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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:35:33 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:35:33 -0700
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Die Familie Pfäffling, by Agnes Sapper</title>
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 ***</div>
+
+<h1>Die Familie Pfäffling</h1>
+
+<h3>Eine deutsche Wintergeschichte</h3>
+
+<h2 class="no-break">von Agnes Sapper</h2>
+
+<p class="center">
+1909
+</p>
+
+<hr />
+
+<p class="center">
+Meiner lieben Mutter
+</p>
+
+<p class="center">
+zum Eintritt in das 80. Lebensjahr.
+</p>
+
+<p>
+Die Familie Pfäffling muß *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was ich in
+diesem Buche zeigen möchte, das ist Deine eigene Lebens-Erfahrung. Du hast uns
+vor Augen geführt, welcher Segen die Menschen durchs Leben begleitet, die im
+großen Geschwisterkreis und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, unter
+dem Einfluß von Eltern, die mit Gottvertrauen und fröhlichem Humor zu entbehren
+verstanden, was ihnen versagt war.
+</p>
+
+<p>
+Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die Erinnerung an
+Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du die Beschwerden und
+Entbehrungen des Alters in geduldiger, anspruchsloser Gesinnung erträgst so ist
+das nach deinem eigenen Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist
+aus einer entbehrungsreichen und dennoch glückseligen Jugendzeit.
+</p>
+
+<p>
+Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte möchte ich
+in diesem Buch der deutschen Familie vorführen.
+</p>
+
+<p class="letter">
+Herbst 1906.
+</p>
+
+<p class="letter">
+Die Verfasserin.
+</p>
+
+<hr />
+
+<h2>Inhalt</h2>
+
+<table summary="" style="">
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap01">1 Wir schließen Bekanntschaft</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap02">2 Herr Direktor</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap03">3 Der Leonidenschwarm</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap04">4 Adventszeit</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap05">5 Schnee am unrechten Platz</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap06">6 Am kürzesten Tag</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap07">7 Immer noch nicht Weihnachten</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap08">8 Endlich Weihnachten</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap09">9 Bei grimmiger Kälte</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap10">10 Ein Künstlerkonzert</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap11">11 Geld- und Geigennot</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap12">12 Ein Haus ohne Mutter</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap13">13 Ein fremdes Element</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap14">14 Wir nehmen Abschied</a></td>
+</tr>
+
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap01"></a>1. Kapitel<br/>
+Wir schließen Bekanntschaft.</h2>
+
+<p>
+Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit
+hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in die
+äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die Infanteriekaserne, sehen
+den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz. Aber vor diesem, etwas zurück von
+der Straße, steht noch ein letztes Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem
+Schreiner Hartwig, bei dem der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie
+in Miete wohnt.
+</p>
+
+<p>
+Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein Lagerplatz für
+Balken und Bretter, auf denen Knaben und Mädchen fröhlich herumklettern, turnen
+und schaukeln. Meistens sind es junge Pfäfflinge, die da ihr Wesen treiben,
+manchmal sind es auch ihre Kameraden, aber der eine Kleine, den man täglich auf
+den obersten Brettern sitzen und dabei die Ziehharmonika spielen sieht, das ist
+sicher kein anderer als Frieder Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist übrigens der Hof verlassen und
+niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach den langen Sommerferien,
+wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer Pfäffling, der schlanke Mann, der
+noch immer ganz jugendlich aussieht, war schon frühzeitig mit langen Schritten
+den gewohnten Weg nach der Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben.
+Sechs von seinen sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Bücher und
+Hefte zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange
+Frühlingsstraße mußten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten sich die
+Wege; die drei ältesten suchten weit drinnen in der Stadt das alte
+Gymnasiumsgebäude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas näher in die
+Töchterschule und Frieder, der noch in die Volksschule ging, hätte sein Ziel am
+schnellsten erreichen können, aber das kleine runde Kerlchen pflegte in
+Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr Zeit zu lassen als die andern.
+</p>
+
+<p>
+Im Hause Pfäffling war nach dem lauten Abgang der sieben Familienmitglieder
+eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur noch die Mutter zurück, und
+Elschen, das jüngste niedliche Töchterchen, sowie die treue Walburg, die in der
+Küche wirtschaftete. Frau Pfäffling atmete auf, die Stille tat ihr wohl. Was
+war das für ein Sturm gewesen, bis der letzte die Türe hinter sich zugemacht
+hatte, und was für eine Unruhe all die Ferienwochen hindurch! Während sie
+ordnend und räumend von einem Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtäglich
+zu Mute. Sie war von Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken
+versunken, aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen großen
+Familienkreis gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte, plaudernde,
+fragende, musizierende Menschen um sie herum. Während nun die Mutter sich der
+Ruhe freute, wußte Elschen gar nicht, wo es ihr fehlte. Allein zu spielen hatte
+sie ganz verlernt. So ging sie hinunter in den Hof, wo die großen Balken lagen.
+Oft hatte sie sich in den letzten Wochen geärgert, wenn sie ängstlich auf den
+glatten Balken kleine Schrittchen machte, daß die Brüder das so flink konnten
+und sie ihnen immer Platz machen sollte. Jetzt hatte sie alle die Baumstämme
+allein zu ihrer Verfügung, aber nun machten sie ihr keine Freude. Sie ging
+weiter zu den Brettern, die übereinander aufgestapelt lagen. Dort oben, wo ein
+kleines dickes Brett querüberlag, war Frieders Lieblingsplatz, auf dem er immer
+mit der Ziehharmonika saß. Wenn er gar zu lang spielte und sie nicht beachtete,
+war sie manchmal ungeduldig geworden und hatte sogar einmal gesagt, die
+Harmonika sei eine alte Kröte. Aber jetzt, wo es überall ganz still war, hätte
+sie auch die Harmonika gern gehört. Sie setzte sich auf Frieders Platz und
+dachte an ihn. Es war so langweilig heute morgen—fast zum weinen!
+</p>
+
+<p>
+Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief: "Elschen,
+flink, Essig holen!"
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick später wanderte auch Else die Frühlingsstraße hinunter, zwar
+nicht mit den Büchern in die Schule, aber mit dem Essigkrug zum nächsten
+Kaufmann.
+</p>
+
+<p>
+Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner Frau. Es
+waren schon ältere Leute und er hatte das Geschäft abgegeben. Sie war eine
+freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf gute Erhaltung des
+Besitzes. Als diesen Morgen die Pfäfflinge nacheinander die Treppe hinunter
+gesprungen waren, hatte sie zu ihrem Mann gesagt: "Hast du schon bemerkt, wie
+die Treppe abgenutzt ist? Seit dem Jahr, wo Pfäfflings bei uns wohnen, sind die
+Stufen schon so abgetreten worden, daß mir wirklich bang ist, wie es nach
+einigen Jahren aussehen wird." "Verwehr's ihnen, daß sie so die Treppen
+herunterpoltern," sagte der Hausherr.
+</p>
+
+<p>
+"Ich will gar nicht behaupten, daß sie poltern, sie sind ja rücksichtsvoll,
+aber hundertmal springen sie auf und ab und es pressiert ihnen allen so, ein
+Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie müssen immer springen. Ich will sie aber
+gleich heute aufmerksam machen auf die abgetretenen Stellen."
+</p>
+
+<p>
+"Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewöhnen, springt doch der
+Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewußt, was es um so
+eine neunköpfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen voriges Jahr selbst unsere
+Wohnung angeboten haben in ihrer Wohnungsnot. Und jetzt haben wir sie, und zu
+kündigen brächtest du doch nicht übers Herz."
+</p>
+
+<p>
+"Nein, nie! Aber du auch nicht."
+</p>
+
+<p>
+"Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, daß er Bretter für neue Böden
+bereit hält," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand bedenklich und
+sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch über die Stufen, aber sie
+blieben doch abgetreten.
+</p>
+
+<p>
+Die Vormittagsstunden waren endlich vorübergegangen, die kleine vereinsamte
+Schwester stand am Fenster, sah die Straße hinunter und erkannte schon von
+weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das Haus zukam. Bald darauf
+tauchten zwei Mädchengestalten auf, das waren die Zwillingsschwestern, die
+elfjährigen, Marie und Anna, die der Bequemlichkeit halber oft zusammen
+Marianne genannt wurden. So rief auch Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist
+schon im Haus und Marianne sehe ich auch, aber sie stehen bei andern Mädchen
+und machen gar nicht voran. Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei
+Großen, jetzt muß ich entgegen laufen."
+</p>
+
+<p>
+Die Schwestern hatten sich den Brüdern zugesellt und so kamen sie alle zugleich
+ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor Vergnügen entgegenrief:
+"Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder, der zu hinterst war, aber die
+Schwestern hatten sie schon an beiden Händen gefaßt und alle drängten der
+Treppe zu, als die Türe der untern Wohnung aufging und Frau Hartwig herbeikam.
+Flugs zogen die Brüder ihre Mützen, denn die Rücksicht auf die Hausleute war
+ihnen zur heiligen Pflicht gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten
+Umzug in dem Bewußtsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein.
+</p>
+
+<p>
+So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet ein
+wenig, Kinder, ich muß euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe an, seht
+ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr war davon noch
+keine Spur, wer hat das wohl getan?"
+</p>
+
+<p>
+Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Köpfe. "Das habt ihr getan," fuhr die
+Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln hundertmal auf und ab
+gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann richtet ihr mir in <i>einem</i>
+Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie standen alle betreten da, die Blicke auf
+die Treppe gerichtet. So schlimm kam ihnen diese wohl nicht vor, aber die
+Hausfrau mußte es ja wissen! In diesem kritischen Moment kam Karl, dem großen,
+der Mutter Hauptregel ins Gedächtnis: nur immer gleich um Entschuldigung
+bitten! "Es ist mir leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das
+erlösende Wort: "Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der große, an, langsam
+und behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der zweite und Otto,
+der dritte. Ihnen nach schlichen unhörbar Marie und Anna mit Elschen. Nur
+Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und deshalb den Schaden an der
+Treppe noch nicht hatte sehen können, der verweilte noch und betrachtete
+nachdenklich die Stufen. Dann sagte er zutraulich zu der Hausfrau: "Nur in der
+Mitte sieht man etwas, warum denn nicht an den Seiten?" "Kleines Dummerle,"
+sagte Frau Hartwig, "kannst du dir das nicht denken? In der Mitte geht man wohl
+am öftesten."
+</p>
+
+<p>
+"So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite," und indem
+er dicht am Geländer hinaufstieg, rief er noch freundlich herunter: "Gelt, so
+wird deine Treppe schön geschont?" "Ja, so ist's recht," sagte die Hausfrau und
+indem sie wieder in ihre Wohnung zurückkehrte, sprach sie so für sich hin: den
+guten Willen haben sie, was kann man mehr verlangen?
+</p>
+
+<p>
+Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog ihn ins
+Zimmer und rief vergnügt: "Jetzt sind sie alle wieder da!"
+</p>
+
+<p>
+Den Eßtisch hatte Frau Pfäffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft hin und
+hergelaufen und hatte ihr erzählt, was Neues von der Musikschule zu berichten
+war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so öfter lief ihm eines in den Weg, so
+gab er das Wandeln auf und klatschte mit seinen großen Händen, was immer das
+Zeichen war, zu Tisch zu gehen. Da gab es schnell ein Schieben und Stuhlrücken
+und einen Augenblick lautloser Stille, während die Mutter das Tischgebet
+sprach. Es war nicht alle Tage dasselbe, sie wußte viele. Sie fragte manchmal
+den Vater, manchmal die Kinder, welches sie gerne hörten und richtete sich
+darnach. Heute sprach sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die Arbeit, du
+gönnst uns die Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu."
+</p>
+
+<p>
+Das Essen, das die große Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen, aber das
+Tischgespräch wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie kannten es schon,
+es war immer das gleiche beim Beginn des Wintersemesters.
+</p>
+
+<p>
+"Wir müssen jetzt ein Physikbuch haben."
+</p>
+
+<p>
+"Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf ich
+nimmer mitbringen."
+</p>
+
+<p>
+"Zum Nähtuch brauchen wir ein Stück feine neue Leinwand."
+</p>
+
+<p>
+"Bis Donnerstag müssen wir richtige Turnanzüge haben."
+</p>
+
+<p>
+"In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln."
+</p>
+
+<p>
+"Mein Reißzeug sei ganz ungenügend."
+</p>
+
+<p>
+So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war, umdrängten
+die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der kleine Volksschüler,
+hatte keine derartigen Wünsche, er nahm seine Ziehharmonika und verzog sich;
+Elschen folgte ihm hinunter auf den Balkenplatz, wo eine freundliche
+Herbstsonne die Kinder umfing, die sich noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen
+konnten.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling suchte sich dem Drängen seiner Großen zu entziehen, indem er
+hinüberflüchtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und Stundenzimmer war. Dort
+wartete ein Stoß neuer Musikalien auf ihn, die er prüfen sollte. Aber es währte
+nicht lang, so folgten ihm seine drei Lateinschüler nach, und ein jeder brachte
+wiederholt sein Anliegen vor und suchte zu beweisen, daß es dringend sei. "Ich
+glaube es ja," sagte der Vater, "aber alles auf einmal können wir nicht
+anschaffen, ihr müßt eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher
+sollte denn so viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun
+wieder Stundenschüler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr
+Atlas, Reißzeug und die neuesten Ausgaben der Schulbücher bekommen, aber jetzt
+reicht es nur für das dringendste." Herr Pfäffling zog eine kleine Schublade
+seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war, "Schaut selbst herein und
+rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war nicht viel in der Schublade.
+Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und miteinander zu beraten, was das
+Unentbehrlichste sei. "Für Marianne muß auch noch etwas übrig bleiben,"
+bemerkte der eine der Brüder, "bei ihr gibt es sonst gleich wieder Tränen.
+Leinwand zu einem Nähtuch wollen sie, ob das wohl recht viel kostet?"
+</p>
+
+<p>
+So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab und
+waren froh, daß das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte. Es blieb
+kein großer Rest mehr in der kleinen Schublade.
+</p>
+
+<p>
+Als kurze Zeit darauf die Lateinschüler und die Töchterschülerinnen sich wieder
+auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfäffling zu ihrem Mann in das
+Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen beisammen saßen.
+</p>
+
+<p>
+"Sieh nur, Cäcilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist höchste
+Zeit, daß wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue Schüler melden, die
+besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind jetzt so viele Musiklehrer hier;
+von der Musikschule allein könnten wir nicht leben."
+</p>
+
+<p>
+"Es werden gewiß welche kommen," sagte Frau Pfäffling, aber sehr zuversichtlich
+klang es nicht und eines wußte von dem andern, daß es sorgliche Gedanken im
+Herzen bewegte.
+</p>
+
+<p>
+In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der wohlbekannte
+Klang der Harmonika. Frau Pfäffling trat ans offene Fenster und sah die beiden
+kleinen Geschwister auf den Brettern sitzend. "Es ist doch schon 2 Uhr vorbei,"
+sagte sie, "hat denn Frieder heute nachmittag keine Stunde?" und sie rief
+dieselbe Frage dem kleinen Schulbuben hinunter. Die Harmonika verstummte, die
+Kinder antworteten nicht, sie sahen sich nur bestürzt an und die Eile, mit der
+sie von den Brettern herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu,
+sagte genug.
+</p>
+
+<p>
+"Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfäffling, "daran ist
+wieder nur das verwünschte Harmonikaspielen schuld!" Als Frieder die Treppe
+heraufkam—ohne jegliche Rücksicht auf abgetretene Stufen—streckte der Vater ihm
+schon den Arm entgegen und nahm ihm die geliebte Harmonika aus der Hand mit den
+Worten: "Damit ist's aus und vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darüber
+vergißt!"
+</p>
+
+<p>
+Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle andern schon
+fort? Ist's schon arg spät?" fragte er, während er ins Zimmer lief, um seine
+Bücher zu holen. Elschen stand zitternd und strampelnd vor Aufregung dabei,
+während er seine Hefte zusammenpackte, rief immer verzweifelter: "Schnell,
+schnell, schnell!" und hielt ihm seine Mütze hin, bis er endlich ohne Gruß
+davoneilte. Auf halber Treppe blieb er aber noch einmal stehen und rief
+kläglich herauf: "Mutter, was soll ich denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur
+gleich: es tut mir leid," rief sie ihm nach. So rannte er die Frühlingsstraße
+hinunter und rief in seiner Angst immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid."
+Die Vorübergehenden sahen ihm mitleidig lächelnd nach—es war leicht zu erraten,
+was dem kleinen Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb drei Uhr, als er
+um die Ecke der Frühlingsstraße bog.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in seinen
+Schrank schloß. "Redlich abgenützt ist sie," sagte er sich, "sie wird bald den
+Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in Versuchung führen. Es hat
+wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten zwei Jahren, an dem er sie nicht
+benützt hat. Er ist ein kleiner Künstler auf dem Instrument, aber er weiß es
+nicht und das ist gut und von den Geschwistern hört er auch keine
+Schmeicheleien, sie ärgern sich ja nur über den kleinen Virtuosen. Ich wollte,
+ich hätte auch nur <i>einen</i> Schüler, der so begabt wäre wie Frieder! Aber
+daß er seine Schule über der Musik versäumt oder ganz vergißt wie heute, das
+ist doch ein starkes Stück am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und nun
+wurde die Harmonika eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als letzter
+heraus. Die Geschwister daheim hörten von der kleinen Schwester, was
+vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule ergangen sein mochte.
+Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern gesammelt, und die
+Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafür, daß es glimpflich abgehen würde. Aber
+Frieder hatte einen neuen Lehrer, den kannte man noch nicht und die neuen waren
+oft scharf. Als nun endlich der Jüngste heimkam und ins Zimmer trat, wo sie
+alle beisammen waren, sahen sie ihn begierig, zum Teil auch ein wenig spöttisch
+an. Aber das Spöttische verging ihnen bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er
+sah so kläglich verweint aus! Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen.
+Zuerst wollte Frieder nicht recht herausrücken mit der Sprache, denn der Vater
+war auch im Zimmer und das war in Erinnerung an sein zürnendes Gesicht und die
+weggenommene Harmonika nicht aufmunternd für Frieder. Aber Herr Pfäffling ging
+ans Fenster, trommelte einen Marsch auf den Scheiben und achtete offenbar nicht
+auf die Kinder. Da hatte Marie bald alles aus dem kleinen Bruder herausgefragt,
+denn sie hatte immer etwas Mütterliches gegen die Kleinen, auch der Mutter
+Stimme. So erzählte denn Frieder, daß der Lehrer ihm zuerst nur gewinkt hätte,
+sich auf seinen Platz zu setzen, aber nach der Schule hatte Frieder vorkommen
+müssen, ja und dann—dann stockte der Bericht. Aber die Geschwister kannten sich
+aus, sie nahmen seine Hände in Augenschein, die waren auf der Innenseite rot
+und dick. "Wieviel?" fragte Marie. "Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der
+große. "Es kommt darauf an, ob's gesalzene waren," und nun erzählte Wilhelm,
+der zweite: "Bei uns hat einer auch einmal die Schule vergessen, dann hat er
+zum Lehrer gesagt, er habe Nasenbluten bekommen und so ist er ohne alles
+durchgeschlupft, der war schlau!" Da hörte auf einmal das Trommeln an den
+Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um und sagte: "Der war ein Lügner
+und das ist der Frieder nicht. Geh her, du kleines Dummerle du, wenn dir der
+Lehrer selbst deinen Denkzettel gegeben hat, dann brauchst du von mir keinen,
+du bekommst deine Harmonika wieder, aber—"
+</p>
+
+<p>
+Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb, denn in
+diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfäffling und sagte eilfertig:
+"Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im Bügelzimmer das Klingeln
+gehört und ihr seid vornen und achtet nicht darauf!" Schuldbewußt liefen die
+der Türe am nächsten Stehenden hinaus und riefen bald darauf den Vater ab, in
+freudiger Erregung verkündend: "Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame
+mit einem Fräulein ist da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie
+nun fortgegangen wären!" sagte die Mutter vorwurfsvoll.
+</p>
+
+<p>
+"Manchmal ist's recht unbequem, daß Walburg taub ist," meinte Anne und Else
+fügte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmädchen, die hören ganz gut, die hören
+sogar das Klingeln, wenn wir so eine hätten!" "Seid ihr ganz zufrieden, daß wir
+unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfäffling, "wenn sie nicht bei uns
+bleiben wollte, könnten wir gar keine nehmen, sie tut's um den halben Lohn. Und
+<i>wieviel</i> tut sie uns! Es ist traurig, zu denken: weil sie ein solches
+Gebrechen hat, muß sie sich mit halbem Lohn begnügen. Wenn ich könnte, würde
+ich ihr den doppelten geben." Unvermutet ging die Türe auf und die, von der man
+gesprochen hatte, trat ein. Unwillkürlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an
+als sonst, sie bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das große Brett
+voll geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Küche hereintrug. Walburg
+war eine ungewöhnlich große, kräftige Gestalt und ihr Gesicht hatte einen
+guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein paar Jahren war sie aus einem
+Dienst entlassen worden wegen ihrer zunehmenden Schwerhörigkeit, die nun fast
+Taubheit zu nennen war. Als niemand sie dingen wollte, war sie froh, bei
+kleinem Lohn in der Familie Pfäffling ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie
+nicht mehr das Reden der Menschen hörte, hatte sie selbst sich das Sprechen
+fast abgewöhnt. So tat sie stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand
+wußte viel von dem, was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem
+Gebrechen. Durch der Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen Pfäfflinge
+wach geworden und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu sein, griff Marie
+nach den Bestecken, um sie einzuräumen; die andern bekamen auch Lust zu helfen,
+und im Nu war das Brett leer und Walburg sehr erstaunt über die ungewohnte
+Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit ist auch ein Lohn," sagte Frau Pfäffling,
+"wenn ihr den alle sieben an Walburg bezahlt, dann—" "Dann wird sie kolossal
+reich," vollendete Karl.
+</p>
+
+<p>
+Unser Musiklehrer kam vergnügt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter Anfang
+des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als Schülerin
+angetragen. Zwei Stunden wöchentlich in unserem Haus. Das Fräulein mag etwa 17
+Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als sei es noch ein dummes
+Gänschen, aber ein freundliches, es lacht immer, wenn nichts zu lachen ist, und
+kam in Verlegenheit, als die Frau Mama nach dem Preis fragte mit der Bemerkung,
+sie zahle immer voraus. Sie zog auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und
+zählte das Geld auf den Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die
+Dame, 'so bringt man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl
+sie sich, das Fräulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde sein.
+Da ist das Geld, wirst's nötig haben," schloß Herr Pfäffling seinen Bericht und
+reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder drückten sich an die Fenster,
+sahen hinunter und bewunderten die Dame, die mit ihrem seidenen Kleid durch die
+Frühlingsstraße rauschte, begleitet von der Tochter, die mehr noch ein Kind als
+ein Fräulein zu sein schien. "Hat je eines von euch schon diesen Namen gehört?"
+fragte Herr Pfäffling und hielt ihnen die Visitenkarte der Dame hin. Sie
+schüttelten alle verneinend, der Name war ganz schwierig herauszubuchstabieren,
+er lautete: <i>Frau Privatiere Vernagelding</i>.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap02"></a>2. Kapitel<br/>
+Herr Direktor?</h2>
+
+<p>
+November! Du düsterer, nebeliger, naßkalter Monat, wer kann dich leiden? Ich
+glaube, unter allen zwölfen hast du die wenigsten Freunde. Du machst den
+Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden noch nicht. Aber zu
+etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmäßigen Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Was wurde allein in der Familie Pfäffling gearbeitet an dem großen Tisch unter
+der Hängelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier Brüdern schrieb der
+eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte französisch, der vierte
+deutsch. Der eine stierte in die Luft und suchte nach geistreichen Gedanken für
+den Aufsatz, der andere blätterte im Lexikon, der dritte murmelte Reihen von
+Zeitwörtern, der vierte kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde
+auch einmal geplaudert und gefragt, gestoßen und aufbegehrt, auch gehustet und
+gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter saß mit dem Flickkorb
+oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still beschäftigen sollte, was aber
+nicht immer gelang.
+</p>
+
+<p>
+Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, saßen selten dabei. Sie hatten ein
+Schlafzimmer für sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten sie ungestört
+ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn der Ofen, der darin
+stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern wußten sich zu helfen. Sie
+lernten am liebsten aus einem Buch, dabei rückten sie ihre Stühle dicht
+zusammen, wickelten einen großen alten Schal um sich und wärmten sich
+aneinander. Nur mit der Beleuchtung hatte es seine Schwierigkeit. Eine eigene
+Lampe wurde nicht gestattet, es wäre ihnen auch nicht in den Sinn gekommen,
+einen solchen Anspruch zu machen. Aber im Vorplatz auf dem Schränkchen stand
+eine Ganglampe. Sie mußte immer brennen wegen der Stundenschüler, die den
+langen Gang hinunter gehen mußten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfäffling
+seine Stunden gab. Hatte aber ein Schüler den Weg gefunden und hinter sich die
+Türe des Musikzimmers geschlossen, so konnten die Mädchen wohl auf eine Stunde
+die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im Vorplatz und
+manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es über den Gang ging und
+begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern kühl. Schlimmer war's,
+wenn sie etwa überhörten, daß die Musikstunde vorbei war und die Schüler im
+Finstern tappen mußten. Dann erschraken sie sehr, stürzten eilig hinaus, um zum
+Schluß noch zu leuchten, entschuldigten sich und waren froh, wenn der Vater es
+nicht bemerkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fräulein Vernagelding hatte
+Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hörten die Mädchen das Spiel.
+Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe. Aber die Stunde
+war noch nicht aus, sie lauschten und hörten den Vater noch sprechen: "das ist
+doch nicht e, wie heißt denn diese Note?"
+</p>
+
+<p>
+"Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen wieder an
+ihre Arbeit. Aber Herr Pfäffling sagte nur noch etwas rasch zu seiner
+Schülerin: "Ich glaube, es ist genug für heute, besinnen Sie sich daheim, wie
+diese Note heißt," und gleich darauf kam Fräulein Vernagelding heraus und stand
+in dem stockfinsteren Gang. Jede andere hätte ihren Rückweg im Dunkeln gesucht,
+aber das Fräulein gehörte nicht zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch
+einmal am Eckzimmer an und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr
+Pfäffling, mir graut so vor dem langen dunkeln Gang, würden Sie nicht Licht
+machen?"
+</p>
+
+<p>
+Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner ängstlichen
+Schülerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die Schwestern
+mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in Gegenwart von
+Fräulein Vernagelding gezankt, so daß dieser ganz das Lachen verging und sie so
+schnell wie möglich durch die Treppentüre verschwand. Das Arbeiten im eigenen
+Zimmer mußte also mit mancher Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch
+nicht davon lassen.
+</p>
+
+<p>
+So lernten denn die jungen Pfäfflinge an den langen Winterabenden, der eine
+mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker in der Schule,
+machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht eben schlechte
+Zeugnisse nach Hause.
+</p>
+
+<p>
+An einem solchen Novemberabend war es, daß Herr Pfäffling in das Zimmer trat
+und seiner Frau zurief: "Cäcilie, komme doch einen Augenblick zu mir herüber,
+aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Türe zugemacht, als er ihr
+leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie folgte ihm über den Gang,
+dieser war wieder stockfinster, aber sie beachteten es nicht. Im Musikzimmer,
+wo die Klavierlampe brannte, lag auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er
+ihn seiner Frau: "Lies, lies nur!" und als er sah, daß sie mit der fremden
+Handschrift für seine Ungeduld nicht schnell genug vorwärts kam, sprach er:
+"Die erste Seite ist nebensächlich, die Hauptsache ist eben: Kraußold aus
+Marstadt schreibt, es solle dort eine Musikschule gegründet werden, und er
+wolle mich, wenn ich Lust hätte, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust hätte,
+Cäcilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust hätte, in einer größeren
+aufblühenden Stadt eine Musikschule zu gründen, alles nach meinen Ideen
+einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor zu werden, anstatt
+mich mit Vernagelding und ähnlichen zu plagen; Cäcilie, hast du Lust, Frau
+Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit fröhlichem Lachen seine eigenen
+Worte: "Ob ich Lust hätte? Wie kann man nur so fragen!"
+</p>
+
+<p>
+Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee und
+besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet eröffnete. Und
+sprachen so lang, bis Elschen herübergesprungen kam und rief: "Walburg hat das
+Abendessen hereingebracht und nun werden die Kartoffeln kalt!"
+</p>
+
+<p>
+"Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfäffling neckend, folgte
+Mutter und Töchterchen und war den ganzen Abend voll Fröhlichkeit, ging singend
+oder pfeifend im Familienzimmer hin und her, und die glückliche Stimmung teilte
+sich allen mit, obwohl nach stiller Übereinkunft die Eltern zunächst vor den
+Kindern noch nichts von dem unsicheren Zukunftsplan erwähnten.
+</p>
+
+<p>
+Herr Kraußold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige Aufregung
+hervorgebracht hatte, war Herrn Pfäffling aus früheren Jahren gut bekannt, doch
+hatte er die Familie Pfäffling noch nie besucht. Bei diesem Anlaß nun kündigte
+er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit auf den nächsten Mittwoch an.
+Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen und mit dem fünf Uhr Zug wieder
+abreisen. Herr Pfäffling war in einiger Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein
+etwas verwöhnter Herr," sagte er zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht
+viel Sinn für Kinder hat, am wenigsten für sieben auf einmal. Sie sollten ganz
+in den Hintergrund treten."
+</p>
+
+<p>
+"Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stören die Kinder nicht,"
+sagte Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Aber zum Tee möchte ich ihn herüber ins Eßzimmer bringen. Die Kinder können ja
+irgendwo anders sein, dann richtest du für uns drei einen gemütlichen
+Teetisch."
+</p>
+
+<p>
+Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, daß sie an diesem
+Nachmittag möglichst unhörbar und unsichtbar sein sollten wegen des erwarteten
+Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der Vater zu den Kleinen:
+"Laßt euch nur nicht blicken, wer weiß, wie es euch sonst geht, wenn der
+Kinderfeind kommt!"
+</p>
+
+<p>
+Zunächst mußten alle zusammen helfen, die schönste Ordnung herzustellen, bis
+der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein käme. Das Wetter war leidlich, sie
+wollten sich unten im Hof aufhalten.
+</p>
+
+<p>
+Am Fenster stand immer einer der Brüder als Posten und als nun der Vater in der
+Frühlingsstraße in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn auftauchte, rannte die
+ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und verschwand hinter dem Haus.
+Dort war der Boden tief durchweicht und mit dem zäh an den Fußsohlen haftenden
+Lehm ließ sich nicht gut auf den Balken klettern. Elschen fiel gleich beim
+ersten Versuch herunter und weinte kläglich, denn sie sah übel aus. Die
+Schwestern bemühten sich, mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu säubern.
+Da tat sich ein Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder,
+ihr macht das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur
+herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber hinauf!"
+</p>
+
+<p>
+"Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen kläglich.
+</p>
+
+<p>
+"O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch ein
+Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Füße gut ab."
+</p>
+
+<p>
+Die Mädchen ließen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wußte nicht recht,
+ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den Brüdern um, die
+waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch lieber mit hinein zu
+der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die Schwestern weg und bis er ihnen
+nach ins Haus ging, hatten sie eben die Türe hinter sich geschlossen.
+Anklingeln wollte er nicht extra für seine kleine Person. So hielt er sich
+wieder an seine treueste Freundin, die Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den
+Thron, hoch oben auf den Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choräle
+eingeübt, die wollte er auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er
+sich nun und hatte kein Verlangen mehr nach den Brüdern, obwohl er sie von
+seinem hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem Zaun, der
+den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz trennte. Im Oktober waren
+neue Rekruten eingerückt, die nun täglich ihre Turnübungen ganz nahe dem Zaune
+machten. Unter diesen Soldaten war ein guter Bekannter, ein früherer Lehrling
+des Schreiners Hartwig, der zugleich ein Verwandter der Hausfrau war und bei
+ihr gewohnt hatte. Diesen nun in Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und
+Exerzieren zuzuschauen, war von großem Interesse. Er kam auch manchmal an den
+Zaun und plauderte freundschaftlich mit Karl.
+</p>
+
+<p>
+Aufmerksam sahen die jungen Pfäfflinge nach dem Turnplatz hinüber. Unter den
+Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung über ein gespanntes
+Seil üben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt dazu anstellten. Der
+eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder einen Anlauf, um über die
+Schnur zu kommen und wenn es ihm fünfmal mißlungen war, so kam er doch das
+sechste mal darüber und der Schweiß redlicher Anstrengung stand ihm auf der
+Stirne. Die beiden anderen Ungeschickten machten gleichgültige, störrische
+Gesichter und träge Bewegungen. Als die Abteilung zur Kaserne zurück
+kommandiert wurde, mußten sie nachexerzieren. Das war nun kein schöner Anblick.
+Dazu fing es an zu regnen, große wässerige Schneeflocken mischten sich
+darunter, und die kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespräch über
+die unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen. Sie
+wollten all diese Übungen schon vorher machen, gleich morgen sollte da,
+zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an Frieder
+vorbei; der hatte auch bemerkt, daß Schnee und Regen herunter fielen und
+kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die Brüder über ihn. Er
+würde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter. Welche Schande, wenn ein
+Pfäffling so schlecht auf dem Turnplatz bestünde. Es durfte nicht sein, daß er
+immer nur Harmonika spielte, sie wollten ihn auch springen lehren, er mußte
+mittun, gleich morgen. Er sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig
+bedenklich und mit Recht: drei eifrige Unteroffiziere gegen <i>einen</i>
+ungeschickten Rekruten!
+</p>
+
+<p>
+Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben die
+Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Mädchen, die noch bei
+der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, daß sie erkundigen sollten,
+wie es oben stünde. Marie wagte sich hinauf, erschien bald wieder an der Treppe
+und winkte den anderen, leise nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den
+Geschwistern, sie stellte sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser
+vor.
+</p>
+
+<p>
+"Er ist im Wohnzimmer," flüsterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer, da hört
+man uns nicht."
+</p>
+
+<p>
+Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das Eckzimmer. Dort
+fühlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was sie gerne gehabt hätten,
+von Büchern und Heften oder Spielen hier nichts zu haben. So standen sie alle
+sieben herum, warteten und fingen an, in dem kühlen Zimmer zu frieren, denn sie
+waren naß und durchkältet. "Wir wollen miteinander ringen, daß es uns warm
+wird," schlug Wilhelm vor und Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich
+nehme es mit der ganzen Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen meine
+rechte Hand, du Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt die Stühle aus
+dem Weg." Sie taten es und dann machten sie es den großen Geschwistern nach.
+Das gab ein Gelächter und Gekreisch und aber auch einen großen Plumps, weil
+Otto und Wilhelm zu Boden fielen.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick ging die Türe auf; Herr Pfäffling hatte ahnungslos seinen
+Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie miteinander ins
+Musikzimmer. Nein, auch für einen Kinderfreund wäre dieser Knäuel sich
+balgender Knaben und ringender Mädchen kein schöner Anblick gewesen, und nun
+erst für den Kinder_feind_!
+</p>
+
+<p>
+Er prallte ordentlich zurück. Elschen schrie beim Anblick des gefürchteten
+Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen Ausgang die Flucht, alle
+Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Türe besann sich Karl, kehrte zurück,
+grüßte und sagte: "Entschuldige, Vater, wir wollten drüben nicht stören,
+deshalb sind wir alle hier gewesen," dann stellte er rasch die Stühle an ihren
+Platz und rettete dadurch noch einigermaßen die Ehre der Pfäfflinge, die sich
+wohl noch nie so ungünstig präsentiert hatten, wie eben diesem Fremden
+gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfäffling zur Bahn
+geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem großen Tisch im Wohnzimmer
+und saßen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben, doch war ihnen allen
+bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen habe und was er sagen würde bei
+seiner Rückkehr von der Bahn; die Mutter war ja nicht dabei gewesen, sie konnte
+es nicht wissen.
+</p>
+
+<p>
+Nun kam der Vater heim. Eine merkwürdige Stille herrschte im Zimmer, als er
+über die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete das
+friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie nun wie Musterkinder
+ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige Lämmlein, nicht wieder zu
+erkennen die wilde Horde von drüben!" Bei diesem Scherzenden Ton wurde ihnen
+allen leicht ums Herz, sie lachten, sprangen dem Vater entgegen und Elschen
+fragte: "Ist der Herr weit weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schön da, wo
+er hin gehört?"
+</p>
+
+<p>
+"Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er käme oder
+wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfäffling hinzu, indem er sich an seine
+Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Mühe mehr, unser Hauswesen in
+stiller Vornehmheit zu zeigen und in künstliches Licht zu stellen, denn so ein
+künstliches Licht verlöscht doch plötzlich und dann ist die Dunkelheit um so
+größer."
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Stunden später, als Elschen längst schlief, die Schwestern Gute Nacht
+gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im sogenannten Bubenzimmer ihre
+Betten aufsuchten, saß Karl noch allein mit den Eltern am Tisch. Seit seinem
+fünfzehnten Geburtstag hatte er dies Vorrecht. Es wurde allmählich still im
+Haus. Auch Walburg hatte Gute Nacht gewünscht; manchmal lag kein anderes Wort
+zwischen ihrem "Guten Morgen" und "Gute Nacht".
+</p>
+
+<p>
+Die drei, die nun noch am Tische saßen, waren ganz schweigsam und bewegten doch
+ungefähr denselben Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, daß ich mit meiner
+Frau von Marstadt reden könnte. Die Kinder sollen ja noch nichts davon wissen.
+Er zog seine Taschenuhr—es war noch nicht spät. Dann ging er auf und ab, sah
+wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling dachte: Meinem Mann ist es lästig, daß wir nicht allein sind,
+aber er möchte Karl doch nicht so früh zu Bett schicken. Nein, diese Unruhe!
+Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut und nicht ahnt, daß er
+stört.
+</p>
+
+<p>
+Darin täuschte sich aber Frau Pfäffling, denn Karl dachte: Der Vater schweigt
+und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Türe hinausginge, würden sie reden, über
+Herrn Kraußold aus Marstadt, denn mit diesem hat es eine besondere Bewandtnis.
+Nun zieht der Vater zum drittenmal in fünf Minuten seine Uhr. Er möchte mich
+fort haben und doch nicht fortschicken. Und die Mutter auch. Da ist's wohl
+angezeigt, daß ich freiwillig gehe. Er klappte das Buch zu, stand auf und
+sagte: "Gute Nacht, Vater, gute Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen."
+</p>
+
+<p>
+"Gute Nacht, Karl."
+</p>
+
+<p>
+Sie waren überrascht, daß er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte Herr
+Pfäffling. "Oder hat er gemerkt, daß er uns stört," meinte die Mutter. "Woran
+sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und er hat gelesen."
+</p>
+
+<p>
+"Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+"Das muß ich noch erfahren," sagte Herr Pfäffling lebhaft und rief seinen
+Jungen noch einmal zurück: "Sage offen, warum du so bald zu Bett gehst?" Einen
+Augenblick zögerte Karl, dann erwiderte er schelmisch: "Weil du dreimal auf
+deine Uhr gesehen hast, Vater."
+</p>
+
+<p>
+"Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, daß du Takt
+hast—übrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier bleiben, dann
+wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir besprechen." "Das meine ich
+auch," sagte Frau Pfäffling, "er wird nun bald sechzehn Jahre. Komm, Großer,
+setze dich noch einmal zu uns."
+</p>
+
+<p>
+Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fühlte er sich wie ein Freund zu
+Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde erfuhr er, was seine
+Eltern gegenwärtig freudig bewegte.
+</p>
+
+<p>
+Als er sich aber eine Stunde später leise neben seine Brüder zu Bette legte, da
+besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen könnte, das Vertrauen
+der Eltern zu täuschen, und er fühlte, daß keine Lockung noch Drohung stark
+genug wäre, ihm das anvertraute Geheimnis zu entreißen.
+</p>
+
+<p>
+In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach Marstadt, um
+sich dort den Herren vorzustellen, die über die Ernennung des Direktors für die
+neu zu gründende Musikschule zu entscheiden hatten. Es kam noch ein anderer,
+jüngerer Mann aus Marstadt für die Stelle in Betracht, und nun mußte sich's
+zeigen, ob Herr Pfäffling wirklich, wie sein Freund Kraußold meinte, die
+besseren Aussichten habe. Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr
+Pfäffling immer kleinmütiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling,
+wählen, statt dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er
+sich seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine seitherigen
+Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen würden!
+</p>
+
+<p>
+In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein Freund
+Kraußold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so wuchs seine
+Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus <i>einem</i> Munde lautete
+das Urteil über seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu jung zum Direktor" Und
+einmal, als er in Begleitung seines Freundes über die Straße ging, sah er
+selbst den Jüngling, der sein Mitbewerber war, und von da an war er beruhigt;
+das war noch kein Mann für solch eine Stelle, der sollte nur noch zehn Jahre
+warten!
+</p>
+
+<p>
+In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten. Am
+Bahnhof von Marstadt bot ein Mädchen Blumen an. In seiner hoffnungsfreudigen
+Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz unerhörten Luxus: Er kaufte eine
+Rose. Sein Freund Kraußold sah ihn groß an: "Zu was brauchst <i>du</i> so
+etwas?"
+</p>
+
+<p>
+"Für die zukünftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfäffling fröhlich, und als
+sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst hinzu: "Weißt du, sie
+hat es schon manchmal recht schwer gehabt in unseren knappen Verhältnissen."
+</p>
+
+<p>
+Sie verabschiedeten sich und Kraußold versprach, am nächsten Donnerstag gleich
+nach Schluß der Sitzung ihm den Entscheid über die Besetzung der Stelle zu
+telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfäffling seiner Frau die Rose
+reichte, wußte sie alles, auch ohne Worte: seine glückselige siegesgewisse
+Stimmung, seine Freude, daß er auch ihr ein schöneres Los bieten konnte, das
+alles erkannte sie an der unerhört verschwenderischen Gabe einer Rose im
+November!
+</p>
+
+<p>
+Die Sache blieb nicht länger Geheimnis. Herr Pfäffling besprach sie mit seinem
+Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt über die geplante
+Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch die Kinder hörten
+nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg wurde es ins Ohr gerufen.
+</p>
+
+<p>
+Je näher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den Entscheid.
+Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraußold ein, der keinen Zweifel mehr
+darüber ließ, daß Pfäffling einstimmig gewählt würde.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als Herr
+Pfäffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu Tisch wie
+gewöhnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer aufmachen dürfte, wenn der
+Telegraphenbote klingeln würde. Die Mutter hatte das aufmerksame Ohr einer
+Hausfrau, sie legte den Löffel aus der Hand und sagte: "Er kommt." Einen
+Augenblick später klingelte es, und von den dreien, die hinaus gerannt waren,
+brachte Wilhelm das Telegramm dem Vater, der rasch den Umschlag zerriß. Es war
+ein langes, ein bedenklich langes Telegramm. Es besagte, daß noch in der
+letzten Stunde der Beschluß, im nächsten Jahre schon eine Musikschule zu
+gründen, umgestoßen worden sei und man eines günstigen Bauplatzes wegen noch
+ein paar Jahre warten wolle!
+</p>
+
+<p>
+Herrn Pfäffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Füßen
+weggezogen hätte, als er las, daß die ganze Musikschule, die er dirigieren
+wollte, wie ein Luftschloß zusammenbrach.
+</p>
+
+<p>
+O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestürzt sahen die Eltern aus, wie
+starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den Mädchen die
+Tränen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von einem zum andern, weil
+sie gar nichts von dem allen verstand!
+</p>
+
+<p>
+Frieder, der neben der Mutter saß, wandte sich halblaut an sie: "Es wäre viel
+freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon vorher ausgemacht
+hätten, und das mit dem Vater erst nachher."
+</p>
+
+<p>
+"O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, daß alle
+erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug wären wie du, aber die sind so—ich
+will gar nicht sagen wie, das <i>kann</i> man überhaupt gar nicht sagen, dafür
+gibt es keinen Ausdruck!"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre wollen
+sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann wäre es ja nicht so
+sehr ferne gerückt!"
+</p>
+
+<p>
+"Es können auch fünf daraus werden und zehn," entgegnete Herr Pfäffling,
+"inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins richtige Alter und
+ich komme darüber hinaus. Nein, nein, da ist nichts mehr zu hoffen, Direktor
+bin ich <i>gewesen</i>."
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und man hörte ihn über den Gang in das
+Musikzimmer gehen. Die Kinder aßen, was auf ihren Tellern fast erkaltet war.
+"Ich wollte, Herr Kraußold wäre gar nie in unser Haus gekommen!" sagte Anne. Da
+stimmten alle ein und der ganze Zorn entlud sich über ihn, bis die Mutter
+wehrte: "Herr Kraußold hat es nur gut gemeint. Ihr Kinder habt überdies allen
+Grund, froh zu sein, daß wir hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut
+wie hier außen in der Frühlingsstraße. Für euch wäre es kein Gewinn gewesen."
+</p>
+
+<p>
+"Aber für den Vater und für dich," sagte Karl, und er dachte an den schönen
+Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht anvertraut hatten.
+"Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich kommen darüber weg. In der
+ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen, aber dann stemmt man sich gegen
+das Ungemach und sagt sich: dies gehört auch zu den Dingen, die uns zum besten
+dienen müssen, wie alles, was Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muß
+ich's anpacken, damit es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+"Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann deckt den
+Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinübergehen. Nehmt auch die Rose mit
+hinaus, die Blätter fallen ab."
+</p>
+
+<p>
+Im Eckzimmer wanderte Herr Pfäffling auf und ab und wartete auf seine Frau,
+denn er wußte ganz gewiß, daß sie zu ihm kommen würde. Sie hatten schon manches
+Schwere miteinander getragen, und nun mußte auch diese Enttäuschung gemeinsam
+durchgekämpft werden.
+</p>
+
+<p>
+Als Frau Pfäffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand und
+reichte es ihr mit schmerzlichem Lächeln: "Da sieh, gestern abend war ich so
+zuversichtlich, da habe ich für dich ein kleines Lied komponiert, das wollte
+ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die Kinder hätten im Chor den
+Schlußreim mitsingen dürfen, auf den jeder Vers ausgeht:
+</p>
+
+<p class="poem">
+"'Drum rufen wir mit frohem Sinn:<br/>
+Es lebe die Direktorin!'
+</p>
+
+<p>
+"Nun muß es heißen:
+</p>
+
+<p class="poem">
+"'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn<br/>
+Du wirst niemals Direktorin.'"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, nein," wehrte Frau Pfäffling, "du mußt es anders umändern, es muß
+ausgedrückt sein, daß wir trotz allem einen frohen Sinn behalten."
+</p>
+
+<p>
+"Für den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er trübselig, "ich
+brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer machen."
+</p>
+
+<p>
+Sie sprachen noch lange von der großen Enttäuschung, und dann kamen sie auf den
+beginnenden Winter zu sprechen, für den noch nicht so viel Stunden angesagt
+waren als nötig erschien, um gut durchzukommen. So erschien ihnen die Zukunft
+grau wie der heutige Novemberhimmel.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Türe eine
+Kinderstimme: "Dürfen wir herein?"
+</p>
+
+<p>
+"Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter der Türe
+erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit strahlendem Ausdruck, dann
+Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen, Kaffee- und Milchkanne und stellten das
+alles vorsichtig auf den Tisch. Die zwei Großen sahen zaghaft aus, wußten nicht
+recht, wie die Überraschung wohl aufgenommen würde. "Was fällt euch denn ein,
+Kinder?" fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die
+Tränen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil ihr fast
+nichts gegessen habt!" und Anne flüsterte der Mutter zu: "Von unserem Geld, du
+darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus und hörten eben unter
+der Türe, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann kann ich freilich nicht
+zanken," so war also die Überraschung gut aufgenommen worden.
+</p>
+
+<p>
+Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfäffling, die er
+sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich vor, sich
+gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er war sich keiner
+festtäglichen Stimmung bewußt! Aber man mußte es doch schon den Kindern zuliebe
+tun, sicher würde Marie, das Hausmütterchen, gleich nachher visitieren, ob auch
+die Kannen geleert seien. Diesem festtäglichen Kaffee gegenüber wich die graue
+Novemberstimmung unwillkürlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser
+Musiklehrer zu seiner Frau: "Man müßte eben den Schlußreim so verändern:
+</p>
+
+<p class="poem">
+"'Direktor her, Direktor hin,<br/>
+Wir haben dennoch frohen Sinn.'"
+</p>
+
+<p>
+Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es. Frau
+Pfäffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fräulein Vernagelding sein?"
+</p>
+
+<p>
+"Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglückselige Stunde, die hatte
+ich total vergessen, muß die auch gerade heute sein! Wenn ich die jetzt
+vertrage, Cäcilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst nicht, wie
+unmusikalisch das Fräulein ist!" Frau Pfäffling hatte das Kaffeegeschirr rasch
+auf das Brett gestellt und war längst damit verschwunden, bis Fräulein
+Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter und Spiegel Toilette gemacht und ihre
+niedlichen Löckchen zurechtgesteckt hatte. Herr Pfäffling nahm sich gewaltig
+zusammen, als diese unbegabteste aller Schülerinnen sich neben ihn ans Klavier
+setzte und mit holdem Lächeln sagte: "Heute dürfen Sie es nicht so streng mit
+mir nehmen, Herr Pfäffling, ich konnte nicht so viel üben, denken Sie, ich war
+gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in Rosa."
+</p>
+
+<p>
+"Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfäffling und trippelte bereits etwas
+nervös mit seinem rechten Fuß. "Aber jetzt wollen wir gar nicht mehr an den
+Ball denken, sondern bloß an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht immer wieder f
+nehmen statt fis, das lautet greulich für mich. Schon wieder f! Wieder f! Aber
+Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an den gestrigen Ball!" "Nein, Herr
+Pfäffling," entgegnete sie und sah ihn strahlend an, "ich denke ja an den
+morgigen Ball, was sagen Sie dazu, daß ich morgen schon wieder tanze! Diesmal
+in Meergrün. Ist das nicht süß?" Herr Pfäffling sprang vom Stuhl auf. "Süß, ja
+süß!" wiederholte er, "aber zwischen zwei Bällen Sie mit der G-dur Tonleiter zu
+plagen, das wäre grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie lieber heim
+für heute."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schülerin empfahl
+sich mit dankbarem Lächeln und Knix.
+</p>
+
+<p>
+Als Frau Pfäffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, daß Fräulein
+Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal entschieden mehr
+Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling erzählte, daß ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube aber
+nicht, daß es das Fräulein übelgenommen habe.
+</p>
+
+<p>
+"Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekränkt sein," sagte Frau
+Pfäffling besorgt.
+</p>
+
+<p>
+Unnötige Sorge! Als das tanzlustige Fräulein daheim von der abgekürzten Stunde
+berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller Herr. Er gönnt doch
+auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnügen. Wir müssen ihm gelegentlich ein
+Präsent machen, Agathe."
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap03"></a>3. Kapitel<br/>
+Der Leonidenschwarm.</h2>
+
+<p>
+Samstag nachmittag war's und eifrige Tätigkeit in Haus und Hof. Frau Pfäffling
+und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die Hilfe von Marie und
+Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob sie gerne das Geschirr in
+der Küche abtrockneten und mit Vorliebe den Staub wischten, ob sie mit Lust die
+Leuchter putzten und mit Freuden die Lampen, das wußte niemand, aber das wußten
+alle, daß diese Arbeiten geschehen mußten und Walburg nicht mit allem allein
+fertig werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Die Brüder hatten auch für etwas einzustehen im Haus: Sie mußten sorgen, daß in
+der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorrätig war. Das hatten sie aber
+heute schon besorgt und nun waren sie in fröhlicher Tätigkeit auf dem
+Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als Soldat diente und durch
+den Zaun die Freundschaft mit den jungen Pfäfflings pflegte, hatte gesehen, wie
+sie sich mühsam ein Sprungseil zu spannen versuchten und nicht zurecht damit
+kamen. Darauf hatte er ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe,
+und nun war er herübergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders
+vonstatten. Zwei Pfähle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in
+verschiedener Höhe spannen ließ, ganz wie drüben auf dem Militärturnplatz, nur
+daß auf kleinere Turner gerechnet werden mußte. Frieder wurde herbeigeholt. Er
+war für einen Achtjährigen noch ein kleiner Kerl und nicht so gewandt wie seine
+leichtfüßigen Brüder. Es zeigte sich, daß man das Seil noch viel näher am Boden
+spannen mußte, und als er seine ersten Sprungversuche machte und fest auf das
+Seil, anstatt darüber sprang, lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen
+früheren Kinderjahren, das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht übel, um so
+weniger als Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika genommen und umsonst
+probiert hatte, etwas Wohlklingendes herauszulocken, bewundernd sagte: "Wie der
+Kleine nur so umgehen kann mit dem großen Instrument, gestern haben ihm viele
+Soldaten zugehört, da hat's geklungen wie das Lied: 'Wachet auf, ruft uns die
+Stimme'." "Ja, das war's," sagte Frieder, "das lernen wir jetzt in der Schule."
