summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/10917-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '10917-0.txt')
-rw-r--r--10917-0.txt7491
1 files changed, 7491 insertions, 0 deletions
diff --git a/10917-0.txt b/10917-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..a7dcd4b
--- /dev/null
+++ b/10917-0.txt
@@ -0,0 +1,7491 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 ***
+
+Die Familie Pfäffling
+
+Eine deutsche Wintergeschichte
+
+von Agnes Sapper
+
+
+1909
+
+
+
+
+Meiner lieben Mutter
+zum Eintritt in das 80. Lebensjahr.
+
+Die Familie Pfäffling muß *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was
+ich in diesem Buche zeigen möchte, das ist Deine eigene
+Lebens-Erfahrung. Du hast uns vor Augen geführt, welcher Segen die
+Menschen durchs Leben begleitet, die im großen Geschwisterkreis und in
+einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, unter dem Einfluß von
+Eltern, die mit Gottvertrauen und fröhlichem Humor zu entbehren
+verstanden, was ihnen versagt war.
+
+Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die
+Erinnerung an Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du
+die Beschwerden und Entbehrungen des Alters in geduldiger,
+anspruchsloser Gesinnung erträgst so ist das nach deinem eigenen
+Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist aus einer
+entbehrungsreichen und dennoch glückseligen Jugendzeit.
+
+Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte
+möchte ich in diesem Buch der deutschen Familie vorführen.
+
+Herbst 1906.
+
+
+Die Verfasserin.
+
+
+Inhalt
+
+ 1 Wir schließen Bekanntschaft
+ 2 Herr Direktor
+ 3 Der Leonidenschwarm
+ 4 Adventszeit
+ 5 Schnee am unrechten Platz
+ 6 Am kürzesten Tag
+ 7 Immer noch nicht Weihnachten
+ 8 Endlich Weihnachten
+ 9 Bei grimmiger Kälte
+ 10 Ein Künstlerkonzert
+ 11 Geld- und Geigennot
+ 12 Ein Haus ohne Mutter
+ 13 Ein fremdes Element
+ 14 Wir nehmen Abschied
+
+
+
+
+1. Kapitel
+Wir schließen Bekanntschaft.
+
+
+Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit
+hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in
+die äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die
+Infanteriekaserne, sehen den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz.
+Aber vor diesem, etwas zurück von der Straße, steht noch ein letztes
+Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem Schreiner Hartwig, bei dem
+der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie in Miete wohnt.
+
+Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein
+Lagerplatz für Balken und Bretter, auf denen Knaben und Mädchen
+fröhlich herumklettern, turnen und schaukeln. Meistens sind es junge
+Pfäfflinge, die da ihr Wesen treiben, manchmal sind es auch ihre
+Kameraden, aber der eine Kleine, den man täglich auf den obersten
+Brettern sitzen und dabei die Ziehharmonika spielen sieht, das ist
+sicher kein anderer als Frieder Pfäffling.
+
+Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist übrigens der Hof
+verlassen und niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach
+den langen Sommerferien, wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer
+Pfäffling, der schlanke Mann, der noch immer ganz jugendlich aussieht,
+war schon frühzeitig mit langen Schritten den gewohnten Weg nach der
+Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben. Sechs von seinen
+sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Bücher und Hefte
+zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange
+Frühlingsstraße mußten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten
+sich die Wege; die drei ältesten suchten weit drinnen in der Stadt das
+alte Gymnasiumsgebäude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas
+näher in die Töchterschule und Frieder, der noch in die Volksschule
+ging, hätte sein Ziel am schnellsten erreichen können, aber das kleine
+runde Kerlchen pflegte in Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr
+Zeit zu lassen als die andern.
+
+Im Hause Pfäffling war nach dem lauten Abgang der sieben
+Familienmitglieder eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur
+noch die Mutter zurück, und Elschen, das jüngste niedliche Töchterchen,
+sowie die treue Walburg, die in der Küche wirtschaftete. Frau Pfäffling
+atmete auf, die Stille tat ihr wohl. Was war das für ein Sturm gewesen,
+bis der letzte die Türe hinter sich zugemacht hatte, und was für eine
+Unruhe all die Ferienwochen hindurch! Während sie ordnend und räumend
+von einem Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtäglich zu Mute. Sie
+war von Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken
+versunken, aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen großen
+Familienkreis gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte,
+plaudernde, fragende, musizierende Menschen um sie herum. Während nun
+die Mutter sich der Ruhe freute, wußte Elschen gar nicht, wo es ihr
+fehlte. Allein zu spielen hatte sie ganz verlernt. So ging sie hinunter
+in den Hof, wo die großen Balken lagen. Oft hatte sie sich in den
+letzten Wochen geärgert, wenn sie ängstlich auf den glatten Balken
+kleine Schrittchen machte, daß die Brüder das so flink konnten und sie
+ihnen immer Platz machen sollte. Jetzt hatte sie alle die Baumstämme
+allein zu ihrer Verfügung, aber nun machten sie ihr keine Freude. Sie
+ging weiter zu den Brettern, die übereinander aufgestapelt lagen. Dort
+oben, wo ein kleines dickes Brett querüberlag, war Frieders
+Lieblingsplatz, auf dem er immer mit der Ziehharmonika saß. Wenn er gar
+zu lang spielte und sie nicht beachtete, war sie manchmal ungeduldig
+geworden und hatte sogar einmal gesagt, die Harmonika sei eine alte
+Kröte. Aber jetzt, wo es überall ganz still war, hätte sie auch die
+Harmonika gern gehört. Sie setzte sich auf Frieders Platz und dachte an
+ihn. Es war so langweilig heute morgen—fast zum weinen!
+
+Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief:
+"Elschen, flink, Essig holen!"
+
+Einen Augenblick später wanderte auch Else die Frühlingsstraße
+hinunter, zwar nicht mit den Büchern in die Schule, aber mit dem
+Essigkrug zum nächsten Kaufmann.
+
+Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner
+Frau. Es waren schon ältere Leute und er hatte das Geschäft abgegeben.
+Sie war eine freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf
+gute Erhaltung des Besitzes. Als diesen Morgen die Pfäfflinge
+nacheinander die Treppe hinunter gesprungen waren, hatte sie zu ihrem
+Mann gesagt: "Hast du schon bemerkt, wie die Treppe abgenutzt ist? Seit
+dem Jahr, wo Pfäfflings bei uns wohnen, sind die Stufen schon so
+abgetreten worden, daß mir wirklich bang ist, wie es nach einigen
+Jahren aussehen wird." "Verwehr's ihnen, daß sie so die Treppen
+herunterpoltern," sagte der Hausherr.
+
+"Ich will gar nicht behaupten, daß sie poltern, sie sind ja
+rücksichtsvoll, aber hundertmal springen sie auf und ab und es
+pressiert ihnen allen so, ein Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie
+müssen immer springen. Ich will sie aber gleich heute aufmerksam machen
+auf die abgetretenen Stellen."
+
+"Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewöhnen, springt
+doch der Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewußt,
+was es um so eine neunköpfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen
+voriges Jahr selbst unsere Wohnung angeboten haben in ihrer
+Wohnungsnot. Und jetzt haben wir sie, und zu kündigen brächtest du doch
+nicht übers Herz."
+
+"Nein, nie! Aber du auch nicht."
+
+"Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, daß er Bretter für neue
+Böden bereit hält," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand
+bedenklich und sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch über die
+Stufen, aber sie blieben doch abgetreten.
+
+Die Vormittagsstunden waren endlich vorübergegangen, die kleine
+vereinsamte Schwester stand am Fenster, sah die Straße hinunter und
+erkannte schon von weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das
+Haus zukam. Bald darauf tauchten zwei Mädchengestalten auf, das waren
+die Zwillingsschwestern, die elfjährigen, Marie und Anna, die der
+Bequemlichkeit halber oft zusammen Marianne genannt wurden. So rief
+auch Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist schon im Haus und
+Marianne sehe ich auch, aber sie stehen bei andern Mädchen und machen
+gar nicht voran. Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei
+Großen, jetzt muß ich entgegen laufen."
+
+Die Schwestern hatten sich den Brüdern zugesellt und so kamen sie alle
+zugleich ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor
+Vergnügen entgegenrief: "Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder,
+der zu hinterst war, aber die Schwestern hatten sie schon an beiden
+Händen gefaßt und alle drängten der Treppe zu, als die Türe der untern
+Wohnung aufging und Frau Hartwig herbeikam. Flugs zogen die Brüder ihre
+Mützen, denn die Rücksicht auf die Hausleute war ihnen zur heiligen
+Pflicht gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten Umzug in
+dem Bewußtsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein.
+
+So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet
+ein wenig, Kinder, ich muß euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe
+an, seht ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr
+war davon noch keine Spur, wer hat das wohl getan?"
+
+Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Köpfe. "Das habt ihr getan,"
+fuhr die Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln
+hundertmal auf und ab gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann
+richtet ihr mir in _einem_ Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie
+standen alle betreten da, die Blicke auf die Treppe gerichtet. So
+schlimm kam ihnen diese wohl nicht vor, aber die Hausfrau mußte es ja
+wissen! In diesem kritischen Moment kam Karl, dem großen, der Mutter
+Hauptregel ins Gedächtnis: nur immer gleich um Entschuldigung bitten!
+"Es ist mir leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das
+erlösende Wort: "Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der große, an,
+langsam und behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der
+zweite und Otto, der dritte. Ihnen nach schlichen unhörbar Marie und
+Anna mit Elschen. Nur Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und
+deshalb den Schaden an der Treppe noch nicht hatte sehen können, der
+verweilte noch und betrachtete nachdenklich die Stufen. Dann sagte er
+zutraulich zu der Hausfrau: "Nur in der Mitte sieht man etwas, warum
+denn nicht an den Seiten?" "Kleines Dummerle," sagte Frau Hartwig,
+"kannst du dir das nicht denken? In der Mitte geht man wohl am
+öftesten."
+
+"So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite,"
+und indem er dicht am Geländer hinaufstieg, rief er noch freundlich
+herunter: "Gelt, so wird deine Treppe schön geschont?" "Ja, so ist's
+recht," sagte die Hausfrau und indem sie wieder in ihre Wohnung
+zurückkehrte, sprach sie so für sich hin: den guten Willen haben sie,
+was kann man mehr verlangen?
+
+Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog
+ihn ins Zimmer und rief vergnügt: "Jetzt sind sie alle wieder da!"
+
+Den Eßtisch hatte Frau Pfäffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft
+hin und hergelaufen und hatte ihr erzählt, was Neues von der
+Musikschule zu berichten war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so
+öfter lief ihm eines in den Weg, so gab er das Wandeln auf und
+klatschte mit seinen großen Händen, was immer das Zeichen war, zu Tisch
+zu gehen. Da gab es schnell ein Schieben und Stuhlrücken und einen
+Augenblick lautloser Stille, während die Mutter das Tischgebet sprach.
+Es war nicht alle Tage dasselbe, sie wußte viele. Sie fragte manchmal
+den Vater, manchmal die Kinder, welches sie gerne hörten und richtete
+sich darnach. Heute sprach sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die
+Arbeit, du gönnst uns die Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu."
+
+Das Essen, das die große Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen,
+aber das Tischgespräch wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie
+kannten es schon, es war immer das gleiche beim Beginn des
+Wintersemesters.
+
+"Wir müssen jetzt ein Physikbuch haben."
+
+"Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf
+ich nimmer mitbringen."
+
+"Zum Nähtuch brauchen wir ein Stück feine neue Leinwand."
+
+"Bis Donnerstag müssen wir richtige Turnanzüge haben."
+
+"In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln."
+
+"Mein Reißzeug sei ganz ungenügend."
+
+So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war,
+umdrängten die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der
+kleine Volksschüler, hatte keine derartigen Wünsche, er nahm seine
+Ziehharmonika und verzog sich; Elschen folgte ihm hinunter auf den
+Balkenplatz, wo eine freundliche Herbstsonne die Kinder umfing, die
+sich noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen konnten.
+
+Herr Pfäffling suchte sich dem Drängen seiner Großen zu entziehen,
+indem er hinüberflüchtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und
+Stundenzimmer war. Dort wartete ein Stoß neuer Musikalien auf ihn, die
+er prüfen sollte. Aber es währte nicht lang, so folgten ihm seine drei
+Lateinschüler nach, und ein jeder brachte wiederholt sein Anliegen vor
+und suchte zu beweisen, daß es dringend sei. "Ich glaube es ja," sagte
+der Vater, "aber alles auf einmal können wir nicht anschaffen, ihr müßt
+eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher sollte denn so
+viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun wieder
+Stundenschüler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr
+Atlas, Reißzeug und die neuesten Ausgaben der Schulbücher bekommen,
+aber jetzt reicht es nur für das dringendste." Herr Pfäffling zog eine
+kleine Schublade seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war,
+"Schaut selbst herein und rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war
+nicht viel in der Schublade. Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und
+miteinander zu beraten, was das Unentbehrlichste sei. "Für Marianne muß
+auch noch etwas übrig bleiben," bemerkte der eine der Brüder, "bei ihr
+gibt es sonst gleich wieder Tränen. Leinwand zu einem Nähtuch wollen
+sie, ob das wohl recht viel kostet?"
+
+So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab
+und waren froh, daß das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte.
+Es blieb kein großer Rest mehr in der kleinen Schublade.
+
+Als kurze Zeit darauf die Lateinschüler und die Töchterschülerinnen
+sich wieder auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfäffling zu
+ihrem Mann in das Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen
+beisammen saßen.
+
+"Sieh nur, Cäcilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist
+höchste Zeit, daß wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue
+Schüler melden, die besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind
+jetzt so viele Musiklehrer hier; von der Musikschule allein könnten wir
+nicht leben."
+
+"Es werden gewiß welche kommen," sagte Frau Pfäffling, aber sehr
+zuversichtlich klang es nicht und eines wußte von dem andern, daß es
+sorgliche Gedanken im Herzen bewegte.
+
+In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der
+wohlbekannte Klang der Harmonika. Frau Pfäffling trat ans offene
+Fenster und sah die beiden kleinen Geschwister auf den Brettern
+sitzend. "Es ist doch schon 2 Uhr vorbei," sagte sie, "hat denn Frieder
+heute nachmittag keine Stunde?" und sie rief dieselbe Frage dem kleinen
+Schulbuben hinunter. Die Harmonika verstummte, die Kinder antworteten
+nicht, sie sahen sich nur bestürzt an und die Eile, mit der sie von den
+Brettern herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu,
+sagte genug.
+
+"Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfäffling,
+"daran ist wieder nur das verwünschte Harmonikaspielen schuld!" Als
+Frieder die Treppe heraufkam—ohne jegliche Rücksicht auf abgetretene
+Stufen—streckte der Vater ihm schon den Arm entgegen und nahm ihm die
+geliebte Harmonika aus der Hand mit den Worten: "Damit ist's aus und
+vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darüber vergißt!"
+
+Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle
+andern schon fort? Ist's schon arg spät?" fragte er, während er ins
+Zimmer lief, um seine Bücher zu holen. Elschen stand zitternd und
+strampelnd vor Aufregung dabei, während er seine Hefte zusammenpackte,
+rief immer verzweifelter: "Schnell, schnell, schnell!" und hielt ihm
+seine Mütze hin, bis er endlich ohne Gruß davoneilte. Auf halber Treppe
+blieb er aber noch einmal stehen und rief kläglich herauf: "Mutter, was
+soll ich denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur gleich: es tut mir leid,"
+rief sie ihm nach. So rannte er die Frühlingsstraße hinunter und rief
+in seiner Angst immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid." Die
+Vorübergehenden sahen ihm mitleidig lächelnd nach—es war leicht zu
+erraten, was dem kleinen Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb
+drei Uhr, als er um die Ecke der Frühlingsstraße bog.
+
+Herr Pfäffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in
+seinen Schrank schloß. "Redlich abgenützt ist sie," sagte er sich, "sie
+wird bald den Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in
+Versuchung führen. Es hat wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten
+zwei Jahren, an dem er sie nicht benützt hat. Er ist ein kleiner
+Künstler auf dem Instrument, aber er weiß es nicht und das ist gut und
+von den Geschwistern hört er auch keine Schmeicheleien, sie ärgern sich
+ja nur über den kleinen Virtuosen. Ich wollte, ich hätte auch nur
+_einen_ Schüler, der so begabt wäre wie Frieder! Aber daß er seine
+Schule über der Musik versäumt oder ganz vergißt wie heute, das ist
+doch ein starkes Stück am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und
+nun wurde die Harmonika eingeschlossen.
+
+War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als
+letzter heraus. Die Geschwister daheim hörten von der kleinen
+Schwester, was vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule
+ergangen sein mochte. Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern
+gesammelt, und die Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafür, daß es
+glimpflich abgehen würde. Aber Frieder hatte einen neuen Lehrer, den
+kannte man noch nicht und die neuen waren oft scharf. Als nun endlich
+der Jüngste heimkam und ins Zimmer trat, wo sie alle beisammen waren,
+sahen sie ihn begierig, zum Teil auch ein wenig spöttisch an. Aber das
+Spöttische verging ihnen bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er sah
+so kläglich verweint aus! Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen.
+Zuerst wollte Frieder nicht recht herausrücken mit der Sprache, denn
+der Vater war auch im Zimmer und das war in Erinnerung an sein
+zürnendes Gesicht und die weggenommene Harmonika nicht aufmunternd für
+Frieder. Aber Herr Pfäffling ging ans Fenster, trommelte einen Marsch
+auf den Scheiben und achtete offenbar nicht auf die Kinder. Da hatte
+Marie bald alles aus dem kleinen Bruder herausgefragt, denn sie hatte
+immer etwas Mütterliches gegen die Kleinen, auch der Mutter Stimme. So
+erzählte denn Frieder, daß der Lehrer ihm zuerst nur gewinkt hätte,
+sich auf seinen Platz zu setzen, aber nach der Schule hatte Frieder
+vorkommen müssen, ja und dann—dann stockte der Bericht. Aber die
+Geschwister kannten sich aus, sie nahmen seine Hände in Augenschein,
+die waren auf der Innenseite rot und dick. "Wieviel?" fragte Marie.
+"Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der große. "Es kommt darauf
+an, ob's gesalzene waren," und nun erzählte Wilhelm, der zweite: "Bei
+uns hat einer auch einmal die Schule vergessen, dann hat er zum Lehrer
+gesagt, er habe Nasenbluten bekommen und so ist er ohne alles
+durchgeschlupft, der war schlau!" Da hörte auf einmal das Trommeln an
+den Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um und sagte: "Der war
+ein Lügner und das ist der Frieder nicht. Geh her, du kleines Dummerle
+du, wenn dir der Lehrer selbst deinen Denkzettel gegeben hat, dann
+brauchst du von mir keinen, du bekommst deine Harmonika wieder, aber—"
+
+Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb,
+denn in diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfäffling und
+sagte eilfertig: "Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im
+Bügelzimmer das Klingeln gehört und ihr seid vornen und achtet nicht
+darauf!" Schuldbewußt liefen die der Türe am nächsten Stehenden hinaus
+und riefen bald darauf den Vater ab, in freudiger Erregung verkündend:
+"Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame mit einem Fräulein ist
+da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie nun
+fortgegangen wären!" sagte die Mutter vorwurfsvoll.
+
+"Manchmal ist's recht unbequem, daß Walburg taub ist," meinte Anne und
+Else fügte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmädchen, die hören ganz gut,
+die hören sogar das Klingeln, wenn wir so eine hätten!" "Seid ihr ganz
+zufrieden, daß wir unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfäffling,
+"wenn sie nicht bei uns bleiben wollte, könnten wir gar keine nehmen,
+sie tut's um den halben Lohn. Und _wieviel_ tut sie uns! Es ist
+traurig, zu denken: weil sie ein solches Gebrechen hat, muß sie sich
+mit halbem Lohn begnügen. Wenn ich könnte, würde ich ihr den doppelten
+geben." Unvermutet ging die Türe auf und die, von der man gesprochen
+hatte, trat ein. Unwillkürlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an
+als sonst, sie bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das große
+Brett voll geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Küche
+hereintrug. Walburg war eine ungewöhnlich große, kräftige Gestalt und
+ihr Gesicht hatte einen guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein
+paar Jahren war sie aus einem Dienst entlassen worden wegen ihrer
+zunehmenden Schwerhörigkeit, die nun fast Taubheit zu nennen war. Als
+niemand sie dingen wollte, war sie froh, bei kleinem Lohn in der
+Familie Pfäffling ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie nicht mehr das
+Reden der Menschen hörte, hatte sie selbst sich das Sprechen fast
+abgewöhnt. So tat sie stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand
+wußte viel von dem, was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem
+Gebrechen. Durch der Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen
+Pfäfflinge wach geworden und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu
+sein, griff Marie nach den Bestecken, um sie einzuräumen; die andern
+bekamen auch Lust zu helfen, und im Nu war das Brett leer und Walburg
+sehr erstaunt über die ungewohnte Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit
+ist auch ein Lohn," sagte Frau Pfäffling, "wenn ihr den alle sieben an
+Walburg bezahlt, dann—" "Dann wird sie kolossal reich," vollendete
+Karl.
+
+Unser Musiklehrer kam vergnügt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter
+Anfang des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als
+Schülerin angetragen. Zwei Stunden wöchentlich in unserem Haus. Das
+Fräulein mag etwa 17 Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als
+sei es noch ein dummes Gänschen, aber ein freundliches, es lacht immer,
+wenn nichts zu lachen ist, und kam in Verlegenheit, als die Frau Mama
+nach dem Preis fragte mit der Bemerkung, sie zahle immer voraus. Sie
+zog auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und zählte das Geld auf den
+Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die Dame, 'so
+bringt man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl sie
+sich, das Fräulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde
+sein. Da ist das Geld, wirst's nötig haben," schloß Herr Pfäffling
+seinen Bericht und reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder
+drückten sich an die Fenster, sahen hinunter und bewunderten die Dame,
+die mit ihrem seidenen Kleid durch die Frühlingsstraße rauschte,
+begleitet von der Tochter, die mehr noch ein Kind als ein Fräulein zu
+sein schien. "Hat je eines von euch schon diesen Namen gehört?" fragte
+Herr Pfäffling und hielt ihnen die Visitenkarte der Dame hin. Sie
+schüttelten alle verneinend, der Name war ganz schwierig
+herauszubuchstabieren, er lautete: _Frau Privatiere Vernagelding_.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+Herr Direktor?
+
+
+November! Du düsterer, nebeliger, naßkalter Monat, wer kann dich
+leiden? Ich glaube, unter allen zwölfen hast du die wenigsten Freunde.
+Du machst den Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden
+noch nicht. Aber zu etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmäßigen
+Arbeit.
+
+Was wurde allein in der Familie Pfäffling gearbeitet an dem großen
+Tisch unter der Hängelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier
+Brüdern schrieb der eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte
+französisch, der vierte deutsch. Der eine stierte in die Luft und
+suchte nach geistreichen Gedanken für den Aufsatz, der andere blätterte
+im Lexikon, der dritte murmelte Reihen von Zeitwörtern, der vierte
+kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde auch einmal
+geplaudert und gefragt, gestoßen und aufbegehrt, auch gehustet und
+gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter saß mit dem
+Flickkorb oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still
+beschäftigen sollte, was aber nicht immer gelang.
+
+Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, saßen selten dabei. Sie hatten
+ein Schlafzimmer für sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten
+sie ungestört ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn
+der Ofen, der darin stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern
+wußten sich zu helfen. Sie lernten am liebsten aus einem Buch, dabei
+rückten sie ihre Stühle dicht zusammen, wickelten einen großen alten
+Schal um sich und wärmten sich aneinander. Nur mit der Beleuchtung
+hatte es seine Schwierigkeit. Eine eigene Lampe wurde nicht gestattet,
+es wäre ihnen auch nicht in den Sinn gekommen, einen solchen Anspruch
+zu machen. Aber im Vorplatz auf dem Schränkchen stand eine Ganglampe.
+Sie mußte immer brennen wegen der Stundenschüler, die den langen Gang
+hinunter gehen mußten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfäffling seine
+Stunden gab. Hatte aber ein Schüler den Weg gefunden und hinter sich
+die Türe des Musikzimmers geschlossen, so konnten die Mädchen wohl auf
+eine Stunde die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im
+Vorplatz und manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es über den
+Gang ging und begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern
+kühl. Schlimmer war's, wenn sie etwa überhörten, daß die Musikstunde
+vorbei war und die Schüler im Finstern tappen mußten. Dann erschraken
+sie sehr, stürzten eilig hinaus, um zum Schluß noch zu leuchten,
+entschuldigten sich und waren froh, wenn der Vater es nicht bemerkt
+hatte.
+
+Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fräulein Vernagelding
+hatte Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hörten die Mädchen
+das Spiel. Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe.
+Aber die Stunde war noch nicht aus, sie lauschten und hörten den Vater
+noch sprechen: "das ist doch nicht e, wie heißt denn diese Note?"
+
+"Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen
+wieder an ihre Arbeit. Aber Herr Pfäffling sagte nur noch etwas rasch
+zu seiner Schülerin: "Ich glaube, es ist genug für heute, besinnen Sie
+sich daheim, wie diese Note heißt," und gleich darauf kam Fräulein
+Vernagelding heraus und stand in dem stockfinsteren Gang. Jede andere
+hätte ihren Rückweg im Dunkeln gesucht, aber das Fräulein gehörte nicht
+zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch einmal am Eckzimmer an
+und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr Pfäffling, mir
+graut so vor dem langen dunkeln Gang, würden Sie nicht Licht machen?"
+
+Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner ängstlichen
+Schülerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die
+Schwestern mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in
+Gegenwart von Fräulein Vernagelding gezankt, so daß dieser ganz das
+Lachen verging und sie so schnell wie möglich durch die Treppentüre
+verschwand. Das Arbeiten im eigenen Zimmer mußte also mit mancher
+Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch nicht davon lassen.
+
+So lernten denn die jungen Pfäfflinge an den langen Winterabenden, der
+eine mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker
+in der Schule, machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht
+eben schlechte Zeugnisse nach Hause.
+
+An einem solchen Novemberabend war es, daß Herr Pfäffling in das Zimmer
+trat und seiner Frau zurief: "Cäcilie, komme doch einen Augenblick zu
+mir herüber, aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Türe
+zugemacht, als er ihr leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie
+folgte ihm über den Gang, dieser war wieder stockfinster, aber sie
+beachteten es nicht. Im Musikzimmer, wo die Klavierlampe brannte, lag
+auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er ihn seiner Frau: "Lies,
+lies nur!" und als er sah, daß sie mit der fremden Handschrift für
+seine Ungeduld nicht schnell genug vorwärts kam, sprach er: "Die erste
+Seite ist nebensächlich, die Hauptsache ist eben: Kraußold aus Marstadt
+schreibt, es solle dort eine Musikschule gegründet werden, und er wolle
+mich, wenn ich Lust hätte, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust hätte,
+Cäcilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust hätte, in einer
+größeren aufblühenden Stadt eine Musikschule zu gründen, alles nach
+meinen Ideen einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor
+zu werden, anstatt mich mit Vernagelding und ähnlichen zu plagen;
+Cäcilie, hast du Lust, Frau Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit
+fröhlichem Lachen seine eigenen Worte: "Ob ich Lust hätte? Wie kann man
+nur so fragen!"
+
+Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee
+und besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet
+eröffnete. Und sprachen so lang, bis Elschen herübergesprungen kam und
+rief: "Walburg hat das Abendessen hereingebracht und nun werden die
+Kartoffeln kalt!"
+
+"Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfäffling neckend,
+folgte Mutter und Töchterchen und war den ganzen Abend voll
+Fröhlichkeit, ging singend oder pfeifend im Familienzimmer hin und her,
+und die glückliche Stimmung teilte sich allen mit, obwohl nach stiller
+Übereinkunft die Eltern zunächst vor den Kindern noch nichts von dem
+unsicheren Zukunftsplan erwähnten.
+
+Herr Kraußold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige
+Aufregung hervorgebracht hatte, war Herrn Pfäffling aus früheren Jahren
+gut bekannt, doch hatte er die Familie Pfäffling noch nie besucht. Bei
+diesem Anlaß nun kündigte er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit
+auf den nächsten Mittwoch an. Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen
+und mit dem fünf Uhr Zug wieder abreisen. Herr Pfäffling war in einiger
+Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein etwas verwöhnter Herr," sagte
+er zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht viel Sinn für Kinder
+hat, am wenigsten für sieben auf einmal. Sie sollten ganz in den
+Hintergrund treten."
+
+"Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stören die Kinder
+nicht," sagte Frau Pfäffling.
+
+"Aber zum Tee möchte ich ihn herüber ins Eßzimmer bringen. Die Kinder
+können ja irgendwo anders sein, dann richtest du für uns drei einen
+gemütlichen Teetisch."
+
+Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, daß sie an diesem
+Nachmittag möglichst unhörbar und unsichtbar sein sollten wegen des
+erwarteten Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der
+Vater zu den Kleinen: "Laßt euch nur nicht blicken, wer weiß, wie es
+euch sonst geht, wenn der Kinderfeind kommt!"
+
+Zunächst mußten alle zusammen helfen, die schönste Ordnung
+herzustellen, bis der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein käme.
+Das Wetter war leidlich, sie wollten sich unten im Hof aufhalten.
+
+Am Fenster stand immer einer der Brüder als Posten und als nun der
+Vater in der Frühlingsstraße in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn
+auftauchte, rannte die ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und
+verschwand hinter dem Haus. Dort war der Boden tief durchweicht und mit
+dem zäh an den Fußsohlen haftenden Lehm ließ sich nicht gut auf den
+Balken klettern. Elschen fiel gleich beim ersten Versuch herunter und
+weinte kläglich, denn sie sah übel aus. Die Schwestern bemühten sich,
+mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu säubern. Da tat sich ein
+Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder, ihr macht
+das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur
+herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber
+hinauf!"
+
+"Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen kläglich.
+
+"O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch
+ein Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Füße
+gut ab."
+
+Die Mädchen ließen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wußte nicht
+recht, ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den
+Brüdern um, die waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch
+lieber mit hinein zu der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die
+Schwestern weg und bis er ihnen nach ins Haus ging, hatten sie eben die
+Türe hinter sich geschlossen. Anklingeln wollte er nicht extra für
+seine kleine Person. So hielt er sich wieder an seine treueste
+Freundin, die Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den Thron, hoch oben
+auf den Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choräle eingeübt, die
+wollte er auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er sich
+nun und hatte kein Verlangen mehr nach den Brüdern, obwohl er sie von
+seinem hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem
+Zaun, der den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz
+trennte. Im Oktober waren neue Rekruten eingerückt, die nun täglich
+ihre Turnübungen ganz nahe dem Zaune machten. Unter diesen Soldaten war
+ein guter Bekannter, ein früherer Lehrling des Schreiners Hartwig, der
+zugleich ein Verwandter der Hausfrau war und bei ihr gewohnt hatte.
+Diesen nun in Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und Exerzieren
+zuzuschauen, war von großem Interesse. Er kam auch manchmal an den Zaun
+und plauderte freundschaftlich mit Karl.
+
+Aufmerksam sahen die jungen Pfäfflinge nach dem Turnplatz hinüber.
+Unter den Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung über
+ein gespanntes Seil üben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt
+dazu anstellten. Der eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder
+einen Anlauf, um über die Schnur zu kommen und wenn es ihm fünfmal
+mißlungen war, so kam er doch das sechste mal darüber und der Schweiß
+redlicher Anstrengung stand ihm auf der Stirne. Die beiden anderen
+Ungeschickten machten gleichgültige, störrische Gesichter und träge
+Bewegungen. Als die Abteilung zur Kaserne zurück kommandiert wurde,
+mußten sie nachexerzieren. Das war nun kein schöner Anblick. Dazu fing
+es an zu regnen, große wässerige Schneeflocken mischten sich darunter,
+und die kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespräch über
+die unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen.
+Sie wollten all diese Übungen schon vorher machen, gleich morgen sollte
+da, zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an
+Frieder vorbei; der hatte auch bemerkt, daß Schnee und Regen herunter
+fielen und kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die
+Brüder über ihn. Er würde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter.
+Welche Schande, wenn ein Pfäffling so schlecht auf dem Turnplatz
+bestünde. Es durfte nicht sein, daß er immer nur Harmonika spielte, sie
+wollten ihn auch springen lehren, er mußte mittun, gleich morgen. Er
+sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig bedenklich und mit Recht:
+drei eifrige Unteroffiziere gegen _einen_ ungeschickten Rekruten!
+
+Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben
+die Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Mädchen,
+die noch bei der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, daß
+sie erkundigen sollten, wie es oben stünde. Marie wagte sich hinauf,
+erschien bald wieder an der Treppe und winkte den anderen, leise
+nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den Geschwistern, sie stellte
+sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser vor.
+
+"Er ist im Wohnzimmer," flüsterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer,
+da hört man uns nicht."
+
+Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das
+Eckzimmer. Dort fühlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was
+sie gerne gehabt hätten, von Büchern und Heften oder Spielen hier
+nichts zu haben. So standen sie alle sieben herum, warteten und fingen
+an, in dem kühlen Zimmer zu frieren, denn sie waren naß und
+durchkältet. "Wir wollen miteinander ringen, daß es uns warm wird,"
+schlug Wilhelm vor und Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich
+nehme es mit der ganzen Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen
+meine rechte Hand, du Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt
+die Stühle aus dem Weg." Sie taten es und dann machten sie es den
+großen Geschwistern nach. Das gab ein Gelächter und Gekreisch und aber
+auch einen großen Plumps, weil Otto und Wilhelm zu Boden fielen.
+
+In diesem Augenblick ging die Türe auf; Herr Pfäffling hatte ahnungslos
+seinen Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie
+miteinander ins Musikzimmer. Nein, auch für einen Kinderfreund wäre
+dieser Knäuel sich balgender Knaben und ringender Mädchen kein schöner
+Anblick gewesen, und nun erst für den Kinder_feind_!
+
+Er prallte ordentlich zurück. Elschen schrie beim Anblick des
+gefürchteten Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen
+Ausgang die Flucht, alle Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Türe
+besann sich Karl, kehrte zurück, grüßte und sagte: "Entschuldige,
+Vater, wir wollten drüben nicht stören, deshalb sind wir alle hier
+gewesen," dann stellte er rasch die Stühle an ihren Platz und rettete
+dadurch noch einigermaßen die Ehre der Pfäfflinge, die sich wohl noch
+nie so ungünstig präsentiert hatten, wie eben diesem Fremden gegenüber.
+
+Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfäffling zur
+Bahn geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem großen Tisch im
+Wohnzimmer und saßen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben,
+doch war ihnen allen bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen
+habe und was er sagen würde bei seiner Rückkehr von der Bahn; die
+Mutter war ja nicht dabei gewesen, sie konnte es nicht wissen.
+
+Nun kam der Vater heim. Eine merkwürdige Stille herrschte im Zimmer,
+als er über die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und
+betrachtete das friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie
+nun wie Musterkinder ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige
+Lämmlein, nicht wieder zu erkennen die wilde Horde von drüben!" Bei
+diesem Scherzenden Ton wurde ihnen allen leicht ums Herz, sie lachten,
+sprangen dem Vater entgegen und Elschen fragte: "Ist der Herr weit
+weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schön da, wo er hin gehört?"
+
+"Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er käme
+oder wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfäffling hinzu, indem er
+sich an seine Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Mühe mehr,
+unser Hauswesen in stiller Vornehmheit zu zeigen und in künstliches
+Licht zu stellen, denn so ein künstliches Licht verlöscht doch
+plötzlich und dann ist die Dunkelheit um so größer."
+
+Ein paar Stunden später, als Elschen längst schlief, die Schwestern
+Gute Nacht gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im
+sogenannten Bubenzimmer ihre Betten aufsuchten, saß Karl noch allein
+mit den Eltern am Tisch. Seit seinem fünfzehnten Geburtstag hatte er
+dies Vorrecht. Es wurde allmählich still im Haus. Auch Walburg hatte
+Gute Nacht gewünscht; manchmal lag kein anderes Wort zwischen ihrem
+"Guten Morgen" und "Gute Nacht".
+
+Die drei, die nun noch am Tische saßen, waren ganz schweigsam und
+bewegten doch ungefähr denselben Gedanken.
+
+Herr Pfäffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, daß ich mit
+meiner Frau von Marstadt reden könnte. Die Kinder sollen ja noch nichts
+davon wissen. Er zog seine Taschenuhr—es war noch nicht spät. Dann ging
+er auf und ab, sah wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser.
+
+Frau Pfäffling dachte: Meinem Mann ist es lästig, daß wir nicht allein
+sind, aber er möchte Karl doch nicht so früh zu Bett schicken. Nein,
+diese Unruhe! Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut
+und nicht ahnt, daß er stört.
+
+Darin täuschte sich aber Frau Pfäffling, denn Karl dachte: Der Vater
+schweigt und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Türe hinausginge, würden
+sie reden, über Herrn Kraußold aus Marstadt, denn mit diesem hat es
+eine besondere Bewandtnis. Nun zieht der Vater zum drittenmal in fünf
+Minuten seine Uhr. Er möchte mich fort haben und doch nicht
+fortschicken. Und die Mutter auch. Da ist's wohl angezeigt, daß ich
+freiwillig gehe. Er klappte das Buch zu, stand auf und sagte: "Gute
+Nacht, Vater, gute Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen."
+
+"Gute Nacht, Karl."
+
+Sie waren überrascht, daß er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte
+Herr Pfäffling. "Oder hat er gemerkt, daß er uns stört," meinte die
+Mutter. "Woran sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und
+er hat gelesen."
+
+"Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfäffling
+lächelnd.
+
+"Das muß ich noch erfahren," sagte Herr Pfäffling lebhaft und rief
+seinen Jungen noch einmal zurück: "Sage offen, warum du so bald zu Bett
+gehst?" Einen Augenblick zögerte Karl, dann erwiderte er schelmisch:
+"Weil du dreimal auf deine Uhr gesehen hast, Vater."
+
+"Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, daß
+du Takt hast—übrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier
+bleiben, dann wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir
+besprechen." "Das meine ich auch," sagte Frau Pfäffling, "er wird nun
+bald sechzehn Jahre. Komm, Großer, setze dich noch einmal zu uns."
+
+Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fühlte er sich wie ein
+Freund zu Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde
+erfuhr er, was seine Eltern gegenwärtig freudig bewegte.
+
+Als er sich aber eine Stunde später leise neben seine Brüder zu Bette
+legte, da besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen
+könnte, das Vertrauen der Eltern zu täuschen, und er fühlte, daß keine
+Lockung noch Drohung stark genug wäre, ihm das anvertraute Geheimnis zu
+entreißen.
+
+In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach
+Marstadt, um sich dort den Herren vorzustellen, die über die Ernennung
+des Direktors für die neu zu gründende Musikschule zu entscheiden
+hatten. Es kam noch ein anderer, jüngerer Mann aus Marstadt für die
+Stelle in Betracht, und nun mußte sich's zeigen, ob Herr Pfäffling
+wirklich, wie sein Freund Kraußold meinte, die besseren Aussichten
+habe. Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr Pfäffling
+immer kleinmütiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling, wählen,
+statt dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er
+sich seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine
+seitherigen Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen würden!
+
+In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein
+Freund Kraußold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so
+wuchs seine Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus _einem_
+Munde lautete das Urteil über seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu
+jung zum Direktor" Und einmal, als er in Begleitung seines Freundes
+über die Straße ging, sah er selbst den Jüngling, der sein Mitbewerber
+war, und von da an war er beruhigt; das war noch kein Mann für solch
+eine Stelle, der sollte nur noch zehn Jahre warten!
+
+In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten.
+Am Bahnhof von Marstadt bot ein Mädchen Blumen an. In seiner
+hoffnungsfreudigen Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz
+unerhörten Luxus: Er kaufte eine Rose. Sein Freund Kraußold sah ihn
+groß an: "Zu was brauchst _du_ so etwas?"
+
+"Für die zukünftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfäffling fröhlich,
+und als sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst
+hinzu: "Weißt du, sie hat es schon manchmal recht schwer gehabt in
+unseren knappen Verhältnissen."
+
+Sie verabschiedeten sich und Kraußold versprach, am nächsten Donnerstag
+gleich nach Schluß der Sitzung ihm den Entscheid über die Besetzung der
+Stelle zu telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfäffling seiner
+Frau die Rose reichte, wußte sie alles, auch ohne Worte: seine
+glückselige siegesgewisse Stimmung, seine Freude, daß er auch ihr ein
+schöneres Los bieten konnte, das alles erkannte sie an der unerhört
+verschwenderischen Gabe einer Rose im November!
+
+Die Sache blieb nicht länger Geheimnis. Herr Pfäffling besprach sie mit
+seinem Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt über die
+geplante Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch
+die Kinder hörten nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg
+wurde es ins Ohr gerufen.
+
+Je näher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den
+Entscheid. Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraußold ein, der keinen
+Zweifel mehr darüber ließ, daß Pfäffling einstimmig gewählt würde.
+
+Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als
+Herr Pfäffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu
+Tisch wie gewöhnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer
+aufmachen dürfte, wenn der Telegraphenbote klingeln würde. Die Mutter
+hatte das aufmerksame Ohr einer Hausfrau, sie legte den Löffel aus der
+Hand und sagte: "Er kommt." Einen Augenblick später klingelte es, und
+von den dreien, die hinaus gerannt waren, brachte Wilhelm das Telegramm
+dem Vater, der rasch den Umschlag zerriß. Es war ein langes, ein
+bedenklich langes Telegramm. Es besagte, daß noch in der letzten Stunde
+der Beschluß, im nächsten Jahre schon eine Musikschule zu gründen,
+umgestoßen worden sei und man eines günstigen Bauplatzes wegen noch ein
+paar Jahre warten wolle!
+
+Herrn Pfäffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Füßen
+weggezogen hätte, als er las, daß die ganze Musikschule, die er
+dirigieren wollte, wie ein Luftschloß zusammenbrach.
+
+O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestürzt sahen die Eltern aus,
+wie starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den
+Mädchen die Tränen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von
+einem zum andern, weil sie gar nichts von dem allen verstand!
+
+Frieder, der neben der Mutter saß, wandte sich halblaut an sie: "Es
+wäre viel freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon
+vorher ausgemacht hätten, und das mit dem Vater erst nachher."
+
+"O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, daß alle
+erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug wären wie du, aber die
+sind so—ich will gar nicht sagen wie, das _kann_ man überhaupt gar
+nicht sagen, dafür gibt es keinen Ausdruck!"
+
+Frau Pfäffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre
+wollen sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann wäre es
+ja nicht so sehr ferne gerückt!"
+
+"Es können auch fünf daraus werden und zehn," entgegnete Herr
+Pfäffling, "inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins
+richtige Alter und ich komme darüber hinaus. Nein, nein, da ist nichts
+mehr zu hoffen, Direktor bin ich _gewesen_."
+
+Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und man hörte ihn über den
+Gang in das Musikzimmer gehen. Die Kinder aßen, was auf ihren Tellern
+fast erkaltet war. "Ich wollte, Herr Kraußold wäre gar nie in unser
+Haus gekommen!" sagte Anne. Da stimmten alle ein und der ganze Zorn
+entlud sich über ihn, bis die Mutter wehrte: "Herr Kraußold hat es nur
+gut gemeint. Ihr Kinder habt überdies allen Grund, froh zu sein, daß
+wir hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut wie hier außen in
+der Frühlingsstraße. Für euch wäre es kein Gewinn gewesen."
+
+"Aber für den Vater und für dich," sagte Karl, und er dachte an den
+schönen Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht
+anvertraut hatten. "Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich
+kommen darüber weg. In der ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen,
+aber dann stemmt man sich gegen das Ungemach und sagt sich: dies gehört
+auch zu den Dingen, die uns zum besten dienen müssen, wie alles, was
+Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muß ich's anpacken, damit
+es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken.
+
+"Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann
+deckt den Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinübergehen. Nehmt
+auch die Rose mit hinaus, die Blätter fallen ab."
+
+Im Eckzimmer wanderte Herr Pfäffling auf und ab und wartete auf seine
+Frau, denn er wußte ganz gewiß, daß sie zu ihm kommen würde. Sie hatten
+schon manches Schwere miteinander getragen, und nun mußte auch diese
+Enttäuschung gemeinsam durchgekämpft werden.
+
+Als Frau Pfäffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand
+und reichte es ihr mit schmerzlichem Lächeln: "Da sieh, gestern abend
+war ich so zuversichtlich, da habe ich für dich ein kleines Lied
+komponiert, das wollte ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die
+Kinder hätten im Chor den Schlußreim mitsingen dürfen, auf den jeder
+Vers ausgeht:
+
+"'Drum rufen wir mit frohem Sinn:
+Es lebe die Direktorin!'
+
+
+"Nun muß es heißen:
+
+"'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn
+Du wirst niemals Direktorin.'"
+
+
+"Nein, nein," wehrte Frau Pfäffling, "du mußt es anders umändern, es
+muß ausgedrückt sein, daß wir trotz allem einen frohen Sinn behalten."
+
+"Für den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er
+trübselig, "ich brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer
+machen."
+
+Sie sprachen noch lange von der großen Enttäuschung, und dann kamen sie
+auf den beginnenden Winter zu sprechen, für den noch nicht so viel
+Stunden angesagt waren als nötig erschien, um gut durchzukommen. So
+erschien ihnen die Zukunft grau wie der heutige Novemberhimmel.
+
+Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Türe
+eine Kinderstimme: "Dürfen wir herein?"
+
+"Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter
+der Türe erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit
+strahlendem Ausdruck, dann Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen,
+Kaffee- und Milchkanne und stellten das alles vorsichtig auf den Tisch.
+Die zwei Großen sahen zaghaft aus, wußten nicht recht, wie die
+Überraschung wohl aufgenommen würde. "Was fällt euch denn ein, Kinder?"
+fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die
+Tränen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil
+ihr fast nichts gegessen habt!" und Anne flüsterte der Mutter zu: "Von
+unserem Geld, du darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus
+und hörten eben unter der Türe, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann
+kann ich freilich nicht zanken," so war also die Überraschung gut
+aufgenommen worden.
+
+Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfäffling,
+die er sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich
+vor, sich gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er
+war sich keiner festtäglichen Stimmung bewußt! Aber man mußte es doch
+schon den Kindern zuliebe tun, sicher würde Marie, das Hausmütterchen,
+gleich nachher visitieren, ob auch die Kannen geleert seien. Diesem
+festtäglichen Kaffee gegenüber wich die graue Novemberstimmung
+unwillkürlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser Musiklehrer zu
+seiner Frau: "Man müßte eben den Schlußreim so verändern:
+
+"'Direktor her, Direktor hin,
+Wir haben dennoch frohen Sinn.'"
+
+
+Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es.
+Frau Pfäffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fräulein
+Vernagelding sein?"
+
+"Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglückselige Stunde,
+die hatte ich total vergessen, muß die auch gerade heute sein! Wenn ich
+die jetzt vertrage, Cäcilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst
+nicht, wie unmusikalisch das Fräulein ist!" Frau Pfäffling hatte das
+Kaffeegeschirr rasch auf das Brett gestellt und war längst damit
+verschwunden, bis Fräulein Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter
+und Spiegel Toilette gemacht und ihre niedlichen Löckchen
+zurechtgesteckt hatte. Herr Pfäffling nahm sich gewaltig zusammen, als
+diese unbegabteste aller Schülerinnen sich neben ihn ans Klavier setzte
+und mit holdem Lächeln sagte: "Heute dürfen Sie es nicht so streng mit
+mir nehmen, Herr Pfäffling, ich konnte nicht so viel üben, denken Sie,
+ich war gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in
+Rosa."
+
+"Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfäffling und trippelte bereits
+etwas nervös mit seinem rechten Fuß. "Aber jetzt wollen wir gar nicht
+mehr an den Ball denken, sondern bloß an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht
+immer wieder f nehmen statt fis, das lautet greulich für mich. Schon
+wieder f! Wieder f! Aber Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an
+den gestrigen Ball!" "Nein, Herr Pfäffling," entgegnete sie und sah ihn
+strahlend an, "ich denke ja an den morgigen Ball, was sagen Sie dazu,
+daß ich morgen schon wieder tanze! Diesmal in Meergrün. Ist das nicht
+süß?" Herr Pfäffling sprang vom Stuhl auf. "Süß, ja süß!" wiederholte
+er, "aber zwischen zwei Bällen Sie mit der G-dur Tonleiter zu plagen,
+das wäre grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie lieber heim
+für heute."
+
+"Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schülerin
+empfahl sich mit dankbarem Lächeln und Knix.
+
+Als Frau Pfäffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, daß
+Fräulein Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal
+entschieden mehr Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht.
+
+Herr Pfäffling erzählte, daß ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube
+aber nicht, daß es das Fräulein übelgenommen habe.
+
+"Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekränkt sein,"
+sagte Frau Pfäffling besorgt.
+
+Unnötige Sorge! Als das tanzlustige Fräulein daheim von der abgekürzten
+Stunde berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller
+Herr. Er gönnt doch auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnügen. Wir
+müssen ihm gelegentlich ein Präsent machen, Agathe."
+
+
+
+
+3. Kapitel
+Der Leonidenschwarm.
+
+
+Samstag nachmittag war's und eifrige Tätigkeit in Haus und Hof. Frau
+Pfäffling und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die
+Hilfe von Marie und Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob
+sie gerne das Geschirr in der Küche abtrockneten und mit Vorliebe den
+Staub wischten, ob sie mit Lust die Leuchter putzten und mit Freuden
+die Lampen, das wußte niemand, aber das wußten alle, daß diese Arbeiten
+geschehen mußten und Walburg nicht mit allem allein fertig werden
+konnte.
+
+Die Brüder hatten auch für etwas einzustehen im Haus: Sie mußten
+sorgen, daß in der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorrätig war.
+Das hatten sie aber heute schon besorgt und nun waren sie in fröhlicher
+Tätigkeit auf dem Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als
+Soldat diente und durch den Zaun die Freundschaft mit den jungen
+Pfäfflings pflegte, hatte gesehen, wie sie sich mühsam ein Sprungseil
+zu spannen versuchten und nicht zurecht damit kamen. Darauf hatte er
+ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe, und nun war er
+herübergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders vonstatten.
