +Kopfschüttelnd schloß sie selbst die Türe. Aber sie verlor nicht den guten +Glauben an ihre Mietsleute. Sie hatte ihnen ja wohl angemerkt, daß heute etwas +besonderes los war. +</p> + +<p> +Im Zimmer fragte Herr Hartwig: "Nun, wer hat denn zugemacht?" Etwas kleinlaut +erwiderte sie: "Zugemacht habe ich." +</p> + +<p> +Droben herrschte nach überstandener Angst große Freude; auch Frau Pfäffling war +es wieder leicht ums Herz, glücklich und dankbar saß die ganze Familie am +Essen. Aber doch—zwischen Suppe und Fleisch—sagte die Mutter: "Marianne, warum +habt ihr den Brief nicht in den Schalter geworfen?" +</p> + +<p> +"Vergessen!" +</p> + +<p> +"So geht jetzt und besorgt ihn." +</p> + +<p> +"Aber doch <i>nach</i> dem Essen?" fragte fast einstimmig der Kinderchor. +</p> + +<p> +"Nein, nein, eben zwischen hinein, damit ihr es merkt. Ich kann euch nicht +helfen, ich hätte gar kein gutes Gewissen, wenn ich es nicht verlangte." Da +widersprach niemand mehr, die Mutter konnte man sich nicht mit schlechtem +Gewissen vorstellen. Die Mädchen gingen mit dem Brief, Herr Pfäffling sah seine +Frau verwundert an. +</p> + +<p> +Sie ging nach Tisch mit ihm in sein Zimmer. Da sagte sie ihm, wie schwer es ihr +den ganzen Vormittag zumute gewesen sei, und es kamen ihr fast jetzt noch die +Tränen. Sie sprachen lange miteinander, dann kehrte Herr Pfäffling in das +Wohnzimmer zurück, wo die Großen noch beisammen waren. +</p> + +<p> +"Hört, ich möchte euch dreierlei sagen: Erstens: sorgt jetzt, daß vor +Weihnachten nichts mehr vorkommt, gar nichts mehr, denn bis man weiß, wie die +Sachen hinausgehen, sind sie doch recht unangenehm, besonders für die Mutter. +Zweitens: Sagt dem Baumann: er solle sich bei Herrn Sekretär Floßmann +entschuldigen, sonst werde es schlimm für ihn ausgehen. Drittens: Walburg soll +eine Tasse Kaffee für die Mutter machen, es wird ihr gut tun, oder zwei +Tassen." +</p> + +<p> +Einer von Herrn Pfäfflings guten Ratschlägen konnte nicht ausgeführt werden, +denn Wilhelm Baumann wurde noch an diesem Nachmittag aus der Schule weg und auf +die Polizei geholt und war von da an aus dem Gymnasium ausgewiesen. +</p> + +<p> +Am Abend überbrachte ein Dienstmädchen einen schönen Blumenstock—eine +Musikschülerin ließ Frau Pfäffling gratulieren. +</p> + +<p> +"Ich werde morgen hinkommen und mich bedanken," ließ Herr Pfäffling sagen. +</p> + +<p> +Ja, es gibt allerlei Freuden, zu denen man gratulieren kann! Warum nicht auch, +wenn ein unschuldig Verklagter freigesprochen wird? Oder war etwas anderes +gemeint? +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap06"></a>6. Kapitel<br/> +Am kürzesten Tag.</h2> + +<p> +Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Um dieselbe Tageszeit, wo +im Hochsommer die Sonne schon seit fünf Stunden am Himmel steht, saß man heute +noch bei der Lampe am Frühstückstisch, und als diese endlich ausgeblasen wurde, +war es noch trüb und dämmerig in den Häusern. Allmählich aber hellte es sich +auf und die Sonne, wenn sie gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch +ihre schrägen Strahlen den Menschenkindern, die heute so besonders geschäftig +durcheinander wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich +der Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Jedermann wollte die wenigen +hellen Stunden benützen, um Einkäufe zu machen. Wieviel Gänse und Hasen wurden +da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbäume! Auf den Plätzen der Stadt +standen sie ausgestellt, die Fichten und Tannen, von den kleinsten bis zu den +großen stattlichen, die bestimmt waren, Kirchen oder Säle zu beleuchten. +</p> + +<p> +Mitten zwischen diesen Bäumen, von ihrem weihnächtlichen Duft und Anblick ganz +hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser kleiner Frieder. Er hatte +für den Vater etwas in der Musikalienhandlung besorgt, kam nun heimwärts über +den Christbaummarkt und konnte sich nicht trennen. Nun stand er vor einem +Bäumchen, nicht größer als er selbst, saftig grün und buschig. Sie mochten +vielleicht gleich alt sein, dieser Bub und dies Bäumchen und sahen beide so +rundlich und kindlich aus. Sie standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet +und wie wenn sie zusammen gehörten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum. +</p> + +<p> +"Du! dich meine ich, hörst du denn gar nichts; <i>so</i> wirst du nicht viel +verdienen!" sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand legte sich +von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus einem Traum, wandte +sich und sah sich zwei Frauen gegenüber. Die ihn angerufen hatte, war eine +große, derbe Person, eine Verkäuferin. Die andere eine Dame mit Pelz und +Schleier. "Pack an, Kleiner, du sollst der Dame den Baum heimtragen, du weißt +doch die Luisenstraße?" sagte die Frau und legte ihm den Baum über die +Schulter. +</p> + +<p> +"Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?" fragte die Dame. +</p> + +<p> +"O bewahre," meinte die Händlerin, "der hat schon ganz andere Bäume geschleppt, +sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm heim gehen." +"Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller," sagte die Dame. "Sieh, auf diesem Papier +ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur nicht auf, daß dich's nicht in die +Hände friert." Da Frieder immer noch unbeweglich stand, gab ihm die Verkäuferin +einen kleinen Anstoß in der Richtung, die er einzuschlagen hatte. +</p> + +<p> +Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der andern, +trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, daß er mehr aus +Mißverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wußte es aber nicht gewiß. +Die Damen konnten die Bäume nicht selbst tragen, so mußten eben die Buben +helfen. Er sah manche mit Christbäumen laufen, freilich meist größere. Er war +eigentlich stolz, daß man ihm einen Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt +nur die Brüder begegnet wären oder gar der Vater! +</p> + +<p> +Wie die Zweige ihn so komisch am Hals kitzelten, wie ihm der Duft in die Nase +stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der Baum, obwohl er +nicht groß war, unbarmherzig auf die Schulter, man mußte ihn oft von der einen +auf die andere legen, und bei solch einem Wechsel entglitt ihm das Papierchen +mit der Adresse und flatterte zu Boden, ohne daß die steife, von der Kälte +erstarrte Hand es empfunden hätte. Nun schmerzten ihn die beiden Schultern, er +trug den Baum frei mit beiden Händen. Aber da wurde Frieder hart angefahren von +einem Mann, der ihm entgegen kam: "Du, du stichst ja den Menschen die Augen +aus, halte doch deinen Baum hinter dich, so!" und der Vorübergehende schob ihm +den Baum unter den Arm. Nach kürzester Zeit kam von hinten eine Stimme: "Du, +Kleiner, du kehrst ja die Straße mit deinem Christbaum, halte doch deinen Baum +hoch!" Ach, das war eine schwierige Sache! Aber nun war auch die Luisenstraße +glücklich erreicht. Freilich, die Adresse war abhanden gekommen, aber Frieder +hatte sich das wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43 und im zweiten Stock und bei +einer Frau Doktor, das mußte nicht schwer zu finden sein. In Nr. 42a wollte +niemand etwas von dem Baum wissen, aber in Nr. 42b bekam Frieder guten +Bescheid, das Dienstmädchen wußte es ganz gewiß, der Baum gehörte nach Nr. 47, +die Dame war zugleich mit ihr auf dem Markt gewesen und hatte einen Baum +gekauft. Also nach Nr. 47. Als man ihm dort seinen Baum wieder nicht abnehmen +wollte, kamen ihm die Tränen, und eine mitleidige Frau hieß ihn sich ein wenig +auf die Treppe setzen, um auszuruhen. +</p> + +<p> +"In der Luisenstraße wohnt nur <i>ein</i> Doktor," sagte sie, "und das ist Dr. +Weber in Nr. 24, bei dem mußt du fragen." Unser Frieder hätte nun lieber in Nr. +43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei die richtige Nummer, +aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als sich selbst, und so folgte +er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43 vorbei bis an Nr. 24 und hörte +dort von dem Dienstmädchen der Frau Dr. Weber, sie hätten längst einen Baum und +einen viel schöneren und größeren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Tränen +herunter, und als er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz +klar, wo er jetzt hingehen wollte—heim zur Mutter. Es mußte ja schon spät sein, +vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die Mutter +Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es dürfe nichts, gar nichts mehr +vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim! +</p> + +<p> +Und es war wirklich höchste Zeit. +</p> + +<p> +Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun aber Marie +und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen: "Frieder hat +versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen Vormittag +weggeblieben!" +</p> + +<p> +"Er ist gewiß schon längst bei den Brüdern, im Hof, auf der Schleife. Sieh +einmal nach ihm," sagten die Schwestern. +</p> + +<p> +Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu ängstigen, +nicht sowohl für den kleinen Bruder—was sollte dem zugestoßen sein—, aber wenn +er nicht zu Mittag käme, würden sich die Eltern sorgen und darüber ärgern, daß +doch wieder etwas vorgekommen sei. "Er wird doch kommen bis zum Essen," sagten +sie zueinander und, als nun die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von +allerlei, nur nicht von Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater +heim, fröhlich und guter Dinge und fragte gleich: "Ist das Essen schon fertig?" +</p> + +<p> +"Es ist noch nicht halb ein Uhr," entgegnete Karl, der die Frage gehört hatte. +"Es wird gleich schlagen," meinte der Vater, ging aber doch noch in sein +Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: "Wenn man nur das Essen ein +wenig verzögern könnte," sagte Karl. +</p> + +<p> +"Das will ich machen," flüsterte Marie, ging in die Küche, zog Walburg zu sich +und rief ihr dann ins Ohr: "Frieder ist noch nicht daheim, der Vater wird so +zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht machen, daß man später +ißt?" Walburg nickte freundlich, ging an den Herd, deckte ihre Töpfe auf und +sagte dann: "Du kannst der Mutter sagen, den Linsen täte es gut, wenn sie noch +eine Weile kochen dürften." Da sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs +Ausspruch ging von Mund zu Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die +Linsen ganz hart. +</p> + +<p> +"So?" sagte sie verwundert, "mir kamen sie weich vor, aber wir können ja noch +ein wenig mit dem Essen warten." +</p> + +<p> +"Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht," sagten die Kinder. +</p> + +<p> +So vergingen fünf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er es nur +mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf, und bei seinem +Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau Pfäffling merkte jetzt, daß +etwas nicht in Ordnung war und ging auch hinaus. Da stand Frieder ganz außer +Atem, mit glühenden Backen, den Christbaum auf der Schulter und fragte +ängstlich: "Ißt man schon?" +</p> + +<p> +Als er aber hörte, daß die Mutter ihn nicht vermißt hatte, und sah, wie man +seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: "Stell ihn nur ab, du +glühst ja ganz," da wurde ihm wieder leicht ums Herz. Sie meinten alle, der +Christbaum gehöre Frieder. "Nein, nein," sagte dieser, "ich muß ihn einer Frau +bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie heißt und wo sie wohnt." Da lachten sie +ihn aus und wollten alles genau hören, auch Herr Pfäffling war hinzu gekommen +und hörte von Frieders Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Nun komm +nur zu Tisch, du kleines Dummerle, du!" +</p> + +<p> +Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte, läßt sich +denken. +</p> + +<p> +Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner rechtmäßigen +Besitzerin bringen könne. "Einer von euch Großen muß mit Frieder gehen, ihm +helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus zu Haus +laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen," entgegnete Karl. +</p> + +<p> +"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem würde ich mich +schämen." +</p> + +<p> +"So, so," sagte Herr Pfäffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß wohl ich +meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der Ecke stand, hob ihn +frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte spassend: "So werde ich durch +die Luisenstraße ziehen, eine Schelle nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum +gehört, der soll sich melden.'" +</p> + +<p> +"Ich denke doch," sagte Frau Pfäffling, "einer von unseren dreien wird so +gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein Kamerad denken +sollte, daß er für andere Leute Gänge macht." Sie schwiegen aber. Da setzte +Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte sehr ernst: "Kinder, fangt nur das +gar nicht an, daß ihr meint: dies oder jenes paßt sich nicht, das könnten die +Kameraden schlecht auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer +durchs Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf +Meier ab." +</p> + +<p> +Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit Hilfe dessen +und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der Baum in die Luisenstraße +Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte. +</p> + +<p> +Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir nichts +daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich hätte gar nicht gedacht, daß +es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet." +</p> + +<p> +"Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir ein +Trinkgeld gibt," sagte Karl. +</p> + +<p> +"Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen Pfennig +mehr." +</p> + +<p> +Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins Zimmer +kam und sagte: "Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum so lang bleibt, +tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit, deinem alten Mantel +schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt." +</p> + +<p> +Diesem bestimmten Befehl gegenüber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto mußte +sich bequemen, Frieder zu begleiten. +</p> + +<p> +Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstraße gekommen, als Otto +plötzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und sagte: "Da vornen +kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich aus, wenn sie meinen, ich +müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück kannst du doch den Baum selbst +tragen? Und kannst dich auch selbst entschuldigen, nicht?" +</p> + +<p> +"Gut kann ich," sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach war das +nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: "Dr. Heller", das stimmte +alles ganz gut mit dem Adreßbuch und oben im zweiten Stock stand noch einmal +der Name. Diesmal war Frieder an der rechten Türe. +</p> + +<p> +Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein wenig mit +ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht früher als Frieder nach Hause +kommen. Als er sich endlich entschloß, heim zu gehen, war es ihm nicht +behaglich zumute; es reute ihn doch, daß er den Kleinen zuletzt noch im Stich +gelassen hatte. In der Frühlingsstraße wollte er mit dem Bruder wieder +zusammentreffen. Er wartete eine Weile vergeblich auf ihn, dann ging ihm die +Geduld aus, vermutlich war Frieder schon längst daheim. Er hoffte ihn oben zu +finden, aber es war nicht so, das konnte er gleich daran merken, daß er von +allen Seiten gefragt wurde: wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun mußte er +freilich erzählen, daß er nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 den Baum +getragen, und dann mit einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hörte man auch +schon wieder jemand vor der Glastüre, das konnte Frieder sein, und dann war ja +die Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der kleine Unglücksmensch und +hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie trauten ihren Augen kaum. "Ja +Frieder, hast du denn die Wohnung nicht gefunden?" riefen sie fast alle +zugleich. Da zuckte es um seinen Mund, er würgte an den Tränen, die kommen +wollten, und preßte hervor: "Neunmal geklingelt, niemand zu Haus!" Sie waren +nun alle voll Mitleid, aber sie konnten auch nicht verstehen, warum er nicht +oben oder unten bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hatte er eben +gar nicht gedacht. "Deshalb gibt man solch einem kleinen Dummerle einen +größeren Bruder mit," sagte Frau Pfäffling, "aber wenn der freilich so treulos +ist und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten." +</p> + +<p> +"Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht," rief Wilhelm, "ich gehe mit dem Baum +und das dürft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr zurück," und flink +faßte er den Christbaum, der freilich schon ein wenig von seiner Schönheit +eingebüßt hatte, und sprang leichtfüßig davon. +</p> + +<p> +In der Luisenstraße Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und sofort +rief das Dienstmädchen: "Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch noch!" Eine +lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: "Wo bist du denn so lang +geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar nicht, dir habe ich keinen Baum +zu tragen gegeben, der gehört nicht mir." +</p> + +<p> +Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen jungen +Pfäfflingen gemacht hatte. +</p> + +<p> +"Der Kleine dauert mich," sagte die junge Frau. "Das zweite Mal, als er kam, +war ich wohl mit meinem Mädchen wieder auf dem Markt, ich habe nämlich nicht +gedacht, daß er noch kommt, und habe einen andern geholt, ich brauche ihn schon +heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da konnte ich nicht warten. Was +mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr wohl schon einen zu Haus? Ich würde +euch den gern schenken." +</p> + +<p> +"Wir haben noch keinen," sagte Wilhelm. +</p> + +<p> +"Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten kleinen +Dicken, der so viel Not gehabt hat, möchte ich noch einen Lebkuchen schicken, +den bringst du ihm, nicht wahr?" +</p> + +<p> +Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnügt mit seinem +Baum heimwärts. +</p> + +<p> +Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter angezündet, als +Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe geraubt hatten, kamen +eilig mit derselben herbei, als Wilhelm klingelte, und ließen sie vor Schreck +fast aus der Hand fallen, als sie den Baum sahen. "Der Baum kommt wieder!" +schrien die Mädchen ins Zimmer. "Unmöglich!" rief die Mutter. "Ja doch," sagte +Karl, "der Baum, der unglückselige Baum!" "Gelt," rief Frieder, "es wird nicht +aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt!" +</p> + +<p> +Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab ihn +Frieder: "Der ist für dich von deiner Frau Dr. Heller, und der Baum, Mutter, +der gehört uns, ganz umsonst!" Als Herr Pfäffling heim kam, ergötzte er sich an +der Kinder Erzählung von dem Christbaum, aber er merkte, daß es Otto nicht +recht wohl war bei der Sache, und wollte sie eben deshalb genauer hören. "Also +so hat sich's verhalten," sagte er schließlich, "vor dem Lachen der Kameraden +hast du dich so gefürchtet, daß du den Bruder und den Baum im Stich gelassen +hast? Dann heiße ich dich einen Feigling!" +</p> + +<p> +Weiter wurde nichts mehr über die Sache gesprochen, aber dies eine Wort +"Feigling", vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das brannte und +schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu vergessen. Es war +auch am nächsten Morgen, an dem vierten Adventssonntag, Ottos erster Gedanke. +Es trieb ihn um, er konnte dem Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen. +Da trachtete er, mit der Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, daß er +ihr nachging, und ließ sich allein finden, in dem Bubenzimmer. "Mutter," sagte +er, "ich kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich +ihn um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er hält mich doch für feig." +</p> + +<p> +"Ja, Otto, er muß dich dafür halten, denn du bist es gewesen und zwar schon +manchmal in dieser Art. Immer abhängig davon, wie die anderen über dich +urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft nur ankämpfen gegen +die Feigheit, Beweise liefern, daß du auch tapfer sein kannst." +</p> + +<p> +Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurückkehrten, fehlte +Otto. Er kam eine ganze Stunde später heim und dann suchte er zuerst den Vater +in dessen Zimmer auf. Herr Pfäffling sah von seinen Musikalien auf. "Willst du +etwas?" +</p> + +<p> +"Ja, dich bitten, Vater, daß du das Wort zurücknimmst. Du weißt schon welches. +Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt gestanden und +habe dann für jemand einen Baum heimgetragen. Drei von meiner Klasse haben es +gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld, die ich bekommen habe." Da sah +Herr Pfäffling mit fröhlichem, warmem Blick auf seinen Jungen und sagte: "Es +gibt allerlei Heldentum, das war auch eines; nein, Kind, du bist doch kein +Feigling!" +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap07"></a>7. Kapitel<br/> +Immer noch nicht Weihnachten.</h2> + +<p> +Der letzte Schultag vor Weihnachten war gekommen. Wer sich von der Familie +Pfäffling am meisten freute auf den Schulschluß, das war gerade das einzige +Glied derselben, das noch nicht zur Schule ging, das Elschen. Ihr war die +Schule die alte Feindin, die ihr, solange sie zurückdenken konnte, alle +Geschwister entzog, die unbarmherzig die schönsten Spiele unterbrach, die ihre +dunkeln Schatten in Gestalt von Aufgaben über die ganzen Abende warf und die +auch heute schuld war, daß die Geschwister, statt von Weihnachten, nur von den +Schulzeugnissen redeten, die sie bekommen würden. +</p> + +<p> +Sie saßen jetzt beim Frühstück, aber es wurde hastig eingenommen, die +Schulbücher lagen schon bereit, und gar nichts deutete darauf hin, daß morgen +der heilige Abend sein sollte. Die Kleine wurde ganz ungeduldig und mißmutig. +"Vater," sagte sie aus dieser Stimmung heraus, "gibt es gar kein Land auf der +ganzen Welt, wo keine Schule ist?" +</p> + +<p> +"O doch," antwortete Herr Pfäffling, "in der Wüste Sahara zum Beispiel ist +zurzeit noch keine eröffnet." +</p> + +<p> +"Da mußt du Musiklehrer werden, Vater," rief die Kleine ganz energisch. Aber da +alle nur lachten, sogar Frieder, merkte sie, daß der Vorschlag nichts taugte, +und sie sah wieder, daß gegen die Schule ein für allemal nichts zu machen war. +</p> + +<p> +Heute sollte sie das besonders bitter empfinden. Als sie nach der letzten +Schulstunde den großen Brüdern fröhlich entgegenkam, wurde sie nur so beiseite +geschoben; die Drei waren in eifrigem, aber leise geführtem Gespräch und +verschwanden miteinander in ihrem Schlafzimmer. Es waren nämlich die Zeugnisse +ausgeteilt worden, und da zeigte es sich, daß Wilhelm in der Mathematik die +Note "4" bekommen hatte, die geringste Note, die gegeben wurde. Das war noch +nie dagewesen, die Zahl 4 war bisher in keinem Zeugnisheft der jungen +Pfäfflinge vorgekommen. "So dumm sieht der Vierer aus," sagte Wilhelm, "was +hilft es mich, daß ein paar Zweier sind, wo das letztemal Dreier waren, der +Vater sieht doch auf den ersten Blick den Vierer." +</p> + +<p> +"Ja," sagte Karl, "gerade so wie unser Professor auch in der schönsten +Reinschrift immer nur die eine Stelle sieht, wo etwas korrigiert ist." +</p> + +<p> +"Wenn wir es nur einrichten könnten, daß wir die Zeugnishefte erst nach +Weihnachten zeigen müßten. Meint ihr, das geht?" +</p> + +<p> +"Nein," sagte Karl, "man hat sonst jeden Tag Angst, daß der Vater darnach +fragt. Aber es kann freilich die Freude verderben; hättest du es nicht +wenigstens zu einem schlechten Dreier bringen können?" +</p> + +<p> +Wilhelm blieb darauf die Antwort schuldig. Die Schwestern waren inzwischen auch +mit ihren Zeugnissen heimgekommen und suchten die Brüder auf. Marie warf nur +einen Blick auf die Gruppe, dann sagte sie: "Gelt, ihr seid schlecht +weggekommen?" und da keine Antwort erfolgte, fuhr sie fort: "Unsere Zeugnisse +sind gut, besser als das letztemal, und der Frieder hat auch gute Noten. Dann +wird der Vater schon zufrieden sein." +</p> + +<p> +"Nein," sagte Wilhelm, "er wird nur meinen Vierer sehen." +</p> + +<p> +"O, ein Vierer?" "O weh!" riefen die Schwestern. +</p> + +<p> +"So jammert doch nicht so," rief Wilhelm, "sagt lieber, was man machen soll, +daß der Vater die Zeugnisse vor Weihnachten nicht ansieht?" +</p> + +<p> +Sie berieten und besannen sich eine Weile, ein Wort gab das andere und zuletzt +wurde beschlossen, die Noten sollten alle zusammengezählt und dann die +Durchschnittsnote daraus berechnet werden. Diese mußte, trotz des fatalen +Vierers, ganz gut lauten, so daß die Eltern wohl befriedigt sein konnten. Die +Mutter hatte überdies selten Zeit, die Heftchen anzusehen, und dem Vater wollte +man die schöne Durchschnittsnote in einem geschickten Augenblick mitteilen, +dann würde er nicht weiter nachfragen; erst nach Neujahr mußten die Zeugnisse +unterschrieben werden, bis dahin hatte es ja noch lange Zeit, so weit hinaus +sorgte man nicht. Wilhelm war sehr vergnügt über den Gedanken, Otto, der das +beste Zeugnis hatte, war zwar weniger damit einverstanden, wurde aber +überstimmt, und sie machten sich nun an die Durchschnittsberechnung. +</p> + +<p> +Wilhelm holte Frieder herbei, der hatte der Mutter schon sein Zeugnis gezeigt, +nun wurde es ihm von den Brüdern abgenommen. "Seht nur," sagte Wilhelm, "wie +der sich diesmal hinaufgemacht hat!" +</p> + +<p> +"Dafür kann ich nichts," sagte Frieder, "die Mutter sagt, das kommt nur von der +Harmonika. Wahrscheinlich, wenn ich eine neue zu Weihnachten bekomme, werden +die Noten wieder schlechter. Gibst du mir mein Heft wieder, Karl?" +</p> + +<p> +"Nein, das brauchen wir noch, sei nur still, daß ich rechnen kann." +</p> + +<p> +"Geh lieber hinaus, Frieder," sagte Marie mütterlich, "das Elschen hat sich so +gefreut auf dich," und sie schob den Kleinen zur Türe hinaus. +</p> + +<p> +Es ergab sich eine gute Durchschnittsnote, und Marie wollte es übernehmen, sie +dem Vater so geschickt mitzuteilen, daß er gewiß nicht nach den Heften fragen +würde. Sie wartete den Augenblick ab, wo Herr Pfäffling sich richtete, um zum +letztenmal vor dem Fest in das Zentralhotel zu gehen. An seinen raschen +Bewegungen bemerkte sie, daß er in Eile war. "Vater," sagte sie, "wir haben +alle unsere Zeugnisse bekommen und die Noten zusammengezählt. Dann hat Karl +berechnet, was wir für eine Durchschnittsnote haben, weißt du, was da +herausgekommen ist? Magst du raten, Vater?" +</p> + +<p> +"Ich kann mich nicht mehr aufhalten, ich muß fort, aber hören möchte ich es +doch noch gerne, eine Durchschnittsnote von allen Sechsen? Zwei bis drei +vielleicht?" +</p> + +<p> +"Nein, denke nur, Vater, eins bis zwei, ist das nicht gut?" +</p> + +<p> +"Recht gut," sagte Herr Pfäffling; er hatte nun schon den Hut auf und Marie +bemerkte noch schnell unter der Türe: "Die Zeugnisheftchen will ich alle in der +Mutter Schreibtisch legen, daß du sie dann einmal unterschreiben kannst." "Ja, +hebe sie nur gut auf," rief Herr Pfäffling noch von der Treppe herauf. +</p> + +<p> +Die kleine List war gelungen, die Heftchen wurden sehr sorgfältig, aber sehr +weit hinten im Schreibtisch geborgen; ungesucht würden sie da niemand in die +Hände fallen. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling freute sich jedesmal auf die Stunden im Zentralhotel, denn es +war dort mehr ein gemeinsames Musizieren als ein Unterrichten und so betrat er +auch heute in fröhlicher Stimmung das Hotel. Diesmal stand die große Flügeltüre +des untern Saales weit offen, Tapezierer waren beschäftigt, die Wände zu +dekorieren, der Besitzer des Hotels stand mitten unter den Handwerksleuten und +erteilte ruhig und bestimmt seine Befehle. "Das ist auch ein General," dachte +Herr Pfäffling, nachdem er einige Augenblicke zugesehen hatte. Große Tätigkeit +herrschte in den untern Räumen. An der angelehnten Türe des Speisezimmers stand +ein kleiner Kellner, die Serviette über dem Arm, einige Flaschen in der Hand +und sah zu, wie eben zwei hohe Tannenbäume in den Saal getragen wurden. Aber +plötzlich fuhr der kleine Bursche zusammen, denn hinter ihm ertönte eine +scheltende Stimme: "Was stehst du da und hast Maulaffen feil, mach daß du an +dein Geschäft gehst!" Es war Rudolf Meier, der den Säumigen so anfuhr. Als er +Herrn Pfäffling gewahrte, grüßte er sehr artig und sagte: "Man hat seine Not +mit den Leuten, heutzutage taugt das Pack nicht viel." Eine Antwort erhielt +Rudolf nicht auf seine Rede, ohne ein Wort ging Herr Pfäffling an ihm vorbei, +die Treppe hinauf. +</p> + +<p> +Rudolf sah ihm nachdenklich nach. Es kam ihm öfters vor, daß er auf seine +verständigsten Reden keine Antwort bekam, und zwar gerade von den Leuten, die +er hoch stellte. Andere rühmten ihn ja oft und sagten ihm, er spreche so klug +wie sein Vater; ob wohl solche Leute, wie Herr Pfäffling noch größere Ansprüche +machten? Rudolf stellte sich die Brüder Pfäffling vor. Wie kindisch waren sie +doch im Vergleich mit ihm, sogar Karl, der älteste; diesen Unterschied mußte +ihr Vater doch empfinden, es mußte ihm doch imponieren, daß er schon so viel +weiter war! Der kleine Kellner konnte es wohl noch bemerkt haben, wie +geringschätzig Herr Pfäffling an ihm vorübergegangen war: so etwas erzählten +sich dann die Dienstboten untereinander und spotteten über ihn, das wußte er +wohl. Ja, er hatte keine leichte Stellung im Haus. +</p> + +<p> +Indessen war Herr Pfäffling die ihm längst vertraute Treppe hinaufgesprungen. +Droben empfing ihn schon das flotte Geigenspiel seiner Schüler, und nun wurde +noch einmal vor Weihnachten ausgiebig musiziert. +</p> + +<p> +"Es wird ein Ball im Hotel arrangiert zur Weihnachtsfeier," erzählte ihm die +Generalin am Schluß der Stunde, "es soll sehr schön werden." +</p> + +<p> +"Ja," sagte der General, "der Hotelier gibt sich alle Mühe, seinen Gästen viel +zu bieten, er ist ein tüchtiger Mann und versteht sein Geschäft ausgezeichnet, +aber sein Sohn <i>spricht</i> nur von Arbeit und tut selbst keine! Der Sohn +wird nichts." +</p> + +<p> +Als Herr Pfäffling sich für die Weihnachtsferien verabschiedet hatte und +hinausging, sah er am Fenster des Korridors eben <i>den</i> Sohn stehen, über +den einen Augenblick vorher das vernichtende Urteil gefällt war: "Er wird +nichts." Kann es ein traurigeres Wort geben einem jungen Menschenkind +gegenüber? Herr Pfäffling konnte diesmal nicht teilnahmslos an ihm +vorübergehen. Rudolf Meier stand auch nicht zufällig da. Er wußte vielleicht +selbst nicht genau, was ihn hertrieb. Es war das Bedürfnis, sich Achtung zu +verschaffen von diesem Mann. Ein anderes Mittel hiezu kannte er nicht, als +seine eigenen Leitungen zur Sprache zu bringen. +</p> + +<p> +"Wünsche fröhliche Feiertage," redete er Herrn Pfäffling an. "Für andere +Menschen beginnen ja nun die Ferien, für uns bringt so ein Fest nur Arbeit." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling blieb stehen. "Ja," sagte er, "ich sehe, daß Ihr Vater sehr viel +zu tun hat, aber wenn die Gäste versorgt sind, haben Sie doch wohl auch Ihre +Familienfeier, Ihre Weihnachtsbescherung?" +</p> + +<p> +"Ne, das gibt es bei uns nicht. Früher war das ja so, als ich klein war und +meine Mutter noch lebte, aber ich bin nicht mehr so kindisch, daß ich jetzt so +etwas für mich beanspruchte. Ich habe auch keine Zeit. Sie begreifen, daß ich +als einziger Sohn des Hauses überall nachsehen muß. Die Dienstboten sind so +unzuverlässig, man muß immer hinter ihnen her sein." +</p> + +<p> +"Lassen sich die Dienstboten von einem fünfzehnjährigen Schuljungen anleiten?" +</p> + +<p> +Rudolf Meier war über diese Frage verwundert. Wollte es ihm denn gar nicht +gelingen, diesem Manne verständlich zu machen, daß er eben kein gewöhnlicher +Schuljunge war? +</p> + +<p> +"Ich habe keinen Verkehr mit Schulkameraden," sagte er, "in jeder freien +Stunde, auch Sonntags, bin ich hier im Hause beschäftigt." +</p> + +<p> +"Sie kommen wohl auch nie in die Kirche?" +</p> + +<p> +"Ich selbst nicht leicht, aber ich bin sehr gut über alle Gottesdienste +unterrichtet. Wir haben oft Gäste, die sich dafür interessieren, und ich weiß +auch allen, gleichviel ob es Christen oder Juden sind, Auskunft zu geben über +Zeit und Ort des Gottesdienstes, über beliebte Prediger, feierliche Messen und +dergleichen. Man muß allen dienen können und darf keine Vorliebe für die eine +oder andere Konfession merken lassen. Wir dürfen ja auch Ausländer nicht +verletzen und müssen uns manche spöttische Äußerung über die Deutschen gefallen +lassen. Das bringt ein Welthotel so mit sich." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling sagte darauf nichts und Rudolf Meier war zufrieden. Das +"Welthotel" war immer der höchste Trumpf, den er ausspielen konnte, und der +verfehlte nie seine Wirkung, auch auf Herrn Pfäffling hatte er offenbar +Eindruck gemacht, denn der geringschätzige Blick, den er vor der Stunde für ihn +gehabt hatte, war einem andern Ausdruck gewichen. +</p> + +<p> +Unten, im Hausflur, stand noch immer die Türe zu dem großen Saal offen, die +Dekoration hatte Fortschritte gemacht, Herr Rudolf Meier sen. stand auf der +Schwelle und überblickte das Ganze, und im Vorbeigehen hörte Herr Pfäffling ihn +zu einem Tapezierer sagen: +</p> + +<p> +"An diesem Fenster ist noch Polsterung anzubringen, damit jede Zugluft von den +Gästen abgehalten wird." +</p> + +<p> +Unser Musiklehrer, dem sonst, wenn er von seinen russischen Schülern kam, die +schönsten Melodien durch den Kopf gingen, war heute auf dem Heimweg in Gedanken +versunken. Er sah vor sich den tüchtigen Geschäftsmann, der in unermüdlicher +Tätigkeit sein Hotel bestellte, der von seinen Gästen jeden schädlichen Luftzug +abhielt, und der doch nicht merkte, wie der einzige Sohn, dem dies alles einst +gehören sollte, in Gefahr war, zugrunde zu gehen. Herr Pfäffling war eine +Straße weit gegangen, da trieben ihn seine Gedanken wieder rückwärts. "Sprich +mit dem Mann ein Wort über seinen Sohn," sagte er sich, "wenn seinem Haus eine +Gefahr drohte, würdest du es doch auch sagen, warum nicht, wenn du siehst, daß +sein Kind Schaden nimmt, daß es höchste Zeit wäre, es den schlimmen Einflüssen +zu entziehen? Es sollte fortkommen vom Hotel, von der großen Stadt, in +einfache, harmlose Familienverhältnisse!" Während sich Herr Pfäffling dies +überlegte, ging er raschen Schritts ins Zentralhotel zurück, und nun stand er +vor Herrn Meier, in dem großen Saal. +</p> + +<p> +Der Hotelbesitzer meinte, der Musiklehrer interessiere sich für die Dekoration +und forderte ihn höflich auf, alles zu besehen. "Ich danke," sagte Herr +Pfäffling, "ich sah schon vorhin, wie hübsch das wird, aber um Ihren Sohn, Herr +Meier, um Ihren Sohn ist mir's zu tun!" +</p> + +<p> +Äußerst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach einem +anstoßenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestört. Wollen Sie Platz nehmen?" +</p> + +<p> +"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich stehe lieber," eigentlich hätte er sagen +sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespräch begonnen, so trieb +ihn der Eifer im Zimmer hin und her. +</p> + +<p> +"Ich meine," sagte er, "über all Ihren Leistungen als Geschäftsmann sehen Sie +gar nicht, was für ein schlechtes Geschäft bei all dem Ihr Kind macht. Ist's +denn überhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie ein Mann und ist doch +kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der tüchtig arbeitet und dann +fröhlich spielt. Er aber tut keines von beiden. In dem Alter, wo er gehorchen +sollte, will er kommandieren, den Herrn will er spielen und hat doch nicht das +Zeug dazu. Er wird kein Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein +Christ, denn er dünkt sich über alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem +Hotel, fort von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da könnte noch etwas +aus ihm werden, aber so nicht!" