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diff --git a/10917-0.txt b/10917-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a7dcd4b --- /dev/null +++ b/10917-0.txt @@ -0,0 +1,7491 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 *** + +Die Familie Pfäffling + +Eine deutsche Wintergeschichte + +von Agnes Sapper + + +1909 + + + + +Meiner lieben Mutter +zum Eintritt in das 80. Lebensjahr. + +Die Familie Pfäffling muß *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was +ich in diesem Buche zeigen möchte, das ist Deine eigene +Lebens-Erfahrung. Du hast uns vor Augen geführt, welcher Segen die +Menschen durchs Leben begleitet, die im großen Geschwisterkreis und in +einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, unter dem Einfluß von +Eltern, die mit Gottvertrauen und fröhlichem Humor zu entbehren +verstanden, was ihnen versagt war. + +Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die +Erinnerung an Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du +die Beschwerden und Entbehrungen des Alters in geduldiger, +anspruchsloser Gesinnung erträgst so ist das nach deinem eigenen +Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist aus einer +entbehrungsreichen und dennoch glückseligen Jugendzeit. + +Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte +möchte ich in diesem Buch der deutschen Familie vorführen. + +Herbst 1906. + + +Die Verfasserin. + + +Inhalt + + 1 Wir schließen Bekanntschaft + 2 Herr Direktor + 3 Der Leonidenschwarm + 4 Adventszeit + 5 Schnee am unrechten Platz + 6 Am kürzesten Tag + 7 Immer noch nicht Weihnachten + 8 Endlich Weihnachten + 9 Bei grimmiger Kälte + 10 Ein Künstlerkonzert + 11 Geld- und Geigennot + 12 Ein Haus ohne Mutter + 13 Ein fremdes Element + 14 Wir nehmen Abschied + + + + +1. Kapitel +Wir schließen Bekanntschaft. + + +Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit +hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in +die äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die +Infanteriekaserne, sehen den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz. +Aber vor diesem, etwas zurück von der Straße, steht noch ein letztes +Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem Schreiner Hartwig, bei dem +der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie in Miete wohnt. + +Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein +Lagerplatz für Balken und Bretter, auf denen Knaben und Mädchen +fröhlich herumklettern, turnen und schaukeln. Meistens sind es junge +Pfäfflinge, die da ihr Wesen treiben, manchmal sind es auch ihre +Kameraden, aber der eine Kleine, den man täglich auf den obersten +Brettern sitzen und dabei die Ziehharmonika spielen sieht, das ist +sicher kein anderer als Frieder Pfäffling. + +Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist übrigens der Hof +verlassen und niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach +den langen Sommerferien, wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer +Pfäffling, der schlanke Mann, der noch immer ganz jugendlich aussieht, +war schon frühzeitig mit langen Schritten den gewohnten Weg nach der +Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben. Sechs von seinen +sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Bücher und Hefte +zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange +Frühlingsstraße mußten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten +sich die Wege; die drei ältesten suchten weit drinnen in der Stadt das +alte Gymnasiumsgebäude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas +näher in die Töchterschule und Frieder, der noch in die Volksschule +ging, hätte sein Ziel am schnellsten erreichen können, aber das kleine +runde Kerlchen pflegte in Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr +Zeit zu lassen als die andern. + +Im Hause Pfäffling war nach dem lauten Abgang der sieben +Familienmitglieder eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur +noch die Mutter zurück, und Elschen, das jüngste niedliche Töchterchen, +sowie die treue Walburg, die in der Küche wirtschaftete. Frau Pfäffling +atmete auf, die Stille tat ihr wohl. Was war das für ein Sturm gewesen, +bis der letzte die Türe hinter sich zugemacht hatte, und was für eine +Unruhe all die Ferienwochen hindurch! Während sie ordnend und räumend +von einem Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtäglich zu Mute. Sie +war von Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken +versunken, aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen großen +Familienkreis gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte, +plaudernde, fragende, musizierende Menschen um sie herum. Während nun +die Mutter sich der Ruhe freute, wußte Elschen gar nicht, wo es ihr +fehlte. Allein zu spielen hatte sie ganz verlernt. So ging sie hinunter +in den Hof, wo die großen Balken lagen. Oft hatte sie sich in den +letzten Wochen geärgert, wenn sie ängstlich auf den glatten Balken +kleine Schrittchen machte, daß die Brüder das so flink konnten und sie +ihnen immer Platz machen sollte. Jetzt hatte sie alle die Baumstämme +allein zu ihrer Verfügung, aber nun machten sie ihr keine Freude. Sie +ging weiter zu den Brettern, die übereinander aufgestapelt lagen. Dort +oben, wo ein kleines dickes Brett querüberlag, war Frieders +Lieblingsplatz, auf dem er immer mit der Ziehharmonika saß. Wenn er gar +zu lang spielte und sie nicht beachtete, war sie manchmal ungeduldig +geworden und hatte sogar einmal gesagt, die Harmonika sei eine alte +Kröte. Aber jetzt, wo es überall ganz still war, hätte sie auch die +Harmonika gern gehört. Sie setzte sich auf Frieders Platz und dachte an +ihn. Es war so langweilig heute morgen—fast zum weinen! + +Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief: +"Elschen, flink, Essig holen!" + +Einen Augenblick später wanderte auch Else die Frühlingsstraße +hinunter, zwar nicht mit den Büchern in die Schule, aber mit dem +Essigkrug zum nächsten Kaufmann. + +Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner +Frau. Es waren schon ältere Leute und er hatte das Geschäft abgegeben. +Sie war eine freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf +gute Erhaltung des Besitzes. Als diesen Morgen die Pfäfflinge +nacheinander die Treppe hinunter gesprungen waren, hatte sie zu ihrem +Mann gesagt: "Hast du schon bemerkt, wie die Treppe abgenutzt ist? Seit +dem Jahr, wo Pfäfflings bei uns wohnen, sind die Stufen schon so +abgetreten worden, daß mir wirklich bang ist, wie es nach einigen +Jahren aussehen wird." "Verwehr's ihnen, daß sie so die Treppen +herunterpoltern," sagte der Hausherr. + +"Ich will gar nicht behaupten, daß sie poltern, sie sind ja +rücksichtsvoll, aber hundertmal springen sie auf und ab und es +pressiert ihnen allen so, ein Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie +müssen immer springen. Ich will sie aber gleich heute aufmerksam machen +auf die abgetretenen Stellen." + +"Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewöhnen, springt +doch der Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewußt, +was es um so eine neunköpfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen +voriges Jahr selbst unsere Wohnung angeboten haben in ihrer +Wohnungsnot. Und jetzt haben wir sie, und zu kündigen brächtest du doch +nicht übers Herz." + +"Nein, nie! Aber du auch nicht." + +"Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, daß er Bretter für neue +Böden bereit hält," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand +bedenklich und sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch über die +Stufen, aber sie blieben doch abgetreten. + +Die Vormittagsstunden waren endlich vorübergegangen, die kleine +vereinsamte Schwester stand am Fenster, sah die Straße hinunter und +erkannte schon von weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das +Haus zukam. Bald darauf tauchten zwei Mädchengestalten auf, das waren +die Zwillingsschwestern, die elfjährigen, Marie und Anna, die der +Bequemlichkeit halber oft zusammen Marianne genannt wurden. So rief +auch Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist schon im Haus und +Marianne sehe ich auch, aber sie stehen bei andern Mädchen und machen +gar nicht voran. Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei +Großen, jetzt muß ich entgegen laufen." + +Die Schwestern hatten sich den Brüdern zugesellt und so kamen sie alle +zugleich ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor +Vergnügen entgegenrief: "Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder, +der zu hinterst war, aber die Schwestern hatten sie schon an beiden +Händen gefaßt und alle drängten der Treppe zu, als die Türe der untern +Wohnung aufging und Frau Hartwig herbeikam. Flugs zogen die Brüder ihre +Mützen, denn die Rücksicht auf die Hausleute war ihnen zur heiligen +Pflicht gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten Umzug in +dem Bewußtsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein. + +So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet +ein wenig, Kinder, ich muß euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe +an, seht ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr +war davon noch keine Spur, wer hat das wohl getan?" + +Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Köpfe. "Das habt ihr getan," +fuhr die Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln +hundertmal auf und ab gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann +richtet ihr mir in _einem_ Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie +standen alle betreten da, die Blicke auf die Treppe gerichtet. So +schlimm kam ihnen diese wohl nicht vor, aber die Hausfrau mußte es ja +wissen! In diesem kritischen Moment kam Karl, dem großen, der Mutter +Hauptregel ins Gedächtnis: nur immer gleich um Entschuldigung bitten! +"Es ist mir leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das +erlösende Wort: "Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der große, an, +langsam und behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der +zweite und Otto, der dritte. Ihnen nach schlichen unhörbar Marie und +Anna mit Elschen. Nur Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und +deshalb den Schaden an der Treppe noch nicht hatte sehen können, der +verweilte noch und betrachtete nachdenklich die Stufen. Dann sagte er +zutraulich zu der Hausfrau: "Nur in der Mitte sieht man etwas, warum +denn nicht an den Seiten?" "Kleines Dummerle," sagte Frau Hartwig, +"kannst du dir das nicht denken? In der Mitte geht man wohl am +öftesten." + +"So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite," +und indem er dicht am Geländer hinaufstieg, rief er noch freundlich +herunter: "Gelt, so wird deine Treppe schön geschont?" "Ja, so ist's +recht," sagte die Hausfrau und indem sie wieder in ihre Wohnung +zurückkehrte, sprach sie so für sich hin: den guten Willen haben sie, +was kann man mehr verlangen? + +Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog +ihn ins Zimmer und rief vergnügt: "Jetzt sind sie alle wieder da!" + +Den Eßtisch hatte Frau Pfäffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft +hin und hergelaufen und hatte ihr erzählt, was Neues von der +Musikschule zu berichten war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so +öfter lief ihm eines in den Weg, so gab er das Wandeln auf und +klatschte mit seinen großen Händen, was immer das Zeichen war, zu Tisch +zu gehen. Da gab es schnell ein Schieben und Stuhlrücken und einen +Augenblick lautloser Stille, während die Mutter das Tischgebet sprach. +Es war nicht alle Tage dasselbe, sie wußte viele. Sie fragte manchmal +den Vater, manchmal die Kinder, welches sie gerne hörten und richtete +sich darnach. Heute sprach sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die +Arbeit, du gönnst uns die Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu." + +Das Essen, das die große Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen, +aber das Tischgespräch wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie +kannten es schon, es war immer das gleiche beim Beginn des +Wintersemesters. + +"Wir müssen jetzt ein Physikbuch haben." + +"Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf +ich nimmer mitbringen." + +"Zum Nähtuch brauchen wir ein Stück feine neue Leinwand." + +"Bis Donnerstag müssen wir richtige Turnanzüge haben." + +"In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln." + +"Mein Reißzeug sei ganz ungenügend." + +So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war, +umdrängten die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der +kleine Volksschüler, hatte keine derartigen Wünsche, er nahm seine +Ziehharmonika und verzog sich; Elschen folgte ihm hinunter auf den +Balkenplatz, wo eine freundliche Herbstsonne die Kinder umfing, die +sich noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen konnten. + +Herr Pfäffling suchte sich dem Drängen seiner Großen zu entziehen, +indem er hinüberflüchtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und +Stundenzimmer war. Dort wartete ein Stoß neuer Musikalien auf ihn, die +er prüfen sollte. Aber es währte nicht lang, so folgten ihm seine drei +Lateinschüler nach, und ein jeder brachte wiederholt sein Anliegen vor +und suchte zu beweisen, daß es dringend sei. "Ich glaube es ja," sagte +der Vater, "aber alles auf einmal können wir nicht anschaffen, ihr müßt +eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher sollte denn so +viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun wieder +Stundenschüler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr +Atlas, Reißzeug und die neuesten Ausgaben der Schulbücher bekommen, +aber jetzt reicht es nur für das dringendste." Herr Pfäffling zog eine +kleine Schublade seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war, +"Schaut selbst herein und rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war +nicht viel in der Schublade. Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und +miteinander zu beraten, was das Unentbehrlichste sei. "Für Marianne muß +auch noch etwas übrig bleiben," bemerkte der eine der Brüder, "bei ihr +gibt es sonst gleich wieder Tränen. Leinwand zu einem Nähtuch wollen +sie, ob das wohl recht viel kostet?" + +So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab +und waren froh, daß das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte. +Es blieb kein großer Rest mehr in der kleinen Schublade. + +Als kurze Zeit darauf die Lateinschüler und die Töchterschülerinnen +sich wieder auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfäffling zu +ihrem Mann in das Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen +beisammen saßen. + +"Sieh nur, Cäcilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist +höchste Zeit, daß wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue +Schüler melden, die besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind +jetzt so viele Musiklehrer hier; von der Musikschule allein könnten wir +nicht leben." + +"Es werden gewiß welche kommen," sagte Frau Pfäffling, aber sehr +zuversichtlich klang es nicht und eines wußte von dem andern, daß es +sorgliche Gedanken im Herzen bewegte. + +In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der +wohlbekannte Klang der Harmonika. Frau Pfäffling trat ans offene +Fenster und sah die beiden kleinen Geschwister auf den Brettern +sitzend. "Es ist doch schon 2 Uhr vorbei," sagte sie, "hat denn Frieder +heute nachmittag keine Stunde?" und sie rief dieselbe Frage dem kleinen +Schulbuben hinunter. Die Harmonika verstummte, die Kinder antworteten +nicht, sie sahen sich nur bestürzt an und die Eile, mit der sie von den +Brettern herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu, +sagte genug. + +"Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfäffling, +"daran ist wieder nur das verwünschte Harmonikaspielen schuld!" Als +Frieder die Treppe heraufkam—ohne jegliche Rücksicht auf abgetretene +Stufen—streckte der Vater ihm schon den Arm entgegen und nahm ihm die +geliebte Harmonika aus der Hand mit den Worten: "Damit ist's aus und +vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darüber vergißt!" + +Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle +andern schon fort? Ist's schon arg spät?" fragte er, während er ins +Zimmer lief, um seine Bücher zu holen. Elschen stand zitternd und +strampelnd vor Aufregung dabei, während er seine Hefte zusammenpackte, +rief immer verzweifelter: "Schnell, schnell, schnell!" und hielt ihm +seine Mütze hin, bis er endlich ohne Gruß davoneilte. Auf halber Treppe +blieb er aber noch einmal stehen und rief kläglich herauf: "Mutter, was +soll ich denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur gleich: es tut mir leid," +rief sie ihm nach. So rannte er die Frühlingsstraße hinunter und rief +in seiner Angst immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid." Die +Vorübergehenden sahen ihm mitleidig lächelnd nach—es war leicht zu +erraten, was dem kleinen Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb +drei Uhr, als er um die Ecke der Frühlingsstraße bog. + +Herr Pfäffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in +seinen Schrank schloß. "Redlich abgenützt ist sie," sagte er sich, "sie +wird bald den Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in +Versuchung führen. Es hat wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten +zwei Jahren, an dem er sie nicht benützt hat. Er ist ein kleiner +Künstler auf dem Instrument, aber er weiß es nicht und das ist gut und +von den Geschwistern hört er auch keine Schmeicheleien, sie ärgern sich +ja nur über den kleinen Virtuosen. Ich wollte, ich hätte auch nur +_einen_ Schüler, der so begabt wäre wie Frieder! Aber daß er seine +Schule über der Musik versäumt oder ganz vergißt wie heute, das ist +doch ein starkes Stück am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und +nun wurde die Harmonika eingeschlossen. + +War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als +letzter heraus. Die Geschwister daheim hörten von der kleinen +Schwester, was vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule +ergangen sein mochte. Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern +gesammelt, und die Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafür, daß es +glimpflich abgehen würde. Aber Frieder hatte einen neuen Lehrer, den +kannte man noch nicht und die neuen waren oft scharf. Als nun endlich +der Jüngste heimkam und ins Zimmer trat, wo sie alle beisammen waren, +sahen sie ihn begierig, zum Teil auch ein wenig spöttisch an. Aber das +Spöttische verging ihnen bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er sah +so kläglich verweint aus! Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen. +Zuerst wollte Frieder nicht recht herausrücken mit der Sprache, denn +der Vater war auch im Zimmer und das war in Erinnerung an sein +zürnendes Gesicht und die weggenommene Harmonika nicht aufmunternd für +Frieder. Aber Herr Pfäffling ging ans Fenster, trommelte einen Marsch +auf den Scheiben und achtete offenbar nicht auf die Kinder. Da hatte +Marie bald alles aus dem kleinen Bruder herausgefragt, denn sie hatte +immer etwas Mütterliches gegen die Kleinen, auch der Mutter Stimme. So +erzählte denn Frieder, daß der Lehrer ihm zuerst nur gewinkt hätte, +sich auf seinen Platz zu setzen, aber nach der Schule hatte Frieder +vorkommen müssen, ja und dann—dann stockte der Bericht. Aber die +Geschwister kannten sich aus, sie nahmen seine Hände in Augenschein, +die waren auf der Innenseite rot und dick. "Wieviel?" fragte Marie. +"Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der große. "Es kommt darauf +an, ob's gesalzene waren," und nun erzählte Wilhelm, der zweite: "Bei +uns hat einer auch einmal die Schule vergessen, dann hat er zum Lehrer +gesagt, er habe Nasenbluten bekommen und so ist er ohne alles +durchgeschlupft, der war schlau!" Da hörte auf einmal das Trommeln an +den Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um und sagte: "Der war +ein Lügner und das ist der Frieder nicht. Geh her, du kleines Dummerle +du, wenn dir der Lehrer selbst deinen Denkzettel gegeben hat, dann +brauchst du von mir keinen, du bekommst deine Harmonika wieder, aber—" + +Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb, +denn in diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfäffling und +sagte eilfertig: "Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im +Bügelzimmer das Klingeln gehört und ihr seid vornen und achtet nicht +darauf!" Schuldbewußt liefen die der Türe am nächsten Stehenden hinaus +und riefen bald darauf den Vater ab, in freudiger Erregung verkündend: +"Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame mit einem Fräulein ist +da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie nun +fortgegangen wären!" sagte die Mutter vorwurfsvoll. + +"Manchmal ist's recht unbequem, daß Walburg taub ist," meinte Anne und +Else fügte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmädchen, die hören ganz gut, +die hören sogar das Klingeln, wenn wir so eine hätten!" "Seid ihr ganz +zufrieden, daß wir unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfäffling, +"wenn sie nicht bei uns bleiben wollte, könnten wir gar keine nehmen, +sie tut's um den halben Lohn. Und _wieviel_ tut sie uns! Es ist +traurig, zu denken: weil sie ein solches Gebrechen hat, muß sie sich +mit halbem Lohn begnügen. Wenn ich könnte, würde ich ihr den doppelten +geben." Unvermutet ging die Türe auf und die, von der man gesprochen +hatte, trat ein. Unwillkürlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an +als sonst, sie bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das große +Brett voll geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Küche +hereintrug. Walburg war eine ungewöhnlich große, kräftige Gestalt und +ihr Gesicht hatte einen guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein +paar Jahren war sie aus einem Dienst entlassen worden wegen ihrer +zunehmenden Schwerhörigkeit, die nun fast Taubheit zu nennen war. Als +niemand sie dingen wollte, war sie froh, bei kleinem Lohn in der +Familie Pfäffling ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie nicht mehr das +Reden der Menschen hörte, hatte sie selbst sich das Sprechen fast +abgewöhnt. So tat sie stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand +wußte viel von dem, was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem +Gebrechen. Durch der Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen +Pfäfflinge wach geworden und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu +sein, griff Marie nach den Bestecken, um sie einzuräumen; die andern +bekamen auch Lust zu helfen, und im Nu war das Brett leer und Walburg +sehr erstaunt über die ungewohnte Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit +ist auch ein Lohn," sagte Frau Pfäffling, "wenn ihr den alle sieben an +Walburg bezahlt, dann—" "Dann wird sie kolossal reich," vollendete +Karl. + +Unser Musiklehrer kam vergnügt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter +Anfang des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als +Schülerin angetragen. Zwei Stunden wöchentlich in unserem Haus. Das +Fräulein mag etwa 17 Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als +sei es noch ein dummes Gänschen, aber ein freundliches, es lacht immer, +wenn nichts zu lachen ist, und kam in Verlegenheit, als die Frau Mama +nach dem Preis fragte mit der Bemerkung, sie zahle immer voraus. Sie +zog auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und zählte das Geld auf den +Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die Dame, 'so +bringt man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl sie +sich, das Fräulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde +sein. Da ist das Geld, wirst's nötig haben," schloß Herr Pfäffling +seinen Bericht und reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder +drückten sich an die Fenster, sahen hinunter und bewunderten die Dame, +die mit ihrem seidenen Kleid durch die Frühlingsstraße rauschte, +begleitet von der Tochter, die mehr noch ein Kind als ein Fräulein zu +sein schien. "Hat je eines von euch schon diesen Namen gehört?" fragte +Herr Pfäffling und hielt ihnen die Visitenkarte der Dame hin. Sie +schüttelten alle verneinend, der Name war ganz schwierig +herauszubuchstabieren, er lautete: _Frau Privatiere Vernagelding_. + + + + +2. Kapitel +Herr Direktor? + + +November! Du düsterer, nebeliger, naßkalter Monat, wer kann dich +leiden? Ich glaube, unter allen zwölfen hast du die wenigsten Freunde. +Du machst den Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden +noch nicht. Aber zu etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmäßigen +Arbeit. + +Was wurde allein in der Familie Pfäffling gearbeitet an dem großen +Tisch unter der Hängelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier +Brüdern schrieb der eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte +französisch, der vierte deutsch. Der eine stierte in die Luft und +suchte nach geistreichen Gedanken für den Aufsatz, der andere blätterte +im Lexikon, der dritte murmelte Reihen von Zeitwörtern, der vierte +kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde auch einmal +geplaudert und gefragt, gestoßen und aufbegehrt, auch gehustet und +gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter saß mit dem +Flickkorb oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still +beschäftigen sollte, was aber nicht immer gelang. + +Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, saßen selten dabei. Sie hatten +ein Schlafzimmer für sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten +sie ungestört ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn +der Ofen, der darin stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern +wußten sich zu helfen. Sie lernten am liebsten aus einem Buch, dabei +rückten sie ihre Stühle dicht zusammen, wickelten einen großen alten +Schal um sich und wärmten sich aneinander. Nur mit der Beleuchtung +hatte es seine Schwierigkeit. Eine eigene Lampe wurde nicht gestattet, +es wäre ihnen auch nicht in den Sinn gekommen, einen solchen Anspruch +zu machen. Aber im Vorplatz auf dem Schränkchen stand eine Ganglampe. +Sie mußte immer brennen wegen der Stundenschüler, die den langen Gang +hinunter gehen mußten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfäffling seine +Stunden gab. Hatte aber ein Schüler den Weg gefunden und hinter sich +die Türe des Musikzimmers geschlossen, so konnten die Mädchen wohl auf +eine Stunde die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im +Vorplatz und manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es über den +Gang ging und begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern +kühl. Schlimmer war's, wenn sie etwa überhörten, daß die Musikstunde +vorbei war und die Schüler im Finstern tappen mußten. Dann erschraken +sie sehr, stürzten eilig hinaus, um zum Schluß noch zu leuchten, +entschuldigten sich und waren froh, wenn der Vater es nicht bemerkt +hatte. + +Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fräulein Vernagelding +hatte Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hörten die Mädchen +das Spiel. Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe. +Aber die Stunde war noch nicht aus, sie lauschten und hörten den Vater +noch sprechen: "das ist doch nicht e, wie heißt denn diese Note?" + +"Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen +wieder an ihre Arbeit. Aber Herr Pfäffling sagte nur noch etwas rasch +zu seiner Schülerin: "Ich glaube, es ist genug für heute, besinnen Sie +sich daheim, wie diese Note heißt," und gleich darauf kam Fräulein +Vernagelding heraus und stand in dem stockfinsteren Gang. Jede andere +hätte ihren Rückweg im Dunkeln gesucht, aber das Fräulein gehörte nicht +zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch einmal am Eckzimmer an +und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr Pfäffling, mir +graut so vor dem langen dunkeln Gang, würden Sie nicht Licht machen?" + +Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner ängstlichen +Schülerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die +Schwestern mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in +Gegenwart von Fräulein Vernagelding gezankt, so daß dieser ganz das +Lachen verging und sie so schnell wie möglich durch die Treppentüre +verschwand. Das Arbeiten im eigenen Zimmer mußte also mit mancher +Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch nicht davon lassen. + +So lernten denn die jungen Pfäfflinge an den langen Winterabenden, der +eine mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker +in der Schule, machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht +eben schlechte Zeugnisse nach Hause. + +An einem solchen Novemberabend war es, daß Herr Pfäffling in das Zimmer +trat und seiner Frau zurief: "Cäcilie, komme doch einen Augenblick zu +mir herüber, aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Türe +zugemacht, als er ihr leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie +folgte ihm über den Gang, dieser war wieder stockfinster, aber sie +beachteten es nicht. Im Musikzimmer, wo die Klavierlampe brannte, lag +auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er ihn seiner Frau: "Lies, +lies nur!" und als er sah, daß sie mit der fremden Handschrift für +seine Ungeduld nicht schnell genug vorwärts kam, sprach er: "Die erste +Seite ist nebensächlich, die Hauptsache ist eben: Kraußold aus Marstadt +schreibt, es solle dort eine Musikschule gegründet werden, und er wolle +mich, wenn ich Lust hätte, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust hätte, +Cäcilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust hätte, in einer +größeren aufblühenden Stadt eine Musikschule zu gründen, alles nach +meinen Ideen einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor +zu werden, anstatt mich mit Vernagelding und ähnlichen zu plagen; +Cäcilie, hast du Lust, Frau Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit +fröhlichem Lachen seine eigenen Worte: "Ob ich Lust hätte? Wie kann man +nur so fragen!" + +Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee +und besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet +eröffnete. Und sprachen so lang, bis Elschen herübergesprungen kam und +rief: "Walburg hat das Abendessen hereingebracht und nun werden die +Kartoffeln kalt!" + +"Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfäffling neckend, +folgte Mutter und Töchterchen und war den ganzen Abend voll +Fröhlichkeit, ging singend oder pfeifend im Familienzimmer hin und her, +und die glückliche Stimmung teilte sich allen mit, obwohl nach stiller +Übereinkunft die Eltern zunächst vor den Kindern noch nichts von dem +unsicheren Zukunftsplan erwähnten. + +Herr Kraußold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige +Aufregung hervorgebracht hatte, war Herrn Pfäffling aus früheren Jahren +gut bekannt, doch hatte er die Familie Pfäffling noch nie besucht. Bei +diesem Anlaß nun kündigte er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit +auf den nächsten Mittwoch an. Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen +und mit dem fünf Uhr Zug wieder abreisen. Herr Pfäffling war in einiger +Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein etwas verwöhnter Herr," sagte +er zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht viel Sinn für Kinder +hat, am wenigsten für sieben auf einmal. Sie sollten ganz in den +Hintergrund treten." + +"Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stören die Kinder +nicht," sagte Frau Pfäffling. + +"Aber zum Tee möchte ich ihn herüber ins Eßzimmer bringen. Die Kinder +können ja irgendwo anders sein, dann richtest du für uns drei einen +gemütlichen Teetisch." + +Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, daß sie an diesem +Nachmittag möglichst unhörbar und unsichtbar sein sollten wegen des +erwarteten Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der +Vater zu den Kleinen: "Laßt euch nur nicht blicken, wer weiß, wie es +euch sonst geht, wenn der Kinderfeind kommt!" + +Zunächst mußten alle zusammen helfen, die schönste Ordnung +herzustellen, bis der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein käme. +Das Wetter war leidlich, sie wollten sich unten im Hof aufhalten. + +Am Fenster stand immer einer der Brüder als Posten und als nun der +Vater in der Frühlingsstraße in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn +auftauchte, rannte die ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und +verschwand hinter dem Haus. Dort war der Boden tief durchweicht und mit +dem zäh an den Fußsohlen haftenden Lehm ließ sich nicht gut auf den +Balken klettern. Elschen fiel gleich beim ersten Versuch herunter und +weinte kläglich, denn sie sah übel aus. Die Schwestern bemühten sich, +mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu säubern. Da tat sich ein +Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder, ihr macht +das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur +herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber +hinauf!" + +"Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen kläglich. + +"O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch +ein Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Füße +gut ab." + +Die Mädchen ließen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wußte nicht +recht, ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den +Brüdern um, die waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch +lieber mit hinein zu der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die +Schwestern weg und bis er ihnen nach ins Haus ging, hatten sie eben die +Türe hinter sich geschlossen. Anklingeln wollte er nicht extra für +seine kleine Person. So hielt er sich wieder an seine treueste +Freundin, die Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den Thron, hoch oben +auf den Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choräle eingeübt, die +wollte er auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er sich +nun und hatte kein Verlangen mehr nach den Brüdern, obwohl er sie von +seinem hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem +Zaun, der den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz +trennte. Im Oktober waren neue Rekruten eingerückt, die nun täglich +ihre Turnübungen ganz nahe dem Zaune machten. Unter diesen Soldaten war +ein guter Bekannter, ein früherer Lehrling des Schreiners Hartwig, der +zugleich ein Verwandter der Hausfrau war und bei ihr gewohnt hatte. +Diesen nun in Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und Exerzieren +zuzuschauen, war von großem Interesse. Er kam auch manchmal an den Zaun +und plauderte freundschaftlich mit Karl. + +Aufmerksam sahen die jungen Pfäfflinge nach dem Turnplatz hinüber. +Unter den Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung über +ein gespanntes Seil üben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt +dazu anstellten. Der eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder +einen Anlauf, um über die Schnur zu kommen und wenn es ihm fünfmal +mißlungen war, so kam er doch das sechste mal darüber und der Schweiß +redlicher Anstrengung stand ihm auf der Stirne. Die beiden anderen +Ungeschickten machten gleichgültige, störrische Gesichter und träge +Bewegungen. Als die Abteilung zur Kaserne zurück kommandiert wurde, +mußten sie nachexerzieren. Das war nun kein schöner Anblick. Dazu fing +es an zu regnen, große wässerige Schneeflocken mischten sich darunter, +und die kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespräch über +die unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen. +Sie wollten all diese Übungen schon vorher machen, gleich morgen sollte +da, zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an +Frieder vorbei; der hatte auch bemerkt, daß Schnee und Regen herunter +fielen und kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die +Brüder über ihn. Er würde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter. +Welche Schande, wenn ein Pfäffling so schlecht auf dem Turnplatz +bestünde. Es durfte nicht sein, daß er immer nur Harmonika spielte, sie +wollten ihn auch springen lehren, er mußte mittun, gleich morgen. Er +sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig bedenklich und mit Recht: +drei eifrige Unteroffiziere gegen _einen_ ungeschickten Rekruten! + +Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben +die Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Mädchen, +die noch bei der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, daß +sie erkundigen sollten, wie es oben stünde. Marie wagte sich hinauf, +erschien bald wieder an der Treppe und winkte den anderen, leise +nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den Geschwistern, sie stellte +sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser vor. + +"Er ist im Wohnzimmer," flüsterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer, +da hört man uns nicht." + +Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das +Eckzimmer. Dort fühlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was +sie gerne gehabt hätten, von Büchern und Heften oder Spielen hier +nichts zu haben. So standen sie alle sieben herum, warteten und fingen +an, in dem kühlen Zimmer zu frieren, denn sie waren naß und +durchkältet. "Wir wollen miteinander ringen, daß es uns warm wird," +schlug Wilhelm vor und Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich +nehme es mit der ganzen Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen +meine rechte Hand, du Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt +die Stühle aus dem Weg." Sie taten es und dann machten sie es den +großen Geschwistern nach. Das gab ein Gelächter und Gekreisch und aber +auch einen großen Plumps, weil Otto und Wilhelm zu Boden fielen. + +In diesem Augenblick ging die Türe auf; Herr Pfäffling hatte ahnungslos +seinen Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie +miteinander ins Musikzimmer. Nein, auch für einen Kinderfreund wäre +dieser Knäuel sich balgender Knaben und ringender Mädchen kein schöner +Anblick gewesen, und nun erst für den Kinder_feind_! + +Er prallte ordentlich zurück. Elschen schrie beim Anblick des +gefürchteten Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen +Ausgang die Flucht, alle Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Türe +besann sich Karl, kehrte zurück, grüßte und sagte: "Entschuldige, +Vater, wir wollten drüben nicht stören, deshalb sind wir alle hier +gewesen," dann stellte er rasch die Stühle an ihren Platz und rettete +dadurch noch einigermaßen die Ehre der Pfäfflinge, die sich wohl noch +nie so ungünstig präsentiert hatten, wie eben diesem Fremden gegenüber. + +Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfäffling zur +Bahn geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem großen Tisch im +Wohnzimmer und saßen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben, +doch war ihnen allen bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen +habe und was er sagen würde bei seiner Rückkehr von der Bahn; die +Mutter war ja nicht dabei gewesen, sie konnte es nicht wissen. + +Nun kam der Vater heim. Eine merkwürdige Stille herrschte im Zimmer, +als er über die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und +betrachtete das friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie +nun wie Musterkinder ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige +Lämmlein, nicht wieder zu erkennen die wilde Horde von drüben!" Bei +diesem Scherzenden Ton wurde ihnen allen leicht ums Herz, sie lachten, +sprangen dem Vater entgegen und Elschen fragte: "Ist der Herr weit +weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schön da, wo er hin gehört?" + +"Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er käme +oder wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfäffling hinzu, indem er +sich an seine Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Mühe mehr, +unser Hauswesen in stiller Vornehmheit zu zeigen und in künstliches +Licht zu stellen, denn so ein künstliches Licht verlöscht doch +plötzlich und dann ist die Dunkelheit um so größer." + +Ein paar Stunden später, als Elschen längst schlief, die Schwestern +Gute Nacht gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im +sogenannten Bubenzimmer ihre Betten aufsuchten, saß Karl noch allein +mit den Eltern am Tisch. Seit seinem fünfzehnten Geburtstag hatte er +dies Vorrecht. Es wurde allmählich still im Haus. Auch Walburg hatte +Gute Nacht gewünscht; manchmal lag kein anderes Wort zwischen ihrem +"Guten Morgen" und "Gute Nacht". + +Die drei, die nun noch am Tische saßen, waren ganz schweigsam und +bewegten doch ungefähr denselben Gedanken. + +Herr Pfäffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, daß ich mit +meiner Frau von Marstadt reden könnte. Die Kinder sollen ja noch nichts +davon wissen. Er zog seine Taschenuhr—es war noch nicht spät. Dann ging +er auf und ab, sah wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser. + +Frau Pfäffling dachte: Meinem Mann ist es lästig, daß wir nicht allein +sind, aber er möchte Karl doch nicht so früh zu Bett schicken. Nein, +diese Unruhe! Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut +und nicht ahnt, daß er stört. + +Darin täuschte sich aber Frau Pfäffling, denn Karl dachte: Der Vater +schweigt und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Türe hinausginge, würden +sie reden, über Herrn Kraußold aus Marstadt, denn mit diesem hat es +eine besondere Bewandtnis. Nun zieht der Vater zum drittenmal in fünf +Minuten seine Uhr. Er möchte mich fort haben und doch nicht +fortschicken. Und die Mutter auch. Da ist's wohl angezeigt, daß ich +freiwillig gehe. Er klappte das Buch zu, stand auf und sagte: "Gute +Nacht, Vater, gute Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen." + +"Gute Nacht, Karl." + +Sie waren überrascht, daß er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte +Herr Pfäffling. "Oder hat er gemerkt, daß er uns stört," meinte die +Mutter. "Woran sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und +er hat gelesen." + +"Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfäffling +lächelnd. + +"Das muß ich noch erfahren," sagte Herr Pfäffling lebhaft und rief +seinen Jungen noch einmal zurück: "Sage offen, warum du so bald zu Bett +gehst?" Einen Augenblick zögerte Karl, dann erwiderte er schelmisch: +"Weil du dreimal auf deine Uhr gesehen hast, Vater." + +"Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, daß +du Takt hast—übrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier +bleiben, dann wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir +besprechen." "Das meine ich auch," sagte Frau Pfäffling, "er wird nun +bald sechzehn Jahre. Komm, Großer, setze dich noch einmal zu uns." + +Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fühlte er sich wie ein +Freund zu Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde +erfuhr er, was seine Eltern gegenwärtig freudig bewegte. + +Als er sich aber eine Stunde später leise neben seine Brüder zu Bette +legte, da besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen +könnte, das Vertrauen der Eltern zu täuschen, und er fühlte, daß keine +Lockung noch Drohung stark genug wäre, ihm das anvertraute Geheimnis zu +entreißen. + +In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach +Marstadt, um sich dort den Herren vorzustellen, die über die Ernennung +des Direktors für die neu zu gründende Musikschule zu entscheiden +hatten. Es kam noch ein anderer, jüngerer Mann aus Marstadt für die +Stelle in Betracht, und nun mußte sich's zeigen, ob Herr Pfäffling +wirklich, wie sein Freund Kraußold meinte, die besseren Aussichten +habe. Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr Pfäffling +immer kleinmütiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling, wählen, +statt dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er +sich seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine +seitherigen Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen würden! + +In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein +Freund Kraußold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so +wuchs seine Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus _einem_ +Munde lautete das Urteil über seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu +jung zum Direktor" Und einmal, als er in Begleitung seines Freundes +über die Straße ging, sah er selbst den Jüngling, der sein Mitbewerber +war, und von da an war er beruhigt; das war noch kein Mann für solch +eine Stelle, der sollte nur noch zehn Jahre warten! + +In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten. +Am Bahnhof von Marstadt bot ein Mädchen Blumen an. In seiner +hoffnungsfreudigen Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz +unerhörten Luxus: Er kaufte eine Rose. Sein Freund Kraußold sah ihn +groß an: "Zu was brauchst _du_ so etwas?" + +"Für die zukünftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfäffling fröhlich, +und als sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst +hinzu: "Weißt du, sie hat es schon manchmal recht schwer gehabt in +unseren knappen Verhältnissen." + +Sie verabschiedeten sich und Kraußold versprach, am nächsten Donnerstag +gleich nach Schluß der Sitzung ihm den Entscheid über die Besetzung der +Stelle zu telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfäffling seiner +Frau die Rose reichte, wußte sie alles, auch ohne Worte: seine +glückselige siegesgewisse Stimmung, seine Freude, daß er auch ihr ein +schöneres Los bieten konnte, das alles erkannte sie an der unerhört +verschwenderischen Gabe einer Rose im November! + +Die Sache blieb nicht länger Geheimnis. Herr Pfäffling besprach sie mit +seinem Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt über die +geplante Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch +die Kinder hörten nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg +wurde es ins Ohr gerufen. + +Je näher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den +Entscheid. Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraußold ein, der keinen +Zweifel mehr darüber ließ, daß Pfäffling einstimmig gewählt würde. + +Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als +Herr Pfäffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu +Tisch wie gewöhnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer +aufmachen dürfte, wenn der Telegraphenbote klingeln würde. Die Mutter +hatte das aufmerksame Ohr einer Hausfrau, sie legte den Löffel aus der +Hand und sagte: "Er kommt." Einen Augenblick später klingelte es, und +von den dreien, die hinaus gerannt waren, brachte Wilhelm das Telegramm +dem Vater, der rasch den Umschlag zerriß. Es war ein langes, ein +bedenklich langes Telegramm. Es besagte, daß noch in der letzten Stunde +der Beschluß, im nächsten Jahre schon eine Musikschule zu gründen, +umgestoßen worden sei und man eines günstigen Bauplatzes wegen noch ein +paar Jahre warten wolle! + +Herrn Pfäffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Füßen +weggezogen hätte, als er las, daß die ganze Musikschule, die er +dirigieren wollte, wie ein Luftschloß zusammenbrach. + +O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestürzt sahen die Eltern aus, +wie starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den +Mädchen die Tränen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von +einem zum andern, weil sie gar nichts von dem allen verstand! + +Frieder, der neben der Mutter saß, wandte sich halblaut an sie: "Es +wäre viel freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon +vorher ausgemacht hätten, und das mit dem Vater erst nachher." + +"O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, daß alle +erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug wären wie du, aber die +sind so—ich will gar nicht sagen wie, das _kann_ man überhaupt gar +nicht sagen, dafür gibt es keinen Ausdruck!" + +Frau Pfäffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre +wollen sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann wäre es +ja nicht so sehr ferne gerückt!" + +"Es können auch fünf daraus werden und zehn," entgegnete Herr +Pfäffling, "inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins +richtige Alter und ich komme darüber hinaus. Nein, nein, da ist nichts +mehr zu hoffen, Direktor bin ich _gewesen_." + +Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und man hörte ihn über den +Gang in das Musikzimmer gehen. Die Kinder aßen, was auf ihren Tellern +fast erkaltet war. "Ich wollte, Herr Kraußold wäre gar nie in unser +Haus gekommen!" sagte Anne. Da stimmten alle ein und der ganze Zorn +entlud sich über ihn, bis die Mutter wehrte: "Herr Kraußold hat es nur +gut gemeint. Ihr Kinder habt überdies allen Grund, froh zu sein, daß +wir hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut wie hier außen in +der Frühlingsstraße. Für euch wäre es kein Gewinn gewesen." + +"Aber für den Vater und für dich," sagte Karl, und er dachte an den +schönen Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht +anvertraut hatten. "Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich +kommen darüber weg. In der ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen, +aber dann stemmt man sich gegen das Ungemach und sagt sich: dies gehört +auch zu den Dingen, die uns zum besten dienen müssen, wie alles, was +Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muß ich's anpacken, damit +es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken. + +"Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann +deckt den Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinübergehen. Nehmt +auch die Rose mit hinaus, die Blätter fallen ab." + +Im Eckzimmer wanderte Herr Pfäffling auf und ab und wartete auf seine +Frau, denn er wußte ganz gewiß, daß sie zu ihm kommen würde. Sie hatten +schon manches Schwere miteinander getragen, und nun mußte auch diese +Enttäuschung gemeinsam durchgekämpft werden. + +Als Frau Pfäffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand +und reichte es ihr mit schmerzlichem Lächeln: "Da sieh, gestern abend +war ich so zuversichtlich, da habe ich für dich ein kleines Lied +komponiert, das wollte ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die +Kinder hätten im Chor den Schlußreim mitsingen dürfen, auf den jeder +Vers ausgeht: + +"'Drum rufen wir mit frohem Sinn: +Es lebe die Direktorin!' + + +"Nun muß es heißen: + +"'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn +Du wirst niemals Direktorin.'" + + +"Nein, nein," wehrte Frau Pfäffling, "du mußt es anders umändern, es +muß ausgedrückt sein, daß wir trotz allem einen frohen Sinn behalten." + +"Für den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er +trübselig, "ich brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer +machen." + +Sie sprachen noch lange von der großen Enttäuschung, und dann kamen sie +auf den beginnenden Winter zu sprechen, für den noch nicht so viel +Stunden angesagt waren als nötig erschien, um gut durchzukommen. So +erschien ihnen die Zukunft grau wie der heutige Novemberhimmel. + +Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Türe +eine Kinderstimme: "Dürfen wir herein?" + +"Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter +der Türe erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit +strahlendem Ausdruck, dann Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen, +Kaffee- und Milchkanne und stellten das alles vorsichtig auf den Tisch. +Die zwei Großen sahen zaghaft aus, wußten nicht recht, wie die +Überraschung wohl aufgenommen würde. "Was fällt euch denn ein, Kinder?" +fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die +Tränen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil +ihr fast nichts gegessen habt!" und Anne flüsterte der Mutter zu: "Von +unserem Geld, du darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus +und hörten eben unter der Türe, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann +kann ich freilich nicht zanken," so war also die Überraschung gut +aufgenommen worden. + +Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfäffling, +die er sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich +vor, sich gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er +war sich keiner festtäglichen Stimmung bewußt! Aber man mußte es doch +schon den Kindern zuliebe tun, sicher würde Marie, das Hausmütterchen, +gleich nachher visitieren, ob auch die Kannen geleert seien. Diesem +festtäglichen Kaffee gegenüber wich die graue Novemberstimmung +unwillkürlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser Musiklehrer zu +seiner Frau: "Man müßte eben den Schlußreim so verändern: + +"'Direktor her, Direktor hin, +Wir haben dennoch frohen Sinn.'" + + +Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es. +Frau Pfäffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fräulein +Vernagelding sein?" + +"Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglückselige Stunde, +die hatte ich total vergessen, muß die auch gerade heute sein! Wenn ich +die jetzt vertrage, Cäcilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst +nicht, wie unmusikalisch das Fräulein ist!" Frau Pfäffling hatte das +Kaffeegeschirr rasch auf das Brett gestellt und war längst damit +verschwunden, bis Fräulein Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter +und Spiegel Toilette gemacht und ihre niedlichen Löckchen +zurechtgesteckt hatte. Herr Pfäffling nahm sich gewaltig zusammen, als +diese unbegabteste aller Schülerinnen sich neben ihn ans Klavier setzte +und mit holdem Lächeln sagte: "Heute dürfen Sie es nicht so streng mit +mir nehmen, Herr Pfäffling, ich konnte nicht so viel üben, denken Sie, +ich war gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in +Rosa." + +"Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfäffling und trippelte bereits +etwas nervös mit seinem rechten Fuß. "Aber jetzt wollen wir gar nicht +mehr an den Ball denken, sondern bloß an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht +immer wieder f nehmen statt fis, das lautet greulich für mich. Schon +wieder f! Wieder f! Aber Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an +den gestrigen Ball!" "Nein, Herr Pfäffling," entgegnete sie und sah ihn +strahlend an, "ich denke ja an den morgigen Ball, was sagen Sie dazu, +daß ich morgen schon wieder tanze! Diesmal in Meergrün. Ist das nicht +süß?" Herr Pfäffling sprang vom Stuhl auf. "Süß, ja süß!" wiederholte +er, "aber zwischen zwei Bällen Sie mit der G-dur Tonleiter zu plagen, +das wäre grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie lieber heim +für heute." + +"Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schülerin +empfahl sich mit dankbarem Lächeln und Knix. + +Als Frau Pfäffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, daß +Fräulein Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal +entschieden mehr Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht. + +Herr Pfäffling erzählte, daß ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube +aber nicht, daß es das Fräulein übelgenommen habe. + +"Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekränkt sein," +sagte Frau Pfäffling besorgt. + +Unnötige Sorge! Als das tanzlustige Fräulein daheim von der abgekürzten +Stunde berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller +Herr. Er gönnt doch auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnügen. Wir +müssen ihm gelegentlich ein Präsent machen, Agathe." + + + + +3. Kapitel +Der Leonidenschwarm. + + +Samstag nachmittag war's und eifrige Tätigkeit in Haus und Hof. Frau +Pfäffling und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die +Hilfe von Marie und Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob +sie gerne das Geschirr in der Küche abtrockneten und mit Vorliebe den +Staub wischten, ob sie mit Lust die Leuchter putzten und mit Freuden +die Lampen, das wußte niemand, aber das wußten alle, daß diese Arbeiten +geschehen mußten und Walburg nicht mit allem allein fertig werden +konnte. + +Die Brüder hatten auch für etwas einzustehen im Haus: Sie mußten +sorgen, daß in der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorrätig war. +Das hatten sie aber heute schon besorgt und nun waren sie in fröhlicher +Tätigkeit auf dem Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als +Soldat diente und durch den Zaun die Freundschaft mit den jungen +Pfäfflings pflegte, hatte gesehen, wie sie sich mühsam ein Sprungseil +zu spannen versuchten und nicht zurecht damit kamen. Darauf hatte er +ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe, und nun war er +herübergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders vonstatten. +Zwei Pfähle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in +verschiedener Höhe spannen ließ, ganz wie drüben auf dem +Militärturnplatz, nur daß auf kleinere Turner gerechnet werden mußte. +Frieder wurde herbeigeholt. Er war für einen Achtjährigen noch ein +kleiner Kerl und nicht so gewandt wie seine leichtfüßigen Brüder. Es +zeigte sich, daß man das Seil noch viel näher am Boden spannen mußte, +und als er seine ersten Sprungversuche machte und fest auf das Seil, +anstatt darüber sprang, lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen +früheren Kinderjahren, das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht +übel, um so weniger als Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika +genommen und umsonst probiert hatte, etwas Wohlklingendes +herauszulocken, bewundernd sagte: "Wie der Kleine nur so umgehen kann +mit dem großen Instrument, gestern haben ihm viele Soldaten zugehört, +da hat's geklungen wie das Lied: 'Wachet auf, ruft uns die Stimme'." +"Ja, das war's," sagte Frieder, "das lernen wir jetzt in der Schule." + +"Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?" + +"Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder +ganz erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da +wirst du sehen, wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine +Mitschüler." Frieder machte große Augen. Daheim war eigentlich immer +nur eine Stimme des Ärgers über sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er +sollte seine Harmonika absichtlich dahin mitnehmen, wo recht viele sie +hören würden? Zweifelnd sah er auf seine alte, treue Begleiterin. +Bisher hatten sie sich immer möglichst miteinander entfernt von allen +Menschen, und nun sollten sie sich vordrängen? Ihm kam es unbescheiden +vor, aber doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon, während +seine Brüder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzählte gern +von seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute +hatte er Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte +er, "vor dem Kasernentor. Da bläst einem der Wind eisig um die Ohren +und die Füße werden steif, wenn man nicht immerzu hin und her läuft. +Man hört auch gern seinen eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man +meint, man sei ganz allein auf der Welt. Es war so eine finstere Nacht, +kein Mondschein am Himmel und im Westen eine schwarze Wand, nur im +Osten war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor mir war der weite, +leere Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze Kasernenmauer, ganz +unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich der Wind +gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so hinausschaue, +wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in großem Bogen +über den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer +und zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn +mir zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet wäre, denn, +dachte ich, es sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz +feierlich zumute. Ich nahm mir aber vor: den Kameraden erzählst du das +nicht, sie meinen sonst, du flunkerst. Aber da kam morgens eine +Abteilung von einer nächtlichen Felddienstübung heim und die hatten es +auch beobachtet und fingen gleich davon an zu erzählen. Ihnen hat ihr +Hauptmann erklärt, daß alle Jahre in den Nächten um den 12. bis 15. +November herum so ein Sternschnuppenschwarm sei, der heiße der +Leonidenschwarm. In manchen Jahren sei er besonders reich und so in +diesem. Aber erst nach Mitternacht und man sehe es nur selten so schön +wie in der vergangenen Nacht, weil die Novembernächte meistens trüb +seien. Wenn's heute nacht hell wäre, ich wollte gleich wieder auf die +Wache ziehen um den Preis." + +Karl, der große, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle +mit _einem_ Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mußten sie +sehen! Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und +von dem Balken aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die +Erlaubnis der Eltern zu bekommen war. Oder konnte man's ungefragt +unternehmen? Es war ja nichts Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die +Schwestern kamen dazu und wurden eingeweiht in den Plan. Da entschied +Marie, das praktische Hausmütterchen: "Ohne Erlaubnis geht das nicht, +weil es nicht ohne Hausschlüssel geht, die Haustüre wird nachts +geschlossen." Also mußte man bittend an die Eltern kommen. Der Vater +wollte nicht gern der Jugend den Hausschlüssel anvertrauen und die +Mutter meinte, so vom Bett in die Novembernacht hinaus würden sie sich +erkälten. Und alle beide fürchteten sie, die Hausleute möchten bei +Nacht gestört werden. Dagegen sagte der Vater, seine Buben dürften +nicht so zimperlich sein, daß sie nicht eine Stunde draußen in der +Winternacht aushalten könnten, und die Mutter erzählte, daß sie schon +von ihrer Jugend an den Wunsch gehabt hätte, so einen +Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brüder versicherten, daß sie +lautlos die Treppe hinunterschleichen würden. Da machte die kleine +Else, die gespannt zugehört hatte, ob die Brüder mit ihrer Bitte wohl +durchdringen würden, den Schluß, indem sie erklärte: "Also dann dürft +ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber doch war es nur +so eine halbe Erlaubnis, und die Brüder hielten es für klug, nimmer auf +das Gespräch zurückzukommen. Überdies fing es am Abend an zu regnen, ja +es regnete auch noch den ganzen Sonntag und niemand dachte mehr an die +Sternschnuppen. Als aber am Sonntag abend Karl zu Bett ging, bemerkte +er, daß am Himmel ein paar Sterne sichtbar waren. Wenn es nun doch +möglich würde? Er richtete seine Weckuhr auf 1 Uhr und konnte vor +Erwartung kaum einschlafen. Während nun Stille im ganzen Haus wurde und +die Nacht weiter vorrückte, lösten und verteilten sich am Himmel immer +mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern leuchtete hervor +und als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster huschte um zu +sehen, ob etwas zu hoffen wäre, strahlte ihm der klarste Himmel +entgegen, ja, er meinte sogar ein kurzes Leuchten wie von einer +fliegenden Kugel gesehen zu haben. + +Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei +das ganze Haus aufzumuntern. Zum Glück lag das Bubenzimmer nicht neben +dem Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brüder hatten nicht +einmal mehr Lust zu dem nächtlichen Unternehmen, aber die stellte sich +wieder ein, sobald sie ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei +in aller Stille. Nebenan schliefen die Schwestern. Plötzlich ging die +Türe leise auf, ein Arm streckte sich herein und ein geheimnisvolles: +"Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!" wurde geflüstert; das große +warme Tuch flog herein, die Türe ging leise wieder zu. Mit klopfendem +Herzen nahm Karl den Hausschlüssel vom Nagel, in Strümpfen, die Stiefel +in der Hand, schlichen sie alle Drei über den Gang, und die Treppe +hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mußten doch die +Stiefel angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches +Geräusch, nicht ohne Geflüster. Auch der Schlüssel bewegte sich nicht +ohne metallenen Klang im Schloß und die Türe nicht ohne Knarren in den +Angeln. Hingegen ging sich's lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem +Balken, und als die Drei erst hinter den Brettern, nahe dem +Kasernenzaun waren, schien ihnen das Unternehmen gelungen. + +Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas +gehört. Sie wußte zunächst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber +sie hatte das Gefühl: Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte +sich im Bett auf, horchte, vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten +Ton der sich schließenden Haustüre und dann ein Flüstern außerhalb +derselben. "Es ist jemand hinausgegangen," sagte sie sich, "wer hat +nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es war ihr +unerklärlich. "Es ist ungehörig," sagte sie sich, "wer solch nächtliche +Spaziergänge macht, der soll nur draußen bleiben," und rasch +entschlossen ging sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustüre +vor. Dann legte sie sich beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus +herein, ohne anzuklingeln; auf diese Weise wollte sie schon +herausbringen, wer hinausgeschlüpft war. War es jemand mit gutem +Gewissen, der mochte klingeln. + +Auf Frieders hohem Brettersitz saßen die drei Brüder in der Stille der +Nacht und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In +wunderbarer Klarheit wölbte er sich über ihnen. Das war ein Schimmern +und Leuchten aus unendlichen Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so +schön gesehen. "Wenn auch weiter gar nichts zu sehen wäre," sagte Karl, +"so würde mich's doch nicht reuen, daß ich aufgestanden bin." "Mich +reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar nicht glaube, daß +einer von den Sternen auf einmal anfängt zu fliegen. Die stehen da +droben alle so fest!" + +"Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten. +Ein heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen +dahin und war dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die +riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine +Strecke gewesen sein, größer als das ganze Deutsche Reich. Staunend +sahen die Kinder hinauf: da—schon wieder eine Sternschnuppe, größer als +die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder +eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in +gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit +vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die +Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich +sichtbar, es war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich +aber von Westen herauf immer größere Wolkenmassen und fingen an, die +Sterne zu verdunkeln. Endlich kam das Gewölk bis an die Himmelsgegend, +von der die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den +staunenden Blicken nicht länger das schöne Schauspiel vergönnt sein +sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze Herrlichkeit. + +Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken würden +sich wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein +einzelner Stern. "Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto, +"nur die Wolken sind davor." Nun wurde es vollständig Nacht, und die +Brüder empfanden auf einmal, daß es kalt war und sie selbst müd und +schläfrig. Jetzt ins warme Bett zu schlüpfen, mußte köstlich sein! Also +kletterten sie herunter und gingen in der Stockfinsternis dem Haus zu. + +"Hast du doch den Schlüssel, Karl?" "Jawohl, da ist er." + +"Das wäre kein Spaß, wenn du den verloren hättest und wir müßten da +draußen bleiben in der Kälte!" + +Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an +die Türe. Karl schloß auf und klinkte an der Schnalle, aber die von +innen verriegelte Türe ging nicht auf. "Was ist denn das?" flüsterte +Karl, drehte den Schlüssel noch einmal im Schloß auf und zu und klinkte +und drückte gegen die Türe, aber die gab nicht nach. + +"Laß doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch +herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr. + +"Laßt doch, ihr verdreht das Schloß noch," sagte Karl, "ihr seht doch, +es geht nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloß ist doch in +Ordnung, was hält die Türe zu?" + +In leisem Flüsterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand +hat etwas vor die Türe gestellt, damit wir nicht hereinkönnen." "Oder +den Riegel vorgeschoben." + +"Ja, ja, den Riegel. Natürlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat +das getan? Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen: +"Vielleicht der Vater, weil wir nichts gesagt haben!" + +"Aber er hat es doch erlaubt!" + +"Ich weiß nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?" + +"Wir hätten vielleicht um den Hausschlüssel bitten sollen." + +"So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehört, hat gemerkt, daß wir +ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muß ja so sein, +wer hätte es sonst tun sollen?" + +Nach einigem Nachdenken über diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln +dürfen wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in +den warmen Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon +schlafen." + +So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Sünder ums Haus herum und +suchten sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so +stockfinster gewesen wäre und die Bretter so naß und so hart und so +unbequem und wenn es nur vor allem nicht so bitter kalt gewesen wäre! +Karl blieb nur einen Augenblick liegen, dann sprang er auf: "Der Schal +reicht doch nicht für drei, ihr könnt ihn haben und ich laufe lieber +hin und her, wie wenn ich Wache hätte. Wer weiß, in drei Jahren muß +ich's ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brüder in das Tuch, wanderte +stramm hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das Soldatenleben. +Aber nach einer kleinen Weile hörte er einen seltsamen Ton. Was war +denn das? Er kam näher zu den Brüdern her—wahrhaftig, Otto schluchzte +und weinte ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun +aufgewacht und klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich +wieder aus seiner unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da +fühlte sich Karl als Ältester verantwortlich: "Die müssen ins Bett," +sagte er sich, "sonst werden sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir +nicht die Marianne wach rufen können, damit sie uns ausriegelt." Da +waren die Verschlafenen gleich wieder munter. Sie gingen nach der Seite +des Hauses, wo das Schlafzimmer der Mädchen lag, und nun galt es so +laut zu rufen, daß diese aufwachten, und zugleich so leise, daß +Hartwigs, die unter ihnen schliefen, nichts hörten. "Marianne, +Marianne," klang es zuerst leise und allmählich lauter. Es ging aber +umgekehrt, als es hätte gehen sollen, die Schwestern hörten nichts und +die Hausleute wachten auf. + +Die Hausfrau lächelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun +möchte man wieder herein." Sie erzählte ihrem Mann von der verriegelten +Türe. Er machte das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brüder +erschraken, als sie des Hausherrn Stimme hörten. Keiner rührte sich, +keiner antwortete. Der Hausherr starrte in die Dunkelheit hinaus, +lauschte—sah nichts, hörte nichts und schloß das Fenster. Eine gute +Weile blieben unsere drei Ausgestoßenen wie angewurzelt stehen. "Wir +wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und sie +tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in +der Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es +unbegreiflich, daß die Schwestern so fest schliefen. + +"Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfäffling erkannt," sagte +die Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern +draußen sein in der kalten Nacht? Laß mich mal rufen, mich kennen sie +besser!" und leise öffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid +Ihr es, Kinder?" Auf diesen Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen +sie dreistimmig, näherten sich dem Fenster und sagten: "Wir wollten nur +Marianne rufen, damit sie uns hereinläßt." Die Hausfrau erschrak. So +hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Bösen hatte sie gedacht, +denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln würden, aber nicht +an die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten. + +"Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur +hinaus?" + +"Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie +vorwurfsvoll und schloß das Fenster. + +"Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr, +"was ist denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da +schwärmen die Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen +Morgen?" + +Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu +seiner Frau, "ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was nötig ist. +Wenn man nicht mehr seine Nachtruhe hat, nicht weiß, ob das Haus nachts +geschlossen bleibt, dann hört ja alles auf. Für solche Mietsleute +bedanke ich mich!" + +Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob +den Riegel der Haustüre zurück. Die drei frierenden, übernächtigen +Kameraden sahen nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig maß sie mit +so verächtlichem Blick, daß ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung +entfiel, sie standen vor ihm wie das böse Gewissen. Er schob sie von +der Türe weg und den Riegel mit Gewalt wieder vor und dann sprach er +ruhig und deutlich den _einen_ Satz: "Sagt eurem Vater, auf ersten +Januar sei ihm die Wohnung gekündigt." + +Ach, auf den nassen, harten Brettern draußen in der Winterkälte war es +den drei Brüdern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen +Betten, in die sie ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der +Meinung, der eigene Vater habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr +Fortgehen schon so schlimm aufgenommen, wie mußte er erst zürnen, wenn +er erfuhr, was daraus entstanden war! Und wie deutlich erinnerten sie +sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo der Vater von einem Haus zum +andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen war, weswegen? Wegen +der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kündigung +herausbeschworen, in ihren Augen das größte Familienunglück! + +Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fühlten sich +ein wenig gedeckt dadurch, daß Karl, der große, der Anführer gewesen +war. Um so schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht +vorstellen, wie er am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte. +Er fand nur einen kurzen, unruhigen Schlaf. + +Frieder hatte von allem, was seine Schlafkameraden erlebt hatten, keine +Ahnung. Er wunderte sich aber am Morgen, daß sie alle schwer aus dem +Bett kamen, bedrückt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr, +als die Schwestern durch die Türspalte hereinriefen: "War's recht schön +heute nacht?" Als er aber gern erfahren hätte, von was die Rede sei, +bekam er ungeduldige Antwort: "Sei nur still, du wirst noch genug davon +hören." Sie waren sonst alle flinker als Frieder, heute aber kam dieser +zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit den Schwestern beim +Frühstück waren und von Marie und Anne wußten, daß die Brüder in der +Nacht fort gewesen waren. Diese zögerten aber immer noch, zu kommen. +Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muß es gesagt +werden, kommt!" + +Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das +Wohnzimmer, wo Herr Pfäffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte. +"Nun," fragte er, "ist eure Expedition geglückt? Heute nacht um 11 Uhr +hat sich der Himmel so schön aufgeklärt, da dachte ich an euch, war +aber der Meinung, ihr würdet die Zeit verschlafen. War's denn nun +schön?" + +Die drei waren so betroffen über die unerwartet freundliche Anrede, daß +sie zunächst gar keiner Antwort fähig waren. Frau Pfäffling ahnte +gleich Böses. "Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch +nicht gut? Oder habt ihr den Hausschlüssel verloren?" + +"Das nicht." + +"Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl näher und +sagte: "Ich will es ganz erzählen wie es war. Um ein Uhr sind wir +hinunter gegangen, ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken +gewesen—wie schön es da war, sage ich später. Um halb drei Uhr etwa +wollen wir wieder ins Haus, da ist die Türe von innen zugeriegelt." + +"Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie +aus einem Mund. + +"Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurück, wollten auf +den Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter +Mariannens Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das +hörte die Hausfrau und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir +sagten, wo wir herkämen und daß wir nicht hereinkönnten. Da riegelte +Herr Hartwig die Haustüre auf und ließ uns herein." Karl hielt inne. + +"So habt ihr richtig die Hausleute gestört!" sagte Frau Pfäffling. +"Hättet ihr mir doch gesagt, daß ihr in dieser Nacht fort wollt, ich +würde euch vorher hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So +aber waren sie wohl ängstlich, als sie etwas hörten und haben deshalb +geriegelt. Habt ihr euch recht entschuldigt?" + +"Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Köpfe. Herr +Pfäffling sah seine Söhne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht +alles gesagt." + +"Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die +schlimme Botschaft aussprach: "Der Hausherr läßt dir sagen, auf 1. +Januar sei gekündigt." + +Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der +Jammerschrei: "O hätten wir doch das Rufen gehört, wären wir doch +aufgewacht!" Herr Pfäffling aber sträubte sich, die Nachricht zu +glauben. "Es ist doch gar nicht möglich, daß das sein Ernst ist, +glaubst du das, Cäcilie? Kann das wirklich sein? Kündigt man, weil man +einmal im Schlaf gestört wird? Täten wir das? Mich dürfte man zehnmal +wecken und ich dächte noch gar nicht an so etwas. War er denn im Zorn, +was hat er denn sonst noch gesagt?" + +"Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's +schon vorher ausgedacht hätte." + +"Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu +begütigen? Ihr Stöpsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber +geklingelt? Ist unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Läuten? Die +Marianne rufen! Der Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!" + +Frau Pfäffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes: +"Es ist gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht +verdient haben, sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie +in die Schule gehen, sieh, wie sie aussehen." + +"Wie die Leintücher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch, +frühstückt!" + +So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten +wirklich ihr Frühstück brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto +verschlangen ihr Teil mit wahrem Heißhunger, und als sie damit fertig +waren, griffen sie noch über zu dem Teil ihres Frieders, der vor +Horchen und Staunen noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch +nicht wehrte gegen den Übergriff; so etwas kam hie und da vor und heute +fühlte er, daß es so sein müsse. + +Herr Pfäffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger +Erregung, so daß es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er +tief auf, seufzte: "O Marstadt, Marstadt!" und verließ das Zimmer, um +sich zum täglichen Gang nach der Musikschule zu richten. Rascher noch +als sonst eilte er durch den untern Hausflur, er hatte keine Lust, den +Hausherrn zu begegnen. Aber da wäre gar keine Gefahr gewesen, auch der +Schreiner wünschte keine Begegnung und wartete ab, bis alle Glieder der +Familie Pfäffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er das Haus verließ. + +So gab es zwei Männer im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei +Frauen, die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem +Gedanken an die Sorge, die der Familie Pfäffling auferlegt wurde, jetzt +bei Beginn des Winters und nach der eben erlebten Enttäuschung durch +die Direktorsstelle. Und es kränkte sie, daß ihr Mann mit Recht von der +leichtsinnigen Gesellschaft da droben sprechen konnte. Sie hatte so +viel von der Familie gehalten, ja, sie spürte es erst jetzt recht +deutlich, eine wahre Liebe hatte sie für sie alle empfunden, ganz +anders als je für frühere Mietsleute. Sie mußte das alles mit Frau +Pfäffling besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, daß sie hinaufging. + +Frau Pfäffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie +hatte so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des +echten christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewährt hatten. Wie +stimmte dazu die Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht +hinauszuschließen und dann noch zu kündigen, und das alles bloß wegen +einer gestörten Nachtruhe! Sie mußte sich das erklären lassen von Frau +Hartwig, aber mit ihr _allein_ wollte sie sprechen. So strebten die +beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet sich bald ein Weg. + +Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien +benützten. Das war der große Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum +Wäschetrocknen und die Mange stand, zum Mangen und Rollen des +Weißzeugs. Die Hausfrau war mit einem kleinen Korb Wäsche +hinaufgegangen, fing an, das Rad zu drehen und zu mangen. + +Frau Pfäffling konnte das unten gut hören. Nicht lange, so stieg auch +sie hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hören. + +Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen fröhlichen Sinnes +miteinander herunter, zwischen ihnen gab es kein Mißverständnis mehr +und sie waren der guten Zuversicht, daß sich auch die beiden Männer +miteinander verständigen würden. + +Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht +gestern Remboldt erzählt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der +Wache gesehen hat?" + +"Ja, du warst ja dabei." + +"Weißt du, wie man diese Sternschnuppen heißt? Ich habe es heute zum +erstenmal gehört, die heißt man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte +Frau Hartwig gar nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem +Mann zu denken gab. Sie wußte ja, daß mit dem richtigen Verständnis des +Wortes sein ganzer Zorn gegen die Familie Pfäffling schwinden mußte. +Sie wollte ihm gar nicht zureden, sein eigenes Gefühl würde ihn +treiben, zu tun, was recht war. + +Am Nachmittag faßte er die drei Lateinschüler ab, als sie heimkamen. Er +ließ sich von ihnen genau erzählen, wie herrlich der Sternenhimmel +gewesen sei, und wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der +Leonidenschwarm hießen. Das wußte Karl: weil diese Sternschnuppen, die +da im November so massenhaft fielen, aus dem Sternbild des Löwen +ausgingen. + +Während sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, daß der +Hausherr sie wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht, +und fingen an, auf seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er +nun mit all seiner früheren Freundlichkeit: "Seht, ich weiß eben gar +nichts von der Sternkunde, ich habe den Leonidenschwarm für einen +Verein oder dergleichen gehalten, mit dem ihr euch nachts herumtreibt. +Und so etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich werde euch doch +nicht bös sein, wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind nun +wieder gute Freunde. Sagt nur eurem Vater: die Kündigung gilt nicht!" + +Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht, +Freundschaft und Fröhlichkeit im ganzen Haus. + +Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnübungen zurückkehrten, trafen +sie an der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller +einen Vorrat Äpfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht," +sagte sie und gab jedem einen Apfel. + +"Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht, +damit deine Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen +jetzt immer ganz nahe am Geländer und wir Buben müssen ganz dicht an +der Wand gehen, dann werden deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh, +so hinauf und so wieder herunter." Um recht dicht an der Mauer zu +gehen, setzte er einen Fuß vor den andern, verlor das Gleichgewicht und +kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor die Füße der +erschrockenen Hausfrau. + +Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung +zurückkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je +besser sie's meinen, um so ärger poltert's." + + + + +4. Kapitel +Adventszeit. + + +"Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reißen, das dünne +Blättchen, das allein noch den Weihnachtsmonat verhüllt?" Die jungen +Pfäfflinge standen alle in die eine Ecke gedrängt, wo der Kalender +hing, und stritten sich, halb im Spaß, halb im Ernst darum, wer den +Dezember aufdecken dürfe. Die Eltern, am Frühstückstisch, sahen auf. +"Buben, galant sein!" rief der Vater. Da traten die vier Brüder vom +Kampfplatz zurück. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht +erreichen, so kam das Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen +es miteinander," sagten sie. Da kam denn der erste Dezember zum +Vorschein, und zwar rot, denn es war Sonntag, und kein gewöhnlicher +Sonntag, sondern der erste Advent. Die schönste Weihnachtsstimmung +stieg auf mit diesem Tag und nicht nur bei den Kindern. Herr Pfäffling +stimmte unvermutet und ohne Begleitung an: "Wie soll ich dich empfangen +und wie begegnen dir, O aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier!" +Alle Kinder sangen mit, erste Stimme, zweite Stimme, je nach Begabung, +auch die Mutter, aber sie recht leise, denn sie allein von der ganzen +Familie war vollständig unmusikalisch und sang, wie Frieder einmal +gesagt hatte etwas anderes als die Melodie. + +Bald darauf war es für diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit +sich zu richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige +nachmittags oder in den Kindergottesdienst. Frau Pfäffling wollte heute +mit ihrem Mann gehen, unter den Kindern gab es ein Beraten und +Flüstern. Als nach einer Weile die Eltern, zum Ausgang gerichtet, an +der Treppe standen und sich von den Zurückbleibenden verabschieden +wollten, fand sich's, daß es heute gar keine solchen gab, daß alle +sieben bereit standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer +soll dann aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfäffling +bedenklich. + +"Es klingelt fast nie während der Kirchenzeit," versicherte der +Kinderchor. + +"Aber wir können doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze +Prozession!" wandte Herr Pfäffling ein. + +"Wir gehen drüben, auf der anderen Seite der Straße," sagten die Buben. + +"Aber Walburg muß wenigstens wissen, daß sie ganz allein zu Hause ist, +hole sie schnell, Elschen," rief Frau Pfäffling. Als das Mädchen die +ganze Familie im Begriff sah, auszugehen, wußte sie schon, was man von +ihr wollte, und sagte in ihrer ernsthaften Weise: "Ich wünsche +gesegnete Andacht". + +Draußen schien die Wintersonne auf bereifte Dächer, Sonntagsruhe +herrschte in der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche +einschlug, hatte die Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben +ließen aber, ihrem Versprechen gemäß, die ganze Breite der +Frühlingsstraße zwischen sich und den Eltern und Schwestern, bis nach +einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte. Da konnte er +nicht länger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester zu. + +Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs +Haus. Wenn im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest +sprechen wollte, hatte die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das +dauert noch lange, lange, davon reden wir noch gar nicht, sonst werden +die Kleinen ungeduldig." So hätte sie auch gestern noch gesagt, aber +heute war das etwas ganz anderes, man feierte Advent, Weihnachten war +über Nacht ganz nahe gerückt. Im Dämmerstündchen zog Frau Pfäffling +Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weißt du denn noch, wie schön +der Christbaum war?" + +Sie wußte es wohl noch, und als nun die Geschwister über Weihnachten +plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten +stand sie nicht hinter den Großen zurück, im Gegenteil, wenn sie mit +leuchtenden Augen vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine +Hauptperson, die allen die Freude erhöhte. + +Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten +flüsternd, was sie den Eltern zu Weihnachten schenken könnten. Es +durfte kein Geld kosten, denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken, +die Geld kosteten, sprachen sie ganz verächtlich. "Es ist keine Kunst, +in einen Laden zu gehen und etwas zu kaufen, aber ohne Geld etwas recht +Eigenartiges, Schönes und Nützliches zu bescheren, das ist eine Kunst!" +Ja, eine so schwere Kunst ist das, daß sich die Beratung sehr in die +Länge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang heute immer +der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er mußte ihn +ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, daß ungnädige +Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Küche, +wo Walburg saß und in ihrem Gesangbuch las. Sie hörte diese Töne, und +da sie sich in ihrer Taubheit über alles freute, was bis an ihr Ohr +drang, schob sie ihm den Schemel hin, zum Zeichen, daß er sich bei ihr +niederlassen sollte. So kam die Adventsstimmung bis in die Küche. + +Am nächsten Tag mußten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den +Hintergrund treten, denn in die Schule paßten sie nicht. Nur Frieder +wollte sie auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte +er nicht vergessen, er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen +und dort den Adventschoral vorspielen. Die Mutter hörte es und wunderte +sich: Er hatte sich noch nie zeigen oder vordrängen wollen mit seiner +Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich hören zu lassen. Sie mochte es +ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an ihrem kleinen, +bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner großen Harmonika in der +Hand, den Schulranzen auf dem Rücken, durch die Frühlingsstraße. + +Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden +machte, bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen +bis zu der großen Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer +verließen und die Schüler sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber +es ging nicht so. + +Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch +schon ein paar kecke Bürschchen zu: "Der Pfäffling hat seine +Ziehharmonika mitgebracht." Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob +Frieder denn mit dem großen Instrument zurechtkäme. Nun stießen ihn die +Kameraden von allen Seiten: "Spiel doch, gelt, du kannst es nicht? +Spiel doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder seinen Adventschoral, +vergaß seine vielen Zuhörer, vergaß die Schulzeit und sagte, nachdem er +fertig war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme." + +Der Lehrer ließ ihn gewähren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhörten +und wie der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast +du das bei deinem Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte +Frieder, "Harmonika muß man nicht lernen, das geht von selbst." + +"Das geht vielleicht bei euch Pfäfflingen von selbst, aber bei anderen +nicht. Was meinst du," sagte er zu dem, der am nächsten stand, +"könntest du das auch?" "O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und +zuziehen." "Du wirst dich wundern, wenn du es probierst!" entgegnete +der Lehrer, "aber jetzt: auf eure Plätze." + +Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und mußte +spielen. Es kamen auch größere Schüler von anderen Klassen herbei und +die wollten nicht nur hören, die wollten es auch probieren. Die +Harmonika ging von Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer +riß sie dem andern mit Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte: +"Sie geht ja gar nicht, ich glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie +Frieder zurück und als er sie ansah, wurde er blaß und als er sie zog, +gab sie keinen einzigen Ton mehr. Da wurden sie alle still und sahen +betroffen auf den kleinen Musikanten. + +"Wer hat's getan?" hieß es nun. Die Frage ging von einem zum andern und +wurde zum Streit, aber Frieder kümmerte sich nicht darum, er verwandte +keinen Blick von seiner Harmonika, er strich mit der Hand über sie, er +drückte sie zärtlich an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber +er wußte es ja schon vorher, daß ihre Stimme erloschen war und nimmer +zum Leben zu erwecken. + +Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder +neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hören und nichts sehen von +ihnen. Er trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange +Frühlingsstraße nach Hause, rief die Mutter und drückte sich bitterlich +weinend an sie mit dem lauten Ausruf: "Sie ist tot!" + +Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein +Heimatloser. Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Hände, +bewegte sie wie zum Ziehen der Harmonika und ließ sie dann ganz +enttäuscht sinken. Das bitterste an seinem Schmerz war aber die Reue. +Er selbst hatte ja seine Freundin den bösen Buben ausgeliefert. Hätte +er sie in der Stille für sich behalten und nicht mit ihr Ruhm ernten +wollen, so wäre sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half kein +Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, daß er vielleicht +eine neue Harmonika zu Weihnachten bekommen würde. + +Aber etwas anderes half ganz unvermutet. + +Es war wieder Sonntag, der _zweite_ Advent, und wieder standen die +Kinder beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks für +die Eltern. Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen +getan hatte, er konnte ja kein Adventlied mehr üben, so zog ihn nichts +ab. Er hatte still zugehört, wie allerlei Vorschläge gemacht und wieder +verworfen wurden, nun mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf +den Balken, da kann man sich alles ausdenken, aber da oben nicht." + +"So geh du hinunter und denke dir etwas für mich aus," sagte eines der +Geschwister. "Für mich auch!" "Und für mich," hieß es nun von allen +Seiten. Er war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren +großen Schal mit hinunter. Er ging auf das Plätzchen, das er so gern +mit seiner Harmonika aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er +wickelte sich ganz in das große Tuch, saß da allein, war vollständig +erfüllt von seiner Aufgabe, zweifelte auch gar nicht daran, daß er sie +lösen würde. Auf der Harmonika war ihm hier unten auch alles gelungen, +was er versucht hatte. Der kleine Kopf war fest an der Arbeit. + +Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister +um ihn, und er, der in ihrem Rat noch nie das große Wort geführt hatte, +streckte nun seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da +nun gar kein Zweifel mehr sein könnte: "Du, Karl, mußt ein Gedicht +erdichten und du, Wilhelm, auf einen so großen Bogen Papier schöne +Sachen abzeichnen und Otto muß so laut, wie es der Rudolf Meier beim +Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und Marianne soll das +schönste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir zwei +können nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum +müssen wir solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal +Walburg sagt, Nußschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte +Zündhölzer, einen rechten Sack voll." + +Jedes der Kinder dachte nach über den Befehl, den es erhalten hatte, +und fand ihn ausführbar. "Ich weiß, was ich zeichne!" rief Wilhelm, +"dich zeichne ich ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da +gestanden bist." + +"Und ich mache ein Gedicht über unsern Krieg in Afrika, wenn der +Morenga darin vorkommt, dann gefällt es dem Vater." Sie waren alle +vergnügt. "Frieder," sagte Karl, "es tut mir ja leid für dich, daß du +deine Harmonika nimmer hast, aber mir bist du lieber ohne sie." Die +andern stimmten ein und Frieder machte nimmer das trostlose Gesicht, +das man die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum erstenmal fühlte er +sich glücklich auch ohne Harmonika. + +Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es, +viele Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis +abhing. Die Fest- und Ferienzeit wollte verdient sein. + +Unter den jungen Pfäfflingen war Otto der beste Schüler, und er galt +viel in seiner Klasse. Nun saß hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier, +der machte sich sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb +hatte. Er war der Sohn von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und +machte sich als solcher gern ein wenig wichtig. Alle Kameraden mußten +es erfahren, wenn hohe Persönlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und +wenn gar Fürstlichkeiten erwartet wurden, fühlte er sich so stolz, daß +sich's die andern zur Ehre rechnen mußten, wenn er sich an solchen +Tagen von ihnen die Aufgaben machen ließ. Er war älter und größer als +alle andern, weil er schon zweimal eine Klasse repetiert hatte; dessen +schämte er sich aber keineswegs, sondern sagte gelegentlich von oben +herab: "In solch einem Welthotel müsse selbstverständlich die +gewöhnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurückstehen." + +Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gründe, warum er heute ein ganzes +Stück Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Frühlingsstraße +entgegengesetzt lag. + +Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in +kurzem, schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier +ein feines junges Herrchen, mit tadellos gestärkten Manschetten und +Kragen nach neuester Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf +Größere bittend zu dem Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in +Verlegenheit, Pfäffling, wegen der griechischen Arbeit, die wir morgen +abliefern sollen. Es ist gegenwärtig keine Möglichkeit bei uns, all +dies Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres zu tun. Würdest du +mir nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, daß ich einige Stellen +vergleichen könnte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir wieder +einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze +deine Unterschrift unter den Klex." + +Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen. +"Was tust du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?" +sagte Otto ärgerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles +abschreibst, aber ich kann dich gar nicht begreifen, daß du das magst." + +"Weil du nicht weißt, wie es bei uns zugeht, Pfäffling, anders als bei +euch und das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als +ihr. Da ist zum Beispiel vorige Woche eine russische Familie +angekommen, Familie ersten Rangs, offenbar steinreiche Leute, gehören +zur feinsten Aristokratie. Haben fünf Zimmer im ersten Stock vorn +heraus gemietet. Sie beabsichtigen offenbar lange zu bleiben, sieben +riesige Koffer. Werden wohl die Revolution fürchten, haben ihr Geld +glücklich noch aus Rußland herausgebracht und warten nun in Deutschland +ab, wie sich die Dinge in Rußland gestalten. Gegen solche Gäste ist man +artig, das begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater, +sie möchte ihren beiden Söhnen Unterricht geben lassen von einem +Professor, welchen er wohl empfehlen könnte? Mein Vater verspricht ihr +sofort Auskunft, kommt natürlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit. +Nun heißt es: 'Rudolf, mach deine Aufwartung droben. Besprich die +Unterrichtsfächer, gib guten Rat, nenne feine Professoren mit +liebenswürdigen Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn Professoren +aufzufordern und den Unterricht in Gang zu bringen.' + +"Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine +Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spürst gleich, daß du mit +wirklich Adeligen zu tun hast, und der große Herr mit seiner +militärischen Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem +Seidenkostüm imponieren dir, du mußt dich schon zusammennehmen. Die +zwei jungen Herrn sehen dich auch so an, als wollten sie sagen: Ist das +ein Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu reden oder nicht? + +"Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblüffen. Es +hat ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen +Professoren gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, daß ich genug +zu laufen hatte, bis ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich +wohl noch nicht fertig, denn sie haben gestern ein Pianino gekauft, +eine Violine haben sie auch, da wird sich's um Musikunterricht +handeln." + +Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht—wenn das ein Pfäffling +hört, so klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den +Musikunterricht geben?" fragte er. + +"Weiß ich nicht." + +"Meier, da könntest du meinen Vater empfehlen." + +"Warum nicht, das kann man schon machen. Das heißt, für solche +Herrschaften muß man immer das feinste wählen." + +"Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht." + +"Wohl, wohl, aber so ein _Titel_ fehlt, Professor oder Direktor oder so +etwas, das hören sie gern." + +"Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als +Direktor nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen +ist. Er hat schon seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren +für ihn. Nur ist es noch nichts geworden, weil erst gebaut werden muß." + +"Dann kann ich wohl etwas für ihn tun," sagte Rudolf Meier +herablassend, "vorausgesetzt, daß