+Zwei Pfähle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in
+verschiedener Höhe spannen ließ, ganz wie drüben auf dem
+Militärturnplatz, nur daß auf kleinere Turner gerechnet werden mußte.
+Frieder wurde herbeigeholt. Er war für einen Achtjährigen noch ein
+kleiner Kerl und nicht so gewandt wie seine leichtfüßigen Brüder. Es
+zeigte sich, daß man das Seil noch viel näher am Boden spannen mußte,
+und als er seine ersten Sprungversuche machte und fest auf das Seil,
+anstatt darüber sprang, lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen
+früheren Kinderjahren, das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht
+übel, um so weniger als Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika
+genommen und umsonst probiert hatte, etwas Wohlklingendes
+herauszulocken, bewundernd sagte: "Wie der Kleine nur so umgehen kann
+mit dem großen Instrument, gestern haben ihm viele Soldaten zugehört,
+da hat's geklungen wie das Lied: 'Wachet auf, ruft uns die Stimme'."
+"Ja, das war's," sagte Frieder, "das lernen wir jetzt in der Schule."
+
+"Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?"
+
+"Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder
+ganz erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da
+wirst du sehen, wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine
+Mitschüler." Frieder machte große Augen. Daheim war eigentlich immer
+nur eine Stimme des Ärgers über sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er
+sollte seine Harmonika absichtlich dahin mitnehmen, wo recht viele sie
+hören würden? Zweifelnd sah er auf seine alte, treue Begleiterin.
+Bisher hatten sie sich immer möglichst miteinander entfernt von allen
+Menschen, und nun sollten sie sich vordrängen? Ihm kam es unbescheiden
+vor, aber doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon, während
+seine Brüder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzählte gern
+von seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute
+hatte er Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte
+er, "vor dem Kasernentor. Da bläst einem der Wind eisig um die Ohren
+und die Füße werden steif, wenn man nicht immerzu hin und her läuft.
+Man hört auch gern seinen eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man
+meint, man sei ganz allein auf der Welt. Es war so eine finstere Nacht,
+kein Mondschein am Himmel und im Westen eine schwarze Wand, nur im
+Osten war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor mir war der weite,
+leere Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze Kasernenmauer, ganz
+unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich der Wind
+gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so hinausschaue,
+wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in großem Bogen
+über den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer
+und zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn
+mir zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet wäre, denn,
+dachte ich, es sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz
+feierlich zumute. Ich nahm mir aber vor: den Kameraden erzählst du das
+nicht, sie meinen sonst, du flunkerst. Aber da kam morgens eine
+Abteilung von einer nächtlichen Felddienstübung heim und die hatten es
+auch beobachtet und fingen gleich davon an zu erzählen. Ihnen hat ihr
+Hauptmann erklärt, daß alle Jahre in den Nächten um den 12. bis 15.
+November herum so ein Sternschnuppenschwarm sei, der heiße der
+Leonidenschwarm. In manchen Jahren sei er besonders reich und so in
+diesem. Aber erst nach Mitternacht und man sehe es nur selten so schön
+wie in der vergangenen Nacht, weil die Novembernächte meistens trüb
+seien. Wenn's heute nacht hell wäre, ich wollte gleich wieder auf die
+Wache ziehen um den Preis."
+
+Karl, der große, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle
+mit _einem_ Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mußten sie
+sehen! Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und
+von dem Balken aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die
+Erlaubnis der Eltern zu bekommen war. Oder konnte man's ungefragt
+unternehmen? Es war ja nichts Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die
+Schwestern kamen dazu und wurden eingeweiht in den Plan. Da entschied
+Marie, das praktische Hausmütterchen: "Ohne Erlaubnis geht das nicht,
+weil es nicht ohne Hausschlüssel geht, die Haustüre wird nachts
+geschlossen." Also mußte man bittend an die Eltern kommen. Der Vater
+wollte nicht gern der Jugend den Hausschlüssel anvertrauen und die
+Mutter meinte, so vom Bett in die Novembernacht hinaus würden sie sich
+erkälten. Und alle beide fürchteten sie, die Hausleute möchten bei
+Nacht gestört werden. Dagegen sagte der Vater, seine Buben dürften
+nicht so zimperlich sein, daß sie nicht eine Stunde draußen in der
+Winternacht aushalten könnten, und die Mutter erzählte, daß sie schon
+von ihrer Jugend an den Wunsch gehabt hätte, so einen
+Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brüder versicherten, daß sie
+lautlos die Treppe hinunterschleichen würden. Da machte die kleine
+Else, die gespannt zugehört hatte, ob die Brüder mit ihrer Bitte wohl
+durchdringen würden, den Schluß, indem sie erklärte: "Also dann dürft
+ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber doch war es nur
+so eine halbe Erlaubnis, und die Brüder hielten es für klug, nimmer auf
+das Gespräch zurückzukommen. Überdies fing es am Abend an zu regnen, ja
+es regnete auch noch den ganzen Sonntag und niemand dachte mehr an die
+Sternschnuppen. Als aber am Sonntag abend Karl zu Bett ging, bemerkte
+er, daß am Himmel ein paar Sterne sichtbar waren. Wenn es nun doch
+möglich würde? Er richtete seine Weckuhr auf 1 Uhr und konnte vor
+Erwartung kaum einschlafen. Während nun Stille im ganzen Haus wurde und
+die Nacht weiter vorrückte, lösten und verteilten sich am Himmel immer
+mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern leuchtete hervor
+und als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster huschte um zu
+sehen, ob etwas zu hoffen wäre, strahlte ihm der klarste Himmel
+entgegen, ja, er meinte sogar ein kurzes Leuchten wie von einer
+fliegenden Kugel gesehen zu haben.
+
+Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei
+das ganze Haus aufzumuntern. Zum Glück lag das Bubenzimmer nicht neben
+dem Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brüder hatten nicht
+einmal mehr Lust zu dem nächtlichen Unternehmen, aber die stellte sich
+wieder ein, sobald sie ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei
+in aller Stille. Nebenan schliefen die Schwestern. Plötzlich ging die
+Türe leise auf, ein Arm streckte sich herein und ein geheimnisvolles:
+"Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!" wurde geflüstert; das große
+warme Tuch flog herein, die Türe ging leise wieder zu. Mit klopfendem
+Herzen nahm Karl den Hausschlüssel vom Nagel, in Strümpfen, die Stiefel
+in der Hand, schlichen sie alle Drei über den Gang, und die Treppe
+hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mußten doch die
+Stiefel angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches
+Geräusch, nicht ohne Geflüster. Auch der Schlüssel bewegte sich nicht
+ohne metallenen Klang im Schloß und die Türe nicht ohne Knarren in den
+Angeln. Hingegen ging sich's lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem
+Balken, und als die Drei erst hinter den Brettern, nahe dem
+Kasernenzaun waren, schien ihnen das Unternehmen gelungen.
+
+Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas
+gehört. Sie wußte zunächst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber
+sie hatte das Gefühl: Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte
+sich im Bett auf, horchte, vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten
+Ton der sich schließenden Haustüre und dann ein Flüstern außerhalb
+derselben. "Es ist jemand hinausgegangen," sagte sie sich, "wer hat
+nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es war ihr
+unerklärlich. "Es ist ungehörig," sagte sie sich, "wer solch nächtliche
+Spaziergänge macht, der soll nur draußen bleiben," und rasch
+entschlossen ging sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustüre
+vor. Dann legte sie sich beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus
+herein, ohne anzuklingeln; auf diese Weise wollte sie schon
+herausbringen, wer hinausgeschlüpft war. War es jemand mit gutem
+Gewissen, der mochte klingeln.
+
+Auf Frieders hohem Brettersitz saßen die drei Brüder in der Stille der
+Nacht und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In
+wunderbarer Klarheit wölbte er sich über ihnen. Das war ein Schimmern
+und Leuchten aus unendlichen Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so
+schön gesehen. "Wenn auch weiter gar nichts zu sehen wäre," sagte Karl,
+"so würde mich's doch nicht reuen, daß ich aufgestanden bin." "Mich
+reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar nicht glaube, daß
+einer von den Sternen auf einmal anfängt zu fliegen. Die stehen da
+droben alle so fest!"
+
+"Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten.
+Ein heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen
+dahin und war dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die
+riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine
+Strecke gewesen sein, größer als das ganze Deutsche Reich. Staunend
+sahen die Kinder hinauf: da—schon wieder eine Sternschnuppe, größer als
+die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder
+eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in
+gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit
+vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die
+Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich
+sichtbar, es war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich
+aber von Westen herauf immer größere Wolkenmassen und fingen an, die
+Sterne zu verdunkeln. Endlich kam das Gewölk bis an die Himmelsgegend,
+von der die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den
+staunenden Blicken nicht länger das schöne Schauspiel vergönnt sein
+sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze Herrlichkeit.
+
+Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken würden
+sich wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein
+einzelner Stern. "Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto,
+"nur die Wolken sind davor." Nun wurde es vollständig Nacht, und die
+Brüder empfanden auf einmal, daß es kalt war und sie selbst müd und
+schläfrig. Jetzt ins warme Bett zu schlüpfen, mußte köstlich sein! Also
+kletterten sie herunter und gingen in der Stockfinsternis dem Haus zu.
+
+"Hast du doch den Schlüssel, Karl?" "Jawohl, da ist er."
+
+"Das wäre kein Spaß, wenn du den verloren hättest und wir müßten da
+draußen bleiben in der Kälte!"
+
+Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an
+die Türe. Karl schloß auf und klinkte an der Schnalle, aber die von
+innen verriegelte Türe ging nicht auf. "Was ist denn das?" flüsterte
+Karl, drehte den Schlüssel noch einmal im Schloß auf und zu und klinkte
+und drückte gegen die Türe, aber die gab nicht nach.
+
+"Laß doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch
+herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr.
+
+"Laßt doch, ihr verdreht das Schloß noch," sagte Karl, "ihr seht doch,
+es geht nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloß ist doch in
+Ordnung, was hält die Türe zu?"
+
+In leisem Flüsterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand
+hat etwas vor die Türe gestellt, damit wir nicht hereinkönnen." "Oder
+den Riegel vorgeschoben."
+
+"Ja, ja, den Riegel. Natürlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat
+das getan? Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen:
+"Vielleicht der Vater, weil wir nichts gesagt haben!"
+
+"Aber er hat es doch erlaubt!"
+
+"Ich weiß nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?"
+
+"Wir hätten vielleicht um den Hausschlüssel bitten sollen."
+
+"So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehört, hat gemerkt, daß wir
+ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muß ja so sein,
+wer hätte es sonst tun sollen?"
+
+Nach einigem Nachdenken über diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln
+dürfen wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in
+den warmen Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon
+schlafen."
+
+So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Sünder ums Haus herum und
+suchten sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so
+stockfinster gewesen wäre und die Bretter so naß und so hart und so
+unbequem und wenn es nur vor allem nicht so bitter kalt gewesen wäre!
+Karl blieb nur einen Augenblick liegen, dann sprang er auf: "Der Schal
+reicht doch nicht für drei, ihr könnt ihn haben und ich laufe lieber
+hin und her, wie wenn ich Wache hätte. Wer weiß, in drei Jahren muß
+ich's ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brüder in das Tuch, wanderte
+stramm hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das Soldatenleben.
+Aber nach einer kleinen Weile hörte er einen seltsamen Ton. Was war
+denn das? Er kam näher zu den Brüdern her—wahrhaftig, Otto schluchzte
+und weinte ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun
+aufgewacht und klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich
+wieder aus seiner unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da
+fühlte sich Karl als Ältester verantwortlich: "Die müssen ins Bett,"
+sagte er sich, "sonst werden sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir
+nicht die Marianne wach rufen können, damit sie uns ausriegelt." Da
+waren die Verschlafenen gleich wieder munter. Sie gingen nach der Seite
+des Hauses, wo das Schlafzimmer der Mädchen lag, und nun galt es so
+laut zu rufen, daß diese aufwachten, und zugleich so leise, daß
+Hartwigs, die unter ihnen schliefen, nichts hörten. "Marianne,
+Marianne," klang es zuerst leise und allmählich lauter. Es ging aber
+umgekehrt, als es hätte gehen sollen, die Schwestern hörten nichts und
+die Hausleute wachten auf.
+
+Die Hausfrau lächelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun
+möchte man wieder herein." Sie erzählte ihrem Mann von der verriegelten
+Türe. Er machte das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brüder
+erschraken, als sie des Hausherrn Stimme hörten. Keiner rührte sich,
+keiner antwortete. Der Hausherr starrte in die Dunkelheit hinaus,
+lauschte—sah nichts, hörte nichts und schloß das Fenster. Eine gute
+Weile blieben unsere drei Ausgestoßenen wie angewurzelt stehen. "Wir
+wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und sie
+tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in
+der Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es
+unbegreiflich, daß die Schwestern so fest schliefen.
+
+"Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfäffling erkannt," sagte
+die Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern
+draußen sein in der kalten Nacht? Laß mich mal rufen, mich kennen sie
+besser!" und leise öffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid
+Ihr es, Kinder?" Auf diesen Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen
+sie dreistimmig, näherten sich dem Fenster und sagten: "Wir wollten nur
+Marianne rufen, damit sie uns hereinläßt." Die Hausfrau erschrak. So
+hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Bösen hatte sie gedacht,
+denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln würden, aber nicht
+an die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten.
+
+"Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur
+hinaus?"
+
+"Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie
+vorwurfsvoll und schloß das Fenster.
+
+"Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr,
+"was ist denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da
+schwärmen die Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen
+Morgen?"
+
+Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu
+seiner Frau, "ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was nötig ist.
+Wenn man nicht mehr seine Nachtruhe hat, nicht weiß, ob das Haus nachts
+geschlossen bleibt, dann hört ja alles auf. Für solche Mietsleute
+bedanke ich mich!"
+
+Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob
+den Riegel der Haustüre zurück. Die drei frierenden, übernächtigen
+Kameraden sahen nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig maß sie mit
+so verächtlichem Blick, daß ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung
+entfiel, sie standen vor ihm wie das böse Gewissen. Er schob sie von
+der Türe weg und den Riegel mit Gewalt wieder vor und dann sprach er
+ruhig und deutlich den _einen_ Satz: "Sagt eurem Vater, auf ersten
+Januar sei ihm die Wohnung gekündigt."
+
+Ach, auf den nassen, harten Brettern draußen in der Winterkälte war es
+den drei Brüdern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen
+Betten, in die sie ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der
+Meinung, der eigene Vater habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr
+Fortgehen schon so schlimm aufgenommen, wie mußte er erst zürnen, wenn
+er erfuhr, was daraus entstanden war! Und wie deutlich erinnerten sie
+sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo der Vater von einem Haus zum
+andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen war, weswegen? Wegen
+der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kündigung
+herausbeschworen, in ihren Augen das größte Familienunglück!
+
+Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fühlten sich
+ein wenig gedeckt dadurch, daß Karl, der große, der Anführer gewesen
+war. Um so schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht
+vorstellen, wie er am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte.
+Er fand nur einen kurzen, unruhigen Schlaf.
+
+Frieder hatte von allem, was seine Schlafkameraden erlebt hatten, keine
+Ahnung. Er wunderte sich aber am Morgen, daß sie alle schwer aus dem
+Bett kamen, bedrückt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr,
+als die Schwestern durch die Türspalte hereinriefen: "War's recht schön
+heute nacht?" Als er aber gern erfahren hätte, von was die Rede sei,
+bekam er ungeduldige Antwort: "Sei nur still, du wirst noch genug davon
+hören." Sie waren sonst alle flinker als Frieder, heute aber kam dieser
+zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit den Schwestern beim
+Frühstück waren und von Marie und Anne wußten, daß die Brüder in der
+Nacht fort gewesen waren. Diese zögerten aber immer noch, zu kommen.
+Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muß es gesagt
+werden, kommt!"
+
+Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das
+Wohnzimmer, wo Herr Pfäffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte.
+"Nun," fragte er, "ist eure Expedition geglückt? Heute nacht um 11 Uhr
+hat sich der Himmel so schön aufgeklärt, da dachte ich an euch, war
+aber der Meinung, ihr würdet die Zeit verschlafen. War's denn nun
+schön?"
+
+Die drei waren so betroffen über die unerwartet freundliche Anrede, daß
+sie zunächst gar keiner Antwort fähig waren. Frau Pfäffling ahnte
+gleich Böses. "Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch
+nicht gut? Oder habt ihr den Hausschlüssel verloren?"
+
+"Das nicht."
+
+"Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl näher und
+sagte: "Ich will es ganz erzählen wie es war. Um ein Uhr sind wir
+hinunter gegangen, ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken
+gewesen—wie schön es da war, sage ich später. Um halb drei Uhr etwa
+wollen wir wieder ins Haus, da ist die Türe von innen zugeriegelt."
+
+"Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie
+aus einem Mund.
+
+"Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurück, wollten auf
+den Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter
+Mariannens Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das
+hörte die Hausfrau und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir
+sagten, wo wir herkämen und daß wir nicht hereinkönnten. Da riegelte
+Herr Hartwig die Haustüre auf und ließ uns herein." Karl hielt inne.
+
+"So habt ihr richtig die Hausleute gestört!" sagte Frau Pfäffling.
+"Hättet ihr mir doch gesagt, daß ihr in dieser Nacht fort wollt, ich
+würde euch vorher hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So
+aber waren sie wohl ängstlich, als sie etwas hörten und haben deshalb
+geriegelt. Habt ihr euch recht entschuldigt?"
+
+"Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Köpfe. Herr
+Pfäffling sah seine Söhne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht
+alles gesagt."
+
+"Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die
+schlimme Botschaft aussprach: "Der Hausherr läßt dir sagen, auf 1.
+Januar sei gekündigt."
+
+Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der
+Jammerschrei: "O hätten wir doch das Rufen gehört, wären wir doch
+aufgewacht!" Herr Pfäffling aber sträubte sich, die Nachricht zu
+glauben. "Es ist doch gar nicht möglich, daß das sein Ernst ist,
+glaubst du das, Cäcilie? Kann das wirklich sein? Kündigt man, weil man
+einmal im Schlaf gestört wird? Täten wir das? Mich dürfte man zehnmal
+wecken und ich dächte noch gar nicht an so etwas. War er denn im Zorn,
+was hat er denn sonst noch gesagt?"
+
+"Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's
+schon vorher ausgedacht hätte."
+
+"Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu
+begütigen? Ihr Stöpsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber
+geklingelt? Ist unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Läuten? Die
+Marianne rufen! Der Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!"
+
+Frau Pfäffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes:
+"Es ist gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht
+verdient haben, sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie
+in die Schule gehen, sieh, wie sie aussehen."
+
+"Wie die Leintücher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch,
+frühstückt!"
+
+So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten
+wirklich ihr Frühstück brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto
+verschlangen ihr Teil mit wahrem Heißhunger, und als sie damit fertig
+waren, griffen sie noch über zu dem Teil ihres Frieders, der vor
+Horchen und Staunen noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch
+nicht wehrte gegen den Übergriff; so etwas kam hie und da vor und heute
+fühlte er, daß es so sein müsse.
+
+Herr Pfäffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger
+Erregung, so daß es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er
+tief auf, seufzte: "O Marstadt, Marstadt!" und verließ das Zimmer, um
+sich zum täglichen Gang nach der Musikschule zu richten. Rascher noch
+als sonst eilte er durch den untern Hausflur, er hatte keine Lust, den
+Hausherrn zu begegnen. Aber da wäre gar keine Gefahr gewesen, auch der
+Schreiner wünschte keine Begegnung und wartete ab, bis alle Glieder der
+Familie Pfäffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er das Haus verließ.
+
+So gab es zwei Männer im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei
+Frauen, die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem
+Gedanken an die Sorge, die der Familie Pfäffling auferlegt wurde, jetzt
+bei Beginn des Winters und nach der eben erlebten Enttäuschung durch
+die Direktorsstelle. Und es kränkte sie, daß ihr Mann mit Recht von der
+leichtsinnigen Gesellschaft da droben sprechen konnte. Sie hatte so
+viel von der Familie gehalten, ja, sie spürte es erst jetzt recht
+deutlich, eine wahre Liebe hatte sie für sie alle empfunden, ganz
+anders als je für frühere Mietsleute. Sie mußte das alles mit Frau
+Pfäffling besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, daß sie hinaufging.
+
+Frau Pfäffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie
+hatte so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des
+echten christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewährt hatten. Wie
+stimmte dazu die Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht
+hinauszuschließen und dann noch zu kündigen, und das alles bloß wegen
+einer gestörten Nachtruhe! Sie mußte sich das erklären lassen von Frau
+Hartwig, aber mit ihr _allein_ wollte sie sprechen. So strebten die
+beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet sich bald ein Weg.
+
+Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien
+benützten. Das war der große Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum
+Wäschetrocknen und die Mange stand, zum Mangen und Rollen des
+Weißzeugs. Die Hausfrau war mit einem kleinen Korb Wäsche
+hinaufgegangen, fing an, das Rad zu drehen und zu mangen.
+
+Frau Pfäffling konnte das unten gut hören. Nicht lange, so stieg auch
+sie hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hören.
+
+Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen fröhlichen Sinnes
+miteinander herunter, zwischen ihnen gab es kein Mißverständnis mehr
+und sie waren der guten Zuversicht, daß sich auch die beiden Männer
+miteinander verständigen würden.
+
+Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht
+gestern Remboldt erzählt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der
+Wache gesehen hat?"
+
+"Ja, du warst ja dabei."
+
+"Weißt du, wie man diese Sternschnuppen heißt? Ich habe es heute zum
+erstenmal gehört, die heißt man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte
+Frau Hartwig gar nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem
+Mann zu denken gab. Sie wußte ja, daß mit dem richtigen Verständnis des
+Wortes sein ganzer Zorn gegen die Familie Pfäffling schwinden mußte.
+Sie wollte ihm gar nicht zureden, sein eigenes Gefühl würde ihn
+treiben, zu tun, was recht war.
+
+Am Nachmittag faßte er die drei Lateinschüler ab, als sie heimkamen. Er
+ließ sich von ihnen genau erzählen, wie herrlich der Sternenhimmel
+gewesen sei, und wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der
+Leonidenschwarm hießen. Das wußte Karl: weil diese Sternschnuppen, die
+da im November so massenhaft fielen, aus dem Sternbild des Löwen
+ausgingen.
+
+Während sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, daß der
+Hausherr sie wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht,
+und fingen an, auf seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er
+nun mit all seiner früheren Freundlichkeit: "Seht, ich weiß eben gar
+nichts von der Sternkunde, ich habe den Leonidenschwarm für einen
+Verein oder dergleichen gehalten, mit dem ihr euch nachts herumtreibt.
+Und so etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich werde euch doch
+nicht bös sein, wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind nun
+wieder gute Freunde. Sagt nur eurem Vater: die Kündigung gilt nicht!"
+
+Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht,
+Freundschaft und Fröhlichkeit im ganzen Haus.
+
+Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnübungen zurückkehrten, trafen
+sie an der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller
+einen Vorrat Äpfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht,"
+sagte sie und gab jedem einen Apfel.
+
+"Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht,
+damit deine Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen
+jetzt immer ganz nahe am Geländer und wir Buben müssen ganz dicht an
+der Wand gehen, dann werden deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh,
+so hinauf und so wieder herunter." Um recht dicht an der Mauer zu
+gehen, setzte er einen Fuß vor den andern, verlor das Gleichgewicht und
+kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor die Füße der
+erschrockenen Hausfrau.
+
+Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung
+zurückkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je
+besser sie's meinen, um so ärger poltert's."
+
+
+
+
+4. Kapitel
+Adventszeit.
+
+
+"Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reißen, das dünne
+Blättchen, das allein noch den Weihnachtsmonat verhüllt?" Die jungen
+Pfäfflinge standen alle in die eine Ecke gedrängt, wo der Kalender
+hing, und stritten sich, halb im Spaß, halb im Ernst darum, wer den
+Dezember aufdecken dürfe. Die Eltern, am Frühstückstisch, sahen auf.
+"Buben, galant sein!" rief der Vater. Da traten die vier Brüder vom
+Kampfplatz zurück. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht
+erreichen, so kam das Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen
+es miteinander," sagten sie. Da kam denn der erste Dezember zum
+Vorschein, und zwar rot, denn es war Sonntag, und kein gewöhnlicher
+Sonntag, sondern der erste Advent. Die schönste Weihnachtsstimmung
+stieg auf mit diesem Tag und nicht nur bei den Kindern. Herr Pfäffling
+stimmte unvermutet und ohne Begleitung an: "Wie soll ich dich empfangen
+und wie begegnen dir, O aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier!"
+Alle Kinder sangen mit, erste Stimme, zweite Stimme, je nach Begabung,
+auch die Mutter, aber sie recht leise, denn sie allein von der ganzen
+Familie war vollständig unmusikalisch und sang, wie Frieder einmal
+gesagt hatte etwas anderes als die Melodie.
+
+Bald darauf war es für diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit
+sich zu richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige
+nachmittags oder in den Kindergottesdienst. Frau Pfäffling wollte heute
+mit ihrem Mann gehen, unter den Kindern gab es ein Beraten und
+Flüstern. Als nach einer Weile die Eltern, zum Ausgang gerichtet, an
+der Treppe standen und sich von den Zurückbleibenden verabschieden
+wollten, fand sich's, daß es heute gar keine solchen gab, daß alle
+sieben bereit standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer
+soll dann aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfäffling
+bedenklich.
+
+"Es klingelt fast nie während der Kirchenzeit," versicherte der
+Kinderchor.
+
+"Aber wir können doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze
+Prozession!" wandte Herr Pfäffling ein.
+
+"Wir gehen drüben, auf der anderen Seite der Straße," sagten die Buben.
+
+"Aber Walburg muß wenigstens wissen, daß sie ganz allein zu Hause ist,
+hole sie schnell, Elschen," rief Frau Pfäffling. Als das Mädchen die
+ganze Familie im Begriff sah, auszugehen, wußte sie schon, was man von
+ihr wollte, und sagte in ihrer ernsthaften Weise: "Ich wünsche
+gesegnete Andacht".
+
+Draußen schien die Wintersonne auf bereifte Dächer, Sonntagsruhe
+herrschte in der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche
+einschlug, hatte die Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben
+ließen aber, ihrem Versprechen gemäß, die ganze Breite der
+Frühlingsstraße zwischen sich und den Eltern und Schwestern, bis nach
+einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte. Da konnte er
+nicht länger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester zu.
+
+Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs
+Haus. Wenn im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest
+sprechen wollte, hatte die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das
+dauert noch lange, lange, davon reden wir noch gar nicht, sonst werden
+die Kleinen ungeduldig." So hätte sie auch gestern noch gesagt, aber
+heute war das etwas ganz anderes, man feierte Advent, Weihnachten war
+über Nacht ganz nahe gerückt. Im Dämmerstündchen zog Frau Pfäffling
+Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weißt du denn noch, wie schön
+der Christbaum war?"
+
+Sie wußte es wohl noch, und als nun die Geschwister über Weihnachten
+plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten
+stand sie nicht hinter den Großen zurück, im Gegenteil, wenn sie mit
+leuchtenden Augen vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine
+Hauptperson, die allen die Freude erhöhte.
+
+Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten
+flüsternd, was sie den Eltern zu Weihnachten schenken könnten. Es
+durfte kein Geld kosten, denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken,
+die Geld kosteten, sprachen sie ganz verächtlich. "Es ist keine Kunst,
+in einen Laden zu gehen und etwas zu kaufen, aber ohne Geld etwas recht
+Eigenartiges, Schönes und Nützliches zu bescheren, das ist eine Kunst!"
+Ja, eine so schwere Kunst ist das, daß sich die Beratung sehr in die
+Länge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang heute immer
+der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er mußte ihn
+ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, daß ungnädige
+Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Küche,
+wo Walburg saß und in ihrem Gesangbuch las. Sie hörte diese Töne, und
+da sie sich in ihrer Taubheit über alles freute, was bis an ihr Ohr
+drang, schob sie ihm den Schemel hin, zum Zeichen, daß er sich bei ihr
+niederlassen sollte. So kam die Adventsstimmung bis in die Küche.
+
+Am nächsten Tag mußten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den
+Hintergrund treten, denn in die Schule paßten sie nicht. Nur Frieder
+wollte sie auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte
+er nicht vergessen, er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen
+und dort den Adventschoral vorspielen. Die Mutter hörte es und wunderte
+sich: Er hatte sich noch nie zeigen oder vordrängen wollen mit seiner
+Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich hören zu lassen. Sie mochte es
+ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an ihrem kleinen,
+bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner großen Harmonika in der
+Hand, den Schulranzen auf dem Rücken, durch die Frühlingsstraße.
+
+Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden
+machte, bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen
+bis zu der großen Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer
+verließen und die Schüler sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber
+es ging nicht so.
+
+Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch
+schon ein paar kecke Bürschchen zu: "Der Pfäffling hat seine
+Ziehharmonika mitgebracht." Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob
+Frieder denn mit dem großen Instrument zurechtkäme. Nun stießen ihn die
+Kameraden von allen Seiten: "Spiel doch, gelt, du kannst es nicht?
+Spiel doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder seinen Adventschoral,
+vergaß seine vielen Zuhörer, vergaß die Schulzeit und sagte, nachdem er
+fertig war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme."
+
+Der Lehrer ließ ihn gewähren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhörten
+und wie der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast
+du das bei deinem Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte
+Frieder, "Harmonika muß man nicht lernen, das geht von selbst."
+
+"Das geht vielleicht bei euch Pfäfflingen von selbst, aber bei anderen
+nicht. Was meinst du," sagte er zu dem, der am nächsten stand,
+"könntest du das auch?" "O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und
+zuziehen." "Du wirst dich wundern, wenn du es probierst!" entgegnete
+der Lehrer, "aber jetzt: auf eure Plätze."
+
+Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und mußte
+spielen. Es kamen auch größere Schüler von anderen Klassen herbei und
+die wollten nicht nur hören, die wollten es auch probieren. Die
+Harmonika ging von Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer
+riß sie dem andern mit Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte:
+"Sie geht ja gar nicht, ich glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie
+Frieder zurück und als er sie ansah, wurde er blaß und als er sie zog,
+gab sie keinen einzigen Ton mehr. Da wurden sie alle still und sahen
+betroffen auf den kleinen Musikanten.
+
+"Wer hat's getan?" hieß es nun. Die Frage ging von einem zum andern und
+wurde zum Streit, aber Frieder kümmerte sich nicht darum, er verwandte
+keinen Blick von seiner Harmonika, er strich mit der Hand über sie, er
+drückte sie zärtlich an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber
+er wußte es ja schon vorher, daß ihre Stimme erloschen war und nimmer
+zum Leben zu erwecken.
+
+Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder
+neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hören und nichts sehen von
+ihnen. Er trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange
+Frühlingsstraße nach Hause, rief die Mutter und drückte sich bitterlich
+weinend an sie mit dem lauten Ausruf: "Sie ist tot!"
+
+Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein
+Heimatloser. Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Hände,
+bewegte sie wie zum Ziehen der Harmonika und ließ sie dann ganz
+enttäuscht sinken. Das bitterste an seinem Schmerz war aber die Reue.
+Er selbst hatte ja seine Freundin den bösen Buben ausgeliefert. Hätte
+er sie in der Stille für sich behalten und nicht mit ihr Ruhm ernten
+wollen, so wäre sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half kein
+Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, daß er vielleicht
+eine neue Harmonika zu Weihnachten bekommen würde.
+
+Aber etwas anderes half ganz unvermutet.
+
+Es war wieder Sonntag, der _zweite_ Advent, und wieder standen die
+Kinder beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks für
+die Eltern. Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen
+getan hatte, er konnte ja kein Adventlied mehr üben, so zog ihn nichts
+ab. Er hatte still zugehört, wie allerlei Vorschläge gemacht und wieder
+verworfen wurden, nun mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf
+den Balken, da kann man sich alles ausdenken, aber da oben nicht."
+
+"So geh du hinunter und denke dir etwas für mich aus," sagte eines der
+Geschwister. "Für mich auch!" "Und für mich," hieß es nun von allen
+Seiten. Er war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren
+großen Schal mit hinunter. Er ging auf das Plätzchen, das er so gern
+mit seiner Harmonika aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er
+wickelte sich ganz in das große Tuch, saß da allein, war vollständig
+erfüllt von seiner Aufgabe, zweifelte auch gar nicht daran, daß er sie
+lösen würde. Auf der Harmonika war ihm hier unten auch alles gelungen,
+was er versucht hatte. Der kleine Kopf war fest an der Arbeit.
+
+Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister
+um ihn, und er, der in ihrem Rat noch nie das große Wort geführt hatte,
+streckte nun seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da
+nun gar kein Zweifel mehr sein könnte: "Du, Karl, mußt ein Gedicht
+erdichten und du, Wilhelm, auf einen so großen Bogen Papier schöne
+Sachen abzeichnen und Otto muß so laut, wie es der Rudolf Meier beim
+Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und Marianne soll das
+schönste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir zwei
+können nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum
+müssen wir solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal
+Walburg sagt, Nußschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte
+Zündhölzer, einen rechten Sack voll."
+
+Jedes der Kinder dachte nach über den Befehl, den es erhalten hatte,
+und fand ihn ausführbar. "Ich weiß, was ich zeichne!" rief Wilhelm,
+"dich zeichne ich ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da
+gestanden bist."
+
+"Und ich mache ein Gedicht über unsern Krieg in Afrika, wenn der
+Morenga darin vorkommt, dann gefällt es dem Vater." Sie waren alle
+vergnügt. "Frieder," sagte Karl, "es tut mir ja leid für dich, daß du
+deine Harmonika nimmer hast, aber mir bist du lieber ohne sie." Die
+andern stimmten ein und Frieder machte nimmer das trostlose Gesicht,
+das man die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum erstenmal fühlte er
+sich glücklich auch ohne Harmonika.
+
+Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es,
+viele Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis
+abhing. Die Fest- und Ferienzeit wollte verdient sein.
+
+Unter den jungen Pfäfflingen war Otto der beste Schüler, und er galt
+viel in seiner Klasse. Nun saß hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier,
+der machte sich sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb
+hatte. Er war der Sohn von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und
+machte sich als solcher gern ein wenig wichtig. Alle Kameraden mußten
+es erfahren, wenn hohe Persönlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und
+wenn gar Fürstlichkeiten erwartet wurden, fühlte er sich so stolz, daß
+sich's die andern zur Ehre rechnen mußten, wenn er sich an solchen
+Tagen von ihnen die Aufgaben machen ließ. Er war älter und größer als
+alle andern, weil er schon zweimal eine Klasse repetiert hatte; dessen
+schämte er sich aber keineswegs, sondern sagte gelegentlich von oben
+herab: "In solch einem Welthotel müsse selbstverständlich die
+gewöhnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurückstehen."
+
+Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gründe, warum er heute ein ganzes
+Stück Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Frühlingsstraße
+entgegengesetzt lag.
+
+Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in
+kurzem, schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier
+ein feines junges Herrchen, mit tadellos gestärkten Manschetten und
+Kragen nach neuester Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf
+Größere bittend zu dem Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in
+Verlegenheit, Pfäffling, wegen der griechischen Arbeit, die wir morgen
+abliefern sollen. Es ist gegenwärtig keine Möglichkeit bei uns, all
+dies Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres zu tun. Würdest du
+mir nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, daß ich einige Stellen
+vergleichen könnte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir wieder
+einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze
+deine Unterschrift unter den Klex."
+
+Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen.
+"Was tust du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?"
+sagte Otto ärgerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles
+abschreibst, aber ich kann dich gar nicht begreifen, daß du das magst."
+
+"Weil du nicht weißt, wie es bei uns zugeht, Pfäffling, anders als bei
+euch und das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als
+ihr. Da ist zum Beispiel vorige Woche eine russische Familie
+angekommen, Familie ersten Rangs, offenbar steinreiche Leute, gehören
+zur feinsten Aristokratie. Haben fünf Zimmer im ersten Stock vorn
+heraus gemietet. Sie beabsichtigen offenbar lange zu bleiben, sieben
+riesige Koffer. Werden wohl die Revolution fürchten, haben ihr Geld
+glücklich noch aus Rußland herausgebracht und warten nun in Deutschland
+ab, wie sich die Dinge in Rußland gestalten. Gegen solche Gäste ist man
+artig, das begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater,
+sie möchte ihren beiden Söhnen Unterricht geben lassen von einem
+Professor, welchen er wohl empfehlen könnte? Mein Vater verspricht ihr
+sofort Auskunft, kommt natürlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit.
+Nun heißt es: 'Rudolf, mach deine Aufwartung droben. Besprich die
+Unterrichtsfächer, gib guten Rat, nenne feine Professoren mit
+liebenswürdigen Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn Professoren
+aufzufordern und den Unterricht in Gang zu bringen.'
+
+"Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine
+Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spürst gleich, daß du mit
+wirklich Adeligen zu tun hast, und der große Herr mit seiner
+militärischen Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem
+Seidenkostüm imponieren dir, du mußt dich schon zusammennehmen. Die
+zwei jungen Herrn sehen dich auch so an, als wollten sie sagen: Ist das
+ein Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu reden oder nicht?
+
+"Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblüffen. Es
+hat ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen
+Professoren gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, daß ich genug
+zu laufen hatte, bis ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich
+wohl noch nicht fertig, denn sie haben gestern ein Pianino gekauft,
+eine Violine haben sie auch, da wird sich's um Musikunterricht
+handeln."
+
+Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht—wenn das ein Pfäffling
+hört, so klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den
+Musikunterricht geben?" fragte er.
+
+"Weiß ich nicht."
+
+"Meier, da könntest du meinen Vater empfehlen."
+
+"Warum nicht, das kann man schon machen. Das heißt, für solche
+Herrschaften muß man immer das feinste wählen."
+
+"Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht."
+
+"Wohl, wohl, aber so ein _Titel_ fehlt, Professor oder Direktor oder so
+etwas, das hören sie gern."
+
+"Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als
+Direktor nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen
+ist. Er hat schon seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren
+für ihn. Nur ist es noch nichts geworden, weil erst gebaut werden muß."
+
+"Dann kann ich wohl etwas für ihn tun," sagte Rudolf Meier
+herablassend, "vorausgesetzt, daß sie sich bei mir nach dem Musiklehrer
+erkundigen und nicht bei den Professoren."
+
+"Dem mußt du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, mußt
+du mit den Russen sprechen."
+
+"Meinst du, da könnte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du
+hast keinen Begriff von Umgangsformen."
+
+"Nein," sagte Otto, "wie man das machen muß, weiß ich freilich nicht,
+aber wenn _du das_ nicht zustande bringst, dann möchte ich wohl wissen,
+was du kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar
+nichts und dein Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal
+in deinem Zentralhotel etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein
+Schwindel."
+
+"Ich vermag viel im Hotel."
+
+"So beweise es!"
+
+"Werde ich auch. Vergiß nicht, daß du mir deine Hefte versprochen
+hast."
+
+So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnügt heim, rief die
+Geschwister zusammen und erzählte von der schönen Möglichkeit, die sich
+für den Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum
+Unterricht zu bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel
+zu und kamen überein, daß sie den Eltern zunächst kein Wort sagen
+wollten, es sollte nicht wieder eine Enttäuschung geben.
+
+Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am nächsten Tag,
+in einer Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen
+Vater empfehle, gibst du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?"
+
+"_Zehn_ Aufsätze," sagte Otto, "mach aber, daß es _bald_ so weit
+kommt."
+
+Einen Augenblick später traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und
+erzählte ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause
+vorüber war, faßte er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du
+solltest das zurücknehmen, so eine Handelsschaft gefiele dem Vater
+nicht. So möchte er die Stunden gar nicht annehmen. Sag du dem Rudolf
+Meier, er soll seine Aufsätze selbst machen, zu solch einem Handel sei
+unser Vater viel zu vornehm."
+
+Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern
+der Ärger eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter
+Schwindler." So ging die Sache aus und die Kinder waren nur froh, daß
+sie darüber geschwiegen hatten. Sie dachten längst nicht mehr daran,
+als eines Nachmittags Wilhelm meldete: "Vater, der Diener vom
+Zentralhotel hat diesen Brief für dich abgegeben, er soll auf Antwort
+warten."
+
+Frau Pfäffling begriff nicht die Blicke glücklichen Einverständnisses,
+die die Kinder wechselten, während ihr Mann die Karte las, auf der
+höflich angefragt wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und
+Klavierstunden vorstellen möchte. Die Karte war an Herrn Direktor
+Pfäffling adressiert, und als die Brüder diese Aufschrift bemerkten,
+flüsterten sie lachend einander zu: Ein Schwindler ist er trotzdem, der
+Rudolf Meier!
+
+Der Diener des Zentralhotels bekam für die Überbringung einer so
+erwünschten Botschaft ein so schönes Trinkgeld, wie er es von dem
+schlichten Musiklehrer nie erwartet hätte, und als er Herrn Meier
+senior ausrichtete, daß Herr Direktor Pfäffling noch diesen Nachmittag
+erscheinen werde, fügte er hinzu: "Es ist ein sehr feiner Herr."
+
+Bei Pfäfflings war große Freude. Otto erzählte alles, was Rudolf Meier
+von dem Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hörten ihm
+zu, er war stolz und glücklich und konnte gar nicht erwarten, bis der
+Vater sich auf den Weg nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell
+ging das nicht, im Hausgewand konnte man dort nicht erscheinen. Herr
+Pfäffling suchte hervor, was er sich neulich zu seiner Vorstellung in
+Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht wieder eine Enttäuschung
+gibt," sagte er, während er sich eine seine Krawatte knüpfte, "wer
+weiß, wie die hohen Aristokraten sich in der Nähe ausnehmen, mit denen
+dieser Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfäffling hatte aber gute Zuversicht:
+"Das erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen
+gelten für ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere
+Schüler bekommen als Fräulein Vernagelding."
+
+"Ach, die Unglückselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr
+Pfäffling, "ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurück sein, für
+meine Marterstunde."
+
+Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die
+andern, er fühlte sich doch als der Anstifter des ganzen.
+
+Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war
+schon der Abenddämmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch
+die Ganglampe war schon angezündet und von Marie und Anne in ihr
+Stübchen geholt worden. Um fünf Uhr war Fräulein Vernageldings Zeit.
+Frau Pfäffling wurde unruhig. So gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute
+schien er sich doch zu verspäten. Nun schlug es fünf Uhr, es klingelte,
+Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe herbei.
+
+Zwischen Fräulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmählich
+eine kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig
+herbeikamen mit der Lampe und gefällig Hilfe leisteten bei dem Anziehen
+der Gummischuhe, dem Zuknöpfen der Handschuhe und dem Aufstecken des
+Schleiers, so freute dies das Fräulein und es plauderte mit den viel
+jüngern Mädchen wie mit ihresgleichen. Als sie nun heute hörte, daß
+Herr Pfäffling noch nicht da sei, schien sie ganz vergnügt darüber,
+lachte und spaßte mit den Schwestern.
+
+"Herr Pfäffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen
+heißt so?"
+
+"So heißen wir bloß miteinander," antworteten sie, "wir können es
+eigentlich nicht leiden, jede möchte lieber ihren eigenen Namen, Marie
+und Anne, aber so ist's eben bei uns."
+
+Das fand nun Fräulein Vernagelding so komisch, daß ihr etwas albernes
+Lachen über den ganzen Gang tönte. Sie hatte inzwischen abgelegt.
+
+"Mutter sagte, Sie möchten nur einstweilen anfangen, Klavier zu
+spielen," richtete Marie aus.
+
+"Ach nein," entgegnete das Fräulein, "ich möchte viel lieber mit Ihnen
+plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muß doch sein. Es
+lautet nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnädiges Fräulein spielen
+Klavier? und man muß antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint
+Mama. Mein voriger Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer,
+ich sei unmusikalisch. Herr Pfäffling ist schon mein vierter Lehrer.
+Die Herrn wollen immer nur musikalische Schülerinnen, es kann aber doch
+nicht jedermann musikalisch sein, nicht wahr? Man muß es doch auch den
+Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?"
+
+"Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da wäre es doch
+zuviel für den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt
+bloß die, die recht musikalisch sind."
+
+Die drei Mädchen, an der Türe stehend, fuhren ordentlich zusammen, so
+plötzlich stand Herr Pfäffling bei ihnen. Im Bewußtsein seiner
+Verspätung war er mit wenigen großen Sätzen die Treppe heraufgekommen.
+Fräulein Vernagelding tat einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie
+mich erschreckt, Herr Pfäffling, aber wie fein sehen Sie heute aus, so
+elegant." Herr Pfäffling unterbrach sie: "Wir wollen nun keine Zeit
+mehr verlieren, bitte um Entschuldigung, daß ich Sie warten ließ."
+
+"O, es war ein so reizendes Viertelstündchen," hörte man sie noch
+sagen, ehe sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen
+Augenblick nachher wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer
+ein sicheres Zeichen war, daß Fräulein Vernagelding am Klavier saß.
+
+"Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen
+ist?" wurden Marie und Anne von den Brüdern gefragt. Sie wußten nichts
+zu sagen, man mußte sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am
+schwersten, und er paßte und spannte auf das Ende der Klavierstunde,
+und im selben Augenblick, wo Fräulein Vernagelding durch die eine Türe
+das Zimmer verließ, schlüpfte er schon durch den andern Eingang hinein
+und fragte: "Vater, wird etwas aus den Russenstunden?" Herr Pfäffling
+lachte vergnügt. "Wo ist die Mutter," sagte er, "komm, ich erzähle es
+euch im Wohnzimmer," und schon unter der Tür rief er: "Cäcilie,
+Cäcilie," und seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Küche
+herbeigeholt werden. Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn
+ich kaum meine Tassen abstellen darf, dann muß es auch im Zentralhotel
+gut ausgefallen sein!"
+
+"Über alles Erwarten," rief Herr Pfäffling, "eine durch und durch
+musikalische Familie, die beiden Söhne feine Violinspieler, ich glaube
+kaum, daß wir _einen_ solchen Schüler in der Musikschule haben, und
+ihre Mutter spielt Klavier mit einer Gewandtheit, daß es ein Hochgenuß
+sein wird, mit ihr zusammen vierhändig zu spielen. Aber nun will ich
+euch erzählen. Im Vorplatz des Zentralhotels hat mich ein junges
+Herrchen empfangen, den ich nach deiner Beschreibung, Otto, gleich als
+Rudolf Meier erkannt habe. Der führt mich nun in einen kleinen Salon,
+spricht mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich, der Schlingel,
+kein Mensch denkt, daß man einen Schuljungen vor sich hat, der von so
+einem Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte
+mir nun, er habe es für besser gehalten, mich als Herr Direktor
+einzuführen, und ich möchte nur auch meine Honoraransprüche darnach
+richten, die Familie würde sonst nicht an den Wert meiner Stunden
+glauben, solchen Leuten gegenüber müsse man hohe Preise machen. Dann
+geleitete er mich die breite, mit dicken Teppichen belegte Treppe
+hinauf. Rudolf Meier fühlte sich ganz als mein Führer, klopfte für mich
+an und stellte mich dem russischen General als Herrn Direktor Pfäffling
+vor. Eine Weile blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm Notiz
+nahm, empfahl er sich.
+
+"Der General ist schon ein älterer Herr mit grauem Bart und ist nicht
+mehr im Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen
+durchdringenden Blick. Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei
+jungen Söhnen vor und bot mir einen Platz an. Aber sie waren alle
+ziemlich zurückhaltend, vielleicht hatten sie nicht viel Vertrauen in
+die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz unbestimmt
+davon, daß die Söhne später vielleicht einige Violinstunden nehmen
+sollten, und ich hatte das Gefühl: es wird nichts daraus werden. Die
+Unterhaltung war auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht geläufig
+Deutsch, versuchten es mit Französisch, als sie aber mein Französisch
+hörten, da meinte die Dame, es gehe eher noch Deutsch.
+
+"Mir wurde die Sache ungemütlich, es beengten mich auch die ungewohnten
+Glacéhandschuhe, dazu mußte ich in einem weich gepolsterten, niedrigen
+Lehnsessel ruhig sitzen und wußte gar nicht, wohin mit meinen langen
+Beinen, dabei war es mir immer, als müßten sie mir ansehen, daß ich
+kein Direktor bin. Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worüber
+allerdings die Dame ein wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter
+und sagte: 'Ich denke, es ist besser, wir machen ein wenig Musik, dabei
+lernt man sich viel schneller kennen,' und ich fragte die Dame, für
+welchen deutschen Komponisten sie sich interessiere? Sie schien etwas
+überrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir recht war. Da ging ich
+ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und fragte, aus welcher
+Oper sie etwas hören wollte? 'Bitte, etwas aus den Nibelungen, Herr
+Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch einmal nach
+ihr um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfäffling; ich
+wäre allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht
+einmal, aber zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann
+spielte ich.
+
+"Es war ein prächtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer
+näher heran und hörten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, daß
+wir uns verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann
+Violine, und die Dame versicherte mich, daß vierhändiges Klavierspiel
+ihre größte Passion sei und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag
+ein bis zwei Stunden zu kommen. Zuletzt fragte der General noch nach
+dem Preis, der war ihnen auch recht, eine unbescheidene Forderung
+mochte ich nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier tun, wenn er seine
+Hotelrechnung stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich fortging,
+begleiteten die Herren mich ganz freundlich an die Türe, alle Steifheit
+war vorbei und die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich
+vergessen hatte.
+
+"Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er
+hat offenbar die Verhandlungen von außen beobachtet und wird morgen in
+der Klasse wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt.
+Er ist aber, wie mir scheint, nebenbei ein gutmütiger Mensch, schien
+sich wirklich zu freuen, daß die Sache gut abgelaufen war, und
+flüsterte mir zu: 'Sie sind von allen drei Herren zur Türe begleitet
+worden, diese Ehre ist keinem der Professoren zuteil geworden.' Ich
+habe ihm auch gedankt für seine Vermittlung, und wenn ich ihn öfter
+sehe, werde ich ihm einmal sagen: Sei doch froh, daß du noch ein junger
+Bursch bist, gib dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen,
+als du bist! Er macht sich ja nur lächerlich; wer verlangt von ihm das
+Auftreten eines Geschäftsmannes? Der General hat ihn natürlich längst
+durchschaut."
+
+"Ja, ja," stimmte Frau Pfäffling zu, "er soll von dir lernen, daß man
+sich sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhöht haben."