+</p>
+
+<p>
+"Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder ganz
+erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da wirst du sehen,
+wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine Mitschüler." Frieder
+machte große Augen. Daheim war eigentlich immer nur eine Stimme des Ärgers über
+sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er sollte seine Harmonika absichtlich
+dahin mitnehmen, wo recht viele sie hören würden? Zweifelnd sah er auf seine
+alte, treue Begleiterin. Bisher hatten sie sich immer möglichst miteinander
+entfernt von allen Menschen, und nun sollten sie sich vordrängen? Ihm kam es
+unbescheiden vor, aber doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon,
+während seine Brüder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzählte gern
+von seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute hatte er
+Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte er, "vor dem
+Kasernentor. Da bläst einem der Wind eisig um die Ohren und die Füße werden
+steif, wenn man nicht immerzu hin und her läuft. Man hört auch gern seinen
+eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man meint, man sei ganz allein auf der
+Welt. Es war so eine finstere Nacht, kein Mondschein am Himmel und im Westen
+eine schwarze Wand, nur im Osten war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor
+mir war der weite, leere Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze
+Kasernenmauer, ganz unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich
+der Wind gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so
+hinausschaue, wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in großem
+Bogen über den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer
+und zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn mir
+zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet wäre, denn, dachte ich, es
+sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz feierlich zumute. Ich nahm mir
+aber vor: den Kameraden erzählst du das nicht, sie meinen sonst, du flunkerst.
+Aber da kam morgens eine Abteilung von einer nächtlichen Felddienstübung heim
+und die hatten es auch beobachtet und fingen gleich davon an zu erzählen. Ihnen
+hat ihr Hauptmann erklärt, daß alle Jahre in den Nächten um den 12. bis 15.
+November herum so ein Sternschnuppenschwarm sei, der heiße der Leonidenschwarm.
+In manchen Jahren sei er besonders reich und so in diesem. Aber erst nach
+Mitternacht und man sehe es nur selten so schön wie in der vergangenen Nacht,
+weil die Novembernächte meistens trüb seien. Wenn's heute nacht hell wäre, ich
+wollte gleich wieder auf die Wache ziehen um den Preis."
+</p>
+
+<p>
+Karl, der große, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle mit
+<i>einem</i> Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mußten sie sehen!
+Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und von dem Balken
+aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die Erlaubnis der Eltern zu
+bekommen war. Oder konnte man's ungefragt unternehmen? Es war ja nichts
+Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die Schwestern kamen dazu und wurden
+eingeweiht in den Plan. Da entschied Marie, das praktische Hausmütterchen:
+"Ohne Erlaubnis geht das nicht, weil es nicht ohne Hausschlüssel geht, die
+Haustüre wird nachts geschlossen." Also mußte man bittend an die Eltern kommen.
+Der Vater wollte nicht gern der Jugend den Hausschlüssel anvertrauen und die
+Mutter meinte, so vom Bett in die Novembernacht hinaus würden sie sich
+erkälten. Und alle beide fürchteten sie, die Hausleute möchten bei Nacht
+gestört werden. Dagegen sagte der Vater, seine Buben dürften nicht so
+zimperlich sein, daß sie nicht eine Stunde draußen in der Winternacht aushalten
+könnten, und die Mutter erzählte, daß sie schon von ihrer Jugend an den Wunsch
+gehabt hätte, so einen Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brüder
+versicherten, daß sie lautlos die Treppe hinunterschleichen würden. Da machte
+die kleine Else, die gespannt zugehört hatte, ob die Brüder mit ihrer Bitte
+wohl durchdringen würden, den Schluß, indem sie erklärte: "Also dann dürft
+ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber doch war es nur so eine
+halbe Erlaubnis, und die Brüder hielten es für klug, nimmer auf das Gespräch
+zurückzukommen. Überdies fing es am Abend an zu regnen, ja es regnete auch noch
+den ganzen Sonntag und niemand dachte mehr an die Sternschnuppen. Als aber am
+Sonntag abend Karl zu Bett ging, bemerkte er, daß am Himmel ein paar Sterne
+sichtbar waren. Wenn es nun doch möglich würde? Er richtete seine Weckuhr auf 1
+Uhr und konnte vor Erwartung kaum einschlafen. Während nun Stille im ganzen
+Haus wurde und die Nacht weiter vorrückte, lösten und verteilten sich am Himmel
+immer mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern leuchtete hervor und
+als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster huschte um zu sehen, ob etwas
+zu hoffen wäre, strahlte ihm der klarste Himmel entgegen, ja, er meinte sogar
+ein kurzes Leuchten wie von einer fliegenden Kugel gesehen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei das
+ganze Haus aufzumuntern. Zum Glück lag das Bubenzimmer nicht neben dem
+Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brüder hatten nicht einmal mehr Lust
+zu dem nächtlichen Unternehmen, aber die stellte sich wieder ein, sobald sie
+ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei in aller Stille. Nebenan
+schliefen die Schwestern. Plötzlich ging die Türe leise auf, ein Arm streckte
+sich herein und ein geheimnisvolles: "Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!"
+wurde geflüstert; das große warme Tuch flog herein, die Türe ging leise wieder
+zu. Mit klopfendem Herzen nahm Karl den Hausschlüssel vom Nagel, in Strümpfen,
+die Stiefel in der Hand, schlichen sie alle Drei über den Gang, und die Treppe
+hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mußten doch die Stiefel
+angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches Geräusch, nicht ohne
+Geflüster. Auch der Schlüssel bewegte sich nicht ohne metallenen Klang im
+Schloß und die Türe nicht ohne Knarren in den Angeln. Hingegen ging sich's
+lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem Balken, und als die Drei erst hinter
+den Brettern, nahe dem Kasernenzaun waren, schien ihnen das Unternehmen
+gelungen.
+</p>
+
+<p>
+Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas gehört. Sie
+wußte zunächst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber sie hatte das Gefühl:
+Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte sich im Bett auf, horchte,
+vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten Ton der sich schließenden Haustüre
+und dann ein Flüstern außerhalb derselben. "Es ist jemand hinausgegangen,"
+sagte sie sich, "wer hat nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es
+war ihr unerklärlich. "Es ist ungehörig," sagte sie sich, "wer solch nächtliche
+Spaziergänge macht, der soll nur draußen bleiben," und rasch entschlossen ging
+sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustüre vor. Dann legte sie sich
+beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus herein, ohne anzuklingeln; auf
+diese Weise wollte sie schon herausbringen, wer hinausgeschlüpft war. War es
+jemand mit gutem Gewissen, der mochte klingeln.
+</p>
+
+<p>
+Auf Frieders hohem Brettersitz saßen die drei Brüder in der Stille der Nacht
+und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In wunderbarer Klarheit
+wölbte er sich über ihnen. Das war ein Schimmern und Leuchten aus unendlichen
+Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so schön gesehen. "Wenn auch weiter gar
+nichts zu sehen wäre," sagte Karl, "so würde mich's doch nicht reuen, daß ich
+aufgestanden bin." "Mich reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar
+nicht glaube, daß einer von den Sternen auf einmal anfängt zu fliegen. Die
+stehen da droben alle so fest!"
+</p>
+
+<p>
+"Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten. Ein
+heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen dahin und war
+dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die riesige Bahn durchflogen,
+wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine Strecke gewesen sein, größer als das
+ganze Deutsche Reich. Staunend sahen die Kinder hinauf: da—schon wieder eine
+Sternschnuppe, größer als die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach
+wenigen Minuten wieder eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und
+flogen in gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit
+vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die
+Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich sichtbar, es
+war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich aber von Westen herauf
+immer größere Wolkenmassen und fingen an, die Sterne zu verdunkeln. Endlich kam
+das Gewölk bis an die Himmelsgegend, von der die meisten Sternschnuppen
+ausgingen, und wie wenn den staunenden Blicken nicht länger das schöne
+Schauspiel vergönnt sein sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze
+Herrlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken würden sich
+wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein einzelner Stern.
+"Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto, "nur die Wolken sind
+davor." Nun wurde es vollständig Nacht, und die Brüder empfanden auf einmal,
+daß es kalt war und sie selbst müd und schläfrig. Jetzt ins warme Bett zu
+schlüpfen, mußte köstlich sein! Also kletterten sie herunter und gingen in der
+Stockfinsternis dem Haus zu.
+</p>
+
+<p>
+"Hast du doch den Schlüssel, Karl?" "Jawohl, da ist er."
+</p>
+
+<p>
+"Das wäre kein Spaß, wenn du den verloren hättest und wir müßten da draußen
+bleiben in der Kälte!"
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an die
+Türe. Karl schloß auf und klinkte an der Schnalle, aber die von innen
+verriegelte Türe ging nicht auf. "Was ist denn das?" flüsterte Karl, drehte den
+Schlüssel noch einmal im Schloß auf und zu und klinkte und drückte gegen die
+Türe, aber die gab nicht nach.
+</p>
+
+<p>
+"Laß doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch
+herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+"Laßt doch, ihr verdreht das Schloß noch," sagte Karl, "ihr seht doch, es geht
+nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloß ist doch in Ordnung, was hält
+die Türe zu?"
+</p>
+
+<p>
+In leisem Flüsterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand hat etwas
+vor die Türe gestellt, damit wir nicht hereinkönnen." "Oder den Riegel
+vorgeschoben."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ja, den Riegel. Natürlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat das getan?
+Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen: "Vielleicht der
+Vater, weil wir nichts gesagt haben!"
+</p>
+
+<p>
+"Aber er hat es doch erlaubt!"
+</p>
+
+<p>
+"Ich weiß nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?"
+</p>
+
+<p>
+"Wir hätten vielleicht um den Hausschlüssel bitten sollen."
+</p>
+
+<p>
+"So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehört, hat gemerkt, daß wir
+ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muß ja so sein, wer
+hätte es sonst tun sollen?"
+</p>
+
+<p>
+Nach einigem Nachdenken über diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln dürfen
+wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in den warmen
+Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon schlafen."
+</p>
+
+<p>
+So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Sünder ums Haus herum und suchten
+sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so stockfinster
+gewesen wäre und die Bretter so naß und so hart und so unbequem und wenn es nur
+vor allem nicht so bitter kalt gewesen wäre! Karl blieb nur einen Augenblick
+liegen, dann sprang er auf: "Der Schal reicht doch nicht für drei, ihr könnt
+ihn haben und ich laufe lieber hin und her, wie wenn ich Wache hätte. Wer weiß,
+in drei Jahren muß ich's ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brüder in das
+Tuch, wanderte stramm hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das
+Soldatenleben. Aber nach einer kleinen Weile hörte er einen seltsamen Ton. Was
+war denn das? Er kam näher zu den Brüdern her—wahrhaftig, Otto schluchzte und
+weinte ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun aufgewacht und
+klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich wieder aus seiner
+unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da fühlte sich Karl als
+Ältester verantwortlich: "Die müssen ins Bett," sagte er sich, "sonst werden
+sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir nicht die Marianne wach rufen
+können, damit sie uns ausriegelt." Da waren die Verschlafenen gleich wieder
+munter. Sie gingen nach der Seite des Hauses, wo das Schlafzimmer der Mädchen
+lag, und nun galt es so laut zu rufen, daß diese aufwachten, und zugleich so
+leise, daß Hartwigs, die unter ihnen schliefen, nichts hörten. "Marianne,
+Marianne," klang es zuerst leise und allmählich lauter. Es ging aber umgekehrt,
+als es hätte gehen sollen, die Schwestern hörten nichts und die Hausleute
+wachten auf.
+</p>
+
+<p>
+Die Hausfrau lächelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun möchte man
+wieder herein." Sie erzählte ihrem Mann von der verriegelten Türe. Er machte
+das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brüder erschraken, als sie des
+Hausherrn Stimme hörten. Keiner rührte sich, keiner antwortete. Der Hausherr
+starrte in die Dunkelheit hinaus, lauschte—sah nichts, hörte nichts und schloß
+das Fenster. Eine gute Weile blieben unsere drei Ausgestoßenen wie angewurzelt
+stehen. "Wir wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und
+sie tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in der
+Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es unbegreiflich,
+daß die Schwestern so fest schliefen.
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfäffling erkannt," sagte die
+Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern draußen sein in
+der kalten Nacht? Laß mich mal rufen, mich kennen sie besser!" und leise
+öffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid Ihr es, Kinder?" Auf diesen
+Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen sie dreistimmig, näherten sich dem
+Fenster und sagten: "Wir wollten nur Marianne rufen, damit sie uns hereinläßt."
+Die Hausfrau erschrak. So hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Bösen
+hatte sie gedacht, denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln würden,
+aber nicht an die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten.
+</p>
+
+<p>
+"Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur hinaus?"
+</p>
+
+<p>
+"Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie vorwurfsvoll
+und schloß das Fenster.
+</p>
+
+<p>
+"Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr, "was ist
+denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da schwärmen die
+Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen Morgen?"
+</p>
+
+<p>
+Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu seiner Frau,
+"ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was nötig ist. Wenn man nicht mehr
+seine Nachtruhe hat, nicht weiß, ob das Haus nachts geschlossen bleibt, dann
+hört ja alles auf. Für solche Mietsleute bedanke ich mich!"
+</p>
+
+<p>
+Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob den
+Riegel der Haustüre zurück. Die drei frierenden, übernächtigen Kameraden sahen
+nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig maß sie mit so verächtlichem Blick,
+daß ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung entfiel, sie standen vor ihm wie
+das böse Gewissen. Er schob sie von der Türe weg und den Riegel mit Gewalt
+wieder vor und dann sprach er ruhig und deutlich den <i>einen</i> Satz: "Sagt
+eurem Vater, auf ersten Januar sei ihm die Wohnung gekündigt."
+</p>
+
+<p>
+Ach, auf den nassen, harten Brettern draußen in der Winterkälte war es den drei
+Brüdern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen Betten, in die sie
+ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der Meinung, der eigene Vater
+habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr Fortgehen schon so schlimm
+aufgenommen, wie mußte er erst zürnen, wenn er erfuhr, was daraus entstanden
+war! Und wie deutlich erinnerten sie sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo
+der Vater von einem Haus zum andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen
+war, weswegen? Wegen der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kündigung
+herausbeschworen, in ihren Augen das größte Familienunglück!
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fühlten sich ein
+wenig gedeckt dadurch, daß Karl, der große, der Anführer gewesen war. Um so
+schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht vorstellen, wie er
+am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte. Er fand nur einen kurzen,
+unruhigen Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Frieder hatte von allem, was seine Schlafkameraden erlebt hatten, keine Ahnung.
+Er wunderte sich aber am Morgen, daß sie alle schwer aus dem Bett kamen,
+bedrückt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr, als die Schwestern
+durch die Türspalte hereinriefen: "War's recht schön heute nacht?" Als er aber
+gern erfahren hätte, von was die Rede sei, bekam er ungeduldige Antwort: "Sei
+nur still, du wirst noch genug davon hören." Sie waren sonst alle flinker als
+Frieder, heute aber kam dieser zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit
+den Schwestern beim Frühstück waren und von Marie und Anne wußten, daß die
+Brüder in der Nacht fort gewesen waren. Diese zögerten aber immer noch, zu
+kommen. Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muß es gesagt
+werden, kommt!"
+</p>
+
+<p>
+Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das
+Wohnzimmer, wo Herr Pfäffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte. "Nun,"
+fragte er, "ist eure Expedition geglückt? Heute nacht um 11 Uhr hat sich der
+Himmel so schön aufgeklärt, da dachte ich an euch, war aber der Meinung, ihr
+würdet die Zeit verschlafen. War's denn nun schön?"
+</p>
+
+<p>
+Die drei waren so betroffen über die unerwartet freundliche Anrede, daß sie
+zunächst gar keiner Antwort fähig waren. Frau Pfäffling ahnte gleich Böses.
+"Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch nicht gut? Oder habt
+ihr den Hausschlüssel verloren?"
+</p>
+
+<p>
+"Das nicht."
+</p>
+
+<p>
+"Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl näher und sagte:
+"Ich will es ganz erzählen wie es war. Um ein Uhr sind wir hinunter gegangen,
+ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken gewesen—wie schön es da war, sage
+ich später. Um halb drei Uhr etwa wollen wir wieder ins Haus, da ist die Türe
+von innen zugeriegelt."
+</p>
+
+<p>
+"Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie aus einem
+Mund.
+</p>
+
+<p>
+"Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurück, wollten auf den
+Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter Mariannens
+Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das hörte die Hausfrau
+und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir sagten, wo wir herkämen und daß
+wir nicht hereinkönnten. Da riegelte Herr Hartwig die Haustüre auf und ließ uns
+herein." Karl hielt inne.
+</p>
+
+<p>
+"So habt ihr richtig die Hausleute gestört!" sagte Frau Pfäffling. "Hättet ihr
+mir doch gesagt, daß ihr in dieser Nacht fort wollt, ich würde euch vorher
+hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So aber waren sie wohl
+ängstlich, als sie etwas hörten und haben deshalb geriegelt. Habt ihr euch
+recht entschuldigt?"
+</p>
+
+<p>
+"Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Köpfe. Herr
+Pfäffling sah seine Söhne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht alles
+gesagt."
+</p>
+
+<p>
+"Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die schlimme
+Botschaft aussprach: "Der Hausherr läßt dir sagen, auf 1. Januar sei
+gekündigt."
+</p>
+
+<p>
+Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der
+Jammerschrei: "O hätten wir doch das Rufen gehört, wären wir doch aufgewacht!"
+Herr Pfäffling aber sträubte sich, die Nachricht zu glauben. "Es ist doch gar
+nicht möglich, daß das sein Ernst ist, glaubst du das, Cäcilie? Kann das
+wirklich sein? Kündigt man, weil man einmal im Schlaf gestört wird? Täten wir
+das? Mich dürfte man zehnmal wecken und ich dächte noch gar nicht an so etwas.
+War er denn im Zorn, was hat er denn sonst noch gesagt?"
+</p>
+
+<p>
+"Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's schon
+vorher ausgedacht hätte."
+</p>
+
+<p>
+"Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu
+begütigen? Ihr Stöpsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber geklingelt? Ist
+unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Läuten? Die Marianne rufen! Der
+Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes: "Es ist
+gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht verdient haben,
+sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie in die Schule gehen,
+sieh, wie sie aussehen."
+</p>
+
+<p>
+"Wie die Leintücher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch, frühstückt!"
+</p>
+
+<p>
+So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten
+wirklich ihr Frühstück brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto
+verschlangen ihr Teil mit wahrem Heißhunger, und als sie damit fertig waren,
+griffen sie noch über zu dem Teil ihres Frieders, der vor Horchen und Staunen
+noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch nicht wehrte gegen den
+Übergriff; so etwas kam hie und da vor und heute fühlte er, daß es so sein
+müsse.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger Erregung, so daß
+es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er tief auf, seufzte: "O
+Marstadt, Marstadt!" und verließ das Zimmer, um sich zum täglichen Gang nach
+der Musikschule zu richten. Rascher noch als sonst eilte er durch den untern
+Hausflur, er hatte keine Lust, den Hausherrn zu begegnen. Aber da wäre gar
+keine Gefahr gewesen, auch der Schreiner wünschte keine Begegnung und wartete
+ab, bis alle Glieder der Familie Pfäffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er
+das Haus verließ.
+</p>
+
+<p>
+So gab es zwei Männer im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei Frauen,
+die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem Gedanken an die Sorge,
+die der Familie Pfäffling auferlegt wurde, jetzt bei Beginn des Winters und
+nach der eben erlebten Enttäuschung durch die Direktorsstelle. Und es kränkte
+sie, daß ihr Mann mit Recht von der leichtsinnigen Gesellschaft da droben
+sprechen konnte. Sie hatte so viel von der Familie gehalten, ja, sie spürte es
+erst jetzt recht deutlich, eine wahre Liebe hatte sie für sie alle empfunden,
+ganz anders als je für frühere Mietsleute. Sie mußte das alles mit Frau
+Pfäffling besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, daß sie hinaufging.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie hatte
+so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des echten
+christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewährt hatten. Wie stimmte dazu die
+Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht hinauszuschließen und dann noch zu
+kündigen, und das alles bloß wegen einer gestörten Nachtruhe! Sie mußte sich
+das erklären lassen von Frau Hartwig, aber mit ihr <i>allein</i> wollte sie
+sprechen. So strebten die beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet
+sich bald ein Weg.
+</p>
+
+<p>
+Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien benützten. Das
+war der große Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum Wäschetrocknen und die
+Mange stand, zum Mangen und Rollen des Weißzeugs. Die Hausfrau war mit einem
+kleinen Korb Wäsche hinaufgegangen, fing an, das Rad zu drehen und zu mangen.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling konnte das unten gut hören. Nicht lange, so stieg auch sie
+hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen fröhlichen Sinnes miteinander
+herunter, zwischen ihnen gab es kein Mißverständnis mehr und sie waren der
+guten Zuversicht, daß sich auch die beiden Männer miteinander verständigen
+würden.
+</p>
+
+<p>
+Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht gestern
+Remboldt erzählt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der Wache gesehen
+hat?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, du warst ja dabei."
+</p>
+
+<p>
+"Weißt du, wie man diese Sternschnuppen heißt? Ich habe es heute zum erstenmal
+gehört, die heißt man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte Frau Hartwig gar
+nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem Mann zu denken gab. Sie
+wußte ja, daß mit dem richtigen Verständnis des Wortes sein ganzer Zorn gegen
+die Familie Pfäffling schwinden mußte. Sie wollte ihm gar nicht zureden, sein
+eigenes Gefühl würde ihn treiben, zu tun, was recht war.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag faßte er die drei Lateinschüler ab, als sie heimkamen. Er ließ
+sich von ihnen genau erzählen, wie herrlich der Sternenhimmel gewesen sei, und
+wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der Leonidenschwarm hießen. Das
+wußte Karl: weil diese Sternschnuppen, die da im November so massenhaft fielen,
+aus dem Sternbild des Löwen ausgingen.
+</p>
+
+<p>
+Während sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, daß der Hausherr sie
+wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht, und fingen an, auf
+seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er nun mit all seiner früheren
+Freundlichkeit: "Seht, ich weiß eben gar nichts von der Sternkunde, ich habe
+den Leonidenschwarm für einen Verein oder dergleichen gehalten, mit dem ihr
+euch nachts herumtreibt. Und so etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich
+werde euch doch nicht bös sein, wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind
+nun wieder gute Freunde. Sagt nur eurem Vater: die Kündigung gilt nicht!"
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht,
+Freundschaft und Fröhlichkeit im ganzen Haus.
+</p>
+
+<p>
+Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnübungen zurückkehrten, trafen sie an
+der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller einen Vorrat
+Äpfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht," sagte sie und gab jedem
+einen Apfel.
+</p>
+
+<p>
+"Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht, damit deine
+Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen jetzt immer ganz
+nahe am Geländer und wir Buben müssen ganz dicht an der Wand gehen, dann werden
+deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh, so hinauf und so wieder herunter." Um
+recht dicht an der Mauer zu gehen, setzte er einen Fuß vor den andern, verlor
+das Gleichgewicht und kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor
+die Füße der erschrockenen Hausfrau.
+</p>
+
+<p>
+Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung
+zurückkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je besser sie's
+meinen, um so ärger poltert's."
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap04"></a>4. Kapitel<br/>
+Adventszeit.</h2>
+
+<p>
+"Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reißen, das dünne Blättchen, das
+allein noch den Weihnachtsmonat verhüllt?" Die jungen Pfäfflinge standen alle
+in die eine Ecke gedrängt, wo der Kalender hing, und stritten sich, halb im
+Spaß, halb im Ernst darum, wer den Dezember aufdecken dürfe. Die Eltern, am
+Frühstückstisch, sahen auf. "Buben, galant sein!" rief der Vater. Da traten die
+vier Brüder vom Kampfplatz zurück. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht
+erreichen, so kam das Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen es
+miteinander," sagten sie. Da kam denn der erste Dezember zum Vorschein, und
+zwar rot, denn es war Sonntag, und kein gewöhnlicher Sonntag, sondern der erste
+Advent. Die schönste Weihnachtsstimmung stieg auf mit diesem Tag und nicht nur
+bei den Kindern. Herr Pfäffling stimmte unvermutet und ohne Begleitung an: "Wie
+soll ich dich empfangen und wie begegnen dir, O aller Welt Verlangen, o meiner
+Seele Zier!" Alle Kinder sangen mit, erste Stimme, zweite Stimme, je nach
+Begabung, auch die Mutter, aber sie recht leise, denn sie allein von der ganzen
+Familie war vollständig unmusikalisch und sang, wie Frieder einmal gesagt hatte
+etwas anderes als die Melodie.
+</p>
+
+<p>
+Bald darauf war es für diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit sich zu
+richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige nachmittags oder in den
+Kindergottesdienst. Frau Pfäffling wollte heute mit ihrem Mann gehen, unter den
+Kindern gab es ein Beraten und Flüstern. Als nach einer Weile die Eltern, zum
+Ausgang gerichtet, an der Treppe standen und sich von den Zurückbleibenden
+verabschieden wollten, fand sich's, daß es heute gar keine solchen gab, daß
+alle sieben bereit standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer soll
+dann aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfäffling bedenklich.
+</p>
+
+<p>
+"Es klingelt fast nie während der Kirchenzeit," versicherte der Kinderchor.
+</p>
+
+<p>
+"Aber wir können doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze
+Prozession!" wandte Herr Pfäffling ein.
+</p>
+
+<p>
+"Wir gehen drüben, auf der anderen Seite der Straße," sagten die Buben.
+</p>
+
+<p>
+"Aber Walburg muß wenigstens wissen, daß sie ganz allein zu Hause ist, hole sie
+schnell, Elschen," rief Frau Pfäffling. Als das Mädchen die ganze Familie im
+Begriff sah, auszugehen, wußte sie schon, was man von ihr wollte, und sagte in
+ihrer ernsthaften Weise: "Ich wünsche gesegnete Andacht".
+</p>
+
+<p>
+Draußen schien die Wintersonne auf bereifte Dächer, Sonntagsruhe herrschte in
+der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche einschlug, hatte die
+Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben ließen aber, ihrem Versprechen
+gemäß, die ganze Breite der Frühlingsstraße zwischen sich und den Eltern und
+Schwestern, bis nach einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte.
+Da konnte er nicht länger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs Haus. Wenn
+im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest sprechen wollte, hatte
+die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das dauert noch lange, lange, davon
+reden wir noch gar nicht, sonst werden die Kleinen ungeduldig." So hätte sie
+auch gestern noch gesagt, aber heute war das etwas ganz anderes, man feierte
+Advent, Weihnachten war über Nacht ganz nahe gerückt. Im Dämmerstündchen zog
+Frau Pfäffling Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weißt du denn noch,
+wie schön der Christbaum war?"
+</p>
+
+<p>
+Sie wußte es wohl noch, und als nun die Geschwister über Weihnachten
+plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten stand sie
+nicht hinter den Großen zurück, im Gegenteil, wenn sie mit leuchtenden Augen
+vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine Hauptperson, die allen die
+Freude erhöhte.
+</p>
+
+<p>
+Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten flüsternd,
+was sie den Eltern zu Weihnachten schenken könnten. Es durfte kein Geld kosten,
+denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken, die Geld kosteten, sprachen sie
+ganz verächtlich. "Es ist keine Kunst, in einen Laden zu gehen und etwas zu
+kaufen, aber ohne Geld etwas recht Eigenartiges, Schönes und Nützliches zu
+bescheren, das ist eine Kunst!" Ja, eine so schwere Kunst ist das, daß sich die
+Beratung sehr in die Länge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang
+heute immer der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er mußte
+ihn ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, daß ungnädige
+Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Küche, wo
+Walburg saß und in ihrem Gesangbuch las. Sie hörte diese Töne, und da sie sich
+in ihrer Taubheit über alles freute, was bis an ihr Ohr drang, schob sie ihm
+den Schemel hin, zum Zeichen, daß er sich bei ihr niederlassen sollte. So kam
+die Adventsstimmung bis in die Küche.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag mußten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den
+Hintergrund treten, denn in die Schule paßten sie nicht. Nur Frieder wollte sie
+auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte er nicht vergessen,
+er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen und dort den Adventschoral
+vorspielen. Die Mutter hörte es und wunderte sich: Er hatte sich noch nie
+zeigen oder vordrängen wollen mit seiner Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich
+hören zu lassen. Sie mochte es ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an
+ihrem kleinen, bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner großen Harmonika in
+der Hand, den Schulranzen auf dem Rücken, durch die Frühlingsstraße.
+</p>
+
+<p>
+Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden machte,
+bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen bis zu der großen
+Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer verließen und die Schüler
+sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber es ging nicht so.
+</p>
+
+<p>
+Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch schon ein
+paar kecke Bürschchen zu: "Der Pfäffling hat seine Ziehharmonika mitgebracht."
+Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob Frieder denn mit dem großen
+Instrument zurechtkäme. Nun stießen ihn die Kameraden von allen Seiten: "Spiel
+doch, gelt, du kannst es nicht? Spiel doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder
+seinen Adventschoral, vergaß seine vielen Zuhörer, vergaß die Schulzeit und
+sagte, nachdem er fertig war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme."
+</p>
+
+<p>
+Der Lehrer ließ ihn gewähren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhörten und wie
+der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast du das bei deinem
+Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte Frieder, "Harmonika muß man
+nicht lernen, das geht von selbst."
+</p>
+
+<p>
+"Das geht vielleicht bei euch Pfäfflingen von selbst, aber bei anderen nicht.
+Was meinst du," sagte er zu dem, der am nächsten stand, "könntest du das auch?"
+"O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und zuziehen." "Du wirst dich wundern,
+wenn du es probierst!" entgegnete der Lehrer, "aber jetzt: auf eure Plätze."
+</p>
+
+<p>
+Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und mußte
+spielen. Es kamen auch größere Schüler von anderen Klassen herbei und die
+wollten nicht nur hören, die wollten es auch probieren. Die Harmonika ging von
+Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer riß sie dem andern mit
+Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte: "Sie geht ja gar nicht, ich
+glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie Frieder zurück und als er sie ansah,
+wurde er blaß und als er sie zog, gab sie keinen einzigen Ton mehr. Da wurden
+sie alle still und sahen betroffen auf den kleinen Musikanten.
+</p>
+
+<p>
+"Wer hat's getan?" hieß es nun. Die Frage ging von einem zum andern und wurde
+zum Streit, aber Frieder kümmerte sich nicht darum, er verwandte keinen Blick
+von seiner Harmonika, er strich mit der Hand über sie, er drückte sie zärtlich
+an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber er wußte es ja schon vorher,
+daß ihre Stimme erloschen war und nimmer zum Leben zu erwecken.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder
+neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hören und nichts sehen von ihnen. Er
+trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange Frühlingsstraße nach Hause,
+rief die Mutter und drückte sich bitterlich weinend an sie mit dem lauten
+Ausruf: "Sie ist tot!"
+</p>
+
+<p>
+Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein Heimatloser.
+Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Hände, bewegte sie wie zum
+Ziehen der Harmonika und ließ sie dann ganz enttäuscht sinken. Das bitterste an
+seinem Schmerz war aber die Reue. Er selbst hatte ja seine Freundin den bösen
+Buben ausgeliefert. Hätte er sie in der Stille für sich behalten und nicht mit
+ihr Ruhm ernten wollen, so wäre sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half
+kein Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, daß er vielleicht eine
+neue Harmonika zu Weihnachten bekommen würde.
+</p>
+
+<p>
+Aber etwas anderes half ganz unvermutet.
+</p>
+
+<p>
+Es war wieder Sonntag, der <i>zweite</i> Advent, und wieder standen die Kinder
+beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks für die Eltern.
+Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen getan hatte, er
+konnte ja kein Adventlied mehr üben, so zog ihn nichts ab. Er hatte still
+zugehört, wie allerlei Vorschläge gemacht und wieder verworfen wurden, nun
+mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf den Balken, da kann man sich
+alles ausdenken, aber da oben nicht."
+</p>
+
+<p>
+"So geh du hinunter und denke dir etwas für mich aus," sagte eines der
+Geschwister. "Für mich auch!" "Und für mich," hieß es nun von allen Seiten. Er
+war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren großen Schal mit
+hinunter. Er ging auf das Plätzchen, das er so gern mit seiner Harmonika
+aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er wickelte sich ganz in das große
+Tuch, saß da allein, war vollständig erfüllt von seiner Aufgabe, zweifelte auch
+gar nicht daran, daß er sie lösen würde. Auf der Harmonika war ihm hier unten
+auch alles gelungen, was er versucht hatte. Der kleine Kopf war fest an der
+Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister um ihn,
+und er, der in ihrem Rat noch nie das große Wort geführt hatte, streckte nun
+seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da nun gar kein Zweifel
+mehr sein könnte: "Du, Karl, mußt ein Gedicht erdichten und du, Wilhelm, auf
+einen so großen Bogen Papier schöne Sachen abzeichnen und Otto muß so laut, wie
+es der Rudolf Meier beim Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und
+Marianne soll das schönste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir
+zwei können nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum müssen
+wir solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal Walburg sagt,
+Nußschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte Zündhölzer, einen rechten
+Sack voll."
+</p>
+
+<p>
+Jedes der Kinder dachte nach über den Befehl, den es erhalten hatte, und fand
+ihn ausführbar. "Ich weiß, was ich zeichne!" rief Wilhelm, "dich zeichne ich
+ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da gestanden bist."
+</p>
+
+<p>
+"Und ich mache ein Gedicht über unsern Krieg in Afrika, wenn der Morenga darin
+vorkommt, dann gefällt es dem Vater." Sie waren alle vergnügt. "Frieder," sagte
+Karl, "es tut mir ja leid für dich, daß du deine Harmonika nimmer hast, aber
+mir bist du lieber ohne sie." Die andern stimmten ein und Frieder machte nimmer
+das trostlose Gesicht, das man die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum
+erstenmal fühlte er sich glücklich auch ohne Harmonika.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es, viele
+Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis abhing. Die Fest-
+und Ferienzeit wollte verdient sein.
+</p>
+
+<p>
+Unter den jungen Pfäfflingen war Otto der beste Schüler, und er galt viel in
+seiner Klasse. Nun saß hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier, der machte sich
+sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb hatte. Er war der Sohn
+von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und machte sich als solcher gern
+ein wenig wichtig. Alle Kameraden mußten es erfahren, wenn hohe
+Persönlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und wenn gar Fürstlichkeiten
+erwartet wurden, fühlte er sich so stolz, daß sich's die andern zur Ehre
+rechnen mußten, wenn er sich an solchen Tagen von ihnen die Aufgaben machen
+ließ. Er war älter und größer als alle andern, weil er schon zweimal eine
+Klasse repetiert hatte; dessen schämte er sich aber keineswegs, sondern sagte
+gelegentlich von oben herab: "In solch einem Welthotel müsse selbstverständlich
+die gewöhnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurückstehen."
+</p>
+
+<p>
+Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gründe, warum er heute ein ganzes Stück
+Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Frühlingsstraße
+entgegengesetzt lag.
+</p>
+
+<p>
+Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in kurzem,
+schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier ein feines
+junges Herrchen, mit tadellos gestärkten Manschetten und Kragen nach neuester
+Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf Größere bittend zu dem
+Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in Verlegenheit, Pfäffling, wegen der
+griechischen Arbeit, die wir morgen abliefern sollen. Es ist gegenwärtig keine
+Möglichkeit bei uns, all dies Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres
+zu tun. Würdest du mir nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, daß ich
+einige Stellen vergleichen könnte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir
+wieder einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze
+deine Unterschrift unter den Klex."
+</p>
+
+<p>
+Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen. "Was tust
+du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?" sagte Otto
+ärgerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles abschreibst, aber ich kann
+dich gar nicht begreifen, daß du das magst."
+</p>
+
+<p>
+"Weil du nicht weißt, wie es bei uns zugeht, Pfäffling, anders als bei euch und
+das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als ihr. Da ist zum
+Beispiel vorige Woche eine russische Familie angekommen, Familie ersten Rangs,
+offenbar steinreiche Leute, gehören zur feinsten Aristokratie. Haben fünf
+Zimmer im ersten Stock vorn heraus gemietet. Sie beabsichtigen offenbar lange
+zu bleiben, sieben riesige Koffer. Werden wohl die Revolution fürchten, haben
+ihr Geld glücklich noch aus Rußland herausgebracht und warten nun in
+Deutschland ab, wie sich die Dinge in Rußland gestalten. Gegen solche Gäste ist
+man artig, das begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater, sie
+möchte ihren beiden Söhnen Unterricht geben lassen von einem Professor, welchen
+er wohl empfehlen könnte? Mein Vater verspricht ihr sofort Auskunft, kommt
+natürlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit. Nun heißt es: 'Rudolf, mach
+deine Aufwartung droben. Besprich die Unterrichtsfächer, gib guten Rat, nenne
+feine Professoren mit liebenswürdigen Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn
+Professoren aufzufordern und den Unterricht in Gang zu bringen.'
+</p>
+
+<p>
+"Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine
+Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spürst gleich, daß du mit
+wirklich Adeligen zu tun hast, und der große Herr mit seiner militärischen
+Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem Seidenkostüm imponieren dir,
+du mußt dich schon zusammennehmen. Die zwei jungen Herrn sehen dich auch so an,
+als wollten sie sagen: Ist das ein Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu
+reden oder nicht?
+</p>
+
+<p>
+"Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblüffen. Es hat
+ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen Professoren
+gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, daß ich genug zu laufen hatte, bis
+ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich wohl noch nicht fertig, denn sie
+haben gestern ein Pianino gekauft, eine Violine haben sie auch, da wird sich's
+um Musikunterricht handeln."
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht—wenn das ein Pfäffling hört, so
+klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den Musikunterricht geben?"
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+"Weiß ich nicht."
+</p>
+
+<p>
+"Meier, da könntest du meinen Vater empfehlen."
+</p>
+
+<p>
+"Warum nicht, das kann man schon machen. Das heißt, für solche Herrschaften muß
+man immer das feinste wählen."
+</p>
+
+<p>
+"Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht."
+</p>
+
+<p>
+"Wohl, wohl, aber so ein <i>Titel</i> fehlt, Professor oder Direktor oder so
+etwas, das hören sie gern."
+</p>
+
+<p>
+"Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als Direktor
+nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen ist. Er hat schon
+seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren für ihn. Nur ist es noch
+nichts geworden, weil erst gebaut werden muß."
+</p>
+
+<p>
+"Dann kann ich wohl etwas für ihn tun," sagte Rudolf Meier herablassend,
+"vorausgesetzt, daß sie sich bei mir nach dem Musiklehrer erkundigen und nicht
+bei den Professoren."
+</p>
+
+<p>
+"Dem mußt du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, mußt du mit
+den Russen sprechen."
+</p>
+
+<p>
+"Meinst du, da könnte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du hast keinen
+Begriff von Umgangsformen."
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Otto, "wie man das machen muß, weiß ich freilich nicht, aber wenn
+<i>du das</i> nicht zustande bringst, dann möchte ich wohl wissen, was du
+kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar nichts und dein
+Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal in deinem Zentralhotel
+etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein Schwindel."
+</p>
+
+<p>
+"Ich vermag viel im Hotel."
+</p>
+
+<p>
+"So beweise es!"
+</p>
+
+<p>
+"Werde ich auch. Vergiß nicht, daß du mir deine Hefte versprochen hast."
+</p>
+
+<p>
+So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnügt heim, rief die
+Geschwister zusammen und erzählte von der schönen Möglichkeit, die sich für den
+Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum Unterricht zu
+bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel zu und kamen überein,
+daß sie den Eltern zunächst kein Wort sagen wollten, es sollte nicht wieder
+eine Enttäuschung geben.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am nächsten Tag, in einer
+Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen Vater empfehle, gibst
+du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?"
+</p>
+
+<p>
+"<i>Zehn</i> Aufsätze," sagte Otto, "mach aber, daß es <i>bald</i> so weit
+kommt."
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick später traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und erzählte
+ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause vorüber war, faßte
+er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du solltest das zurücknehmen, so eine
+Handelsschaft gefiele dem Vater nicht. So möchte er die Stunden gar nicht
+annehmen. Sag du dem Rudolf Meier, er soll seine Aufsätze selbst machen, zu
+solch einem Handel sei unser Vater viel zu vornehm."
+</p>
+
+<p>
+Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern der Ärger
+eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter Schwindler." So ging die
+Sache aus und die Kinder waren nur froh, daß sie darüber geschwiegen hatten.
+Sie dachten längst nicht mehr daran, als eines Nachmittags Wilhelm meldete:
+"Vater, der Diener vom Zentralhotel hat diesen Brief für dich abgegeben, er
+soll auf Antwort warten."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling begriff nicht die Blicke glücklichen Einverständnisses, die die
+Kinder wechselten, während ihr Mann die Karte las, auf der höflich angefragt
+wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und Klavierstunden vorstellen
+möchte. Die Karte war an Herrn Direktor Pfäffling adressiert, und als die
+Brüder diese Aufschrift bemerkten, flüsterten sie lachend einander zu: Ein
+Schwindler ist er trotzdem, der Rudolf Meier!
+</p>
+
+<p>
+Der Diener des Zentralhotels bekam für die Überbringung einer so erwünschten
+Botschaft ein so schönes Trinkgeld, wie er es von dem schlichten Musiklehrer
+nie erwartet hätte, und als er Herrn Meier senior ausrichtete, daß Herr
+Direktor Pfäffling noch diesen Nachmittag erscheinen werde, fügte er hinzu: "Es
+ist ein sehr feiner Herr."
+</p>
+
+<p>
+Bei Pfäfflings war große Freude. Otto erzählte alles, was Rudolf Meier von dem
+Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hörten ihm zu, er war stolz
+und glücklich und konnte gar nicht erwarten, bis der Vater sich auf den Weg
+nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell ging das nicht, im Hausgewand
+konnte man dort nicht erscheinen. Herr Pfäffling suchte hervor, was er sich
+neulich zu seiner Vorstellung in Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht
+wieder eine Enttäuschung gibt," sagte er, während er sich eine seine Krawatte
+knüpfte, "wer weiß, wie die hohen Aristokraten sich in der Nähe ausnehmen, mit
+denen dieser Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfäffling hatte aber gute Zuversicht:
+"Das erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen gelten für
+ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere Schüler bekommen
+als Fräulein Vernagelding."
+</p>
+
+<p>
+"Ach, die Unglückselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr Pfäffling,
+"ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurück sein, für meine Marterstunde."
+</p>
+
+<p>
+Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die andern,
+er fühlte sich doch als der Anstifter des ganzen.
+</p>
+
+<p>
+Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war schon der
+Abenddämmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch die Ganglampe war
+schon angezündet und von Marie und Anne in ihr Stübchen geholt worden. Um fünf
+Uhr war Fräulein Vernageldings Zeit. Frau Pfäffling wurde unruhig. So
+gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute schien er sich doch zu verspäten. Nun
+schlug es fünf Uhr, es klingelte, Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe
+herbei.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen Fräulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmählich eine
+kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig herbeikamen
+mit der Lampe und gefällig Hilfe leisteten bei dem Anziehen der Gummischuhe,
+dem Zuknöpfen der Handschuhe und dem Aufstecken des Schleiers, so freute dies
+das Fräulein und es plauderte mit den viel jüngern Mädchen wie mit
+ihresgleichen. Als sie nun heute hörte, daß Herr Pfäffling noch nicht da sei,
+schien sie ganz vergnügt darüber, lachte und spaßte mit den Schwestern.
+</p>
+
+<p>
+"Herr Pfäffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen heißt so?"
+</p>
+
+<p>
+"So heißen wir bloß miteinander," antworteten sie, "wir können es eigentlich
+nicht leiden, jede möchte lieber ihren eigenen Namen, Marie und Anne, aber so
+ist's eben bei uns."
+</p>
+
+<p>
+Das fand nun Fräulein Vernagelding so komisch, daß ihr etwas albernes Lachen
+über den ganzen Gang tönte. Sie hatte inzwischen abgelegt.
+</p>
+
+<p>
+"Mutter sagte, Sie möchten nur einstweilen anfangen, Klavier zu spielen,"
+richtete Marie aus.
+</p>
+
+<p>
+"Ach nein," entgegnete das Fräulein, "ich möchte viel lieber mit Ihnen
+plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muß doch sein. Es lautet
+nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnädiges Fräulein spielen Klavier? und man
+muß antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint Mama. Mein voriger
+Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer, ich sei unmusikalisch. Herr
+Pfäffling ist schon mein vierter Lehrer. Die Herrn wollen immer nur
+musikalische Schülerinnen, es kann aber doch nicht jedermann musikalisch sein,
+nicht wahr? Man muß es doch auch den Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?"
+</p>
+
+<p>
+"Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da wäre es doch zuviel
+für den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt bloß die, die
+recht musikalisch sind."
+</p>
+
+<p>
+Die drei Mädchen, an der Türe stehend, fuhren ordentlich zusammen, so plötzlich
+stand Herr Pfäffling bei ihnen. Im Bewußtsein seiner Verspätung war er mit
+wenigen großen Sätzen die Treppe heraufgekommen. Fräulein Vernagelding tat
+einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie mich erschreckt, Herr Pfäffling,
+aber wie fein sehen Sie heute aus, so elegant." Herr Pfäffling unterbrach sie:
+"Wir wollen nun keine Zeit mehr verlieren, bitte um Entschuldigung, daß ich Sie
+warten ließ."
+</p>
+
+<p>
+"O, es war ein so reizendes Viertelstündchen," hörte man sie noch sagen, ehe
+sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen Augenblick nachher
+wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer ein sicheres Zeichen war,
+daß Fräulein Vernagelding am Klavier saß.
+</p>
+
+<p>
+"Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen ist?"
+wurden Marie und Anne von den Brüdern gefragt. Sie wußten nichts zu sagen, man
+mußte sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am schwersten, und er paßte
+und spannte auf das Ende der Klavierstunde, und im selben Augenblick, wo
+Fräulein Vernagelding durch die eine Türe das Zimmer verließ, schlüpfte er
+schon durch den andern Eingang hinein und fragte: "Vater, wird etwas aus den
+Russenstunden?" Herr Pfäffling lachte vergnügt. "Wo ist die Mutter," sagte er,
+"komm, ich erzähle es euch im Wohnzimmer," und schon unter der Tür rief er:
+"Cäcilie, Cäcilie," und seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Küche
+herbeigeholt werden. Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn ich kaum
+meine Tassen abstellen darf, dann muß es auch im Zentralhotel gut ausgefallen
+sein!"
+</p>
+
+<p>
+"Über alles Erwarten," rief Herr Pfäffling, "eine durch und durch musikalische
+Familie, die beiden Söhne feine Violinspieler, ich glaube kaum, daß wir
+<i>einen</i> solchen Schüler in der Musikschule haben, und ihre Mutter spielt
+Klavier mit einer Gewandtheit, daß es ein Hochgenuß sein wird, mit ihr zusammen
+vierhändig zu spielen. Aber nun will ich euch erzählen. Im Vorplatz des
+Zentralhotels hat mich ein junges Herrchen empfangen, den ich nach deiner
+Beschreibung, Otto, gleich als Rudolf Meier erkannt habe. Der führt mich nun in
+einen kleinen Salon, spricht mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich,
+der Schlingel, kein Mensch denkt, daß man einen Schuljungen vor sich hat, der
+von so einem Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte
+mir nun, er habe es für besser gehalten, mich als Herr Direktor einzuführen,
+und ich möchte nur auch meine Honoraransprüche darnach richten, die Familie
+würde sonst nicht an den Wert meiner Stunden glauben, solchen Leuten gegenüber
+müsse man hohe Preise machen. Dann geleitete er mich die breite, mit dicken
+Teppichen belegte Treppe hinauf. Rudolf Meier fühlte sich ganz als mein Führer,
+klopfte für mich an und stellte mich dem russischen General als Herrn Direktor
+Pfäffling vor. Eine Weile blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm
+Notiz nahm, empfahl er sich.
+</p>
+
+<p>
+"Der General ist schon ein älterer Herr mit grauem Bart und ist nicht mehr im
+Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen durchdringenden Blick.
+Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei jungen Söhnen vor und bot mir einen
+Platz an. Aber sie waren alle ziemlich zurückhaltend, vielleicht hatten sie
+nicht viel Vertrauen in die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz
+unbestimmt davon, daß die Söhne später vielleicht einige Violinstunden nehmen
+sollten, und ich hatte das Gefühl: es wird nichts daraus werden. Die
+Unterhaltung war auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht geläufig Deutsch,
+versuchten es mit Französisch, als sie aber mein Französisch hörten, da meinte
+die Dame, es gehe eher noch Deutsch.
+</p>
+
+<p>
+"Mir wurde die Sache ungemütlich, es beengten mich auch die ungewohnten
+Glacéhandschuhe, dazu mußte ich in einem weich gepolsterten, niedrigen
+Lehnsessel ruhig sitzen und wußte gar nicht, wohin mit meinen langen Beinen,
+dabei war es mir immer, als müßten sie mir ansehen, daß ich kein Direktor bin.
+Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worüber allerdings die Dame ein
+wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter und sagte: 'Ich denke, es ist
+besser, wir machen ein wenig Musik, dabei lernt man sich viel schneller
+kennen,' und ich fragte die Dame, für welchen deutschen Komponisten sie sich
+interessiere? Sie schien etwas überrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir
+recht war. Da ging ich ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und
+fragte, aus welcher Oper sie etwas hören wollte? 'Bitte, etwas aus den
+Nibelungen, Herr Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch
+einmal nach ihr um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfäffling;
+ich wäre allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht einmal,
+aber zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann spielte ich.
+</p>
+
+<p>
+"Es war ein prächtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer näher
+heran und hörten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, daß wir uns
+verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann Violine, und die
+Dame versicherte mich, daß vierhändiges Klavierspiel ihre größte Passion sei
+und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag ein bis zwei Stunden zu kommen.
+Zuletzt fragte der General noch nach dem Preis, der war ihnen auch recht, eine
+unbescheidene Forderung mochte ich nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier
+tun, wenn er seine Hotelrechnung stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich
+fortging, begleiteten die Herren mich ganz freundlich an die Türe, alle
+Steifheit war vorbei und die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich
+vergessen hatte.
+</p>
+
+<p>
+"Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er hat
+offenbar die Verhandlungen von außen beobachtet und wird morgen in der Klasse
+wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt. Er ist aber, wie mir
+scheint, nebenbei ein gutmütiger Mensch, schien sich wirklich zu freuen, daß
+die Sache gut abgelaufen war, und flüsterte mir zu: 'Sie sind von allen drei
+Herren zur Türe begleitet worden, diese Ehre ist keinem der Professoren zuteil
+geworden.' Ich habe ihm auch gedankt für seine Vermittlung, und wenn ich ihn
+öfter sehe, werde ich ihm einmal sagen: Sei doch froh, daß du noch ein junger
+Bursch bist, gib dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen, als du
+bist! Er macht sich ja nur lächerlich; wer verlangt von ihm das Auftreten eines
+Geschäftsmannes? Der General hat ihn natürlich längst durchschaut."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ja," stimmte Frau Pfäffling zu, "er soll von dir lernen, daß man sich
+sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhöht haben."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Pfäffling vergnügt, "und daß man trotz allem Stunden bekommt.