sie sich bei mir nach dem Musiklehrer +erkundigen und nicht bei den Professoren." + +"Dem mußt du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, mußt +du mit den Russen sprechen." + +"Meinst du, da könnte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du +hast keinen Begriff von Umgangsformen." + +"Nein," sagte Otto, "wie man das machen muß, weiß ich freilich nicht, +aber wenn _du das_ nicht zustande bringst, dann möchte ich wohl wissen, +was du kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar +nichts und dein Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal +in deinem Zentralhotel etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein +Schwindel." + +"Ich vermag viel im Hotel." + +"So beweise es!" + +"Werde ich auch. Vergiß nicht, daß du mir deine Hefte versprochen +hast." + +So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnügt heim, rief die +Geschwister zusammen und erzählte von der schönen Möglichkeit, die sich +für den Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum +Unterricht zu bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel +zu und kamen überein, daß sie den Eltern zunächst kein Wort sagen +wollten, es sollte nicht wieder eine Enttäuschung geben. + +Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am nächsten Tag, +in einer Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen +Vater empfehle, gibst du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?" + +"_Zehn_ Aufsätze," sagte Otto, "mach aber, daß es _bald_ so weit +kommt." + +Einen Augenblick später traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und +erzählte ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause +vorüber war, faßte er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du +solltest das zurücknehmen, so eine Handelsschaft gefiele dem Vater +nicht. So möchte er die Stunden gar nicht annehmen. Sag du dem Rudolf +Meier, er soll seine Aufsätze selbst machen, zu solch einem Handel sei +unser Vater viel zu vornehm." + +Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern +der Ärger eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter +Schwindler." So ging die Sache aus und die Kinder waren nur froh, daß +sie darüber geschwiegen hatten. Sie dachten längst nicht mehr daran, +als eines Nachmittags Wilhelm meldete: "Vater, der Diener vom +Zentralhotel hat diesen Brief für dich abgegeben, er soll auf Antwort +warten." + +Frau Pfäffling begriff nicht die Blicke glücklichen Einverständnisses, +die die Kinder wechselten, während ihr Mann die Karte las, auf der +höflich angefragt wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und +Klavierstunden vorstellen möchte. Die Karte war an Herrn Direktor +Pfäffling adressiert, und als die Brüder diese Aufschrift bemerkten, +flüsterten sie lachend einander zu: Ein Schwindler ist er trotzdem, der +Rudolf Meier! + +Der Diener des Zentralhotels bekam für die Überbringung einer so +erwünschten Botschaft ein so schönes Trinkgeld, wie er es von dem +schlichten Musiklehrer nie erwartet hätte, und als er Herrn Meier +senior ausrichtete, daß Herr Direktor Pfäffling noch diesen Nachmittag +erscheinen werde, fügte er hinzu: "Es ist ein sehr feiner Herr." + +Bei Pfäfflings war große Freude. Otto erzählte alles, was Rudolf Meier +von dem Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hörten ihm +zu, er war stolz und glücklich und konnte gar nicht erwarten, bis der +Vater sich auf den Weg nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell +ging das nicht, im Hausgewand konnte man dort nicht erscheinen. Herr +Pfäffling suchte hervor, was er sich neulich zu seiner Vorstellung in +Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht wieder eine Enttäuschung +gibt," sagte er, während er sich eine seine Krawatte knüpfte, "wer +weiß, wie die hohen Aristokraten sich in der Nähe ausnehmen, mit denen +dieser Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfäffling hatte aber gute Zuversicht: +"Das erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen +gelten für ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere +Schüler bekommen als Fräulein Vernagelding." + +"Ach, die Unglückselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr +Pfäffling, "ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurück sein, für +meine Marterstunde." + +Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die +andern, er fühlte sich doch als der Anstifter des ganzen. + +Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war +schon der Abenddämmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch +die Ganglampe war schon angezündet und von Marie und Anne in ihr +Stübchen geholt worden. Um fünf Uhr war Fräulein Vernageldings Zeit. +Frau Pfäffling wurde unruhig. So gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute +schien er sich doch zu verspäten. Nun schlug es fünf Uhr, es klingelte, +Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe herbei. + +Zwischen Fräulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmählich +eine kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig +herbeikamen mit der Lampe und gefällig Hilfe leisteten bei dem Anziehen +der Gummischuhe, dem Zuknöpfen der Handschuhe und dem Aufstecken des +Schleiers, so freute dies das Fräulein und es plauderte mit den viel +jüngern Mädchen wie mit ihresgleichen. Als sie nun heute hörte, daß +Herr Pfäffling noch nicht da sei, schien sie ganz vergnügt darüber, +lachte und spaßte mit den Schwestern. + +"Herr Pfäffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen +heißt so?" + +"So heißen wir bloß miteinander," antworteten sie, "wir können es +eigentlich nicht leiden, jede möchte lieber ihren eigenen Namen, Marie +und Anne, aber so ist's eben bei uns." + +Das fand nun Fräulein Vernagelding so komisch, daß ihr etwas albernes +Lachen über den ganzen Gang tönte. Sie hatte inzwischen abgelegt. + +"Mutter sagte, Sie möchten nur einstweilen anfangen, Klavier zu +spielen," richtete Marie aus. + +"Ach nein," entgegnete das Fräulein, "ich möchte viel lieber mit Ihnen +plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muß doch sein. Es +lautet nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnädiges Fräulein spielen +Klavier? und man muß antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint +Mama. Mein voriger Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer, +ich sei unmusikalisch. Herr Pfäffling ist schon mein vierter Lehrer. +Die Herrn wollen immer nur musikalische Schülerinnen, es kann aber doch +nicht jedermann musikalisch sein, nicht wahr? Man muß es doch auch den +Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?" + +"Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da wäre es doch +zuviel für den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt +bloß die, die recht musikalisch sind." + +Die drei Mädchen, an der Türe stehend, fuhren ordentlich zusammen, so +plötzlich stand Herr Pfäffling bei ihnen. Im Bewußtsein seiner +Verspätung war er mit wenigen großen Sätzen die Treppe heraufgekommen. +Fräulein Vernagelding tat einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie +mich erschreckt, Herr Pfäffling, aber wie fein sehen Sie heute aus, so +elegant." Herr Pfäffling unterbrach sie: "Wir wollen nun keine Zeit +mehr verlieren, bitte um Entschuldigung, daß ich Sie warten ließ." + +"O, es war ein so reizendes Viertelstündchen," hörte man sie noch +sagen, ehe sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen +Augenblick nachher wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer +ein sicheres Zeichen war, daß Fräulein Vernagelding am Klavier saß. + +"Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen +ist?" wurden Marie und Anne von den Brüdern gefragt. Sie wußten nichts +zu sagen, man mußte sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am +schwersten, und er paßte und spannte auf das Ende der Klavierstunde, +und im selben Augenblick, wo Fräulein Vernagelding durch die eine Türe +das Zimmer verließ, schlüpfte er schon durch den andern Eingang hinein +und fragte: "Vater, wird etwas aus den Russenstunden?" Herr Pfäffling +lachte vergnügt. "Wo ist die Mutter," sagte er, "komm, ich erzähle es +euch im Wohnzimmer," und schon unter der Tür rief er: "Cäcilie, +Cäcilie," und seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Küche +herbeigeholt werden. Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn +ich kaum meine Tassen abstellen darf, dann muß es auch im Zentralhotel +gut ausgefallen sein!" + +"Über alles Erwarten," rief Herr Pfäffling, "eine durch und durch +musikalische Familie, die beiden Söhne feine Violinspieler, ich glaube +kaum, daß wir _einen_ solchen Schüler in der Musikschule haben, und +ihre Mutter spielt Klavier mit einer Gewandtheit, daß es ein Hochgenuß +sein wird, mit ihr zusammen vierhändig zu spielen. Aber nun will ich +euch erzählen. Im Vorplatz des Zentralhotels hat mich ein junges +Herrchen empfangen, den ich nach deiner Beschreibung, Otto, gleich als +Rudolf Meier erkannt habe. Der führt mich nun in einen kleinen Salon, +spricht mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich, der Schlingel, +kein Mensch denkt, daß man einen Schuljungen vor sich hat, der von so +einem Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte +mir nun, er habe es für besser gehalten, mich als Herr Direktor +einzuführen, und ich möchte nur auch meine Honoraransprüche darnach +richten, die Familie würde sonst nicht an den Wert meiner Stunden +glauben, solchen Leuten gegenüber müsse man hohe Preise machen. Dann +geleitete er mich die breite, mit dicken Teppichen belegte Treppe +hinauf. Rudolf Meier fühlte sich ganz als mein Führer, klopfte für mich +an und stellte mich dem russischen General als Herrn Direktor Pfäffling +vor. Eine Weile blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm Notiz +nahm, empfahl er sich. + +"Der General ist schon ein älterer Herr mit grauem Bart und ist nicht +mehr im Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen +durchdringenden Blick. Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei +jungen Söhnen vor und bot mir einen Platz an. Aber sie waren alle +ziemlich zurückhaltend, vielleicht hatten sie nicht viel Vertrauen in +die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz unbestimmt +davon, daß die Söhne später vielleicht einige Violinstunden nehmen +sollten, und ich hatte das Gefühl: es wird nichts daraus werden. Die +Unterhaltung war auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht geläufig +Deutsch, versuchten es mit Französisch, als sie aber mein Französisch +hörten, da meinte die Dame, es gehe eher noch Deutsch. + +"Mir wurde die Sache ungemütlich, es beengten mich auch die ungewohnten +Glacéhandschuhe, dazu mußte ich in einem weich gepolsterten, niedrigen +Lehnsessel ruhig sitzen und wußte gar nicht, wohin mit meinen langen +Beinen, dabei war es mir immer, als müßten sie mir ansehen, daß ich +kein Direktor bin. Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worüber +allerdings die Dame ein wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter +und sagte: 'Ich denke, es ist besser, wir machen ein wenig Musik, dabei +lernt man sich viel schneller kennen,' und ich fragte die Dame, für +welchen deutschen Komponisten sie sich interessiere? Sie schien etwas +überrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir recht war. Da ging ich +ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und fragte, aus welcher +Oper sie etwas hören wollte? 'Bitte, etwas aus den Nibelungen, Herr +Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch einmal nach +ihr um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfäffling; ich +wäre allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht +einmal, aber zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann +spielte ich. + +"Es war ein prächtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer +näher heran und hörten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, daß +wir uns verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann +Violine, und die Dame versicherte mich, daß vierhändiges Klavierspiel +ihre größte Passion sei und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag +ein bis zwei Stunden zu kommen. Zuletzt fragte der General noch nach +dem Preis, der war ihnen auch recht, eine unbescheidene Forderung +mochte ich nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier tun, wenn er seine +Hotelrechnung stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich fortging, +begleiteten die Herren mich ganz freundlich an die Türe, alle Steifheit +war vorbei und die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich +vergessen hatte. + +"Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er +hat offenbar die Verhandlungen von außen beobachtet und wird morgen in +der Klasse wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt. +Er ist aber, wie mir scheint, nebenbei ein gutmütiger Mensch, schien +sich wirklich zu freuen, daß die Sache gut abgelaufen war, und +flüsterte mir zu: 'Sie sind von allen drei Herren zur Türe begleitet +worden, diese Ehre ist keinem der Professoren zuteil geworden.' Ich +habe ihm auch gedankt für seine Vermittlung, und wenn ich ihn öfter +sehe, werde ich ihm einmal sagen: Sei doch froh, daß du noch ein junger +Bursch bist, gib dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen, +als du bist! Er macht sich ja nur lächerlich; wer verlangt von ihm das +Auftreten eines Geschäftsmannes? Der General hat ihn natürlich längst +durchschaut." + +"Ja, ja," stimmte Frau Pfäffling zu, "er soll von dir lernen, daß man +sich sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhöht haben." + +"Ja," sagte Pfäffling vergnügt, "und daß man trotz allem Stunden +bekommt. Kinder, kommt mit herüber, jetzt muß noch ein gehöriges +Jubellied gesungen werden!" + +Während im Haus Pfäffling in fröhlichem Chor gesungen wurde, sagte der +General im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher +Deutscher." + +Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfäffling wird mir morgen +meinen Aufsatz machen." + +Und Fräulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die +Marianne ist süß, ich möchte ihr etwas schenken." Da überlegte Frau +Privatiere Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer +Glacéhandschuhe." + + + + +5. Kapitel +Schnee am unrechten Platz. + + +Der Dezember war schon zur Hälfte vorüber, bis endlich, endlich der +erste Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten +Flöckchen stundenlang gleichmäßig zur Erde fällt und in einem einzigen +Tag das ganze Land überzieht mit seiner weichen, weißen Decke; der +alles verhüllt, was vorher braun und häßlich war, der alles rundet und +glättet, was rauh und eckig aussah. Immer ist sie schön, die +Schneelandschaft, aber am allerschönsten doch, wenn das lautlose Fallen +des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen +Weihnacht. + +Dezember—Schnee—Tannenbaum—Weihnacht, ihr gehört zusammen bei uns in +Deutschland. In manchen Ländern hat man versucht, unsere Feier +nachzumachen, und wir wollen ihnen auch die Freude gönnen, aber solch +eine Sitte muß aus dem Boden gewachsen sein. Wenn man sie künstlich +verpflanzt, wird etwas ganz anderes daraus. + +Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die +Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden +Kinder zu ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie +wurde es? Viele Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen +Kleidern. Sie versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde, +klatschten sie Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke +herunter, die man für sie hinaufgehängt hatte. Dann wurden die Lichter +ausgeblasen, damit kein Ästchen anbrenne und der Diener gerufen, daß er +sogleich den Baum, der in einem Kübel voll Erde steckte, zurücktrage zu +dem Gärtner, von dem er gemietet war. Keine Stunde war der Christbaum +im Haus gewesen, keinen Duft hatte er verbreitet. + +"Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge +Deutsche und sah ihm wehmütig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei +doch unpraktisch, er nehme ja so viel Platz weg. + +Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie gönnt dem +Christbaum nicht den Platz? + + +Im Dunkel des frühen Dezembermorgens waren die jungen Pfäfflinge durch +den frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit +dickbeschneiten Mänteln und Mützen angekommen. Im Schulhof flogen die +Schneeballen hin und her, und bis zu der großen Pause um 10 Uhr waren +die zahllosen Spuren der Kinderfüße schon wieder von frischem Schnee +bedeckt und die größten Schneeballenschlachten konnten ausgeführt +werden. + +Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerückt, kniete da +und sah vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die +wie ein großer weißer Wall vor dem Kasernenzaun aufgetürmt lagen. Und +von diesem Zaun hatte jeder Stecken sein Käppchen, jeder Pfosten seine +hohe Mütze auf. + +Frau Pfäffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas +sehen," und schnell führte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und +öffnete das Fenster. Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus +vorbei, nach der Stadt zu, fuhr eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle +beladen mit Christbäumen. + +"Christbäume, Christbäume," jubelte Elschen so laut, daß einer der +Fuhrleute, der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als +er das glückselige Kindergesicht bemerkte, rief: "Für dich ist auch +einer dabei!" Die Kleine erglühte vor Freude und winkte dem Schneemann +nach. + +Aber alles auf der Welt ist nur dann schön und gut, wenn es an seinem +richtigen Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand +voll von diesem schönen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und +richtete dadurch Unheil an. + +Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Straßenecke, wo +einige Lateinschüler mit Realschülern zusammentrafen, gab es ein +hitziges Schneeballengefecht. Wilhelm Pfäffling war auch dabei. Einer +der Realschüler hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen, +indem er sich hinter der Straßenecke verbarg, dann rasch hervortrat, +seinen Wurf tat und wieder hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die +anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber wollten sie ihn aufs Korn +nehmen. Es waren ihm einige tüchtige Schneeballen zugedacht, wurfbereit +warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken ließe. Jetzt wurde +eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war nicht +der Realschüler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen +flogen dicht an seinem Kopf vorüber, zwei trafen ihn ganz gleichmäßig +auf die rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz +für den Schnee! + +Herr Sekretär Floßmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und +so schlecht empfangen wurde, stand still, warf böse Blicke und kräftige +Worte nach den Jungen. Daß sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus +Ungeschick geschehen, daß nun aber einige laut darüber lachten und +dicht an ihm vorbei weiter warfen, das war Frechheit. + +Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehört, zu den frechen nicht. +Nach Pfäfflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und +erklärte das Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees +abschütteln. Der Herr schien die Entschuldigung gelten zu lassen und +Wilhelm ging nun seines Wegs nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Herr +Sekretär Floßmann, als er ein paar Häuser weit gegangen war, einem +Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und verlangte, er solle +die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das war nun +freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann +kommen sahen, liefen auf und davon. + +Aber einen von Wilhelms Kameraden faßte er doch noch ab und fragte nach +seinem Namen. Der zögerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der +Kameraden war noch so nahe, um seine Antwort zu hören. + +"Also, dein Name," drängte der Schutzmann. "Wilhelm Pfäffling," lautete +die Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde. + +"Die Wohnung?" + +"Frühlingsstraße." + +"Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir +auf die Polizei willst." Er ließ sich's nicht zweimal sagen. Ein +"Wilhelm" war er allerdings auch, aber kein Pfäffling. Baumann war sein +Name. + +"Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfäffling +schadet das nichts, der ist überall gut angeschrieben, aber bei mir ist +das anders, wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heißt's: +fort mit dir. Ich sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich +aufgeschrieben werden sollte, der Pfäffling hat ebensogut geworfen wie +ich." + +Ahnungslos und mit dem besten Gewissen saß am nächsten Abend unser +Wilhelm an seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig +zerstreuter als sonst, denn er hatte sich heute bemüht, seinen Frieder, +mit der Harmonika in der Hand, abzuzeichnen, und da war Frieders +Gesicht so ausgefallen, daß allen davor graute. Nun mußte er +unwillkürlich auf seinem Fließblatt Studien machen über des kleinen +Bruders gutmütiges Gesichtchen, das sich über die biblische Geschichte +beugte, die vor ihm lag. Dazu kam, daß die Mutter und Elschen nicht am +Stricken und Flicken saßen, wie sonst, sondern Zwetschgen und +Birnenschnitze zurichteten zu dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor +Weihnachten gebacken wurde. So waren Wilhelms Gedanken heute zwischen +Weihnachten und Latein geteilt; er achtete gar nicht darauf, daß Herr +Pfäffling eintrat und gerade hinter seinen Stuhl kam. + +"Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah +überrascht auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick. +"Was ist's, Vater?" fragte er. + +"Das frage ich dich," sagte Herr Pfäffling, "ein Polizeidiener war da +und hat dich vorgeladen, für morgen, auf die Polizei. Was hast du +angestellt?" + +"Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann +doch nicht sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn +getroffen haben, der gerade so ungeschickt daher gekommen ist?" + +"Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet +ungeschickt geworfen haben. Könnt ihr nicht aufpassen?" rief Herr +Pfäffling, und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt +an des Vaters Hand, daß es klatschte. + +"Aber, Wilhelm," rief die Mutter und schob ihr Weihnachtsgeschäft +beiseite, "warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf +diesen Vorwurf versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein +Möglichstes getan, daß man ihm glauben mußte. Die ganze +Geschwisterschar fing nun an, aufzubegehren über den unguten Mann, der +trotzdem auf der Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie zur Ruhe +wies; sie wollte noch genau hören, wie die Sache sich zugetragen, und +woher man seinen Namen gewußt habe. Das letztere konnte aber Wilhelm +nicht erklären. "Muß ich denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um +welche Zeit?" + +"Um 11 Uhr." + +"Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muß ich es +dem Professor sagen, dann erfährt es der Rektor und schließlich kommt +die Sache noch ins Zeugnis!" + +"Natürlich erfährt das der Rektor," sagte Herr Pfäffling, "die anderen +sind jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!" + +Es war eine Weile still, jedes dachte über den Fall nach. "Könntest du +nicht etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfäffling zu +ihrem Mann, "und ein gutes Wort für ihn einlegen?" + +Herr Pfäffling überlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der +Musikschule, da kann ich unmöglich fort. Das muß er schon allein +ausfechten. Es kann ihm auch nicht viel geschehen, wenn es sich nur um +einen Schneeballen an die Schulter handelt; war auch gewiß sonst gar +nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum glauben!" + +"Gar nichts, als daß die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen +haben, dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geärgert. +Besonders der Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl." + +"Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heißt es mitgefangen, +mitgehangen." Elschen drückte sich an die Mutter und sagte kläglich: +"Jetzt wird Weihnachten gar nicht schön." Und es widersprach ihr +niemand, für diesen Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude +aus dem Hause gewichen. + +Noch spät abends, im Bett, flüsterten die beiden Schwestern zusammen, +berieten, ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt würde, +und als Anne eben im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und +sagte: "Das ärgste ist mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der +Polizei hört, dann kündigt er uns!" + +Da war es denn schon wieder in der Familie Pfäffling, das +Schreckgespenst, die Kündigung! + +So bangen Herzens, wie am nächsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie +auf den Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein +Briefchen mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine +Angst, ein Unrecht ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr +doch angemerkt, wie unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte +zufällig gehört, wie der Vater zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von +vier Buben muß sich auf allerlei gefaßt machen." + +In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Übeltätern zu +erkundigen. "Müßt ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die +übrigen Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen! + +"Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu +Baumann, "dich hat der Schutzmann aufgeschrieben." + +"Es ist nicht wahr." + +"Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Nähe und habe es +deutlich gesehen." + +Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als +der Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung +seiner Schüler und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn +Pfäfflings Brief reichte und er las, um was es sich handelte, +erkundigte er sich gleich, ob noch mehrere vorgeladen seien, und als er +hörte, daß Pfäffling der einzige sei, sagte er: "Dann möchte ich mir +auch ausbitten, daß die anderen sich nicht darum kümmern. Es ist schon +störend genug, daß einer vor Schluß der Stunde fort muß, gerade heute, +wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird. Wer sich +sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken +zusammen!" + +So wurde äußerlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht +zu bemerken, wie dem einen Schüler das Herz klopfte vor innerer +Entrüstung, daß er allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen +vor Angst darüber, daß sein Betrug an den Tag kommen würde. + +Kurz vor elf Uhr verließ Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors +das Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten +Gängen und auf der breiten Treppe, die nicht für so ein einzelnes +Bürschlein berechnet war, sondern für einen Trupp fröhlicher Kameraden. +Heute begleitete ihn keiner, den sauern Gang auf die Polizei mußte er +ganz allein tun. Und nun betrat er das große Gebäude, in dem er ganz +fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der Hand und las: Erster +Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner kümmerte sich um +ihn; vor mancher Zimmertüre standen Männer und Frauen und warteten. Nun +war er bei Nr. 10, die übernächste Türe mußte die richtige sein, Nr. +l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann—und das war Herr Pfäffling. + +"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze +Qual, die Angst und die ganze Wonne der Erlösung. Herr Pfäffling faßte +ihn bei Hand. "Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht," +sagte er, "jetzt komm nur schnell herein, daß wir bald fertig werden!" + +Im Zimmer Nr. 12 saß ein Polizeiamtmann. + +Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache: +Wilhelm war angezeigt worden, weil er Herrn Sekretär Floßmann mit +Schneeballen getroffen, darnach in frecher Weise gelacht und das +Schneeballenwerfen in unmittelbarer Nähe fortgesetzt habe. + +"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann. + +"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber +weiter nichts." Nun mischte sich Herr Pfäffling ins Gespräch: "Du hast +mir erzählt, daß du dich ausdrücklich entschuldigt habest und sofort +heimgegangen seiest." Da lächelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte +wohl der Vater besänftigt werden, in Wahrheit verhielt sich's aber, +nach der Aussage des Herrn Sekretärs und des Schutzmanns ganz anders, +und Sie werden begreifen, daß ich diesen mehr Glauben schenke als dem +Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des Herrn Sekretär +Floßmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen eines +Vergehens entschuldigt hat." + +"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfäffling, "daß sowohl Frechheit +als Lüge auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich wäre sonst nicht +mit ihm gekommen, sondern hätte mich seiner geschämt. Wäre es nicht +möglich, den Herrn Sekretär oder den Schutzmann zu sprechen?" + +"Gewiß," sagte der Amtmann, "Herr Sekretär hat seine Kanzlei oben und +der Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen +Polizeidiener. "Bitten Sie Herrn Sekretär Floßmann, einen Augenblick zu +kommen und rufen Sie den Schutzmann Schmidt herein." + +"Wir machen zwar gewöhnlich nicht so viel Umstände, wenn es sich um +solch eine Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie +es wünschen, können Sie von den beiden selbst hören, wie der Verlauf +der Sache war." + +Ein paar Minuten später trat der Sekretär Floßmann und gleich darnach +der Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen +der Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte +noch weiter sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretär Floßmann ins Wort, +indem er sich an den Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn +gerade _diesen_ Jungen aufgeschrieben, den einzigen, der sofort +aufgehört hat zu werfen, und der sich in aller Form entschuldigt hat, +der mir selbst noch den Schnee abgeschüttelt hat?" und indem er auf +Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir zwei sind in +aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte ich +nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann ärgerlich an den +Schutzmann: "Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie möglich +gemacht?" Der rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfäffling, +den ich aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein +rotes Gesicht. Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?" + +"Nein, aber es heißt keiner Wilhelm Pfäffling außer mir." + +"Oho," sagte der Amtmann, "da kommt es auf eine falsche Namensangabe +hinaus, das muß ein frecher Kamerad sein. Kannst du dir denken, wer dir +den Streich gespielt hat?" fragte er Wilhelm. Der besann sich nicht +lange. "Jawohl," sagte er, "es ist nur ein solcher Gauner in unserer +Klasse." + +"Wie heißt er?" Da sah Wilhelm seinen Vater an und sagte zögernd: "Ich +kann ihn doch nicht angeben?" + +"Nein," sagte Herr Pfäffling, "du weißt es ja doch nicht gewiß, und +deine Menschenkenntnis ist nicht groß." + +"Den Schlingel finde ich schon selbst heraus, den erkenne ich wieder," +sagte der Schutzmann, "ich fasse ihn ab um 12 Uhr, wenn die Schule aus +ist." + +Nun wandte sich der Amtmann an Herrn Pfäffling: "Ich bedaure das +Versehen," sagte er, und Wilhelm entließ er mit den Worten: "Du kannst +nun gehen, aber halte dich an bessere Kameraden und paß auf mit dem +Schneeballenwerfen, in den Straßen ist das verboten, dazu habt ihr +euren Schulhof!" + +Vater und Sohn verließen miteinander das Polizeigebäude. "O Vater," +rief Wilhelm, sobald sie allein waren, "wie bin ich so froh, daß du +gekommen bist! Mir allein hätte der Polizeiamtmann nicht geglaubt." + +"Du hast dich auch nicht ordentlich verteidigt, hast ja nicht einmal +erzählt, wie der Verlauf war. Bei uns zu Hause hast du deine Sache viel +besser vorgebracht." + +"Mir geht das oft so, Vater, wenn ich spüre, daß man mir doch nicht +glauben wird, dann mag ich gar nichts zu meiner Verteidigung sagen. Oft +möchte ich etwas erzählen oder erklären, wie es gemeint war, dann denke +ich: ihr haltet das doch nur für Schwindel und Ausreden, und dann +schweige ich lieber." + +"Ich kenne das, Wilhelm, es kommt daher, weil es so wenig Menschen +genau mit der Wahrheit nehmen, dann trauen sie auch den andern keine +strenge Wahrhaftigkeit zu. Aber da darf man sich nicht einschüchtern +lassen. Wer recht wahrhaftig ist, darf alles sagen und Glauben dafür +fordern. Halte du es so, und wird dir etwas angezweifelt, so sage du +ruhig zu demjenigen: 'Habe ich dich schon einmal angelogen?' Aber +freilich mußt du sicher sein, daß er darauf 'nein' sagt." + +Die Beiden waren inzwischen dem Marktplatz nahe gekommen, wo ihre Wege +auseinandergingen. + +"War es dir recht ungeschickt, Vater, aus der Probe wegzukommen?" +fragte Wilhelm. "Höllisch ungeschickt!" sagte Herr Pfäffling, "ich +mochte den Grund nicht angeben, ich sagte nur schnell den +Nächstsitzenden etwas von Familienverhältnissen und lief davon; wer +weiß, was sie sich gedacht haben. Der junge Lehrer wird mich inzwischen +vertreten haben, so gut er es eben versteht." + +"Ich danke dir, Vater," sagte Wilhelm, als er sich trennte, und ganz +gegen die Gewohnheit der Familie Pfäffling griff er rasch nach des +Vaters Hand, küßte sie und lief davon. + +Als Herr Pfäffling zu der musikalischen Jugend zurückkam, sah er viele +freundlich lächelnde Gesichter und dachte sich: Die haben es doch schon +erfahren, daß du mit deinem Wilhelm auf der Polizei warst, es bleibt +nichts verborgen. "Darf man gratulieren?" fragte ihn leise eine +Bekannte, als er nahe an ihr vorbeiging. "Jawohl," sagte er, "es ist +gut vorübergegangen." Nach ein paar Minuten war er mit vollem Eifer bei +der Musik, und Wilhelm in gehobener Stimmung bei seinem griechischen +Schriftsteller. + +"Dir ist es offenbar gnädig gegangen auf der Polizei," sagte der +Professor nach der Stunde zu Wilhelm. + +"Ja, Herr Professor, es war eine Verwechslung, ich war gar nicht +aufgeschrieben worden, ein anderer hat meinen Namen statt seinem +angegeben." + +"Wer? Einer aus meiner Klasse?" + +"Wer das war, will der Schutzmann erst herausbringen," antwortete +Wilhelm. + +Der Professor hatte kaum das Schulzimmer verlassen, als alle Kameraden +sich um Wilhelm drängten und näheres erfahren wollten, auch Baumann war +unter ihnen. Der eine, der schon am Morgen behauptet hatte, daß Baumann +aufgeschrieben worden sei, sagte ihm frei ins Gesicht: "Du hast den +falschen Namen angegeben." Da versuchte er nimmer zu leugnen, sondern +fing an, sich zu entschuldigen: "Dem Pfäffling hat das doch nichts +geschadet, für mich wäre es viel schlimmer gewesen. Du mußt mir's nicht +übelnehmen, Pfäffling, ich habe ja vorher gewußt, daß dir das nichts +macht." + +"So? frage einmal meinen Vater, ob ihm so etwas nichts macht?" rief +Wilhelm, "du bist ein Tropf, ein Lügner, das sage ich dir; aber dem +Polizeiamtmann habe ich dich nicht verraten. Wenn dich der Schutzmann +nicht wieder erkennt, dann kann es ja wohl sein, daß du dich +durchgeschwindelt hast." Nun sprang einer der Kameraden die Treppe +hinunter, um zu sehen, ob ein Polizeidiener unten stehe. Richtig war es +so. Da wurde verabredet, Baumann in die Mitte zu nehmen, einige Größere +um ihn herum und dann in einem dichten Trupp die Treppe hinunter und +bis um die nächste Straßenecke zu rennen. So geschah es. Die meisten +Klassen des Gymnasiums hatten sich schon entleert; der Schutzmann stand +lauernd am Tor. Da, plötzlich tauchte ein Trupp von Knaben auf und +schoß an ihm vorbei, in solcher Geschwindigkeit, daß er auch nicht +_ein_ Gesicht erkannt hatte. Ärgerlich ging er seiner Wege, aber hatte +er den Übeltäter auch noch nicht fassen können, das war ihm jetzt +sicher, daß er zu dieser Klasse gehörte, und er sollte ihm nicht +entgehen. + +Wie war für Frau Pfäffling dieser Vormittag daheim so lang und so +peinlich! Immer mußte sie an Wilhelm denken. 'Er hat gewiß nichts +getan, was strafwürdig ist,' sagte sie sich und dann fragte sie sich +wieder: 'warum ist er dann vorgeladen?' Gestern hatte sie in fröhlicher +Stimmung alles vorbereitet für das Weihnachtsgebäck, heute hätte sie es +am liebsten ganz beiseite gestellt, alle Lust dazu war weg. Sie mühte +sich sonst so gern den ganzen Vormittag im Haushalt und dachte dabei: +'Wenn Mann und Kinder heimkommen von fleißiger Arbeit, sollen sie es zu +Hause gemütlich finden.' Aber wenn die Kinder nicht ihre Schuldigkeit +taten, wenn sie draußen Unfug trieben, sollte man dann daheim Zeit und +Geld für sie verwenden? + +In dieser Stimmung sah Frau Pfäffling diesen Morgen manches, was ihr +nicht gefiel. Im Bubenzimmer lagen Hausschuhe, nur so leichthin unter +das Bett geschleudert; häßlich niedergetreten waren sie auch, wie oft +hatte sie das schon verboten! Im Wohnzimmer lag ein Brief, den hätten +die Kinder mit zum Schalter nehmen sollen, alle sechs hatten sie ihn +sehen müssen, alle sechs hatten ihn liegen lassen, sogar Marianne, die +doch als Mädchen allmählich ein wenig selbst daran denken sollten, ob +nichts zu besorgen wäre! Das waren lauter Pflichtversäumnisse, und wer +daheim die Hausgesetze nicht beachtete, der konnte leicht auch draußen +gegen die Ordnung verstoßen. Aber freilich müßte die Mutter ihre Kinder +fester dazu anhalten, strenger erziehen, als sie es tat! Sie selbst war +schuld. + +Elschen, die nicht wußte oder nimmer daran dachte, was die Mutter heute +bedrückte, kam in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung herbeigesprungen. +Walburg hatte ihr die Teigschüssel ausscharren lassen. "Mutter," rief +die Kleine, "die Backröhre ist schon geheizt!" Aber die Mutter hatte +heute einen unglückseligen Blick. An dem ganzen kleinen Liebling sah +sie nichts als drei Streifen, Spuren von Teig an der Schürze. + +"Else, dahin hast du deine Finger gewischt," sagte sie mit ungewohnter +Strenge, "gestern erst habe ich dir gesagt, du sollst deine Hände +waschen, und nicht an die Schürze wischen," und sie patschte fest auf +die kleinen Hände. Das Kind zog leise weinend ab, und die Mutter sagte +sich vorwurfsvoll: 'Deine Kinder sind alle unfolgsam!' Darnach ging sie +aber doch zum Backen in die Küche, das angefangene mußte trotz allem +vollendet werden. Sie wollte den Schlüssel zum Küchenschrank mit +hinausnehmen, fand ihn nicht gleich und dachte bekümmert: 'Wo die +Hausfrau selbst ihre Ordnung nicht einhält, muß freilich die ganze +Wirtschaft herunterkommen!' In dieser schwarzsichtigen Stimmung +vergingen ihr langsam die Stunden, und gegen Mittag sah sie in +ängstlicher Spannung nach den Kindern aus. Diese hatten sich alle auf +dem Heimweg zusammengefunden und in der Frühlingsstraße holte auch Herr +Pfäffling sie ein. Die Losung war nun: "Nur schnell heim zur Mutter, +sie allein ist noch in Angst, hat keine Ahnung, wie gut sich alles +gelöst hat. Wie wird sie sorgen und warten, wie wird sie sich freuen!" + +Aber nicht nur Frau Pfäffling paßte auf die eilig Heimkehrenden, auch +Frau Hartwig sah heute Mittag nach ihnen aus, freilich aus einem ganz +andern Grund. Sie hatte diesen Morgen an die Haustüre einen großen +Bogen Papier genagelt, auf dem mit handgroßen roten Buchstaben +geschrieben stand: + +Man bittet die Türe zu schließen! + + +Darüber lachte ihr Mann sie aus und versicherte, es würde gar nichts +helfen, die Pfäfflinge würden die Türe offen stehen lassen. + +Die Hausfrau nahm ihre Mietsleute in Schutz. "Sie sind viel +ordentlicher, als du denkst. Wilhelm und Otto sind ja ein wenig +flüchtig, aber Karl ist immer aufmerksam und auch die Mädchen sind +manierlich; der kleine Frieder sogar wird zumachen, wenn er hört, daß +es mich sonst friert. Du wirst sehen, die Haustüre wird geschlossen." + +Um das zu beobachten stand nun die Hausfrau am Fenster, sah wie die +Familie Pfäffling sieben Mann hoch heim kam—eifriger sprechend als +sonst, hörte sie die Treppe hinauf gehen—noch flinker als gewöhnlich, +ging dann hinaus, um nachzusehen und fand die Haustüre offen stehend, +so weit sie nur aufging. + +Kopfschüttelnd schloß sie selbst die Türe. Aber sie verlor nicht den +guten Glauben an ihre Mietsleute. Sie hatte ihnen ja wohl angemerkt, +daß heute etwas besonderes los war. + +Im Zimmer fragte Herr Hartwig: "Nun, wer hat denn zugemacht?" Etwas +kleinlaut erwiderte sie: "Zugemacht habe ich." + +Droben herrschte nach überstandener Angst große Freude; auch Frau +Pfäffling war es wieder leicht ums Herz, glücklich und dankbar saß die +ganze Familie am Essen. Aber doch—zwischen Suppe und Fleisch—sagte die +Mutter: "Marianne, warum habt ihr den Brief nicht in den Schalter +geworfen?" + +"Vergessen!" + +"So geht jetzt und besorgt ihn." + +"Aber doch _nach_ dem Essen?" fragte fast einstimmig der Kinderchor. + +"Nein, nein, eben zwischen hinein, damit ihr es merkt. Ich kann euch +nicht helfen, ich hätte gar kein gutes Gewissen, wenn ich es nicht +verlangte." Da widersprach niemand mehr, die Mutter konnte man sich +nicht mit schlechtem Gewissen vorstellen. Die Mädchen gingen mit dem +Brief, Herr Pfäffling sah seine Frau verwundert an. + +Sie ging nach Tisch mit ihm in sein Zimmer. Da sagte sie ihm, wie +schwer es ihr den ganzen Vormittag zumute gewesen sei, und es kamen ihr +fast jetzt noch die Tränen. Sie sprachen lange miteinander, dann kehrte +Herr Pfäffling in das Wohnzimmer zurück, wo die Großen noch beisammen +waren. + +"Hört, ich möchte euch dreierlei sagen: Erstens: sorgt jetzt, daß vor +Weihnachten nichts mehr vorkommt, gar nichts mehr, denn bis man weiß, +wie die Sachen hinausgehen, sind sie doch recht unangenehm, besonders +für die Mutter. Zweitens: Sagt dem Baumann: er solle sich bei Herrn +Sekretär Floßmann entschuldigen, sonst werde es schlimm für ihn +ausgehen. Drittens: Walburg soll eine Tasse Kaffee für die Mutter +machen, es wird ihr gut tun, oder zwei Tassen." + +Einer von Herrn Pfäfflings guten Ratschlägen konnte nicht ausgeführt +werden, denn Wilhelm Baumann wurde noch an diesem Nachmittag aus der +Schule weg und auf die Polizei geholt und war von da an aus dem +Gymnasium ausgewiesen. + +Am Abend überbrachte ein Dienstmädchen einen schönen Blumenstock—eine +Musikschülerin ließ Frau Pfäffling gratulieren. + +"Ich werde morgen hinkommen und mich bedanken," ließ Herr Pfäffling +sagen. + +Ja, es gibt allerlei Freuden, zu denen man gratulieren kann! Warum +nicht auch, wenn ein unschuldig Verklagter freigesprochen wird? Oder +war etwas anderes gemeint? + + + + +6. Kapitel +Am kürzesten Tag. + + +Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Um dieselbe +Tageszeit, wo im Hochsommer die Sonne schon seit fünf Stunden am Himmel +steht, saß man heute noch bei der Lampe am Frühstückstisch, und als +diese endlich ausgeblasen wurde, war es noch trüb und dämmerig in den +Häusern. Allmählich aber hellte es sich auf und die Sonne, wenn sie +gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch ihre schrägen Strahlen +den Menschenkindern, die heute so besonders geschäftig durcheinander +wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich der +Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Jedermann wollte die +wenigen hellen Stunden benützen, um Einkäufe zu machen. Wieviel Gänse +und Hasen wurden da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbäume! +Auf den Plätzen der Stadt standen sie ausgestellt, die Fichten und +Tannen, von den kleinsten bis zu den großen stattlichen, die bestimmt +waren, Kirchen oder Säle zu beleuchten. + +Mitten zwischen diesen Bäumen, von ihrem weihnächtlichen Duft und +Anblick ganz hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser +kleiner Frieder. Er hatte für den Vater etwas in der Musikalienhandlung +besorgt, kam nun heimwärts über den Christbaummarkt und konnte sich +nicht trennen. Nun stand er vor einem Bäumchen, nicht größer als er +selbst, saftig grün und buschig. Sie mochten vielleicht gleich alt +sein, dieser Bub und dies Bäumchen und sahen beide so rundlich und +kindlich aus. Sie standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet und +wie wenn sie zusammen gehörten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum. + +"Du! dich meine ich, hörst du denn gar nichts; _so_ wirst du nicht viel +verdienen!" sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand +legte sich von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus +einem Traum, wandte sich und sah sich zwei Frauen gegenüber. Die ihn +angerufen hatte, war eine große, derbe Person, eine Verkäuferin. Die +andere eine Dame mit Pelz und Schleier. "Pack an, Kleiner, du sollst +der Dame den Baum heimtragen, du weißt doch die Luisenstraße?" sagte +die Frau und legte ihm den Baum über die Schulter. + +"Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?" fragte +die Dame. + +"O bewahre," meinte die Händlerin, "der hat schon ganz andere Bäume +geschleppt, sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm +heim gehen." "Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller," sagte die Dame. +"Sieh, auf diesem Papier ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur +nicht auf, daß dich's nicht in die Hände friert." Da Frieder immer noch +unbeweglich stand, gab ihm die Verkäuferin einen kleinen Anstoß in der +Richtung, die er einzuschlagen hatte. + +Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der +andern, trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, daß +er mehr aus Mißverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wußte es +aber nicht gewiß. Die Damen konnten die Bäume nicht selbst tragen, so +mußten eben die Buben helfen. Er sah manche mit Christbäumen laufen, +freilich meist größere. Er war eigentlich stolz, daß man ihm einen +Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt nur die Brüder begegnet +wären oder gar der Vater! + +Wie die Zweige ihn so komisch am Hals kitzelten, wie ihm der Duft in +die Nase stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der +Baum, obwohl er nicht groß war, unbarmherzig auf die Schulter, man +mußte ihn oft von der einen auf die andere legen, und bei solch einem +Wechsel entglitt ihm das Papierchen mit der Adresse und flatterte zu +Boden, ohne daß die steife, von der Kälte erstarrte Hand es empfunden +hätte. Nun schmerzten ihn die beiden Schultern, er trug den Baum frei +mit beiden Händen. Aber da wurde Frieder hart angefahren von einem +Mann, der ihm entgegen kam: "Du, du stichst ja den Menschen die Augen +aus, halte doch deinen Baum hinter dich, so!" und der Vorübergehende +schob ihm den Baum unter den Arm. Nach kürzester Zeit kam von hinten +eine Stimme: "Du, Kleiner, du kehrst ja die Straße mit deinem +Christbaum, halte doch deinen Baum hoch!" Ach, das war eine schwierige +Sache! Aber nun war auch die Luisenstraße glücklich erreicht. Freilich, +die Adresse war abhanden gekommen, aber Frieder hatte sich das +wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43 und im zweiten Stock und bei einer +Frau Doktor, das mußte nicht schwer zu finden sein. In Nr. 42a wollte +niemand etwas von dem Baum wissen, aber in Nr. 42b bekam Frieder guten +Bescheid, das Dienstmädchen wußte es ganz gewiß, der Baum gehörte nach +Nr. 47, die Dame war zugleich mit ihr auf dem Markt gewesen und hatte +einen Baum gekauft. Also nach Nr. 47. Als man ihm dort seinen Baum +wieder nicht abnehmen wollte, kamen ihm die Tränen, und eine mitleidige +Frau hieß ihn sich ein wenig auf die Treppe setzen, um auszuruhen. + +"In der Luisenstraße wohnt nur _ein_ Doktor," sagte sie, "und das ist +Dr. Weber in Nr. 24, bei dem mußt du fragen." Unser Frieder hätte nun +lieber in Nr. 43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei +die richtige Nummer, aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als +sich selbst, und so folgte er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43 +vorbei bis an Nr. 24 und hörte dort von dem Dienstmädchen der Frau Dr. +Weber, sie hätten längst einen Baum und einen viel schöneren und +größeren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Tränen herunter, und als +er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz klar, wo er +jetzt hingehen wollte—heim zur Mutter. Es mußte ja schon spät sein, +vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die +Mutter Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es dürfe nichts, gar +nichts mehr vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim! + +Und es war wirklich höchste Zeit. + +Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun +aber Marie und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen: +"Frieder hat versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen +Vormittag weggeblieben!" + +"Er ist gewiß schon längst bei den Brüdern, im Hof, auf der Schleife. +Sieh einmal nach ihm," sagten die Schwestern. + +Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu +ängstigen, nicht sowohl für den kleinen Bruder—was sollte dem +zugestoßen sein—, aber wenn er nicht zu Mittag käme, würden sich die +Eltern sorgen und darüber ärgern, daß doch wieder etwas vorgekommen +sei. "Er wird doch kommen bis zum Essen," sagten sie zueinander und, +als nun die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von allerlei, nur +nicht von Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater heim, +fröhlich und guter Dinge und fragte gleich: "Ist das Essen schon +fertig?" + +"Es ist noch nicht halb ein Uhr," entgegnete Karl, der die Frage gehört +hatte. "Es wird gleich schlagen," meinte der Vater, ging aber doch noch +in sein Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: "Wenn man +nur das Essen ein wenig verzögern könnte," sagte Karl. + +"Das will ich machen," flüsterte Marie, ging in die Küche, zog Walburg +zu sich und rief ihr dann ins Ohr: "Frieder ist noch nicht daheim, der +Vater wird so zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht +machen, daß man später ißt?" Walburg nickte freundlich, ging an den +Herd, deckte ihre Töpfe auf und sagte dann: "Du kannst der Mutter +sagen, den Linsen täte es gut, wenn sie noch eine Weile kochen +dürften." Da sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs Ausspruch ging +von Mund zu Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die Linsen +ganz hart. + +"So?" sagte sie verwundert, "mir kamen sie weich vor, aber wir können +ja noch ein wenig mit dem Essen warten." + +"Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht," sagten die +Kinder. + +So vergingen fünf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er +es nur mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf, +und bei seinem Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau +Pfäffling merkte jetzt, daß etwas nicht in Ordnung war und ging auch +hinaus. Da stand Frieder ganz außer Atem, mit glühenden Backen, den +Christbaum auf der