+
+"Ja," sagte Pfäffling vergnügt, "und daß man trotz allem Stunden
+bekommt. Kinder, kommt mit herüber, jetzt muß noch ein gehöriges
+Jubellied gesungen werden!"
+
+Während im Haus Pfäffling in fröhlichem Chor gesungen wurde, sagte der
+General im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher
+Deutscher."
+
+Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfäffling wird mir morgen
+meinen Aufsatz machen."
+
+Und Fräulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die
+Marianne ist süß, ich möchte ihr etwas schenken." Da überlegte Frau
+Privatiere Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer
+Glacéhandschuhe."
+
+
+
+
+5. Kapitel
+Schnee am unrechten Platz.
+
+
+Der Dezember war schon zur Hälfte vorüber, bis endlich, endlich der
+erste Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten
+Flöckchen stundenlang gleichmäßig zur Erde fällt und in einem einzigen
+Tag das ganze Land überzieht mit seiner weichen, weißen Decke; der
+alles verhüllt, was vorher braun und häßlich war, der alles rundet und
+glättet, was rauh und eckig aussah. Immer ist sie schön, die
+Schneelandschaft, aber am allerschönsten doch, wenn das lautlose Fallen
+des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen
+Weihnacht.
+
+Dezember—Schnee—Tannenbaum—Weihnacht, ihr gehört zusammen bei uns in
+Deutschland. In manchen Ländern hat man versucht, unsere Feier
+nachzumachen, und wir wollen ihnen auch die Freude gönnen, aber solch
+eine Sitte muß aus dem Boden gewachsen sein. Wenn man sie künstlich
+verpflanzt, wird etwas ganz anderes daraus.
+
+Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die
+Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden
+Kinder zu ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie
+wurde es? Viele Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen
+Kleidern. Sie versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde,
+klatschten sie Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke
+herunter, die man für sie hinaufgehängt hatte. Dann wurden die Lichter
+ausgeblasen, damit kein Ästchen anbrenne und der Diener gerufen, daß er
+sogleich den Baum, der in einem Kübel voll Erde steckte, zurücktrage zu
+dem Gärtner, von dem er gemietet war. Keine Stunde war der Christbaum
+im Haus gewesen, keinen Duft hatte er verbreitet.
+
+"Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge
+Deutsche und sah ihm wehmütig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei
+doch unpraktisch, er nehme ja so viel Platz weg.
+
+Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie gönnt dem
+Christbaum nicht den Platz?
+
+
+Im Dunkel des frühen Dezembermorgens waren die jungen Pfäfflinge durch
+den frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit
+dickbeschneiten Mänteln und Mützen angekommen. Im Schulhof flogen die
+Schneeballen hin und her, und bis zu der großen Pause um 10 Uhr waren
+die zahllosen Spuren der Kinderfüße schon wieder von frischem Schnee
+bedeckt und die größten Schneeballenschlachten konnten ausgeführt
+werden.
+
+Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerückt, kniete da
+und sah vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die
+wie ein großer weißer Wall vor dem Kasernenzaun aufgetürmt lagen. Und
+von diesem Zaun hatte jeder Stecken sein Käppchen, jeder Pfosten seine
+hohe Mütze auf.
+
+Frau Pfäffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas
+sehen," und schnell führte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und
+öffnete das Fenster. Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus
+vorbei, nach der Stadt zu, fuhr eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle
+beladen mit Christbäumen.
+
+"Christbäume, Christbäume," jubelte Elschen so laut, daß einer der
+Fuhrleute, der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als
+er das glückselige Kindergesicht bemerkte, rief: "Für dich ist auch
+einer dabei!" Die Kleine erglühte vor Freude und winkte dem Schneemann
+nach.
+
+Aber alles auf der Welt ist nur dann schön und gut, wenn es an seinem
+richtigen Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand
+voll von diesem schönen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und
+richtete dadurch Unheil an.
+
+Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Straßenecke, wo
+einige Lateinschüler mit Realschülern zusammentrafen, gab es ein
+hitziges Schneeballengefecht. Wilhelm Pfäffling war auch dabei. Einer
+der Realschüler hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen,
+indem er sich hinter der Straßenecke verbarg, dann rasch hervortrat,
+seinen Wurf tat und wieder hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die
+anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber wollten sie ihn aufs Korn
+nehmen. Es waren ihm einige tüchtige Schneeballen zugedacht, wurfbereit
+warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken ließe. Jetzt wurde
+eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war nicht
+der Realschüler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen
+flogen dicht an seinem Kopf vorüber, zwei trafen ihn ganz gleichmäßig
+auf die rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz
+für den Schnee!
+
+Herr Sekretär Floßmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und
+so schlecht empfangen wurde, stand still, warf böse Blicke und kräftige
+Worte nach den Jungen. Daß sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus
+Ungeschick geschehen, daß nun aber einige laut darüber lachten und
+dicht an ihm vorbei weiter warfen, das war Frechheit.
+
+Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehört, zu den frechen nicht.
+Nach Pfäfflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und
+erklärte das Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees
+abschütteln. Der Herr schien die Entschuldigung gelten zu lassen und
+Wilhelm ging nun seines Wegs nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Herr
+Sekretär Floßmann, als er ein paar Häuser weit gegangen war, einem
+Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und verlangte, er solle
+die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das war nun
+freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann
+kommen sahen, liefen auf und davon.
+
+Aber einen von Wilhelms Kameraden faßte er doch noch ab und fragte nach
+seinem Namen. Der zögerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der
+Kameraden war noch so nahe, um seine Antwort zu hören.
+
+"Also, dein Name," drängte der Schutzmann. "Wilhelm Pfäffling," lautete
+die Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde.
+
+"Die Wohnung?"
+
+"Frühlingsstraße."
+
+"Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir
+auf die Polizei willst." Er ließ sich's nicht zweimal sagen. Ein
+"Wilhelm" war er allerdings auch, aber kein Pfäffling. Baumann war sein
+Name.
+
+"Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfäffling
+schadet das nichts, der ist überall gut angeschrieben, aber bei mir ist
+das anders, wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heißt's:
+fort mit dir. Ich sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich
+aufgeschrieben werden sollte, der Pfäffling hat ebensogut geworfen wie
+ich."
+
+Ahnungslos und mit dem besten Gewissen saß am nächsten Abend unser
+Wilhelm an seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig
+zerstreuter als sonst, denn er hatte sich heute bemüht, seinen Frieder,
+mit der Harmonika in der Hand, abzuzeichnen, und da war Frieders
+Gesicht so ausgefallen, daß allen davor graute. Nun mußte er
+unwillkürlich auf seinem Fließblatt Studien machen über des kleinen
+Bruders gutmütiges Gesichtchen, das sich über die biblische Geschichte
+beugte, die vor ihm lag. Dazu kam, daß die Mutter und Elschen nicht am
+Stricken und Flicken saßen, wie sonst, sondern Zwetschgen und
+Birnenschnitze zurichteten zu dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor
+Weihnachten gebacken wurde. So waren Wilhelms Gedanken heute zwischen
+Weihnachten und Latein geteilt; er achtete gar nicht darauf, daß Herr
+Pfäffling eintrat und gerade hinter seinen Stuhl kam.
+
+"Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah
+überrascht auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick.
+"Was ist's, Vater?" fragte er.
+
+"Das frage ich dich," sagte Herr Pfäffling, "ein Polizeidiener war da
+und hat dich vorgeladen, für morgen, auf die Polizei. Was hast du
+angestellt?"
+
+"Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann
+doch nicht sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn
+getroffen haben, der gerade so ungeschickt daher gekommen ist?"
+
+"Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet
+ungeschickt geworfen haben. Könnt ihr nicht aufpassen?" rief Herr
+Pfäffling, und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt
+an des Vaters Hand, daß es klatschte.
+
+"Aber, Wilhelm," rief die Mutter und schob ihr Weihnachtsgeschäft
+beiseite, "warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf
+diesen Vorwurf versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein
+Möglichstes getan, daß man ihm glauben mußte. Die ganze
+Geschwisterschar fing nun an, aufzubegehren über den unguten Mann, der
+trotzdem auf der Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie zur Ruhe
+wies; sie wollte noch genau hören, wie die Sache sich zugetragen, und
+woher man seinen Namen gewußt habe. Das letztere konnte aber Wilhelm
+nicht erklären. "Muß ich denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um
+welche Zeit?"
+
+"Um 11 Uhr."
+
+"Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muß ich es
+dem Professor sagen, dann erfährt es der Rektor und schließlich kommt
+die Sache noch ins Zeugnis!"
+
+"Natürlich erfährt das der Rektor," sagte Herr Pfäffling, "die anderen
+sind jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!"
+
+Es war eine Weile still, jedes dachte über den Fall nach. "Könntest du
+nicht etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfäffling zu
+ihrem Mann, "und ein gutes Wort für ihn einlegen?"
+
+Herr Pfäffling überlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der
+Musikschule, da kann ich unmöglich fort. Das muß er schon allein
+ausfechten. Es kann ihm auch nicht viel geschehen, wenn es sich nur um
+einen Schneeballen an die Schulter handelt; war auch gewiß sonst gar
+nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum glauben!"
+
+"Gar nichts, als daß die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen
+haben, dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geärgert.
+Besonders der Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl."
+
+"Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heißt es mitgefangen,
+mitgehangen." Elschen drückte sich an die Mutter und sagte kläglich:
+"Jetzt wird Weihnachten gar nicht schön." Und es widersprach ihr
+niemand, für diesen Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude
+aus dem Hause gewichen.
+
+Noch spät abends, im Bett, flüsterten die beiden Schwestern zusammen,
+berieten, ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt würde,
+und als Anne eben im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und
+sagte: "Das ärgste ist mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der
+Polizei hört, dann kündigt er uns!"
+
+Da war es denn schon wieder in der Familie Pfäffling, das
+Schreckgespenst, die Kündigung!
+
+So bangen Herzens, wie am nächsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie
+auf den Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein
+Briefchen mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine
+Angst, ein Unrecht ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr
+doch angemerkt, wie unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte
+zufällig gehört, wie der Vater zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von
+vier Buben muß sich auf allerlei gefaßt machen."
+
+In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Übeltätern zu
+erkundigen. "Müßt ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die
+übrigen Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen!
+
+"Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu
+Baumann, "dich hat der Schutzmann aufgeschrieben."
+
+"Es ist nicht wahr."
+
+"Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Nähe und habe es
+deutlich gesehen."
+
+Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als
+der Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung
+seiner Schüler und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn
+Pfäfflings Brief reichte und er las, um was es sich handelte,
+erkundigte er sich gleich, ob noch mehrere vorgeladen seien, und als er
+hörte, daß Pfäffling der einzige sei, sagte er: "Dann möchte ich mir
+auch ausbitten, daß die anderen sich nicht darum kümmern. Es ist schon
+störend genug, daß einer vor Schluß der Stunde fort muß, gerade heute,
+wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird. Wer sich
+sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken
+zusammen!"
+
+So wurde äußerlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht
+zu bemerken, wie dem einen Schüler das Herz klopfte vor innerer
+Entrüstung, daß er allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen
+vor Angst darüber, daß sein Betrug an den Tag kommen würde.
+
+Kurz vor elf Uhr verließ Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors
+das Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten
+Gängen und auf der breiten Treppe, die nicht für so ein einzelnes
+Bürschlein berechnet war, sondern für einen Trupp fröhlicher Kameraden.
+Heute begleitete ihn keiner, den sauern Gang auf die Polizei mußte er
+ganz allein tun. Und nun betrat er das große Gebäude, in dem er ganz
+fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der Hand und las: Erster
+Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner kümmerte sich um
+ihn; vor mancher Zimmertüre standen Männer und Frauen und warteten. Nun
+war er bei Nr. 10, die übernächste Türe mußte die richtige sein, Nr.
+l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann—und das war Herr Pfäffling.
+
+"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze
+Qual, die Angst und die ganze Wonne der Erlösung. Herr Pfäffling faßte
+ihn bei Hand. "Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht,"
+sagte er, "jetzt komm nur schnell herein, daß wir bald fertig werden!"
+
+Im Zimmer Nr. 12 saß ein Polizeiamtmann.
+
+Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache:
+Wilhelm war angezeigt worden, weil er Herrn Sekretär Floßmann mit
+Schneeballen getroffen, darnach in frecher Weise gelacht und das
+Schneeballenwerfen in unmittelbarer Nähe fortgesetzt habe.
+
+"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann.
+
+"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber
+weiter nichts." Nun mischte sich Herr Pfäffling ins Gespräch: "Du hast
+mir erzählt, daß du dich ausdrücklich entschuldigt habest und sofort
+heimgegangen seiest." Da lächelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte
+wohl der Vater besänftigt werden, in Wahrheit verhielt sich's aber,
+nach der Aussage des Herrn Sekretärs und des Schutzmanns ganz anders,
+und Sie werden begreifen, daß ich diesen mehr Glauben schenke als dem
+Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des Herrn Sekretär
+Floßmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen eines
+Vergehens entschuldigt hat."
+
+"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfäffling, "daß sowohl Frechheit
+als Lüge auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich wäre sonst nicht
+mit ihm gekommen, sondern hätte mich seiner geschämt. Wäre es nicht
+möglich, den Herrn Sekretär oder den Schutzmann zu sprechen?"
+
+"Gewiß," sagte der Amtmann, "Herr Sekretär hat seine Kanzlei oben und
+der Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen
+Polizeidiener. "Bitten Sie Herrn Sekretär Floßmann, einen Augenblick zu
+kommen und rufen Sie den Schutzmann Schmidt herein."
+
+"Wir machen zwar gewöhnlich nicht so viel Umstände, wenn es sich um
+solch eine Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie
+es wünschen, können Sie von den beiden selbst hören, wie der Verlauf
+der Sache war."
+
+Ein paar Minuten später trat der Sekretär Floßmann und gleich darnach
+der Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen
+der Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte
+noch weiter sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretär Floßmann ins Wort,
+indem er sich an den Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn
+gerade _diesen_ Jungen aufgeschrieben, den einzigen, der sofort
+aufgehört hat zu werfen, und der sich in aller Form entschuldigt hat,
+der mir selbst noch den Schnee abgeschüttelt hat?" und indem er auf
+Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir zwei sind in
+aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte ich
+nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann ärgerlich an den
+Schutzmann: "Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie möglich
+gemacht?" Der rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfäffling,
+den ich aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein
+rotes Gesicht. Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?"
+
+"Nein, aber es heißt keiner Wilhelm Pfäffling außer mir."
+
+"Oho," sagte der Amtmann, "da kommt es auf eine falsche Namensangabe
+hinaus, das muß ein frecher Kamerad sein. Kannst du dir denken, wer dir
+den Streich gespielt hat?" fragte er Wilhelm. Der besann sich nicht
+lange. "Jawohl," sagte er, "es ist nur ein solcher Gauner in unserer
+Klasse."
+
+"Wie heißt er?" Da sah Wilhelm seinen Vater an und sagte zögernd: "Ich
+kann ihn doch nicht angeben?"
+
+"Nein," sagte Herr Pfäffling, "du weißt es ja doch nicht gewiß, und
+deine Menschenkenntnis ist nicht groß."
+
+"Den Schlingel finde ich schon selbst heraus, den erkenne ich wieder,"
+sagte der Schutzmann, "ich fasse ihn ab um 12 Uhr, wenn die Schule aus
+ist."
+
+Nun wandte sich der Amtmann an Herrn Pfäffling: "Ich bedaure das
+Versehen," sagte er, und Wilhelm entließ er mit den Worten: "Du kannst
+nun gehen, aber halte dich an bessere Kameraden und paß auf mit dem
+Schneeballenwerfen, in den Straßen ist das verboten, dazu habt ihr
+euren Schulhof!"
+
+Vater und Sohn verließen miteinander das Polizeigebäude. "O Vater,"
+rief Wilhelm, sobald sie allein waren, "wie bin ich so froh, daß du
+gekommen bist! Mir allein hätte der Polizeiamtmann nicht geglaubt."
+
+"Du hast dich auch nicht ordentlich verteidigt, hast ja nicht einmal
+erzählt, wie der Verlauf war. Bei uns zu Hause hast du deine Sache viel
+besser vorgebracht."
+
+"Mir geht das oft so, Vater, wenn ich spüre, daß man mir doch nicht
+glauben wird, dann mag ich gar nichts zu meiner Verteidigung sagen. Oft
+möchte ich etwas erzählen oder erklären, wie es gemeint war, dann denke
+ich: ihr haltet das doch nur für Schwindel und Ausreden, und dann
+schweige ich lieber."
+
+"Ich kenne das, Wilhelm, es kommt daher, weil es so wenig Menschen
+genau mit der Wahrheit nehmen, dann trauen sie auch den andern keine
+strenge Wahrhaftigkeit zu. Aber da darf man sich nicht einschüchtern
+lassen. Wer recht wahrhaftig ist, darf alles sagen und Glauben dafür
+fordern. Halte du es so, und wird dir etwas angezweifelt, so sage du
+ruhig zu demjenigen: 'Habe ich dich schon einmal angelogen?' Aber
+freilich mußt du sicher sein, daß er darauf 'nein' sagt."
+
+Die Beiden waren inzwischen dem Marktplatz nahe gekommen, wo ihre Wege
+auseinandergingen.
+
+"War es dir recht ungeschickt, Vater, aus der Probe wegzukommen?"
+fragte Wilhelm. "Höllisch ungeschickt!" sagte Herr Pfäffling, "ich
+mochte den Grund nicht angeben, ich sagte nur schnell den
+Nächstsitzenden etwas von Familienverhältnissen und lief davon; wer
+weiß, was sie sich gedacht haben. Der junge Lehrer wird mich inzwischen
+vertreten haben, so gut er es eben versteht."
+
+"Ich danke dir, Vater," sagte Wilhelm, als er sich trennte, und ganz
+gegen die Gewohnheit der Familie Pfäffling griff er rasch nach des
+Vaters Hand, küßte sie und lief davon.
+
+Als Herr Pfäffling zu der musikalischen Jugend zurückkam, sah er viele
+freundlich lächelnde Gesichter und dachte sich: Die haben es doch schon
+erfahren, daß du mit deinem Wilhelm auf der Polizei warst, es bleibt
+nichts verborgen. "Darf man gratulieren?" fragte ihn leise eine
+Bekannte, als er nahe an ihr vorbeiging. "Jawohl," sagte er, "es ist
+gut vorübergegangen." Nach ein paar Minuten war er mit vollem Eifer bei
+der Musik, und Wilhelm in gehobener Stimmung bei seinem griechischen
+Schriftsteller.
+
+"Dir ist es offenbar gnädig gegangen auf der Polizei," sagte der
+Professor nach der Stunde zu Wilhelm.
+
+"Ja, Herr Professor, es war eine Verwechslung, ich war gar nicht
+aufgeschrieben worden, ein anderer hat meinen Namen statt seinem
+angegeben."
+
+"Wer? Einer aus meiner Klasse?"
+
+"Wer das war, will der Schutzmann erst herausbringen," antwortete
+Wilhelm.
+
+Der Professor hatte kaum das Schulzimmer verlassen, als alle Kameraden
+sich um Wilhelm drängten und näheres erfahren wollten, auch Baumann war
+unter ihnen. Der eine, der schon am Morgen behauptet hatte, daß Baumann
+aufgeschrieben worden sei, sagte ihm frei ins Gesicht: "Du hast den
+falschen Namen angegeben." Da versuchte er nimmer zu leugnen, sondern
+fing an, sich zu entschuldigen: "Dem Pfäffling hat das doch nichts
+geschadet, für mich wäre es viel schlimmer gewesen. Du mußt mir's nicht
+übelnehmen, Pfäffling, ich habe ja vorher gewußt, daß dir das nichts
+macht."
+
+"So? frage einmal meinen Vater, ob ihm so etwas nichts macht?" rief
+Wilhelm, "du bist ein Tropf, ein Lügner, das sage ich dir; aber dem
+Polizeiamtmann habe ich dich nicht verraten. Wenn dich der Schutzmann
+nicht wieder erkennt, dann kann es ja wohl sein, daß du dich
+durchgeschwindelt hast." Nun sprang einer der Kameraden die Treppe
+hinunter, um zu sehen, ob ein Polizeidiener unten stehe. Richtig war es
+so. Da wurde verabredet, Baumann in die Mitte zu nehmen, einige Größere
+um ihn herum und dann in einem dichten Trupp die Treppe hinunter und
+bis um die nächste Straßenecke zu rennen. So geschah es. Die meisten
+Klassen des Gymnasiums hatten sich schon entleert; der Schutzmann stand
+lauernd am Tor. Da, plötzlich tauchte ein Trupp von Knaben auf und
+schoß an ihm vorbei, in solcher Geschwindigkeit, daß er auch nicht
+_ein_ Gesicht erkannt hatte. Ärgerlich ging er seiner Wege, aber hatte
+er den Übeltäter auch noch nicht fassen können, das war ihm jetzt
+sicher, daß er zu dieser Klasse gehörte, und er sollte ihm nicht
+entgehen.
+
+Wie war für Frau Pfäffling dieser Vormittag daheim so lang und so
+peinlich! Immer mußte sie an Wilhelm denken. 'Er hat gewiß nichts
+getan, was strafwürdig ist,' sagte sie sich und dann fragte sie sich
+wieder: 'warum ist er dann vorgeladen?' Gestern hatte sie in fröhlicher
+Stimmung alles vorbereitet für das Weihnachtsgebäck, heute hätte sie es
+am liebsten ganz beiseite gestellt, alle Lust dazu war weg. Sie mühte
+sich sonst so gern den ganzen Vormittag im Haushalt und dachte dabei:
+'Wenn Mann und Kinder heimkommen von fleißiger Arbeit, sollen sie es zu
+Hause gemütlich finden.' Aber wenn die Kinder nicht ihre Schuldigkeit
+taten, wenn sie draußen Unfug trieben, sollte man dann daheim Zeit und
+Geld für sie verwenden?
+
+In dieser Stimmung sah Frau Pfäffling diesen Morgen manches, was ihr
+nicht gefiel. Im Bubenzimmer lagen Hausschuhe, nur so leichthin unter
+das Bett geschleudert; häßlich niedergetreten waren sie auch, wie oft
+hatte sie das schon verboten! Im Wohnzimmer lag ein Brief, den hätten
+die Kinder mit zum Schalter nehmen sollen, alle sechs hatten sie ihn
+sehen müssen, alle sechs hatten ihn liegen lassen, sogar Marianne, die
+doch als Mädchen allmählich ein wenig selbst daran denken sollten, ob
+nichts zu besorgen wäre! Das waren lauter Pflichtversäumnisse, und wer
+daheim die Hausgesetze nicht beachtete, der konnte leicht auch draußen
+gegen die Ordnung verstoßen. Aber freilich müßte die Mutter ihre Kinder
+fester dazu anhalten, strenger erziehen, als sie es tat! Sie selbst war
+schuld.
+
+Elschen, die nicht wußte oder nimmer daran dachte, was die Mutter heute
+bedrückte, kam in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung herbeigesprungen.
+Walburg hatte ihr die Teigschüssel ausscharren lassen. "Mutter," rief
+die Kleine, "die Backröhre ist schon geheizt!" Aber die Mutter hatte
+heute einen unglückseligen Blick. An dem ganzen kleinen Liebling sah
+sie nichts als drei Streifen, Spuren von Teig an der Schürze.
+
+"Else, dahin hast du deine Finger gewischt," sagte sie mit ungewohnter
+Strenge, "gestern erst habe ich dir gesagt, du sollst deine Hände
+waschen, und nicht an die Schürze wischen," und sie patschte fest auf
+die kleinen Hände. Das Kind zog leise weinend ab, und die Mutter sagte
+sich vorwurfsvoll: 'Deine Kinder sind alle unfolgsam!' Darnach ging sie
+aber doch zum Backen in die Küche, das angefangene mußte trotz allem
+vollendet werden. Sie wollte den Schlüssel zum Küchenschrank mit
+hinausnehmen, fand ihn nicht gleich und dachte bekümmert: 'Wo die
+Hausfrau selbst ihre Ordnung nicht einhält, muß freilich die ganze
+Wirtschaft herunterkommen!' In dieser schwarzsichtigen Stimmung
+vergingen ihr langsam die Stunden, und gegen Mittag sah sie in
+ängstlicher Spannung nach den Kindern aus. Diese hatten sich alle auf
+dem Heimweg zusammengefunden und in der Frühlingsstraße holte auch Herr
+Pfäffling sie ein. Die Losung war nun: "Nur schnell heim zur Mutter,
+sie allein ist noch in Angst, hat keine Ahnung, wie gut sich alles
+gelöst hat. Wie wird sie sorgen und warten, wie wird sie sich freuen!"
+
+Aber nicht nur Frau Pfäffling paßte auf die eilig Heimkehrenden, auch
+Frau Hartwig sah heute Mittag nach ihnen aus, freilich aus einem ganz
+andern Grund. Sie hatte diesen Morgen an die Haustüre einen großen
+Bogen Papier genagelt, auf dem mit handgroßen roten Buchstaben
+geschrieben stand:
+
+Man bittet die Türe zu schließen!
+
+
+Darüber lachte ihr Mann sie aus und versicherte, es würde gar nichts
+helfen, die Pfäfflinge würden die Türe offen stehen lassen.
+
+Die Hausfrau nahm ihre Mietsleute in Schutz. "Sie sind viel
+ordentlicher, als du denkst. Wilhelm und Otto sind ja ein wenig
+flüchtig, aber Karl ist immer aufmerksam und auch die Mädchen sind
+manierlich; der kleine Frieder sogar wird zumachen, wenn er hört, daß
+es mich sonst friert. Du wirst sehen, die Haustüre wird geschlossen."
+
+Um das zu beobachten stand nun die Hausfrau am Fenster, sah wie die
+Familie Pfäffling sieben Mann hoch heim kam—eifriger sprechend als
+sonst, hörte sie die Treppe hinauf gehen—noch flinker als gewöhnlich,
+ging dann hinaus, um nachzusehen und fand die Haustüre offen stehend,
+so weit sie nur aufging.
+
+Kopfschüttelnd schloß sie selbst die Türe. Aber sie verlor nicht den
+guten Glauben an ihre Mietsleute. Sie hatte ihnen ja wohl angemerkt,
+daß heute etwas besonderes los war.
+
+Im Zimmer fragte Herr Hartwig: "Nun, wer hat denn zugemacht?" Etwas
+kleinlaut erwiderte sie: "Zugemacht habe ich."
+
+Droben herrschte nach überstandener Angst große Freude; auch Frau
+Pfäffling war es wieder leicht ums Herz, glücklich und dankbar saß die
+ganze Familie am Essen. Aber doch—zwischen Suppe und Fleisch—sagte die
+Mutter: "Marianne, warum habt ihr den Brief nicht in den Schalter
+geworfen?"
+
+"Vergessen!"
+
+"So geht jetzt und besorgt ihn."
+
+"Aber doch _nach_ dem Essen?" fragte fast einstimmig der Kinderchor.
+
+"Nein, nein, eben zwischen hinein, damit ihr es merkt. Ich kann euch
+nicht helfen, ich hätte gar kein gutes Gewissen, wenn ich es nicht
+verlangte." Da widersprach niemand mehr, die Mutter konnte man sich
+nicht mit schlechtem Gewissen vorstellen. Die Mädchen gingen mit dem
+Brief, Herr Pfäffling sah seine Frau verwundert an.
+
+Sie ging nach Tisch mit ihm in sein Zimmer. Da sagte sie ihm, wie
+schwer es ihr den ganzen Vormittag zumute gewesen sei, und es kamen ihr
+fast jetzt noch die Tränen. Sie sprachen lange miteinander, dann kehrte
+Herr Pfäffling in das Wohnzimmer zurück, wo die Großen noch beisammen
+waren.
+
+"Hört, ich möchte euch dreierlei sagen: Erstens: sorgt jetzt, daß vor
+Weihnachten nichts mehr vorkommt, gar nichts mehr, denn bis man weiß,
+wie die Sachen hinausgehen, sind sie doch recht unangenehm, besonders
+für die Mutter. Zweitens: Sagt dem Baumann: er solle sich bei Herrn
+Sekretär Floßmann entschuldigen, sonst werde es schlimm für ihn
+ausgehen. Drittens: Walburg soll eine Tasse Kaffee für die Mutter
+machen, es wird ihr gut tun, oder zwei Tassen."
+
+Einer von Herrn Pfäfflings guten Ratschlägen konnte nicht ausgeführt
+werden, denn Wilhelm Baumann wurde noch an diesem Nachmittag aus der
+Schule weg und auf die Polizei geholt und war von da an aus dem
+Gymnasium ausgewiesen.
+
+Am Abend überbrachte ein Dienstmädchen einen schönen Blumenstock—eine
+Musikschülerin ließ Frau Pfäffling gratulieren.
+
+"Ich werde morgen hinkommen und mich bedanken," ließ Herr Pfäffling
+sagen.
+
+Ja, es gibt allerlei Freuden, zu denen man gratulieren kann! Warum
+nicht auch, wenn ein unschuldig Verklagter freigesprochen wird? Oder
+war etwas anderes gemeint?
+
+
+
+
+6. Kapitel
+Am kürzesten Tag.
+
+
+Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Um dieselbe
+Tageszeit, wo im Hochsommer die Sonne schon seit fünf Stunden am Himmel
+steht, saß man heute noch bei der Lampe am Frühstückstisch, und als
+diese endlich ausgeblasen wurde, war es noch trüb und dämmerig in den
+Häusern. Allmählich aber hellte es sich auf und die Sonne, wenn sie
+gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch ihre schrägen Strahlen
+den Menschenkindern, die heute so besonders geschäftig durcheinander
+wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich der
+Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Jedermann wollte die
+wenigen hellen Stunden benützen, um Einkäufe zu machen. Wieviel Gänse
+und Hasen wurden da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbäume!
+Auf den Plätzen der Stadt standen sie ausgestellt, die Fichten und
+Tannen, von den kleinsten bis zu den großen stattlichen, die bestimmt
+waren, Kirchen oder Säle zu beleuchten.
+
+Mitten zwischen diesen Bäumen, von ihrem weihnächtlichen Duft und
+Anblick ganz hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser
+kleiner Frieder. Er hatte für den Vater etwas in der Musikalienhandlung
+besorgt, kam nun heimwärts über den Christbaummarkt und konnte sich
+nicht trennen. Nun stand er vor einem Bäumchen, nicht größer als er
+selbst, saftig grün und buschig. Sie mochten vielleicht gleich alt
+sein, dieser Bub und dies Bäumchen und sahen beide so rundlich und
+kindlich aus. Sie standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet und
+wie wenn sie zusammen gehörten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum.
+
+"Du! dich meine ich, hörst du denn gar nichts; _so_ wirst du nicht viel
+verdienen!" sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand
+legte sich von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus
+einem Traum, wandte sich und sah sich zwei Frauen gegenüber. Die ihn
+angerufen hatte, war eine große, derbe Person, eine Verkäuferin. Die
+andere eine Dame mit Pelz und Schleier. "Pack an, Kleiner, du sollst
+der Dame den Baum heimtragen, du weißt doch die Luisenstraße?" sagte
+die Frau und legte ihm den Baum über die Schulter.
+
+"Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?" fragte
+die Dame.
+
+"O bewahre," meinte die Händlerin, "der hat schon ganz andere Bäume
+geschleppt, sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm
+heim gehen." "Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller," sagte die Dame.
+"Sieh, auf diesem Papier ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur
+nicht auf, daß dich's nicht in die Hände friert." Da Frieder immer noch
+unbeweglich stand, gab ihm die Verkäuferin einen kleinen Anstoß in der
+Richtung, die er einzuschlagen hatte.
+
+Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der
+andern, trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, daß
+er mehr aus Mißverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wußte es
+aber nicht gewiß. Die Damen konnten die Bäume nicht selbst tragen, so
+mußten eben die Buben helfen. Er sah manche mit Christbäumen laufen,
+freilich meist größere. Er war eigentlich stolz, daß man ihm einen
+Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt nur die Brüder begegnet
+wären oder gar der Vater!
+
+Wie die Zweige ihn so komisch am Hals kitzelten, wie ihm der Duft in
+die Nase stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der
+Baum, obwohl er nicht groß war, unbarmherzig auf die Schulter, man
+mußte ihn oft von der einen auf die andere legen, und bei solch einem
+Wechsel entglitt ihm das Papierchen mit der Adresse und flatterte zu
+Boden, ohne daß die steife, von der Kälte erstarrte Hand es empfunden
+hätte. Nun schmerzten ihn die beiden Schultern, er trug den Baum frei
+mit beiden Händen. Aber da wurde Frieder hart angefahren von einem
+Mann, der ihm entgegen kam: "Du, du stichst ja den Menschen die Augen
+aus, halte doch deinen Baum hinter dich, so!" und der Vorübergehende
+schob ihm den Baum unter den Arm. Nach kürzester Zeit kam von hinten
+eine Stimme: "Du, Kleiner, du kehrst ja die Straße mit deinem
+Christbaum, halte doch deinen Baum hoch!" Ach, das war eine schwierige
+Sache! Aber nun war auch die Luisenstraße glücklich erreicht. Freilich,
+die Adresse war abhanden gekommen, aber Frieder hatte sich das
+wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43 und im zweiten Stock und bei einer
+Frau Doktor, das mußte nicht schwer zu finden sein. In Nr. 42a wollte
+niemand etwas von dem Baum wissen, aber in Nr. 42b bekam Frieder guten
+Bescheid, das Dienstmädchen wußte es ganz gewiß, der Baum gehörte nach
+Nr. 47, die Dame war zugleich mit ihr auf dem Markt gewesen und hatte
+einen Baum gekauft. Also nach Nr. 47. Als man ihm dort seinen Baum
+wieder nicht abnehmen wollte, kamen ihm die Tränen, und eine mitleidige
+Frau hieß ihn sich ein wenig auf die Treppe setzen, um auszuruhen.
+
+"In der Luisenstraße wohnt nur _ein_ Doktor," sagte sie, "und das ist
+Dr. Weber in Nr. 24, bei dem mußt du fragen." Unser Frieder hätte nun
+lieber in Nr. 43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei
+die richtige Nummer, aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als
+sich selbst, und so folgte er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43
+vorbei bis an Nr. 24 und hörte dort von dem Dienstmädchen der Frau Dr.
+Weber, sie hätten längst einen Baum und einen viel schöneren und
+größeren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Tränen herunter, und als
+er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz klar, wo er
+jetzt hingehen wollte—heim zur Mutter. Es mußte ja schon spät sein,
+vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die
+Mutter Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es dürfe nichts, gar
+nichts mehr vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim!
+
+Und es war wirklich höchste Zeit.
+
+Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun
+aber Marie und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen:
+"Frieder hat versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen
+Vormittag weggeblieben!"
+
+"Er ist gewiß schon längst bei den Brüdern, im Hof, auf der Schleife.
+Sieh einmal nach ihm," sagten die Schwestern.
+
+Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu
+ängstigen, nicht sowohl für den kleinen Bruder—was sollte dem
+zugestoßen sein—, aber wenn er nicht zu Mittag käme, würden sich die
+Eltern sorgen und darüber ärgern, daß doch wieder etwas vorgekommen
+sei. "Er wird doch kommen bis zum Essen," sagten sie zueinander und,
+als nun die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von allerlei, nur
+nicht von Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater heim,
+fröhlich und guter Dinge und fragte gleich: "Ist das Essen schon
+fertig?"
+
+"Es ist noch nicht halb ein Uhr," entgegnete Karl, der die Frage gehört
+hatte. "Es wird gleich schlagen," meinte der Vater, ging aber doch noch
+in sein Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: "Wenn man
+nur das Essen ein wenig verzögern könnte," sagte Karl.
+
+"Das will ich machen," flüsterte Marie, ging in die Küche, zog Walburg
+zu sich und rief ihr dann ins Ohr: "Frieder ist noch nicht daheim, der
+Vater wird so zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht
+machen, daß man später ißt?" Walburg nickte freundlich, ging an den
+Herd, deckte ihre Töpfe auf und sagte dann: "Du kannst der Mutter
+sagen, den Linsen täte es gut, wenn sie noch eine Weile kochen
+dürften." Da sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs Ausspruch ging
+von Mund zu Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die Linsen
+ganz hart.
+
+"So?" sagte sie verwundert, "mir kamen sie weich vor, aber wir können
+ja noch ein wenig mit dem Essen warten."
+
+"Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht," sagten die
+Kinder.
+
+So vergingen fünf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er
+es nur mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf,
+und bei seinem Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau
+Pfäffling merkte jetzt, daß etwas nicht in Ordnung war und ging auch
+hinaus. Da stand Frieder ganz außer Atem, mit glühenden Backen, den
+Christbaum auf der Schulter und fragte ängstlich: "Ißt man schon?"
+
+Als er aber hörte, daß die Mutter ihn nicht vermißt hatte, und sah, wie
+man seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: "Stell
+ihn nur ab, du glühst ja ganz," da wurde ihm wieder leicht ums Herz.
+Sie meinten alle, der Christbaum gehöre Frieder. "Nein, nein," sagte
+dieser, "ich muß ihn einer Frau bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie
+heißt und wo sie wohnt." Da lachten sie ihn aus und wollten alles genau
+hören, auch Herr Pfäffling war hinzu gekommen und hörte von Frieders
+Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Nun komm nur zu Tisch, du
+kleines Dummerle, du!"
+
+Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte,
+läßt sich denken.
+
+Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner
+rechtmäßigen Besitzerin bringen könne. "Einer von euch Großen muß mit
+Frieder gehen, ihm helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfäffling.
+
+"Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus
+zu Haus laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen,"
+entgegnete Karl.
+
+"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem würde
+ich mich schämen."
+
+"So, so," sagte Herr Pfäffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß
+wohl ich meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der
+Ecke stand, hob ihn frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte
+spassend: "So werde ich durch die Luisenstraße ziehen, eine Schelle
+nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum gehört, der soll sich melden.'"
+
+"Ich denke doch," sagte Frau Pfäffling, "einer von unseren dreien wird
+so gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein
+Kamerad denken sollte, daß er für andere Leute Gänge macht." Sie
+schwiegen aber. Da setzte Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte
+sehr ernst: "Kinder, fangt nur das gar nicht an, daß ihr meint: dies
+oder jenes paßt sich nicht, das könnten die Kameraden schlecht
+auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs
+Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf
+Meier ab."
+
+Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit
+Hilfe dessen und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der
+Baum in die Luisenstraße Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte.
+
+Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir
+nichts daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich hätte gar nicht
+gedacht, daß es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet."
+
+"Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir
+ein Trinkgeld gibt," sagte Karl.
+
+"Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen
+Pfennig mehr."
+
+Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins
+Zimmer kam und sagte: "Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum
+so lang bleibt, tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit,
+deinem alten Mantel schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt."
+
+Diesem bestimmten Befehl gegenüber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto
+mußte sich bequemen, Frieder zu begleiten.
+
+Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstraße gekommen,
+als Otto plötzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und
+sagte: "Da vornen kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich
+aus, wenn sie meinen, ich müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück
+kannst du doch den Baum selbst tragen? Und kannst dich auch selbst
+entschuldigen, nicht?"
+
+"Gut kann ich," sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach
+war das nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: "Dr.
+Heller", das stimmte alles ganz gut mit dem Adreßbuch und oben im
+zweiten Stock stand noch einmal der Name. Diesmal war Frieder an der
+rechten Türe.
+
+Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein
+wenig mit ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht früher als
+Frieder nach Hause kommen. Als er sich endlich entschloß, heim zu
+gehen, war es ihm nicht behaglich zumute; es reute ihn doch, daß er den
+Kleinen zuletzt noch im Stich gelassen hatte. In der Frühlingsstraße
+wollte er mit dem Bruder wieder zusammentreffen. Er wartete eine Weile
+vergeblich auf ihn, dann ging ihm die Geduld aus, vermutlich war
+Frieder schon längst daheim. Er hoffte ihn oben zu finden, aber es war
+nicht so, das konnte er gleich daran merken, daß er von allen Seiten
+gefragt wurde: wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun mußte er freilich
+erzählen, daß er nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 den Baum
+getragen, und dann mit einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hörte
+man auch schon wieder jemand vor der Glastüre, das konnte Frieder sein,
+und dann war ja die Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der
+kleine Unglücksmensch und hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie
+trauten ihren Augen kaum. "Ja Frieder, hast du denn die Wohnung nicht
+gefunden?" riefen sie fast alle zugleich. Da zuckte es um seinen Mund,
+er würgte an den Tränen, die kommen wollten, und preßte hervor:
+"Neunmal geklingelt, niemand zu Haus!" Sie waren nun alle voll Mitleid,
+aber sie konnten auch nicht verstehen, warum er nicht oben oder unten
+bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hatte er eben gar
+nicht gedacht. "Deshalb gibt man solch einem kleinen Dummerle einen
+größeren Bruder mit," sagte Frau Pfäffling, "aber wenn der freilich so
+treulos ist und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten."
+
+"Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht," rief Wilhelm, "ich gehe mit
+dem Baum und das dürft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr
+zurück," und flink faßte er den Christbaum, der freilich schon ein
+wenig von seiner Schönheit eingebüßt hatte, und sprang leichtfüßig
+davon.
+
+In der Luisenstraße Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und
+sofort rief das Dienstmädchen: "Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch
+noch!" Eine lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: "Wo
+bist du denn so lang geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar
+nicht, dir habe ich keinen Baum zu tragen gegeben, der gehört nicht
+mir."
+
+Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen
+jungen Pfäfflingen gemacht hatte.
+
+"Der Kleine dauert mich," sagte die junge Frau. "Das zweite Mal, als er
+kam, war ich wohl mit meinem Mädchen wieder auf dem Markt, ich habe
+nämlich nicht gedacht, daß er noch kommt, und habe einen andern geholt,
+ich brauche ihn schon heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da
+konnte ich nicht warten. Was mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr
+wohl schon einen zu Haus? Ich würde euch den gern schenken."
+
+"Wir haben noch keinen," sagte Wilhelm.
+
+"Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten
+kleinen Dicken, der so viel Not gehabt hat, möchte ich noch einen
+Lebkuchen schicken, den bringst du ihm, nicht wahr?"
+
+Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnügt mit
+seinem Baum heimwärts.
+
+Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter
+angezündet, als Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe
+geraubt hatten, kamen eilig mit derselben herbei, als Wilhelm
+klingelte, und ließen sie vor Schreck fast aus der Hand fallen, als sie
+den Baum sahen. "Der Baum kommt wieder!" schrien die Mädchen ins
+Zimmer. "Unmöglich!" rief die Mutter. "Ja doch," sagte Karl, "der Baum,
+der unglückselige Baum!" "Gelt," rief Frieder, "es wird nicht
+aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt!"
+
+Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab
+ihn Frieder: "Der ist für dich von deiner Frau Dr. Heller, und der
+Baum, Mutter, der gehört uns, ganz umsonst!" Als Herr Pfäffling heim
+kam, ergötzte er sich an der Kinder Erzählung von dem Christbaum, aber
+er merkte, daß es Otto nicht recht wohl war bei der Sache, und wollte
+sie eben deshalb genauer hören. "Also so hat sich's verhalten," sagte
+er schließlich, "vor dem Lachen der Kameraden hast du dich so
+gefürchtet, daß du den Bruder und den Baum im Stich gelassen hast? Dann
+heiße ich dich einen Feigling!"
+
+Weiter wurde nichts mehr über die Sache gesprochen, aber dies eine Wort
+"Feigling", vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das
+brannte und schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu
+vergessen. Es war auch am nächsten Morgen, an dem vierten
+Adventssonntag, Ottos erster Gedanke. Es trieb ihn um, er konnte dem
+Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen. Da trachtete er, mit der
+Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, daß er ihr nachging, und
+ließ sich allein finden, in dem Bubenzimmer. "Mutter," sagte er, "ich
+kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich ihn
+um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er hält mich doch für
+feig."
+
+"Ja, Otto, er muß dich dafür halten, denn du bist es gewesen und zwar
+schon manchmal in dieser Art. Immer abhängig davon, wie die anderen
+über dich urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft
+nur ankämpfen gegen die Feigheit, Beweise liefern, daß du auch tapfer
+sein kannst."
+
+Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurückkehrten,
+fehlte Otto. Er kam eine ganze Stunde später heim und dann suchte er
+zuerst den Vater in dessen Zimmer auf. Herr Pfäffling sah von seinen
+Musikalien auf. "Willst du etwas?"
+
+"Ja, dich bitten, Vater, daß du das Wort zurücknimmst. Du weißt schon
+welches. Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt
+gestanden und habe dann für jemand einen Baum heimgetragen. Drei von
+meiner Klasse haben es gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld,
+die ich bekommen habe." Da sah Herr Pfäffling mit fröhlichem, warmem
+Blick auf seinen Jungen und sagte: "Es gibt allerlei Heldentum, das war
+auch eines; nein, Kind, du bist doch kein Feigling!"
+
+
+
+
+7. Kapitel
+Immer noch nicht Weihnachten.
+
+
+Der letzte Schultag vor Weihnachten war gekommen. Wer sich von der
+Familie Pfäffling am meisten freute auf den Schulschluß, das war gerade
+das einzige Glied derselben, das noch nicht zur Schule ging, das
+Elschen. Ihr war die Schule die alte Feindin, die ihr, solange sie
+zurückdenken konnte, alle Geschwister entzog, die unbarmherzig die
+schönsten Spiele unterbrach, die ihre dunkeln Schatten in Gestalt von
+Aufgaben über die ganzen Abende warf und die auch heute schuld war, daß
+die Geschwister, statt von Weihnachten, nur von den Schulzeugnissen
+redeten, die sie bekommen würden.
+
+Sie saßen jetzt beim Frühstück, aber es wurde hastig eingenommen, die
+Schulbücher lagen schon bereit, und gar nichts deutete darauf hin, daß
+morgen der heilige Abend sein sollte. Die Kleine wurde ganz ungeduldig
+und mißmutig. "Vater," sagte sie aus dieser Stimmung heraus, "gibt es
+gar kein Land auf der ganzen Welt, wo keine Schule ist?"
+
+"O doch," antwortete Herr Pfäffling, "in der Wüste Sahara zum Beispiel
+ist zurzeit noch keine eröffnet."
+
+"Da mußt du Musiklehrer werden, Vater," rief die Kleine ganz energisch.
+Aber da alle nur lachten, sogar Frieder, merkte sie, daß der Vorschlag
+nichts taugte, und sie sah wieder, daß gegen die Schule ein für allemal
+nichts zu machen war.
+
+Heute sollte sie das besonders bitter empfinden. Als sie nach der
+letzten Schulstunde den großen Brüdern fröhlich entgegenkam, wurde sie
+nur so beiseite geschoben; die Drei waren in eifrigem, aber leise
+geführtem Gespräch und verschwanden miteinander in ihrem Schlafzimmer.
+Es waren nämlich die Zeugnisse ausgeteilt worden, und da zeigte es
+sich, daß Wilhelm in der Mathematik die Note "4" bekommen hatte, die
+geringste Note, die gegeben wurde. Das war noch nie dagewesen, die Zahl
+4 war bisher in keinem Zeugnisheft der jungen Pfäfflinge vorgekommen.
+"So dumm sieht der Vierer aus," sagte Wilhelm, "was hilft es mich, daß
+ein paar Zweier sind, wo das letztemal Dreier waren, der Vater sieht
+doch auf den ersten Blick den Vierer."
+
+"Ja," sagte Karl, "gerade so wie unser Professor auch in der schönsten
+Reinschrift immer nur die eine Stelle sieht, wo etwas korrigiert ist."
+
+"Wenn wir es nur einrichten könnten, daß wir die Zeugnishefte erst nach
+Weihnachten zeigen müßten. Meint ihr, das geht?"
+
+"Nein," sagte Karl, "man hat sonst jeden Tag Angst, daß der Vater
+darnach fragt. Aber es kann freilich die Freude verderben; hättest du
+es nicht wenigstens zu einem schlechten Dreier bringen können?"
+
+Wilhelm blieb darauf die Antwort schuldig. Die Schwestern waren
+inzwischen auch mit ihren Zeugnissen heimgekommen und suchten die
+Brüder auf. Marie warf nur einen Blick auf die Gruppe, dann sagte sie:
+"Gelt, ihr seid schlecht weggekommen?" und da keine Antwort erfolgte,
+fuhr sie fort: "Unsere Zeugnisse sind gut, besser als das letztemal,
+und der Frieder hat auch gute Noten. Dann wird der Vater schon
+zufrieden sein."
+
+"Nein," sagte Wilhelm, "er wird nur meinen Vierer sehen."
+
+"O, ein Vierer?" "O weh!" riefen die Schwestern.
+
+"So jammert doch nicht so," rief Wilhelm, "sagt lieber, was man machen
+soll, daß der Vater die Zeugnisse vor Weihnachten nicht ansieht?"
+
+Sie berieten und besannen sich eine Weile, ein Wort gab das andere und
+zuletzt wurde beschlossen, die Noten sollten alle zusammengezählt und
+dann die Durchschnittsnote daraus berechnet werden. Diese mußte, trotz
+des fatalen Vierers, ganz gut lauten, so daß die Eltern wohl befriedigt
+sein konnten. Die Mutter hatte überdies selten Zeit, die Heftchen
+anzusehen, und dem Vater wollte man die schöne Durchschnittsnote in
+einem geschickten Augenblick mitteilen, dann würde er nicht weiter
+nachfragen; erst nach Neujahr mußten die Zeugnisse unterschrieben
+werden, bis dahin hatte es ja noch lange Zeit, so weit hinaus sorgte
+man nicht. Wilhelm war sehr vergnügt über den Gedanken, Otto, der das
+beste Zeugnis hatte, war zwar weniger damit einverstanden, wurde aber
+überstimmt, und sie machten sich nun an die Durchschnittsberechnung.
+
+Wilhelm holte Frieder herbei, der hatte der Mutter schon sein Zeugnis
+gezeigt, nun wurde es ihm von den Brüdern abgenommen. "Seht nur," sagte
+Wilhelm, "wie der sich diesmal hinaufgemacht hat!"
+
+"Dafür kann ich nichts," sagte Frieder, "die Mutter sagt, das kommt nur
+von der Harmonika. Wahrscheinlich, wenn ich eine neue zu Weihnachten
+bekomme, werden die Noten wieder schlechter. Gibst du mir mein Heft
+wieder, Karl?"