+Kinder, kommt mit herüber, jetzt muß noch ein gehöriges Jubellied gesungen
+werden!"
+</p>
+
+<p>
+Während im Haus Pfäffling in fröhlichem Chor gesungen wurde, sagte der General
+im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher Deutscher."
+</p>
+
+<p>
+Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfäffling wird mir morgen meinen
+Aufsatz machen."
+</p>
+
+<p>
+Und Fräulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die Marianne
+ist süß, ich möchte ihr etwas schenken." Da überlegte Frau Privatiere
+Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer Glacéhandschuhe."
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap05"></a>5. Kapitel<br/>
+Schnee am unrechten Platz.</h2>
+
+<p>
+Der Dezember war schon zur Hälfte vorüber, bis endlich, endlich der erste
+Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten Flöckchen stundenlang
+gleichmäßig zur Erde fällt und in einem einzigen Tag das ganze Land überzieht
+mit seiner weichen, weißen Decke; der alles verhüllt, was vorher braun und
+häßlich war, der alles rundet und glättet, was rauh und eckig aussah. Immer ist
+sie schön, die Schneelandschaft, aber am allerschönsten doch, wenn das lautlose
+Fallen des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen
+Weihnacht.
+</p>
+
+<p>
+Dezember—Schnee—Tannenbaum—Weihnacht, ihr gehört zusammen bei uns in
+Deutschland. In manchen Ländern hat man versucht, unsere Feier nachzumachen,
+und wir wollen ihnen auch die Freude gönnen, aber solch eine Sitte muß aus dem
+Boden gewachsen sein. Wenn man sie künstlich verpflanzt, wird etwas ganz
+anderes daraus.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die
+Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden Kinder zu
+ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie wurde es? Viele
+Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen Kleidern. Sie
+versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde, klatschten sie
+Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke herunter, die man für
+sie hinaufgehängt hatte. Dann wurden die Lichter ausgeblasen, damit kein
+Ästchen anbrenne und der Diener gerufen, daß er sogleich den Baum, der in einem
+Kübel voll Erde steckte, zurücktrage zu dem Gärtner, von dem er gemietet war.
+Keine Stunde war der Christbaum im Haus gewesen, keinen Duft hatte er
+verbreitet.
+</p>
+
+<p>
+"Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge Deutsche und
+sah ihm wehmütig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei doch unpraktisch, er
+nehme ja so viel Platz weg.
+</p>
+
+<p>
+Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie gönnt dem Christbaum
+nicht den Platz?
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Im Dunkel des frühen Dezembermorgens waren die jungen Pfäfflinge durch den
+frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit dickbeschneiten
+Mänteln und Mützen angekommen. Im Schulhof flogen die Schneeballen hin und her,
+und bis zu der großen Pause um 10 Uhr waren die zahllosen Spuren der Kinderfüße
+schon wieder von frischem Schnee bedeckt und die größten Schneeballenschlachten
+konnten ausgeführt werden.
+</p>
+
+<p>
+Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerückt, kniete da und sah
+vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die wie ein großer
+weißer Wall vor dem Kasernenzaun aufgetürmt lagen. Und von diesem Zaun hatte
+jeder Stecken sein Käppchen, jeder Pfosten seine hohe Mütze auf.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas sehen," und
+schnell führte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und öffnete das Fenster.
+Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus vorbei, nach der Stadt zu, fuhr
+eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle beladen mit Christbäumen.
+</p>
+
+<p>
+"Christbäume, Christbäume," jubelte Elschen so laut, daß einer der Fuhrleute,
+der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als er das glückselige
+Kindergesicht bemerkte, rief: "Für dich ist auch einer dabei!" Die Kleine
+erglühte vor Freude und winkte dem Schneemann nach.
+</p>
+
+<p>
+Aber alles auf der Welt ist nur dann schön und gut, wenn es an seinem richtigen
+Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand voll von diesem
+schönen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und richtete dadurch Unheil
+an.
+</p>
+
+<p>
+Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Straßenecke, wo einige
+Lateinschüler mit Realschülern zusammentrafen, gab es ein hitziges
+Schneeballengefecht. Wilhelm Pfäffling war auch dabei. Einer der Realschüler
+hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen, indem er sich hinter
+der Straßenecke verbarg, dann rasch hervortrat, seinen Wurf tat und wieder
+hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber
+wollten sie ihn aufs Korn nehmen. Es waren ihm einige tüchtige Schneeballen
+zugedacht, wurfbereit warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken ließe.
+Jetzt wurde eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war
+nicht der Realschüler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen
+flogen dicht an seinem Kopf vorüber, zwei trafen ihn ganz gleichmäßig auf die
+rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz für den Schnee!
+</p>
+
+<p>
+Herr Sekretär Floßmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und so
+schlecht empfangen wurde, stand still, warf böse Blicke und kräftige Worte nach
+den Jungen. Daß sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus Ungeschick geschehen,
+daß nun aber einige laut darüber lachten und dicht an ihm vorbei weiter warfen,
+das war Frechheit.
+</p>
+
+<p>
+Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehört, zu den frechen nicht. Nach
+Pfäfflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und erklärte das
+Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees abschütteln. Der Herr schien
+die Entschuldigung gelten zu lassen und Wilhelm ging nun seines Wegs nach
+Hause. Er sah nicht mehr, daß Herr Sekretär Floßmann, als er ein paar Häuser
+weit gegangen war, einem Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und
+verlangte, er solle die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das
+war nun freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann
+kommen sahen, liefen auf und davon.
+</p>
+
+<p>
+Aber einen von Wilhelms Kameraden faßte er doch noch ab und fragte nach seinem
+Namen. Der zögerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der Kameraden war
+noch so nahe, um seine Antwort zu hören.
+</p>
+
+<p>
+"Also, dein Name," drängte der Schutzmann. "Wilhelm Pfäffling," lautete die
+Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde.
+</p>
+
+<p>
+"Die Wohnung?"
+</p>
+
+<p>
+"Frühlingsstraße."
+</p>
+
+<p>
+"Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir auf die
+Polizei willst." Er ließ sich's nicht zweimal sagen. Ein "Wilhelm" war er
+allerdings auch, aber kein Pfäffling. Baumann war sein Name.
+</p>
+
+<p>
+"Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfäffling schadet
+das nichts, der ist überall gut angeschrieben, aber bei mir ist das anders,
+wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heißt's: fort mit dir. Ich
+sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich aufgeschrieben werden sollte, der
+Pfäffling hat ebensogut geworfen wie ich."
+</p>
+
+<p>
+Ahnungslos und mit dem besten Gewissen saß am nächsten Abend unser Wilhelm an
+seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig zerstreuter als sonst,
+denn er hatte sich heute bemüht, seinen Frieder, mit der Harmonika in der Hand,
+abzuzeichnen, und da war Frieders Gesicht so ausgefallen, daß allen davor
+graute. Nun mußte er unwillkürlich auf seinem Fließblatt Studien machen über
+des kleinen Bruders gutmütiges Gesichtchen, das sich über die biblische
+Geschichte beugte, die vor ihm lag. Dazu kam, daß die Mutter und Elschen nicht
+am Stricken und Flicken saßen, wie sonst, sondern Zwetschgen und Birnenschnitze
+zurichteten zu dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor Weihnachten gebacken wurde.
+So waren Wilhelms Gedanken heute zwischen Weihnachten und Latein geteilt; er
+achtete gar nicht darauf, daß Herr Pfäffling eintrat und gerade hinter seinen
+Stuhl kam.
+</p>
+
+<p>
+"Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah überrascht
+auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick. "Was ist's, Vater?"
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+"Das frage ich dich," sagte Herr Pfäffling, "ein Polizeidiener war da und hat
+dich vorgeladen, für morgen, auf die Polizei. Was hast du angestellt?"
+</p>
+
+<p>
+"Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann doch nicht
+sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn getroffen haben, der
+gerade so ungeschickt daher gekommen ist?"
+</p>
+
+<p>
+"Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet
+ungeschickt geworfen haben. Könnt ihr nicht aufpassen?" rief Herr Pfäffling,
+und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt an des Vaters Hand,
+daß es klatschte.
+</p>
+
+<p>
+"Aber, Wilhelm," rief die Mutter und schob ihr Weihnachtsgeschäft beiseite,
+"warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf diesen Vorwurf
+versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein Möglichstes getan, daß man
+ihm glauben mußte. Die ganze Geschwisterschar fing nun an, aufzubegehren über
+den unguten Mann, der trotzdem auf der Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie
+zur Ruhe wies; sie wollte noch genau hören, wie die Sache sich zugetragen, und
+woher man seinen Namen gewußt habe. Das letztere konnte aber Wilhelm nicht
+erklären. "Muß ich denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um welche Zeit?"
+</p>
+
+<p>
+"Um 11 Uhr."
+</p>
+
+<p>
+"Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muß ich es dem
+Professor sagen, dann erfährt es der Rektor und schließlich kommt die Sache
+noch ins Zeugnis!"
+</p>
+
+<p>
+"Natürlich erfährt das der Rektor," sagte Herr Pfäffling, "die anderen sind
+jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!"
+</p>
+
+<p>
+Es war eine Weile still, jedes dachte über den Fall nach. "Könntest du nicht
+etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfäffling zu ihrem Mann, "und
+ein gutes Wort für ihn einlegen?"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling überlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der Musikschule, da
+kann ich unmöglich fort. Das muß er schon allein ausfechten. Es kann ihm auch
+nicht viel geschehen, wenn es sich nur um einen Schneeballen an die Schulter
+handelt; war auch gewiß sonst gar nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum
+glauben!"
+</p>
+
+<p>
+"Gar nichts, als daß die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen haben,
+dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geärgert. Besonders der
+Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl."
+</p>
+
+<p>
+"Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heißt es mitgefangen,
+mitgehangen." Elschen drückte sich an die Mutter und sagte kläglich: "Jetzt
+wird Weihnachten gar nicht schön." Und es widersprach ihr niemand, für diesen
+Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude aus dem Hause gewichen.
+</p>
+
+<p>
+Noch spät abends, im Bett, flüsterten die beiden Schwestern zusammen, berieten,
+ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt würde, und als Anne eben
+im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und sagte: "Das ärgste ist
+mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der Polizei hört, dann kündigt er
+uns!"
+</p>
+
+<p>
+Da war es denn schon wieder in der Familie Pfäffling, das Schreckgespenst, die
+Kündigung!
+</p>
+
+<p>
+So bangen Herzens, wie am nächsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie auf den
+Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein Briefchen
+mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine Angst, ein Unrecht
+ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr doch angemerkt, wie
+unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte zufällig gehört, wie der Vater
+zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von vier Buben muß sich auf allerlei gefaßt
+machen."
+</p>
+
+<p>
+In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Übeltätern zu
+erkundigen. "Müßt ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die übrigen
+Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen!
+</p>
+
+<p>
+"Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu Baumann,
+"dich hat der Schutzmann aufgeschrieben."
+</p>
+
+<p>
+"Es ist nicht wahr."
+</p>
+
+<p>
+"Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Nähe und habe es deutlich
+gesehen."
+</p>
+
+<p>
+Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als der
+Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung seiner Schüler
+und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn Pfäfflings Brief
+reichte und er las, um was es sich handelte, erkundigte er sich gleich, ob noch
+mehrere vorgeladen seien, und als er hörte, daß Pfäffling der einzige sei,
+sagte er: "Dann möchte ich mir auch ausbitten, daß die anderen sich nicht darum
+kümmern. Es ist schon störend genug, daß einer vor Schluß der Stunde fort muß,
+gerade heute, wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird.
+Wer sich sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken
+zusammen!"
+</p>
+
+<p>
+So wurde äußerlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht zu
+bemerken, wie dem einen Schüler das Herz klopfte vor innerer Entrüstung, daß er
+allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen vor Angst darüber, daß
+sein Betrug an den Tag kommen würde.
+</p>
+
+<p>
+Kurz vor elf Uhr verließ Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors das
+Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten Gängen und
+auf der breiten Treppe, die nicht für so ein einzelnes Bürschlein berechnet
+war, sondern für einen Trupp fröhlicher Kameraden. Heute begleitete ihn keiner,
+den sauern Gang auf die Polizei mußte er ganz allein tun. Und nun betrat er das
+große Gebäude, in dem er ganz fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der
+Hand und las: Erster Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner
+kümmerte sich um ihn; vor mancher Zimmertüre standen Männer und Frauen und
+warteten. Nun war er bei Nr. 10, die übernächste Türe mußte die richtige sein,
+Nr. l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann—und das war Herr Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze Qual,
+die Angst und die ganze Wonne der Erlösung. Herr Pfäffling faßte ihn bei Hand.
+"Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht," sagte er, "jetzt komm
+nur schnell herein, daß wir bald fertig werden!"
+</p>
+
+<p>
+Im Zimmer Nr. 12 saß ein Polizeiamtmann.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache: Wilhelm war
+angezeigt worden, weil er Herrn Sekretär Floßmann mit Schneeballen getroffen,
+darnach in frecher Weise gelacht und das Schneeballenwerfen in unmittelbarer
+Nähe fortgesetzt habe.
+</p>
+
+<p>
+"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann.
+</p>
+
+<p>
+"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber weiter
+nichts." Nun mischte sich Herr Pfäffling ins Gespräch: "Du hast mir erzählt,
+daß du dich ausdrücklich entschuldigt habest und sofort heimgegangen seiest."
+Da lächelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte wohl der Vater besänftigt
+werden, in Wahrheit verhielt sich's aber, nach der Aussage des Herrn Sekretärs
+und des Schutzmanns ganz anders, und Sie werden begreifen, daß ich diesen mehr
+Glauben schenke als dem Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des
+Herrn Sekretär Floßmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen
+eines Vergehens entschuldigt hat."
+</p>
+
+<p>
+"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfäffling, "daß sowohl Frechheit als Lüge
+auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich wäre sonst nicht mit ihm
+gekommen, sondern hätte mich seiner geschämt. Wäre es nicht möglich, den Herrn
+Sekretär oder den Schutzmann zu sprechen?"
+</p>
+
+<p>
+"Gewiß," sagte der Amtmann, "Herr Sekretär hat seine Kanzlei oben und der
+Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen Polizeidiener. "Bitten
+Sie Herrn Sekretär Floßmann, einen Augenblick zu kommen und rufen Sie den
+Schutzmann Schmidt herein."
+</p>
+
+<p>
+"Wir machen zwar gewöhnlich nicht so viel Umstände, wenn es sich um solch eine
+Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie es wünschen, können
+Sie von den beiden selbst hören, wie der Verlauf der Sache war."
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Minuten später trat der Sekretär Floßmann und gleich darnach der
+Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen der
+Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte noch weiter
+sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretär Floßmann ins Wort, indem er sich an den
+Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn gerade <i>diesen</i> Jungen
+aufgeschrieben, den einzigen, der sofort aufgehört hat zu werfen, und der sich
+in aller Form entschuldigt hat, der mir selbst noch den Schnee abgeschüttelt
+hat?" und indem er auf Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir
+zwei sind in aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte
+ich nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann ärgerlich an den Schutzmann:
+"Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie möglich gemacht?" Der
+rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfäffling, den ich
+aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein rotes Gesicht.
+Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, aber es heißt keiner Wilhelm Pfäffling außer mir."
+</p>
+
+<p>
+"Oho," sagte der Amtmann, "da kommt es auf eine falsche Namensangabe hinaus,
+das muß ein frecher Kamerad sein. Kannst du dir denken, wer dir den Streich
+gespielt hat?" fragte er Wilhelm. Der besann sich nicht lange. "Jawohl," sagte
+er, "es ist nur ein solcher Gauner in unserer Klasse."
+</p>
+
+<p>
+"Wie heißt er?" Da sah Wilhelm seinen Vater an und sagte zögernd: "Ich kann ihn
+doch nicht angeben?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Herr Pfäffling, "du weißt es ja doch nicht gewiß, und deine
+Menschenkenntnis ist nicht groß."
+</p>
+
+<p>
+"Den Schlingel finde ich schon selbst heraus, den erkenne ich wieder," sagte
+der Schutzmann, "ich fasse ihn ab um 12 Uhr, wenn die Schule aus ist."
+</p>
+
+<p>
+Nun wandte sich der Amtmann an Herrn Pfäffling: "Ich bedaure das Versehen,"
+sagte er, und Wilhelm entließ er mit den Worten: "Du kannst nun gehen, aber
+halte dich an bessere Kameraden und paß auf mit dem Schneeballenwerfen, in den
+Straßen ist das verboten, dazu habt ihr euren Schulhof!"
+</p>
+
+<p>
+Vater und Sohn verließen miteinander das Polizeigebäude. "O Vater," rief
+Wilhelm, sobald sie allein waren, "wie bin ich so froh, daß du gekommen bist!
+Mir allein hätte der Polizeiamtmann nicht geglaubt."
+</p>
+
+<p>
+"Du hast dich auch nicht ordentlich verteidigt, hast ja nicht einmal erzählt,
+wie der Verlauf war. Bei uns zu Hause hast du deine Sache viel besser
+vorgebracht."
+</p>
+
+<p>
+"Mir geht das oft so, Vater, wenn ich spüre, daß man mir doch nicht glauben
+wird, dann mag ich gar nichts zu meiner Verteidigung sagen. Oft möchte ich
+etwas erzählen oder erklären, wie es gemeint war, dann denke ich: ihr haltet
+das doch nur für Schwindel und Ausreden, und dann schweige ich lieber."
+</p>
+
+<p>
+"Ich kenne das, Wilhelm, es kommt daher, weil es so wenig Menschen genau mit
+der Wahrheit nehmen, dann trauen sie auch den andern keine strenge
+Wahrhaftigkeit zu. Aber da darf man sich nicht einschüchtern lassen. Wer recht
+wahrhaftig ist, darf alles sagen und Glauben dafür fordern. Halte du es so, und
+wird dir etwas angezweifelt, so sage du ruhig zu demjenigen: 'Habe ich dich
+schon einmal angelogen?' Aber freilich mußt du sicher sein, daß er darauf
+'nein' sagt."
+</p>
+
+<p>
+Die Beiden waren inzwischen dem Marktplatz nahe gekommen, wo ihre Wege
+auseinandergingen.
+</p>
+
+<p>
+"War es dir recht ungeschickt, Vater, aus der Probe wegzukommen?" fragte
+Wilhelm. "Höllisch ungeschickt!" sagte Herr Pfäffling, "ich mochte den Grund
+nicht angeben, ich sagte nur schnell den Nächstsitzenden etwas von
+Familienverhältnissen und lief davon; wer weiß, was sie sich gedacht haben. Der
+junge Lehrer wird mich inzwischen vertreten haben, so gut er es eben versteht."
+</p>
+
+<p>
+"Ich danke dir, Vater," sagte Wilhelm, als er sich trennte, und ganz gegen die
+Gewohnheit der Familie Pfäffling griff er rasch nach des Vaters Hand, küßte sie
+und lief davon.
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Pfäffling zu der musikalischen Jugend zurückkam, sah er viele
+freundlich lächelnde Gesichter und dachte sich: Die haben es doch schon
+erfahren, daß du mit deinem Wilhelm auf der Polizei warst, es bleibt nichts
+verborgen. "Darf man gratulieren?" fragte ihn leise eine Bekannte, als er nahe
+an ihr vorbeiging. "Jawohl," sagte er, "es ist gut vorübergegangen." Nach ein
+paar Minuten war er mit vollem Eifer bei der Musik, und Wilhelm in gehobener
+Stimmung bei seinem griechischen Schriftsteller.
+</p>
+
+<p>
+"Dir ist es offenbar gnädig gegangen auf der Polizei," sagte der Professor nach
+der Stunde zu Wilhelm.
+</p>
+
+<p>
+"Ja, Herr Professor, es war eine Verwechslung, ich war gar nicht aufgeschrieben
+worden, ein anderer hat meinen Namen statt seinem angegeben."
+</p>
+
+<p>
+"Wer? Einer aus meiner Klasse?"
+</p>
+
+<p>
+"Wer das war, will der Schutzmann erst herausbringen," antwortete Wilhelm.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte kaum das Schulzimmer verlassen, als alle Kameraden sich um
+Wilhelm drängten und näheres erfahren wollten, auch Baumann war unter ihnen.
+Der eine, der schon am Morgen behauptet hatte, daß Baumann aufgeschrieben
+worden sei, sagte ihm frei ins Gesicht: "Du hast den falschen Namen angegeben."
+Da versuchte er nimmer zu leugnen, sondern fing an, sich zu entschuldigen: "Dem
+Pfäffling hat das doch nichts geschadet, für mich wäre es viel schlimmer
+gewesen. Du mußt mir's nicht übelnehmen, Pfäffling, ich habe ja vorher gewußt,
+daß dir das nichts macht."
+</p>
+
+<p>
+"So? frage einmal meinen Vater, ob ihm so etwas nichts macht?" rief Wilhelm,
+"du bist ein Tropf, ein Lügner, das sage ich dir; aber dem Polizeiamtmann habe
+ich dich nicht verraten. Wenn dich der Schutzmann nicht wieder erkennt, dann
+kann es ja wohl sein, daß du dich durchgeschwindelt hast." Nun sprang einer der
+Kameraden die Treppe hinunter, um zu sehen, ob ein Polizeidiener unten stehe.
+Richtig war es so. Da wurde verabredet, Baumann in die Mitte zu nehmen, einige
+Größere um ihn herum und dann in einem dichten Trupp die Treppe hinunter und
+bis um die nächste Straßenecke zu rennen. So geschah es. Die meisten Klassen
+des Gymnasiums hatten sich schon entleert; der Schutzmann stand lauernd am Tor.
+Da, plötzlich tauchte ein Trupp von Knaben auf und schoß an ihm vorbei, in
+solcher Geschwindigkeit, daß er auch nicht <i>ein</i> Gesicht erkannt hatte.
+Ärgerlich ging er seiner Wege, aber hatte er den Übeltäter auch noch nicht
+fassen können, das war ihm jetzt sicher, daß er zu dieser Klasse gehörte, und
+er sollte ihm nicht entgehen.
+</p>
+
+<p>
+Wie war für Frau Pfäffling dieser Vormittag daheim so lang und so peinlich!
+Immer mußte sie an Wilhelm denken. 'Er hat gewiß nichts getan, was strafwürdig
+ist,' sagte sie sich und dann fragte sie sich wieder: 'warum ist er dann
+vorgeladen?' Gestern hatte sie in fröhlicher Stimmung alles vorbereitet für das
+Weihnachtsgebäck, heute hätte sie es am liebsten ganz beiseite gestellt, alle
+Lust dazu war weg. Sie mühte sich sonst so gern den ganzen Vormittag im
+Haushalt und dachte dabei: 'Wenn Mann und Kinder heimkommen von fleißiger
+Arbeit, sollen sie es zu Hause gemütlich finden.' Aber wenn die Kinder nicht
+ihre Schuldigkeit taten, wenn sie draußen Unfug trieben, sollte man dann daheim
+Zeit und Geld für sie verwenden?
+</p>
+
+<p>
+In dieser Stimmung sah Frau Pfäffling diesen Morgen manches, was ihr nicht
+gefiel. Im Bubenzimmer lagen Hausschuhe, nur so leichthin unter das Bett
+geschleudert; häßlich niedergetreten waren sie auch, wie oft hatte sie das
+schon verboten! Im Wohnzimmer lag ein Brief, den hätten die Kinder mit zum
+Schalter nehmen sollen, alle sechs hatten sie ihn sehen müssen, alle sechs
+hatten ihn liegen lassen, sogar Marianne, die doch als Mädchen allmählich ein
+wenig selbst daran denken sollten, ob nichts zu besorgen wäre! Das waren lauter
+Pflichtversäumnisse, und wer daheim die Hausgesetze nicht beachtete, der konnte
+leicht auch draußen gegen die Ordnung verstoßen. Aber freilich müßte die Mutter
+ihre Kinder fester dazu anhalten, strenger erziehen, als sie es tat! Sie selbst
+war schuld.
+</p>
+
+<p>
+Elschen, die nicht wußte oder nimmer daran dachte, was die Mutter heute
+bedrückte, kam in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung herbeigesprungen. Walburg
+hatte ihr die Teigschüssel ausscharren lassen. "Mutter," rief die Kleine, "die
+Backröhre ist schon geheizt!" Aber die Mutter hatte heute einen unglückseligen
+Blick. An dem ganzen kleinen Liebling sah sie nichts als drei Streifen, Spuren
+von Teig an der Schürze.
+</p>
+
+<p>
+"Else, dahin hast du deine Finger gewischt," sagte sie mit ungewohnter Strenge,
+"gestern erst habe ich dir gesagt, du sollst deine Hände waschen, und nicht an
+die Schürze wischen," und sie patschte fest auf die kleinen Hände. Das Kind zog
+leise weinend ab, und die Mutter sagte sich vorwurfsvoll: 'Deine Kinder sind
+alle unfolgsam!' Darnach ging sie aber doch zum Backen in die Küche, das
+angefangene mußte trotz allem vollendet werden. Sie wollte den Schlüssel zum
+Küchenschrank mit hinausnehmen, fand ihn nicht gleich und dachte bekümmert: 'Wo
+die Hausfrau selbst ihre Ordnung nicht einhält, muß freilich die ganze
+Wirtschaft herunterkommen!' In dieser schwarzsichtigen Stimmung vergingen ihr
+langsam die Stunden, und gegen Mittag sah sie in ängstlicher Spannung nach den
+Kindern aus. Diese hatten sich alle auf dem Heimweg zusammengefunden und in der
+Frühlingsstraße holte auch Herr Pfäffling sie ein. Die Losung war nun: "Nur
+schnell heim zur Mutter, sie allein ist noch in Angst, hat keine Ahnung, wie
+gut sich alles gelöst hat. Wie wird sie sorgen und warten, wie wird sie sich
+freuen!"
+</p>
+
+<p>
+Aber nicht nur Frau Pfäffling paßte auf die eilig Heimkehrenden, auch Frau
+Hartwig sah heute Mittag nach ihnen aus, freilich aus einem ganz andern Grund.
+Sie hatte diesen Morgen an die Haustüre einen großen Bogen Papier genagelt, auf
+dem mit handgroßen roten Buchstaben geschrieben stand:
+</p>
+
+<p class="poem">
+Man bittet die Türe zu schließen!
+</p>
+
+<p>
+Darüber lachte ihr Mann sie aus und versicherte, es würde gar nichts helfen,
+die Pfäfflinge würden die Türe offen stehen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Die Hausfrau nahm ihre Mietsleute in Schutz. "Sie sind viel ordentlicher, als
+du denkst. Wilhelm und Otto sind ja ein wenig flüchtig, aber Karl ist immer
+aufmerksam und auch die Mädchen sind manierlich; der kleine Frieder sogar wird
+zumachen, wenn er hört, daß es mich sonst friert. Du wirst sehen, die Haustüre
+wird geschlossen."
+</p>
+
+<p>
+Um das zu beobachten stand nun die Hausfrau am Fenster, sah wie die Familie
+Pfäffling sieben Mann hoch heim kam—eifriger sprechend als sonst, hörte sie die
+Treppe hinauf gehen—noch flinker als gewöhnlich, ging dann hinaus, um
+nachzusehen und fand die Haustüre offen stehend, so weit sie nur aufging.
+</p>
+
+<p>
+Kopfschüttelnd schloß sie selbst die Türe. Aber sie verlor nicht den guten
+Glauben an ihre Mietsleute. Sie hatte ihnen ja wohl angemerkt, daß heute etwas
+besonderes los war.
+</p>
+
+<p>
+Im Zimmer fragte Herr Hartwig: "Nun, wer hat denn zugemacht?" Etwas kleinlaut
+erwiderte sie: "Zugemacht habe ich."
+</p>
+
+<p>
+Droben herrschte nach überstandener Angst große Freude; auch Frau Pfäffling war
+es wieder leicht ums Herz, glücklich und dankbar saß die ganze Familie am
+Essen. Aber doch—zwischen Suppe und Fleisch—sagte die Mutter: "Marianne, warum
+habt ihr den Brief nicht in den Schalter geworfen?"
+</p>
+
+<p>
+"Vergessen!"
+</p>
+
+<p>
+"So geht jetzt und besorgt ihn."
+</p>
+
+<p>
+"Aber doch <i>nach</i> dem Essen?" fragte fast einstimmig der Kinderchor.
+</p>
+
+<p>
+"Nein, nein, eben zwischen hinein, damit ihr es merkt. Ich kann euch nicht
+helfen, ich hätte gar kein gutes Gewissen, wenn ich es nicht verlangte." Da
+widersprach niemand mehr, die Mutter konnte man sich nicht mit schlechtem
+Gewissen vorstellen. Die Mädchen gingen mit dem Brief, Herr Pfäffling sah seine
+Frau verwundert an.
+</p>
+
+<p>
+Sie ging nach Tisch mit ihm in sein Zimmer. Da sagte sie ihm, wie schwer es ihr
+den ganzen Vormittag zumute gewesen sei, und es kamen ihr fast jetzt noch die
+Tränen. Sie sprachen lange miteinander, dann kehrte Herr Pfäffling in das
+Wohnzimmer zurück, wo die Großen noch beisammen waren.
+</p>
+
+<p>
+"Hört, ich möchte euch dreierlei sagen: Erstens: sorgt jetzt, daß vor
+Weihnachten nichts mehr vorkommt, gar nichts mehr, denn bis man weiß, wie die
+Sachen hinausgehen, sind sie doch recht unangenehm, besonders für die Mutter.
+Zweitens: Sagt dem Baumann: er solle sich bei Herrn Sekretär Floßmann
+entschuldigen, sonst werde es schlimm für ihn ausgehen. Drittens: Walburg soll
+eine Tasse Kaffee für die Mutter machen, es wird ihr gut tun, oder zwei
+Tassen."
+</p>
+
+<p>
+Einer von Herrn Pfäfflings guten Ratschlägen konnte nicht ausgeführt werden,
+denn Wilhelm Baumann wurde noch an diesem Nachmittag aus der Schule weg und auf
+die Polizei geholt und war von da an aus dem Gymnasium ausgewiesen.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend überbrachte ein Dienstmädchen einen schönen Blumenstock—eine
+Musikschülerin ließ Frau Pfäffling gratulieren.
+</p>
+
+<p>
+"Ich werde morgen hinkommen und mich bedanken," ließ Herr Pfäffling sagen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, es gibt allerlei Freuden, zu denen man gratulieren kann! Warum nicht auch,
+wenn ein unschuldig Verklagter freigesprochen wird? Oder war etwas anderes
+gemeint?
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap06"></a>6. Kapitel<br/>
+Am kürzesten Tag.</h2>
+
+<p>
+Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Um dieselbe Tageszeit, wo
+im Hochsommer die Sonne schon seit fünf Stunden am Himmel steht, saß man heute
+noch bei der Lampe am Frühstückstisch, und als diese endlich ausgeblasen wurde,
+war es noch trüb und dämmerig in den Häusern. Allmählich aber hellte es sich
+auf und die Sonne, wenn sie gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch
+ihre schrägen Strahlen den Menschenkindern, die heute so besonders geschäftig
+durcheinander wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich
+der Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Jedermann wollte die wenigen
+hellen Stunden benützen, um Einkäufe zu machen. Wieviel Gänse und Hasen wurden
+da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbäume! Auf den Plätzen der Stadt
+standen sie ausgestellt, die Fichten und Tannen, von den kleinsten bis zu den
+großen stattlichen, die bestimmt waren, Kirchen oder Säle zu beleuchten.
+</p>
+
+<p>
+Mitten zwischen diesen Bäumen, von ihrem weihnächtlichen Duft und Anblick ganz
+hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser kleiner Frieder. Er hatte
+für den Vater etwas in der Musikalienhandlung besorgt, kam nun heimwärts über
+den Christbaummarkt und konnte sich nicht trennen. Nun stand er vor einem
+Bäumchen, nicht größer als er selbst, saftig grün und buschig. Sie mochten
+vielleicht gleich alt sein, dieser Bub und dies Bäumchen und sahen beide so
+rundlich und kindlich aus. Sie standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet
+und wie wenn sie zusammen gehörten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum.
+</p>
+
+<p>
+"Du! dich meine ich, hörst du denn gar nichts; <i>so</i> wirst du nicht viel
+verdienen!" sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand legte sich
+von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus einem Traum, wandte
+sich und sah sich zwei Frauen gegenüber. Die ihn angerufen hatte, war eine
+große, derbe Person, eine Verkäuferin. Die andere eine Dame mit Pelz und
+Schleier. "Pack an, Kleiner, du sollst der Dame den Baum heimtragen, du weißt
+doch die Luisenstraße?" sagte die Frau und legte ihm den Baum über die
+Schulter.
+</p>
+
+<p>
+"Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?" fragte die Dame.
+</p>
+
+<p>
+"O bewahre," meinte die Händlerin, "der hat schon ganz andere Bäume geschleppt,
+sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm heim gehen."
+"Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller," sagte die Dame. "Sieh, auf diesem Papier
+ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur nicht auf, daß dich's nicht in die
+Hände friert." Da Frieder immer noch unbeweglich stand, gab ihm die Verkäuferin
+einen kleinen Anstoß in der Richtung, die er einzuschlagen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der andern,
+trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, daß er mehr aus
+Mißverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wußte es aber nicht gewiß.
+Die Damen konnten die Bäume nicht selbst tragen, so mußten eben die Buben
+helfen. Er sah manche mit Christbäumen laufen, freilich meist größere. Er war
+eigentlich stolz, daß man ihm einen Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt
+nur die Brüder begegnet wären oder gar der Vater!
+</p>
+
+<p>
+Wie die Zweige ihn so komisch am Hals kitzelten, wie ihm der Duft in die Nase
+stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der Baum, obwohl er
+nicht groß war, unbarmherzig auf die Schulter, man mußte ihn oft von der einen
+auf die andere legen, und bei solch einem Wechsel entglitt ihm das Papierchen
+mit der Adresse und flatterte zu Boden, ohne daß die steife, von der Kälte
+erstarrte Hand es empfunden hätte. Nun schmerzten ihn die beiden Schultern, er
+trug den Baum frei mit beiden Händen. Aber da wurde Frieder hart angefahren von
+einem Mann, der ihm entgegen kam: "Du, du stichst ja den Menschen die Augen
+aus, halte doch deinen Baum hinter dich, so!" und der Vorübergehende schob ihm
+den Baum unter den Arm. Nach kürzester Zeit kam von hinten eine Stimme: "Du,
+Kleiner, du kehrst ja die Straße mit deinem Christbaum, halte doch deinen Baum
+hoch!" Ach, das war eine schwierige Sache! Aber nun war auch die Luisenstraße
+glücklich erreicht. Freilich, die Adresse war abhanden gekommen, aber Frieder
+hatte sich das wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43 und im zweiten Stock und bei
+einer Frau Doktor, das mußte nicht schwer zu finden sein. In Nr. 42a wollte
+niemand etwas von dem Baum wissen, aber in Nr. 42b bekam Frieder guten
+Bescheid, das Dienstmädchen wußte es ganz gewiß, der Baum gehörte nach Nr. 47,
+die Dame war zugleich mit ihr auf dem Markt gewesen und hatte einen Baum
+gekauft. Also nach Nr. 47. Als man ihm dort seinen Baum wieder nicht abnehmen
+wollte, kamen ihm die Tränen, und eine mitleidige Frau hieß ihn sich ein wenig
+auf die Treppe setzen, um auszuruhen.
+</p>
+
+<p>
+"In der Luisenstraße wohnt nur <i>ein</i> Doktor," sagte sie, "und das ist Dr.
+Weber in Nr. 24, bei dem mußt du fragen." Unser Frieder hätte nun lieber in Nr.
+43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei die richtige Nummer,
+aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als sich selbst, und so folgte
+er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43 vorbei bis an Nr. 24 und hörte
+dort von dem Dienstmädchen der Frau Dr. Weber, sie hätten längst einen Baum und
+einen viel schöneren und größeren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Tränen
+herunter, und als er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz
+klar, wo er jetzt hingehen wollte—heim zur Mutter. Es mußte ja schon spät sein,
+vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die Mutter
+Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es dürfe nichts, gar nichts mehr
+vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim!
+</p>
+
+<p>
+Und es war wirklich höchste Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun aber Marie
+und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen: "Frieder hat
+versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen Vormittag
+weggeblieben!"
+</p>
+
+<p>
+"Er ist gewiß schon längst bei den Brüdern, im Hof, auf der Schleife. Sieh
+einmal nach ihm," sagten die Schwestern.
+</p>
+
+<p>
+Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu ängstigen,
+nicht sowohl für den kleinen Bruder—was sollte dem zugestoßen sein—, aber wenn
+er nicht zu Mittag käme, würden sich die Eltern sorgen und darüber ärgern, daß
+doch wieder etwas vorgekommen sei. "Er wird doch kommen bis zum Essen," sagten
+sie zueinander und, als nun die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von
+allerlei, nur nicht von Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater
+heim, fröhlich und guter Dinge und fragte gleich: "Ist das Essen schon fertig?"
+</p>
+
+<p>
+"Es ist noch nicht halb ein Uhr," entgegnete Karl, der die Frage gehört hatte.
+"Es wird gleich schlagen," meinte der Vater, ging aber doch noch in sein
+Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: "Wenn man nur das Essen ein
+wenig verzögern könnte," sagte Karl.
+</p>
+
+<p>
+"Das will ich machen," flüsterte Marie, ging in die Küche, zog Walburg zu sich
+und rief ihr dann ins Ohr: "Frieder ist noch nicht daheim, der Vater wird so
+zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht machen, daß man später
+ißt?" Walburg nickte freundlich, ging an den Herd, deckte ihre Töpfe auf und
+sagte dann: "Du kannst der Mutter sagen, den Linsen täte es gut, wenn sie noch
+eine Weile kochen dürften." Da sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs
+Ausspruch ging von Mund zu Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die
+Linsen ganz hart.
+</p>
+
+<p>
+"So?" sagte sie verwundert, "mir kamen sie weich vor, aber wir können ja noch
+ein wenig mit dem Essen warten."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht," sagten die Kinder.
+</p>
+
+<p>
+So vergingen fünf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er es nur
+mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf, und bei seinem
+Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau Pfäffling merkte jetzt, daß
+etwas nicht in Ordnung war und ging auch hinaus. Da stand Frieder ganz außer
+Atem, mit glühenden Backen, den Christbaum auf der Schulter und fragte
+ängstlich: "Ißt man schon?"
+</p>
+
+<p>
+Als er aber hörte, daß die Mutter ihn nicht vermißt hatte, und sah, wie man
+seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: "Stell ihn nur ab, du
+glühst ja ganz," da wurde ihm wieder leicht ums Herz. Sie meinten alle, der
+Christbaum gehöre Frieder. "Nein, nein," sagte dieser, "ich muß ihn einer Frau
+bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie heißt und wo sie wohnt." Da lachten sie
+ihn aus und wollten alles genau hören, auch Herr Pfäffling war hinzu gekommen
+und hörte von Frieders Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Nun komm
+nur zu Tisch, du kleines Dummerle, du!"
+</p>
+
+<p>
+Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte, läßt sich
+denken.
+</p>
+
+<p>
+Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner rechtmäßigen
+Besitzerin bringen könne. "Einer von euch Großen muß mit Frieder gehen, ihm
+helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus zu Haus
+laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen," entgegnete Karl.
+</p>
+
+<p>
+"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem würde ich mich
+schämen."
+</p>
+
+<p>
+"So, so," sagte Herr Pfäffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß wohl ich
+meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der Ecke stand, hob ihn
+frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte spassend: "So werde ich durch
+die Luisenstraße ziehen, eine Schelle nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum
+gehört, der soll sich melden.'"
+</p>
+
+<p>
+"Ich denke doch," sagte Frau Pfäffling, "einer von unseren dreien wird so
+gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein Kamerad denken
+sollte, daß er für andere Leute Gänge macht." Sie schwiegen aber. Da setzte
+Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte sehr ernst: "Kinder, fangt nur das
+gar nicht an, daß ihr meint: dies oder jenes paßt sich nicht, das könnten die
+Kameraden schlecht auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer
+durchs Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf
+Meier ab."
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit Hilfe dessen
+und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der Baum in die Luisenstraße
+Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte.
+</p>
+
+<p>
+Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir nichts
+daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich hätte gar nicht gedacht, daß
+es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet."
+</p>
+
+<p>
+"Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir ein
+Trinkgeld gibt," sagte Karl.
+</p>
+
+<p>
+"Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen Pfennig
+mehr."
+</p>
+
+<p>
+Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins Zimmer
+kam und sagte: "Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum so lang bleibt,
+tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit, deinem alten Mantel
+schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt."
+</p>
+
+<p>
+Diesem bestimmten Befehl gegenüber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto mußte
+sich bequemen, Frieder zu begleiten.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstraße gekommen, als Otto
+plötzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und sagte: "Da vornen
+kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich aus, wenn sie meinen, ich
+müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück kannst du doch den Baum selbst
+tragen? Und kannst dich auch selbst entschuldigen, nicht?"
+</p>
+
+<p>
+"Gut kann ich," sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach war das
+nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: "Dr. Heller", das stimmte
+alles ganz gut mit dem Adreßbuch und oben im zweiten Stock stand noch einmal
+der Name. Diesmal war Frieder an der rechten Türe.
+</p>
+
+<p>
+Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein wenig mit
+ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht früher als Frieder nach Hause
+kommen. Als er sich endlich entschloß, heim zu gehen, war es ihm nicht
+behaglich zumute; es reute ihn doch, daß er den Kleinen zuletzt noch im Stich
+gelassen hatte. In der Frühlingsstraße wollte er mit dem Bruder wieder
+zusammentreffen. Er wartete eine Weile vergeblich auf ihn, dann ging ihm die
+Geduld aus, vermutlich war Frieder schon längst daheim. Er hoffte ihn oben zu
+finden, aber es war nicht so, das konnte er gleich daran merken, daß er von
+allen Seiten gefragt wurde: wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun mußte er
+freilich erzählen, daß er nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 den Baum
+getragen, und dann mit einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hörte man auch
+schon wieder jemand vor der Glastüre, das konnte Frieder sein, und dann war ja
+die Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der kleine Unglücksmensch und
+hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie trauten ihren Augen kaum. "Ja
+Frieder, hast du denn die Wohnung nicht gefunden?" riefen sie fast alle
+zugleich. Da zuckte es um seinen Mund, er würgte an den Tränen, die kommen
+wollten, und preßte hervor: "Neunmal geklingelt, niemand zu Haus!" Sie waren
+nun alle voll Mitleid, aber sie konnten auch nicht verstehen, warum er nicht
+oben oder unten bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hatte er eben
+gar nicht gedacht. "Deshalb gibt man solch einem kleinen Dummerle einen
+größeren Bruder mit," sagte Frau Pfäffling, "aber wenn der freilich so treulos
+ist und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten."
+</p>
+
+<p>
+"Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht," rief Wilhelm, "ich gehe mit dem Baum
+und das dürft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr zurück," und flink
+faßte er den Christbaum, der freilich schon ein wenig von seiner Schönheit
+eingebüßt hatte, und sprang leichtfüßig davon.
+</p>
+
+<p>
+In der Luisenstraße Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und sofort
+rief das Dienstmädchen: "Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch noch!" Eine
+lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: "Wo bist du denn so lang
+geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar nicht, dir habe ich keinen Baum
+zu tragen gegeben, der gehört nicht mir."
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen jungen
+Pfäfflingen gemacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+"Der Kleine dauert mich," sagte die junge Frau. "Das zweite Mal, als er kam,
+war ich wohl mit meinem Mädchen wieder auf dem Markt, ich habe nämlich nicht
+gedacht, daß er noch kommt, und habe einen andern geholt, ich brauche ihn schon
+heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da konnte ich nicht warten. Was
+mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr wohl schon einen zu Haus? Ich würde
+euch den gern schenken."
+</p>
+
+<p>
+"Wir haben noch keinen," sagte Wilhelm.
+</p>
+
+<p>
+"Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten kleinen
+Dicken, der so viel Not gehabt hat, möchte ich noch einen Lebkuchen schicken,
+den bringst du ihm, nicht wahr?"
+</p>
+
+<p>
+Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnügt mit seinem
+Baum heimwärts.
+</p>
+
+<p>
+Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter angezündet, als
+Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe geraubt hatten, kamen
+eilig mit derselben herbei, als Wilhelm klingelte, und ließen sie vor Schreck
+fast aus der Hand fallen, als sie den Baum sahen. "Der Baum kommt wieder!"
+schrien die Mädchen ins Zimmer. "Unmöglich!" rief die Mutter. "Ja doch," sagte
+Karl, "der Baum, der unglückselige Baum!" "Gelt," rief Frieder, "es wird nicht
+aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt!"
+</p>
+
+<p>
+Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab ihn
+Frieder: "Der ist für dich von deiner Frau Dr. Heller, und der Baum, Mutter,
+der gehört uns, ganz umsonst!" Als Herr Pfäffling heim kam, ergötzte er sich an
+der Kinder Erzählung von dem Christbaum, aber er merkte, daß es Otto nicht
+recht wohl war bei der Sache, und wollte sie eben deshalb genauer hören. "Also
+so hat sich's verhalten," sagte er schließlich, "vor dem Lachen der Kameraden
+hast du dich so gefürchtet, daß du den Bruder und den Baum im Stich gelassen
+hast? Dann heiße ich dich einen Feigling!"
+</p>
+
+<p>
+Weiter wurde nichts mehr über die Sache gesprochen, aber dies eine Wort
+"Feigling", vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das brannte und
+schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu vergessen. Es war
+auch am nächsten Morgen, an dem vierten Adventssonntag, Ottos erster Gedanke.
+Es trieb ihn um, er konnte dem Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen.
+Da trachtete er, mit der Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, daß er
+ihr nachging, und ließ sich allein finden, in dem Bubenzimmer. "Mutter," sagte
+er, "ich kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich
+ihn um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er hält mich doch für feig."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, Otto, er muß dich dafür halten, denn du bist es gewesen und zwar schon
+manchmal in dieser Art. Immer abhängig davon, wie die anderen über dich
+urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft nur ankämpfen gegen
+die Feigheit, Beweise liefern, daß du auch tapfer sein kannst."
+</p>
+
+<p>
+Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurückkehrten, fehlte
+Otto. Er kam eine ganze Stunde später heim und dann suchte er zuerst den Vater
+in dessen Zimmer auf. Herr Pfäffling sah von seinen Musikalien auf. "Willst du
+etwas?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, dich bitten, Vater, daß du das Wort zurücknimmst. Du weißt schon welches.
+Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt gestanden und
+habe dann für jemand einen Baum heimgetragen. Drei von meiner Klasse haben es
+gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld, die ich bekommen habe." Da sah
+Herr Pfäffling mit fröhlichem, warmem Blick auf seinen Jungen und sagte: "Es
+gibt allerlei Heldentum, das war auch eines; nein, Kind, du bist doch kein
+Feigling!"
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap07"></a>7. Kapitel<br/>
+Immer noch nicht Weihnachten.</h2>
+
+<p>
+Der letzte Schultag vor Weihnachten war gekommen. Wer sich von der Familie
+Pfäffling am meisten freute auf den Schulschluß, das war gerade das einzige
+Glied derselben, das noch nicht zur Schule ging, das Elschen. Ihr war die
+Schule die alte Feindin, die ihr, solange sie zurückdenken konnte, alle
+Geschwister entzog, die unbarmherzig die schönsten Spiele unterbrach, die ihre
+dunkeln Schatten in Gestalt von Aufgaben über die ganzen Abende warf und die
+auch heute schuld war, daß die Geschwister, statt von Weihnachten, nur von den
+Schulzeugnissen redeten, die sie bekommen würden.
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen jetzt beim Frühstück, aber es wurde hastig eingenommen, die
+Schulbücher lagen schon bereit, und gar nichts deutete darauf hin, daß morgen
+der heilige Abend sein sollte. Die Kleine wurde ganz ungeduldig und mißmutig.
+"Vater," sagte sie aus dieser Stimmung heraus, "gibt es gar kein Land auf der
+ganzen Welt, wo keine Schule ist?"
+</p>
+
+<p>
+"O doch," antwortete Herr Pfäffling, "in der Wüste Sahara zum Beispiel ist
+zurzeit noch keine eröffnet."
+</p>
+
+<p>
+"Da mußt du Musiklehrer werden, Vater," rief die Kleine ganz energisch. Aber da
+alle nur lachten, sogar Frieder, merkte sie, daß der Vorschlag nichts taugte,
+und sie sah wieder, daß gegen die Schule ein für allemal nichts zu machen war.
+</p>
+
+<p>
+Heute sollte sie das besonders bitter empfinden. Als sie nach der letzten
+Schulstunde den großen Brüdern fröhlich entgegenkam, wurde sie nur so beiseite
+geschoben; die Drei waren in eifrigem, aber leise geführtem Gespräch und
+verschwanden miteinander in ihrem Schlafzimmer. Es waren nämlich die Zeugnisse
+ausgeteilt worden, und da zeigte es sich, daß Wilhelm in der Mathematik die
+Note "4" bekommen hatte, die geringste Note, die gegeben wurde. Das war noch
+nie dagewesen, die Zahl 4 war bisher in keinem Zeugnisheft der jungen
+Pfäfflinge vorgekommen. "So dumm sieht der Vierer aus," sagte Wilhelm, "was
+hilft es mich, daß ein paar Zweier sind, wo das letztemal Dreier waren, der
+Vater sieht doch auf den ersten Blick den Vierer."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Karl, "gerade so wie unser Professor auch in der schönsten
+Reinschrift immer nur die eine Stelle sieht, wo etwas korrigiert ist."
+</p>
+
+<p>
+"Wenn wir es nur einrichten könnten, daß wir die Zeugnishefte erst nach
+Weihnachten zeigen müßten. Meint ihr, das geht?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Karl, "man hat sonst jeden Tag Angst, daß der Vater darnach
+fragt. Aber es kann freilich die Freude verderben; hättest du es nicht
+wenigstens zu einem schlechten Dreier bringen können?"
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm blieb darauf die Antwort schuldig. Die Schwestern waren inzwischen auch
+mit ihren Zeugnissen heimgekommen und suchten die Brüder auf. Marie warf nur
+einen Blick auf die Gruppe, dann sagte sie: "Gelt, ihr seid schlecht
+weggekommen?" und da keine Antwort erfolgte, fuhr sie fort: "Unsere Zeugnisse
+sind gut, besser als das letztemal, und der Frieder hat auch gute Noten. Dann
+wird der Vater schon zufrieden sein."
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Wilhelm, "er wird nur meinen Vierer sehen."
+</p>
+
+<p>
+"O, ein Vierer?" "O weh!" riefen die Schwestern.
+</p>
+
+<p>
+"So jammert doch nicht so," rief Wilhelm, "sagt lieber, was man machen soll,
+daß der Vater die Zeugnisse vor Weihnachten nicht ansieht?"
+</p>
+
+<p>
+Sie berieten und besannen sich eine Weile, ein Wort gab das andere und zuletzt
+wurde beschlossen, die Noten sollten alle zusammengezählt und dann die
+Durchschnittsnote daraus berechnet werden. Diese mußte, trotz des fatalen
+Vierers, ganz gut lauten, so daß die Eltern wohl befriedigt sein konnten. Die
+Mutter hatte überdies selten Zeit, die Heftchen anzusehen, und dem Vater wollte
+man die schöne Durchschnittsnote in einem geschickten Augenblick mitteilen,
+dann würde er nicht weiter nachfragen; erst nach Neujahr mußten die Zeugnisse
+unterschrieben werden, bis dahin hatte es ja noch lange Zeit, so weit hinaus
+sorgte man nicht. Wilhelm war sehr vergnügt über den Gedanken, Otto, der das
+beste Zeugnis hatte, war zwar weniger damit einverstanden, wurde aber
+überstimmt, und sie machten sich nun an die Durchschnittsberechnung.
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm holte Frieder herbei, der hatte der Mutter schon sein Zeugnis gezeigt,
+nun wurde es ihm von den Brüdern abgenommen. "Seht nur," sagte Wilhelm, "wie
+der sich diesmal hinaufgemacht hat!"