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling hatte so eifrig gesprochen, daß sein Zuhörer dazwischen nicht zu +Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und kühl: "Ich muß +mich wundern, Herr Pfäffling, daß Sie mir das alles sagen. Wir kennen uns nicht +und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur ganz flüchtig. Mir scheint, Sie +urteilen etwas rasch. Andere sagen mir, daß mein Sohn der geborene +Geschäftsmann ist und schon jetzt einem Haus vorstehen könnte. Wenn er Ihnen so +wenig gefällt, dann bitte kümmern Sie sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes +Kind wohl am besten und werde für sein Wohl sorgen." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie dieser +vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, daß ich Sie gekränkt habe. Das +wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich vergessen, was ich schon so +oft bei den Eltern meiner Schüler erfahren habe, daß es die Menschen nicht +ertragen, wenn man offen über ihre Kinder spricht und wenn es auch aus der +reinsten Teilnahme geschieht. Sagen Sie mir nur das eine, warum würden Sie es +mir danken, wenn ich Ihnen sagte: 'Ihr Kind ist in Gefahr, ins Wasser zu +fallen,' und warum sind Sie gekränkt, wenn ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr +für seinen Charakter?' Darin kann ich die Menschen nie verstehen!" +</p> + +<p> +Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein, +verlangten Bescheid, und Herr Pfäffling machte rasch der Unterredung ein Ende, +indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser Sache gekommen, ich +sehe, Sie sind draußen unentbehrlich und will Sie nicht aufhalten." Er ging, +der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurück. +</p> + +<p> +"Diese Sache ist mißlungen," sagte sich Herr Pfäffling, "ich habe nichts +erreicht, als daß sich der Mann über mich ärgert." Und nun ärgerte auch er +sich, aber nur über sich selbst. Warum hatte er sich seine Worte nicht erst in +Ruhe überlegt und schonend vorgebracht, was er sagen wollte, statt diesen +ahnungslosen Vater mit hageldicken Vorwürfen zu überschütten? Nun ging er mit +sich selbst ebenso streng ins Gericht: "Nichts gelernt und nichts vergessen; +immer noch gerade so ungestüm wie vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und +nachbedacht, trotz aller Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst, +auf die Leute einzuwirken, so laß die Hand davon; kümmere dich um deine eigenen +Kinder, wer weiß, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen." +</p> + +<p> +Nachdem sich Herr Pfäffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er sich +über Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen eigenen Kindern. +Nun kam ihm wieder die Pfäfflingsche Note in den Sinn: eins bis zwei. Er dachte +in dieser Richtung noch weiter nach, und die Folge davon war, daß er nach +seiner Rückkehr dem ersten, der ihm zu Hause in den Weg lief, zurief: +</p> + +<p> +"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich will sie +sehen!" +</p> + +<p> +Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse müssen +her, der Vater will sie sehen!" flüsterte eines dem andern zu. "Warum denn, +warum?" Niemand wußte Antwort, aber jetzt half keine List mehr, Marie mußte die +Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck und sie hinübertragen in des +Vaters Zimmer. +</p> + +<p> +"Ich habe das deinige ein wenig versteckt," sagte sie zu Wilhelm, als sie +wieder herüberkam, "vielleicht übersieht es der Vater." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling kannte seine Kinder viel zu gut, als daß er ihre kleine List mit +der guten Durchschnittsnote nicht durchschaut hätte. "Irgend etwas ist sicher +nicht in Ordnung," sagte er sich, "gewiß sind ein paar fatale Dreier da, oder +eine schlechte Bemerkung über das Betragen." Er überblickte die kleine +Ausstellung auf seinem Tisch. Da lag zuvorderst Karls Zeugnisheft. Dies hielt +sich so ziemlich gleich, jahraus, jahrein, nie vorzüglich, immer gut. Es gab +das Bild eines gewissenhaften Schülers, aber nicht eines großen +Sprachgelehrten. +</p> + +<p> +Dann Otto. In den meisten Fächern I. So einen konnte man freilich gut brauchen, +wenn sich's um eine Durchschnittsnote handelte, der konnte viele Sünden anderer +gut machen. +</p> + +<p> +Maries Heftchen zeigte die größte Verschiedenheit in den Noten. Wo die +Geschicklichkeit der Hand in Betracht kam und der praktische Sinn, da war sie +vorzüglich, in Handarbeit, Schönschreiben, Zeichnen, da tat sie sich hervor, +aber bei der rein geistigen Arbeit war selten eine gute Note zu sehen. Und von +Anne konnte man das auch nicht erwarten, denn sie war von der Natur ein wenig +verkürzt, das Lernen fiel ihr schwer, ohne Maries Hilfe wäre sie wohl nicht mit +ihrer Klasse fortgekommen, aber die Lehrer und Lehrerinnen hatten sich längst +darein gefunden, bei diesen Zwillingsschwestern das gemeinsame Arbeiten zu +gestatten und die Marianne als ein Ganzes zu betrachten. So schlugen sie sich +schlecht und recht miteinander durch und unter Annes Noten glänzten doch immer +zwei I, durch alle Schuljahre hindurch: im Singen und im Betragen. +</p> + +<p> +Bis jetzt hatte Herr Pfäffling noch nichts Neues oder Besonderes entdecken +können und nun hielt er Frieders Zeugnis in der Hand und staunte. Was für gute +Noten hatte sich der kleine Kerl diesmal erworben! Fast in jedem Fach besser +als früher und in einer Bemerkung des Lehrers waren seine Fortschritte und sein +Fleiß besonders anerkannt! Wie kam das nur? Es mußte wohl mit der Harmonika +zusammenhängen, die ihm früher alle Gedanken, alle freie Zeit in Anspruch +genommen hatte! Herr Pfäffling hatte seine Freude daran und es kam ihm der +Gedanke, seine Kinder seien vielleicht doch nur durch die besseren Zeugnisse +auf den Einfall gekommen, eine Durchschnittsnote herauszurechnen. Wieviel +Heftchen hatte er schon gesehen? Fünf, eines fehlte noch, Wilhelms Zeugnis, wo +war denn das? Ah, hinter den Büchern, hatte es sich wohl zufällig verschoben? +Er warf nur einen Blick hinein und die ungewohnte Form der Zahl IV sprang ihm +ins Auge. Also das war's! Mathematik IV. Das war stark. Herr Pfäffling lief im +Zimmer hin und her. Wie konnte man nur eine so schlechte Note heimbringen! Und +wie feig, sie so zu verstecken, und wie dumm, zu meinen, der Vater ließe sich +auf diese Weise überlisten! Schlechtere Noten konnte Rudolf Meier auch nicht +heimbringen. +</p> + +<p> +Er nahm das Heftchen noch einmal in die Hand. Im ganzen war das Zeugnis etwas +besser als die früheren, also Faulheit oder Leichtsinn war es wohl nicht, aber +für die Mathematik fehlte das Verständnis. +</p> + +<p> +Eine Weile war Herr Pfäffling auf und ab gegangen, da hörte er jemand an seiner +Türe vorbeigehen und öffnete rasch, um Wilhelm zu rufen. Es war Elschen. Als +sie den Vater sah, sprang sie auf ihn zu, sah ihm fragend ins Gesicht und sagte +dann betrübt: "Vater, du denkst gar nicht daran, daß morgen Weihnachten ist!" +und sie schmiegte sich an ihn und folgte ihm in sein Zimmer. Er zog sie +freundlich an sich: "Es ist wahr, Elschen, ich habe nicht daran gedacht, es ist +gut, daß du mich erinnerst." +</p> + +<p> +"Die andern denken auch nicht daran," klagte die Kleine, "sie reden immer nur +von ihren Zeugnissen und freuen sich gar nicht." +</p> + +<p> +"So?" sagte Herr Pfäffling und wurde nachdenklich, "am Tag vor Weihnachten +freuen sie sich nicht? Nun, dann schicke sie mir einmal alle sechs herüber, ich +will machen, daß sie sich freuen!" +</p> + +<p> +Wie der Wind fuhr die Kleine durch die Zimmer und brachte ihre Geschwister +zusammen. Nun standen sie alle ein wenig ängstlich auf einem Trüppchen dem +Vater gegenüber. Es fiel ihm auf, wie sie sich so eng aneinander drückten. Aus +diesem Zusammenhalten war auch die Durchschnittsnote hervorgegangen. +</p> + +<p> +"Ihr haltet alle fest zusammen," sagte er, "das ist ganz recht, nur gegen mich +dürft ihr euch nicht verbinden, mit List und Verschwiegenheit, das hat ja +keinen Sinn! Gegen den <i>Feind</i> verbindet man sich, nicht gegen den +<i>Freund</i>. Habt ihr einen treuern Freund als mich? Halte ich nicht immer zu +euch? Wir gehören zusammen, zwischen uns darf nichts treten, auch kein Vierer!" +</p> + +<p> +Da löste sich die Gruppe der Geschwister und in der lebhaften, warmen Art, die +Wilhelm von seinem Vater geerbt hatte, warf er sich diesem um den Hals und +sagte: "Nein, Vater, ich habe dir nichts verschweigen wollen, nur Weihnachten +wollte ich abwarten, damit es uns nicht verdorben wird, du bist doch auch mit +mir auf die Polizei gegangen, nein, vor dir möchte ich nie etwas +verheimlichen!" +</p> + +<p> +"Recht so, Wilhelm," antwortete Herr Pfäffling, "was käme denn auch Gutes dabei +heraus? Es ist viel besser, wenn ich alles erfahre, dann kann ich euch helfen, +wie auch jetzt mit dieser schlechten Note. Was machen wir, daß sie das nächste +Mal besser ausfällt? Nachhilfstunden kann ich euch nicht geben lassen, die sind +unerschwinglich teuer, mit meinen mathematischen Kenntnissen ist es nicht mehr +weit her, aber wie wäre es denn mit dir, Karl? Du bist ja ein guter +Mathematiker und hast das alles erst voriges Jahr gelernt, du könntest dich +darum annehmen. Jede Woche zwei richtige Nachhilfstunden." Karl schien von +diesem Lehrauftrag nicht begeistert. "Ich habe so wenig Zeit," wandte er ein. +</p> + +<p> +"Das ist wahr, aber du wirst auch keinen bessern Rat wissen und den Vierer +müssen wir doch wegbringen, nicht? Gebt einmal den Kalender her. Von jetzt bis +Ostern streichen wir fünfundzwanzig oder meinetwegen auch nur zwanzig Tage an +für eine Mathematikstunde. Fällt eine aus, so muß sie am nächsten Tag +nachgeholt werden. Ich verlasse mich auf euch. Macht das nur recht geschickt, +dann werdet ihr sehen, im Osterzeugnis gibt es keinen Vierer mehr." Die Brüder +nahmen den Kalender her, suchten die geeigneten Wochentage aus und ergaben sich +in ihr Schicksal, Lehrer und Schüler zu sein. +</p> + +<p> +"So," sagte Herr Pfäffling, "und jetzt fort mit den Zeugnissen, fort mit den +Mathematik-Erinnerungen; Elschen, jetzt ist's bei uns so schön wie in der +Sahara, wo es keine Schule gibt! Wer freut sich auf Weihnachten?" Während des +lauten, lustigen Antwortens, das nun erklang, und Elschens fröhlichem Jauchzen +ging leise die Türe auf, ein Lockenköpfchen erschien und eine zarte Stimme +wurde vernommen: "Ich habe schon drei Mal geklopft, Herr Pfäffling, aber Sie +haben gar nicht 'herein' gerufen." +</p> + +<p> +Es war Fräulein Vernagelding, die zu ihrer letzten Stunde kam. Noch immer hatte +sie Herrn Pfäffling allein im Musikzimmer getroffen, als sie nun unerwartet die +Kinder um ihn herum sah, machte sie große, erstaunte Augen und rief: "Nein, wie +viele Kinder Sie haben!" aber noch ehe sie langsam diese Worte gesprochen +hatte, waren alle sieben schon verschwunden. "Und jetzt sind alle fort! Wie +schnell das alles bei Ihnen geht, Herr Pfäffling, ich finde das so reizend!" +</p> + +<p> +Die fliehende Schar suchte die Mutter auf und fand sie in der Küche. Als aber +Frau Pfäffling die Kinder kommen hörte, ließ sie sie nicht ein, machte nur +einen Spalt der Türe auf und rief: "Niemand darf hereinschauen," und sie sah +dabei so geheimnisvoll, so verheißungsvoll aus, daß das Verbot mit lautem Jubel +aufgenommen wurde. Ja, jetzt beherrschte die Weihnachtsfreude das ganze Haus +und sogar aus dem Musikzimmer ertönte nicht die Tonleiter, sondern "Stille +Nacht, heilige Nacht". Aber falsch wurde es gespielt, o so falsch! +</p> + +<p> +"Fräulein," sprach der gepeinigte Musiklehrer, "Sie greifen wieder nur so auf +gut Glück, aber Sie haben einmal kein Glück, Sie müssen <i>die</i> Noten +spielen, die da stehen." +</p> + +<p> +"Ach Herr Pfäffling," bat das Fräulein schmeichelnd, "seien Sie doch nicht so +pedantisch! Das ist ja ein Weihnachtslied, dabei kommt es doch nicht so auf +jeden Ton an!" Nach diesem Grundsatz spielte sie fröhlich weiter und nun, als +der Schlußakkord kommen sollte, hörte sie plötzlich auf und sagte: "Ich habe +mir auch erlaubt, Ihnen eine kleine Handarbeit zu machen zum täglichen +Gebrauch, Herr Pfäffling." +</p> + +<p> +"Den Schlußakkord, Fräulein, bitte zuerst noch den Akkord!" Da sah sie ihren +Lehrer schelmisch an: "Den letzten Akkord spiele ich lieber nicht, denn Sie +werden immer am meisten böse, wenn der letzte Ton falsch wird." +</p> + +<p> +"Aber Sie können ihn doch nicht einfach weglassen?" +</p> + +<p> +"Nicht? Das Lied könnte doch auch um so ein kleines Stückchen kürzer sein?" +</p> + +<p> +Darauf wußte Herr Pfäffling nichts mehr zu sagen. Er nahm ein in rosenrotes +Seidenpapier gewickeltes Päckchen in Empfang und sagte zuletzt zu Fräulein +Vernagelding, er wolle ihr nicht zumuten, vor dem 8. Januar wieder zu kommen. +Darüber hatte sie eine kindliche Freude, und diese Freude, vierzehn Tage lang +nichts mehr miteinander zu tun zu haben, war wohl die einzige innere +Gemeinschaft zwischen dem Musiklehrer und seiner Schülerin. +</p> + +<p> +In vergnügter Ferienstimmung kam er in das Wohnzimmer herüber. Er hielt hoch in +seiner Rechten das eine Ende eines buntgestickten Streifens, das über einen +Meter lang herunter hing. +</p> + +<p> +"Da seht, was ich erhalten habe!" sagte er, "was soll's denn wohl sein? Zu +einem Handtuch ist's doch gar zu schön, kannst du es verwenden, Cäcilie?" Da +wurde es mit Sachkenntnis betrachtet und als eine Tastendecke für das Klavier +erkannt. +</p> + +<p> +"Und das soll ich in täglichen Gebrauch nehmen, immer so ein Tüchlein +ausbreiten?" rief Herr Pfäffling erschreckt; "nein, Fräulein Vernagelding, das +ist zu viel verlangt. Ich bitte dich, Cäcilie, ich bitte dich, nimm mir das +Ding da ab!" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling hatte bis zum späten Abend keine Gelegenheit gefunden, seiner +Frau von dem Gespräch mit Herrn Rudolf Meier sen. zu erzählen. Nun waren die +Kinder zu Bett gegangen, Karl allein saß noch mit den Eltern am Tisch, und Herr +Pfäffling berichtete getreulich die Vorgänge im Zentralhotel. Er stellte sich +selbst dabei nicht in das beste Licht, aber Frau Pfäffling war der Ansicht, daß +Herr Meier die Kritik seines Sohnes wohl auch in milderer Form übelgenommen +hätte. "Es gibt so wenig Menschen, die sich Unangenehmes sagen lassen," meinte +sie. "Und wenige, die es taktvoll anfassen," sprach Herr Pfäffling und fügte +lächelnd hinzu: "wo aber zwei solche zusammen kommen, gibt es leicht ein +glückliches Paar, nicht wahr?" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling wußte, was ihr Mann damit sagen wollte, aber Karl sah +verständnislos darein. "Du weißt nicht, was wir meinen," sagte der Vater zu +ihm, "soll ich es dir erzählen, oder ist er noch zu jung dazu, Cäcilie?" +</p> + +<p> +"O nein," rief Karl, "bitte, erzähle es!" +</p> + +<p> +"Soll ich? Nun also: Wie die Mutter noch ein junges Mädchen war und dein +Großvater Professor, da kam ich als blutjunger Musiklehrer in die kleine +Universitätsstadt und machte überall meine Aufwartung, um mich vorzustellen. +Fast zuerst machte ich bei deinen Großeltern Besuch. Es war Regenwetter und ich +trug einen langen braunen Überrock und hatte den Regenschirm bei mir." +</p> + +<p> +"Du mußt auch sagen, was für einen Schirm," fiel Frau Pfäffling ein, "einen +dicken baumwollenen grünen, so ein rechtes Familiendach, wie man sie jetzt gar +nicht mehr sieht. Mit diesem Überrock und diesem Schirm trat dein Vater in +unser hübsches, mit Teppichen belegtes Empfangszimmer, und er behielt den +Schirm auch fest in der Hand, als mein Vater ihn aufforderte, Platz zu nehmen. +Meine Mutter war nicht zu Hause, so war ich an ihrer Stelle, und mir, die ich +noch ein junges, dummes Mädchen war, kam das so furchtbar komisch vor, daß ich +alle Mühe hatte, mein Lachen zu unterdrücken." +</p> + +<p> +"Ja," sagte Herr Pfäffling, "du hast es auch nicht verbergen können, sondern +hast mich fortwährend mit strahlender Heiterkeit angesehen, und um deine +Mundwinkel hat es immerwährend gezuckt. Ich aber hatte keine Ahnung, was die +Ursache war. Dein Vater verwickelte mich gleich in ein gelehrtes Gespräch, und +wenn ich dazwischen hinein einen Blick auf dich warf, so kam es mir wunderlich +vor, daß du wie die Heiterkeit selbst dabei warst. Aber nun paß auf, Karl, nun +kommt das Großartige. Als ich wieder aufstand, äußerte ich, daß ich im +Nebenhaus bei Professer Lenz Besuch machen wollte." +</p> + +<p> +"Ja," sagte Frau Pfäffling "und ich wußte, daß Lenzens zwei Töchter hatten, so +kleinlich lieblos und spöttisch, daß jedermann sie fürchtete. Ich dachte bei +mir: wenn der junge Mann im Überrock und mit dem Schirm in der Hand bei +Professer Lenz in den Salon tritt, so wird er zum Gespött für den ganzen Kreis. +Da dauerte er mich, und ich sagte mir, ich sollte ihn aufmerksam machen, doch +war ich schüchtern und ungeschickt." +</p> + +<p> +"Du hast mich auch bis an die Türe gehen lassen," fiel Herr Pfäffling ein, "ich +hatte schon die Klinke in der Hand, da riefst du mich an, wurdest dunkelrot +dabei und sagtest: 'Herr Pfäffling, wollen Sie nicht lieber ihren Überrock und +Schirm ablegen?' Ich verstand nicht gleich, was du meintest, wollte dir doch zu +Willen sein und machte Anstalt, meinen Überrock auszuziehen. Da war es aus mit +deiner Fassung, du lachtest laut und riefst: 'Ich meine nicht, wenn Sie gehen, +sondern wenn Sie kommen!' Dein Vater aber wies dich zurecht mit einem strengen +Wort und setzte mir höflich auseinander, daß es allerdings gebräuchlich sei, im +Vorplatz abzulegen; du aber warst noch immer im Kampf mit der Lachlust." +</p> + +<p> +"Ja," sagte Frau Pfäffling, "so lange bis du freundlich und ohne jede +Empfindlichkeit zu mir sagtest: 'Lachen Sie immerhin über den Rüpel, Sie haben +es doch gut mit ihm gemeint, sonst hätten Sie ihm das nicht gesagt.' Da verging +mir das Lachen, weil die Achtung kam." +</p> + +<p> +"Ja, Karl, so haben sich deine Eltern kennen gelernt," schloß Herr Pfäffling. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap08"></a>8. Kapitel<br/> +Endlich Weihnachten.</h2> + +<p> +Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute ist +Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an keinem +anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht und gern aus +den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so dienstfertig und +hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch der Mutter helfen aus +Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um 6 Uhr mit der Bescherung +fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob gerne eines der Kinder dem andern die +Pflicht zu, aufzumachen, wenn geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um +die Wette, wenn die Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas +Besonderes erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der +treuen Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche +befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht hätte. +</p> + +<p> +Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der etwas +holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus dem Nebenhaus, +die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die allerlei zurechtgelegt +war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber damit war Frau Pfäffling nicht +einverstanden. "Marianne," sagte sie, "führt ihr die Kleinen in euer Stübchen +und spielt ein wenig mit ihnen, bis ich sie wieder hole." Als die Kinder weg +waren, sagte Frau Pfäffling: "Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst +sehen sie ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir +einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?" "Ach," entgegnete die +Frau, "darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder nehmen es, wenn sie's +kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken will, sie kommen doch dahinter +und dann betteln sie und lassen einem keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. +Bis Weihnachten kommt, ist auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa +Gutes für sie bekommen hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen +Leuten, aber bei uns war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend." +</p> + +<p> +"Wir sind auch keine reichen Leute, Schmidtmeierin, aber wenn ich auch noch +viel ärmer wäre, das weiß ich doch ganz gewiß, daß ich meinen Kindern einen +schönen heiligen Abend machen würde. Meine Kinder bekommen auch nicht viel—das +können Sie sich denken bei sieben—aber weil keines vorher ein Stückchen sieht, +so ist dann die Überraschung doch groß. Glauben Sie, daß irgend eines von uns +einen Lebkuchen oder sonst etwas von dem Weihnachtsgebäck versuchen würde vor +dem heiligen Abend? Das käme uns ganz unrecht vor. Und wenn der Christbaum +geputzt wird, darf keines von den Kinder hereinschauen, erst wenn er angezündet +ist und alles hingerichtet, rufen wir sie herbei, mein Mann und ich, und dann +sind sie so überrascht, daß sie strahlen und jubeln vor Freude, wenn auch gar +keine großen Geschenke daliegen." +</p> + +<p> +"Bei Ihnen ist das eben anders, Frau Pfäffling, mein Mann hat keinen Sinn für +so etwas und will kein Geld ausgeben für Weihnachten." +</p> + +<p> +"Haben Sie kein Bäumchen kaufen dürfen?" fragte Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Das schon," sagte die Schmidtmeierin, "er hat selbst eines heimgebracht und +Lichter dazu." +</p> + +<p> +"Nun sehen Sie, was braucht es denn da weiter? Ein sauberes Tuch auf den Tisch +gebreitet und die kleinen Sachen darauf gelegt, die ich Ihnen hier zusammen +gerichtet habe, das wäre schon genug für Kinder, aber ich denke mir, daß Sie +noch von anderen Familien, denen Sie aushelfen, etwas bekommen, oder nicht?" +</p> + +<p> +"Frau Hartwig hat mich angerufen, ich solle nachher zu ihr herein kommen, sie +habe etwas für mich und die Kinder." +</p> + +<p> +"So lange lassen Sie die Kleinen bei uns, und in einem andern Jahr tragen Sie +alles heimlich nach Hause, dann wird bei Ihnen der Jubel gerade so groß wie im +reichsten Haus, und Ihr Mann wird sich dann schon auch daran freuen." +</p> + +<p> +"Es ist wahr," sagte die Schmidtmeierin, "er hat am vorigen Sonntag gezankt, +weil ich den Kindern die neuen Winterkleider, die sie von der Schulschwester +bekommen haben, vor Weihnachten angezogen habe. Aber sie haben so lang +gebettelt und nicht geruht, bis ich ihnen den Willen getan habe." +</p> + +<p> +"Aber Schmidtmeierin, da würde ich doch lieber tun, was der Mann will, als was +die Kinder verlangen und erbetteln! Was wäre das jetzt für eine Freude, wenn +die Kleidchen noch neu auf dem Tisch lägen! So würde mein Mann auch den Sinn +für Weihnachten verlieren. Das müssen Sie mir versprechen, Schmidtmeierin, daß +Sie meine Sachen, und die von Frau Hartwig, und was etwa sonst noch kommt, +verstecken, und dann eine schöne Bescherung halten. Wo können denn Ihre Kinder +bleiben, solange Sie herrichten, ist's zu kalt in der Kammer?" +</p> + +<p> +"Kalt ist's, aber ich stecke sie eben ins Bett so lang!" +</p> + +<p> +"Ja, das tun Sie. Und noch etwas: können die Kinder nicht unter dem Christbaum +dem Vater ein Weihnachtslied hersagen, aus der Kinderschule? Das gehört auch +zur rechten Feier. Und wenn Sie noch von Ihrem Waschlohn ein paar Pfennige +übrig hätten, dann sollten Sie für den Mann noch einen Kalender kaufen, oder +was ihn sonst freut, und dann erzählen Sie mir, Schmidtmeierin, ob er wirklich +keine Freude gehabt hat am heiligen Abend, und ob es nicht schön bei Ihnen +war." +</p> + +<p> +"Ich mach's wie Sie sagen, Frau Pfäffling, und ich danke für die vielen Sachen, +die Sie mir zusammengerichtet haben." +</p> + +<p> +"Es ist recht, Schmidtmeierin, aber glauben Sie mir's nur, die Sachen allein, +und wenn es noch viel mehr wären, machen kein schönes Fest, das können nur Sie +machen für Ihre Familie; fremde Leute können die Weihnachtsfreude nicht ins +Haus bringen, das muß die Mutter tun, und die Reichen können die Armen nicht +glücklich machen, wenn die nicht selbst wollen." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling hielt die fremden Kinder noch eine gute Weile zurück; als diese +endlich heimkamen, waren alle Schätze im Schrank verborgen und der Schlüssel +abgezogen. +</p> + +<p> +Da sich aber die Kinder schon darauf gefreut hatten, fingen sie an, darum zu +betteln und schließlich laut zu heulen. Damit setzten sie gewöhnlich bei der +Mutter ihren Willen durch. Heute aber nicht; "brüllt nur recht laut," sagte die +Schmidtmeierin, "damit man es im Nebenhaus hört. Nichts Gutes gibt's heute, +nichts Schönes, erst am Abend, wenn ihr dem Vater eure Lieder aufsagt. Bei +Pfäfflings ist's auch so." +</p> + +<p> +Da ergaben sich die Kinder. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling und Walburg hatten noch alle Hände voll zu tun mit +Vorbereitungen auf das Fest. Aber die Arbeit geschah in fröhlicher Stimmung. +"Man muß sich seine Feiertage verdienen," sagte Frau Pfäffling und rief die +Kinder zu Hilfe, die Buben so gut wie die Mädchen. +</p> + +<p> +"Oben auf dem Boden hängen noch die Strümpfe von der letzten Wäsche," sagte +sie, "die sollten noch abgezogen werden. Das könnt ihr Buben besorgen." Wilhelm +und Otto sprangen die Treppe hinauf. Auf dem freien Bodenraum war ein Seil +gespannt, an dem eine ungezählte Menge Pfäffling'scher Strümpfe hing. Walburg +war eine große Person und pflegte das Seil hoch zu spannen, die Kinder konnten +die hölzernen Klammern nicht erreichen, mit denen die Strümpfe angeklemmt +waren. "Einen Stuhl holen und hinaufsteigen," schlug Otto vor, aber Wilhelm +fand das unnötig, "Hochspringen und bei jedem Sprung eine Klammer wegnehmen," +so war es lustiger. Er probierte das Kunststück und brachte es fertig, Otto +gelang es nicht auf den ersten Sprung, und ein Trampeln und Stampfen gab es bei +allen beiden. Sie bemerkten nicht, daß die Türe von Frau Hartwigs Bodenkammer +offen stand und die Hausfrau, die eben ihren Christbaumhalter hervorsuchte, +ganz erschrocken über den plötzlichen Lärm herauskam und rief: "Was treibt ihr +denn aber da oben, ihr Kinder?" +</p> + +<p> +"Wir nehmen bloß die Strümpfe ab", sagte Otto. "So tut es doch nicht, wenn man +Strümpfe abzieht," entgegnete Frau Hartwig. "Wir müssen eben darnach springen," +sagte Wilhelm, "sehen Sie, so machen wir das," und mit einem Hochsprung hatte +er wieder eine Klammer glücklich erfaßt, der Strumpf fiel herunter. +</p> + +<p> +"Aber Kinder, so fallen sie ja alle auf den Boden!" sagte die Hausfrau. +</p> + +<p> +"Es sind ja nur Strümpfe," entgegnete Wilhelm, "die sind schon vorher grau und +schwarz, denen schadet das nichts." +</p> + +<p> +Eine kleine Weile stand Frau Hartwig dabei und machte sich ihre Gedanken. +Welche Arbeit, für soviel Füße sorgen zu müssen! Fast alle Strümpfe schienen +zerrissen! Und welche Körbe voll Flickwäsche mochten sonst noch da unten stehen +und auf die Hände der vielbeschäftigten Hausfrau warten, die doch kein Geld +ausgeben konnte für Flickerinnen! Ob es nicht Christenpflicht wäre, da ein +wenig zu helfen? +</p> + +<p> +Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Brüder mit dem Bescheid herunter: Die +meisten Strümpfe seien noch zu feucht, die Hausfrau meine, sie müßten noch +hängen bleiben. Frau Pfäffling achtete im Drang der Arbeit kaum darauf und +dachte nicht, daß Frau Hartwig kurz entschlossen den ganzen Schatz +Pfäffling'scher Strümpfe heruntergenommen hatte, und ihnen nun mit Trocknen und +Bügeln viel mehr Ehre erwies, als diese es sonst erfuhren. Dann stapelte sie +den Vorrat auf, legte sich das Nötige zum Ausbessern zurecht und sagte sich: +Das gibt auch eine Weihnachtsüberraschung und wird nach Jesu Sinn keine +Feiertags-Entheiligung sein. +</p> + +<p> +Inzwischen war es Mittag geworden. Heute gab es bei Pfäfflings ein kärgliches +Essen. Mit Wassersuppe fing es an, und die Mutter redete den Kindern zu: +"Haltet euch nur recht an die Suppe, es kommt nicht viel nach!" "Warum denn +nicht?" fragte Elschen bedenklich. Die Antwort kam von vielen Seiten zugleich. +"Weil Weihnachten ist. Weißt du das noch nicht? Vor dem heiligen Abend gibt es +nie etwas ordentliches zu essen. Die Walburg hat auch keine Zeit zu kochen." +"Ja," sagte Frau Pfäffling, "und selbst wenn sie Zeit hätte, heute Mittag müßte +das Essen doch knapp sein, damit man sich recht freut auf die Lebkuchen und auf +den Gansbraten, den es morgen gibt." Walburg brachte noch gewärmte Reste vom +gestrigen Tag herein, und als diese alle verteilt waren, sagte Herr Pfäffling: +"Wer jetzt noch Hunger hat, kann noch Brot haben und darf dabei an ein großes +Stück Braten denken!" +</p> + +<p> +"Und nun," sagte die Mutter, "hinaus aus dem Wohnzimmer; wenn ihr wieder herein +dürft, dann ist Weihnachten!" Da stob die ganze Schar jubelnd davon; wenn man +nicht mehr in das Zimmer herein durfte, ja dann wurde es Ernst! +</p> + +<p> +Die Eltern standen beisammen und putzten den Baum, Frieders Baum. Die kleinen +Schäden, die er auf seinen vielen Wanderungen erlitten hatte, wurden sorgfältig +verdeckt, und bald stand er in seinem vollen Schmuck da, mit goldenen Nüssen +und rotbackigen Äpfeln, mit bunten Lichtern und oben auf der Spitze schwebte +ein kleiner Posaunenengel. Es gab in andern Häusern feiner geschmückte +Tannenbäume mit Winterschnee und Eiszapfen, es gab auch solche, die mit bunten +Ketten und Kugeln, mit Papierblumen und Flittergold so überladen waren, daß das +Grün des Baumes kaum mehr zur Geltung kam. Pfäfflings Baum hatte von all dem +nichts, er war noch ebenso, wie ihn Großvater Pfäffling und Großmutter Wedekind +vor dreißig Jahren ihren Kindern geschmückt hatten, und weil ihre seligsten +Kindheitserinnerungen damit verbunden waren, mochten sie nichts daran ändern. +Mit der Krippe, die unter dem Baum aufgestellt wurde, war es anders. Die feinen +Wachsfiguren, die Tiere, die dazu gehörten, standen nicht jedes Jahr gleich. +Nach den Bildern, die uns schon die alten deutschen Künstler gezeichnet haben, +und in denen unsere Maler uns auch jetzt noch die heilige Nacht darstellen, +nach diesen verschiedenen Bildern wurden die Krippenfiguren in jedem Jahr +wieder anders aufgestellt, das war Herrn Pfäfflings Anteil an dem Herrichten +des Weihnachtszimmers. Wenn aber die Tische gestellt waren, und wenn die +mühsame Arbeit des Einräumens von Puppenzimmer, Küche und Kaufladen begann, +dann verschwand der Herr des Hauses aus dem Gebiet und übernahm die Aufsicht +über die mutterlose Kinderschar, damit sie nicht in Ungeduld und Langeweile auf +allerlei Unarten verfiel. Gegen vier Uhr, als es dunkelte, zogen sie zusammen +fort nach der Kirche, in der jedes Jahr um diese Zeit ein Gottesdienst gehalten +wurde, so kurz und doch so feierlich wie kein anderer im Jahr: Ein +Weihnachtslied, das Weihnachtsevangelium und ein paar Worte, nur wie ein warmer +Segenswunsch des Geistlichen. Es war genug, um in den Herzen der jungen und +alten Zuhörer die rechte Weihnachtsstimmung zu wecken. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling hörte ihre Schar heimkommen, sie sah ein wenig heraus aus dem +Weihnachtszimmer und schob etwas durch den Türspalt, es war eine Handvoll +Backwerk, das etwas Schaden gelitten hatte durch die Verpackung: "Das ist etwas +zum versuchen," rief sie, "das ist zerbrochen aus der Großmutter Paket +gekommen, teilt euch darein! und dann zieht frische Schürzen an und sagt auch +Walburg, daß sie sich bereit macht, nun wird bald alles fertig sein!" Der +Mutter Angesicht leuchtete verheißungsvoll, es rief auf allen Kindergesichtern +das gleiche Strahlen hervor. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling war bei seiner Frau, er half bei den letzten Vorbereitungen. +"Jetzt wären wir so weit," sagte er, "können wir den Baum anzünden?" +</p> + +<p> +"Wenn du einen kleinen Augenblick warten wolltest," erwiderte sie, "ich bin so +müd und möchte nur ein ganz klein wenig ruhen, um für den großen Jubel Kraft zu +sammeln." +</p> + +<p> +"Freilich, freilich," sagte Herr Pfäffling, "die Kinder können sich wohl noch +eine Viertelstunde gedulden, setze dich hieher, ruhe ein wenig und schließe die +Augen." +</p> + +<p> +"O, das tut gut," antwortete sie und lehnte sich still zurück. Aber nur drei +Minuten, dann stand sie wieder auf. "Nun bin ich schon wieder frisch, und ich +kann jetzt doch nicht ruhen, ich spüre die siebenfache Unruhe, die klopfenden +Herzen der Kinder da draußen, wir wollen anzünden." Bald strahlten die Lichter +an dem Baum, die großen Kerzen in den silbernen Leuchtern, die die Tische +erhellten, und die kleinen Lichtchen in Puppenstube und Küche. Und nun ein +Glockenzeichen und die Türe weit auf! Sie drängen alle herein, die Kinder und +Walburg hinter ihnen. Dem Christbaum gelten die ersten Ausrufe der Bewunderung; +solange er die Blicke fesselt, ist's noch eine weihevolle Stimmung, ein Staunen +und seliges Widerstrahlen; dann wenden sich die Augen der Bescherung zu, nun +geht die beschauliche Freude über, immer lauter und jubelnder wird das +Kinderglück. +</p> + +<p> +War denn so Herrliches auf dem Gabentisch? Viel Kostbares war nicht dabei, aber +es war alles überraschend und jedes kleine Geschenk war sinnig auf den +Empfänger berechnet und manches erhielt durch einen kleinen Vers, den der Vater +dazu gemacht hatte, noch einen besonderen Reiz. Wenn eines der Kinder nach den +Eltern aufblickte, so sah es Liebe und Güte, wenn es einem der Geschwister ins +Gesicht sah, so glänzte dies in Glück und Freude, und über all dem lag der Duft +des Tannenbaums—ja die Fülle des Glückes bringt der Weihnachtsabend! +</p> + +<p> +Frau Pfäffling berührte ihren Mann und sagte leise: "Sieh dort, den Frieder!" +An dem Plätzchen des großen Tisches, das ihm angewiesen war, stand schon eine +ganze Weile Frieder unbeweglich und sah mit staunenden, zweifelnden Augen auf +das, was vor ihm lag: Eine Violine! Und nun nahm er den kleinen Streifen +Papier, der daran gebunden war, und las das Verschen: +</p> + +<p class="poem"> +Fideln darfst du, kleiner Mann,<br/> +Vater will dir's zeigen.