Schulter und fragte ängstlich: "Ißt man schon?" + +Als er aber hörte, daß die Mutter ihn nicht vermißt hatte, und sah, wie +man seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: "Stell +ihn nur ab, du glühst ja ganz," da wurde ihm wieder leicht ums Herz. +Sie meinten alle, der Christbaum gehöre Frieder. "Nein, nein," sagte +dieser, "ich muß ihn einer Frau bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie +heißt und wo sie wohnt." Da lachten sie ihn aus und wollten alles genau +hören, auch Herr Pfäffling war hinzu gekommen und hörte von Frieders +Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Nun komm nur zu Tisch, du +kleines Dummerle, du!" + +Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte, +läßt sich denken. + +Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner +rechtmäßigen Besitzerin bringen könne. "Einer von euch Großen muß mit +Frieder gehen, ihm helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfäffling. + +"Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus +zu Haus laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen," +entgegnete Karl. + +"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem würde +ich mich schämen." + +"So, so," sagte Herr Pfäffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß +wohl ich meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der +Ecke stand, hob ihn frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte +spassend: "So werde ich durch die Luisenstraße ziehen, eine Schelle +nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum gehört, der soll sich melden.'" + +"Ich denke doch," sagte Frau Pfäffling, "einer von unseren dreien wird +so gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein +Kamerad denken sollte, daß er für andere Leute Gänge macht." Sie +schwiegen aber. Da setzte Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte +sehr ernst: "Kinder, fangt nur das gar nicht an, daß ihr meint: dies +oder jenes paßt sich nicht, das könnten die Kameraden schlecht +auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs +Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf +Meier ab." + +Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit +Hilfe dessen und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der +Baum in die Luisenstraße Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte. + +Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir +nichts daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich hätte gar nicht +gedacht, daß es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet." + +"Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir +ein Trinkgeld gibt," sagte Karl. + +"Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen +Pfennig mehr." + +Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins +Zimmer kam und sagte: "Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum +so lang bleibt, tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit, +deinem alten Mantel schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt." + +Diesem bestimmten Befehl gegenüber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto +mußte sich bequemen, Frieder zu begleiten. + +Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstraße gekommen, +als Otto plötzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und +sagte: "Da vornen kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich +aus, wenn sie meinen, ich müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück +kannst du doch den Baum selbst tragen? Und kannst dich auch selbst +entschuldigen, nicht?" + +"Gut kann ich," sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach +war das nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: "Dr. +Heller", das stimmte alles ganz gut mit dem Adreßbuch und oben im +zweiten Stock stand noch einmal der Name. Diesmal war Frieder an der +rechten Türe. + +Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein +wenig mit ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht früher als +Frieder nach Hause kommen. Als er sich endlich entschloß, heim zu +gehen, war es ihm nicht behaglich zumute; es reute ihn doch, daß er den +Kleinen zuletzt noch im Stich gelassen hatte. In der Frühlingsstraße +wollte er mit dem Bruder wieder zusammentreffen. Er wartete eine Weile +vergeblich auf ihn, dann ging ihm die Geduld aus, vermutlich war +Frieder schon längst daheim. Er hoffte ihn oben zu finden, aber es war +nicht so, das konnte er gleich daran merken, daß er von allen Seiten +gefragt wurde: wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun mußte er freilich +erzählen, daß er nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 den Baum +getragen, und dann mit einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hörte +man auch schon wieder jemand vor der Glastüre, das konnte Frieder sein, +und dann war ja die Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der +kleine Unglücksmensch und hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie +trauten ihren Augen kaum. "Ja Frieder, hast du denn die Wohnung nicht +gefunden?" riefen sie fast alle zugleich. Da zuckte es um seinen Mund, +er würgte an den Tränen, die kommen wollten, und preßte hervor: +"Neunmal geklingelt, niemand zu Haus!" Sie waren nun alle voll Mitleid, +aber sie konnten auch nicht verstehen, warum er nicht oben oder unten +bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hatte er eben gar +nicht gedacht. "Deshalb gibt man solch einem kleinen Dummerle einen +größeren Bruder mit," sagte Frau Pfäffling, "aber wenn der freilich so +treulos ist und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten." + +"Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht," rief Wilhelm, "ich gehe mit +dem Baum und das dürft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr +zurück," und flink faßte er den Christbaum, der freilich schon ein +wenig von seiner Schönheit eingebüßt hatte, und sprang leichtfüßig +davon. + +In der Luisenstraße Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und +sofort rief das Dienstmädchen: "Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch +noch!" Eine lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: "Wo +bist du denn so lang geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar +nicht, dir habe ich keinen Baum zu tragen gegeben, der gehört nicht +mir." + +Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen +jungen Pfäfflingen gemacht hatte. + +"Der Kleine dauert mich," sagte die junge Frau. "Das zweite Mal, als er +kam, war ich wohl mit meinem Mädchen wieder auf dem Markt, ich habe +nämlich nicht gedacht, daß er noch kommt, und habe einen andern geholt, +ich brauche ihn schon heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da +konnte ich nicht warten. Was mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr +wohl schon einen zu Haus? Ich würde euch den gern schenken." + +"Wir haben noch keinen," sagte Wilhelm. + +"Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten +kleinen Dicken, der so viel Not gehabt hat, möchte ich noch einen +Lebkuchen schicken, den bringst du ihm, nicht wahr?" + +Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnügt mit +seinem Baum heimwärts. + +Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter +angezündet, als Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe +geraubt hatten, kamen eilig mit derselben herbei, als Wilhelm +klingelte, und ließen sie vor Schreck fast aus der Hand fallen, als sie +den Baum sahen. "Der Baum kommt wieder!" schrien die Mädchen ins +Zimmer. "Unmöglich!" rief die Mutter. "Ja doch," sagte Karl, "der Baum, +der unglückselige Baum!" "Gelt," rief Frieder, "es wird nicht +aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt!" + +Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab +ihn Frieder: "Der ist für dich von deiner Frau Dr. Heller, und der +Baum, Mutter, der gehört uns, ganz umsonst!" Als Herr Pfäffling heim +kam, ergötzte er sich an der Kinder Erzählung von dem Christbaum, aber +er merkte, daß es Otto nicht recht wohl war bei der Sache, und wollte +sie eben deshalb genauer hören. "Also so hat sich's verhalten," sagte +er schließlich, "vor dem Lachen der Kameraden hast du dich so +gefürchtet, daß du den Bruder und den Baum im Stich gelassen hast? Dann +heiße ich dich einen Feigling!" + +Weiter wurde nichts mehr über die Sache gesprochen, aber dies eine Wort +"Feigling", vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das +brannte und schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu +vergessen. Es war auch am nächsten Morgen, an dem vierten +Adventssonntag, Ottos erster Gedanke. Es trieb ihn um, er konnte dem +Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen. Da trachtete er, mit der +Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, daß er ihr nachging, und +ließ sich allein finden, in dem Bubenzimmer. "Mutter," sagte er, "ich +kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich ihn +um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er hält mich doch für +feig." + +"Ja, Otto, er muß dich dafür halten, denn du bist es gewesen und zwar +schon manchmal in dieser Art. Immer abhängig davon, wie die anderen +über dich urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft +nur ankämpfen gegen die Feigheit, Beweise liefern, daß du auch tapfer +sein kannst." + +Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurückkehrten, +fehlte Otto. Er kam eine ganze Stunde später heim und dann suchte er +zuerst den Vater in dessen Zimmer auf. Herr Pfäffling sah von seinen +Musikalien auf. "Willst du etwas?" + +"Ja, dich bitten, Vater, daß du das Wort zurücknimmst. Du weißt schon +welches. Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt +gestanden und habe dann für jemand einen Baum heimgetragen. Drei von +meiner Klasse haben es gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld, +die ich bekommen habe." Da sah Herr Pfäffling mit fröhlichem, warmem +Blick auf seinen Jungen und sagte: "Es gibt allerlei Heldentum, das war +auch eines; nein, Kind, du bist doch kein Feigling!" + + + + +7. Kapitel +Immer noch nicht Weihnachten. + + +Der letzte Schultag vor Weihnachten war gekommen. Wer sich von der +Familie Pfäffling am meisten freute auf den Schulschluß, das war gerade +das einzige Glied derselben, das noch nicht zur Schule ging, das +Elschen. Ihr war die Schule die alte Feindin, die ihr, solange sie +zurückdenken konnte, alle Geschwister entzog, die unbarmherzig die +schönsten Spiele unterbrach, die ihre dunkeln Schatten in Gestalt von +Aufgaben über die ganzen Abende warf und die auch heute schuld war, daß +die Geschwister, statt von Weihnachten, nur von den Schulzeugnissen +redeten, die sie bekommen würden. + +Sie saßen jetzt beim Frühstück, aber es wurde hastig eingenommen, die +Schulbücher lagen schon bereit, und gar nichts deutete darauf hin, daß +morgen der heilige Abend sein sollte. Die Kleine wurde ganz ungeduldig +und mißmutig. "Vater," sagte sie aus dieser Stimmung heraus, "gibt es +gar kein Land auf der ganzen Welt, wo keine Schule ist?" + +"O doch," antwortete Herr Pfäffling, "in der Wüste Sahara zum Beispiel +ist zurzeit noch keine eröffnet." + +"Da mußt du Musiklehrer werden, Vater," rief die Kleine ganz energisch. +Aber da alle nur lachten, sogar Frieder, merkte sie, daß der Vorschlag +nichts taugte, und sie sah wieder, daß gegen die Schule ein für allemal +nichts zu machen war. + +Heute sollte sie das besonders bitter empfinden. Als sie nach der +letzten Schulstunde den großen Brüdern fröhlich entgegenkam, wurde sie +nur so beiseite geschoben; die Drei waren in eifrigem, aber leise +geführtem Gespräch und verschwanden miteinander in ihrem Schlafzimmer. +Es waren nämlich die Zeugnisse ausgeteilt worden, und da zeigte es +sich, daß Wilhelm in der Mathematik die Note "4" bekommen hatte, die +geringste Note, die gegeben wurde. Das war noch nie dagewesen, die Zahl +4 war bisher in keinem Zeugnisheft der jungen Pfäfflinge vorgekommen. +"So dumm sieht der Vierer aus," sagte Wilhelm, "was hilft es mich, daß +ein paar Zweier sind, wo das letztemal Dreier waren, der Vater sieht +doch auf den ersten Blick den Vierer." + +"Ja," sagte Karl, "gerade so wie unser Professor auch in der schönsten +Reinschrift immer nur die eine Stelle sieht, wo etwas korrigiert ist." + +"Wenn wir es nur einrichten könnten, daß wir die Zeugnishefte erst nach +Weihnachten zeigen müßten. Meint ihr, das geht?" + +"Nein," sagte Karl, "man hat sonst jeden Tag Angst, daß der Vater +darnach fragt. Aber es kann freilich die Freude verderben; hättest du +es nicht wenigstens zu einem schlechten Dreier bringen können?" + +Wilhelm blieb darauf die Antwort schuldig. Die Schwestern waren +inzwischen auch mit ihren Zeugnissen heimgekommen und suchten die +Brüder auf. Marie warf nur einen Blick auf die Gruppe, dann sagte sie: +"Gelt, ihr seid schlecht weggekommen?" und da keine Antwort erfolgte, +fuhr sie fort: "Unsere Zeugnisse sind gut, besser als das letztemal, +und der Frieder hat auch gute Noten. Dann wird der Vater schon +zufrieden sein." + +"Nein," sagte Wilhelm, "er wird nur meinen Vierer sehen." + +"O, ein Vierer?" "O weh!" riefen die Schwestern. + +"So jammert doch nicht so," rief Wilhelm, "sagt lieber, was man machen +soll, daß der Vater die Zeugnisse vor Weihnachten nicht ansieht?" + +Sie berieten und besannen sich eine Weile, ein Wort gab das andere und +zuletzt wurde beschlossen, die Noten sollten alle zusammengezählt und +dann die Durchschnittsnote daraus berechnet werden. Diese mußte, trotz +des fatalen Vierers, ganz gut lauten, so daß die Eltern wohl befriedigt +sein konnten. Die Mutter hatte überdies selten Zeit, die Heftchen +anzusehen, und dem Vater wollte man die schöne Durchschnittsnote in +einem geschickten Augenblick mitteilen, dann würde er nicht weiter +nachfragen; erst nach Neujahr mußten die Zeugnisse unterschrieben +werden, bis dahin hatte es ja noch lange Zeit, so weit hinaus sorgte +man nicht. Wilhelm war sehr vergnügt über den Gedanken, Otto, der das +beste Zeugnis hatte, war zwar weniger damit einverstanden, wurde aber +überstimmt, und sie machten sich nun an die Durchschnittsberechnung. + +Wilhelm holte Frieder herbei, der hatte der Mutter schon sein Zeugnis +gezeigt, nun wurde es ihm von den Brüdern abgenommen. "Seht nur," sagte +Wilhelm, "wie der sich diesmal hinaufgemacht hat!" + +"Dafür kann ich nichts," sagte Frieder, "die Mutter sagt, das kommt nur +von der Harmonika. Wahrscheinlich, wenn ich eine neue zu Weihnachten +bekomme, werden die Noten wieder schlechter. Gibst du mir mein Heft +wieder, Karl?" + +"Nein, das brauchen wir noch, sei nur still, daß ich rechnen kann." + +"Geh lieber hinaus, Frieder," sagte Marie mütterlich, "das Elschen hat +sich so gefreut auf dich," und sie schob den Kleinen zur Türe hinaus. + +Es ergab sich eine gute Durchschnittsnote, und Marie wollte es +übernehmen, sie dem Vater so geschickt mitzuteilen, daß er gewiß nicht +nach den Heften fragen würde. Sie wartete den Augenblick ab, wo Herr +Pfäffling sich richtete, um zum letztenmal vor dem Fest in das +Zentralhotel zu gehen. An seinen raschen Bewegungen bemerkte sie, daß +er in Eile war. "Vater," sagte sie, "wir haben alle unsere Zeugnisse +bekommen und die Noten zusammengezählt. Dann hat Karl berechnet, was +wir für eine Durchschnittsnote haben, weißt du, was da herausgekommen +ist? Magst du raten, Vater?" + +"Ich kann mich nicht mehr aufhalten, ich muß fort, aber hören möchte +ich es doch noch gerne, eine Durchschnittsnote von allen Sechsen? Zwei +bis drei vielleicht?" + +"Nein, denke nur, Vater, eins bis zwei, ist das nicht gut?" + +"Recht gut," sagte Herr Pfäffling; er hatte nun schon den Hut auf und +Marie bemerkte noch schnell unter der Türe: "Die Zeugnisheftchen will +ich alle in der Mutter Schreibtisch legen, daß du sie dann einmal +unterschreiben kannst." "Ja, hebe sie nur gut auf," rief Herr Pfäffling +noch von der Treppe herauf. + +Die kleine List war gelungen, die Heftchen wurden sehr sorgfältig, aber +sehr weit hinten im Schreibtisch geborgen; ungesucht würden sie da +niemand in die Hände fallen. + +Herr Pfäffling freute sich jedesmal auf die Stunden im Zentralhotel, +denn es war dort mehr ein gemeinsames Musizieren als ein Unterrichten +und so betrat er auch heute in fröhlicher Stimmung das Hotel. Diesmal +stand die große Flügeltüre des untern Saales weit offen, Tapezierer +waren beschäftigt, die Wände zu dekorieren, der Besitzer des Hotels +stand mitten unter den Handwerksleuten und erteilte ruhig und bestimmt +seine Befehle. "Das ist auch ein General," dachte Herr Pfäffling, +nachdem er einige Augenblicke zugesehen hatte. Große Tätigkeit +herrschte in den untern Räumen. An der angelehnten Türe des +Speisezimmers stand ein kleiner Kellner, die Serviette über dem Arm, +einige Flaschen in der Hand und sah zu, wie eben zwei hohe Tannenbäume +in den Saal getragen wurden. Aber plötzlich fuhr der kleine Bursche +zusammen, denn hinter ihm ertönte eine scheltende Stimme: "Was stehst +du da und hast Maulaffen feil, mach daß du an dein Geschäft gehst!" Es +war Rudolf Meier, der den Säumigen so anfuhr. Als er Herrn Pfäffling +gewahrte, grüßte er sehr artig und sagte: "Man hat seine Not mit den +Leuten, heutzutage taugt das Pack nicht viel." Eine Antwort erhielt +Rudolf nicht auf seine Rede, ohne ein Wort ging Herr Pfäffling an ihm +vorbei, die Treppe hinauf. + +Rudolf sah ihm nachdenklich nach. Es kam ihm öfters vor, daß er auf +seine verständigsten Reden keine Antwort bekam, und zwar gerade von den +Leuten, die er hoch stellte. Andere rühmten ihn ja oft und sagten ihm, +er spreche so klug wie sein Vater; ob wohl solche Leute, wie Herr +Pfäffling noch größere Ansprüche machten? Rudolf stellte sich die +Brüder Pfäffling vor. Wie kindisch waren sie doch im Vergleich mit ihm, +sogar Karl, der älteste; diesen Unterschied mußte ihr Vater doch +empfinden, es mußte ihm doch imponieren, daß er schon so viel weiter +war! Der kleine Kellner konnte es wohl noch bemerkt haben, wie +geringschätzig Herr Pfäffling an ihm vorübergegangen war: so etwas +erzählten sich dann die Dienstboten untereinander und spotteten über +ihn, das wußte er wohl. Ja, er hatte keine leichte Stellung im Haus. + +Indessen war Herr Pfäffling die ihm längst vertraute Treppe +hinaufgesprungen. Droben empfing ihn schon das flotte Geigenspiel +seiner Schüler, und nun wurde noch einmal vor Weihnachten ausgiebig +musiziert. + +"Es wird ein Ball im Hotel arrangiert zur Weihnachtsfeier," erzählte +ihm die Generalin am Schluß der Stunde, "es soll sehr schön werden." + +"Ja," sagte der General, "der Hotelier gibt sich alle Mühe, seinen +Gästen viel zu bieten, er ist ein tüchtiger Mann und versteht sein +Geschäft ausgezeichnet, aber sein Sohn _spricht_ nur von Arbeit und tut +selbst keine! Der Sohn wird nichts." + +Als Herr Pfäffling sich für die Weihnachtsferien verabschiedet hatte +und hinausging, sah er am Fenster des Korridors eben _den_ Sohn stehen, +über den einen Augenblick vorher das vernichtende Urteil gefällt war: +"Er wird nichts." Kann es ein traurigeres Wort geben einem jungen +Menschenkind gegenüber? Herr Pfäffling konnte diesmal nicht +teilnahmslos an ihm vorübergehen. Rudolf Meier stand auch nicht +zufällig da. Er wußte vielleicht selbst nicht genau, was ihn hertrieb. +Es war das Bedürfnis, sich Achtung zu verschaffen von diesem Mann. Ein +anderes Mittel hiezu kannte er nicht, als seine eigenen Leitungen zur +Sprache zu bringen. + +"Wünsche fröhliche Feiertage," redete er Herrn Pfäffling an. "Für +andere Menschen beginnen ja nun die Ferien, für uns bringt so ein Fest +nur Arbeit." + +Herr Pfäffling blieb stehen. "Ja," sagte er, "ich sehe, daß Ihr Vater +sehr viel zu tun hat, aber wenn die Gäste versorgt sind, haben Sie doch +wohl auch Ihre Familienfeier, Ihre Weihnachtsbescherung?" + +"Ne, das gibt es bei uns nicht. Früher war das ja so, als ich klein war +und meine Mutter noch lebte, aber ich bin nicht mehr so kindisch, daß +ich jetzt so etwas für mich beanspruchte. Ich habe auch keine Zeit. Sie +begreifen, daß ich als einziger Sohn des Hauses überall nachsehen muß. +Die Dienstboten sind so unzuverlässig, man muß immer hinter ihnen her +sein." + +"Lassen sich die Dienstboten von einem fünfzehnjährigen Schuljungen +anleiten?" + +Rudolf Meier war über diese Frage verwundert. Wollte es ihm denn gar +nicht gelingen, diesem Manne verständlich zu machen, daß er eben kein +gewöhnlicher Schuljunge war? + +"Ich habe keinen Verkehr mit Schulkameraden," sagte er, "in jeder +freien Stunde, auch Sonntags, bin ich hier im Hause beschäftigt." + +"Sie kommen wohl auch nie in die Kirche?" + +"Ich selbst nicht leicht, aber ich bin sehr gut über alle Gottesdienste +unterrichtet. Wir haben oft Gäste, die sich dafür interessieren, und +ich weiß auch allen, gleichviel ob es Christen oder Juden sind, +Auskunft zu geben über Zeit und Ort des Gottesdienstes, über beliebte +Prediger, feierliche Messen und dergleichen. Man muß allen dienen +können und darf keine Vorliebe für die eine oder andere Konfession +merken lassen. Wir dürfen ja auch Ausländer nicht verletzen und müssen +uns manche spöttische Äußerung über die Deutschen gefallen lassen. Das +bringt ein Welthotel so mit sich." + +Herr Pfäffling sagte darauf nichts und Rudolf Meier war zufrieden. Das +"Welthotel" war immer der höchste Trumpf, den er ausspielen konnte, und +der verfehlte nie seine Wirkung, auch auf Herrn Pfäffling hatte er +offenbar Eindruck gemacht, denn der geringschätzige Blick, den er vor +der Stunde für ihn gehabt hatte, war einem andern Ausdruck gewichen. + +Unten, im Hausflur, stand noch immer die Türe zu dem großen Saal offen, +die Dekoration hatte Fortschritte gemacht, Herr Rudolf Meier sen. stand +auf der Schwelle und überblickte das Ganze, und im Vorbeigehen hörte +Herr Pfäffling ihn zu einem Tapezierer sagen: + +"An diesem Fenster ist noch Polsterung anzubringen, damit jede Zugluft +von den Gästen abgehalten wird." + +Unser Musiklehrer, dem sonst, wenn er von seinen russischen Schülern +kam, die schönsten Melodien durch den Kopf gingen, war heute auf dem +Heimweg in Gedanken versunken. Er sah vor sich den tüchtigen +Geschäftsmann, der in unermüdlicher Tätigkeit sein Hotel bestellte, der +von seinen Gästen jeden schädlichen Luftzug abhielt, und der doch nicht +merkte, wie der einzige Sohn, dem dies alles einst gehören sollte, in +Gefahr war, zugrunde zu gehen. Herr Pfäffling war eine Straße weit +gegangen, da trieben ihn seine Gedanken wieder rückwärts. "Sprich mit +dem Mann ein Wort über seinen Sohn," sagte er sich, "wenn seinem Haus +eine Gefahr drohte, würdest du es doch auch sagen, warum nicht, wenn du +siehst, daß sein Kind Schaden nimmt, daß es höchste Zeit wäre, es den +schlimmen Einflüssen zu entziehen? Es sollte fortkommen vom Hotel, von +der großen Stadt, in einfache, harmlose Familienverhältnisse!" Während +sich Herr Pfäffling dies überlegte, ging er raschen Schritts ins +Zentralhotel zurück, und nun stand er vor Herrn Meier, in dem großen +Saal. + +Der Hotelbesitzer meinte, der Musiklehrer interessiere sich für die +Dekoration und forderte ihn höflich auf, alles zu besehen. "Ich danke," +sagte Herr Pfäffling, "ich sah schon vorhin, wie hübsch das wird, aber +um Ihren Sohn, Herr Meier, um Ihren Sohn ist mir's zu tun!" + +Äußerst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach +einem anstoßenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestört. Wollen Sie +Platz nehmen?" + +"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich stehe lieber," eigentlich hätte er +sagen sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespräch +begonnen, so trieb ihn der Eifer im Zimmer hin und her. + +"Ich meine," sagte er, "über all Ihren Leistungen als Geschäftsmann +sehen Sie gar nicht, was für ein schlechtes Geschäft bei all dem Ihr +Kind macht. Ist's denn überhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie +ein Mann und ist doch kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der +tüchtig arbeitet und dann fröhlich spielt. Er aber tut keines von +beiden. In dem Alter, wo er gehorchen sollte, will er kommandieren, den +Herrn will er spielen und hat doch nicht das Zeug dazu. Er wird kein +Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein Christ, denn er +dünkt sich über alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem Hotel, fort +von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da könnte noch etwas aus +ihm werden, aber so nicht!" + +Herr Pfäffling hatte so eifrig gesprochen, daß sein Zuhörer dazwischen +nicht zu Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und +kühl: "Ich muß mich wundern, Herr Pfäffling, daß Sie mir das alles +sagen. Wir kennen uns nicht und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur +ganz flüchtig. Mir scheint, Sie urteilen etwas rasch. Andere sagen mir, +daß mein Sohn der geborene Geschäftsmann ist und schon jetzt einem Haus +vorstehen könnte. Wenn er Ihnen so wenig gefällt, dann bitte kümmern +Sie sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes Kind wohl am besten und +werde für sein Wohl sorgen." + +Herr Pfäffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie +dieser vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, daß ich Sie +gekränkt habe. Das wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich +vergessen, was ich schon so oft bei den Eltern meiner Schüler erfahren +habe, daß es die Menschen nicht ertragen, wenn man offen über ihre +Kinder spricht und wenn es auch aus der reinsten Teilnahme geschieht. +Sagen Sie mir nur das eine, warum würden Sie es mir danken, wenn ich +Ihnen sagte: 'Ihr Kind ist in Gefahr, ins Wasser zu fallen,' und warum +sind Sie gekränkt, wenn ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr für seinen +Charakter?' Darin kann ich die Menschen nie verstehen!" + +Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein, +verlangten Bescheid, und Herr Pfäffling machte rasch der Unterredung +ein Ende, indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser +Sache gekommen, ich sehe, Sie sind draußen unentbehrlich und will Sie +nicht aufhalten." Er ging, der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurück. + +"Diese Sache ist mißlungen," sagte sich Herr Pfäffling, "ich habe +nichts erreicht, als daß sich der Mann über mich ärgert." Und nun +ärgerte auch er sich, aber nur über sich selbst. Warum hatte er sich +seine Worte nicht erst in Ruhe überlegt und schonend vorgebracht, was +er sagen wollte, statt diesen ahnungslosen Vater mit hageldicken +Vorwürfen zu überschütten? Nun ging er mit sich selbst ebenso streng +ins Gericht: "Nichts gelernt und nichts vergessen; immer noch gerade so +ungestüm wie vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und nachbedacht, trotz +aller Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst, auf die Leute +einzuwirken, so laß die Hand davon; kümmere dich um deine eigenen +Kinder, wer weiß, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen." + +Nachdem sich Herr Pfäffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er +sich über Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen +eigenen Kindern. Nun kam ihm wieder die Pfäfflingsche Note in den Sinn: +eins bis zwei. Er dachte in dieser Richtung noch weiter nach, und die +Folge davon war, daß er nach seiner Rückkehr dem ersten, der ihm zu +Hause in den Weg lief, zurief: + +"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich +will sie sehen!" + +Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse +müssen her, der Vater will sie sehen!" flüsterte eines dem andern zu. +"Warum denn, warum?" Niemand wußte Antwort, aber jetzt half keine List +mehr, Marie mußte die Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck +und sie hinübertragen in des Vaters Zimmer. + +"Ich habe das deinige ein wenig versteckt," sagte sie zu Wilhelm, als +sie wieder herüberkam, "vielleicht übersieht es der Vater." + +Herr Pfäffling kannte seine Kinder viel zu gut, als daß er ihre kleine +List mit der guten Durchschnittsnote nicht durchschaut hätte. "Irgend +etwas ist sicher nicht in Ordnung," sagte er sich, "gewiß sind ein paar +fatale Dreier da, oder eine schlechte Bemerkung über das Betragen." Er +überblickte die kleine Ausstellung auf seinem Tisch. Da lag zuvorderst +Karls Zeugnisheft. Dies hielt sich so ziemlich gleich, jahraus, +jahrein, nie vorzüglich, immer gut. Es gab das Bild eines +gewissenhaften Schülers, aber nicht eines großen Sprachgelehrten. + +Dann Otto. In den meisten Fächern I. So einen konnte man freilich gut +brauchen, wenn sich's um eine Durchschnittsnote handelte, der konnte +viele Sünden anderer gut machen. + +Maries Heftchen zeigte die größte Verschiedenheit in den Noten. Wo die +Geschicklichkeit der Hand in Betracht kam und der praktische Sinn, da +war sie vorzüglich, in Handarbeit, Schönschreiben, Zeichnen, da tat sie +sich hervor, aber bei der rein geistigen Arbeit war selten eine gute +Note zu sehen. Und von Anne konnte man das auch nicht erwarten, denn +sie war von der Natur ein wenig verkürzt, das Lernen fiel ihr schwer, +ohne Maries Hilfe wäre sie wohl nicht mit ihrer Klasse fortgekommen, +aber die Lehrer und Lehrerinnen hatten sich längst darein gefunden, bei +diesen Zwillingsschwestern das gemeinsame Arbeiten zu gestatten und die +Marianne als ein Ganzes zu betrachten. So schlugen sie sich schlecht +und recht miteinander durch und unter Annes Noten glänzten doch immer +zwei I, durch alle Schuljahre hindurch: im Singen und im Betragen. + +Bis jetzt hatte Herr Pfäffling noch nichts Neues oder Besonderes +entdecken können und nun hielt er Frieders Zeugnis in der Hand und +staunte. Was für gute Noten hatte sich der kleine Kerl diesmal +erworben! Fast in jedem Fach besser als früher und in einer Bemerkung +des Lehrers waren seine Fortschritte und sein Fleiß besonders +anerkannt! Wie kam das nur? Es mußte wohl mit der Harmonika +zusammenhängen, die ihm früher alle Gedanken, alle freie Zeit in +Anspruch genommen hatte! Herr Pfäffling hatte seine Freude daran und es +kam ihm der Gedanke, seine Kinder seien vielleicht doch nur durch die +besseren Zeugnisse auf den Einfall gekommen, eine Durchschnittsnote +herauszurechnen. Wieviel Heftchen hatte er schon gesehen? Fünf, eines +fehlte noch, Wilhelms Zeugnis, wo war denn das? Ah, hinter den Büchern, +hatte es sich wohl zufällig verschoben? Er warf nur einen Blick hinein +und die ungewohnte Form der Zahl IV sprang ihm ins Auge. Also das +war's! Mathematik IV. Das war stark. Herr Pfäffling lief im Zimmer hin +und her. Wie konnte man nur eine so schlechte Note heimbringen! Und wie +feig, sie so zu verstecken, und wie dumm, zu meinen, der Vater ließe +sich auf diese Weise überlisten! Schlechtere Noten konnte Rudolf Meier +auch nicht heimbringen. + +Er nahm das Heftchen noch einmal in die Hand. Im ganzen war das Zeugnis +etwas besser als die früheren, also Faulheit oder Leichtsinn war es +wohl nicht, aber für die Mathematik fehlte das Verständnis. + +Eine Weile war Herr Pfäffling auf und ab gegangen, da hörte er jemand +an seiner Türe vorbeigehen und öffnete rasch, um Wilhelm zu rufen. Es +war Elschen. Als sie den Vater sah, sprang sie auf ihn zu, sah ihm +fragend ins Gesicht und sagte dann betrübt: "Vater, du denkst gar nicht +daran, daß morgen Weihnachten ist!" und sie schmiegte sich an ihn und +folgte ihm in sein Zimmer. Er zog sie freundlich an sich: "Es ist wahr, +Elschen, ich habe nicht daran gedacht, es ist gut, daß du mich +erinnerst." + +"Die andern denken auch nicht daran," klagte die Kleine, "sie reden +immer nur von ihren Zeugnissen und freuen sich gar nicht." + +"So?" sagte Herr Pfäffling und wurde nachdenklich, "am Tag vor +Weihnachten freuen sie sich nicht? Nun, dann schicke sie mir einmal +alle sechs herüber, ich will machen, daß sie sich freuen!" + +Wie der Wind fuhr die Kleine durch die Zimmer und brachte ihre +Geschwister zusammen. Nun standen sie alle ein wenig ängstlich auf +einem Trüppchen dem Vater gegenüber. Es fiel ihm auf, wie sie sich so +eng aneinander drückten. Aus diesem Zusammenhalten war auch die +Durchschnittsnote hervorgegangen. + +"Ihr haltet alle fest zusammen," sagte er, "das ist ganz recht, nur +gegen mich dürft ihr euch nicht verbinden, mit List und +Verschwiegenheit, das hat ja keinen Sinn! Gegen den _Feind_ verbindet +man sich, nicht gegen den _Freund_. Habt ihr einen treuern Freund als +mich? Halte ich nicht immer zu euch? Wir gehören zusammen, zwischen uns +darf nichts treten, auch kein Vierer!" + +Da löste sich die Gruppe der Geschwister und in der lebhaften, warmen +Art, die Wilhelm von seinem Vater geerbt hatte, warf er sich diesem um +den Hals und sagte: "Nein, Vater, ich habe dir nichts verschweigen +wollen, nur Weihnachten wollte ich abwarten, damit es uns nicht +verdorben wird, du bist doch auch mit mir auf die Polizei gegangen, +nein, vor dir möchte ich nie etwas verheimlichen!" + +"Recht so, Wilhelm," antwortete Herr Pfäffling, "was käme denn auch +Gutes dabei heraus? Es ist viel besser, wenn ich alles erfahre, dann +kann ich euch helfen, wie auch jetzt mit dieser schlechten Note. Was +machen wir, daß sie das nächste Mal besser ausfällt? Nachhilfstunden +kann ich euch nicht geben lassen, die sind unerschwinglich teuer, mit +meinen mathematischen Kenntnissen ist es nicht mehr weit her, aber wie +wäre es denn mit dir, Karl? Du bist ja ein guter Mathematiker und hast +das alles erst voriges Jahr gelernt, du könntest dich darum annehmen. +Jede Woche zwei richtige Nachhilfstunden." Karl schien von diesem +Lehrauftrag nicht begeistert. "Ich habe so wenig Zeit," wandte er ein. + +"Das ist wahr, aber du wirst auch keinen bessern Rat wissen und den +Vierer müssen wir doch wegbringen, nicht? Gebt einmal den Kalender her. +Von jetzt bis Ostern streichen wir fünfundzwanzig oder meinetwegen auch +nur zwanzig Tage an für eine Mathematikstunde. Fällt eine aus, so muß +sie am nächsten Tag nachgeholt werden. Ich verlasse mich auf euch. +Macht das nur recht geschickt, dann werdet ihr sehen, im Osterzeugnis +gibt es keinen Vierer mehr." Die Brüder nahmen den Kalender her, +suchten die geeigneten Wochentage aus und ergaben sich in ihr +Schicksal, Lehrer und Schüler zu sein. + +"So," sagte Herr Pfäffling, "und jetzt fort mit den Zeugnissen, fort +mit den Mathematik-Erinnerungen; Elschen, jetzt ist's bei uns so schön +wie in der Sahara, wo es keine Schule gibt! Wer freut sich auf +Weihnachten?" Während des lauten, lustigen Antwortens, das nun erklang, +und Elschens fröhlichem Jauchzen ging leise die Türe auf, ein +Lockenköpfchen erschien und eine zarte Stimme wurde vernommen: "Ich +habe schon drei Mal geklopft, Herr Pfäffling, aber Sie haben gar nicht +'herein' gerufen." + +Es war Fräulein Vernagelding, die zu ihrer letzten Stunde kam. Noch +immer hatte sie Herrn Pfäffling allein im Musikzimmer getroffen, als +sie nun unerwartet die Kinder um ihn herum sah, machte sie große, +erstaunte Augen und rief: "Nein, wie viele Kinder Sie haben!" aber noch +ehe sie langsam diese Worte gesprochen hatte, waren alle sieben schon +verschwunden. "Und jetzt sind alle fort! Wie schnell das alles bei +Ihnen geht, Herr Pfäffling, ich finde das so reizend!" + +Die fliehende Schar suchte die Mutter auf und fand sie in der Küche. +Als aber Frau Pfäffling die Kinder kommen hörte, ließ sie sie nicht +ein, machte nur einen Spalt der Türe auf und rief: "Niemand darf +hereinschauen," und sie sah dabei so geheimnisvoll, so verheißungsvoll +aus, daß das Verbot mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Ja, jetzt +beherrschte die Weihnachtsfreude das ganze Haus und sogar aus dem +Musikzimmer ertönte nicht die Tonleiter, sondern "Stille Nacht, heilige +Nacht". Aber falsch wurde es gespielt, o so falsch! + +"Fräulein," sprach der gepeinigte Musiklehrer, "Sie greifen wieder nur +so auf gut Glück, aber Sie haben einmal kein Glück, Sie müssen _die_ +Noten spielen, die da stehen." + +"Ach Herr Pfäffling," bat das Fräulein schmeichelnd, "seien Sie doch +nicht so pedantisch! Das ist ja ein Weihnachtslied, dabei kommt es doch +nicht so auf jeden Ton an!" Nach diesem Grundsatz spielte sie fröhlich +weiter und nun, als der Schlußakkord kommen sollte, hörte sie plötzlich +auf und sagte: "Ich habe mir auch erlaubt, Ihnen eine kleine Handarbeit +zu machen zum täglichen Gebrauch, Herr Pfäffling." + +"Den Schlußakkord, Fräulein, bitte zuerst noch den Akkord!" Da sah sie +ihren Lehrer schelmisch an: "Den letzten Akkord spiele ich lieber +nicht, denn Sie werden immer am meisten böse, wenn der letzte Ton +falsch wird." + +"Aber Sie können ihn doch nicht einfach weglassen?" + +"Nicht? Das Lied könnte doch auch um so ein kleines Stückchen kürzer +sein?" + +Darauf wußte Herr Pfäffling nichts mehr zu sagen. Er nahm ein in +rosenrotes Seidenpapier gewickeltes Päckchen in Empfang und sagte +zuletzt zu Fräulein Vernagelding, er wolle ihr nicht zumuten, vor dem +8. Januar wieder zu kommen. Darüber hatte sie eine kindliche Freude, +und diese Freude, vierzehn Tage lang nichts mehr miteinander zu tun zu +haben, war wohl die einzige innere Gemeinschaft zwischen dem +Musiklehrer und seiner Schülerin. + +In vergnügter Ferienstimmung kam er in das Wohnzimmer herüber. Er hielt +hoch in seiner Rechten das eine Ende eines buntgestickten Streifens, +das über einen Meter lang herunter hing. + +"Da seht, was ich erhalten habe!" sagte er, "was soll's denn wohl sein? +Zu einem Handtuch ist's doch gar zu schön, kannst du es verwenden, +Cäcilie?" Da wurde es mit Sachkenntnis betrachtet und als eine +Tastendecke für das Klavier erkannt. + +"Und das soll ich in täglichen Gebrauch nehmen, immer so ein Tüchlein +ausbreiten?" rief Herr Pfäffling erschreckt; "nein, Fräulein +Vernagelding, das ist zu viel verlangt. Ich bitte dich, Cäcilie, ich +bitte dich, nimm mir das Ding da ab!" + +Herr Pfäffling hatte bis zum späten Abend keine Gelegenheit gefunden, +seiner Frau von dem Gespräch mit Herrn Rudolf Meier sen. zu erzählen. +Nun waren die Kinder zu Bett gegangen, Karl allein saß noch mit den +Eltern am Tisch, und Herr Pfäffling berichtete getreulich die Vorgänge +im Zentralhotel. Er stellte sich selbst dabei nicht in das beste Licht, +aber Frau Pfäffling war der Ansicht, daß Herr Meier die Kritik seines +Sohnes wohl auch in milderer Form übelgenommen hätte. "Es gibt so wenig +Menschen, die sich Unangenehmes sagen lassen," meinte sie. "Und wenige, +die es taktvoll anfassen," sprach Herr Pfäffling und fügte lächelnd +hinzu: "wo aber zwei solche zusammen kommen, gibt es leicht ein +glückliches Paar, nicht wahr?" + +Frau Pfäffling wußte, was ihr Mann damit sagen wollte, aber Karl sah +verständnislos darein. "Du weißt nicht, was wir meinen," sagte der +Vater zu ihm, "soll ich es dir erzählen, oder ist er noch zu jung dazu, +Cäcilie?" + +"O nein," rief Karl, "bitte, erzähle es!" + +"Soll ich? Nun also: Wie die Mutter noch ein junges Mädchen war und +dein Großvater Professor, da kam ich als blutjunger Musiklehrer in die +kleine Universitätsstadt und machte überall meine Aufwartung, um mich +vorzustellen. Fast zuerst machte ich bei deinen Großeltern Besuch. Es +war Regenwetter und ich trug einen langen braunen Überrock und hatte +den Regenschirm bei mir." + +"Du mußt auch sagen, was für einen Schirm," fiel Frau Pfäffling ein, +"einen dicken baumwollenen grünen, so ein rechtes Familiendach, wie man +sie jetzt gar nicht mehr sieht. Mit diesem Überrock und diesem Schirm +trat dein Vater in unser hübsches, mit Teppichen belegtes +Empfangszimmer, und er behielt den Schirm auch fest in der Hand, als +mein Vater ihn aufforderte, Platz zu nehmen. Meine Mutter war nicht zu +Hause, so war ich an ihrer Stelle, und mir, die ich noch ein junges, +dummes Mädchen war, kam das so furchtbar komisch vor, daß ich alle Mühe +hatte, mein Lachen zu unterdrücken." + +"Ja," sagte Herr Pfäffling, "du hast es auch nicht verbergen können, +sondern hast mich fortwährend mit strahlender Heiterkeit angesehen, und +um deine Mundwinkel hat es immerwährend gezuckt. Ich aber hatte keine +Ahnung, was die Ursache war. Dein Vater verwickelte mich gleich in ein +gelehrtes Gespräch, und wenn ich dazwischen hinein einen Blick auf dich +warf, so kam es mir wunderlich vor, daß du wie die Heiterkeit selbst +dabei warst. Aber nun paß auf, Karl, nun kommt das Großartige. Als ich +wieder aufstand, äußerte ich, daß ich im Nebenhaus bei Professer Lenz +Besuch machen wollte." + +"Ja," sagte Frau Pfäffling "und ich wußte, daß Lenzens zwei Töchter +hatten, so kleinlich lieblos und spöttisch, daß jedermann sie +fürchtete. Ich dachte bei mir: wenn der junge Mann im Überrock und mit +dem Schirm in der Hand bei Professer Lenz in den Salon tritt, so wird +er zum Gespött für den ganzen Kreis. Da dauerte er mich, und ich sagte +mir, ich sollte ihn aufmerksam machen, doch war ich schüchtern und +ungeschickt." + +"Du hast mich auch bis an die Türe gehen lassen," fiel Herr Pfäffling +ein, "ich hatte schon die Klinke in der Hand, da riefst du mich an, +wurdest dunkelrot dabei und sagtest: 'Herr Pfäffling, wollen Sie nicht +lieber ihren Überrock und Schirm ablegen?' Ich verstand nicht gleich, +was du meintest, wollte dir doch zu Willen sein und machte Anstalt, +meinen Überrock auszuziehen. Da war es aus mit deiner Fassung, du +lachtest laut und riefst: 'Ich meine nicht, wenn Sie gehen, sondern +wenn Sie kommen!' Dein Vater aber wies dich zurecht mit einem strengen +Wort und setzte mir höflich auseinander, daß es allerdings gebräuchlich +sei, im Vorplatz abzulegen; du aber warst noch immer im Kampf mit der +Lachlust." + +"Ja," sagte Frau Pfäffling, "so lange bis du freundlich und ohne jede +Empfindlichkeit zu mir sagtest: 'Lachen Sie immerhin über den Rüpel, +Sie haben es doch gut mit ihm gemeint, sonst hätten Sie ihm das nicht +gesagt.' Da verging mir das Lachen, weil die Achtung kam." + +"Ja, Karl, so haben sich deine Eltern kennen gelernt," schloß Herr +Pfäffling. + + + + +8. Kapitel +Endlich Weihnachten. + + +Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute +ist Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an +keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht +und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so +dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch +der Mutter helfen aus Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um +6 Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob +gerne eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn +geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die +Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes +erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen +Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche +befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht +hätte. + +Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der +etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus +dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die +allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber +damit war Frau Pfäffling nicht einverstanden. "Marianne," sagte sie, +"führt ihr die Kleinen in euer Stübchen und spielt ein wenig mit ihnen, +bis ich sie wieder hole." Als die Kinder weg waren, sagte Frau +Pfäffling: "Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie +ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir +einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?" "Ach," +entgegnete die Frau, "darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder +nehmen es, wenn sie's kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken +will, sie kommen doch dahinter und dann betteln sie und lassen einem +keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist +auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa Gutes für sie bekommen +hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns +war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend." + +"Wir sind auch keine reichen Leute, Schmidtmeierin, aber wenn ich auch +noch viel ärmer wäre, das weiß ich doch ganz gewiß, daß ich meinen +Kindern einen schönen heiligen Abend machen würde. Meine Kinder +bekommen auch nicht viel—das können Sie sich denken bei sieben—aber +weil keines vorher ein Stückchen sieht, so ist dann die Überraschung +doch groß. Glauben Sie, daß irgend eines von uns einen Lebkuchen oder +sonst etwas von dem Weihnachtsgebäck versuchen würde vor dem heiligen +Abend? Das käme uns ganz unrecht vor. Und wenn der Christbaum geputzt +wird, darf keines von den Kinder hereinschauen, erst wenn er angezündet +ist und alles hingerichtet, rufen wir sie herbei, mein Mann und ich, +und dann sind sie so überrascht, daß sie strahlen und jubeln vor +Freude, wenn auch gar keine großen Geschenke daliegen." + +"Bei Ihnen ist das eben anders, Frau Pfäffling, mein Mann hat keinen +Sinn für so etwas und will kein Geld ausgeben für Weihnachten." + +"Haben Sie kein Bäumchen kaufen dürfen?" fragte Frau Pfäffling. + +"Das schon," sagte die Schmidtmeierin, "er hat selbst eines +heimgebracht und Lichter dazu." + +"Nun sehen Sie, was braucht es denn da weiter? Ein sauberes Tuch auf +den Tisch gebreitet und die kleinen Sachen darauf gelegt, die ich Ihnen +hier zusammen gerichtet habe, das wäre schon genug für Kinder, aber ich +denke mir, daß Sie noch von anderen Familien, denen Sie aushelfen, +etwas bekommen, oder nicht?" + +"Frau Hartwig hat mich angerufen, ich solle nachher zu ihr herein +kommen, sie habe etwas für mich und die Kinder." + +"So lange lassen Sie die Kleinen bei uns, und in einem andern Jahr +tragen Sie alles heimlich nach Hause, dann wird bei Ihnen der Jubel +gerade so groß wie im reichsten Haus, und Ihr Mann wird sich dann schon +auch daran freuen." + +"Es ist wahr," sagte die Schmidtmeierin, "er hat am vorigen Sonntag +gezankt, weil ich den Kindern die neuen Winterkleider, die sie von der +Schulschwester bekommen haben, vor Weihnachten angezogen habe. Aber sie +haben so lang gebettelt und nicht geruht, bis ich ihnen den Willen +getan habe." + +"Aber Schmidtmeierin, da würde ich doch lieber tun, was der Mann will, +als was die Kinder verlangen und erbetteln! Was wäre das jetzt für eine +Freude, wenn die Kleidchen noch neu auf dem Tisch lägen! So würde mein +Mann auch den Sinn für Weihnachten verlieren. Das müssen Sie mir +versprechen, Schmidtmeierin, daß Sie meine Sachen, und die von Frau +Hartwig, und was etwa sonst noch kommt, verstecken, und dann eine +schöne Bescherung halten. Wo können denn Ihre Kinder bleiben, solange +Sie herrichten, ist's zu kalt in der Kammer?" + +"Kalt ist's, aber ich stecke sie eben ins Bett so lang!" + +"Ja, das tun Sie. Und noch etwas: können die Kinder nicht unter dem +Christbaum dem Vater ein Weihnachtslied hersagen, aus der Kinderschule? +Das gehört auch zur rechten Feier. Und wenn Sie noch von Ihrem +Waschlohn ein paar Pfennige übrig hätten, dann sollten Sie für den Mann +noch einen Kalender kaufen, oder was ihn sonst freut, und dann erzählen +Sie mir, Schmidtmeierin, ob er wirklich keine Freude gehabt hat am +heiligen Abend, und ob es nicht schön bei Ihnen war." + +"Ich mach's wie Sie sagen, Frau Pfäffling, und ich danke für die vielen +Sachen, die Sie mir zusammengerichtet haben." + +"Es ist recht, Schmidtmeierin, aber glauben Sie mir's nur, die Sachen +allein, und wenn es noch viel mehr wären, machen kein schönes Fest, das +können nur Sie machen für Ihre Familie; fremde Leute können die +Weihnachtsfreude nicht ins Haus bringen, das muß die Mutter tun, und +die Reichen können die Armen nicht glücklich machen, wenn die nicht +selbst wollen." + +Frau Pfäffling hielt die fremden Kinder noch eine gute Weile zurück; +als diese endlich heimkamen, waren alle Schätze im Schrank verborgen +und der Schlüssel abgezogen. + +Da sich aber die Kinder schon darauf gefreut hatten, fingen sie an, +darum zu betteln und schließlich laut zu heulen. Damit setzten sie +gewöhnlich bei der Mutter ihren Willen durch. Heute aber nicht; "brüllt +nur recht laut," sagte die Schmidtmeierin, "damit man es im Nebenhaus +hört. Nichts Gutes gibt's heute, nichts Schönes, erst am Abend, wenn +ihr dem Vater eure Lieder aufsagt. Bei Pfäfflings ist's auch so." + +Da ergaben sich die Kinder. + +Frau Pfäffling und Walburg hatten noch alle Hände voll zu tun mit +Vorbereitungen auf das Fest. Aber die Arbeit geschah in fröhlicher +Stimmung. "Man muß sich seine Feiertage verdienen," sagte Frau +Pfäffling und rief die Kinder zu Hilfe, die Buben so gut wie die +Mädchen. + +"Oben auf dem Boden hängen noch die Strümpfe von der letzten Wäsche," +sagte sie, "die sollten noch abgezogen werden. Das könnt ihr Buben +besorgen." Wilhelm und Otto sprangen die Treppe hinauf. Auf dem freien +Bodenraum war ein Seil gespannt, an dem eine ungezählte Menge +Pfäffling'scher Strümpfe hing. Walburg war eine große Person und +pflegte das Seil hoch zu spannen, die Kinder konnten die hölzernen +Klammern nicht erreichen, mit denen die Strümpfe angeklemmt waren. +"Einen Stuhl holen und hinaufsteigen," schlug Otto vor, aber Wilhelm +fand das unnötig, "Hochspringen und bei jedem Sprung eine Klammer +wegnehmen," so war es lustiger. Er probierte das Kunststück und brachte +es fertig, Otto gelang es nicht auf den ersten Sprung, und ein Trampeln +und Stampfen gab es bei allen beiden. Sie bemerkten nicht, daß die Türe +von Frau Hartwigs Bodenkammer offen stand und die Hausfrau, die eben +ihren Christbaumhalter hervorsuchte, ganz erschrocken über den +plötzlichen Lärm herauskam und rief: "Was treibt ihr denn aber da oben, +ihr Kinder?" + +"Wir nehmen bloß die Strümpfe ab", sagte Otto. "So tut es doch nicht, +wenn man Strümpfe abzieht," entgegnete Frau Hartwig. "Wir müssen eben +darnach springen," sagte Wilhelm, "sehen Sie, so machen wir das," und +mit einem Hochsprung hatte er wieder eine Klammer glücklich erfaßt, der +Strumpf fiel herunter. + +"Aber Kinder, so fallen sie ja alle auf den Boden!" sagte die Hausfrau. + +"Es sind ja nur Strümpfe," entgegnete Wilhelm, "die sind schon vorher +grau und schwarz, denen schadet das nichts." + +Eine kleine Weile stand Frau Hartwig dabei und machte sich ihre +Gedanken. Welche Arbeit, für soviel Füße sorgen zu müssen! Fast alle +Strümpfe schienen zerrissen! Und welche Körbe voll Flickwäsche mochten +sonst noch da unten stehen und auf die Hände der vielbeschäftigten +Hausfrau warten, die doch kein Geld ausgeben konnte für Flickerinnen! +Ob es nicht Christenpflicht wäre, da ein wenig zu helfen? + +Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Brüder mit dem Bescheid +herunter: Die meisten Strümpfe seien noch zu feucht, die Hausfrau +meine, sie müßten noch hängen bleiben. Frau Pfäffling achtete im Drang +der Arbeit kaum darauf und dachte nicht, daß Frau Hartwig kurz +entschlossen den ganzen Schatz Pfäffling'scher Strümpfe +heruntergenommen hatte, und ihnen nun mit Trocknen und Bügeln viel mehr +Ehre erwies, als diese es sonst erfuhren. Dann stapelte sie den Vorrat +auf, legte sich das Nötige zum Ausbessern zurecht und sagte sich: Das +gibt auch eine Weihnachtsüberraschung und wird nach Jesu Sinn keine +Feiertags-Entheiligung sein. + +Inzwischen war es Mittag geworden. Heute gab es bei Pfäfflings ein +kärgliches Essen. Mit Wassersuppe fing es an, und die Mutter redete den +Kindern zu: "Haltet euch nur recht an