+</p>
+
+<p>
+"Dafür kann ich nichts," sagte Frieder, "die Mutter sagt, das kommt nur von der
+Harmonika. Wahrscheinlich, wenn ich eine neue zu Weihnachten bekomme, werden
+die Noten wieder schlechter. Gibst du mir mein Heft wieder, Karl?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, das brauchen wir noch, sei nur still, daß ich rechnen kann."
+</p>
+
+<p>
+"Geh lieber hinaus, Frieder," sagte Marie mütterlich, "das Elschen hat sich so
+gefreut auf dich," und sie schob den Kleinen zur Türe hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Es ergab sich eine gute Durchschnittsnote, und Marie wollte es übernehmen, sie
+dem Vater so geschickt mitzuteilen, daß er gewiß nicht nach den Heften fragen
+würde. Sie wartete den Augenblick ab, wo Herr Pfäffling sich richtete, um zum
+letztenmal vor dem Fest in das Zentralhotel zu gehen. An seinen raschen
+Bewegungen bemerkte sie, daß er in Eile war. "Vater," sagte sie, "wir haben
+alle unsere Zeugnisse bekommen und die Noten zusammengezählt. Dann hat Karl
+berechnet, was wir für eine Durchschnittsnote haben, weißt du, was da
+herausgekommen ist? Magst du raten, Vater?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich kann mich nicht mehr aufhalten, ich muß fort, aber hören möchte ich es
+doch noch gerne, eine Durchschnittsnote von allen Sechsen? Zwei bis drei
+vielleicht?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, denke nur, Vater, eins bis zwei, ist das nicht gut?"
+</p>
+
+<p>
+"Recht gut," sagte Herr Pfäffling; er hatte nun schon den Hut auf und Marie
+bemerkte noch schnell unter der Türe: "Die Zeugnisheftchen will ich alle in der
+Mutter Schreibtisch legen, daß du sie dann einmal unterschreiben kannst." "Ja,
+hebe sie nur gut auf," rief Herr Pfäffling noch von der Treppe herauf.
+</p>
+
+<p>
+Die kleine List war gelungen, die Heftchen wurden sehr sorgfältig, aber sehr
+weit hinten im Schreibtisch geborgen; ungesucht würden sie da niemand in die
+Hände fallen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling freute sich jedesmal auf die Stunden im Zentralhotel, denn es
+war dort mehr ein gemeinsames Musizieren als ein Unterrichten und so betrat er
+auch heute in fröhlicher Stimmung das Hotel. Diesmal stand die große Flügeltüre
+des untern Saales weit offen, Tapezierer waren beschäftigt, die Wände zu
+dekorieren, der Besitzer des Hotels stand mitten unter den Handwerksleuten und
+erteilte ruhig und bestimmt seine Befehle. "Das ist auch ein General," dachte
+Herr Pfäffling, nachdem er einige Augenblicke zugesehen hatte. Große Tätigkeit
+herrschte in den untern Räumen. An der angelehnten Türe des Speisezimmers stand
+ein kleiner Kellner, die Serviette über dem Arm, einige Flaschen in der Hand
+und sah zu, wie eben zwei hohe Tannenbäume in den Saal getragen wurden. Aber
+plötzlich fuhr der kleine Bursche zusammen, denn hinter ihm ertönte eine
+scheltende Stimme: "Was stehst du da und hast Maulaffen feil, mach daß du an
+dein Geschäft gehst!" Es war Rudolf Meier, der den Säumigen so anfuhr. Als er
+Herrn Pfäffling gewahrte, grüßte er sehr artig und sagte: "Man hat seine Not
+mit den Leuten, heutzutage taugt das Pack nicht viel." Eine Antwort erhielt
+Rudolf nicht auf seine Rede, ohne ein Wort ging Herr Pfäffling an ihm vorbei,
+die Treppe hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Rudolf sah ihm nachdenklich nach. Es kam ihm öfters vor, daß er auf seine
+verständigsten Reden keine Antwort bekam, und zwar gerade von den Leuten, die
+er hoch stellte. Andere rühmten ihn ja oft und sagten ihm, er spreche so klug
+wie sein Vater; ob wohl solche Leute, wie Herr Pfäffling noch größere Ansprüche
+machten? Rudolf stellte sich die Brüder Pfäffling vor. Wie kindisch waren sie
+doch im Vergleich mit ihm, sogar Karl, der älteste; diesen Unterschied mußte
+ihr Vater doch empfinden, es mußte ihm doch imponieren, daß er schon so viel
+weiter war! Der kleine Kellner konnte es wohl noch bemerkt haben, wie
+geringschätzig Herr Pfäffling an ihm vorübergegangen war: so etwas erzählten
+sich dann die Dienstboten untereinander und spotteten über ihn, das wußte er
+wohl. Ja, er hatte keine leichte Stellung im Haus.
+</p>
+
+<p>
+Indessen war Herr Pfäffling die ihm längst vertraute Treppe hinaufgesprungen.
+Droben empfing ihn schon das flotte Geigenspiel seiner Schüler, und nun wurde
+noch einmal vor Weihnachten ausgiebig musiziert.
+</p>
+
+<p>
+"Es wird ein Ball im Hotel arrangiert zur Weihnachtsfeier," erzählte ihm die
+Generalin am Schluß der Stunde, "es soll sehr schön werden."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte der General, "der Hotelier gibt sich alle Mühe, seinen Gästen viel
+zu bieten, er ist ein tüchtiger Mann und versteht sein Geschäft ausgezeichnet,
+aber sein Sohn <i>spricht</i> nur von Arbeit und tut selbst keine! Der Sohn
+wird nichts."
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Pfäffling sich für die Weihnachtsferien verabschiedet hatte und
+hinausging, sah er am Fenster des Korridors eben <i>den</i> Sohn stehen, über
+den einen Augenblick vorher das vernichtende Urteil gefällt war: "Er wird
+nichts." Kann es ein traurigeres Wort geben einem jungen Menschenkind
+gegenüber? Herr Pfäffling konnte diesmal nicht teilnahmslos an ihm
+vorübergehen. Rudolf Meier stand auch nicht zufällig da. Er wußte vielleicht
+selbst nicht genau, was ihn hertrieb. Es war das Bedürfnis, sich Achtung zu
+verschaffen von diesem Mann. Ein anderes Mittel hiezu kannte er nicht, als
+seine eigenen Leitungen zur Sprache zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+"Wünsche fröhliche Feiertage," redete er Herrn Pfäffling an. "Für andere
+Menschen beginnen ja nun die Ferien, für uns bringt so ein Fest nur Arbeit."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling blieb stehen. "Ja," sagte er, "ich sehe, daß Ihr Vater sehr viel
+zu tun hat, aber wenn die Gäste versorgt sind, haben Sie doch wohl auch Ihre
+Familienfeier, Ihre Weihnachtsbescherung?"
+</p>
+
+<p>
+"Ne, das gibt es bei uns nicht. Früher war das ja so, als ich klein war und
+meine Mutter noch lebte, aber ich bin nicht mehr so kindisch, daß ich jetzt so
+etwas für mich beanspruchte. Ich habe auch keine Zeit. Sie begreifen, daß ich
+als einziger Sohn des Hauses überall nachsehen muß. Die Dienstboten sind so
+unzuverlässig, man muß immer hinter ihnen her sein."
+</p>
+
+<p>
+"Lassen sich die Dienstboten von einem fünfzehnjährigen Schuljungen anleiten?"
+</p>
+
+<p>
+Rudolf Meier war über diese Frage verwundert. Wollte es ihm denn gar nicht
+gelingen, diesem Manne verständlich zu machen, daß er eben kein gewöhnlicher
+Schuljunge war?
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe keinen Verkehr mit Schulkameraden," sagte er, "in jeder freien
+Stunde, auch Sonntags, bin ich hier im Hause beschäftigt."
+</p>
+
+<p>
+"Sie kommen wohl auch nie in die Kirche?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich selbst nicht leicht, aber ich bin sehr gut über alle Gottesdienste
+unterrichtet. Wir haben oft Gäste, die sich dafür interessieren, und ich weiß
+auch allen, gleichviel ob es Christen oder Juden sind, Auskunft zu geben über
+Zeit und Ort des Gottesdienstes, über beliebte Prediger, feierliche Messen und
+dergleichen. Man muß allen dienen können und darf keine Vorliebe für die eine
+oder andere Konfession merken lassen. Wir dürfen ja auch Ausländer nicht
+verletzen und müssen uns manche spöttische Äußerung über die Deutschen gefallen
+lassen. Das bringt ein Welthotel so mit sich."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling sagte darauf nichts und Rudolf Meier war zufrieden. Das
+"Welthotel" war immer der höchste Trumpf, den er ausspielen konnte, und der
+verfehlte nie seine Wirkung, auch auf Herrn Pfäffling hatte er offenbar
+Eindruck gemacht, denn der geringschätzige Blick, den er vor der Stunde für ihn
+gehabt hatte, war einem andern Ausdruck gewichen.
+</p>
+
+<p>
+Unten, im Hausflur, stand noch immer die Türe zu dem großen Saal offen, die
+Dekoration hatte Fortschritte gemacht, Herr Rudolf Meier sen. stand auf der
+Schwelle und überblickte das Ganze, und im Vorbeigehen hörte Herr Pfäffling ihn
+zu einem Tapezierer sagen:
+</p>
+
+<p>
+"An diesem Fenster ist noch Polsterung anzubringen, damit jede Zugluft von den
+Gästen abgehalten wird."
+</p>
+
+<p>
+Unser Musiklehrer, dem sonst, wenn er von seinen russischen Schülern kam, die
+schönsten Melodien durch den Kopf gingen, war heute auf dem Heimweg in Gedanken
+versunken. Er sah vor sich den tüchtigen Geschäftsmann, der in unermüdlicher
+Tätigkeit sein Hotel bestellte, der von seinen Gästen jeden schädlichen Luftzug
+abhielt, und der doch nicht merkte, wie der einzige Sohn, dem dies alles einst
+gehören sollte, in Gefahr war, zugrunde zu gehen. Herr Pfäffling war eine
+Straße weit gegangen, da trieben ihn seine Gedanken wieder rückwärts. "Sprich
+mit dem Mann ein Wort über seinen Sohn," sagte er sich, "wenn seinem Haus eine
+Gefahr drohte, würdest du es doch auch sagen, warum nicht, wenn du siehst, daß
+sein Kind Schaden nimmt, daß es höchste Zeit wäre, es den schlimmen Einflüssen
+zu entziehen? Es sollte fortkommen vom Hotel, von der großen Stadt, in
+einfache, harmlose Familienverhältnisse!" Während sich Herr Pfäffling dies
+überlegte, ging er raschen Schritts ins Zentralhotel zurück, und nun stand er
+vor Herrn Meier, in dem großen Saal.
+</p>
+
+<p>
+Der Hotelbesitzer meinte, der Musiklehrer interessiere sich für die Dekoration
+und forderte ihn höflich auf, alles zu besehen. "Ich danke," sagte Herr
+Pfäffling, "ich sah schon vorhin, wie hübsch das wird, aber um Ihren Sohn, Herr
+Meier, um Ihren Sohn ist mir's zu tun!"
+</p>
+
+<p>
+Äußerst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach einem
+anstoßenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestört. Wollen Sie Platz nehmen?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich stehe lieber," eigentlich hätte er sagen
+sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespräch begonnen, so trieb
+ihn der Eifer im Zimmer hin und her.
+</p>
+
+<p>
+"Ich meine," sagte er, "über all Ihren Leistungen als Geschäftsmann sehen Sie
+gar nicht, was für ein schlechtes Geschäft bei all dem Ihr Kind macht. Ist's
+denn überhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie ein Mann und ist doch
+kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der tüchtig arbeitet und dann
+fröhlich spielt. Er aber tut keines von beiden. In dem Alter, wo er gehorchen
+sollte, will er kommandieren, den Herrn will er spielen und hat doch nicht das
+Zeug dazu. Er wird kein Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein
+Christ, denn er dünkt sich über alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem
+Hotel, fort von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da könnte noch etwas
+aus ihm werden, aber so nicht!"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling hatte so eifrig gesprochen, daß sein Zuhörer dazwischen nicht zu
+Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und kühl: "Ich muß
+mich wundern, Herr Pfäffling, daß Sie mir das alles sagen. Wir kennen uns nicht
+und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur ganz flüchtig. Mir scheint, Sie
+urteilen etwas rasch. Andere sagen mir, daß mein Sohn der geborene
+Geschäftsmann ist und schon jetzt einem Haus vorstehen könnte. Wenn er Ihnen so
+wenig gefällt, dann bitte kümmern Sie sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes
+Kind wohl am besten und werde für sein Wohl sorgen."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie dieser
+vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, daß ich Sie gekränkt habe. Das
+wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich vergessen, was ich schon so
+oft bei den Eltern meiner Schüler erfahren habe, daß es die Menschen nicht
+ertragen, wenn man offen über ihre Kinder spricht und wenn es auch aus der
+reinsten Teilnahme geschieht. Sagen Sie mir nur das eine, warum würden Sie es
+mir danken, wenn ich Ihnen sagte: 'Ihr Kind ist in Gefahr, ins Wasser zu
+fallen,' und warum sind Sie gekränkt, wenn ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr
+für seinen Charakter?' Darin kann ich die Menschen nie verstehen!"
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein,
+verlangten Bescheid, und Herr Pfäffling machte rasch der Unterredung ein Ende,
+indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser Sache gekommen, ich
+sehe, Sie sind draußen unentbehrlich und will Sie nicht aufhalten." Er ging,
+der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurück.
+</p>
+
+<p>
+"Diese Sache ist mißlungen," sagte sich Herr Pfäffling, "ich habe nichts
+erreicht, als daß sich der Mann über mich ärgert." Und nun ärgerte auch er
+sich, aber nur über sich selbst. Warum hatte er sich seine Worte nicht erst in
+Ruhe überlegt und schonend vorgebracht, was er sagen wollte, statt diesen
+ahnungslosen Vater mit hageldicken Vorwürfen zu überschütten? Nun ging er mit
+sich selbst ebenso streng ins Gericht: "Nichts gelernt und nichts vergessen;
+immer noch gerade so ungestüm wie vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und
+nachbedacht, trotz aller Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst,
+auf die Leute einzuwirken, so laß die Hand davon; kümmere dich um deine eigenen
+Kinder, wer weiß, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen."
+</p>
+
+<p>
+Nachdem sich Herr Pfäffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er sich
+über Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen eigenen Kindern.
+Nun kam ihm wieder die Pfäfflingsche Note in den Sinn: eins bis zwei. Er dachte
+in dieser Richtung noch weiter nach, und die Folge davon war, daß er nach
+seiner Rückkehr dem ersten, der ihm zu Hause in den Weg lief, zurief:
+</p>
+
+<p>
+"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich will sie
+sehen!"
+</p>
+
+<p>
+Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse müssen
+her, der Vater will sie sehen!" flüsterte eines dem andern zu. "Warum denn,
+warum?" Niemand wußte Antwort, aber jetzt half keine List mehr, Marie mußte die
+Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck und sie hinübertragen in des
+Vaters Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe das deinige ein wenig versteckt," sagte sie zu Wilhelm, als sie
+wieder herüberkam, "vielleicht übersieht es der Vater."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling kannte seine Kinder viel zu gut, als daß er ihre kleine List mit
+der guten Durchschnittsnote nicht durchschaut hätte. "Irgend etwas ist sicher
+nicht in Ordnung," sagte er sich, "gewiß sind ein paar fatale Dreier da, oder
+eine schlechte Bemerkung über das Betragen." Er überblickte die kleine
+Ausstellung auf seinem Tisch. Da lag zuvorderst Karls Zeugnisheft. Dies hielt
+sich so ziemlich gleich, jahraus, jahrein, nie vorzüglich, immer gut. Es gab
+das Bild eines gewissenhaften Schülers, aber nicht eines großen
+Sprachgelehrten.
+</p>
+
+<p>
+Dann Otto. In den meisten Fächern I. So einen konnte man freilich gut brauchen,
+wenn sich's um eine Durchschnittsnote handelte, der konnte viele Sünden anderer
+gut machen.
+</p>
+
+<p>
+Maries Heftchen zeigte die größte Verschiedenheit in den Noten. Wo die
+Geschicklichkeit der Hand in Betracht kam und der praktische Sinn, da war sie
+vorzüglich, in Handarbeit, Schönschreiben, Zeichnen, da tat sie sich hervor,
+aber bei der rein geistigen Arbeit war selten eine gute Note zu sehen. Und von
+Anne konnte man das auch nicht erwarten, denn sie war von der Natur ein wenig
+verkürzt, das Lernen fiel ihr schwer, ohne Maries Hilfe wäre sie wohl nicht mit
+ihrer Klasse fortgekommen, aber die Lehrer und Lehrerinnen hatten sich längst
+darein gefunden, bei diesen Zwillingsschwestern das gemeinsame Arbeiten zu
+gestatten und die Marianne als ein Ganzes zu betrachten. So schlugen sie sich
+schlecht und recht miteinander durch und unter Annes Noten glänzten doch immer
+zwei I, durch alle Schuljahre hindurch: im Singen und im Betragen.
+</p>
+
+<p>
+Bis jetzt hatte Herr Pfäffling noch nichts Neues oder Besonderes entdecken
+können und nun hielt er Frieders Zeugnis in der Hand und staunte. Was für gute
+Noten hatte sich der kleine Kerl diesmal erworben! Fast in jedem Fach besser
+als früher und in einer Bemerkung des Lehrers waren seine Fortschritte und sein
+Fleiß besonders anerkannt! Wie kam das nur? Es mußte wohl mit der Harmonika
+zusammenhängen, die ihm früher alle Gedanken, alle freie Zeit in Anspruch
+genommen hatte! Herr Pfäffling hatte seine Freude daran und es kam ihm der
+Gedanke, seine Kinder seien vielleicht doch nur durch die besseren Zeugnisse
+auf den Einfall gekommen, eine Durchschnittsnote herauszurechnen. Wieviel
+Heftchen hatte er schon gesehen? Fünf, eines fehlte noch, Wilhelms Zeugnis, wo
+war denn das? Ah, hinter den Büchern, hatte es sich wohl zufällig verschoben?
+Er warf nur einen Blick hinein und die ungewohnte Form der Zahl IV sprang ihm
+ins Auge. Also das war's! Mathematik IV. Das war stark. Herr Pfäffling lief im
+Zimmer hin und her. Wie konnte man nur eine so schlechte Note heimbringen! Und
+wie feig, sie so zu verstecken, und wie dumm, zu meinen, der Vater ließe sich
+auf diese Weise überlisten! Schlechtere Noten konnte Rudolf Meier auch nicht
+heimbringen.
+</p>
+
+<p>
+Er nahm das Heftchen noch einmal in die Hand. Im ganzen war das Zeugnis etwas
+besser als die früheren, also Faulheit oder Leichtsinn war es wohl nicht, aber
+für die Mathematik fehlte das Verständnis.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile war Herr Pfäffling auf und ab gegangen, da hörte er jemand an seiner
+Türe vorbeigehen und öffnete rasch, um Wilhelm zu rufen. Es war Elschen. Als
+sie den Vater sah, sprang sie auf ihn zu, sah ihm fragend ins Gesicht und sagte
+dann betrübt: "Vater, du denkst gar nicht daran, daß morgen Weihnachten ist!"
+und sie schmiegte sich an ihn und folgte ihm in sein Zimmer. Er zog sie
+freundlich an sich: "Es ist wahr, Elschen, ich habe nicht daran gedacht, es ist
+gut, daß du mich erinnerst."
+</p>
+
+<p>
+"Die andern denken auch nicht daran," klagte die Kleine, "sie reden immer nur
+von ihren Zeugnissen und freuen sich gar nicht."
+</p>
+
+<p>
+"So?" sagte Herr Pfäffling und wurde nachdenklich, "am Tag vor Weihnachten
+freuen sie sich nicht? Nun, dann schicke sie mir einmal alle sechs herüber, ich
+will machen, daß sie sich freuen!"
+</p>
+
+<p>
+Wie der Wind fuhr die Kleine durch die Zimmer und brachte ihre Geschwister
+zusammen. Nun standen sie alle ein wenig ängstlich auf einem Trüppchen dem
+Vater gegenüber. Es fiel ihm auf, wie sie sich so eng aneinander drückten. Aus
+diesem Zusammenhalten war auch die Durchschnittsnote hervorgegangen.
+</p>
+
+<p>
+"Ihr haltet alle fest zusammen," sagte er, "das ist ganz recht, nur gegen mich
+dürft ihr euch nicht verbinden, mit List und Verschwiegenheit, das hat ja
+keinen Sinn! Gegen den <i>Feind</i> verbindet man sich, nicht gegen den
+<i>Freund</i>. Habt ihr einen treuern Freund als mich? Halte ich nicht immer zu
+euch? Wir gehören zusammen, zwischen uns darf nichts treten, auch kein Vierer!"
+</p>
+
+<p>
+Da löste sich die Gruppe der Geschwister und in der lebhaften, warmen Art, die
+Wilhelm von seinem Vater geerbt hatte, warf er sich diesem um den Hals und
+sagte: "Nein, Vater, ich habe dir nichts verschweigen wollen, nur Weihnachten
+wollte ich abwarten, damit es uns nicht verdorben wird, du bist doch auch mit
+mir auf die Polizei gegangen, nein, vor dir möchte ich nie etwas
+verheimlichen!"
+</p>
+
+<p>
+"Recht so, Wilhelm," antwortete Herr Pfäffling, "was käme denn auch Gutes dabei
+heraus? Es ist viel besser, wenn ich alles erfahre, dann kann ich euch helfen,
+wie auch jetzt mit dieser schlechten Note. Was machen wir, daß sie das nächste
+Mal besser ausfällt? Nachhilfstunden kann ich euch nicht geben lassen, die sind
+unerschwinglich teuer, mit meinen mathematischen Kenntnissen ist es nicht mehr
+weit her, aber wie wäre es denn mit dir, Karl? Du bist ja ein guter
+Mathematiker und hast das alles erst voriges Jahr gelernt, du könntest dich
+darum annehmen. Jede Woche zwei richtige Nachhilfstunden." Karl schien von
+diesem Lehrauftrag nicht begeistert. "Ich habe so wenig Zeit," wandte er ein.
+</p>
+
+<p>
+"Das ist wahr, aber du wirst auch keinen bessern Rat wissen und den Vierer
+müssen wir doch wegbringen, nicht? Gebt einmal den Kalender her. Von jetzt bis
+Ostern streichen wir fünfundzwanzig oder meinetwegen auch nur zwanzig Tage an
+für eine Mathematikstunde. Fällt eine aus, so muß sie am nächsten Tag
+nachgeholt werden. Ich verlasse mich auf euch. Macht das nur recht geschickt,
+dann werdet ihr sehen, im Osterzeugnis gibt es keinen Vierer mehr." Die Brüder
+nahmen den Kalender her, suchten die geeigneten Wochentage aus und ergaben sich
+in ihr Schicksal, Lehrer und Schüler zu sein.
+</p>
+
+<p>
+"So," sagte Herr Pfäffling, "und jetzt fort mit den Zeugnissen, fort mit den
+Mathematik-Erinnerungen; Elschen, jetzt ist's bei uns so schön wie in der
+Sahara, wo es keine Schule gibt! Wer freut sich auf Weihnachten?" Während des
+lauten, lustigen Antwortens, das nun erklang, und Elschens fröhlichem Jauchzen
+ging leise die Türe auf, ein Lockenköpfchen erschien und eine zarte Stimme
+wurde vernommen: "Ich habe schon drei Mal geklopft, Herr Pfäffling, aber Sie
+haben gar nicht 'herein' gerufen."
+</p>
+
+<p>
+Es war Fräulein Vernagelding, die zu ihrer letzten Stunde kam. Noch immer hatte
+sie Herrn Pfäffling allein im Musikzimmer getroffen, als sie nun unerwartet die
+Kinder um ihn herum sah, machte sie große, erstaunte Augen und rief: "Nein, wie
+viele Kinder Sie haben!" aber noch ehe sie langsam diese Worte gesprochen
+hatte, waren alle sieben schon verschwunden. "Und jetzt sind alle fort! Wie
+schnell das alles bei Ihnen geht, Herr Pfäffling, ich finde das so reizend!"
+</p>
+
+<p>
+Die fliehende Schar suchte die Mutter auf und fand sie in der Küche. Als aber
+Frau Pfäffling die Kinder kommen hörte, ließ sie sie nicht ein, machte nur
+einen Spalt der Türe auf und rief: "Niemand darf hereinschauen," und sie sah
+dabei so geheimnisvoll, so verheißungsvoll aus, daß das Verbot mit lautem Jubel
+aufgenommen wurde. Ja, jetzt beherrschte die Weihnachtsfreude das ganze Haus
+und sogar aus dem Musikzimmer ertönte nicht die Tonleiter, sondern "Stille
+Nacht, heilige Nacht". Aber falsch wurde es gespielt, o so falsch!
+</p>
+
+<p>
+"Fräulein," sprach der gepeinigte Musiklehrer, "Sie greifen wieder nur so auf
+gut Glück, aber Sie haben einmal kein Glück, Sie müssen <i>die</i> Noten
+spielen, die da stehen."
+</p>
+
+<p>
+"Ach Herr Pfäffling," bat das Fräulein schmeichelnd, "seien Sie doch nicht so
+pedantisch! Das ist ja ein Weihnachtslied, dabei kommt es doch nicht so auf
+jeden Ton an!" Nach diesem Grundsatz spielte sie fröhlich weiter und nun, als
+der Schlußakkord kommen sollte, hörte sie plötzlich auf und sagte: "Ich habe
+mir auch erlaubt, Ihnen eine kleine Handarbeit zu machen zum täglichen
+Gebrauch, Herr Pfäffling."
+</p>
+
+<p>
+"Den Schlußakkord, Fräulein, bitte zuerst noch den Akkord!" Da sah sie ihren
+Lehrer schelmisch an: "Den letzten Akkord spiele ich lieber nicht, denn Sie
+werden immer am meisten böse, wenn der letzte Ton falsch wird."
+</p>
+
+<p>
+"Aber Sie können ihn doch nicht einfach weglassen?"
+</p>
+
+<p>
+"Nicht? Das Lied könnte doch auch um so ein kleines Stückchen kürzer sein?"
+</p>
+
+<p>
+Darauf wußte Herr Pfäffling nichts mehr zu sagen. Er nahm ein in rosenrotes
+Seidenpapier gewickeltes Päckchen in Empfang und sagte zuletzt zu Fräulein
+Vernagelding, er wolle ihr nicht zumuten, vor dem 8. Januar wieder zu kommen.
+Darüber hatte sie eine kindliche Freude, und diese Freude, vierzehn Tage lang
+nichts mehr miteinander zu tun zu haben, war wohl die einzige innere
+Gemeinschaft zwischen dem Musiklehrer und seiner Schülerin.
+</p>
+
+<p>
+In vergnügter Ferienstimmung kam er in das Wohnzimmer herüber. Er hielt hoch in
+seiner Rechten das eine Ende eines buntgestickten Streifens, das über einen
+Meter lang herunter hing.
+</p>
+
+<p>
+"Da seht, was ich erhalten habe!" sagte er, "was soll's denn wohl sein? Zu
+einem Handtuch ist's doch gar zu schön, kannst du es verwenden, Cäcilie?" Da
+wurde es mit Sachkenntnis betrachtet und als eine Tastendecke für das Klavier
+erkannt.
+</p>
+
+<p>
+"Und das soll ich in täglichen Gebrauch nehmen, immer so ein Tüchlein
+ausbreiten?" rief Herr Pfäffling erschreckt; "nein, Fräulein Vernagelding, das
+ist zu viel verlangt. Ich bitte dich, Cäcilie, ich bitte dich, nimm mir das
+Ding da ab!"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling hatte bis zum späten Abend keine Gelegenheit gefunden, seiner
+Frau von dem Gespräch mit Herrn Rudolf Meier sen. zu erzählen. Nun waren die
+Kinder zu Bett gegangen, Karl allein saß noch mit den Eltern am Tisch, und Herr
+Pfäffling berichtete getreulich die Vorgänge im Zentralhotel. Er stellte sich
+selbst dabei nicht in das beste Licht, aber Frau Pfäffling war der Ansicht, daß
+Herr Meier die Kritik seines Sohnes wohl auch in milderer Form übelgenommen
+hätte. "Es gibt so wenig Menschen, die sich Unangenehmes sagen lassen," meinte
+sie. "Und wenige, die es taktvoll anfassen," sprach Herr Pfäffling und fügte
+lächelnd hinzu: "wo aber zwei solche zusammen kommen, gibt es leicht ein
+glückliches Paar, nicht wahr?"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling wußte, was ihr Mann damit sagen wollte, aber Karl sah
+verständnislos darein. "Du weißt nicht, was wir meinen," sagte der Vater zu
+ihm, "soll ich es dir erzählen, oder ist er noch zu jung dazu, Cäcilie?"
+</p>
+
+<p>
+"O nein," rief Karl, "bitte, erzähle es!"
+</p>
+
+<p>
+"Soll ich? Nun also: Wie die Mutter noch ein junges Mädchen war und dein
+Großvater Professor, da kam ich als blutjunger Musiklehrer in die kleine
+Universitätsstadt und machte überall meine Aufwartung, um mich vorzustellen.
+Fast zuerst machte ich bei deinen Großeltern Besuch. Es war Regenwetter und ich
+trug einen langen braunen Überrock und hatte den Regenschirm bei mir."
+</p>
+
+<p>
+"Du mußt auch sagen, was für einen Schirm," fiel Frau Pfäffling ein, "einen
+dicken baumwollenen grünen, so ein rechtes Familiendach, wie man sie jetzt gar
+nicht mehr sieht. Mit diesem Überrock und diesem Schirm trat dein Vater in
+unser hübsches, mit Teppichen belegtes Empfangszimmer, und er behielt den
+Schirm auch fest in der Hand, als mein Vater ihn aufforderte, Platz zu nehmen.
+Meine Mutter war nicht zu Hause, so war ich an ihrer Stelle, und mir, die ich
+noch ein junges, dummes Mädchen war, kam das so furchtbar komisch vor, daß ich
+alle Mühe hatte, mein Lachen zu unterdrücken."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Herr Pfäffling, "du hast es auch nicht verbergen können, sondern
+hast mich fortwährend mit strahlender Heiterkeit angesehen, und um deine
+Mundwinkel hat es immerwährend gezuckt. Ich aber hatte keine Ahnung, was die
+Ursache war. Dein Vater verwickelte mich gleich in ein gelehrtes Gespräch, und
+wenn ich dazwischen hinein einen Blick auf dich warf, so kam es mir wunderlich
+vor, daß du wie die Heiterkeit selbst dabei warst. Aber nun paß auf, Karl, nun
+kommt das Großartige. Als ich wieder aufstand, äußerte ich, daß ich im
+Nebenhaus bei Professer Lenz Besuch machen wollte."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Frau Pfäffling "und ich wußte, daß Lenzens zwei Töchter hatten, so
+kleinlich lieblos und spöttisch, daß jedermann sie fürchtete. Ich dachte bei
+mir: wenn der junge Mann im Überrock und mit dem Schirm in der Hand bei
+Professer Lenz in den Salon tritt, so wird er zum Gespött für den ganzen Kreis.
+Da dauerte er mich, und ich sagte mir, ich sollte ihn aufmerksam machen, doch
+war ich schüchtern und ungeschickt."
+</p>
+
+<p>
+"Du hast mich auch bis an die Türe gehen lassen," fiel Herr Pfäffling ein, "ich
+hatte schon die Klinke in der Hand, da riefst du mich an, wurdest dunkelrot
+dabei und sagtest: 'Herr Pfäffling, wollen Sie nicht lieber ihren Überrock und
+Schirm ablegen?' Ich verstand nicht gleich, was du meintest, wollte dir doch zu
+Willen sein und machte Anstalt, meinen Überrock auszuziehen. Da war es aus mit
+deiner Fassung, du lachtest laut und riefst: 'Ich meine nicht, wenn Sie gehen,
+sondern wenn Sie kommen!' Dein Vater aber wies dich zurecht mit einem strengen
+Wort und setzte mir höflich auseinander, daß es allerdings gebräuchlich sei, im
+Vorplatz abzulegen; du aber warst noch immer im Kampf mit der Lachlust."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Frau Pfäffling, "so lange bis du freundlich und ohne jede
+Empfindlichkeit zu mir sagtest: 'Lachen Sie immerhin über den Rüpel, Sie haben
+es doch gut mit ihm gemeint, sonst hätten Sie ihm das nicht gesagt.' Da verging
+mir das Lachen, weil die Achtung kam."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, Karl, so haben sich deine Eltern kennen gelernt," schloß Herr Pfäffling.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap08"></a>8. Kapitel<br/>
+Endlich Weihnachten.</h2>
+
+<p>
+Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute ist
+Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an keinem
+anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht und gern aus
+den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so dienstfertig und
+hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch der Mutter helfen aus
+Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um 6 Uhr mit der Bescherung
+fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob gerne eines der Kinder dem andern die
+Pflicht zu, aufzumachen, wenn geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um
+die Wette, wenn die Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas
+Besonderes erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der
+treuen Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche
+befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht hätte.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der etwas
+holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus dem Nebenhaus,
+die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die allerlei zurechtgelegt
+war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber damit war Frau Pfäffling nicht
+einverstanden. "Marianne," sagte sie, "führt ihr die Kleinen in euer Stübchen
+und spielt ein wenig mit ihnen, bis ich sie wieder hole." Als die Kinder weg
+waren, sagte Frau Pfäffling: "Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst
+sehen sie ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir
+einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?" "Ach," entgegnete die
+Frau, "darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder nehmen es, wenn sie's
+kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken will, sie kommen doch dahinter
+und dann betteln sie und lassen einem keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut.
+Bis Weihnachten kommt, ist auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa
+Gutes für sie bekommen hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen
+Leuten, aber bei uns war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend."
+</p>
+
+<p>
+"Wir sind auch keine reichen Leute, Schmidtmeierin, aber wenn ich auch noch
+viel ärmer wäre, das weiß ich doch ganz gewiß, daß ich meinen Kindern einen
+schönen heiligen Abend machen würde. Meine Kinder bekommen auch nicht viel—das
+können Sie sich denken bei sieben—aber weil keines vorher ein Stückchen sieht,
+so ist dann die Überraschung doch groß. Glauben Sie, daß irgend eines von uns
+einen Lebkuchen oder sonst etwas von dem Weihnachtsgebäck versuchen würde vor
+dem heiligen Abend? Das käme uns ganz unrecht vor. Und wenn der Christbaum
+geputzt wird, darf keines von den Kinder hereinschauen, erst wenn er angezündet
+ist und alles hingerichtet, rufen wir sie herbei, mein Mann und ich, und dann
+sind sie so überrascht, daß sie strahlen und jubeln vor Freude, wenn auch gar
+keine großen Geschenke daliegen."
+</p>
+
+<p>
+"Bei Ihnen ist das eben anders, Frau Pfäffling, mein Mann hat keinen Sinn für
+so etwas und will kein Geld ausgeben für Weihnachten."
+</p>
+
+<p>
+"Haben Sie kein Bäumchen kaufen dürfen?" fragte Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Das schon," sagte die Schmidtmeierin, "er hat selbst eines heimgebracht und
+Lichter dazu."
+</p>
+
+<p>
+"Nun sehen Sie, was braucht es denn da weiter? Ein sauberes Tuch auf den Tisch
+gebreitet und die kleinen Sachen darauf gelegt, die ich Ihnen hier zusammen
+gerichtet habe, das wäre schon genug für Kinder, aber ich denke mir, daß Sie
+noch von anderen Familien, denen Sie aushelfen, etwas bekommen, oder nicht?"
+</p>
+
+<p>
+"Frau Hartwig hat mich angerufen, ich solle nachher zu ihr herein kommen, sie
+habe etwas für mich und die Kinder."
+</p>
+
+<p>
+"So lange lassen Sie die Kleinen bei uns, und in einem andern Jahr tragen Sie
+alles heimlich nach Hause, dann wird bei Ihnen der Jubel gerade so groß wie im
+reichsten Haus, und Ihr Mann wird sich dann schon auch daran freuen."
+</p>
+
+<p>
+"Es ist wahr," sagte die Schmidtmeierin, "er hat am vorigen Sonntag gezankt,
+weil ich den Kindern die neuen Winterkleider, die sie von der Schulschwester
+bekommen haben, vor Weihnachten angezogen habe. Aber sie haben so lang
+gebettelt und nicht geruht, bis ich ihnen den Willen getan habe."
+</p>
+
+<p>
+"Aber Schmidtmeierin, da würde ich doch lieber tun, was der Mann will, als was
+die Kinder verlangen und erbetteln! Was wäre das jetzt für eine Freude, wenn
+die Kleidchen noch neu auf dem Tisch lägen! So würde mein Mann auch den Sinn
+für Weihnachten verlieren. Das müssen Sie mir versprechen, Schmidtmeierin, daß
+Sie meine Sachen, und die von Frau Hartwig, und was etwa sonst noch kommt,
+verstecken, und dann eine schöne Bescherung halten. Wo können denn Ihre Kinder
+bleiben, solange Sie herrichten, ist's zu kalt in der Kammer?"
+</p>
+
+<p>
+"Kalt ist's, aber ich stecke sie eben ins Bett so lang!"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, das tun Sie. Und noch etwas: können die Kinder nicht unter dem Christbaum
+dem Vater ein Weihnachtslied hersagen, aus der Kinderschule? Das gehört auch
+zur rechten Feier. Und wenn Sie noch von Ihrem Waschlohn ein paar Pfennige
+übrig hätten, dann sollten Sie für den Mann noch einen Kalender kaufen, oder
+was ihn sonst freut, und dann erzählen Sie mir, Schmidtmeierin, ob er wirklich
+keine Freude gehabt hat am heiligen Abend, und ob es nicht schön bei Ihnen
+war."
+</p>
+
+<p>
+"Ich mach's wie Sie sagen, Frau Pfäffling, und ich danke für die vielen Sachen,
+die Sie mir zusammengerichtet haben."
+</p>
+
+<p>
+"Es ist recht, Schmidtmeierin, aber glauben Sie mir's nur, die Sachen allein,
+und wenn es noch viel mehr wären, machen kein schönes Fest, das können nur Sie
+machen für Ihre Familie; fremde Leute können die Weihnachtsfreude nicht ins
+Haus bringen, das muß die Mutter tun, und die Reichen können die Armen nicht
+glücklich machen, wenn die nicht selbst wollen."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling hielt die fremden Kinder noch eine gute Weile zurück; als diese
+endlich heimkamen, waren alle Schätze im Schrank verborgen und der Schlüssel
+abgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Da sich aber die Kinder schon darauf gefreut hatten, fingen sie an, darum zu
+betteln und schließlich laut zu heulen. Damit setzten sie gewöhnlich bei der
+Mutter ihren Willen durch. Heute aber nicht; "brüllt nur recht laut," sagte die
+Schmidtmeierin, "damit man es im Nebenhaus hört. Nichts Gutes gibt's heute,
+nichts Schönes, erst am Abend, wenn ihr dem Vater eure Lieder aufsagt. Bei
+Pfäfflings ist's auch so."
+</p>
+
+<p>
+Da ergaben sich die Kinder.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling und Walburg hatten noch alle Hände voll zu tun mit
+Vorbereitungen auf das Fest. Aber die Arbeit geschah in fröhlicher Stimmung.
+"Man muß sich seine Feiertage verdienen," sagte Frau Pfäffling und rief die
+Kinder zu Hilfe, die Buben so gut wie die Mädchen.
+</p>
+
+<p>
+"Oben auf dem Boden hängen noch die Strümpfe von der letzten Wäsche," sagte
+sie, "die sollten noch abgezogen werden. Das könnt ihr Buben besorgen." Wilhelm
+und Otto sprangen die Treppe hinauf. Auf dem freien Bodenraum war ein Seil
+gespannt, an dem eine ungezählte Menge Pfäffling'scher Strümpfe hing. Walburg
+war eine große Person und pflegte das Seil hoch zu spannen, die Kinder konnten
+die hölzernen Klammern nicht erreichen, mit denen die Strümpfe angeklemmt
+waren. "Einen Stuhl holen und hinaufsteigen," schlug Otto vor, aber Wilhelm
+fand das unnötig, "Hochspringen und bei jedem Sprung eine Klammer wegnehmen,"
+so war es lustiger. Er probierte das Kunststück und brachte es fertig, Otto
+gelang es nicht auf den ersten Sprung, und ein Trampeln und Stampfen gab es bei
+allen beiden. Sie bemerkten nicht, daß die Türe von Frau Hartwigs Bodenkammer
+offen stand und die Hausfrau, die eben ihren Christbaumhalter hervorsuchte,
+ganz erschrocken über den plötzlichen Lärm herauskam und rief: "Was treibt ihr
+denn aber da oben, ihr Kinder?"
+</p>
+
+<p>
+"Wir nehmen bloß die Strümpfe ab", sagte Otto. "So tut es doch nicht, wenn man
+Strümpfe abzieht," entgegnete Frau Hartwig. "Wir müssen eben darnach springen,"
+sagte Wilhelm, "sehen Sie, so machen wir das," und mit einem Hochsprung hatte
+er wieder eine Klammer glücklich erfaßt, der Strumpf fiel herunter.
+</p>
+
+<p>
+"Aber Kinder, so fallen sie ja alle auf den Boden!" sagte die Hausfrau.
+</p>
+
+<p>
+"Es sind ja nur Strümpfe," entgegnete Wilhelm, "die sind schon vorher grau und
+schwarz, denen schadet das nichts."
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine Weile stand Frau Hartwig dabei und machte sich ihre Gedanken.
+Welche Arbeit, für soviel Füße sorgen zu müssen! Fast alle Strümpfe schienen
+zerrissen! Und welche Körbe voll Flickwäsche mochten sonst noch da unten stehen
+und auf die Hände der vielbeschäftigten Hausfrau warten, die doch kein Geld
+ausgeben konnte für Flickerinnen! Ob es nicht Christenpflicht wäre, da ein
+wenig zu helfen?
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Brüder mit dem Bescheid herunter: Die
+meisten Strümpfe seien noch zu feucht, die Hausfrau meine, sie müßten noch
+hängen bleiben. Frau Pfäffling achtete im Drang der Arbeit kaum darauf und
+dachte nicht, daß Frau Hartwig kurz entschlossen den ganzen Schatz
+Pfäffling'scher Strümpfe heruntergenommen hatte, und ihnen nun mit Trocknen und
+Bügeln viel mehr Ehre erwies, als diese es sonst erfuhren. Dann stapelte sie
+den Vorrat auf, legte sich das Nötige zum Ausbessern zurecht und sagte sich:
+Das gibt auch eine Weihnachtsüberraschung und wird nach Jesu Sinn keine
+Feiertags-Entheiligung sein.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war es Mittag geworden. Heute gab es bei Pfäfflings ein kärgliches
+Essen. Mit Wassersuppe fing es an, und die Mutter redete den Kindern zu:
+"Haltet euch nur recht an die Suppe, es kommt nicht viel nach!" "Warum denn
+nicht?" fragte Elschen bedenklich. Die Antwort kam von vielen Seiten zugleich.
+"Weil Weihnachten ist. Weißt du das noch nicht? Vor dem heiligen Abend gibt es
+nie etwas ordentliches zu essen. Die Walburg hat auch keine Zeit zu kochen."
+"Ja," sagte Frau Pfäffling, "und selbst wenn sie Zeit hätte, heute Mittag müßte
+das Essen doch knapp sein, damit man sich recht freut auf die Lebkuchen und auf
+den Gansbraten, den es morgen gibt." Walburg brachte noch gewärmte Reste vom
+gestrigen Tag herein, und als diese alle verteilt waren, sagte Herr Pfäffling:
+"Wer jetzt noch Hunger hat, kann noch Brot haben und darf dabei an ein großes
+Stück Braten denken!"
+</p>
+
+<p>
+"Und nun," sagte die Mutter, "hinaus aus dem Wohnzimmer; wenn ihr wieder herein
+dürft, dann ist Weihnachten!" Da stob die ganze Schar jubelnd davon; wenn man
+nicht mehr in das Zimmer herein durfte, ja dann wurde es Ernst!
+</p>
+
+<p>
+Die Eltern standen beisammen und putzten den Baum, Frieders Baum. Die kleinen
+Schäden, die er auf seinen vielen Wanderungen erlitten hatte, wurden sorgfältig
+verdeckt, und bald stand er in seinem vollen Schmuck da, mit goldenen Nüssen
+und rotbackigen Äpfeln, mit bunten Lichtern und oben auf der Spitze schwebte
+ein kleiner Posaunenengel. Es gab in andern Häusern feiner geschmückte
+Tannenbäume mit Winterschnee und Eiszapfen, es gab auch solche, die mit bunten
+Ketten und Kugeln, mit Papierblumen und Flittergold so überladen waren, daß das
+Grün des Baumes kaum mehr zur Geltung kam. Pfäfflings Baum hatte von all dem
+nichts, er war noch ebenso, wie ihn Großvater Pfäffling und Großmutter Wedekind
+vor dreißig Jahren ihren Kindern geschmückt hatten, und weil ihre seligsten
+Kindheitserinnerungen damit verbunden waren, mochten sie nichts daran ändern.
+Mit der Krippe, die unter dem Baum aufgestellt wurde, war es anders. Die feinen
+Wachsfiguren, die Tiere, die dazu gehörten, standen nicht jedes Jahr gleich.
+Nach den Bildern, die uns schon die alten deutschen Künstler gezeichnet haben,
+und in denen unsere Maler uns auch jetzt noch die heilige Nacht darstellen,
+nach diesen verschiedenen Bildern wurden die Krippenfiguren in jedem Jahr
+wieder anders aufgestellt, das war Herrn Pfäfflings Anteil an dem Herrichten
+des Weihnachtszimmers. Wenn aber die Tische gestellt waren, und wenn die
+mühsame Arbeit des Einräumens von Puppenzimmer, Küche und Kaufladen begann,
+dann verschwand der Herr des Hauses aus dem Gebiet und übernahm die Aufsicht
+über die mutterlose Kinderschar, damit sie nicht in Ungeduld und Langeweile auf
+allerlei Unarten verfiel. Gegen vier Uhr, als es dunkelte, zogen sie zusammen
+fort nach der Kirche, in der jedes Jahr um diese Zeit ein Gottesdienst gehalten
+wurde, so kurz und doch so feierlich wie kein anderer im Jahr: Ein
+Weihnachtslied, das Weihnachtsevangelium und ein paar Worte, nur wie ein warmer
+Segenswunsch des Geistlichen. Es war genug, um in den Herzen der jungen und
+alten Zuhörer die rechte Weihnachtsstimmung zu wecken.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling hörte ihre Schar heimkommen, sie sah ein wenig heraus aus dem
+Weihnachtszimmer und schob etwas durch den Türspalt, es war eine Handvoll
+Backwerk, das etwas Schaden gelitten hatte durch die Verpackung: "Das ist etwas
+zum versuchen," rief sie, "das ist zerbrochen aus der Großmutter Paket
+gekommen, teilt euch darein! und dann zieht frische Schürzen an und sagt auch
+Walburg, daß sie sich bereit macht, nun wird bald alles fertig sein!" Der
+Mutter Angesicht leuchtete verheißungsvoll, es rief auf allen Kindergesichtern
+das gleiche Strahlen hervor.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling war bei seiner Frau, er half bei den letzten Vorbereitungen.
+"Jetzt wären wir so weit," sagte er, "können wir den Baum anzünden?"
+</p>
+
+<p>
+"Wenn du einen kleinen Augenblick warten wolltest," erwiderte sie, "ich bin so
+müd und möchte nur ein ganz klein wenig ruhen, um für den großen Jubel Kraft zu
+sammeln."
+</p>
+
+<p>
+"Freilich, freilich," sagte Herr Pfäffling, "die Kinder können sich wohl noch
+eine Viertelstunde gedulden, setze dich hieher, ruhe ein wenig und schließe die
+Augen."
+</p>
+
+<p>
+"O, das tut gut," antwortete sie und lehnte sich still zurück. Aber nur drei
+Minuten, dann stand sie wieder auf. "Nun bin ich schon wieder frisch, und ich
+kann jetzt doch nicht ruhen, ich spüre die siebenfache Unruhe, die klopfenden
+Herzen der Kinder da draußen, wir wollen anzünden." Bald strahlten die Lichter
+an dem Baum, die großen Kerzen in den silbernen Leuchtern, die die Tische
+erhellten, und die kleinen Lichtchen in Puppenstube und Küche. Und nun ein
+Glockenzeichen und die Türe weit auf! Sie drängen alle herein, die Kinder und
+Walburg hinter ihnen. Dem Christbaum gelten die ersten Ausrufe der Bewunderung;
+solange er die Blicke fesselt, ist's noch eine weihevolle Stimmung, ein Staunen
+und seliges Widerstrahlen; dann wenden sich die Augen der Bescherung zu, nun
+geht die beschauliche Freude über, immer lauter und jubelnder wird das
+Kinderglück.
+</p>
+
+<p>
+War denn so Herrliches auf dem Gabentisch? Viel Kostbares war nicht dabei, aber
+es war alles überraschend und jedes kleine Geschenk war sinnig auf den
+Empfänger berechnet und manches erhielt durch einen kleinen Vers, den der Vater
+dazu gemacht hatte, noch einen besonderen Reiz. Wenn eines der Kinder nach den
+Eltern aufblickte, so sah es Liebe und Güte, wenn es einem der Geschwister ins
+Gesicht sah, so glänzte dies in Glück und Freude, und über all dem lag der Duft
+des Tannenbaums—ja die Fülle des Glückes bringt der Weihnachtsabend!
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling berührte ihren Mann und sagte leise: "Sieh dort, den Frieder!"
+An dem Plätzchen des großen Tisches, das ihm angewiesen war, stand schon eine
+ganze Weile Frieder unbeweglich und sah mit staunenden, zweifelnden Augen auf
+das, was vor ihm lag: Eine Violine! Und nun nahm er den kleinen Streifen
+Papier, der daran gebunden war, und las das Verschen:
+</p>
+
+<p class="poem">
+Fideln darfst du, kleiner Mann,<br/>
+Vater will dir's zeigen.<br/>
+Aber merk's und denk daran:<br/>
+Immerfort zu geigen<br/>
+Tut nicht gut und darf nicht sein.<br/>
+Halte fest die Ordnung ein:<br/>
+Eine Stund' am Tag, auch zwei,<br/>
+Doch nicht mehr, es bleibt dabei.
+</p>
+
+<p>
+"Mutter!" rief jetzt Frieder, "Mutter, hast du's schon gesehen?" Er drängte
+sich zu ihr und zog sie an seinen Platz und fragte: "Darf ich sie gleich
+probieren?" Und er nahm die kleine Violine, und da die Geschwister ihm nicht
+viel Platz ließen, drückte er sich hinter den Christbaum und fing ganz sachte
+an, leise über die Saiten zu streichen und zarte Töne hervorzulocken. Und er
+sah und hörte nichts mehr von dem, was um ihn vorging, und mühte und mühte
+sich, denn er wollte <i>reine</i> Töne, dieser kleine Pfäffling. Die Eltern
+sahen sich mit glücklichem Lächeln an: "Dies Weihnachten vergißt er nicht in
+seinem Leben," sagte Frau Pfäffling. "Ja," erwiderte ihr Mann, "und auf diesen
+kleinen Schüler braucht mir wohl nicht bange zu sein!"
+</p>
+
+<p>
+"Vater, hast du gesehen?" riefen nun wieder zwei Stimmen. "Was ist's,
+Marianne?"
+</p>
+
+<p>
+"Ein Päckchen feinste Glacéhandschuhe hat uns Fräulein Vernagelding geschickt!"
+</p>
+
+<p>
+"Was? Euch Kindern, was tut <i>ihr</i> denn damit?"
+</p>
+
+<p>
+"Wir ziehen sie an, Vater, viele Kinder in unserer Schule haben welche."
+</p>
+
+<p>
+"Nun, wenn nur ich sie nicht tragen muß!"