<br/> +Aber merk's und denk daran:<br/> +Immerfort zu geigen<br/> +Tut nicht gut und darf nicht sein.<br/> +Halte fest die Ordnung ein:<br/> +Eine Stund' am Tag, auch zwei,<br/> +Doch nicht mehr, es bleibt dabei. +</p> + +<p> +"Mutter!" rief jetzt Frieder, "Mutter, hast du's schon gesehen?" Er drängte +sich zu ihr und zog sie an seinen Platz und fragte: "Darf ich sie gleich +probieren?" Und er nahm die kleine Violine, und da die Geschwister ihm nicht +viel Platz ließen, drückte er sich hinter den Christbaum und fing ganz sachte +an, leise über die Saiten zu streichen und zarte Töne hervorzulocken. Und er +sah und hörte nichts mehr von dem, was um ihn vorging, und mühte und mühte +sich, denn er wollte <i>reine</i> Töne, dieser kleine Pfäffling. Die Eltern +sahen sich mit glücklichem Lächeln an: "Dies Weihnachten vergißt er nicht in +seinem Leben," sagte Frau Pfäffling. "Ja," erwiderte ihr Mann, "und auf diesen +kleinen Schüler braucht mir wohl nicht bange zu sein!" +</p> + +<p> +"Vater, hast du gesehen?" riefen nun wieder zwei Stimmen. "Was ist's, +Marianne?" +</p> + +<p> +"Ein Päckchen feinste Glacéhandschuhe hat uns Fräulein Vernagelding geschickt!" +</p> + +<p> +"Was? Euch Kindern, was tut <i>ihr</i> denn damit?" +</p> + +<p> +"Wir ziehen sie an, Vater, viele Kinder in unserer Schule haben welche." +</p> + +<p> +"Nun, wenn nur ich sie nicht tragen muß!" +</p> + +<p> +Es gab jetzt ein großes Durcheinander, denn die Brüder probierten ihre neuen +Schlittschuhe an, liefen damit hin und her, fielen auch gelegentlich auf den +Boden. Im untern Stock erzitterte die Hängelampe. "Man könnte meinen, es sei +ein Erdbeben, die da droben sind heute ganz außer Rand und Band!" sagte Herr +Hartwig zu seiner Frau. "Weihnachtsabend!" entgegnete sie, und das eine Wort +beschwichtigte den Hausherrn. Auch hörte das Getrampel der Kinderfüße plötzlich +auf, es wurde ganz stille im Haus, nur eine einzelne Stimme drang bis in den +untern Stock: Otto deklamierte. Nacheinander kamen nun all die kleinen +Überraschungen für die Eltern an die Reihe, zu denen sich an jenem +Adventsonntag Frieder auf den Balken die Eingebung geholt hatte. Alles gelang +zur Freude der Eltern, zum Stolz unserer sieben! +</p> + +<p> +In ihrer Küche stand Walburg und sorgte für das Abendessen. Auch für sie war +ein Platz unter dem Christbaum, und sie war freundlich bedacht worden. Aber die +Freude und innere Bewegung, die sich jetzt auf ihren großen, ernsten Zügen +malte, hatte einen andern Grund. Schon seit heute morgen bewegte sie etwas in +ihrem Herzen, das sie gern besprochen hätte, aber es hatte sich kein ruhiges +Viertelstündchen finden lassen. Wenn jetzt Frau Pfäffling herauskäme, jetzt +hätte sie vielleicht einen Augenblick Zeit für sie, aber sie würde wohl +schwerlich kommen. Während Walburg sich darnach sehnte, war Frau Pfäffling ganz +von ihren Kindern in Anspruch genommen, aber einmal, als ihr Blick zufällig auf +Walburgs Geschenke fiel, die noch auf dem Tisch lagen, dachte sie an das +Mädchen. Warum war es wohl gar so kurz im Weihnachtszimmer geblieben? Es war +noch nicht Zeit, das Abendessen zu bereiten, warum verweilte sie nicht lieber +unter den glücklichen Kindern, anstatt einsam in der kalten Küche zu stehen? +</p> + +<p> +Frau Pfäffling ging hinaus, nach Walburg zu sehen. Die Mutter wurde zuerst +nicht vermißt, es gab ja so viel anzusehen und zu zeigen, und der Vater war ja +da, aber allmählich ging von Mund zu Mund die Frage: "Wo ist denn die Mutter?" +Herr Pfäffling schickte Frieder hinaus. Er kam zurück mit dem Bescheid, die +Küchentüre sei ganz fest zu und Walburg rede so viel mit der Mutter, wie sonst +nie. "Dann laßt sie nur ungestört," sagte der Vater, "wenn Walburg einmal +redet, muß man froh sein." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling brachte aus der kalten Küche einen warmen, sonnigen Ausdruck mit +herein. Die Kinder zogen sie an ihren Tisch heran, aber im Vorbeigehen drückte +sie unvermerkt ihrem Mann die Hand und sagte leise: "Ich erzähle dir später!" +Als Walburg das Abendessen auftrug wechselten sie einen vielsagenden Blick, und +Marie sagte: "Unserer Walburg sieht man so gut an, daß heute Weihnachten ist." +</p> + +<p> +An diesem Abend waren die Kinder gar nicht zu Bett zu bringen, sie wollten sich +nicht trennen von der Bescherung. Es wurde spät, bis endlich Herr Pfäffling mit +seiner Frau allein war. "Du wirst nun auch der Ruhe bedürftig sein," sagte er. +</p> + +<p> +"Ja, aber eines muß ich dir noch erzählen, was mir Walburg anvertraut hat. Sie +erhielt heute einen Brief von einer alten Frau aus ihrem Heimatdorf, die +schreibt in schlichten, einfachen Worten, daß vor einem Jahr ihr Sohn Witwer +geworden sei und mit seinen drei Kindern und dem kleinen Bauerngut hilflos +dastehe. Er müsse wieder eine Frau haben, und weil er Walburg von klein an +kenne, möchte er am liebsten sie haben. Er wisse wohl, daß sie nicht gut höre, +aber das mache weiter nicht viel. Wenn sie einverstanden sei, möge sie in den +Feiertagen einmal herausfahren, daß man die Verlobung feiern könne und die +Hochzeit festsetze. Der Sohn hat dann noch an den Brief seiner Mutter unten +hingeschrieben, die Reisekosten wolle er zur Hälfte bezahlen. Walburg kennt den +Mann gut, denn sie waren Nachbarsleute, und sie ist ganz entschlossen, ja zu +sagen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das freut für Walburg!" +</p> + +<p> +"Das ist freilich ein unerhofftes Glück, aber wird sie denn einem Haushalt +vorstehen können bei ihrer Taubheit?" +</p> + +<p> +"Wenn ihr die alte Mutter zur Seite steht, wird sie schon zurecht kommen. Ein +schweres Kreuz bleibt es freilich für sie, aber ich finde es rührend, daß der +Mann es auf sich nehmen will, um ihrer andern guten Eigenschaften willen. +Übrigens sagt Walburg, sie verstehe die Leute da draußen viel besser, weil sie +ihren Dialekt reden." +</p> + +<p> +"Das kann wohl etwas ausmachen, und mich freut es für die treue Person, wenn +auch nicht für uns. Aber wir werden auch wieder einen Ersatz finden." +</p> + +<p> +"Nicht so leicht! Doch daran denke ich heute gar nicht. Am zweiten Feiertag +möchte sie hinausfahren auf ihr Dorf. Vorher wollen wir mit den Kindern noch +nicht davon sprechen, sondern ihnen erst, wenn Walburg zurückkommt, sagen, daß +sie Braut ist." +</p> + +<p> +Während unten so von ihr gesprochen wurde, war auch Walburg oben in ihrer +Kammer noch tätig. Sie hatte zuerst in diesem ihrem eigenen kleinen Revier noch +einmal ihren Brief gelesen und nun kniete sie vor der hölzernen Truhe, in der +ihre Habseligkeiten säuberlich und sorgsam geordnet lagen. Sie hatte schon seit +Jahren die Bauerntracht nimmer getragen, die in ihrem Dorf gebräuchlich war, +jetzt wollte sie sie hervorsuchen, sie sollte ja wieder zu den Landleuten da +draußen gehören. Der dicke Rock und das schwarze Mieder, das Häubchen und die +breite blauseidene Schürze, das alles lag beisammen, und sollte nun wieder zu +Ehren kommen! +</p> + +<p> +Am zweiten Weihnachtsfeiertag, früh morgens, noch ehe es tagte, reiste sie in +ihrem ländlichen Staat in ihre Heimat. +</p> + +<p> +Erst wenn Walburg fehlte, merkte man, wie viel sie im Haus leistete. Es war gar +kein Fertigwerden ohne sie. Und nun gar in solchen Ferientagen. Wenn Frau +Pfäffling drei ihrer Kinder dazu gebracht hatte, schön aufzuräumen, so hatten +inzwischen vier andere wieder Unordnung gemacht und auf dem großen +Weihnachtstisch nahm der Kampf gegen die Nußschalen und Apfelbutzen kein Ende. +Dazu kam der Kinderlärm. Die Schlittschuhe lagen bereit, aber das Eis wollte +sich bei der geringen Kälte nicht bilden, und Frau Pfäffling hatte doch so viel +Feiertagsruhe davon erhofft! So lockte nichts die Kinder ins Freie, sie trieben +sich alle sieben lachend, spielend oder streitend herum und machten der Mutter +warm. Bis sie das Mittagessen bereitet und auf den Tisch gebracht hatte, war +sie fast zu müde, um selbst davon zu nehmen. Da sah Herr Pfäffling nach den +Wolken am Himmel, erklärte, das Wetter helle sich auf und er wolle einen weiten +Marsch mit den großen Kindern machen. Als eben beraten wurde, ob Marianne auch +mittun könne, kam eine Schulfreundin und lud die beiden Mädchen zu sich ein. +Das war ein seltenes Ereignis und wurde mit Freude aufgenommen. So blieben nur +die beiden Kleinen übrig, die begleiteten ein wenig traurig die Großen +hinunter, kamen dann aber um so vergnügter wieder herausgesprungen. Die +Hausfrau hatte sie eingeladen, ihren Christbaum anzusehen und bei ihr zu +spielen. +</p> + +<p> +So geschah es, daß Frau Pfäffling an diesem Nachmittag ganz allein war; ihr +Mann, die Kinder, ja sogar Walburg fort, so daß nicht einmal aus der Küche ein +Ton hereindrang. Wie wohl tat ihr die unerhoffte Ruhe! Wie viel ließ sich auch +an solch einem stillen Nachmittag tun, an das man sonst nicht kam! Es war schon +ein Genuß, sich sagen zu dürfen: was <i>willst</i> du tun? Meistens drängten +sich die Geschäfte von selbst auf und hätten schon fertig sein sollen, ehe man +daran ging. Eine Weile ruhte sie in träumerischem Sinnen und über dem wurde ihr +klar, was sie tun wollte: "Mutter," sagte sie leise vor sich hin, "Mutter, ich +komme zu dir!" +</p> + +<p> +Frau Pfäfflings Mutter lebte im fernen Ostpreußen, und seit vielen Jahren +hatten sich Mutter und Tochter nimmer gesehen. Die bald 80 jährige Frau konnte +<i>nicht mehr</i>, und die junge Frau konnte <i>noch</i> nicht die Reise wagen, +die Kinder brauchten sie noch gar zu notwendig daheim. Aber es war doch +köstlich, das treue Mutterherz noch zu besitzen, wenn auch in weiter Ferne. +Seit langer Zeit hatte sie den Ihrigen nur kurze, eilig geschriebene Briefe mit +den nötigsten Mitteilungen schicken können, jetzt wollte sie sich aussprechen, +wie wenn sie endlich, endlich einmal wieder bei der geliebten Mutter wäre. Und +es gab einen langen, langen Brief, in dem die ganze Liebe zur Mutter sich +aussprach, ja, in dem es fast wie Heimweh klang, aber das konnte doch nicht +sein, war Frau Pfäffling doch schon 18 Jahre aus dem Elternhaus. Es stand in +dem Brief viel von Glück und Dankbarkeit, viel von des Tages Last und Hitze und +davon, daß ihr Mann und sie noch immer treulich an dem Trauungsspruch +festhielten: Ein jeder trage des andern Last. +</p> + +<p> +Ihr Brief war fertig geworden beim letzten Schimmer des kurzen Dezembertags. +Jetzt, als es dunkelte, ging sie zum Christbaum und zündete ein einziges +Lichtchen an. Das warf einen schwachen Schein und große breite Schatten von +Tannenzweigen zeichneten sich an der Decke des Zimmers ab. Es war eine +feierliche Stille am Weihnachtsbaum und Frau Pfäffling sagte leise vor sich +hin: Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch. +</p> + +<p> +Eine Viertelstunde später mahnte die Glocke, daß wieder Leben und Bewegung +Einlaß begehre. "Nun werden die Kinder kommen," sagte sich Frau Pfäffling. Sie +fühlte sich wieder allen Anforderungen gewachsen, fröhlich ging sie hinaus und +sprach zu sich selbst: "Dein Mann soll dich nicht so matt wiederfinden, wie er +dich verlassen hat." Sie ging, ihm und den Kindern zu öffnen, sie waren es aber +nicht, die geklingelt hatten, Walburg stand vor der Türe. +</p> + +<p> +"Du kommst schon?" rief Frau Pfäffling erstaunt, "wir haben dich erst mit dem +letzten Zug erwartet." +</p> + +<p> +"So kann ich das Abendessen machen," entgegnete das Mädchen. "Kartoffeln +zusetzen?" +</p> + +<p> +"Ja, aber das ist mir jetzt nicht das wichtigste, sage mir doch erst, wie alles +gegangen ist," und da Walburg zögerte, fügte sie hinzu, "ich bin ganz allein zu +Hause." Und nun antwortete Walburg: "Er hat sich's nicht so arg gedacht, er +meint, für die Kinder wäre doch eine besser, die hört." Ohne ein weiteres Wort +wandte sie sich um und ging die Treppe hinauf in ihre Kammer. Sie wollte den +bräutlichen Putz ablegen. Sorgsam faltete sie die blauseidene Schürze, +versenkte sie in die Truhe und legte den Brief dazu, der sie zwei Tage +glücklich gemacht hatte. Dann schlüpfte sie in ihre alltäglichen Kleider, +setzte sich auf die alte Truhe und sah mit traurigen, aber tränenlosen Augen +auf die kahlen Wände ihrer Kammer. Es war so kalt und totenstill da oben, es +war so öde und leer in ihrem Herzen. +</p> + +<p> +Da ging die Türe auf, Frau Pfäffling kam herein und stand unvermutet neben dem +Mädchen, das ihren Schritt nicht gehört hatte. "Walburg, du tust mir so leid," +sagte sie und ihre Augen waren nicht tränenleer. Walburg aber beherrschte ihre +Bewegung und erwiderte in ihrer ruhigen Art: "Draußen habe ich selbst erst +gemerkt, wie schlimm das mit mir geworden ist, ich habe kein Wort verstanden, +sie haben mir's auf die Tafel schreiben müssen und die Kinder haben gelacht. So +wird er wohl recht haben. Er war freundlich mit mir bis zuletzt, das Reisegeld +hat er mir zu zwei Drittel gezahlt und die Alte hat mir noch Kuchenbrot +mitgegeben. Sonst wäre alles recht gewesen, nur gerade eben die Taubheit. Und +sie sagen auch, ich könnte gar nicht mehr so reden wie sich's gehört. Ich weiß +nicht wie das zugeht, Sie verstehe ich doch auch ohne Tafel und rede ich denn +nicht wie früher auch?" +</p> + +<p> +"Für uns redest du ganz recht," entgegnete Frau Pfäffling, "wir verstehen uns +und darum ist's am besten, wir bleiben zusammen. Uns ist's lieb, daß du uns +nicht verläßt, Walburg, du hast uns so gefehlt." Da wich der starre, traurige +Zug aus Walburgs Gesicht, und sie sah voll Liebe und Dankbarkeit auf zu der +Frau, die sich so bemühte, ihr, der Tauben, Trostreiches zu Gehör zu bringen. +Worte des Dankes fand sie freilich nicht, aber mit Taten wollte sie danken; +eilfertig griff sie nach ihrer Hausschürze, band sie um und sagte: "Wenn der +Herr heimkommt und das Essen nicht gerichtet ist!" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling sagte an diesem Abend zu ihren Kindern: "Walburg ist so traurig +aus ihrer Heimat zurückgekehrt, sie hat weder Eltern noch Geschwister mehr +draußen, wir wollen uns Mühe geben, daß sie sich bei uns recht heimisch fühlt." +</p> + +<p> +"Ich gehe mit meiner Violine zu ihr," sagte Frieder, "den Geigenton hört sie." +</p> + +<p> +Da warnte Herr Pfäffling mit dem Finger und sagte: "Nach dem Abendessen noch +geigen? Wie heißt dein Vers? +</p> + +<p class="poem"> +"'Eine Stund am Tag, auch zwei,<br/> +Doch nicht mehr, es bleibt dabei.'" +</p> + +<p> +Aber Frieder konnte nachweisen, daß er heute noch nicht zwei Stunden gespielt +hatte, ging hinaus in die Küche und machte mit denselben Violinübungen, die +sonst die Zuhörer in Verzweiflung bringen, dem traurigen Mädchen das Herz +leichter, denn es erkannte die Anhänglichkeit des Kindes, und in die tiefe +Vereinsamung, die ihr die Taubheit auferlegte, drang der Ton der Saiten zu ihr +als eine Verbindung mit den Mitmenschen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap09"></a>9. Kapitel<br/> +Bei grimmiger Kälte.</h2> + +<p> +Das Neujahrsfest brachte grimmige Kälte, brachte Eis, mehr als zum +Schlittschuhlaufen nötig gewesen wäre. Schon beim Erwachen empfand man die +menschenfeindliche Luftströmung und es gehörte Heldenmut dazu, aus den warmen +Betten zu schlupfen. In Pfäfflings kalten Schlafzimmern war das Waschwasser +eingefroren, und man mußte erst die Eisdecke einschlagen, ehe man es benützen +konnte. +</p> + +<p> +Als die Familie sich mit Neujahrswünschen am Frühstückstisch zusammenfand, galt +Herrn Pfäfflings erster Blick dem Thermometer vor dem Fenster, und er mußte das +Quecksilber in ungewohnter Tiefe suchen. "Zwanzig Grad Kälte," verkündete er, +"Kinder, das habt ihr noch nie erlebt; und Walburgs Neujahrsgruß lautete: 'Die +Wasserleitung ist über Nacht eingefroren.'" +</p> + +<p> +Die Straßen waren ungewöhnlich still, wer nicht hinaus mußte, blieb daheim am +warmen Ofen und wer, wie die Briefträger, am Neujahrstag ganz besonders viel +durch die kalten Straßen laufen und vor den Häusern stehend warten mußte, bis +die Türen geöffnet wurden, der hörte manches teilnehmende Wort. Frau Hartwig +brachte ihnen bei jedem Gang eine Tasse warmen Kaffees entgegen. Auch die +Familie Pfäffling hatte ihr Päckchen Glückwunschkarten und -briefe erhalten und +unter diesen Briefen war einer, der noch mehr als Glückwünsche enthielt. Es war +die Antwort auf Frau Pfäfflings Weihnachtsbrief und er brachte ihr eine warme, +dringende Einladung, sich zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter, der im +Februar gefeiert werden sollte, einzufinden, damit nach langen Jahren der +Trennung auch <i>einmal</i> wieder die drei Geschwister mit der Mutter in der +alten Heimat vereinigt wären. So viel Liebe und Anhänglichkeit sprach sich aus +in den Briefen von Frau Pfäfflings Bruder und Schwester, denen ein +eigenhändiger, mit zitternder Hand geschriebener Gruß der alten Mutter +beigesetzt war, daß Frau Pfäffling tief bewegt war und zu ihrem Mann wehmütig +sagte: "Ach, wenn es nur möglich wäre, aber es ist ja gar nicht daran zu +denken! So weit fort und auf ein paar Wochen, denn für einige Tage würde sich +die große Reise gar nicht lohnen." +</p> + +<p> +Es kam ganz selten vor, daß Frau Pfäffling für sich einen Wunsch äußerte, und +so war es nur natürlich, daß es der ganzen Familie Eindruck machte, wenn es +doch einmal geschah. +</p> + +<p> +"Geht es denn wirklich nicht, Vater?" fragte Karl. +</p> + +<p> +"So ganz unmöglich kommt mir die Sache nicht vor," antwortete Herr Pfäffling, +indem er sich an seine Frau wandte, "jetzt, wo die Kinder groß sind und Walburg +so zuverlässig ist." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling wollte etwas entgegnen, aber der ganze Kinderchor stimmte dem +Vater zu, wollte gar keine Schwierigkeit gelten lassen und versicherte, es +sollte in Abwesenheit der Mutter alles so ordentlich zugehen, wie wenn sie da +wäre. Aber sie schüttelte dazu ungläubig den Kopf und brach die Beratung ab, +indem sie sagte: "Bei solch einer Kälte mag man gar nicht an eine Reise denken, +wir wollen sehen, was der Januar bringt!" +</p> + +<p> +Zunächst brachte er den Abschluß der Ferienzeit, die Schulen begannen wieder. +So warm wie möglich eingepackt machten sich die Kinder auf den Weg. Freilich, +die drei großen Brüder besaßen zusammen nur zwei Wintermäntel, bisher waren sie +auch immer gut damit ausgekommen, heute hätte jeder gerne einen gehabt. Otto +hatte sich einen gesichert, indem er ihn schon vor dem Frühstück angezogen +hatte. Nun standen Karl und Wilhelm vor dem einen, der noch übrig war. "Dich +wird's nicht so arg frieren wie mich," sagte Wilhelm zum größeren Bruder und +Karl, obwohl er nicht recht wußte, warum es ihn nicht so frieren sollte, war +schon im Begriff, auf den Mantel zu verzichten, als Otto sich einmischte: "Laß +doch Karl den Mantel. In den obern Klassen hat doch jeder einen, es sieht so +dumm aus, wenn er allein keinen hat!" +</p> + +<p> +"Dumm?" sagte Herr Pfäffling, "es sieht eben aus, als seien keine großen +Kapitalien da, mit denen man ungezählte Mäntel beschaffen könnte. So ist's und +deshalb darf es auch so aussehen. Übrigens, länger als fünfzehn Minuten braucht +ihr nicht zum Schulweg, ist das auch der Rede wert, wenn man eine Viertelstunde +frieren muß? Seid ihr so zimpferlich?" +</p> + +<p> +"Ich nicht," rief Wilhelm, "ich brauche auch nur zwölf Minuten," er ließ den +Mantel fahren und rannte davon. +</p> + +<p> +Elschen war diesmal nicht so unglücklich wie früher über den Schulanfang, sie +nahm die Schultasche her, die sie zu Weihnachten bekommen hatte, packte die +Tafel aus, fing an zu schreiben, was sie von Buchstaben kannte, und tröstete +sich mit der Aussicht, daß nach den Osternferien auch sie mit den Großen den +Schulweg einschlagen würde. +</p> + +<p> +So wohl es Frau Pfäffling tat, wenn ihre Kinder nach solcher Ferienzeit wieder +zum ersten Male in die Schule gingen, so freute sie sich doch auf das erste +Heimkommen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß Mann und Kinder angeregt und von +irgend welchen neuen Mitteilungen erfüllt, zurückkommen würden. Um so mehr war +sie überrascht, daß Marianne diesmal weinend nach Hause kam. Die beiden +Mädchen, obgleich sie gut mit Wintermänteln versehen waren, weinten vor Kälte +und die Fingerspitzen wurden in der Wärme nur noch schmerzhafter, so daß sie +noch klagend im Zimmer herumtrippelten, als die Familie sich zu Tisch setzen +wollte. "Habt ihr denn eure Winterhandschuhe nicht angehabt?" fragte Frau +Pfäffling. Da kam ein kleinlautes "Nein" heraus und das Geständnis, daß man +sich den Mitschülerinnen mit den neuen, knapp anschließenden Glacéhandschuhen +habe zeigen wollen, die Fräulein Vernagelding zu Weihnachten geschenkt hatte. +Nun wurden die armen Frierenden noch von den Brüdern ausgelacht. +</p> + +<p> +"So, du lachst auch mit, Otto," sagte Frau Pfäffling. "Wenn du keine +Glacéhandschuhe trägst, so kommt es gewiß nur daher, daß du keine hast. Aber +Kinder, wer von euch eitel ist, der hat nichts vom Vater und ist gar kein +rechter Pfäffling, und das wollt ihr doch alle sein? Nun kommt, ihr Erfrorenen, +jetzt gibt es warme Suppe. Elschen und ich, wir haben uns so gefreut, bis ihr +alle heimkommt und von der Schule erzählt. Kommt, wir wollen beten: +</p> + +<p class="poem"> +"Herr wie schon vor tausend Jahren<br/> +Unsre Väter eifrig waren,<br/> +Dich als Gast zu Tisch zu bitten,<br/> +So verlangt uns noch heute,<br/> +Daß Du teilest unsre Freude.<br/> +Komm, o Herr in unsre Mitte!" +</p> + +<p> +Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfäffling erwartet hatte, allerlei Mitteilungen. +Über Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie vergraben, jetzt, durch die +Berührung mit der Außenwelt, erfuhr man wieder, was vor sich ging. Herr +Pfäffling hatte vom Direktor der Musikschule etwas gehört, was ihn ganz +erfüllte: Ein Künstlerkonzert ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden. +Ein Künstlerpaar, das vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde +hingerissen hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch +meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die großen Städte +Europas sich hören lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise zum erstenmal +auch der kleine Sohn des Künstlerpaares als Violinspieler Anteil, und die +Zeitungen waren voll von überschwänglichen Schilderungen des rührenden +Eindrucks, den das geniale Violinspiel des wunderbar begabten Knaben mache. +</p> + +<p> +Freilich waren die Preise für diesen Kunstgenuß so hoch gestellt, daß unser +Musiklehrer nicht daran gedacht hätte, sich ein solch kostbares Vergnügen zu +gönnen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule gegeben werden, und in +solchem Fall war es üblich, daß die Hauptlehrer der Anstalt Freikarten +erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude auf diesen großen Kunstgenuß +hin, umkreiste vergnügt den Tisch, blieb dann hinter seiner Frau Stuhl stehen +und sagte: "Ich bekomme eine Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem +Bruder eine Freikarte zum 80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die +Mutter muß sich zur Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der +Mutter mit dem Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein. +</p> + +<p> +Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer war +krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schüler war neu eingetreten, ein +anderer ausgetreten. Herr Pfäffling hatte nur mit halber Aufmerksamkeit +zugehört, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr, der ihn aus seinen Gedanken +weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier erzählt?" fragte er Otto. +</p> + +<p> +"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten." +</p> + +<p> +"Hast du nichts näheres darüber gehört?" +</p> + +<p> +"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich weiß +nicht mehr." +</p> + +<p> +Herr und Frau Pfäffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand. Gesprochen +wurde nichts darüber, Herr Pfäffling sollte aber bald näheres erfahren. +</p> + +<p> +Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel, im neuen +Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt, und selbst die +russische Familie klagte über den kalten deutschen Winter. +</p> + +<p> +"Sie müssen von Rußland doch noch an ganz andere Kälte gewöhnt sein?" meinte +Herr Pfäffling. +</p> + +<p> +"Ja, aber dort friert man nicht so, da weiß man sich besser zu schützen. Alle +Fahrgelegenheiten sind heizbar, alles ist mit Pelzen belegt und Sie sehen auch +jedermann in Pelze gehüllt auf der Straße. Warum tragen Sie keinen Pelz bei +solcher Kälte?" fragte die Generalin, indem sie einen Blick auf Herrn +Pfäfflings Kleidung warf. Ihm war der Gedanke an einen Pelzrock noch nie +gekommen. "Da gibt es noch vieles, vieles Nötigere anzuschaffen, ehe ein +Pelzrock für mich an die Reihe käme," sagte er, "ich kann übrigens sehr rasch +gehen und werde warm vom Lauf, meine Hände sind nicht steif, wir können gleich +spielen." +</p> + +<p> +Am Schluß der Stunde erzählten die jungen Herren von dem Ball im Hotel. "Es war +sehr hübsch," sagten sie, "wir durften auch tanzen, der Sohn des Besitzers, der +viel jünger ist als wir, hat auch getanzt. Er ist übrigens jetzt nicht mehr +hier." +</p> + +<p> +"Ja," sagte der General, "der Hotelier ist einsichtsvoller, als ich gedacht +hätte. Er sagte zu mir: 'Hier in diesem Hotelleben arbeitet der Junge nicht, er +kommandiert nur. Er soll fort von hier, in ein richtiges Familienleben +hinein.'" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling erkannte diese Worte als seine eigenen. "Der Mann hat recht," +fuhr der General fort, "wenn die Verhältnisse im Haus ungünstig sind, ist es +besser, ein Kind wegzugeben, und wenn sie im ganzen Land ungünstig sind, so wie +bei uns in Rußland, so ist es wohl auch besser, die Kinder in einem andern +<i>Land</i> aufwachsen zu lassen. In Rußland haben wir ganz traurige Zustände, +die jungen Leute, die dort aufwachsen, sehen nichts als Verderbnis überall, +Unredlichkeit und Bestechung sogar schon in den Schulen. Unsere eigenen Söhne +haben von dieser verdorbenen Luft schon mehr eingeatmet, als ihnen gut war. +Meine Frau und ich haben uns entschlossen, sie in einer deutschen +Erziehungsanstalt zurückzulassen, wenn wir nach Rußland zurückkehren, was wohl +in der nächsten Zeit sein muß. Wir stehen gegenwärtig über diese Angelegenheit +in Briefwechsel mit einer Berliner Anstalt." +</p> + +<p> +Noch nie hatte der General so eingehend und offen mit dem Musiklehrer +gesprochen. Die Generalin sah ernst und sorgenvoll aus, die Söhne standen +beiseite mit niedergeschlagenen Augen. Herr Pfäffling fühlte, daß diese +reichen, hochgebildeten und begabten Leute auch ihren schweren, heimlichen +Kummer zu tragen hatten, und er sagte mit warmer Teilnahme: "Jeder einzelne +leidet mit, wenn sein Vaterland so schlimme Zeiten durchmacht, wie das Ihrige. +Möchte das neue Jahr für Rußland bessere Zustände bringen!" +</p> + +<p> +Als Herr Pfäffling kurz darauf die Treppe herunter ging, traf er unvermutet mit +Herrn Rudolf Meier sen. zusammen, der heraufkam. Einen Augenblick zögerten +beide. Sie hatten <i>ein</i> gemeinsames Interesse, über das zu sprechen ihnen +nahelag. Aber an Herrn Meier wäre es gewesen, die Sprache darauf zu bringen, +wenn er nicht mehr zürnte. Er tat es nicht. Mit dem höflichen aber kühlen Gruß +des Gastwirts ging er vorüber, gewohnheitsmäßig die Worte sprechend: "Sehr kalt +heute!" +</p> + +<p> +"Ja, 20 Grad," entgegnete Herr Pfäffling, und dann gingen sie auseinander. +</p> + +<p> +Daheim angekommen, hörte Herr Pfäffling Frieders Violine. Wie der kleine Kerl +sie schon zu streichen verstand! Ob er wohl einmal ein Künstler, ein echter, +wahrer, gottbegnadeter Künstler würde? Aber wie war denn das? Hatte Frieder +nicht schon gespielt, lange, ehe sein Vater sich auf den Weg zum Zentralhotel +gemacht hatte? Spielte er wohl seitdem ununterbrochen? Er ging dem Geigenspiel +nach. Aus der Küche erklang es. Neben Walburg, die da bügelte, stand der +eifrige, kleine Musiker, ein herzgewinnender Anblick. Aber Herr Pfäffling ließ +sich dadurch nicht bestechen. "Frieder, wie lange hast du schon gespielt?" +fragte er. +</p> + +<p> +"Nicht lange, Vater." +</p> + +<p> +"Nicht immerfort, seitdem du aus meinem Zimmer die Geige geholt hast? Sage mir +das genau?" +</p> + +<p> +"Immerfort seitdem," antwortete Frieder und fügte etwas unsicher hinzu: "Aber +das ist doch noch nicht lang her?" +</p> + +<p> +"Das ist über zwei Stunden her, Frieder, und hast du nicht auch schon heute +nach Tisch gespielt? Und sind deine Schulaufgaben gemacht? Ei, Frieder, da +stehst du und kannst nicht antworten! Nimm dich in acht, sonst kommst du noch +ganz um die Geige! Gib sie her, in <i>der</i> Woche bekommst du sie nimmer!" +Herr Pfäffling streckte die Hand aus nach der Violine. Der Kleine hielt sie +fest. Der Vater sah das mit Erstaunen. Konnte Frieder widerstreben? Hatte je +eines der Kinder sich seinem Befehl widersetzt? Aber nein, es war nur +<i>ein</i> Augenblick gewesen, dann reichte er schuldbewußt die geliebte +Violine dem Vater hin und ergab sich. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling ging hinaus mit dem Instrument. Walburg hatte nicht verstanden, +was gesprochen worden war, aber gesehen hatte sie und sie sah auch jetzt, wie +sich langsam ihres Lieblings Augen mit dicken Tränen füllten. Sie stellte ihr +Bügeleisen ab, zog den Kleinen an sich und fragte: "Darfst du denn nicht +spielen?" +</p> + +<p> +"Nicht länger als zwei Stunden im Tag," rief Frieder in kläglichem Ton. +</p> + +<p> +"Sei nur zufrieden," tröstete sie ihn, "ich sehe dir jetzt immer auf die Uhr." +Frieder zog traurig ab; jede Stunde sehnte er sich nach seiner Violine, und nun +war sie ihm für eine ganze Woche genommen! +</p> + +<p> +Aber auch Herr Pfäffling war nicht in seiner gewohnten fröhlichen Stimmung. Ihm +war es leid, daß der Unterricht in der russischen Familie zu Ende gehen sollte, +eine große Freude und eine bedeutende Einnahme fiel damit für ihn weg, und dazu +kam nun, daß er auf dem Tisch im Musikzimmer eine Neujahrsrechnung vorfand, +die, nachdem er sie geöffnet und einen Blick auf die Summe geworfen hatte, ihn +hinübertrieb in das Familienzimmer zu seiner Frau. +</p> + +<p> +"Cäcilie," rief er schon unter der Türe, und als er die Kinder allein fand, +fragte er ungeduldig: +</p> + +<p> +"Wo ist denn die Mutter schon wieder?" +</p> + +<p> +"Sie ist draußen und bügelt." +</p> + +<p> +"So ruft sie herein, schnell, Marianne!" +</p> + +<p> +Die Mädchen gingen eiligst hinaus: "Mutter, der Vater fragt nach dir." Frau +Pfäffling bügelte eben einen Kragen. "Sagt nur dem Vater, ich komme gleich; ich +muß nur den Kragen erst steif haben." +</p> + +<p> +"Wir wollen lieber erst mit dir hineingehen," sagten die Schwestern und in +diesem Augenblick ertönte ein lautes "Cäcilie". +</p> + +<p> +Daraufhin wurde der halb gebügelte Kragen im Stich gelassen. Frau Pfäffling kam +in das Zimmer und sah ihren Mann mit einer Rechnung in der Hand. "Ist denn das +nicht eine ganz unnötige Komödie mit der ewigen Bügelei," fragte Herr +Pfäffling, "die Kinder wären doch ebenso glücklich in ungebügelten Hemden!" Auf +diese gereizte Frage antwortete Frau Pfäffling bloß wieder mit einer Frage: +"Ist das die Doktorsrechnung? Sie kann doch nicht sehr hoch sein?" +</p> + +<p> +"Sechzig Mark! Hättest du das für möglich gehalten?" +</p> + +<p> +"Unmöglich! Sechzig Mark? Zeige doch nur! Die kleine Ohrenoperation von Anne im +vorigen Sommer fünfzig Mark?!" Bei diesem Ausruf sahen alle Geschwister auf +Anne, und diese fing bitterlich an zu weinen. Die Tränen besänftigten aber den +Vater. Er ging zu der Schluchzenden. "Sei still, du armer Wurm," sagte er, "du +kannst nichts dafür. Hast so viel Schmerzen aushalten müssen, und das soll noch +so viel Geld kosten! Aber sei nur getrost, geholfen hat dir der Arzt doch, und +wir wollen froh sein, daß du nicht so taub geworden bist wie Walburg. Hörst du +jetzt wieder ganz gut, auch in der Schule?" +</p> + +<p> +"Ja," schluchzte das Kind. +</p> + +<p> +"Nun also, sei nur zufrieden, das Geld bringt man schon auf, man hat ja noch +das Honorar zu erwarten für die Russenstunden und andere Rechnungen, als die +vom Arzt, stehen nicht aus; nicht wahr, Cäcilie, es ist doch immer alles gleich +bezahlt worden?" +</p> + +<p> +"Freilich," entgegnete sie, "aber ich kann es gar nicht fassen, daß diese +Ohrenbehandlung förmlich als Operation aufgeführt und angerechnet wird. Ich war +damals nicht dabei, Marianne ist immer ohne mich beim Arzt gewesen und so +schlimm haben sie es nie geschildert." Da sahen sich die Schwestern ernsthaft +an und sagten: "Ja, einmal war's schlimm!" +</p> + +<p> +Als Frau Pfäffling nach einer Weile wieder beim Bügeln stand, war ihr der +Kummer über die sechzig Mark noch anzusehen, während Herr Pfäffling schon +wieder guten Muts in sein Musikzimmer zurückkehrte und sich sagte: "Es ist doch +viel, wenn man es dahin bringt, daß die Doktorsrechnung die einzige an Neujahr +ist." +</p> + +<p> +Sie war aber doch nicht die einzige. Keine halbe Stunde war vergangen, als +wieder so ein Stadtbrief an des Vaters Adresse abgegeben wurde, und die Kinder, +die denselben in Empfang genommen hatten, flüsterten bedenklich untereinander: +"Es wird doch nicht wieder eine Rechnung sein?" Sie riefen Elschen herbei: +"Trage du dem Vater den Brief hinüber." Das Kind übernahm arglos den Auftrag +und blieb, an den Vater geschmiegt, zutraulich plaudernd bei ihm stehen. Er riß +hastig den Umschlag auf, eine Rechnung fiel ihm entgegen. Vom Buchhändler war +sie und lautete nur auf vier Mark, für eine Grammatik, aber sie empörte Herrn +Pfäffling fast mehr als die große Rechnung. "Wenn die Buben das anfangen, daß +sie auf Rechnung etwas holen, dann hört ja jegliche Ordnung und Sicherheit +auf," sagte er, indem er das Blatt auf den Tisch warf und in der Stube hin und +her lief: "Else, hole mir die drei Großen herüber," sagte er, "aber schnell." +Die Kleine ging mit besorgter Miene, suchte Karl, Wilhelm und Otto auf und kam +dann zur Mutter an den Bügeltisch. "Es ist wieder etwas passiert mit einer +Rechnung," sagte sie, "und die Großen müssen alle zum Vater hinein. Sie sind +gar nicht gern hinübergegangen," fügte sie bedenklich hinzu. "Es geschieht +ihnen nichts, wenn sie nicht unartig waren," sagte die Mutter, aber nebenbei +wischte sie sich doch den Schweiß von der Stirne, trotz der zwanzig Grad Kälte +draußen und sagte zu Walburg: "Wieviel Kragen haben wir denn noch zu bügeln, +heute nimmt es ja gar kein Ende!" und Walburg entgegnete: "Es sind immer noch +viele da." Frau Pfäffling bügelte weiter, sah müde aus und sagte sich im +stillen: "Eine Wohltat müßte es freilich sein, wenn man einmal ein paar Wochen +ausgespannt würde!" +</p> + +<p> +Inzwischen hatte Herr Pfäffling ein Verhör mit seinen Söhnen angestellt, und +Otto hatte gestanden, daß er bei Beginn des Schuljahrs die Grammatik geholt +hatte. Er suchte sich zu rechtfertigen: "Ich hätte gerne die alte Ausgabe +benützt," sagte er, "aber als sie der Professor nur sah, war er schon ärgerlich +und sagte: 'Die kenne ich, die habe ich schon bei deinem ältesten Bruder +beanstandet, und er hat sie doch immer wieder gebracht, dann hat mich dein +Bruder Wilhelm das ganze Schuljahr hindurch vertröstet, er bekomme bald eine +neue Auflage, und es ist doch nie wahr geworden, aber zum drittenmal lasse ich +mich nicht anschwindeln. Die alte Auflage muß wohl noch von deinem Großvater +stammen?' So hat der Professor zu mir gesprochen, was habe ich da machen +können?" +</p> + +<p> +"Mir hättest du das gleich sagen sollen, dann wäre sie bezahlt worden." +</p> + +<p> +"Du hast damals gar nichts davon hören wollen," sagte Otto kläglich. +</p> + +<p> +"Dann hättest du es der Mutter sagen sollen." +</p> + +<p> +"Die Mutter schickt uns immer zu dir." +</p> + +<p> +"Ach was," entgegnet Herr Pfäffling ungeduldig, "du bist ein Streiter; wie du +es hättest machen sollen, kann ich nicht sagen, jedenfalls nicht so. Denkt nur, +wohin das führen würde, wenn ihr alle sieben auf Rechnung nehmen würdet. Wenn +man so knapp daran ist wie wir, dann kann man durchaus keine Neujahrsrechnungen +brauchen, die Mutter und ich bringen es immer zustande ohne solche, und ihr +müßt es auch lernen. Darum zahle du nur selbst die vier Mark. Du hast ja an +Weihnachten Geld geschickt bekommen?" +</p> + +<p> +"Ich habe keine drei Mark mehr." +</p> + +<p> +"Dann helfen die Brüder. Ihr habt es doch wohl gewußt, daß Otto die Grammatik +geholt hat? Also, dann könnt ihr auch zahlen helfen. Jeder eine Mark, oder +meinetwegen eine halbe, und die vierte Mark will ich darauflegen. Aber springt +nur gleich zum Buchhändler, zahlt und bringt mir die Quittung, und am nächsten +Neujahr kommt keine Rechnung mehr, Kinder, nicht wahr?" Sie versprachen es, +nahmen des Vaters Beitrag dankbar entgegen und waren froh, daß die Sache gnädig +abgelaufen war. Das Geld wurde zusammengesucht, Otto wollte es gleich zum +Buchhändler tragen. Als er hinunterkam, hielt eben vor der Haustüre eine +Droschke, eine kleine Dame stieg aus, hinter Pelzwerk und Schleier hervor sah +Fräulein Vernageldings Lockenköpfchen. Sie kam zur Stunde. "Armer Vater, auch +das noch!" mußte Otto denken. Aber das Fräulein sprach ihn freundlich an: "Es +ist zu kalt heute, um zu Fuß zu gehen, wollen Sie nicht auch fahren? Da wäre +eben eine Droschke frei!" +</p> + +<p> +"Danke, nein, ich gehe zu Fuß," entgegnete Otto, lief davon und lachte vor sich +hin über den Einfall, daß er zum Buchhändler fahren sollte. Aber das Lachen +verging ihm bald, es lacht niemand auf der Straße bei zwanzig Grad Kälte! +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap10"></a>10. Kapitel<br/> +Ein Künstlerkonzert.