die Suppe, es kommt nicht viel +nach!" "Warum denn nicht?" fragte Elschen bedenklich. Die Antwort kam +von vielen Seiten zugleich. "Weil Weihnachten ist. Weißt du das noch +nicht? Vor dem heiligen Abend gibt es nie etwas ordentliches zu essen. +Die Walburg hat auch keine Zeit zu kochen." "Ja," sagte Frau Pfäffling, +"und selbst wenn sie Zeit hätte, heute Mittag müßte das Essen doch +knapp sein, damit man sich recht freut auf die Lebkuchen und auf den +Gansbraten, den es morgen gibt." Walburg brachte noch gewärmte Reste +vom gestrigen Tag herein, und als diese alle verteilt waren, sagte Herr +Pfäffling: "Wer jetzt noch Hunger hat, kann noch Brot haben und darf +dabei an ein großes Stück Braten denken!" + +"Und nun," sagte die Mutter, "hinaus aus dem Wohnzimmer; wenn ihr +wieder herein dürft, dann ist Weihnachten!" Da stob die ganze Schar +jubelnd davon; wenn man nicht mehr in das Zimmer herein durfte, ja dann +wurde es Ernst! + +Die Eltern standen beisammen und putzten den Baum, Frieders Baum. Die +kleinen Schäden, die er auf seinen vielen Wanderungen erlitten hatte, +wurden sorgfältig verdeckt, und bald stand er in seinem vollen Schmuck +da, mit goldenen Nüssen und rotbackigen Äpfeln, mit bunten Lichtern und +oben auf der Spitze schwebte ein kleiner Posaunenengel. Es gab in +andern Häusern feiner geschmückte Tannenbäume mit Winterschnee und +Eiszapfen, es gab auch solche, die mit bunten Ketten und Kugeln, mit +Papierblumen und Flittergold so überladen waren, daß das Grün des +Baumes kaum mehr zur Geltung kam. Pfäfflings Baum hatte von all dem +nichts, er war noch ebenso, wie ihn Großvater Pfäffling und Großmutter +Wedekind vor dreißig Jahren ihren Kindern geschmückt hatten, und weil +ihre seligsten Kindheitserinnerungen damit verbunden waren, mochten sie +nichts daran ändern. Mit der Krippe, die unter dem Baum aufgestellt +wurde, war es anders. Die feinen Wachsfiguren, die Tiere, die dazu +gehörten, standen nicht jedes Jahr gleich. Nach den Bildern, die uns +schon die alten deutschen Künstler gezeichnet haben, und in denen +unsere Maler uns auch jetzt noch die heilige Nacht darstellen, nach +diesen verschiedenen Bildern wurden die Krippenfiguren in jedem Jahr +wieder anders aufgestellt, das war Herrn Pfäfflings Anteil an dem +Herrichten des Weihnachtszimmers. Wenn aber die Tische gestellt waren, +und wenn die mühsame Arbeit des Einräumens von Puppenzimmer, Küche und +Kaufladen begann, dann verschwand der Herr des Hauses aus dem Gebiet +und übernahm die Aufsicht über die mutterlose Kinderschar, damit sie +nicht in Ungeduld und Langeweile auf allerlei Unarten verfiel. Gegen +vier Uhr, als es dunkelte, zogen sie zusammen fort nach der Kirche, in +der jedes Jahr um diese Zeit ein Gottesdienst gehalten wurde, so kurz +und doch so feierlich wie kein anderer im Jahr: Ein Weihnachtslied, das +Weihnachtsevangelium und ein paar Worte, nur wie ein warmer +Segenswunsch des Geistlichen. Es war genug, um in den Herzen der jungen +und alten Zuhörer die rechte Weihnachtsstimmung zu wecken. + +Frau Pfäffling hörte ihre Schar heimkommen, sie sah ein wenig heraus +aus dem Weihnachtszimmer und schob etwas durch den Türspalt, es war +eine Handvoll Backwerk, das etwas Schaden gelitten hatte durch die +Verpackung: "Das ist etwas zum versuchen," rief sie, "das ist +zerbrochen aus der Großmutter Paket gekommen, teilt euch darein! und +dann zieht frische Schürzen an und sagt auch Walburg, daß sie sich +bereit macht, nun wird bald alles fertig sein!" Der Mutter Angesicht +leuchtete verheißungsvoll, es rief auf allen Kindergesichtern das +gleiche Strahlen hervor. + +Herr Pfäffling war bei seiner Frau, er half bei den letzten +Vorbereitungen. "Jetzt wären wir so weit," sagte er, "können wir den +Baum anzünden?" + +"Wenn du einen kleinen Augenblick warten wolltest," erwiderte sie, "ich +bin so müd und möchte nur ein ganz klein wenig ruhen, um für den großen +Jubel Kraft zu sammeln." + +"Freilich, freilich," sagte Herr Pfäffling, "die Kinder können sich +wohl noch eine Viertelstunde gedulden, setze dich hieher, ruhe ein +wenig und schließe die Augen." + +"O, das tut gut," antwortete sie und lehnte sich still zurück. Aber nur +drei Minuten, dann stand sie wieder auf. "Nun bin ich schon wieder +frisch, und ich kann jetzt doch nicht ruhen, ich spüre die siebenfache +Unruhe, die klopfenden Herzen der Kinder da draußen, wir wollen +anzünden." Bald strahlten die Lichter an dem Baum, die großen Kerzen in +den silbernen Leuchtern, die die Tische erhellten, und die kleinen +Lichtchen in Puppenstube und Küche. Und nun ein Glockenzeichen und die +Türe weit auf! Sie drängen alle herein, die Kinder und Walburg hinter +ihnen. Dem Christbaum gelten die ersten Ausrufe der Bewunderung; +solange er die Blicke fesselt, ist's noch eine weihevolle Stimmung, ein +Staunen und seliges Widerstrahlen; dann wenden sich die Augen der +Bescherung zu, nun geht die beschauliche Freude über, immer lauter und +jubelnder wird das Kinderglück. + +War denn so Herrliches auf dem Gabentisch? Viel Kostbares war nicht +dabei, aber es war alles überraschend und jedes kleine Geschenk war +sinnig auf den Empfänger berechnet und manches erhielt durch einen +kleinen Vers, den der Vater dazu gemacht hatte, noch einen besonderen +Reiz. Wenn eines der Kinder nach den Eltern aufblickte, so sah es Liebe +und Güte, wenn es einem der Geschwister ins Gesicht sah, so glänzte +dies in Glück und Freude, und über all dem lag der Duft des +Tannenbaums—ja die Fülle des Glückes bringt der Weihnachtsabend! + +Frau Pfäffling berührte ihren Mann und sagte leise: "Sieh dort, den +Frieder!" An dem Plätzchen des großen Tisches, das ihm angewiesen war, +stand schon eine ganze Weile Frieder unbeweglich und sah mit +staunenden, zweifelnden Augen auf das, was vor ihm lag: Eine Violine! +Und nun nahm er den kleinen Streifen Papier, der daran gebunden war, +und las das Verschen: + +Fideln darfst du, kleiner Mann, +Vater will dir's zeigen. +Aber merk's und denk daran: +Immerfort zu geigen +Tut nicht gut und darf nicht sein. +Halte fest die Ordnung ein: +Eine Stund' am Tag, auch zwei, +Doch nicht mehr, es bleibt dabei. + + +"Mutter!" rief jetzt Frieder, "Mutter, hast du's schon gesehen?" Er +drängte sich zu ihr und zog sie an seinen Platz und fragte: "Darf ich +sie gleich probieren?" Und er nahm die kleine Violine, und da die +Geschwister ihm nicht viel Platz ließen, drückte er sich hinter den +Christbaum und fing ganz sachte an, leise über die Saiten zu streichen +und zarte Töne hervorzulocken. Und er sah und hörte nichts mehr von +dem, was um ihn vorging, und mühte und mühte sich, denn er wollte +_reine_ Töne, dieser kleine Pfäffling. Die Eltern sahen sich mit +glücklichem Lächeln an: "Dies Weihnachten vergißt er nicht in seinem +Leben," sagte Frau Pfäffling. "Ja," erwiderte ihr Mann, "und auf diesen +kleinen Schüler braucht mir wohl nicht bange zu sein!" + +"Vater, hast du gesehen?" riefen nun wieder zwei Stimmen. "Was ist's, +Marianne?" + +"Ein Päckchen feinste Glacéhandschuhe hat uns Fräulein Vernagelding +geschickt!" + +"Was? Euch Kindern, was tut _ihr_ denn damit?" + +"Wir ziehen sie an, Vater, viele Kinder in unserer Schule haben +welche." + +"Nun, wenn nur ich sie nicht tragen muß!" + +Es gab jetzt ein großes Durcheinander, denn die Brüder probierten ihre +neuen Schlittschuhe an, liefen damit hin und her, fielen auch +gelegentlich auf den Boden. Im untern Stock erzitterte die Hängelampe. +"Man könnte meinen, es sei ein Erdbeben, die da droben sind heute ganz +außer Rand und Band!" sagte Herr Hartwig zu seiner Frau. +"Weihnachtsabend!" entgegnete sie, und das eine Wort beschwichtigte den +Hausherrn. Auch hörte das Getrampel der Kinderfüße plötzlich auf, es +wurde ganz stille im Haus, nur eine einzelne Stimme drang bis in den +untern Stock: Otto deklamierte. Nacheinander kamen nun all die kleinen +Überraschungen für die Eltern an die Reihe, zu denen sich an jenem +Adventsonntag Frieder auf den Balken die Eingebung geholt hatte. Alles +gelang zur Freude der Eltern, zum Stolz unserer sieben! + +In ihrer Küche stand Walburg und sorgte für das Abendessen. Auch für +sie war ein Platz unter dem Christbaum, und sie war freundlich bedacht +worden. Aber die Freude und innere Bewegung, die sich jetzt auf ihren +großen, ernsten Zügen malte, hatte einen andern Grund. Schon seit heute +morgen bewegte sie etwas in ihrem Herzen, das sie gern besprochen +hätte, aber es hatte sich kein ruhiges Viertelstündchen finden lassen. +Wenn jetzt Frau Pfäffling herauskäme, jetzt hätte sie vielleicht einen +Augenblick Zeit für sie, aber sie würde wohl schwerlich kommen. Während +Walburg sich darnach sehnte, war Frau Pfäffling ganz von ihren Kindern +in Anspruch genommen, aber einmal, als ihr Blick zufällig auf Walburgs +Geschenke fiel, die noch auf dem Tisch lagen, dachte sie an das +Mädchen. Warum war es wohl gar so kurz im Weihnachtszimmer geblieben? +Es war noch nicht Zeit, das Abendessen zu bereiten, warum verweilte sie +nicht lieber unter den glücklichen Kindern, anstatt einsam in der +kalten Küche zu stehen? + +Frau Pfäffling ging hinaus, nach Walburg zu sehen. Die Mutter wurde +zuerst nicht vermißt, es gab ja so viel anzusehen und zu zeigen, und +der Vater war ja da, aber allmählich ging von Mund zu Mund die Frage: +"Wo ist denn die Mutter?" Herr Pfäffling schickte Frieder hinaus. Er +kam zurück mit dem Bescheid, die Küchentüre sei ganz fest zu und +Walburg rede so viel mit der Mutter, wie sonst nie. "Dann laßt sie nur +ungestört," sagte der Vater, "wenn Walburg einmal redet, muß man froh +sein." + +Frau Pfäffling brachte aus der kalten Küche einen warmen, sonnigen +Ausdruck mit herein. Die Kinder zogen sie an ihren Tisch heran, aber im +Vorbeigehen drückte sie unvermerkt ihrem Mann die Hand und sagte leise: +"Ich erzähle dir später!" Als Walburg das Abendessen auftrug wechselten +sie einen vielsagenden Blick, und Marie sagte: "Unserer Walburg sieht +man so gut an, daß heute Weihnachten ist." + +An diesem Abend waren die Kinder gar nicht zu Bett zu bringen, sie +wollten sich nicht trennen von der Bescherung. Es wurde spät, bis +endlich Herr Pfäffling mit seiner Frau allein war. "Du wirst nun auch +der Ruhe bedürftig sein," sagte er. + +"Ja, aber eines muß ich dir noch erzählen, was mir Walburg anvertraut +hat. Sie erhielt heute einen Brief von einer alten Frau aus ihrem +Heimatdorf, die schreibt in schlichten, einfachen Worten, daß vor einem +Jahr ihr Sohn Witwer geworden sei und mit seinen drei Kindern und dem +kleinen Bauerngut hilflos dastehe. Er müsse wieder eine Frau haben, und +weil er Walburg von klein an kenne, möchte er am liebsten sie haben. Er +wisse wohl, daß sie nicht gut höre, aber das mache weiter nicht viel. +Wenn sie einverstanden sei, möge sie in den Feiertagen einmal +herausfahren, daß man die Verlobung feiern könne und die Hochzeit +festsetze. Der Sohn hat dann noch an den Brief seiner Mutter unten +hingeschrieben, die Reisekosten wolle er zur Hälfte bezahlen. Walburg +kennt den Mann gut, denn sie waren Nachbarsleute, und sie ist ganz +entschlossen, ja zu sagen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das +freut für Walburg!" + +"Das ist freilich ein unerhofftes Glück, aber wird sie denn einem +Haushalt vorstehen können bei ihrer Taubheit?" + +"Wenn ihr die alte Mutter zur Seite steht, wird sie schon zurecht +kommen. Ein schweres Kreuz bleibt es freilich für sie, aber ich finde +es rührend, daß der Mann es auf sich nehmen will, um ihrer andern guten +Eigenschaften willen. Übrigens sagt Walburg, sie verstehe die Leute da +draußen viel besser, weil sie ihren Dialekt reden." + +"Das kann wohl etwas ausmachen, und mich freut es für die treue Person, +wenn auch nicht für uns. Aber wir werden auch wieder einen Ersatz +finden." + +"Nicht so leicht! Doch daran denke ich heute gar nicht. Am zweiten +Feiertag möchte sie hinausfahren auf ihr Dorf. Vorher wollen wir mit +den Kindern noch nicht davon sprechen, sondern ihnen erst, wenn Walburg +zurückkommt, sagen, daß sie Braut ist." + +Während unten so von ihr gesprochen wurde, war auch Walburg oben in +ihrer Kammer noch tätig. Sie hatte zuerst in diesem ihrem eigenen +kleinen Revier noch einmal ihren Brief gelesen und nun kniete sie vor +der hölzernen Truhe, in der ihre Habseligkeiten säuberlich und sorgsam +geordnet lagen. Sie hatte schon seit Jahren die Bauerntracht nimmer +getragen, die in ihrem Dorf gebräuchlich war, jetzt wollte sie sie +hervorsuchen, sie sollte ja wieder zu den Landleuten da draußen +gehören. Der dicke Rock und das schwarze Mieder, das Häubchen und die +breite blauseidene Schürze, das alles lag beisammen, und sollte nun +wieder zu Ehren kommen! + +Am zweiten Weihnachtsfeiertag, früh morgens, noch ehe es tagte, reiste +sie in ihrem ländlichen Staat in ihre Heimat. + +Erst wenn Walburg fehlte, merkte man, wie viel sie im Haus leistete. Es +war gar kein Fertigwerden ohne sie. Und nun gar in solchen Ferientagen. +Wenn Frau Pfäffling drei ihrer Kinder dazu gebracht hatte, schön +aufzuräumen, so hatten inzwischen vier andere wieder Unordnung gemacht +und auf dem großen Weihnachtstisch nahm der Kampf gegen die Nußschalen +und Apfelbutzen kein Ende. Dazu kam der Kinderlärm. Die Schlittschuhe +lagen bereit, aber das Eis wollte sich bei der geringen Kälte nicht +bilden, und Frau Pfäffling hatte doch so viel Feiertagsruhe davon +erhofft! So lockte nichts die Kinder ins Freie, sie trieben sich alle +sieben lachend, spielend oder streitend herum und machten der Mutter +warm. Bis sie das Mittagessen bereitet und auf den Tisch gebracht +hatte, war sie fast zu müde, um selbst davon zu nehmen. Da sah Herr +Pfäffling nach den Wolken am Himmel, erklärte, das Wetter helle sich +auf und er wolle einen weiten Marsch mit den großen Kindern machen. Als +eben beraten wurde, ob Marianne auch mittun könne, kam eine +Schulfreundin und lud die beiden Mädchen zu sich ein. Das war ein +seltenes Ereignis und wurde mit Freude aufgenommen. So blieben nur die +beiden Kleinen übrig, die begleiteten ein wenig traurig die Großen +hinunter, kamen dann aber um so vergnügter wieder herausgesprungen. Die +Hausfrau hatte sie eingeladen, ihren Christbaum anzusehen und bei ihr +zu spielen. + +So geschah es, daß Frau Pfäffling an diesem Nachmittag ganz allein war; +ihr Mann, die Kinder, ja sogar Walburg fort, so daß nicht einmal aus +der Küche ein Ton hereindrang. Wie wohl tat ihr die unerhoffte Ruhe! +Wie viel ließ sich auch an solch einem stillen Nachmittag tun, an das +man sonst nicht kam! Es war schon ein Genuß, sich sagen zu dürfen: was +_willst_ du tun? Meistens drängten sich die Geschäfte von selbst auf +und hätten schon fertig sein sollen, ehe man daran ging. Eine Weile +ruhte sie in träumerischem Sinnen und über dem wurde ihr klar, was sie +tun wollte: "Mutter," sagte sie leise vor sich hin, "Mutter, ich komme +zu dir!" + +Frau Pfäfflings Mutter lebte im fernen Ostpreußen, und seit vielen +Jahren hatten sich Mutter und Tochter nimmer gesehen. Die bald 80 +jährige Frau konnte _nicht mehr_, und die junge Frau konnte _noch_ +nicht die Reise wagen, die Kinder brauchten sie noch gar zu notwendig +daheim. Aber es war doch köstlich, das treue Mutterherz noch zu +besitzen, wenn auch in weiter Ferne. Seit langer Zeit hatte sie den +Ihrigen nur kurze, eilig geschriebene Briefe mit den nötigsten +Mitteilungen schicken können, jetzt wollte sie sich aussprechen, wie +wenn sie endlich, endlich einmal wieder bei der geliebten Mutter wäre. +Und es gab einen langen, langen Brief, in dem die ganze Liebe zur +Mutter sich aussprach, ja, in dem es fast wie Heimweh klang, aber das +konnte doch nicht sein, war Frau Pfäffling doch schon 18 Jahre aus dem +Elternhaus. Es stand in dem Brief viel von Glück und Dankbarkeit, viel +von des Tages Last und Hitze und davon, daß ihr Mann und sie noch immer +treulich an dem Trauungsspruch festhielten: Ein jeder trage des andern +Last. + +Ihr Brief war fertig geworden beim letzten Schimmer des kurzen +Dezembertags. Jetzt, als es dunkelte, ging sie zum Christbaum und +zündete ein einziges Lichtchen an. Das warf einen schwachen Schein und +große breite Schatten von Tannenzweigen zeichneten sich an der Decke +des Zimmers ab. Es war eine feierliche Stille am Weihnachtsbaum und +Frau Pfäffling sagte leise vor sich hin: Nahet euch zu Gott, so nahet +er sich zu euch. + +Eine Viertelstunde später mahnte die Glocke, daß wieder Leben und +Bewegung Einlaß begehre. "Nun werden die Kinder kommen," sagte sich +Frau Pfäffling. Sie fühlte sich wieder allen Anforderungen gewachsen, +fröhlich ging sie hinaus und sprach zu sich selbst: "Dein Mann soll +dich nicht so matt wiederfinden, wie er dich verlassen hat." Sie ging, +ihm und den Kindern zu öffnen, sie waren es aber nicht, die geklingelt +hatten, Walburg stand vor der Türe. + +"Du kommst schon?" rief Frau Pfäffling erstaunt, "wir haben dich erst +mit dem letzten Zug erwartet." + +"So kann ich das Abendessen machen," entgegnete das Mädchen. +"Kartoffeln zusetzen?" + +"Ja, aber das ist mir jetzt nicht das wichtigste, sage mir doch erst, +wie alles gegangen ist," und da Walburg zögerte, fügte sie hinzu, "ich +bin ganz allein zu Hause." Und nun antwortete Walburg: "Er hat sich's +nicht so arg gedacht, er meint, für die Kinder wäre doch eine besser, +die hört." Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und ging die +Treppe hinauf in ihre Kammer. Sie wollte den bräutlichen Putz ablegen. +Sorgsam faltete sie die blauseidene Schürze, versenkte sie in die Truhe +und legte den Brief dazu, der sie zwei Tage glücklich gemacht hatte. +Dann schlüpfte sie in ihre alltäglichen Kleider, setzte sich auf die +alte Truhe und sah mit traurigen, aber tränenlosen Augen auf die kahlen +Wände ihrer Kammer. Es war so kalt und totenstill da oben, es war so +öde und leer in ihrem Herzen. + +Da ging die Türe auf, Frau Pfäffling kam herein und stand unvermutet +neben dem Mädchen, das ihren Schritt nicht gehört hatte. "Walburg, du +tust mir so leid," sagte sie und ihre Augen waren nicht tränenleer. +Walburg aber beherrschte ihre Bewegung und erwiderte in ihrer ruhigen +Art: "Draußen habe ich selbst erst gemerkt, wie schlimm das mit mir +geworden ist, ich habe kein Wort verstanden, sie haben mir's auf die +Tafel schreiben müssen und die Kinder haben gelacht. So wird er wohl +recht haben. Er war freundlich mit mir bis zuletzt, das Reisegeld hat +er mir zu zwei Drittel gezahlt und die Alte hat mir noch Kuchenbrot +mitgegeben. Sonst wäre alles recht gewesen, nur gerade eben die +Taubheit. Und sie sagen auch, ich könnte gar nicht mehr so reden wie +sich's gehört. Ich weiß nicht wie das zugeht, Sie verstehe ich doch +auch ohne Tafel und rede ich denn nicht wie früher auch?" + +"Für uns redest du ganz recht," entgegnete Frau Pfäffling, "wir +verstehen uns und darum ist's am besten, wir bleiben zusammen. Uns +ist's lieb, daß du uns nicht verläßt, Walburg, du hast uns so gefehlt." +Da wich der starre, traurige Zug aus Walburgs Gesicht, und sie sah voll +Liebe und Dankbarkeit auf zu der Frau, die sich so bemühte, ihr, der +Tauben, Trostreiches zu Gehör zu bringen. Worte des Dankes fand sie +freilich nicht, aber mit Taten wollte sie danken; eilfertig griff sie +nach ihrer Hausschürze, band sie um und sagte: "Wenn der Herr heimkommt +und das Essen nicht gerichtet ist!" + +Frau Pfäffling sagte an diesem Abend zu ihren Kindern: "Walburg ist so +traurig aus ihrer Heimat zurückgekehrt, sie hat weder Eltern noch +Geschwister mehr draußen, wir wollen uns Mühe geben, daß sie sich bei +uns recht heimisch fühlt." + +"Ich gehe mit meiner Violine zu ihr," sagte Frieder, "den Geigenton +hört sie." + +Da warnte Herr Pfäffling mit dem Finger und sagte: "Nach dem Abendessen +noch geigen? Wie heißt dein Vers? + +"'Eine Stund am Tag, auch zwei, +Doch nicht mehr, es bleibt dabei.'" + + +Aber Frieder konnte nachweisen, daß er heute noch nicht zwei Stunden +gespielt hatte, ging hinaus in die Küche und machte mit denselben +Violinübungen, die sonst die Zuhörer in Verzweiflung bringen, dem +traurigen Mädchen das Herz leichter, denn es erkannte die +Anhänglichkeit des Kindes, und in die tiefe Vereinsamung, die ihr die +Taubheit auferlegte, drang der Ton der Saiten zu ihr als eine +Verbindung mit den Mitmenschen. + + + + +9. Kapitel +Bei grimmiger Kälte. + + +Das Neujahrsfest brachte grimmige Kälte, brachte Eis, mehr als zum +Schlittschuhlaufen nötig gewesen wäre. Schon beim Erwachen empfand man +die menschenfeindliche Luftströmung und es gehörte Heldenmut dazu, aus +den warmen Betten zu schlupfen. In Pfäfflings kalten Schlafzimmern war +das Waschwasser eingefroren, und man mußte erst die Eisdecke +einschlagen, ehe man es benützen konnte. + +Als die Familie sich mit Neujahrswünschen am Frühstückstisch +zusammenfand, galt Herrn Pfäfflings erster Blick dem Thermometer vor +dem Fenster, und er mußte das Quecksilber in ungewohnter Tiefe suchen. +"Zwanzig Grad Kälte," verkündete er, "Kinder, das habt ihr noch nie +erlebt; und Walburgs Neujahrsgruß lautete: 'Die Wasserleitung ist über +Nacht eingefroren.'" + +Die Straßen waren ungewöhnlich still, wer nicht hinaus mußte, blieb +daheim am warmen Ofen und wer, wie die Briefträger, am Neujahrstag ganz +besonders viel durch die kalten Straßen laufen und vor den Häusern +stehend warten mußte, bis die Türen geöffnet wurden, der hörte manches +teilnehmende Wort. Frau Hartwig brachte ihnen bei jedem Gang eine Tasse +warmen Kaffees entgegen. Auch die Familie Pfäffling hatte ihr Päckchen +Glückwunschkarten und -briefe erhalten und unter diesen Briefen war +einer, der noch mehr als Glückwünsche enthielt. Es war die Antwort auf +Frau Pfäfflings Weihnachtsbrief und er brachte ihr eine warme, +dringende Einladung, sich zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter, der +im Februar gefeiert werden sollte, einzufinden, damit nach langen +Jahren der Trennung auch _einmal_ wieder die drei Geschwister mit der +Mutter in der alten Heimat vereinigt wären. So viel Liebe und +Anhänglichkeit sprach sich aus in den Briefen von Frau Pfäfflings +Bruder und Schwester, denen ein eigenhändiger, mit zitternder Hand +geschriebener Gruß der alten Mutter beigesetzt war, daß Frau Pfäffling +tief bewegt war und zu ihrem Mann wehmütig sagte: "Ach, wenn es nur +möglich wäre, aber es ist ja gar nicht daran zu denken! So weit fort +und auf ein paar Wochen, denn für einige Tage würde sich die große +Reise gar nicht lohnen." + +Es kam ganz selten vor, daß Frau Pfäffling für sich einen Wunsch +äußerte, und so war es nur natürlich, daß es der ganzen Familie +Eindruck machte, wenn es doch einmal geschah. + +"Geht es denn wirklich nicht, Vater?" fragte Karl. + +"So ganz unmöglich kommt mir die Sache nicht vor," antwortete Herr +Pfäffling, indem er sich an seine Frau wandte, "jetzt, wo die Kinder +groß sind und Walburg so zuverlässig ist." + +Frau Pfäffling wollte etwas entgegnen, aber der ganze Kinderchor +stimmte dem Vater zu, wollte gar keine Schwierigkeit gelten lassen und +versicherte, es sollte in Abwesenheit der Mutter alles so ordentlich +zugehen, wie wenn sie da wäre. Aber sie schüttelte dazu ungläubig den +Kopf und brach die Beratung ab, indem sie sagte: "Bei solch einer Kälte +mag man gar nicht an eine Reise denken, wir wollen sehen, was der +Januar bringt!" + +Zunächst brachte er den Abschluß der Ferienzeit, die Schulen begannen +wieder. So warm wie möglich eingepackt machten sich die Kinder auf den +Weg. Freilich, die drei großen Brüder besaßen zusammen nur zwei +Wintermäntel, bisher waren sie auch immer gut damit ausgekommen, heute +hätte jeder gerne einen gehabt. Otto hatte sich einen gesichert, indem +er ihn schon vor dem Frühstück angezogen hatte. Nun standen Karl und +Wilhelm vor dem einen, der noch übrig war. "Dich wird's nicht so arg +frieren wie mich," sagte Wilhelm zum größeren Bruder und Karl, obwohl +er nicht recht wußte, warum es ihn nicht so frieren sollte, war schon +im Begriff, auf den Mantel zu verzichten, als Otto sich einmischte: +"Laß doch Karl den Mantel. In den obern Klassen hat doch jeder einen, +es sieht so dumm aus, wenn er allein keinen hat!" + +"Dumm?" sagte Herr Pfäffling, "es sieht eben aus, als seien keine +großen Kapitalien da, mit denen man ungezählte Mäntel beschaffen +könnte. So ist's und deshalb darf es auch so aussehen. Übrigens, länger +als fünfzehn Minuten braucht ihr nicht zum Schulweg, ist das auch der +Rede wert, wenn man eine Viertelstunde frieren muß? Seid ihr so +zimpferlich?" + +"Ich nicht," rief Wilhelm, "ich brauche auch nur zwölf Minuten," er +ließ den Mantel fahren und rannte davon. + +Elschen war diesmal nicht so unglücklich wie früher über den +Schulanfang, sie nahm die Schultasche her, die sie zu Weihnachten +bekommen hatte, packte die Tafel aus, fing an zu schreiben, was sie von +Buchstaben kannte, und tröstete sich mit der Aussicht, daß nach den +Osternferien auch sie mit den Großen den Schulweg einschlagen würde. + +So wohl es Frau Pfäffling tat, wenn ihre Kinder nach solcher Ferienzeit +wieder zum ersten Male in die Schule gingen, so freute sie sich doch +auf das erste Heimkommen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß Mann und +Kinder angeregt und von irgend welchen neuen Mitteilungen erfüllt, +zurückkommen würden. Um so mehr war sie überrascht, daß Marianne +diesmal weinend nach Hause kam. Die beiden Mädchen, obgleich sie gut +mit Wintermänteln versehen waren, weinten vor Kälte und die +Fingerspitzen wurden in der Wärme nur noch schmerzhafter, so daß sie +noch klagend im Zimmer herumtrippelten, als die Familie sich zu Tisch +setzen wollte. "Habt ihr denn eure Winterhandschuhe nicht angehabt?" +fragte Frau Pfäffling. Da kam ein kleinlautes "Nein" heraus und das +Geständnis, daß man sich den Mitschülerinnen mit den neuen, knapp +anschließenden Glacéhandschuhen habe zeigen wollen, die Fräulein +Vernagelding zu Weihnachten geschenkt hatte. Nun wurden die armen +Frierenden noch von den Brüdern ausgelacht. + +"So, du lachst auch mit, Otto," sagte Frau Pfäffling. "Wenn du keine +Glacéhandschuhe trägst, so kommt es gewiß nur daher, daß du keine hast. +Aber Kinder, wer von euch eitel ist, der hat nichts vom Vater und ist +gar kein rechter Pfäffling, und das wollt ihr doch alle sein? Nun +kommt, ihr Erfrorenen, jetzt gibt es warme Suppe. Elschen und ich, wir +haben uns so gefreut, bis ihr alle heimkommt und von der Schule +erzählt. Kommt, wir wollen beten: + +"Herr wie schon vor tausend Jahren +Unsre Väter eifrig waren, +Dich als Gast zu Tisch zu bitten, +So verlangt uns noch heute, +Daß Du teilest unsre Freude. +Komm, o Herr in unsre Mitte!" + + +Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfäffling erwartet hatte, allerlei +Mitteilungen. Über Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie +vergraben, jetzt, durch die Berührung mit der Außenwelt, erfuhr man +wieder, was vor sich ging. Herr Pfäffling hatte vom Direktor der +Musikschule etwas gehört, was ihn ganz erfüllte: Ein Künstlerkonzert +ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden. Ein Künstlerpaar, das +vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde hingerissen +hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch +meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die großen +Städte Europas sich hören lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise +zum erstenmal auch der kleine Sohn des Künstlerpaares als Violinspieler +Anteil, und die Zeitungen waren voll von überschwänglichen +Schilderungen des rührenden Eindrucks, den das geniale Violinspiel des +wunderbar begabten Knaben mache. + +Freilich waren die Preise für diesen Kunstgenuß so hoch gestellt, daß +unser Musiklehrer nicht daran gedacht hätte, sich ein solch kostbares +Vergnügen zu gönnen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule +gegeben werden, und in solchem Fall war es üblich, daß die Hauptlehrer +der Anstalt Freikarten erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude +auf diesen großen Kunstgenuß hin, umkreiste vergnügt den Tisch, blieb +dann hinter seiner Frau Stuhl stehen und sagte: "Ich bekomme eine +Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem Bruder eine Freikarte zum +80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die Mutter muß sich zur +Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der Mutter mit dem +Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein. + +Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer +war krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schüler war neu +eingetreten, ein anderer ausgetreten. Herr Pfäffling hatte nur mit +halber Aufmerksamkeit zugehört, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr, +der ihn aus seinen Gedanken weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier +erzählt?" fragte er Otto. + +"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten." + +"Hast du nichts näheres darüber gehört?" + +"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich +weiß nicht mehr." + +Herr und Frau Pfäffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand. +Gesprochen wurde nichts darüber, Herr Pfäffling sollte aber bald +näheres erfahren. + +Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel, +im neuen Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt, +und selbst die russische Familie klagte über den kalten deutschen +Winter. + +"Sie müssen von Rußland doch noch an ganz andere Kälte gewöhnt sein?" +meinte Herr Pfäffling. + +"Ja, aber dort friert man nicht so, da weiß man sich besser zu +schützen. Alle Fahrgelegenheiten sind heizbar, alles ist mit Pelzen +belegt und Sie sehen auch jedermann in Pelze gehüllt auf der Straße. +Warum tragen Sie keinen Pelz bei solcher Kälte?" fragte die Generalin, +indem sie einen Blick auf Herrn Pfäfflings Kleidung warf. Ihm war der +Gedanke an einen Pelzrock noch nie gekommen. "Da gibt es noch vieles, +vieles Nötigere anzuschaffen, ehe ein Pelzrock für mich an die Reihe +käme," sagte er, "ich kann übrigens sehr rasch gehen und werde warm vom +Lauf, meine Hände sind nicht steif, wir können gleich spielen." + +Am Schluß der Stunde erzählten die jungen Herren von dem Ball im Hotel. +"Es war sehr hübsch," sagten sie, "wir durften auch tanzen, der Sohn +des Besitzers, der viel jünger ist als wir, hat auch getanzt. Er ist +übrigens jetzt nicht mehr hier." + +"Ja," sagte der General, "der Hotelier ist einsichtsvoller, als ich +gedacht hätte. Er sagte zu mir: 'Hier in diesem Hotelleben arbeitet der +Junge nicht, er kommandiert nur. Er soll fort von hier, in ein +richtiges Familienleben hinein.'" + +Herr Pfäffling erkannte diese Worte als seine eigenen. "Der Mann hat +recht," fuhr der General fort, "wenn die Verhältnisse im Haus ungünstig +sind, ist es besser, ein Kind wegzugeben, und wenn sie im ganzen Land +ungünstig sind, so wie bei uns in Rußland, so ist es wohl auch besser, +die Kinder in einem andern _Land_ aufwachsen zu lassen. In Rußland +haben wir ganz traurige Zustände, die jungen Leute, die dort +aufwachsen, sehen nichts als Verderbnis überall, Unredlichkeit und +Bestechung sogar schon in den Schulen. Unsere eigenen Söhne haben von +dieser verdorbenen Luft schon mehr eingeatmet, als ihnen gut war. Meine +Frau und ich haben uns entschlossen, sie in einer deutschen +Erziehungsanstalt zurückzulassen, wenn wir nach Rußland zurückkehren, +was wohl in der nächsten Zeit sein muß. Wir stehen gegenwärtig über +diese Angelegenheit in Briefwechsel mit einer Berliner Anstalt." + +Noch nie hatte der General so eingehend und offen mit dem Musiklehrer +gesprochen. Die Generalin sah ernst und sorgenvoll aus, die Söhne +standen beiseite mit niedergeschlagenen Augen. Herr Pfäffling fühlte, +daß diese reichen, hochgebildeten und begabten Leute auch ihren +schweren, heimlichen Kummer zu tragen hatten, und er sagte mit warmer +Teilnahme: "Jeder einzelne leidet mit, wenn sein Vaterland so schlimme +Zeiten durchmacht, wie das Ihrige. Möchte das neue Jahr für Rußland +bessere Zustände bringen!" + +Als Herr Pfäffling kurz darauf die Treppe herunter ging, traf er +unvermutet mit Herrn Rudolf Meier sen. zusammen, der heraufkam. Einen +Augenblick zögerten beide. Sie hatten _ein_ gemeinsames Interesse, über +das zu sprechen ihnen nahelag. Aber an Herrn Meier wäre es gewesen, die +Sprache darauf zu bringen, wenn er nicht mehr zürnte. Er tat es nicht. +Mit dem höflichen aber kühlen Gruß des Gastwirts ging er vorüber, +gewohnheitsmäßig die Worte sprechend: "Sehr kalt heute!" + +"Ja, 20 Grad," entgegnete Herr Pfäffling, und dann gingen sie +auseinander. + +Daheim angekommen, hörte Herr Pfäffling Frieders Violine. Wie der +kleine Kerl sie schon zu streichen verstand! Ob er wohl einmal ein +Künstler, ein echter, wahrer, gottbegnadeter Künstler würde? Aber wie +war denn das? Hatte Frieder nicht schon gespielt, lange, ehe sein Vater +sich auf den Weg zum Zentralhotel gemacht hatte? Spielte er wohl +seitdem ununterbrochen? Er ging dem Geigenspiel nach. Aus der Küche +erklang es. Neben Walburg, die da bügelte, stand der eifrige, kleine +Musiker, ein herzgewinnender Anblick. Aber Herr Pfäffling ließ sich +dadurch nicht bestechen. "Frieder, wie lange hast du schon gespielt?" +fragte er. + +"Nicht lange, Vater." + +"Nicht immerfort, seitdem du aus meinem Zimmer die Geige geholt hast? +Sage mir das genau?" + +"Immerfort seitdem," antwortete Frieder und fügte etwas unsicher hinzu: +"Aber das ist doch noch nicht lang her?" + +"Das ist über zwei Stunden her, Frieder, und hast du nicht auch schon +heute nach Tisch gespielt? Und sind deine Schulaufgaben gemacht? Ei, +Frieder, da stehst du und kannst nicht antworten! Nimm dich in acht, +sonst kommst du noch ganz um die Geige! Gib sie her, in _der_ Woche +bekommst du sie nimmer!" Herr Pfäffling streckte die Hand aus nach der +Violine. Der Kleine hielt sie fest. Der Vater sah das mit Erstaunen. +Konnte Frieder widerstreben? Hatte je eines der Kinder sich seinem +Befehl widersetzt? Aber nein, es war nur _ein_ Augenblick gewesen, dann +reichte er schuldbewußt die geliebte Violine dem Vater hin und ergab +sich. + +Herr Pfäffling ging hinaus mit dem Instrument. Walburg hatte nicht +verstanden, was gesprochen worden war, aber gesehen hatte sie und sie +sah auch jetzt, wie sich langsam ihres Lieblings Augen mit dicken +Tränen füllten. Sie stellte ihr Bügeleisen ab, zog den Kleinen an sich +und fragte: "Darfst du denn nicht spielen?" + +"Nicht länger als zwei Stunden im Tag," rief Frieder in kläglichem Ton. + +"Sei nur zufrieden," tröstete sie ihn, "ich sehe dir jetzt immer auf +die Uhr." Frieder zog traurig ab; jede Stunde sehnte er sich nach +seiner Violine, und nun war sie ihm für eine ganze Woche genommen! + +Aber auch Herr Pfäffling war nicht in seiner gewohnten fröhlichen +Stimmung. Ihm war es leid, daß der Unterricht in der russischen Familie +zu Ende gehen sollte, eine große Freude und eine bedeutende Einnahme +fiel damit für ihn weg, und dazu kam nun, daß er auf dem Tisch im +Musikzimmer eine Neujahrsrechnung vorfand, die, nachdem er sie geöffnet +und einen Blick auf die Summe geworfen hatte, ihn hinübertrieb in das +Familienzimmer zu seiner Frau. + +"Cäcilie," rief er schon unter der Türe, und als er die Kinder allein +fand, fragte er ungeduldig: + +"Wo ist denn die Mutter schon wieder?" + +"Sie ist draußen und bügelt." + +"So ruft sie herein, schnell, Marianne!" + +Die Mädchen gingen eiligst hinaus: "Mutter, der Vater fragt nach dir." +Frau Pfäffling bügelte eben einen Kragen. "Sagt nur dem Vater, ich +komme gleich; ich muß nur den Kragen erst steif haben." + +"Wir wollen lieber erst mit dir hineingehen," sagten die Schwestern und +in diesem Augenblick ertönte ein lautes "Cäcilie". + +Daraufhin wurde der halb gebügelte Kragen im Stich gelassen. Frau +Pfäffling kam in das Zimmer und sah ihren Mann mit einer Rechnung in +der Hand. "Ist denn das nicht eine ganz unnötige Komödie mit der ewigen +Bügelei," fragte Herr Pfäffling, "die Kinder wären doch ebenso +glücklich in ungebügelten Hemden!" Auf diese gereizte Frage antwortete +Frau Pfäffling bloß wieder mit einer Frage: "Ist das die +Doktorsrechnung? Sie kann doch nicht sehr hoch sein?" + +"Sechzig Mark! Hättest du das für möglich gehalten?" + +"Unmöglich! Sechzig Mark? Zeige doch nur! Die kleine Ohrenoperation von +Anne im vorigen Sommer fünfzig Mark?!" Bei diesem Ausruf sahen alle +Geschwister auf Anne, und diese fing bitterlich an zu weinen. Die +Tränen besänftigten aber den Vater. Er ging zu der Schluchzenden. "Sei +still, du armer Wurm," sagte er, "du kannst nichts dafür. Hast so viel +Schmerzen aushalten müssen, und das soll noch so viel Geld kosten! Aber +sei nur getrost, geholfen hat dir der Arzt doch, und wir wollen froh +sein, daß du nicht so taub geworden bist wie Walburg. Hörst du jetzt +wieder ganz gut, auch in der Schule?" + +"Ja," schluchzte das Kind. + +"Nun also, sei nur zufrieden, das Geld bringt man schon auf, man hat ja +noch das Honorar zu erwarten für die Russenstunden und andere +Rechnungen, als die vom Arzt, stehen nicht aus; nicht wahr, Cäcilie, es +ist doch immer alles gleich bezahlt worden?" + +"Freilich," entgegnete sie, "aber ich kann es gar nicht fassen, daß +diese Ohrenbehandlung förmlich als Operation aufgeführt und angerechnet +wird. Ich war damals nicht dabei, Marianne ist immer ohne mich beim +Arzt gewesen und so schlimm haben sie es nie geschildert." Da sahen +sich die Schwestern ernsthaft an und sagten: "Ja, einmal war's +schlimm!" + +Als Frau Pfäffling nach einer Weile wieder beim Bügeln stand, war ihr +der Kummer über die sechzig Mark noch anzusehen, während Herr Pfäffling +schon wieder guten Muts in sein Musikzimmer zurückkehrte und sich +sagte: "Es ist doch viel, wenn man es dahin bringt, daß die +Doktorsrechnung die einzige an Neujahr ist." + +Sie war aber doch nicht die einzige. Keine halbe Stunde war vergangen, +als wieder so ein Stadtbrief an des Vaters Adresse abgegeben wurde, und +die Kinder, die denselben in Empfang genommen hatten, flüsterten +bedenklich untereinander: "Es wird doch nicht wieder eine Rechnung +sein?" Sie riefen Elschen herbei: "Trage du dem Vater den Brief +hinüber." Das Kind übernahm arglos den Auftrag und blieb, an den Vater +geschmiegt, zutraulich plaudernd bei ihm stehen. Er riß hastig den +Umschlag auf, eine Rechnung fiel ihm entgegen. Vom Buchhändler war sie +und lautete nur auf vier Mark, für eine Grammatik, aber sie empörte +Herrn Pfäffling fast mehr als die große Rechnung. "Wenn die Buben das +anfangen, daß sie auf Rechnung etwas holen, dann hört ja jegliche +Ordnung und Sicherheit auf," sagte er, indem er das Blatt auf den Tisch +warf und in der Stube hin und her lief: "Else, hole mir die drei Großen +herüber," sagte er, "aber schnell." Die Kleine ging mit besorgter +Miene, suchte Karl, Wilhelm und Otto auf und kam dann zur Mutter an den +Bügeltisch. "Es ist wieder etwas passiert mit einer Rechnung," sagte +sie, "und die Großen müssen alle zum Vater hinein. Sie sind gar nicht +gern hinübergegangen," fügte sie bedenklich hinzu. "Es geschieht ihnen +nichts, wenn sie nicht unartig waren," sagte die Mutter, aber nebenbei +wischte sie sich doch den Schweiß von der Stirne, trotz der zwanzig +Grad Kälte draußen und sagte zu Walburg: "Wieviel Kragen haben wir denn +noch zu bügeln, heute nimmt es ja gar kein Ende!" und Walburg +entgegnete: "Es sind immer noch viele da." Frau Pfäffling bügelte +weiter, sah müde aus und sagte sich im stillen: "Eine Wohltat müßte es +freilich sein, wenn man einmal ein paar Wochen ausgespannt würde!" + +Inzwischen hatte Herr Pfäffling ein Verhör mit seinen Söhnen +angestellt, und Otto hatte gestanden, daß er bei Beginn des Schuljahrs +die Grammatik geholt hatte. Er suchte sich zu rechtfertigen: "Ich hätte +gerne die alte Ausgabe benützt," sagte er, "aber als sie der Professor +nur sah, war er schon ärgerlich und sagte: 'Die kenne ich, die habe ich +schon bei deinem ältesten Bruder beanstandet, und er hat sie doch immer +wieder gebracht, dann hat mich dein Bruder Wilhelm das ganze Schuljahr +hindurch vertröstet, er bekomme bald eine neue Auflage, und es ist doch +nie wahr geworden, aber zum drittenmal lasse ich mich nicht +anschwindeln. Die alte Auflage muß wohl noch von deinem Großvater +stammen?' So hat der Professor zu mir gesprochen, was habe ich da +machen können?" + +"Mir hättest du das gleich sagen sollen, dann wäre sie bezahlt worden." + +"Du hast damals gar nichts davon hören wollen," sagte Otto kläglich. + +"Dann hättest du es der Mutter sagen sollen." + +"Die Mutter schickt uns immer zu dir." + +"Ach was," entgegnet Herr Pfäffling ungeduldig, "du bist ein Streiter; +wie du es hättest machen sollen, kann ich nicht sagen, jedenfalls nicht +so. Denkt nur, wohin das führen würde, wenn ihr alle sieben auf +Rechnung nehmen würdet. Wenn man so knapp daran ist wie wir, dann kann +man durchaus keine Neujahrsrechnungen brauchen, die Mutter und ich +bringen es immer zustande ohne solche, und ihr müßt es auch lernen. +Darum zahle du nur selbst die vier Mark. Du hast ja an Weihnachten Geld +geschickt bekommen?" + +"Ich habe keine drei Mark mehr." + +"Dann helfen die Brüder. Ihr habt es doch wohl gewußt, daß Otto die +Grammatik geholt hat? Also, dann könnt ihr auch zahlen helfen. Jeder +eine Mark, oder meinetwegen eine halbe, und die vierte Mark will ich +darauflegen. Aber springt nur gleich zum Buchhändler, zahlt und bringt +mir die Quittung, und am nächsten Neujahr kommt keine Rechnung mehr, +Kinder, nicht wahr?" Sie versprachen es, nahmen des Vaters Beitrag +dankbar entgegen und waren froh, daß die Sache gnädig abgelaufen war. +Das Geld wurde zusammengesucht, Otto wollte es gleich zum Buchhändler +tragen. Als er hinunterkam, hielt eben vor der Haustüre eine Droschke, +eine kleine Dame stieg aus, hinter Pelzwerk und Schleier hervor sah +Fräulein Vernageldings Lockenköpfchen. Sie kam zur Stunde. "Armer +Vater, auch das noch!" mußte Otto denken. Aber das Fräulein sprach ihn +freundlich an: "Es ist zu kalt heute, um zu Fuß zu gehen, wollen Sie +nicht auch fahren? Da wäre eben eine Droschke frei!" + +"Danke, nein, ich gehe zu Fuß," entgegnete Otto, lief davon und lachte +vor sich hin über den Einfall, daß er zum Buchhändler fahren sollte. +Aber das Lachen verging ihm bald, es lacht niemand auf der Straße bei +zwanzig Grad Kälte! + + + + +10. Kapitel +Ein Künstlerkonzert. + + +Der Vorabend des Konzertes war gekommen, die ganze Stadt sprach von dem +bevorstehenden seltenen Kunstgenuß. Die schon früher Gelegenheit gehabt +hatten, die Künstler zu hören, stritten darüber, ob die entzückende +Stimme der Sängerin, die meisterhaften Leitungen des Klavierspielers +die Menschen von nah und fern herbei lockten oder ob das kleine +musikalische Wunderkind einen solchen Reiz ausübte. + +Im Zentralhotel waren Zimmer bestellt für die Künstlerfamilie und ihre +Begleitung. Herr Pfäffling wußte das nicht, als er dem Hotel zuging, um +seine letzte Stunde bei der russischen Familie zu geben. Noch einmal +musizierten sie zusammen, weit über die festgesetzte Zeit hinaus, dann +nahm Herr Pfäffling Abschied. Der General und seine Gemahlin schienen +ihm ernst und traurig. Schwer lag auf ihnen der Gedanke, sich von den +Söhnen trennen zu sollen. Auf der Durchreise wollten sie die beiden +jungen Leute in Berlin zurücklassen. Schwer bedrückte sie auch der +jammervolle Zustand des Vaterlandes, in das sie zurückkehren mußten. +Unordnung herrschte im ganzen russischen Reich. + +Bei diesem letzten Zusammensein schwand jede Schranke, welche durch den +großen Abstand der äußeren Stellung und Lebensverhältnisse zwischen den +beiden Männern etwa noch bestanden hatte; in offener Mitteilsamkeit und +warmer Teilnahme fanden und trennten sie sich. + +"Unsere Söhne werden morgen noch zu Ihnen kommen," sagte der General, +"um sich bei Ihnen zu verabschieden und auch unseren Dank zu +überbringen. Übermorgen werden wir reisen. Das Konzert wollen wir noch +anhören, vielleicht sehen wir uns im Saal!" + +Vom General und seiner Gemahlin freundlich bis zur Treppe geleitet, +verabschiedete sich Herr Pfäffling. Auf der Treppe mußte er Platz +machen. Ein prächtiger Blumenkorb wurde eben herauf getragen. Er war +für das Empfangszimmer des Künstlerpaares bestimmt. Eine gewisse Unruhe +und Erregung herrschte in dem ganzen Hotel. Um so mehr war Herr +Pfäffling verwundert, als ihn der Hotelbesitzer auf der Treppe einholte +und ruhig anredete. "Haben Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit +mir hier herein zu kommen?" fragte er, die Türe eines Zimmers +aufmachend. "Ich wohl," sagte Herr Pfäffling, "aber Sie sind heute +wieder vollauf in Anspruch genommen?" + +"Allerdings, und man sollte meinen, ich hätte keinen anderen Gedanken +als meine Gäste, aber auch uns Geschäftsleuten steht das eigene Fleisch +und Blut doch am nächsten. Mir klingt heute in aller Unruhe immer nach, +was mir mein Sohn diesen Morgen geschrieben hat. Sie wissen es +vielleicht, daß er seit Weihnachten bei meiner verheirateten Schwester +ist. Sie, Herr Pfäffling, haben mir ja damals, als ich blind war, den +Star gestochen. Es war eine schmerzhafte, aber erfolgreiche Operation." + +"Wenn sie erfolgreich war, so freut mich das herzlich, denn ich bin mir +sehr bewußt, daß ich sie mit plumper, ungeschickter Hand vorgenommen +habe. Was schreibt Ihr Sohn?" + +"Anfangs wollte er sich nicht recht in das einfache Familienleben +finden, aber nun sollten Sie hören, wie er begeistert schreibt über +seine Tante, obwohl diese ihn fest führt, wie wichtig es ihm ist, ob er +ihr zum Quartalsabschluß ein gutes Zeugnis bringen wird und wiederum, +wie vergnügt er die Schlittenfahrten, die Spiele mit den Kindern +schildert." Herr Meier warf einen Blick in den Brief, den er ans seiner +Tasche zog, und schien Lust zu haben, ihn vorzulesen, aber er steckte +ihn rasch wieder ein, da ein Bursche eintrat und ihm eine ganze Anzahl +Telegramme überreichte, die eben eingetroffen waren. + +"Ich will Sie nicht länger aufhalten," sagte Herr Pfäffling. "Ihre +Telegramme beunruhigen mich, auch höre ich unten immerfort das +Telephon." + +"Für dieses sorgt der Portier, und die Telegramme enthalten vermutlich +alle nur Zimmerbestellungen. Viele Fremde möchten da absteigen, wo sie +wissen, daß die Künstler ihr Absteigequartier genommen haben, besonders +auch die Berichterstatter für die Zeitungen, diese hoffen im gleichen +Hause etwas mehr zu hören und zu sehen von den Künstlern, als was sich +im Konzertsaal abspielt." + +Herr Meier hatte einen Blick in die Telegramme getan: "Nur +Zimmerbestellungen," sagte er, "es ist aber schon alles bei mir besetzt +oder vorausbestellt. Ich muß für Aufnahme in anderen Häusern sorgen. +Mir ist es lieb, zu denken, daß Rudolf fern von dem allem an seiner +Arbeit oder auch beim Kinderspiel sitzt. Ich werde Ihnen immer dankbar +sein für Ihren Rat, Herr Pfäffling." + +Die beiden Männer trennten sich und als Herr Pfäffling das Zentralhotel +verließ, dessen schöne Freitreppe er nun vielleicht zum letztenmal +überschritten hatte, wandte er sich unwillkürlich und warf noch einmal +einen Blick auf diesen Ort des Luxus und des Wohllebens zurück. Wie +wenig Unterschied war doch im Grund bei aller äußeren Verschiedenheit +zwischen dem, was hier und was im einfachen Hause die Herzen bewegte. +Der russische General, der reiche Geschäftsmann und er, der schlichte +Musiklehrer, schließlich hatten sie alle das gleiche Herzensanliegen. +Geld und Gut allein befriedigte keinen, um ihre _Kinder_ sorgten sie +sich, tüchtige Söhne wollten sie alle, und das konnte ein armer +Musiklehrer so gut oder leichter haben als die Reichen. + +Am folgenden Morgen erschienen die beiden jungen Russen in der +Frühlingsstraße, um ihren Abschiedsbesuch zu machen. Herr Pfäffling war +in der Musikschule, seine Frau empfing mit Freundlichkeit diese beiden +Schüler, die ihrem Lehrer seine Aufgabe immer leicht gemacht hatten. +Die jungen Leute drückten sich nun schon gewandt in der deutschen +Sprache aus, baten Frau Pfäffling, ihren Dank zu vermitteln und teilten +ihr mit, daß die Eltern ihre Abreise noch um einige Tage verschoben +hätten, selbst noch einen Gruß schreiben und diesem das Honorar für die +Stunden beilegen wollten. + +Unser Musiklehrer hätte sie noch in der Frühlingsstraße treffen müssen, +wenn er zur gewohnten Zeit heim gekommen wäre. Aber es hatte heute in +der Musikschule nach Schluß des Unterrichts eine sehr erregte +Besprechung zwischen den Lehrern der Anstalt gegeben, und Herr +Pfäffling kam später als sonst und nicht mit seiner gewohnten +fröhlichen Miene heim. Heute war er nicht, wie gestern, der Ansicht, +daß reich oder arm nicht viel zum Glück des Menschen ausmache! Der +Direktor hatte mitgeteilt, daß zu dem abendlichen Konzert nur eine +einzige Freikarte, auf seinen Namen lautend, für die Lehrer der +Musikschule abgegeben worden sei. Darüber herrschte große Entrüstung +unter den Kollegen. Manche konnten sich ja auf eigene Kosten noch +Plätze verschaffen, für Herrn Pfäffling war solch eine Ausgabe +ausgeschlossen. Seine Frau machte einen schwachen Versuch, ihn doch +dazu zu überreden. "Nein," sagte er, "ich säße nur mit schlechtem +Gewissen in dem Saal, habe ich doch noch nicht einmal die 60 Mark +beisammen für den Arzt! Wenn die Russen heute das Geld geschickt +hätten, das hätte mich vielleicht verführt. Die Leute sind auch so +gedankenlos, sie tun, wie wenn unser einem das ganz gleich wäre, ob man +auf das Stundenhonorar wochenlang warten muß oder nicht! Und die +Künstler! Wie leicht hätten sie noch eine Freikarte mehr schicken +können! Weißt du, daß Fräulein Vernagelding mit ihrer Mutter in das +Konzert gehen wird? Ich habe bisher nicht gedacht, daß ich neidisch +bin, aber: ich glaube wirklich, in diesem Fall bin ich es! Denke dir, +das junge Gänschen, das nicht hört, was recht und was falsch klingt, +soll diesen Kunstgenuß haben, und unsereines bleibt ausgeschlossen. Und +warum geht sie hin? Weil Mama sagt: Bei solch hohem Eintrittspreis sei +man sicher, nur die vornehmste Gesellschaft zu treffen! Und da soll man +nicht bitter werden!" + +"Bitter?" wiederholte Frau Pfäffling, "du und bitter? Das ist gar nicht +zusammen zu denken." + +Sie waren allein miteinander im Musikzimmer. + +Frau Pfäffling sprach noch manches gute, beruhigende Wort, so lange bis +Elschen als schüchterner Bote eintrat und fragte, wann denn heute zu +Mittag gegessen würde? Mit dem schlechten Gewissen einer säumigen +Hausfrau folgte die Mutter augenblicklich der Mahnung. Herr Pfäffling +sah ihr nach; von Erbitterung war nichts mehr auf seinen Zügen zu +lesen, aber er sagte vor sich hin: "Das gibt eine öde Zeit, wenn sie +für vier Wochen verreist, ich wollte, es wäre schon überstanden." + +Im Zentralhotel herrschte an diesem Tag Leben und Bewegung. Alle Zimmer +waren besetzt, Kunstverständige waren von nah und fern herbei geeilt, +alte Bekannte, neue Größen suchten das Künstlerpaar auf und das +Künstlerkind wurde liebkost, mit Bonbons überschüttet, aber dennoch +langweilte es sich heute und war verstimmt. Dem Fräulein, das für den +kleinen Künstler zu sorgen hatte und ihn an Konzerttagen bei guter +Laune erhalten sollte, wollte es heute nicht gelingen. + +Am Nachmittag ließ die junge Mutter Herrn Meier zu sich bitten. Viele +Fremde der Stadt hätten ihn wohl beneidet um diese Audienz bei der +Künstlerin, um die Gelegenheit, die auch beim Sprechen so liebliche +Stimme der Sängerin zu hören und ihre anmutige Erscheinung zu sehen. +"Ich bin in Verzweiflung," sagte sie, "unser Edmund ist heute gar nicht +in Stimmung, und es wird mir so bang vor dem Abend. Denken Sie nur, +wenn das Kind sich weigern sollte, zu spielen, wenn es versagen würde +in dem Augenblick, wo alle auf ihn blicken? Er war noch nie so +verstimmt, sein Fräulein ist selbst ganz nervös von der Anstrengung, +ihn aufzuheitern. Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie mir ein paar +muntere Kinder verschaffen, Knaben oder Mädchen, die mit ihm spielen +und ihn zerstreuen, bis es Zeit wird, ihn anzukleiden. Bitte, bitte, +sorgen Sie mir dafür, nicht wahr, und so bald wie möglich. Auch etwas +Spielzeug wird zu bekommen sein, aber vor allem lustige Kameraden!" + +"Ich werde dafür sorgen, gnädige Frau," versicherte Herr Meier, und +verließ das Zimmer. Die Wünsche der Gäste mußten befriedigt werden, das +stand ein für allemale fest bei dem Besitzer des Zentralhotels. Also +auch dieser Wunsch. "Wo bringe ich schnell muntere Kinder her?" fragte +er sich und dachte an seinen Sohn Rudolf. In solchen Fällen hatte +dieser ihm oft Rat gewußt, er kannte so viele Menschen. Ja, manchmal +war Rudolf doch tatsächlich nützlich gewesen. Bei diesem Gedankengang +sah Herr Meier wieder den Musiklehrer vor sich, und nun kam ihm in +Erinnerung: Dieser Mann sollte ja Kinder haben in jedem Alter und +munter, lebhaft, temperamentvoll mußten die Kinder _dieses_ Mannes +sicherlich sein. Er ging zum Portier: "Schicken Sie sofort eine +Droschke zu Musiklehrer Pfäffling in die Frühlingsstraße. Lassen Sie +ausrichten, der kleine Künstler habe Langeweile und ich ließe Herrn +Pfäffling freundlich bitten, mir sofort zwei oder drei seiner Kinder, +Knaben oder Mädchen, zur Unterhaltung des Jungen zu schicken. Auch +Spielzeug dazu, aber rasch!" + +So fuhr denn mitten am Nachmittag ein Wagen in der Frühlingsstraße vor, +und der Kutscher richtete aus: "Herr Meier vom Zentralhotel lasse +bitten um zwei bis drei Stück Kinder, Buben oder Mädel, das sei egal, +sie sollten dem kleinen Künstler die Zeit vertreiben, weil er gar so +zuwider sei." + +Diese Einladung erregte Heiterkeit bei den Eltern Pfäffling, und sie +waren gleich bereit, die Bitte zu erfüllen. Wer paßte am besten dazu? +Marianne war nicht zu Hause, Karl schon zu erwachsen, so konnten nur +Wilhelm und Otto, Frieder und Elschen in Betracht kommen. Otto +erklärte, er geniere sich. Wilhelm konnte das nicht begreifen. "Wie +kann man sich genieren, wenn man mit einem kleinen Buben spielen soll? +Dem wollte ich Purzelbäume vormachen und Spaß mit ihm treiben, daß er +kreuzfidel würde!" + +"Gut," sagte Herr Pfäffling, "wenn es dir so leicht erscheint, wirst du +es auch zustande bringen. Und Frieder?" + +"Der ist zu still," sagte die Mutter, "eher würde ich zu Elschen raten. +Wo ist sie denn? Ein Künstlerkind hat vielleicht Freude an dem +niedlichen Gestältchen." + +"Meinst du?" sagte Herr Pfäffling zweifelnd, "ist sie nicht zu +schüchtern? Wir wollen sie fragen." + +Sie suchten nach dem Kind. Elschen stand allein im kalten Schlafzimmer, +hatte in ihr eigenes Bett die Puppe gelegt, und als nun die Eltern und +Brüder unvermutet herein kamen, hob sie abwehrend die Hand und sagte +bittend: "Leise, leise, mein Kind ist krank!" Sie war herzig anzusehen. +Frau Pfäffling beugte sich zu ihr und sagte: "Ein wirkliches, +lebendiges Kind verlangt jetzt nach dir, Elschen. Der kleine +Violinspieler, von dem wir dir erzählt haben, ist so traurig, weil er +kein Kind in der Stadt kennt. Willst du zu ihm und mit ihm spielen?" + +"Freilich," sagte Elschen mitleidig, "mein Kind schläft jetzt, da kann +ich schon fort." + +Schnell waren die beiden Geschwister gerichtet, auch einiges Spielzeug +herbeigesucht und nun fuhren sie in der geschlossenen Droschke durch +die ganze Stadt, voll Freude über das unverhoffte Vergnügen. + +Der Hotelbesitzer trat selbst herzu, als der Wagen vorfuhr, etwas +bange, ob entsprechendes herauskommen würde. Er öffnete den Schlag. Der +Anblick von Elschens lieblichem kleinem Persönchen erfreute ihn. +Behutsam hob er sie aus dem Wagen, stellte sie auf die Freitreppe und +sagte sich: "Das entspricht, wird sicherlich Beifall finden." +Inzwischen war Wilhelm mit Behendigkeit aus der Droschke gesprungen, +hatte das Spielzeug zusammen gerafft und war schon unter der großen +Haustüre. Lächelnd sah ihn Herr Meier an. "Ganz wie sein Vater, +langbeinig, hager und flink," dachte er und sagte befriedigt: "Nun +kommt mir, Kinder, ich will euch selbst einführen. Edmund heißt der +Kleine. Er ist ein wenig müde von der Reise, aber wenn ihr mit ihm +spielt, wird er schon lustig. Vom Konzert und von Musik müßt ihr nicht +mit ihm reden, das mag er nicht, er will nur spielen, er ist ganz wie +andere Kinder auch." + +Oben am Zimmer angekommen, klopften sie an und horchten auf das +"Herein", statt dessen hörten sie die Stimme eines Fräuleins. "Aber +Edmund, wer wird denn die Fensterscheiben ablecken?" "Was soll ich denn +sonst tun?" hörte man eine weinerliche Kinderstimme entgegnen. Da +lachte Wilhelm und sagte zu seinem Begleiter: "Der muß freilich arg +Langeweile haben! Ich will lieber gleich mit einem Purzelbaum herein +kommen." Herr Meier wußte nicht recht, ob er das gut heißen sollte, +aber er hatte inzwischen noch einmal angeklopft, das "herein" war +erfolgt und durch die geöffnete Türe kam Wilhelm auf dem Kopf herein +und einen Purzelbaum nach dem andern schlagend, auf weichen Teppichen, +die dazu sehr einladend waren, bis zu dem Kleinen am Fenster, der nun +laut auflachte und sagte: "Wie macht man denn das?" + +Das Fräulein atmete erleichtert auf bei dieser willkommenen Ablösung in +ihrer Aufgabe, das Kind zu unterhalten. Die Sängerin, die aus dem +nebenan liegenden Zimmer unter die Türe getreten war, lächelte +freundlich und dankbar Herrn Meier zu, der sich sofort befriedigt +entfernte, und kam Elschen entgegen, die auf sie zuging. Das Kind hatte +ein Gefühl dafür, daß die Art, wie ihr Bruder sich einführte, +ungewöhnlich und vielleicht nicht passend war, und in der mütterlichen +Art, die sie von ihrer älteren Schwester überkommen hatte, sagte sie zu +der jungen Frau: "Wilhelm kommt gewöhnlich nicht mit Purzelbäumen +herein, bloß heute, weil er lustig sein will." + +"Ein süßes Kind," sagte die junge Mutter zu dem Fräulein. "nun ist +Edmund versorgt und wir können ein wenig ausruhen. Lassen Sie die +Kinder nur ganz gewähren, solange sie nicht gar zu wild werden." Das +Fräulein schien dieser Aufforderung sehr gern nachzukommen, zog sich +mit einem Buch zurück und die Kinder blieben sich selbst überlassen. + +Die Freundschaft war bald geschlossen. Der kleine Künstler hatte etwas +sehr Gewinnendes in seinem Wesen und ein anmutiges Äußeres. Weiche, +blonde Locken umgaben das feine Gesicht, alles an ihm war schön und +wohlgepflegt. Das ansprechendste waren seine großen, tiefblauen Augen, +die mit ihrem träumerischen Ausdruck ahnen ließen, daß diese +Kinderseele mehr als andere empfand. Während er mit den Kindern +spielte, sah auch er kindlich-fröhlich aus, sobald er aber still war, +lag ein ungewöhnlicher Ernst und eine Frühreife in seinem Gesicht, die +ihn viel älter erscheinen ließen. + +Eine gute Weile belustigte er sich an Wilhelms Spässen und ergötzte +sich mit diesem, während Elschen zusah. Nun wandte er sich an sie. "Mit +dir möchte ich gerne tanzen," sagte er, "kannst du tanzen?" + +"Ja," sagte die Kleine zuversichtlich. + +"Was willst du tanzen?" + +"Was du willst," antwortete sie freundlich, zum Erstaunen ihres +Bruders, der von der Tanzkunst seiner Schwester bisher noch nichts +gewußt hatte. + +"Also Walzer," entschied der kleine Kavalier und wollte sein Dämchen +zum Tanz führen. + +"Warte ein wenig," sagte Elschen, "Wilhelm muß mir das erst vormachen." + +Dieser hatte zwar noch nie getanzt, aber ihm machte das keine Bedenken, +für so kleine Tänzer traute er sich dennoch zu, den Tanzmeister zu +machen. + +"Bei Walzer zählt man drei," sagte er zur Schwester, "ich will dir +einen Walzer vorpfeifen." + +Und er fing an, die Melodie zu pfeifen, den Takt dazu zu schlagen und +sich im Kreis zu drehen. Das Fräulein, im Hintergrund, verbarg hinter +ihrem Buch das Lachen, das sie bei diesem Tanzunterricht schüttelte. +Edmund fuhr die Tanzlust in die Füße, er ergriff seine kleine Tänzerin. +Sie wäre ja keine Pfäffling gewesen, wenn sie den Rhythmus nicht erfaßt +hätte; niedlich tanzte das kleine Paar hinter dem pfeifenden, mit den +Fingern schnalzenden und sich drehenden Wilhelm einher. Das Fräulein +rief unbemerkt die Mutter des Kleinen herbei, auch der Vater trat unter +die Türe, sie sahen belustigt zu. "Eine solche Nummer sollten wir in +unserem Programm heute Abend einschalten," sagte er scherzend zu seiner +Frau, "das gäbe einen Jubel! Wem gehören denn diese Kinder?" fragte er +das Fräulein. Sie wußte es nicht. + +"Der langbeinige, bewegliche Kerl ist zu drollig und das Mädchen ist +die Anmut selbst. Musikalisch sind sie offenbar alle beide." + +Zwei Stunden waren den Kindern schnell verstrichen, nun mahnte das +Fräulein, daß es Zeit für Edmund sei, sein Abendessen einzunehmen und +sich umkleiden zu lassen für das Konzert. Als er das hörte, verschwand +alle Fröhlichkeit aus seinem Gesicht, er erklärte, daß er nichts essen +möge, sich nicht umkleiden und seine neuen Freunde nicht missen wolle. +Die vernünftigen Vorstellungen des Fräuleins, die zärtlichen Worte der +Mutter hatten nur Tränen zur Folge. + +Wilhelm versuchte seinen Einfluß auf den kleinen Kameraden. "Du mußt +doch vorspielen," sagte er, "viele Hunderte von Menschen hier freuen +sich schon so lange auf das Konzert!" + +"Geht ihr auch hin?" fragte der Kleine und ehe er noch Antwort hatte, +sagte er eifrig zu seiner Mutter: "Die Beiden sollen zu mir in das +Künstlerzimmer kommen, und den Abend bei mir bleiben, es ist immer so +langweilig, während du singst und Papa spielt." + +Aber Wilhelm ging auf diesen Vorschlag nicht ein. "Wir können nicht +kommen," sagte er. "Elschen liegt um diese Zeit schon im Bett und ich +habe jetzt den ganzen Nachmittag nichts gearbeitet und habe viele +Aufgaben für morgen." Da flossen bei dem Kleinen wieder die Tränen, er +drückte sein Köpfchen an die Mutter und schluchzte: "Wenn er nicht +kommt, will ich auch nicht spielen, mir ist gar nicht gut." Es sah auch +tatsächlich ein wenig elend aus, das kleine Bübchen. Seine Mutter rief +den Vater zu Hilfe. "Sieh doch nur," sagte sie, "wie Edmund verweint +und jämmerlich aussieht! Was hat er nur? Er ist doch sonst so +verständig, aber heute will er nicht spielen. Ich werde Qualen +durchmachen, heute abend." + +Der Vater stampfte ungeduldig mit dem Fuß. Edmund ergriff Wilhelms Hand +und hielt sie krampfhaft fest, um ihn nicht gehen zu lassen. Die beiden +Eltern besprachen sich eifrig miteinander, aber die Kinder verstanden +nichts davon, das Gespräch wurde in italienischer Sprache geführt. +Endlich wandte sich der Vater an Wilhelm: "Wir wären sehr froh," sagte +er, "wenn du zu unserem Kleinen in das Künstlerzimmer kommen und den +Abend bei ihm bleiben wolltest. Du müßtest eben deine Aufgaben einmal +bei Nacht machen. Ein frischer Junge, wie du bist, kann das doch wohl +tun? Wir verlangen auch diese Gefälligkeit nicht umsonst, wir bieten +dir dagegen ein Freibillet zu unserem Konzert an, das du gewiß jetzt +noch leicht an irgend jemand in deiner Bekanntschaft verkaufen kannst." + +Bei dem Wort "Freibillet" hatte Wilhelms Gesicht hell aufgeleuchtet. +Ein Billet, für den Vater natürlich, welch ein herrlicher Gedanke! +"Ja," rief er, "ja, ja, für ein Freibillet, wenn ich es meinem Vater +geben darf, will ich gern zu Edmund kommen und gern die ganze Nacht +durch arbeiten!" Und als er bemerkte, wie nun der Kleine plötzlich vom +Weinen zum Lachen überging, sagte er zu diesem: "Könntest du nur dabei +sein, wenn ich meinem Vater die Karte bringe und sehen, wie er sich +freut! Mein Vater ist wohl so groß wie die Türe da, und wenn er einen +Freudensprung macht, dann kommt er fast bis an unsere Decke. Weißt du +so!" und Wilhelm fing an, Sprünge zu machen, daß der kleine Kamerad +laut lachte und seine Mutter leise zu dem Fräulein sagte: "Nun führen +Sie ihn rasch zum Umkleiden, so lange er noch vergnügt ist," und dem +Kinde redete sie gütig zu: "Wenn du nun artig bist, Edmund, so kommt +heute abend Wilhelm zu dir." Darauf hin folgte der Knabe willig dem +Fräulein und sein Vater wandte sich an Wilhelm. "Das Konzert ist in der +Musikschule; neben dem Saal ist das Zimmer, in dem wir uns aufhalten, +so lange wir nicht spielen, du darfst nur nach dem Künstlerzimmer +fragen." + +"O, ich weiß es gut," sagte Wilhelm, "neben dem Garderobezimmer liegt +es." + +Der Künstler wunderte sich. "Du bist ja zu allem zu brauchen," sagte +er, "woher weißt du das Zimmer?" + +"Mein Vater ist Lehrer an der Musikschule, ich habe ihn schon oft dort +abgeholt." + +"Ah, Musiklehrer, und hat dennoch kein Billet genommen für unser +Konzert?" + +"Nein," sagte Wilhelm, "aber kein Mensch in der ganzen Stadt kann sich +mehr darüber freuen, als mein Vater!" + +Auch Elschen stimmte zu mit einem fröhlichen "ja, ja!" und dabei +schlüpfte sie, so schnell sie konnte, in ihren Mantel und beiden +Kindern war die Ungeduld, heimzukommen, an allen Gliedern anzumerken. +Die Karte wurde ihnen denn auch wirklich eingehändigt und nachdem +Wilhelm fest versprochen hatte, sich rechtzeitig im Künstlerzimmer +einzufinden und Edmund zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen, ihn zu +belustigen, ohne Lärm zu machen, wurden die Kinder entlassen. + +Wilhelm faßte die kleine Schwester bei der Hand; "Jetzt nur schnell, +schnell, Elschen, wenn nur der Vater ganz gewiß zu Hause ist, es ist +schon sechs Uhr, um halb acht Uhr geht das Konzert an!" + +So rasch eilten sie am Portier vorüber, daß dieser sie kaum mehr +erreichte, obwohl er aus seinem Zimmer ihnen nacheilte auf die +Freitreppe vor dem Hotel. + +"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr dürft wieder heim fahren." +Wilhelm wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und +kommen viel früher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber +die Hand des großen, stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des +Knaben und hielt ihn zurück. "Herr Meier hat Auftrag gegeben, daß eine +Droschke geholt werden soll, es ist für dies kleine Mädchen ein weiter +Weg und draußen ist's kalt und dunkel; aber wenn du so Eile hast, so +kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen und einen Wagen +holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde im +Portierzimmer ein Sessel zurecht gerückt. Da saß sie neben zwei +riesigen Reisekoffern, und betrachtete die glänzenden Metallbeschläge. + +"Das sind große Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen +bis nach Rußland." + +"Dann gehören sie dem General," sagte Elschen, "der in der nächsten +Woche nach Berlin reist." + +"Weißt du davon? Du hast ganz recht, das heißt, er reist schon morgen." + +"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah +erstaunt auf die Kleine. "Das wäre das neueste, wer hat denn das +gesagt?" + +"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren." + +"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General +selbst hat heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen +vormittag. Horch, nun kommt schon dein Bruder mit der Droschke." + +Wilhelm hätte mehr Lust gehabt, seine eigenen flinken Beine in Bewegung +zu setzen als die eines müden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr +einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, daß der +Wagenschlag für sie aufgerissen wurde wie für ein kleines Dämchen und +sie selbst sorgsam hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt +nicht ausgleite. Nun fuhren sie durch die schön beleuchteten Straßen, +dann durch die stillen Gassen der Vorstadt und endlich bogen sie in die +Frühlingsstraße ein. "Wenn der Vater nicht daheim ist, müssen alle +auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl und Otto, Marianne und +Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muß das Billet zu +rechter Zeit bekommen!" + +In der Frühlingsstraße war abends kein großer Wagenverkehr, und Frau +Pfäffling, die bei den Kindern am Tisch saß, horchte auf und sagte: +"Sie kommen!" Herr Pfäffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin +und her wandelte, seine Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch +den Gedanken gestört wurde, wie viel schöner es wäre, heute abend +Musik, Musik erster Klasse, zu hören, als über Musik zu lesen, Herr +Pfäffling hörte auch das Geräusch des Wagens: "Das können die Kinder +sein, ob _sie_ wenigstens etwas gehört haben in der Künstlerfamilie, +singen, Klavier oder Violine?" Das mußte er doch gleich fragen, also: +die Treppe hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem Mann: +"Es hält eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die +Zeit kommt ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfäffling +stand inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte +fragen, aber so flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den +eifrigen Ausrufen seiner Kinder: "Wie gut, daß du zu Hause bist, Vater, +wir haben dir ja ein Billet, ein Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt +vom Künstler selbst!" Und wenn nun auch Herr Pfäffling nicht den +Freudensprung machte, den der kleine Edmund von ihm erwartet hätte, +enttäuscht wäre dieser doch nicht gewesen, denn dieser fröhliche Ausruf +der Überraschung, dieses stürmische Stufenüberspringen, um möglichst +schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Cäcilie!" der +durch die ganze Wohnung klang, war auch ergötzlich und herzerfreuend. + +Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es +diesmal überlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag +herauskam. Frau Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht +überrannt zu werden, wollte eben die Haustüre zumachen, als sie die +Kleine, mit dem Spielzeug beladen, nachkommen sah. "Da hat es wieder so +pressiert," sagte sie vor sich hin, "daß sich keines die Zeit genommen +hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm die Hand und schloß +für sie die Haustüre, während oben schon die Tritte der Hinauseilenden +verhallten. Elschen fand es ganz natürlich, daß man sich nicht um sie +gekümmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude, +der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich grüßte sie die Hausfrau und +sagte, auf der Treppe zurückblickend: "Jetzt weiß ich es, Hausfrau, wie +du das machen mußt, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont +wird, du mußt nur dicke, dicke Teppiche legen; so ist es im +Zentralhotel und es sieht auch viel schöner aus als das Holz da!" + +"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken +Teppiche, damit ich sie legen kann." + +Bei Pfäfflings war große Bewegung, die Freude über das Konzertbillet +hatte sich allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten über die +Erlebnisse im Zentralhotel überstürzten sich, zugleich wurden die +Vorbereitungen für das Abendessen beschleunigt, damit Herr Pfäffling +und Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des Konzertes kommen konnten. Frau +Pfäffling hörte mit besonderer Teilnahme und auch mit Besorgnis von dem +kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl fühlt," sagte sie zu +Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit Spässen bei guter +Laune erhalten können!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und war zu +vergnügt über die Freikarte, als daß er von dem heutigen Abend irgend +etwas anderes als Erfreuliches hätte erwarten können. Er strahlte mit +dem ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinüber, der +ebenso strahlte, während sie beide das rasch erschienene Abendessen +verzehrten und sich dann unter allgemeiner Teilnahme und +Hilfsbereitschaft der Familie für das Konzert richteten. "Wenn der +Kleine aufgeregt wird oder nicht mehr spielen will," sagte Frau +Pfäffling zu Wilhelm, "so laß ihn sich zu dir setzen und erzähle ihm +allerlei, etwa von Frieders Harmonika und Geige oder von unserem +Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn du ihn immer zum Lachen +bringen willst. Weißt du, wenn man unwohl ist, mag man gar nicht +lachen, aber über dem Erzählen vergessen die Kinder ihre kleinen +Leiden." Da mischte sich Elschen ein: "Er ist ja gar nicht krank, er +hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und gelacht," sagte Wilhelm, "und +unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los mit ihm." + +So gingen Vater und Sohn fröhlich und guter Dinge miteinander nach der +Musikschule und trennten sich, Herr Pfäffling, um seinen Platz in dem +schon dicht gefüllten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters +Billet nachträglich zu verdienen. + +Er fand das Künstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn +begrüßten hier die Künstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Sängerin +allerlei Aufmerksamkeiten und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand +in schneeweißem Anzug da und lehnte das Lockenköpfchen an seine Mutter, +die in ihrem duftigen Seidenkleid reizend anzusehen war. "Sieh, da +kommt dein kleiner Freund," sagte Edmunds Vater, der Wilhelms +bescheidenes Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja keine +Purzelbäume," entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen. + +"Das wäre hier wohl auch nicht gut möglich," sagte der Vater. Im +Hintergrund des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben +hielt sich das Fräulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt +hatte. Zu ihr ging er hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel +für Edmund mitgebracht, soll ich ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?" +"Später, wenn wir allein sind und Edmund schwierig wird," sagte das +Fräulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar Augenblicke später +kam geschäftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es Zeit, Herr +Weismann?" frug ihn der Künstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die +anwesenden Herrn verließen nun rasch das Künstlerzimmer, um sich an +ihre Plätze im Saal zu begeben, das Fräulein strich noch die Falten am +Kleide der Sängerin glatt, der Vater löste mit einer gewissen Strenge +die Hand des Kindes aus der der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu +Wilhelm," die Mutter drückte rasch noch einen Kuß auf die Stirn des +Kleinen, der sie betrübt, aber doch ohne Widerspruch losließ. Dann +öffnete Weismann eine Seitentüre, von der aus ein paar Stufen nach dem +erhöhten Teil des Saals führten, auf dem nun das Künstlerpaar auftreten +sollte. Wilhelm konnte von dem tieferliegenden Künstlerzimmer aus nicht +hinaufsehen, aber er hörte das mächtige Beifallklatschen, mit dem das +junge Paar empfangen wurde, dann schloß Weismann hinter ihnen die Türe +und von den wunderbaren Tönen, die nun im Saal die Menschenmenge +entzückten, drangen nur einzelne Klänge herunter in das Nebenzimmer. + +Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms +hat unser kleiner Künstler," sagte er, und auf die bereit gelegte +Violine deutend, fragte er: "Ist dein Instrument schön im Stande?" +Edmund antwortete nicht. + +"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fräulein, "sein Vater hat +vorhin darnach gesehen." + +"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du +stehen sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weißt doch noch, +nicht ganz dicht am Flügel?" Es erfolgte wieder keine Antwort. + +"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fräulein, "wenn +dich Papa so sähe!" Da ließ der Kleine den Kopf hängen und fing au zu +weinen. Erschrocken zog ihn das Fräulein an sich. "Sei nur zufrieden, +Kind," tröstete sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall +klatschen, wenn du mit verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die +Tränen, Weismann hielt es für klüger, sich zurück zu ziehen, Wilhelm +ließ den Kreisel tanzen; halb widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte +er selbst die Kunst, die seinen geschickten Fingerchen bald gelang. Er +vertiefte sich in das Spiel. Plötzlich horchte er auf. Ein +Beifallssturm dröhnte aus dem Saal. + +"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Türe. "Nein, sie muß +noch einmal wiederholen," fügte er nach einer Weile gespannten Horchens +hinzu und kehrte wieder an sein Spiel zurück. "Bei mir ist das auch +manchmal so, ich mag nicht gern wiederholen, aber man muß." + +"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm, +"so etwas habe ich noch gar nicht gehört." + +"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es +nachher schon hören," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem +Kreisel, und als nun die Sängerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl +geleitet, und dann von Weismann empfangen, wieder in das Künstlerzimmer +zurückkam, rief er ihr fröhlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?" +Die Mutter beugte sich zu ihm und sagte: "Gottlob, daß er vergnügt +ist!" und ein dankbarer Blick fiel auf Wilhelm. + +Im Saal erklang der Konzertflügel. + +"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an +das Fräulein wendend, fügte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist, +wenn das Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Früher war es mir +bange, wenn ich vorsingen mußte, aber seitdem das Kind öffentlich +spielt, hat diese große Angst jede andere vertrieben. Wir hätten es nie +anfangen sollen." Tröstend sprach das junge Mädchen der Mutter zu: "So +sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn alle Welt begeistert ist +von dem Kleinen, sind Sie doch glücklich und stolz, mehr als über Ihre +eigenen Erfolge. Er ist nun schon fünfmal aufgetreten und hat seine +Sache immer gut gemacht." + +"Aber heute wird es anders werden," flüsterte die Mutter, "hat er nicht +auch trübe Augen? Edmund, gib mir deine Hände. Sie sind heiß, fühlen +Sie, Fräulein!" + +"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Hände jetzt ruhen +lassen." + +"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Hände dürfen +nicht müde sein vor dem Violinspiel." + +Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschäftigung zu wissen. +Eine gelernte Kindergärtnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber +ihm war, als verlöre sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem +Augenblick an, wo er aufhören würde, den Jungen zu unterhalten. Also +_mußten_ ihm Gedanken kommen, Einfälle, um die Zeit zu vertreiben, und +sie kamen auch, und als der Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in +der Hand, unter lebhaftem Beifall den Saal verlassen hatte, fand er +Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit der Violine zu folgen. + +"Nun wirst du hören, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama," +sagte er munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr +war es seine Mutter. Sie flüsterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch +den Türspalt, wie er seine Sache macht!" + +Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Künstlern, sah, wie +der Kleine, der mit freundlichem Beifall begrüßt worden war, in +kindlicher Weise den Gruß erwiderte und, von seinem Vater auf dem +Klavier begleitet, das Spiel begann. Wilhelm wurde durch den kleinen +Violinspieler an Frieder erinnert und deshalb kam ihm diese Leistung +nicht so wunderbar vor wie den Zuhörern im Saal. Mit denselben +träumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt, hatte +Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige. +Freilich war Frieder erst ein Anfänger auf diesem Instrument und dieser +Kleine war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die +Violine war ja klein und der Spieler hatte nicht den kräftigen Strich +eines Mannes. Aber reine, zarte, tief empfundene Töne wußte er zu +wecken und eine staunenswerte Gewandtheit zeigten die kleinen Hände. +Unter den Zuhörerinnen war manche zu Tränen gerührt, und als der letzte +Ton sanft verklungen war, rauschte ein Beifallssturm durch den Saal, +Blumen flogen, und eine junge Dame trat auf das Podium, um dem kleinen +Künstler ein Füllhorn zu überreichen, das auf sein kindliches Alter +berechnet war, denn während es nur mit Rosen gefüllt schien, waren +unter den Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe, +die Schätze zu sammeln. Man hörte die helle Kinderstimme ein +schlichtes, freundliches "Danke!" rufen. + +In das Künstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu +gratulieren, und es kam so, wie das junge Mädchen voraus gesagt hatte: +die Mutter war über die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg +glücklicher, als über den eigenen; auch war es ihr nun leichter um das +Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal vorzuspielen, freilich ein +schwieriges und längeres Musikstück und ganz ohne Begleitung, aber sie +war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die begeisterten +Schilderungen einiger Freunde, die in das Künstlerzimmer eindrangen und +von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Fröhlich und siegesgewiß +trat das Künstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein zurück +bei dem Fräulein und dem treuen Kameraden. + +Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine +weinerliche Stimmung und war nicht mehr heraus zu reißen, Wilhelm +mochte sich buchstäblich auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da +dachte er an seiner Mutter Rat, setzte sich neben den Kleinen und fing +an, ihm zu erzählen. Der lehnte sich an das Fräulein, und es dauerte +gar nicht lange, so fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Sie +ließen ihn ruhen, aber gegen den Schluß des Konzertabends, während sein +Vater allein spielte und schon am Ende des Stückes war, auf das Edmunds +Auftreten folgen sollte, mußte er doch geweckt werden. Die Mutter tat +es mit schwerem Herzen und unter zärtlichen Liebkosungen. Es kam ihr +grausam vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, daß sie +das Kind vorspielen lasse. Sie bemühten sich zu dritt um das Kind, +boten ihm Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien, +wohl aus dem Schlaf gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu +bestimmen vermocht, daß er noch einmal vorspiele. + +Draußen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige +Erwartung des kleinen Künstlers, auf dessen Wiedererscheinen die große +Menge sich mehr freute als über die großartigen Kompositionen, die der +Vater ihr soeben vorgetragen hatte. Innen, im Künstlerzimmer, herrschte +Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf. + +"Laß nun einmal die zärtlichen Worte," sagte der Künstler zu seiner +Frau, "sie helfen nichts mehr, wie du siehst; laß mich allein mit +Edmund reden." Er führte das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng +in die Augen. + +"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und möchtest lieber zu +Bette gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe +doch dabei ein ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du mußt nur +ein einziges Stück spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht: +Die vielen Menschen haben die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen +dafür Musik versprochen und muß mein Versprechen halten. Du mußt das +deinige auch halten, dann erst darfst du dich zu Bette legen. Aber +eines will ich für dich tun, wenn du mir versprichst, daß du dich +tapfer hältst, ich will dir erlauben, daß du anstatt des schwierigen +Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die du so +gut kannst. Ich will es den Zuhörern sagen; wenn du das Stück recht +schön vorträgst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer +Viertelstunde ist es überstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann +verzeihen sie es dir, daß du so ein kurzes Stück spielst." Und er nahm +das Kind fest an der Hand, machte der Mutter, die sich von ihm +verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab dem Kleinen die +Violine, die er folgsam nahm und führte ihn die Stufen hinauf. "Vater," +fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden, +auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um." + +"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt +der Vater. + +Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das +Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte +sich der Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des +Künstlers zugute zu halten, daß er sein Programm nicht einhält. Er +möchte Ihnen lieber eine Romanze von Beethoven als das Konzert von +Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches Klatschen bezeugte die +Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wußten, daß ihnen damit die +Freude verkürzt wurde. "Nun mach es um so besser," flüsterte der Vater +noch seinem Kind zu und stellte sich so, daß sie einander im Auge +behielten. Ihm war es, als müßte er unablässig durch seinen Blick die +Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten. + +"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhörer, aber die +meisten hatten keinen Blick für den Vater, sie waren wieder hingerissen +von dem Knaben und seinem einschmeichelnden Spiel. + +Es ging vorüber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit +erschienen, und diesmal kamen Beide wie träumend zurück zu der Mutter, +die den Kleinen in zärtlichen Armen empfing. + +"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett," +sagte der Vater zu dem Fräulein, "Wilhelm begleitet Sie hinüber zum +Droschkenplatz, nicht wahr?" + +Am Schluß des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhörer +vor dem Künstlerzimmer, sie hofften, auch das Künstlerkind noch einmal +zu sehen. Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom +Zentralhotel sorgsam hatte erwärmen lassen. + +Am nächsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des +Konzerts, und am übernächsten folgte eine Notiz: der kleine +Geigenspieler sei an den Masern erkrankt. + +Acht Tage später lag auch seine kleine Tänzerin Elschen masernkrank +darnieder, und wenn Frau Pfäffling an ihrem Bettchen saß, dachte sie +manchmal mit Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon öffentlich +auftreten mußte, ehe es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte. + +Über diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen. + + + + +11. Kapitel +Geld- und Geigennot. + + +Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte +täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß +des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden +beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische +Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte +sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder +aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr +Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn +Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit +Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach +Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle. + +Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar +zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich +handelte und sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle +geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig +jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so +werden auch sie ihn kennen gelernt haben." + +"Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, +seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie +das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne +Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern +würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es +von Berlin aus geschehen werde?" + +"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab, +ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas +anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die +Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das +Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus +allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die +Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es +scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas +reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt +übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die +Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die +Eltern schon über der russischen Grenze wären. Es ist gut, daß Sie +nicht noch ein paar Tage gezögert haben, diese Woche ist die Familie +noch beisammen in Berlin. Ich habe die Adresse des Hotels und ich will +sie Ihnen auch mitteilen, Herr Pfäffling. Wenn ich Ihnen raten darf, +schreiben Sie unverzüglich. Sie brauchen ja durchaus keinen Verdacht +gegen die jungen Herrn auszusprechen, es genügt, wenn Sie den Hergang +erzählen, der General ergänzt sich das übrige und so wie ich ihn kenne, +wird er Ihnen sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und +alles ist gut." + +In voller Entrüstung erzählte unser Musiklehrer daheim von dem +offenbaren Betrug seiner jungen Schüler. "Es ist ein Glück," sagte er +dann, "daß mein Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich +schreibe gleich. Wir brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und +Nötigerem als diese leichtsinnigen Burschen." + +Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfäffling in ganz veränderter +Stimmung, langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurück. "Cäcilie," +sagte er, "was meinst du zu der Sache? Meine Feder sträubt sich +ordentlich gegen das, was sie schreiben soll. Was hilft es, wenn ich +auch nicht den geringsten Verdacht ausspreche, meine Mitteilung bringt +doch dem General die Nachricht von der verbrecherischen Handlung seiner +Söhne. Daß er ihnen so etwas nie zugetraut hätte, sieht man ja, er +hätte ihnen sonst das Geld nicht übergeben. Nun soll er das erfahren +müssen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die +ehrlose Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen können. +Sich so von seinen Kindern trennen müssen, das ist ein namenloser +Schmerz für Eltern. Soll ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert +Mark zu retten, was sagst du, Cäcilie?" + +"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, daß du es über +dich bringst," entgegnete Frau Pfäffling. + +"Und du? Würdest du es über dich bringen? Würdest du schreiben, trotz +all dem Leid, was daraus entstehen muß?" + +"Ich würde vielleicht denken, früher oder später werden die Eltern doch +erfahren, wie ihre Söhne sind, und für die Jungen selbst wäre es +heilsam, wenn der Betrug nicht ohne Strafe für sie hinginge. Überdies +ist ja immerhin die Möglichkeit, daß wir einen falschen Verdacht haben +und das Geld vergessen oder verloren wurde, obwohl ich mir dann die +unwahre Aussage der Söhne über die verschobene Abreise nicht erklären +könnte. Die hundert Mark sind uns auch gar so nötig." + +"Also du würdest schreiben, Cäcilie?" + +Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiß nicht, ich +würde meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfäffling noch eine +Weile überlegend auf und ab. Die Augen seiner großen Kinder folgten ihm +mit Spannung. Sie waren alle empört über den Betrug, der an ihrem Vater +begangen war, hatten alle den Wunsch, der Vater möchte schreiben. Aber +sie wagten nicht, darein zu reden. Nun machte der Vater halt, blieb vor +der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert Mark lassen sich +verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen das +kleinere Übel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem +Wort: Den Nächsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den +russischen General ungeschrieben. + +Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefaßt. In ihrem kalten +Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto +beisammen und schrieben an die Söhne des Generals. Ihrer Entrüstung +über die schnöde Handlungsweise gaben sie in kräftigen Worten Ausdruck, +den Edelmut des Vaters, der aus Rücksicht auf den General diesem die +Schandtat nicht verraten wollte, priesen sie in begeisterten Worten, +schilderten dann die vielen Entbehrungen, die die Eltern sich auflegen +mußten, wenn eine so große Summe wegfiel, und wandten sich am Schluß +mit volltönenden Worten an das Ehrgefühl der jungen Leute mit der +Aufforderung, das Geld zurückzuerstatten. Otto mußte mit seiner +schönen, schulgemäßen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und +dann setzten alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an +Feodor, den älteren der beiden Brüder, die Berliner Adresse hatten sie +gelesen, es fehlte nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur +Schule konnte er in den Schalter geworfen werden. Mit großer innerer +Befriedigung legten sie sich nun in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin +mußte das Geld zurückkommen, an dem Erfolg war gar nicht zu zweifeln, +und welche Überraschung, welche Freude mußte das geben! + +Es ist aber merkwürdig, wie die Dinge bei nüchternem Tageslicht so ganz +anders erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brüder am +nächsten Morgen auf dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum +lassen wir eigentlich den Vater unsern Brief nicht vorher lesen?" +Wilhelm und Otto wußten Gründe genug. "Weil sonst keine Überraschung +mehr dabei ist; weil die Eltern so ängstlich sind und keinen Verdacht +äußern wollen, während doch alles so klar wie der Tag ist; weil der +Vater die schönsten Sätze über seinen Edelmut streichen würde; weil +dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts würde; nein, wenn man +wollte, daß der Brief abging, so mußte man ihn heimlich abschicken, +nicht lange vorher fragen." + +Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf +er den Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber +die Brüder drangen in ihn: "Jede Überraschung muß heimlich gemacht +werden, sonst ist's ja keine; du bist immer so bedenklich und +ängstlich, was kann denn der Brief schaden? Gar nichts, im schlimmsten +Fall nützt er nichts, aber schaden kann er nichts, das mußt du selbst +sagen." Karl wußte auch nicht, was er schaden sollte, und dennoch +wollte er durchaus auch beim zweiten Schalter den Brief nicht +herausgeben. "Die Eltern sind immer so sehr gegen alles Heimliche," +sagte er, "und es ist wahr, daß schon oft etwas schlimm ausgegangen +ist, was wir heimlich getan haben. Ihr habt gut reden: wenn die Sache +schief geht, heißt es doch: Karl, du bist der Älteste, du hättest es +nicht erlauben sollen." Allmählich brachte er mit seinem Bedenken Otto +auf seine Seite, nur Wilhelm blieb dabei daß sie ganz übertrieben +ängstlich seien, und machte bei dem dritten und letzten Schalter einen +Versuch, Karl den Brief zu entreißen. Es gelang aber nicht, und da nun +Schulkameraden sich anschlossen, mußte die Schlußberatung auf den +Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben war: sie wollten der +Mutter von dem Brief erzählen, wie wenn dieser schon abgeschickt wäre. +Hatte sie dann nur Freude darüber, dann konnte man ihn ruhig einwerfen, +hatte sie Bedenken, so konnte man ihn vorzeigen. So wurde Frau +Pfäffling zugeflüstert, sie möchte nach Tisch einen Augenblick in das +Bubenzimmer kommen. Dort fand sie ihre drei Großen, die ihr nun +ziemlich erregt und meist gleichzeitig von dem Brief erzählten, den sie +gestern noch bei Nacht geschrieben, an den jungen Feodor adressiert und +heute morgen auf dem Schulweg mitgenommen hätten. Die kräftigen +Ausdrücke der Verachtung gegen die Handlungsweise der jungen Russen und +die Beschwörung, das Geld zurückzuerstatten, wurden fast wörtlich +angeführt. + +Im ersten Augenblick hörte Frau Pfäffling mit Interesse zu, aber dann +veränderte sich plötzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast +entsetzt auf die drei Jungen und wurde ganz blaß. Sie erschraken über +diese Wirkung und verstummten. + +"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr +auch an Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in +die Hand, die Söhne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel, +sondern in der Erziehungsanstalt und das könnt ihr glauben, der General +übergibt keinen Brief mit fremder Handschrift an seine Söhne, ohne ihn +zu lesen. Nun erfährt er durch euch auf die schroffste Weise eben das, +was der Vater vor ihm verbergen wollte. Es ist unverantwortlich, euch +so einzumischen in das, was euch nichts angeht!" + +Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins +Wort fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfäffling war nicht +begierig, Entschuldigungen zu hören, und anderes glaubte sie nicht +erwarten zu können. Da drückte ihr Karl den Brief in die Hand und rief: +"Fort ist der Brief noch nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch +nicht so!" + +"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfäffling, "habt ihr nicht gesagt, er +sei schon abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es wäre mir +schrecklich gewesen für den Vater, für den General und auch für euch, +denn wir hätten nie mehr etwas in eurer Gegenwart besprochen, hätten +alles Vertrauen in euch verloren, wenn ihr euch heimlich in solche +Dinge mischt!" Sie standen beschämt, denn wie waren sie doch so nahe +daran gewesen, das Heimliche zu vollbringen! + +"Später, wenn ich Zeit habe, will ich den Brief lesen," sagte Frau +Pfäffling, "ich kann mir ja denken, daß ihr empört seid über die jungen +Leute, aber was nur ein Verdacht ist, darf man nicht aussprechen, wie +wenn es Gewißheit wäre. Wißt ihr nicht, daß oft schon die klügsten +Richter einen Menschen verurteilt haben, weil der schwerste Verdacht +gegen ihn vorlag, und später stellte sich doch heraus, daß er +unschuldig war? Man kann da gar nicht vorsichtig genug sein." + +Herr Pfäffling bekam den Brief zu lesen. Er wurde nachdenklich darüber. +"So, wie die Kinder gerne geschrieben hätten," sagte er zu seiner Frau, +"so kann man freilich nicht schreiben. Aber der Gedanke, sich an die +Söhne zu wenden, ist vielleicht nicht schlecht. Bisher waren sie noch +unter der steten Aufsicht der Eltern, ich wüßte nicht, wie sie in +dieser Zeit das unterschlagene Geld hätte verausgaben sollen. Ich müßte +an sie schreiben, sobald der General und seine Frau abgereist sind. Der +Abschied wird den jungen Leuten gewiß einen tiefen Eindruck machen, der +General wird ernste Worte mit ihnen reden. Wenn sie in dieser Stimmung +einen Brief von mir erhalten und sehen, wie ich ihre Eltern gerne +schonen möchte, ist es nicht unmöglich, daß sie ihr Unrecht wieder gut +machen. Sie mögen ja schwach sein und leicht einer Versuchung +unterliegen, aber sie sind auch weichen Gemüts und zum Guten zu +bestimmen, ich will wenigstens den Versuch machen." + +Frau Pfäffling saß in dieser Zeit viel am Bett der kleinen +Masernkranken. Ihr Mann mußte das Krankenzimmer meiden um seiner +Schüler willen. Aber wie eine Erscheinung stand er eines Tages +plötzlich vor ihr, warf ihr eine Handvoll Geld in den Schoß, rief +vergnügt: "Das Russengeld" und war in demselben Augenblick schon wieder +verschwunden. + +Seine drei großen Jungen rief er zu sich, las ihnen den reuevollen +Brief der jungen Leute vor und gab in seiner Freude jedem der Drei ein +kleines Geldstück, weil sie ihn durch ihren Brief auf einen guten +Gedanken gebracht hatten. Aber Wilhelm wollte es nicht annehmen. War er +es doch gewesen, der darauf beharrt hatte, den Brief, ohne vorher zu +fragen, einzuwerfen. "Vater," sagte er, "du weißt nicht so genau, wie +die Sache zugegangen ist. Ich bin schon froh, daß nur kein Unheil +entstanden ist aus unserm Brief, eine Belohnung will ich lieber nicht +nehmen, die hat nur Karl verdient, gib sie nur ihm." + +Noch am selben Abend erhielt der Ohrenarzt sein Geld, mit einer +Entschuldigung über die Verzögerung und der aufrichtigen Bemerkung, daß +es Herrn Pfäffling nicht früher möglich gewesen sei, die Summe +zusammenzubringen. + +Der Arzt saß schon mit seiner Gemahlin beim Abendessen. "Ist denn der +Pfäffling nicht der Direktor der Musikschule, der neulich einen Ball +gegeben hat?" + +"Bewahre, du bringst auch alles durcheinander," sagte die Gattin, die +sich nicht durch Liebenswürdigkeit auszeichnete. "Der Pfäffling ist ja +bloß Musiklehrer. Es ist doch der, von dem man einmal erzählt hat, daß +er seine zehn Kinder ausschickt, um Wohnungen zu suchen, weil niemand +die große Familie aufnehmen wollte." + +"O tausend!" rief der Doktor, "wenn ich das gewußt hätte, dem hätte ich +keine so gesalzene Rechnung geschickt!" + +"Du verwechselst auch alle Menschen!" + +"Die Menschen nicht, bloß die Namen; der Direktor heißt ganz ähnlich." + +"Gar nicht ähnlich." + +"Nicht? Ich meine doch. Wie heißt er eigentlich?" + +"Mir fällt der Name gerade nicht ein, aber ähnlich ist er gar nicht." + +"Doch!" + +"Nein!" + +Nachdem sie noch eine Weile über die Ähnlichkeit eines Namens +gestritten hatten, den sie beide nicht wußten, schob der Arzt das Geld +ein mit einem bedauernden: "Ändern läßt sich da nichts mehr." + +Elschens Krankheit war gnädig vorübergegangen. Sie war wieder außer +Bett, hatte aber noch Hausarrest und viel Langeweile. So freute sie +sich über den heutigen Lichtmeßfeiertag, an dem die Geschwister +schulfrei waren. Am Nachmittag machte sie sich an Frieder heran, der +geigend in der Küche stand, und bat schmeichelnd, daß er nun endlich +aufhöre und mit ihr spiele. Er nickte nur und spielte weiter. Sie +wartete geduldig. Endlich mahnte ihn Walburg: "Frieder, hör auf, du +hast schon zu lang gespielt. Frieder, der Vater wird zanken." Da gab er +endlich nach, und Elschen folgte ihm fröhlich in das Musikzimmer, wo +die Violine ihren Platz hatte. Als Frieder aber sah, daß der Vater gar +nicht zu Hause war, nahm er schnell die Violine wieder zur Hand und +spielte. "Du Böser!" rief die kleine Schwester und Tränen der +Enttäuschung traten ihr in die Augen. Als aber nach einer Weile draußen +die Klingel ertönte, sah man ihr schon wieder die Angst für den Bruder +an: "Der Vater kommt!" rief sie und sah gespannt nach der Türe. Aber +ehe diese aufging, war Frieder mit seiner Violine durch die andere Türe +hinausgegangen und nun flüchtete er sich in das Bubenzimmer und spielte +und spielte. Da holte sich Elschen den Bruder Karl zur Hilfe. +"Frieder," sagte er, "ich rate dir, daß du jetzt augenblicklich +aufhörst, du hast gewiß schon drei Stunden gespielt!" Da machte der +leidenschaftliche Geiger ein finsteres Gesicht, wie es noch niemand an +dem guten, kleinen Kerl gesehen hatte, und sagte trutzig zu Karl: "Ich +kann jetzt nicht aufhören, ich spiele bis ich fertig bin." + +In diesem Augenblick kam Frau Pfäffling herein, da stürzte sich Elschen +weinend auf sie zu und rief: "Alle sagen ihm, er soll aufhören und er +tut's