+</p>
+
+<p>
+Es gab jetzt ein großes Durcheinander, denn die Brüder probierten ihre neuen
+Schlittschuhe an, liefen damit hin und her, fielen auch gelegentlich auf den
+Boden. Im untern Stock erzitterte die Hängelampe. "Man könnte meinen, es sei
+ein Erdbeben, die da droben sind heute ganz außer Rand und Band!" sagte Herr
+Hartwig zu seiner Frau. "Weihnachtsabend!" entgegnete sie, und das eine Wort
+beschwichtigte den Hausherrn. Auch hörte das Getrampel der Kinderfüße plötzlich
+auf, es wurde ganz stille im Haus, nur eine einzelne Stimme drang bis in den
+untern Stock: Otto deklamierte. Nacheinander kamen nun all die kleinen
+Überraschungen für die Eltern an die Reihe, zu denen sich an jenem
+Adventsonntag Frieder auf den Balken die Eingebung geholt hatte. Alles gelang
+zur Freude der Eltern, zum Stolz unserer sieben!
+</p>
+
+<p>
+In ihrer Küche stand Walburg und sorgte für das Abendessen. Auch für sie war
+ein Platz unter dem Christbaum, und sie war freundlich bedacht worden. Aber die
+Freude und innere Bewegung, die sich jetzt auf ihren großen, ernsten Zügen
+malte, hatte einen andern Grund. Schon seit heute morgen bewegte sie etwas in
+ihrem Herzen, das sie gern besprochen hätte, aber es hatte sich kein ruhiges
+Viertelstündchen finden lassen. Wenn jetzt Frau Pfäffling herauskäme, jetzt
+hätte sie vielleicht einen Augenblick Zeit für sie, aber sie würde wohl
+schwerlich kommen. Während Walburg sich darnach sehnte, war Frau Pfäffling ganz
+von ihren Kindern in Anspruch genommen, aber einmal, als ihr Blick zufällig auf
+Walburgs Geschenke fiel, die noch auf dem Tisch lagen, dachte sie an das
+Mädchen. Warum war es wohl gar so kurz im Weihnachtszimmer geblieben? Es war
+noch nicht Zeit, das Abendessen zu bereiten, warum verweilte sie nicht lieber
+unter den glücklichen Kindern, anstatt einsam in der kalten Küche zu stehen?
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling ging hinaus, nach Walburg zu sehen. Die Mutter wurde zuerst
+nicht vermißt, es gab ja so viel anzusehen und zu zeigen, und der Vater war ja
+da, aber allmählich ging von Mund zu Mund die Frage: "Wo ist denn die Mutter?"
+Herr Pfäffling schickte Frieder hinaus. Er kam zurück mit dem Bescheid, die
+Küchentüre sei ganz fest zu und Walburg rede so viel mit der Mutter, wie sonst
+nie. "Dann laßt sie nur ungestört," sagte der Vater, "wenn Walburg einmal
+redet, muß man froh sein."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling brachte aus der kalten Küche einen warmen, sonnigen Ausdruck mit
+herein. Die Kinder zogen sie an ihren Tisch heran, aber im Vorbeigehen drückte
+sie unvermerkt ihrem Mann die Hand und sagte leise: "Ich erzähle dir später!"
+Als Walburg das Abendessen auftrug wechselten sie einen vielsagenden Blick, und
+Marie sagte: "Unserer Walburg sieht man so gut an, daß heute Weihnachten ist."
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend waren die Kinder gar nicht zu Bett zu bringen, sie wollten sich
+nicht trennen von der Bescherung. Es wurde spät, bis endlich Herr Pfäffling mit
+seiner Frau allein war. "Du wirst nun auch der Ruhe bedürftig sein," sagte er.
+</p>
+
+<p>
+"Ja, aber eines muß ich dir noch erzählen, was mir Walburg anvertraut hat. Sie
+erhielt heute einen Brief von einer alten Frau aus ihrem Heimatdorf, die
+schreibt in schlichten, einfachen Worten, daß vor einem Jahr ihr Sohn Witwer
+geworden sei und mit seinen drei Kindern und dem kleinen Bauerngut hilflos
+dastehe. Er müsse wieder eine Frau haben, und weil er Walburg von klein an
+kenne, möchte er am liebsten sie haben. Er wisse wohl, daß sie nicht gut höre,
+aber das mache weiter nicht viel. Wenn sie einverstanden sei, möge sie in den
+Feiertagen einmal herausfahren, daß man die Verlobung feiern könne und die
+Hochzeit festsetze. Der Sohn hat dann noch an den Brief seiner Mutter unten
+hingeschrieben, die Reisekosten wolle er zur Hälfte bezahlen. Walburg kennt den
+Mann gut, denn sie waren Nachbarsleute, und sie ist ganz entschlossen, ja zu
+sagen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das freut für Walburg!"
+</p>
+
+<p>
+"Das ist freilich ein unerhofftes Glück, aber wird sie denn einem Haushalt
+vorstehen können bei ihrer Taubheit?"
+</p>
+
+<p>
+"Wenn ihr die alte Mutter zur Seite steht, wird sie schon zurecht kommen. Ein
+schweres Kreuz bleibt es freilich für sie, aber ich finde es rührend, daß der
+Mann es auf sich nehmen will, um ihrer andern guten Eigenschaften willen.
+Übrigens sagt Walburg, sie verstehe die Leute da draußen viel besser, weil sie
+ihren Dialekt reden."
+</p>
+
+<p>
+"Das kann wohl etwas ausmachen, und mich freut es für die treue Person, wenn
+auch nicht für uns. Aber wir werden auch wieder einen Ersatz finden."
+</p>
+
+<p>
+"Nicht so leicht! Doch daran denke ich heute gar nicht. Am zweiten Feiertag
+möchte sie hinausfahren auf ihr Dorf. Vorher wollen wir mit den Kindern noch
+nicht davon sprechen, sondern ihnen erst, wenn Walburg zurückkommt, sagen, daß
+sie Braut ist."
+</p>
+
+<p>
+Während unten so von ihr gesprochen wurde, war auch Walburg oben in ihrer
+Kammer noch tätig. Sie hatte zuerst in diesem ihrem eigenen kleinen Revier noch
+einmal ihren Brief gelesen und nun kniete sie vor der hölzernen Truhe, in der
+ihre Habseligkeiten säuberlich und sorgsam geordnet lagen. Sie hatte schon seit
+Jahren die Bauerntracht nimmer getragen, die in ihrem Dorf gebräuchlich war,
+jetzt wollte sie sie hervorsuchen, sie sollte ja wieder zu den Landleuten da
+draußen gehören. Der dicke Rock und das schwarze Mieder, das Häubchen und die
+breite blauseidene Schürze, das alles lag beisammen, und sollte nun wieder zu
+Ehren kommen!
+</p>
+
+<p>
+Am zweiten Weihnachtsfeiertag, früh morgens, noch ehe es tagte, reiste sie in
+ihrem ländlichen Staat in ihre Heimat.
+</p>
+
+<p>
+Erst wenn Walburg fehlte, merkte man, wie viel sie im Haus leistete. Es war gar
+kein Fertigwerden ohne sie. Und nun gar in solchen Ferientagen. Wenn Frau
+Pfäffling drei ihrer Kinder dazu gebracht hatte, schön aufzuräumen, so hatten
+inzwischen vier andere wieder Unordnung gemacht und auf dem großen
+Weihnachtstisch nahm der Kampf gegen die Nußschalen und Apfelbutzen kein Ende.
+Dazu kam der Kinderlärm. Die Schlittschuhe lagen bereit, aber das Eis wollte
+sich bei der geringen Kälte nicht bilden, und Frau Pfäffling hatte doch so viel
+Feiertagsruhe davon erhofft! So lockte nichts die Kinder ins Freie, sie trieben
+sich alle sieben lachend, spielend oder streitend herum und machten der Mutter
+warm. Bis sie das Mittagessen bereitet und auf den Tisch gebracht hatte, war
+sie fast zu müde, um selbst davon zu nehmen. Da sah Herr Pfäffling nach den
+Wolken am Himmel, erklärte, das Wetter helle sich auf und er wolle einen weiten
+Marsch mit den großen Kindern machen. Als eben beraten wurde, ob Marianne auch
+mittun könne, kam eine Schulfreundin und lud die beiden Mädchen zu sich ein.
+Das war ein seltenes Ereignis und wurde mit Freude aufgenommen. So blieben nur
+die beiden Kleinen übrig, die begleiteten ein wenig traurig die Großen
+hinunter, kamen dann aber um so vergnügter wieder herausgesprungen. Die
+Hausfrau hatte sie eingeladen, ihren Christbaum anzusehen und bei ihr zu
+spielen.
+</p>
+
+<p>
+So geschah es, daß Frau Pfäffling an diesem Nachmittag ganz allein war; ihr
+Mann, die Kinder, ja sogar Walburg fort, so daß nicht einmal aus der Küche ein
+Ton hereindrang. Wie wohl tat ihr die unerhoffte Ruhe! Wie viel ließ sich auch
+an solch einem stillen Nachmittag tun, an das man sonst nicht kam! Es war schon
+ein Genuß, sich sagen zu dürfen: was <i>willst</i> du tun? Meistens drängten
+sich die Geschäfte von selbst auf und hätten schon fertig sein sollen, ehe man
+daran ging. Eine Weile ruhte sie in träumerischem Sinnen und über dem wurde ihr
+klar, was sie tun wollte: "Mutter," sagte sie leise vor sich hin, "Mutter, ich
+komme zu dir!"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäfflings Mutter lebte im fernen Ostpreußen, und seit vielen Jahren
+hatten sich Mutter und Tochter nimmer gesehen. Die bald 80 jährige Frau konnte
+<i>nicht mehr</i>, und die junge Frau konnte <i>noch</i> nicht die Reise wagen,
+die Kinder brauchten sie noch gar zu notwendig daheim. Aber es war doch
+köstlich, das treue Mutterherz noch zu besitzen, wenn auch in weiter Ferne.
+Seit langer Zeit hatte sie den Ihrigen nur kurze, eilig geschriebene Briefe mit
+den nötigsten Mitteilungen schicken können, jetzt wollte sie sich aussprechen,
+wie wenn sie endlich, endlich einmal wieder bei der geliebten Mutter wäre. Und
+es gab einen langen, langen Brief, in dem die ganze Liebe zur Mutter sich
+aussprach, ja, in dem es fast wie Heimweh klang, aber das konnte doch nicht
+sein, war Frau Pfäffling doch schon 18 Jahre aus dem Elternhaus. Es stand in
+dem Brief viel von Glück und Dankbarkeit, viel von des Tages Last und Hitze und
+davon, daß ihr Mann und sie noch immer treulich an dem Trauungsspruch
+festhielten: Ein jeder trage des andern Last.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Brief war fertig geworden beim letzten Schimmer des kurzen Dezembertags.
+Jetzt, als es dunkelte, ging sie zum Christbaum und zündete ein einziges
+Lichtchen an. Das warf einen schwachen Schein und große breite Schatten von
+Tannenzweigen zeichneten sich an der Decke des Zimmers ab. Es war eine
+feierliche Stille am Weihnachtsbaum und Frau Pfäffling sagte leise vor sich
+hin: Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch.
+</p>
+
+<p>
+Eine Viertelstunde später mahnte die Glocke, daß wieder Leben und Bewegung
+Einlaß begehre. "Nun werden die Kinder kommen," sagte sich Frau Pfäffling. Sie
+fühlte sich wieder allen Anforderungen gewachsen, fröhlich ging sie hinaus und
+sprach zu sich selbst: "Dein Mann soll dich nicht so matt wiederfinden, wie er
+dich verlassen hat." Sie ging, ihm und den Kindern zu öffnen, sie waren es aber
+nicht, die geklingelt hatten, Walburg stand vor der Türe.
+</p>
+
+<p>
+"Du kommst schon?" rief Frau Pfäffling erstaunt, "wir haben dich erst mit dem
+letzten Zug erwartet."
+</p>
+
+<p>
+"So kann ich das Abendessen machen," entgegnete das Mädchen. "Kartoffeln
+zusetzen?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, aber das ist mir jetzt nicht das wichtigste, sage mir doch erst, wie alles
+gegangen ist," und da Walburg zögerte, fügte sie hinzu, "ich bin ganz allein zu
+Hause." Und nun antwortete Walburg: "Er hat sich's nicht so arg gedacht, er
+meint, für die Kinder wäre doch eine besser, die hört." Ohne ein weiteres Wort
+wandte sie sich um und ging die Treppe hinauf in ihre Kammer. Sie wollte den
+bräutlichen Putz ablegen. Sorgsam faltete sie die blauseidene Schürze,
+versenkte sie in die Truhe und legte den Brief dazu, der sie zwei Tage
+glücklich gemacht hatte. Dann schlüpfte sie in ihre alltäglichen Kleider,
+setzte sich auf die alte Truhe und sah mit traurigen, aber tränenlosen Augen
+auf die kahlen Wände ihrer Kammer. Es war so kalt und totenstill da oben, es
+war so öde und leer in ihrem Herzen.
+</p>
+
+<p>
+Da ging die Türe auf, Frau Pfäffling kam herein und stand unvermutet neben dem
+Mädchen, das ihren Schritt nicht gehört hatte. "Walburg, du tust mir so leid,"
+sagte sie und ihre Augen waren nicht tränenleer. Walburg aber beherrschte ihre
+Bewegung und erwiderte in ihrer ruhigen Art: "Draußen habe ich selbst erst
+gemerkt, wie schlimm das mit mir geworden ist, ich habe kein Wort verstanden,
+sie haben mir's auf die Tafel schreiben müssen und die Kinder haben gelacht. So
+wird er wohl recht haben. Er war freundlich mit mir bis zuletzt, das Reisegeld
+hat er mir zu zwei Drittel gezahlt und die Alte hat mir noch Kuchenbrot
+mitgegeben. Sonst wäre alles recht gewesen, nur gerade eben die Taubheit. Und
+sie sagen auch, ich könnte gar nicht mehr so reden wie sich's gehört. Ich weiß
+nicht wie das zugeht, Sie verstehe ich doch auch ohne Tafel und rede ich denn
+nicht wie früher auch?"
+</p>
+
+<p>
+"Für uns redest du ganz recht," entgegnete Frau Pfäffling, "wir verstehen uns
+und darum ist's am besten, wir bleiben zusammen. Uns ist's lieb, daß du uns
+nicht verläßt, Walburg, du hast uns so gefehlt." Da wich der starre, traurige
+Zug aus Walburgs Gesicht, und sie sah voll Liebe und Dankbarkeit auf zu der
+Frau, die sich so bemühte, ihr, der Tauben, Trostreiches zu Gehör zu bringen.
+Worte des Dankes fand sie freilich nicht, aber mit Taten wollte sie danken;
+eilfertig griff sie nach ihrer Hausschürze, band sie um und sagte: "Wenn der
+Herr heimkommt und das Essen nicht gerichtet ist!"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling sagte an diesem Abend zu ihren Kindern: "Walburg ist so traurig
+aus ihrer Heimat zurückgekehrt, sie hat weder Eltern noch Geschwister mehr
+draußen, wir wollen uns Mühe geben, daß sie sich bei uns recht heimisch fühlt."
+</p>
+
+<p>
+"Ich gehe mit meiner Violine zu ihr," sagte Frieder, "den Geigenton hört sie."
+</p>
+
+<p>
+Da warnte Herr Pfäffling mit dem Finger und sagte: "Nach dem Abendessen noch
+geigen? Wie heißt dein Vers?
+</p>
+
+<p class="poem">
+"'Eine Stund am Tag, auch zwei,<br/>
+Doch nicht mehr, es bleibt dabei.'"
+</p>
+
+<p>
+Aber Frieder konnte nachweisen, daß er heute noch nicht zwei Stunden gespielt
+hatte, ging hinaus in die Küche und machte mit denselben Violinübungen, die
+sonst die Zuhörer in Verzweiflung bringen, dem traurigen Mädchen das Herz
+leichter, denn es erkannte die Anhänglichkeit des Kindes, und in die tiefe
+Vereinsamung, die ihr die Taubheit auferlegte, drang der Ton der Saiten zu ihr
+als eine Verbindung mit den Mitmenschen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap09"></a>9. Kapitel<br/>
+Bei grimmiger Kälte.</h2>
+
+<p>
+Das Neujahrsfest brachte grimmige Kälte, brachte Eis, mehr als zum
+Schlittschuhlaufen nötig gewesen wäre. Schon beim Erwachen empfand man die
+menschenfeindliche Luftströmung und es gehörte Heldenmut dazu, aus den warmen
+Betten zu schlupfen. In Pfäfflings kalten Schlafzimmern war das Waschwasser
+eingefroren, und man mußte erst die Eisdecke einschlagen, ehe man es benützen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Als die Familie sich mit Neujahrswünschen am Frühstückstisch zusammenfand, galt
+Herrn Pfäfflings erster Blick dem Thermometer vor dem Fenster, und er mußte das
+Quecksilber in ungewohnter Tiefe suchen. "Zwanzig Grad Kälte," verkündete er,
+"Kinder, das habt ihr noch nie erlebt; und Walburgs Neujahrsgruß lautete: 'Die
+Wasserleitung ist über Nacht eingefroren.'"
+</p>
+
+<p>
+Die Straßen waren ungewöhnlich still, wer nicht hinaus mußte, blieb daheim am
+warmen Ofen und wer, wie die Briefträger, am Neujahrstag ganz besonders viel
+durch die kalten Straßen laufen und vor den Häusern stehend warten mußte, bis
+die Türen geöffnet wurden, der hörte manches teilnehmende Wort. Frau Hartwig
+brachte ihnen bei jedem Gang eine Tasse warmen Kaffees entgegen. Auch die
+Familie Pfäffling hatte ihr Päckchen Glückwunschkarten und -briefe erhalten und
+unter diesen Briefen war einer, der noch mehr als Glückwünsche enthielt. Es war
+die Antwort auf Frau Pfäfflings Weihnachtsbrief und er brachte ihr eine warme,
+dringende Einladung, sich zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter, der im
+Februar gefeiert werden sollte, einzufinden, damit nach langen Jahren der
+Trennung auch <i>einmal</i> wieder die drei Geschwister mit der Mutter in der
+alten Heimat vereinigt wären. So viel Liebe und Anhänglichkeit sprach sich aus
+in den Briefen von Frau Pfäfflings Bruder und Schwester, denen ein
+eigenhändiger, mit zitternder Hand geschriebener Gruß der alten Mutter
+beigesetzt war, daß Frau Pfäffling tief bewegt war und zu ihrem Mann wehmütig
+sagte: "Ach, wenn es nur möglich wäre, aber es ist ja gar nicht daran zu
+denken! So weit fort und auf ein paar Wochen, denn für einige Tage würde sich
+die große Reise gar nicht lohnen."
+</p>
+
+<p>
+Es kam ganz selten vor, daß Frau Pfäffling für sich einen Wunsch äußerte, und
+so war es nur natürlich, daß es der ganzen Familie Eindruck machte, wenn es
+doch einmal geschah.
+</p>
+
+<p>
+"Geht es denn wirklich nicht, Vater?" fragte Karl.
+</p>
+
+<p>
+"So ganz unmöglich kommt mir die Sache nicht vor," antwortete Herr Pfäffling,
+indem er sich an seine Frau wandte, "jetzt, wo die Kinder groß sind und Walburg
+so zuverlässig ist."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling wollte etwas entgegnen, aber der ganze Kinderchor stimmte dem
+Vater zu, wollte gar keine Schwierigkeit gelten lassen und versicherte, es
+sollte in Abwesenheit der Mutter alles so ordentlich zugehen, wie wenn sie da
+wäre. Aber sie schüttelte dazu ungläubig den Kopf und brach die Beratung ab,
+indem sie sagte: "Bei solch einer Kälte mag man gar nicht an eine Reise denken,
+wir wollen sehen, was der Januar bringt!"
+</p>
+
+<p>
+Zunächst brachte er den Abschluß der Ferienzeit, die Schulen begannen wieder.
+So warm wie möglich eingepackt machten sich die Kinder auf den Weg. Freilich,
+die drei großen Brüder besaßen zusammen nur zwei Wintermäntel, bisher waren sie
+auch immer gut damit ausgekommen, heute hätte jeder gerne einen gehabt. Otto
+hatte sich einen gesichert, indem er ihn schon vor dem Frühstück angezogen
+hatte. Nun standen Karl und Wilhelm vor dem einen, der noch übrig war. "Dich
+wird's nicht so arg frieren wie mich," sagte Wilhelm zum größeren Bruder und
+Karl, obwohl er nicht recht wußte, warum es ihn nicht so frieren sollte, war
+schon im Begriff, auf den Mantel zu verzichten, als Otto sich einmischte: "Laß
+doch Karl den Mantel. In den obern Klassen hat doch jeder einen, es sieht so
+dumm aus, wenn er allein keinen hat!"
+</p>
+
+<p>
+"Dumm?" sagte Herr Pfäffling, "es sieht eben aus, als seien keine großen
+Kapitalien da, mit denen man ungezählte Mäntel beschaffen könnte. So ist's und
+deshalb darf es auch so aussehen. Übrigens, länger als fünfzehn Minuten braucht
+ihr nicht zum Schulweg, ist das auch der Rede wert, wenn man eine Viertelstunde
+frieren muß? Seid ihr so zimpferlich?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich nicht," rief Wilhelm, "ich brauche auch nur zwölf Minuten," er ließ den
+Mantel fahren und rannte davon.
+</p>
+
+<p>
+Elschen war diesmal nicht so unglücklich wie früher über den Schulanfang, sie
+nahm die Schultasche her, die sie zu Weihnachten bekommen hatte, packte die
+Tafel aus, fing an zu schreiben, was sie von Buchstaben kannte, und tröstete
+sich mit der Aussicht, daß nach den Osternferien auch sie mit den Großen den
+Schulweg einschlagen würde.
+</p>
+
+<p>
+So wohl es Frau Pfäffling tat, wenn ihre Kinder nach solcher Ferienzeit wieder
+zum ersten Male in die Schule gingen, so freute sie sich doch auf das erste
+Heimkommen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß Mann und Kinder angeregt und von
+irgend welchen neuen Mitteilungen erfüllt, zurückkommen würden. Um so mehr war
+sie überrascht, daß Marianne diesmal weinend nach Hause kam. Die beiden
+Mädchen, obgleich sie gut mit Wintermänteln versehen waren, weinten vor Kälte
+und die Fingerspitzen wurden in der Wärme nur noch schmerzhafter, so daß sie
+noch klagend im Zimmer herumtrippelten, als die Familie sich zu Tisch setzen
+wollte. "Habt ihr denn eure Winterhandschuhe nicht angehabt?" fragte Frau
+Pfäffling. Da kam ein kleinlautes "Nein" heraus und das Geständnis, daß man
+sich den Mitschülerinnen mit den neuen, knapp anschließenden Glacéhandschuhen
+habe zeigen wollen, die Fräulein Vernagelding zu Weihnachten geschenkt hatte.
+Nun wurden die armen Frierenden noch von den Brüdern ausgelacht.
+</p>
+
+<p>
+"So, du lachst auch mit, Otto," sagte Frau Pfäffling. "Wenn du keine
+Glacéhandschuhe trägst, so kommt es gewiß nur daher, daß du keine hast. Aber
+Kinder, wer von euch eitel ist, der hat nichts vom Vater und ist gar kein
+rechter Pfäffling, und das wollt ihr doch alle sein? Nun kommt, ihr Erfrorenen,
+jetzt gibt es warme Suppe. Elschen und ich, wir haben uns so gefreut, bis ihr
+alle heimkommt und von der Schule erzählt. Kommt, wir wollen beten:
+</p>
+
+<p class="poem">
+"Herr wie schon vor tausend Jahren<br/>
+Unsre Väter eifrig waren,<br/>
+Dich als Gast zu Tisch zu bitten,<br/>
+So verlangt uns noch heute,<br/>
+Daß Du teilest unsre Freude.<br/>
+Komm, o Herr in unsre Mitte!"
+</p>
+
+<p>
+Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfäffling erwartet hatte, allerlei Mitteilungen.
+Über Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie vergraben, jetzt, durch die
+Berührung mit der Außenwelt, erfuhr man wieder, was vor sich ging. Herr
+Pfäffling hatte vom Direktor der Musikschule etwas gehört, was ihn ganz
+erfüllte: Ein Künstlerkonzert ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden.
+Ein Künstlerpaar, das vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde
+hingerissen hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch
+meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die großen Städte
+Europas sich hören lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise zum erstenmal
+auch der kleine Sohn des Künstlerpaares als Violinspieler Anteil, und die
+Zeitungen waren voll von überschwänglichen Schilderungen des rührenden
+Eindrucks, den das geniale Violinspiel des wunderbar begabten Knaben mache.
+</p>
+
+<p>
+Freilich waren die Preise für diesen Kunstgenuß so hoch gestellt, daß unser
+Musiklehrer nicht daran gedacht hätte, sich ein solch kostbares Vergnügen zu
+gönnen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule gegeben werden, und in
+solchem Fall war es üblich, daß die Hauptlehrer der Anstalt Freikarten
+erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude auf diesen großen Kunstgenuß
+hin, umkreiste vergnügt den Tisch, blieb dann hinter seiner Frau Stuhl stehen
+und sagte: "Ich bekomme eine Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem
+Bruder eine Freikarte zum 80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die
+Mutter muß sich zur Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der
+Mutter mit dem Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer war
+krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schüler war neu eingetreten, ein
+anderer ausgetreten. Herr Pfäffling hatte nur mit halber Aufmerksamkeit
+zugehört, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr, der ihn aus seinen Gedanken
+weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier erzählt?" fragte er Otto.
+</p>
+
+<p>
+"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten."
+</p>
+
+<p>
+"Hast du nichts näheres darüber gehört?"
+</p>
+
+<p>
+"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich weiß
+nicht mehr."
+</p>
+
+<p>
+Herr und Frau Pfäffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand. Gesprochen
+wurde nichts darüber, Herr Pfäffling sollte aber bald näheres erfahren.
+</p>
+
+<p>
+Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel, im neuen
+Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt, und selbst die
+russische Familie klagte über den kalten deutschen Winter.
+</p>
+
+<p>
+"Sie müssen von Rußland doch noch an ganz andere Kälte gewöhnt sein?" meinte
+Herr Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Ja, aber dort friert man nicht so, da weiß man sich besser zu schützen. Alle
+Fahrgelegenheiten sind heizbar, alles ist mit Pelzen belegt und Sie sehen auch
+jedermann in Pelze gehüllt auf der Straße. Warum tragen Sie keinen Pelz bei
+solcher Kälte?" fragte die Generalin, indem sie einen Blick auf Herrn
+Pfäfflings Kleidung warf. Ihm war der Gedanke an einen Pelzrock noch nie
+gekommen. "Da gibt es noch vieles, vieles Nötigere anzuschaffen, ehe ein
+Pelzrock für mich an die Reihe käme," sagte er, "ich kann übrigens sehr rasch
+gehen und werde warm vom Lauf, meine Hände sind nicht steif, wir können gleich
+spielen."
+</p>
+
+<p>
+Am Schluß der Stunde erzählten die jungen Herren von dem Ball im Hotel. "Es war
+sehr hübsch," sagten sie, "wir durften auch tanzen, der Sohn des Besitzers, der
+viel jünger ist als wir, hat auch getanzt. Er ist übrigens jetzt nicht mehr
+hier."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte der General, "der Hotelier ist einsichtsvoller, als ich gedacht
+hätte. Er sagte zu mir: 'Hier in diesem Hotelleben arbeitet der Junge nicht, er
+kommandiert nur. Er soll fort von hier, in ein richtiges Familienleben
+hinein.'"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling erkannte diese Worte als seine eigenen. "Der Mann hat recht,"
+fuhr der General fort, "wenn die Verhältnisse im Haus ungünstig sind, ist es
+besser, ein Kind wegzugeben, und wenn sie im ganzen Land ungünstig sind, so wie
+bei uns in Rußland, so ist es wohl auch besser, die Kinder in einem andern
+<i>Land</i> aufwachsen zu lassen. In Rußland haben wir ganz traurige Zustände,
+die jungen Leute, die dort aufwachsen, sehen nichts als Verderbnis überall,
+Unredlichkeit und Bestechung sogar schon in den Schulen. Unsere eigenen Söhne
+haben von dieser verdorbenen Luft schon mehr eingeatmet, als ihnen gut war.
+Meine Frau und ich haben uns entschlossen, sie in einer deutschen
+Erziehungsanstalt zurückzulassen, wenn wir nach Rußland zurückkehren, was wohl
+in der nächsten Zeit sein muß. Wir stehen gegenwärtig über diese Angelegenheit
+in Briefwechsel mit einer Berliner Anstalt."
+</p>
+
+<p>
+Noch nie hatte der General so eingehend und offen mit dem Musiklehrer
+gesprochen. Die Generalin sah ernst und sorgenvoll aus, die Söhne standen
+beiseite mit niedergeschlagenen Augen. Herr Pfäffling fühlte, daß diese
+reichen, hochgebildeten und begabten Leute auch ihren schweren, heimlichen
+Kummer zu tragen hatten, und er sagte mit warmer Teilnahme: "Jeder einzelne
+leidet mit, wenn sein Vaterland so schlimme Zeiten durchmacht, wie das Ihrige.
+Möchte das neue Jahr für Rußland bessere Zustände bringen!"
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Pfäffling kurz darauf die Treppe herunter ging, traf er unvermutet mit
+Herrn Rudolf Meier sen. zusammen, der heraufkam. Einen Augenblick zögerten
+beide. Sie hatten <i>ein</i> gemeinsames Interesse, über das zu sprechen ihnen
+nahelag. Aber an Herrn Meier wäre es gewesen, die Sprache darauf zu bringen,
+wenn er nicht mehr zürnte. Er tat es nicht. Mit dem höflichen aber kühlen Gruß
+des Gastwirts ging er vorüber, gewohnheitsmäßig die Worte sprechend: "Sehr kalt
+heute!"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, 20 Grad," entgegnete Herr Pfäffling, und dann gingen sie auseinander.
+</p>
+
+<p>
+Daheim angekommen, hörte Herr Pfäffling Frieders Violine. Wie der kleine Kerl
+sie schon zu streichen verstand! Ob er wohl einmal ein Künstler, ein echter,
+wahrer, gottbegnadeter Künstler würde? Aber wie war denn das? Hatte Frieder
+nicht schon gespielt, lange, ehe sein Vater sich auf den Weg zum Zentralhotel
+gemacht hatte? Spielte er wohl seitdem ununterbrochen? Er ging dem Geigenspiel
+nach. Aus der Küche erklang es. Neben Walburg, die da bügelte, stand der
+eifrige, kleine Musiker, ein herzgewinnender Anblick. Aber Herr Pfäffling ließ
+sich dadurch nicht bestechen. "Frieder, wie lange hast du schon gespielt?"
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+"Nicht lange, Vater."
+</p>
+
+<p>
+"Nicht immerfort, seitdem du aus meinem Zimmer die Geige geholt hast? Sage mir
+das genau?"
+</p>
+
+<p>
+"Immerfort seitdem," antwortete Frieder und fügte etwas unsicher hinzu: "Aber
+das ist doch noch nicht lang her?"
+</p>
+
+<p>
+"Das ist über zwei Stunden her, Frieder, und hast du nicht auch schon heute
+nach Tisch gespielt? Und sind deine Schulaufgaben gemacht? Ei, Frieder, da
+stehst du und kannst nicht antworten! Nimm dich in acht, sonst kommst du noch
+ganz um die Geige! Gib sie her, in <i>der</i> Woche bekommst du sie nimmer!"
+Herr Pfäffling streckte die Hand aus nach der Violine. Der Kleine hielt sie
+fest. Der Vater sah das mit Erstaunen. Konnte Frieder widerstreben? Hatte je
+eines der Kinder sich seinem Befehl widersetzt? Aber nein, es war nur
+<i>ein</i> Augenblick gewesen, dann reichte er schuldbewußt die geliebte
+Violine dem Vater hin und ergab sich.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling ging hinaus mit dem Instrument. Walburg hatte nicht verstanden,
+was gesprochen worden war, aber gesehen hatte sie und sie sah auch jetzt, wie
+sich langsam ihres Lieblings Augen mit dicken Tränen füllten. Sie stellte ihr
+Bügeleisen ab, zog den Kleinen an sich und fragte: "Darfst du denn nicht
+spielen?"
+</p>
+
+<p>
+"Nicht länger als zwei Stunden im Tag," rief Frieder in kläglichem Ton.
+</p>
+
+<p>
+"Sei nur zufrieden," tröstete sie ihn, "ich sehe dir jetzt immer auf die Uhr."
+Frieder zog traurig ab; jede Stunde sehnte er sich nach seiner Violine, und nun
+war sie ihm für eine ganze Woche genommen!
+</p>
+
+<p>
+Aber auch Herr Pfäffling war nicht in seiner gewohnten fröhlichen Stimmung. Ihm
+war es leid, daß der Unterricht in der russischen Familie zu Ende gehen sollte,
+eine große Freude und eine bedeutende Einnahme fiel damit für ihn weg, und dazu
+kam nun, daß er auf dem Tisch im Musikzimmer eine Neujahrsrechnung vorfand,
+die, nachdem er sie geöffnet und einen Blick auf die Summe geworfen hatte, ihn
+hinübertrieb in das Familienzimmer zu seiner Frau.
+</p>
+
+<p>
+"Cäcilie," rief er schon unter der Türe, und als er die Kinder allein fand,
+fragte er ungeduldig:
+</p>
+
+<p>
+"Wo ist denn die Mutter schon wieder?"
+</p>
+
+<p>
+"Sie ist draußen und bügelt."
+</p>
+
+<p>
+"So ruft sie herein, schnell, Marianne!"
+</p>
+
+<p>
+Die Mädchen gingen eiligst hinaus: "Mutter, der Vater fragt nach dir." Frau
+Pfäffling bügelte eben einen Kragen. "Sagt nur dem Vater, ich komme gleich; ich
+muß nur den Kragen erst steif haben."
+</p>
+
+<p>
+"Wir wollen lieber erst mit dir hineingehen," sagten die Schwestern und in
+diesem Augenblick ertönte ein lautes "Cäcilie".
+</p>
+
+<p>
+Daraufhin wurde der halb gebügelte Kragen im Stich gelassen. Frau Pfäffling kam
+in das Zimmer und sah ihren Mann mit einer Rechnung in der Hand. "Ist denn das
+nicht eine ganz unnötige Komödie mit der ewigen Bügelei," fragte Herr
+Pfäffling, "die Kinder wären doch ebenso glücklich in ungebügelten Hemden!" Auf
+diese gereizte Frage antwortete Frau Pfäffling bloß wieder mit einer Frage:
+"Ist das die Doktorsrechnung? Sie kann doch nicht sehr hoch sein?"
+</p>
+
+<p>
+"Sechzig Mark! Hättest du das für möglich gehalten?"
+</p>
+
+<p>
+"Unmöglich! Sechzig Mark? Zeige doch nur! Die kleine Ohrenoperation von Anne im
+vorigen Sommer fünfzig Mark?!" Bei diesem Ausruf sahen alle Geschwister auf
+Anne, und diese fing bitterlich an zu weinen. Die Tränen besänftigten aber den
+Vater. Er ging zu der Schluchzenden. "Sei still, du armer Wurm," sagte er, "du
+kannst nichts dafür. Hast so viel Schmerzen aushalten müssen, und das soll noch
+so viel Geld kosten! Aber sei nur getrost, geholfen hat dir der Arzt doch, und
+wir wollen froh sein, daß du nicht so taub geworden bist wie Walburg. Hörst du
+jetzt wieder ganz gut, auch in der Schule?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja," schluchzte das Kind.
+</p>
+
+<p>
+"Nun also, sei nur zufrieden, das Geld bringt man schon auf, man hat ja noch
+das Honorar zu erwarten für die Russenstunden und andere Rechnungen, als die
+vom Arzt, stehen nicht aus; nicht wahr, Cäcilie, es ist doch immer alles gleich
+bezahlt worden?"
+</p>
+
+<p>
+"Freilich," entgegnete sie, "aber ich kann es gar nicht fassen, daß diese
+Ohrenbehandlung förmlich als Operation aufgeführt und angerechnet wird. Ich war
+damals nicht dabei, Marianne ist immer ohne mich beim Arzt gewesen und so
+schlimm haben sie es nie geschildert." Da sahen sich die Schwestern ernsthaft
+an und sagten: "Ja, einmal war's schlimm!"
+</p>
+
+<p>
+Als Frau Pfäffling nach einer Weile wieder beim Bügeln stand, war ihr der
+Kummer über die sechzig Mark noch anzusehen, während Herr Pfäffling schon
+wieder guten Muts in sein Musikzimmer zurückkehrte und sich sagte: "Es ist doch
+viel, wenn man es dahin bringt, daß die Doktorsrechnung die einzige an Neujahr
+ist."
+</p>
+
+<p>
+Sie war aber doch nicht die einzige. Keine halbe Stunde war vergangen, als
+wieder so ein Stadtbrief an des Vaters Adresse abgegeben wurde, und die Kinder,
+die denselben in Empfang genommen hatten, flüsterten bedenklich untereinander:
+"Es wird doch nicht wieder eine Rechnung sein?" Sie riefen Elschen herbei:
+"Trage du dem Vater den Brief hinüber." Das Kind übernahm arglos den Auftrag
+und blieb, an den Vater geschmiegt, zutraulich plaudernd bei ihm stehen. Er riß
+hastig den Umschlag auf, eine Rechnung fiel ihm entgegen. Vom Buchhändler war
+sie und lautete nur auf vier Mark, für eine Grammatik, aber sie empörte Herrn
+Pfäffling fast mehr als die große Rechnung. "Wenn die Buben das anfangen, daß
+sie auf Rechnung etwas holen, dann hört ja jegliche Ordnung und Sicherheit
+auf," sagte er, indem er das Blatt auf den Tisch warf und in der Stube hin und
+her lief: "Else, hole mir die drei Großen herüber," sagte er, "aber schnell."
+Die Kleine ging mit besorgter Miene, suchte Karl, Wilhelm und Otto auf und kam
+dann zur Mutter an den Bügeltisch. "Es ist wieder etwas passiert mit einer
+Rechnung," sagte sie, "und die Großen müssen alle zum Vater hinein. Sie sind
+gar nicht gern hinübergegangen," fügte sie bedenklich hinzu. "Es geschieht
+ihnen nichts, wenn sie nicht unartig waren," sagte die Mutter, aber nebenbei
+wischte sie sich doch den Schweiß von der Stirne, trotz der zwanzig Grad Kälte
+draußen und sagte zu Walburg: "Wieviel Kragen haben wir denn noch zu bügeln,
+heute nimmt es ja gar kein Ende!" und Walburg entgegnete: "Es sind immer noch
+viele da." Frau Pfäffling bügelte weiter, sah müde aus und sagte sich im
+stillen: "Eine Wohltat müßte es freilich sein, wenn man einmal ein paar Wochen
+ausgespannt würde!"
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen hatte Herr Pfäffling ein Verhör mit seinen Söhnen angestellt, und
+Otto hatte gestanden, daß er bei Beginn des Schuljahrs die Grammatik geholt
+hatte. Er suchte sich zu rechtfertigen: "Ich hätte gerne die alte Ausgabe
+benützt," sagte er, "aber als sie der Professor nur sah, war er schon ärgerlich
+und sagte: 'Die kenne ich, die habe ich schon bei deinem ältesten Bruder
+beanstandet, und er hat sie doch immer wieder gebracht, dann hat mich dein
+Bruder Wilhelm das ganze Schuljahr hindurch vertröstet, er bekomme bald eine
+neue Auflage, und es ist doch nie wahr geworden, aber zum drittenmal lasse ich
+mich nicht anschwindeln. Die alte Auflage muß wohl noch von deinem Großvater
+stammen?' So hat der Professor zu mir gesprochen, was habe ich da machen
+können?"
+</p>
+
+<p>
+"Mir hättest du das gleich sagen sollen, dann wäre sie bezahlt worden."
+</p>
+
+<p>
+"Du hast damals gar nichts davon hören wollen," sagte Otto kläglich.
+</p>
+
+<p>
+"Dann hättest du es der Mutter sagen sollen."
+</p>
+
+<p>
+"Die Mutter schickt uns immer zu dir."
+</p>
+
+<p>
+"Ach was," entgegnet Herr Pfäffling ungeduldig, "du bist ein Streiter; wie du
+es hättest machen sollen, kann ich nicht sagen, jedenfalls nicht so. Denkt nur,
+wohin das führen würde, wenn ihr alle sieben auf Rechnung nehmen würdet. Wenn
+man so knapp daran ist wie wir, dann kann man durchaus keine Neujahrsrechnungen
+brauchen, die Mutter und ich bringen es immer zustande ohne solche, und ihr
+müßt es auch lernen. Darum zahle du nur selbst die vier Mark. Du hast ja an
+Weihnachten Geld geschickt bekommen?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe keine drei Mark mehr."
+</p>
+
+<p>
+"Dann helfen die Brüder. Ihr habt es doch wohl gewußt, daß Otto die Grammatik
+geholt hat? Also, dann könnt ihr auch zahlen helfen. Jeder eine Mark, oder
+meinetwegen eine halbe, und die vierte Mark will ich darauflegen. Aber springt
+nur gleich zum Buchhändler, zahlt und bringt mir die Quittung, und am nächsten
+Neujahr kommt keine Rechnung mehr, Kinder, nicht wahr?" Sie versprachen es,
+nahmen des Vaters Beitrag dankbar entgegen und waren froh, daß die Sache gnädig
+abgelaufen war. Das Geld wurde zusammengesucht, Otto wollte es gleich zum
+Buchhändler tragen. Als er hinunterkam, hielt eben vor der Haustüre eine
+Droschke, eine kleine Dame stieg aus, hinter Pelzwerk und Schleier hervor sah
+Fräulein Vernageldings Lockenköpfchen. Sie kam zur Stunde. "Armer Vater, auch
+das noch!" mußte Otto denken. Aber das Fräulein sprach ihn freundlich an: "Es
+ist zu kalt heute, um zu Fuß zu gehen, wollen Sie nicht auch fahren? Da wäre
+eben eine Droschke frei!"
+</p>
+
+<p>
+"Danke, nein, ich gehe zu Fuß," entgegnete Otto, lief davon und lachte vor sich
+hin über den Einfall, daß er zum Buchhändler fahren sollte. Aber das Lachen
+verging ihm bald, es lacht niemand auf der Straße bei zwanzig Grad Kälte!
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap10"></a>10. Kapitel<br/>
+Ein Künstlerkonzert.</h2>
+
+<p>
+Der Vorabend des Konzertes war gekommen, die ganze Stadt sprach von dem
+bevorstehenden seltenen Kunstgenuß. Die schon früher Gelegenheit gehabt hatten,
+die Künstler zu hören, stritten darüber, ob die entzückende Stimme der
+Sängerin, die meisterhaften Leitungen des Klavierspielers die Menschen von nah
+und fern herbei lockten oder ob das kleine musikalische Wunderkind einen
+solchen Reiz ausübte.
+</p>
+
+<p>
+Im Zentralhotel waren Zimmer bestellt für die Künstlerfamilie und ihre
+Begleitung. Herr Pfäffling wußte das nicht, als er dem Hotel zuging, um seine
+letzte Stunde bei der russischen Familie zu geben. Noch einmal musizierten sie
+zusammen, weit über die festgesetzte Zeit hinaus, dann nahm Herr Pfäffling
+Abschied. Der General und seine Gemahlin schienen ihm ernst und traurig. Schwer
+lag auf ihnen der Gedanke, sich von den Söhnen trennen zu sollen. Auf der
+Durchreise wollten sie die beiden jungen Leute in Berlin zurücklassen. Schwer
+bedrückte sie auch der jammervolle Zustand des Vaterlandes, in das sie
+zurückkehren mußten. Unordnung herrschte im ganzen russischen Reich.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem letzten Zusammensein schwand jede Schranke, welche durch den großen
+Abstand der äußeren Stellung und Lebensverhältnisse zwischen den beiden Männern
+etwa noch bestanden hatte; in offener Mitteilsamkeit und warmer Teilnahme
+fanden und trennten sie sich.
+</p>
+
+<p>
+"Unsere Söhne werden morgen noch zu Ihnen kommen," sagte der General, "um sich
+bei Ihnen zu verabschieden und auch unseren Dank zu überbringen. Übermorgen
+werden wir reisen. Das Konzert wollen wir noch anhören, vielleicht sehen wir
+uns im Saal!"
+</p>
+
+<p>
+Vom General und seiner Gemahlin freundlich bis zur Treppe geleitet,
+verabschiedete sich Herr Pfäffling. Auf der Treppe mußte er Platz machen. Ein
+prächtiger Blumenkorb wurde eben herauf getragen. Er war für das Empfangszimmer
+des Künstlerpaares bestimmt. Eine gewisse Unruhe und Erregung herrschte in dem
+ganzen Hotel. Um so mehr war Herr Pfäffling verwundert, als ihn der
+Hotelbesitzer auf der Treppe einholte und ruhig anredete. "Haben Sie vielleicht
+einen Augenblick Zeit, mit mir hier herein zu kommen?" fragte er, die Türe
+eines Zimmers aufmachend. "Ich wohl," sagte Herr Pfäffling, "aber Sie sind
+heute wieder vollauf in Anspruch genommen?"
+</p>
+
+<p>
+"Allerdings, und man sollte meinen, ich hätte keinen anderen Gedanken als meine
+Gäste, aber auch uns Geschäftsleuten steht das eigene Fleisch und Blut doch am
+nächsten. Mir klingt heute in aller Unruhe immer nach, was mir mein Sohn diesen
+Morgen geschrieben hat. Sie wissen es vielleicht, daß er seit Weihnachten bei
+meiner verheirateten Schwester ist. Sie, Herr Pfäffling, haben mir ja damals,
+als ich blind war, den Star gestochen. Es war eine schmerzhafte, aber
+erfolgreiche Operation."
+</p>
+
+<p>
+"Wenn sie erfolgreich war, so freut mich das herzlich, denn ich bin mir sehr
+bewußt, daß ich sie mit plumper, ungeschickter Hand vorgenommen habe. Was
+schreibt Ihr Sohn?"
+</p>
+
+<p>
+"Anfangs wollte er sich nicht recht in das einfache Familienleben finden, aber
+nun sollten Sie hören, wie er begeistert schreibt über seine Tante, obwohl
+diese ihn fest führt, wie wichtig es ihm ist, ob er ihr zum Quartalsabschluß
+ein gutes Zeugnis bringen wird und wiederum, wie vergnügt er die
+Schlittenfahrten, die Spiele mit den Kindern schildert." Herr Meier warf einen
+Blick in den Brief, den er ans seiner Tasche zog, und schien Lust zu haben, ihn
+vorzulesen, aber er steckte ihn rasch wieder ein, da ein Bursche eintrat und
+ihm eine ganze Anzahl Telegramme überreichte, die eben eingetroffen waren.
+</p>
+
+<p>
+"Ich will Sie nicht länger aufhalten," sagte Herr Pfäffling. "Ihre Telegramme
+beunruhigen mich, auch höre ich unten immerfort das Telephon."
+</p>
+
+<p>
+"Für dieses sorgt der Portier, und die Telegramme enthalten vermutlich alle nur
+Zimmerbestellungen. Viele Fremde möchten da absteigen, wo sie wissen, daß die
+Künstler ihr Absteigequartier genommen haben, besonders auch die
+Berichterstatter für die Zeitungen, diese hoffen im gleichen Hause etwas mehr
+zu hören und zu sehen von den Künstlern, als was sich im Konzertsaal abspielt."
+</p>
+
+<p>
+Herr Meier hatte einen Blick in die Telegramme getan: "Nur Zimmerbestellungen,"
+sagte er, "es ist aber schon alles bei mir besetzt oder vorausbestellt. Ich muß
+für Aufnahme in anderen Häusern sorgen. Mir ist es lieb, zu denken, daß Rudolf
+fern von dem allem an seiner Arbeit oder auch beim Kinderspiel sitzt. Ich werde
+Ihnen immer dankbar sein für Ihren Rat, Herr Pfäffling."
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Männer trennten sich und als Herr Pfäffling das Zentralhotel
+verließ, dessen schöne Freitreppe er nun vielleicht zum letztenmal
+überschritten hatte, wandte er sich unwillkürlich und warf noch einmal einen
+Blick auf diesen Ort des Luxus und des Wohllebens zurück. Wie wenig Unterschied
+war doch im Grund bei aller äußeren Verschiedenheit zwischen dem, was hier und
+was im einfachen Hause die Herzen bewegte. Der russische General, der reiche
+Geschäftsmann und er, der schlichte Musiklehrer, schließlich hatten sie alle
+das gleiche Herzensanliegen. Geld und Gut allein befriedigte keinen, um ihre
+<i>Kinder</i> sorgten sie sich, tüchtige Söhne wollten sie alle, und das konnte
+ein armer Musiklehrer so gut oder leichter haben als die Reichen.
+</p>
+
+<p>
+Am folgenden Morgen erschienen die beiden jungen Russen in der Frühlingsstraße,
+um ihren Abschiedsbesuch zu machen. Herr Pfäffling war in der Musikschule,
+seine Frau empfing mit Freundlichkeit diese beiden Schüler, die ihrem Lehrer
+seine Aufgabe immer leicht gemacht hatten. Die jungen Leute drückten sich nun
+schon gewandt in der deutschen Sprache aus, baten Frau Pfäffling, ihren Dank zu
+vermitteln und teilten ihr mit, daß die Eltern ihre Abreise noch um einige Tage
+verschoben hätten, selbst noch einen Gruß schreiben und diesem das Honorar für
+die Stunden beilegen wollten.
+</p>
+
+<p>
+Unser Musiklehrer hätte sie noch in der Frühlingsstraße treffen müssen, wenn er
+zur gewohnten Zeit heim gekommen wäre. Aber es hatte heute in der Musikschule
+nach Schluß des Unterrichts eine sehr erregte Besprechung zwischen den Lehrern
+der Anstalt gegeben, und Herr Pfäffling kam später als sonst und nicht mit
+seiner gewohnten fröhlichen Miene heim. Heute war er nicht, wie gestern, der
+Ansicht, daß reich oder arm nicht viel zum Glück des Menschen ausmache! Der
+Direktor hatte mitgeteilt, daß zu dem abendlichen Konzert nur eine einzige
+Freikarte, auf seinen Namen lautend, für die Lehrer der Musikschule abgegeben
+worden sei. Darüber herrschte große Entrüstung unter den Kollegen. Manche
+konnten sich ja auf eigene Kosten noch Plätze verschaffen, für Herrn Pfäffling
+war solch eine Ausgabe ausgeschlossen. Seine Frau machte einen schwachen
+Versuch, ihn doch dazu zu überreden. "Nein," sagte er, "ich säße nur mit
+schlechtem Gewissen in dem Saal, habe ich doch noch nicht einmal die 60 Mark
+beisammen für den Arzt! Wenn die Russen heute das Geld geschickt hätten, das
+hätte mich vielleicht verführt. Die Leute sind auch so gedankenlos, sie tun,
+wie wenn unser einem das ganz gleich wäre, ob man auf das Stundenhonorar
+wochenlang warten muß oder nicht! Und die Künstler! Wie leicht hätten sie noch
+eine Freikarte mehr schicken können! Weißt du, daß Fräulein Vernagelding mit
+ihrer Mutter in das Konzert gehen wird? Ich habe bisher nicht gedacht, daß ich
+neidisch bin, aber: ich glaube wirklich, in diesem Fall bin ich es! Denke dir,
+das junge Gänschen, das nicht hört, was recht und was falsch klingt, soll
+diesen Kunstgenuß haben, und unsereines bleibt ausgeschlossen. Und warum geht
+sie hin? Weil Mama sagt: Bei solch hohem Eintrittspreis sei man sicher, nur die
+vornehmste Gesellschaft zu treffen! Und da soll man nicht bitter werden!"
+</p>
+
+<p>
+"Bitter?" wiederholte Frau Pfäffling, "du und bitter? Das ist gar nicht
+zusammen zu denken."