</h2> + +<p> +Der Vorabend des Konzertes war gekommen, die ganze Stadt sprach von dem +bevorstehenden seltenen Kunstgenuß. Die schon früher Gelegenheit gehabt hatten, +die Künstler zu hören, stritten darüber, ob die entzückende Stimme der +Sängerin, die meisterhaften Leitungen des Klavierspielers die Menschen von nah +und fern herbei lockten oder ob das kleine musikalische Wunderkind einen +solchen Reiz ausübte. +</p> + +<p> +Im Zentralhotel waren Zimmer bestellt für die Künstlerfamilie und ihre +Begleitung. Herr Pfäffling wußte das nicht, als er dem Hotel zuging, um seine +letzte Stunde bei der russischen Familie zu geben. Noch einmal musizierten sie +zusammen, weit über die festgesetzte Zeit hinaus, dann nahm Herr Pfäffling +Abschied. Der General und seine Gemahlin schienen ihm ernst und traurig. Schwer +lag auf ihnen der Gedanke, sich von den Söhnen trennen zu sollen. Auf der +Durchreise wollten sie die beiden jungen Leute in Berlin zurücklassen. Schwer +bedrückte sie auch der jammervolle Zustand des Vaterlandes, in das sie +zurückkehren mußten. Unordnung herrschte im ganzen russischen Reich. +</p> + +<p> +Bei diesem letzten Zusammensein schwand jede Schranke, welche durch den großen +Abstand der äußeren Stellung und Lebensverhältnisse zwischen den beiden Männern +etwa noch bestanden hatte; in offener Mitteilsamkeit und warmer Teilnahme +fanden und trennten sie sich. +</p> + +<p> +"Unsere Söhne werden morgen noch zu Ihnen kommen," sagte der General, "um sich +bei Ihnen zu verabschieden und auch unseren Dank zu überbringen. Übermorgen +werden wir reisen. Das Konzert wollen wir noch anhören, vielleicht sehen wir +uns im Saal!" +</p> + +<p> +Vom General und seiner Gemahlin freundlich bis zur Treppe geleitet, +verabschiedete sich Herr Pfäffling. Auf der Treppe mußte er Platz machen. Ein +prächtiger Blumenkorb wurde eben herauf getragen. Er war für das Empfangszimmer +des Künstlerpaares bestimmt. Eine gewisse Unruhe und Erregung herrschte in dem +ganzen Hotel. Um so mehr war Herr Pfäffling verwundert, als ihn der +Hotelbesitzer auf der Treppe einholte und ruhig anredete. "Haben Sie vielleicht +einen Augenblick Zeit, mit mir hier herein zu kommen?" fragte er, die Türe +eines Zimmers aufmachend. "Ich wohl," sagte Herr Pfäffling, "aber Sie sind +heute wieder vollauf in Anspruch genommen?" +</p> + +<p> +"Allerdings, und man sollte meinen, ich hätte keinen anderen Gedanken als meine +Gäste, aber auch uns Geschäftsleuten steht das eigene Fleisch und Blut doch am +nächsten. Mir klingt heute in aller Unruhe immer nach, was mir mein Sohn diesen +Morgen geschrieben hat. Sie wissen es vielleicht, daß er seit Weihnachten bei +meiner verheirateten Schwester ist. Sie, Herr Pfäffling, haben mir ja damals, +als ich blind war, den Star gestochen. Es war eine schmerzhafte, aber +erfolgreiche Operation." +</p> + +<p> +"Wenn sie erfolgreich war, so freut mich das herzlich, denn ich bin mir sehr +bewußt, daß ich sie mit plumper, ungeschickter Hand vorgenommen habe. Was +schreibt Ihr Sohn?" +</p> + +<p> +"Anfangs wollte er sich nicht recht in das einfache Familienleben finden, aber +nun sollten Sie hören, wie er begeistert schreibt über seine Tante, obwohl +diese ihn fest führt, wie wichtig es ihm ist, ob er ihr zum Quartalsabschluß +ein gutes Zeugnis bringen wird und wiederum, wie vergnügt er die +Schlittenfahrten, die Spiele mit den Kindern schildert." Herr Meier warf einen +Blick in den Brief, den er ans seiner Tasche zog, und schien Lust zu haben, ihn +vorzulesen, aber er steckte ihn rasch wieder ein, da ein Bursche eintrat und +ihm eine ganze Anzahl Telegramme überreichte, die eben eingetroffen waren. +</p> + +<p> +"Ich will Sie nicht länger aufhalten," sagte Herr Pfäffling. "Ihre Telegramme +beunruhigen mich, auch höre ich unten immerfort das Telephon." +</p> + +<p> +"Für dieses sorgt der Portier, und die Telegramme enthalten vermutlich alle nur +Zimmerbestellungen. Viele Fremde möchten da absteigen, wo sie wissen, daß die +Künstler ihr Absteigequartier genommen haben, besonders auch die +Berichterstatter für die Zeitungen, diese hoffen im gleichen Hause etwas mehr +zu hören und zu sehen von den Künstlern, als was sich im Konzertsaal abspielt." +</p> + +<p> +Herr Meier hatte einen Blick in die Telegramme getan: "Nur Zimmerbestellungen," +sagte er, "es ist aber schon alles bei mir besetzt oder vorausbestellt. Ich muß +für Aufnahme in anderen Häusern sorgen. Mir ist es lieb, zu denken, daß Rudolf +fern von dem allem an seiner Arbeit oder auch beim Kinderspiel sitzt. Ich werde +Ihnen immer dankbar sein für Ihren Rat, Herr Pfäffling." +</p> + +<p> +Die beiden Männer trennten sich und als Herr Pfäffling das Zentralhotel +verließ, dessen schöne Freitreppe er nun vielleicht zum letztenmal +überschritten hatte, wandte er sich unwillkürlich und warf noch einmal einen +Blick auf diesen Ort des Luxus und des Wohllebens zurück. Wie wenig Unterschied +war doch im Grund bei aller äußeren Verschiedenheit zwischen dem, was hier und +was im einfachen Hause die Herzen bewegte. Der russische General, der reiche +Geschäftsmann und er, der schlichte Musiklehrer, schließlich hatten sie alle +das gleiche Herzensanliegen. Geld und Gut allein befriedigte keinen, um ihre +<i>Kinder</i> sorgten sie sich, tüchtige Söhne wollten sie alle, und das konnte +ein armer Musiklehrer so gut oder leichter haben als die Reichen. +</p> + +<p> +Am folgenden Morgen erschienen die beiden jungen Russen in der Frühlingsstraße, +um ihren Abschiedsbesuch zu machen. Herr Pfäffling war in der Musikschule, +seine Frau empfing mit Freundlichkeit diese beiden Schüler, die ihrem Lehrer +seine Aufgabe immer leicht gemacht hatten. Die jungen Leute drückten sich nun +schon gewandt in der deutschen Sprache aus, baten Frau Pfäffling, ihren Dank zu +vermitteln und teilten ihr mit, daß die Eltern ihre Abreise noch um einige Tage +verschoben hätten, selbst noch einen Gruß schreiben und diesem das Honorar für +die Stunden beilegen wollten. +</p> + +<p> +Unser Musiklehrer hätte sie noch in der Frühlingsstraße treffen müssen, wenn er +zur gewohnten Zeit heim gekommen wäre. Aber es hatte heute in der Musikschule +nach Schluß des Unterrichts eine sehr erregte Besprechung zwischen den Lehrern +der Anstalt gegeben, und Herr Pfäffling kam später als sonst und nicht mit +seiner gewohnten fröhlichen Miene heim. Heute war er nicht, wie gestern, der +Ansicht, daß reich oder arm nicht viel zum Glück des Menschen ausmache! Der +Direktor hatte mitgeteilt, daß zu dem abendlichen Konzert nur eine einzige +Freikarte, auf seinen Namen lautend, für die Lehrer der Musikschule abgegeben +worden sei. Darüber herrschte große Entrüstung unter den Kollegen. Manche +konnten sich ja auf eigene Kosten noch Plätze verschaffen, für Herrn Pfäffling +war solch eine Ausgabe ausgeschlossen. Seine Frau machte einen schwachen +Versuch, ihn doch dazu zu überreden. "Nein," sagte er, "ich säße nur mit +schlechtem Gewissen in dem Saal, habe ich doch noch nicht einmal die 60 Mark +beisammen für den Arzt! Wenn die Russen heute das Geld geschickt hätten, das +hätte mich vielleicht verführt. Die Leute sind auch so gedankenlos, sie tun, +wie wenn unser einem das ganz gleich wäre, ob man auf das Stundenhonorar +wochenlang warten muß oder nicht! Und die Künstler! Wie leicht hätten sie noch +eine Freikarte mehr schicken können! Weißt du, daß Fräulein Vernagelding mit +ihrer Mutter in das Konzert gehen wird? Ich habe bisher nicht gedacht, daß ich +neidisch bin, aber: ich glaube wirklich, in diesem Fall bin ich es! Denke dir, +das junge Gänschen, das nicht hört, was recht und was falsch klingt, soll +diesen Kunstgenuß haben, und unsereines bleibt ausgeschlossen. Und warum geht +sie hin? Weil Mama sagt: Bei solch hohem Eintrittspreis sei man sicher, nur die +vornehmste Gesellschaft zu treffen! Und da soll man nicht bitter werden!" +</p> + +<p> +"Bitter?" wiederholte Frau Pfäffling, "du und bitter? Das ist gar nicht +zusammen zu denken." +</p> + +<p> +Sie waren allein miteinander im Musikzimmer. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling sprach noch manches gute, beruhigende Wort, so lange bis Elschen +als schüchterner Bote eintrat und fragte, wann denn heute zu Mittag gegessen +würde? Mit dem schlechten Gewissen einer säumigen Hausfrau folgte die Mutter +augenblicklich der Mahnung. Herr Pfäffling sah ihr nach; von Erbitterung war +nichts mehr auf seinen Zügen zu lesen, aber er sagte vor sich hin: "Das gibt +eine öde Zeit, wenn sie für vier Wochen verreist, ich wollte, es wäre schon +überstanden." +</p> + +<p> +Im Zentralhotel herrschte an diesem Tag Leben und Bewegung. Alle Zimmer waren +besetzt, Kunstverständige waren von nah und fern herbei geeilt, alte Bekannte, +neue Größen suchten das Künstlerpaar auf und das Künstlerkind wurde liebkost, +mit Bonbons überschüttet, aber dennoch langweilte es sich heute und war +verstimmt. Dem Fräulein, das für den kleinen Künstler zu sorgen hatte und ihn +an Konzerttagen bei guter Laune erhalten sollte, wollte es heute nicht +gelingen. +</p> + +<p> +Am Nachmittag ließ die junge Mutter Herrn Meier zu sich bitten. Viele Fremde +der Stadt hätten ihn wohl beneidet um diese Audienz bei der Künstlerin, um die +Gelegenheit, die auch beim Sprechen so liebliche Stimme der Sängerin zu hören +und ihre anmutige Erscheinung zu sehen. "Ich bin in Verzweiflung," sagte sie, +"unser Edmund ist heute gar nicht in Stimmung, und es wird mir so bang vor dem +Abend. Denken Sie nur, wenn das Kind sich weigern sollte, zu spielen, wenn es +versagen würde in dem Augenblick, wo alle auf ihn blicken? Er war noch nie so +verstimmt, sein Fräulein ist selbst ganz nervös von der Anstrengung, ihn +aufzuheitern. Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie mir ein paar muntere Kinder +verschaffen, Knaben oder Mädchen, die mit ihm spielen und ihn zerstreuen, bis +es Zeit wird, ihn anzukleiden. Bitte, bitte, sorgen Sie mir dafür, nicht wahr, +und so bald wie möglich. Auch etwas Spielzeug wird zu bekommen sein, aber vor +allem lustige Kameraden!" +</p> + +<p> +"Ich werde dafür sorgen, gnädige Frau," versicherte Herr Meier, und verließ das +Zimmer. Die Wünsche der Gäste mußten befriedigt werden, das stand ein für +allemale fest bei dem Besitzer des Zentralhotels. Also auch dieser Wunsch. "Wo +bringe ich schnell muntere Kinder her?" fragte er sich und dachte an seinen +Sohn Rudolf. In solchen Fällen hatte dieser ihm oft Rat gewußt, er kannte so +viele Menschen. Ja, manchmal war Rudolf doch tatsächlich nützlich gewesen. Bei +diesem Gedankengang sah Herr Meier wieder den Musiklehrer vor sich, und nun kam +ihm in Erinnerung: Dieser Mann sollte ja Kinder haben in jedem Alter und +munter, lebhaft, temperamentvoll mußten die Kinder <i>dieses</i> Mannes +sicherlich sein. Er ging zum Portier: "Schicken Sie sofort eine Droschke zu +Musiklehrer Pfäffling in die Frühlingsstraße. Lassen Sie ausrichten, der kleine +Künstler habe Langeweile und ich ließe Herrn Pfäffling freundlich bitten, mir +sofort zwei oder drei seiner Kinder, Knaben oder Mädchen, zur Unterhaltung des +Jungen zu schicken. Auch Spielzeug dazu, aber rasch!" +</p> + +<p> +So fuhr denn mitten am Nachmittag ein Wagen in der Frühlingsstraße vor, und der +Kutscher richtete aus: "Herr Meier vom Zentralhotel lasse bitten um zwei bis +drei Stück Kinder, Buben oder Mädel, das sei egal, sie sollten dem kleinen +Künstler die Zeit vertreiben, weil er gar so zuwider sei." +</p> + +<p> +Diese Einladung erregte Heiterkeit bei den Eltern Pfäffling, und sie waren +gleich bereit, die Bitte zu erfüllen. Wer paßte am besten dazu? Marianne war +nicht zu Hause, Karl schon zu erwachsen, so konnten nur Wilhelm und Otto, +Frieder und Elschen in Betracht kommen. Otto erklärte, er geniere sich. Wilhelm +konnte das nicht begreifen. "Wie kann man sich genieren, wenn man mit einem +kleinen Buben spielen soll? Dem wollte ich Purzelbäume vormachen und Spaß mit +ihm treiben, daß er kreuzfidel würde!" +</p> + +<p> +"Gut," sagte Herr Pfäffling, "wenn es dir so leicht erscheint, wirst du es auch +zustande bringen. Und Frieder?" +</p> + +<p> +"Der ist zu still," sagte die Mutter, "eher würde ich zu Elschen raten. Wo ist +sie denn? Ein Künstlerkind hat vielleicht Freude an dem niedlichen +Gestältchen." +</p> + +<p> +"Meinst du?" sagte Herr Pfäffling zweifelnd, "ist sie nicht zu schüchtern? Wir +wollen sie fragen." +</p> + +<p> +Sie suchten nach dem Kind. Elschen stand allein im kalten Schlafzimmer, hatte +in ihr eigenes Bett die Puppe gelegt, und als nun die Eltern und Brüder +unvermutet herein kamen, hob sie abwehrend die Hand und sagte bittend: "Leise, +leise, mein Kind ist krank!" Sie war herzig anzusehen. Frau Pfäffling beugte +sich zu ihr und sagte: "Ein wirkliches, lebendiges Kind verlangt jetzt nach +dir, Elschen. Der kleine Violinspieler, von dem wir dir erzählt haben, ist so +traurig, weil er kein Kind in der Stadt kennt. Willst du zu ihm und mit ihm +spielen?" +</p> + +<p> +"Freilich," sagte Elschen mitleidig, "mein Kind schläft jetzt, da kann ich +schon fort." +</p> + +<p> +Schnell waren die beiden Geschwister gerichtet, auch einiges Spielzeug +herbeigesucht und nun fuhren sie in der geschlossenen Droschke durch die ganze +Stadt, voll Freude über das unverhoffte Vergnügen. +</p> + +<p> +Der Hotelbesitzer trat selbst herzu, als der Wagen vorfuhr, etwas bange, ob +entsprechendes herauskommen würde. Er öffnete den Schlag. Der Anblick von +Elschens lieblichem kleinem Persönchen erfreute ihn. Behutsam hob er sie aus +dem Wagen, stellte sie auf die Freitreppe und sagte sich: "Das entspricht, wird +sicherlich Beifall finden." Inzwischen war Wilhelm mit Behendigkeit aus der +Droschke gesprungen, hatte das Spielzeug zusammen gerafft und war schon unter +der großen Haustüre. Lächelnd sah ihn Herr Meier an. "Ganz wie sein Vater, +langbeinig, hager und flink," dachte er und sagte befriedigt: "Nun kommt mir, +Kinder, ich will euch selbst einführen. Edmund heißt der Kleine. Er ist ein +wenig müde von der Reise, aber wenn ihr mit ihm spielt, wird er schon lustig. +Vom Konzert und von Musik müßt ihr nicht mit ihm reden, das mag er nicht, er +will nur spielen, er ist ganz wie andere Kinder auch." +</p> + +<p> +Oben am Zimmer angekommen, klopften sie an und horchten auf das "Herein", statt +dessen hörten sie die Stimme eines Fräuleins. "Aber Edmund, wer wird denn die +Fensterscheiben ablecken?" "Was soll ich denn sonst tun?" hörte man eine +weinerliche Kinderstimme entgegnen. Da lachte Wilhelm und sagte zu seinem +Begleiter: "Der muß freilich arg Langeweile haben! Ich will lieber gleich mit +einem Purzelbaum herein kommen." Herr Meier wußte nicht recht, ob er das gut +heißen sollte, aber er hatte inzwischen noch einmal angeklopft, das "herein" +war erfolgt und durch die geöffnete Türe kam Wilhelm auf dem Kopf herein und +einen Purzelbaum nach dem andern schlagend, auf weichen Teppichen, die dazu +sehr einladend waren, bis zu dem Kleinen am Fenster, der nun laut auflachte und +sagte: "Wie macht man denn das?" +</p> + +<p> +Das Fräulein atmete erleichtert auf bei dieser willkommenen Ablösung in ihrer +Aufgabe, das Kind zu unterhalten. Die Sängerin, die aus dem nebenan liegenden +Zimmer unter die Türe getreten war, lächelte freundlich und dankbar Herrn Meier +zu, der sich sofort befriedigt entfernte, und kam Elschen entgegen, die auf sie +zuging. Das Kind hatte ein Gefühl dafür, daß die Art, wie ihr Bruder sich +einführte, ungewöhnlich und vielleicht nicht passend war, und in der +mütterlichen Art, die sie von ihrer älteren Schwester überkommen hatte, sagte +sie zu der jungen Frau: "Wilhelm kommt gewöhnlich nicht mit Purzelbäumen +herein, bloß heute, weil er lustig sein will." +</p> + +<p> +"Ein süßes Kind," sagte die junge Mutter zu dem Fräulein. "nun ist Edmund +versorgt und wir können ein wenig ausruhen. Lassen Sie die Kinder nur ganz +gewähren, solange sie nicht gar zu wild werden." Das Fräulein schien dieser +Aufforderung sehr gern nachzukommen, zog sich mit einem Buch zurück und die +Kinder blieben sich selbst überlassen. +</p> + +<p> +Die Freundschaft war bald geschlossen. Der kleine Künstler hatte etwas sehr +Gewinnendes in seinem Wesen und ein anmutiges Äußeres. Weiche, blonde Locken +umgaben das feine Gesicht, alles an ihm war schön und wohlgepflegt. Das +ansprechendste waren seine großen, tiefblauen Augen, die mit ihrem +träumerischen Ausdruck ahnen ließen, daß diese Kinderseele mehr als andere +empfand. Während er mit den Kindern spielte, sah auch er kindlich-fröhlich aus, +sobald er aber still war, lag ein ungewöhnlicher Ernst und eine Frühreife in +seinem Gesicht, die ihn viel älter erscheinen ließen. +</p> + +<p> +Eine gute Weile belustigte er sich an Wilhelms Spässen und ergötzte sich mit +diesem, während Elschen zusah. Nun wandte er sich an sie. "Mit dir möchte ich +gerne tanzen," sagte er, "kannst du tanzen?" +</p> + +<p> +"Ja," sagte die Kleine zuversichtlich. +</p> + +<p> +"Was willst du tanzen?" +</p> + +<p> +"Was du willst," antwortete sie freundlich, zum Erstaunen ihres Bruders, der +von der Tanzkunst seiner Schwester bisher noch nichts gewußt hatte. +</p> + +<p> +"Also Walzer," entschied der kleine Kavalier und wollte sein Dämchen zum Tanz +führen. +</p> + +<p> +"Warte ein wenig," sagte Elschen, "Wilhelm muß mir das erst vormachen." +</p> + +<p> +Dieser hatte zwar noch nie getanzt, aber ihm machte das keine Bedenken, für so +kleine Tänzer traute er sich dennoch zu, den Tanzmeister zu machen. +</p> + +<p> +"Bei Walzer zählt man drei," sagte er zur Schwester, "ich will dir einen Walzer +vorpfeifen." +</p> + +<p> +Und er fing an, die Melodie zu pfeifen, den Takt dazu zu schlagen und sich im +Kreis zu drehen. Das Fräulein, im Hintergrund, verbarg hinter ihrem Buch das +Lachen, das sie bei diesem Tanzunterricht schüttelte. Edmund fuhr die Tanzlust +in die Füße, er ergriff seine kleine Tänzerin. Sie wäre ja keine Pfäffling +gewesen, wenn sie den Rhythmus nicht erfaßt hätte; niedlich tanzte das kleine +Paar hinter dem pfeifenden, mit den Fingern schnalzenden und sich drehenden +Wilhelm einher. Das Fräulein rief unbemerkt die Mutter des Kleinen herbei, auch +der Vater trat unter die Türe, sie sahen belustigt zu. "Eine solche Nummer +sollten wir in unserem Programm heute Abend einschalten," sagte er scherzend zu +seiner Frau, "das gäbe einen Jubel! Wem gehören denn diese Kinder?" fragte er +das Fräulein. Sie wußte es nicht. +</p> + +<p> +"Der langbeinige, bewegliche Kerl ist zu drollig und das Mädchen ist die Anmut +selbst. Musikalisch sind sie offenbar alle beide." +</p> + +<p> +Zwei Stunden waren den Kindern schnell verstrichen, nun mahnte das Fräulein, +daß es Zeit für Edmund sei, sein Abendessen einzunehmen und sich umkleiden zu +lassen für das Konzert. Als er das hörte, verschwand alle Fröhlichkeit aus +seinem Gesicht, er erklärte, daß er nichts essen möge, sich nicht umkleiden und +seine neuen Freunde nicht missen wolle. Die vernünftigen Vorstellungen des +Fräuleins, die zärtlichen Worte der Mutter hatten nur Tränen zur Folge. +</p> + +<p> +Wilhelm versuchte seinen Einfluß auf den kleinen Kameraden. "Du mußt doch +vorspielen," sagte er, "viele Hunderte von Menschen hier freuen sich schon so +lange auf das Konzert!" +</p> + +<p> +"Geht ihr auch hin?" fragte der Kleine und ehe er noch Antwort hatte, sagte er +eifrig zu seiner Mutter: "Die Beiden sollen zu mir in das Künstlerzimmer +kommen, und den Abend bei mir bleiben, es ist immer so langweilig, während du +singst und Papa spielt." +</p> + +<p> +Aber Wilhelm ging auf diesen Vorschlag nicht ein. "Wir können nicht kommen," +sagte er. "Elschen liegt um diese Zeit schon im Bett und ich habe jetzt den +ganzen Nachmittag nichts gearbeitet und habe viele Aufgaben für morgen." Da +flossen bei dem Kleinen wieder die Tränen, er drückte sein Köpfchen an die +Mutter und schluchzte: "Wenn er nicht kommt, will ich auch nicht spielen, mir +ist gar nicht gut." Es sah auch tatsächlich ein wenig elend aus, das kleine +Bübchen. Seine Mutter rief den Vater zu Hilfe. "Sieh doch nur," sagte sie, "wie +Edmund verweint und jämmerlich aussieht! Was hat er nur? Er ist doch sonst so +verständig, aber heute will er nicht spielen. Ich werde Qualen durchmachen, +heute abend." +</p> + +<p> +Der Vater stampfte ungeduldig mit dem Fuß. Edmund ergriff Wilhelms Hand und +hielt sie krampfhaft fest, um ihn nicht gehen zu lassen. Die beiden Eltern +besprachen sich eifrig miteinander, aber die Kinder verstanden nichts davon, +das Gespräch wurde in italienischer Sprache geführt. Endlich wandte sich der +Vater an Wilhelm: "Wir wären sehr froh," sagte er, "wenn du zu unserem Kleinen +in das Künstlerzimmer kommen und den Abend bei ihm bleiben wolltest. Du müßtest +eben deine Aufgaben einmal bei Nacht machen. Ein frischer Junge, wie du bist, +kann das doch wohl tun? Wir verlangen auch diese Gefälligkeit nicht umsonst, +wir bieten dir dagegen ein Freibillet zu unserem Konzert an, das du gewiß jetzt +noch leicht an irgend jemand in deiner Bekanntschaft verkaufen kannst." +</p> + +<p> +Bei dem Wort "Freibillet" hatte Wilhelms Gesicht hell aufgeleuchtet. Ein +Billet, für den Vater natürlich, welch ein herrlicher Gedanke! "Ja," rief er, +"ja, ja, für ein Freibillet, wenn ich es meinem Vater geben darf, will ich gern +zu Edmund kommen und gern die ganze Nacht durch arbeiten!" Und als er bemerkte, +wie nun der Kleine plötzlich vom Weinen zum Lachen überging, sagte er zu +diesem: "Könntest du nur dabei sein, wenn ich meinem Vater die Karte bringe und +sehen, wie er sich freut! Mein Vater ist wohl so groß wie die Türe da, und wenn +er einen Freudensprung macht, dann kommt er fast bis an unsere Decke. Weißt du +so!" und Wilhelm fing an, Sprünge zu machen, daß der kleine Kamerad laut lachte +und seine Mutter leise zu dem Fräulein sagte: "Nun führen Sie ihn rasch zum +Umkleiden, so lange er noch vergnügt ist," und dem Kinde redete sie gütig zu: +"Wenn du nun artig bist, Edmund, so kommt heute abend Wilhelm zu dir." Darauf +hin folgte der Knabe willig dem Fräulein und sein Vater wandte sich an Wilhelm. +"Das Konzert ist in der Musikschule; neben dem Saal ist das Zimmer, in dem wir +uns aufhalten, so lange wir nicht spielen, du darfst nur nach dem +Künstlerzimmer fragen." +</p> + +<p> +"O, ich weiß es gut," sagte Wilhelm, "neben dem Garderobezimmer liegt es." +</p> + +<p> +Der Künstler wunderte sich. "Du bist ja zu allem zu brauchen," sagte er, "woher +weißt du das Zimmer?" +</p> + +<p> +"Mein Vater ist Lehrer an der Musikschule, ich habe ihn schon oft dort +abgeholt." +</p> + +<p> +"Ah, Musiklehrer, und hat dennoch kein Billet genommen für unser Konzert?" +</p> + +<p> +"Nein," sagte Wilhelm, "aber kein Mensch in der ganzen Stadt kann sich mehr +darüber freuen, als mein Vater!" +</p> + +<p> +Auch Elschen stimmte zu mit einem fröhlichen "ja, ja!" und dabei schlüpfte sie, +so schnell sie konnte, in ihren Mantel und beiden Kindern war die Ungeduld, +heimzukommen, an allen Gliedern anzumerken. Die Karte wurde ihnen denn auch +wirklich eingehändigt und nachdem Wilhelm fest versprochen hatte, sich +rechtzeitig im Künstlerzimmer einzufinden und Edmund zu unterhalten, ohne ihn +aufzuregen, ihn zu belustigen, ohne Lärm zu machen, wurden die Kinder +entlassen. +</p> + +<p> +Wilhelm faßte die kleine Schwester bei der Hand; "Jetzt nur schnell, schnell, +Elschen, wenn nur der Vater ganz gewiß zu Hause ist, es ist schon sechs Uhr, um +halb acht Uhr geht das Konzert an!" +</p> + +<p> +So rasch eilten sie am Portier vorüber, daß dieser sie kaum mehr erreichte, +obwohl er aus seinem Zimmer ihnen nacheilte auf die Freitreppe vor dem Hotel. +</p> + +<p> +"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr dürft wieder heim fahren." Wilhelm +wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und kommen viel +früher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber die Hand des großen, +stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des Knaben und hielt ihn zurück. +"Herr Meier hat Auftrag gegeben, daß eine Droschke geholt werden soll, es ist +für dies kleine Mädchen ein weiter Weg und draußen ist's kalt und dunkel; aber +wenn du so Eile hast, so kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen +und einen Wagen holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde +im Portierzimmer ein Sessel zurecht gerückt. Da saß sie neben zwei riesigen +Reisekoffern, und betrachtete die glänzenden Metallbeschläge. +</p> + +<p> +"Das sind große Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen bis nach +Rußland." +</p> + +<p> +"Dann gehören sie dem General," sagte Elschen, "der in der nächsten Woche nach +Berlin reist." +</p> + +<p> +"Weißt du davon? Du hast ganz recht, das heißt, er reist schon morgen." +</p> + +<p> +"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah erstaunt auf +die Kleine. "Das wäre das neueste, wer hat denn das gesagt?" +</p> + +<p> +"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren." +</p> + +<p> +"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General selbst hat +heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen vormittag. Horch, nun +kommt schon dein Bruder mit der Droschke." +</p> + +<p> +Wilhelm hätte mehr Lust gehabt, seine eigenen flinken Beine in Bewegung zu +setzen als die eines müden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr +einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, daß der Wagenschlag +für sie aufgerissen wurde wie für ein kleines Dämchen und sie selbst sorgsam +hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt nicht ausgleite. Nun fuhren sie +durch die schön beleuchteten Straßen, dann durch die stillen Gassen der +Vorstadt und endlich bogen sie in die Frühlingsstraße ein. "Wenn der Vater +nicht daheim ist, müssen alle auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl +und Otto, Marianne und Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muß +das Billet zu rechter Zeit bekommen!" +</p> + +<p> +In der Frühlingsstraße war abends kein großer Wagenverkehr, und Frau Pfäffling, +die bei den Kindern am Tisch saß, horchte auf und sagte: "Sie kommen!" Herr +Pfäffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin und her wandelte, seine +Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch den Gedanken gestört wurde, wie +viel schöner es wäre, heute abend Musik, Musik erster Klasse, zu hören, als +über Musik zu lesen, Herr Pfäffling hörte auch das Geräusch des Wagens: "Das +können die Kinder sein, ob <i>sie</i> wenigstens etwas gehört haben in der +Künstlerfamilie, singen, Klavier oder Violine?" Das mußte er doch gleich +fragen, also: die Treppe hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem +Mann: "Es hält eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die Zeit +kommt ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfäffling stand +inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte fragen, aber so +flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den eifrigen Ausrufen seiner +Kinder: "Wie gut, daß du zu Hause bist, Vater, wir haben dir ja ein Billet, ein +Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt vom Künstler selbst!" Und wenn nun auch +Herr Pfäffling nicht den Freudensprung machte, den der kleine Edmund von ihm +erwartet hätte, enttäuscht wäre dieser doch nicht gewesen, denn dieser +fröhliche Ausruf der Überraschung, dieses stürmische Stufenüberspringen, um +möglichst schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Cäcilie!" +der durch die ganze Wohnung klang, war auch ergötzlich und herzerfreuend. +</p> + +<p> +Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es diesmal +überlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag herauskam. Frau +Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht überrannt zu werden, wollte +eben die Haustüre zumachen, als sie die Kleine, mit dem Spielzeug beladen, +nachkommen sah. "Da hat es wieder so pressiert," sagte sie vor sich hin, "daß +sich keines die Zeit genommen hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm +die Hand und schloß für sie die Haustüre, während oben schon die Tritte der +Hinauseilenden verhallten. Elschen fand es ganz natürlich, daß man sich nicht +um sie gekümmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude, +der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich grüßte sie die Hausfrau und sagte, +auf der Treppe zurückblickend: "Jetzt weiß ich es, Hausfrau, wie du das machen +mußt, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont wird, du mußt nur dicke, +dicke Teppiche legen; so ist es im Zentralhotel und es sieht auch viel schöner +aus als das Holz da!" +</p> + +<p> +"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken +Teppiche, damit ich sie legen kann." +</p> + +<p> +Bei Pfäfflings war große Bewegung, die Freude über das Konzertbillet hatte sich +allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten über die Erlebnisse im Zentralhotel +überstürzten sich, zugleich wurden die Vorbereitungen für das Abendessen +beschleunigt, damit Herr Pfäffling und Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des +Konzertes kommen konnten. Frau Pfäffling hörte mit besonderer Teilnahme und +auch mit Besorgnis von dem kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl +fühlt," sagte sie zu Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit +Spässen bei guter Laune erhalten können!