+
+"Nein, das brauchen wir noch, sei nur still, daß ich rechnen kann."
+
+"Geh lieber hinaus, Frieder," sagte Marie mütterlich, "das Elschen hat
+sich so gefreut auf dich," und sie schob den Kleinen zur Türe hinaus.
+
+Es ergab sich eine gute Durchschnittsnote, und Marie wollte es
+übernehmen, sie dem Vater so geschickt mitzuteilen, daß er gewiß nicht
+nach den Heften fragen würde. Sie wartete den Augenblick ab, wo Herr
+Pfäffling sich richtete, um zum letztenmal vor dem Fest in das
+Zentralhotel zu gehen. An seinen raschen Bewegungen bemerkte sie, daß
+er in Eile war. "Vater," sagte sie, "wir haben alle unsere Zeugnisse
+bekommen und die Noten zusammengezählt. Dann hat Karl berechnet, was
+wir für eine Durchschnittsnote haben, weißt du, was da herausgekommen
+ist? Magst du raten, Vater?"
+
+"Ich kann mich nicht mehr aufhalten, ich muß fort, aber hören möchte
+ich es doch noch gerne, eine Durchschnittsnote von allen Sechsen? Zwei
+bis drei vielleicht?"
+
+"Nein, denke nur, Vater, eins bis zwei, ist das nicht gut?"
+
+"Recht gut," sagte Herr Pfäffling; er hatte nun schon den Hut auf und
+Marie bemerkte noch schnell unter der Türe: "Die Zeugnisheftchen will
+ich alle in der Mutter Schreibtisch legen, daß du sie dann einmal
+unterschreiben kannst." "Ja, hebe sie nur gut auf," rief Herr Pfäffling
+noch von der Treppe herauf.
+
+Die kleine List war gelungen, die Heftchen wurden sehr sorgfältig, aber
+sehr weit hinten im Schreibtisch geborgen; ungesucht würden sie da
+niemand in die Hände fallen.
+
+Herr Pfäffling freute sich jedesmal auf die Stunden im Zentralhotel,
+denn es war dort mehr ein gemeinsames Musizieren als ein Unterrichten
+und so betrat er auch heute in fröhlicher Stimmung das Hotel. Diesmal
+stand die große Flügeltüre des untern Saales weit offen, Tapezierer
+waren beschäftigt, die Wände zu dekorieren, der Besitzer des Hotels
+stand mitten unter den Handwerksleuten und erteilte ruhig und bestimmt
+seine Befehle. "Das ist auch ein General," dachte Herr Pfäffling,
+nachdem er einige Augenblicke zugesehen hatte. Große Tätigkeit
+herrschte in den untern Räumen. An der angelehnten Türe des
+Speisezimmers stand ein kleiner Kellner, die Serviette über dem Arm,
+einige Flaschen in der Hand und sah zu, wie eben zwei hohe Tannenbäume
+in den Saal getragen wurden. Aber plötzlich fuhr der kleine Bursche
+zusammen, denn hinter ihm ertönte eine scheltende Stimme: "Was stehst
+du da und hast Maulaffen feil, mach daß du an dein Geschäft gehst!" Es
+war Rudolf Meier, der den Säumigen so anfuhr. Als er Herrn Pfäffling
+gewahrte, grüßte er sehr artig und sagte: "Man hat seine Not mit den
+Leuten, heutzutage taugt das Pack nicht viel." Eine Antwort erhielt
+Rudolf nicht auf seine Rede, ohne ein Wort ging Herr Pfäffling an ihm
+vorbei, die Treppe hinauf.
+
+Rudolf sah ihm nachdenklich nach. Es kam ihm öfters vor, daß er auf
+seine verständigsten Reden keine Antwort bekam, und zwar gerade von den
+Leuten, die er hoch stellte. Andere rühmten ihn ja oft und sagten ihm,
+er spreche so klug wie sein Vater; ob wohl solche Leute, wie Herr
+Pfäffling noch größere Ansprüche machten? Rudolf stellte sich die
+Brüder Pfäffling vor. Wie kindisch waren sie doch im Vergleich mit ihm,
+sogar Karl, der älteste; diesen Unterschied mußte ihr Vater doch
+empfinden, es mußte ihm doch imponieren, daß er schon so viel weiter
+war! Der kleine Kellner konnte es wohl noch bemerkt haben, wie
+geringschätzig Herr Pfäffling an ihm vorübergegangen war: so etwas
+erzählten sich dann die Dienstboten untereinander und spotteten über
+ihn, das wußte er wohl. Ja, er hatte keine leichte Stellung im Haus.
+
+Indessen war Herr Pfäffling die ihm längst vertraute Treppe
+hinaufgesprungen. Droben empfing ihn schon das flotte Geigenspiel
+seiner Schüler, und nun wurde noch einmal vor Weihnachten ausgiebig
+musiziert.
+
+"Es wird ein Ball im Hotel arrangiert zur Weihnachtsfeier," erzählte
+ihm die Generalin am Schluß der Stunde, "es soll sehr schön werden."
+
+"Ja," sagte der General, "der Hotelier gibt sich alle Mühe, seinen
+Gästen viel zu bieten, er ist ein tüchtiger Mann und versteht sein
+Geschäft ausgezeichnet, aber sein Sohn _spricht_ nur von Arbeit und tut
+selbst keine! Der Sohn wird nichts."
+
+Als Herr Pfäffling sich für die Weihnachtsferien verabschiedet hatte
+und hinausging, sah er am Fenster des Korridors eben _den_ Sohn stehen,
+über den einen Augenblick vorher das vernichtende Urteil gefällt war:
+"Er wird nichts." Kann es ein traurigeres Wort geben einem jungen
+Menschenkind gegenüber? Herr Pfäffling konnte diesmal nicht
+teilnahmslos an ihm vorübergehen. Rudolf Meier stand auch nicht
+zufällig da. Er wußte vielleicht selbst nicht genau, was ihn hertrieb.
+Es war das Bedürfnis, sich Achtung zu verschaffen von diesem Mann. Ein
+anderes Mittel hiezu kannte er nicht, als seine eigenen Leitungen zur
+Sprache zu bringen.
+
+"Wünsche fröhliche Feiertage," redete er Herrn Pfäffling an. "Für
+andere Menschen beginnen ja nun die Ferien, für uns bringt so ein Fest
+nur Arbeit."
+
+Herr Pfäffling blieb stehen. "Ja," sagte er, "ich sehe, daß Ihr Vater
+sehr viel zu tun hat, aber wenn die Gäste versorgt sind, haben Sie doch
+wohl auch Ihre Familienfeier, Ihre Weihnachtsbescherung?"
+
+"Ne, das gibt es bei uns nicht. Früher war das ja so, als ich klein war
+und meine Mutter noch lebte, aber ich bin nicht mehr so kindisch, daß
+ich jetzt so etwas für mich beanspruchte. Ich habe auch keine Zeit. Sie
+begreifen, daß ich als einziger Sohn des Hauses überall nachsehen muß.
+Die Dienstboten sind so unzuverlässig, man muß immer hinter ihnen her
+sein."
+
+"Lassen sich die Dienstboten von einem fünfzehnjährigen Schuljungen
+anleiten?"
+
+Rudolf Meier war über diese Frage verwundert. Wollte es ihm denn gar
+nicht gelingen, diesem Manne verständlich zu machen, daß er eben kein
+gewöhnlicher Schuljunge war?
+
+"Ich habe keinen Verkehr mit Schulkameraden," sagte er, "in jeder
+freien Stunde, auch Sonntags, bin ich hier im Hause beschäftigt."
+
+"Sie kommen wohl auch nie in die Kirche?"
+
+"Ich selbst nicht leicht, aber ich bin sehr gut über alle Gottesdienste
+unterrichtet. Wir haben oft Gäste, die sich dafür interessieren, und
+ich weiß auch allen, gleichviel ob es Christen oder Juden sind,
+Auskunft zu geben über Zeit und Ort des Gottesdienstes, über beliebte
+Prediger, feierliche Messen und dergleichen. Man muß allen dienen
+können und darf keine Vorliebe für die eine oder andere Konfession
+merken lassen. Wir dürfen ja auch Ausländer nicht verletzen und müssen
+uns manche spöttische Äußerung über die Deutschen gefallen lassen. Das
+bringt ein Welthotel so mit sich."
+
+Herr Pfäffling sagte darauf nichts und Rudolf Meier war zufrieden. Das
+"Welthotel" war immer der höchste Trumpf, den er ausspielen konnte, und
+der verfehlte nie seine Wirkung, auch auf Herrn Pfäffling hatte er
+offenbar Eindruck gemacht, denn der geringschätzige Blick, den er vor
+der Stunde für ihn gehabt hatte, war einem andern Ausdruck gewichen.
+
+Unten, im Hausflur, stand noch immer die Türe zu dem großen Saal offen,
+die Dekoration hatte Fortschritte gemacht, Herr Rudolf Meier sen. stand
+auf der Schwelle und überblickte das Ganze, und im Vorbeigehen hörte
+Herr Pfäffling ihn zu einem Tapezierer sagen:
+
+"An diesem Fenster ist noch Polsterung anzubringen, damit jede Zugluft
+von den Gästen abgehalten wird."
+
+Unser Musiklehrer, dem sonst, wenn er von seinen russischen Schülern
+kam, die schönsten Melodien durch den Kopf gingen, war heute auf dem
+Heimweg in Gedanken versunken. Er sah vor sich den tüchtigen
+Geschäftsmann, der in unermüdlicher Tätigkeit sein Hotel bestellte, der
+von seinen Gästen jeden schädlichen Luftzug abhielt, und der doch nicht
+merkte, wie der einzige Sohn, dem dies alles einst gehören sollte, in
+Gefahr war, zugrunde zu gehen. Herr Pfäffling war eine Straße weit
+gegangen, da trieben ihn seine Gedanken wieder rückwärts. "Sprich mit
+dem Mann ein Wort über seinen Sohn," sagte er sich, "wenn seinem Haus
+eine Gefahr drohte, würdest du es doch auch sagen, warum nicht, wenn du
+siehst, daß sein Kind Schaden nimmt, daß es höchste Zeit wäre, es den
+schlimmen Einflüssen zu entziehen? Es sollte fortkommen vom Hotel, von
+der großen Stadt, in einfache, harmlose Familienverhältnisse!" Während
+sich Herr Pfäffling dies überlegte, ging er raschen Schritts ins
+Zentralhotel zurück, und nun stand er vor Herrn Meier, in dem großen
+Saal.
+
+Der Hotelbesitzer meinte, der Musiklehrer interessiere sich für die
+Dekoration und forderte ihn höflich auf, alles zu besehen. "Ich danke,"
+sagte Herr Pfäffling, "ich sah schon vorhin, wie hübsch das wird, aber
+um Ihren Sohn, Herr Meier, um Ihren Sohn ist mir's zu tun!"
+
+Äußerst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach
+einem anstoßenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestört. Wollen Sie
+Platz nehmen?"
+
+"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich stehe lieber," eigentlich hätte er
+sagen sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespräch
+begonnen, so trieb ihn der Eifer im Zimmer hin und her.
+
+"Ich meine," sagte er, "über all Ihren Leistungen als Geschäftsmann
+sehen Sie gar nicht, was für ein schlechtes Geschäft bei all dem Ihr
+Kind macht. Ist's denn überhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie
+ein Mann und ist doch kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der
+tüchtig arbeitet und dann fröhlich spielt. Er aber tut keines von
+beiden. In dem Alter, wo er gehorchen sollte, will er kommandieren, den
+Herrn will er spielen und hat doch nicht das Zeug dazu. Er wird kein
+Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein Christ, denn er
+dünkt sich über alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem Hotel, fort
+von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da könnte noch etwas aus
+ihm werden, aber so nicht!"
+
+Herr Pfäffling hatte so eifrig gesprochen, daß sein Zuhörer dazwischen
+nicht zu Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und
+kühl: "Ich muß mich wundern, Herr Pfäffling, daß Sie mir das alles
+sagen. Wir kennen uns nicht und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur
+ganz flüchtig. Mir scheint, Sie urteilen etwas rasch. Andere sagen mir,
+daß mein Sohn der geborene Geschäftsmann ist und schon jetzt einem Haus
+vorstehen könnte. Wenn er Ihnen so wenig gefällt, dann bitte kümmern
+Sie sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes Kind wohl am besten und
+werde für sein Wohl sorgen."
+
+Herr Pfäffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie
+dieser vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, daß ich Sie
+gekränkt habe. Das wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich
+vergessen, was ich schon so oft bei den Eltern meiner Schüler erfahren
+habe, daß es die Menschen nicht ertragen, wenn man offen über ihre
+Kinder spricht und wenn es auch aus der reinsten Teilnahme geschieht.
+Sagen Sie mir nur das eine, warum würden Sie es mir danken, wenn ich
+Ihnen sagte: 'Ihr Kind ist in Gefahr, ins Wasser zu fallen,' und warum
+sind Sie gekränkt, wenn ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr für seinen
+Charakter?' Darin kann ich die Menschen nie verstehen!"
+
+Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein,
+verlangten Bescheid, und Herr Pfäffling machte rasch der Unterredung
+ein Ende, indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser
+Sache gekommen, ich sehe, Sie sind draußen unentbehrlich und will Sie
+nicht aufhalten." Er ging, der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurück.
+
+"Diese Sache ist mißlungen," sagte sich Herr Pfäffling, "ich habe
+nichts erreicht, als daß sich der Mann über mich ärgert." Und nun
+ärgerte auch er sich, aber nur über sich selbst. Warum hatte er sich
+seine Worte nicht erst in Ruhe überlegt und schonend vorgebracht, was
+er sagen wollte, statt diesen ahnungslosen Vater mit hageldicken
+Vorwürfen zu überschütten? Nun ging er mit sich selbst ebenso streng
+ins Gericht: "Nichts gelernt und nichts vergessen; immer noch gerade so
+ungestüm wie vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und nachbedacht, trotz
+aller Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst, auf die Leute
+einzuwirken, so laß die Hand davon; kümmere dich um deine eigenen
+Kinder, wer weiß, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen."
+
+Nachdem sich Herr Pfäffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er
+sich über Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen
+eigenen Kindern. Nun kam ihm wieder die Pfäfflingsche Note in den Sinn:
+eins bis zwei. Er dachte in dieser Richtung noch weiter nach, und die
+Folge davon war, daß er nach seiner Rückkehr dem ersten, der ihm zu
+Hause in den Weg lief, zurief:
+
+"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich
+will sie sehen!"
+
+Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse
+müssen her, der Vater will sie sehen!" flüsterte eines dem andern zu.
+"Warum denn, warum?" Niemand wußte Antwort, aber jetzt half keine List
+mehr, Marie mußte die Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck
+und sie hinübertragen in des Vaters Zimmer.
+
+"Ich habe das deinige ein wenig versteckt," sagte sie zu Wilhelm, als
+sie wieder herüberkam, "vielleicht übersieht es der Vater."
+
+Herr Pfäffling kannte seine Kinder viel zu gut, als daß er ihre kleine
+List mit der guten Durchschnittsnote nicht durchschaut hätte. "Irgend
+etwas ist sicher nicht in Ordnung," sagte er sich, "gewiß sind ein paar
+fatale Dreier da, oder eine schlechte Bemerkung über das Betragen." Er
+überblickte die kleine Ausstellung auf seinem Tisch. Da lag zuvorderst
+Karls Zeugnisheft. Dies hielt sich so ziemlich gleich, jahraus,
+jahrein, nie vorzüglich, immer gut. Es gab das Bild eines
+gewissenhaften Schülers, aber nicht eines großen Sprachgelehrten.
+
+Dann Otto. In den meisten Fächern I. So einen konnte man freilich gut
+brauchen, wenn sich's um eine Durchschnittsnote handelte, der konnte
+viele Sünden anderer gut machen.
+
+Maries Heftchen zeigte die größte Verschiedenheit in den Noten. Wo die
+Geschicklichkeit der Hand in Betracht kam und der praktische Sinn, da
+war sie vorzüglich, in Handarbeit, Schönschreiben, Zeichnen, da tat sie
+sich hervor, aber bei der rein geistigen Arbeit war selten eine gute
+Note zu sehen. Und von Anne konnte man das auch nicht erwarten, denn
+sie war von der Natur ein wenig verkürzt, das Lernen fiel ihr schwer,
+ohne Maries Hilfe wäre sie wohl nicht mit ihrer Klasse fortgekommen,
+aber die Lehrer und Lehrerinnen hatten sich längst darein gefunden, bei
+diesen Zwillingsschwestern das gemeinsame Arbeiten zu gestatten und die
+Marianne als ein Ganzes zu betrachten. So schlugen sie sich schlecht
+und recht miteinander durch und unter Annes Noten glänzten doch immer
+zwei I, durch alle Schuljahre hindurch: im Singen und im Betragen.
+
+Bis jetzt hatte Herr Pfäffling noch nichts Neues oder Besonderes
+entdecken können und nun hielt er Frieders Zeugnis in der Hand und
+staunte. Was für gute Noten hatte sich der kleine Kerl diesmal
+erworben! Fast in jedem Fach besser als früher und in einer Bemerkung
+des Lehrers waren seine Fortschritte und sein Fleiß besonders
+anerkannt! Wie kam das nur? Es mußte wohl mit der Harmonika
+zusammenhängen, die ihm früher alle Gedanken, alle freie Zeit in
+Anspruch genommen hatte! Herr Pfäffling hatte seine Freude daran und es
+kam ihm der Gedanke, seine Kinder seien vielleicht doch nur durch die
+besseren Zeugnisse auf den Einfall gekommen, eine Durchschnittsnote
+herauszurechnen. Wieviel Heftchen hatte er schon gesehen? Fünf, eines
+fehlte noch, Wilhelms Zeugnis, wo war denn das? Ah, hinter den Büchern,
+hatte es sich wohl zufällig verschoben? Er warf nur einen Blick hinein
+und die ungewohnte Form der Zahl IV sprang ihm ins Auge. Also das
+war's! Mathematik IV. Das war stark. Herr Pfäffling lief im Zimmer hin
+und her. Wie konnte man nur eine so schlechte Note heimbringen! Und wie
+feig, sie so zu verstecken, und wie dumm, zu meinen, der Vater ließe
+sich auf diese Weise überlisten! Schlechtere Noten konnte Rudolf Meier
+auch nicht heimbringen.
+
+Er nahm das Heftchen noch einmal in die Hand. Im ganzen war das Zeugnis
+etwas besser als die früheren, also Faulheit oder Leichtsinn war es
+wohl nicht, aber für die Mathematik fehlte das Verständnis.
+
+Eine Weile war Herr Pfäffling auf und ab gegangen, da hörte er jemand
+an seiner Türe vorbeigehen und öffnete rasch, um Wilhelm zu rufen. Es
+war Elschen. Als sie den Vater sah, sprang sie auf ihn zu, sah ihm
+fragend ins Gesicht und sagte dann betrübt: "Vater, du denkst gar nicht
+daran, daß morgen Weihnachten ist!" und sie schmiegte sich an ihn und
+folgte ihm in sein Zimmer. Er zog sie freundlich an sich: "Es ist wahr,
+Elschen, ich habe nicht daran gedacht, es ist gut, daß du mich
+erinnerst."
+
+"Die andern denken auch nicht daran," klagte die Kleine, "sie reden
+immer nur von ihren Zeugnissen und freuen sich gar nicht."
+
+"So?" sagte Herr Pfäffling und wurde nachdenklich, "am Tag vor
+Weihnachten freuen sie sich nicht? Nun, dann schicke sie mir einmal
+alle sechs herüber, ich will machen, daß sie sich freuen!"
+
+Wie der Wind fuhr die Kleine durch die Zimmer und brachte ihre
+Geschwister zusammen. Nun standen sie alle ein wenig ängstlich auf
+einem Trüppchen dem Vater gegenüber. Es fiel ihm auf, wie sie sich so
+eng aneinander drückten. Aus diesem Zusammenhalten war auch die
+Durchschnittsnote hervorgegangen.
+
+"Ihr haltet alle fest zusammen," sagte er, "das ist ganz recht, nur
+gegen mich dürft ihr euch nicht verbinden, mit List und
+Verschwiegenheit, das hat ja keinen Sinn! Gegen den _Feind_ verbindet
+man sich, nicht gegen den _Freund_. Habt ihr einen treuern Freund als
+mich? Halte ich nicht immer zu euch? Wir gehören zusammen, zwischen uns
+darf nichts treten, auch kein Vierer!"
+
+Da löste sich die Gruppe der Geschwister und in der lebhaften, warmen
+Art, die Wilhelm von seinem Vater geerbt hatte, warf er sich diesem um
+den Hals und sagte: "Nein, Vater, ich habe dir nichts verschweigen
+wollen, nur Weihnachten wollte ich abwarten, damit es uns nicht
+verdorben wird, du bist doch auch mit mir auf die Polizei gegangen,
+nein, vor dir möchte ich nie etwas verheimlichen!"
+
+"Recht so, Wilhelm," antwortete Herr Pfäffling, "was käme denn auch
+Gutes dabei heraus? Es ist viel besser, wenn ich alles erfahre, dann
+kann ich euch helfen, wie auch jetzt mit dieser schlechten Note. Was
+machen wir, daß sie das nächste Mal besser ausfällt? Nachhilfstunden
+kann ich euch nicht geben lassen, die sind unerschwinglich teuer, mit
+meinen mathematischen Kenntnissen ist es nicht mehr weit her, aber wie
+wäre es denn mit dir, Karl? Du bist ja ein guter Mathematiker und hast
+das alles erst voriges Jahr gelernt, du könntest dich darum annehmen.
+Jede Woche zwei richtige Nachhilfstunden." Karl schien von diesem
+Lehrauftrag nicht begeistert. "Ich habe so wenig Zeit," wandte er ein.
+
+"Das ist wahr, aber du wirst auch keinen bessern Rat wissen und den
+Vierer müssen wir doch wegbringen, nicht? Gebt einmal den Kalender her.
+Von jetzt bis Ostern streichen wir fünfundzwanzig oder meinetwegen auch
+nur zwanzig Tage an für eine Mathematikstunde. Fällt eine aus, so muß
+sie am nächsten Tag nachgeholt werden. Ich verlasse mich auf euch.
+Macht das nur recht geschickt, dann werdet ihr sehen, im Osterzeugnis
+gibt es keinen Vierer mehr." Die Brüder nahmen den Kalender her,
+suchten die geeigneten Wochentage aus und ergaben sich in ihr
+Schicksal, Lehrer und Schüler zu sein.
+
+"So," sagte Herr Pfäffling, "und jetzt fort mit den Zeugnissen, fort
+mit den Mathematik-Erinnerungen; Elschen, jetzt ist's bei uns so schön
+wie in der Sahara, wo es keine Schule gibt! Wer freut sich auf
+Weihnachten?" Während des lauten, lustigen Antwortens, das nun erklang,
+und Elschens fröhlichem Jauchzen ging leise die Türe auf, ein
+Lockenköpfchen erschien und eine zarte Stimme wurde vernommen: "Ich
+habe schon drei Mal geklopft, Herr Pfäffling, aber Sie haben gar nicht
+'herein' gerufen."
+
+Es war Fräulein Vernagelding, die zu ihrer letzten Stunde kam. Noch
+immer hatte sie Herrn Pfäffling allein im Musikzimmer getroffen, als
+sie nun unerwartet die Kinder um ihn herum sah, machte sie große,
+erstaunte Augen und rief: "Nein, wie viele Kinder Sie haben!" aber noch
+ehe sie langsam diese Worte gesprochen hatte, waren alle sieben schon
+verschwunden. "Und jetzt sind alle fort! Wie schnell das alles bei
+Ihnen geht, Herr Pfäffling, ich finde das so reizend!"
+
+Die fliehende Schar suchte die Mutter auf und fand sie in der Küche.
+Als aber Frau Pfäffling die Kinder kommen hörte, ließ sie sie nicht
+ein, machte nur einen Spalt der Türe auf und rief: "Niemand darf
+hereinschauen," und sie sah dabei so geheimnisvoll, so verheißungsvoll
+aus, daß das Verbot mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Ja, jetzt
+beherrschte die Weihnachtsfreude das ganze Haus und sogar aus dem
+Musikzimmer ertönte nicht die Tonleiter, sondern "Stille Nacht, heilige
+Nacht". Aber falsch wurde es gespielt, o so falsch!
+
+"Fräulein," sprach der gepeinigte Musiklehrer, "Sie greifen wieder nur
+so auf gut Glück, aber Sie haben einmal kein Glück, Sie müssen _die_
+Noten spielen, die da stehen."
+
+"Ach Herr Pfäffling," bat das Fräulein schmeichelnd, "seien Sie doch
+nicht so pedantisch! Das ist ja ein Weihnachtslied, dabei kommt es doch
+nicht so auf jeden Ton an!" Nach diesem Grundsatz spielte sie fröhlich
+weiter und nun, als der Schlußakkord kommen sollte, hörte sie plötzlich
+auf und sagte: "Ich habe mir auch erlaubt, Ihnen eine kleine Handarbeit
+zu machen zum täglichen Gebrauch, Herr Pfäffling."
+
+"Den Schlußakkord, Fräulein, bitte zuerst noch den Akkord!" Da sah sie
+ihren Lehrer schelmisch an: "Den letzten Akkord spiele ich lieber
+nicht, denn Sie werden immer am meisten böse, wenn der letzte Ton
+falsch wird."
+
+"Aber Sie können ihn doch nicht einfach weglassen?"
+
+"Nicht? Das Lied könnte doch auch um so ein kleines Stückchen kürzer
+sein?"
+
+Darauf wußte Herr Pfäffling nichts mehr zu sagen. Er nahm ein in
+rosenrotes Seidenpapier gewickeltes Päckchen in Empfang und sagte
+zuletzt zu Fräulein Vernagelding, er wolle ihr nicht zumuten, vor dem
+8. Januar wieder zu kommen. Darüber hatte sie eine kindliche Freude,
+und diese Freude, vierzehn Tage lang nichts mehr miteinander zu tun zu
+haben, war wohl die einzige innere Gemeinschaft zwischen dem
+Musiklehrer und seiner Schülerin.
+
+In vergnügter Ferienstimmung kam er in das Wohnzimmer herüber. Er hielt
+hoch in seiner Rechten das eine Ende eines buntgestickten Streifens,
+das über einen Meter lang herunter hing.
+
+"Da seht, was ich erhalten habe!" sagte er, "was soll's denn wohl sein?
+Zu einem Handtuch ist's doch gar zu schön, kannst du es verwenden,
+Cäcilie?" Da wurde es mit Sachkenntnis betrachtet und als eine
+Tastendecke für das Klavier erkannt.
+
+"Und das soll ich in täglichen Gebrauch nehmen, immer so ein Tüchlein
+ausbreiten?" rief Herr Pfäffling erschreckt; "nein, Fräulein
+Vernagelding, das ist zu viel verlangt. Ich bitte dich, Cäcilie, ich
+bitte dich, nimm mir das Ding da ab!"
+
+Herr Pfäffling hatte bis zum späten Abend keine Gelegenheit gefunden,
+seiner Frau von dem Gespräch mit Herrn Rudolf Meier sen. zu erzählen.
+Nun waren die Kinder zu Bett gegangen, Karl allein saß noch mit den
+Eltern am Tisch, und Herr Pfäffling berichtete getreulich die Vorgänge
+im Zentralhotel. Er stellte sich selbst dabei nicht in das beste Licht,
+aber Frau Pfäffling war der Ansicht, daß Herr Meier die Kritik seines
+Sohnes wohl auch in milderer Form übelgenommen hätte. "Es gibt so wenig
+Menschen, die sich Unangenehmes sagen lassen," meinte sie. "Und wenige,
+die es taktvoll anfassen," sprach Herr Pfäffling und fügte lächelnd
+hinzu: "wo aber zwei solche zusammen kommen, gibt es leicht ein
+glückliches Paar, nicht wahr?"
+
+Frau Pfäffling wußte, was ihr Mann damit sagen wollte, aber Karl sah
+verständnislos darein. "Du weißt nicht, was wir meinen," sagte der
+Vater zu ihm, "soll ich es dir erzählen, oder ist er noch zu jung dazu,
+Cäcilie?"
+
+"O nein," rief Karl, "bitte, erzähle es!"
+
+"Soll ich? Nun also: Wie die Mutter noch ein junges Mädchen war und
+dein Großvater Professor, da kam ich als blutjunger Musiklehrer in die
+kleine Universitätsstadt und machte überall meine Aufwartung, um mich
+vorzustellen. Fast zuerst machte ich bei deinen Großeltern Besuch. Es
+war Regenwetter und ich trug einen langen braunen Überrock und hatte
+den Regenschirm bei mir."
+
+"Du mußt auch sagen, was für einen Schirm," fiel Frau Pfäffling ein,
+"einen dicken baumwollenen grünen, so ein rechtes Familiendach, wie man
+sie jetzt gar nicht mehr sieht. Mit diesem Überrock und diesem Schirm
+trat dein Vater in unser hübsches, mit Teppichen belegtes
+Empfangszimmer, und er behielt den Schirm auch fest in der Hand, als
+mein Vater ihn aufforderte, Platz zu nehmen. Meine Mutter war nicht zu
+Hause, so war ich an ihrer Stelle, und mir, die ich noch ein junges,
+dummes Mädchen war, kam das so furchtbar komisch vor, daß ich alle Mühe
+hatte, mein Lachen zu unterdrücken."
+
+"Ja," sagte Herr Pfäffling, "du hast es auch nicht verbergen können,
+sondern hast mich fortwährend mit strahlender Heiterkeit angesehen, und
+um deine Mundwinkel hat es immerwährend gezuckt. Ich aber hatte keine
+Ahnung, was die Ursache war. Dein Vater verwickelte mich gleich in ein
+gelehrtes Gespräch, und wenn ich dazwischen hinein einen Blick auf dich
+warf, so kam es mir wunderlich vor, daß du wie die Heiterkeit selbst
+dabei warst. Aber nun paß auf, Karl, nun kommt das Großartige. Als ich
+wieder aufstand, äußerte ich, daß ich im Nebenhaus bei Professer Lenz
+Besuch machen wollte."
+
+"Ja," sagte Frau Pfäffling "und ich wußte, daß Lenzens zwei Töchter
+hatten, so kleinlich lieblos und spöttisch, daß jedermann sie
+fürchtete. Ich dachte bei mir: wenn der junge Mann im Überrock und mit
+dem Schirm in der Hand bei Professer Lenz in den Salon tritt, so wird
+er zum Gespött für den ganzen Kreis. Da dauerte er mich, und ich sagte
+mir, ich sollte ihn aufmerksam machen, doch war ich schüchtern und
+ungeschickt."
+
+"Du hast mich auch bis an die Türe gehen lassen," fiel Herr Pfäffling
+ein, "ich hatte schon die Klinke in der Hand, da riefst du mich an,
+wurdest dunkelrot dabei und sagtest: 'Herr Pfäffling, wollen Sie nicht
+lieber ihren Überrock und Schirm ablegen?' Ich verstand nicht gleich,
+was du meintest, wollte dir doch zu Willen sein und machte Anstalt,
+meinen Überrock auszuziehen. Da war es aus mit deiner Fassung, du
+lachtest laut und riefst: 'Ich meine nicht, wenn Sie gehen, sondern
+wenn Sie kommen!' Dein Vater aber wies dich zurecht mit einem strengen
+Wort und setzte mir höflich auseinander, daß es allerdings gebräuchlich
+sei, im Vorplatz abzulegen; du aber warst noch immer im Kampf mit der
+Lachlust."
+
+"Ja," sagte Frau Pfäffling, "so lange bis du freundlich und ohne jede
+Empfindlichkeit zu mir sagtest: 'Lachen Sie immerhin über den Rüpel,
+Sie haben es doch gut mit ihm gemeint, sonst hätten Sie ihm das nicht
+gesagt.' Da verging mir das Lachen, weil die Achtung kam."
+
+"Ja, Karl, so haben sich deine Eltern kennen gelernt," schloß Herr
+Pfäffling.
+
+
+
+
+8. Kapitel
+Endlich Weihnachten.
+
+
+Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute
+ist Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an
+keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht
+und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so
+dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch
+der Mutter helfen aus Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um
+6 Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob
+gerne eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn
+geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die
+Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes
+erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen
+Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche
+befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht
+hätte.
+
+Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der
+etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus
+dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die
+allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber
+damit war Frau Pfäffling nicht einverstanden. "Marianne," sagte sie,
+"führt ihr die Kleinen in euer Stübchen und spielt ein wenig mit ihnen,
+bis ich sie wieder hole." Als die Kinder weg waren, sagte Frau
+Pfäffling: "Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie
+ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir
+einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?" "Ach,"
+entgegnete die Frau, "darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder
+nehmen es, wenn sie's kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken
+will, sie kommen doch dahinter und dann betteln sie und lassen einem
+keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist
+auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa Gutes für sie bekommen
+hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns
+war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend."
+
+"Wir sind auch keine reichen Leute, Schmidtmeierin, aber wenn ich auch
+noch viel ärmer wäre, das weiß ich doch ganz gewiß, daß ich meinen
+Kindern einen schönen heiligen Abend machen würde. Meine Kinder
+bekommen auch nicht viel—das können Sie sich denken bei sieben—aber
+weil keines vorher ein Stückchen sieht, so ist dann die Überraschung
+doch groß. Glauben Sie, daß irgend eines von uns einen Lebkuchen oder
+sonst etwas von dem Weihnachtsgebäck versuchen würde vor dem heiligen
+Abend? Das käme uns ganz unrecht vor. Und wenn der Christbaum geputzt
+wird, darf keines von den Kinder hereinschauen, erst wenn er angezündet
+ist und alles hingerichtet, rufen wir sie herbei, mein Mann und ich,
+und dann sind sie so überrascht, daß sie strahlen und jubeln vor
+Freude, wenn auch gar keine großen Geschenke daliegen."
+
+"Bei Ihnen ist das eben anders, Frau Pfäffling, mein Mann hat keinen
+Sinn für so etwas und will kein Geld ausgeben für Weihnachten."
+
+"Haben Sie kein Bäumchen kaufen dürfen?" fragte Frau Pfäffling.
+
+"Das schon," sagte die Schmidtmeierin, "er hat selbst eines
+heimgebracht und Lichter dazu."
+
+"Nun sehen Sie, was braucht es denn da weiter? Ein sauberes Tuch auf
+den Tisch gebreitet und die kleinen Sachen darauf gelegt, die ich Ihnen
+hier zusammen gerichtet habe, das wäre schon genug für Kinder, aber ich
+denke mir, daß Sie noch von anderen Familien, denen Sie aushelfen,
+etwas bekommen, oder nicht?"
+
+"Frau Hartwig hat mich angerufen, ich solle nachher zu ihr herein
+kommen, sie habe etwas für mich und die Kinder."
+
+"So lange lassen Sie die Kleinen bei uns, und in einem andern Jahr
+tragen Sie alles heimlich nach Hause, dann wird bei Ihnen der Jubel
+gerade so groß wie im reichsten Haus, und Ihr Mann wird sich dann schon
+auch daran freuen."
+
+"Es ist wahr," sagte die Schmidtmeierin, "er hat am vorigen Sonntag
+gezankt, weil ich den Kindern die neuen Winterkleider, die sie von der
+Schulschwester bekommen haben, vor Weihnachten angezogen habe. Aber sie
+haben so lang gebettelt und nicht geruht, bis ich ihnen den Willen
+getan habe."
+
+"Aber Schmidtmeierin, da würde ich doch lieber tun, was der Mann will,
+als was die Kinder verlangen und erbetteln! Was wäre das jetzt für eine
+Freude, wenn die Kleidchen noch neu auf dem Tisch lägen! So würde mein
+Mann auch den Sinn für Weihnachten verlieren. Das müssen Sie mir
+versprechen, Schmidtmeierin, daß Sie meine Sachen, und die von Frau
+Hartwig, und was etwa sonst noch kommt, verstecken, und dann eine
+schöne Bescherung halten. Wo können denn Ihre Kinder bleiben, solange
+Sie herrichten, ist's zu kalt in der Kammer?"
+
+"Kalt ist's, aber ich stecke sie eben ins Bett so lang!"
+
+"Ja, das tun Sie. Und noch etwas: können die Kinder nicht unter dem
+Christbaum dem Vater ein Weihnachtslied hersagen, aus der Kinderschule?
+Das gehört auch zur rechten Feier. Und wenn Sie noch von Ihrem
+Waschlohn ein paar Pfennige übrig hätten, dann sollten Sie für den Mann
+noch einen Kalender kaufen, oder was ihn sonst freut, und dann erzählen
+Sie mir, Schmidtmeierin, ob er wirklich keine Freude gehabt hat am
+heiligen Abend, und ob es nicht schön bei Ihnen war."
+
+"Ich mach's wie Sie sagen, Frau Pfäffling, und ich danke für die vielen
+Sachen, die Sie mir zusammengerichtet haben."
+
+"Es ist recht, Schmidtmeierin, aber glauben Sie mir's nur, die Sachen
+allein, und wenn es noch viel mehr wären, machen kein schönes Fest, das
+können nur Sie machen für Ihre Familie; fremde Leute können die
+Weihnachtsfreude nicht ins Haus bringen, das muß die Mutter tun, und
+die Reichen können die Armen nicht glücklich machen, wenn die nicht
+selbst wollen."
+
+Frau Pfäffling hielt die fremden Kinder noch eine gute Weile zurück;
+als diese endlich heimkamen, waren alle Schätze im Schrank verborgen
+und der Schlüssel abgezogen.
+
+Da sich aber die Kinder schon darauf gefreut hatten, fingen sie an,
+darum zu betteln und schließlich laut zu heulen. Damit setzten sie
+gewöhnlich bei der Mutter ihren Willen durch. Heute aber nicht; "brüllt
+nur recht laut," sagte die Schmidtmeierin, "damit man es im Nebenhaus
+hört. Nichts Gutes gibt's heute, nichts Schönes, erst am Abend, wenn
+ihr dem Vater eure Lieder aufsagt. Bei Pfäfflings ist's auch so."
+
+Da ergaben sich die Kinder.
+
+Frau Pfäffling und Walburg hatten noch alle Hände voll zu tun mit
+Vorbereitungen auf das Fest. Aber die Arbeit geschah in fröhlicher
+Stimmung. "Man muß sich seine Feiertage verdienen," sagte Frau
+Pfäffling und rief die Kinder zu Hilfe, die Buben so gut wie die
+Mädchen.
+
+"Oben auf dem Boden hängen noch die Strümpfe von der letzten Wäsche,"
+sagte sie, "die sollten noch abgezogen werden. Das könnt ihr Buben
+besorgen." Wilhelm und Otto sprangen die Treppe hinauf. Auf dem freien
+Bodenraum war ein Seil gespannt, an dem eine ungezählte Menge
+Pfäffling'scher Strümpfe hing. Walburg war eine große Person und
+pflegte das Seil hoch zu spannen, die Kinder konnten die hölzernen
+Klammern nicht erreichen, mit denen die Strümpfe angeklemmt waren.
+"Einen Stuhl holen und hinaufsteigen," schlug Otto vor, aber Wilhelm
+fand das unnötig, "Hochspringen und bei jedem Sprung eine Klammer
+wegnehmen," so war es lustiger. Er probierte das Kunststück und brachte
+es fertig, Otto gelang es nicht auf den ersten Sprung, und ein Trampeln
+und Stampfen gab es bei allen beiden. Sie bemerkten nicht, daß die Türe
+von Frau Hartwigs Bodenkammer offen stand und die Hausfrau, die eben
+ihren Christbaumhalter hervorsuchte, ganz erschrocken über den
+plötzlichen Lärm herauskam und rief: "Was treibt ihr denn aber da oben,
+ihr Kinder?"
+
+"Wir nehmen bloß die Strümpfe ab", sagte Otto. "So tut es doch nicht,
+wenn man Strümpfe abzieht," entgegnete Frau Hartwig. "Wir müssen eben
+darnach springen," sagte Wilhelm, "sehen Sie, so machen wir das," und
+mit einem Hochsprung hatte er wieder eine Klammer glücklich erfaßt, der
+Strumpf fiel herunter.
+
+"Aber Kinder, so fallen sie ja alle auf den Boden!" sagte die Hausfrau.
+
+"Es sind ja nur Strümpfe," entgegnete Wilhelm, "die sind schon vorher
+grau und schwarz, denen schadet das nichts."
+
+Eine kleine Weile stand Frau Hartwig dabei und machte sich ihre
+Gedanken. Welche Arbeit, für soviel Füße sorgen zu müssen! Fast alle
+Strümpfe schienen zerrissen! Und welche Körbe voll Flickwäsche mochten
+sonst noch da unten stehen und auf die Hände der vielbeschäftigten
+Hausfrau warten, die doch kein Geld ausgeben konnte für Flickerinnen!
+Ob es nicht Christenpflicht wäre, da ein wenig zu helfen?
+
+Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Brüder mit dem Bescheid
+herunter: Die meisten Strümpfe seien noch zu feucht, die Hausfrau
+meine, sie müßten noch hängen bleiben. Frau Pfäffling achtete im Drang
+der Arbeit kaum darauf und dachte nicht, daß Frau Hartwig kurz
+entschlossen den ganzen Schatz Pfäffling'scher Strümpfe
+heruntergenommen hatte, und ihnen nun mit Trocknen und Bügeln viel mehr
+Ehre erwies, als diese es sonst erfuhren. Dann stapelte sie den Vorrat
+auf, legte sich das Nötige zum Ausbessern zurecht und sagte sich: Das
+gibt auch eine Weihnachtsüberraschung und wird nach Jesu Sinn keine
+Feiertags-Entheiligung sein.
+
+Inzwischen war es Mittag geworden. Heute gab es bei Pfäfflings ein
+kärgliches Essen. Mit Wassersuppe fing es an, und die Mutter redete den
+Kindern zu: "Haltet euch nur recht an die Suppe, es kommt nicht viel
+nach!" "Warum denn nicht?" fragte Elschen bedenklich. Die Antwort kam
+von vielen Seiten zugleich. "Weil Weihnachten ist. Weißt du das noch
+nicht? Vor dem heiligen Abend gibt es nie etwas ordentliches zu essen.
+Die Walburg hat auch keine Zeit zu kochen." "Ja," sagte Frau Pfäffling,
+"und selbst wenn sie Zeit hätte, heute Mittag müßte das Essen doch
+knapp sein, damit man sich recht freut auf die Lebkuchen und auf den
+Gansbraten, den es morgen gibt." Walburg brachte noch gewärmte Reste
+vom gestrigen Tag herein, und als diese alle verteilt waren, sagte Herr
+Pfäffling: "Wer jetzt noch Hunger hat, kann noch Brot haben und darf
+dabei an ein großes Stück Braten denken!"
+
+"Und nun," sagte die Mutter, "hinaus aus dem Wohnzimmer; wenn ihr
+wieder herein dürft, dann ist Weihnachten!" Da stob die ganze Schar
+jubelnd davon; wenn man nicht mehr in das Zimmer herein durfte, ja dann
+wurde es Ernst!
+
+Die Eltern standen beisammen und putzten den Baum, Frieders Baum. Die
+kleinen Schäden, die er auf seinen vielen Wanderungen erlitten hatte,
+wurden sorgfältig verdeckt, und bald stand er in seinem vollen Schmuck
+da, mit goldenen Nüssen und rotbackigen Äpfeln, mit bunten Lichtern und
+oben auf der Spitze schwebte ein kleiner Posaunenengel. Es gab in
+andern Häusern feiner geschmückte Tannenbäume mit Winterschnee und
+Eiszapfen, es gab auch solche, die mit bunten Ketten und Kugeln, mit
+Papierblumen und Flittergold so überladen waren, daß das Grün des
+Baumes kaum mehr zur Geltung kam. Pfäfflings Baum hatte von all dem
+nichts, er war noch ebenso, wie ihn Großvater Pfäffling und Großmutter
+Wedekind vor dreißig Jahren ihren Kindern geschmückt hatten, und weil
+ihre seligsten Kindheitserinnerungen damit verbunden waren, mochten sie
+nichts daran ändern. Mit der Krippe, die unter dem Baum aufgestellt
+wurde, war es anders. Die feinen Wachsfiguren, die Tiere, die dazu
+gehörten, standen nicht jedes Jahr gleich. Nach den Bildern, die uns
+schon die alten deutschen Künstler gezeichnet haben, und in denen
+unsere Maler uns auch jetzt noch die heilige Nacht darstellen, nach
+diesen verschiedenen Bildern wurden die Krippenfiguren in jedem Jahr
+wieder anders aufgestellt, das war Herrn Pfäfflings Anteil an dem
+Herrichten des Weihnachtszimmers. Wenn aber die Tische gestellt waren,
+und wenn die mühsame Arbeit des Einräumens von Puppenzimmer, Küche und
+Kaufladen begann, dann verschwand der Herr des Hauses aus dem Gebiet
+und übernahm die Aufsicht über die mutterlose Kinderschar, damit sie
+nicht in Ungeduld und Langeweile auf allerlei Unarten verfiel. Gegen
+vier Uhr, als es dunkelte, zogen sie zusammen fort nach der Kirche, in
+der jedes Jahr um diese Zeit ein Gottesdienst gehalten wurde, so kurz
+und doch so feierlich wie kein anderer im Jahr: Ein Weihnachtslied, das
+Weihnachtsevangelium und ein paar Worte, nur wie ein warmer
+Segenswunsch des Geistlichen. Es war genug, um in den Herzen der jungen
+und alten Zuhörer die rechte Weihnachtsstimmung zu wecken.
+
+Frau Pfäffling hörte ihre Schar heimkommen, sie sah ein wenig heraus
+aus dem Weihnachtszimmer und schob etwas durch den Türspalt, es war
+eine Handvoll Backwerk, das etwas Schaden gelitten hatte durch die
+Verpackung: "Das ist etwas zum versuchen," rief sie, "das ist
+zerbrochen aus der Großmutter Paket gekommen, teilt euch darein! und
+dann zieht frische Schürzen an und sagt auch Walburg, daß sie sich
+bereit macht, nun wird bald alles fertig sein!" Der Mutter Angesicht
+leuchtete verheißungsvoll, es rief auf allen Kindergesichtern das
+gleiche Strahlen hervor.
+
+Herr Pfäffling war bei seiner Frau, er half bei den letzten
+Vorbereitungen. "Jetzt wären wir so weit," sagte er, "können wir den
+Baum anzünden?"
+
+"Wenn du einen kleinen Augenblick warten wolltest," erwiderte sie, "ich
+bin so müd und möchte nur ein ganz klein wenig ruhen, um für den großen
+Jubel Kraft zu sammeln."
+
+"Freilich, freilich," sagte Herr Pfäffling, "die Kinder können sich
+wohl noch eine Viertelstunde gedulden, setze dich hieher, ruhe ein
+wenig und schließe die Augen."
+
+"O, das tut gut," antwortete sie und lehnte sich still zurück. Aber nur
+drei Minuten, dann stand sie wieder auf. "Nun bin ich schon wieder
+frisch, und ich kann jetzt doch nicht ruhen, ich spüre die siebenfache
+Unruhe, die klopfenden Herzen der Kinder da draußen, wir wollen
+anzünden." Bald strahlten die Lichter an dem Baum, die großen Kerzen in
+den silbernen Leuchtern, die die Tische erhellten, und die kleinen
+Lichtchen in Puppenstube und Küche. Und nun ein Glockenzeichen und die
+Türe weit auf! Sie drängen alle herein, die Kinder und Walburg hinter
+ihnen. Dem Christbaum gelten die ersten Ausrufe der Bewunderung;
+solange er die Blicke fesselt, ist's noch eine weihevolle Stimmung, ein
+Staunen und seliges Widerstrahlen; dann wenden sich die Augen der
+Bescherung zu, nun geht die beschauliche Freude über, immer lauter und
+jubelnder wird das Kinderglück.
+
+War denn so Herrliches auf dem Gabentisch? Viel Kostbares war nicht
+dabei, aber es war alles überraschend und jedes kleine Geschenk war
+sinnig auf den Empfänger berechnet und manches erhielt durch einen
+kleinen Vers, den der Vater dazu gemacht hatte, noch einen besonderen
+Reiz. Wenn eines der Kinder nach den Eltern aufblickte, so sah es Liebe
+und Güte, wenn es einem der Geschwister ins Gesicht sah, so glänzte
+dies in Glück und Freude, und über all dem lag der Duft des
+Tannenbaums—ja die Fülle des Glückes bringt der Weihnachtsabend!
+
+Frau Pfäffling berührte ihren Mann und sagte leise: "Sieh dort, den
+Frieder!" An dem Plätzchen des großen Tisches, das ihm angewiesen war,
+stand schon eine ganze Weile Frieder unbeweglich und sah mit
+staunenden, zweifelnden Augen auf das, was vor ihm lag: Eine Violine!
+Und nun nahm er den kleinen Streifen Papier, der daran gebunden war,
+und las das Verschen:
+
+Fideln darfst du, kleiner Mann,
+Vater will dir's zeigen.
+Aber merk's und denk daran:
+Immerfort zu geigen
+Tut nicht gut und darf nicht sein.
+Halte fest die Ordnung ein:
+Eine Stund' am Tag, auch zwei,
+Doch nicht mehr, es bleibt dabei.
+
+
+"Mutter!" rief jetzt Frieder, "Mutter, hast du's schon gesehen?" Er
+drängte sich zu ihr und zog sie an seinen Platz und fragte: "Darf ich
+sie gleich probieren?" Und er nahm die kleine Violine, und da die
+Geschwister ihm nicht viel Platz ließen, drückte er sich hinter den
+Christbaum und fing ganz sachte an, leise über die Saiten zu streichen
+und zarte Töne hervorzulocken. Und er sah und hörte nichts mehr von
+dem, was um ihn vorging, und mühte und mühte sich, denn er wollte
+_reine_ Töne, dieser kleine Pfäffling. Die Eltern sahen sich mit
+glücklichem Lächeln an: "Dies Weihnachten vergißt er nicht in seinem
+Leben," sagte Frau Pfäffling. "Ja," erwiderte ihr Mann, "und auf diesen
+kleinen Schüler braucht mir wohl nicht bange zu sein!"