+</p>
+
+<p>
+Sie waren allein miteinander im Musikzimmer.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling sprach noch manches gute, beruhigende Wort, so lange bis Elschen
+als schüchterner Bote eintrat und fragte, wann denn heute zu Mittag gegessen
+würde? Mit dem schlechten Gewissen einer säumigen Hausfrau folgte die Mutter
+augenblicklich der Mahnung. Herr Pfäffling sah ihr nach; von Erbitterung war
+nichts mehr auf seinen Zügen zu lesen, aber er sagte vor sich hin: "Das gibt
+eine öde Zeit, wenn sie für vier Wochen verreist, ich wollte, es wäre schon
+überstanden."
+</p>
+
+<p>
+Im Zentralhotel herrschte an diesem Tag Leben und Bewegung. Alle Zimmer waren
+besetzt, Kunstverständige waren von nah und fern herbei geeilt, alte Bekannte,
+neue Größen suchten das Künstlerpaar auf und das Künstlerkind wurde liebkost,
+mit Bonbons überschüttet, aber dennoch langweilte es sich heute und war
+verstimmt. Dem Fräulein, das für den kleinen Künstler zu sorgen hatte und ihn
+an Konzerttagen bei guter Laune erhalten sollte, wollte es heute nicht
+gelingen.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag ließ die junge Mutter Herrn Meier zu sich bitten. Viele Fremde
+der Stadt hätten ihn wohl beneidet um diese Audienz bei der Künstlerin, um die
+Gelegenheit, die auch beim Sprechen so liebliche Stimme der Sängerin zu hören
+und ihre anmutige Erscheinung zu sehen. "Ich bin in Verzweiflung," sagte sie,
+"unser Edmund ist heute gar nicht in Stimmung, und es wird mir so bang vor dem
+Abend. Denken Sie nur, wenn das Kind sich weigern sollte, zu spielen, wenn es
+versagen würde in dem Augenblick, wo alle auf ihn blicken? Er war noch nie so
+verstimmt, sein Fräulein ist selbst ganz nervös von der Anstrengung, ihn
+aufzuheitern. Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie mir ein paar muntere Kinder
+verschaffen, Knaben oder Mädchen, die mit ihm spielen und ihn zerstreuen, bis
+es Zeit wird, ihn anzukleiden. Bitte, bitte, sorgen Sie mir dafür, nicht wahr,
+und so bald wie möglich. Auch etwas Spielzeug wird zu bekommen sein, aber vor
+allem lustige Kameraden!"
+</p>
+
+<p>
+"Ich werde dafür sorgen, gnädige Frau," versicherte Herr Meier, und verließ das
+Zimmer. Die Wünsche der Gäste mußten befriedigt werden, das stand ein für
+allemale fest bei dem Besitzer des Zentralhotels. Also auch dieser Wunsch. "Wo
+bringe ich schnell muntere Kinder her?" fragte er sich und dachte an seinen
+Sohn Rudolf. In solchen Fällen hatte dieser ihm oft Rat gewußt, er kannte so
+viele Menschen. Ja, manchmal war Rudolf doch tatsächlich nützlich gewesen. Bei
+diesem Gedankengang sah Herr Meier wieder den Musiklehrer vor sich, und nun kam
+ihm in Erinnerung: Dieser Mann sollte ja Kinder haben in jedem Alter und
+munter, lebhaft, temperamentvoll mußten die Kinder <i>dieses</i> Mannes
+sicherlich sein. Er ging zum Portier: "Schicken Sie sofort eine Droschke zu
+Musiklehrer Pfäffling in die Frühlingsstraße. Lassen Sie ausrichten, der kleine
+Künstler habe Langeweile und ich ließe Herrn Pfäffling freundlich bitten, mir
+sofort zwei oder drei seiner Kinder, Knaben oder Mädchen, zur Unterhaltung des
+Jungen zu schicken. Auch Spielzeug dazu, aber rasch!"
+</p>
+
+<p>
+So fuhr denn mitten am Nachmittag ein Wagen in der Frühlingsstraße vor, und der
+Kutscher richtete aus: "Herr Meier vom Zentralhotel lasse bitten um zwei bis
+drei Stück Kinder, Buben oder Mädel, das sei egal, sie sollten dem kleinen
+Künstler die Zeit vertreiben, weil er gar so zuwider sei."
+</p>
+
+<p>
+Diese Einladung erregte Heiterkeit bei den Eltern Pfäffling, und sie waren
+gleich bereit, die Bitte zu erfüllen. Wer paßte am besten dazu? Marianne war
+nicht zu Hause, Karl schon zu erwachsen, so konnten nur Wilhelm und Otto,
+Frieder und Elschen in Betracht kommen. Otto erklärte, er geniere sich. Wilhelm
+konnte das nicht begreifen. "Wie kann man sich genieren, wenn man mit einem
+kleinen Buben spielen soll? Dem wollte ich Purzelbäume vormachen und Spaß mit
+ihm treiben, daß er kreuzfidel würde!"
+</p>
+
+<p>
+"Gut," sagte Herr Pfäffling, "wenn es dir so leicht erscheint, wirst du es auch
+zustande bringen. Und Frieder?"
+</p>
+
+<p>
+"Der ist zu still," sagte die Mutter, "eher würde ich zu Elschen raten. Wo ist
+sie denn? Ein Künstlerkind hat vielleicht Freude an dem niedlichen
+Gestältchen."
+</p>
+
+<p>
+"Meinst du?" sagte Herr Pfäffling zweifelnd, "ist sie nicht zu schüchtern? Wir
+wollen sie fragen."
+</p>
+
+<p>
+Sie suchten nach dem Kind. Elschen stand allein im kalten Schlafzimmer, hatte
+in ihr eigenes Bett die Puppe gelegt, und als nun die Eltern und Brüder
+unvermutet herein kamen, hob sie abwehrend die Hand und sagte bittend: "Leise,
+leise, mein Kind ist krank!" Sie war herzig anzusehen. Frau Pfäffling beugte
+sich zu ihr und sagte: "Ein wirkliches, lebendiges Kind verlangt jetzt nach
+dir, Elschen. Der kleine Violinspieler, von dem wir dir erzählt haben, ist so
+traurig, weil er kein Kind in der Stadt kennt. Willst du zu ihm und mit ihm
+spielen?"
+</p>
+
+<p>
+"Freilich," sagte Elschen mitleidig, "mein Kind schläft jetzt, da kann ich
+schon fort."
+</p>
+
+<p>
+Schnell waren die beiden Geschwister gerichtet, auch einiges Spielzeug
+herbeigesucht und nun fuhren sie in der geschlossenen Droschke durch die ganze
+Stadt, voll Freude über das unverhoffte Vergnügen.
+</p>
+
+<p>
+Der Hotelbesitzer trat selbst herzu, als der Wagen vorfuhr, etwas bange, ob
+entsprechendes herauskommen würde. Er öffnete den Schlag. Der Anblick von
+Elschens lieblichem kleinem Persönchen erfreute ihn. Behutsam hob er sie aus
+dem Wagen, stellte sie auf die Freitreppe und sagte sich: "Das entspricht, wird
+sicherlich Beifall finden." Inzwischen war Wilhelm mit Behendigkeit aus der
+Droschke gesprungen, hatte das Spielzeug zusammen gerafft und war schon unter
+der großen Haustüre. Lächelnd sah ihn Herr Meier an. "Ganz wie sein Vater,
+langbeinig, hager und flink," dachte er und sagte befriedigt: "Nun kommt mir,
+Kinder, ich will euch selbst einführen. Edmund heißt der Kleine. Er ist ein
+wenig müde von der Reise, aber wenn ihr mit ihm spielt, wird er schon lustig.
+Vom Konzert und von Musik müßt ihr nicht mit ihm reden, das mag er nicht, er
+will nur spielen, er ist ganz wie andere Kinder auch."
+</p>
+
+<p>
+Oben am Zimmer angekommen, klopften sie an und horchten auf das "Herein", statt
+dessen hörten sie die Stimme eines Fräuleins. "Aber Edmund, wer wird denn die
+Fensterscheiben ablecken?" "Was soll ich denn sonst tun?" hörte man eine
+weinerliche Kinderstimme entgegnen. Da lachte Wilhelm und sagte zu seinem
+Begleiter: "Der muß freilich arg Langeweile haben! Ich will lieber gleich mit
+einem Purzelbaum herein kommen." Herr Meier wußte nicht recht, ob er das gut
+heißen sollte, aber er hatte inzwischen noch einmal angeklopft, das "herein"
+war erfolgt und durch die geöffnete Türe kam Wilhelm auf dem Kopf herein und
+einen Purzelbaum nach dem andern schlagend, auf weichen Teppichen, die dazu
+sehr einladend waren, bis zu dem Kleinen am Fenster, der nun laut auflachte und
+sagte: "Wie macht man denn das?"
+</p>
+
+<p>
+Das Fräulein atmete erleichtert auf bei dieser willkommenen Ablösung in ihrer
+Aufgabe, das Kind zu unterhalten. Die Sängerin, die aus dem nebenan liegenden
+Zimmer unter die Türe getreten war, lächelte freundlich und dankbar Herrn Meier
+zu, der sich sofort befriedigt entfernte, und kam Elschen entgegen, die auf sie
+zuging. Das Kind hatte ein Gefühl dafür, daß die Art, wie ihr Bruder sich
+einführte, ungewöhnlich und vielleicht nicht passend war, und in der
+mütterlichen Art, die sie von ihrer älteren Schwester überkommen hatte, sagte
+sie zu der jungen Frau: "Wilhelm kommt gewöhnlich nicht mit Purzelbäumen
+herein, bloß heute, weil er lustig sein will."
+</p>
+
+<p>
+"Ein süßes Kind," sagte die junge Mutter zu dem Fräulein. "nun ist Edmund
+versorgt und wir können ein wenig ausruhen. Lassen Sie die Kinder nur ganz
+gewähren, solange sie nicht gar zu wild werden." Das Fräulein schien dieser
+Aufforderung sehr gern nachzukommen, zog sich mit einem Buch zurück und die
+Kinder blieben sich selbst überlassen.
+</p>
+
+<p>
+Die Freundschaft war bald geschlossen. Der kleine Künstler hatte etwas sehr
+Gewinnendes in seinem Wesen und ein anmutiges Äußeres. Weiche, blonde Locken
+umgaben das feine Gesicht, alles an ihm war schön und wohlgepflegt. Das
+ansprechendste waren seine großen, tiefblauen Augen, die mit ihrem
+träumerischen Ausdruck ahnen ließen, daß diese Kinderseele mehr als andere
+empfand. Während er mit den Kindern spielte, sah auch er kindlich-fröhlich aus,
+sobald er aber still war, lag ein ungewöhnlicher Ernst und eine Frühreife in
+seinem Gesicht, die ihn viel älter erscheinen ließen.
+</p>
+
+<p>
+Eine gute Weile belustigte er sich an Wilhelms Spässen und ergötzte sich mit
+diesem, während Elschen zusah. Nun wandte er sich an sie. "Mit dir möchte ich
+gerne tanzen," sagte er, "kannst du tanzen?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte die Kleine zuversichtlich.
+</p>
+
+<p>
+"Was willst du tanzen?"
+</p>
+
+<p>
+"Was du willst," antwortete sie freundlich, zum Erstaunen ihres Bruders, der
+von der Tanzkunst seiner Schwester bisher noch nichts gewußt hatte.
+</p>
+
+<p>
+"Also Walzer," entschied der kleine Kavalier und wollte sein Dämchen zum Tanz
+führen.
+</p>
+
+<p>
+"Warte ein wenig," sagte Elschen, "Wilhelm muß mir das erst vormachen."
+</p>
+
+<p>
+Dieser hatte zwar noch nie getanzt, aber ihm machte das keine Bedenken, für so
+kleine Tänzer traute er sich dennoch zu, den Tanzmeister zu machen.
+</p>
+
+<p>
+"Bei Walzer zählt man drei," sagte er zur Schwester, "ich will dir einen Walzer
+vorpfeifen."
+</p>
+
+<p>
+Und er fing an, die Melodie zu pfeifen, den Takt dazu zu schlagen und sich im
+Kreis zu drehen. Das Fräulein, im Hintergrund, verbarg hinter ihrem Buch das
+Lachen, das sie bei diesem Tanzunterricht schüttelte. Edmund fuhr die Tanzlust
+in die Füße, er ergriff seine kleine Tänzerin. Sie wäre ja keine Pfäffling
+gewesen, wenn sie den Rhythmus nicht erfaßt hätte; niedlich tanzte das kleine
+Paar hinter dem pfeifenden, mit den Fingern schnalzenden und sich drehenden
+Wilhelm einher. Das Fräulein rief unbemerkt die Mutter des Kleinen herbei, auch
+der Vater trat unter die Türe, sie sahen belustigt zu. "Eine solche Nummer
+sollten wir in unserem Programm heute Abend einschalten," sagte er scherzend zu
+seiner Frau, "das gäbe einen Jubel! Wem gehören denn diese Kinder?" fragte er
+das Fräulein. Sie wußte es nicht.
+</p>
+
+<p>
+"Der langbeinige, bewegliche Kerl ist zu drollig und das Mädchen ist die Anmut
+selbst. Musikalisch sind sie offenbar alle beide."
+</p>
+
+<p>
+Zwei Stunden waren den Kindern schnell verstrichen, nun mahnte das Fräulein,
+daß es Zeit für Edmund sei, sein Abendessen einzunehmen und sich umkleiden zu
+lassen für das Konzert. Als er das hörte, verschwand alle Fröhlichkeit aus
+seinem Gesicht, er erklärte, daß er nichts essen möge, sich nicht umkleiden und
+seine neuen Freunde nicht missen wolle. Die vernünftigen Vorstellungen des
+Fräuleins, die zärtlichen Worte der Mutter hatten nur Tränen zur Folge.
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm versuchte seinen Einfluß auf den kleinen Kameraden. "Du mußt doch
+vorspielen," sagte er, "viele Hunderte von Menschen hier freuen sich schon so
+lange auf das Konzert!"
+</p>
+
+<p>
+"Geht ihr auch hin?" fragte der Kleine und ehe er noch Antwort hatte, sagte er
+eifrig zu seiner Mutter: "Die Beiden sollen zu mir in das Künstlerzimmer
+kommen, und den Abend bei mir bleiben, es ist immer so langweilig, während du
+singst und Papa spielt."
+</p>
+
+<p>
+Aber Wilhelm ging auf diesen Vorschlag nicht ein. "Wir können nicht kommen,"
+sagte er. "Elschen liegt um diese Zeit schon im Bett und ich habe jetzt den
+ganzen Nachmittag nichts gearbeitet und habe viele Aufgaben für morgen." Da
+flossen bei dem Kleinen wieder die Tränen, er drückte sein Köpfchen an die
+Mutter und schluchzte: "Wenn er nicht kommt, will ich auch nicht spielen, mir
+ist gar nicht gut." Es sah auch tatsächlich ein wenig elend aus, das kleine
+Bübchen. Seine Mutter rief den Vater zu Hilfe. "Sieh doch nur," sagte sie, "wie
+Edmund verweint und jämmerlich aussieht! Was hat er nur? Er ist doch sonst so
+verständig, aber heute will er nicht spielen. Ich werde Qualen durchmachen,
+heute abend."
+</p>
+
+<p>
+Der Vater stampfte ungeduldig mit dem Fuß. Edmund ergriff Wilhelms Hand und
+hielt sie krampfhaft fest, um ihn nicht gehen zu lassen. Die beiden Eltern
+besprachen sich eifrig miteinander, aber die Kinder verstanden nichts davon,
+das Gespräch wurde in italienischer Sprache geführt. Endlich wandte sich der
+Vater an Wilhelm: "Wir wären sehr froh," sagte er, "wenn du zu unserem Kleinen
+in das Künstlerzimmer kommen und den Abend bei ihm bleiben wolltest. Du müßtest
+eben deine Aufgaben einmal bei Nacht machen. Ein frischer Junge, wie du bist,
+kann das doch wohl tun? Wir verlangen auch diese Gefälligkeit nicht umsonst,
+wir bieten dir dagegen ein Freibillet zu unserem Konzert an, das du gewiß jetzt
+noch leicht an irgend jemand in deiner Bekanntschaft verkaufen kannst."
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Wort "Freibillet" hatte Wilhelms Gesicht hell aufgeleuchtet. Ein
+Billet, für den Vater natürlich, welch ein herrlicher Gedanke! "Ja," rief er,
+"ja, ja, für ein Freibillet, wenn ich es meinem Vater geben darf, will ich gern
+zu Edmund kommen und gern die ganze Nacht durch arbeiten!" Und als er bemerkte,
+wie nun der Kleine plötzlich vom Weinen zum Lachen überging, sagte er zu
+diesem: "Könntest du nur dabei sein, wenn ich meinem Vater die Karte bringe und
+sehen, wie er sich freut! Mein Vater ist wohl so groß wie die Türe da, und wenn
+er einen Freudensprung macht, dann kommt er fast bis an unsere Decke. Weißt du
+so!" und Wilhelm fing an, Sprünge zu machen, daß der kleine Kamerad laut lachte
+und seine Mutter leise zu dem Fräulein sagte: "Nun führen Sie ihn rasch zum
+Umkleiden, so lange er noch vergnügt ist," und dem Kinde redete sie gütig zu:
+"Wenn du nun artig bist, Edmund, so kommt heute abend Wilhelm zu dir." Darauf
+hin folgte der Knabe willig dem Fräulein und sein Vater wandte sich an Wilhelm.
+"Das Konzert ist in der Musikschule; neben dem Saal ist das Zimmer, in dem wir
+uns aufhalten, so lange wir nicht spielen, du darfst nur nach dem
+Künstlerzimmer fragen."
+</p>
+
+<p>
+"O, ich weiß es gut," sagte Wilhelm, "neben dem Garderobezimmer liegt es."
+</p>
+
+<p>
+Der Künstler wunderte sich. "Du bist ja zu allem zu brauchen," sagte er, "woher
+weißt du das Zimmer?"
+</p>
+
+<p>
+"Mein Vater ist Lehrer an der Musikschule, ich habe ihn schon oft dort
+abgeholt."
+</p>
+
+<p>
+"Ah, Musiklehrer, und hat dennoch kein Billet genommen für unser Konzert?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Wilhelm, "aber kein Mensch in der ganzen Stadt kann sich mehr
+darüber freuen, als mein Vater!"
+</p>
+
+<p>
+Auch Elschen stimmte zu mit einem fröhlichen "ja, ja!" und dabei schlüpfte sie,
+so schnell sie konnte, in ihren Mantel und beiden Kindern war die Ungeduld,
+heimzukommen, an allen Gliedern anzumerken. Die Karte wurde ihnen denn auch
+wirklich eingehändigt und nachdem Wilhelm fest versprochen hatte, sich
+rechtzeitig im Künstlerzimmer einzufinden und Edmund zu unterhalten, ohne ihn
+aufzuregen, ihn zu belustigen, ohne Lärm zu machen, wurden die Kinder
+entlassen.
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm faßte die kleine Schwester bei der Hand; "Jetzt nur schnell, schnell,
+Elschen, wenn nur der Vater ganz gewiß zu Hause ist, es ist schon sechs Uhr, um
+halb acht Uhr geht das Konzert an!"
+</p>
+
+<p>
+So rasch eilten sie am Portier vorüber, daß dieser sie kaum mehr erreichte,
+obwohl er aus seinem Zimmer ihnen nacheilte auf die Freitreppe vor dem Hotel.
+</p>
+
+<p>
+"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr dürft wieder heim fahren." Wilhelm
+wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und kommen viel
+früher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber die Hand des großen,
+stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des Knaben und hielt ihn zurück.
+"Herr Meier hat Auftrag gegeben, daß eine Droschke geholt werden soll, es ist
+für dies kleine Mädchen ein weiter Weg und draußen ist's kalt und dunkel; aber
+wenn du so Eile hast, so kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen
+und einen Wagen holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde
+im Portierzimmer ein Sessel zurecht gerückt. Da saß sie neben zwei riesigen
+Reisekoffern, und betrachtete die glänzenden Metallbeschläge.
+</p>
+
+<p>
+"Das sind große Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen bis nach
+Rußland."
+</p>
+
+<p>
+"Dann gehören sie dem General," sagte Elschen, "der in der nächsten Woche nach
+Berlin reist."
+</p>
+
+<p>
+"Weißt du davon? Du hast ganz recht, das heißt, er reist schon morgen."
+</p>
+
+<p>
+"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah erstaunt auf
+die Kleine. "Das wäre das neueste, wer hat denn das gesagt?"
+</p>
+
+<p>
+"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren."
+</p>
+
+<p>
+"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General selbst hat
+heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen vormittag. Horch, nun
+kommt schon dein Bruder mit der Droschke."
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm hätte mehr Lust gehabt, seine eigenen flinken Beine in Bewegung zu
+setzen als die eines müden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr
+einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, daß der Wagenschlag
+für sie aufgerissen wurde wie für ein kleines Dämchen und sie selbst sorgsam
+hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt nicht ausgleite. Nun fuhren sie
+durch die schön beleuchteten Straßen, dann durch die stillen Gassen der
+Vorstadt und endlich bogen sie in die Frühlingsstraße ein. "Wenn der Vater
+nicht daheim ist, müssen alle auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl
+und Otto, Marianne und Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muß
+das Billet zu rechter Zeit bekommen!"
+</p>
+
+<p>
+In der Frühlingsstraße war abends kein großer Wagenverkehr, und Frau Pfäffling,
+die bei den Kindern am Tisch saß, horchte auf und sagte: "Sie kommen!" Herr
+Pfäffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin und her wandelte, seine
+Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch den Gedanken gestört wurde, wie
+viel schöner es wäre, heute abend Musik, Musik erster Klasse, zu hören, als
+über Musik zu lesen, Herr Pfäffling hörte auch das Geräusch des Wagens: "Das
+können die Kinder sein, ob <i>sie</i> wenigstens etwas gehört haben in der
+Künstlerfamilie, singen, Klavier oder Violine?" Das mußte er doch gleich
+fragen, also: die Treppe hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem
+Mann: "Es hält eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die Zeit
+kommt ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfäffling stand
+inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte fragen, aber so
+flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den eifrigen Ausrufen seiner
+Kinder: "Wie gut, daß du zu Hause bist, Vater, wir haben dir ja ein Billet, ein
+Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt vom Künstler selbst!" Und wenn nun auch
+Herr Pfäffling nicht den Freudensprung machte, den der kleine Edmund von ihm
+erwartet hätte, enttäuscht wäre dieser doch nicht gewesen, denn dieser
+fröhliche Ausruf der Überraschung, dieses stürmische Stufenüberspringen, um
+möglichst schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Cäcilie!"
+der durch die ganze Wohnung klang, war auch ergötzlich und herzerfreuend.
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es diesmal
+überlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag herauskam. Frau
+Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht überrannt zu werden, wollte
+eben die Haustüre zumachen, als sie die Kleine, mit dem Spielzeug beladen,
+nachkommen sah. "Da hat es wieder so pressiert," sagte sie vor sich hin, "daß
+sich keines die Zeit genommen hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm
+die Hand und schloß für sie die Haustüre, während oben schon die Tritte der
+Hinauseilenden verhallten. Elschen fand es ganz natürlich, daß man sich nicht
+um sie gekümmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude,
+der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich grüßte sie die Hausfrau und sagte,
+auf der Treppe zurückblickend: "Jetzt weiß ich es, Hausfrau, wie du das machen
+mußt, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont wird, du mußt nur dicke,
+dicke Teppiche legen; so ist es im Zentralhotel und es sieht auch viel schöner
+aus als das Holz da!"
+</p>
+
+<p>
+"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken
+Teppiche, damit ich sie legen kann."
+</p>
+
+<p>
+Bei Pfäfflings war große Bewegung, die Freude über das Konzertbillet hatte sich
+allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten über die Erlebnisse im Zentralhotel
+überstürzten sich, zugleich wurden die Vorbereitungen für das Abendessen
+beschleunigt, damit Herr Pfäffling und Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des
+Konzertes kommen konnten. Frau Pfäffling hörte mit besonderer Teilnahme und
+auch mit Besorgnis von dem kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl
+fühlt," sagte sie zu Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit
+Spässen bei guter Laune erhalten können!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und
+war zu vergnügt über die Freikarte, als daß er von dem heutigen Abend irgend
+etwas anderes als Erfreuliches hätte erwarten können. Er strahlte mit dem
+ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinüber, der ebenso strahlte,
+während sie beide das rasch erschienene Abendessen verzehrten und sich dann
+unter allgemeiner Teilnahme und Hilfsbereitschaft der Familie für das Konzert
+richteten. "Wenn der Kleine aufgeregt wird oder nicht mehr spielen will," sagte
+Frau Pfäffling zu Wilhelm, "so laß ihn sich zu dir setzen und erzähle ihm
+allerlei, etwa von Frieders Harmonika und Geige oder von unserem
+Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn du ihn immer zum Lachen bringen
+willst. Weißt du, wenn man unwohl ist, mag man gar nicht lachen, aber über dem
+Erzählen vergessen die Kinder ihre kleinen Leiden." Da mischte sich Elschen
+ein: "Er ist ja gar nicht krank, er hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und
+gelacht," sagte Wilhelm, "und unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los
+mit ihm."
+</p>
+
+<p>
+So gingen Vater und Sohn fröhlich und guter Dinge miteinander nach der
+Musikschule und trennten sich, Herr Pfäffling, um seinen Platz in dem schon
+dicht gefüllten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters Billet nachträglich
+zu verdienen.
+</p>
+
+<p>
+Er fand das Künstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn begrüßten hier
+die Künstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Sängerin allerlei Aufmerksamkeiten
+und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand in schneeweißem Anzug da und
+lehnte das Lockenköpfchen an seine Mutter, die in ihrem duftigen Seidenkleid
+reizend anzusehen war. "Sieh, da kommt dein kleiner Freund," sagte Edmunds
+Vater, der Wilhelms bescheidenes Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja
+keine Purzelbäume," entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen.
+</p>
+
+<p>
+"Das wäre hier wohl auch nicht gut möglich," sagte der Vater. Im Hintergrund
+des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben hielt sich das
+Fräulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt hatte. Zu ihr ging er
+hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel für Edmund mitgebracht, soll ich
+ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?" "Später, wenn wir allein sind und Edmund
+schwierig wird," sagte das Fräulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar
+Augenblicke später kam geschäftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es
+Zeit, Herr Weismann?" frug ihn der Künstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die
+anwesenden Herrn verließen nun rasch das Künstlerzimmer, um sich an ihre Plätze
+im Saal zu begeben, das Fräulein strich noch die Falten am Kleide der Sängerin
+glatt, der Vater löste mit einer gewissen Strenge die Hand des Kindes aus der
+der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu Wilhelm," die Mutter drückte rasch
+noch einen Kuß auf die Stirn des Kleinen, der sie betrübt, aber doch ohne
+Widerspruch losließ. Dann öffnete Weismann eine Seitentüre, von der aus ein
+paar Stufen nach dem erhöhten Teil des Saals führten, auf dem nun das
+Künstlerpaar auftreten sollte. Wilhelm konnte von dem tieferliegenden
+Künstlerzimmer aus nicht hinaufsehen, aber er hörte das mächtige
+Beifallklatschen, mit dem das junge Paar empfangen wurde, dann schloß Weismann
+hinter ihnen die Türe und von den wunderbaren Tönen, die nun im Saal die
+Menschenmenge entzückten, drangen nur einzelne Klänge herunter in das
+Nebenzimmer.
+</p>
+
+<p>
+Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms hat unser
+kleiner Künstler," sagte er, und auf die bereit gelegte Violine deutend, fragte
+er: "Ist dein Instrument schön im Stande?" Edmund antwortete nicht.
+</p>
+
+<p>
+"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fräulein, "sein Vater hat vorhin
+darnach gesehen."
+</p>
+
+<p>
+"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du stehen
+sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weißt doch noch, nicht ganz
+dicht am Flügel?" Es erfolgte wieder keine Antwort.
+</p>
+
+<p>
+"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fräulein, "wenn dich
+Papa so sähe!" Da ließ der Kleine den Kopf hängen und fing au zu weinen.
+Erschrocken zog ihn das Fräulein an sich. "Sei nur zufrieden, Kind," tröstete
+sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall klatschen, wenn du mit
+verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die Tränen, Weismann hielt es für
+klüger, sich zurück zu ziehen, Wilhelm ließ den Kreisel tanzen; halb
+widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte er selbst die Kunst, die seinen
+geschickten Fingerchen bald gelang. Er vertiefte sich in das Spiel. Plötzlich
+horchte er auf. Ein Beifallssturm dröhnte aus dem Saal.
+</p>
+
+<p>
+"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Türe. "Nein, sie muß noch
+einmal wiederholen," fügte er nach einer Weile gespannten Horchens hinzu und
+kehrte wieder an sein Spiel zurück. "Bei mir ist das auch manchmal so, ich mag
+nicht gern wiederholen, aber man muß."
+</p>
+
+<p>
+"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm, "so etwas
+habe ich noch gar nicht gehört."
+</p>
+
+<p>
+"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es nachher
+schon hören," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem Kreisel, und als nun
+die Sängerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl geleitet, und dann von
+Weismann empfangen, wieder in das Künstlerzimmer zurückkam, rief er ihr
+fröhlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?" Die Mutter beugte sich zu ihm und
+sagte: "Gottlob, daß er vergnügt ist!" und ein dankbarer Blick fiel auf
+Wilhelm.
+</p>
+
+<p>
+Im Saal erklang der Konzertflügel.
+</p>
+
+<p>
+"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an das
+Fräulein wendend, fügte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist, wenn das
+Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Früher war es mir bange, wenn ich
+vorsingen mußte, aber seitdem das Kind öffentlich spielt, hat diese große Angst
+jede andere vertrieben. Wir hätten es nie anfangen sollen." Tröstend sprach das
+junge Mädchen der Mutter zu: "So sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn
+alle Welt begeistert ist von dem Kleinen, sind Sie doch glücklich und stolz,
+mehr als über Ihre eigenen Erfolge. Er ist nun schon fünfmal aufgetreten und
+hat seine Sache immer gut gemacht."
+</p>
+
+<p>
+"Aber heute wird es anders werden," flüsterte die Mutter, "hat er nicht auch
+trübe Augen? Edmund, gib mir deine Hände. Sie sind heiß, fühlen Sie, Fräulein!"
+</p>
+
+<p>
+"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Hände jetzt ruhen lassen."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Hände dürfen nicht
+müde sein vor dem Violinspiel."
+</p>
+
+<p>
+Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschäftigung zu wissen. Eine
+gelernte Kindergärtnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber ihm war, als
+verlöre sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem Augenblick an, wo er
+aufhören würde, den Jungen zu unterhalten. Also <i>mußten</i> ihm Gedanken
+kommen, Einfälle, um die Zeit zu vertreiben, und sie kamen auch, und als der
+Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in der Hand, unter lebhaftem Beifall
+den Saal verlassen hatte, fand er Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit
+der Violine zu folgen.
+</p>
+
+<p>
+"Nun wirst du hören, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama," sagte er
+munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr war es seine
+Mutter. Sie flüsterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch den Türspalt, wie er
+seine Sache macht!"
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Künstlern, sah, wie der
+Kleine, der mit freundlichem Beifall begrüßt worden war, in kindlicher Weise
+den Gruß erwiderte und, von seinem Vater auf dem Klavier begleitet, das Spiel
+begann. Wilhelm wurde durch den kleinen Violinspieler an Frieder erinnert und
+deshalb kam ihm diese Leistung nicht so wunderbar vor wie den Zuhörern im Saal.
+Mit denselben träumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt,
+hatte Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige.
+Freilich war Frieder erst ein Anfänger auf diesem Instrument und dieser Kleine
+war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die Violine war ja
+klein und der Spieler hatte nicht den kräftigen Strich eines Mannes. Aber
+reine, zarte, tief empfundene Töne wußte er zu wecken und eine staunenswerte
+Gewandtheit zeigten die kleinen Hände. Unter den Zuhörerinnen war manche zu
+Tränen gerührt, und als der letzte Ton sanft verklungen war, rauschte ein
+Beifallssturm durch den Saal, Blumen flogen, und eine junge Dame trat auf das
+Podium, um dem kleinen Künstler ein Füllhorn zu überreichen, das auf sein
+kindliches Alter berechnet war, denn während es nur mit Rosen gefüllt schien,
+waren unter den Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe,
+die Schätze zu sammeln. Man hörte die helle Kinderstimme ein schlichtes,
+freundliches "Danke!" rufen.
+</p>
+
+<p>
+In das Künstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu gratulieren,
+und es kam so, wie das junge Mädchen voraus gesagt hatte: die Mutter war über
+die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg glücklicher, als über den eigenen;
+auch war es ihr nun leichter um das Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal
+vorzuspielen, freilich ein schwieriges und längeres Musikstück und ganz ohne
+Begleitung, aber sie war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die
+begeisterten Schilderungen einiger Freunde, die in das Künstlerzimmer
+eindrangen und von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Fröhlich und
+siegesgewiß trat das Künstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein
+zurück bei dem Fräulein und dem treuen Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine weinerliche
+Stimmung und war nicht mehr heraus zu reißen, Wilhelm mochte sich buchstäblich
+auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da dachte er an seiner Mutter Rat,
+setzte sich neben den Kleinen und fing an, ihm zu erzählen. Der lehnte sich an
+das Fräulein, und es dauerte gar nicht lange, so fielen ihm die Augen zu und er
+schlief ein. Sie ließen ihn ruhen, aber gegen den Schluß des Konzertabends,
+während sein Vater allein spielte und schon am Ende des Stückes war, auf das
+Edmunds Auftreten folgen sollte, mußte er doch geweckt werden. Die Mutter tat
+es mit schwerem Herzen und unter zärtlichen Liebkosungen. Es kam ihr grausam
+vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, daß sie das Kind
+vorspielen lasse. Sie bemühten sich zu dritt um das Kind, boten ihm
+Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien, wohl aus dem Schlaf
+gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu bestimmen vermocht, daß er noch
+einmal vorspiele.
+</p>
+
+<p>
+Draußen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige
+Erwartung des kleinen Künstlers, auf dessen Wiedererscheinen die große Menge
+sich mehr freute als über die großartigen Kompositionen, die der Vater ihr
+soeben vorgetragen hatte. Innen, im Künstlerzimmer, herrschte
+Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf.
+</p>
+
+<p>
+"Laß nun einmal die zärtlichen Worte," sagte der Künstler zu seiner Frau, "sie
+helfen nichts mehr, wie du siehst; laß mich allein mit Edmund reden." Er führte
+das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und möchtest lieber zu Bette
+gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe doch dabei ein
+ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du mußt nur ein einziges Stück
+spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht: Die vielen Menschen haben
+die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen dafür Musik versprochen und muß
+mein Versprechen halten. Du mußt das deinige auch halten, dann erst darfst du
+dich zu Bette legen. Aber eines will ich für dich tun, wenn du mir versprichst,
+daß du dich tapfer hältst, ich will dir erlauben, daß du anstatt des
+schwierigen Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die
+du so gut kannst. Ich will es den Zuhörern sagen; wenn du das Stück recht schön
+vorträgst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer Viertelstunde ist
+es überstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann verzeihen sie es dir, daß
+du so ein kurzes Stück spielst." Und er nahm das Kind fest an der Hand, machte
+der Mutter, die sich von ihm verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab
+dem Kleinen die Violine, die er folgsam nahm und führte ihn die Stufen hinauf.
+"Vater," fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden,
+auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um."
+</p>
+
+<p>
+"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt der Vater.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das
+Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte sich der
+Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des Künstlers zugute zu
+halten, daß er sein Programm nicht einhält. Er möchte Ihnen lieber eine Romanze
+von Beethoven als das Konzert von Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches
+Klatschen bezeugte die Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wußten, daß
+ihnen damit die Freude verkürzt wurde. "Nun mach es um so besser," flüsterte
+der Vater noch seinem Kind zu und stellte sich so, daß sie einander im Auge
+behielten. Ihm war es, als müßte er unablässig durch seinen Blick die
+Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten.
+</p>
+
+<p>
+"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhörer, aber die meisten hatten
+keinen Blick für den Vater, sie waren wieder hingerissen von dem Knaben und
+seinem einschmeichelnden Spiel.
+</p>
+
+<p>
+Es ging vorüber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit erschienen,
+und diesmal kamen Beide wie träumend zurück zu der Mutter, die den Kleinen in
+zärtlichen Armen empfing.
+</p>
+
+<p>
+"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett," sagte der
+Vater zu dem Fräulein, "Wilhelm begleitet Sie hinüber zum Droschkenplatz, nicht
+wahr?"
+</p>
+
+<p>
+Am Schluß des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhörer vor dem
+Künstlerzimmer, sie hofften, auch das Künstlerkind noch einmal zu sehen.
+Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom Zentralhotel sorgsam
+hatte erwärmen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des Konzerts,
+und am übernächsten folgte eine Notiz: der kleine Geigenspieler sei an den
+Masern erkrankt.
+</p>
+
+<p>
+Acht Tage später lag auch seine kleine Tänzerin Elschen masernkrank darnieder,
+und wenn Frau Pfäffling an ihrem Bettchen saß, dachte sie manchmal mit
+Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon öffentlich auftreten mußte, ehe
+es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Über diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap11"></a>11. Kapitel<br/>
+Geld- und Geigennot.</h2>
+
+<p>
+Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte täglich
+und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß des russischen
+Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden beigelegt sein sollte, aber
+es kam nichts. So mußte die russische Familie doch wohl ihre Abreise verschoben
+haben, ja, vielleicht dachte sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die
+Musikstunden wieder aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden
+sein. Herr Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn
+Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit Familie
+gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach Berlin, wo er
+eine Woche verweilen wolle.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar zu
+sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich handelte und
+sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle geschäftlichen Angelegenheiten
+aufs pünktlichste geregelt und großmütig jede Dienstleistung bezahlt. Er ist
+durch und durch ein Ehrenmann, so werden auch sie ihn kennen gelernt haben."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, seine
+Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie das Honorar
+überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne Honorar, und sagten, die
+Abreise sei verschoben worden, die Eltern würden deshalb noch schriftlich ihren
+Dank machen. Glauben Sie, daß es von Berlin aus geschehen werde?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab, ohne
+vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas anderes vor. Von
+einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede, das haben die Söhne
+ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das Geld ist in den Händen der jungen
+Herrn hängen geblieben, das geht aus allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie
+sind etwas leichtsinnig, die Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und
+streng gehalten. Es scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich
+noch etwas reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt
+übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die Abreise
+sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die Eltern schon über
+der russischen Grenze wären. Es ist gut, daß Sie nicht noch ein paar Tage
+gezögert haben, diese Woche ist die Familie noch beisammen in Berlin. Ich habe
+die Adresse des Hotels und ich will sie Ihnen auch mitteilen, Herr Pfäffling.
+Wenn ich Ihnen raten darf, schreiben Sie unverzüglich. Sie brauchen ja durchaus
+keinen Verdacht gegen die jungen Herrn auszusprechen, es genügt, wenn Sie den
+Hergang erzählen, der General ergänzt sich das übrige und so wie ich ihn kenne,
+wird er Ihnen sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und alles ist
+gut."
+</p>
+
+<p>
+In voller Entrüstung erzählte unser Musiklehrer daheim von dem offenbaren
+Betrug seiner jungen Schüler. "Es ist ein Glück," sagte er dann, "daß mein
+Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich schreibe gleich. Wir
+brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und Nötigerem als diese
+leichtsinnigen Burschen."
+</p>
+
+<p>
+Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfäffling in ganz veränderter Stimmung,
+langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurück. "Cäcilie," sagte er, "was
+meinst du zu der Sache? Meine Feder sträubt sich ordentlich gegen das, was sie
+schreiben soll. Was hilft es, wenn ich auch nicht den geringsten Verdacht
+ausspreche, meine Mitteilung bringt doch dem General die Nachricht von der
+verbrecherischen Handlung seiner Söhne. Daß er ihnen so etwas nie zugetraut
+hätte, sieht man ja, er hätte ihnen sonst das Geld nicht übergeben. Nun soll er
+das erfahren müssen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die
+ehrlose Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen können. Sich so von
+seinen Kindern trennen müssen, das ist ein namenloser Schmerz für Eltern. Soll
+ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert Mark zu retten, was sagst du,
+Cäcilie?"
+</p>
+
+<p>
+"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, daß du es über dich
+bringst," entgegnete Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Und du? Würdest du es über dich bringen? Würdest du schreiben, trotz all dem
+Leid, was daraus entstehen muß?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich würde vielleicht denken, früher oder später werden die Eltern doch
+erfahren, wie ihre Söhne sind, und für die Jungen selbst wäre es heilsam, wenn
+der Betrug nicht ohne Strafe für sie hinginge. Überdies ist ja immerhin die
+Möglichkeit, daß wir einen falschen Verdacht haben und das Geld vergessen oder
+verloren wurde, obwohl ich mir dann die unwahre Aussage der Söhne über die
+verschobene Abreise nicht erklären könnte. Die hundert Mark sind uns auch gar
+so nötig."
+</p>
+
+<p>
+"Also du würdest schreiben, Cäcilie?"
+</p>
+
+<p>
+Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiß nicht, ich würde
+meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfäffling noch eine Weile überlegend
+auf und ab. Die Augen seiner großen Kinder folgten ihm mit Spannung. Sie waren
+alle empört über den Betrug, der an ihrem Vater begangen war, hatten alle den
+Wunsch, der Vater möchte schreiben. Aber sie wagten nicht, darein zu reden. Nun
+machte der Vater halt, blieb vor der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert
+Mark lassen sich verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen
+das kleinere Übel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem Wort:
+Den Nächsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den russischen
+General ungeschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefaßt. In ihrem kalten
+Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto beisammen
+und schrieben an die Söhne des Generals. Ihrer Entrüstung über die schnöde
+Handlungsweise gaben sie in kräftigen Worten Ausdruck, den Edelmut des Vaters,
+der aus Rücksicht auf den General diesem die Schandtat nicht verraten wollte,
+priesen sie in begeisterten Worten, schilderten dann die vielen Entbehrungen,
+die die Eltern sich auflegen mußten, wenn eine so große Summe wegfiel, und
+wandten sich am Schluß mit volltönenden Worten an das Ehrgefühl der jungen
+Leute mit der Aufforderung, das Geld zurückzuerstatten. Otto mußte mit seiner
+schönen, schulgemäßen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und dann
+setzten alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an Feodor, den
+älteren der beiden Brüder, die Berliner Adresse hatten sie gelesen, es fehlte
+nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur Schule konnte er in den
+Schalter geworfen werden. Mit großer innerer Befriedigung legten sie sich nun
+in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin mußte das Geld zurückkommen, an dem
+Erfolg war gar nicht zu zweifeln, und welche Überraschung, welche Freude mußte
+das geben!
+</p>
+
+<p>
+Es ist aber merkwürdig, wie die Dinge bei nüchternem Tageslicht so ganz anders
+erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brüder am nächsten Morgen auf
+dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum lassen wir eigentlich den
+Vater unsern Brief nicht vorher lesen?" Wilhelm und Otto wußten Gründe genug.
+"Weil sonst keine Überraschung mehr dabei ist; weil die Eltern so ängstlich
+sind und keinen Verdacht äußern wollen, während doch alles so klar wie der Tag
+ist; weil der Vater die schönsten Sätze über seinen Edelmut streichen würde;
+weil dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts würde; nein, wenn man
+wollte, daß der Brief abging, so mußte man ihn heimlich abschicken, nicht lange
+vorher fragen."
+</p>
+
+<p>
+Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf er den
+Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber die Brüder
+drangen in ihn: "Jede Überraschung muß heimlich gemacht werden, sonst ist's ja
+keine; du bist immer so bedenklich und ängstlich, was kann denn der Brief
+schaden? Gar nichts, im schlimmsten Fall nützt er nichts, aber schaden kann er
+nichts, das mußt du selbst sagen." Karl wußte auch nicht, was er schaden
+sollte, und dennoch wollte er durchaus auch beim zweiten Schalter den Brief
+nicht herausgeben. "Die Eltern sind immer so sehr gegen alles Heimliche," sagte
+er, "und es ist wahr, daß schon oft etwas schlimm ausgegangen ist, was wir
+heimlich getan haben. Ihr habt gut reden: wenn die Sache schief geht, heißt es
+doch: Karl, du bist der Älteste, du hättest es nicht erlauben sollen."
+Allmählich brachte er mit seinem Bedenken Otto auf seine Seite, nur Wilhelm
+blieb dabei daß sie ganz übertrieben ängstlich seien, und machte bei dem
+dritten und letzten Schalter einen Versuch, Karl den Brief zu entreißen. Es
+gelang aber nicht, und da nun Schulkameraden sich anschlossen, mußte die
+Schlußberatung auf den Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben war: sie
+wollten der Mutter von dem Brief erzählen, wie wenn dieser schon abgeschickt
+wäre. Hatte sie dann nur Freude darüber, dann konnte man ihn ruhig einwerfen,
+hatte sie Bedenken, so konnte man ihn vorzeigen. So wurde Frau Pfäffling
+zugeflüstert, sie möchte nach Tisch einen Augenblick in das Bubenzimmer kommen.
+Dort fand sie ihre drei Großen, die ihr nun ziemlich erregt und meist
+gleichzeitig von dem Brief erzählten, den sie gestern noch bei Nacht
+geschrieben, an den jungen Feodor adressiert und heute morgen auf dem Schulweg
+mitgenommen hätten. Die kräftigen Ausdrücke der Verachtung gegen die
+Handlungsweise der jungen Russen und die Beschwörung, das Geld
+zurückzuerstatten, wurden fast wörtlich angeführt.
+</p>
+
+<p>
+Im ersten Augenblick hörte Frau Pfäffling mit Interesse zu, aber dann
+veränderte sich plötzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast entsetzt auf
+die drei Jungen und wurde ganz blaß. Sie erschraken über diese Wirkung und
+verstummten.
+</p>
+
+<p>
+"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr auch an
+Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in die Hand, die
+Söhne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel, sondern in der
+Erziehungsanstalt und das könnt ihr glauben, der General übergibt keinen Brief
+mit fremder Handschrift an seine Söhne, ohne ihn zu lesen. Nun erfährt er durch
+euch auf die schroffste Weise eben das, was der Vater vor ihm verbergen wollte.
+Es ist unverantwortlich, euch so einzumischen in das, was euch nichts angeht!"
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins Wort
+fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfäffling war nicht begierig,
+Entschuldigungen zu hören, und anderes glaubte sie nicht erwarten zu können. Da
+drückte ihr Karl den Brief in die Hand und rief: "Fort ist der Brief noch
+nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch nicht so!"
+</p>
+
+<p>
+"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfäffling, "habt ihr nicht gesagt, er sei schon
+abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es wäre mir schrecklich gewesen für
+den Vater, für den General und auch für euch, denn wir hätten nie mehr etwas in
+eurer Gegenwart besprochen, hätten alles Vertrauen in euch verloren, wenn ihr
+euch heimlich in solche Dinge mischt!" Sie standen beschämt, denn wie waren sie
+doch so nahe daran gewesen, das Heimliche zu vollbringen!
+</p>
+
+<p>
+"Später, wenn ich Zeit habe, will ich den Brief lesen," sagte Frau Pfäffling,
+"ich kann mir ja denken, daß ihr empört seid über die jungen Leute, aber was
+nur ein Verdacht ist, darf man nicht aussprechen, wie wenn es Gewißheit wäre.
+Wißt ihr nicht, daß oft schon die klügsten Richter einen Menschen verurteilt
+haben, weil der schwerste Verdacht gegen ihn vorlag, und später stellte sich
+doch heraus, daß er unschuldig war? Man kann da gar nicht vorsichtig genug
+sein."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling bekam den Brief zu lesen. Er wurde nachdenklich darüber. "So,
+wie die Kinder gerne geschrieben hätten," sagte er zu seiner Frau, "so kann man
+freilich nicht schreiben. Aber der Gedanke, sich an die Söhne zu wenden, ist
+vielleicht nicht schlecht. Bisher waren sie noch unter der steten Aufsicht der
+Eltern, ich wüßte nicht, wie sie in dieser Zeit das unterschlagene Geld hätte
+verausgaben sollen. Ich müßte an sie schreiben, sobald der General und seine
+Frau abgereist sind. Der Abschied wird den jungen Leuten gewiß einen tiefen
+Eindruck machen, der General wird ernste Worte mit ihnen reden. Wenn sie in
+dieser Stimmung einen Brief von mir erhalten und sehen, wie ich ihre Eltern
+gerne schonen möchte, ist es nicht unmöglich, daß sie ihr Unrecht wieder gut
+machen. Sie mögen ja schwach sein und leicht einer Versuchung unterliegen, aber
+sie sind auch weichen Gemüts und zum Guten zu bestimmen, ich will wenigstens
+den Versuch machen."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling saß in dieser Zeit viel am Bett der kleinen Masernkranken. Ihr
+Mann mußte das Krankenzimmer meiden um seiner Schüler willen. Aber wie eine
+Erscheinung stand er eines Tages plötzlich vor ihr, warf ihr eine Handvoll Geld
+in den Schoß, rief vergnügt: "Das Russengeld" und war in demselben Augenblick
+schon wieder verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Seine drei großen Jungen rief er zu sich, las ihnen den reuevollen Brief der
+jungen Leute vor und gab in seiner Freude jedem der Drei ein kleines Geldstück,
+weil sie ihn durch ihren Brief auf einen guten Gedanken gebracht hatten. Aber
+Wilhelm wollte es nicht annehmen. War er es doch gewesen, der darauf beharrt
+hatte, den Brief, ohne vorher zu fragen, einzuwerfen. "Vater," sagte er, "du
+weißt nicht so genau, wie die Sache zugegangen ist. Ich bin schon froh, daß nur
+kein Unheil entstanden ist aus unserm Brief, eine Belohnung will ich lieber
+nicht nehmen, die hat nur Karl verdient, gib sie nur ihm."
+</p>
+
+<p>
+Noch am selben Abend erhielt der Ohrenarzt sein Geld, mit einer Entschuldigung
+über die Verzögerung und der aufrichtigen Bemerkung, daß es Herrn Pfäffling
+nicht früher möglich gewesen sei, die Summe zusammenzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt saß schon mit seiner Gemahlin beim Abendessen. "Ist denn der Pfäffling
+nicht der Direktor der Musikschule, der neulich einen Ball gegeben hat?"
+</p>
+
+<p>
+"Bewahre, du bringst auch alles durcheinander," sagte die Gattin, die sich
+nicht durch Liebenswürdigkeit auszeichnete. "Der Pfäffling ist ja bloß
+Musiklehrer. Es ist doch der, von dem man einmal erzählt hat, daß er seine zehn
+Kinder ausschickt, um Wohnungen zu suchen, weil niemand die große Familie
+aufnehmen wollte."
+</p>
+
+<p>
+"O tausend!" rief der Doktor, "wenn ich das gewußt hätte, dem hätte ich keine
+so gesalzene Rechnung geschickt!"
+</p>
+
+<p>
+"Du verwechselst auch alle Menschen!"
+</p>
+
+<p>
+"Die Menschen nicht, bloß die Namen; der Direktor heißt ganz ähnlich."
+</p>
+
+<p>
+"Gar nicht ähnlich."
+</p>
+
+<p>
+"Nicht? Ich meine doch. Wie heißt er eigentlich?"
+</p>
+
+<p>
+"Mir fällt der Name gerade nicht ein, aber ähnlich ist er gar nicht."
+</p>
+
+<p>
+"Doch!"
+</p>
+
+<p>
+"Nein!"
+</p>
+
+<p>
+Nachdem sie noch eine Weile über die Ähnlichkeit eines Namens gestritten
+hatten, den sie beide nicht wußten, schob der Arzt das Geld ein mit einem
+bedauernden: "Ändern läßt sich da nichts mehr."