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und +war zu vergnügt über die Freikarte, als daß er von dem heutigen Abend irgend +etwas anderes als Erfreuliches hätte erwarten können. Er strahlte mit dem +ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinüber, der ebenso strahlte, +während sie beide das rasch erschienene Abendessen verzehrten und sich dann +unter allgemeiner Teilnahme und Hilfsbereitschaft der Familie für das Konzert +richteten. "Wenn der Kleine aufgeregt wird oder nicht mehr spielen will," sagte +Frau Pfäffling zu Wilhelm, "so laß ihn sich zu dir setzen und erzähle ihm +allerlei, etwa von Frieders Harmonika und Geige oder von unserem +Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn du ihn immer zum Lachen bringen +willst. Weißt du, wenn man unwohl ist, mag man gar nicht lachen, aber über dem +Erzählen vergessen die Kinder ihre kleinen Leiden." Da mischte sich Elschen +ein: "Er ist ja gar nicht krank, er hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und +gelacht," sagte Wilhelm, "und unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los +mit ihm." +</p> + +<p> +So gingen Vater und Sohn fröhlich und guter Dinge miteinander nach der +Musikschule und trennten sich, Herr Pfäffling, um seinen Platz in dem schon +dicht gefüllten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters Billet nachträglich +zu verdienen. +</p> + +<p> +Er fand das Künstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn begrüßten hier +die Künstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Sängerin allerlei Aufmerksamkeiten +und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand in schneeweißem Anzug da und +lehnte das Lockenköpfchen an seine Mutter, die in ihrem duftigen Seidenkleid +reizend anzusehen war. "Sieh, da kommt dein kleiner Freund," sagte Edmunds +Vater, der Wilhelms bescheidenes Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja +keine Purzelbäume," entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen. +</p> + +<p> +"Das wäre hier wohl auch nicht gut möglich," sagte der Vater. Im Hintergrund +des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben hielt sich das +Fräulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt hatte. Zu ihr ging er +hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel für Edmund mitgebracht, soll ich +ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?" "Später, wenn wir allein sind und Edmund +schwierig wird," sagte das Fräulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar +Augenblicke später kam geschäftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es +Zeit, Herr Weismann?" frug ihn der Künstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die +anwesenden Herrn verließen nun rasch das Künstlerzimmer, um sich an ihre Plätze +im Saal zu begeben, das Fräulein strich noch die Falten am Kleide der Sängerin +glatt, der Vater löste mit einer gewissen Strenge die Hand des Kindes aus der +der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu Wilhelm," die Mutter drückte rasch +noch einen Kuß auf die Stirn des Kleinen, der sie betrübt, aber doch ohne +Widerspruch losließ. Dann öffnete Weismann eine Seitentüre, von der aus ein +paar Stufen nach dem erhöhten Teil des Saals führten, auf dem nun das +Künstlerpaar auftreten sollte. Wilhelm konnte von dem tieferliegenden +Künstlerzimmer aus nicht hinaufsehen, aber er hörte das mächtige +Beifallklatschen, mit dem das junge Paar empfangen wurde, dann schloß Weismann +hinter ihnen die Türe und von den wunderbaren Tönen, die nun im Saal die +Menschenmenge entzückten, drangen nur einzelne Klänge herunter in das +Nebenzimmer. +</p> + +<p> +Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms hat unser +kleiner Künstler," sagte er, und auf die bereit gelegte Violine deutend, fragte +er: "Ist dein Instrument schön im Stande?" Edmund antwortete nicht. +</p> + +<p> +"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fräulein, "sein Vater hat vorhin +darnach gesehen." +</p> + +<p> +"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du stehen +sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weißt doch noch, nicht ganz +dicht am Flügel?" Es erfolgte wieder keine Antwort. +</p> + +<p> +"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fräulein, "wenn dich +Papa so sähe!" Da ließ der Kleine den Kopf hängen und fing au zu weinen. +Erschrocken zog ihn das Fräulein an sich. "Sei nur zufrieden, Kind," tröstete +sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall klatschen, wenn du mit +verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die Tränen, Weismann hielt es für +klüger, sich zurück zu ziehen, Wilhelm ließ den Kreisel tanzen; halb +widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte er selbst die Kunst, die seinen +geschickten Fingerchen bald gelang. Er vertiefte sich in das Spiel. Plötzlich +horchte er auf. Ein Beifallssturm dröhnte aus dem Saal. +</p> + +<p> +"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Türe. "Nein, sie muß noch +einmal wiederholen," fügte er nach einer Weile gespannten Horchens hinzu und +kehrte wieder an sein Spiel zurück. "Bei mir ist das auch manchmal so, ich mag +nicht gern wiederholen, aber man muß." +</p> + +<p> +"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm, "so etwas +habe ich noch gar nicht gehört." +</p> + +<p> +"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es nachher +schon hören," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem Kreisel, und als nun +die Sängerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl geleitet, und dann von +Weismann empfangen, wieder in das Künstlerzimmer zurückkam, rief er ihr +fröhlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?" Die Mutter beugte sich zu ihm und +sagte: "Gottlob, daß er vergnügt ist!" und ein dankbarer Blick fiel auf +Wilhelm. +</p> + +<p> +Im Saal erklang der Konzertflügel. +</p> + +<p> +"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an das +Fräulein wendend, fügte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist, wenn das +Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Früher war es mir bange, wenn ich +vorsingen mußte, aber seitdem das Kind öffentlich spielt, hat diese große Angst +jede andere vertrieben. Wir hätten es nie anfangen sollen." Tröstend sprach das +junge Mädchen der Mutter zu: "So sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn +alle Welt begeistert ist von dem Kleinen, sind Sie doch glücklich und stolz, +mehr als über Ihre eigenen Erfolge. Er ist nun schon fünfmal aufgetreten und +hat seine Sache immer gut gemacht." +</p> + +<p> +"Aber heute wird es anders werden," flüsterte die Mutter, "hat er nicht auch +trübe Augen? Edmund, gib mir deine Hände. Sie sind heiß, fühlen Sie, Fräulein!" +</p> + +<p> +"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Hände jetzt ruhen lassen." +</p> + +<p> +"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Hände dürfen nicht +müde sein vor dem Violinspiel." +</p> + +<p> +Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschäftigung zu wissen. Eine +gelernte Kindergärtnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber ihm war, als +verlöre sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem Augenblick an, wo er +aufhören würde, den Jungen zu unterhalten. Also <i>mußten</i> ihm Gedanken +kommen, Einfälle, um die Zeit zu vertreiben, und sie kamen auch, und als der +Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in der Hand, unter lebhaftem Beifall +den Saal verlassen hatte, fand er Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit +der Violine zu folgen. +</p> + +<p> +"Nun wirst du hören, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama," sagte er +munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr war es seine +Mutter. Sie flüsterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch den Türspalt, wie er +seine Sache macht!" +</p> + +<p> +Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Künstlern, sah, wie der +Kleine, der mit freundlichem Beifall begrüßt worden war, in kindlicher Weise +den Gruß erwiderte und, von seinem Vater auf dem Klavier begleitet, das Spiel +begann. Wilhelm wurde durch den kleinen Violinspieler an Frieder erinnert und +deshalb kam ihm diese Leistung nicht so wunderbar vor wie den Zuhörern im Saal. +Mit denselben träumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt, +hatte Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige. +Freilich war Frieder erst ein Anfänger auf diesem Instrument und dieser Kleine +war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die Violine war ja +klein und der Spieler hatte nicht den kräftigen Strich eines Mannes. Aber +reine, zarte, tief empfundene Töne wußte er zu wecken und eine staunenswerte +Gewandtheit zeigten die kleinen Hände. Unter den Zuhörerinnen war manche zu +Tränen gerührt, und als der letzte Ton sanft verklungen war, rauschte ein +Beifallssturm durch den Saal, Blumen flogen, und eine junge Dame trat auf das +Podium, um dem kleinen Künstler ein Füllhorn zu überreichen, das auf sein +kindliches Alter berechnet war, denn während es nur mit Rosen gefüllt schien, +waren unter den Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe, +die Schätze zu sammeln. Man hörte die helle Kinderstimme ein schlichtes, +freundliches "Danke!" rufen. +</p> + +<p> +In das Künstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu gratulieren, +und es kam so, wie das junge Mädchen voraus gesagt hatte: die Mutter war über +die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg glücklicher, als über den eigenen; +auch war es ihr nun leichter um das Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal +vorzuspielen, freilich ein schwieriges und längeres Musikstück und ganz ohne +Begleitung, aber sie war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die +begeisterten Schilderungen einiger Freunde, die in das Künstlerzimmer +eindrangen und von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Fröhlich und +siegesgewiß trat das Künstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein +zurück bei dem Fräulein und dem treuen Kameraden. +</p> + +<p> +Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine weinerliche +Stimmung und war nicht mehr heraus zu reißen, Wilhelm mochte sich buchstäblich +auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da dachte er an seiner Mutter Rat, +setzte sich neben den Kleinen und fing an, ihm zu erzählen. Der lehnte sich an +das Fräulein, und es dauerte gar nicht lange, so fielen ihm die Augen zu und er +schlief ein. Sie ließen ihn ruhen, aber gegen den Schluß des Konzertabends, +während sein Vater allein spielte und schon am Ende des Stückes war, auf das +Edmunds Auftreten folgen sollte, mußte er doch geweckt werden. Die Mutter tat +es mit schwerem Herzen und unter zärtlichen Liebkosungen. Es kam ihr grausam +vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, daß sie das Kind +vorspielen lasse. Sie bemühten sich zu dritt um das Kind, boten ihm +Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien, wohl aus dem Schlaf +gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu bestimmen vermocht, daß er noch +einmal vorspiele. +</p> + +<p> +Draußen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige +Erwartung des kleinen Künstlers, auf dessen Wiedererscheinen die große Menge +sich mehr freute als über die großartigen Kompositionen, die der Vater ihr +soeben vorgetragen hatte. Innen, im Künstlerzimmer, herrschte +Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf. +</p> + +<p> +"Laß nun einmal die zärtlichen Worte," sagte der Künstler zu seiner Frau, "sie +helfen nichts mehr, wie du siehst; laß mich allein mit Edmund reden." Er führte +das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng in die Augen. +</p> + +<p> +"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und möchtest lieber zu Bette +gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe doch dabei ein +ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du mußt nur ein einziges Stück +spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht: Die vielen Menschen haben +die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen dafür Musik versprochen und muß +mein Versprechen halten. Du mußt das deinige auch halten, dann erst darfst du +dich zu Bette legen. Aber eines will ich für dich tun, wenn du mir versprichst, +daß du dich tapfer hältst, ich will dir erlauben, daß du anstatt des +schwierigen Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die +du so gut kannst. Ich will es den Zuhörern sagen; wenn du das Stück recht schön +vorträgst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer Viertelstunde ist +es überstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann verzeihen sie es dir, daß +du so ein kurzes Stück spielst." Und er nahm das Kind fest an der Hand, machte +der Mutter, die sich von ihm verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab +dem Kleinen die Violine, die er folgsam nahm und führte ihn die Stufen hinauf. +"Vater," fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden, +auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um." +</p> + +<p> +"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt der Vater. +</p> + +<p> +Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das +Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte sich der +Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des Künstlers zugute zu +halten, daß er sein Programm nicht einhält. Er möchte Ihnen lieber eine Romanze +von Beethoven als das Konzert von Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches +Klatschen bezeugte die Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wußten, daß +ihnen damit die Freude verkürzt wurde. "Nun mach es um so besser," flüsterte +der Vater noch seinem Kind zu und stellte sich so, daß sie einander im Auge +behielten. Ihm war es, als müßte er unablässig durch seinen Blick die +Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten. +</p> + +<p> +"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhörer, aber die meisten hatten +keinen Blick für den Vater, sie waren wieder hingerissen von dem Knaben und +seinem einschmeichelnden Spiel. +</p> + +<p> +Es ging vorüber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit erschienen, +und diesmal kamen Beide wie träumend zurück zu der Mutter, die den Kleinen in +zärtlichen Armen empfing. +</p> + +<p> +"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett," sagte der +Vater zu dem Fräulein, "Wilhelm begleitet Sie hinüber zum Droschkenplatz, nicht +wahr?" +</p> + +<p> +Am Schluß des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhörer vor dem +Künstlerzimmer, sie hofften, auch das Künstlerkind noch einmal zu sehen. +Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom Zentralhotel sorgsam +hatte erwärmen lassen. +</p> + +<p> +Am nächsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des Konzerts, +und am übernächsten folgte eine Notiz: der kleine Geigenspieler sei an den +Masern erkrankt. +</p> + +<p> +Acht Tage später lag auch seine kleine Tänzerin Elschen masernkrank darnieder, +und wenn Frau Pfäffling an ihrem Bettchen saß, dachte sie manchmal mit +Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon öffentlich auftreten mußte, ehe +es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte. +</p> + +<p> +Über diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap11"></a>11. Kapitel<br/> +Geld- und Geigennot.</h2> + +<p> +Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte täglich +und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß des russischen +Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden beigelegt sein sollte, aber +es kam nichts. So mußte die russische Familie doch wohl ihre Abreise verschoben +haben, ja, vielleicht dachte sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die +Musikstunden wieder aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden +sein. Herr Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn +Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit Familie +gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach Berlin, wo er +eine Woche verweilen wolle. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar zu +sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich handelte und +sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle geschäftlichen Angelegenheiten +aufs pünktlichste geregelt und großmütig jede Dienstleistung bezahlt. Er ist +durch und durch ein Ehrenmann, so werden auch sie ihn kennen gelernt haben." +</p> + +<p> +"Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, seine +Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie das Honorar +überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne Honorar, und sagten, die +Abreise sei verschoben worden, die Eltern würden deshalb noch schriftlich ihren +Dank machen. Glauben Sie, daß es von Berlin aus geschehen werde?" +</p> + +<p> +"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab, ohne +vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas anderes vor. Von +einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede, das haben die Söhne +ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das Geld ist in den Händen der jungen +Herrn hängen geblieben, das geht aus allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie +sind etwas leichtsinnig, die Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und +streng gehalten. Es scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich +noch etwas reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt +übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die Abreise +sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die Eltern schon über +der russischen Grenze wären. Es ist gut, daß Sie nicht noch ein paar Tage +gezögert haben, diese Woche ist die Familie noch beisammen in Berlin. Ich habe +die Adresse des Hotels und ich will sie Ihnen auch mitteilen, Herr Pfäffling. +Wenn ich Ihnen raten darf, schreiben Sie unverzüglich. Sie brauchen ja durchaus +keinen Verdacht gegen die jungen Herrn auszusprechen, es genügt, wenn Sie den +Hergang erzählen, der General ergänzt sich das übrige und so wie ich ihn kenne, +wird er Ihnen sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und alles ist +gut." +</p> + +<p> +In voller Entrüstung erzählte unser Musiklehrer daheim von dem offenbaren +Betrug seiner jungen Schüler. "Es ist ein Glück," sagte er dann, "daß mein +Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich schreibe gleich. Wir +brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und Nötigerem als diese +leichtsinnigen Burschen." +</p> + +<p> +Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfäffling in ganz veränderter Stimmung, +langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurück. "Cäcilie," sagte er, "was +meinst du zu der Sache? Meine Feder sträubt sich ordentlich gegen das, was sie +schreiben soll. Was hilft es, wenn ich auch nicht den geringsten Verdacht +ausspreche, meine Mitteilung bringt doch dem General die Nachricht von der +verbrecherischen Handlung seiner Söhne. Daß er ihnen so etwas nie zugetraut +hätte, sieht man ja, er hätte ihnen sonst das Geld nicht übergeben. Nun soll er +das erfahren müssen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die +ehrlose Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen können. Sich so von +seinen Kindern trennen müssen, das ist ein namenloser Schmerz für Eltern. Soll +ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert Mark zu retten, was sagst du, +Cäcilie?" +</p> + +<p> +"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, daß du es über dich +bringst," entgegnete Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Und du? Würdest du es über dich bringen? Würdest du schreiben, trotz all dem +Leid, was daraus entstehen muß?" +</p> + +<p> +"Ich würde vielleicht denken, früher oder später werden die Eltern doch +erfahren, wie ihre Söhne sind, und für die Jungen selbst wäre es heilsam, wenn +der Betrug nicht ohne Strafe für sie hinginge. Überdies ist ja immerhin die +Möglichkeit, daß wir einen falschen Verdacht haben und das Geld vergessen oder +verloren wurde, obwohl ich mir dann die unwahre Aussage der Söhne über die +verschobene Abreise nicht erklären könnte. Die hundert Mark sind uns auch gar +so nötig." +</p> + +<p> +"Also du würdest schreiben, Cäcilie?" +</p> + +<p> +Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiß nicht, ich würde +meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfäffling noch eine Weile überlegend +auf und ab. Die Augen seiner großen Kinder folgten ihm mit Spannung. Sie waren +alle empört über den Betrug, der an ihrem Vater begangen war, hatten alle den +Wunsch, der Vater möchte schreiben. Aber sie wagten nicht, darein zu reden. Nun +machte der Vater halt, blieb vor der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert +Mark lassen sich verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen +das kleinere Übel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem Wort: +Den Nächsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den russischen +General ungeschrieben. +</p> + +<p> +Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefaßt. In ihrem kalten +Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto beisammen +und schrieben an die Söhne des Generals. Ihrer Entrüstung über die schnöde +Handlungsweise gaben sie in kräftigen Worten Ausdruck, den Edelmut des Vaters, +der aus Rücksicht auf den General diesem die Schandtat nicht verraten wollte, +priesen sie in begeisterten Worten, schilderten dann die vielen Entbehrungen, +die die Eltern sich auflegen mußten, wenn eine so große Summe wegfiel, und +wandten sich am Schluß mit volltönenden Worten an das Ehrgefühl der jungen +Leute mit der Aufforderung, das Geld zurückzuerstatten. Otto mußte mit seiner +schönen, schulgemäßen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und dann +setzten alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an Feodor, den +älteren der beiden Brüder, die Berliner Adresse hatten sie gelesen, es fehlte +nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur Schule konnte er in den +Schalter geworfen werden. Mit großer innerer Befriedigung legten sie sich nun +in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin mußte das Geld zurückkommen, an dem +Erfolg war gar nicht zu zweifeln, und welche Überraschung, welche Freude mußte +das geben! +</p> + +<p> +Es ist aber merkwürdig, wie die Dinge bei nüchternem Tageslicht so ganz anders +erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brüder am nächsten Morgen auf +dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum lassen wir eigentlich den +Vater unsern Brief nicht vorher lesen?" Wilhelm und Otto wußten Gründe genug. +"Weil sonst keine Überraschung mehr dabei ist; weil die Eltern so ängstlich +sind und keinen Verdacht äußern wollen, während doch alles so klar wie der Tag +ist; weil der Vater die schönsten Sätze über seinen Edelmut streichen würde; +weil dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts würde; nein, wenn man +wollte, daß der Brief abging, so mußte man ihn heimlich abschicken, nicht lange +vorher fragen." +</p> + +<p> +Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf er den +Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber die Brüder +drangen in ihn: "Jede Überraschung muß heimlich gemacht werden, sonst ist's ja +keine; du bist immer so bedenklich und ängstlich, was kann denn der Brief +schaden? Gar nichts, im schlimmsten Fall nützt er nichts, aber schaden kann er +nichts, das mußt du selbst sagen." Karl wußte auch nicht, was er schaden +sollte, und dennoch wollte er durchaus auch beim zweiten Schalter den Brief +nicht herausgeben. "Die Eltern sind immer so sehr gegen alles Heimliche," sagte +er, "und es ist wahr, daß schon oft etwas schlimm ausgegangen ist, was wir +heimlich getan haben. Ihr habt gut reden: wenn die Sache schief geht, heißt es +doch: Karl, du bist der Älteste, du hättest es nicht erlauben sollen." +Allmählich brachte er mit seinem Bedenken Otto auf seine Seite, nur Wilhelm +blieb dabei daß sie ganz übertrieben ängstlich seien, und machte bei dem +dritten und letzten Schalter einen Versuch, Karl den Brief zu entreißen. Es +gelang aber nicht, und da nun Schulkameraden sich anschlossen, mußte die +Schlußberatung auf den Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben war: sie +wollten der Mutter von dem Brief erzählen, wie wenn dieser schon abgeschickt +wäre. Hatte sie dann nur Freude darüber, dann konnte man ihn ruhig einwerfen, +hatte sie Bedenken, so konnte man ihn vorzeigen. So wurde Frau Pfäffling +zugeflüstert, sie möchte nach Tisch einen Augenblick in das Bubenzimmer kommen. +Dort fand sie ihre drei Großen, die ihr nun ziemlich erregt und meist +gleichzeitig von dem Brief erzählten, den sie gestern noch bei Nacht +geschrieben, an den jungen Feodor adressiert und heute morgen auf dem Schulweg +mitgenommen hätten. Die kräftigen Ausdrücke der Verachtung gegen die +Handlungsweise der jungen Russen und die Beschwörung, das Geld +zurückzuerstatten, wurden fast wörtlich angeführt. +</p> + +<p> +Im ersten Augenblick hörte Frau Pfäffling mit Interesse zu, aber dann +veränderte sich plötzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast entsetzt auf +die drei Jungen und wurde ganz blaß. Sie erschraken über diese Wirkung und +verstummten. +</p> + +<p> +"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr auch an +Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in die Hand, die +Söhne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel, sondern in der +Erziehungsanstalt und das könnt ihr glauben, der General übergibt keinen Brief +mit fremder Handschrift an seine Söhne, ohne ihn zu lesen. Nun erfährt er durch +euch auf die schroffste Weise eben das, was der Vater vor ihm verbergen wollte. +Es ist unverantwortlich, euch so einzumischen in das, was euch nichts angeht!" +</p> + +<p> +Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins Wort +fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfäffling war nicht begierig, +Entschuldigungen zu hören, und anderes glaubte sie nicht erwarten zu können. Da +drückte ihr Karl den Brief in die Hand und rief: "Fort ist der Brief noch +nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch nicht so!" +</p> + +<p> +"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfäffling, "habt ihr nicht gesagt, er sei schon +abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es wäre mir schrecklich gewesen für +den Vater, für den General und auch für euch, denn wir hätten nie mehr etwas in +eurer Gegenwart besprochen, hätten alles Vertrauen in euch verloren, wenn ihr +euch heimlich in solche Dinge mischt!" Sie standen beschämt, denn wie waren sie +doch so nahe daran gewesen, das Heimliche zu vollbringen! +</p> + +<p> +"Später, wenn ich Zeit habe, will ich den Brief lesen," sagte Frau Pfäffling, +"ich kann mir ja denken, daß ihr empört seid über die jungen Leute, aber was +nur ein Verdacht ist, darf man nicht aussprechen, wie wenn es Gewißheit wäre. +Wißt ihr nicht, daß oft schon die klügsten Richter einen Menschen verurteilt +haben, weil der schwerste Verdacht gegen ihn vorlag, und später stellte sich +doch heraus, daß er unschuldig war? Man kann da gar nicht vorsichtig genug +sein." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling bekam den Brief zu lesen. Er wurde nachdenklich darüber. "So, +wie die Kinder gerne geschrieben hätten," sagte er zu seiner Frau, "so kann man +freilich nicht schreiben. Aber der Gedanke, sich an die Söhne zu wenden, ist +vielleicht nicht schlecht. Bisher waren sie noch unter der steten Aufsicht der +Eltern, ich wüßte nicht, wie sie in dieser Zeit das unterschlagene Geld hätte +verausgaben sollen. Ich müßte an sie schreiben, sobald der General und seine +Frau abgereist sind. Der Abschied wird den jungen Leuten gewiß einen tiefen +Eindruck machen, der General wird ernste Worte mit ihnen reden. Wenn sie in +dieser Stimmung einen Brief von mir erhalten und sehen, wie ich ihre Eltern +gerne schonen möchte, ist es nicht unmöglich, daß sie ihr Unrecht wieder gut +machen. Sie mögen ja schwach sein und leicht einer Versuchung unterliegen, aber +sie sind auch weichen Gemüts und zum Guten zu bestimmen, ich will wenigstens +den Versuch machen." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling saß in dieser Zeit viel am Bett der kleinen Masernkranken. Ihr +Mann mußte das Krankenzimmer meiden um seiner Schüler willen. Aber wie eine +Erscheinung stand er eines Tages plötzlich vor ihr, warf ihr eine Handvoll Geld +in den Schoß, rief vergnügt: "Das Russengeld" und war in demselben Augenblick +schon wieder verschwunden. +</p> + +<p> +Seine drei großen Jungen rief er zu sich, las ihnen den reuevollen Brief der +jungen Leute vor und gab in seiner Freude jedem der Drei ein kleines Geldstück, +weil sie ihn durch ihren Brief auf einen guten Gedanken gebracht hatten. Aber +Wilhelm wollte es nicht annehmen. War er es doch gewesen, der darauf beharrt +hatte, den Brief, ohne vorher zu fragen, einzuwerfen. "Vater," sagte er, "du +weißt nicht so genau, wie die Sache zugegangen ist. Ich bin schon froh, daß nur +kein Unheil entstanden ist aus unserm Brief, eine Belohnung will ich lieber +nicht nehmen, die hat nur Karl verdient, gib sie nur ihm." +</p> + +<p> +Noch am selben Abend erhielt der Ohrenarzt sein Geld, mit einer Entschuldigung +über die Verzögerung und der aufrichtigen Bemerkung, daß es Herrn Pfäffling +nicht früher möglich gewesen sei, die Summe zusammenzubringen. +</p> + +<p> +Der Arzt saß schon mit seiner Gemahlin beim Abendessen. "Ist denn der Pfäffling +nicht der Direktor der Musikschule, der neulich einen Ball gegeben hat?" +</p> + +<p> +"Bewahre, du bringst auch alles durcheinander," sagte die Gattin, die sich +nicht durch Liebenswürdigkeit auszeichnete. "Der Pfäffling ist ja bloß +Musiklehrer. Es ist doch der, von dem man einmal erzählt hat, daß er seine zehn +Kinder ausschickt, um Wohnungen zu suchen, weil niemand die große Familie +aufnehmen wollte." +</p> + +<p> +"O tausend!" rief der Doktor, "wenn ich das gewußt hätte, dem hätte ich keine +so gesalzene Rechnung geschickt!" +</p> + +<p> +"Du verwechselst auch alle Menschen!" +</p> + +<p> +"Die Menschen nicht, bloß die Namen; der Direktor heißt ganz ähnlich." +</p> + +<p> +"Gar nicht ähnlich." +</p> + +<p> +"Nicht? Ich meine doch. Wie heißt er eigentlich?" +</p> + +<p> +"Mir fällt der Name gerade nicht ein, aber ähnlich ist er gar nicht." +</p> + +<p> +"Doch!" +</p> + +<p> +"Nein!" +</p> + +<p> +Nachdem sie noch eine Weile über die Ähnlichkeit eines Namens gestritten +hatten, den sie beide nicht wußten, schob der Arzt das Geld ein mit einem +bedauernden: "Ändern läßt sich da nichts mehr." +</p> + +<p> +Elschens Krankheit war gnädig vorübergegangen. Sie war wieder außer Bett, hatte +aber noch Hausarrest und viel Langeweile. So freute sie sich über den heutigen +Lichtmeßfeiertag, an dem die Geschwister schulfrei waren. Am Nachmittag machte +sie sich an Frieder heran, der geigend in der Küche stand, und bat +schmeichelnd, daß er nun endlich aufhöre und mit ihr spiele. Er nickte nur und +spielte weiter. Sie wartete geduldig. Endlich mahnte ihn Walburg: "Frieder, hör +auf, du hast schon zu lang gespielt. Frieder, der Vater wird zanken." Da gab er +endlich nach, und Elschen folgte ihm fröhlich in das Musikzimmer, wo die +Violine ihren Platz hatte. Als Frieder aber sah, daß der Vater gar nicht zu +Hause war, nahm er schnell die Violine wieder zur Hand und spielte. "Du Böser!" +rief die kleine Schwester und Tränen der Enttäuschung traten ihr in die Augen. +Als aber nach einer Weile draußen die Klingel ertönte, sah man ihr schon wieder +die Angst für den Bruder an: "Der Vater kommt!" rief sie und sah gespannt nach +der Türe. Aber ehe diese aufging, war Frieder mit seiner Violine durch die +andere Türe hinausgegangen und nun flüchtete er sich in das Bubenzimmer und +spielte und spielte. Da holte sich Elschen den Bruder Karl zur Hilfe. +"Frieder," sagte er, "ich rate dir, daß du jetzt augenblicklich aufhörst, du +hast gewiß schon drei Stunden gespielt!" Da machte der leidenschaftliche Geiger +ein finsteres Gesicht, wie es noch niemand an dem guten, kleinen Kerl gesehen +hatte, und sagte trutzig zu Karl: "Ich kann jetzt nicht aufhören, ich spiele +bis ich fertig bin." +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam Frau Pfäffling herein, da stürzte sich Elschen weinend +auf sie zu und rief: "Alle sagen ihm, er soll aufhören und er tut's doch nicht, +vielleicht hört er gar nie mehr auf, sieh ihn nur an!" +</p> + +<p> +Aber durch diesen verzweifelnden Ausruf der Kleinen und vielleicht noch mehr +durch den Anblick der Mutter kam Frieder zu sich, ließ die Geige sinken, legte +den Bogen aus der Hand und senkte schuldbewußt den Kopf. +</p> + +<p> +"Hast du gewußt, daß es über die Zeit ist und hast dennoch weitergespielt?" +fragte Frau Pfäffling. "Das hätte ich nicht von dir gedacht, Frieder, wenn du +über deiner Violine allen Gehorsam vergißt, dann ist's wohl besser, das +Geigenspiel hört ganz auf. Bleib hier, ich will hören, was der Vater meint." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling ging hinaus, Frieder blieb wie angewurzelt stehen. Die +Geschwister sammelten sich allmählich um ihn, sie berieten, was geschehen +würde, drangen in ihn, er solle gleich um Verzeihung bitten, und als nun die +Eltern miteinander kamen, war eine schwüle Stimmung im Zimmer. Frieder wagte +kaum aufzusehen, aber trotzig schien er nicht, denn er sagte deutlich: "Es ist +mir leid." +</p> + +<p> +"Das muß dir freilich leid sein, Frieder!" sagte der Vater. "Wenn du bloß im +Eifer vergessen hättest, daß du über die Zeit spielst, dann könnte ich dir das +leicht verzeihen, aber wenn du erinnert wirst, daß du aufhören solltest und +magst nicht folgen, wenn du mit aller Absicht tust, was ich dir schon oft +streng verboten habe, dann ist's aus mit dem Geigenspiel. Was meinst du, wenn +ihr Kinder alle nicht folgen wolltet, wenn jeder täte, was ihm gut dünkt? Das +wäre gerade, wie wenn bei dem Orchester keiner auf den Dirigenten sähe, sondern +jeder spielte, wann und was er wollte. Nein, Frieder, meine Kinder müssen +folgen, mit deinem Violinspiel ist's vorbei, ich will nicht sagen für immer, +aber für Jahr und Tag. Gib sie her!" +</p> + +<p> +Frieder, der die Violine leicht in der Hand gehalten hatte, drückte sie nun +plötzlich an sich, verschränkte beide Arme darüber und wich einen Schritt vom +Vater zurück. Sie waren alle über diesen Widerstand so bestürzt, daß es fast +einstimmig über aller Lippen kam: "Aber Frieder!" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling sah mit maßlosem Erstaunen den Kleinen an, der immer der +gutmütigste von allen gewesen war und der jetzt tat, was noch keines gewagt +hatte, sich ihm widersetzte. Einen Moment besann er sich, und dann, ohne nur +dem zurückweichenden nachzugehen, streckte er rasch seine langen Arme aus, hob +den kleinen Burschen samt seiner Violine hoch in die Luft und rief, indem er +ihn so schwebend hielt: "Mit Gewalt kommst du gegen mich nicht auf, merkst du +das?" und ernst fügte er hinzu, als er ihn wieder auf den Boden setzte: "Nun +gib du mir gutwillig deine Violine, Frieder!" Aber die Arme des Kindes lösten +sich nicht. Von allen Seiten, laut und leise, wurde ihm von den Geschwistern +zugeredet: "Gib sie her!" und als Frau Pfäffling sah, wie er das Instrument +leidenschaftlich an sich preßte, fragte sie schmerzlich: "Frieder, ist dir +deine Violine lieber als Vater und Mutter?" Der Kleine beharrte in seiner +Stellung. +</p> + +<p> +"So behalte du deine Violine," rief nun lebhaft der Vater, "hier hast du auch +den Bogen dazu, du kannst spielen, solang du magst. Aber unser Kind bist du +erst wieder, wenn du sie uns gibst," und indem er die Türe zum Vorplatz weit +aufmachte, rief er laut und drohend: "Geh hinaus, du fremdes Kind!" Da verließ +Frieder das Zimmer. +</p> + +<p> +Draußen stand er regungslos in einer Ecke des Vorplatzes, innen schluchzten die +Schwestern, ergriffen waren alle von dem Vorfall. Herr Pfäffling ging erregt +hin und her und dann hinaus in den Vorplatz, wo er Walburg mit so lauter +Stimme, daß es bis ins Zimmer drang, zurief: "Das Kind da soll gehalten werden +wie ein armes Bettelkind. Es darf hier außen im Vorplatz bleiben, es kann da +auch essen und man kann ihm nachts ein Kissen hinlegen zum Schlafen. Geben Sie +ihm den Küchenschemel, daß es sich setzen kann. Es dauert mich, weil es keinen +Vater und keine Mutter mehr hat." +</p> + +<p> +Hierauf ging er hinüber in sein Zimmer. Frau Pfäffling zog Elschen an sich, die +sich nicht zu fassen vermochte. "Sei jetzt still, Kind," sagte sie, "Frieder +wird bald einsehen, daß er folgen muß. Wir lassen ihn jetzt ganz allein, daß er +sich besinnen kann. Er wird dem Vater die Violine bringen, dann ist alles +wieder gut." +</p> + +<p> +Als die Zeit des Nachtessens kam, deckten die Schwestern auch für Frieder. Sie +rechneten alle, daß er kommen würde. Herr Pfäffling, der zum Essen gerufen war, +ging zögernd, langsam an Frieder vorbei, der als ein jammervolles Häufchen auf +dem Schemel saß und die Gelegenheit, die ihm der Vater geben wollte, +vorübergehen ließ. Er kam nicht zu Tisch. "Tragt ihm zu essen hinaus, soviel er +sonst bekommt," sagte Herr Pfäffling, "der Hunger soll ihn nichts zu uns +treiben, die Liebe soll es tun und das Gewissen." +</p> + +<p> +So aß der Kleine außen im Vorplatz und so oft die Zimmertüre aufging, kamen ihm +Tränen, denn er sah die Seinen um die Lampe am Tisch sitzen und sein Platz war +leer. Aber er hatte ja seine Violine, nach dem Essen wollte er spielen, immerzu +spielen. +</p> + +<p> +Im Zimmer horchten sie plötzlich auf. "Er spielt!" flüsterte eines der Kinder. +Von draußen erklang ein leiser Geigenton. Sie lauschten alle. Drei Striche—dann +verstummte die Musik. Die drei Töne hatten Frieder wehgetan, er wußte nicht +warum. Der kleine Geiger hatte früher noch nie mit traurigem Herzen nach seinem +Instrument gegriffen, darum hatte er auch keine Ahnung davon, wie schmerzlich +die Musik das Menschenherz bewegen kann. +</p> + +<p> +Nach einer Weile begann er noch einmal zu spielen, aber wieder brach er mitten +darin ab. Denen, die ihm zuhörten, ging es nahe, vor allem den Schwestern. +</p> + +<p> +"Die Marianne möchte hinaus zu Frieder," sagte die Mutter. Herr Pfäffling +verwehrte es nicht. Sie fanden ihn auf dem Schemel kauernd, wie er die Geige +auf seinen Knieen liegend mit schmerzlichem Blick ansah. Sie setzten sich zu +ihm und flüsterten mit ihm. Eine Weile später, als Herr Pfäffling in seinem +Musikzimmer war, kam ein sonderbarer Zug zu ihm herein: Voran kam Frieder und +trug mit beiden Händen etwas, das eingehüllt war in Mariannens großen, +schwarzgrauen Schal. Es war fast wie ein kleiner Sarg anzusehen; ernst genug +sah auch der kleine Träger aus, die Schwestern folgten als Trauergeleite. +</p> + +<p> +"Da drinnen ist die Violine," sagte Frieder zu seinem Vater, der fragend auf +die merkwürdige Umhüllung sah. Da nahm ihm Herr Pfäffling rasch den Pack ab, +legte ihn beiseite, ergriff seinen kleinen Jungen, zog ihn an sich und sagte in +warmem Ton: "Nun ist alles gut, Frieder, und du bist wieder unser Kind!" Und +Frieder weinte in des Vaters Armen seinen Schmerz aus. +</p> + +<p> +Später erst vertrauten die Schwestern dem Vater an: "Solang Frieder seine +Violine gesehen hat, war es ihm zu schwer, sie herzugeben, erst wie wir sie +zugedeckt haben und ganz eingewickelt, hat er sie nimmer mit so traurigen Augen +angesehen!" +</p> + +<p> +Als Frieder längst schlief, sprachen seine Eltern noch über ihn. "Wie kann man +nur so leidenschaftliche Liebe für die Musik haben," sagte Frau Pfäffling, "mir +ist das ganz unverständlich." +</p> + +<p> +"Von dir hat er es wohl auch nicht," entgegnete Herr Pfäffling und fügte +nachdenklich hinzu: "Ganz ohne Musik kann ich ihn nicht lassen, das wäre, wie +wenn ich einem Hungrigen die Speise versagen wollte. Ich denke, am besten ist, +ich lehre ihn Klavierspielen. Danach hat er bis jetzt kein Verlangen und wird +es leichter mit Maßen treiben." +</p> + +<p> +"Ja, und lernen muß er es doch, denn daran wird man kaum zweifeln können, daß +er einmal ein Musiker wird." +</p> + +<p> +Unser Musiklehrer sagte schwermütig: "Es wird wohl so kommen." +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap12"></a>12. Kapitel<br/> +Ein Haus ohne Mutter.</h2> + +<p> +So ganz allmählich und unmerklich war es gekommen, daß von Frau Pfäfflings +Reise zur Großmutter gesprochen wurde als von einer ausgemachten Sache, obwohl +niemand hätte sagen können, an welchem Tag sie die Ansicht aufgegeben hatte, +daß die Reise ganz unmöglich sei. +</p> + +<p> +Nur "auf alle Fälle" entschloß sie sich zum Einkauf eines Kleiderstoffs, und +als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hörte man Frau Pfäffling sagen: +"Nicht zu lang, damit es nötigenfalls auch als Reisekleid praktisch ist." +</p> + +<p> +"Auf alle Fälle" nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu sehen, wie +sich die Reise praktisch machen ließe, und was sie gesehen, trug sie "auf alle +Fälle" in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht reisen, wenn das Reisekleid +fertig im Schrank hängt und die besten Zugverbindungen herausgefunden sind? So +war es denn wirklich soweit gekommen, daß sich Frau Pfäffling anfangs Februar +für einen bestimmten Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte, +die mit herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloß, ob Frau +Pfäffling nicht mit leichterem Herzen reisen würde, wenn sie ihr Elschen +mitnähme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis. +</p> + +<p> +Diese Karte, die Herr Pfäffling im Zimmer vorlas, brachte große Aufregung in +die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefühle und Meinungen kund, +bis der Vater die Türe weit aufmachte und den ganzen aufgeregten Schwarm +hinausscheuchte. +</p> + +<p> +"Du hättest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir entschlossen +sind," sagte Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir +herüberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder." +</p> + +<p> +"Ja, ja," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd, "und warten, bis sie in der Schule +sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man Pfäffling heißt!" +</p> + +<p> +Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die Kinder +zurück. Frau Pfäffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf sich gerichtet. +Sie zog das Kind an sich. "Es kann nicht sein, Elschen," sagte sie, "und ich +will dir auch erklären warum. Bei einer so weiten Reise ist auch der +<i>halbe</i> Fahrpreis schon teuer und selbst, wenn ihn die gute Großmutter für +dich zahlen wollte, könnte ich dich doch nicht mitnehmen, denn wer sollte denn +daheim die Türe aufmachen, wenn es klingelt, während alle in der Schule sind? +Walburg hört das ja nicht und sie versteht nicht, was die Leute sagen, die +kommen. Du mußt unsere Pförtnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht +daheim wärest, könnte ich gar nicht reisen." +</p> + +<p> +Das kleine Jüngferchen war verständig, es sah ein, daß es zurückbleiben mußte. +Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen, denn was wußte +Elschen von fremden Ländern und Menschen, von Reiselust und Erlebnissen? Für +sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und Merkwürdiges genug brachte. So +kam es zur Verwunderung der großen Geschwister nicht einmal zu ein paar Tränen +bei der kleinen Schwester, die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie +nicht mit hinunter gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof! +</p> + +<p> +Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfäffling war es schwer ums +Herz. Gut, daß Tag und Stunde längst festgesetzt waren, sonst hätte sie ihren +Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wußte, wie sehnlich sie erwartet wurde, +es gab kein Zurück mehr, es mußte jetzt sein. Geschäftig ging sie heute, alles +voraus bedenkend, hin und her im Haus. Aber überall, wo sie auch war, in Küche, +Keller und Kammern, folgte ihr Frieder. Er störte sie nicht, wenn sie räumte, +überlegte oder anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein, nahe, so +nahe wie möglich. Sie spürte sein Heimweh. Es war ein langes, stummes +Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem Augenblick, wo sie +oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war. +</p> + +<p> +"Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?" +</p> + +<p> +"Was denn, Kind?" +</p> + +<p> +Es wollte nicht über seine Lippen. +</p> + +<p> +"Was, mein Kind, komm, sage es mir!" +</p> + +<p> +"Daß ich die Violine lieber habe als dich und den Vater." +</p> + +<p> +"Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem Vater deine +Violine gegeben. Ich weiß gut, wie lieb du uns hast. Darum tut dir ja auch der +Abschied weh. Aber es muß doch auch einmal sein, daß ich zu meinem eigenen +Mütterlein wieder gehe, eben weil man seine Mutter so lieb hat, das verstehst +du ja. Und denke nur, das Freudenfest, wenn wir wieder zusammen kommen! Wie +wird das köstlich werden!" +</p> + +<p> +So tröstete die Mutter den Kleinen und tröstete sich selbst zugleich. +</p> + +<p> +Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein Wort: +"Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig wegen seiner +Violine, darum fällt ihm auch der Abschied besonders schwer." +</p> + +<p> +"Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es schon +gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige hätte, neigt den Kopf +nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten, wie wenn er den Bogen +führte, und dann hört er die Melodien, das sieht man ihm gut an. Da tut er mir +oft leid." +</p> + +<p> +"Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die erste +Klavierstunde geben, darüber wird er die Violine vergessen. Und wenn nun der +Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am Kasernenhof turnen könnt, +dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm Lust. Und noch etwas: ich meine, +deine Mathematikstunden mit Wilhelm werden nimmer regelmäßig eingehalten." +</p> + +<p> +"O doch, Mutter." +</p> + +<p> +"Oder sie sind so kurz, daß man nicht viel davon bemerkt?" +</p> + +<p> +"Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewöhnlich nicht." +</p> + +<p> +"Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fünfzehn Minuten; das ist aber nicht +genug, ihr müßt eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm wieder eine so +schlechte Note bekäme!" +</p> + +<p> +"Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf verlassen!" +</p> + +<p> +Bald nachher rief Frau Pfäffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in die +Holzkammer. +</p> + +<p> +"Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr," sagte sie, "daran dürft +ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg muß in dieser Zeit +alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch für Holz und Kohlen sorgen." +</p> + +<p> +Und nun ging's an die Mädchen. "Marianne, ihr müßt Walburg soviel wie möglich +alle Gänge abnehmen, solange ich fort bin." +</p> + +<p> +"Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!" +</p> + +<p> +"Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die Stiefel +schon ausgezogen. Ihr müßt lieber die Stiefel dreimal aus- und anziehen, als es +darauf ankommen lassen, daß Walburg mitten am Vormittag vom Kochen fortspringen +muß." +</p> + +<p> +So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und am +Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfäffling noch einmal Nadel +und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden an einem Kinderkleid +auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur Bahn, ja aus dem Wagenfenster +kamen noch hausmütterliche Ermahnungen, bis endlich der Zug durch eine kaum +hörbare erste Bewegung zur fertigen Tatsache machte, daß Frau Pfäffling +verreist war. +</p> + +<p> +Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine Weile im +alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr selbst nur das +Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts nützen konnte. Zugleich +verschwanden auch die letzten Häuser und Anlagen der Stadt, freie, noch mit +Schnee bedeckte Äcker und Felder tauchten auf, eine stille, einförmige Natur. +Da machte sie es sich bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab +sich darein, daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine +wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer +Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde. +</p> + +<p> +Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann mit den +Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war. Sie machten sich +an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen geregelten Gang. Nur Elschen +lief an diesem Vormittag mit Tränen durch die stillen Zimmer, die andern +empfanden die Lücke erst so recht bei dem Mittagessen. Es verlief auffallend +still. Eigentlich war ja Frau Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann +und ihre Kinder waren lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben +können, eine so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch +gegeben. Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung +hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das zu tun +machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch ein, daß Karl +für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto und so nacheinander +herunter, immer das ältere unter den Geschwistern dem jüngern. Anfangs machte +es den Kindern Spaß, aber es ging nicht immer so friedlich und so säuberlich zu +wie bei der Mutter, und Walburg wunderte sich, daß sie bald eine noch fast +gefüllte, bald eine ganz leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein +regelmäßiger Verbrauch mehr wie bisher. +</p> + +<p> +Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten Abendstunden, wo sie +allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe gerückt und wußten doch nicht +viel miteinander anzufangen, so glich das Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die +Vorschrift befolgt wird: Man bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser +nach den ersten Tagen. Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese +bildeten ein gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn. +</p> + +<p> +Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes Wiedersehen +zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht ganz ohne Wehmut. +Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges Großmütterlein, das da im +Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne Hilfe von einem Zimmer in das andere +zu gehen! Und wiederum, wo war Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch +deutliche Spuren hatte die Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen +eingegraben! +</p> + +<p> +Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach einigen +Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden wieder die +geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu trauriger +Empfindung da, denn die <i>alte</i> Frau hatte keine Schmerzen zu leiden, sie +genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege der unverheirateten +Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die <i>junge</i> Frau, wenn man +Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit solcher Liebe von ihrem großen +Familienkreis und schien so gereift durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen +deutlich zum Bewußtsein kam, das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit +Köstliches gebracht. +</p> + +<p> +Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde, die noch +ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte die Schwester in +das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte Gastzimmer, zog sie an +sich, küßte sie herzlich und sagte: "Cäcilie, nun soll dir's gut gehen! Du +wirst sehen, wie ich dich pflege!" +</p> + +<p> +"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde." +</p> + +<p> +"Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts tue ich +lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen und +herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das anschlägt, da +kann man viel erreichen in vier Wochen." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du das nicht +in <i>drei</i> Wochen erreichen?" +</p> + +<p> +"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?" +</p> + +<p> +"Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als daß ich vier +Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang an +vorgenommen, nach drei Wochen zurückzukommen, und habe gehofft, daß du mich +darin unterstützest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen Haushalt, Mann, +sieben Kinder und ein fast taubes Mädchen zu verlassen. Es kommt so oft etwas +vor bei uns!" +</p> + +<p> +"Was soll denn vorkommen? Was fürchtest du?" +</p> + +<p> +"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es ja selbst nicht vorher, aber es ist +so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme Folgen haben könnte, +bald hört einer nicht auf zu musizieren, wenn er einmal anfängt, und selbst, +wenn nichts Besonderes vorkäme, das Alltägliche bringt schon Schwierigkeiten +genug: Elschen muß vormittags immer allein die Türe aufmachen und Bescheid +geben, das ist unheimlich in einer großen Stadt. Und wenn du immer noch nicht +überzeugt bist, Mathilde, dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn +mein Mann einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist +das wirklich genug und es wäre an der Zeit, daß ich wieder käme!" +</p> + +<p> +"So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?" +</p> + +<p> +"Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde, wenn ich +etwa nach zwei Wochen heimschreibe, daß ich schon in der nächsten Woche komme. +Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so lebhaft wie früher und die +meisten unserer Kinder haben sein Temperament. Da gibt es nun bei solch einer +Nachricht immer gleich einen Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und +hören können!" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling sah im Geist ihre fröhliche Schar, und ein glückliches Leuchten +ging über ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz jugendlich, gar nicht +pflegebedürftig aus. +</p> + +<p> +Als die Schwestern das Gastzimmer verließen, hatten sie sich auf drei Wochen +geeinigt. +</p> + +<p> +Die ersten Tage vergingen in stillem, glücklichem Beisammensein. Es war für +Frau Pfäffling eine Wonne, so ganz ohne häusliche Sorgen bei der Mutter sitzen +zu dürfen und zu erzählen. Teilnahme und volles Verständnis war da zu finden +für alles, was ihr Leben erfüllte, und doch stand die Mutter selbst schon fast +<i>über</i> dem Leben. Einen weiten Weg hatte sie in achtzig Jahren +zurückgelegt und nun, nahe dem Ziel, überblickte sie das Ganze wie aus der +Ferne. Da sieht sich manches anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der +Höhe herab erkennt man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hören +wollte, der konnte hier manch guten Rat für den eigenen Lebensweg bekommen. +Frau Pfäffling war von denen, die hören wollten. +</p> + +<p> +In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag. Zu diesem +Familienfest fand sich unter andern Gästen auch Frau Pfäfflings einziger Bruder +ein mit seiner Frau und einer fünfzehnjährigen Tochter, einem lieblichen, fein +erzogenen Mädchen. Diesen Bruder, der Professor an einer norddeutschen +Universität war, hatte Frau Pfäffling auch seit vielen Jahren nimmer gesehen, +aber aus der Ferne hatte eines an des andern Schicksal und Entwicklung stets +Anteil genommen, und so war es beiden eine besondere Freude, sich einmal wieder +ins Auge zu sehen. +</p> + +<p> +"Wir müssen auch ein Stündchen herausfinden, um allein miteinander zu +plaudern," sagte der Bruder während des festlichen Mittagsmahls zu seiner +Schwester. Und als nach Tisch, während die Geburtstägerin ruhte, eine +Schlittenfahrt unternommen wurde, saßen Bruder und Schwester in einem kleinen +Schlitten allein. Hier, im nördlichen Deutschland, lag in diesem Februar noch +überall Schnee, die Bahn war glatt, die Kälte nicht streng, die Fahrt eine +Lust. Frau Pfäffling sah nach dem Schlitten zurück, in dem mit andern Gästen +ihre junge Nichte saß. "Wie reizend ist sie," sagte Frau Pfäffling, "und so +wohlerzogen. Wenn du meine Kinder daneben sehen würdest, kämen sie dir ein +wenig ungehobelt vor." +</p> + +<p> +"Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als du, sie +gibt sich auch viel Mühe mit der Erziehung." +</p> + +<p> +"Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem gröbsten, und man wird damit oft +kaum fertig." +</p> + +<p> +"Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel miteinander, +wie ist das bei euch?" +</p> + +<p> +"Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnügt miteinander. Sie haben +ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur sollte man sich eben +mehr mit dem einzelnen abgeben können." +</p> + +<p> +"Hat man für die deinigen zu wenig Zeit, so für die unserigen zu viel. Ich +fürchte, daß sie gar zu sorgfältig beachtet werden. Jederzeit ist das Fräulein +zu ihrer Verfügung, außerdem haben wir noch zwei Dienstmädchen, und mit unserem +Jungen werden sie oft alle drei nicht fertig." +</p> + +<p> +So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die +häuslichen Verhältnisse, und dann wollte Frau Pfäffling Näheres hören über +einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwähnt hatte. Er beabsichtigte +in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen, dabei durch +Süddeutschland zu kommen und die Familie Pfäffling zu besuchen. +</p> + +<p> +An diesen Plan schloß sich noch ein weiterer an, den der Professor nach dieser +Schlittenfahrt faßte und zunächst mit seiner Frau allein besprach. Wenn auf der +einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen wenig, auf der einen Seite +Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der andern alles reichlich, warum sollte +man nicht einen Ausgleich versuchen? Bruder und Schwägerin machten den +Vorschlag, einen der jungen Pfäfflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die +Sache wurde überlegt, und es sprach viel für den Plan. Frau Pfäffling wollte +mit ihrem Mann darüber sprechen, und wenn er einverstanden wäre, sollte der +Bruder auf der Osterreise sich selbst umsehen und wählen, welches der Kinder am +besten zu den seinigen passen würde. Das Auserlesene sollte er dann auf der +Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht auf ein baldiges +Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie wieder ab, und in der Umgebung +der achtzigjährigen Mutter wurde es still wie vorher. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie erfuhr doch +nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die Losung ausgegeben: +"Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet, sonst ist der Mutter der +Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst mündlich erzählt." So gingen denn +Nachrichten ab über gelungene Mathematikarbeiten und neue Klavierschüler, über +einen Maskenzug und Fastnachtskrapfen, über Frieders regelmäßiges Klavierspiel +und über der Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese +Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb +verschwiegen. +</p> + +<p> +Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr Pfäffling +von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an: "Haben Sie heute nacht +nichts gehört, Herr Pfäffling, nicht ein Stöhnen oder dergleichen?" +</p> + +<p> +"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich habe gar nichts Auffallendes gehört." +</p> + +<p> +"Aber es muß doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die zweite +Nacht, daß ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, daß eines der Kinder so +Heimweh hat, daß es bei Nacht laut weint? Aus einem der Schlafzimmer kommt der +schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in Ordnung, ich habe schon die Kinder +danach gefragt, aber nichts erfahren können." +</p> + +<p> +"Das will ich bald herausbringen," sagte Herr Pfäffling und ging hinauf. Er +fragte zunächst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam die Tafelrunde an. +Frische, fröhliche Gesichter waren es, die nichts verrieten von nächtlichem +Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings blaß und überwacht aus, ernst und +fast wie von Schmerz verzogen. Das war Anne. Ihr mußte etwas fehlen. Er +beobachtete sie eine Weile und machte sich Vorwürfe, daß er das bisher +übersehen hatte. Wenn die Mutter dagewesen wäre, die hätte es bemerkt, auch +ohne der Hausfrau Mitteilung. +</p> + +<p> +Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die Schwestern +zurück. +</p> + +<p> +"Ist dir's nicht gut, Anne?" fragte er. +</p> + +<p> +"O doch!" erwiderte sie rasch und wurde über und über rot. +</p> + +<p> +"Du meinst wohl, in dem Punkt dürfe man lügen," entgegnete Herr Pfäffling, +"weil ich lieber höre, daß du wohl bist. Aber ich möchte doch auch darüber gern +die Wahrheit hören." Da senkte sie schon mit Tränen in den Augen den Kopf, und +Herr Pfäffling wußte, woran er war. +</p> + +<p> +"Warum hast du denn geweint heute nacht?" fragte er, "wenn die Mutter nicht da +ist, müßt ihr mir euren Kummer anvertrauen." Das geschah nun auch und er +erfuhr, daß Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren bei Nacht heftig +geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingeträufelt, das noch vom vergangenen +Jahr dastand, und Umschläge gemacht, aber das hatte alles nichts geholfen und +erst gegen Morgen waren die Schwestern eingeschlafen. So war es schon zwei +Nächte gewesen. Sie hatten es dem Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte +nicht zum Ohrenarzt geschickt werden, sie fürchtete die Behandlung, fürchtete +auch die große Neujahrsrechnung. +</p> + +<p> +Am Nachmittag saßen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des Arztes. +Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern vorgehalten, daß +Anne so schwerhörig wie Walburg werden könnte, wenn etwas versäumt würde. +</p> + +<p> +Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei Unzertrennlichen +rührten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so ängstlich aus wie die kranke, +sie zuckte wie diese beim Schmerz, und doch kam sie immer als treue +Begleiterin. Diesmal konnte er beide trösten. "Es ist nichts Schlimmes," sagte +er, "das gibt keine so böse Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel +schüttet weg, das macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes. +Wenn eure Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es +selbst einträufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruß, und das gehe noch auf +die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die gehört dazu." +</p> + +<p> +Darüber wurden die Schwestern so vergnügt, daß sie anfingen, mit dem +gefürchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch, daß +Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. "Hört die denn gar nichts mehr?" +fragte er. +</p> + +<p> +"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr sagen, aber +es wird alle Jahre schlimmer." +</p> + +<p> +"Geht sie nie zum Arzt?" +</p> + +<p> +Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz gewiß, daß +man ihr nicht helfen konnte. +</p> + +<p> +"Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen," sagte der Arzt, +"schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt daheim, das +gehe auch noch in die alte Rechnung." +</p> + +<p> +Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten sie sich, +den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen sie es auch +Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um sie handelte, und +ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn euere Mutter zurückkommt, +werde ich so frei sein." +</p> + +<p> +Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören. +</p> + +<p> +Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum gestrigen +Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie volle acht Tage +früher heimkommen würde, als verabredet war. +</p> + +<p> +In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen vom +Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen, diese letzte +Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter. +</p> + +<p> +"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme," sagte einmal +Karl, "das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es denn so zeitig? +Der Kalender gehört eigentlich mir." "Ich," sagte Frieder, "ich habe es +manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir zum Frühstück gekommen?" Es +wurde noch weiter nachgeforscht, und da stellte es sich heraus, daß Frieder +immer schon abends den Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. "Du meinst +wohl, es kommt dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?" sagte Karl +und wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er +Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen Schulweg +mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich so nahegerückt. +</p> + +<p> +Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg; ja im +Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die jungen +Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat gesorgt und Walburg +mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen. Während dieser Zeit wurde +geklingelt und Elschen lief herzu, um aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn +Pfäffling, dann nach dessen Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß +sie alle fort seien, bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines +Briefchen an Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von +ihm, und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde. +Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den Schreibtisch, +wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte der Herr, "du kannst +nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann, den Brief für deinen Vater +lasse ich hier liegen." Elschen verließ das Zimmer. Nach einer ganz kurzen +Weile kam der Herr wieder heraus. +</p> + +<p> +"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam keine +Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die Treppe hinunter +und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben heraufkam. +</p> + +<p> +"Wer war da?" fragte diese. +</p> + +<p> +"Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins Ohr; +weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen zu unbequem, +Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim Mittagessen fiel ihr die +Sache wieder ein und sie erzählte sie dem Vater. Dem kam es verdächtig vor. "Wo +ist denn der Brief?" fragte er. Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu +finden! Und wo war denn—ja, wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade +jahraus, jahrein seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit +allen sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum. Oft +schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in dieser +Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was die Familie +Pfäffling am Leben erhielt. +</p> + +<p> +Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich eingeschlichen, +hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen, keinen Pfennig fürs tägliche +Brot! +</p> + +<p> +Walburg wurde hereingeholt und über den "Herrn" ausgefragt. Man brauchte ihr +gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere Schublade, die bestürzten +Gesichter sprachen auch für sie deutlich genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht +und fragte bloß: "Gestohlen?" +</p> + +<p> +Und nun flogen Vorwürfe hin und her. +</p> + +<p> +"Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den Schreibtisch!" +warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. "Es war ja gar kein Dieb, es war +ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie nahm sie in Schutz. "Sie kann +nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein Holz getragen habt, wegen euch hat +Walburg hinunter gemußt!" +</p> + +<p> +"Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken +lassen!" rief Herr Pfäffling immer wieder. +</p> + +<p> +Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder wagte +zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir wollen ihr +schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal niemand zu beruhigen, +es war so traurig, zu denken, daß man sie mit solch einer Botschaft empfangen +sollte! Karl und Marie hatten leise miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie +jetzt, "wir alle zusammen haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März +kommt wieder dein Gehalt. Wir sparen recht." +</p> + +<p> +"Ja, ja," sagte Herr Pfäffling, "verhungern müssen wir nicht, ich habe auch +noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die Steuer +zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel abgezogen hätte, wäre +vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt hin und wieder, bis ihn ein Wort +Walburgs stillstehen machte, das Wort: Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß +der Dieb ausfindig gemacht werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden +konnte. Ja, sofort Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. +Elschen sollte mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur +schnell, schon waren viele Stunden verloren! +</p> + +<p> +Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie setzten +sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede knöpfte ihr einen +Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Häubchen, die Brüder wollten ihr die +Handschuhe anziehen, machten es verkehrt, erklärten dann Handschuhe für ganz +übertrieben und die Kleine sprang ohne solche dem Vater nach, der schon an der +Treppe stand und nun mit so langen Schritten die Frühlingsstraße hinunterging, +daß das Kind an seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln mußte. +</p> + +<p> +Von der Polizei brachten sie günstigen Bescheid zurück. Ein junger Musiker, der +angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel betroffen worden und +mochte wohl der Missetäter sein. Man hoffte, ihn aufzufinden. +</p> + +<p> +Es war gut, daß am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfäffling abgegangen +war, denn heute und in den folgenden Tagen hätte niemand schreiben mögen. So +aber kam es, daß sie gerade, während ihre Lieben in großer Trübsal waren, einen +dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus dem ihr eine ganze Anzahl +Briefblättchen entgegen flatterten, alle voll Jubel über das unerwartet nahe +Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte seine Freude selbst aussprechen wollen. +Nicht die leiseste Ahnung sagte Frau Pfäffling, daß die Stimmung daheim +inzwischen vollkommen umgeschlagen war. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling ging gleich am nächsten Morgen auf die Polizei, um sich zu +erkundigen. Er erfuhr, daß bisher vergeblich nach dem jungen Musiker gefahndet +worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso am nächsten Tag +in frühester Morgenstunde auf der Polizei erschien, wurde ihm bedeutet, daß er +sich nicht mehr bemühen möchte, es würde ihm Nachricht zukommen. +</p> + +<p> +Darüber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, daß man die Mutter mit einer +so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, ließ gar nicht die rechte Freude +des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfäffling war unschlüssig, ob er die Nachricht +nicht doch vorher schriftlich mitteilen sollte, zögerte aber noch immer in der +Hoffnung auf Festnahme des Diebes und fand endlich, als er sich zum Schreiben +entschloß, daß der Termin doch schon verpaßt sei und der Brief erst nach der +Abreise seiner Frau ankommen würde. So blieb denn nichts übrig, als der +Heimkehrenden schonend die Hiobspost mitzuteilen. +</p> + +<p> +Für Frau Pfäffling war die Abschiedsstunde gekommen. "Ich wundere mich," sagte +sie zu Mutter und Schwester, "daß ich nicht noch einen letzten Gruß von daheim +bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung sein?" +</p> + +<p> +"Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war," sagte die Mutter, "auch +dann nicht, wenn die daheim es meinen. Laß dir nur das Wiedersehen nicht +verderben, wenn du nun siehst, daß manches in Unordnung geraten ist während +deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein hier war so schön, das ist doch auch +eines Opfers wert." +</p> + +<p> +"Ja," sagte die Schwester, "du hast ja selbst gesagt, daß jeden Tag irgend +etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du daheim bist. +Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht mehr als einundzwanzig +Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht beklagen, darfst nicht +behaupten, daß dein Wegsein daran schuld ist, und nicht gleich erklären: ich +reise nie mehr." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr fern, +nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riß sich mit schwerem +Herzen los von dem geliebten Mütterlein, von der Schwester, die sie so treulich +gepflegt hatte, und das Wort "auf Wiedersehen" war ihr letzter Gruß aus dem +abfahrenden Zug, als sie die weite Heimreise antrat. +</p> + +<p> +Noch immer war es draußen in der Natur kahl und winterlich, die drei Wochen +waren anscheinend spurlos vorübergegangen, noch war nirgends ein Keimen und +Sprossen, eine Frühlingsandeutung zu bemerken. Und doch schien ihr die Zeit so +weit zurück zu liegen, seitdem sie hieher gereist war! Jetzt war ihr Herz noch +vom Abschiedsweh bewegt, und doch rührte sich schon und drängte gewaltig in den +Vordergrund die Freude auf das Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der +so von Lieben zu Lieben kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen +wird. Wer kann sich reicher fühlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim +reist? +</p> + +<p> +Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes doch nicht +lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben können. Die Kleinen +hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis Samstag schon halb +vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran, aber doch mit dem +unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her gehöre, je schwieriger die +Lage im Haus war. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als er am +Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof eilte. Er kam dort +fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in ungeduldiger Erwartung der Kinder, +die von der Schule aus kommen sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und +winkte mit seinen langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl +und Otto auftauchen sah. +</p> + +<p> +Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof begrüßen +sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt," sagte er, "und soll nicht +gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an den Marktplatz +entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der Frühlingsstraße und Elschen soll +die Mutter an der Treppe empfangen, denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause +sein." +</p> + +<p> +So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem Vater an +die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch sie nicht +vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges Vorrecht. Sie standen +alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter, während der Zug einfuhr, +entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus dem Wagenfenster forschend nach +ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie sich dann plötzlich ihre Züge +verklärten, als sie den Vater erblickte, der, dem Schaffner zuvorkommend, die +Türe ausriß und mit froher Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half. +</p> + +<p> +Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches Wiedersehen und +Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch die Menge hinaus auf den +Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte zufrieden sein können mit ihrem Erfolg, +denn die Verwunderung über der Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu +einstimmigem Ausdruck und hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn +nicht Frau Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob +die Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung +erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise, da kam +aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob! +</p> + +<p> +"Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von euch krank +sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich nimmer geschrieben +habe," entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort lautete ein wenig bedrückt. +Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa vorgekommen ist, bekümmert mich gar +nicht," sagte sie und drückte glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn. +"Hört nur, Kinder," sagte er lachend, "die Mutter ist ordentlich leichtsinnig +geworden auf der Reise." So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz, +wo ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten und +jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen. +</p> + +<p> +Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der Ecke der +Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte Frieder gewartet +und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem Augenblick, als die Familie +um die Ecke bog, sah er doch gerade in anderer Richtung. +</p> + +<p> +"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o Mutter!" rief +er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn zärtlich und sagte ihm +freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines Dummerle, wir sind ja jetzt +wieder beisammen!" +</p> + +<p> +"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber die +Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu ihr auf, ging +dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis sie, im Hausflur +angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um darin die Jüngste +aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang und schon auf der Treppe +mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß soeben zum Empfang eine Torte +geschickt worden sei von Fräulein Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen +großen, großen Kaffeekuchen gebacken habe. +</p> + +<p> +Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als sonst. Sie +hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht vergessen können, an +dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld war. Was konnte man von +Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau Pfäffling verlassen, ihr hatte sie +das Haus übergeben, und wenn sie nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen +hätte, so wäre kein Unglück geschehen. +</p> + +<p> +Walburg hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Frau Pfäffling auf dem +langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis erfahren +hätte. Sie erwartete, daß Frau Pfäfflings erstes Wort ein Vorwurf sein würde. +Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort fürchtete sie zu hören, das sie +schon einmal schwer getroffen hatte, das Wort: "ich will lieber eine, die +hört!" Darum stand sie so starr und stumm, daß Frau Pfäffling fast an ihr +erschrak, als sie nun an der Küchentüre vorüber kam. Einen Augenblick +durchzuckte sie der Gedanke: es ist <i>doch</i> etwas Schlimmes vorgefallen, +aber im nächsten Moment sagte sie zu sich selbst: nein, du hast es nur +vergessen, wie groß, wie ernst, wie stumm sie ist, und sie reichte dem Mädchen +mit herzlichem Gruß die Hand. Walburg hörte den Gruß nicht, aber den +Händedruck, den freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde +ihr leicht ums Herz, die Dankbarkeit löste ihr die Zunge und ihr Gegengruß +schloß mit den Worten: "einen Lohn nehme ich nicht für das Vierteljahr." +</p> + +<p> +Das waren freilich unverständliche Worte für Frau Pfäffling, aber ehe sie noch +nach Erklärung fragen konnte, wurde sie von den Kindern angerufen: "Dein Koffer +kommt, wohin soll er gestellt werden?" Sie ließ ihn in das Schlafzimmer bringen +und nahm aus ihrem Täschchen ein Geldstück für den Dienstmann. Frieder, der +neben ihr stand, sah begierig in den offenen Geldbeutel. "Die Mutter hat noch +viel Geld," rief er freudig den Geschwistern zu. "Seit wann fragt denn mein +Frieder nach Geld?" sagte Frau Pfäffling und bemerkte, als sie aufsah, daß die +Großen ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb sie +nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu viel +verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darüber Vorwürfe. Aber +viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben, dadurch sollte kein +Schatten auf das Wiedersehen fallen. +</p> + +<p> +"Ja, ich habe noch Geld," sagte sie heiter zu den Kindern, "aber nun kommt nur, +der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schön gedeckt, Walburg hat +gewiß etwas Gutes gekocht." +</p> + +<p> +Nun standen sie alle um den großen Eßtisch. "Heute betet die Mutter wieder," +sagte der Vater, "wir wollen hören, was ihr erstes Tischgebet ist." +</p> + +<p> +"Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut," sagte Frau Pfäffling +und sie sprach mit innerer Bewegung: +</p> + +<p class="poem"> +"Von Dank bewegt, o Gott, wir heute<br/> +Hier vor dir stehen!<br/> +Du schenkest uns die schönste Freude,<br/> +Das Wiedersehen.<br/> +Nun gehn wir wieder eng verbunden<br/> +Durch Lust und Leid,<br/> +In guten und in bösen Stunden<br/> +Gib uns Geleit!" +</p> + +<p> +Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch für die Eltern Kaffee machen +müssen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu gedeckt. "Sollen +wir den Kaffee gleich bringen?" fragte Marie. "Ja," sagte die Mutter. "Nein, +erst wenn ich rufe," fiel Herr Pfäffling ein und schickte die Kinder hinaus. +"Zuerst kommt etwas anderes," sagte er nun zu seiner Frau, "zuerst kommt meine +Beichte," und er führte sie an den Schreibtisch und zog die kleine leere +Schublade auf, deckte auch das leere Käßchen auf, in dem sonst das Ersparte +lag. Dieser Stand der Dinge war schlimmer, als Frau Pfäffling gefürchtet hatte. +"Ich habe schon geahnt, daß mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist," sagte +sie, "aber daß <i>gar</i> nichts mehr da ist, hätte ich doch nicht für möglich +gehalten, wie <i>kann</i> man denn nur so viel verbrauchen, das brächte ich ja +gar nicht zustande!" +</p> + +<p> +"Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich gespart; +gestohlen ist es, gestohlen!" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling erzählte den Hergang und auch, daß er gestern die Nachricht +erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien festgenommen, aber das +Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung mehr, es zurück zu erhalten. Aber +unentbehrlich war es und mußte auf irgend eine Weise wieder hereingebracht +werden. +</p> + +<p> +Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluß derselben +war, daß Herr Pfäffling lebhaft rief: "Ja, so kann es gelingen, das ist ein +guter Plan!" Und fröhlich klang sein Ruf hinaus: "Jetzt, Kinder, den Kaffee!" +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap13"></a>13. Kapitel<br/> +Ein fremdes Element.</h2> + +<p> +Der gute Plan, den die Eltern ausgesonnen hatten, sollte am nächsten Tag auch +den Kindern mitgeteilt werden. +</p> + +<p> +"Marianne wird keine Freude daran haben," meinte Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Nein," entgegnete Herr Pfäffling, "aber man muß ihnen die Sache nur gleich im +rechten Licht darstellen." Er rief die Kinder alle zusammen. "Hört einmal," +sagte er, "wir haben ein Mittel ausfindig gemacht, durch das sich der +Geldverlust wieder hereinbringen läßt. Zwei von euch können uns allen helfen. +Wer sind wohl die zwei Glücklichen? Ratet einmal!" +</p> + +<p> +Sie sahen sich fragend an "Wenn es gerade zwei sind, wird es Marianne sein," +schlug Karl vor. +</p> + +<p> +"Richtig geraten. Aber wie?" +</p> + +<p> +"Wenn sie nicht immer so schöne Kleider und seidene Zopfbänder tragen," meinte +Wilhelm. Die Zwillinge musterten sich gegenseitig, und auch die Blicke aller +anderen ruhten auf ihnen. Die beiden Mädchen standen da in ihren vertragenen +schottischen Kleidern, mit grauen Schürzen, und ihre blonden Zöpfe waren mit +schmalen blauen Bändchen gebunden. +</p> + +<p> +"Da werden wir keine großen Summen heraus sparen können," meinte Herr +Pfäffling, "eher könntet ihr Buben in der Kleidung etwas sparen, wenn ihr eure +Anzüge besser schonen würdet. Nein, das ist's nicht, wir wissen etwas anderes." +</p> + +<p> +"Etwas," setzte Frau Pfäffling hinzu, "das jeden Monat 20 Mark und noch mehr +einbringt." +</p> + +<p> +Nun waren sie alle aufs äußerste gespannt. "Ihr erratet es nicht, ich will es +euch sagen," und Herr Pfäffling wandte sich an die Mädchen: "Ihr Beiden zieht +in die Bodenkammer hinauf, dann können wir euer Zimmer an einen Zimmerherrn +vermieten und schweres Geld dafür einnehmen. Ist das nicht ein feiner Plan? Das +muß euch doch freuen? Die Mutter will alles Gerümpel aus der Kammer +herausräumen und eure Betten hineinstellen und im übrigen dürft ihr alles ganz +nach eurem Belieben einrichten; in eurem Reich da oben redet euch niemand +darein; aus den alten Kisten könnt ihr Tische machen und Stühle und was ihr nur +wollt." +</p> + +<p> +Die Zwillinge hatten zuerst ein wenig bedenkliche Gesichter gemacht, aber +zusehends hellten sich diese auf; jetzt nickten sie einander zu und betätigten: +"Ja, es wird sein!" +</p> + +<p> +Gleich darauf erbaten sie sich den Kammerschlüssel, der sollte in Zukunft auch +ihr Eigentum sein und nun sprangen sie die Treppe hinauf in großer Begleitung. +Auch der Vater ging mit, sie aber waren doch die Hauptpersonen. Sie schlossen +ihr künftiges Revier auf. Es war ein kleines Kämmerchen mit schrägen Wänden und +einem Dachfenster. "Kalt ist's da oben," meinte einer der Brüder. "Aber im +Sommer ist's immer ganz warm, das weiß ich noch vom vorigen Jahr," entgegnete +Marie. "Da hast du recht," bestätigte lächelnd der Vater, "und seht nur durch +das Fenster, wenn man den Kopf weit hinausstreckt, so hat man die schönste +Aussicht vom ganzen Haus. Und so gut vermacht ist die Kammer, nirgends kann +Schnee oder Regen durch; wißt ihr noch, wie Frau von Falkenhausen in ihrer +Lebensgeschichte erzählt, daß ihr in Afrika der Regen in ihr Häuschen gedrungen +ist, und die Betten wie in einem Teich standen? Und wie eine dicke Schlange +durch ein Loch am Fenster herein gekrochen ist? Wie wäre sie glücklich gewesen +über ein so gutverwahrtes Kämmerlein! Ja, Kinder, da habt ihr es schon besser." +</p> + +<p> +Als sie herunter kamen, waren alle ganz von den guten Eigenschaften der Kammer +erfüllt. +</p> + +<p> +Es galt nun einen Zimmerherrn zu suchen und sich der Hausleute Erlaubnis zu +sichern. Frau Pfäffling besprach die Sache mit der Hausfrau und diese wiederum +mit ihrem Mann. Da stieß die Sache auf Widerstand. Herr Hartwig wollte nichts +davon wissen, durchaus nichts. Er meinte, es sei schon reichlich genug, wenn +zehn Leute den obern Stock bewohnten und Zimmerherrn seien ihm ganz zuwider. Er +habe nie welche gehabt und geduldet. Frau Hartwig legte viel gute Worte ein für +die Familie Pfäffling und schilderte ganz ideale Zimmerherrn, aber ihr Mann +blieb bei seinem entschiedenen "nein" und sie konnte nicht anders als dieses +Frau Pfäffling mitteilen. +</p> + +<p> +"Es tut mir so leid," sagte sie, "aber ich kann nichts machen; mein Mann sagt +ja selten 'nein', aber wenn er es einmal gesagt hat, dann bleibt er dabei. Er +meint, wenn ein Mann 'nein' gesagt hat, dürfe er nachher nicht mehr 'ja' sagen, +sogar wenn er's möchte." +</p> + +<p> +Dieser Bescheid war eine große Enttäuschung für die Familie. Herr Pfäffling +konnte wieder einmal den Hausherrn nicht begreifen. "Wenn ich sehe, daß jemand +nicht auskommt, lasse ich ihn doch lieber sechs Zimmerherrn nehmen, als in +Geldnot stecken," rief er, indem er lebhaft den Tisch umkreiste. "Nicht mehr +'ja' sagen dürfen, weil man vorher 'nein' gesagt hat? Soll sich darin die +Männlichkeit zeigen? Dann wäre jedes eigensinnige Kind 'männlich'. Glaubt das +nicht, ihr Buben," sagte er, vor Karl stehen bleibend, "ich will euch sagen, +was männlich ist: Nicht nachgeben, wenn es gegen besseres Wissen und Gewissen +geht; aber <i>nachgeben</i>, sobald man einsieht, daß man falsch oder unrecht +geurteilt hat." +</p> + +<p> +Als zwei Tage über die Sache hingegangen waren, ohne daß mit den Hausleuten +weiter darüber gesprochen worden wäre, traf Frau Pfäffling zufällig oder +vielleicht absichtlich mit Herrn Hartwig im Hausflur zusammen. +</p> + +<p> +"Es war uns so leid," sagte sie zu ihm, "daß wir keinen Zimmerherrn nehmen +durften, denn wir sind durch den Diebstahl ein wenig in die Enge geraten. Aber +da Sie einmal 'nein' gesagt haben, möchte ich Sie nicht plagen, und es ist ja +wahr, daß manche Zimmerherrn spät in der Nacht heimkommen, Lärm machen und +dergleichen. So müssen wir uns eben jetzt entschließen, eine ältere Dame als +Zimmermieterin aufzunehmen, da fallen ja alle diese Schattenseiten weg. Es ist +nur für uns unbequemer und auch schwerer zu finden als ein Zimmerherr. Wenn Sie +uns ein wenig behilflich sein möchten, eine passende Hausgenossin zu finden, +wären wir Ihnen recht dankbar. Meinen Sie, wir sollen es in die Zeitung +setzen?" +</p> + +<p> +"Ja," sagte Herr Hartwig, "das wird am schnellsten zum Ziel führen." Sie +besprachen noch ein wenig die näheren Bedingungen und ohne recht zu wissen wie, +war Herr Hartwig dazu gekommen, sich selbst um eine elfte Hausbewohnerin für +den obern Stock zu bemühen. +</p> + +<p> +Das seitherige Zimmer der beiden Mädchen wurde hübsch hergerichtet und sie +bezogen ihre Bodenkammer. Ein Inserat in der Zeitung erschien, und nun kamen +wieder einmal Tage, in denen sich die Kinder darum stritten, wer die Türe +aufmachen durfte, um etwaigen Liebhaberinnen das Zimmer zu zeigen. Allzuviele +erschienen nicht und Frau Pfäffling mußte erfahren, daß die Frühlingsstraße +"keine Lage" sei. Ihr selbst war auch nicht jede von den wenigen, die sich +meldeten, erwünscht; sie wollte nur das Zimmer vermieten, nicht eine +Kostgängerin an ihrem einfachen Mittagstisch haben, kein fremdes Element in den +vertrauten Familienkreis aufnehmen. Aber als auf wiederholte Ankündigung die +Rechte sich nicht finden wollte, wurde Frau Pfäffling kleinmütig und sagte zu +ihrem Mann: "Mir scheint, wir müssen froh sein, wenn überhaupt irgend jemand +das Zimmer mietet, ich muß mich entschließen, auch die Kost zu geben. Aber +niemand begnügt sich heutzutage mit so einfachem Mittagstisch, wie wir ihn +haben." +</p> + +<p> +"So machst du eben immer besondere Leckerbissen für solch eine anspruchsvolle +Dame und deckst für sie in ihrem eigenen Zimmer, dann stört sie uns nicht," +lautete Herrn Pfäfflings Rat. +</p> + +<p> +Drei Tage später bezog Fräulein Bergmann das Zimmer. Pfäfflings durften sich +glücklich schätzen über diese Mieterin. Sie war eine fein gebildete Dame, etwa +Mitte der Vierziger. Erzieherin war sie gewesen, meist im Ausland, hatte +vorzügliche Stellen innegehabt und so viel zurückgelegt, daß sie sich jetzt, +nach etwa fünfundzwanzig Jahren fleißiger Arbeit, zur Ruhe setzen und von ihrer +Rente leben konnte. Sie war gesund und frisch und wollte nun ihre Freiheit +genießen, sich Privatstudien und Liebhabereien widmen, zu denen ihr das Leben +bis jetzt wenig Muße gelassen hatte. Was andere Mieter abschreckte, der +Kinderreichtum der Familie Pfäffling, das war für sie ein Anziehungspunkt, denn +in der Wohnung, die sie zuerst nach dem Austritt aus ihrer letzten Stelle +bezogen hatte, war es ihr zu einsam gewesen. Sie hatte es nur kurze Zeit dort +ausgehalten und suchte jetzt eine Familie, in der sie mehr Anschluß fände. Mit +schwerem Herzen machte ihr Frau Pfäffling das Zugeständnis, daß sie am +Mittagstisch der Familie teilnehmen dürfe. +</p> + +<p> +"Ich konnte es ihr nicht verweigern," sagte sie zu ihrem Mann und fügte +seufzend hinzu: "Ursprünglich wollten wir freilich einen Herrn, der den ganzen +Tag fort wäre und nun haben wir eine Dame, die den ganzen Tag da ist, aber ich +glaube, daß sie keine unangenehme Hausgenossin sein wird." +</p> + +<p> +Nach den ersten gemeinsamen Mahlzeiten war die ganze Familie für Fräulein +Bergmann eingenommen. Sie war viel in der Welt herumgekommen, wußte in +anregender Weise davon zu erzählen und interessierte sich doch auch für den +Familienkreis, in den sie nun eingetreten war. Deutlich war zu bemerken, daß +sie sich von Frau Pfäfflings sinnigem Wesen angezogen fühlte, daß sie +Verständnis hatte für des Hausherrn originelle Lebhaftigkeit und Anerkennung +für der Kinder Bescheidenheit. Freilich waren auch alle sieben voll +Zuvorkommenheit gegen die neue Hausgenossin. Hatte diese doch das Zimmer +gemietet trotz der vielen Kinder, und trotzdem die Frühlingsstraße "keine Lage" +war. Überdies flößten ihnen die feinen Umgangsformen und das sichere Auftreten +der ehemaligen Erzieherin Achtung ein. So ging anfangs alles aufs beste und +wäre auch wohl so weiter gegangen, wenn Fräulein Bergmann nicht das Wort +"ehemalig" vergessen hätte. Aber es dauerte gar nicht lange, so gewann es den +Anschein, als ob sie die Erzieherin der Kinder wäre; sie ermahnte und tadelte +sie, fragte nach den Schularbeiten, rief die Schwestern zu sich in ihr Zimmer +und ließ sie unter ihrer Anleitung die Aufgaben machen. Die Mädchen, um deren +Arbeiten sich bisher niemand bekümmert hatte, fanden das vorteilhaft und kamen +gerne, auch Frau Pfäffling war anfangs dankbar dafür, aber die neue Einrichtung +paßte doch nicht zum Ganzen. +</p> + +<p> +So waren auch eines Nachmittags die beiden Schwestern schon geraume Zeit in +Fräulein Bergmanns Zimmer, als Elschen bescheiden anklopfte. "Marianne soll +herüber kommen," richtete sie aus, "es gibt Ausgänge zu machen." Die Mädchen +standen augenblicklich auf, aber Fräulein Bergmann hielt sie zurück: "Das eilt +doch nicht so," sagte sie, "die Schularbeit geht allem vor, das habe ich allen +meinen Zöglingen eingeprägt. Die Ausgänge könnten doch auch von dem +Dienstmädchen gemacht werden." +</p> + +<p> +"Walburg hat keine Zeit," entgegnete Elschen altklug, "und sie hört auch nicht +genug für manche Besorgungen." +</p> + +<p> +"Dies taube Mädchen ist in jeder Hinsicht eine ungenügende Hilfe," sagte +Fräulein Bergmann. "Nun geh nur, Elschen, und bitte deine Mama, sie möchte den +Schwestern noch ein halb Stündchen Zeit gönnen." +</p> + +<p> +Es dauerte aber noch eine ganze Stunde, bis die Kinder herüberkamen. +</p> + +<p> +"Ihr braucht länger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet," sagte Frau +Pfäffling ärgerlich, "woher kommt denn das?" +</p> + +<p> +"Weil Fräulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue voraus +erklärt. Sie sagt, so könnten wir bald alle Mitschülerinnen überflügeln, und in +der Schule würde jedermann staunen über unsere Fortschritte." +</p> + +<p> +"Das kann sein," entgegnete Frau Pfäffling, "aber dann hätte ich gar keine +Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum lernen da und +nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, daß ihr nicht in die Dunkelheit kommt mit +den Ausgängen." Sie kamen aber doch erst heim, als es finster war. "Finden Sie +das passend?" fragte Fräulein Bergmann die Mutter, "sollten Sie nicht das +Dienstmädchen schicken?" +</p> + +<p> +"Walburg kann nicht alles besorgen." +</p> + +<p> +"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie vollends +ganz taub ist, muß sie doch fort." +</p> + +<p> +Diese Worte hörte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte Walburg +in der Küche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie wohl bald ganz +taub würde? Sie bemerkte seinen forschenden, teilnehmenden Blick. "Willst du +mir was?" fragte sie und beugte sich zu ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und +sagte ihr ins Ohr: "Ich mag Fräulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg +antwortete ausweichend: "Man muß froh sein, daß man sie hat." +</p> + +<p> +Ja, man war froh, daß man sie hatte, und nahm geduldig manche Einmischung hin. +Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veränderung im Pfäffling'schen +Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher immer mit einem hellen +Wachstuch bedeckt worden. +</p> + +<p> +"Ich habe noch überall, wo ich war, weiße Tischtücher getroffen," bemerkte +Fräulein Bergmann. +</p> + +<p> +"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen Haus," +entgegnete Frau Pfäffling, "wir müssen jede unnötige Arbeit vermeiden und die +großen Tischtücher machen viel Arbeit in der Wäsche." +</p> + +<p> +"Aber das Essen mundet besser auf solchen." +</p> + +<p> +"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an unserem +Tisch." +</p> + +<p> +Kurz darauf beanstandete Fräulein Bergmann, daß die Türe zum Nebenzimmer +regelmäßig offen stand. "Wir können dadurch beide Zimmer mit <i>einem</i> Ofen +heizen," erklärte Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Aber dann sollten Sie die Türe aushängen und eine Portiere anbringen, das +würde sich sehr fein machen." +</p> + +<p> +"Ja gewiß, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkäufe kann ich mich +nicht einlassen. Sie müssen bedenken, daß Sie nun nicht mehr bei reichen Leuten +leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind, wenn es nur immer zum +täglichen Brot reicht." +</p> + +<p> +"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwöhnt bin, und ich +habe mich schon oft gewundert, daß Sie so heitern Sinnes auf vieles verzichten, +woran Sie gewiß zu Hause gewöhnt waren. Ich weiß, daß Sie aus fein gebildeter +Familie stammen." +</p> + +<p> +"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhältnisse +schicken. Die äußere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein Glück ruht +auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben damit gar nichts zu +tun." +</p> + +<p> +Ein paar Tage später brachte Fräulein Bergmann als Geschenk den Stoff zu einer +Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die Türöffnung wurde nun +elegant verkleidet und sah in der Tat hübsch aus, die Kinder standen voll +Bewunderung. Aber der schöne Stoff paßte nicht so recht zum Ganzen, Fräulein +Bergmann selbst war die erste, die das bemerkte. "Es sehen nun allerdings die +Möbelbezüge verblichen aus," sagte sie, "aber über kurz oder lang müßten diese +doch erneuert werden." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling war sehr überrascht, als er zum erstenmal durch die Portiere +schritt. Sie streifte dem großen Mann das Haar. Er sah sie mißliebig an. +</p> + +<p> +"Es ist ein Geschenk von Fräulein Bergmann," sagte Frau Pfäffling, "du solltest +ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt." +</p> + +<p> +"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfäffling, "ich habe ja gar keinen Sinn für +so etwas, es fängt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu unserer übrigen +Einfachheit. Fräulein Bergmann mag sich Portieren in ihr Zimmer hängen so viel +sie will, aber unsere Zimmer müssen ihr schön genug sein, so wie sie sind." +</p> + +<p> +Bei Tisch saß er gerade der Portiere gegenüber; sie kam ihm wie etwas +Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Höflichkeit wahren und sich +nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Ärger zum ersten hinzu. Walburg +hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller gewechselt. Die Kinder bekamen +immer nur <i>einen</i> Teller. +</p> + +<p> +"Finden Sie nicht, daß es gegen den Schönheitssinn verstößt, wenn die Kinder +alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich Fräulein Bergmann +fragend an Frau Pfäffling. +</p> + +<p> +"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben Teller mehr +aufzudecken, abzuwaschen und aufzuräumen ist schon ein Geschäft." +</p> + +<p> +"So viel könnte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das Fräulein, "das +ist doch solch eine Kleinigkeit." +</p> + +<p> +Da fiel ihr Herr Pfäffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie, +geehrtes Fräulein, meine Frau als Hausfrau muß doch am besten wissen, was in +unsere Haushaltung paßt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind, müssen Sie mit +unserer Art vorlieb nehmen." +</p> + +<p> +"Gewiß, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu sehen, +wie der Schönheitssinn so ganz vernachlässigt wird. Aber ich werde gewiß nicht +mehr darein reden, kein Wort mehr." +</p> + +<p> +"Ja, darum möchte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr Pfäffling, "und +übrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles ordentlich, schön und rein und +ich möchte durchaus nicht, daß sie sich noch mehr Arbeit macht, und wenn meine +Kinder ihr nachschlagen, wird man sie überall gern sehen." +</p> + +<p> +"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fräulein und fügte gekränkt +hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluß der Mahlzeit verlief in +unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorüber war, zog sich Fräulein +Bergmann zurück. +</p> + +<p> +"Sie ist beleidigt," flüsterte bekümmert eines der Mädchen dem andern zu. +</p> + +<p> +"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brüder, "warum mischt sie +sich ein!" +</p> + +<p> +"Aber es ist doch wahr, daß Teller schnell abgewaschen sind!" +</p> + +<p> +"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fräulein Bergmann sagt und +haltet gar nicht zur Mutter!" +</p> + +<p> +Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr Pfäffling +bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins," sagte er zu seiner +Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird sich jetzt schon besser in +acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart, und mir ist ihr Dareinreden nicht +so unangenehm, man macht doch seine Sache nicht vollkommen und da ist es gar +nicht übel, einmal zu erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel +mehr von der Welt gesehen als ich." +</p> + +<p> +Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die beiden Frauen +standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein Bergmann machte von der +Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen. +</p> + +<p> +"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man keinen +eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf diese Zeit der +Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht nach Herzenslust lesen, +zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem ich Muße dazu habe, so viel ich +nur will, hat es seinen Reiz verloren." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen: +</p> + +<p> +"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger Arbeit +beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine." +</p> + +<p> +"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar nicht. +Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner veränderten +Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle selbst, daß ich +unausstehlich bin." +</p> + +<p> +Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß Fräulein +Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr Kritik und +Einmischung gestattete. +</p> + +<p> +Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte sich kein +Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles zurück und brachte +Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach Fräulein Bergmanns Ansicht +waren all diese kleinen Übelbefinden selbst verschuldet, sie behauptete, +solches bei ihren Zöglingen durch sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben. +</p> + +<p> +"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März, "weißt du +noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen sieben ausgezogen, +Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen. Aber dieses Jahr ist es so +kalt." +</p> + +<p> +"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein, schöner +war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen Familienkreis. +</p> + +<p> +Sie saßen wieder einmal an dem weiß gedeckten Mittagstisch, nachdem Herr +Pfäffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare streichen lassen, +und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte. +</p> + +<p> +"Wie wunderlich," begann Fräulein Bergmann, "daß Sie nicht ein feststehendes +Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus vorgekommen. Das heutige hat +kein gutes Versmaß. Wie vielerlei haben Sie eigentlich?" +</p> + +<p> +"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfäffling. "Ich denke, daß man leichter mit +dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn es nicht jeden Tag das +gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein Gebet gedankenlos gesprochen +wird." +</p> + +<p> +"Ach, das können Sie doch nicht ändern. Ich bin nicht für solche Neuerungen. +Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war es mit Herrn +Pfäfflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau liegt daran, in diese +Form einen Inhalt zu gießen," sagte er lebhaft, "und wenn Sie lieber die leere +Form haben, so brauchen Sie ja auf den Inhalt nicht zu horchen." +</p> + +<p> +"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfäffling und legte beschwichtigend ihre Hand +auf seine trommelnde, "Fräulein Bergmann hat das gar nicht schlimm gemeint!" +</p> + +<p> +"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfäffling begütigend. Im +Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch einsilbig. Aber nach Tisch +rief Herr Pfäffling seine Frau zu sich in das Musikzimmer. "Das ist ein +unleidlicher Zustand," begann er, "dieses Frauenzimmer ist die verkörperte +Dissonanz und stört jegliche Harmonie im Hause. So etwas kann ich nicht +vertragen. Tu mir's zuliebe und mache der Sache ein Ende. Wir finden wohl auch +wieder eine andere Mieterin." +</p> + +<p> +"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Türe weisen, das tut mir doch leid für +sie, wie soll ich denn das machen?" +</p> + +<p> +"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu kränken. Aber +je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich hinüber und mit ihr +reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!" +</p> + +<p> +"Nein, so plötzlich läßt sich das doch nicht machen, bis zum 1. April mußt du +dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfäffling, und während sie ihrer Arbeit +nachging, überlegte sie, wie sie die Kündigung schonend begründen könnte. +Fräulein Bergmann tat ihr leid, aber die Rücksicht auf ihren Mann, auf Harmonie +und Frieden im Hause mußte doch vorgehen. +</p> + +<p> +Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fräulein Bergmann +suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem Tisch lagen +Papiere ausgebreitet. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen," sagte das Fräulein, +"hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten Stellen hervorgesucht, möchten +Sie diese nicht lesen? Ich muß Ihnen sagen, daß ich mich ordentlich schäme über +die Zurechtweisung, die ich heute mittag erfahren habe; so etwas ist mir nicht +vorgekommen in den vielen Jahren, die ich in Stellung war. Aber ich fühle ja +selbst, daß ich unleidlich bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht +so, bitte, lesen Sie!" +</p> + +<p> +Fräulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele Jahre in +ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tüchtigkeit war in den +Zeugnissen ausdrücklich ihre Liebenswürdigkeit, ihr Takt hervorgehoben. +</p> + +<p> +Indem Frau Pfäffling dieses las und überdachte, kam ihr plötzlich die Erklärung +dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fräulein Bergmann wieder in das +richtige Geleise zu bringen wäre. +</p> + +<p> +"Ich glaube, Sie haben sich viel zu frühe in den Ruhestand begeben, und das ist +wohl der Grund für Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen. Sie stehen im +gleichen Alter wie mein Mann; wie käme es Ihnen vor, wenn er schon aufhören +wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch sein Bestes leisten, und +so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft, und haben eine reiche +Lebenserfahrung dazu. Sie könnten ein ganzes Hauswesen leiten, eine Schar +Kinder erziehen, und wollen hier in einem Stübchen hinter den Büchern sitzen! +Das ertragen Sie einfach nicht und das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun +in unser Hauswesen unberufen eingreifen. Ihre besten Kräfte liegen brach! Wenn +ich Ihnen einen Rat geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle, +und zwar eine solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!" +</p> + +<p> +Fräulein Bergmann hatte nachdenklich zugehört. "Ja," sagte sie jetzt, "so wird +es wohl sein. Ich kann die Untätigkeit nicht ertragen. Daß Sie mir noch solch +eine Leistungsfähigkeit zutrauen, das freut mich. Nur schäme ich mich vor all +meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen Entschluß mitgeteilt habe, zu +privatisieren. Es war mir damals eine verlockende Stelle als Hausdame +angetragen, ich habe sie abgelehnt." +</p> + +<p> +"Ist sie wohl schon besetzt?" +</p> + +<p> +"Vielleicht nicht. Es hieß, der Eintritt könne auch erst später erfolgen." +</p> + +<p> +"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?" +</p> + +<p> +"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings hätte ich keine +passendere finden können. Meinen Sie, ich soll schreiben?" +</p> + +<p> +"überlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darüber hingehen." +</p> + +<p> +Eine halbe Stunde später hörte man Fräulein Bergmann mit eiligen, elastischen +Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post. +</p> + +<p> +"Ich bin Fräulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam, "sie ist +gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt; warum sie wohl +gerade heute so vergnügt ist?" +</p> + +<p> +Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in Richtigkeit. Schon +zum 1. April sollte Fräulein Bergmann sie antreten. Das letzte gemeinsame +Mittagsmahl war vorüber, die Kinder freuten sich unten, im Freien, der +langersehnten warmen Frühlingsluft, Frau Pfäffling war mit der Sorge um das +Gepäck der Reisenden beschäftigt, diese saß allein noch mit Herrn Pfäffling am +Eßtisch. +</p> + +<p> +"Wenn ich einmal alt und pflegebedürftig bin," begann Fräulein Bergmann, "dann +frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen möchten in Ihr Haus. Ich kenne +niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern anvertrauen möchte, als Ihrer +lieben Frau und den seelenguten Zwillingsschwestern. Dann dürften Sie ja keine +Angst mehr haben vor meiner kritischen Art." Herr Pfäffling, der nach seiner +Gewohnheit um den Tisch gewandelt war, machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik +ist ja sehr viel wert, wenn sie nicht bloß aus schlechter Laune entspringt. +Solange Sie <i>alles</i> tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo wir +in friedlicher Stimmung auseinandergehen, jetzt würde ich auf Ihr Urteil viel +geben. Sie sagten neulich, es sei alles unschön und unfein bei uns—" +</p> + +<p> +"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und überdies wissen Sie +wohl, daß alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen war." +</p> + +<p> +"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Äußerungen zugrunde. Möchten Sie mir +nicht sagen, was Ihnen unschön erscheint in unserem Hauswesen, unseren +Gewohnheiten?" +</p> + +<p> +Fräulein Bergmann überlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht aufrecht +erhalten," und mit einem gutmütigen, aber doch ein wenig spöttischen Lächeln +fügte sie hinzu: "Unschön ist eigentlich nur <i>eines</i>." +</p> + +<p> +"Und zwar?" +</p> + +<p> +"Darf ich es sagen? Nun denn: unschön kommt mir vor, wenn Sie so wie jetzt eben +im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt." +</p> + +<p> +Herr Pfäffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne. +</p> + +<p> +"Ihr Wilhelm fängt das nämlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben Sie es +noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter Ihnen, immer +die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen Zusammenstoß zu +vermeiden, da Sie oft mit einem plötzlichen Ruck stehenbleiben. Es war sehr +drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig dabei." +</p> + +<p> +"Das begreife ich!" sagte Herr Pfäffling, "und wenn mir schließlich alle Kinder +folgen würden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit. Ich werde es mir +abgewöhnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur zu solchen übeln +Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken darüber—und nahm seinen Lauf um den +Tisch wieder auf. +</p> + +<p> +Fräulein Bergmann verließ lächelnd das Zimmer. +</p> + +<p> +Im Vorplatz übergab Frau Pfäffling den vollgepackten Handkoffer an Walburg. +"Ist er nicht zu schwer?" fragte sie. +</p> + +<p> +"O nein," entgegnete Walburg in ungewöhnlich lebhaftem Ton, "ich trage ihn +<i>gern</i> fort." +</p> + +<p> +Hatte sie auch nie die unfreundlichen Äußerungen gehört, die Fräulein Bergmann +über sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert und war froh, daß +diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wußte sie nicht, fragte auch nicht +darnach, es genügte ihr, daß offenbar niemand unglücklich darüber war, Marianne +vielleicht ausgenommen, aber die würde sich bald trösten, und eine neue +Mieterin konnte sich nach Ostern finden. +</p> + +<p> +Frau Pfäffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit zur Bahn. +Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustüre hinaus, als Herr Pfäffling +seine drei Großen herbeirief: "Nun helft mir die Portiere abnehmen, daß man +wieder Luft und Licht hat und frei durch die Türe kann. Aber vorsichtig, die +Mutter sagt, sie könne den schönen Stoff gut verwenden!" +</p> + +<p> +So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stühlen und hantierten lustig darauf +los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch das offene Fenster von +der Straße herauf Elschens Stimme ertönte, die nach den Brüdern rief. Otto sah +durchs Fenster und fuhr blitzschnell wieder herein: "Fräulein Bergmann hat +ihren Schirm vergessen, sie kommt selbst herauf!" +</p> + +<p> +"Geht hinaus, laßt sie nicht herein," rief Herr Pfäffling, "den schmerzlichen +Anblick soll sie nicht erleben!" Draußen hörte man auch schon ihre Stimme: "Ich +muß den Schirm im Eßzimmer abgestellt haben." Richtig, da stand er in der Ecke! +Wilhelm erfaßte ihn, blitzschnell rannte er durch die Türe und konnte diese +gerade noch hinter sich schließen und Fräulein Bergmann den Schirm hinreichen. +Sie hatte nichts gesehen und eilte davon. +</p> + +<p> +"Wenn sie nun zu spät zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr Pfäffling +überlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb unten, einen +traurigen Anblick bot. "Wir hätten eigentlich warten können bis morgen." +</p> + +<p> +Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk mußte vollendet werden; bald sah alles +im Haus Pfäffling wieder aus wie vorher; Fräulein Bergmann kam nicht wieder, +das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfäffling kehrte mit Elschen allein +zurück. "Sie läßt euch alle noch grüßen," berichtete sie, "ihr letztes Wort +war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch einmal ein schönes Tischgebet schicken!'" +</p> + +<p> +Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er, "wir +singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu gekommen." Er +stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders frisch und fröhlich +klang, das war Fräulein Bergmann zu danken! +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap14"></a>14. Kapitel<br/> +Wir nehmen Abschied.</h2> + +<p> +Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das +leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte +etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach +beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie +wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete, +und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch +aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante +gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden +war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es +ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr +Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er +den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines +der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde. +</p> + +<p> +Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während desselben +geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen zeigen. +</p> + +<p> +In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder +Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes. Doch nur +für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht besser ausfiel +als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm, schlimm auch um die +Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht Karls Liebhaberei, der junge +Lehrer und der Schüler hätten sie gleich gerne los gehabt. Darum strebten die +Brüder gleich aufeinander zu, als die Klassentüre sich auftat und die Schüler +herausdrängten. Über der andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne +Karl sein Zeugnis hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl +schon manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt +und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater noch zu +erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als er die Jungen mit +den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen sah, wußte er schon, daß es +Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine Durchschnittsnote nötig?" fragte er und +überblickte das Zeugnis, und war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder +waren enttäuscht, nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein +müssen. "Hast du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie. +</p> + +<p> +"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind wir noch +in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so vergnügt seid, ihr +meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig, aber ganz kann ich euch noch +nicht davon entbinden, Wilhelm könnte sonst gleich wieder rückfällig werden. +Sagen wir <i>einmal</i> statt zweimal in der Woche." Sie machten lange +Gesichter. "Und in den Osterferien gar keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte +der Vater hinzu. Da heiterten sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens +in den Ferien frei war, im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr +in einem hin. Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder +vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die Schwestern +begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust sämtliche Heftchen auf +des Vaters Tisch ausbreiteten. +</p> + +<p> +"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie Elschen +ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die geheimnisvollen +Ziffern zu deuten. +</p> + +<p> +"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen Übermut +hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a plus b ist? Das +weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen Vierer." Von allen Seiten +kamen nun solch verfängliche Fragen und es wurden ihr lauter Vierer prophezeit, +bis ihr angst und bang wurde, sie sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du +gibst mir dann jeden Tag Mathematikstunden!" +</p> + +<p> +Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten sie +eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug gekommen. Sie +schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte. +</p> + +<p> +Herr Pfäffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder in Händen +hatte und sah, daß es besser war als die früheren, trat ihm wieder das Bild vor +die Seele, wie der Kleine ihm die verhüllte Violine mit dem Ausdruck tiefsten +Schmerzes übergeben hatte. Er war seitdem ein gewissenhafter und geschickter +Klavierspieler geworden, aber die Liebe, die er zu seiner Violine und auch zu +der Harmonika gehabt hatte, die brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem +Herzen war er nicht dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine +erwähnt. Ob sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater +hätte es gerne gewußt, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der kleine +Spieler seine Musikhefte beiseite räumte, redete er ihn darauf an. +</p> + +<p> +"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir nicht mehr +so leid, daß du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes Gesicht machte das +Kind, als diese Wunde berührt wurde, dann antwortete er leise: "Ich möchte sie +gar nicht mehr haben." +</p> + +<p> +"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhören kann, +wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du <i>kannst</i> nicht, Frieder? Du +<i>willst</i> nur nicht, weil es dir schwer fällt; aber siehst du nicht, daß +wir alle aufhören, wenn wir müssen? Meinst du, ich möchte nicht lieber selbst +weiter spielen, als Fräulein Vernagelding Stunde geben, wenn sie jetzt kommt? +Meinst du, die Mutter möchte, wenn sie nach Tisch in ihren schönen Büchern +liest, nicht lieber weiterlesen als schon nach einer halben Stunde wieder das +Buch aus der Hand legen und die Strümpfe stopfen? Und die großen Brüder möchten +nicht lieber auf den Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben +unter unserem Dach möchten nicht lieber für sich selbst Futter auspicken als +ausfliegen und ihre Jungen füttern, wie es der liebe Gott angeordnet hat? Und +der Frieder Pfäffling will allein dastehen auf der Welt und sagen: 'Ich kann +nicht aufhören'? Nein, der müßte sich ja schämen vor den Tierlein, vor den +Menschen, vor dem lieben Gott müßte er sich schämen!" +</p> + +<p> +"Ich kann auch aufhören," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim Geigen +nicht." +</p> + +<p> +"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann mitten +im Geigenstrich aufhören und das mußt du auch lernen. Gib dir Mühe, und wenn du +dann fühlst, daß du einen festen Willen hast, so sage es mir, dann will ich dir +jeden Sonntag für eine Stunde deine Geige geben." +</p> + +<p> +Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem großen Schrank deutend, der +in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit zärtlichem Ton: "Da innen ist +sie!" +</p> + +<p> +"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen Willen +bekommt und sie erlöst aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind; Fräulein +Vernagelding ist im Vorplatz, ich höre sie schon lange plaudern mit Marianne, +ich weiß nicht, warum sie nicht herein kommt." +</p> + +<p> +Unser Musiklehrer öffnete die Türe nach dem Vorplatz, die drei plaudernden +Mädchen fuhren auseinander, Fräulein Vernagelding kam zur Stunde. Noch rosiger +und lächelnder erschien sie als sonst, und hatte solch eine wichtige Neuigkeit +unter vielem Erröten mitzuteilen! Die Karten waren ja schon in der Druckerei, +auf denen zu lesen stand, daß Fräulein Vernagelding Braut war! Solch einen +schönen, jungen, reichen, blonden Bankier hatte sie zum Bräutigam! Aber +unmusikalisch war er leider sehr, denn obwohl sie ihm vorgespielt hatte, war er +doch der Meinung, sie solle nicht mehr Klavier spielen. +</p> + +<p> +"Grämen Sie sich darüber nicht," sagte Herr Pfäffling zu seiner Schülerin, +"vielleicht ist er sogar sehr musikalisch." +</p> + +<p> +"Meinen Sie?" fragte Fräulein Vernagelding, "das wäre schön! Und nicht wahr, +wenn ich auch nicht mehr zur Stunde komme, bleiben wir doch gute Freunde und +Ihre Fräulein Töchter müssen zu meiner Hochzeit kommen. Das gibt zwei süße +Brautfräulein!" +</p> + +<p> +"Meine Töchter?" fragte Herr Pfäffling verwundert. "Sie meinen die Marianne? +Das sind doch keine Brautfräulein? Da müssen Sie mit meiner Frau sprechen."— +</p> + +<p> +Der Tag war gekommen, an dem Frau Pfäfflings Bruder eintreffen sollte. Alle +Hände hatten sich fleißig gerührt, um für das Osterfest und zugleich für den +Gast das Haus festlich zu bereiten. Die letzten Spuren des langen Winters waren +mit den trüben Doppelfenstern, mit Kohleneimern und Ofenruß aus den Zimmern +verschwunden, die Frühlingssonne durfte die hintersten Winkel bestrahlen, +Walburg brauchte die Prüfung nicht zu fürchten, alles war blank und rein. Eine +mühevolle Zeit war das gewesen, aber nun war sie glücklich überstanden, +Feststimmung breitete sich schon über das Haus und heute sollte der Gast +ankommen. +</p> + +<p> +"Die Mutter sieht so aus wie am heiligen Abend vor der Bescherung," sagte Karl, +als die beiden Eltern miteinander zum Bahnhof gingen. Ja, Frau Pfäffling freute +sich innig. War das Zusammensein mit dem Bruder in der alten Heimat schön +gewesen, so mußte es doch noch viel beglückender sein, ihn im eigenen +Familienkreis zu haben. +</p> + +<p> +Die Kinder daheim berieten, wie sie den Onkel empfangen, ob sie ihm alle +miteinander entgegenkommen sollten? Sie entschieden sich aber dagegen, er war +nicht an so viele Kinder gewöhnt, sie wollten sich verteilen und nur allmählich +erscheinen, damit es keinen Lärm und kein Gedränge gäbe. +</p> + +<p> +Als es Zeit war, standen sie alle an den Fenstern des Wohnzimmers und sahen +begierig die Straße hinunter. Da tauchten schon die drei Gestalten auf, und +jetzt waren sie deutlich zu erkennen. Der Onkel, fast einen Kopf kleiner als +der Vater, ganz ähnlich der Mutter, nur nicht so schmal. Fein sah er aus im +eleganten Reiseanzug und daß er eine voll gepackte Ledertasche in der Hand +hatte, wurde von Elschen besonders hervorgehoben. Nun mußten auch die Kinder +bemerkt worden sein, denn der Onkel winkte mit der Hand herauf, ja er schwenkte +sogar den Hut als Gruß. Das machte einen gewinnenden Eindruck. "Wir springen +doch entgegen, der ist gar nicht so!" sagte Wilhelm. "Nein, der ist nicht so," +entschied der ganze Chor. Die sieben Kinderköpfe verschwanden vom Fenster, und +vierzehn Füße trabten die Treppe hinunter. "Die Treppe ist frisch geölt," rief +Marie, "geht an der Seite, daß sie in der Mitte schön bleibt!" +</p> + +<p> +Nun kam die Begrüßung. Man war sich unbekannt und doch nicht fremd. Die Kinder +berührte es merkwürdig, daß der Onkel der Mutter so ähnlich war, in den Zügen, +in der Stimme und der Aussprache. Zutraulich begrüßten sie ihn, und auch er +fand in ihnen lauter verwandte Gesichter, die einen seiner Schwester, die +andern seinem Schwager ähnlich. +</p> + +<p> +"Nun gebt die Treppe frei, Kinder," drängte Herr Pfäffling, "wir wollen den +Onkel doch auch hinauf lassen." Sie machten Platz, und ließen den Gast voran +gehen. Auf halber Treppe sah er zurück nach dem jungen Gefolge. "Wie komisch +sie alle an der Seite gehen," bemerkte er zu der Mutter. +</p> + +<p> +"Damit die Treppe in der Mitte geschont wird." +</p> + +<p> +"Ah so!" sagte der Professor und sah sichtlich belustigt zurück. "Cäcilie, nun +kenne ich deine Kinder schon. Die heißt du ungehobelt?" +</p> + +<p> +Droben, im Wohnzimmer, war der Mittagstisch gedeckt. "Was für eine stattliche +Tafel!" rief der Gast, und dann sah er erstaunt auf die ungewöhnlich große +Gestalt Walburgs, die stumm die Suppe auftrug. "Ihr habt euch wohl eine +besonders kräftige Magd ausgesucht für eure großen Schüsseln?" sagte er +spassend zu den Kindern, "ist das die treue, stumme Dienerin? Wie schade um das +Mädchen!" +</p> + +<p> +"Es wird aber nicht mehr schlimmer bei ihr, Onkel," versicherte Marie, "ich war +mit ihr beim Arzt, er sagt, es kann sogar eher ein wenig besser werden." +</p> + +<p> +Sie sammelten sich um den Tisch. "Mutter," bat Wilhelm, "du hast einmal ein +Tischgebet gewußt, das müßte heute gut passen und dem Onkel gefallen, es kommt +etwas vom vielverheißenden Tisch vor, weißt du nicht, welches ich meine?" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling wußte es wohl und sprach es: +</p> + +<p class="poem"> +In größerem Kreise stehen wir heute<br/> +Am Gutes verheißenden festlichen Tisch.<br/> +Aber die richtige fröhliche Stimmung<br/> +Die mußt auch heute Du, Herr, uns geben.<br/> +Nahe dich freundlich jedem von uns. +</p> + +<p> +Drei Tage blieb der Onkel im Haus und beobachtete oft im stillen seine Neffen +und Nichten. Er hatte ihnen ein Spiel mitgebracht, an dem sich alle beteiligen +konnten. "Ich will es den Kindern lehren," sagte er, "die meinigen haben es +auch, es ist ein Tischcroquet, ein nettes Spiel, bei dem es nur leider gar zu +leicht Streit gibt unter den Spielern." Sie machten sich mit Eifer daran und +trieben es täglich fast mit Leidenschaft. Sie achteten dabei nicht auf den +Onkel, der, hinter der Zeitung sitzend, seine Beobachtungen machte. "Wir müssen +die zwei Parteien so einteilen, daß die guten und schlechten Spieler +gleichmäßig verteilt sind," sagte Karl. "Nimm du Frieder auf deine Seite, +Wilhelm, der ist am ungeschicktesten, und ich will Anne auf meine Partei +nehmen, sonst können die nie gewinnen." So war es allen recht und das Spiel auf +seinem Höhepunkt, als Frau Pfäffling hereinkam. +</p> + +<p> +"Kinder," sagte sie, "Walburg hat wieder kein Holz, laßt euch doch nicht immer +mahnen." Schuldbewußt legten zwei der Spieler ihre Schläger aus der Hand und +gingen hinaus. Der Onkel sah aufmerksam hinter seiner Zeitung hervor. Das Wort: +"Laßt euch doch nicht mahnen" schien noch weiter zu wirken. "Hat jemand des +Vaters Brief auf die Post getragen?" fragte Marie. Niemand meldete sich. "Das +könntest du besorgen, Frieder," sagte die Schwester, "Elschen geht mit dir." So +entfernten sich auch diese Beiden. Die andern spielten weiter, Frau Pfäffling +setzte sich ein wenig zu ihrem Bruder. Sie sprachen halblaut zusammen. "Es ist +rührend," sagte der Bruder, "wie sich diese Lateinschüler so selbstverständlich +zum Holztragen verpflichtet fühlen und ohne Widerspruch das Spiel aufgeben. Das +täte meiner nie, wie hast du ihnen das beigebracht?" +</p> + +<p> +"Das bringen die einfachen Verhältnisse ganz von selbst mit sich. Die Kinder +sehen, wie Walburg und ich uns plagen und doch nicht fertig werden, so helfen +sie mit." +</p> + +<p> +"Mir, als dem Juristen, ist wirklich euer kleiner Staat interessant und ich +sehe ordentlich, wie aus solcher Familie tüchtige Staatsbürger hervorgehen. Wie +die Starken sich da um die Schwachen annehmen, wie sie ihr eigenes Ich dem +allgemeinen Ganzen unterordnen und welche Liebe und widerspruchslosen Gehorsam +sie den Eltern als dem Staatsoberhaupt entgegenbringen, wohl in dem Gefühl, daß +sonst das ganze System in Unordnung geriete. Dazu kommt auch noch, daß dein +Mann ein so leutseliger Herrscher ist und du bist sein verantwortlicher +Minister. Das muß ich dir sagen, wenn ich nun eines eurer Kinder zu mir nehme, +in ein so geordnetes Staatswesen kann ich es nicht versetzen." +</p> + +<p> +Die Kinder hatten nicht auf das leise geführte Gespräch gehorcht; was kümmerte +sie, wenn vom Staat die Rede war? Aber die letzte Bemerkung des Onkels, die +traf Maries Ohr, die erfaßte sie. "Wenn ich eines eurer Kinder zu mir nehme," +hatte er gesagt. Sie hätte es offenbar nicht hören sollen, es war nur halblaut +gesprochen. Zunächst ließ sie sich nichts anmerken, aber lange konnte sie diese +Neuigkeit nicht bei sich behalten. Nach Tisch fanden sich die Geschwister alle +unten am Balkenplatz zusammen. Dort konnte man sich aussprechen und Marie +vertraute ihnen an, was sie gehört hatte. Das ganze Trüppchen stand dicht +zusammengedrängt und besprach in lebhafter Erregung die Möglichkeit, +fortzukommen. Verlockend war das Neue, lieb war das Alte. Wer ginge gern, wer +ungern? Sie waren zweifelhaft. Wen würde der Onkel wählen? Ein jedes meinte: +"Sicherlich nicht gerade mich." Das war die Bescheidenheit. Aber einer, der +doch auch nicht unbescheiden war, der Frieder, sagte: "Ganz gewiß will er +<i>mich</i> mitnehmen." Das war die Angst, denn Frieder wollte nicht fort, für +ihn gab es da nichts Zweifelhaftes, er wollte daheim bleiben, er fürchtete die +fremde Welt. Und da er so bestimmt aussprach: mich will er mitnehmen, so +glaubten ihm die Geschwister. Schon einmal war er das fremde Kind gewesen, vor +die Türe gewiesen mit der Violine. Von jeher war er ein wenig allein gestanden. +Nun schauten ihn alle darauf hin an, daß er fort von ihnen sollte. Sie sahen +das gute Gesichtchen, die seelenvollen Augen, die angsterfüllt von einem zum +andern blickten, und da wurden sich alle bewußt, daß sie doch den Frieder nicht +missen mochten. Karl war es, der aussprach, was alle empfanden: "Unser Dummerle +geben wir nicht her!" +</p> + +<p> +Oben, am Fenster des Musikzimmers, stand der Professor im Gespräch mit Herrn +Pfäffling und seiner Frau. Nun trat er an das Fenster und sah hinunter, "Dort +steht ja das ganze Trüppchen beisammen," sagte er, "eines dicht beim andern, +keinen Stecken könnte man dazwischen schieben! Es ist köstlich anzusehen! Und +wie sie eifrig sprechen!" +</p> + +<p> +"Ja," sagte Frau Pfäffling, "irgend etwas muß sie sehr beschäftigen." +</p> + +<p> +"Das haben eure Kinder doch vor andern voraus, daß jedes sechs treue Freunde +mit fürs Leben bekommt, denn die einmal so warm beieinander im Nest gesessen +waren, die fühlen sich für immer zusammengehörig. Daß ich nun aber die Hand +ausstrecken soll und ein Vögelein aus diesem Nest herausnehmen, dazu kann ich +mich immer schwerer entschließen. Geben wir doch den Plan auf! Lassen wir das +fröhliche Völklein beisammen, es kann nirgends besser gedeihen als daheim!" +</p> + +<p> +"Ich glaube, du siehst bei uns alles in zu günstigem Licht, wir sind oft +unbefriedigt und haben allen Grund dazu!" +</p> + +<p> +"Das mag sein, an Unvollkommenheiten fehlt es gewiß auch bei euch nicht. Aber +den guten Grund fühle ich heraus, auf dem alles im Haus aufgebaut ist, die +Wahrhaftigkeit, die Religion, die bei euch Herzenssache ist." +</p> + +<p> +"Das hast du doch kaum in so kurzer Zeit beobachten können," meinte Frau +Pfäffling. +</p> + +<p> +"Aber doch habe ich diesen Eindruck gewonnen, so zum Beispiel von Wilhelm. Du +kannst weit suchen, bis du wieder einen solch lustigen Lateinschüler findest, +der um ein bestimmtes Tischgebet bittet, wie er neulich tat bei unserem ersten +Mittagessen. Ich wollte, es wäre bei meinen Kindern auch etwas von diesem Geist +zu spüren! Kehren wir doch die Sache um! Ich schicke euch lieber meinen Jungen +einmal. In euren einfachen Verhältnissen würde er ganz von selbst seine +Ansprüche fallen lassen, er wäre zufrieden und glücklich mit euren Kindern." +</p> + +<p> +Es blieb bei dieser Verabredung. +</p> + +<p> +Draußen im Freien hatte sich inzwischen alles verändert. Die Sonne war von +schweren Wolken verdeckt worden, in echter Aprillaune wirbelten plötzlich +Schneeflocken herunter und die jungen Pfäfflinge flüchteten herauf. +</p> + +<p> +"Da kommen sie ja wieder alle miteinander," sagte der Onkel, "wißt ihr auch, +Kinder, mit was für Gedanken ich hieher gekommen bin? Eines von euch wollte ich +mir rauben, weil bei mir noch so schön Platz wäre für ein viertes, und eure +Eltern hätten es dann leichter gehabt. Aber ich tue es nicht. Wollt ihr hören +warum? Weil ihr es so schön und so gut habt, daß ihr es nirgends auf der ganzen +Welt besser haben könnet. Ihr lacht? Es ist mein Ernst." +</p> + +<p> +Nun glaubten sie es ihm. Der Onkel, der weitgereiste, mußte es ja wissen. +</p> + +<p> +Elschen drückte sich schmeichelnd an den Onkel. "Wen von uns hättest du denn +mitgenommen?" fragte sie. +</p> + +<p> +"Mußt du das wissen, kleine Neugier? Vielleicht den da," sagte er und deutete +auf Frieder. Der nickte zustimmend. Er hatte es ja gewußt! +</p> + +<p> +Einige Tage später war Frau Pfäfflings Bruder wieder abgereist. Sie stand mit +wehmütigem Gefühl im Gastzimmer und war beschäftigt, es wieder für eine fremde +Mieterin zu richten, nach der man sich nun bald umsehen mußte. In ihren +Gedanken verloren, hörte sie doch mit halbem Ohr einen Mann die Treppe +heraufkommen, hörte klingeln, öffnen, wieder schließen, hörte Marie zum Vater +hinübergehen. An all dem war nichts besonderes, es brachte sie nicht aus ihrem +Gedankengang. +</p> + +<p> +Aber jetzt? +</p> + +<p> +Sie horchte. "Cäcilie, Cäcilie!" tönte es durch die ganze Wohnung. Sie wollte +dem Ruf folgen, aber da kam schon ihr Mann zu ihr herein, da stand er vor ihr +mit glückstrahlendem Angesicht und rief frohlockend: +</p> + +<p> +"Cäcilie, ich bin Musikdirektor in Marstadt!" und als sie es nicht fassen und +glauben wollte, da reichte er ihr einen Brief, und sie las es selbst schwarz +auf weiß, daß die Marstadter vorläufig in einem gemieteten Lokal die +Musikschule eröffnen wollten und den Musiklehrer Pfäffling zum Direktor ernannt +hätten. Es fehlte nichts mehr als seine Einwilligung, und auf diese brauchten +die Marstadter nicht lange zu warten! +</p> + +<p> +Der jubelnde Ruf: "Cäcilie!" hatte die Kinder aus allen Zimmern herbeigelockt. +Zu verschweigen war da nichts mehr. Vom Vater hörten sie die gute Kunde, sie +sahen, wie die Mutter bewegt am Vater lehnte und immer wieder sagte: "Wie mag +ich dir das gönnen!" +</p> + +<p> +Und das Glück war immer größer, weil es von so vielen Gesichtern widerstrahlte. +</p> + +<p> +Nur einer war davon ausgeschlossen, einer hatte alles überhört, weil er mit +seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt war. +</p> + +<p> +"Wo ist denn der Frieder?" fragte Elschen, "dem muß man es doch auch sagen!" +</p> + +<p> +Man suchte nach ihm und fand ihn ganz allein im Musikzimmer, vor dem Schrank +stehend, in dem seine Violine aufbewahrt war. +</p> + +<p> +"Was tust du denn da?" fragte Herr Pfäffling. +</p> + +<p> +"Ich warte auf dich, Vater, schon so lange!" +</p> + +<p> +Dabei drängte er sich dicht an den Vater und fragte schüchtern: "Gibst du mir +am Sonntag meine Geige auf eine Stunde? Ich kann jetzt mitten darin aufhören, +ich habe es probiert." +</p> + +<p> +"Wie hast du das probiert, Frieder?" +</p> + +<p> +"Beim Essen. Dreimal. Aufgehört im ärgsten Hunger, auch bei den Pfannenkuchen. +Die andern wissen es." +</p> + +<p> +"Ja, es ist wahr," betätigten ihm die Geschwister, die als seine Tischnachbarn +Vorteil aus diesen Proben gezogen hatten. Herr Pfäffling schloß den Schrank +auf. "Wenn es so steht, Frieder," rief er fröhlich, "dann warten wir gar nicht +bis zum Sonntag, denn heute ist ohnedies Festtag bei uns, du weißt wohl noch +gar nichts davon? Da hast du deine Violine, kleiner Direktorssohn!" +</p> + +<p> +Ja, das war ein seliger Tag! +</p> + +<p> +Frau Pfäffling suchte Walburg auf; diese hatte von den Kindern schon die +Neuigkeit gehört, und da sie dem Leben nicht viel Gutes zutraute, so fürchtete +sie auch diese Veränderung. Aber da kam auch ihre Frau selbst, sah sie mit +herzlicher Freundlichkeit an und rief ihr ins Ohr: "Der Herr Direktor will auch +deinen Lohn erhöhen." +</p> + +<p> +Nun war Walburg getrost, ihr Bleiben war besiegelt, und als sie wieder allein +in ihrer Küche stand, da legte sie einen Augenblick die fleißigen Hände +ineinander und sagte: "Lobe den Herrn!" +</p> + +<p> +Frau Pfäffling ging hinunter zur Hausfrau. Diese sollte nicht durch Fremde die +Nachricht erfahren. Lange sprachen die beiden Frauen zusammen, und während sie +sprachen, tönte von oben Klavier und Gesang herunter und Frau Pfäffling +erkannte die frohlockende Melodie: ihr Mann übte mit den Kindern den Chor mit +dem Endreim: +</p> + +<p class="poem"> +"Drum rufen wir mit frohem Sinn:<br/> +Es lebe die Direktorin!" +</p> + +<p> +Als Frau Hartwig wieder allein war, mußte ihr Mann sie trösten: "Leicht +bekommen wir eine bessere Mietspartei, sie haben doch recht viel Unruhe im Haus +gemacht und bedenke nur die Abnützung der Treppe!" Dabei suchte er eine kleine +Tafel hervor und gab sie seiner Frau. Sie ging hinaus und befestigte an der +Haustüre die Aufschrift: +</p> + +<p class="poem"> +<i>Wohnung zu vermieten</i>. +</p> + +<p> +Und als sie die Türe wieder hinter sich schloß, fiel ihr eine Träne auf die +Hand und sie sagte vor sich hin: "Das weiß gar niemand, wie lieb mir die +Familie Pfäffling war!" +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 ***</div> +</body> + +</html> + + |