+
+"Vater, hast du gesehen?" riefen nun wieder zwei Stimmen. "Was ist's,
+Marianne?"
+
+"Ein Päckchen feinste Glacéhandschuhe hat uns Fräulein Vernagelding
+geschickt!"
+
+"Was? Euch Kindern, was tut _ihr_ denn damit?"
+
+"Wir ziehen sie an, Vater, viele Kinder in unserer Schule haben
+welche."
+
+"Nun, wenn nur ich sie nicht tragen muß!"
+
+Es gab jetzt ein großes Durcheinander, denn die Brüder probierten ihre
+neuen Schlittschuhe an, liefen damit hin und her, fielen auch
+gelegentlich auf den Boden. Im untern Stock erzitterte die Hängelampe.
+"Man könnte meinen, es sei ein Erdbeben, die da droben sind heute ganz
+außer Rand und Band!" sagte Herr Hartwig zu seiner Frau.
+"Weihnachtsabend!" entgegnete sie, und das eine Wort beschwichtigte den
+Hausherrn. Auch hörte das Getrampel der Kinderfüße plötzlich auf, es
+wurde ganz stille im Haus, nur eine einzelne Stimme drang bis in den
+untern Stock: Otto deklamierte. Nacheinander kamen nun all die kleinen
+Überraschungen für die Eltern an die Reihe, zu denen sich an jenem
+Adventsonntag Frieder auf den Balken die Eingebung geholt hatte. Alles
+gelang zur Freude der Eltern, zum Stolz unserer sieben!
+
+In ihrer Küche stand Walburg und sorgte für das Abendessen. Auch für
+sie war ein Platz unter dem Christbaum, und sie war freundlich bedacht
+worden. Aber die Freude und innere Bewegung, die sich jetzt auf ihren
+großen, ernsten Zügen malte, hatte einen andern Grund. Schon seit heute
+morgen bewegte sie etwas in ihrem Herzen, das sie gern besprochen
+hätte, aber es hatte sich kein ruhiges Viertelstündchen finden lassen.
+Wenn jetzt Frau Pfäffling herauskäme, jetzt hätte sie vielleicht einen
+Augenblick Zeit für sie, aber sie würde wohl schwerlich kommen. Während
+Walburg sich darnach sehnte, war Frau Pfäffling ganz von ihren Kindern
+in Anspruch genommen, aber einmal, als ihr Blick zufällig auf Walburgs
+Geschenke fiel, die noch auf dem Tisch lagen, dachte sie an das
+Mädchen. Warum war es wohl gar so kurz im Weihnachtszimmer geblieben?
+Es war noch nicht Zeit, das Abendessen zu bereiten, warum verweilte sie
+nicht lieber unter den glücklichen Kindern, anstatt einsam in der
+kalten Küche zu stehen?
+
+Frau Pfäffling ging hinaus, nach Walburg zu sehen. Die Mutter wurde
+zuerst nicht vermißt, es gab ja so viel anzusehen und zu zeigen, und
+der Vater war ja da, aber allmählich ging von Mund zu Mund die Frage:
+"Wo ist denn die Mutter?" Herr Pfäffling schickte Frieder hinaus. Er
+kam zurück mit dem Bescheid, die Küchentüre sei ganz fest zu und
+Walburg rede so viel mit der Mutter, wie sonst nie. "Dann laßt sie nur
+ungestört," sagte der Vater, "wenn Walburg einmal redet, muß man froh
+sein."
+
+Frau Pfäffling brachte aus der kalten Küche einen warmen, sonnigen
+Ausdruck mit herein. Die Kinder zogen sie an ihren Tisch heran, aber im
+Vorbeigehen drückte sie unvermerkt ihrem Mann die Hand und sagte leise:
+"Ich erzähle dir später!" Als Walburg das Abendessen auftrug wechselten
+sie einen vielsagenden Blick, und Marie sagte: "Unserer Walburg sieht
+man so gut an, daß heute Weihnachten ist."
+
+An diesem Abend waren die Kinder gar nicht zu Bett zu bringen, sie
+wollten sich nicht trennen von der Bescherung. Es wurde spät, bis
+endlich Herr Pfäffling mit seiner Frau allein war. "Du wirst nun auch
+der Ruhe bedürftig sein," sagte er.
+
+"Ja, aber eines muß ich dir noch erzählen, was mir Walburg anvertraut
+hat. Sie erhielt heute einen Brief von einer alten Frau aus ihrem
+Heimatdorf, die schreibt in schlichten, einfachen Worten, daß vor einem
+Jahr ihr Sohn Witwer geworden sei und mit seinen drei Kindern und dem
+kleinen Bauerngut hilflos dastehe. Er müsse wieder eine Frau haben, und
+weil er Walburg von klein an kenne, möchte er am liebsten sie haben. Er
+wisse wohl, daß sie nicht gut höre, aber das mache weiter nicht viel.
+Wenn sie einverstanden sei, möge sie in den Feiertagen einmal
+herausfahren, daß man die Verlobung feiern könne und die Hochzeit
+festsetze. Der Sohn hat dann noch an den Brief seiner Mutter unten
+hingeschrieben, die Reisekosten wolle er zur Hälfte bezahlen. Walburg
+kennt den Mann gut, denn sie waren Nachbarsleute, und sie ist ganz
+entschlossen, ja zu sagen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das
+freut für Walburg!"
+
+"Das ist freilich ein unerhofftes Glück, aber wird sie denn einem
+Haushalt vorstehen können bei ihrer Taubheit?"
+
+"Wenn ihr die alte Mutter zur Seite steht, wird sie schon zurecht
+kommen. Ein schweres Kreuz bleibt es freilich für sie, aber ich finde
+es rührend, daß der Mann es auf sich nehmen will, um ihrer andern guten
+Eigenschaften willen. Übrigens sagt Walburg, sie verstehe die Leute da
+draußen viel besser, weil sie ihren Dialekt reden."
+
+"Das kann wohl etwas ausmachen, und mich freut es für die treue Person,
+wenn auch nicht für uns. Aber wir werden auch wieder einen Ersatz
+finden."
+
+"Nicht so leicht! Doch daran denke ich heute gar nicht. Am zweiten
+Feiertag möchte sie hinausfahren auf ihr Dorf. Vorher wollen wir mit
+den Kindern noch nicht davon sprechen, sondern ihnen erst, wenn Walburg
+zurückkommt, sagen, daß sie Braut ist."
+
+Während unten so von ihr gesprochen wurde, war auch Walburg oben in
+ihrer Kammer noch tätig. Sie hatte zuerst in diesem ihrem eigenen
+kleinen Revier noch einmal ihren Brief gelesen und nun kniete sie vor
+der hölzernen Truhe, in der ihre Habseligkeiten säuberlich und sorgsam
+geordnet lagen. Sie hatte schon seit Jahren die Bauerntracht nimmer
+getragen, die in ihrem Dorf gebräuchlich war, jetzt wollte sie sie
+hervorsuchen, sie sollte ja wieder zu den Landleuten da draußen
+gehören. Der dicke Rock und das schwarze Mieder, das Häubchen und die
+breite blauseidene Schürze, das alles lag beisammen, und sollte nun
+wieder zu Ehren kommen!
+
+Am zweiten Weihnachtsfeiertag, früh morgens, noch ehe es tagte, reiste
+sie in ihrem ländlichen Staat in ihre Heimat.
+
+Erst wenn Walburg fehlte, merkte man, wie viel sie im Haus leistete. Es
+war gar kein Fertigwerden ohne sie. Und nun gar in solchen Ferientagen.
+Wenn Frau Pfäffling drei ihrer Kinder dazu gebracht hatte, schön
+aufzuräumen, so hatten inzwischen vier andere wieder Unordnung gemacht
+und auf dem großen Weihnachtstisch nahm der Kampf gegen die Nußschalen
+und Apfelbutzen kein Ende. Dazu kam der Kinderlärm. Die Schlittschuhe
+lagen bereit, aber das Eis wollte sich bei der geringen Kälte nicht
+bilden, und Frau Pfäffling hatte doch so viel Feiertagsruhe davon
+erhofft! So lockte nichts die Kinder ins Freie, sie trieben sich alle
+sieben lachend, spielend oder streitend herum und machten der Mutter
+warm. Bis sie das Mittagessen bereitet und auf den Tisch gebracht
+hatte, war sie fast zu müde, um selbst davon zu nehmen. Da sah Herr
+Pfäffling nach den Wolken am Himmel, erklärte, das Wetter helle sich
+auf und er wolle einen weiten Marsch mit den großen Kindern machen. Als
+eben beraten wurde, ob Marianne auch mittun könne, kam eine
+Schulfreundin und lud die beiden Mädchen zu sich ein. Das war ein
+seltenes Ereignis und wurde mit Freude aufgenommen. So blieben nur die
+beiden Kleinen übrig, die begleiteten ein wenig traurig die Großen
+hinunter, kamen dann aber um so vergnügter wieder herausgesprungen. Die
+Hausfrau hatte sie eingeladen, ihren Christbaum anzusehen und bei ihr
+zu spielen.
+
+So geschah es, daß Frau Pfäffling an diesem Nachmittag ganz allein war;
+ihr Mann, die Kinder, ja sogar Walburg fort, so daß nicht einmal aus
+der Küche ein Ton hereindrang. Wie wohl tat ihr die unerhoffte Ruhe!
+Wie viel ließ sich auch an solch einem stillen Nachmittag tun, an das
+man sonst nicht kam! Es war schon ein Genuß, sich sagen zu dürfen: was
+_willst_ du tun? Meistens drängten sich die Geschäfte von selbst auf
+und hätten schon fertig sein sollen, ehe man daran ging. Eine Weile
+ruhte sie in träumerischem Sinnen und über dem wurde ihr klar, was sie
+tun wollte: "Mutter," sagte sie leise vor sich hin, "Mutter, ich komme
+zu dir!"
+
+Frau Pfäfflings Mutter lebte im fernen Ostpreußen, und seit vielen
+Jahren hatten sich Mutter und Tochter nimmer gesehen. Die bald 80
+jährige Frau konnte _nicht mehr_, und die junge Frau konnte _noch_
+nicht die Reise wagen, die Kinder brauchten sie noch gar zu notwendig
+daheim. Aber es war doch köstlich, das treue Mutterherz noch zu
+besitzen, wenn auch in weiter Ferne. Seit langer Zeit hatte sie den
+Ihrigen nur kurze, eilig geschriebene Briefe mit den nötigsten
+Mitteilungen schicken können, jetzt wollte sie sich aussprechen, wie
+wenn sie endlich, endlich einmal wieder bei der geliebten Mutter wäre.
+Und es gab einen langen, langen Brief, in dem die ganze Liebe zur
+Mutter sich aussprach, ja, in dem es fast wie Heimweh klang, aber das
+konnte doch nicht sein, war Frau Pfäffling doch schon 18 Jahre aus dem
+Elternhaus. Es stand in dem Brief viel von Glück und Dankbarkeit, viel
+von des Tages Last und Hitze und davon, daß ihr Mann und sie noch immer
+treulich an dem Trauungsspruch festhielten: Ein jeder trage des andern
+Last.
+
+Ihr Brief war fertig geworden beim letzten Schimmer des kurzen
+Dezembertags. Jetzt, als es dunkelte, ging sie zum Christbaum und
+zündete ein einziges Lichtchen an. Das warf einen schwachen Schein und
+große breite Schatten von Tannenzweigen zeichneten sich an der Decke
+des Zimmers ab. Es war eine feierliche Stille am Weihnachtsbaum und
+Frau Pfäffling sagte leise vor sich hin: Nahet euch zu Gott, so nahet
+er sich zu euch.
+
+Eine Viertelstunde später mahnte die Glocke, daß wieder Leben und
+Bewegung Einlaß begehre. "Nun werden die Kinder kommen," sagte sich
+Frau Pfäffling. Sie fühlte sich wieder allen Anforderungen gewachsen,
+fröhlich ging sie hinaus und sprach zu sich selbst: "Dein Mann soll
+dich nicht so matt wiederfinden, wie er dich verlassen hat." Sie ging,
+ihm und den Kindern zu öffnen, sie waren es aber nicht, die geklingelt
+hatten, Walburg stand vor der Türe.
+
+"Du kommst schon?" rief Frau Pfäffling erstaunt, "wir haben dich erst
+mit dem letzten Zug erwartet."
+
+"So kann ich das Abendessen machen," entgegnete das Mädchen.
+"Kartoffeln zusetzen?"
+
+"Ja, aber das ist mir jetzt nicht das wichtigste, sage mir doch erst,
+wie alles gegangen ist," und da Walburg zögerte, fügte sie hinzu, "ich
+bin ganz allein zu Hause." Und nun antwortete Walburg: "Er hat sich's
+nicht so arg gedacht, er meint, für die Kinder wäre doch eine besser,
+die hört." Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und ging die
+Treppe hinauf in ihre Kammer. Sie wollte den bräutlichen Putz ablegen.
+Sorgsam faltete sie die blauseidene Schürze, versenkte sie in die Truhe
+und legte den Brief dazu, der sie zwei Tage glücklich gemacht hatte.
+Dann schlüpfte sie in ihre alltäglichen Kleider, setzte sich auf die
+alte Truhe und sah mit traurigen, aber tränenlosen Augen auf die kahlen
+Wände ihrer Kammer. Es war so kalt und totenstill da oben, es war so
+öde und leer in ihrem Herzen.
+
+Da ging die Türe auf, Frau Pfäffling kam herein und stand unvermutet
+neben dem Mädchen, das ihren Schritt nicht gehört hatte. "Walburg, du
+tust mir so leid," sagte sie und ihre Augen waren nicht tränenleer.
+Walburg aber beherrschte ihre Bewegung und erwiderte in ihrer ruhigen
+Art: "Draußen habe ich selbst erst gemerkt, wie schlimm das mit mir
+geworden ist, ich habe kein Wort verstanden, sie haben mir's auf die
+Tafel schreiben müssen und die Kinder haben gelacht. So wird er wohl
+recht haben. Er war freundlich mit mir bis zuletzt, das Reisegeld hat
+er mir zu zwei Drittel gezahlt und die Alte hat mir noch Kuchenbrot
+mitgegeben. Sonst wäre alles recht gewesen, nur gerade eben die
+Taubheit. Und sie sagen auch, ich könnte gar nicht mehr so reden wie
+sich's gehört. Ich weiß nicht wie das zugeht, Sie verstehe ich doch
+auch ohne Tafel und rede ich denn nicht wie früher auch?"
+
+"Für uns redest du ganz recht," entgegnete Frau Pfäffling, "wir
+verstehen uns und darum ist's am besten, wir bleiben zusammen. Uns
+ist's lieb, daß du uns nicht verläßt, Walburg, du hast uns so gefehlt."
+Da wich der starre, traurige Zug aus Walburgs Gesicht, und sie sah voll
+Liebe und Dankbarkeit auf zu der Frau, die sich so bemühte, ihr, der
+Tauben, Trostreiches zu Gehör zu bringen. Worte des Dankes fand sie
+freilich nicht, aber mit Taten wollte sie danken; eilfertig griff sie
+nach ihrer Hausschürze, band sie um und sagte: "Wenn der Herr heimkommt
+und das Essen nicht gerichtet ist!"
+
+Frau Pfäffling sagte an diesem Abend zu ihren Kindern: "Walburg ist so
+traurig aus ihrer Heimat zurückgekehrt, sie hat weder Eltern noch
+Geschwister mehr draußen, wir wollen uns Mühe geben, daß sie sich bei
+uns recht heimisch fühlt."
+
+"Ich gehe mit meiner Violine zu ihr," sagte Frieder, "den Geigenton
+hört sie."
+
+Da warnte Herr Pfäffling mit dem Finger und sagte: "Nach dem Abendessen
+noch geigen? Wie heißt dein Vers?
+
+"'Eine Stund am Tag, auch zwei,
+Doch nicht mehr, es bleibt dabei.'"
+
+
+Aber Frieder konnte nachweisen, daß er heute noch nicht zwei Stunden
+gespielt hatte, ging hinaus in die Küche und machte mit denselben
+Violinübungen, die sonst die Zuhörer in Verzweiflung bringen, dem
+traurigen Mädchen das Herz leichter, denn es erkannte die
+Anhänglichkeit des Kindes, und in die tiefe Vereinsamung, die ihr die
+Taubheit auferlegte, drang der Ton der Saiten zu ihr als eine
+Verbindung mit den Mitmenschen.
+
+
+
+
+9. Kapitel
+Bei grimmiger Kälte.
+
+
+Das Neujahrsfest brachte grimmige Kälte, brachte Eis, mehr als zum
+Schlittschuhlaufen nötig gewesen wäre. Schon beim Erwachen empfand man
+die menschenfeindliche Luftströmung und es gehörte Heldenmut dazu, aus
+den warmen Betten zu schlupfen. In Pfäfflings kalten Schlafzimmern war
+das Waschwasser eingefroren, und man mußte erst die Eisdecke
+einschlagen, ehe man es benützen konnte.
+
+Als die Familie sich mit Neujahrswünschen am Frühstückstisch
+zusammenfand, galt Herrn Pfäfflings erster Blick dem Thermometer vor
+dem Fenster, und er mußte das Quecksilber in ungewohnter Tiefe suchen.
+"Zwanzig Grad Kälte," verkündete er, "Kinder, das habt ihr noch nie
+erlebt; und Walburgs Neujahrsgruß lautete: 'Die Wasserleitung ist über
+Nacht eingefroren.'"
+
+Die Straßen waren ungewöhnlich still, wer nicht hinaus mußte, blieb
+daheim am warmen Ofen und wer, wie die Briefträger, am Neujahrstag ganz
+besonders viel durch die kalten Straßen laufen und vor den Häusern
+stehend warten mußte, bis die Türen geöffnet wurden, der hörte manches
+teilnehmende Wort. Frau Hartwig brachte ihnen bei jedem Gang eine Tasse
+warmen Kaffees entgegen. Auch die Familie Pfäffling hatte ihr Päckchen
+Glückwunschkarten und -briefe erhalten und unter diesen Briefen war
+einer, der noch mehr als Glückwünsche enthielt. Es war die Antwort auf
+Frau Pfäfflings Weihnachtsbrief und er brachte ihr eine warme,
+dringende Einladung, sich zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter, der
+im Februar gefeiert werden sollte, einzufinden, damit nach langen
+Jahren der Trennung auch _einmal_ wieder die drei Geschwister mit der
+Mutter in der alten Heimat vereinigt wären. So viel Liebe und
+Anhänglichkeit sprach sich aus in den Briefen von Frau Pfäfflings
+Bruder und Schwester, denen ein eigenhändiger, mit zitternder Hand
+geschriebener Gruß der alten Mutter beigesetzt war, daß Frau Pfäffling
+tief bewegt war und zu ihrem Mann wehmütig sagte: "Ach, wenn es nur
+möglich wäre, aber es ist ja gar nicht daran zu denken! So weit fort
+und auf ein paar Wochen, denn für einige Tage würde sich die große
+Reise gar nicht lohnen."
+
+Es kam ganz selten vor, daß Frau Pfäffling für sich einen Wunsch
+äußerte, und so war es nur natürlich, daß es der ganzen Familie
+Eindruck machte, wenn es doch einmal geschah.
+
+"Geht es denn wirklich nicht, Vater?" fragte Karl.
+
+"So ganz unmöglich kommt mir die Sache nicht vor," antwortete Herr
+Pfäffling, indem er sich an seine Frau wandte, "jetzt, wo die Kinder
+groß sind und Walburg so zuverlässig ist."
+
+Frau Pfäffling wollte etwas entgegnen, aber der ganze Kinderchor
+stimmte dem Vater zu, wollte gar keine Schwierigkeit gelten lassen und
+versicherte, es sollte in Abwesenheit der Mutter alles so ordentlich
+zugehen, wie wenn sie da wäre. Aber sie schüttelte dazu ungläubig den
+Kopf und brach die Beratung ab, indem sie sagte: "Bei solch einer Kälte
+mag man gar nicht an eine Reise denken, wir wollen sehen, was der
+Januar bringt!"
+
+Zunächst brachte er den Abschluß der Ferienzeit, die Schulen begannen
+wieder. So warm wie möglich eingepackt machten sich die Kinder auf den
+Weg. Freilich, die drei großen Brüder besaßen zusammen nur zwei
+Wintermäntel, bisher waren sie auch immer gut damit ausgekommen, heute
+hätte jeder gerne einen gehabt. Otto hatte sich einen gesichert, indem
+er ihn schon vor dem Frühstück angezogen hatte. Nun standen Karl und
+Wilhelm vor dem einen, der noch übrig war. "Dich wird's nicht so arg
+frieren wie mich," sagte Wilhelm zum größeren Bruder und Karl, obwohl
+er nicht recht wußte, warum es ihn nicht so frieren sollte, war schon
+im Begriff, auf den Mantel zu verzichten, als Otto sich einmischte:
+"Laß doch Karl den Mantel. In den obern Klassen hat doch jeder einen,
+es sieht so dumm aus, wenn er allein keinen hat!"
+
+"Dumm?" sagte Herr Pfäffling, "es sieht eben aus, als seien keine
+großen Kapitalien da, mit denen man ungezählte Mäntel beschaffen
+könnte. So ist's und deshalb darf es auch so aussehen. Übrigens, länger
+als fünfzehn Minuten braucht ihr nicht zum Schulweg, ist das auch der
+Rede wert, wenn man eine Viertelstunde frieren muß? Seid ihr so
+zimpferlich?"
+
+"Ich nicht," rief Wilhelm, "ich brauche auch nur zwölf Minuten," er
+ließ den Mantel fahren und rannte davon.
+
+Elschen war diesmal nicht so unglücklich wie früher über den
+Schulanfang, sie nahm die Schultasche her, die sie zu Weihnachten
+bekommen hatte, packte die Tafel aus, fing an zu schreiben, was sie von
+Buchstaben kannte, und tröstete sich mit der Aussicht, daß nach den
+Osternferien auch sie mit den Großen den Schulweg einschlagen würde.
+
+So wohl es Frau Pfäffling tat, wenn ihre Kinder nach solcher Ferienzeit
+wieder zum ersten Male in die Schule gingen, so freute sie sich doch
+auf das erste Heimkommen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß Mann und
+Kinder angeregt und von irgend welchen neuen Mitteilungen erfüllt,
+zurückkommen würden. Um so mehr war sie überrascht, daß Marianne
+diesmal weinend nach Hause kam. Die beiden Mädchen, obgleich sie gut
+mit Wintermänteln versehen waren, weinten vor Kälte und die
+Fingerspitzen wurden in der Wärme nur noch schmerzhafter, so daß sie
+noch klagend im Zimmer herumtrippelten, als die Familie sich zu Tisch
+setzen wollte. "Habt ihr denn eure Winterhandschuhe nicht angehabt?"
+fragte Frau Pfäffling. Da kam ein kleinlautes "Nein" heraus und das
+Geständnis, daß man sich den Mitschülerinnen mit den neuen, knapp
+anschließenden Glacéhandschuhen habe zeigen wollen, die Fräulein
+Vernagelding zu Weihnachten geschenkt hatte. Nun wurden die armen
+Frierenden noch von den Brüdern ausgelacht.
+
+"So, du lachst auch mit, Otto," sagte Frau Pfäffling. "Wenn du keine
+Glacéhandschuhe trägst, so kommt es gewiß nur daher, daß du keine hast.
+Aber Kinder, wer von euch eitel ist, der hat nichts vom Vater und ist
+gar kein rechter Pfäffling, und das wollt ihr doch alle sein? Nun
+kommt, ihr Erfrorenen, jetzt gibt es warme Suppe. Elschen und ich, wir
+haben uns so gefreut, bis ihr alle heimkommt und von der Schule
+erzählt. Kommt, wir wollen beten:
+
+"Herr wie schon vor tausend Jahren
+Unsre Väter eifrig waren,
+Dich als Gast zu Tisch zu bitten,
+So verlangt uns noch heute,
+Daß Du teilest unsre Freude.
+Komm, o Herr in unsre Mitte!"
+
+
+Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfäffling erwartet hatte, allerlei
+Mitteilungen. Über Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie
+vergraben, jetzt, durch die Berührung mit der Außenwelt, erfuhr man
+wieder, was vor sich ging. Herr Pfäffling hatte vom Direktor der
+Musikschule etwas gehört, was ihn ganz erfüllte: Ein Künstlerkonzert
+ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden. Ein Künstlerpaar, das
+vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde hingerissen
+hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch
+meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die großen
+Städte Europas sich hören lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise
+zum erstenmal auch der kleine Sohn des Künstlerpaares als Violinspieler
+Anteil, und die Zeitungen waren voll von überschwänglichen
+Schilderungen des rührenden Eindrucks, den das geniale Violinspiel des
+wunderbar begabten Knaben mache.
+
+Freilich waren die Preise für diesen Kunstgenuß so hoch gestellt, daß
+unser Musiklehrer nicht daran gedacht hätte, sich ein solch kostbares
+Vergnügen zu gönnen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule
+gegeben werden, und in solchem Fall war es üblich, daß die Hauptlehrer
+der Anstalt Freikarten erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude
+auf diesen großen Kunstgenuß hin, umkreiste vergnügt den Tisch, blieb
+dann hinter seiner Frau Stuhl stehen und sagte: "Ich bekomme eine
+Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem Bruder eine Freikarte zum
+80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die Mutter muß sich zur
+Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der Mutter mit dem
+Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein.
+
+Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer
+war krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schüler war neu
+eingetreten, ein anderer ausgetreten. Herr Pfäffling hatte nur mit
+halber Aufmerksamkeit zugehört, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr,
+der ihn aus seinen Gedanken weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier
+erzählt?" fragte er Otto.
+
+"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten."
+
+"Hast du nichts näheres darüber gehört?"
+
+"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich
+weiß nicht mehr."
+
+Herr und Frau Pfäffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand.
+Gesprochen wurde nichts darüber, Herr Pfäffling sollte aber bald
+näheres erfahren.
+
+Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel,
+im neuen Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt,
+und selbst die russische Familie klagte über den kalten deutschen
+Winter.
+
+"Sie müssen von Rußland doch noch an ganz andere Kälte gewöhnt sein?"
+meinte Herr Pfäffling.
+
+"Ja, aber dort friert man nicht so, da weiß man sich besser zu
+schützen. Alle Fahrgelegenheiten sind heizbar, alles ist mit Pelzen
+belegt und Sie sehen auch jedermann in Pelze gehüllt auf der Straße.
+Warum tragen Sie keinen Pelz bei solcher Kälte?" fragte die Generalin,
+indem sie einen Blick auf Herrn Pfäfflings Kleidung warf. Ihm war der
+Gedanke an einen Pelzrock noch nie gekommen. "Da gibt es noch vieles,
+vieles Nötigere anzuschaffen, ehe ein Pelzrock für mich an die Reihe
+käme," sagte er, "ich kann übrigens sehr rasch gehen und werde warm vom
+Lauf, meine Hände sind nicht steif, wir können gleich spielen."
+
+Am Schluß der Stunde erzählten die jungen Herren von dem Ball im Hotel.
+"Es war sehr hübsch," sagten sie, "wir durften auch tanzen, der Sohn
+des Besitzers, der viel jünger ist als wir, hat auch getanzt. Er ist
+übrigens jetzt nicht mehr hier."
+
+"Ja," sagte der General, "der Hotelier ist einsichtsvoller, als ich
+gedacht hätte. Er sagte zu mir: 'Hier in diesem Hotelleben arbeitet der
+Junge nicht, er kommandiert nur. Er soll fort von hier, in ein
+richtiges Familienleben hinein.'"
+
+Herr Pfäffling erkannte diese Worte als seine eigenen. "Der Mann hat
+recht," fuhr der General fort, "wenn die Verhältnisse im Haus ungünstig
+sind, ist es besser, ein Kind wegzugeben, und wenn sie im ganzen Land
+ungünstig sind, so wie bei uns in Rußland, so ist es wohl auch besser,
+die Kinder in einem andern _Land_ aufwachsen zu lassen. In Rußland
+haben wir ganz traurige Zustände, die jungen Leute, die dort
+aufwachsen, sehen nichts als Verderbnis überall, Unredlichkeit und
+Bestechung sogar schon in den Schulen. Unsere eigenen Söhne haben von
+dieser verdorbenen Luft schon mehr eingeatmet, als ihnen gut war. Meine
+Frau und ich haben uns entschlossen, sie in einer deutschen
+Erziehungsanstalt zurückzulassen, wenn wir nach Rußland zurückkehren,
+was wohl in der nächsten Zeit sein muß. Wir stehen gegenwärtig über
+diese Angelegenheit in Briefwechsel mit einer Berliner Anstalt."
+
+Noch nie hatte der General so eingehend und offen mit dem Musiklehrer
+gesprochen. Die Generalin sah ernst und sorgenvoll aus, die Söhne
+standen beiseite mit niedergeschlagenen Augen. Herr Pfäffling fühlte,
+daß diese reichen, hochgebildeten und begabten Leute auch ihren
+schweren, heimlichen Kummer zu tragen hatten, und er sagte mit warmer
+Teilnahme: "Jeder einzelne leidet mit, wenn sein Vaterland so schlimme
+Zeiten durchmacht, wie das Ihrige. Möchte das neue Jahr für Rußland
+bessere Zustände bringen!"
+
+Als Herr Pfäffling kurz darauf die Treppe herunter ging, traf er
+unvermutet mit Herrn Rudolf Meier sen. zusammen, der heraufkam. Einen
+Augenblick zögerten beide. Sie hatten _ein_ gemeinsames Interesse, über
+das zu sprechen ihnen nahelag. Aber an Herrn Meier wäre es gewesen, die
+Sprache darauf zu bringen, wenn er nicht mehr zürnte. Er tat es nicht.
+Mit dem höflichen aber kühlen Gruß des Gastwirts ging er vorüber,
+gewohnheitsmäßig die Worte sprechend: "Sehr kalt heute!"
+
+"Ja, 20 Grad," entgegnete Herr Pfäffling, und dann gingen sie
+auseinander.
+
+Daheim angekommen, hörte Herr Pfäffling Frieders Violine. Wie der
+kleine Kerl sie schon zu streichen verstand! Ob er wohl einmal ein
+Künstler, ein echter, wahrer, gottbegnadeter Künstler würde? Aber wie
+war denn das? Hatte Frieder nicht schon gespielt, lange, ehe sein Vater
+sich auf den Weg zum Zentralhotel gemacht hatte? Spielte er wohl
+seitdem ununterbrochen? Er ging dem Geigenspiel nach. Aus der Küche
+erklang es. Neben Walburg, die da bügelte, stand der eifrige, kleine
+Musiker, ein herzgewinnender Anblick. Aber Herr Pfäffling ließ sich
+dadurch nicht bestechen. "Frieder, wie lange hast du schon gespielt?"
+fragte er.
+
+"Nicht lange, Vater."
+
+"Nicht immerfort, seitdem du aus meinem Zimmer die Geige geholt hast?
+Sage mir das genau?"
+
+"Immerfort seitdem," antwortete Frieder und fügte etwas unsicher hinzu:
+"Aber das ist doch noch nicht lang her?"
+
+"Das ist über zwei Stunden her, Frieder, und hast du nicht auch schon
+heute nach Tisch gespielt? Und sind deine Schulaufgaben gemacht? Ei,
+Frieder, da stehst du und kannst nicht antworten! Nimm dich in acht,
+sonst kommst du noch ganz um die Geige! Gib sie her, in _der_ Woche
+bekommst du sie nimmer!" Herr Pfäffling streckte die Hand aus nach der
+Violine. Der Kleine hielt sie fest. Der Vater sah das mit Erstaunen.
+Konnte Frieder widerstreben? Hatte je eines der Kinder sich seinem
+Befehl widersetzt? Aber nein, es war nur _ein_ Augenblick gewesen, dann
+reichte er schuldbewußt die geliebte Violine dem Vater hin und ergab
+sich.
+
+Herr Pfäffling ging hinaus mit dem Instrument. Walburg hatte nicht
+verstanden, was gesprochen worden war, aber gesehen hatte sie und sie
+sah auch jetzt, wie sich langsam ihres Lieblings Augen mit dicken
+Tränen füllten. Sie stellte ihr Bügeleisen ab, zog den Kleinen an sich
+und fragte: "Darfst du denn nicht spielen?"
+
+"Nicht länger als zwei Stunden im Tag," rief Frieder in kläglichem Ton.
+
+"Sei nur zufrieden," tröstete sie ihn, "ich sehe dir jetzt immer auf
+die Uhr." Frieder zog traurig ab; jede Stunde sehnte er sich nach
+seiner Violine, und nun war sie ihm für eine ganze Woche genommen!
+
+Aber auch Herr Pfäffling war nicht in seiner gewohnten fröhlichen
+Stimmung. Ihm war es leid, daß der Unterricht in der russischen Familie
+zu Ende gehen sollte, eine große Freude und eine bedeutende Einnahme
+fiel damit für ihn weg, und dazu kam nun, daß er auf dem Tisch im
+Musikzimmer eine Neujahrsrechnung vorfand, die, nachdem er sie geöffnet
+und einen Blick auf die Summe geworfen hatte, ihn hinübertrieb in das
+Familienzimmer zu seiner Frau.
+
+"Cäcilie," rief er schon unter der Türe, und als er die Kinder allein
+fand, fragte er ungeduldig:
+
+"Wo ist denn die Mutter schon wieder?"
+
+"Sie ist draußen und bügelt."
+
+"So ruft sie herein, schnell, Marianne!"
+
+Die Mädchen gingen eiligst hinaus: "Mutter, der Vater fragt nach dir."
+Frau Pfäffling bügelte eben einen Kragen. "Sagt nur dem Vater, ich
+komme gleich; ich muß nur den Kragen erst steif haben."
+
+"Wir wollen lieber erst mit dir hineingehen," sagten die Schwestern und
+in diesem Augenblick ertönte ein lautes "Cäcilie".
+
+Daraufhin wurde der halb gebügelte Kragen im Stich gelassen. Frau
+Pfäffling kam in das Zimmer und sah ihren Mann mit einer Rechnung in
+der Hand. "Ist denn das nicht eine ganz unnötige Komödie mit der ewigen
+Bügelei," fragte Herr Pfäffling, "die Kinder wären doch ebenso
+glücklich in ungebügelten Hemden!" Auf diese gereizte Frage antwortete
+Frau Pfäffling bloß wieder mit einer Frage: "Ist das die
+Doktorsrechnung? Sie kann doch nicht sehr hoch sein?"
+
+"Sechzig Mark! Hättest du das für möglich gehalten?"
+
+"Unmöglich! Sechzig Mark? Zeige doch nur! Die kleine Ohrenoperation von
+Anne im vorigen Sommer fünfzig Mark?!" Bei diesem Ausruf sahen alle
+Geschwister auf Anne, und diese fing bitterlich an zu weinen. Die
+Tränen besänftigten aber den Vater. Er ging zu der Schluchzenden. "Sei
+still, du armer Wurm," sagte er, "du kannst nichts dafür. Hast so viel
+Schmerzen aushalten müssen, und das soll noch so viel Geld kosten! Aber
+sei nur getrost, geholfen hat dir der Arzt doch, und wir wollen froh
+sein, daß du nicht so taub geworden bist wie Walburg. Hörst du jetzt
+wieder ganz gut, auch in der Schule?"
+
+"Ja," schluchzte das Kind.
+
+"Nun also, sei nur zufrieden, das Geld bringt man schon auf, man hat ja
+noch das Honorar zu erwarten für die Russenstunden und andere
+Rechnungen, als die vom Arzt, stehen nicht aus; nicht wahr, Cäcilie, es
+ist doch immer alles gleich bezahlt worden?"
+
+"Freilich," entgegnete sie, "aber ich kann es gar nicht fassen, daß
+diese Ohrenbehandlung förmlich als Operation aufgeführt und angerechnet
+wird. Ich war damals nicht dabei, Marianne ist immer ohne mich beim
+Arzt gewesen und so schlimm haben sie es nie geschildert." Da sahen
+sich die Schwestern ernsthaft an und sagten: "Ja, einmal war's
+schlimm!"
+
+Als Frau Pfäffling nach einer Weile wieder beim Bügeln stand, war ihr
+der Kummer über die sechzig Mark noch anzusehen, während Herr Pfäffling
+schon wieder guten Muts in sein Musikzimmer zurückkehrte und sich
+sagte: "Es ist doch viel, wenn man es dahin bringt, daß die
+Doktorsrechnung die einzige an Neujahr ist."
+
+Sie war aber doch nicht die einzige. Keine halbe Stunde war vergangen,
+als wieder so ein Stadtbrief an des Vaters Adresse abgegeben wurde, und
+die Kinder, die denselben in Empfang genommen hatten, flüsterten
+bedenklich untereinander: "Es wird doch nicht wieder eine Rechnung
+sein?" Sie riefen Elschen herbei: "Trage du dem Vater den Brief
+hinüber." Das Kind übernahm arglos den Auftrag und blieb, an den Vater
+geschmiegt, zutraulich plaudernd bei ihm stehen. Er riß hastig den
+Umschlag auf, eine Rechnung fiel ihm entgegen. Vom Buchhändler war sie
+und lautete nur auf vier Mark, für eine Grammatik, aber sie empörte
+Herrn Pfäffling fast mehr als die große Rechnung. "Wenn die Buben das
+anfangen, daß sie auf Rechnung etwas holen, dann hört ja jegliche
+Ordnung und Sicherheit auf," sagte er, indem er das Blatt auf den Tisch
+warf und in der Stube hin und her lief: "Else, hole mir die drei Großen
+herüber," sagte er, "aber schnell." Die Kleine ging mit besorgter
+Miene, suchte Karl, Wilhelm und Otto auf und kam dann zur Mutter an den
+Bügeltisch. "Es ist wieder etwas passiert mit einer Rechnung," sagte
+sie, "und die Großen müssen alle zum Vater hinein. Sie sind gar nicht
+gern hinübergegangen," fügte sie bedenklich hinzu. "Es geschieht ihnen
+nichts, wenn sie nicht unartig waren," sagte die Mutter, aber nebenbei
+wischte sie sich doch den Schweiß von der Stirne, trotz der zwanzig
+Grad Kälte draußen und sagte zu Walburg: "Wieviel Kragen haben wir denn
+noch zu bügeln, heute nimmt es ja gar kein Ende!" und Walburg
+entgegnete: "Es sind immer noch viele da." Frau Pfäffling bügelte
+weiter, sah müde aus und sagte sich im stillen: "Eine Wohltat müßte es
+freilich sein, wenn man einmal ein paar Wochen ausgespannt würde!"
+
+Inzwischen hatte Herr Pfäffling ein Verhör mit seinen Söhnen
+angestellt, und Otto hatte gestanden, daß er bei Beginn des Schuljahrs
+die Grammatik geholt hatte. Er suchte sich zu rechtfertigen: "Ich hätte
+gerne die alte Ausgabe benützt," sagte er, "aber als sie der Professor
+nur sah, war er schon ärgerlich und sagte: 'Die kenne ich, die habe ich
+schon bei deinem ältesten Bruder beanstandet, und er hat sie doch immer
+wieder gebracht, dann hat mich dein Bruder Wilhelm das ganze Schuljahr
+hindurch vertröstet, er bekomme bald eine neue Auflage, und es ist doch
+nie wahr geworden, aber zum drittenmal lasse ich mich nicht
+anschwindeln. Die alte Auflage muß wohl noch von deinem Großvater
+stammen?' So hat der Professor zu mir gesprochen, was habe ich da
+machen können?"
+
+"Mir hättest du das gleich sagen sollen, dann wäre sie bezahlt worden."
+
+"Du hast damals gar nichts davon hören wollen," sagte Otto kläglich.
+
+"Dann hättest du es der Mutter sagen sollen."
+
+"Die Mutter schickt uns immer zu dir."
+
+"Ach was," entgegnet Herr Pfäffling ungeduldig, "du bist ein Streiter;
+wie du es hättest machen sollen, kann ich nicht sagen, jedenfalls nicht
+so. Denkt nur, wohin das führen würde, wenn ihr alle sieben auf
+Rechnung nehmen würdet. Wenn man so knapp daran ist wie wir, dann kann
+man durchaus keine Neujahrsrechnungen brauchen, die Mutter und ich
+bringen es immer zustande ohne solche, und ihr müßt es auch lernen.
+Darum zahle du nur selbst die vier Mark. Du hast ja an Weihnachten Geld
+geschickt bekommen?"
+
+"Ich habe keine drei Mark mehr."
+
+"Dann helfen die Brüder. Ihr habt es doch wohl gewußt, daß Otto die
+Grammatik geholt hat? Also, dann könnt ihr auch zahlen helfen. Jeder
+eine Mark, oder meinetwegen eine halbe, und die vierte Mark will ich
+darauflegen. Aber springt nur gleich zum Buchhändler, zahlt und bringt
+mir die Quittung, und am nächsten Neujahr kommt keine Rechnung mehr,
+Kinder, nicht wahr?" Sie versprachen es, nahmen des Vaters Beitrag
+dankbar entgegen und waren froh, daß die Sache gnädig abgelaufen war.
+Das Geld wurde zusammengesucht, Otto wollte es gleich zum Buchhändler
+tragen. Als er hinunterkam, hielt eben vor der Haustüre eine Droschke,
+eine kleine Dame stieg aus, hinter Pelzwerk und Schleier hervor sah
+Fräulein Vernageldings Lockenköpfchen. Sie kam zur Stunde. "Armer
+Vater, auch das noch!" mußte Otto denken. Aber das Fräulein sprach ihn
+freundlich an: "Es ist zu kalt heute, um zu Fuß zu gehen, wollen Sie
+nicht auch fahren? Da wäre eben eine Droschke frei!"
+
+"Danke, nein, ich gehe zu Fuß," entgegnete Otto, lief davon und lachte
+vor sich hin über den Einfall, daß er zum Buchhändler fahren sollte.
+Aber das Lachen verging ihm bald, es lacht niemand auf der Straße bei
+zwanzig Grad Kälte!
+
+
+
+
+10. Kapitel
+Ein Künstlerkonzert.
+
+
+Der Vorabend des Konzertes war gekommen, die ganze Stadt sprach von dem
+bevorstehenden seltenen Kunstgenuß. Die schon früher Gelegenheit gehabt
+hatten, die Künstler zu hören, stritten darüber, ob die entzückende
+Stimme der Sängerin, die meisterhaften Leitungen des Klavierspielers
+die Menschen von nah und fern herbei lockten oder ob das kleine
+musikalische Wunderkind einen solchen Reiz ausübte.
+
+Im Zentralhotel waren Zimmer bestellt für die Künstlerfamilie und ihre
+Begleitung. Herr Pfäffling wußte das nicht, als er dem Hotel zuging, um
+seine letzte Stunde bei der russischen Familie zu geben. Noch einmal
+musizierten sie zusammen, weit über die festgesetzte Zeit hinaus, dann
+nahm Herr Pfäffling Abschied. Der General und seine Gemahlin schienen
+ihm ernst und traurig. Schwer lag auf ihnen der Gedanke, sich von den
+Söhnen trennen zu sollen. Auf der Durchreise wollten sie die beiden
+jungen Leute in Berlin zurücklassen. Schwer bedrückte sie auch der
+jammervolle Zustand des Vaterlandes, in das sie zurückkehren mußten.
+Unordnung herrschte im ganzen russischen Reich.
+
+Bei diesem letzten Zusammensein schwand jede Schranke, welche durch den
+großen Abstand der äußeren Stellung und Lebensverhältnisse zwischen den
+beiden Männern etwa noch bestanden hatte; in offener Mitteilsamkeit und
+warmer Teilnahme fanden und trennten sie sich.
+
+"Unsere Söhne werden morgen noch zu Ihnen kommen," sagte der General,
+"um sich bei Ihnen zu verabschieden und auch unseren Dank zu
+überbringen. Übermorgen werden wir reisen. Das Konzert wollen wir noch
+anhören, vielleicht sehen wir uns im Saal!"
+
+Vom General und seiner Gemahlin freundlich bis zur Treppe geleitet,
+verabschiedete sich Herr Pfäffling. Auf der Treppe mußte er Platz
+machen. Ein prächtiger Blumenkorb wurde eben herauf getragen. Er war
+für das Empfangszimmer des Künstlerpaares bestimmt. Eine gewisse Unruhe
+und Erregung herrschte in dem ganzen Hotel. Um so mehr war Herr
+Pfäffling verwundert, als ihn der Hotelbesitzer auf der Treppe einholte
+und ruhig anredete. "Haben Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit
+mir hier herein zu kommen?" fragte er, die Türe eines Zimmers
+aufmachend. "Ich wohl," sagte Herr Pfäffling, "aber Sie sind heute
+wieder vollauf in Anspruch genommen?"
+
+"Allerdings, und man sollte meinen, ich hätte keinen anderen Gedanken
+als meine Gäste, aber auch uns Geschäftsleuten steht das eigene Fleisch
+und Blut doch am nächsten. Mir klingt heute in aller Unruhe immer nach,
+was mir mein Sohn diesen Morgen geschrieben hat. Sie wissen es
+vielleicht, daß er seit Weihnachten bei meiner verheirateten Schwester
+ist. Sie, Herr Pfäffling, haben mir ja damals, als ich blind war, den
+Star gestochen. Es war eine schmerzhafte, aber erfolgreiche Operation."
+
+"Wenn sie erfolgreich war, so freut mich das herzlich, denn ich bin mir
+sehr bewußt, daß ich sie mit plumper, ungeschickter Hand vorgenommen
+habe. Was schreibt Ihr Sohn?"
+
+"Anfangs wollte er sich nicht recht in das einfache Familienleben
+finden, aber nun sollten Sie hören, wie er begeistert schreibt über
+seine Tante, obwohl diese ihn fest führt, wie wichtig es ihm ist, ob er
+ihr zum Quartalsabschluß ein gutes Zeugnis bringen wird und wiederum,
+wie vergnügt er die Schlittenfahrten, die Spiele mit den Kindern
+schildert." Herr Meier warf einen Blick in den Brief, den er ans seiner
+Tasche zog, und schien Lust zu haben, ihn vorzulesen, aber er steckte
+ihn rasch wieder ein, da ein Bursche eintrat und ihm eine ganze Anzahl
+Telegramme überreichte, die eben eingetroffen waren.
+
+"Ich will Sie nicht länger aufhalten," sagte Herr Pfäffling. "Ihre
+Telegramme beunruhigen mich, auch höre ich unten immerfort das
+Telephon."
+
+"Für dieses sorgt der Portier, und die Telegramme enthalten vermutlich
+alle nur Zimmerbestellungen. Viele Fremde möchten da absteigen, wo sie
+wissen, daß die Künstler ihr Absteigequartier genommen haben, besonders
+auch die Berichterstatter für die Zeitungen, diese hoffen im gleichen
+Hause etwas mehr zu hören und zu sehen von den Künstlern, als was sich
+im Konzertsaal abspielt."
+
+Herr Meier hatte einen Blick in die Telegramme getan: "Nur
+Zimmerbestellungen," sagte er, "es ist aber schon alles bei mir besetzt
+oder vorausbestellt. Ich muß für Aufnahme in anderen Häusern sorgen.
+Mir ist es lieb, zu denken, daß Rudolf fern von dem allem an seiner
+Arbeit oder auch beim Kinderspiel sitzt. Ich werde Ihnen immer dankbar
+sein für Ihren Rat, Herr Pfäffling."
+
+Die beiden Männer trennten sich und als Herr Pfäffling das Zentralhotel
+verließ, dessen schöne Freitreppe er nun vielleicht zum letztenmal
+überschritten hatte, wandte er sich unwillkürlich und warf noch einmal
+einen Blick auf diesen Ort des Luxus und des Wohllebens zurück. Wie
+wenig Unterschied war doch im Grund bei aller äußeren Verschiedenheit
+zwischen dem, was hier und was im einfachen Hause die Herzen bewegte.
+Der russische General, der reiche Geschäftsmann und er, der schlichte
+Musiklehrer, schließlich hatten sie alle das gleiche Herzensanliegen.
+Geld und Gut allein befriedigte keinen, um ihre _Kinder_ sorgten sie
+sich, tüchtige Söhne wollten sie alle, und das konnte ein armer
+Musiklehrer so gut oder leichter haben als die Reichen.
+
+Am folgenden Morgen erschienen die beiden jungen Russen in der
+Frühlingsstraße, um ihren Abschiedsbesuch zu machen. Herr Pfäffling war
+in der Musikschule, seine Frau empfing mit Freundlichkeit diese beiden
+Schüler, die ihrem Lehrer seine Aufgabe immer leicht gemacht hatten.
+Die jungen Leute drückten sich nun schon gewandt in der deutschen
+Sprache aus, baten Frau Pfäffling, ihren Dank zu vermitteln und teilten
+ihr mit, daß die Eltern ihre Abreise noch um einige Tage verschoben
+hätten, selbst noch einen Gruß schreiben und diesem das Honorar für die
+Stunden beilegen wollten.
+
+Unser Musiklehrer hätte sie noch in der Frühlingsstraße treffen müssen,
+wenn er zur gewohnten Zeit heim gekommen wäre. Aber es hatte heute in
+der Musikschule nach Schluß des Unterrichts eine sehr erregte
+Besprechung zwischen den Lehrern der Anstalt gegeben, und Herr
+Pfäffling kam später als sonst und nicht mit seiner gewohnten
+fröhlichen Miene heim. Heute war er nicht, wie gestern, der Ansicht,
+daß reich oder arm nicht viel zum Glück des Menschen ausmache! Der
+Direktor hatte mitgeteilt, daß zu dem abendlichen Konzert nur eine
+einzige Freikarte, auf seinen Namen lautend, für die Lehrer der
+Musikschule abgegeben worden sei. Darüber herrschte große Entrüstung
+unter den Kollegen. Manche konnten sich ja auf eigene Kosten noch
+Plätze verschaffen, für Herrn Pfäffling war solch eine Ausgabe
+ausgeschlossen. Seine Frau machte einen schwachen Versuch, ihn doch
+dazu zu überreden. "Nein," sagte er, "ich säße nur mit schlechtem
+Gewissen in dem Saal, habe ich doch noch nicht einmal die 60 Mark
+beisammen für den Arzt! Wenn die Russen heute das Geld geschickt
+hätten, das hätte mich vielleicht verführt. Die Leute sind auch so
+gedankenlos, sie tun, wie wenn unser einem das ganz gleich wäre, ob man
+auf das Stundenhonorar wochenlang warten muß oder nicht! Und die
+Künstler! Wie leicht hätten sie noch eine Freikarte mehr schicken
+können! Weißt du, daß Fräulein Vernagelding mit ihrer Mutter in das
+Konzert gehen wird? Ich habe bisher nicht gedacht, daß ich neidisch
+bin, aber: ich glaube wirklich, in diesem Fall bin ich es! Denke dir,
+das junge Gänschen, das nicht hört, was recht und was falsch klingt,
+soll diesen Kunstgenuß haben, und unsereines bleibt ausgeschlossen. Und
+warum geht sie hin? Weil Mama sagt: Bei solch hohem Eintrittspreis sei
+man sicher, nur die vornehmste Gesellschaft zu treffen! Und da soll man
+nicht bitter werden!"