+</p>
+
+<p>
+Elschens Krankheit war gnädig vorübergegangen. Sie war wieder außer Bett, hatte
+aber noch Hausarrest und viel Langeweile. So freute sie sich über den heutigen
+Lichtmeßfeiertag, an dem die Geschwister schulfrei waren. Am Nachmittag machte
+sie sich an Frieder heran, der geigend in der Küche stand, und bat
+schmeichelnd, daß er nun endlich aufhöre und mit ihr spiele. Er nickte nur und
+spielte weiter. Sie wartete geduldig. Endlich mahnte ihn Walburg: "Frieder, hör
+auf, du hast schon zu lang gespielt. Frieder, der Vater wird zanken." Da gab er
+endlich nach, und Elschen folgte ihm fröhlich in das Musikzimmer, wo die
+Violine ihren Platz hatte. Als Frieder aber sah, daß der Vater gar nicht zu
+Hause war, nahm er schnell die Violine wieder zur Hand und spielte. "Du Böser!"
+rief die kleine Schwester und Tränen der Enttäuschung traten ihr in die Augen.
+Als aber nach einer Weile draußen die Klingel ertönte, sah man ihr schon wieder
+die Angst für den Bruder an: "Der Vater kommt!" rief sie und sah gespannt nach
+der Türe. Aber ehe diese aufging, war Frieder mit seiner Violine durch die
+andere Türe hinausgegangen und nun flüchtete er sich in das Bubenzimmer und
+spielte und spielte. Da holte sich Elschen den Bruder Karl zur Hilfe.
+"Frieder," sagte er, "ich rate dir, daß du jetzt augenblicklich aufhörst, du
+hast gewiß schon drei Stunden gespielt!" Da machte der leidenschaftliche Geiger
+ein finsteres Gesicht, wie es noch niemand an dem guten, kleinen Kerl gesehen
+hatte, und sagte trutzig zu Karl: "Ich kann jetzt nicht aufhören, ich spiele
+bis ich fertig bin."
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick kam Frau Pfäffling herein, da stürzte sich Elschen weinend
+auf sie zu und rief: "Alle sagen ihm, er soll aufhören und er tut's doch nicht,
+vielleicht hört er gar nie mehr auf, sieh ihn nur an!"
+</p>
+
+<p>
+Aber durch diesen verzweifelnden Ausruf der Kleinen und vielleicht noch mehr
+durch den Anblick der Mutter kam Frieder zu sich, ließ die Geige sinken, legte
+den Bogen aus der Hand und senkte schuldbewußt den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+"Hast du gewußt, daß es über die Zeit ist und hast dennoch weitergespielt?"
+fragte Frau Pfäffling. "Das hätte ich nicht von dir gedacht, Frieder, wenn du
+über deiner Violine allen Gehorsam vergißt, dann ist's wohl besser, das
+Geigenspiel hört ganz auf. Bleib hier, ich will hören, was der Vater meint."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling ging hinaus, Frieder blieb wie angewurzelt stehen. Die
+Geschwister sammelten sich allmählich um ihn, sie berieten, was geschehen
+würde, drangen in ihn, er solle gleich um Verzeihung bitten, und als nun die
+Eltern miteinander kamen, war eine schwüle Stimmung im Zimmer. Frieder wagte
+kaum aufzusehen, aber trotzig schien er nicht, denn er sagte deutlich: "Es ist
+mir leid."
+</p>
+
+<p>
+"Das muß dir freilich leid sein, Frieder!" sagte der Vater. "Wenn du bloß im
+Eifer vergessen hättest, daß du über die Zeit spielst, dann könnte ich dir das
+leicht verzeihen, aber wenn du erinnert wirst, daß du aufhören solltest und
+magst nicht folgen, wenn du mit aller Absicht tust, was ich dir schon oft
+streng verboten habe, dann ist's aus mit dem Geigenspiel. Was meinst du, wenn
+ihr Kinder alle nicht folgen wolltet, wenn jeder täte, was ihm gut dünkt? Das
+wäre gerade, wie wenn bei dem Orchester keiner auf den Dirigenten sähe, sondern
+jeder spielte, wann und was er wollte. Nein, Frieder, meine Kinder müssen
+folgen, mit deinem Violinspiel ist's vorbei, ich will nicht sagen für immer,
+aber für Jahr und Tag. Gib sie her!"
+</p>
+
+<p>
+Frieder, der die Violine leicht in der Hand gehalten hatte, drückte sie nun
+plötzlich an sich, verschränkte beide Arme darüber und wich einen Schritt vom
+Vater zurück. Sie waren alle über diesen Widerstand so bestürzt, daß es fast
+einstimmig über aller Lippen kam: "Aber Frieder!"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling sah mit maßlosem Erstaunen den Kleinen an, der immer der
+gutmütigste von allen gewesen war und der jetzt tat, was noch keines gewagt
+hatte, sich ihm widersetzte. Einen Moment besann er sich, und dann, ohne nur
+dem zurückweichenden nachzugehen, streckte er rasch seine langen Arme aus, hob
+den kleinen Burschen samt seiner Violine hoch in die Luft und rief, indem er
+ihn so schwebend hielt: "Mit Gewalt kommst du gegen mich nicht auf, merkst du
+das?" und ernst fügte er hinzu, als er ihn wieder auf den Boden setzte: "Nun
+gib du mir gutwillig deine Violine, Frieder!" Aber die Arme des Kindes lösten
+sich nicht. Von allen Seiten, laut und leise, wurde ihm von den Geschwistern
+zugeredet: "Gib sie her!" und als Frau Pfäffling sah, wie er das Instrument
+leidenschaftlich an sich preßte, fragte sie schmerzlich: "Frieder, ist dir
+deine Violine lieber als Vater und Mutter?" Der Kleine beharrte in seiner
+Stellung.
+</p>
+
+<p>
+"So behalte du deine Violine," rief nun lebhaft der Vater, "hier hast du auch
+den Bogen dazu, du kannst spielen, solang du magst. Aber unser Kind bist du
+erst wieder, wenn du sie uns gibst," und indem er die Türe zum Vorplatz weit
+aufmachte, rief er laut und drohend: "Geh hinaus, du fremdes Kind!" Da verließ
+Frieder das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Draußen stand er regungslos in einer Ecke des Vorplatzes, innen schluchzten die
+Schwestern, ergriffen waren alle von dem Vorfall. Herr Pfäffling ging erregt
+hin und her und dann hinaus in den Vorplatz, wo er Walburg mit so lauter
+Stimme, daß es bis ins Zimmer drang, zurief: "Das Kind da soll gehalten werden
+wie ein armes Bettelkind. Es darf hier außen im Vorplatz bleiben, es kann da
+auch essen und man kann ihm nachts ein Kissen hinlegen zum Schlafen. Geben Sie
+ihm den Küchenschemel, daß es sich setzen kann. Es dauert mich, weil es keinen
+Vater und keine Mutter mehr hat."
+</p>
+
+<p>
+Hierauf ging er hinüber in sein Zimmer. Frau Pfäffling zog Elschen an sich, die
+sich nicht zu fassen vermochte. "Sei jetzt still, Kind," sagte sie, "Frieder
+wird bald einsehen, daß er folgen muß. Wir lassen ihn jetzt ganz allein, daß er
+sich besinnen kann. Er wird dem Vater die Violine bringen, dann ist alles
+wieder gut."
+</p>
+
+<p>
+Als die Zeit des Nachtessens kam, deckten die Schwestern auch für Frieder. Sie
+rechneten alle, daß er kommen würde. Herr Pfäffling, der zum Essen gerufen war,
+ging zögernd, langsam an Frieder vorbei, der als ein jammervolles Häufchen auf
+dem Schemel saß und die Gelegenheit, die ihm der Vater geben wollte,
+vorübergehen ließ. Er kam nicht zu Tisch. "Tragt ihm zu essen hinaus, soviel er
+sonst bekommt," sagte Herr Pfäffling, "der Hunger soll ihn nichts zu uns
+treiben, die Liebe soll es tun und das Gewissen."
+</p>
+
+<p>
+So aß der Kleine außen im Vorplatz und so oft die Zimmertüre aufging, kamen ihm
+Tränen, denn er sah die Seinen um die Lampe am Tisch sitzen und sein Platz war
+leer. Aber er hatte ja seine Violine, nach dem Essen wollte er spielen, immerzu
+spielen.
+</p>
+
+<p>
+Im Zimmer horchten sie plötzlich auf. "Er spielt!" flüsterte eines der Kinder.
+Von draußen erklang ein leiser Geigenton. Sie lauschten alle. Drei Striche—dann
+verstummte die Musik. Die drei Töne hatten Frieder wehgetan, er wußte nicht
+warum. Der kleine Geiger hatte früher noch nie mit traurigem Herzen nach seinem
+Instrument gegriffen, darum hatte er auch keine Ahnung davon, wie schmerzlich
+die Musik das Menschenherz bewegen kann.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile begann er noch einmal zu spielen, aber wieder brach er mitten
+darin ab. Denen, die ihm zuhörten, ging es nahe, vor allem den Schwestern.
+</p>
+
+<p>
+"Die Marianne möchte hinaus zu Frieder," sagte die Mutter. Herr Pfäffling
+verwehrte es nicht. Sie fanden ihn auf dem Schemel kauernd, wie er die Geige
+auf seinen Knieen liegend mit schmerzlichem Blick ansah. Sie setzten sich zu
+ihm und flüsterten mit ihm. Eine Weile später, als Herr Pfäffling in seinem
+Musikzimmer war, kam ein sonderbarer Zug zu ihm herein: Voran kam Frieder und
+trug mit beiden Händen etwas, das eingehüllt war in Mariannens großen,
+schwarzgrauen Schal. Es war fast wie ein kleiner Sarg anzusehen; ernst genug
+sah auch der kleine Träger aus, die Schwestern folgten als Trauergeleite.
+</p>
+
+<p>
+"Da drinnen ist die Violine," sagte Frieder zu seinem Vater, der fragend auf
+die merkwürdige Umhüllung sah. Da nahm ihm Herr Pfäffling rasch den Pack ab,
+legte ihn beiseite, ergriff seinen kleinen Jungen, zog ihn an sich und sagte in
+warmem Ton: "Nun ist alles gut, Frieder, und du bist wieder unser Kind!" Und
+Frieder weinte in des Vaters Armen seinen Schmerz aus.
+</p>
+
+<p>
+Später erst vertrauten die Schwestern dem Vater an: "Solang Frieder seine
+Violine gesehen hat, war es ihm zu schwer, sie herzugeben, erst wie wir sie
+zugedeckt haben und ganz eingewickelt, hat er sie nimmer mit so traurigen Augen
+angesehen!"
+</p>
+
+<p>
+Als Frieder längst schlief, sprachen seine Eltern noch über ihn. "Wie kann man
+nur so leidenschaftliche Liebe für die Musik haben," sagte Frau Pfäffling, "mir
+ist das ganz unverständlich."
+</p>
+
+<p>
+"Von dir hat er es wohl auch nicht," entgegnete Herr Pfäffling und fügte
+nachdenklich hinzu: "Ganz ohne Musik kann ich ihn nicht lassen, das wäre, wie
+wenn ich einem Hungrigen die Speise versagen wollte. Ich denke, am besten ist,
+ich lehre ihn Klavierspielen. Danach hat er bis jetzt kein Verlangen und wird
+es leichter mit Maßen treiben."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, und lernen muß er es doch, denn daran wird man kaum zweifeln können, daß
+er einmal ein Musiker wird."
+</p>
+
+<p>
+Unser Musiklehrer sagte schwermütig: "Es wird wohl so kommen."
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap12"></a>12. Kapitel<br/>
+Ein Haus ohne Mutter.</h2>
+
+<p>
+So ganz allmählich und unmerklich war es gekommen, daß von Frau Pfäfflings
+Reise zur Großmutter gesprochen wurde als von einer ausgemachten Sache, obwohl
+niemand hätte sagen können, an welchem Tag sie die Ansicht aufgegeben hatte,
+daß die Reise ganz unmöglich sei.
+</p>
+
+<p>
+Nur "auf alle Fälle" entschloß sie sich zum Einkauf eines Kleiderstoffs, und
+als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hörte man Frau Pfäffling sagen:
+"Nicht zu lang, damit es nötigenfalls auch als Reisekleid praktisch ist."
+</p>
+
+<p>
+"Auf alle Fälle" nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu sehen, wie
+sich die Reise praktisch machen ließe, und was sie gesehen, trug sie "auf alle
+Fälle" in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht reisen, wenn das Reisekleid
+fertig im Schrank hängt und die besten Zugverbindungen herausgefunden sind? So
+war es denn wirklich soweit gekommen, daß sich Frau Pfäffling anfangs Februar
+für einen bestimmten Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte,
+die mit herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloß, ob Frau
+Pfäffling nicht mit leichterem Herzen reisen würde, wenn sie ihr Elschen
+mitnähme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis.
+</p>
+
+<p>
+Diese Karte, die Herr Pfäffling im Zimmer vorlas, brachte große Aufregung in
+die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefühle und Meinungen kund,
+bis der Vater die Türe weit aufmachte und den ganzen aufgeregten Schwarm
+hinausscheuchte.
+</p>
+
+<p>
+"Du hättest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir entschlossen
+sind," sagte Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir
+herüberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ja," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd, "und warten, bis sie in der Schule
+sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man Pfäffling heißt!"
+</p>
+
+<p>
+Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die Kinder
+zurück. Frau Pfäffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf sich gerichtet.
+Sie zog das Kind an sich. "Es kann nicht sein, Elschen," sagte sie, "und ich
+will dir auch erklären warum. Bei einer so weiten Reise ist auch der
+<i>halbe</i> Fahrpreis schon teuer und selbst, wenn ihn die gute Großmutter für
+dich zahlen wollte, könnte ich dich doch nicht mitnehmen, denn wer sollte denn
+daheim die Türe aufmachen, wenn es klingelt, während alle in der Schule sind?
+Walburg hört das ja nicht und sie versteht nicht, was die Leute sagen, die
+kommen. Du mußt unsere Pförtnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht
+daheim wärest, könnte ich gar nicht reisen."
+</p>
+
+<p>
+Das kleine Jüngferchen war verständig, es sah ein, daß es zurückbleiben mußte.
+Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen, denn was wußte
+Elschen von fremden Ländern und Menschen, von Reiselust und Erlebnissen? Für
+sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und Merkwürdiges genug brachte. So
+kam es zur Verwunderung der großen Geschwister nicht einmal zu ein paar Tränen
+bei der kleinen Schwester, die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie
+nicht mit hinunter gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof!
+</p>
+
+<p>
+Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfäffling war es schwer ums
+Herz. Gut, daß Tag und Stunde längst festgesetzt waren, sonst hätte sie ihren
+Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wußte, wie sehnlich sie erwartet wurde,
+es gab kein Zurück mehr, es mußte jetzt sein. Geschäftig ging sie heute, alles
+voraus bedenkend, hin und her im Haus. Aber überall, wo sie auch war, in Küche,
+Keller und Kammern, folgte ihr Frieder. Er störte sie nicht, wenn sie räumte,
+überlegte oder anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein, nahe, so
+nahe wie möglich. Sie spürte sein Heimweh. Es war ein langes, stummes
+Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem Augenblick, wo sie
+oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war.
+</p>
+
+<p>
+"Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?"
+</p>
+
+<p>
+"Was denn, Kind?"
+</p>
+
+<p>
+Es wollte nicht über seine Lippen.
+</p>
+
+<p>
+"Was, mein Kind, komm, sage es mir!"
+</p>
+
+<p>
+"Daß ich die Violine lieber habe als dich und den Vater."
+</p>
+
+<p>
+"Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem Vater deine
+Violine gegeben. Ich weiß gut, wie lieb du uns hast. Darum tut dir ja auch der
+Abschied weh. Aber es muß doch auch einmal sein, daß ich zu meinem eigenen
+Mütterlein wieder gehe, eben weil man seine Mutter so lieb hat, das verstehst
+du ja. Und denke nur, das Freudenfest, wenn wir wieder zusammen kommen! Wie
+wird das köstlich werden!"
+</p>
+
+<p>
+So tröstete die Mutter den Kleinen und tröstete sich selbst zugleich.
+</p>
+
+<p>
+Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein Wort:
+"Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig wegen seiner
+Violine, darum fällt ihm auch der Abschied besonders schwer."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es schon
+gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige hätte, neigt den Kopf
+nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten, wie wenn er den Bogen
+führte, und dann hört er die Melodien, das sieht man ihm gut an. Da tut er mir
+oft leid."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die erste
+Klavierstunde geben, darüber wird er die Violine vergessen. Und wenn nun der
+Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am Kasernenhof turnen könnt,
+dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm Lust. Und noch etwas: ich meine,
+deine Mathematikstunden mit Wilhelm werden nimmer regelmäßig eingehalten."
+</p>
+
+<p>
+"O doch, Mutter."
+</p>
+
+<p>
+"Oder sie sind so kurz, daß man nicht viel davon bemerkt?"
+</p>
+
+<p>
+"Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewöhnlich nicht."
+</p>
+
+<p>
+"Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fünfzehn Minuten; das ist aber nicht
+genug, ihr müßt eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm wieder eine so
+schlechte Note bekäme!"
+</p>
+
+<p>
+"Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf verlassen!"
+</p>
+
+<p>
+Bald nachher rief Frau Pfäffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in die
+Holzkammer.
+</p>
+
+<p>
+"Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr," sagte sie, "daran dürft
+ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg muß in dieser Zeit
+alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch für Holz und Kohlen sorgen."
+</p>
+
+<p>
+Und nun ging's an die Mädchen. "Marianne, ihr müßt Walburg soviel wie möglich
+alle Gänge abnehmen, solange ich fort bin."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!"
+</p>
+
+<p>
+"Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die Stiefel
+schon ausgezogen. Ihr müßt lieber die Stiefel dreimal aus- und anziehen, als es
+darauf ankommen lassen, daß Walburg mitten am Vormittag vom Kochen fortspringen
+muß."
+</p>
+
+<p>
+So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und am
+Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfäffling noch einmal Nadel
+und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden an einem Kinderkleid
+auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur Bahn, ja aus dem Wagenfenster
+kamen noch hausmütterliche Ermahnungen, bis endlich der Zug durch eine kaum
+hörbare erste Bewegung zur fertigen Tatsache machte, daß Frau Pfäffling
+verreist war.
+</p>
+
+<p>
+Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine Weile im
+alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr selbst nur das
+Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts nützen konnte. Zugleich
+verschwanden auch die letzten Häuser und Anlagen der Stadt, freie, noch mit
+Schnee bedeckte Äcker und Felder tauchten auf, eine stille, einförmige Natur.
+Da machte sie es sich bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab
+sich darein, daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine
+wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer
+Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann mit den
+Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war. Sie machten sich
+an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen geregelten Gang. Nur Elschen
+lief an diesem Vormittag mit Tränen durch die stillen Zimmer, die andern
+empfanden die Lücke erst so recht bei dem Mittagessen. Es verlief auffallend
+still. Eigentlich war ja Frau Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann
+und ihre Kinder waren lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben
+können, eine so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch
+gegeben. Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung
+hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das zu tun
+machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch ein, daß Karl
+für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto und so nacheinander
+herunter, immer das ältere unter den Geschwistern dem jüngern. Anfangs machte
+es den Kindern Spaß, aber es ging nicht immer so friedlich und so säuberlich zu
+wie bei der Mutter, und Walburg wunderte sich, daß sie bald eine noch fast
+gefüllte, bald eine ganz leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein
+regelmäßiger Verbrauch mehr wie bisher.
+</p>
+
+<p>
+Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten Abendstunden, wo sie
+allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe gerückt und wußten doch nicht
+viel miteinander anzufangen, so glich das Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die
+Vorschrift befolgt wird: Man bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser
+nach den ersten Tagen. Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese
+bildeten ein gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn.
+</p>
+
+<p>
+Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes Wiedersehen
+zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht ganz ohne Wehmut.
+Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges Großmütterlein, das da im
+Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne Hilfe von einem Zimmer in das andere
+zu gehen! Und wiederum, wo war Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch
+deutliche Spuren hatte die Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen
+eingegraben!
+</p>
+
+<p>
+Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach einigen
+Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden wieder die
+geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu trauriger
+Empfindung da, denn die <i>alte</i> Frau hatte keine Schmerzen zu leiden, sie
+genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege der unverheirateten
+Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die <i>junge</i> Frau, wenn man
+Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit solcher Liebe von ihrem großen
+Familienkreis und schien so gereift durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen
+deutlich zum Bewußtsein kam, das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit
+Köstliches gebracht.
+</p>
+
+<p>
+Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde, die noch
+ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte die Schwester in
+das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte Gastzimmer, zog sie an
+sich, küßte sie herzlich und sagte: "Cäcilie, nun soll dir's gut gehen! Du
+wirst sehen, wie ich dich pflege!"
+</p>
+
+<p>
+"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde."
+</p>
+
+<p>
+"Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts tue ich
+lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen und
+herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das anschlägt, da
+kann man viel erreichen in vier Wochen."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du das nicht
+in <i>drei</i> Wochen erreichen?"
+</p>
+
+<p>
+"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als daß ich vier
+Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang an
+vorgenommen, nach drei Wochen zurückzukommen, und habe gehofft, daß du mich
+darin unterstützest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen Haushalt, Mann,
+sieben Kinder und ein fast taubes Mädchen zu verlassen. Es kommt so oft etwas
+vor bei uns!"
+</p>
+
+<p>
+"Was soll denn vorkommen? Was fürchtest du?"
+</p>
+
+<p>
+"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es ja selbst nicht vorher, aber es ist
+so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme Folgen haben könnte,
+bald hört einer nicht auf zu musizieren, wenn er einmal anfängt, und selbst,
+wenn nichts Besonderes vorkäme, das Alltägliche bringt schon Schwierigkeiten
+genug: Elschen muß vormittags immer allein die Türe aufmachen und Bescheid
+geben, das ist unheimlich in einer großen Stadt. Und wenn du immer noch nicht
+überzeugt bist, Mathilde, dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn
+mein Mann einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist
+das wirklich genug und es wäre an der Zeit, daß ich wieder käme!"
+</p>
+
+<p>
+"So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?"
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde, wenn ich
+etwa nach zwei Wochen heimschreibe, daß ich schon in der nächsten Woche komme.
+Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so lebhaft wie früher und die
+meisten unserer Kinder haben sein Temperament. Da gibt es nun bei solch einer
+Nachricht immer gleich einen Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und
+hören können!"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling sah im Geist ihre fröhliche Schar, und ein glückliches Leuchten
+ging über ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz jugendlich, gar nicht
+pflegebedürftig aus.
+</p>
+
+<p>
+Als die Schwestern das Gastzimmer verließen, hatten sie sich auf drei Wochen
+geeinigt.
+</p>
+
+<p>
+Die ersten Tage vergingen in stillem, glücklichem Beisammensein. Es war für
+Frau Pfäffling eine Wonne, so ganz ohne häusliche Sorgen bei der Mutter sitzen
+zu dürfen und zu erzählen. Teilnahme und volles Verständnis war da zu finden
+für alles, was ihr Leben erfüllte, und doch stand die Mutter selbst schon fast
+<i>über</i> dem Leben. Einen weiten Weg hatte sie in achtzig Jahren
+zurückgelegt und nun, nahe dem Ziel, überblickte sie das Ganze wie aus der
+Ferne. Da sieht sich manches anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der
+Höhe herab erkennt man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hören
+wollte, der konnte hier manch guten Rat für den eigenen Lebensweg bekommen.
+Frau Pfäffling war von denen, die hören wollten.
+</p>
+
+<p>
+In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag. Zu diesem
+Familienfest fand sich unter andern Gästen auch Frau Pfäfflings einziger Bruder
+ein mit seiner Frau und einer fünfzehnjährigen Tochter, einem lieblichen, fein
+erzogenen Mädchen. Diesen Bruder, der Professor an einer norddeutschen
+Universität war, hatte Frau Pfäffling auch seit vielen Jahren nimmer gesehen,
+aber aus der Ferne hatte eines an des andern Schicksal und Entwicklung stets
+Anteil genommen, und so war es beiden eine besondere Freude, sich einmal wieder
+ins Auge zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+"Wir müssen auch ein Stündchen herausfinden, um allein miteinander zu
+plaudern," sagte der Bruder während des festlichen Mittagsmahls zu seiner
+Schwester. Und als nach Tisch, während die Geburtstägerin ruhte, eine
+Schlittenfahrt unternommen wurde, saßen Bruder und Schwester in einem kleinen
+Schlitten allein. Hier, im nördlichen Deutschland, lag in diesem Februar noch
+überall Schnee, die Bahn war glatt, die Kälte nicht streng, die Fahrt eine
+Lust. Frau Pfäffling sah nach dem Schlitten zurück, in dem mit andern Gästen
+ihre junge Nichte saß. "Wie reizend ist sie," sagte Frau Pfäffling, "und so
+wohlerzogen. Wenn du meine Kinder daneben sehen würdest, kämen sie dir ein
+wenig ungehobelt vor."
+</p>
+
+<p>
+"Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als du, sie
+gibt sich auch viel Mühe mit der Erziehung."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem gröbsten, und man wird damit oft
+kaum fertig."
+</p>
+
+<p>
+"Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel miteinander,
+wie ist das bei euch?"
+</p>
+
+<p>
+"Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnügt miteinander. Sie haben
+ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur sollte man sich eben
+mehr mit dem einzelnen abgeben können."
+</p>
+
+<p>
+"Hat man für die deinigen zu wenig Zeit, so für die unserigen zu viel. Ich
+fürchte, daß sie gar zu sorgfältig beachtet werden. Jederzeit ist das Fräulein
+zu ihrer Verfügung, außerdem haben wir noch zwei Dienstmädchen, und mit unserem
+Jungen werden sie oft alle drei nicht fertig."
+</p>
+
+<p>
+So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die
+häuslichen Verhältnisse, und dann wollte Frau Pfäffling Näheres hören über
+einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwähnt hatte. Er beabsichtigte
+in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen, dabei durch
+Süddeutschland zu kommen und die Familie Pfäffling zu besuchen.
+</p>
+
+<p>
+An diesen Plan schloß sich noch ein weiterer an, den der Professor nach dieser
+Schlittenfahrt faßte und zunächst mit seiner Frau allein besprach. Wenn auf der
+einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen wenig, auf der einen Seite
+Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der andern alles reichlich, warum sollte
+man nicht einen Ausgleich versuchen? Bruder und Schwägerin machten den
+Vorschlag, einen der jungen Pfäfflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die
+Sache wurde überlegt, und es sprach viel für den Plan. Frau Pfäffling wollte
+mit ihrem Mann darüber sprechen, und wenn er einverstanden wäre, sollte der
+Bruder auf der Osterreise sich selbst umsehen und wählen, welches der Kinder am
+besten zu den seinigen passen würde. Das Auserlesene sollte er dann auf der
+Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht auf ein baldiges
+Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie wieder ab, und in der Umgebung
+der achtzigjährigen Mutter wurde es still wie vorher.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie erfuhr doch
+nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die Losung ausgegeben:
+"Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet, sonst ist der Mutter der
+Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst mündlich erzählt." So gingen denn
+Nachrichten ab über gelungene Mathematikarbeiten und neue Klavierschüler, über
+einen Maskenzug und Fastnachtskrapfen, über Frieders regelmäßiges Klavierspiel
+und über der Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese
+Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb
+verschwiegen.
+</p>
+
+<p>
+Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr Pfäffling
+von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an: "Haben Sie heute nacht
+nichts gehört, Herr Pfäffling, nicht ein Stöhnen oder dergleichen?"
+</p>
+
+<p>
+"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich habe gar nichts Auffallendes gehört."
+</p>
+
+<p>
+"Aber es muß doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die zweite
+Nacht, daß ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, daß eines der Kinder so
+Heimweh hat, daß es bei Nacht laut weint? Aus einem der Schlafzimmer kommt der
+schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in Ordnung, ich habe schon die Kinder
+danach gefragt, aber nichts erfahren können."
+</p>
+
+<p>
+"Das will ich bald herausbringen," sagte Herr Pfäffling und ging hinauf. Er
+fragte zunächst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam die Tafelrunde an.
+Frische, fröhliche Gesichter waren es, die nichts verrieten von nächtlichem
+Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings blaß und überwacht aus, ernst und
+fast wie von Schmerz verzogen. Das war Anne. Ihr mußte etwas fehlen. Er
+beobachtete sie eine Weile und machte sich Vorwürfe, daß er das bisher
+übersehen hatte. Wenn die Mutter dagewesen wäre, die hätte es bemerkt, auch
+ohne der Hausfrau Mitteilung.
+</p>
+
+<p>
+Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die Schwestern
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+"Ist dir's nicht gut, Anne?" fragte er.
+</p>
+
+<p>
+"O doch!" erwiderte sie rasch und wurde über und über rot.
+</p>
+
+<p>
+"Du meinst wohl, in dem Punkt dürfe man lügen," entgegnete Herr Pfäffling,
+"weil ich lieber höre, daß du wohl bist. Aber ich möchte doch auch darüber gern
+die Wahrheit hören." Da senkte sie schon mit Tränen in den Augen den Kopf, und
+Herr Pfäffling wußte, woran er war.
+</p>
+
+<p>
+"Warum hast du denn geweint heute nacht?" fragte er, "wenn die Mutter nicht da
+ist, müßt ihr mir euren Kummer anvertrauen." Das geschah nun auch und er
+erfuhr, daß Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren bei Nacht heftig
+geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingeträufelt, das noch vom vergangenen
+Jahr dastand, und Umschläge gemacht, aber das hatte alles nichts geholfen und
+erst gegen Morgen waren die Schwestern eingeschlafen. So war es schon zwei
+Nächte gewesen. Sie hatten es dem Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte
+nicht zum Ohrenarzt geschickt werden, sie fürchtete die Behandlung, fürchtete
+auch die große Neujahrsrechnung.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag saßen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des Arztes.
+Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern vorgehalten, daß
+Anne so schwerhörig wie Walburg werden könnte, wenn etwas versäumt würde.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei Unzertrennlichen
+rührten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so ängstlich aus wie die kranke,
+sie zuckte wie diese beim Schmerz, und doch kam sie immer als treue
+Begleiterin. Diesmal konnte er beide trösten. "Es ist nichts Schlimmes," sagte
+er, "das gibt keine so böse Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel
+schüttet weg, das macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes.
+Wenn eure Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es
+selbst einträufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruß, und das gehe noch auf
+die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die gehört dazu."
+</p>
+
+<p>
+Darüber wurden die Schwestern so vergnügt, daß sie anfingen, mit dem
+gefürchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch, daß
+Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. "Hört die denn gar nichts mehr?"
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr sagen, aber
+es wird alle Jahre schlimmer."
+</p>
+
+<p>
+"Geht sie nie zum Arzt?"
+</p>
+
+<p>
+Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz gewiß, daß
+man ihr nicht helfen konnte.
+</p>
+
+<p>
+"Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen," sagte der Arzt,
+"schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt daheim, das
+gehe auch noch in die alte Rechnung."
+</p>
+
+<p>
+Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten sie sich,
+den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen sie es auch
+Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um sie handelte, und
+ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn euere Mutter zurückkommt,
+werde ich so frei sein."
+</p>
+
+<p>
+Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum gestrigen
+Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie volle acht Tage
+früher heimkommen würde, als verabredet war.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen vom
+Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen, diese letzte
+Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter.
+</p>
+
+<p>
+"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme," sagte einmal
+Karl, "das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es denn so zeitig?
+Der Kalender gehört eigentlich mir." "Ich," sagte Frieder, "ich habe es
+manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir zum Frühstück gekommen?" Es
+wurde noch weiter nachgeforscht, und da stellte es sich heraus, daß Frieder
+immer schon abends den Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. "Du meinst
+wohl, es kommt dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?" sagte Karl
+und wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er
+Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen Schulweg
+mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich so nahegerückt.
+</p>
+
+<p>
+Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg; ja im
+Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die jungen
+Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat gesorgt und Walburg
+mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen. Während dieser Zeit wurde
+geklingelt und Elschen lief herzu, um aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn
+Pfäffling, dann nach dessen Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß
+sie alle fort seien, bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines
+Briefchen an Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von
+ihm, und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde.
+Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den Schreibtisch,
+wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte der Herr, "du kannst
+nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann, den Brief für deinen Vater
+lasse ich hier liegen." Elschen verließ das Zimmer. Nach einer ganz kurzen
+Weile kam der Herr wieder heraus.
+</p>
+
+<p>
+"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam keine
+Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die Treppe hinunter
+und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben heraufkam.
+</p>
+
+<p>
+"Wer war da?" fragte diese.
+</p>
+
+<p>
+"Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins Ohr;
+weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen zu unbequem,
+Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim Mittagessen fiel ihr die
+Sache wieder ein und sie erzählte sie dem Vater. Dem kam es verdächtig vor. "Wo
+ist denn der Brief?" fragte er. Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu
+finden! Und wo war denn—ja, wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade
+jahraus, jahrein seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit
+allen sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum. Oft
+schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in dieser
+Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was die Familie
+Pfäffling am Leben erhielt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich eingeschlichen,
+hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen, keinen Pfennig fürs tägliche
+Brot!
+</p>
+
+<p>
+Walburg wurde hereingeholt und über den "Herrn" ausgefragt. Man brauchte ihr
+gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere Schublade, die bestürzten
+Gesichter sprachen auch für sie deutlich genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht
+und fragte bloß: "Gestohlen?"
+</p>
+
+<p>
+Und nun flogen Vorwürfe hin und her.
+</p>
+
+<p>
+"Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den Schreibtisch!"
+warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. "Es war ja gar kein Dieb, es war
+ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie nahm sie in Schutz. "Sie kann
+nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein Holz getragen habt, wegen euch hat
+Walburg hinunter gemußt!"
+</p>
+
+<p>
+"Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken
+lassen!" rief Herr Pfäffling immer wieder.
+</p>
+
+<p>
+Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder wagte
+zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir wollen ihr
+schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal niemand zu beruhigen,
+es war so traurig, zu denken, daß man sie mit solch einer Botschaft empfangen
+sollte! Karl und Marie hatten leise miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie
+jetzt, "wir alle zusammen haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März
+kommt wieder dein Gehalt. Wir sparen recht."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ja," sagte Herr Pfäffling, "verhungern müssen wir nicht, ich habe auch
+noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die Steuer
+zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel abgezogen hätte, wäre
+vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt hin und wieder, bis ihn ein Wort
+Walburgs stillstehen machte, das Wort: Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß
+der Dieb ausfindig gemacht werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden
+konnte. Ja, sofort Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige.
+Elschen sollte mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur
+schnell, schon waren viele Stunden verloren!
+</p>
+
+<p>
+Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie setzten
+sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede knöpfte ihr einen
+Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Häubchen, die Brüder wollten ihr die
+Handschuhe anziehen, machten es verkehrt, erklärten dann Handschuhe für ganz
+übertrieben und die Kleine sprang ohne solche dem Vater nach, der schon an der
+Treppe stand und nun mit so langen Schritten die Frühlingsstraße hinunterging,
+daß das Kind an seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln mußte.
+</p>
+
+<p>
+Von der Polizei brachten sie günstigen Bescheid zurück. Ein junger Musiker, der
+angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel betroffen worden und
+mochte wohl der Missetäter sein. Man hoffte, ihn aufzufinden.
+</p>
+
+<p>
+Es war gut, daß am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfäffling abgegangen
+war, denn heute und in den folgenden Tagen hätte niemand schreiben mögen. So
+aber kam es, daß sie gerade, während ihre Lieben in großer Trübsal waren, einen
+dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus dem ihr eine ganze Anzahl
+Briefblättchen entgegen flatterten, alle voll Jubel über das unerwartet nahe
+Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte seine Freude selbst aussprechen wollen.
+Nicht die leiseste Ahnung sagte Frau Pfäffling, daß die Stimmung daheim
+inzwischen vollkommen umgeschlagen war.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling ging gleich am nächsten Morgen auf die Polizei, um sich zu
+erkundigen. Er erfuhr, daß bisher vergeblich nach dem jungen Musiker gefahndet
+worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso am nächsten Tag
+in frühester Morgenstunde auf der Polizei erschien, wurde ihm bedeutet, daß er
+sich nicht mehr bemühen möchte, es würde ihm Nachricht zukommen.
+</p>
+
+<p>
+Darüber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, daß man die Mutter mit einer
+so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, ließ gar nicht die rechte Freude
+des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfäffling war unschlüssig, ob er die Nachricht
+nicht doch vorher schriftlich mitteilen sollte, zögerte aber noch immer in der
+Hoffnung auf Festnahme des Diebes und fand endlich, als er sich zum Schreiben
+entschloß, daß der Termin doch schon verpaßt sei und der Brief erst nach der
+Abreise seiner Frau ankommen würde. So blieb denn nichts übrig, als der
+Heimkehrenden schonend die Hiobspost mitzuteilen.
+</p>
+
+<p>
+Für Frau Pfäffling war die Abschiedsstunde gekommen. "Ich wundere mich," sagte
+sie zu Mutter und Schwester, "daß ich nicht noch einen letzten Gruß von daheim
+bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung sein?"
+</p>
+
+<p>
+"Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war," sagte die Mutter, "auch
+dann nicht, wenn die daheim es meinen. Laß dir nur das Wiedersehen nicht
+verderben, wenn du nun siehst, daß manches in Unordnung geraten ist während
+deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein hier war so schön, das ist doch auch
+eines Opfers wert."
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte die Schwester, "du hast ja selbst gesagt, daß jeden Tag irgend
+etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du daheim bist.
+Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht mehr als einundzwanzig
+Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht beklagen, darfst nicht
+behaupten, daß dein Wegsein daran schuld ist, und nicht gleich erklären: ich
+reise nie mehr."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr fern,
+nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riß sich mit schwerem
+Herzen los von dem geliebten Mütterlein, von der Schwester, die sie so treulich
+gepflegt hatte, und das Wort "auf Wiedersehen" war ihr letzter Gruß aus dem
+abfahrenden Zug, als sie die weite Heimreise antrat.
+</p>
+
+<p>
+Noch immer war es draußen in der Natur kahl und winterlich, die drei Wochen
+waren anscheinend spurlos vorübergegangen, noch war nirgends ein Keimen und
+Sprossen, eine Frühlingsandeutung zu bemerken. Und doch schien ihr die Zeit so
+weit zurück zu liegen, seitdem sie hieher gereist war! Jetzt war ihr Herz noch
+vom Abschiedsweh bewegt, und doch rührte sich schon und drängte gewaltig in den
+Vordergrund die Freude auf das Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der
+so von Lieben zu Lieben kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen
+wird. Wer kann sich reicher fühlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim
+reist?
+</p>
+
+<p>
+Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes doch nicht
+lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben können. Die Kleinen
+hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis Samstag schon halb
+vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran, aber doch mit dem
+unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her gehöre, je schwieriger die
+Lage im Haus war.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als er am
+Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof eilte. Er kam dort
+fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in ungeduldiger Erwartung der Kinder,
+die von der Schule aus kommen sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und
+winkte mit seinen langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl
+und Otto auftauchen sah.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof begrüßen
+sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt," sagte er, "und soll nicht
+gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an den Marktplatz
+entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der Frühlingsstraße und Elschen soll
+die Mutter an der Treppe empfangen, denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause
+sein."
+</p>
+
+<p>
+So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem Vater an
+die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch sie nicht
+vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges Vorrecht. Sie standen
+alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter, während der Zug einfuhr,
+entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus dem Wagenfenster forschend nach
+ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie sich dann plötzlich ihre Züge
+verklärten, als sie den Vater erblickte, der, dem Schaffner zuvorkommend, die
+Türe ausriß und mit froher Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half.
+</p>
+
+<p>
+Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches Wiedersehen und
+Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch die Menge hinaus auf den
+Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte zufrieden sein können mit ihrem Erfolg,
+denn die Verwunderung über der Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu
+einstimmigem Ausdruck und hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn
+nicht Frau Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob
+die Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung
+erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise, da kam
+aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob!
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von euch krank
+sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich nimmer geschrieben
+habe," entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort lautete ein wenig bedrückt.
+Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa vorgekommen ist, bekümmert mich gar
+nicht," sagte sie und drückte glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn.
+"Hört nur, Kinder," sagte er lachend, "die Mutter ist ordentlich leichtsinnig
+geworden auf der Reise." So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz,
+wo ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten und
+jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen.
+</p>
+
+<p>
+Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der Ecke der
+Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte Frieder gewartet
+und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem Augenblick, als die Familie
+um die Ecke bog, sah er doch gerade in anderer Richtung.
+</p>
+
+<p>
+"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o Mutter!" rief
+er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn zärtlich und sagte ihm
+freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines Dummerle, wir sind ja jetzt
+wieder beisammen!"
+</p>
+
+<p>
+"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber die
+Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu ihr auf, ging
+dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis sie, im Hausflur
+angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um darin die Jüngste
+aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang und schon auf der Treppe
+mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß soeben zum Empfang eine Torte
+geschickt worden sei von Fräulein Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen
+großen, großen Kaffeekuchen gebacken habe.
+</p>
+
+<p>
+Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als sonst. Sie
+hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht vergessen können, an
+dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld war. Was konnte man von
+Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau Pfäffling verlassen, ihr hatte sie
+das Haus übergeben, und wenn sie nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen
+hätte, so wäre kein Unglück geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Walburg hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Frau Pfäffling auf dem
+langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis erfahren
+hätte. Sie erwartete, daß Frau Pfäfflings erstes Wort ein Vorwurf sein würde.
+Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort fürchtete sie zu hören, das sie
+schon einmal schwer getroffen hatte, das Wort: "ich will lieber eine, die
+hört!" Darum stand sie so starr und stumm, daß Frau Pfäffling fast an ihr
+erschrak, als sie nun an der Küchentüre vorüber kam. Einen Augenblick
+durchzuckte sie der Gedanke: es ist <i>doch</i> etwas Schlimmes vorgefallen,
+aber im nächsten Moment sagte sie zu sich selbst: nein, du hast es nur
+vergessen, wie groß, wie ernst, wie stumm sie ist, und sie reichte dem Mädchen
+mit herzlichem Gruß die Hand. Walburg hörte den Gruß nicht, aber den
+Händedruck, den freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde
+ihr leicht ums Herz, die Dankbarkeit löste ihr die Zunge und ihr Gegengruß
+schloß mit den Worten: "einen Lohn nehme ich nicht für das Vierteljahr."
+</p>
+
+<p>
+Das waren freilich unverständliche Worte für Frau Pfäffling, aber ehe sie noch
+nach Erklärung fragen konnte, wurde sie von den Kindern angerufen: "Dein Koffer
+kommt, wohin soll er gestellt werden?" Sie ließ ihn in das Schlafzimmer bringen
+und nahm aus ihrem Täschchen ein Geldstück für den Dienstmann. Frieder, der
+neben ihr stand, sah begierig in den offenen Geldbeutel. "Die Mutter hat noch
+viel Geld," rief er freudig den Geschwistern zu. "Seit wann fragt denn mein
+Frieder nach Geld?" sagte Frau Pfäffling und bemerkte, als sie aufsah, daß die
+Großen ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb sie
+nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu viel
+verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darüber Vorwürfe. Aber
+viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben, dadurch sollte kein
+Schatten auf das Wiedersehen fallen.
+</p>
+
+<p>
+"Ja, ich habe noch Geld," sagte sie heiter zu den Kindern, "aber nun kommt nur,
+der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schön gedeckt, Walburg hat
+gewiß etwas Gutes gekocht."
+</p>
+
+<p>
+Nun standen sie alle um den großen Eßtisch. "Heute betet die Mutter wieder,"
+sagte der Vater, "wir wollen hören, was ihr erstes Tischgebet ist."
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut," sagte Frau Pfäffling
+und sie sprach mit innerer Bewegung:
+</p>
+
+<p class="poem">
+"Von Dank bewegt, o Gott, wir heute<br/>
+Hier vor dir stehen!<br/>
+Du schenkest uns die schönste Freude,<br/>
+Das Wiedersehen.<br/>
+Nun gehn wir wieder eng verbunden<br/>
+Durch Lust und Leid,<br/>
+In guten und in bösen Stunden<br/>
+Gib uns Geleit!"
+</p>
+
+<p>
+Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch für die Eltern Kaffee machen
+müssen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu gedeckt. "Sollen
+wir den Kaffee gleich bringen?" fragte Marie. "Ja," sagte die Mutter. "Nein,
+erst wenn ich rufe," fiel Herr Pfäffling ein und schickte die Kinder hinaus.
+"Zuerst kommt etwas anderes," sagte er nun zu seiner Frau, "zuerst kommt meine
+Beichte," und er führte sie an den Schreibtisch und zog die kleine leere
+Schublade auf, deckte auch das leere Käßchen auf, in dem sonst das Ersparte
+lag. Dieser Stand der Dinge war schlimmer, als Frau Pfäffling gefürchtet hatte.
+"Ich habe schon geahnt, daß mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist," sagte
+sie, "aber daß <i>gar</i> nichts mehr da ist, hätte ich doch nicht für möglich
+gehalten, wie <i>kann</i> man denn nur so viel verbrauchen, das brächte ich ja
+gar nicht zustande!"
+</p>
+
+<p>
+"Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich gespart;
+gestohlen ist es, gestohlen!"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling erzählte den Hergang und auch, daß er gestern die Nachricht
+erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien festgenommen, aber das
+Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung mehr, es zurück zu erhalten. Aber
+unentbehrlich war es und mußte auf irgend eine Weise wieder hereingebracht
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluß derselben
+war, daß Herr Pfäffling lebhaft rief: "Ja, so kann es gelingen, das ist ein
+guter Plan!" Und fröhlich klang sein Ruf hinaus: "Jetzt, Kinder, den Kaffee!"
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap13"></a>13. Kapitel<br/>
+Ein fremdes Element.</h2>
+
+<p>
+Der gute Plan, den die Eltern ausgesonnen hatten, sollte am nächsten Tag auch
+den Kindern mitgeteilt werden.
+</p>
+
+<p>
+"Marianne wird keine Freude daran haben," meinte Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Nein," entgegnete Herr Pfäffling, "aber man muß ihnen die Sache nur gleich im
+rechten Licht darstellen." Er rief die Kinder alle zusammen. "Hört einmal,"
+sagte er, "wir haben ein Mittel ausfindig gemacht, durch das sich der
+Geldverlust wieder hereinbringen läßt. Zwei von euch können uns allen helfen.
+Wer sind wohl die zwei Glücklichen? Ratet einmal!"
+</p>
+
+<p>
+Sie sahen sich fragend an "Wenn es gerade zwei sind, wird es Marianne sein,"
+schlug Karl vor.
+</p>
+
+<p>
+"Richtig geraten. Aber wie?"
+</p>
+
+<p>
+"Wenn sie nicht immer so schöne Kleider und seidene Zopfbänder tragen," meinte
+Wilhelm. Die Zwillinge musterten sich gegenseitig, und auch die Blicke aller
+anderen ruhten auf ihnen. Die beiden Mädchen standen da in ihren vertragenen
+schottischen Kleidern, mit grauen Schürzen, und ihre blonden Zöpfe waren mit
+schmalen blauen Bändchen gebunden.
+</p>
+
+<p>
+"Da werden wir keine großen Summen heraus sparen können," meinte Herr
+Pfäffling, "eher könntet ihr Buben in der Kleidung etwas sparen, wenn ihr eure
+Anzüge besser schonen würdet. Nein, das ist's nicht, wir wissen etwas anderes."
+</p>
+
+<p>
+"Etwas," setzte Frau Pfäffling hinzu, "das jeden Monat 20 Mark und noch mehr
+einbringt."
+</p>
+
+<p>
+Nun waren sie alle aufs äußerste gespannt. "Ihr erratet es nicht, ich will es
+euch sagen," und Herr Pfäffling wandte sich an die Mädchen: "Ihr Beiden zieht
+in die Bodenkammer hinauf, dann können wir euer Zimmer an einen Zimmerherrn
+vermieten und schweres Geld dafür einnehmen. Ist das nicht ein feiner Plan? Das
+muß euch doch freuen? Die Mutter will alles Gerümpel aus der Kammer
+herausräumen und eure Betten hineinstellen und im übrigen dürft ihr alles ganz
+nach eurem Belieben einrichten; in eurem Reich da oben redet euch niemand
+darein; aus den alten Kisten könnt ihr Tische machen und Stühle und was ihr nur
+wollt."
+</p>
+
+<p>
+Die Zwillinge hatten zuerst ein wenig bedenkliche Gesichter gemacht, aber
+zusehends hellten sich diese auf; jetzt nickten sie einander zu und betätigten:
+"Ja, es wird sein!"
+</p>
+
+<p>
+Gleich darauf erbaten sie sich den Kammerschlüssel, der sollte in Zukunft auch
+ihr Eigentum sein und nun sprangen sie die Treppe hinauf in großer Begleitung.
+Auch der Vater ging mit, sie aber waren doch die Hauptpersonen. Sie schlossen
+ihr künftiges Revier auf. Es war ein kleines Kämmerchen mit schrägen Wänden und
+einem Dachfenster. "Kalt ist's da oben," meinte einer der Brüder. "Aber im
+Sommer ist's immer ganz warm, das weiß ich noch vom vorigen Jahr," entgegnete
+Marie. "Da hast du recht," bestätigte lächelnd der Vater, "und seht nur durch
+das Fenster, wenn man den Kopf weit hinausstreckt, so hat man die schönste
+Aussicht vom ganzen Haus. Und so gut vermacht ist die Kammer, nirgends kann
+Schnee oder Regen durch; wißt ihr noch, wie Frau von Falkenhausen in ihrer
+Lebensgeschichte erzählt, daß ihr in Afrika der Regen in ihr Häuschen gedrungen
+ist, und die Betten wie in einem Teich standen? Und wie eine dicke Schlange
+durch ein Loch am Fenster herein gekrochen ist? Wie wäre sie glücklich gewesen
+über ein so gutverwahrtes Kämmerlein! Ja, Kinder, da habt ihr es schon besser."
+</p>
+
+<p>
+Als sie herunter kamen, waren alle ganz von den guten Eigenschaften der Kammer
+erfüllt.
+</p>
+
+<p>
+Es galt nun einen Zimmerherrn zu suchen und sich der Hausleute Erlaubnis zu
+sichern. Frau Pfäffling besprach die Sache mit der Hausfrau und diese wiederum
+mit ihrem Mann. Da stieß die Sache auf Widerstand. Herr Hartwig wollte nichts
+davon wissen, durchaus nichts. Er meinte, es sei schon reichlich genug, wenn
+zehn Leute den obern Stock bewohnten und Zimmerherrn seien ihm ganz zuwider. Er
+habe nie welche gehabt und geduldet. Frau Hartwig legte viel gute Worte ein für
+die Familie Pfäffling und schilderte ganz ideale Zimmerherrn, aber ihr Mann
+blieb bei seinem entschiedenen "nein" und sie konnte nicht anders als dieses
+Frau Pfäffling mitteilen.
+</p>
+
+<p>
+"Es tut mir so leid," sagte sie, "aber ich kann nichts machen; mein Mann sagt
+ja selten 'nein', aber wenn er es einmal gesagt hat, dann bleibt er dabei. Er
+meint, wenn ein Mann 'nein' gesagt hat, dürfe er nachher nicht mehr 'ja' sagen,
+sogar wenn er's möchte."
+</p>
+
+<p>
+Dieser Bescheid war eine große Enttäuschung für die Familie. Herr Pfäffling
+konnte wieder einmal den Hausherrn nicht begreifen. "Wenn ich sehe, daß jemand
+nicht auskommt, lasse ich ihn doch lieber sechs Zimmerherrn nehmen, als in
+Geldnot stecken," rief er, indem er lebhaft den Tisch umkreiste. "Nicht mehr
+'ja' sagen dürfen, weil man vorher 'nein' gesagt hat? Soll sich darin die
+Männlichkeit zeigen? Dann wäre jedes eigensinnige Kind 'männlich'. Glaubt das
+nicht, ihr Buben," sagte er, vor Karl stehen bleibend, "ich will euch sagen,
+was männlich ist: Nicht nachgeben, wenn es gegen besseres Wissen und Gewissen
+geht; aber <i>nachgeben</i>, sobald man einsieht, daß man falsch oder unrecht
+geurteilt hat."
+</p>
+
+<p>
+Als zwei Tage über die Sache hingegangen waren, ohne daß mit den Hausleuten
+weiter darüber gesprochen worden wäre, traf Frau Pfäffling zufällig oder
+vielleicht absichtlich mit Herrn Hartwig im Hausflur zusammen.