+
+"Bitter?" wiederholte Frau Pfäffling, "du und bitter? Das ist gar nicht
+zusammen zu denken."
+
+Sie waren allein miteinander im Musikzimmer.
+
+Frau Pfäffling sprach noch manches gute, beruhigende Wort, so lange bis
+Elschen als schüchterner Bote eintrat und fragte, wann denn heute zu
+Mittag gegessen würde? Mit dem schlechten Gewissen einer säumigen
+Hausfrau folgte die Mutter augenblicklich der Mahnung. Herr Pfäffling
+sah ihr nach; von Erbitterung war nichts mehr auf seinen Zügen zu
+lesen, aber er sagte vor sich hin: "Das gibt eine öde Zeit, wenn sie
+für vier Wochen verreist, ich wollte, es wäre schon überstanden."
+
+Im Zentralhotel herrschte an diesem Tag Leben und Bewegung. Alle Zimmer
+waren besetzt, Kunstverständige waren von nah und fern herbei geeilt,
+alte Bekannte, neue Größen suchten das Künstlerpaar auf und das
+Künstlerkind wurde liebkost, mit Bonbons überschüttet, aber dennoch
+langweilte es sich heute und war verstimmt. Dem Fräulein, das für den
+kleinen Künstler zu sorgen hatte und ihn an Konzerttagen bei guter
+Laune erhalten sollte, wollte es heute nicht gelingen.
+
+Am Nachmittag ließ die junge Mutter Herrn Meier zu sich bitten. Viele
+Fremde der Stadt hätten ihn wohl beneidet um diese Audienz bei der
+Künstlerin, um die Gelegenheit, die auch beim Sprechen so liebliche
+Stimme der Sängerin zu hören und ihre anmutige Erscheinung zu sehen.
+"Ich bin in Verzweiflung," sagte sie, "unser Edmund ist heute gar nicht
+in Stimmung, und es wird mir so bang vor dem Abend. Denken Sie nur,
+wenn das Kind sich weigern sollte, zu spielen, wenn es versagen würde
+in dem Augenblick, wo alle auf ihn blicken? Er war noch nie so
+verstimmt, sein Fräulein ist selbst ganz nervös von der Anstrengung,
+ihn aufzuheitern. Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie mir ein paar
+muntere Kinder verschaffen, Knaben oder Mädchen, die mit ihm spielen
+und ihn zerstreuen, bis es Zeit wird, ihn anzukleiden. Bitte, bitte,
+sorgen Sie mir dafür, nicht wahr, und so bald wie möglich. Auch etwas
+Spielzeug wird zu bekommen sein, aber vor allem lustige Kameraden!"
+
+"Ich werde dafür sorgen, gnädige Frau," versicherte Herr Meier, und
+verließ das Zimmer. Die Wünsche der Gäste mußten befriedigt werden, das
+stand ein für allemale fest bei dem Besitzer des Zentralhotels. Also
+auch dieser Wunsch. "Wo bringe ich schnell muntere Kinder her?" fragte
+er sich und dachte an seinen Sohn Rudolf. In solchen Fällen hatte
+dieser ihm oft Rat gewußt, er kannte so viele Menschen. Ja, manchmal
+war Rudolf doch tatsächlich nützlich gewesen. Bei diesem Gedankengang
+sah Herr Meier wieder den Musiklehrer vor sich, und nun kam ihm in
+Erinnerung: Dieser Mann sollte ja Kinder haben in jedem Alter und
+munter, lebhaft, temperamentvoll mußten die Kinder _dieses_ Mannes
+sicherlich sein. Er ging zum Portier: "Schicken Sie sofort eine
+Droschke zu Musiklehrer Pfäffling in die Frühlingsstraße. Lassen Sie
+ausrichten, der kleine Künstler habe Langeweile und ich ließe Herrn
+Pfäffling freundlich bitten, mir sofort zwei oder drei seiner Kinder,
+Knaben oder Mädchen, zur Unterhaltung des Jungen zu schicken. Auch
+Spielzeug dazu, aber rasch!"
+
+So fuhr denn mitten am Nachmittag ein Wagen in der Frühlingsstraße vor,
+und der Kutscher richtete aus: "Herr Meier vom Zentralhotel lasse
+bitten um zwei bis drei Stück Kinder, Buben oder Mädel, das sei egal,
+sie sollten dem kleinen Künstler die Zeit vertreiben, weil er gar so
+zuwider sei."
+
+Diese Einladung erregte Heiterkeit bei den Eltern Pfäffling, und sie
+waren gleich bereit, die Bitte zu erfüllen. Wer paßte am besten dazu?
+Marianne war nicht zu Hause, Karl schon zu erwachsen, so konnten nur
+Wilhelm und Otto, Frieder und Elschen in Betracht kommen. Otto
+erklärte, er geniere sich. Wilhelm konnte das nicht begreifen. "Wie
+kann man sich genieren, wenn man mit einem kleinen Buben spielen soll?
+Dem wollte ich Purzelbäume vormachen und Spaß mit ihm treiben, daß er
+kreuzfidel würde!"
+
+"Gut," sagte Herr Pfäffling, "wenn es dir so leicht erscheint, wirst du
+es auch zustande bringen. Und Frieder?"
+
+"Der ist zu still," sagte die Mutter, "eher würde ich zu Elschen raten.
+Wo ist sie denn? Ein Künstlerkind hat vielleicht Freude an dem
+niedlichen Gestältchen."
+
+"Meinst du?" sagte Herr Pfäffling zweifelnd, "ist sie nicht zu
+schüchtern? Wir wollen sie fragen."
+
+Sie suchten nach dem Kind. Elschen stand allein im kalten Schlafzimmer,
+hatte in ihr eigenes Bett die Puppe gelegt, und als nun die Eltern und
+Brüder unvermutet herein kamen, hob sie abwehrend die Hand und sagte
+bittend: "Leise, leise, mein Kind ist krank!" Sie war herzig anzusehen.
+Frau Pfäffling beugte sich zu ihr und sagte: "Ein wirkliches,
+lebendiges Kind verlangt jetzt nach dir, Elschen. Der kleine
+Violinspieler, von dem wir dir erzählt haben, ist so traurig, weil er
+kein Kind in der Stadt kennt. Willst du zu ihm und mit ihm spielen?"
+
+"Freilich," sagte Elschen mitleidig, "mein Kind schläft jetzt, da kann
+ich schon fort."
+
+Schnell waren die beiden Geschwister gerichtet, auch einiges Spielzeug
+herbeigesucht und nun fuhren sie in der geschlossenen Droschke durch
+die ganze Stadt, voll Freude über das unverhoffte Vergnügen.
+
+Der Hotelbesitzer trat selbst herzu, als der Wagen vorfuhr, etwas
+bange, ob entsprechendes herauskommen würde. Er öffnete den Schlag. Der
+Anblick von Elschens lieblichem kleinem Persönchen erfreute ihn.
+Behutsam hob er sie aus dem Wagen, stellte sie auf die Freitreppe und
+sagte sich: "Das entspricht, wird sicherlich Beifall finden."
+Inzwischen war Wilhelm mit Behendigkeit aus der Droschke gesprungen,
+hatte das Spielzeug zusammen gerafft und war schon unter der großen
+Haustüre. Lächelnd sah ihn Herr Meier an. "Ganz wie sein Vater,
+langbeinig, hager und flink," dachte er und sagte befriedigt: "Nun
+kommt mir, Kinder, ich will euch selbst einführen. Edmund heißt der
+Kleine. Er ist ein wenig müde von der Reise, aber wenn ihr mit ihm
+spielt, wird er schon lustig. Vom Konzert und von Musik müßt ihr nicht
+mit ihm reden, das mag er nicht, er will nur spielen, er ist ganz wie
+andere Kinder auch."
+
+Oben am Zimmer angekommen, klopften sie an und horchten auf das
+"Herein", statt dessen hörten sie die Stimme eines Fräuleins. "Aber
+Edmund, wer wird denn die Fensterscheiben ablecken?" "Was soll ich denn
+sonst tun?" hörte man eine weinerliche Kinderstimme entgegnen. Da
+lachte Wilhelm und sagte zu seinem Begleiter: "Der muß freilich arg
+Langeweile haben! Ich will lieber gleich mit einem Purzelbaum herein
+kommen." Herr Meier wußte nicht recht, ob er das gut heißen sollte,
+aber er hatte inzwischen noch einmal angeklopft, das "herein" war
+erfolgt und durch die geöffnete Türe kam Wilhelm auf dem Kopf herein
+und einen Purzelbaum nach dem andern schlagend, auf weichen Teppichen,
+die dazu sehr einladend waren, bis zu dem Kleinen am Fenster, der nun
+laut auflachte und sagte: "Wie macht man denn das?"
+
+Das Fräulein atmete erleichtert auf bei dieser willkommenen Ablösung in
+ihrer Aufgabe, das Kind zu unterhalten. Die Sängerin, die aus dem
+nebenan liegenden Zimmer unter die Türe getreten war, lächelte
+freundlich und dankbar Herrn Meier zu, der sich sofort befriedigt
+entfernte, und kam Elschen entgegen, die auf sie zuging. Das Kind hatte
+ein Gefühl dafür, daß die Art, wie ihr Bruder sich einführte,
+ungewöhnlich und vielleicht nicht passend war, und in der mütterlichen
+Art, die sie von ihrer älteren Schwester überkommen hatte, sagte sie zu
+der jungen Frau: "Wilhelm kommt gewöhnlich nicht mit Purzelbäumen
+herein, bloß heute, weil er lustig sein will."
+
+"Ein süßes Kind," sagte die junge Mutter zu dem Fräulein. "nun ist
+Edmund versorgt und wir können ein wenig ausruhen. Lassen Sie die
+Kinder nur ganz gewähren, solange sie nicht gar zu wild werden." Das
+Fräulein schien dieser Aufforderung sehr gern nachzukommen, zog sich
+mit einem Buch zurück und die Kinder blieben sich selbst überlassen.
+
+Die Freundschaft war bald geschlossen. Der kleine Künstler hatte etwas
+sehr Gewinnendes in seinem Wesen und ein anmutiges Äußeres. Weiche,
+blonde Locken umgaben das feine Gesicht, alles an ihm war schön und
+wohlgepflegt. Das ansprechendste waren seine großen, tiefblauen Augen,
+die mit ihrem träumerischen Ausdruck ahnen ließen, daß diese
+Kinderseele mehr als andere empfand. Während er mit den Kindern
+spielte, sah auch er kindlich-fröhlich aus, sobald er aber still war,
+lag ein ungewöhnlicher Ernst und eine Frühreife in seinem Gesicht, die
+ihn viel älter erscheinen ließen.
+
+Eine gute Weile belustigte er sich an Wilhelms Spässen und ergötzte
+sich mit diesem, während Elschen zusah. Nun wandte er sich an sie. "Mit
+dir möchte ich gerne tanzen," sagte er, "kannst du tanzen?"
+
+"Ja," sagte die Kleine zuversichtlich.
+
+"Was willst du tanzen?"
+
+"Was du willst," antwortete sie freundlich, zum Erstaunen ihres
+Bruders, der von der Tanzkunst seiner Schwester bisher noch nichts
+gewußt hatte.
+
+"Also Walzer," entschied der kleine Kavalier und wollte sein Dämchen
+zum Tanz führen.
+
+"Warte ein wenig," sagte Elschen, "Wilhelm muß mir das erst vormachen."
+
+Dieser hatte zwar noch nie getanzt, aber ihm machte das keine Bedenken,
+für so kleine Tänzer traute er sich dennoch zu, den Tanzmeister zu
+machen.
+
+"Bei Walzer zählt man drei," sagte er zur Schwester, "ich will dir
+einen Walzer vorpfeifen."
+
+Und er fing an, die Melodie zu pfeifen, den Takt dazu zu schlagen und
+sich im Kreis zu drehen. Das Fräulein, im Hintergrund, verbarg hinter
+ihrem Buch das Lachen, das sie bei diesem Tanzunterricht schüttelte.
+Edmund fuhr die Tanzlust in die Füße, er ergriff seine kleine Tänzerin.
+Sie wäre ja keine Pfäffling gewesen, wenn sie den Rhythmus nicht erfaßt
+hätte; niedlich tanzte das kleine Paar hinter dem pfeifenden, mit den
+Fingern schnalzenden und sich drehenden Wilhelm einher. Das Fräulein
+rief unbemerkt die Mutter des Kleinen herbei, auch der Vater trat unter
+die Türe, sie sahen belustigt zu. "Eine solche Nummer sollten wir in
+unserem Programm heute Abend einschalten," sagte er scherzend zu seiner
+Frau, "das gäbe einen Jubel! Wem gehören denn diese Kinder?" fragte er
+das Fräulein. Sie wußte es nicht.
+
+"Der langbeinige, bewegliche Kerl ist zu drollig und das Mädchen ist
+die Anmut selbst. Musikalisch sind sie offenbar alle beide."
+
+Zwei Stunden waren den Kindern schnell verstrichen, nun mahnte das
+Fräulein, daß es Zeit für Edmund sei, sein Abendessen einzunehmen und
+sich umkleiden zu lassen für das Konzert. Als er das hörte, verschwand
+alle Fröhlichkeit aus seinem Gesicht, er erklärte, daß er nichts essen
+möge, sich nicht umkleiden und seine neuen Freunde nicht missen wolle.
+Die vernünftigen Vorstellungen des Fräuleins, die zärtlichen Worte der
+Mutter hatten nur Tränen zur Folge.
+
+Wilhelm versuchte seinen Einfluß auf den kleinen Kameraden. "Du mußt
+doch vorspielen," sagte er, "viele Hunderte von Menschen hier freuen
+sich schon so lange auf das Konzert!"
+
+"Geht ihr auch hin?" fragte der Kleine und ehe er noch Antwort hatte,
+sagte er eifrig zu seiner Mutter: "Die Beiden sollen zu mir in das
+Künstlerzimmer kommen, und den Abend bei mir bleiben, es ist immer so
+langweilig, während du singst und Papa spielt."
+
+Aber Wilhelm ging auf diesen Vorschlag nicht ein. "Wir können nicht
+kommen," sagte er. "Elschen liegt um diese Zeit schon im Bett und ich
+habe jetzt den ganzen Nachmittag nichts gearbeitet und habe viele
+Aufgaben für morgen." Da flossen bei dem Kleinen wieder die Tränen, er
+drückte sein Köpfchen an die Mutter und schluchzte: "Wenn er nicht
+kommt, will ich auch nicht spielen, mir ist gar nicht gut." Es sah auch
+tatsächlich ein wenig elend aus, das kleine Bübchen. Seine Mutter rief
+den Vater zu Hilfe. "Sieh doch nur," sagte sie, "wie Edmund verweint
+und jämmerlich aussieht! Was hat er nur? Er ist doch sonst so
+verständig, aber heute will er nicht spielen. Ich werde Qualen
+durchmachen, heute abend."
+
+Der Vater stampfte ungeduldig mit dem Fuß. Edmund ergriff Wilhelms Hand
+und hielt sie krampfhaft fest, um ihn nicht gehen zu lassen. Die beiden
+Eltern besprachen sich eifrig miteinander, aber die Kinder verstanden
+nichts davon, das Gespräch wurde in italienischer Sprache geführt.
+Endlich wandte sich der Vater an Wilhelm: "Wir wären sehr froh," sagte
+er, "wenn du zu unserem Kleinen in das Künstlerzimmer kommen und den
+Abend bei ihm bleiben wolltest. Du müßtest eben deine Aufgaben einmal
+bei Nacht machen. Ein frischer Junge, wie du bist, kann das doch wohl
+tun? Wir verlangen auch diese Gefälligkeit nicht umsonst, wir bieten
+dir dagegen ein Freibillet zu unserem Konzert an, das du gewiß jetzt
+noch leicht an irgend jemand in deiner Bekanntschaft verkaufen kannst."
+
+Bei dem Wort "Freibillet" hatte Wilhelms Gesicht hell aufgeleuchtet.
+Ein Billet, für den Vater natürlich, welch ein herrlicher Gedanke!
+"Ja," rief er, "ja, ja, für ein Freibillet, wenn ich es meinem Vater
+geben darf, will ich gern zu Edmund kommen und gern die ganze Nacht
+durch arbeiten!" Und als er bemerkte, wie nun der Kleine plötzlich vom
+Weinen zum Lachen überging, sagte er zu diesem: "Könntest du nur dabei
+sein, wenn ich meinem Vater die Karte bringe und sehen, wie er sich
+freut! Mein Vater ist wohl so groß wie die Türe da, und wenn er einen
+Freudensprung macht, dann kommt er fast bis an unsere Decke. Weißt du
+so!" und Wilhelm fing an, Sprünge zu machen, daß der kleine Kamerad
+laut lachte und seine Mutter leise zu dem Fräulein sagte: "Nun führen
+Sie ihn rasch zum Umkleiden, so lange er noch vergnügt ist," und dem
+Kinde redete sie gütig zu: "Wenn du nun artig bist, Edmund, so kommt
+heute abend Wilhelm zu dir." Darauf hin folgte der Knabe willig dem
+Fräulein und sein Vater wandte sich an Wilhelm. "Das Konzert ist in der
+Musikschule; neben dem Saal ist das Zimmer, in dem wir uns aufhalten,
+so lange wir nicht spielen, du darfst nur nach dem Künstlerzimmer
+fragen."
+
+"O, ich weiß es gut," sagte Wilhelm, "neben dem Garderobezimmer liegt
+es."
+
+Der Künstler wunderte sich. "Du bist ja zu allem zu brauchen," sagte
+er, "woher weißt du das Zimmer?"
+
+"Mein Vater ist Lehrer an der Musikschule, ich habe ihn schon oft dort
+abgeholt."
+
+"Ah, Musiklehrer, und hat dennoch kein Billet genommen für unser
+Konzert?"
+
+"Nein," sagte Wilhelm, "aber kein Mensch in der ganzen Stadt kann sich
+mehr darüber freuen, als mein Vater!"
+
+Auch Elschen stimmte zu mit einem fröhlichen "ja, ja!" und dabei
+schlüpfte sie, so schnell sie konnte, in ihren Mantel und beiden
+Kindern war die Ungeduld, heimzukommen, an allen Gliedern anzumerken.
+Die Karte wurde ihnen denn auch wirklich eingehändigt und nachdem
+Wilhelm fest versprochen hatte, sich rechtzeitig im Künstlerzimmer
+einzufinden und Edmund zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen, ihn zu
+belustigen, ohne Lärm zu machen, wurden die Kinder entlassen.
+
+Wilhelm faßte die kleine Schwester bei der Hand; "Jetzt nur schnell,
+schnell, Elschen, wenn nur der Vater ganz gewiß zu Hause ist, es ist
+schon sechs Uhr, um halb acht Uhr geht das Konzert an!"
+
+So rasch eilten sie am Portier vorüber, daß dieser sie kaum mehr
+erreichte, obwohl er aus seinem Zimmer ihnen nacheilte auf die
+Freitreppe vor dem Hotel.
+
+"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr dürft wieder heim fahren."
+Wilhelm wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und
+kommen viel früher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber
+die Hand des großen, stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des
+Knaben und hielt ihn zurück. "Herr Meier hat Auftrag gegeben, daß eine
+Droschke geholt werden soll, es ist für dies kleine Mädchen ein weiter
+Weg und draußen ist's kalt und dunkel; aber wenn du so Eile hast, so
+kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen und einen Wagen
+holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde im
+Portierzimmer ein Sessel zurecht gerückt. Da saß sie neben zwei
+riesigen Reisekoffern, und betrachtete die glänzenden Metallbeschläge.
+
+"Das sind große Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen
+bis nach Rußland."
+
+"Dann gehören sie dem General," sagte Elschen, "der in der nächsten
+Woche nach Berlin reist."
+
+"Weißt du davon? Du hast ganz recht, das heißt, er reist schon morgen."
+
+"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah
+erstaunt auf die Kleine. "Das wäre das neueste, wer hat denn das
+gesagt?"
+
+"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren."
+
+"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General
+selbst hat heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen
+vormittag. Horch, nun kommt schon dein Bruder mit der Droschke."
+
+Wilhelm hätte mehr Lust gehabt, seine eigenen flinken Beine in Bewegung
+zu setzen als die eines müden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr
+einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, daß der
+Wagenschlag für sie aufgerissen wurde wie für ein kleines Dämchen und
+sie selbst sorgsam hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt
+nicht ausgleite. Nun fuhren sie durch die schön beleuchteten Straßen,
+dann durch die stillen Gassen der Vorstadt und endlich bogen sie in die
+Frühlingsstraße ein. "Wenn der Vater nicht daheim ist, müssen alle
+auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl und Otto, Marianne und
+Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muß das Billet zu
+rechter Zeit bekommen!"
+
+In der Frühlingsstraße war abends kein großer Wagenverkehr, und Frau
+Pfäffling, die bei den Kindern am Tisch saß, horchte auf und sagte:
+"Sie kommen!" Herr Pfäffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin
+und her wandelte, seine Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch
+den Gedanken gestört wurde, wie viel schöner es wäre, heute abend
+Musik, Musik erster Klasse, zu hören, als über Musik zu lesen, Herr
+Pfäffling hörte auch das Geräusch des Wagens: "Das können die Kinder
+sein, ob _sie_ wenigstens etwas gehört haben in der Künstlerfamilie,
+singen, Klavier oder Violine?" Das mußte er doch gleich fragen, also:
+die Treppe hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem Mann:
+"Es hält eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die
+Zeit kommt ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfäffling
+stand inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte
+fragen, aber so flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den
+eifrigen Ausrufen seiner Kinder: "Wie gut, daß du zu Hause bist, Vater,
+wir haben dir ja ein Billet, ein Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt
+vom Künstler selbst!" Und wenn nun auch Herr Pfäffling nicht den
+Freudensprung machte, den der kleine Edmund von ihm erwartet hätte,
+enttäuscht wäre dieser doch nicht gewesen, denn dieser fröhliche Ausruf
+der Überraschung, dieses stürmische Stufenüberspringen, um möglichst
+schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Cäcilie!" der
+durch die ganze Wohnung klang, war auch ergötzlich und herzerfreuend.
+
+Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es
+diesmal überlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag
+herauskam. Frau Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht
+überrannt zu werden, wollte eben die Haustüre zumachen, als sie die
+Kleine, mit dem Spielzeug beladen, nachkommen sah. "Da hat es wieder so
+pressiert," sagte sie vor sich hin, "daß sich keines die Zeit genommen
+hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm die Hand und schloß
+für sie die Haustüre, während oben schon die Tritte der Hinauseilenden
+verhallten. Elschen fand es ganz natürlich, daß man sich nicht um sie
+gekümmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude,
+der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich grüßte sie die Hausfrau und
+sagte, auf der Treppe zurückblickend: "Jetzt weiß ich es, Hausfrau, wie
+du das machen mußt, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont
+wird, du mußt nur dicke, dicke Teppiche legen; so ist es im
+Zentralhotel und es sieht auch viel schöner aus als das Holz da!"
+
+"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken
+Teppiche, damit ich sie legen kann."
+
+Bei Pfäfflings war große Bewegung, die Freude über das Konzertbillet
+hatte sich allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten über die
+Erlebnisse im Zentralhotel überstürzten sich, zugleich wurden die
+Vorbereitungen für das Abendessen beschleunigt, damit Herr Pfäffling
+und Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des Konzertes kommen konnten. Frau
+Pfäffling hörte mit besonderer Teilnahme und auch mit Besorgnis von dem
+kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl fühlt," sagte sie zu
+Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit Spässen bei guter
+Laune erhalten können!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und war zu
+vergnügt über die Freikarte, als daß er von dem heutigen Abend irgend
+etwas anderes als Erfreuliches hätte erwarten können. Er strahlte mit
+dem ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinüber, der
+ebenso strahlte, während sie beide das rasch erschienene Abendessen
+verzehrten und sich dann unter allgemeiner Teilnahme und
+Hilfsbereitschaft der Familie für das Konzert richteten. "Wenn der
+Kleine aufgeregt wird oder nicht mehr spielen will," sagte Frau
+Pfäffling zu Wilhelm, "so laß ihn sich zu dir setzen und erzähle ihm
+allerlei, etwa von Frieders Harmonika und Geige oder von unserem
+Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn du ihn immer zum Lachen
+bringen willst. Weißt du, wenn man unwohl ist, mag man gar nicht
+lachen, aber über dem Erzählen vergessen die Kinder ihre kleinen
+Leiden." Da mischte sich Elschen ein: "Er ist ja gar nicht krank, er
+hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und gelacht," sagte Wilhelm, "und
+unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los mit ihm."
+
+So gingen Vater und Sohn fröhlich und guter Dinge miteinander nach der
+Musikschule und trennten sich, Herr Pfäffling, um seinen Platz in dem
+schon dicht gefüllten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters
+Billet nachträglich zu verdienen.
+
+Er fand das Künstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn
+begrüßten hier die Künstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Sängerin
+allerlei Aufmerksamkeiten und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand
+in schneeweißem Anzug da und lehnte das Lockenköpfchen an seine Mutter,
+die in ihrem duftigen Seidenkleid reizend anzusehen war. "Sieh, da
+kommt dein kleiner Freund," sagte Edmunds Vater, der Wilhelms
+bescheidenes Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja keine
+Purzelbäume," entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen.
+
+"Das wäre hier wohl auch nicht gut möglich," sagte der Vater. Im
+Hintergrund des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben
+hielt sich das Fräulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt
+hatte. Zu ihr ging er hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel
+für Edmund mitgebracht, soll ich ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?"
+"Später, wenn wir allein sind und Edmund schwierig wird," sagte das
+Fräulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar Augenblicke später
+kam geschäftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es Zeit, Herr
+Weismann?" frug ihn der Künstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die
+anwesenden Herrn verließen nun rasch das Künstlerzimmer, um sich an
+ihre Plätze im Saal zu begeben, das Fräulein strich noch die Falten am
+Kleide der Sängerin glatt, der Vater löste mit einer gewissen Strenge
+die Hand des Kindes aus der der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu
+Wilhelm," die Mutter drückte rasch noch einen Kuß auf die Stirn des
+Kleinen, der sie betrübt, aber doch ohne Widerspruch losließ. Dann
+öffnete Weismann eine Seitentüre, von der aus ein paar Stufen nach dem
+erhöhten Teil des Saals führten, auf dem nun das Künstlerpaar auftreten
+sollte. Wilhelm konnte von dem tieferliegenden Künstlerzimmer aus nicht
+hinaufsehen, aber er hörte das mächtige Beifallklatschen, mit dem das
+junge Paar empfangen wurde, dann schloß Weismann hinter ihnen die Türe
+und von den wunderbaren Tönen, die nun im Saal die Menschenmenge
+entzückten, drangen nur einzelne Klänge herunter in das Nebenzimmer.
+
+Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms
+hat unser kleiner Künstler," sagte er, und auf die bereit gelegte
+Violine deutend, fragte er: "Ist dein Instrument schön im Stande?"
+Edmund antwortete nicht.
+
+"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fräulein, "sein Vater hat
+vorhin darnach gesehen."
+
+"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du
+stehen sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weißt doch noch,
+nicht ganz dicht am Flügel?" Es erfolgte wieder keine Antwort.
+
+"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fräulein, "wenn
+dich Papa so sähe!" Da ließ der Kleine den Kopf hängen und fing au zu
+weinen. Erschrocken zog ihn das Fräulein an sich. "Sei nur zufrieden,
+Kind," tröstete sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall
+klatschen, wenn du mit verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die
+Tränen, Weismann hielt es für klüger, sich zurück zu ziehen, Wilhelm
+ließ den Kreisel tanzen; halb widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte
+er selbst die Kunst, die seinen geschickten Fingerchen bald gelang. Er
+vertiefte sich in das Spiel. Plötzlich horchte er auf. Ein
+Beifallssturm dröhnte aus dem Saal.
+
+"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Türe. "Nein, sie muß
+noch einmal wiederholen," fügte er nach einer Weile gespannten Horchens
+hinzu und kehrte wieder an sein Spiel zurück. "Bei mir ist das auch
+manchmal so, ich mag nicht gern wiederholen, aber man muß."
+
+"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm,
+"so etwas habe ich noch gar nicht gehört."
+
+"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es
+nachher schon hören," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem
+Kreisel, und als nun die Sängerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl
+geleitet, und dann von Weismann empfangen, wieder in das Künstlerzimmer
+zurückkam, rief er ihr fröhlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?"
+Die Mutter beugte sich zu ihm und sagte: "Gottlob, daß er vergnügt
+ist!" und ein dankbarer Blick fiel auf Wilhelm.
+
+Im Saal erklang der Konzertflügel.
+
+"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an
+das Fräulein wendend, fügte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist,
+wenn das Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Früher war es mir
+bange, wenn ich vorsingen mußte, aber seitdem das Kind öffentlich
+spielt, hat diese große Angst jede andere vertrieben. Wir hätten es nie
+anfangen sollen." Tröstend sprach das junge Mädchen der Mutter zu: "So
+sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn alle Welt begeistert ist
+von dem Kleinen, sind Sie doch glücklich und stolz, mehr als über Ihre
+eigenen Erfolge. Er ist nun schon fünfmal aufgetreten und hat seine
+Sache immer gut gemacht."
+
+"Aber heute wird es anders werden," flüsterte die Mutter, "hat er nicht
+auch trübe Augen? Edmund, gib mir deine Hände. Sie sind heiß, fühlen
+Sie, Fräulein!"
+
+"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Hände jetzt ruhen
+lassen."
+
+"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Hände dürfen
+nicht müde sein vor dem Violinspiel."
+
+Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschäftigung zu wissen.
+Eine gelernte Kindergärtnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber
+ihm war, als verlöre sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem
+Augenblick an, wo er aufhören würde, den Jungen zu unterhalten. Also
+_mußten_ ihm Gedanken kommen, Einfälle, um die Zeit zu vertreiben, und
+sie kamen auch, und als der Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in
+der Hand, unter lebhaftem Beifall den Saal verlassen hatte, fand er
+Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit der Violine zu folgen.
+
+"Nun wirst du hören, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama,"
+sagte er munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr
+war es seine Mutter. Sie flüsterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch
+den Türspalt, wie er seine Sache macht!"
+
+Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Künstlern, sah, wie
+der Kleine, der mit freundlichem Beifall begrüßt worden war, in
+kindlicher Weise den Gruß erwiderte und, von seinem Vater auf dem
+Klavier begleitet, das Spiel begann. Wilhelm wurde durch den kleinen
+Violinspieler an Frieder erinnert und deshalb kam ihm diese Leistung
+nicht so wunderbar vor wie den Zuhörern im Saal. Mit denselben
+träumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt, hatte
+Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige.
+Freilich war Frieder erst ein Anfänger auf diesem Instrument und dieser
+Kleine war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die
+Violine war ja klein und der Spieler hatte nicht den kräftigen Strich
+eines Mannes. Aber reine, zarte, tief empfundene Töne wußte er zu
+wecken und eine staunenswerte Gewandtheit zeigten die kleinen Hände.
+Unter den Zuhörerinnen war manche zu Tränen gerührt, und als der letzte
+Ton sanft verklungen war, rauschte ein Beifallssturm durch den Saal,
+Blumen flogen, und eine junge Dame trat auf das Podium, um dem kleinen
+Künstler ein Füllhorn zu überreichen, das auf sein kindliches Alter
+berechnet war, denn während es nur mit Rosen gefüllt schien, waren
+unter den Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe,
+die Schätze zu sammeln. Man hörte die helle Kinderstimme ein
+schlichtes, freundliches "Danke!" rufen.
+
+In das Künstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu
+gratulieren, und es kam so, wie das junge Mädchen voraus gesagt hatte:
+die Mutter war über die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg
+glücklicher, als über den eigenen; auch war es ihr nun leichter um das
+Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal vorzuspielen, freilich ein
+schwieriges und längeres Musikstück und ganz ohne Begleitung, aber sie
+war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die begeisterten
+Schilderungen einiger Freunde, die in das Künstlerzimmer eindrangen und
+von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Fröhlich und siegesgewiß
+trat das Künstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein zurück
+bei dem Fräulein und dem treuen Kameraden.
+
+Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine
+weinerliche Stimmung und war nicht mehr heraus zu reißen, Wilhelm
+mochte sich buchstäblich auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da
+dachte er an seiner Mutter Rat, setzte sich neben den Kleinen und fing
+an, ihm zu erzählen. Der lehnte sich an das Fräulein, und es dauerte
+gar nicht lange, so fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Sie
+ließen ihn ruhen, aber gegen den Schluß des Konzertabends, während sein
+Vater allein spielte und schon am Ende des Stückes war, auf das Edmunds
+Auftreten folgen sollte, mußte er doch geweckt werden. Die Mutter tat
+es mit schwerem Herzen und unter zärtlichen Liebkosungen. Es kam ihr
+grausam vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, daß sie
+das Kind vorspielen lasse. Sie bemühten sich zu dritt um das Kind,
+boten ihm Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien,
+wohl aus dem Schlaf gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu
+bestimmen vermocht, daß er noch einmal vorspiele.
+
+Draußen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige
+Erwartung des kleinen Künstlers, auf dessen Wiedererscheinen die große
+Menge sich mehr freute als über die großartigen Kompositionen, die der
+Vater ihr soeben vorgetragen hatte. Innen, im Künstlerzimmer, herrschte
+Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf.
+
+"Laß nun einmal die zärtlichen Worte," sagte der Künstler zu seiner
+Frau, "sie helfen nichts mehr, wie du siehst; laß mich allein mit
+Edmund reden." Er führte das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng
+in die Augen.
+
+"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und möchtest lieber zu
+Bette gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe
+doch dabei ein ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du mußt nur
+ein einziges Stück spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht:
+Die vielen Menschen haben die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen
+dafür Musik versprochen und muß mein Versprechen halten. Du mußt das
+deinige auch halten, dann erst darfst du dich zu Bette legen. Aber
+eines will ich für dich tun, wenn du mir versprichst, daß du dich
+tapfer hältst, ich will dir erlauben, daß du anstatt des schwierigen
+Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die du so
+gut kannst. Ich will es den Zuhörern sagen; wenn du das Stück recht
+schön vorträgst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer
+Viertelstunde ist es überstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann
+verzeihen sie es dir, daß du so ein kurzes Stück spielst." Und er nahm
+das Kind fest an der Hand, machte der Mutter, die sich von ihm
+verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab dem Kleinen die
+Violine, die er folgsam nahm und führte ihn die Stufen hinauf. "Vater,"
+fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden,
+auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um."
+
+"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt
+der Vater.
+
+Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das
+Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte
+sich der Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des
+Künstlers zugute zu halten, daß er sein Programm nicht einhält. Er
+möchte Ihnen lieber eine Romanze von Beethoven als das Konzert von
+Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches Klatschen bezeugte die
+Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wußten, daß ihnen damit die
+Freude verkürzt wurde. "Nun mach es um so besser," flüsterte der Vater
+noch seinem Kind zu und stellte sich so, daß sie einander im Auge
+behielten. Ihm war es, als müßte er unablässig durch seinen Blick die
+Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten.
+
+"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhörer, aber die
+meisten hatten keinen Blick für den Vater, sie waren wieder hingerissen
+von dem Knaben und seinem einschmeichelnden Spiel.
+
+Es ging vorüber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit
+erschienen, und diesmal kamen Beide wie träumend zurück zu der Mutter,
+die den Kleinen in zärtlichen Armen empfing.
+
+"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett,"
+sagte der Vater zu dem Fräulein, "Wilhelm begleitet Sie hinüber zum
+Droschkenplatz, nicht wahr?"
+
+Am Schluß des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhörer
+vor dem Künstlerzimmer, sie hofften, auch das Künstlerkind noch einmal
+zu sehen. Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom
+Zentralhotel sorgsam hatte erwärmen lassen.
+
+Am nächsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des
+Konzerts, und am übernächsten folgte eine Notiz: der kleine
+Geigenspieler sei an den Masern erkrankt.
+
+Acht Tage später lag auch seine kleine Tänzerin Elschen masernkrank
+darnieder, und wenn Frau Pfäffling an ihrem Bettchen saß, dachte sie
+manchmal mit Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon öffentlich
+auftreten mußte, ehe es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte.
+
+Über diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen.
+
+
+
+
+11. Kapitel
+Geld- und Geigennot.
+
+
+Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte
+täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß
+des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden
+beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische
+Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte
+sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder
+aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr
+Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn
+Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit
+Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach
+Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.
+
+Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar
+zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich
+handelte und sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle
+geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig
+jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so
+werden auch sie ihn kennen gelernt haben."
+
+"Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt,
+seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie
+das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne
+Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern
+würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es
+von Berlin aus geschehen werde?"
+
+"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab,
+ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas
+anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die
+Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das
+Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus
+allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die
+Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es
+scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas
+reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt
+übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die
+Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die
+Eltern schon über der russischen Grenze wären. Es ist gut, daß Sie
+nicht noch ein paar Tage gezögert haben, diese Woche ist die Familie
+noch beisammen in Berlin. Ich habe die Adresse des Hotels und ich will
+sie Ihnen auch mitteilen, Herr Pfäffling. Wenn ich Ihnen raten darf,
+schreiben Sie unverzüglich. Sie brauchen ja durchaus keinen Verdacht
+gegen die jungen Herrn auszusprechen, es genügt, wenn Sie den Hergang
+erzählen, der General ergänzt sich das übrige und so wie ich ihn kenne,
+wird er Ihnen sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und
+alles ist gut."
+
+In voller Entrüstung erzählte unser Musiklehrer daheim von dem
+offenbaren Betrug seiner jungen Schüler. "Es ist ein Glück," sagte er
+dann, "daß mein Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich
+schreibe gleich. Wir brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und
+Nötigerem als diese leichtsinnigen Burschen."
+
+Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfäffling in ganz veränderter
+Stimmung, langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurück. "Cäcilie,"
+sagte er, "was meinst du zu der Sache? Meine Feder sträubt sich
+ordentlich gegen das, was sie schreiben soll. Was hilft es, wenn ich
+auch nicht den geringsten Verdacht ausspreche, meine Mitteilung bringt
+doch dem General die Nachricht von der verbrecherischen Handlung seiner
+Söhne. Daß er ihnen so etwas nie zugetraut hätte, sieht man ja, er
+hätte ihnen sonst das Geld nicht übergeben. Nun soll er das erfahren
+müssen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die
+ehrlose Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen können.
+Sich so von seinen Kindern trennen müssen, das ist ein namenloser
+Schmerz für Eltern. Soll ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert
+Mark zu retten, was sagst du, Cäcilie?"
+
+"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, daß du es über
+dich bringst," entgegnete Frau Pfäffling.
+
+"Und du? Würdest du es über dich bringen? Würdest du schreiben, trotz
+all dem Leid, was daraus entstehen muß?"
+
+"Ich würde vielleicht denken, früher oder später werden die Eltern doch
+erfahren, wie ihre Söhne sind, und für die Jungen selbst wäre es
+heilsam, wenn der Betrug nicht ohne Strafe für sie hinginge. Überdies
+ist ja immerhin die Möglichkeit, daß wir einen falschen Verdacht haben
+und das Geld vergessen oder verloren wurde, obwohl ich mir dann die
+unwahre Aussage der Söhne über die verschobene Abreise nicht erklären
+könnte. Die hundert Mark sind uns auch gar so nötig."
+
+"Also du würdest schreiben, Cäcilie?"
+
+Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiß nicht, ich
+würde meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfäffling noch eine
+Weile überlegend auf und ab. Die Augen seiner großen Kinder folgten ihm
+mit Spannung. Sie waren alle empört über den Betrug, der an ihrem Vater
+begangen war, hatten alle den Wunsch, der Vater möchte schreiben. Aber
+sie wagten nicht, darein zu reden. Nun machte der Vater halt, blieb vor
+der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert Mark lassen sich
+verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen das
+kleinere Übel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem
+Wort: Den Nächsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den
+russischen General ungeschrieben.
+
+Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefaßt. In ihrem kalten
+Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto
+beisammen und schrieben an die Söhne des Generals. Ihrer Entrüstung
+über die schnöde Handlungsweise gaben sie in kräftigen Worten Ausdruck,
+den Edelmut des Vaters, der aus Rücksicht auf den General diesem die
+Schandtat nicht verraten wollte, priesen sie in begeisterten Worten,
+schilderten dann die vielen Entbehrungen, die die Eltern sich auflegen
+mußten, wenn eine so große Summe wegfiel, und wandten sich am Schluß
+mit volltönenden Worten an das Ehrgefühl der jungen Leute mit der
+Aufforderung, das Geld zurückzuerstatten. Otto mußte mit seiner
+schönen, schulgemäßen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und
+dann setzten alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an
+Feodor, den älteren der beiden Brüder, die Berliner Adresse hatten sie
+gelesen, es fehlte nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur
+Schule konnte er in den Schalter geworfen werden. Mit großer innerer
+Befriedigung legten sie sich nun in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin
+mußte das Geld zurückkommen, an dem Erfolg war gar nicht zu zweifeln,
+und welche Überraschung, welche Freude mußte das geben!
+
+Es ist aber merkwürdig, wie die Dinge bei nüchternem Tageslicht so ganz
+anders erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brüder am
+nächsten Morgen auf dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum
+lassen wir eigentlich den Vater unsern Brief nicht vorher lesen?"
+Wilhelm und Otto wußten Gründe genug. "Weil sonst keine Überraschung
+mehr dabei ist; weil die Eltern so ängstlich sind und keinen Verdacht
+äußern wollen, während doch alles so klar wie der Tag ist; weil der
+Vater die schönsten Sätze über seinen Edelmut streichen würde; weil
+dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts würde; nein, wenn man
+wollte, daß der Brief abging, so mußte man ihn heimlich abschicken,
+nicht lange vorher fragen."
+
+Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf
+er den Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber
+die Brüder drangen in ihn: "Jede Überraschung muß heimlich gemacht
+werden, sonst ist's ja keine; du bist immer so bedenklich und
+ängstlich, was kann denn der Brief schaden? Gar nichts, im schlimmsten
+Fall nützt er nichts, aber schaden kann er nichts, das mußt du selbst
+sagen." Karl wußte auch nicht, was er schaden sollte, und dennoch
+wollte er durchaus auch beim zweiten Schalter den Brief nicht
+herausgeben. "Die Eltern sind immer so sehr gegen alles Heimliche,"
+sagte er, "und es ist wahr, daß schon oft etwas schlimm ausgegangen
+ist, was wir heimlich getan haben. Ihr habt gut reden: wenn die Sache
+schief geht, heißt es doch: Karl, du bist der Älteste, du hättest es
+nicht erlauben sollen." Allmählich brachte er mit seinem Bedenken Otto
+auf seine Seite, nur Wilhelm blieb dabei daß sie ganz übertrieben
+ängstlich seien, und machte bei dem dritten und letzten Schalter einen
+Versuch, Karl den Brief zu entreißen. Es gelang aber nicht, und da nun
+Schulkameraden sich anschlossen, mußte die Schlußberatung auf den
+Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben war: sie wollten der
+Mutter von dem Brief erzählen, wie wenn dieser schon abgeschickt wäre.
+Hatte sie dann nur Freude darüber, dann konnte man ihn ruhig einwerfen,
+hatte sie Bedenken, so konnte man ihn vorzeigen. So wurde Frau
+Pfäffling zugeflüstert, sie möchte nach Tisch einen Augenblick in das
+Bubenzimmer kommen. Dort fand sie ihre drei Großen, die ihr nun
+ziemlich erregt und meist gleichzeitig von dem Brief erzählten, den sie
+gestern noch bei Nacht geschrieben, an den jungen Feodor adressiert und
+heute morgen auf dem Schulweg mitgenommen hätten. Die kräftigen
+Ausdrücke der Verachtung gegen die Handlungsweise der jungen Russen und
+die Beschwörung, das Geld zurückzuerstatten, wurden fast wörtlich
+angeführt.
+
+Im ersten Augenblick hörte Frau Pfäffling mit Interesse zu, aber dann
+veränderte sich plötzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast
+entsetzt auf die drei Jungen und wurde ganz blaß. Sie erschraken über
+diese Wirkung und verstummten.
+
+"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr
+auch an Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in
+die Hand, die Söhne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel,
+sondern in der Erziehungsanstalt und das könnt ihr glauben, der General
+übergibt keinen Brief mit fremder Handschrift an seine Söhne, ohne ihn
+zu lesen. Nun erfährt er durch euch auf die schroffste Weise eben das,
+was der Vater vor ihm verbergen wollte. Es ist unverantwortlich, euch
+so einzumischen in das, was euch nichts angeht!"
+
+Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins
+Wort fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfäffling war nicht
+begierig, Entschuldigungen zu hören, und anderes glaubte sie nicht
+erwarten zu können. Da drückte ihr Karl den Brief in die Hand und rief:
+"Fort ist der Brief noch nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch
+nicht so!"
+
+"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfäffling, "habt ihr nicht gesagt, er
+sei schon abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es wäre mir
+schrecklich gewesen für den Vater, für den General und auch für euch,
+denn wir hätten nie mehr etwas in eurer Gegenwart besprochen, hätten
+alles Vertrauen in euch verloren, wenn ihr euch heimlich in solche
+Dinge mischt!" Sie standen beschämt, denn wie waren sie doch so nahe
+daran gewesen, das Heimliche zu vollbringen!
+
+"Später, wenn ich Zeit habe, will ich den Brief lesen," sagte Frau
+Pfäffling, "ich kann mir ja denken, daß ihr empört seid über die jungen
+Leute, aber was nur ein Verdacht ist, darf man nicht aussprechen, wie
+wenn es Gewißheit wäre. Wißt ihr nicht, daß oft schon die klügsten
+Richter einen Menschen verurteilt haben, weil der schwerste Verdacht
+gegen ihn vorlag, und später stellte sich doch heraus, daß er
+unschuldig war? Man kann da gar nicht vorsichtig genug sein."
+
+Herr Pfäffling bekam den Brief zu lesen. Er wurde nachdenklich darüber.
+"So, wie die Kinder gerne geschrieben hätten," sagte er zu seiner Frau,
+"so kann man freilich nicht schreiben. Aber der Gedanke, sich an die
+Söhne zu wenden, ist vielleicht nicht schlecht. Bisher waren sie noch
+unter der steten Aufsicht der Eltern, ich wüßte nicht, wie sie in
+dieser Zeit das unterschlagene Geld hätte verausgaben sollen. Ich müßte
+an sie schreiben, sobald der General und seine Frau abgereist sind. Der
+Abschied wird den jungen Leuten gewiß einen tiefen Eindruck machen, der
+General wird ernste Worte mit ihnen reden. Wenn sie in dieser Stimmung
+einen Brief von mir erhalten und sehen, wie ich ihre Eltern gerne
+schonen möchte, ist es nicht unmöglich, daß sie ihr Unrecht wieder gut
+machen. Sie mögen ja schwach sein und leicht einer Versuchung
+unterliegen, aber sie sind auch weichen Gemüts und zum Guten zu
+bestimmen, ich will wenigstens den Versuch machen."
+
+Frau Pfäffling saß in dieser Zeit viel am Bett der kleinen
+Masernkranken. Ihr Mann mußte das Krankenzimmer meiden um seiner
+Schüler willen. Aber wie eine Erscheinung stand er eines Tages
+plötzlich vor ihr, warf ihr eine Handvoll Geld in den Schoß, rief
+vergnügt: "Das Russengeld" und war in demselben Augenblick schon wieder
+verschwunden.
+
+Seine drei großen Jungen rief er zu sich, las ihnen den reuevollen
+Brief der jungen Leute vor und gab in seiner Freude jedem der Drei ein
+kleines Geldstück, weil sie ihn durch ihren Brief auf einen guten
+Gedanken gebracht hatten. Aber Wilhelm wollte es nicht annehmen. War er
+es doch gewesen, der darauf beharrt hatte, den Brief, ohne vorher zu
+fragen, einzuwerfen. "Vater," sagte er, "du weißt nicht so genau, wie
+die Sache zugegangen ist. Ich bin schon froh, daß nur kein Unheil
+entstanden ist aus unserm Brief, eine Belohnung will ich lieber nicht
+nehmen, die hat nur Karl verdient, gib sie nur ihm."
+
+Noch am selben Abend erhielt der Ohrenarzt sein Geld, mit einer
+Entschuldigung über die Verzögerung und der aufrichtigen Bemerkung, daß
+es Herrn Pfäffling nicht früher möglich gewesen sei, die Summe
+zusammenzubringen.
+
+Der Arzt saß schon mit seiner Gemahlin beim Abendessen. "Ist denn der
+Pfäffling nicht der Direktor der Musikschule, der neulich einen Ball
+gegeben hat?"
+
+"Bewahre, du bringst auch alles durcheinander," sagte die Gattin, die
+sich nicht durch Liebenswürdigkeit auszeichnete. "Der Pfäffling ist ja
+bloß Musiklehrer. Es ist doch der, von dem man einmal erzählt hat, daß
+er seine zehn Kinder ausschickt, um Wohnungen zu suchen, weil niemand
+die große Familie aufnehmen wollte."
+
+"O tausend!" rief der Doktor, "wenn ich das gewußt hätte, dem hätte ich
+keine so gesalzene Rechnung geschickt!"
+
+"Du verwechselst auch alle Menschen!"
+
+"Die Menschen nicht, bloß die Namen; der Direktor heißt ganz ähnlich."
+
+"Gar nicht ähnlich."
+
+"Nicht? Ich meine doch. Wie heißt er eigentlich?"
+
+"Mir fällt der Name gerade nicht ein, aber ähnlich ist er gar nicht."
+
+"Doch!"
+
+"Nein!"
+
+Nachdem sie noch eine Weile über die Ähnlichkeit eines Namens
+gestritten hatten, den sie beide nicht wußten, schob der Arzt das Geld
+ein mit einem bedauernden: "Ändern läßt sich da nichts mehr."
+
+Elschens Krankheit war gnädig vorübergegangen. Sie war wieder außer
+Bett, hatte aber noch Hausarrest und viel Langeweile. So freute sie
+sich über den heutigen Lichtmeßfeiertag, an dem die Geschwister
+schulfrei waren. Am Nachmittag machte sie sich an Frieder heran, der
+geigend in der Küche stand, und bat schmeichelnd, daß er nun endlich
+aufhöre und mit ihr spiele. Er nickte nur und spielte weiter. Sie
+wartete geduldig. Endlich mahnte ihn Walburg: "Frieder, hör auf, du
+hast schon zu lang gespielt. Frieder, der Vater wird zanken." Da gab er
+endlich nach, und Elschen folgte ihm fröhlich in das Musikzimmer, wo
+die Violine ihren Platz hatte. Als Frieder aber sah, daß der Vater gar
+nicht zu Hause war, nahm er schnell die Violine wieder zur Hand und
+spielte. "Du Böser!" rief die kleine Schwester und Tränen der
+Enttäuschung traten ihr in die Augen. Als aber nach einer Weile draußen
+die Klingel ertönte, sah man ihr schon wieder die Angst für den Bruder
+an: "Der Vater kommt!" rief sie und sah gespannt nach der Türe. Aber
+ehe diese aufging, war Frieder mit seiner Violine durch die andere Türe
+hinausgegangen und nun flüchtete er sich in das Bubenzimmer und spielte
+und spielte. Da holte sich Elschen den Bruder Karl zur Hilfe.
+"Frieder," sagte er, "ich rate dir, daß du jetzt augenblicklich
+aufhörst, du hast gewiß schon drei Stunden gespielt!" Da machte der
+leidenschaftliche Geiger ein finsteres Gesicht, wie es noch niemand an
+dem guten, kleinen Kerl gesehen hatte, und sagte trutzig zu Karl: "Ich
+kann jetzt nicht aufhören, ich spiele bis ich fertig bin."
+
+In diesem Augenblick kam Frau Pfäffling herein, da stürzte sich Elschen
+weinend auf sie zu und rief: "Alle sagen ihm, er soll aufhören und er
+tut's doch nicht, vielleicht hört er gar nie mehr auf, sieh ihn nur
+an!"
+
+Aber durch diesen verzweifelnden Ausruf der Kleinen und vielleicht noch
+mehr durch den Anblick der Mutter kam Frieder zu sich, ließ die Geige
+sinken, legte den Bogen aus der Hand und senkte schuldbewußt den Kopf.
+
+"Hast du gewußt, daß es über die Zeit ist und hast dennoch
+weitergespielt?" fragte Frau Pfäffling. "Das hätte ich nicht von dir
+gedacht, Frieder, wenn du über deiner Violine allen Gehorsam vergißt,
+dann ist's wohl besser, das Geigenspiel hört ganz auf. Bleib hier, ich
+will hören, was der Vater meint."
+
+Frau Pfäffling ging hinaus, Frieder blieb wie angewurzelt stehen. Die
+Geschwister sammelten sich allmählich um ihn, sie berieten, was
+geschehen würde, drangen in ihn, er solle gleich um Verzeihung bitten,
+und als nun die Eltern miteinander kamen, war eine schwüle Stimmung im
+Zimmer. Frieder wagte kaum aufzusehen, aber trotzig schien er nicht,
+denn er sagte deutlich: "Es ist mir leid."
+
+"Das muß dir freilich leid sein, Frieder!" sagte der Vater. "Wenn du
+bloß im Eifer vergessen hättest, daß du über die Zeit spielst, dann
+könnte ich dir das leicht verzeihen, aber wenn du erinnert wirst, daß
+du aufhören solltest und magst nicht folgen, wenn du mit aller Absicht
+tust, was ich dir schon oft streng verboten habe, dann ist's aus mit
+dem Geigenspiel. Was meinst du, wenn ihr Kinder alle nicht folgen
+wolltet, wenn jeder täte, was ihm gut dünkt? Das wäre gerade, wie wenn
+bei dem Orchester keiner auf den Dirigenten sähe, sondern jeder
+spielte, wann und was er wollte. Nein, Frieder, meine Kinder müssen
+folgen, mit deinem Violinspiel ist's vorbei, ich will nicht sagen für
+immer, aber für Jahr und Tag. Gib sie her!"
+
+Frieder, der die Violine leicht in der Hand gehalten hatte, drückte sie
+nun plötzlich an sich, verschränkte beide Arme darüber und wich einen
+Schritt vom Vater zurück. Sie waren alle über diesen Widerstand so
+bestürzt, daß es fast einstimmig über aller Lippen kam: "Aber Frieder!"
+
+Herr Pfäffling sah mit maßlosem Erstaunen den Kleinen an, der immer der
+gutmütigste von allen gewesen war und der jetzt tat, was noch keines
+gewagt hatte, sich ihm widersetzte. Einen Moment besann er sich, und
+dann, ohne nur dem zurückweichenden nachzugehen, streckte er rasch
+seine langen Arme aus, hob den kleinen Burschen samt seiner Violine
+hoch in die Luft und rief, indem er ihn so schwebend hielt: "Mit Gewalt
+kommst du gegen mich nicht auf, merkst du das?" und ernst fügte er
+hinzu, als er ihn wieder auf den Boden setzte: "Nun gib du mir
+gutwillig deine Violine, Frieder!" Aber die Arme des Kindes lösten sich
+nicht. Von allen Seiten, laut und leise, wurde ihm von den Geschwistern
+zugeredet: "Gib sie her!" und als Frau Pfäffling sah, wie er das
+Instrument leidenschaftlich an sich preßte, fragte sie schmerzlich:
+"Frieder, ist dir deine Violine lieber als Vater und Mutter?" Der
+Kleine beharrte in seiner Stellung.
+
+"So behalte du deine Violine," rief nun lebhaft der Vater, "hier hast
+du auch den Bogen dazu, du kannst spielen, solang du magst. Aber unser
+Kind bist du erst wieder, wenn du sie uns gibst," und indem er die Türe
+zum Vorplatz weit aufmachte, rief er laut und drohend: "Geh hinaus, du
+fremdes Kind!" Da verließ Frieder das Zimmer.
+
+Draußen stand er regungslos in einer Ecke des Vorplatzes, innen
+schluchzten die Schwestern, ergriffen waren alle von dem Vorfall. Herr
+Pfäffling ging erregt hin und her und dann hinaus in den Vorplatz, wo
+er Walburg mit so lauter Stimme, daß es bis ins Zimmer drang, zurief:
+"Das Kind da soll gehalten werden wie ein armes Bettelkind. Es darf
+hier außen im Vorplatz bleiben, es kann da auch essen und man kann ihm
+nachts ein Kissen hinlegen zum Schlafen. Geben Sie ihm den
+Küchenschemel, daß es sich setzen kann. Es dauert mich, weil es keinen
+Vater und keine Mutter mehr hat."
+
+Hierauf ging er hinüber in sein Zimmer. Frau Pfäffling zog Elschen an
+sich, die sich nicht zu fassen vermochte. "Sei jetzt still, Kind,"
+sagte sie, "Frieder wird bald einsehen, daß er folgen muß. Wir lassen
+ihn jetzt ganz allein, daß er sich besinnen kann. Er wird dem Vater die
+Violine bringen, dann ist alles wieder gut."
+
+Als die Zeit des Nachtessens kam, deckten die Schwestern auch für
+Frieder. Sie rechneten alle, daß er kommen würde. Herr Pfäffling, der
+zum Essen gerufen war, ging zögernd, langsam an Frieder vorbei, der als
+ein jammervolles Häufchen auf dem Schemel saß und die Gelegenheit, die
+ihm der Vater geben wollte, vorübergehen ließ. Er kam nicht zu Tisch.
+"Tragt ihm zu essen hinaus, soviel er sonst bekommt," sagte Herr
+Pfäffling, "der Hunger soll ihn nichts zu uns treiben, die Liebe soll
+es tun und das Gewissen."
+
+So aß der Kleine außen im Vorplatz und so oft die Zimmertüre aufging,
+kamen ihm Tränen, denn er sah die Seinen um die Lampe am Tisch sitzen
+und sein Platz war leer. Aber er hatte ja seine Violine, nach dem Essen
+wollte er spielen, immerzu spielen.
+
+Im Zimmer horchten sie plötzlich auf. "Er spielt!" flüsterte eines der
+Kinder. Von draußen erklang ein leiser Geigenton. Sie lauschten alle.
+Drei Striche—dann verstummte die Musik. Die drei Töne hatten Frieder
+wehgetan, er wußte nicht warum. Der kleine Geiger hatte früher noch nie
+mit traurigem Herzen nach seinem Instrument gegriffen, darum hatte er
+auch keine Ahnung davon, wie schmerzlich die Musik das Menschenherz
+bewegen kann.
+
+Nach einer Weile begann er noch einmal zu spielen, aber wieder brach er
+mitten darin ab. Denen, die ihm zuhörten, ging es nahe, vor allem den
+Schwestern.
+
+"Die Marianne möchte hinaus zu Frieder," sagte die Mutter. Herr
+Pfäffling verwehrte es nicht. Sie fanden ihn auf dem Schemel kauernd,
+wie er die Geige auf seinen Knieen liegend mit schmerzlichem Blick
+ansah. Sie setzten sich zu ihm und flüsterten mit ihm. Eine Weile
+später, als Herr Pfäffling in seinem Musikzimmer war, kam ein
+sonderbarer Zug zu ihm herein: Voran kam Frieder und trug mit beiden
+Händen etwas, das eingehüllt war in Mariannens großen, schwarzgrauen
+Schal. Es war fast wie ein kleiner Sarg anzusehen; ernst genug sah auch
+der kleine Träger aus, die Schwestern folgten als Trauergeleite.
+
+"Da drinnen ist die Violine," sagte Frieder zu seinem Vater, der
+fragend auf die merkwürdige Umhüllung sah. Da nahm ihm Herr Pfäffling
+rasch den Pack ab, legte ihn beiseite, ergriff seinen kleinen Jungen,
+zog ihn an sich und sagte in warmem Ton: "Nun ist alles gut, Frieder,
+und du bist wieder unser Kind!" Und Frieder weinte in des Vaters Armen
+seinen Schmerz aus.
+
+Später erst vertrauten die Schwestern dem Vater an: "Solang Frieder
+seine Violine gesehen hat, war es ihm zu schwer, sie herzugeben, erst
+wie wir sie zugedeckt haben und ganz eingewickelt, hat er sie nimmer
+mit so traurigen Augen angesehen!"
+
+Als Frieder längst schlief, sprachen seine Eltern noch über ihn. "Wie
+kann man nur so leidenschaftliche Liebe für die Musik haben," sagte
+Frau Pfäffling, "mir ist das ganz unverständlich."
+
+"Von dir hat er es wohl auch nicht," entgegnete Herr Pfäffling und
+fügte nachdenklich hinzu: "Ganz ohne Musik kann ich ihn nicht lassen,
+das wäre, wie wenn ich einem Hungrigen die Speise versagen wollte. Ich
+denke, am besten ist, ich lehre ihn Klavierspielen. Danach hat er bis
+jetzt kein Verlangen und wird es leichter mit Maßen treiben."
+
+"Ja, und lernen muß er es doch, denn daran wird man kaum zweifeln
+können, daß er einmal ein Musiker wird."
+
+Unser Musiklehrer sagte schwermütig: "Es wird wohl so kommen."
+
+
+
+
+12. Kapitel
+Ein Haus ohne Mutter.
+
+
+So ganz allmählich und unmerklich war es gekommen, daß von Frau
+Pfäfflings Reise zur Großmutter gesprochen wurde als von einer
+ausgemachten Sache, obwohl niemand hätte sagen können, an welchem Tag
+sie die Ansicht aufgegeben hatte, daß die Reise ganz unmöglich sei.
+
+Nur "auf alle Fälle" entschloß sie sich zum Einkauf eines
+Kleiderstoffs, und als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hörte man
+Frau Pfäffling sagen: "Nicht zu lang, damit es nötigenfalls auch als
+Reisekleid praktisch ist."
+
+"Auf alle Fälle" nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu
+sehen, wie sich die Reise praktisch machen ließe, und was sie gesehen,
+trug sie "auf alle Fälle" in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht
+reisen, wenn das Reisekleid fertig im Schrank hängt und die besten
+Zugverbindungen herausgefunden sind? So war es denn wirklich soweit
+gekommen, daß sich Frau Pfäffling anfangs Februar für einen bestimmten
+Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte, die mit
+herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloß, ob Frau
+Pfäffling nicht mit leichterem Herzen reisen würde, wenn sie ihr
+Elschen mitnähme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis.
+
+Diese Karte, die Herr Pfäffling im Zimmer vorlas, brachte große
+Aufregung in die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefühle
+und Meinungen kund, bis der Vater die Türe weit aufmachte und den
+ganzen aufgeregten Schwarm hinausscheuchte.
+
+"Du hättest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir
+entschlossen sind," sagte Frau Pfäffling.
+
+"Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir
+herüberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder."
+
+"Ja, ja," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd, "und warten, bis sie in
+der Schule sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man
+Pfäffling heißt!"
+
+Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die
+Kinder zurück. Frau Pfäffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf
+sich gerichtet. Sie zog das Kind an sich. "Es kann nicht sein,
+Elschen," sagte sie, "und ich will dir auch erklären warum. Bei einer
+so weiten Reise ist auch der _halbe_ Fahrpreis schon teuer und selbst,
+wenn ihn die gute Großmutter für dich zahlen wollte, könnte ich dich
+doch nicht mitnehmen, denn wer sollte denn daheim die Türe aufmachen,
+wenn es klingelt, während alle in der Schule sind? Walburg hört das ja
+nicht und sie versteht nicht, was die Leute sagen, die kommen. Du mußt
+unsere Pförtnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht daheim
+wärest, könnte ich gar nicht reisen."
+
+Das kleine Jüngferchen war verständig, es sah ein, daß es zurückbleiben
+mußte. Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen,
+denn was wußte Elschen von fremden Ländern und Menschen, von Reiselust
+und Erlebnissen? Für sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und
+Merkwürdiges genug brachte. So kam es zur Verwunderung der großen
+Geschwister nicht einmal zu ein paar Tränen bei der kleinen Schwester,
+die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie nicht mit hinunter
+gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof!
+
+Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfäffling war es
+schwer ums Herz. Gut, daß Tag und Stunde längst festgesetzt waren,
+sonst hätte sie ihren Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wußte,
+wie sehnlich sie erwartet wurde, es gab kein Zurück mehr, es mußte
+jetzt sein. Geschäftig ging sie heute, alles voraus bedenkend, hin und
+her im Haus. Aber überall, wo sie auch war, in Küche, Keller und
+Kammern, folgte ihr Frieder. Er störte sie nicht, wenn sie räumte,
+überlegte oder anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein,
+nahe, so nahe wie möglich. Sie spürte sein Heimweh. Es war ein langes,
+stummes Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem
+Augenblick, wo sie oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war.
+
+"Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?"
+
+"Was denn, Kind?"
+
+Es wollte nicht über seine Lippen.
+
+"Was, mein Kind, komm, sage es mir!"
+
+"Daß ich die Violine lieber habe als dich und den Vater."
+
+"Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem
+Vater deine Violine gegeben. Ich weiß gut, wie lieb du uns hast. Darum
+tut dir ja auch der Abschied weh. Aber es muß doch auch einmal sein,
+daß ich zu meinem eigenen Mütterlein wieder gehe, eben weil man seine
+Mutter so lieb hat, das verstehst du ja. Und denke nur, das
+Freudenfest, wenn wir wieder zusammen kommen! Wie wird das köstlich
+werden!"
+
+So tröstete die Mutter den Kleinen und tröstete sich selbst zugleich.
+
+Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein
+Wort: "Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig
+wegen seiner Violine, darum fällt ihm auch der Abschied besonders
+schwer."
+
+"Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es
+schon gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige hätte,
+neigt den Kopf nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten,
+wie wenn er den Bogen führte, und dann hört er die Melodien, das sieht
+man ihm gut an. Da tut er mir oft leid."
+
+"Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die
+erste Klavierstunde geben, darüber wird er die Violine vergessen. Und
+wenn nun der Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am
+Kasernenhof turnen könnt, dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm
+Lust. Und noch etwas: ich meine, deine Mathematikstunden mit Wilhelm
+werden nimmer regelmäßig eingehalten."
+
+"O doch, Mutter."
+
+"Oder sie sind so kurz, daß man nicht viel davon bemerkt?"
+
+"Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewöhnlich nicht."
+
+"Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fünfzehn Minuten; das ist
+aber nicht genug, ihr müßt eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm
+wieder eine so schlechte Note bekäme!"
+
+"Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf
+verlassen!"
+
+Bald nachher rief Frau Pfäffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in
+die Holzkammer.
+
+"Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr," sagte sie,
+"daran dürft ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg
+muß in dieser Zeit alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch für Holz
+und Kohlen sorgen."
+
+Und nun ging's an die Mädchen. "Marianne, ihr müßt Walburg soviel wie
+möglich alle Gänge abnehmen, solange ich fort bin."
+
+"Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!"
+
+"Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die
+Stiefel schon ausgezogen. Ihr müßt lieber die Stiefel dreimal aus- und
+anziehen, als es darauf ankommen lassen, daß Walburg mitten am
+Vormittag vom Kochen fortspringen muß."
+
+So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und
+am Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfäffling noch
+einmal Nadel und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden
+an einem Kinderkleid auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur
+Bahn, ja aus dem Wagenfenster kamen noch hausmütterliche Ermahnungen,
+bis endlich der Zug durch eine kaum hörbare erste Bewegung zur fertigen
+Tatsache machte, daß Frau Pfäffling verreist war.
+
+Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine
+Weile im alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr
+selbst nur das Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts
+nützen konnte. Zugleich verschwanden auch die letzten Häuser und
+Anlagen der Stadt, freie, noch mit Schnee bedeckte Äcker und Felder
+tauchten auf, eine stille, einförmige Natur. Da machte sie es sich
+bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab sich darein,
+daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine
+wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer
+Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde.
+
+Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann
+mit den Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war.
+Sie machten sich an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen
+geregelten Gang. Nur Elschen lief an diesem Vormittag mit Tränen durch
+die stillen Zimmer, die andern empfanden die Lücke erst so recht bei
+dem Mittagessen. Es verlief auffallend still. Eigentlich war ja Frau
+Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann und ihre Kinder waren
+lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben können, eine
+so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch gegeben.
+Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung
+hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das
+zu tun machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch
+ein, daß Karl für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto
+und so nacheinander herunter, immer das ältere unter den Geschwistern
+dem jüngern. Anfangs machte es den Kindern Spaß, aber es ging nicht
+immer so friedlich und so säuberlich zu wie bei der Mutter, und Walburg
+wunderte sich, daß sie bald eine noch fast gefüllte, bald eine ganz
+leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein regelmäßiger
+Verbrauch mehr wie bisher.
+
+Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten
+Abendstunden, wo sie allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe
+gerückt und wußten doch nicht viel miteinander anzufangen, so glich das
+Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die Vorschrift befolgt wird: Man
+bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser nach den ersten Tagen.
+Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese bildeten ein
+gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn.
+
+Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes
+Wiedersehen zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht
+ganz ohne Wehmut. Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges
+Großmütterlein, das da im Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne
+Hilfe von einem Zimmer in das andere zu gehen! Und wiederum, wo war
+Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch deutliche Spuren hatte die
+Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen eingegraben!
+
+Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach
+einigen Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden
+wieder die geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu
+trauriger Empfindung da, denn die _alte_ Frau hatte keine Schmerzen zu
+leiden, sie genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege
+der unverheirateten Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die
+_junge_ Frau, wenn man Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit
+solcher Liebe von ihrem großen Familienkreis und schien so gereift
+durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen deutlich zum Bewußtsein kam,
+das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit Köstliches gebracht.
+
+Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde,
+die noch ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte
+die Schwester in das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte
+Gastzimmer, zog sie an sich, küßte sie herzlich und sagte: "Cäcilie,
+nun soll dir's gut gehen! Du wirst sehen, wie ich dich pflege!"
+
+"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde."
+
+"Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts
+tue ich lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen
+und herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das
+anschlägt, da kann man viel erreichen in vier Wochen."
+
+Frau Pfäffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du
+das nicht in _drei_ Wochen erreichen?"
+
+"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?"
+
+"Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als daß ich
+vier Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang
+an vorgenommen, nach drei Wochen zurückzukommen, und habe gehofft, daß
+du mich darin unterstützest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen
+Haushalt, Mann, sieben Kinder und ein fast taubes Mädchen zu verlassen.
+Es kommt so oft etwas vor bei uns!"
+
+"Was soll denn vorkommen? Was fürchtest du?"
+
+"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es ja selbst nicht vorher, aber
+es ist so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme
+Folgen haben könnte, bald hört einer nicht auf zu musizieren, wenn er
+einmal anfängt, und selbst, wenn nichts Besonderes vorkäme, das
+Alltägliche bringt schon Schwierigkeiten genug: Elschen muß vormittags
+immer allein die Türe aufmachen und Bescheid geben, das ist unheimlich
+in einer großen Stadt. Und wenn du immer noch nicht überzeugt bist,
+Mathilde, dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn mein Mann
+einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist
+das wirklich genug und es wäre an der Zeit, daß ich wieder käme!"
+
+"So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?"
+
+"Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde,
+wenn ich etwa nach zwei Wochen heimschreibe, daß ich schon in der
+nächsten Woche komme. Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so
+lebhaft wie früher und die meisten unserer Kinder haben sein
+Temperament. Da gibt es nun bei solch einer Nachricht immer gleich
+einen Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und hören können!"
+
+Frau Pfäffling sah im Geist ihre fröhliche Schar, und ein glückliches
+Leuchten ging über ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz
+jugendlich, gar nicht pflegebedürftig aus.
+
+Als die Schwestern das Gastzimmer verließen, hatten sie sich auf drei
+Wochen geeinigt.
+
+Die ersten Tage vergingen in stillem, glücklichem Beisammensein. Es war
+für Frau Pfäffling eine Wonne, so ganz ohne häusliche Sorgen bei der
+Mutter sitzen zu dürfen und zu erzählen. Teilnahme und volles
+Verständnis war da zu finden für alles, was ihr Leben erfüllte, und
+doch stand die Mutter selbst schon fast _über_ dem Leben. Einen weiten
+Weg hatte sie in achtzig Jahren zurückgelegt und nun, nahe dem Ziel,
+überblickte sie das Ganze wie aus der Ferne. Da sieht sich manches
+anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der Höhe herab erkennt
+man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hören wollte, der
+konnte hier manch guten Rat für den eigenen Lebensweg bekommen. Frau
+Pfäffling war von denen, die hören wollten.
+
+In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag.
+Zu diesem Familienfest fand sich unter andern Gästen auch Frau
+Pfäfflings einziger Bruder ein mit seiner Frau und einer
+fünfzehnjährigen Tochter, einem lieblichen, fein erzogenen Mädchen.
+Diesen Bruder, der Professor an einer norddeutschen Universität war,
+hatte Frau Pfäffling auch seit vielen Jahren nimmer gesehen, aber aus
+der Ferne hatte eines an des andern Schicksal und Entwicklung stets
+Anteil genommen, und so war es beiden eine besondere Freude, sich
+einmal wieder ins Auge zu sehen.
+
+"Wir müssen auch ein Stündchen herausfinden, um allein miteinander zu
+plaudern," sagte der Bruder während des festlichen Mittagsmahls zu
+seiner Schwester. Und als nach Tisch, während die Geburtstägerin ruhte,
+eine Schlittenfahrt unternommen wurde, saßen Bruder und Schwester in
+einem kleinen Schlitten allein. Hier, im nördlichen Deutschland, lag in
+diesem Februar noch überall Schnee, die Bahn war glatt, die Kälte nicht
+streng, die Fahrt eine Lust. Frau Pfäffling sah nach dem Schlitten
+zurück, in dem mit andern Gästen ihre junge Nichte saß. "Wie reizend
+ist sie," sagte Frau Pfäffling, "und so wohlerzogen. Wenn du meine
+Kinder daneben sehen würdest, kämen sie dir ein wenig ungehobelt vor."
+
+"Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als
+du, sie gibt sich auch viel Mühe mit der Erziehung."
+
+"Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem gröbsten, und man wird
+damit oft kaum fertig."
+
+"Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel
+miteinander, wie ist das bei euch?"
+
+"Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnügt miteinander.
+Sie haben ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur
+sollte man sich eben mehr mit dem einzelnen abgeben können."
+
+"Hat man für die deinigen zu wenig Zeit, so für die unserigen zu viel.
+Ich fürchte, daß sie gar zu sorgfältig beachtet werden. Jederzeit ist
+das Fräulein zu ihrer Verfügung, außerdem haben wir noch zwei
+Dienstmädchen, und mit unserem Jungen werden sie oft alle drei nicht
+fertig."
+
+So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die
+häuslichen Verhältnisse, und dann wollte Frau Pfäffling Näheres hören
+über einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwähnt hatte. Er
+beabsichtigte in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen,
+dabei durch Süddeutschland zu kommen und die Familie Pfäffling zu
+besuchen.
+
+An diesen Plan schloß sich noch ein weiterer an, den der Professor nach
+dieser Schlittenfahrt faßte und zunächst mit seiner Frau allein
+besprach. Wenn auf der einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen
+wenig, auf der einen Seite Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der
+andern alles reichlich, warum sollte man nicht einen Ausgleich
+versuchen? Bruder und Schwägerin machten den Vorschlag, einen der
+jungen Pfäfflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die Sache wurde
+überlegt, und es sprach viel für den Plan. Frau Pfäffling wollte mit
+ihrem Mann darüber sprechen, und wenn er einverstanden wäre, sollte der
+Bruder auf der Osterreise sich selbst umsehen und wählen, welches der
+Kinder am besten zu den seinigen passen würde. Das Auserlesene sollte
+er dann auf der Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht
+auf ein baldiges Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie
+wieder ab, und in der Umgebung der achtzigjährigen Mutter wurde es
+still wie vorher.
+
+Frau Pfäffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie
+erfuhr doch nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die
+Losung ausgegeben: "Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet,
+sonst ist der Mutter der Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst
+mündlich erzählt." So gingen denn Nachrichten ab über gelungene
+Mathematikarbeiten und neue Klavierschüler, über einen Maskenzug und
+Fastnachtskrapfen, über Frieders regelmäßiges Klavierspiel und über der
+Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese
+Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb
+verschwiegen.
+
+Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr
+Pfäffling von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an:
+"Haben Sie heute nacht nichts gehört, Herr Pfäffling, nicht ein Stöhnen
+oder dergleichen?"
+
+"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich habe gar nichts Auffallendes
+gehört."
+
+"Aber es muß doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die
+zweite Nacht, daß ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, daß eines der
+Kinder so Heimweh hat, daß es bei Nacht laut weint? Aus einem der
+Schlafzimmer kommt der schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in
+Ordnung, ich habe schon die Kinder danach gefragt, aber nichts erfahren
+können."
+
+"Das will ich bald herausbringen," sagte Herr Pfäffling und ging
+hinauf. Er fragte zunächst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam
+die Tafelrunde an. Frische, fröhliche Gesichter waren es, die nichts
+verrieten von nächtlichem Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings
+blaß und überwacht aus, ernst und fast wie von Schmerz verzogen. Das
+war Anne. Ihr mußte etwas fehlen. Er beobachtete sie eine Weile und
+machte sich Vorwürfe, daß er das bisher übersehen hatte. Wenn die
+Mutter dagewesen wäre, die hätte es bemerkt, auch ohne der Hausfrau
+Mitteilung.
+
+Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die
+Schwestern zurück.
+
+"Ist dir's nicht gut, Anne?" fragte er.
+
+"O doch!" erwiderte sie rasch und wurde über und über rot.
+
+"Du meinst wohl, in dem Punkt dürfe man lügen," entgegnete Herr
+Pfäffling, "weil ich lieber höre, daß du wohl bist. Aber ich möchte
+doch auch darüber gern die Wahrheit hören." Da senkte sie schon mit
+Tränen in den Augen den Kopf, und Herr Pfäffling wußte, woran er war.
+
+"Warum hast du denn geweint heute nacht?" fragte er, "wenn die Mutter
+nicht da ist, müßt ihr mir euren Kummer anvertrauen." Das geschah nun
+auch und er erfuhr, daß Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren
+bei Nacht heftig geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingeträufelt,
+das noch vom vergangenen Jahr dastand, und Umschläge gemacht, aber das
+hatte alles nichts geholfen und erst gegen Morgen waren die Schwestern
+eingeschlafen. So war es schon zwei Nächte gewesen. Sie hatten es dem
+Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte nicht zum Ohrenarzt
+geschickt werden, sie fürchtete die Behandlung, fürchtete auch die
+große Neujahrsrechnung.
+
+Am Nachmittag saßen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des
+Arztes. Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern
+vorgehalten, daß Anne so schwerhörig wie Walburg werden könnte, wenn
+etwas versäumt würde.
+
+Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei
+Unzertrennlichen rührten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so
+ängstlich aus wie die kranke, sie zuckte wie diese beim Schmerz, und
+doch kam sie immer als treue Begleiterin. Diesmal konnte er beide
+trösten. "Es ist nichts Schlimmes," sagte er, "das gibt keine so böse
+Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel schüttet weg, das
+macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes. Wenn eure
+Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es
+selbst einträufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruß, und das gehe
+noch auf die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die
+gehört dazu."
+
+Darüber wurden die Schwestern so vergnügt, daß sie anfingen, mit dem
+gefürchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch,
+daß Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. "Hört die denn gar
+nichts mehr?" fragte er.
+
+"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr
+sagen, aber es wird alle Jahre schlimmer."
+
+"Geht sie nie zum Arzt?"
+
+Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz
+gewiß, daß man ihr nicht helfen konnte.
+
+"Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen," sagte der
+Arzt, "schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt
+daheim, das gehe auch noch in die alte Rechnung."
+
+Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten
+sie sich, den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen
+sie es auch Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um
+sie handelte, und ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn
+euere Mutter zurückkommt, werde ich so frei sein."
+
+Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören.
+
+Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum
+gestrigen Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie
+volle acht Tage früher heimkommen würde, als verabredet war.
+
+In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen
+vom Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen,
+diese letzte Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter.
+
+"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme," sagte
+einmal Karl, "das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es
+denn so zeitig? Der Kalender gehört eigentlich mir." "Ich," sagte
+Frieder, "ich habe es manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir
+zum Frühstück gekommen?" Es wurde noch weiter nachgeforscht, und da
+stellte es sich heraus, daß Frieder immer schon abends den
+Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. "Du meinst wohl, es kommt
+dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?" sagte Karl und
+wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er
+Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen
+Schulweg mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich
+so nahegerückt.
+
+Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg;
+ja im Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die
+jungen Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat
+gesorgt und Walburg mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen.
+Während dieser Zeit wurde geklingelt und Elschen lief herzu, um
+aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn Pfäffling, dann nach dessen
+Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß sie alle fort seien,
+bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines Briefchen an
+Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von ihm,
+und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde.
+Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den
+Schreibtisch, wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte
+der Herr, "du kannst nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann,
+den Brief für deinen Vater lasse ich hier liegen." Elschen verließ das
+Zimmer. Nach einer ganz kurzen Weile kam der Herr wieder heraus.
+
+"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam
+keine Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die
+Treppe hinunter und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben
+heraufkam.
+
+"Wer war da?" fragte diese.
+
+"Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins
+Ohr; weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen
+zu unbequem, Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim
+Mittagessen fiel ihr die Sache wieder ein und sie erzählte sie dem
+Vater. Dem kam es verdächtig vor. "Wo ist denn der Brief?" fragte er.
+Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu finden! Und wo war denn—ja,
+wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade jahraus, jahrein
+seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit allen
+sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum.
+Oft schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in
+dieser Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was
+die Familie Pfäffling am Leben erhielt.
+
+Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich
+eingeschlichen, hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen,
+keinen Pfennig fürs tägliche Brot!
+
+Walburg wurde hereingeholt und über den "Herrn" ausgefragt. Man
+brauchte ihr gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere
+Schublade, die bestürzten Gesichter sprachen auch für sie deutlich
+genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht und fragte bloß: "Gestohlen?"
+
+Und nun flogen Vorwürfe hin und her.
+
+"Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den
+Schreibtisch!" warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. "Es war ja
+gar kein Dieb, es war ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie
+nahm sie in Schutz. "Sie kann nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein
+Holz getragen habt, wegen euch hat Walburg hinunter gemußt!"
+
+"Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken
+lassen!" rief Herr Pfäffling immer wieder.
+
+Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder
+wagte zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir
+wollen ihr schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal
+niemand zu beruhigen, es war so traurig, zu denken, daß man sie mit
+solch einer Botschaft empfangen sollte! Karl und Marie hatten leise
+miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie jetzt, "wir alle zusammen
+haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März kommt wieder dein
+Gehalt. Wir sparen recht."
+
+"Ja, ja," sagte Herr Pfäffling, "verhungern müssen wir nicht, ich habe
+auch noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die
+Steuer zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel
+abgezogen hätte, wäre vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt
+hin und wieder, bis ihn ein Wort Walburgs stillstehen machte, das Wort:
+Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Dieb ausfindig gemacht
+werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden konnte. Ja, sofort
+Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. Elschen sollte
+mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur schnell,
+schon waren viele Stunden verloren!
+
+Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie
+setzten sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede
+knöpfte ihr einen Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Häubchen, die
+Brüder wollten ihr die Handschuhe anziehen, machten es verkehrt,
+erklärten dann Handschuhe für ganz übertrieben und die Kleine sprang
+ohne solche dem Vater nach, der schon an der Treppe stand und nun mit
+so langen Schritten die Frühlingsstraße hinunterging, daß das Kind an
+seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln mußte.
+
+Von der Polizei brachten sie günstigen Bescheid zurück. Ein junger
+Musiker, der angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel
+betroffen worden und mochte wohl der Missetäter sein. Man hoffte, ihn
+aufzufinden.
+
+Es war gut, daß am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfäffling
+abgegangen war, denn heute und in den folgenden Tagen hätte niemand
+schreiben mögen. So aber kam es, daß sie gerade, während ihre Lieben in
+großer Trübsal waren, einen dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus
+dem ihr eine ganze Anzahl Briefblättchen entgegen flatterten, alle voll
+Jubel über das unerwartet nahe Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte
+seine Freude selbst aussprechen wollen. Nicht die leiseste Ahnung sagte
+Frau Pfäffling, daß die Stimmung daheim inzwischen vollkommen
+umgeschlagen war.
+
+Herr Pfäffling ging gleich am nächsten Morgen auf die Polizei, um sich
+zu erkundigen. Er erfuhr, daß bisher vergeblich nach dem jungen Musiker
+gefahndet worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso
+am nächsten Tag in frühester Morgenstunde auf der Polizei erschien,
+wurde ihm bedeutet, daß er sich nicht mehr bemühen möchte, es würde ihm
+Nachricht zukommen.
+
+Darüber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, daß man die Mutter
+mit einer so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, ließ gar nicht
+die rechte Freude des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfäffling war
+unschlüssig, ob er die Nachricht nicht doch vorher schriftlich
+mitteilen sollte, zögerte aber noch immer in der Hoffnung auf Festnahme
+des Diebes und fand endlich, als er sich zum Schreiben entschloß, daß
+der Termin doch schon verpaßt sei und der Brief erst nach der Abreise
+seiner Frau ankommen würde. So blieb denn nichts übrig, als der
+Heimkehrenden schonend die Hiobspost mitzuteilen.
+
+Für Frau Pfäffling war die Abschiedsstunde gekommen. "Ich wundere
+mich," sagte sie zu Mutter und Schwester, "daß ich nicht noch einen
+letzten Gruß von daheim bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung
+sein?"
+
+"Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war," sagte die
+Mutter, "auch dann nicht, wenn die daheim es meinen. Laß dir nur das
+Wiedersehen nicht verderben, wenn du nun siehst, daß manches in
+Unordnung geraten ist während deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein
+hier war so schön, das ist doch auch eines Opfers wert."
+
+"Ja," sagte die Schwester, "du hast ja selbst gesagt, daß jeden Tag
+irgend etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du
+daheim bist. Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht
+mehr als einundzwanzig Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht
+beklagen, darfst nicht behaupten, daß dein Wegsein daran schuld ist,
+und nicht gleich erklären: ich reise nie mehr."
+
+Frau Pfäffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr
+fern, nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riß
+sich mit schwerem Herzen los von dem geliebten Mütterlein, von der
+Schwester, die sie so treulich gepflegt hatte, und das Wort "auf
+Wiedersehen" war ihr letzter Gruß aus dem abfahrenden Zug, als sie die
+weite Heimreise antrat.
+
+Noch immer war es draußen in der Natur kahl und winterlich, die drei
+Wochen waren anscheinend spurlos vorübergegangen, noch war nirgends ein
+Keimen und Sprossen, eine Frühlingsandeutung zu bemerken. Und doch
+schien ihr die Zeit so weit zurück zu liegen, seitdem sie hieher
+gereist war! Jetzt war ihr Herz noch vom Abschiedsweh bewegt, und doch
+rührte sich schon und drängte gewaltig in den Vordergrund die Freude
+auf das Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der so von Lieben
+zu Lieben kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen wird. Wer
+kann sich reicher fühlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim
+reist?
+
+Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes
+doch nicht lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben
+können. Die Kleinen hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis
+Samstag schon halb vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran,
+aber doch mit dem unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her
+gehöre, je schwieriger die Lage im Haus war.
+
+Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als
+er am Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof
+eilte. Er kam dort fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in
+ungeduldiger Erwartung der Kinder, die von der Schule aus kommen
+sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und winkte mit seinen
+langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl und Otto
+auftauchen sah.
+
+Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof
+begrüßen sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt," sagte er,
+"und soll nicht gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an
+den Marktplatz entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der
+Frühlingsstraße und Elschen soll die Mutter an der Treppe empfangen,
+denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause sein."
+
+So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem
+Vater an die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch
+sie nicht vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges
+Vorrecht. Sie standen alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter,
+während der Zug einfuhr, entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus
+dem Wagenfenster forschend nach ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie
+sich dann plötzlich ihre Züge verklärten, als sie den Vater erblickte,
+der, dem Schaffner zuvorkommend, die Türe ausriß und mit froher
+Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half.
+
+Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches
+Wiedersehen und Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch
+die Menge hinaus auf den Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte
+zufrieden sein können mit ihrem Erfolg, denn die Verwunderung über der
+Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu einstimmigem Ausdruck und
+hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn nicht Frau
+Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob die
+Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung
+erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise,
+da kam aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob!
+
+"Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von
+euch krank sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich
+nimmer geschrieben habe," entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort
+lautete ein wenig bedrückt. Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa
+vorgekommen ist, bekümmert mich gar nicht," sagte sie und drückte
+glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn. "Hört nur, Kinder,"
+sagte er lachend, "die Mutter ist ordentlich leichtsinnig geworden auf
+der Reise." So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz, wo
+ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten
+und jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen.
+
+Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der
+Ecke der Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte
+Frieder gewartet und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem
+Augenblick, als die Familie um die Ecke bog, sah er doch gerade in
+anderer Richtung.
+
+"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o
+Mutter!" rief er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn
+zärtlich und sagte ihm freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines
+Dummerle, wir sind ja jetzt wieder beisammen!"
+
+"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber
+die Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu
+ihr auf, ging dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis
+sie, im Hausflur angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um
+darin die Jüngste aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang
+und schon auf der Treppe mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß
+soeben zum Empfang eine Torte geschickt worden sei von Fräulein
+Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen großen, großen Kaffeekuchen
+gebacken habe.
+
+Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als
+sonst. Sie hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht
+vergessen können, an dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld
+war. Was konnte man von Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau
+Pfäffling verlassen, ihr hatte sie das Haus übergeben, und wenn sie
+nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen hätte, so wäre kein
+Unglück geschehen.
+
+Walburg hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Frau Pfäffling auf
+dem langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis
+erfahren hätte. Sie erwartete, daß Frau Pfäfflings erstes Wort ein
+Vorwurf sein würde. Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort
+fürchtete sie zu hören, das sie schon einmal schwer getroffen hatte,
+das Wort: "ich will lieber eine, die hört!" Darum stand sie so starr
+und stumm, daß Frau Pfäffling fast an ihr erschrak, als sie nun an der
+Küchentüre vorüber kam. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke:
+es ist _doch_ etwas Schlimmes vorgefallen, aber im nächsten Moment
+sagte sie zu sich selbst: nein, du hast es nur vergessen, wie groß, wie
+ernst, wie stumm sie ist, und sie reichte dem Mädchen mit herzlichem
+Gruß die Hand. Walburg hörte den Gruß nicht, aber den Händedruck, den
+freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde ihr leicht
+ums Herz, die Dankbarkeit löste ihr die Zunge und ihr Gegengruß schloß
+mit den Worten: "einen Lohn nehme ich nicht für das Vierteljahr."
+
+Das waren freilich unverständliche Worte für Frau Pfäffling, aber ehe
+sie noch nach Erklärung fragen konnte, wurde sie von den Kindern
+angerufen: "Dein Koffer kommt, wohin soll er gestellt werden?" Sie ließ
+ihn in das Schlafzimmer bringen und nahm aus ihrem Täschchen ein
+Geldstück für den Dienstmann. Frieder, der neben ihr stand, sah
+begierig in den offenen Geldbeutel. "Die Mutter hat noch viel Geld,"
+rief er freudig den Geschwistern zu. "Seit wann fragt denn mein Frieder
+nach Geld?" sagte Frau Pfäffling und bemerkte, als sie aufsah, daß die
+Großen ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb
+sie nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu
+viel verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darüber
+Vorwürfe. Aber viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben,
+dadurch sollte kein Schatten auf das Wiedersehen fallen.
+
+"Ja, ich habe noch Geld," sagte sie heiter zu den Kindern, "aber nun
+kommt nur, der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schön
+gedeckt, Walburg hat gewiß etwas Gutes gekocht."
+
+Nun standen sie alle um den großen Eßtisch. "Heute betet die Mutter
+wieder," sagte der Vater, "wir wollen hören, was ihr erstes Tischgebet
+ist."
+
+"Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut," sagte Frau
+Pfäffling und sie sprach mit innerer Bewegung:
+
+"Von Dank bewegt, o Gott, wir heute
+Hier vor dir stehen!
+Du schenkest uns die schönste Freude,
+Das Wiedersehen.
+Nun gehn wir wieder eng verbunden
+Durch Lust und Leid,
+In guten und in bösen Stunden
+Gib uns Geleit!"
+
+
+Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch für die Eltern Kaffee
+machen müssen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu
+gedeckt. "Sollen wir den Kaffee gleich bringen?" fragte Marie. "Ja,"
+sagte die Mutter. "Nein, erst wenn ich rufe," fiel Herr Pfäffling ein
+und schickte die Kinder hinaus. "Zuerst kommt etwas anderes," sagte er
+nun zu seiner Frau, "zuerst kommt meine Beichte," und er führte sie an
+den Schreibtisch und zog die kleine leere Schublade auf, deckte auch
+das leere Käßchen auf, in dem sonst das Ersparte lag. Dieser Stand der
+Dinge war schlimmer, als Frau Pfäffling gefürchtet hatte. "Ich habe
+schon geahnt, daß mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist," sagte
+sie, "aber daß _gar_ nichts mehr da ist, hätte ich doch nicht für
+möglich gehalten, wie _kann_ man denn nur so viel verbrauchen, das
+brächte ich ja gar nicht zustande!"
+
+"Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich
+gespart; gestohlen ist es, gestohlen!"
+
+Herr Pfäffling erzählte den Hergang und auch, daß er gestern die
+Nachricht erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien
+festgenommen, aber das Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung
+mehr, es zurück zu erhalten. Aber unentbehrlich war es und mußte auf
+irgend eine Weise wieder hereingebracht werden.
+
+Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluß
+derselben war, daß Herr Pfäffling lebhaft rief: "Ja, so kann es
+gelingen, das ist ein guter Plan!" Und fröhlich klang sein Ruf hinaus:
+"Jetzt, Kinder, den Kaffee!"
+
+
+
+
+13. Kapitel
+Ein fremdes Element.
+
+
+Der gute Plan, den die Eltern ausgesonnen hatten, sollte am nächsten
+Tag auch den Kindern mitgeteilt werden.
+
+"Marianne wird keine Freude daran haben," meinte Frau Pfäffling.
+
+"Nein," entgegnete Herr Pfäffling, "aber man muß ihnen die Sache nur
+gleich im rechten Licht darstellen." Er rief die Kinder alle zusammen.
+"Hört einmal," sagte er, "wir haben ein Mittel ausfindig gemacht, durch
+das sich der Geldverlust wieder hereinbringen läßt. Zwei von euch
+können uns allen helfen. Wer sind wohl die zwei Glücklichen? Ratet
+einmal!"
+
+Sie sahen sich fragend an "Wenn es gerade zwei sind, wird es Marianne
+sein," schlug Karl vor.
+
+"Richtig geraten. Aber wie?"
+
+"Wenn sie nicht immer so schöne Kleider und seidene Zopfbänder tragen,"
+meinte Wilhelm. Die Zwillinge musterten sich gegenseitig, und auch die
+Blicke aller anderen ruhten auf ihnen. Die beiden Mädchen standen da in
+ihren vertragenen schottischen Kleidern, mit grauen Schürzen, und ihre
+blonden Zöpfe waren mit schmalen blauen Bändchen gebunden.
+
+"Da werden wir keine großen Summen heraus sparen können," meinte Herr
+Pfäffling, "eher könntet ihr Buben in der Kleidung etwas sparen, wenn
+ihr eure Anzüge besser schonen würdet. Nein, das ist's nicht, wir
+wissen etwas anderes."
+
+"Etwas," setzte Frau Pfäffling hinzu, "das jeden Monat 20 Mark und noch
+mehr einbringt."
+
+Nun waren sie alle aufs äußerste gespannt. "Ihr erratet es nicht, ich
+will es euch sagen," und Herr Pfäffling wandte sich an die Mädchen:
+"Ihr Beiden zieht in die Bodenkammer hinauf, dann können wir euer
+Zimmer an einen Zimmerherrn vermieten und schweres Geld dafür
+einnehmen. Ist das nicht ein feiner Plan? Das muß euch doch freuen? Die
+Mutter will alles Gerümpel aus der Kammer herausräumen und eure Betten
+hineinstellen und im übrigen dürft ihr alles ganz nach eurem Belieben
+einrichten; in eurem Reich da oben redet euch niemand darein; aus den
+alten Kisten könnt ihr Tische machen und Stühle und was ihr nur wollt."
+
+Die Zwillinge hatten zuerst ein wenig bedenkliche Gesichter gemacht,
+aber zusehends hellten sich diese auf; jetzt nickten sie einander zu
+und betätigten: "Ja, es wird sein!"
+
+Gleich darauf erbaten sie sich den Kammerschlüssel, der sollte in
+Zukunft auch ihr Eigentum sein und nun sprangen sie die Treppe hinauf
+in großer Begleitung. Auch der Vater ging mit, sie aber waren doch die
+Hauptpersonen. Sie schlossen ihr künftiges Revier auf. Es war ein
+kleines Kämmerchen mit schrägen Wänden und einem Dachfenster. "Kalt
+ist's da oben," meinte einer der Brüder. "Aber im Sommer ist's immer
+ganz warm, das weiß ich noch vom vorigen Jahr," entgegnete Marie. "Da
+hast du recht," bestätigte lächelnd der Vater, "und seht nur durch das
+Fenster, wenn man den Kopf weit hinausstreckt, so hat man die schönste
+Aussicht vom ganzen Haus. Und so gut vermacht ist die Kammer, nirgends
+kann Schnee oder Regen durch; wißt ihr noch, wie Frau von Falkenhausen
+in ihrer Lebensgeschichte erzählt, daß ihr in Afrika der Regen in ihr
+Häuschen gedrungen ist, und die Betten wie in einem Teich standen? Und
+wie eine dicke Schlange durch ein Loch am Fenster herein gekrochen ist?
+Wie wäre sie glücklich gewesen über ein so gutverwahrtes Kämmerlein!
+Ja, Kinder, da habt ihr es schon besser."
+
+Als sie herunter kamen, waren alle ganz von den guten Eigenschaften der
+Kammer erfüllt.
+
+Es galt nun einen Zimmerherrn zu suchen und sich der Hausleute
+Erlaubnis zu sichern. Frau Pfäffling besprach die Sache mit der
+Hausfrau und diese wiederum mit ihrem Mann. Da stieß die Sache auf
+Widerstand. Herr Hartwig wollte nichts davon wissen, durchaus nichts.
+Er meinte, es sei schon reichlich genug, wenn zehn Leute den obern
+Stock bewohnten und Zimmerherrn seien ihm ganz zuwider. Er habe nie
+welche gehabt und geduldet. Frau Hartwig legte viel gute Worte ein für
+die Familie Pfäffling und schilderte ganz ideale Zimmerherrn, aber ihr
+Mann blieb bei seinem entschiedenen "nein" und sie konnte nicht anders
+als dieses Frau Pfäffling mitteilen.
+
+"Es tut mir so leid," sagte sie, "aber ich kann nichts machen; mein
+Mann sagt ja selten 'nein', aber wenn er es einmal gesagt hat, dann
+bleibt er dabei. Er meint, wenn ein Mann 'nein' gesagt hat, dürfe er
+nachher nicht mehr 'ja' sagen, sogar wenn er's möchte."