+</p>
+
+<p>
+"Es war uns so leid," sagte sie zu ihm, "daß wir keinen Zimmerherrn nehmen
+durften, denn wir sind durch den Diebstahl ein wenig in die Enge geraten. Aber
+da Sie einmal 'nein' gesagt haben, möchte ich Sie nicht plagen, und es ist ja
+wahr, daß manche Zimmerherrn spät in der Nacht heimkommen, Lärm machen und
+dergleichen. So müssen wir uns eben jetzt entschließen, eine ältere Dame als
+Zimmermieterin aufzunehmen, da fallen ja alle diese Schattenseiten weg. Es ist
+nur für uns unbequemer und auch schwerer zu finden als ein Zimmerherr. Wenn Sie
+uns ein wenig behilflich sein möchten, eine passende Hausgenossin zu finden,
+wären wir Ihnen recht dankbar. Meinen Sie, wir sollen es in die Zeitung
+setzen?"
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Herr Hartwig, "das wird am schnellsten zum Ziel führen." Sie
+besprachen noch ein wenig die näheren Bedingungen und ohne recht zu wissen wie,
+war Herr Hartwig dazu gekommen, sich selbst um eine elfte Hausbewohnerin für
+den obern Stock zu bemühen.
+</p>
+
+<p>
+Das seitherige Zimmer der beiden Mädchen wurde hübsch hergerichtet und sie
+bezogen ihre Bodenkammer. Ein Inserat in der Zeitung erschien, und nun kamen
+wieder einmal Tage, in denen sich die Kinder darum stritten, wer die Türe
+aufmachen durfte, um etwaigen Liebhaberinnen das Zimmer zu zeigen. Allzuviele
+erschienen nicht und Frau Pfäffling mußte erfahren, daß die Frühlingsstraße
+"keine Lage" sei. Ihr selbst war auch nicht jede von den wenigen, die sich
+meldeten, erwünscht; sie wollte nur das Zimmer vermieten, nicht eine
+Kostgängerin an ihrem einfachen Mittagstisch haben, kein fremdes Element in den
+vertrauten Familienkreis aufnehmen. Aber als auf wiederholte Ankündigung die
+Rechte sich nicht finden wollte, wurde Frau Pfäffling kleinmütig und sagte zu
+ihrem Mann: "Mir scheint, wir müssen froh sein, wenn überhaupt irgend jemand
+das Zimmer mietet, ich muß mich entschließen, auch die Kost zu geben. Aber
+niemand begnügt sich heutzutage mit so einfachem Mittagstisch, wie wir ihn
+haben."
+</p>
+
+<p>
+"So machst du eben immer besondere Leckerbissen für solch eine anspruchsvolle
+Dame und deckst für sie in ihrem eigenen Zimmer, dann stört sie uns nicht,"
+lautete Herrn Pfäfflings Rat.
+</p>
+
+<p>
+Drei Tage später bezog Fräulein Bergmann das Zimmer. Pfäfflings durften sich
+glücklich schätzen über diese Mieterin. Sie war eine fein gebildete Dame, etwa
+Mitte der Vierziger. Erzieherin war sie gewesen, meist im Ausland, hatte
+vorzügliche Stellen innegehabt und so viel zurückgelegt, daß sie sich jetzt,
+nach etwa fünfundzwanzig Jahren fleißiger Arbeit, zur Ruhe setzen und von ihrer
+Rente leben konnte. Sie war gesund und frisch und wollte nun ihre Freiheit
+genießen, sich Privatstudien und Liebhabereien widmen, zu denen ihr das Leben
+bis jetzt wenig Muße gelassen hatte. Was andere Mieter abschreckte, der
+Kinderreichtum der Familie Pfäffling, das war für sie ein Anziehungspunkt, denn
+in der Wohnung, die sie zuerst nach dem Austritt aus ihrer letzten Stelle
+bezogen hatte, war es ihr zu einsam gewesen. Sie hatte es nur kurze Zeit dort
+ausgehalten und suchte jetzt eine Familie, in der sie mehr Anschluß fände. Mit
+schwerem Herzen machte ihr Frau Pfäffling das Zugeständnis, daß sie am
+Mittagstisch der Familie teilnehmen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+"Ich konnte es ihr nicht verweigern," sagte sie zu ihrem Mann und fügte
+seufzend hinzu: "Ursprünglich wollten wir freilich einen Herrn, der den ganzen
+Tag fort wäre und nun haben wir eine Dame, die den ganzen Tag da ist, aber ich
+glaube, daß sie keine unangenehme Hausgenossin sein wird."
+</p>
+
+<p>
+Nach den ersten gemeinsamen Mahlzeiten war die ganze Familie für Fräulein
+Bergmann eingenommen. Sie war viel in der Welt herumgekommen, wußte in
+anregender Weise davon zu erzählen und interessierte sich doch auch für den
+Familienkreis, in den sie nun eingetreten war. Deutlich war zu bemerken, daß
+sie sich von Frau Pfäfflings sinnigem Wesen angezogen fühlte, daß sie
+Verständnis hatte für des Hausherrn originelle Lebhaftigkeit und Anerkennung
+für der Kinder Bescheidenheit. Freilich waren auch alle sieben voll
+Zuvorkommenheit gegen die neue Hausgenossin. Hatte diese doch das Zimmer
+gemietet trotz der vielen Kinder, und trotzdem die Frühlingsstraße "keine Lage"
+war. Überdies flößten ihnen die feinen Umgangsformen und das sichere Auftreten
+der ehemaligen Erzieherin Achtung ein. So ging anfangs alles aufs beste und
+wäre auch wohl so weiter gegangen, wenn Fräulein Bergmann nicht das Wort
+"ehemalig" vergessen hätte. Aber es dauerte gar nicht lange, so gewann es den
+Anschein, als ob sie die Erzieherin der Kinder wäre; sie ermahnte und tadelte
+sie, fragte nach den Schularbeiten, rief die Schwestern zu sich in ihr Zimmer
+und ließ sie unter ihrer Anleitung die Aufgaben machen. Die Mädchen, um deren
+Arbeiten sich bisher niemand bekümmert hatte, fanden das vorteilhaft und kamen
+gerne, auch Frau Pfäffling war anfangs dankbar dafür, aber die neue Einrichtung
+paßte doch nicht zum Ganzen.
+</p>
+
+<p>
+So waren auch eines Nachmittags die beiden Schwestern schon geraume Zeit in
+Fräulein Bergmanns Zimmer, als Elschen bescheiden anklopfte. "Marianne soll
+herüber kommen," richtete sie aus, "es gibt Ausgänge zu machen." Die Mädchen
+standen augenblicklich auf, aber Fräulein Bergmann hielt sie zurück: "Das eilt
+doch nicht so," sagte sie, "die Schularbeit geht allem vor, das habe ich allen
+meinen Zöglingen eingeprägt. Die Ausgänge könnten doch auch von dem
+Dienstmädchen gemacht werden."
+</p>
+
+<p>
+"Walburg hat keine Zeit," entgegnete Elschen altklug, "und sie hört auch nicht
+genug für manche Besorgungen."
+</p>
+
+<p>
+"Dies taube Mädchen ist in jeder Hinsicht eine ungenügende Hilfe," sagte
+Fräulein Bergmann. "Nun geh nur, Elschen, und bitte deine Mama, sie möchte den
+Schwestern noch ein halb Stündchen Zeit gönnen."
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte aber noch eine ganze Stunde, bis die Kinder herüberkamen.
+</p>
+
+<p>
+"Ihr braucht länger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet," sagte Frau
+Pfäffling ärgerlich, "woher kommt denn das?"
+</p>
+
+<p>
+"Weil Fräulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue voraus
+erklärt. Sie sagt, so könnten wir bald alle Mitschülerinnen überflügeln, und in
+der Schule würde jedermann staunen über unsere Fortschritte."
+</p>
+
+<p>
+"Das kann sein," entgegnete Frau Pfäffling, "aber dann hätte ich gar keine
+Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum lernen da und
+nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, daß ihr nicht in die Dunkelheit kommt mit
+den Ausgängen." Sie kamen aber doch erst heim, als es finster war. "Finden Sie
+das passend?" fragte Fräulein Bergmann die Mutter, "sollten Sie nicht das
+Dienstmädchen schicken?"
+</p>
+
+<p>
+"Walburg kann nicht alles besorgen."
+</p>
+
+<p>
+"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie vollends
+ganz taub ist, muß sie doch fort."
+</p>
+
+<p>
+Diese Worte hörte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte Walburg
+in der Küche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie wohl bald ganz
+taub würde? Sie bemerkte seinen forschenden, teilnehmenden Blick. "Willst du
+mir was?" fragte sie und beugte sich zu ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und
+sagte ihr ins Ohr: "Ich mag Fräulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg
+antwortete ausweichend: "Man muß froh sein, daß man sie hat."
+</p>
+
+<p>
+Ja, man war froh, daß man sie hatte, und nahm geduldig manche Einmischung hin.
+Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veränderung im Pfäffling'schen
+Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher immer mit einem hellen
+Wachstuch bedeckt worden.
+</p>
+
+<p>
+"Ich habe noch überall, wo ich war, weiße Tischtücher getroffen," bemerkte
+Fräulein Bergmann.
+</p>
+
+<p>
+"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen Haus,"
+entgegnete Frau Pfäffling, "wir müssen jede unnötige Arbeit vermeiden und die
+großen Tischtücher machen viel Arbeit in der Wäsche."
+</p>
+
+<p>
+"Aber das Essen mundet besser auf solchen."
+</p>
+
+<p>
+"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an unserem
+Tisch."
+</p>
+
+<p>
+Kurz darauf beanstandete Fräulein Bergmann, daß die Türe zum Nebenzimmer
+regelmäßig offen stand. "Wir können dadurch beide Zimmer mit <i>einem</i> Ofen
+heizen," erklärte Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Aber dann sollten Sie die Türe aushängen und eine Portiere anbringen, das
+würde sich sehr fein machen."
+</p>
+
+<p>
+"Ja gewiß, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkäufe kann ich mich
+nicht einlassen. Sie müssen bedenken, daß Sie nun nicht mehr bei reichen Leuten
+leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind, wenn es nur immer zum
+täglichen Brot reicht."
+</p>
+
+<p>
+"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwöhnt bin, und ich
+habe mich schon oft gewundert, daß Sie so heitern Sinnes auf vieles verzichten,
+woran Sie gewiß zu Hause gewöhnt waren. Ich weiß, daß Sie aus fein gebildeter
+Familie stammen."
+</p>
+
+<p>
+"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhältnisse
+schicken. Die äußere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein Glück ruht
+auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben damit gar nichts zu
+tun."
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Tage später brachte Fräulein Bergmann als Geschenk den Stoff zu einer
+Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die Türöffnung wurde nun
+elegant verkleidet und sah in der Tat hübsch aus, die Kinder standen voll
+Bewunderung. Aber der schöne Stoff paßte nicht so recht zum Ganzen, Fräulein
+Bergmann selbst war die erste, die das bemerkte. "Es sehen nun allerdings die
+Möbelbezüge verblichen aus," sagte sie, "aber über kurz oder lang müßten diese
+doch erneuert werden."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling war sehr überrascht, als er zum erstenmal durch die Portiere
+schritt. Sie streifte dem großen Mann das Haar. Er sah sie mißliebig an.
+</p>
+
+<p>
+"Es ist ein Geschenk von Fräulein Bergmann," sagte Frau Pfäffling, "du solltest
+ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt."
+</p>
+
+<p>
+"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfäffling, "ich habe ja gar keinen Sinn für
+so etwas, es fängt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu unserer übrigen
+Einfachheit. Fräulein Bergmann mag sich Portieren in ihr Zimmer hängen so viel
+sie will, aber unsere Zimmer müssen ihr schön genug sein, so wie sie sind."
+</p>
+
+<p>
+Bei Tisch saß er gerade der Portiere gegenüber; sie kam ihm wie etwas
+Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Höflichkeit wahren und sich
+nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Ärger zum ersten hinzu. Walburg
+hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller gewechselt. Die Kinder bekamen
+immer nur <i>einen</i> Teller.
+</p>
+
+<p>
+"Finden Sie nicht, daß es gegen den Schönheitssinn verstößt, wenn die Kinder
+alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich Fräulein Bergmann
+fragend an Frau Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben Teller mehr
+aufzudecken, abzuwaschen und aufzuräumen ist schon ein Geschäft."
+</p>
+
+<p>
+"So viel könnte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das Fräulein, "das
+ist doch solch eine Kleinigkeit."
+</p>
+
+<p>
+Da fiel ihr Herr Pfäffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie,
+geehrtes Fräulein, meine Frau als Hausfrau muß doch am besten wissen, was in
+unsere Haushaltung paßt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind, müssen Sie mit
+unserer Art vorlieb nehmen."
+</p>
+
+<p>
+"Gewiß, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu sehen,
+wie der Schönheitssinn so ganz vernachlässigt wird. Aber ich werde gewiß nicht
+mehr darein reden, kein Wort mehr."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, darum möchte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr Pfäffling, "und
+übrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles ordentlich, schön und rein und
+ich möchte durchaus nicht, daß sie sich noch mehr Arbeit macht, und wenn meine
+Kinder ihr nachschlagen, wird man sie überall gern sehen."
+</p>
+
+<p>
+"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fräulein und fügte gekränkt
+hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluß der Mahlzeit verlief in
+unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorüber war, zog sich Fräulein
+Bergmann zurück.
+</p>
+
+<p>
+"Sie ist beleidigt," flüsterte bekümmert eines der Mädchen dem andern zu.
+</p>
+
+<p>
+"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brüder, "warum mischt sie
+sich ein!"
+</p>
+
+<p>
+"Aber es ist doch wahr, daß Teller schnell abgewaschen sind!"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fräulein Bergmann sagt und
+haltet gar nicht zur Mutter!"
+</p>
+
+<p>
+Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr Pfäffling
+bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins," sagte er zu seiner
+Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird sich jetzt schon besser in
+acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart, und mir ist ihr Dareinreden nicht
+so unangenehm, man macht doch seine Sache nicht vollkommen und da ist es gar
+nicht übel, einmal zu erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel
+mehr von der Welt gesehen als ich."
+</p>
+
+<p>
+Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die beiden Frauen
+standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein Bergmann machte von der
+Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen.
+</p>
+
+<p>
+"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man keinen
+eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf diese Zeit der
+Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht nach Herzenslust lesen,
+zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem ich Muße dazu habe, so viel ich
+nur will, hat es seinen Reiz verloren."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen:
+</p>
+
+<p>
+"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger Arbeit
+beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine."
+</p>
+
+<p>
+"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar nicht.
+Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner veränderten
+Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle selbst, daß ich
+unausstehlich bin."
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß Fräulein
+Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr Kritik und
+Einmischung gestattete.
+</p>
+
+<p>
+Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte sich kein
+Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles zurück und brachte
+Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach Fräulein Bergmanns Ansicht
+waren all diese kleinen Übelbefinden selbst verschuldet, sie behauptete,
+solches bei ihren Zöglingen durch sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben.
+</p>
+
+<p>
+"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März, "weißt du
+noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen sieben ausgezogen,
+Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen. Aber dieses Jahr ist es so
+kalt."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein, schöner
+war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen Familienkreis.
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen wieder einmal an dem weiß gedeckten Mittagstisch, nachdem Herr
+Pfäffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare streichen lassen,
+und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte.
+</p>
+
+<p>
+"Wie wunderlich," begann Fräulein Bergmann, "daß Sie nicht ein feststehendes
+Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus vorgekommen. Das heutige hat
+kein gutes Versmaß. Wie vielerlei haben Sie eigentlich?"
+</p>
+
+<p>
+"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfäffling. "Ich denke, daß man leichter mit
+dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn es nicht jeden Tag das
+gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein Gebet gedankenlos gesprochen
+wird."
+</p>
+
+<p>
+"Ach, das können Sie doch nicht ändern. Ich bin nicht für solche Neuerungen.
+Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war es mit Herrn
+Pfäfflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau liegt daran, in diese
+Form einen Inhalt zu gießen," sagte er lebhaft, "und wenn Sie lieber die leere
+Form haben, so brauchen Sie ja auf den Inhalt nicht zu horchen."
+</p>
+
+<p>
+"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfäffling und legte beschwichtigend ihre Hand
+auf seine trommelnde, "Fräulein Bergmann hat das gar nicht schlimm gemeint!"
+</p>
+
+<p>
+"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfäffling begütigend. Im
+Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch einsilbig. Aber nach Tisch
+rief Herr Pfäffling seine Frau zu sich in das Musikzimmer. "Das ist ein
+unleidlicher Zustand," begann er, "dieses Frauenzimmer ist die verkörperte
+Dissonanz und stört jegliche Harmonie im Hause. So etwas kann ich nicht
+vertragen. Tu mir's zuliebe und mache der Sache ein Ende. Wir finden wohl auch
+wieder eine andere Mieterin."
+</p>
+
+<p>
+"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Türe weisen, das tut mir doch leid für
+sie, wie soll ich denn das machen?"
+</p>
+
+<p>
+"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu kränken. Aber
+je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich hinüber und mit ihr
+reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!"
+</p>
+
+<p>
+"Nein, so plötzlich läßt sich das doch nicht machen, bis zum 1. April mußt du
+dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfäffling, und während sie ihrer Arbeit
+nachging, überlegte sie, wie sie die Kündigung schonend begründen könnte.
+Fräulein Bergmann tat ihr leid, aber die Rücksicht auf ihren Mann, auf Harmonie
+und Frieden im Hause mußte doch vorgehen.
+</p>
+
+<p>
+Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fräulein Bergmann
+suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem Tisch lagen
+Papiere ausgebreitet. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen," sagte das Fräulein,
+"hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten Stellen hervorgesucht, möchten
+Sie diese nicht lesen? Ich muß Ihnen sagen, daß ich mich ordentlich schäme über
+die Zurechtweisung, die ich heute mittag erfahren habe; so etwas ist mir nicht
+vorgekommen in den vielen Jahren, die ich in Stellung war. Aber ich fühle ja
+selbst, daß ich unleidlich bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht
+so, bitte, lesen Sie!"
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele Jahre in
+ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tüchtigkeit war in den
+Zeugnissen ausdrücklich ihre Liebenswürdigkeit, ihr Takt hervorgehoben.
+</p>
+
+<p>
+Indem Frau Pfäffling dieses las und überdachte, kam ihr plötzlich die Erklärung
+dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fräulein Bergmann wieder in das
+richtige Geleise zu bringen wäre.
+</p>
+
+<p>
+"Ich glaube, Sie haben sich viel zu frühe in den Ruhestand begeben, und das ist
+wohl der Grund für Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen. Sie stehen im
+gleichen Alter wie mein Mann; wie käme es Ihnen vor, wenn er schon aufhören
+wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch sein Bestes leisten, und
+so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft, und haben eine reiche
+Lebenserfahrung dazu. Sie könnten ein ganzes Hauswesen leiten, eine Schar
+Kinder erziehen, und wollen hier in einem Stübchen hinter den Büchern sitzen!
+Das ertragen Sie einfach nicht und das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun
+in unser Hauswesen unberufen eingreifen. Ihre besten Kräfte liegen brach! Wenn
+ich Ihnen einen Rat geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle,
+und zwar eine solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!"
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Bergmann hatte nachdenklich zugehört. "Ja," sagte sie jetzt, "so wird
+es wohl sein. Ich kann die Untätigkeit nicht ertragen. Daß Sie mir noch solch
+eine Leistungsfähigkeit zutrauen, das freut mich. Nur schäme ich mich vor all
+meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen Entschluß mitgeteilt habe, zu
+privatisieren. Es war mir damals eine verlockende Stelle als Hausdame
+angetragen, ich habe sie abgelehnt."
+</p>
+
+<p>
+"Ist sie wohl schon besetzt?"
+</p>
+
+<p>
+"Vielleicht nicht. Es hieß, der Eintritt könne auch erst später erfolgen."
+</p>
+
+<p>
+"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?"
+</p>
+
+<p>
+"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings hätte ich keine
+passendere finden können. Meinen Sie, ich soll schreiben?"
+</p>
+
+<p>
+"überlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darüber hingehen."
+</p>
+
+<p>
+Eine halbe Stunde später hörte man Fräulein Bergmann mit eiligen, elastischen
+Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post.
+</p>
+
+<p>
+"Ich bin Fräulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam, "sie ist
+gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt; warum sie wohl
+gerade heute so vergnügt ist?"
+</p>
+
+<p>
+Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in Richtigkeit. Schon
+zum 1. April sollte Fräulein Bergmann sie antreten. Das letzte gemeinsame
+Mittagsmahl war vorüber, die Kinder freuten sich unten, im Freien, der
+langersehnten warmen Frühlingsluft, Frau Pfäffling war mit der Sorge um das
+Gepäck der Reisenden beschäftigt, diese saß allein noch mit Herrn Pfäffling am
+Eßtisch.
+</p>
+
+<p>
+"Wenn ich einmal alt und pflegebedürftig bin," begann Fräulein Bergmann, "dann
+frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen möchten in Ihr Haus. Ich kenne
+niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern anvertrauen möchte, als Ihrer
+lieben Frau und den seelenguten Zwillingsschwestern. Dann dürften Sie ja keine
+Angst mehr haben vor meiner kritischen Art." Herr Pfäffling, der nach seiner
+Gewohnheit um den Tisch gewandelt war, machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik
+ist ja sehr viel wert, wenn sie nicht bloß aus schlechter Laune entspringt.
+Solange Sie <i>alles</i> tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo wir
+in friedlicher Stimmung auseinandergehen, jetzt würde ich auf Ihr Urteil viel
+geben. Sie sagten neulich, es sei alles unschön und unfein bei uns—"
+</p>
+
+<p>
+"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und überdies wissen Sie
+wohl, daß alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen war."
+</p>
+
+<p>
+"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Äußerungen zugrunde. Möchten Sie mir
+nicht sagen, was Ihnen unschön erscheint in unserem Hauswesen, unseren
+Gewohnheiten?"
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Bergmann überlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht aufrecht
+erhalten," und mit einem gutmütigen, aber doch ein wenig spöttischen Lächeln
+fügte sie hinzu: "Unschön ist eigentlich nur <i>eines</i>."
+</p>
+
+<p>
+"Und zwar?"
+</p>
+
+<p>
+"Darf ich es sagen? Nun denn: unschön kommt mir vor, wenn Sie so wie jetzt eben
+im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt."
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne.
+</p>
+
+<p>
+"Ihr Wilhelm fängt das nämlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben Sie es
+noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter Ihnen, immer
+die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen Zusammenstoß zu
+vermeiden, da Sie oft mit einem plötzlichen Ruck stehenbleiben. Es war sehr
+drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig dabei."
+</p>
+
+<p>
+"Das begreife ich!" sagte Herr Pfäffling, "und wenn mir schließlich alle Kinder
+folgen würden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit. Ich werde es mir
+abgewöhnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur zu solchen übeln
+Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken darüber—und nahm seinen Lauf um den
+Tisch wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Bergmann verließ lächelnd das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Im Vorplatz übergab Frau Pfäffling den vollgepackten Handkoffer an Walburg.
+"Ist er nicht zu schwer?" fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+"O nein," entgegnete Walburg in ungewöhnlich lebhaftem Ton, "ich trage ihn
+<i>gern</i> fort."
+</p>
+
+<p>
+Hatte sie auch nie die unfreundlichen Äußerungen gehört, die Fräulein Bergmann
+über sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert und war froh, daß
+diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wußte sie nicht, fragte auch nicht
+darnach, es genügte ihr, daß offenbar niemand unglücklich darüber war, Marianne
+vielleicht ausgenommen, aber die würde sich bald trösten, und eine neue
+Mieterin konnte sich nach Ostern finden.
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit zur Bahn.
+Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustüre hinaus, als Herr Pfäffling
+seine drei Großen herbeirief: "Nun helft mir die Portiere abnehmen, daß man
+wieder Luft und Licht hat und frei durch die Türe kann. Aber vorsichtig, die
+Mutter sagt, sie könne den schönen Stoff gut verwenden!"
+</p>
+
+<p>
+So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stühlen und hantierten lustig darauf
+los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch das offene Fenster von
+der Straße herauf Elschens Stimme ertönte, die nach den Brüdern rief. Otto sah
+durchs Fenster und fuhr blitzschnell wieder herein: "Fräulein Bergmann hat
+ihren Schirm vergessen, sie kommt selbst herauf!"
+</p>
+
+<p>
+"Geht hinaus, laßt sie nicht herein," rief Herr Pfäffling, "den schmerzlichen
+Anblick soll sie nicht erleben!" Draußen hörte man auch schon ihre Stimme: "Ich
+muß den Schirm im Eßzimmer abgestellt haben." Richtig, da stand er in der Ecke!
+Wilhelm erfaßte ihn, blitzschnell rannte er durch die Türe und konnte diese
+gerade noch hinter sich schließen und Fräulein Bergmann den Schirm hinreichen.
+Sie hatte nichts gesehen und eilte davon.
+</p>
+
+<p>
+"Wenn sie nun zu spät zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr Pfäffling
+überlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb unten, einen
+traurigen Anblick bot. "Wir hätten eigentlich warten können bis morgen."
+</p>
+
+<p>
+Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk mußte vollendet werden; bald sah alles
+im Haus Pfäffling wieder aus wie vorher; Fräulein Bergmann kam nicht wieder,
+das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfäffling kehrte mit Elschen allein
+zurück. "Sie läßt euch alle noch grüßen," berichtete sie, "ihr letztes Wort
+war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch einmal ein schönes Tischgebet schicken!'"
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er, "wir
+singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu gekommen." Er
+stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders frisch und fröhlich
+klang, das war Fräulein Bergmann zu danken!
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap14"></a>14. Kapitel<br/>
+Wir nehmen Abschied.</h2>
+
+<p>
+Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das
+leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte
+etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach
+beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie
+wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete,
+und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch
+aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante
+gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden
+war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es
+ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr
+Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er
+den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines
+der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde.
+</p>
+
+<p>
+Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während desselben
+geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen zeigen.
+</p>
+
+<p>
+In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder
+Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes. Doch nur
+für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht besser ausfiel
+als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm, schlimm auch um die
+Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht Karls Liebhaberei, der junge
+Lehrer und der Schüler hätten sie gleich gerne los gehabt. Darum strebten die
+Brüder gleich aufeinander zu, als die Klassentüre sich auftat und die Schüler
+herausdrängten. Über der andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne
+Karl sein Zeugnis hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl
+schon manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt
+und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater noch zu
+erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als er die Jungen mit
+den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen sah, wußte er schon, daß es
+Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine Durchschnittsnote nötig?" fragte er und
+überblickte das Zeugnis, und war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder
+waren enttäuscht, nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein
+müssen. "Hast du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie.
+</p>
+
+<p>
+"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind wir noch
+in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so vergnügt seid, ihr
+meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig, aber ganz kann ich euch noch
+nicht davon entbinden, Wilhelm könnte sonst gleich wieder rückfällig werden.
+Sagen wir <i>einmal</i> statt zweimal in der Woche." Sie machten lange
+Gesichter. "Und in den Osterferien gar keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte
+der Vater hinzu. Da heiterten sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens
+in den Ferien frei war, im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr
+in einem hin. Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder
+vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die Schwestern
+begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust sämtliche Heftchen auf
+des Vaters Tisch ausbreiteten.
+</p>
+
+<p>
+"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie Elschen
+ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die geheimnisvollen
+Ziffern zu deuten.
+</p>
+
+<p>
+"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen Übermut
+hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a plus b ist? Das
+weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen Vierer." Von allen Seiten
+kamen nun solch verfängliche Fragen und es wurden ihr lauter Vierer prophezeit,
+bis ihr angst und bang wurde, sie sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du
+gibst mir dann jeden Tag Mathematikstunden!"
+</p>
+
+<p>
+Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten sie
+eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug gekommen. Sie
+schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte.
+</p>
+
+<p>
+Herr Pfäffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder in Händen
+hatte und sah, daß es besser war als die früheren, trat ihm wieder das Bild vor
+die Seele, wie der Kleine ihm die verhüllte Violine mit dem Ausdruck tiefsten
+Schmerzes übergeben hatte. Er war seitdem ein gewissenhafter und geschickter
+Klavierspieler geworden, aber die Liebe, die er zu seiner Violine und auch zu
+der Harmonika gehabt hatte, die brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem
+Herzen war er nicht dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine
+erwähnt. Ob sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater
+hätte es gerne gewußt, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der kleine
+Spieler seine Musikhefte beiseite räumte, redete er ihn darauf an.
+</p>
+
+<p>
+"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir nicht mehr
+so leid, daß du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes Gesicht machte das
+Kind, als diese Wunde berührt wurde, dann antwortete er leise: "Ich möchte sie
+gar nicht mehr haben."
+</p>
+
+<p>
+"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhören kann,
+wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du <i>kannst</i> nicht, Frieder? Du
+<i>willst</i> nur nicht, weil es dir schwer fällt; aber siehst du nicht, daß
+wir alle aufhören, wenn wir müssen? Meinst du, ich möchte nicht lieber selbst
+weiter spielen, als Fräulein Vernagelding Stunde geben, wenn sie jetzt kommt?
+Meinst du, die Mutter möchte, wenn sie nach Tisch in ihren schönen Büchern
+liest, nicht lieber weiterlesen als schon nach einer halben Stunde wieder das
+Buch aus der Hand legen und die Strümpfe stopfen? Und die großen Brüder möchten
+nicht lieber auf den Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben
+unter unserem Dach möchten nicht lieber für sich selbst Futter auspicken als
+ausfliegen und ihre Jungen füttern, wie es der liebe Gott angeordnet hat? Und
+der Frieder Pfäffling will allein dastehen auf der Welt und sagen: 'Ich kann
+nicht aufhören'? Nein, der müßte sich ja schämen vor den Tierlein, vor den
+Menschen, vor dem lieben Gott müßte er sich schämen!"
+</p>
+
+<p>
+"Ich kann auch aufhören," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim Geigen
+nicht."
+</p>
+
+<p>
+"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann mitten
+im Geigenstrich aufhören und das mußt du auch lernen. Gib dir Mühe, und wenn du
+dann fühlst, daß du einen festen Willen hast, so sage es mir, dann will ich dir
+jeden Sonntag für eine Stunde deine Geige geben."
+</p>
+
+<p>
+Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem großen Schrank deutend, der
+in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit zärtlichem Ton: "Da innen ist
+sie!"
+</p>
+
+<p>
+"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen Willen
+bekommt und sie erlöst aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind; Fräulein
+Vernagelding ist im Vorplatz, ich höre sie schon lange plaudern mit Marianne,
+ich weiß nicht, warum sie nicht herein kommt."
+</p>
+
+<p>
+Unser Musiklehrer öffnete die Türe nach dem Vorplatz, die drei plaudernden
+Mädchen fuhren auseinander, Fräulein Vernagelding kam zur Stunde. Noch rosiger
+und lächelnder erschien sie als sonst, und hatte solch eine wichtige Neuigkeit
+unter vielem Erröten mitzuteilen! Die Karten waren ja schon in der Druckerei,
+auf denen zu lesen stand, daß Fräulein Vernagelding Braut war! Solch einen
+schönen, jungen, reichen, blonden Bankier hatte sie zum Bräutigam! Aber
+unmusikalisch war er leider sehr, denn obwohl sie ihm vorgespielt hatte, war er
+doch der Meinung, sie solle nicht mehr Klavier spielen.
+</p>
+
+<p>
+"Grämen Sie sich darüber nicht," sagte Herr Pfäffling zu seiner Schülerin,
+"vielleicht ist er sogar sehr musikalisch."
+</p>
+
+<p>
+"Meinen Sie?" fragte Fräulein Vernagelding, "das wäre schön! Und nicht wahr,
+wenn ich auch nicht mehr zur Stunde komme, bleiben wir doch gute Freunde und
+Ihre Fräulein Töchter müssen zu meiner Hochzeit kommen. Das gibt zwei süße
+Brautfräulein!"
+</p>
+
+<p>
+"Meine Töchter?" fragte Herr Pfäffling verwundert. "Sie meinen die Marianne?
+Das sind doch keine Brautfräulein? Da müssen Sie mit meiner Frau sprechen."—
+</p>
+
+<p>
+Der Tag war gekommen, an dem Frau Pfäfflings Bruder eintreffen sollte. Alle
+Hände hatten sich fleißig gerührt, um für das Osterfest und zugleich für den
+Gast das Haus festlich zu bereiten. Die letzten Spuren des langen Winters waren
+mit den trüben Doppelfenstern, mit Kohleneimern und Ofenruß aus den Zimmern
+verschwunden, die Frühlingssonne durfte die hintersten Winkel bestrahlen,
+Walburg brauchte die Prüfung nicht zu fürchten, alles war blank und rein. Eine
+mühevolle Zeit war das gewesen, aber nun war sie glücklich überstanden,
+Feststimmung breitete sich schon über das Haus und heute sollte der Gast
+ankommen.
+</p>
+
+<p>
+"Die Mutter sieht so aus wie am heiligen Abend vor der Bescherung," sagte Karl,
+als die beiden Eltern miteinander zum Bahnhof gingen. Ja, Frau Pfäffling freute
+sich innig. War das Zusammensein mit dem Bruder in der alten Heimat schön
+gewesen, so mußte es doch noch viel beglückender sein, ihn im eigenen
+Familienkreis zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder daheim berieten, wie sie den Onkel empfangen, ob sie ihm alle
+miteinander entgegenkommen sollten? Sie entschieden sich aber dagegen, er war
+nicht an so viele Kinder gewöhnt, sie wollten sich verteilen und nur allmählich
+erscheinen, damit es keinen Lärm und kein Gedränge gäbe.
+</p>
+
+<p>
+Als es Zeit war, standen sie alle an den Fenstern des Wohnzimmers und sahen
+begierig die Straße hinunter. Da tauchten schon die drei Gestalten auf, und
+jetzt waren sie deutlich zu erkennen. Der Onkel, fast einen Kopf kleiner als
+der Vater, ganz ähnlich der Mutter, nur nicht so schmal. Fein sah er aus im
+eleganten Reiseanzug und daß er eine voll gepackte Ledertasche in der Hand
+hatte, wurde von Elschen besonders hervorgehoben. Nun mußten auch die Kinder
+bemerkt worden sein, denn der Onkel winkte mit der Hand herauf, ja er schwenkte
+sogar den Hut als Gruß. Das machte einen gewinnenden Eindruck. "Wir springen
+doch entgegen, der ist gar nicht so!" sagte Wilhelm. "Nein, der ist nicht so,"
+entschied der ganze Chor. Die sieben Kinderköpfe verschwanden vom Fenster, und
+vierzehn Füße trabten die Treppe hinunter. "Die Treppe ist frisch geölt," rief
+Marie, "geht an der Seite, daß sie in der Mitte schön bleibt!"
+</p>
+
+<p>
+Nun kam die Begrüßung. Man war sich unbekannt und doch nicht fremd. Die Kinder
+berührte es merkwürdig, daß der Onkel der Mutter so ähnlich war, in den Zügen,
+in der Stimme und der Aussprache. Zutraulich begrüßten sie ihn, und auch er
+fand in ihnen lauter verwandte Gesichter, die einen seiner Schwester, die
+andern seinem Schwager ähnlich.
+</p>
+
+<p>
+"Nun gebt die Treppe frei, Kinder," drängte Herr Pfäffling, "wir wollen den
+Onkel doch auch hinauf lassen." Sie machten Platz, und ließen den Gast voran
+gehen. Auf halber Treppe sah er zurück nach dem jungen Gefolge. "Wie komisch
+sie alle an der Seite gehen," bemerkte er zu der Mutter.
+</p>
+
+<p>
+"Damit die Treppe in der Mitte geschont wird."
+</p>
+
+<p>
+"Ah so!" sagte der Professor und sah sichtlich belustigt zurück. "Cäcilie, nun
+kenne ich deine Kinder schon. Die heißt du ungehobelt?"
+</p>
+
+<p>
+Droben, im Wohnzimmer, war der Mittagstisch gedeckt. "Was für eine stattliche
+Tafel!" rief der Gast, und dann sah er erstaunt auf die ungewöhnlich große
+Gestalt Walburgs, die stumm die Suppe auftrug. "Ihr habt euch wohl eine
+besonders kräftige Magd ausgesucht für eure großen Schüsseln?" sagte er
+spassend zu den Kindern, "ist das die treue, stumme Dienerin? Wie schade um das
+Mädchen!"
+</p>
+
+<p>
+"Es wird aber nicht mehr schlimmer bei ihr, Onkel," versicherte Marie, "ich war
+mit ihr beim Arzt, er sagt, es kann sogar eher ein wenig besser werden."
+</p>
+
+<p>
+Sie sammelten sich um den Tisch. "Mutter," bat Wilhelm, "du hast einmal ein
+Tischgebet gewußt, das müßte heute gut passen und dem Onkel gefallen, es kommt
+etwas vom vielverheißenden Tisch vor, weißt du nicht, welches ich meine?"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling wußte es wohl und sprach es:
+</p>
+
+<p class="poem">
+In größerem Kreise stehen wir heute<br/>
+Am Gutes verheißenden festlichen Tisch.<br/>
+Aber die richtige fröhliche Stimmung<br/>
+Die mußt auch heute Du, Herr, uns geben.<br/>
+Nahe dich freundlich jedem von uns.
+</p>
+
+<p>
+Drei Tage blieb der Onkel im Haus und beobachtete oft im stillen seine Neffen
+und Nichten. Er hatte ihnen ein Spiel mitgebracht, an dem sich alle beteiligen
+konnten. "Ich will es den Kindern lehren," sagte er, "die meinigen haben es
+auch, es ist ein Tischcroquet, ein nettes Spiel, bei dem es nur leider gar zu
+leicht Streit gibt unter den Spielern." Sie machten sich mit Eifer daran und
+trieben es täglich fast mit Leidenschaft. Sie achteten dabei nicht auf den
+Onkel, der, hinter der Zeitung sitzend, seine Beobachtungen machte. "Wir müssen
+die zwei Parteien so einteilen, daß die guten und schlechten Spieler
+gleichmäßig verteilt sind," sagte Karl. "Nimm du Frieder auf deine Seite,
+Wilhelm, der ist am ungeschicktesten, und ich will Anne auf meine Partei
+nehmen, sonst können die nie gewinnen." So war es allen recht und das Spiel auf
+seinem Höhepunkt, als Frau Pfäffling hereinkam.
+</p>
+
+<p>
+"Kinder," sagte sie, "Walburg hat wieder kein Holz, laßt euch doch nicht immer
+mahnen." Schuldbewußt legten zwei der Spieler ihre Schläger aus der Hand und
+gingen hinaus. Der Onkel sah aufmerksam hinter seiner Zeitung hervor. Das Wort:
+"Laßt euch doch nicht mahnen" schien noch weiter zu wirken. "Hat jemand des
+Vaters Brief auf die Post getragen?" fragte Marie. Niemand meldete sich. "Das
+könntest du besorgen, Frieder," sagte die Schwester, "Elschen geht mit dir." So
+entfernten sich auch diese Beiden. Die andern spielten weiter, Frau Pfäffling
+setzte sich ein wenig zu ihrem Bruder. Sie sprachen halblaut zusammen. "Es ist
+rührend," sagte der Bruder, "wie sich diese Lateinschüler so selbstverständlich
+zum Holztragen verpflichtet fühlen und ohne Widerspruch das Spiel aufgeben. Das
+täte meiner nie, wie hast du ihnen das beigebracht?"
+</p>
+
+<p>
+"Das bringen die einfachen Verhältnisse ganz von selbst mit sich. Die Kinder
+sehen, wie Walburg und ich uns plagen und doch nicht fertig werden, so helfen
+sie mit."
+</p>
+
+<p>
+"Mir, als dem Juristen, ist wirklich euer kleiner Staat interessant und ich
+sehe ordentlich, wie aus solcher Familie tüchtige Staatsbürger hervorgehen. Wie
+die Starken sich da um die Schwachen annehmen, wie sie ihr eigenes Ich dem
+allgemeinen Ganzen unterordnen und welche Liebe und widerspruchslosen Gehorsam
+sie den Eltern als dem Staatsoberhaupt entgegenbringen, wohl in dem Gefühl, daß
+sonst das ganze System in Unordnung geriete. Dazu kommt auch noch, daß dein
+Mann ein so leutseliger Herrscher ist und du bist sein verantwortlicher
+Minister. Das muß ich dir sagen, wenn ich nun eines eurer Kinder zu mir nehme,
+in ein so geordnetes Staatswesen kann ich es nicht versetzen."
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder hatten nicht auf das leise geführte Gespräch gehorcht; was kümmerte
+sie, wenn vom Staat die Rede war? Aber die letzte Bemerkung des Onkels, die
+traf Maries Ohr, die erfaßte sie. "Wenn ich eines eurer Kinder zu mir nehme,"
+hatte er gesagt. Sie hätte es offenbar nicht hören sollen, es war nur halblaut
+gesprochen. Zunächst ließ sie sich nichts anmerken, aber lange konnte sie diese
+Neuigkeit nicht bei sich behalten. Nach Tisch fanden sich die Geschwister alle
+unten am Balkenplatz zusammen. Dort konnte man sich aussprechen und Marie
+vertraute ihnen an, was sie gehört hatte. Das ganze Trüppchen stand dicht
+zusammengedrängt und besprach in lebhafter Erregung die Möglichkeit,
+fortzukommen. Verlockend war das Neue, lieb war das Alte. Wer ginge gern, wer
+ungern? Sie waren zweifelhaft. Wen würde der Onkel wählen? Ein jedes meinte:
+"Sicherlich nicht gerade mich." Das war die Bescheidenheit. Aber einer, der
+doch auch nicht unbescheiden war, der Frieder, sagte: "Ganz gewiß will er
+<i>mich</i> mitnehmen." Das war die Angst, denn Frieder wollte nicht fort, für
+ihn gab es da nichts Zweifelhaftes, er wollte daheim bleiben, er fürchtete die
+fremde Welt. Und da er so bestimmt aussprach: mich will er mitnehmen, so
+glaubten ihm die Geschwister. Schon einmal war er das fremde Kind gewesen, vor
+die Türe gewiesen mit der Violine. Von jeher war er ein wenig allein gestanden.
+Nun schauten ihn alle darauf hin an, daß er fort von ihnen sollte. Sie sahen
+das gute Gesichtchen, die seelenvollen Augen, die angsterfüllt von einem zum
+andern blickten, und da wurden sich alle bewußt, daß sie doch den Frieder nicht
+missen mochten. Karl war es, der aussprach, was alle empfanden: "Unser Dummerle
+geben wir nicht her!"
+</p>
+
+<p>
+Oben, am Fenster des Musikzimmers, stand der Professor im Gespräch mit Herrn
+Pfäffling und seiner Frau. Nun trat er an das Fenster und sah hinunter, "Dort
+steht ja das ganze Trüppchen beisammen," sagte er, "eines dicht beim andern,
+keinen Stecken könnte man dazwischen schieben! Es ist köstlich anzusehen! Und
+wie sie eifrig sprechen!"
+</p>
+
+<p>
+"Ja," sagte Frau Pfäffling, "irgend etwas muß sie sehr beschäftigen."
+</p>
+
+<p>
+"Das haben eure Kinder doch vor andern voraus, daß jedes sechs treue Freunde
+mit fürs Leben bekommt, denn die einmal so warm beieinander im Nest gesessen
+waren, die fühlen sich für immer zusammengehörig. Daß ich nun aber die Hand
+ausstrecken soll und ein Vögelein aus diesem Nest herausnehmen, dazu kann ich
+mich immer schwerer entschließen. Geben wir doch den Plan auf! Lassen wir das
+fröhliche Völklein beisammen, es kann nirgends besser gedeihen als daheim!"
+</p>
+
+<p>
+"Ich glaube, du siehst bei uns alles in zu günstigem Licht, wir sind oft
+unbefriedigt und haben allen Grund dazu!"
+</p>
+
+<p>
+"Das mag sein, an Unvollkommenheiten fehlt es gewiß auch bei euch nicht. Aber
+den guten Grund fühle ich heraus, auf dem alles im Haus aufgebaut ist, die
+Wahrhaftigkeit, die Religion, die bei euch Herzenssache ist."
+</p>
+
+<p>
+"Das hast du doch kaum in so kurzer Zeit beobachten können," meinte Frau
+Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Aber doch habe ich diesen Eindruck gewonnen, so zum Beispiel von Wilhelm. Du
+kannst weit suchen, bis du wieder einen solch lustigen Lateinschüler findest,
+der um ein bestimmtes Tischgebet bittet, wie er neulich tat bei unserem ersten
+Mittagessen. Ich wollte, es wäre bei meinen Kindern auch etwas von diesem Geist
+zu spüren! Kehren wir doch die Sache um! Ich schicke euch lieber meinen Jungen
+einmal. In euren einfachen Verhältnissen würde er ganz von selbst seine
+Ansprüche fallen lassen, er wäre zufrieden und glücklich mit euren Kindern."
+</p>
+
+<p>
+Es blieb bei dieser Verabredung.
+</p>
+
+<p>
+Draußen im Freien hatte sich inzwischen alles verändert. Die Sonne war von
+schweren Wolken verdeckt worden, in echter Aprillaune wirbelten plötzlich
+Schneeflocken herunter und die jungen Pfäfflinge flüchteten herauf.
+</p>
+
+<p>
+"Da kommen sie ja wieder alle miteinander," sagte der Onkel, "wißt ihr auch,
+Kinder, mit was für Gedanken ich hieher gekommen bin? Eines von euch wollte ich
+mir rauben, weil bei mir noch so schön Platz wäre für ein viertes, und eure
+Eltern hätten es dann leichter gehabt. Aber ich tue es nicht. Wollt ihr hören
+warum? Weil ihr es so schön und so gut habt, daß ihr es nirgends auf der ganzen
+Welt besser haben könnet. Ihr lacht? Es ist mein Ernst."
+</p>
+
+<p>
+Nun glaubten sie es ihm. Der Onkel, der weitgereiste, mußte es ja wissen.
+</p>
+
+<p>
+Elschen drückte sich schmeichelnd an den Onkel. "Wen von uns hättest du denn
+mitgenommen?" fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+"Mußt du das wissen, kleine Neugier? Vielleicht den da," sagte er und deutete
+auf Frieder. Der nickte zustimmend. Er hatte es ja gewußt!
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage später war Frau Pfäfflings Bruder wieder abgereist. Sie stand mit
+wehmütigem Gefühl im Gastzimmer und war beschäftigt, es wieder für eine fremde
+Mieterin zu richten, nach der man sich nun bald umsehen mußte. In ihren
+Gedanken verloren, hörte sie doch mit halbem Ohr einen Mann die Treppe
+heraufkommen, hörte klingeln, öffnen, wieder schließen, hörte Marie zum Vater
+hinübergehen. An all dem war nichts besonderes, es brachte sie nicht aus ihrem
+Gedankengang.
+</p>
+
+<p>
+Aber jetzt?
+</p>
+
+<p>
+Sie horchte. "Cäcilie, Cäcilie!" tönte es durch die ganze Wohnung. Sie wollte
+dem Ruf folgen, aber da kam schon ihr Mann zu ihr herein, da stand er vor ihr
+mit glückstrahlendem Angesicht und rief frohlockend:
+</p>
+
+<p>
+"Cäcilie, ich bin Musikdirektor in Marstadt!" und als sie es nicht fassen und
+glauben wollte, da reichte er ihr einen Brief, und sie las es selbst schwarz
+auf weiß, daß die Marstadter vorläufig in einem gemieteten Lokal die
+Musikschule eröffnen wollten und den Musiklehrer Pfäffling zum Direktor ernannt
+hätten. Es fehlte nichts mehr als seine Einwilligung, und auf diese brauchten
+die Marstadter nicht lange zu warten!
+</p>
+
+<p>
+Der jubelnde Ruf: "Cäcilie!" hatte die Kinder aus allen Zimmern herbeigelockt.
+Zu verschweigen war da nichts mehr. Vom Vater hörten sie die gute Kunde, sie
+sahen, wie die Mutter bewegt am Vater lehnte und immer wieder sagte: "Wie mag
+ich dir das gönnen!"
+</p>
+
+<p>
+Und das Glück war immer größer, weil es von so vielen Gesichtern widerstrahlte.
+</p>
+
+<p>
+Nur einer war davon ausgeschlossen, einer hatte alles überhört, weil er mit
+seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt war.
+</p>
+
+<p>
+"Wo ist denn der Frieder?" fragte Elschen, "dem muß man es doch auch sagen!"
+</p>
+
+<p>
+Man suchte nach ihm und fand ihn ganz allein im Musikzimmer, vor dem Schrank
+stehend, in dem seine Violine aufbewahrt war.
+</p>
+
+<p>
+"Was tust du denn da?" fragte Herr Pfäffling.
+</p>
+
+<p>
+"Ich warte auf dich, Vater, schon so lange!"
+</p>
+
+<p>
+Dabei drängte er sich dicht an den Vater und fragte schüchtern: "Gibst du mir
+am Sonntag meine Geige auf eine Stunde? Ich kann jetzt mitten darin aufhören,
+ich habe es probiert."
+</p>
+
+<p>
+"Wie hast du das probiert, Frieder?"
+</p>
+
+<p>
+"Beim Essen. Dreimal. Aufgehört im ärgsten Hunger, auch bei den Pfannenkuchen.
+Die andern wissen es."
+</p>
+
+<p>
+"Ja, es ist wahr," betätigten ihm die Geschwister, die als seine Tischnachbarn
+Vorteil aus diesen Proben gezogen hatten. Herr Pfäffling schloß den Schrank
+auf. "Wenn es so steht, Frieder," rief er fröhlich, "dann warten wir gar nicht
+bis zum Sonntag, denn heute ist ohnedies Festtag bei uns, du weißt wohl noch
+gar nichts davon? Da hast du deine Violine, kleiner Direktorssohn!"
+</p>
+
+<p>
+Ja, das war ein seliger Tag!
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling suchte Walburg auf; diese hatte von den Kindern schon die
+Neuigkeit gehört, und da sie dem Leben nicht viel Gutes zutraute, so fürchtete
+sie auch diese Veränderung. Aber da kam auch ihre Frau selbst, sah sie mit
+herzlicher Freundlichkeit an und rief ihr ins Ohr: "Der Herr Direktor will auch
+deinen Lohn erhöhen."
+</p>
+
+<p>
+Nun war Walburg getrost, ihr Bleiben war besiegelt, und als sie wieder allein
+in ihrer Küche stand, da legte sie einen Augenblick die fleißigen Hände
+ineinander und sagte: "Lobe den Herrn!"
+</p>
+
+<p>
+Frau Pfäffling ging hinunter zur Hausfrau. Diese sollte nicht durch Fremde die
+Nachricht erfahren. Lange sprachen die beiden Frauen zusammen, und während sie
+sprachen, tönte von oben Klavier und Gesang herunter und Frau Pfäffling
+erkannte die frohlockende Melodie: ihr Mann übte mit den Kindern den Chor mit
+dem Endreim:
+</p>
+
+<p class="poem">
+"Drum rufen wir mit frohem Sinn:<br/>
+Es lebe die Direktorin!"
+</p>
+
+<p>
+Als Frau Hartwig wieder allein war, mußte ihr Mann sie trösten: "Leicht
+bekommen wir eine bessere Mietspartei, sie haben doch recht viel Unruhe im Haus
+gemacht und bedenke nur die Abnützung der Treppe!" Dabei suchte er eine kleine
+Tafel hervor und gab sie seiner Frau. Sie ging hinaus und befestigte an der
+Haustüre die Aufschrift:
+</p>
+
+<p class="poem">
+<i>Wohnung zu vermieten</i>.
+</p>
+
+<p>
+Und als sie die Türe wieder hinter sich schloß, fiel ihr eine Träne auf die
+Hand und sie sagte vor sich hin: "Das weiß gar niemand, wie lieb mir die
+Familie Pfäffling war!"
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 ***</div>
+</body>
+
+</html>
+
+