+
+Dieser Bescheid war eine große Enttäuschung für die Familie. Herr
+Pfäffling konnte wieder einmal den Hausherrn nicht begreifen. "Wenn ich
+sehe, daß jemand nicht auskommt, lasse ich ihn doch lieber sechs
+Zimmerherrn nehmen, als in Geldnot stecken," rief er, indem er lebhaft
+den Tisch umkreiste. "Nicht mehr 'ja' sagen dürfen, weil man vorher
+'nein' gesagt hat? Soll sich darin die Männlichkeit zeigen? Dann wäre
+jedes eigensinnige Kind 'männlich'. Glaubt das nicht, ihr Buben," sagte
+er, vor Karl stehen bleibend, "ich will euch sagen, was männlich ist:
+Nicht nachgeben, wenn es gegen besseres Wissen und Gewissen geht; aber
+_nachgeben_, sobald man einsieht, daß man falsch oder unrecht geurteilt
+hat."
+
+Als zwei Tage über die Sache hingegangen waren, ohne daß mit den
+Hausleuten weiter darüber gesprochen worden wäre, traf Frau Pfäffling
+zufällig oder vielleicht absichtlich mit Herrn Hartwig im Hausflur
+zusammen.
+
+"Es war uns so leid," sagte sie zu ihm, "daß wir keinen Zimmerherrn
+nehmen durften, denn wir sind durch den Diebstahl ein wenig in die Enge
+geraten. Aber da Sie einmal 'nein' gesagt haben, möchte ich Sie nicht
+plagen, und es ist ja wahr, daß manche Zimmerherrn spät in der Nacht
+heimkommen, Lärm machen und dergleichen. So müssen wir uns eben jetzt
+entschließen, eine ältere Dame als Zimmermieterin aufzunehmen, da
+fallen ja alle diese Schattenseiten weg. Es ist nur für uns unbequemer
+und auch schwerer zu finden als ein Zimmerherr. Wenn Sie uns ein wenig
+behilflich sein möchten, eine passende Hausgenossin zu finden, wären
+wir Ihnen recht dankbar. Meinen Sie, wir sollen es in die Zeitung
+setzen?"
+
+"Ja," sagte Herr Hartwig, "das wird am schnellsten zum Ziel führen."
+Sie besprachen noch ein wenig die näheren Bedingungen und ohne recht zu
+wissen wie, war Herr Hartwig dazu gekommen, sich selbst um eine elfte
+Hausbewohnerin für den obern Stock zu bemühen.
+
+Das seitherige Zimmer der beiden Mädchen wurde hübsch hergerichtet und
+sie bezogen ihre Bodenkammer. Ein Inserat in der Zeitung erschien, und
+nun kamen wieder einmal Tage, in denen sich die Kinder darum stritten,
+wer die Türe aufmachen durfte, um etwaigen Liebhaberinnen das Zimmer zu
+zeigen. Allzuviele erschienen nicht und Frau Pfäffling mußte erfahren,
+daß die Frühlingsstraße "keine Lage" sei. Ihr selbst war auch nicht
+jede von den wenigen, die sich meldeten, erwünscht; sie wollte nur das
+Zimmer vermieten, nicht eine Kostgängerin an ihrem einfachen
+Mittagstisch haben, kein fremdes Element in den vertrauten
+Familienkreis aufnehmen. Aber als auf wiederholte Ankündigung die
+Rechte sich nicht finden wollte, wurde Frau Pfäffling kleinmütig und
+sagte zu ihrem Mann: "Mir scheint, wir müssen froh sein, wenn überhaupt
+irgend jemand das Zimmer mietet, ich muß mich entschließen, auch die
+Kost zu geben. Aber niemand begnügt sich heutzutage mit so einfachem
+Mittagstisch, wie wir ihn haben."
+
+"So machst du eben immer besondere Leckerbissen für solch eine
+anspruchsvolle Dame und deckst für sie in ihrem eigenen Zimmer, dann
+stört sie uns nicht," lautete Herrn Pfäfflings Rat.
+
+Drei Tage später bezog Fräulein Bergmann das Zimmer. Pfäfflings durften
+sich glücklich schätzen über diese Mieterin. Sie war eine fein
+gebildete Dame, etwa Mitte der Vierziger. Erzieherin war sie gewesen,
+meist im Ausland, hatte vorzügliche Stellen innegehabt und so viel
+zurückgelegt, daß sie sich jetzt, nach etwa fünfundzwanzig Jahren
+fleißiger Arbeit, zur Ruhe setzen und von ihrer Rente leben konnte. Sie
+war gesund und frisch und wollte nun ihre Freiheit genießen, sich
+Privatstudien und Liebhabereien widmen, zu denen ihr das Leben bis
+jetzt wenig Muße gelassen hatte. Was andere Mieter abschreckte, der
+Kinderreichtum der Familie Pfäffling, das war für sie ein
+Anziehungspunkt, denn in der Wohnung, die sie zuerst nach dem Austritt
+aus ihrer letzten Stelle bezogen hatte, war es ihr zu einsam gewesen.
+Sie hatte es nur kurze Zeit dort ausgehalten und suchte jetzt eine
+Familie, in der sie mehr Anschluß fände. Mit schwerem Herzen machte ihr
+Frau Pfäffling das Zugeständnis, daß sie am Mittagstisch der Familie
+teilnehmen dürfe.
+
+"Ich konnte es ihr nicht verweigern," sagte sie zu ihrem Mann und fügte
+seufzend hinzu: "Ursprünglich wollten wir freilich einen Herrn, der den
+ganzen Tag fort wäre und nun haben wir eine Dame, die den ganzen Tag da
+ist, aber ich glaube, daß sie keine unangenehme Hausgenossin sein
+wird."
+
+Nach den ersten gemeinsamen Mahlzeiten war die ganze Familie für
+Fräulein Bergmann eingenommen. Sie war viel in der Welt herumgekommen,
+wußte in anregender Weise davon zu erzählen und interessierte sich doch
+auch für den Familienkreis, in den sie nun eingetreten war. Deutlich
+war zu bemerken, daß sie sich von Frau Pfäfflings sinnigem Wesen
+angezogen fühlte, daß sie Verständnis hatte für des Hausherrn
+originelle Lebhaftigkeit und Anerkennung für der Kinder Bescheidenheit.
+Freilich waren auch alle sieben voll Zuvorkommenheit gegen die neue
+Hausgenossin. Hatte diese doch das Zimmer gemietet trotz der vielen
+Kinder, und trotzdem die Frühlingsstraße "keine Lage" war. Überdies
+flößten ihnen die feinen Umgangsformen und das sichere Auftreten der
+ehemaligen Erzieherin Achtung ein. So ging anfangs alles aufs beste und
+wäre auch wohl so weiter gegangen, wenn Fräulein Bergmann nicht das
+Wort "ehemalig" vergessen hätte. Aber es dauerte gar nicht lange, so
+gewann es den Anschein, als ob sie die Erzieherin der Kinder wäre; sie
+ermahnte und tadelte sie, fragte nach den Schularbeiten, rief die
+Schwestern zu sich in ihr Zimmer und ließ sie unter ihrer Anleitung die
+Aufgaben machen. Die Mädchen, um deren Arbeiten sich bisher niemand
+bekümmert hatte, fanden das vorteilhaft und kamen gerne, auch Frau
+Pfäffling war anfangs dankbar dafür, aber die neue Einrichtung paßte
+doch nicht zum Ganzen.
+
+So waren auch eines Nachmittags die beiden Schwestern schon geraume
+Zeit in Fräulein Bergmanns Zimmer, als Elschen bescheiden anklopfte.
+"Marianne soll herüber kommen," richtete sie aus, "es gibt Ausgänge zu
+machen." Die Mädchen standen augenblicklich auf, aber Fräulein Bergmann
+hielt sie zurück: "Das eilt doch nicht so," sagte sie, "die Schularbeit
+geht allem vor, das habe ich allen meinen Zöglingen eingeprägt. Die
+Ausgänge könnten doch auch von dem Dienstmädchen gemacht werden."
+
+"Walburg hat keine Zeit," entgegnete Elschen altklug, "und sie hört
+auch nicht genug für manche Besorgungen."
+
+"Dies taube Mädchen ist in jeder Hinsicht eine ungenügende Hilfe,"
+sagte Fräulein Bergmann. "Nun geh nur, Elschen, und bitte deine Mama,
+sie möchte den Schwestern noch ein halb Stündchen Zeit gönnen."
+
+Es dauerte aber noch eine ganze Stunde, bis die Kinder herüberkamen.
+
+"Ihr braucht länger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet,"
+sagte Frau Pfäffling ärgerlich, "woher kommt denn das?"
+
+"Weil Fräulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue
+voraus erklärt. Sie sagt, so könnten wir bald alle Mitschülerinnen
+überflügeln, und in der Schule würde jedermann staunen über unsere
+Fortschritte."
+
+"Das kann sein," entgegnete Frau Pfäffling, "aber dann hätte ich gar
+keine Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum
+lernen da und nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, daß ihr nicht in
+die Dunkelheit kommt mit den Ausgängen." Sie kamen aber doch erst heim,
+als es finster war. "Finden Sie das passend?" fragte Fräulein Bergmann
+die Mutter, "sollten Sie nicht das Dienstmädchen schicken?"
+
+"Walburg kann nicht alles besorgen."
+
+"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie
+vollends ganz taub ist, muß sie doch fort."
+
+Diese Worte hörte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte
+Walburg in der Küche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie
+wohl bald ganz taub würde? Sie bemerkte seinen forschenden,
+teilnehmenden Blick. "Willst du mir was?" fragte sie und beugte sich zu
+ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und sagte ihr ins Ohr: "Ich mag
+Fräulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg antwortete ausweichend:
+"Man muß froh sein, daß man sie hat."
+
+Ja, man war froh, daß man sie hatte, und nahm geduldig manche
+Einmischung hin. Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veränderung
+im Pfäffling'schen Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher
+immer mit einem hellen Wachstuch bedeckt worden.
+
+"Ich habe noch überall, wo ich war, weiße Tischtücher getroffen,"
+bemerkte Fräulein Bergmann.
+
+"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen
+Haus," entgegnete Frau Pfäffling, "wir müssen jede unnötige Arbeit
+vermeiden und die großen Tischtücher machen viel Arbeit in der Wäsche."
+
+"Aber das Essen mundet besser auf solchen."
+
+"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an
+unserem Tisch."
+
+Kurz darauf beanstandete Fräulein Bergmann, daß die Türe zum
+Nebenzimmer regelmäßig offen stand. "Wir können dadurch beide Zimmer
+mit _einem_ Ofen heizen," erklärte Frau Pfäffling.
+
+"Aber dann sollten Sie die Türe aushängen und eine Portiere anbringen,
+das würde sich sehr fein machen."
+
+"Ja gewiß, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkäufe kann
+ich mich nicht einlassen. Sie müssen bedenken, daß Sie nun nicht mehr
+bei reichen Leuten leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind,
+wenn es nur immer zum täglichen Brot reicht."
+
+"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwöhnt bin,
+und ich habe mich schon oft gewundert, daß Sie so heitern Sinnes auf
+vieles verzichten, woran Sie gewiß zu Hause gewöhnt waren. Ich weiß,
+daß Sie aus fein gebildeter Familie stammen."
+
+"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhältnisse
+schicken. Die äußere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein
+Glück ruht auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben
+damit gar nichts zu tun."
+
+Ein paar Tage später brachte Fräulein Bergmann als Geschenk den Stoff
+zu einer Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die
+Türöffnung wurde nun elegant verkleidet und sah in der Tat hübsch aus,
+die Kinder standen voll Bewunderung. Aber der schöne Stoff paßte nicht
+so recht zum Ganzen, Fräulein Bergmann selbst war die erste, die das
+bemerkte. "Es sehen nun allerdings die Möbelbezüge verblichen aus,"
+sagte sie, "aber über kurz oder lang müßten diese doch erneuert
+werden."
+
+Herr Pfäffling war sehr überrascht, als er zum erstenmal durch die
+Portiere schritt. Sie streifte dem großen Mann das Haar. Er sah sie
+mißliebig an.
+
+"Es ist ein Geschenk von Fräulein Bergmann," sagte Frau Pfäffling, "du
+solltest ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt."
+
+"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfäffling, "ich habe ja gar keinen
+Sinn für so etwas, es fängt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu
+unserer übrigen Einfachheit. Fräulein Bergmann mag sich Portieren in
+ihr Zimmer hängen so viel sie will, aber unsere Zimmer müssen ihr schön
+genug sein, so wie sie sind."
+
+Bei Tisch saß er gerade der Portiere gegenüber; sie kam ihm wie etwas
+Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Höflichkeit wahren und
+sich nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Ärger zum ersten
+hinzu. Walburg hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller
+gewechselt. Die Kinder bekamen immer nur _einen_ Teller.
+
+"Finden Sie nicht, daß es gegen den Schönheitssinn verstößt, wenn die
+Kinder alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich
+Fräulein Bergmann fragend an Frau Pfäffling.
+
+"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben
+Teller mehr aufzudecken, abzuwaschen und aufzuräumen ist schon ein
+Geschäft."
+
+"So viel könnte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das
+Fräulein, "das ist doch solch eine Kleinigkeit."
+
+Da fiel ihr Herr Pfäffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie,
+geehrtes Fräulein, meine Frau als Hausfrau muß doch am besten wissen,
+was in unsere Haushaltung paßt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind,
+müssen Sie mit unserer Art vorlieb nehmen."
+
+"Gewiß, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu
+sehen, wie der Schönheitssinn so ganz vernachlässigt wird. Aber ich
+werde gewiß nicht mehr darein reden, kein Wort mehr."
+
+"Ja, darum möchte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr
+Pfäffling, "und übrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles
+ordentlich, schön und rein und ich möchte durchaus nicht, daß sie sich
+noch mehr Arbeit macht, und wenn meine Kinder ihr nachschlagen, wird
+man sie überall gern sehen."
+
+"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fräulein und fügte
+gekränkt hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluß der Mahlzeit
+verlief in unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorüber war, zog
+sich Fräulein Bergmann zurück.
+
+"Sie ist beleidigt," flüsterte bekümmert eines der Mädchen dem andern
+zu.
+
+"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brüder, "warum mischt
+sie sich ein!"
+
+"Aber es ist doch wahr, daß Teller schnell abgewaschen sind!"
+
+"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fräulein Bergmann sagt
+und haltet gar nicht zur Mutter!"
+
+Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr
+Pfäffling bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins,"
+sagte er zu seiner Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird
+sich jetzt schon besser in acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart,
+und mir ist ihr Dareinreden nicht so unangenehm, man macht doch seine
+Sache nicht vollkommen und da ist es gar nicht übel, einmal zu
+erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel mehr von der
+Welt gesehen als ich."
+
+Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die
+beiden Frauen standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein
+Bergmann machte von der Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen.
+
+"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man
+keinen eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf
+diese Zeit der Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht
+nach Herzenslust lesen, zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem
+ich Muße dazu habe, so viel ich nur will, hat es seinen Reiz verloren."
+
+Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen:
+
+"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger
+Arbeit beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine."
+
+"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar
+nicht. Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner
+veränderten Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle
+selbst, daß ich unausstehlich bin."
+
+Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß
+Fräulein Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr
+Kritik und Einmischung gestattete.
+
+Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte
+sich kein Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles
+zurück und brachte Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach
+Fräulein Bergmanns Ansicht waren all diese kleinen Übelbefinden selbst
+verschuldet, sie behauptete, solches bei ihren Zöglingen durch
+sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben.
+
+"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März,
+"weißt du noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen
+sieben ausgezogen, Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen.
+Aber dieses Jahr ist es so kalt."
+
+"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein,
+schöner war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen
+Familienkreis.
+
+Sie saßen wieder einmal an dem weiß gedeckten Mittagstisch, nachdem
+Herr Pfäffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare
+streichen lassen, und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte.
+
+"Wie wunderlich," begann Fräulein Bergmann, "daß Sie nicht ein
+feststehendes Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus
+vorgekommen. Das heutige hat kein gutes Versmaß. Wie vielerlei haben
+Sie eigentlich?"
+
+"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfäffling. "Ich denke, daß man
+leichter mit dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn
+es nicht jeden Tag das gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein
+Gebet gedankenlos gesprochen wird."
+
+"Ach, das können Sie doch nicht ändern. Ich bin nicht für solche
+Neuerungen. Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war
+es mit Herrn Pfäfflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau
+liegt daran, in diese Form einen Inhalt zu gießen," sagte er lebhaft,
+"und wenn Sie lieber die leere Form haben, so brauchen Sie ja auf den
+Inhalt nicht zu horchen."
+
+"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfäffling und legte beschwichtigend
+ihre Hand auf seine trommelnde, "Fräulein Bergmann hat das gar nicht
+schlimm gemeint!"
+
+"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfäffling
+begütigend. Im Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch
+einsilbig. Aber nach Tisch rief Herr Pfäffling seine Frau zu sich in
+das Musikzimmer. "Das ist ein unleidlicher Zustand," begann er, "dieses
+Frauenzimmer ist die verkörperte Dissonanz und stört jegliche Harmonie
+im Hause. So etwas kann ich nicht vertragen. Tu mir's zuliebe und mache
+der Sache ein Ende. Wir finden wohl auch wieder eine andere Mieterin."
+
+"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Türe weisen, das tut mir doch
+leid für sie, wie soll ich denn das machen?"
+
+"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu
+kränken. Aber je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich
+hinüber und mit ihr reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!"
+
+"Nein, so plötzlich läßt sich das doch nicht machen, bis zum 1. April
+mußt du dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfäffling, und während
+sie ihrer Arbeit nachging, überlegte sie, wie sie die Kündigung
+schonend begründen könnte. Fräulein Bergmann tat ihr leid, aber die
+Rücksicht auf ihren Mann, auf Harmonie und Frieden im Hause mußte doch
+vorgehen.
+
+Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fräulein
+Bergmann suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem
+Tisch lagen Papiere ausgebreitet. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen,"
+sagte das Fräulein, "hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten
+Stellen hervorgesucht, möchten Sie diese nicht lesen? Ich muß Ihnen
+sagen, daß ich mich ordentlich schäme über die Zurechtweisung, die ich
+heute mittag erfahren habe; so etwas ist mir nicht vorgekommen in den
+vielen Jahren, die ich in Stellung war. Aber ich fühle ja selbst, daß
+ich unleidlich bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht so,
+bitte, lesen Sie!"
+
+Fräulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele
+Jahre in ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tüchtigkeit
+war in den Zeugnissen ausdrücklich ihre Liebenswürdigkeit, ihr Takt
+hervorgehoben.
+
+Indem Frau Pfäffling dieses las und überdachte, kam ihr plötzlich die
+Erklärung dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fräulein Bergmann
+wieder in das richtige Geleise zu bringen wäre.
+
+"Ich glaube, Sie haben sich viel zu frühe in den Ruhestand begeben, und
+das ist wohl der Grund für Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen.
+Sie stehen im gleichen Alter wie mein Mann; wie käme es Ihnen vor, wenn
+er schon aufhören wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch
+sein Bestes leisten, und so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft,
+und haben eine reiche Lebenserfahrung dazu. Sie könnten ein ganzes
+Hauswesen leiten, eine Schar Kinder erziehen, und wollen hier in einem
+Stübchen hinter den Büchern sitzen! Das ertragen Sie einfach nicht und
+das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun in unser Hauswesen
+unberufen eingreifen. Ihre besten Kräfte liegen brach! Wenn ich Ihnen
+einen Rat geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle, und
+zwar eine solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!"
+
+Fräulein Bergmann hatte nachdenklich zugehört. "Ja," sagte sie jetzt,
+"so wird es wohl sein. Ich kann die Untätigkeit nicht ertragen. Daß Sie
+mir noch solch eine Leistungsfähigkeit zutrauen, das freut mich. Nur
+schäme ich mich vor all meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen
+Entschluß mitgeteilt habe, zu privatisieren. Es war mir damals eine
+verlockende Stelle als Hausdame angetragen, ich habe sie abgelehnt."
+
+"Ist sie wohl schon besetzt?"
+
+"Vielleicht nicht. Es hieß, der Eintritt könne auch erst später
+erfolgen."
+
+"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?"
+
+"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings hätte ich
+keine passendere finden können. Meinen Sie, ich soll schreiben?"
+
+"überlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darüber hingehen."
+
+Eine halbe Stunde später hörte man Fräulein Bergmann mit eiligen,
+elastischen Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post.
+
+"Ich bin Fräulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam,
+"sie ist gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt;
+warum sie wohl gerade heute so vergnügt ist?"
+
+Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in
+Richtigkeit. Schon zum 1. April sollte Fräulein Bergmann sie antreten.
+Das letzte gemeinsame Mittagsmahl war vorüber, die Kinder freuten sich
+unten, im Freien, der langersehnten warmen Frühlingsluft, Frau
+Pfäffling war mit der Sorge um das Gepäck der Reisenden beschäftigt,
+diese saß allein noch mit Herrn Pfäffling am Eßtisch.
+
+"Wenn ich einmal alt und pflegebedürftig bin," begann Fräulein
+Bergmann, "dann frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen möchten in
+Ihr Haus. Ich kenne niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern
+anvertrauen möchte, als Ihrer lieben Frau und den seelenguten
+Zwillingsschwestern. Dann dürften Sie ja keine Angst mehr haben vor
+meiner kritischen Art." Herr Pfäffling, der nach seiner Gewohnheit um
+den Tisch gewandelt war, machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik ist
+ja sehr viel wert, wenn sie nicht bloß aus schlechter Laune entspringt.
+Solange Sie _alles_ tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo
+wir in friedlicher Stimmung auseinandergehen, jetzt würde ich auf Ihr
+Urteil viel geben. Sie sagten neulich, es sei alles unschön und unfein
+bei uns—"
+
+"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und überdies
+wissen Sie wohl, daß alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen
+war."
+
+"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Äußerungen zugrunde. Möchten Sie
+mir nicht sagen, was Ihnen unschön erscheint in unserem Hauswesen,
+unseren Gewohnheiten?"
+
+Fräulein Bergmann überlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht
+aufrecht erhalten," und mit einem gutmütigen, aber doch ein wenig
+spöttischen Lächeln fügte sie hinzu: "Unschön ist eigentlich nur
+_eines_."
+
+"Und zwar?"
+
+"Darf ich es sagen? Nun denn: unschön kommt mir vor, wenn Sie so wie
+jetzt eben im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt."
+
+Herr Pfäffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne.
+
+"Ihr Wilhelm fängt das nämlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben
+Sie es noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter
+Ihnen, immer die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen
+Zusammenstoß zu vermeiden, da Sie oft mit einem plötzlichen Ruck
+stehenbleiben. Es war sehr drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig
+dabei."
+
+"Das begreife ich!" sagte Herr Pfäffling, "und wenn mir schließlich
+alle Kinder folgen würden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit.
+Ich werde es mir abgewöhnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur
+zu solchen übeln Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken
+darüber—und nahm seinen Lauf um den Tisch wieder auf.
+
+Fräulein Bergmann verließ lächelnd das Zimmer.
+
+Im Vorplatz übergab Frau Pfäffling den vollgepackten Handkoffer an
+Walburg. "Ist er nicht zu schwer?" fragte sie.
+
+"O nein," entgegnete Walburg in ungewöhnlich lebhaftem Ton, "ich trage
+ihn _gern_ fort."
+
+Hatte sie auch nie die unfreundlichen Äußerungen gehört, die Fräulein
+Bergmann über sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert
+und war froh, daß diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wußte sie
+nicht, fragte auch nicht darnach, es genügte ihr, daß offenbar niemand
+unglücklich darüber war, Marianne vielleicht ausgenommen, aber die
+würde sich bald trösten, und eine neue Mieterin konnte sich nach Ostern
+finden.
+
+Frau Pfäffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit
+zur Bahn. Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustüre hinaus,
+als Herr Pfäffling seine drei Großen herbeirief: "Nun helft mir die
+Portiere abnehmen, daß man wieder Luft und Licht hat und frei durch die
+Türe kann. Aber vorsichtig, die Mutter sagt, sie könne den schönen
+Stoff gut verwenden!"
+
+So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stühlen und hantierten
+lustig darauf los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch
+das offene Fenster von der Straße herauf Elschens Stimme ertönte, die
+nach den Brüdern rief. Otto sah durchs Fenster und fuhr blitzschnell
+wieder herein: "Fräulein Bergmann hat ihren Schirm vergessen, sie kommt
+selbst herauf!"
+
+"Geht hinaus, laßt sie nicht herein," rief Herr Pfäffling, "den
+schmerzlichen Anblick soll sie nicht erleben!" Draußen hörte man auch
+schon ihre Stimme: "Ich muß den Schirm im Eßzimmer abgestellt haben."
+Richtig, da stand er in der Ecke! Wilhelm erfaßte ihn, blitzschnell
+rannte er durch die Türe und konnte diese gerade noch hinter sich
+schließen und Fräulein Bergmann den Schirm hinreichen. Sie hatte nichts
+gesehen und eilte davon.
+
+"Wenn sie nun zu spät zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr
+Pfäffling überlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb
+unten, einen traurigen Anblick bot. "Wir hätten eigentlich warten
+können bis morgen."
+
+Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk mußte vollendet werden; bald
+sah alles im Haus Pfäffling wieder aus wie vorher; Fräulein Bergmann
+kam nicht wieder, das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfäffling
+kehrte mit Elschen allein zurück. "Sie läßt euch alle noch grüßen,"
+berichtete sie, "ihr letztes Wort war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch
+einmal ein schönes Tischgebet schicken!'"
+
+Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er,
+"wir singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu
+gekommen." Er stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders
+frisch und fröhlich klang, das war Fräulein Bergmann zu danken!
+
+
+
+
+14. Kapitel
+Wir nehmen Abschied.
+
+
+Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet,
+und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der
+Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen
+lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts
+mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen,
+innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den
+seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten
+Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen
+waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.
+
+Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt
+worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch,
+auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem
+einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der
+eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder
+höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des
+Elternhauses entfremdet würde.
+
+Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während
+desselben geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen
+zeigen.
+
+In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder
+Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes.
+Doch nur für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht
+besser ausfiel als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm,
+schlimm auch um die Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht
+Karls Liebhaberei, der junge Lehrer und der Schüler hätten sie gleich
+gerne los gehabt. Darum strebten die Brüder gleich aufeinander zu, als
+die Klassentüre sich auftat und die Schüler herausdrängten. Über der
+andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne Karl sein Zeugnis
+hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl schon
+manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt
+und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater
+noch zu erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als
+er die Jungen mit den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen
+sah, wußte er schon, daß es Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine
+Durchschnittsnote nötig?" fragte er und überblickte das Zeugnis, und
+war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder waren enttäuscht,
+nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein müssen. "Hast
+du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie.
+
+"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind
+wir noch in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so
+vergnügt seid, ihr meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig,
+aber ganz kann ich euch noch nicht davon entbinden, Wilhelm könnte
+sonst gleich wieder rückfällig werden. Sagen wir _einmal_ statt zweimal
+in der Woche." Sie machten lange Gesichter. "Und in den Osterferien gar
+keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte der Vater hinzu. Da heiterten
+sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens in den Ferien frei war,
+im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr in einem hin.
+Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder
+vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die
+Schwestern begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust
+sämtliche Heftchen auf des Vaters Tisch ausbreiteten.
+
+"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie
+Elschen ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die
+geheimnisvollen Ziffern zu deuten.
+
+"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen
+Übermut hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a
+plus b ist? Das weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen
+Vierer." Von allen Seiten kamen nun solch verfängliche Fragen und es
+wurden ihr lauter Vierer prophezeit, bis ihr angst und bang wurde, sie
+sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du gibst mir dann jeden Tag
+Mathematikstunden!"
+
+Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten
+sie eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug
+gekommen. Sie schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte.
+
+Herr Pfäffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder
+in Händen hatte und sah, daß es besser war als die früheren, trat ihm
+wieder das Bild vor die Seele, wie der Kleine ihm die verhüllte Violine
+mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes übergeben hatte. Er war seitdem ein
+gewissenhafter und geschickter Klavierspieler geworden, aber die Liebe,
+die er zu seiner Violine und auch zu der Harmonika gehabt hatte, die
+brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem Herzen war er nicht
+dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine erwähnt. Ob
+sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater
+hätte es gerne gewußt, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der
+kleine Spieler seine Musikhefte beiseite räumte, redete er ihn darauf
+an.
+
+"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir
+nicht mehr so leid, daß du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes
+Gesicht machte das Kind, als diese Wunde berührt wurde, dann antwortete
+er leise: "Ich möchte sie gar nicht mehr haben."
+
+"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhören
+kann, wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du _kannst_ nicht,
+Frieder? Du _willst_ nur nicht, weil es dir schwer fällt; aber siehst
+du nicht, daß wir alle aufhören, wenn wir müssen? Meinst du, ich möchte
+nicht lieber selbst weiter spielen, als Fräulein Vernagelding Stunde
+geben, wenn sie jetzt kommt? Meinst du, die Mutter möchte, wenn sie
+nach Tisch in ihren schönen Büchern liest, nicht lieber weiterlesen als
+schon nach einer halben Stunde wieder das Buch aus der Hand legen und
+die Strümpfe stopfen? Und die großen Brüder möchten nicht lieber auf
+den Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben unter
+unserem Dach möchten nicht lieber für sich selbst Futter auspicken als
+ausfliegen und ihre Jungen füttern, wie es der liebe Gott angeordnet
+hat? Und der Frieder Pfäffling will allein dastehen auf der Welt und
+sagen: 'Ich kann nicht aufhören'? Nein, der müßte sich ja schämen vor
+den Tierlein, vor den Menschen, vor dem lieben Gott müßte er sich
+schämen!"
+
+"Ich kann auch aufhören," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim
+Geigen nicht."
+
+"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann
+mitten im Geigenstrich aufhören und das mußt du auch lernen. Gib dir
+Mühe, und wenn du dann fühlst, daß du einen festen Willen hast, so sage
+es mir, dann will ich dir jeden Sonntag für eine Stunde deine Geige
+geben."
+
+Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem großen Schrank
+deutend, der in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit
+zärtlichem Ton: "Da innen ist sie!"
+
+"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen
+Willen bekommt und sie erlöst aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind;
+Fräulein Vernagelding ist im Vorplatz, ich höre sie schon lange
+plaudern mit Marianne, ich weiß nicht, warum sie nicht herein kommt."
+
+Unser Musiklehrer öffnete die Türe nach dem Vorplatz, die drei
+plaudernden Mädchen fuhren auseinander, Fräulein Vernagelding kam zur
+Stunde. Noch rosiger und lächelnder erschien sie als sonst, und hatte
+solch eine wichtige Neuigkeit unter vielem Erröten mitzuteilen! Die
+Karten waren ja schon in der Druckerei, auf denen zu lesen stand, daß
+Fräulein Vernagelding Braut war! Solch einen schönen, jungen, reichen,
+blonden Bankier hatte sie zum Bräutigam! Aber unmusikalisch war er
+leider sehr, denn obwohl sie ihm vorgespielt hatte, war er doch der
+Meinung, sie solle nicht mehr Klavier spielen.
+
+"Grämen Sie sich darüber nicht," sagte Herr Pfäffling zu seiner
+Schülerin, "vielleicht ist er sogar sehr musikalisch."
+
+"Meinen Sie?" fragte Fräulein Vernagelding, "das wäre schön! Und nicht
+wahr, wenn ich auch nicht mehr zur Stunde komme, bleiben wir doch gute
+Freunde und Ihre Fräulein Töchter müssen zu meiner Hochzeit kommen. Das
+gibt zwei süße Brautfräulein!"
+
+"Meine Töchter?" fragte Herr Pfäffling verwundert. "Sie meinen die
+Marianne? Das sind doch keine Brautfräulein? Da müssen Sie mit meiner
+Frau sprechen."—
+
+Der Tag war gekommen, an dem Frau Pfäfflings Bruder eintreffen sollte.
+Alle Hände hatten sich fleißig gerührt, um für das Osterfest und
+zugleich für den Gast das Haus festlich zu bereiten. Die letzten Spuren
+des langen Winters waren mit den trüben Doppelfenstern, mit
+Kohleneimern und Ofenruß aus den Zimmern verschwunden, die
+Frühlingssonne durfte die hintersten Winkel bestrahlen, Walburg
+brauchte die Prüfung nicht zu fürchten, alles war blank und rein. Eine
+mühevolle Zeit war das gewesen, aber nun war sie glücklich überstanden,
+Feststimmung breitete sich schon über das Haus und heute sollte der
+Gast ankommen.
+
+"Die Mutter sieht so aus wie am heiligen Abend vor der Bescherung,"
+sagte Karl, als die beiden Eltern miteinander zum Bahnhof gingen. Ja,
+Frau Pfäffling freute sich innig. War das Zusammensein mit dem Bruder
+in der alten Heimat schön gewesen, so mußte es doch noch viel
+beglückender sein, ihn im eigenen Familienkreis zu haben.
+
+Die Kinder daheim berieten, wie sie den Onkel empfangen, ob sie ihm
+alle miteinander entgegenkommen sollten? Sie entschieden sich aber
+dagegen, er war nicht an so viele Kinder gewöhnt, sie wollten sich
+verteilen und nur allmählich erscheinen, damit es keinen Lärm und kein
+Gedränge gäbe.
+
+Als es Zeit war, standen sie alle an den Fenstern des Wohnzimmers und
+sahen begierig die Straße hinunter. Da tauchten schon die drei
+Gestalten auf, und jetzt waren sie deutlich zu erkennen. Der Onkel,
+fast einen Kopf kleiner als der Vater, ganz ähnlich der Mutter, nur
+nicht so schmal. Fein sah er aus im eleganten Reiseanzug und daß er
+eine voll gepackte Ledertasche in der Hand hatte, wurde von Elschen
+besonders hervorgehoben. Nun mußten auch die Kinder bemerkt worden
+sein, denn der Onkel winkte mit der Hand herauf, ja er schwenkte sogar
+den Hut als Gruß. Das machte einen gewinnenden Eindruck. "Wir springen
+doch entgegen, der ist gar nicht so!" sagte Wilhelm. "Nein, der ist
+nicht so," entschied der ganze Chor. Die sieben Kinderköpfe
+verschwanden vom Fenster, und vierzehn Füße trabten die Treppe
+hinunter. "Die Treppe ist frisch geölt," rief Marie, "geht an der
+Seite, daß sie in der Mitte schön bleibt!"
+
+Nun kam die Begrüßung. Man war sich unbekannt und doch nicht fremd. Die
+Kinder berührte es merkwürdig, daß der Onkel der Mutter so ähnlich war,
+in den Zügen, in der Stimme und der Aussprache. Zutraulich begrüßten
+sie ihn, und auch er fand in ihnen lauter verwandte Gesichter, die
+einen seiner Schwester, die andern seinem Schwager ähnlich.
+
+"Nun gebt die Treppe frei, Kinder," drängte Herr Pfäffling, "wir wollen
+den Onkel doch auch hinauf lassen." Sie machten Platz, und ließen den
+Gast voran gehen. Auf halber Treppe sah er zurück nach dem jungen
+Gefolge. "Wie komisch sie alle an der Seite gehen," bemerkte er zu der
+Mutter.
+
+"Damit die Treppe in der Mitte geschont wird."
+
+"Ah so!" sagte der Professor und sah sichtlich belustigt zurück.
+"Cäcilie, nun kenne ich deine Kinder schon. Die heißt du ungehobelt?"
+
+Droben, im Wohnzimmer, war der Mittagstisch gedeckt. "Was für eine
+stattliche Tafel!" rief der Gast, und dann sah er erstaunt auf die
+ungewöhnlich große Gestalt Walburgs, die stumm die Suppe auftrug. "Ihr
+habt euch wohl eine besonders kräftige Magd ausgesucht für eure großen
+Schüsseln?" sagte er spassend zu den Kindern, "ist das die treue,
+stumme Dienerin? Wie schade um das Mädchen!"
+
+"Es wird aber nicht mehr schlimmer bei ihr, Onkel," versicherte Marie,
+"ich war mit ihr beim Arzt, er sagt, es kann sogar eher ein wenig
+besser werden."
+
+Sie sammelten sich um den Tisch. "Mutter," bat Wilhelm, "du hast einmal
+ein Tischgebet gewußt, das müßte heute gut passen und dem Onkel
+gefallen, es kommt etwas vom vielverheißenden Tisch vor, weißt du
+nicht, welches ich meine?"
+
+Frau Pfäffling wußte es wohl und sprach es:
+
+In größerem Kreise stehen wir heute
+Am Gutes verheißenden festlichen Tisch.
+Aber die richtige fröhliche Stimmung
+Die mußt auch heute Du, Herr, uns geben.
+Nahe dich freundlich jedem von uns.
+
+
+Drei Tage blieb der Onkel im Haus und beobachtete oft im stillen seine
+Neffen und Nichten. Er hatte ihnen ein Spiel mitgebracht, an dem sich
+alle beteiligen konnten. "Ich will es den Kindern lehren," sagte er,
+"die meinigen haben es auch, es ist ein Tischcroquet, ein nettes Spiel,
+bei dem es nur leider gar zu leicht Streit gibt unter den Spielern."
+Sie machten sich mit Eifer daran und trieben es täglich fast mit
+Leidenschaft. Sie achteten dabei nicht auf den Onkel, der, hinter der
+Zeitung sitzend, seine Beobachtungen machte. "Wir müssen die zwei
+Parteien so einteilen, daß die guten und schlechten Spieler gleichmäßig
+verteilt sind," sagte Karl. "Nimm du Frieder auf deine Seite, Wilhelm,
+der ist am ungeschicktesten, und ich will Anne auf meine Partei nehmen,
+sonst können die nie gewinnen." So war es allen recht und das Spiel auf
+seinem Höhepunkt, als Frau Pfäffling hereinkam.
+
+"Kinder," sagte sie, "Walburg hat wieder kein Holz, laßt euch doch
+nicht immer mahnen." Schuldbewußt legten zwei der Spieler ihre Schläger
+aus der Hand und gingen hinaus. Der Onkel sah aufmerksam hinter seiner
+Zeitung hervor. Das Wort: "Laßt euch doch nicht mahnen" schien noch
+weiter zu wirken. "Hat jemand des Vaters Brief auf die Post getragen?"
+fragte Marie. Niemand meldete sich. "Das könntest du besorgen,
+Frieder," sagte die Schwester, "Elschen geht mit dir." So entfernten
+sich auch diese Beiden. Die andern spielten weiter, Frau Pfäffling
+setzte sich ein wenig zu ihrem Bruder. Sie sprachen halblaut zusammen.
+"Es ist rührend," sagte der Bruder, "wie sich diese Lateinschüler so
+selbstverständlich zum Holztragen verpflichtet fühlen und ohne
+Widerspruch das Spiel aufgeben. Das täte meiner nie, wie hast du ihnen
+das beigebracht?"
+
+"Das bringen die einfachen Verhältnisse ganz von selbst mit sich. Die
+Kinder sehen, wie Walburg und ich uns plagen und doch nicht fertig
+werden, so helfen sie mit."
+
+"Mir, als dem Juristen, ist wirklich euer kleiner Staat interessant und
+ich sehe ordentlich, wie aus solcher Familie tüchtige Staatsbürger
+hervorgehen. Wie die Starken sich da um die Schwachen annehmen, wie sie
+ihr eigenes Ich dem allgemeinen Ganzen unterordnen und welche Liebe und
+widerspruchslosen Gehorsam sie den Eltern als dem Staatsoberhaupt
+entgegenbringen, wohl in dem Gefühl, daß sonst das ganze System in
+Unordnung geriete. Dazu kommt auch noch, daß dein Mann ein so
+leutseliger Herrscher ist und du bist sein verantwortlicher Minister.
+Das muß ich dir sagen, wenn ich nun eines eurer Kinder zu mir nehme, in
+ein so geordnetes Staatswesen kann ich es nicht versetzen."
+
+Die Kinder hatten nicht auf das leise geführte Gespräch gehorcht; was
+kümmerte sie, wenn vom Staat die Rede war? Aber die letzte Bemerkung
+des Onkels, die traf Maries Ohr, die erfaßte sie. "Wenn ich eines eurer
+Kinder zu mir nehme," hatte er gesagt. Sie hätte es offenbar nicht
+hören sollen, es war nur halblaut gesprochen. Zunächst ließ sie sich
+nichts anmerken, aber lange konnte sie diese Neuigkeit nicht bei sich
+behalten. Nach Tisch fanden sich die Geschwister alle unten am
+Balkenplatz zusammen. Dort konnte man sich aussprechen und Marie
+vertraute ihnen an, was sie gehört hatte. Das ganze Trüppchen stand
+dicht zusammengedrängt und besprach in lebhafter Erregung die
+Möglichkeit, fortzukommen. Verlockend war das Neue, lieb war das Alte.
+Wer ginge gern, wer ungern? Sie waren zweifelhaft. Wen würde der Onkel
+wählen? Ein jedes meinte: "Sicherlich nicht gerade mich." Das war die
+Bescheidenheit. Aber einer, der doch auch nicht unbescheiden war, der
+Frieder, sagte: "Ganz gewiß will er _mich_ mitnehmen." Das war die
+Angst, denn Frieder wollte nicht fort, für ihn gab es da nichts
+Zweifelhaftes, er wollte daheim bleiben, er fürchtete die fremde Welt.
+Und da er so bestimmt aussprach: mich will er mitnehmen, so glaubten
+ihm die Geschwister. Schon einmal war er das fremde Kind gewesen, vor
+die Türe gewiesen mit der Violine. Von jeher war er ein wenig allein
+gestanden. Nun schauten ihn alle darauf hin an, daß er fort von ihnen
+sollte. Sie sahen das gute Gesichtchen, die seelenvollen Augen, die
+angsterfüllt von einem zum andern blickten, und da wurden sich alle
+bewußt, daß sie doch den Frieder nicht missen mochten. Karl war es, der
+aussprach, was alle empfanden: "Unser Dummerle geben wir nicht her!"
+
+Oben, am Fenster des Musikzimmers, stand der Professor im Gespräch mit
+Herrn Pfäffling und seiner Frau. Nun trat er an das Fenster und sah
+hinunter, "Dort steht ja das ganze Trüppchen beisammen," sagte er,
+"eines dicht beim andern, keinen Stecken könnte man dazwischen
+schieben! Es ist köstlich anzusehen! Und wie sie eifrig sprechen!"
+
+"Ja," sagte Frau Pfäffling, "irgend etwas muß sie sehr beschäftigen."
+
+"Das haben eure Kinder doch vor andern voraus, daß jedes sechs treue
+Freunde mit fürs Leben bekommt, denn die einmal so warm beieinander im
+Nest gesessen waren, die fühlen sich für immer zusammengehörig. Daß ich
+nun aber die Hand ausstrecken soll und ein Vögelein aus diesem Nest
+herausnehmen, dazu kann ich mich immer schwerer entschließen. Geben wir
+doch den Plan auf! Lassen wir das fröhliche Völklein beisammen, es kann
+nirgends besser gedeihen als daheim!"
+
+"Ich glaube, du siehst bei uns alles in zu günstigem Licht, wir sind
+oft unbefriedigt und haben allen Grund dazu!"
+
+"Das mag sein, an Unvollkommenheiten fehlt es gewiß auch bei euch
+nicht. Aber den guten Grund fühle ich heraus, auf dem alles im Haus
+aufgebaut ist, die Wahrhaftigkeit, die Religion, die bei euch
+Herzenssache ist."
+
+"Das hast du doch kaum in so kurzer Zeit beobachten können," meinte
+Frau Pfäffling.
+
+"Aber doch habe ich diesen Eindruck gewonnen, so zum Beispiel von
+Wilhelm. Du kannst weit suchen, bis du wieder einen solch lustigen
+Lateinschüler findest, der um ein bestimmtes Tischgebet bittet, wie er
+neulich tat bei unserem ersten Mittagessen. Ich wollte, es wäre bei
+meinen Kindern auch etwas von diesem Geist zu spüren! Kehren wir doch
+die Sache um! Ich schicke euch lieber meinen Jungen einmal. In euren
+einfachen Verhältnissen würde er ganz von selbst seine Ansprüche fallen
+lassen, er wäre zufrieden und glücklich mit euren Kindern."
+
+Es blieb bei dieser Verabredung.
+
+Draußen im Freien hatte sich inzwischen alles verändert. Die Sonne war
+von schweren Wolken verdeckt worden, in echter Aprillaune wirbelten
+plötzlich Schneeflocken herunter und die jungen Pfäfflinge flüchteten
+herauf.
+
+"Da kommen sie ja wieder alle miteinander," sagte der Onkel, "wißt ihr
+auch, Kinder, mit was für Gedanken ich hieher gekommen bin? Eines von
+euch wollte ich mir rauben, weil bei mir noch so schön Platz wäre für
+ein viertes, und eure Eltern hätten es dann leichter gehabt. Aber ich
+tue es nicht. Wollt ihr hören warum? Weil ihr es so schön und so gut
+habt, daß ihr es nirgends auf der ganzen Welt besser haben könnet. Ihr
+lacht? Es ist mein Ernst."
+
+Nun glaubten sie es ihm. Der Onkel, der weitgereiste, mußte es ja
+wissen.
+
+Elschen drückte sich schmeichelnd an den Onkel. "Wen von uns hättest du
+denn mitgenommen?" fragte sie.
+
+"Mußt du das wissen, kleine Neugier? Vielleicht den da," sagte er und
+deutete auf Frieder. Der nickte zustimmend. Er hatte es ja gewußt!
+
+Einige Tage später war Frau Pfäfflings Bruder wieder abgereist. Sie
+stand mit wehmütigem Gefühl im Gastzimmer und war beschäftigt, es
+wieder für eine fremde Mieterin zu richten, nach der man sich nun bald
+umsehen mußte. In ihren Gedanken verloren, hörte sie doch mit halbem
+Ohr einen Mann die Treppe heraufkommen, hörte klingeln, öffnen, wieder
+schließen, hörte Marie zum Vater hinübergehen. An all dem war nichts
+besonderes, es brachte sie nicht aus ihrem Gedankengang.
+
+Aber jetzt?
+
+Sie horchte. "Cäcilie, Cäcilie!" tönte es durch die ganze Wohnung. Sie
+wollte dem Ruf folgen, aber da kam schon ihr Mann zu ihr herein, da
+stand er vor ihr mit glückstrahlendem Angesicht und rief frohlockend:
+
+"Cäcilie, ich bin Musikdirektor in Marstadt!" und als sie es nicht
+fassen und glauben wollte, da reichte er ihr einen Brief, und sie las
+es selbst schwarz auf weiß, daß die Marstadter vorläufig in einem
+gemieteten Lokal die Musikschule eröffnen wollten und den Musiklehrer
+Pfäffling zum Direktor ernannt hätten. Es fehlte nichts mehr als seine
+Einwilligung, und auf diese brauchten die Marstadter nicht lange zu
+warten!
+
+Der jubelnde Ruf: "Cäcilie!" hatte die Kinder aus allen Zimmern
+herbeigelockt. Zu verschweigen war da nichts mehr. Vom Vater hörten sie
+die gute Kunde, sie sahen, wie die Mutter bewegt am Vater lehnte und
+immer wieder sagte: "Wie mag ich dir das gönnen!"
+
+Und das Glück war immer größer, weil es von so vielen Gesichtern
+widerstrahlte.
+
+Nur einer war davon ausgeschlossen, einer hatte alles überhört, weil er
+mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt war.
+
+"Wo ist denn der Frieder?" fragte Elschen, "dem muß man es doch auch
+sagen!"
+
+Man suchte nach ihm und fand ihn ganz allein im Musikzimmer, vor dem
+Schrank stehend, in dem seine Violine aufbewahrt war.
+
+"Was tust du denn da?" fragte Herr Pfäffling.
+
+"Ich warte auf dich, Vater, schon so lange!"
+
+Dabei drängte er sich dicht an den Vater und fragte schüchtern: "Gibst
+du mir am Sonntag meine Geige auf eine Stunde? Ich kann jetzt mitten
+darin aufhören, ich habe es probiert."
+
+"Wie hast du das probiert, Frieder?"
+
+"Beim Essen. Dreimal. Aufgehört im ärgsten Hunger, auch bei den
+Pfannenkuchen. Die andern wissen es."
+
+"Ja, es ist wahr," betätigten ihm die Geschwister, die als seine
+Tischnachbarn Vorteil aus diesen Proben gezogen hatten. Herr Pfäffling
+schloß den Schrank auf. "Wenn es so steht, Frieder," rief er fröhlich,
+"dann warten wir gar nicht bis zum Sonntag, denn heute ist ohnedies
+Festtag bei uns, du weißt wohl noch gar nichts davon? Da hast du deine
+Violine, kleiner Direktorssohn!"
+
+Ja, das war ein seliger Tag!
+
+Frau Pfäffling suchte Walburg auf; diese hatte von den Kindern schon
+die Neuigkeit gehört, und da sie dem Leben nicht viel Gutes zutraute,
+so fürchtete sie auch diese Veränderung. Aber da kam auch ihre Frau
+selbst, sah sie mit herzlicher Freundlichkeit an und rief ihr ins Ohr:
+"Der Herr Direktor will auch deinen Lohn erhöhen."
+
+Nun war Walburg getrost, ihr Bleiben war besiegelt, und als sie wieder
+allein in ihrer Küche stand, da legte sie einen Augenblick die
+fleißigen Hände ineinander und sagte: "Lobe den Herrn!"
+
+Frau Pfäffling ging hinunter zur Hausfrau. Diese sollte nicht durch
+Fremde die Nachricht erfahren. Lange sprachen die beiden Frauen
+zusammen, und während sie sprachen, tönte von oben Klavier und Gesang
+herunter und Frau Pfäffling erkannte die frohlockende Melodie: ihr Mann
+übte mit den Kindern den Chor mit dem Endreim:
+
+"Drum rufen wir mit frohem Sinn:
+Es lebe die Direktorin!"
+
+
+Als Frau Hartwig wieder allein war, mußte ihr Mann sie trösten: "Leicht
+bekommen wir eine bessere Mietspartei, sie haben doch recht viel Unruhe
+im Haus gemacht und bedenke nur die Abnützung der Treppe!" Dabei suchte
+er eine kleine Tafel hervor und gab sie seiner Frau. Sie ging hinaus
+und befestigte an der Haustüre die Aufschrift:
+
+_Wohnung zu vermieten_.
+
+
+Und als sie die Türe wieder hinter sich schloß, fiel ihr eine Träne auf
+die Hand und sie sagte vor sich hin: "Das weiß gar niemand, wie lieb
+mir die Familie Pfäffling war!"
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 ***