doch nicht, vielleicht hört er gar nie mehr auf, sieh ihn nur +an!" + +Aber durch diesen verzweifelnden Ausruf der Kleinen und vielleicht noch +mehr durch den Anblick der Mutter kam Frieder zu sich, ließ die Geige +sinken, legte den Bogen aus der Hand und senkte schuldbewußt den Kopf. + +"Hast du gewußt, daß es über die Zeit ist und hast dennoch +weitergespielt?" fragte Frau Pfäffling. "Das hätte ich nicht von dir +gedacht, Frieder, wenn du über deiner Violine allen Gehorsam vergißt, +dann ist's wohl besser, das Geigenspiel hört ganz auf. Bleib hier, ich +will hören, was der Vater meint." + +Frau Pfäffling ging hinaus, Frieder blieb wie angewurzelt stehen. Die +Geschwister sammelten sich allmählich um ihn, sie berieten, was +geschehen würde, drangen in ihn, er solle gleich um Verzeihung bitten, +und als nun die Eltern miteinander kamen, war eine schwüle Stimmung im +Zimmer. Frieder wagte kaum aufzusehen, aber trotzig schien er nicht, +denn er sagte deutlich: "Es ist mir leid." + +"Das muß dir freilich leid sein, Frieder!" sagte der Vater. "Wenn du +bloß im Eifer vergessen hättest, daß du über die Zeit spielst, dann +könnte ich dir das leicht verzeihen, aber wenn du erinnert wirst, daß +du aufhören solltest und magst nicht folgen, wenn du mit aller Absicht +tust, was ich dir schon oft streng verboten habe, dann ist's aus mit +dem Geigenspiel. Was meinst du, wenn ihr Kinder alle nicht folgen +wolltet, wenn jeder täte, was ihm gut dünkt? Das wäre gerade, wie wenn +bei dem Orchester keiner auf den Dirigenten sähe, sondern jeder +spielte, wann und was er wollte. Nein, Frieder, meine Kinder müssen +folgen, mit deinem Violinspiel ist's vorbei, ich will nicht sagen für +immer, aber für Jahr und Tag. Gib sie her!" + +Frieder, der die Violine leicht in der Hand gehalten hatte, drückte sie +nun plötzlich an sich, verschränkte beide Arme darüber und wich einen +Schritt vom Vater zurück. Sie waren alle über diesen Widerstand so +bestürzt, daß es fast einstimmig über aller Lippen kam: "Aber Frieder!" + +Herr Pfäffling sah mit maßlosem Erstaunen den Kleinen an, der immer der +gutmütigste von allen gewesen war und der jetzt tat, was noch keines +gewagt hatte, sich ihm widersetzte. Einen Moment besann er sich, und +dann, ohne nur dem zurückweichenden nachzugehen, streckte er rasch +seine langen Arme aus, hob den kleinen Burschen samt seiner Violine +hoch in die Luft und rief, indem er ihn so schwebend hielt: "Mit Gewalt +kommst du gegen mich nicht auf, merkst du das?" und ernst fügte er +hinzu, als er ihn wieder auf den Boden setzte: "Nun gib du mir +gutwillig deine Violine, Frieder!" Aber die Arme des Kindes lösten sich +nicht. Von allen Seiten, laut und leise, wurde ihm von den Geschwistern +zugeredet: "Gib sie her!" und als Frau Pfäffling sah, wie er das +Instrument leidenschaftlich an sich preßte, fragte sie schmerzlich: +"Frieder, ist dir deine Violine lieber als Vater und Mutter?" Der +Kleine beharrte in seiner Stellung. + +"So behalte du deine Violine," rief nun lebhaft der Vater, "hier hast +du auch den Bogen dazu, du kannst spielen, solang du magst. Aber unser +Kind bist du erst wieder, wenn du sie uns gibst," und indem er die Türe +zum Vorplatz weit aufmachte, rief er laut und drohend: "Geh hinaus, du +fremdes Kind!" Da verließ Frieder das Zimmer. + +Draußen stand er regungslos in einer Ecke des Vorplatzes, innen +schluchzten die Schwestern, ergriffen waren alle von dem Vorfall. Herr +Pfäffling ging erregt hin und her und dann hinaus in den Vorplatz, wo +er Walburg mit so lauter Stimme, daß es bis ins Zimmer drang, zurief: +"Das Kind da soll gehalten werden wie ein armes Bettelkind. Es darf +hier außen im Vorplatz bleiben, es kann da auch essen und man kann ihm +nachts ein Kissen hinlegen zum Schlafen. Geben Sie ihm den +Küchenschemel, daß es sich setzen kann. Es dauert mich, weil es keinen +Vater und keine Mutter mehr hat." + +Hierauf ging er hinüber in sein Zimmer. Frau Pfäffling zog Elschen an +sich, die sich nicht zu fassen vermochte. "Sei jetzt still, Kind," +sagte sie, "Frieder wird bald einsehen, daß er folgen muß. Wir lassen +ihn jetzt ganz allein, daß er sich besinnen kann. Er wird dem Vater die +Violine bringen, dann ist alles wieder gut." + +Als die Zeit des Nachtessens kam, deckten die Schwestern auch für +Frieder. Sie rechneten alle, daß er kommen würde. Herr Pfäffling, der +zum Essen gerufen war, ging zögernd, langsam an Frieder vorbei, der als +ein jammervolles Häufchen auf dem Schemel saß und die Gelegenheit, die +ihm der Vater geben wollte, vorübergehen ließ. Er kam nicht zu Tisch. +"Tragt ihm zu essen hinaus, soviel er sonst bekommt," sagte Herr +Pfäffling, "der Hunger soll ihn nichts zu uns treiben, die Liebe soll +es tun und das Gewissen." + +So aß der Kleine außen im Vorplatz und so oft die Zimmertüre aufging, +kamen ihm Tränen, denn er sah die Seinen um die Lampe am Tisch sitzen +und sein Platz war leer. Aber er hatte ja seine Violine, nach dem Essen +wollte er spielen, immerzu spielen. + +Im Zimmer horchten sie plötzlich auf. "Er spielt!" flüsterte eines der +Kinder. Von draußen erklang ein leiser Geigenton. Sie lauschten alle. +Drei Striche—dann verstummte die Musik. Die drei Töne hatten Frieder +wehgetan, er wußte nicht warum. Der kleine Geiger hatte früher noch nie +mit traurigem Herzen nach seinem Instrument gegriffen, darum hatte er +auch keine Ahnung davon, wie schmerzlich die Musik das Menschenherz +bewegen kann. + +Nach einer Weile begann er noch einmal zu spielen, aber wieder brach er +mitten darin ab. Denen, die ihm zuhörten, ging es nahe, vor allem den +Schwestern. + +"Die Marianne möchte hinaus zu Frieder," sagte die Mutter. Herr +Pfäffling verwehrte es nicht. Sie fanden ihn auf dem Schemel kauernd, +wie er die Geige auf seinen Knieen liegend mit schmerzlichem Blick +ansah. Sie setzten sich zu ihm und flüsterten mit ihm. Eine Weile +später, als Herr Pfäffling in seinem Musikzimmer war, kam ein +sonderbarer Zug zu ihm herein: Voran kam Frieder und trug mit beiden +Händen etwas, das eingehüllt war in Mariannens großen, schwarzgrauen +Schal. Es war fast wie ein kleiner Sarg anzusehen; ernst genug sah auch +der kleine Träger aus, die Schwestern folgten als Trauergeleite. + +"Da drinnen ist die Violine," sagte Frieder zu seinem Vater, der +fragend auf die merkwürdige Umhüllung sah. Da nahm ihm Herr Pfäffling +rasch den Pack ab, legte ihn beiseite, ergriff seinen kleinen Jungen, +zog ihn an sich und sagte in warmem Ton: "Nun ist alles gut, Frieder, +und du bist wieder unser Kind!" Und Frieder weinte in des Vaters Armen +seinen Schmerz aus. + +Später erst vertrauten die Schwestern dem Vater an: "Solang Frieder +seine Violine gesehen hat, war es ihm zu schwer, sie herzugeben, erst +wie wir sie zugedeckt haben und ganz eingewickelt, hat er sie nimmer +mit so traurigen Augen angesehen!" + +Als Frieder längst schlief, sprachen seine Eltern noch über ihn. "Wie +kann man nur so leidenschaftliche Liebe für die Musik haben," sagte +Frau Pfäffling, "mir ist das ganz unverständlich." + +"Von dir hat er es wohl auch nicht," entgegnete Herr Pfäffling und +fügte nachdenklich hinzu: "Ganz ohne Musik kann ich ihn nicht lassen, +das wäre, wie wenn ich einem Hungrigen die Speise versagen wollte. Ich +denke, am besten ist, ich lehre ihn Klavierspielen. Danach hat er bis +jetzt kein Verlangen und wird es leichter mit Maßen treiben." + +"Ja, und lernen muß er es doch, denn daran wird man kaum zweifeln +können, daß er einmal ein Musiker wird." + +Unser Musiklehrer sagte schwermütig: "Es wird wohl so kommen." + + + + +12. Kapitel +Ein Haus ohne Mutter. + + +So ganz allmählich und unmerklich war es gekommen, daß von Frau +Pfäfflings Reise zur Großmutter gesprochen wurde als von einer +ausgemachten Sache, obwohl niemand hätte sagen können, an welchem Tag +sie die Ansicht aufgegeben hatte, daß die Reise ganz unmöglich sei. + +Nur "auf alle Fälle" entschloß sie sich zum Einkauf eines +Kleiderstoffs, und als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hörte man +Frau Pfäffling sagen: "Nicht zu lang, damit es nötigenfalls auch als +Reisekleid praktisch ist." + +"Auf alle Fälle" nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu +sehen, wie sich die Reise praktisch machen ließe, und was sie gesehen, +trug sie "auf alle Fälle" in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht +reisen, wenn das Reisekleid fertig im Schrank hängt und die besten +Zugverbindungen herausgefunden sind? So war es denn wirklich soweit +gekommen, daß sich Frau Pfäffling anfangs Februar für einen bestimmten +Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte, die mit +herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloß, ob Frau +Pfäffling nicht mit leichterem Herzen reisen würde, wenn sie ihr +Elschen mitnähme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis. + +Diese Karte, die Herr Pfäffling im Zimmer vorlas, brachte große +Aufregung in die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefühle +und Meinungen kund, bis der Vater die Türe weit aufmachte und den +ganzen aufgeregten Schwarm hinausscheuchte. + +"Du hättest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir +entschlossen sind," sagte Frau Pfäffling. + +"Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir +herüberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder." + +"Ja, ja," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd, "und warten, bis sie in +der Schule sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man +Pfäffling heißt!" + +Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die +Kinder zurück. Frau Pfäffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf +sich gerichtet. Sie zog das Kind an sich. "Es kann nicht sein, +Elschen," sagte sie, "und ich will dir auch erklären warum. Bei einer +so weiten Reise ist auch der _halbe_ Fahrpreis schon teuer und selbst, +wenn ihn die gute Großmutter für dich zahlen wollte, könnte ich dich +doch nicht mitnehmen, denn wer sollte denn daheim die Türe aufmachen, +wenn es klingelt, während alle in der Schule sind? Walburg hört das ja +nicht und sie versteht nicht, was die Leute sagen, die kommen. Du mußt +unsere Pförtnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht daheim +wärest, könnte ich gar nicht reisen." + +Das kleine Jüngferchen war verständig, es sah ein, daß es zurückbleiben +mußte. Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen, +denn was wußte Elschen von fremden Ländern und Menschen, von Reiselust +und Erlebnissen? Für sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und +Merkwürdiges genug brachte. So kam es zur Verwunderung der großen +Geschwister nicht einmal zu ein paar Tränen bei der kleinen Schwester, +die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie nicht mit hinunter +gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof! + +Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfäffling war es +schwer ums Herz. Gut, daß Tag und Stunde längst festgesetzt waren, +sonst hätte sie ihren Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wußte, +wie sehnlich sie erwartet wurde, es gab kein Zurück mehr, es mußte +jetzt sein. Geschäftig ging sie heute, alles voraus bedenkend, hin und +her im Haus. Aber überall, wo sie auch war, in Küche, Keller und +Kammern, folgte ihr Frieder. Er störte sie nicht, wenn sie räumte, +überlegte oder anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein, +nahe, so nahe wie möglich. Sie spürte sein Heimweh. Es war ein langes, +stummes Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem +Augenblick, wo sie oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war. + +"Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?" + +"Was denn, Kind?" + +Es wollte nicht über seine Lippen. + +"Was, mein Kind, komm, sage es mir!" + +"Daß ich die Violine lieber habe als dich und den Vater." + +"Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem +Vater deine Violine gegeben. Ich weiß gut, wie lieb du uns hast. Darum +tut dir ja auch der Abschied weh. Aber es muß doch auch einmal sein, +daß ich zu meinem eigenen Mütterlein wieder gehe, eben weil man seine +Mutter so lieb hat, das verstehst du ja. Und denke nur, das +Freudenfest, wenn wir wieder zusammen kommen! Wie wird das köstlich +werden!" + +So tröstete die Mutter den Kleinen und tröstete sich selbst zugleich. + +Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein +Wort: "Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig +wegen seiner Violine, darum fällt ihm auch der Abschied besonders +schwer." + +"Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es +schon gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige hätte, +neigt den Kopf nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten, +wie wenn er den Bogen führte, und dann hört er die Melodien, das sieht +man ihm gut an. Da tut er mir oft leid." + +"Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die +erste Klavierstunde geben, darüber wird er die Violine vergessen. Und +wenn nun der Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am +Kasernenhof turnen könnt, dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm +Lust. Und noch etwas: ich meine, deine Mathematikstunden mit Wilhelm +werden nimmer regelmäßig eingehalten." + +"O doch, Mutter." + +"Oder sie sind so kurz, daß man nicht viel davon bemerkt?" + +"Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewöhnlich nicht." + +"Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fünfzehn Minuten; das ist +aber nicht genug, ihr müßt eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm +wieder eine so schlechte Note bekäme!" + +"Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf +verlassen!" + +Bald nachher rief Frau Pfäffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in +die Holzkammer. + +"Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr," sagte sie, +"daran dürft ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg +muß in dieser Zeit alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch für Holz +und Kohlen sorgen." + +Und nun ging's an die Mädchen. "Marianne, ihr müßt Walburg soviel wie +möglich alle Gänge abnehmen, solange ich fort bin." + +"Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!" + +"Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die +Stiefel schon ausgezogen. Ihr müßt lieber die Stiefel dreimal aus- und +anziehen, als es darauf ankommen lassen, daß Walburg mitten am +Vormittag vom Kochen fortspringen muß." + +So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und +am Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfäffling noch +einmal Nadel und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden +an einem Kinderkleid auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur +Bahn, ja aus dem Wagenfenster kamen noch hausmütterliche Ermahnungen, +bis endlich der Zug durch eine kaum hörbare erste Bewegung zur fertigen +Tatsache machte, daß Frau Pfäffling verreist war. + +Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine +Weile im alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr +selbst nur das Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts +nützen konnte. Zugleich verschwanden auch die letzten Häuser und +Anlagen der Stadt, freie, noch mit Schnee bedeckte Äcker und Felder +tauchten auf, eine stille, einförmige Natur. Da machte sie es sich +bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab sich darein, +daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine +wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer +Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde. + +Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann +mit den Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war. +Sie machten sich an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen +geregelten Gang. Nur Elschen lief an diesem Vormittag mit Tränen durch +die stillen Zimmer, die andern empfanden die Lücke erst so recht bei +dem Mittagessen. Es verlief auffallend still. Eigentlich war ja Frau +Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann und ihre Kinder waren +lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben können, eine +so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch gegeben. +Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung +hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das +zu tun machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch +ein, daß Karl für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto +und so nacheinander herunter, immer das ältere unter den Geschwistern +dem jüngern. Anfangs machte es den Kindern Spaß, aber es ging nicht +immer so friedlich und so säuberlich zu wie bei der Mutter, und Walburg +wunderte sich, daß sie bald eine noch fast gefüllte, bald eine ganz +leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein regelmäßiger +Verbrauch mehr wie bisher. + +Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten +Abendstunden, wo sie allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe +gerückt und wußten doch nicht viel miteinander anzufangen, so glich das +Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die Vorschrift befolgt wird: Man +bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser nach den ersten Tagen. +Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese bildeten ein +gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn. + +Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes +Wiedersehen zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht +ganz ohne Wehmut. Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges +Großmütterlein, das da im Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne +Hilfe von einem Zimmer in das andere zu gehen! Und wiederum, wo war +Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch deutliche Spuren hatte die +Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen eingegraben! + +Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach +einigen Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden +wieder die geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu +trauriger Empfindung da, denn die _alte_ Frau hatte keine Schmerzen zu +leiden, sie genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege +der unverheirateten Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die +_junge_ Frau, wenn man Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit +solcher Liebe von ihrem großen Familienkreis und schien so gereift +durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen deutlich zum Bewußtsein kam, +das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit Köstliches gebracht. + +Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde, +die noch ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte +die Schwester in das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte +Gastzimmer, zog sie an sich, küßte sie herzlich und sagte: "Cäcilie, +nun soll dir's gut gehen! Du wirst sehen, wie ich dich pflege!" + +"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde." + +"Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts +tue ich lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen +und herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das +anschlägt, da kann man viel erreichen in vier Wochen." + +Frau Pfäffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du +das nicht in _drei_ Wochen erreichen?" + +"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?" + +"Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als daß ich +vier Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang +an vorgenommen, nach drei Wochen zurückzukommen, und habe gehofft, daß +du mich darin unterstützest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen +Haushalt, Mann, sieben Kinder und ein fast taubes Mädchen zu verlassen. +Es kommt so oft etwas vor bei uns!" + +"Was soll denn vorkommen? Was fürchtest du?" + +"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es ja selbst nicht vorher, aber +es ist so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme +Folgen haben könnte, bald hört einer nicht auf zu musizieren, wenn er +einmal anfängt, und selbst, wenn nichts Besonderes vorkäme, das +Alltägliche bringt schon Schwierigkeiten genug: Elschen muß vormittags +immer allein die Türe aufmachen und Bescheid geben, das ist unheimlich +in einer großen Stadt. Und wenn du immer noch nicht überzeugt bist, +Mathilde, dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn mein Mann +einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist +das wirklich genug und es wäre an der Zeit, daß ich wieder käme!" + +"So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?" + +"Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde, +wenn ich etwa nach zwei Wochen heimschreibe, daß ich schon in der +nächsten Woche komme. Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so +lebhaft wie früher und die meisten unserer Kinder haben sein +Temperament. Da gibt es nun bei solch einer Nachricht immer gleich +einen Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und hören können!" + +Frau Pfäffling sah im Geist ihre fröhliche Schar, und ein glückliches +Leuchten ging über ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz +jugendlich, gar nicht pflegebedürftig aus. + +Als die Schwestern das Gastzimmer verließen, hatten sie sich auf drei +Wochen geeinigt. + +Die ersten Tage vergingen in stillem, glücklichem Beisammensein. Es war +für Frau Pfäffling eine Wonne, so ganz ohne häusliche Sorgen bei der +Mutter sitzen zu dürfen und zu erzählen. Teilnahme und volles +Verständnis war da zu finden für alles, was ihr Leben erfüllte, und +doch stand die Mutter selbst schon fast _über_ dem Leben. Einen weiten +Weg hatte sie in achtzig Jahren zurückgelegt und nun, nahe dem Ziel, +überblickte sie das Ganze wie aus der Ferne. Da sieht sich manches +anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der Höhe herab erkennt +man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hören wollte, der +konnte hier manch guten Rat für den eigenen Lebensweg bekommen. Frau +Pfäffling war von denen, die hören wollten. + +In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag. +Zu diesem Familienfest fand sich unter andern Gästen auch Frau +Pfäfflings einziger Bruder ein mit seiner Frau und einer +fünfzehnjährigen Tochter, einem lieblichen, fein erzogenen Mädchen. +Diesen Bruder, der Professor an einer norddeutschen Universität war, +hatte Frau Pfäffling auch seit vielen Jahren nimmer gesehen, aber aus +der Ferne hatte eines an des andern Schicksal und Entwicklung stets +Anteil genommen, und so war es beiden eine besondere Freude, sich +einmal wieder ins Auge zu sehen. + +"Wir müssen auch ein Stündchen herausfinden, um allein miteinander zu +plaudern," sagte der Bruder während des festlichen Mittagsmahls zu +seiner Schwester. Und als nach Tisch, während die Geburtstägerin ruhte, +eine Schlittenfahrt unternommen wurde, saßen Bruder und Schwester in +einem kleinen Schlitten allein. Hier, im nördlichen Deutschland, lag in +diesem Februar noch überall Schnee, die Bahn war glatt, die Kälte nicht +streng, die Fahrt eine Lust. Frau Pfäffling sah nach dem Schlitten +zurück, in dem mit andern Gästen ihre junge Nichte saß. "Wie reizend +ist sie," sagte Frau Pfäffling, "und so wohlerzogen. Wenn du meine +Kinder daneben sehen würdest, kämen sie dir ein wenig ungehobelt vor." + +"Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als +du, sie gibt sich auch viel Mühe mit der Erziehung." + +"Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem gröbsten, und man wird +damit oft kaum fertig." + +"Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel +miteinander, wie ist das bei euch?" + +"Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnügt miteinander. +Sie haben ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur +sollte man sich eben mehr mit dem einzelnen abgeben können." + +"Hat man für die deinigen zu wenig Zeit, so für die unserigen zu viel. +Ich fürchte, daß sie gar zu sorgfältig beachtet werden. Jederzeit ist +das Fräulein zu ihrer Verfügung, außerdem haben wir noch zwei +Dienstmädchen, und mit unserem Jungen werden sie oft alle drei nicht +fertig." + +So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die +häuslichen Verhältnisse, und dann wollte Frau Pfäffling Näheres hören +über einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwähnt hatte. Er +beabsichtigte in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen, +dabei durch Süddeutschland zu kommen und die Familie Pfäffling zu +besuchen. + +An diesen Plan schloß sich noch ein weiterer an, den der Professor nach +dieser Schlittenfahrt faßte und zunächst mit seiner Frau allein +besprach. Wenn auf der einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen +wenig, auf der einen Seite Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der +andern alles reichlich, warum sollte man nicht einen Ausgleich +versuchen? Bruder und Schwägerin machten den Vorschlag, einen der +jungen Pfäfflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die Sache wurde +überlegt, und es sprach viel für den Plan. Frau Pfäffling wollte mit +ihrem Mann darüber sprechen, und wenn er einverstanden wäre, sollte der +Bruder auf der Osterreise sich selbst umsehen und wählen, welches der +Kinder am besten zu den seinigen passen würde. Das Auserlesene sollte +er dann auf der Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht +auf ein baldiges Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie +wieder ab, und in der Umgebung der achtzigjährigen Mutter wurde es +still wie vorher. + +Frau Pfäffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie +erfuhr doch nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die +Losung ausgegeben: "Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet, +sonst ist der Mutter der Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst +mündlich erzählt." So gingen denn Nachrichten ab über gelungene +Mathematikarbeiten und neue Klavierschüler, über einen Maskenzug und +Fastnachtskrapfen, über Frieders regelmäßiges Klavierspiel und über der +Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese +Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb +verschwiegen. + +Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr +Pfäffling von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an: +"Haben Sie heute nacht nichts gehört, Herr Pfäffling, nicht ein Stöhnen +oder dergleichen?" + +"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich habe gar nichts Auffallendes +gehört." + +"Aber es muß doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die +zweite Nacht, daß ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, daß eines der +Kinder so Heimweh hat, daß es bei Nacht laut weint? Aus einem der +Schlafzimmer kommt der schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in +Ordnung, ich habe schon die Kinder danach gefragt, aber nichts erfahren +können." + +"Das will ich bald herausbringen," sagte Herr Pfäffling und ging +hinauf. Er fragte zunächst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam +die Tafelrunde an. Frische, fröhliche Gesichter waren es, die nichts +verrieten von nächtlichem Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings +blaß und überwacht aus, ernst und fast wie von Schmerz verzogen. Das +war Anne. Ihr mußte etwas fehlen. Er beobachtete sie eine Weile und +machte sich Vorwürfe, daß er das bisher übersehen hatte. Wenn die +Mutter dagewesen wäre, die hätte es bemerkt, auch ohne der Hausfrau +Mitteilung. + +Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die +Schwestern zurück. + +"Ist dir's nicht gut, Anne?" fragte er. + +"O doch!" erwiderte sie rasch und wurde über und über rot. + +"Du meinst wohl, in dem Punkt dürfe man lügen," entgegnete Herr +Pfäffling, "weil ich lieber höre, daß du wohl bist. Aber ich möchte +doch auch darüber gern die Wahrheit hören." Da senkte sie schon mit +Tränen in den Augen den Kopf, und Herr Pfäffling wußte, woran er war. + +"Warum hast du denn geweint heute nacht?" fragte er, "wenn die Mutter +nicht da ist, müßt ihr mir euren Kummer anvertrauen." Das geschah nun +auch und er erfuhr, daß Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren +bei Nacht heftig geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingeträufelt, +das noch vom vergangenen Jahr dastand, und Umschläge gemacht, aber das +hatte alles nichts geholfen und erst gegen Morgen waren die Schwestern +eingeschlafen. So war es schon zwei Nächte gewesen. Sie hatten es dem +Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte nicht zum Ohrenarzt +geschickt werden, sie fürchtete die Behandlung, fürchtete auch die +große Neujahrsrechnung. + +Am Nachmittag saßen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des +Arztes. Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern +vorgehalten, daß Anne so schwerhörig wie Walburg werden könnte, wenn +etwas versäumt würde. + +Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei +Unzertrennlichen rührten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so +ängstlich aus wie die kranke, sie zuckte wie diese beim Schmerz, und +doch kam sie immer als treue Begleiterin. Diesmal konnte er beide +trösten. "Es ist nichts Schlimmes," sagte er, "das gibt keine so böse +Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel schüttet weg, das +macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes. Wenn eure +Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es +selbst einträufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruß, und das gehe +noch auf die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die +gehört dazu." + +Darüber wurden die Schwestern so vergnügt, daß sie anfingen, mit dem +gefürchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch, +daß Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. "Hört die denn gar +nichts mehr?" fragte er. + +"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr +sagen, aber es wird alle Jahre schlimmer." + +"Geht sie nie zum Arzt?" + +Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz +gewiß, daß man ihr nicht helfen konnte. + +"Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen," sagte der +Arzt, "schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt +daheim, das gehe auch noch in die alte Rechnung." + +Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten +sie sich, den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen +sie es auch Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um +sie handelte, und ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn +euere Mutter zurückkommt, werde ich so frei sein." + +Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören. + +Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum +gestrigen Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie +volle acht Tage früher heimkommen würde, als verabredet war. + +In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen +vom Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen, +diese letzte Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter. + +"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme," sagte +einmal Karl, "das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es +denn so zeitig? Der Kalender gehört eigentlich mir." "Ich," sagte +Frieder, "ich habe es manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir +zum Frühstück gekommen?" Es wurde noch weiter nachgeforscht, und da +stellte es sich heraus, daß Frieder immer schon abends den +Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. "Du meinst wohl, es kommt +dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?" sagte Karl und +wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er +Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen +Schulweg mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich +so nahegerückt. + +Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg; +ja im Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die +jungen Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat +gesorgt und Walburg mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen. +Während dieser Zeit wurde geklingelt und Elschen lief herzu, um +aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn Pfäffling, dann nach dessen +Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß sie alle fort seien, +bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines Briefchen an +Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von ihm, +und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde. +Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den +Schreibtisch, wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte +der Herr, "du kannst nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann, +den Brief für deinen Vater lasse ich hier liegen." Elschen verließ das +Zimmer. Nach einer ganz kurzen Weile kam der Herr wieder heraus. + +"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam +keine Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die +Treppe hinunter und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben +heraufkam. + +"Wer war da?" fragte diese. + +"Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins +Ohr; weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen +zu unbequem, Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim +Mittagessen fiel ihr die Sache wieder ein und sie erzählte sie dem +Vater. Dem kam es verdächtig vor. "Wo ist denn der Brief?" fragte er. +Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu finden! Und wo war denn—ja, +wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade jahraus, jahrein +seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit allen +sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum. +Oft schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in +dieser Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was +die Familie Pfäffling am Leben erhielt. + +Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich +eingeschlichen, hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen, +keinen Pfennig fürs tägliche Brot! + +Walburg wurde hereingeholt und über den "Herrn" ausgefragt. Man +brauchte ihr gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere +Schublade, die bestürzten Gesichter sprachen auch für sie deutlich +genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht und fragte bloß: "Gestohlen?" + +Und nun flogen Vorwürfe hin und her. + +"Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den +Schreibtisch!" warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. "Es war ja +gar kein Dieb, es war ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie +nahm sie in Schutz. "Sie kann nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein +Holz getragen habt, wegen euch hat Walburg hinunter gemußt!" + +"Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken +lassen!" rief Herr Pfäffling immer wieder. + +Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder +wagte zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir +wollen ihr schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal +niemand zu beruhigen, es war so traurig, zu denken, daß man sie mit +solch einer Botschaft empfangen sollte! Karl und Marie hatten leise +miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie jetzt, "wir alle zusammen +haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März kommt wieder dein +Gehalt. Wir sparen recht." + +"Ja, ja," sagte Herr Pfäffling, "verhungern müssen wir nicht, ich habe +auch noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die +Steuer zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel +abgezogen hätte, wäre vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt +hin und wieder, bis ihn ein Wort Walburgs stillstehen machte, das Wort: +Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Dieb ausfindig gemacht +werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden konnte. Ja, sofort +Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. Elschen sollte +mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur schnell, +schon waren viele Stunden verloren! + +Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie +setzten sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede +knöpfte ihr einen Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Häubchen, die +Brüder wollten ihr die Handschuhe anziehen, machten es verkehrt, +erklärten dann Handschuhe für ganz übertrieben und die Kleine sprang +ohne solche dem Vater nach, der schon an der Treppe stand und nun mit +so langen Schritten die Frühlingsstraße hinunterging, daß das Kind an +seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln mußte. + +Von der Polizei brachten sie günstigen Bescheid zurück. Ein junger +Musiker, der angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel +betroffen worden und mochte wohl der Missetäter sein. Man hoffte, ihn +aufzufinden. + +Es war gut, daß am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfäffling +abgegangen war, denn heute und in den folgenden Tagen hätte niemand +schreiben mögen. So aber kam es, daß sie gerade, während ihre Lieben in +großer Trübsal waren, einen dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus +dem ihr eine ganze Anzahl Briefblättchen entgegen flatterten, alle voll +Jubel über das unerwartet nahe Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte +seine Freude selbst aussprechen wollen. Nicht die leiseste Ahnung sagte +Frau Pfäffling, daß die Stimmung daheim inzwischen vollkommen +umgeschlagen war. + +Herr Pfäffling ging gleich am nächsten Morgen auf die Polizei, um sich +zu erkundigen. Er erfuhr, daß bisher vergeblich nach dem jungen Musiker +gefahndet worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso +am nächsten Tag in frühester Morgenstunde auf der Polizei erschien, +wurde ihm bedeutet, daß er sich nicht mehr bemühen möchte, es würde ihm +Nachricht zukommen. + +Darüber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, daß man die Mutter +mit einer so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, ließ gar nicht +die rechte Freude des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfäffling war +unschlüssig, ob er die Nachricht nicht doch vorher schriftlich +mitteilen sollte, zögerte aber noch immer in der Hoffnung auf Festnahme +des Diebes und fand endlich, als er sich zum Schreiben entschloß, daß +der Termin doch schon verpaßt sei und der Brief erst nach der Abreise +seiner Frau ankommen würde. So blieb denn nichts übrig, als der +Heimkehrenden schonend die Hiobspost mitzuteilen. + +Für Frau Pfäffling war die Abschiedsstunde gekommen. "Ich wundere +mich," sagte sie zu Mutter und Schwester, "daß ich nicht noch einen +letzten Gruß von daheim bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung +sein?" + +"Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war," sagte die +Mutter, "auch dann nicht, wenn die daheim es meinen. Laß dir nur das +Wiedersehen nicht verderben, wenn du nun siehst, daß manches in +Unordnung geraten ist während deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein +hier war so schön, das ist doch auch eines Opfers wert." + +"Ja," sagte die Schwester, "du hast ja selbst gesagt, daß jeden Tag +irgend etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du +daheim bist. Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht +mehr als einundzwanzig Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht +beklagen, darfst nicht behaupten, daß dein Wegsein daran schuld ist, +und nicht gleich erklären: ich reise nie mehr." + +Frau Pfäffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr +fern, nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riß +sich mit schwerem Herzen los von dem geliebten Mütterlein, von der +Schwester, die sie so treulich gepflegt hatte, und das Wort "auf +Wiedersehen" war ihr letzter Gruß aus dem abfahrenden Zug, als sie die +weite Heimreise antrat. + +Noch immer war es draußen in der Natur kahl und winterlich, die drei +Wochen waren anscheinend spurlos vorübergegangen, noch war nirgends ein +Keimen und Sprossen, eine Frühlingsandeutung zu bemerken. Und doch +schien ihr die Zeit so weit zurück zu liegen, seitdem sie hieher +gereist war! Jetzt war ihr Herz noch vom Abschiedsweh bewegt, und doch +rührte sich schon und drängte gewaltig in den Vordergrund die Freude +auf das Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der so von Lieben +zu Lieben kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen wird. Wer +kann sich reicher fühlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim +reist? + +Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes +doch nicht lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben +können. Die Kleinen hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis +Samstag schon halb vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran, +aber doch mit dem unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her +gehöre, je schwieriger die Lage im Haus war. + +Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als +er am Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof +eilte. Er kam dort fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in +ungeduldiger Erwartung der Kinder, die von der Schule aus kommen +sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und winkte mit seinen +langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl und Otto +auftauchen sah. + +Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof +begrüßen sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt," sagte er, +"und soll nicht gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an +den Marktplatz entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der +Frühlingsstraße und Elschen soll die Mutter an der Treppe empfangen, +denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause sein." + +So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem +Vater an die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch +sie nicht vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges +Vorrecht. Sie standen alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter, +während der Zug einfuhr, entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus +dem Wagenfenster forschend nach ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie +sich dann plötzlich ihre Züge verklärten, als sie den Vater erblickte, +der, dem Schaffner zuvorkommend, die Türe ausriß und mit froher +Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half. + +Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches +Wiedersehen und Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch +die Menge hinaus auf den Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte +zufrieden sein können mit ihrem Erfolg, denn die Verwunderung über der +Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu einstimmigem Ausdruck und +hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn nicht Frau +Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob die +Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung +erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise, +da kam aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob! + +"Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von +euch krank sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich +nimmer geschrieben habe," entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort +lautete ein wenig bedrückt. Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa +vorgekommen ist, bekümmert mich gar nicht," sagte sie und drückte +glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn. "Hört nur, Kinder," +sagte er lachend, "die Mutter ist ordentlich leichtsinnig geworden auf +der Reise." So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz, wo +ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten +und jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen. + +Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der +Ecke der Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte +Frieder gewartet und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem +Augenblick, als die Familie um die Ecke bog, sah er doch gerade in +anderer Richtung. + +"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o +Mutter!" rief er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn +zärtlich und sagte ihm freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines +Dummerle, wir sind ja jetzt wieder beisammen!" + +"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber +die Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu +ihr auf, ging dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis +sie, im Hausflur angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um +darin die Jüngste aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang +und schon auf der Treppe mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß +soeben zum Empfang eine Torte geschickt worden sei von Fräulein +Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen großen, großen Kaffeekuchen +gebacken habe. + +Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als +sonst. Sie hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht +vergessen können, an dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld +war. Was konnte man von Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau +Pfäffling verlassen, ihr hatte sie das Haus übergeben, und wenn sie +nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen hätte, so wäre kein +Unglück geschehen. + +Walburg hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Frau Pfäffling auf +dem langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis +erfahren hätte. Sie erwartete, daß Frau Pfäfflings erstes Wort ein +Vorwurf sein würde. Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort +fürchtete sie zu hören, das sie schon einmal schwer getroffen hatte, +das Wort: "ich will lieber eine, die hört!" Darum stand sie so starr +und stumm, daß Frau Pfäffling fast an ihr erschrak, als sie nun an der +Küchentüre vorüber kam. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: +es ist _doch_ etwas Schlimmes vorgefallen, aber im nächsten Moment +sagte sie zu sich selbst: nein, du hast es nur vergessen, wie groß, wie +ernst, wie stumm sie ist, und sie reichte dem Mädchen mit herzlichem +Gruß die Hand. Walburg hörte den Gruß nicht, aber den Händedruck, den +freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde ihr leicht +ums Herz, die Dankbarkeit löste ihr die Zunge und ihr Gegengruß schloß +mit den Worten: "einen Lohn nehme ich nicht für das Vierteljahr." + +Das waren freilich unverständliche Worte für Frau Pfäffling, aber ehe +sie noch nach Erklärung fragen konnte, wurde sie von den Kindern +angerufen: "Dein Koffer kommt, wohin soll er gestellt werden?" Sie ließ +ihn in das Schlafzimmer bringen und nahm aus ihrem Täschchen ein +Geldstück für den Dienstmann. Frieder, der neben ihr stand, sah +begierig in den offenen Geldbeutel. "Die Mutter hat noch viel Geld," +rief er freudig den Geschwistern zu. "Seit wann fragt denn mein Frieder +nach Geld?" sagte Frau Pfäffling und bemerkte, als sie aufsah, daß die +Großen ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb +sie nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu +viel verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darüber +Vorwürfe. Aber viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben, +dadurch sollte kein Schatten auf das Wiedersehen fallen. + +"Ja, ich habe noch Geld," sagte sie heiter zu den Kindern, "aber nun +kommt nur, der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schön +gedeckt, Walburg hat gewiß etwas Gutes gekocht." + +Nun standen sie alle um den großen Eßtisch. "Heute betet die Mutter +wieder," sagte der Vater, "wir wollen hören, was ihr erstes Tischgebet +ist." + +"Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut," sagte Frau +Pfäffling und sie sprach mit innerer Bewegung: + +"Von Dank bewegt, o Gott, wir heute +Hier vor dir stehen! +Du schenkest uns die schönste Freude, +Das Wiedersehen. +Nun gehn wir wieder eng verbunden +Durch Lust und Leid, +In guten und in bösen Stunden +Gib uns Geleit!" + + +Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch für die Eltern Kaffee +machen müssen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu +gedeckt. "Sollen wir den Kaffee gleich bringen?" fragte Marie. "Ja," +sagte die Mutter. "Nein, erst wenn ich rufe," fiel Herr Pfäffling ein +und schickte die Kinder hinaus. "Zuerst kommt etwas anderes," sagte er +nun zu seiner Frau, "zuerst kommt meine Beichte," und er führte sie an +den Schreibtisch und zog die kleine leere Schublade auf, deckte auch +das leere Käßchen auf, in dem sonst das Ersparte lag. Dieser Stand der +Dinge war schlimmer, als Frau Pfäffling gefürchtet hatte. "Ich habe +schon geahnt, daß mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist," sagte +sie, "aber daß _gar_ nichts mehr da ist, hätte ich doch nicht für +möglich gehalten, wie _kann_ man denn nur so viel verbrauchen, das +brächte ich ja gar nicht zustande!" + +"Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich +gespart; gestohlen ist es, gestohlen!" + +Herr Pfäffling erzählte den Hergang und auch, daß er gestern die +Nachricht erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien +festgenommen, aber das Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung +mehr, es zurück zu erhalten. Aber unentbehrlich war es und mußte auf +irgend eine Weise wieder hereingebracht werden. + +Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluß +derselben war, daß Herr Pfäffling lebhaft rief: "Ja, so kann es +gelingen, das ist ein guter Plan!" Und fröhlich klang sein Ruf hinaus: +"Jetzt, Kinder, den Kaffee!" + + + + +13. Kapitel +Ein fremdes Element. + + +Der gute Plan, den die Eltern ausgesonnen hatten, sollte am nächsten +Tag auch den Kindern mitgeteilt werden. + +"Marianne wird keine Freude daran haben," meinte Frau Pfäffling. + +"Nein," entgegnete Herr Pfäffling, "aber man muß ihnen die Sache nur +gleich im rechten Licht darstellen." Er rief die Kinder alle zusammen. +"Hört einmal," sagte er, "wir haben ein Mittel ausfindig gemacht, durch +das sich der Geldverlust wieder hereinbringen läßt. Zwei von euch +können uns allen helfen. Wer sind wohl die zwei Glücklichen? Ratet +einmal!" + +Sie sahen sich fragend an "Wenn es gerade zwei sind, wird es Marianne +sein," schlug Karl vor. + +"Richtig geraten. Aber wie?" + +"Wenn sie nicht immer so schöne Kleider und seidene Zopfbänder tragen," +meinte Wilhelm. Die Zwillinge musterten sich gegenseitig, und auch die +Blicke aller anderen ruhten auf ihnen. Die beiden Mädchen standen da in +ihren vertragenen schottischen Kleidern, mit grauen Schürzen, und ihre +blonden Zöpfe waren mit schmalen blauen Bändchen gebunden. + +"Da werden wir keine großen Summen heraus sparen können," meinte Herr +Pfäffling, "eher könntet ihr Buben in der Kleidung etwas sparen, wenn +ihr eure Anzüge besser schonen würdet. Nein, das ist's nicht, wir +wissen etwas anderes." + +"Etwas," setzte Frau Pfäffling hinzu, "das jeden Monat 20 Mark und noch +mehr einbringt." + +Nun waren sie alle aufs äußerste gespannt. "Ihr erratet es nicht, ich +will es euch sagen," und Herr Pfäffling wandte sich an die Mädchen: +"Ihr Beiden zieht in die Bodenkammer hinauf, dann können wir euer +Zimmer an einen Zimmerherrn vermieten und schweres Geld dafür +einnehmen. Ist das nicht ein feiner Plan? Das muß euch doch freuen? Die +Mutter will alles Gerümpel aus der Kammer herausräumen und eure Betten +hineinstellen und im übrigen dürft ihr alles ganz nach eurem Belieben +einrichten; in eurem Reich da oben redet euch niemand darein; aus den +alten Kisten könnt ihr Tische machen und Stühle und was ihr nur wollt." + +Die Zwillinge hatten zuerst ein wenig bedenkliche Gesichter gemacht, +aber zusehends hellten sich diese auf; jetzt nickten sie einander zu +und betätigten: "Ja, es wird sein!" + +Gleich darauf erbaten sie sich den Kammerschlüssel, der sollte in +Zukunft auch ihr Eigentum sein und nun sprangen sie die Treppe hinauf +in großer Begleitung. Auch der Vater ging mit, sie aber waren doch die +Hauptpersonen. Sie schlossen ihr künftiges Revier auf. Es war ein +kleines Kämmerchen mit schrägen Wänden und einem Dachfenster. "Kalt +ist's da oben," meinte einer der Brüder. "Aber im Sommer ist's immer +ganz warm, das weiß ich noch vom vorigen Jahr," entgegnete Marie. "Da +hast du recht," bestätigte lächelnd der Vater, "und seht nur durch das +Fenster, wenn man den Kopf weit hinausstreckt, so hat man die schönste +Aussicht vom ganzen Haus. Und so gut vermacht ist die Kammer, nirgends +kann Schnee oder Regen durch; wißt ihr noch, wie Frau von Falkenhausen +in ihrer Lebensgeschichte erzählt, daß ihr in Afrika der Regen in ihr +Häuschen gedrungen ist, und die Betten wie in einem Teich standen? Und +wie eine dicke Schlange durch ein Loch am Fenster herein gekrochen ist? +Wie wäre sie glücklich gewesen über ein so gutverwahrtes Kämmerlein! +Ja, Kinder, da habt ihr es schon besser." + +Als sie herunter kamen, waren alle ganz von den guten Eigenschaften der +Kammer erfüllt. + +Es galt nun einen Zimmerherrn zu suchen und sich der Hausleute +Erlaubnis zu sichern. Frau Pfäffling besprach die Sache mit der +Hausfrau und diese wiederum mit ihrem Mann. Da stieß die Sache auf +Widerstand. Herr Hartwig wollte nichts davon wissen, durchaus nichts. +Er meinte, es sei schon reichlich genug, wenn zehn Leute den obern +Stock bewohnten und Zimmerherrn seien ihm ganz zuwider. Er habe nie +welche gehabt und geduldet. Frau Hartwig legte viel gute Worte ein für +die Familie Pfäffling und schilderte ganz ideale Zimmerherrn, aber ihr +Mann blieb bei seinem entschiedenen "nein" und sie konnte nicht anders +als dieses Frau Pfäffling mitteilen. + +"Es tut mir so leid," sagte sie, "aber ich kann nichts machen; mein +Mann sagt ja selten 'nein', aber wenn er es einmal gesagt hat, dann +bleibt er dabei. Er meint, wenn ein Mann 'nein' gesagt hat, dürfe er +nachher nicht mehr 'ja' sagen, sogar wenn er's möchte." + +Dieser Bescheid war eine große Enttäuschung für die Familie. Herr +Pfäffling konnte wieder einmal den Hausherrn nicht begreifen. "Wenn ich +sehe, daß jemand nicht auskommt, lasse ich ihn doch lieber sechs +Zimmerherrn nehmen, als in Geldnot stecken," rief er, indem er lebhaft +den Tisch umkreiste. "Nicht mehr 'ja' sagen dürfen, weil man vorher +'nein' gesagt hat? Soll sich darin die Männlichkeit zeigen? Dann wäre +jedes eigensinnige Kind 'männlich'. Glaubt das nicht, ihr Buben," sagte +er, vor Karl stehen bleibend, "ich will euch sagen, was männlich ist: +Nicht nachgeben, wenn es gegen besseres Wissen und Gewissen geht; aber +_nachgeben_, sobald man einsieht, daß man falsch oder unrecht geurteilt +hat." + +Als zwei Tage über die Sache hingegangen waren, ohne daß mit den +Hausleuten weiter darüber gesprochen worden wäre, traf Frau Pfäffling +zufällig oder vielleicht absichtlich mit Herrn Hartwig im Hausflur +zusammen. + +"Es war uns so leid," sagte sie zu ihm, "daß wir keinen Zimmerherrn +nehmen durften, denn wir sind durch den Diebstahl ein wenig in die Enge +geraten. Aber da Sie einmal 'nein' gesagt haben, möchte ich Sie nicht +plagen, und es ist ja wahr, daß manche Zimmerherrn spät in der Nacht +heimkommen, Lärm machen und dergleichen. So müssen wir uns eben jetzt +entschließen, eine ältere Dame als Zimmermieterin aufzunehmen, da +fallen ja alle diese Schattenseiten weg. Es ist nur für uns unbequemer +und auch schwerer zu finden als ein Zimmerherr. Wenn Sie uns ein wenig +behilflich sein möchten, eine passende Hausgenossin zu finden, wären +wir Ihnen recht dankbar. Meinen Sie, wir sollen es in die Zeitung +setzen?" + +"Ja," sagte Herr Hartwig, "das wird am schnellsten zum Ziel führen." +Sie besprachen noch ein wenig die näheren Bedingungen und ohne recht zu +wissen wie, war Herr Hartwig dazu gekommen, sich selbst um eine elfte +Hausbewohnerin für den obern Stock zu bemühen. + +Das seitherige Zimmer der beiden Mädchen wurde hübsch hergerichtet und +sie bezogen ihre Bodenkammer. Ein Inserat in der Zeitung erschien, und +nun kamen wieder einmal Tage, in denen sich die Kinder darum stritten, +wer die Türe aufmachen durfte, um etwaigen Liebhaberinnen das Zimmer zu +zeigen. Allzuviele erschienen nicht und Frau Pfäffling mußte erfahren, +daß die Frühlingsstraße "keine Lage" sei. Ihr selbst war auch nicht +jede von den wenigen, die sich meldeten, erwünscht; sie wollte nur das +Zimmer vermieten, nicht eine Kostgängerin an ihrem einfachen +Mittagstisch haben, kein fremdes Element in den vertrauten +Familienkreis aufnehmen. Aber als auf wiederholte Ankündigung die +Rechte sich nicht finden wollte, wurde Frau Pfäffling kleinmütig und +sagte zu ihrem Mann: "Mir scheint, wir müssen froh sein, wenn überhaupt +irgend jemand das Zimmer mietet, ich muß mich entschließen, auch die +Kost zu geben. Aber niemand begnügt sich heutzutage mit so einfachem +Mittagstisch, wie wir ihn haben." + +"So machst du eben immer besondere Leckerbissen für solch eine +anspruchsvolle Dame und deckst für sie in ihrem eigenen Zimmer, dann +stört sie uns nicht," lautete Herrn Pfäfflings Rat. + +Drei Tage später bezog Fräulein Bergmann das Zimmer. Pfäfflings durften +sich glücklich schätzen über diese Mieterin. Sie war eine fein +gebildete Dame, etwa Mitte der Vierziger. Erzieherin war sie gewesen, +meist im Ausland, hatte vorzügliche Stellen innegehabt und so viel +zurückgelegt, daß sie sich jetzt, nach etwa fünfundzwanzig Jahren +fleißiger Arbeit, zur Ruhe setzen und von ihrer Rente leben konnte. Sie +war gesund und frisch und wollte nun ihre Freiheit genießen, sich +Privatstudien und Liebhabereien widmen, zu denen ihr das Leben bis +jetzt wenig Muße gelassen hatte. Was andere Mieter abschreckte, der +Kinderreichtum der Familie Pfäffling, das war für sie ein +Anziehungspunkt, denn in der Wohnung, die sie zuerst nach dem Austritt +aus ihrer letzten Stelle bezogen hatte, war es ihr zu einsam gewesen. +Sie hatte es nur kurze Zeit dort ausgehalten und suchte jetzt eine +Familie, in der sie mehr Anschluß fände. Mit schwerem Herzen machte ihr +Frau Pfäffling das Zugeständnis, daß sie am Mittagstisch der Familie +teilnehmen dürfe. + +"Ich konnte es ihr nicht verweigern," sagte sie zu ihrem Mann und fügte +seufzend hinzu: "Ursprünglich wollten wir freilich einen Herrn, der den +ganzen Tag fort wäre und nun haben wir eine Dame, die den ganzen Tag da +ist, aber ich glaube, daß sie keine unangenehme Hausgenossin sein +wird." + +Nach den ersten gemeinsamen Mahlzeiten war die ganze Familie für +Fräulein Bergmann eingenommen. Sie war viel in der Welt herumgekommen, +wußte in anregender Weise davon zu erzählen und interessierte sich doch +auch für den Familienkreis, in den sie nun eingetreten war. Deutlich +war zu bemerken, daß sie sich von Frau Pfäfflings sinnigem Wesen +angezogen fühlte, daß sie Verständnis hatte für des Hausherrn +originelle Lebhaftigkeit und Anerkennung für der Kinder Bescheidenheit. +Freilich waren auch alle sieben voll Zuvorkommenheit gegen die neue +Hausgenossin. Hatte diese doch das Zimmer gemietet trotz der vielen +Kinder, und trotzdem die Frühlingsstraße "keine Lage" war. Überdies +flößten ihnen die feinen Umgangsformen und das sichere Auftreten der +ehemaligen Erzieherin Achtung ein. So ging anfangs alles aufs beste und +wäre auch wohl so weiter gegangen, wenn Fräulein Bergmann nicht das +Wort "ehemalig" vergessen hätte. Aber es dauerte gar nicht lange, so +gewann es den Anschein, als ob sie die Erzieherin der Kinder wäre; sie +ermahnte und tadelte sie, fragte nach den Schularbeiten, rief die +Schwestern zu sich in ihr Zimmer und ließ sie unter ihrer Anleitung die +Aufgaben machen. Die Mädchen, um deren Arbeiten sich bisher niemand +bekümmert hatte, fanden das vorteilhaft und kamen gerne, auch Frau +Pfäffling war anfangs dankbar dafür, aber die neue Einrichtung paßte +doch nicht zum Ganzen. + +So waren auch eines Nachmittags die beiden Schwestern schon geraume +Zeit in Fräulein Bergmanns Zimmer, als Elschen bescheiden anklopfte. +"Marianne soll herüber kommen," richtete sie aus, "es gibt Ausgänge zu +machen." Die Mädchen standen augenblicklich auf, aber Fräulein Bergmann +hielt sie zurück: "Das eilt doch nicht so," sagte sie, "die Schularbeit +geht allem vor, das habe ich allen meinen Zöglingen eingeprägt. Die +Ausgänge könnten doch auch von dem Dienstmädchen gemacht werden." + +"Walburg hat keine Zeit," entgegnete Elschen altklug, "und sie hört +auch nicht genug für manche Besorgungen." + +"Dies taube Mädchen ist in jeder Hinsicht eine ungenügende Hilfe," +sagte Fräulein Bergmann. "Nun geh nur, Elschen, und bitte deine Mama, +sie möchte den Schwestern noch ein halb Stündchen Zeit gönnen." + +Es dauerte aber noch eine ganze Stunde, bis die Kinder herüberkamen. + +"Ihr braucht länger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet," +sagte Frau Pfäffling ärgerlich, "woher kommt denn das?" + +"Weil Fräulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue +voraus erklärt. Sie sagt, so könnten wir bald alle Mitschülerinnen +überflügeln, und in der Schule würde jedermann staunen über unsere +Fortschritte." + +"Das kann sein," entgegnete Frau Pfäffling, "aber dann hätte ich gar +keine Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum +lernen da und nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, daß ihr nicht in +die Dunkelheit kommt mit den Ausgängen." Sie kamen aber doch erst heim, +als es finster war. "Finden Sie das passend?" fragte Fräulein Bergmann +die Mutter, "sollten Sie nicht das Dienstmädchen schicken?" + +"Walburg kann nicht alles besorgen." + +"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie +vollends ganz taub ist, muß sie doch fort." + +Diese Worte hörte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte +Walburg in der Küche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie +wohl bald ganz taub würde? Sie bemerkte seinen forschenden, +teilnehmenden Blick. "Willst du mir was?" fragte sie und beugte sich zu +ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und sagte ihr ins Ohr: "Ich mag +Fräulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg antwortete ausweichend: +"Man muß froh sein, daß man sie hat." + +Ja, man war froh, daß man sie hatte, und nahm geduldig manche +Einmischung hin. Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veränderung +im Pfäffling'schen Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher +immer mit einem hellen Wachstuch bedeckt worden. + +"Ich habe noch überall, wo ich war, weiße Tischtücher getroffen," +bemerkte Fräulein Bergmann. + +"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen +Haus," entgegnete Frau Pfäffling, "wir müssen jede unnötige Arbeit +vermeiden und die großen Tischtücher machen viel Arbeit in der Wäsche." + +"Aber das Essen mundet besser auf solchen." + +"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an +unserem Tisch." + +Kurz darauf beanstandete Fräulein Bergmann, daß die Türe zum +Nebenzimmer regelmäßig offen stand. "Wir können dadurch beide Zimmer +mit _einem_ Ofen heizen," erklärte Frau Pfäffling. + +"Aber dann sollten Sie die Türe aushängen und eine Portiere anbringen, +das würde sich sehr fein machen." + +"Ja gewiß, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkäufe kann +ich mich nicht einlassen. Sie müssen bedenken, daß Sie nun nicht mehr +bei reichen Leuten leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind, +wenn es nur immer zum täglichen Brot reicht." + +"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwöhnt bin, +und ich habe mich schon oft gewundert, daß Sie so heitern Sinnes auf +vieles verzichten, woran Sie gewiß zu Hause gewöhnt waren. Ich weiß, +daß Sie aus fein gebildeter Familie stammen." + +"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhältnisse +schicken. Die äußere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein +Glück ruht auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben +damit gar nichts zu tun." + +Ein paar Tage später brachte Fräulein Bergmann als Geschenk den Stoff +zu einer Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die +Türöffnung wurde nun elegant verkleidet und sah in der Tat hübsch aus, +die Kinder standen voll Bewunderung. Aber der schöne Stoff paßte nicht +so recht zum Ganzen, Fräulein Bergmann selbst war die erste, die das +bemerkte. "Es sehen nun allerdings die Möbelbezüge verblichen aus," +sagte sie, "aber über kurz oder lang müßten diese doch erneuert +werden." + +Herr Pfäffling war sehr überrascht, als er zum erstenmal durch die +Portiere schritt. Sie streifte dem großen Mann das Haar. Er sah sie +mißliebig an. + +"Es ist ein Geschenk von Fräulein Bergmann," sagte Frau Pfäffling, "du +solltest ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt." + +"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfäffling, "ich habe ja gar keinen +Sinn für so etwas, es fängt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu +unserer übrigen Einfachheit. Fräulein Bergmann mag sich Portieren in +ihr Zimmer hängen so viel sie will, aber unsere Zimmer müssen ihr schön +genug sein, so wie sie sind." + +Bei Tisch saß er gerade der Portiere gegenüber; sie kam ihm wie etwas +Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Höflichkeit wahren und +sich nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Ärger zum ersten +hinzu. Walburg hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller +gewechselt. Die Kinder bekamen immer nur _einen_ Teller. + +"Finden Sie nicht, daß es gegen den Schönheitssinn verstößt, wenn die +Kinder alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich +Fräulein Bergmann fragend an Frau Pfäffling. + +"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben +Teller mehr aufzudecken, abzuwaschen und aufzuräumen ist schon ein +Geschäft." + +"So viel könnte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das +Fräulein, "das ist doch solch eine Kleinigkeit." + +Da fiel ihr Herr Pfäffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie, +geehrtes Fräulein, meine Frau als Hausfrau muß doch am besten wissen, +was in unsere Haushaltung paßt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind, +müssen Sie mit unserer Art vorlieb nehmen." + +"Gewiß, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu +sehen, wie der Schönheitssinn so ganz vernachlässigt wird. Aber ich +werde gewiß nicht mehr darein reden, kein Wort mehr." + +"Ja, darum möchte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr +Pfäffling, "und übrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles +ordentlich, schön und rein und ich möchte durchaus nicht, daß sie sich +noch mehr Arbeit macht, und wenn meine Kinder ihr nachschlagen, wird +man sie überall gern sehen." + +"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fräulein und fügte +gekränkt hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluß der Mahlzeit +verlief in unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorüber war, zog +sich Fräulein Bergmann zurück. + +"Sie ist beleidigt," flüsterte bekümmert eines der Mädchen dem andern +zu. + +"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brüder, "warum mischt +sie sich ein!" + +"Aber es ist doch wahr, daß Teller schnell abgewaschen sind!" + +"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fräulein Bergmann sagt +und haltet gar nicht zur Mutter!" + +Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr +Pfäffling bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins," +sagte er zu seiner Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird +sich jetzt schon besser in acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart, +und mir ist ihr Dareinreden nicht so unangenehm, man macht doch seine +Sache nicht vollkommen und da ist es gar nicht übel, einmal zu +erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel mehr von der +Welt gesehen als ich." + +Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die +beiden Frauen standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein +Bergmann machte von der Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen. + +"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man +keinen eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf +diese Zeit der Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht +nach Herzenslust lesen, zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem +ich Muße dazu habe, so viel ich nur will, hat es seinen Reiz verloren." + +Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen: + +"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger +Arbeit beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine." + +"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar +nicht. Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner +veränderten Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle +selbst, daß ich unausstehlich bin." + +Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß +Fräulein Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr +Kritik und Einmischung gestattete. + +Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte +sich kein Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles +zurück und brachte Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach +Fräulein Bergmanns Ansicht waren all diese kleinen Übelbefinden selbst +verschuldet, sie behauptete, solches bei ihren Zöglingen durch +sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben. + +"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März, +"weißt du noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen +sieben ausgezogen, Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen. +Aber dieses Jahr ist es so kalt." + +"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein, +schöner war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen +Familienkreis. + +Sie saßen wieder einmal an dem weiß gedeckten Mittagstisch, nachdem +Herr Pfäffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare +streichen lassen, und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte. + +"Wie wunderlich," begann Fräulein Bergmann, "daß Sie nicht ein +feststehendes Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus +vorgekommen. Das heutige hat kein gutes Versmaß. Wie vielerlei haben +Sie eigentlich?" + +"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfäffling. "Ich denke, daß man +leichter mit dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn +es nicht jeden Tag das gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein +Gebet gedankenlos gesprochen wird." + +"Ach, das können Sie doch nicht ändern. Ich bin nicht für solche +Neuerungen. Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war +es mit Herrn Pfäfflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau +liegt daran, in diese Form einen Inhalt zu gießen," sagte er lebhaft, +"und wenn Sie lieber die leere Form haben, so brauchen Sie ja auf den +Inhalt nicht zu horchen." + +"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfäffling und legte beschwichtigend +ihre Hand auf seine trommelnde, "Fräulein Bergmann hat das gar nicht +schlimm gemeint!" + +"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfäffling +begütigend. Im Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch +einsilbig. Aber nach Tisch rief Herr Pfäffling seine Frau zu sich in +das Musikzimmer. "Das ist ein unleidlicher Zustand," begann er, "dieses +Frauenzimmer ist die verkörperte Dissonanz und stört jegliche Harmonie +im Hause. So etwas kann ich nicht vertragen. Tu mir's zuliebe und mache +der Sache ein Ende. Wir finden wohl auch wieder eine andere Mieterin." + +"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Türe weisen, das tut mir doch +leid für sie, wie soll ich denn das machen?" + +"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu +kränken. Aber je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich +hinüber und mit ihr reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!" + +"Nein, so plötzlich läßt sich das doch nicht machen, bis zum 1. April +mußt du dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfäffling, und während +sie ihrer Arbeit nachging, überlegte sie, wie sie die Kündigung +schonend begründen könnte. Fräulein Bergmann tat ihr leid, aber die +Rücksicht auf ihren Mann, auf Harmonie und Frieden im Hause mußte doch +vorgehen. + +Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fräulein +Bergmann suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem +Tisch lagen Papiere ausgebreitet. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen," +sagte das Fräulein, "hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten +Stellen hervorgesucht, möchten Sie diese nicht lesen? Ich muß Ihnen +sagen, daß ich mich ordentlich schäme über die Zurechtweisung, die ich +heute mittag erfahren habe; so etwas ist mir nicht vorgekommen in den +vielen Jahren, die ich in Stellung war. Aber ich fühle ja selbst, daß +ich unleidlich bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht so, +bitte, lesen Sie!" + +Fräulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele +Jahre in ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tüchtigkeit +war in den Zeugnissen ausdrücklich ihre Liebenswürdigkeit, ihr Takt +hervorgehoben. + +Indem Frau Pfäffling dieses las und überdachte, kam ihr plötzlich die +Erklärung dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fräulein Bergmann +wieder in das richtige Geleise zu bringen wäre. + +"Ich glaube, Sie haben sich viel zu frühe in den Ruhestand begeben, und +das ist wohl der Grund für Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen. +Sie stehen im gleichen Alter wie mein Mann; wie käme es Ihnen vor, wenn +er schon aufhören wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch +sein Bestes leisten, und so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft, +und haben eine reiche Lebenserfahrung dazu. Sie könnten ein ganzes +Hauswesen leiten, eine Schar Kinder erziehen, und wollen hier in einem +Stübchen hinter den Büchern sitzen! Das ertragen Sie einfach nicht und +das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun in unser Hauswesen +unberufen eingreifen. Ihre besten Kräfte liegen brach! Wenn ich Ihnen +einen Rat geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle, und +zwar eine solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!" + +Fräulein Bergmann hatte nachdenklich zugehört. "Ja," sagte sie jetzt, +"so wird es wohl sein. Ich kann die Untätigkeit nicht ertragen. Daß Sie +mir noch solch eine Leistungsfähigkeit zutrauen, das freut mich. Nur +schäme ich mich vor all meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen +Entschluß mitgeteilt habe, zu privatisieren. Es war mir damals eine +verlockende Stelle als Hausdame angetragen, ich habe sie abgelehnt." + +"Ist sie wohl schon besetzt?" + +"Vielleicht nicht. Es hieß, der Eintritt könne auch erst später +erfolgen." + +"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?" + +"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings hätte ich +keine passendere finden können. Meinen Sie, ich soll schreiben?" + +"überlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darüber hingehen." + +Eine halbe Stunde später hörte man Fräulein Bergmann mit eiligen, +elastischen Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post. + +"Ich bin Fräulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam, +"sie ist gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt; +warum sie wohl gerade heute so vergnügt ist?" + +Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in +Richtigkeit. Schon zum 1. April sollte Fräulein Bergmann sie antreten. +Das letzte gemeinsame Mittagsmahl war vorüber, die Kinder freuten sich +unten, im Freien, der langersehnten warmen Frühlingsluft, Frau +Pfäffling war mit der Sorge um das Gepäck der Reisenden beschäftigt, +diese saß allein noch mit Herrn Pfäffling am Eßtisch. + +"Wenn ich einmal alt und pflegebedürftig bin," begann Fräulein +Bergmann, "dann frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen möchten in +Ihr Haus. Ich kenne niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern +anvertrauen möchte, als Ihrer lieben Frau und den seelenguten +Zwillingsschwestern. Dann dürften Sie ja keine Angst mehr haben vor +meiner kritischen Art." Herr Pfäffling, der nach seiner Gewohnheit um +den Tisch gewandelt war, machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik ist +ja sehr viel wert, wenn sie nicht bloß aus schlechter Laune entspringt. +Solange Sie _alles_ tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo +wir in friedlicher Stimmung auseinandergehen, jetzt würde ich auf Ihr +Urteil viel geben. Sie sagten neulich, es sei alles unschön und unfein +bei uns—" + +"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und überdies +wissen Sie wohl, daß alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen +war." + +"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Äußerungen zugrunde. Möchten Sie +mir nicht sagen, was Ihnen unschön erscheint in unserem Hauswesen, +unseren Gewohnheiten?" + +Fräulein Bergmann überlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht +aufrecht erhalten," und mit einem gutmütigen, aber doch ein wenig +spöttischen Lächeln fügte sie hinzu: "Unschön ist eigentlich nur +_eines_." + +"Und zwar?" + +"Darf ich es sagen? Nun denn: unschön kommt mir vor, wenn Sie so wie +jetzt eben im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt." + +Herr Pfäffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne. + +"Ihr Wilhelm fängt das nämlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben +Sie es noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter +Ihnen, immer die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen +Zusammenstoß zu vermeiden, da Sie oft mit einem plötzlichen Ruck +stehenbleiben. Es war sehr drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig +dabei." + +"Das begreife ich!" sagte Herr Pfäffling, "und wenn mir schließlich +alle Kinder folgen würden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit. +Ich werde es mir abgewöhnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur +zu solchen übeln Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken +darüber—und nahm seinen Lauf um den Tisch wieder auf. + +Fräulein Bergmann verließ lächelnd das Zimmer. + +Im Vorplatz übergab Frau Pfäffling den vollgepackten Handkoffer an +Walburg. "Ist er nicht zu schwer?" fragte sie. + +"O nein," entgegnete Walburg in ungewöhnlich lebhaftem Ton, "ich trage +ihn _gern_ fort." + +Hatte sie auch nie die unfreundlichen Äußerungen gehört, die Fräulein +Bergmann über sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert +und war froh, daß diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wußte sie +nicht, fragte auch nicht darnach, es genügte ihr, daß offenbar niemand +unglücklich darüber war, Marianne vielleicht ausgenommen, aber die +würde sich bald trösten, und eine neue Mieterin konnte sich nach Ostern +finden. + +Frau Pfäffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit +zur Bahn. Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustüre hinaus, +als Herr Pfäffling seine drei Großen herbeirief: "Nun helft mir die +Portiere abnehmen, daß man wieder Luft und Licht hat und frei durch die +Türe kann. Aber vorsichtig, die Mutter sagt, sie könne den schönen +Stoff gut verwenden!" + +So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stühlen und hantierten +lustig darauf los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch +das offene Fenster von der Straße herauf Elschens Stimme ertönte, die +nach den Brüdern rief. Otto sah durchs Fenster und fuhr blitzschnell +wieder herein: "Fräulein Bergmann hat ihren Schirm vergessen, sie kommt +selbst herauf!" + +"Geht hinaus, laßt sie nicht herein," rief Herr Pfäffling, "den +schmerzlichen Anblick soll sie nicht erleben!" Draußen hörte man auch +schon ihre Stimme: "Ich muß den Schirm im Eßzimmer abgestellt haben." +Richtig, da stand er in der Ecke! Wilhelm erfaßte ihn, blitzschnell +rannte er durch die Türe und konnte diese gerade noch hinter sich +schließen und Fräulein Bergmann den Schirm hinreichen. Sie hatte nichts +gesehen und eilte davon. + +"Wenn sie nun zu spät zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr +Pfäffling überlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb +unten, einen traurigen Anblick bot. "Wir hätten eigentlich warten +können bis morgen." + +Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk mußte vollendet werden; bald +sah alles im Haus Pfäffling wieder aus wie vorher; Fräulein Bergmann +kam nicht wieder, das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfäffling +kehrte mit Elschen allein zurück. "Sie läßt euch alle noch grüßen," +berichtete sie, "ihr letztes Wort war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch +einmal ein schönes Tischgebet schicken!'" + +Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er, +"wir singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu +gekommen." Er stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders +frisch und fröhlich klang, das war Fräulein Bergmann zu danken! + + + + +14. Kapitel +Wir nehmen Abschied. + + +Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, +und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der +Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen +lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts +mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, +innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den +seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten +Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen +waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten. + +Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt +worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, +auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem +einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der +eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder +höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des +Elternhauses entfremdet würde. + +Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während +desselben geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen +zeigen. + +In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder +Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes. +Doch nur für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht +besser ausfiel als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm, +schlimm auch um die Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht +Karls Liebhaberei, der junge Lehrer und der Schüler hätten sie gleich +gerne los gehabt. Darum strebten die Brüder gleich aufeinander zu, als +die Klassentüre sich auftat und die Schüler herausdrängten. Über der +andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne Karl sein Zeugnis +hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl schon +manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt +und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater +noch zu erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als +er die Jungen mit den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen +sah, wußte er schon, daß es Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine +Durchschnittsnote nötig?" fragte er und überblickte das Zeugnis, und +war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder waren enttäuscht, +nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein müssen. "Hast +du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie. + +"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind +wir noch in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so +vergnügt seid, ihr meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig, +aber ganz kann ich euch noch nicht davon entbinden, Wilhelm könnte +sonst gleich wieder rückfällig werden. Sagen wir _einmal_ statt zweimal +in der Woche." Sie machten lange Gesichter. "Und in den Osterferien gar +keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte der Vater hinzu. Da heiterten +sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens in den Ferien frei war, +im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr in einem hin. +Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder +vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die +Schwestern begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust +sämtliche Heftchen auf des Vaters Tisch ausbreiteten. + +"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie +Elschen ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die +geheimnisvollen Ziffern zu deuten. + +"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen +Übermut hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a +plus b ist? Das weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen +Vierer." Von allen Seiten kamen nun solch verfängliche Fragen und es +wurden ihr lauter Vierer prophezeit, bis ihr angst und bang wurde, sie +sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du gibst mir dann jeden Tag +Mathematikstunden!" + +Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten +sie eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug +gekommen. Sie schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte. + +Herr Pfäffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder +in Händen hatte und sah, daß es besser war als die früheren, trat ihm +wieder das Bild vor die Seele, wie der Kleine ihm die verhüllte Violine +mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes übergeben hatte. Er war seitdem ein +gewissenhafter und geschickter Klavierspieler geworden, aber die Liebe, +die er zu seiner Violine und auch zu der Harmonika gehabt hatte, die +brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem Herzen war er nicht +dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine erwähnt. Ob +sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater +hätte es gerne gewußt, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der +kleine Spieler seine Musikhefte beiseite räumte, redete er ihn darauf +an. + +"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir +nicht mehr so leid, daß du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes +Gesicht machte das Kind, als diese Wunde berührt wurde, dann antwortete +er leise: "Ich möchte sie gar nicht mehr haben." + +"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhören +kann, wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du _kannst_ nicht, +Frieder? Du _willst_ nur nicht, weil es dir schwer fällt; aber siehst +du nicht, daß wir alle aufhören, wenn wir müssen? Meinst du, ich möchte +nicht lieber selbst weiter spielen, als Fräulein Vernagelding Stunde +geben, wenn sie jetzt kommt? Meinst du, die Mutter möchte, wenn sie +nach Tisch in ihren schönen Büchern liest, nicht lieber weiterlesen als +schon nach einer halben Stunde wieder das Buch aus der Hand legen und +die Strümpfe stopfen? Und die großen Brüder möchten nicht lieber auf +den Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben unter +unserem Dach möchten nicht lieber für sich selbst Futter auspicken als +ausfliegen und ihre Jungen füttern, wie es der liebe Gott angeordnet +hat? Und der Frieder Pfäffling will allein dastehen auf der Welt und +sagen: 'Ich kann nicht aufhören'? Nein, der müßte sich ja schämen vor +den Tierlein, vor den Menschen, vor dem lieben Gott müßte er sich +schämen!" + +"Ich kann auch aufhören," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim +Geigen nicht." + +"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann +mitten im Geigenstrich aufhören und das mußt du auch lernen. Gib dir +Mühe, und wenn du dann fühlst, daß du einen festen Willen hast, so sage +es mir, dann will ich dir jeden Sonntag für eine Stunde deine Geige +geben." + +Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem großen Schrank +deutend, der in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit +zärtlichem Ton: "Da innen ist sie!" + +"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen +Willen bekommt und sie erlöst aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind; +Fräulein Vernagelding ist im Vorplatz, ich höre sie schon lange +plaudern mit Marianne, ich weiß nicht, warum sie nicht herein kommt." + +Unser Musiklehrer öffnete die Türe nach dem Vorplatz, die drei +plaudernden Mädchen fuhren auseinander, Fräulein Vernagelding kam zur +Stunde. Noch rosiger und lächelnder erschien sie als sonst, und hatte +solch eine wichtige Neuigkeit unter vielem Erröten mitzuteilen! Die +Karten waren ja schon in der Druckerei, auf denen zu lesen stand, daß +Fräulein Vernagelding Braut war! Solch einen schönen, jungen, reichen, +blonden Bankier hatte sie zum Bräutigam! Aber unmusikalisch war er +leider sehr, denn obwohl sie ihm vorgespielt hatte, war er doch der +Meinung, sie solle nicht mehr Klavier spielen. + +"Grämen Sie sich darüber nicht," sagte Herr Pfäffling zu seiner +Schülerin, "vielleicht ist er sogar sehr musikalisch." + +"Meinen Sie?" fragte Fräulein Vernagelding, "das wäre schön! Und nicht +wahr, wenn ich auch nicht mehr zur Stunde komme, bleiben wir doch gute +Freunde und Ihre Fräulein Töchter müssen zu meiner Hochzeit kommen. Das +gibt zwei süße Brautfräulein!" + +"Meine Töchter?" fragte Herr Pfäffling verwundert. "Sie meinen die +Marianne? Das sind doch keine Brautfräulein? Da müssen Sie mit meiner +Frau sprechen."— + +Der Tag war gekommen, an dem Frau Pfäfflings Bruder eintreffen sollte. +Alle Hände hatten sich fleißig gerührt, um für das Osterfest und +zugleich für den Gast das Haus festlich zu bereiten. Die letzten Spuren +des langen Winters waren mit den trüben Doppelfenstern, mit +Kohleneimern und Ofenruß aus den Zimmern verschwunden, die +Frühlingssonne durfte die hintersten Winkel bestrahlen, Walburg +brauchte die Prüfung nicht zu fürchten, alles war blank und rein. Eine +mühevolle Zeit war das gewesen, aber nun war sie glücklich überstanden, +Feststimmung breitete sich schon über das Haus und heute sollte der +Gast ankommen. + +"Die Mutter sieht so aus wie am heiligen Abend vor der Bescherung," +sagte Karl, als die beiden Eltern miteinander zum Bahnhof gingen. Ja, +Frau Pfäffling freute sich innig. War das Zusammensein mit dem Bruder +in der alten Heimat schön gewesen, so mußte es doch noch viel +beglückender sein, ihn im eigenen Familienkreis zu haben. + +Die Kinder daheim berieten, wie sie den Onkel empfangen, ob sie ihm +alle miteinander entgegenkommen sollten? Sie entschieden sich aber +dagegen, er war nicht an so viele Kinder gewöhnt, sie wollten sich +verteilen und nur allmählich erscheinen, damit es keinen Lärm und kein +Gedränge gäbe. + +Als es Zeit war, standen sie alle an den Fenstern des Wohnzimmers und +sahen begierig die Straße hinunter. Da tauchten schon die drei +Gestalten auf, und jetzt waren sie deutlich zu erkennen. Der Onkel, +fast einen Kopf kleiner als der Vater, ganz ähnlich der Mutter, nur +nicht so schmal. Fein sah er aus im eleganten Reiseanzug und daß er +eine voll gepackte Ledertasche in der Hand hatte, wurde von Elschen +besonders hervorgehoben. Nun mußten auch die Kinder bemerkt worden +sein, denn der Onkel winkte mit der Hand herauf, ja er schwenkte sogar +den Hut als Gruß. Das machte einen gewinnenden Eindruck. "Wir springen +doch entgegen, der ist gar nicht so!" sagte Wilhelm. "Nein, der ist +nicht so," entschied der ganze Chor. Die sieben Kinderköpfe +verschwanden vom Fenster, und vierzehn Füße trabten die Treppe +hinunter. "Die Treppe ist frisch geölt," rief Marie, "geht an der +Seite, daß sie in der Mitte schön bleibt!" + +Nun kam die Begrüßung. Man war sich unbekannt und doch nicht fremd. Die +Kinder berührte es merkwürdig, daß der Onkel der Mutter so ähnlich war, +in den Zügen, in der Stimme und der Aussprache. Zutraulich begrüßten +sie ihn, und auch er fand in ihnen lauter verwandte Gesichter, die +einen seiner Schwester, die andern seinem Schwager ähnlich. + +"Nun gebt die Treppe frei, Kinder," drängte Herr Pfäffling, "wir wollen +den Onkel doch auch hinauf lassen." Sie machten Platz, und ließen den +Gast voran gehen. Auf halber Treppe sah er zurück nach dem jungen +Gefolge. "Wie komisch sie alle an der Seite gehen," bemerkte er zu der +Mutter. + +"Damit die Treppe in der Mitte geschont wird." + +"Ah so!" sagte der Professor und sah sichtlich belustigt zurück. +"Cäcilie, nun kenne ich deine Kinder schon. Die heißt du ungehobelt?" + +Droben, im Wohnzimmer, war der Mittagstisch gedeckt. "Was für eine +stattliche Tafel!" rief der Gast, und dann sah er erstaunt auf die +ungewöhnlich große Gestalt Walburgs, die stumm die Suppe auftrug. "Ihr +habt euch wohl eine besonders kräftige Magd ausgesucht für eure großen +Schüsseln?" sagte er spassend zu den Kindern, "ist das die treue, +stumme Dienerin? Wie schade um das Mädchen!" + +"Es wird aber nicht mehr schlimmer bei ihr, Onkel," versicherte Marie, +"ich war mit ihr beim Arzt, er sagt, es kann sogar eher ein wenig +besser werden." + +Sie sammelten sich um den Tisch. "Mutter," bat Wilhelm, "du hast einmal +ein Tischgebet gewußt, das müßte heute gut passen und dem Onkel +gefallen, es kommt etwas vom vielverheißenden Tisch vor, weißt du +nicht, welches ich meine?" + +Frau Pfäffling wußte es wohl und sprach es: + +In größerem Kreise stehen wir heute +Am Gutes verheißenden festlichen Tisch. +Aber die richtige fröhliche Stimmung +Die mußt auch heute Du, Herr, uns geben. +Nahe dich freundlich jedem von uns. + + +Drei Tage blieb der Onkel im Haus und beobachtete oft im stillen seine +Neffen und Nichten. Er hatte ihnen ein Spiel mitgebracht, an dem sich +alle beteiligen konnten. "Ich will es den Kindern lehren," sagte er, +"die meinigen haben es auch, es ist ein Tischcroquet, ein nettes Spiel, +bei dem es nur leider gar zu leicht Streit gibt unter den Spielern." +Sie machten sich mit Eifer daran und trieben es täglich fast mit +Leidenschaft. Sie achteten dabei nicht auf den Onkel, der, hinter der +Zeitung sitzend, seine Beobachtungen machte. "Wir müssen die zwei +Parteien so einteilen, daß die guten und schlechten Spieler gleichmäßig +verteilt sind," sagte Karl. "Nimm du Frieder auf deine Seite, Wilhelm, +der ist am ungeschicktesten, und ich will Anne auf meine Partei nehmen, +sonst können die nie gewinnen." So war es allen recht und das Spiel auf +seinem Höhepunkt, als Frau Pfäffling hereinkam. + +"Kinder," sagte sie, "Walburg hat wieder kein Holz, laßt euch doch +nicht immer mahnen." Schuldbewußt legten zwei der Spieler ihre Schläger +aus der Hand und gingen hinaus. Der Onkel sah aufmerksam hinter seiner +Zeitung hervor. Das Wort: "Laßt euch doch nicht mahnen" schien noch +weiter zu wirken. "Hat jemand des Vaters Brief auf die Post getragen?" +fragte Marie. Niemand meldete sich. "Das könntest du besorgen, +Frieder," sagte die Schwester, "Elschen geht mit dir." So entfernten +sich auch diese Beiden. Die andern spielten weiter, Frau Pfäffling +setzte sich ein wenig zu ihrem Bruder. Sie sprachen halblaut zusammen. +"Es ist rührend," sagte der Bruder, "wie sich diese Lateinschüler so +selbstverständlich zum Holztragen verpflichtet fühlen und ohne +Widerspruch das Spiel aufgeben. Das täte meiner nie, wie hast du ihnen +das beigebracht?" + +"Das bringen die einfachen Verhältnisse ganz von selbst mit sich. Die +Kinder sehen, wie Walburg und ich uns plagen und doch nicht fertig +werden, so helfen sie mit." + +"Mir, als dem Juristen, ist wirklich euer kleiner Staat interessant und +ich sehe ordentlich, wie aus solcher Familie tüchtige Staatsbürger +hervorgehen. Wie die Starken sich da um die Schwachen annehmen, wie sie +ihr eigenes Ich dem allgemeinen Ganzen unterordnen und welche Liebe und +widerspruchslosen Gehorsam sie den Eltern als dem Staatsoberhaupt +entgegenbringen, wohl in dem Gefühl, daß sonst das ganze System in +Unordnung geriete. Dazu kommt auch noch, daß dein Mann ein so +leutseliger Herrscher ist und du bist sein verantwortlicher Minister. +Das muß ich dir sagen, wenn ich nun eines eurer Kinder zu mir nehme, in +ein so geordnetes Staatswesen kann ich es nicht versetzen." + +Die Kinder hatten nicht auf das leise geführte Gespräch gehorcht; was +kümmerte sie, wenn vom Staat die Rede war? Aber die letzte Bemerkung +des Onkels, die traf Maries Ohr, die erfaßte sie. "Wenn ich eines eurer +Kinder zu mir nehme," hatte er gesagt. Sie hätte es offenbar nicht +hören sollen, es war nur halblaut gesprochen. Zunächst ließ sie sich +nichts anmerken, aber lange konnte sie diese Neuigkeit nicht bei sich +behalten. Nach Tisch fanden sich die Geschwister alle unten am +Balkenplatz zusammen. Dort konnte man sich aussprechen und Marie +vertraute ihnen an, was sie gehört hatte. Das ganze Trüppchen stand +dicht zusammengedrängt und besprach in lebhafter Erregung die +Möglichkeit, fortzukommen. Verlockend war das Neue, lieb war das Alte. +Wer ginge gern, wer ungern? Sie waren zweifelhaft. Wen würde der Onkel +wählen? Ein jedes meinte: "Sicherlich nicht gerade mich." Das war die +Bescheidenheit. Aber einer, der doch auch nicht unbescheiden war, der +Frieder, sagte: "Ganz gewiß will er _mich_ mitnehmen." Das war die +Angst, denn Frieder wollte nicht fort, für ihn gab es da nichts +Zweifelhaftes, er wollte daheim bleiben, er fürchtete die fremde Welt. +Und da er so bestimmt aussprach: mich will er mitnehmen, so glaubten +ihm die Geschwister. Schon einmal war er das fremde Kind gewesen, vor +die Türe gewiesen mit der Violine. Von jeher war er ein wenig allein +gestanden. Nun schauten ihn alle darauf hin an, daß er fort von ihnen +sollte. Sie sahen das gute Gesichtchen, die seelenvollen Augen, die +angsterfüllt von einem zum andern blickten, und da wurden sich alle +bewußt, daß sie doch den Frieder nicht missen mochten. Karl war es, der +aussprach, was alle empfanden: "Unser Dummerle geben wir nicht her!" + +Oben, am Fenster des Musikzimmers, stand der Professor im Gespräch mit +Herrn Pfäffling und seiner Frau. Nun trat er an das Fenster und sah +hinunter, "Dort steht ja das ganze Trüppchen beisammen," sagte er, +"eines dicht beim andern, keinen Stecken könnte man dazwischen +schieben! Es ist köstlich anzusehen! Und wie sie eifrig sprechen!" + +"Ja," sagte Frau Pfäffling, "irgend etwas muß sie sehr beschäftigen." + +"Das haben eure Kinder doch vor andern voraus, daß jedes sechs treue +Freunde mit fürs Leben bekommt, denn die einmal so warm beieinander im +Nest gesessen waren, die fühlen sich für immer zusammengehörig. Daß ich +nun aber die Hand ausstrecken soll und ein Vögelein aus diesem Nest +herausnehmen, dazu kann ich mich immer schwerer entschließen. Geben wir +doch den Plan auf! Lassen wir das fröhliche Völklein beisammen, es kann +nirgends besser gedeihen als daheim!" + +"Ich glaube, du siehst bei uns alles in zu günstigem Licht, wir sind +oft unbefriedigt und haben allen Grund dazu!" + +"Das mag sein, an Unvollkommenheiten fehlt es gewiß auch bei euch +nicht. Aber den guten Grund fühle ich heraus, auf dem alles im Haus +aufgebaut ist, die Wahrhaftigkeit, die Religion, die bei euch +Herzenssache ist." + +"Das hast du doch kaum in so kurzer Zeit beobachten können," meinte +Frau Pfäffling. + +"Aber doch habe ich diesen Eindruck gewonnen, so zum Beispiel von +Wilhelm. Du kannst weit suchen, bis du wieder einen solch lustigen +Lateinschüler findest, der um ein bestimmtes Tischgebet bittet, wie er +neulich tat bei unserem ersten Mittagessen. Ich wollte, es wäre bei +meinen Kindern auch etwas von diesem Geist zu spüren! Kehren wir doch +die Sache um! Ich schicke euch lieber meinen Jungen einmal. In euren +einfachen Verhältnissen würde er ganz von selbst seine Ansprüche fallen +lassen, er wäre zufrieden und glücklich mit euren Kindern." + +Es blieb bei dieser Verabredung. + +Draußen im Freien hatte sich inzwischen alles verändert. Die Sonne war +von schweren Wolken verdeckt worden, in echter Aprillaune wirbelten +plötzlich Schneeflocken herunter und die jungen Pfäfflinge flüchteten +herauf. + +"Da kommen sie ja wieder alle miteinander," sagte der Onkel, "wißt ihr +auch, Kinder, mit was für Gedanken ich hieher gekommen bin? Eines von +euch wollte ich mir rauben, weil bei mir noch so schön Platz wäre für +ein viertes, und eure Eltern hätten es dann leichter gehabt. Aber ich +tue es nicht. Wollt ihr hören warum? Weil ihr es so schön und so gut +habt, daß ihr es nirgends auf der ganzen Welt besser haben könnet. Ihr +lacht? Es ist mein Ernst." + +Nun glaubten sie es ihm. Der Onkel, der weitgereiste, mußte es ja +wissen. + +Elschen drückte sich schmeichelnd an den Onkel. "Wen von uns hättest du +denn mitgenommen?" fragte sie. + +"Mußt du das wissen, kleine Neugier? Vielleicht den da," sagte er und +deutete auf Frieder. Der nickte zustimmend. Er hatte es ja gewußt! + +Einige Tage später war Frau Pfäfflings Bruder wieder abgereist. Sie +stand mit wehmütigem Gefühl im Gastzimmer und war beschäftigt, es +wieder für eine fremde Mieterin zu richten, nach der man sich nun bald +umsehen mußte. In ihren Gedanken verloren, hörte sie doch mit halbem +Ohr einen Mann die Treppe heraufkommen, hörte klingeln, öffnen, wieder +schließen, hörte Marie zum Vater hinübergehen. An all dem war nichts +besonderes, es brachte sie nicht aus ihrem Gedankengang. + +Aber jetzt? + +Sie horchte. "Cäcilie, Cäcilie!" tönte es durch die ganze Wohnung. Sie +wollte dem Ruf folgen, aber da kam schon ihr Mann zu ihr herein, da +stand er vor ihr mit glückstrahlendem Angesicht und rief frohlockend: + +"Cäcilie, ich bin Musikdirektor in Marstadt!" und als sie es nicht +fassen und glauben wollte, da reichte er ihr einen Brief, und sie las +es selbst schwarz auf weiß, daß die Marstadter vorläufig in einem +gemieteten Lokal die Musikschule eröffnen wollten und den Musiklehrer +Pfäffling zum Direktor ernannt hätten. Es fehlte nichts mehr als seine +Einwilligung, und auf diese brauchten die Marstadter nicht lange zu +warten! + +Der jubelnde Ruf: "Cäcilie!" hatte die Kinder aus allen Zimmern +herbeigelockt. Zu verschweigen war da nichts mehr. Vom Vater hörten sie +die gute Kunde, sie sahen, wie die Mutter bewegt am Vater lehnte und +immer wieder sagte: "Wie mag ich dir das gönnen!" + +Und das Glück war immer größer, weil es von so vielen Gesichtern +widerstrahlte. + +Nur einer war davon ausgeschlossen, einer hatte alles überhört, weil er +mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt war. + +"Wo ist denn der Frieder?" fragte Elschen, "dem muß man es doch auch +sagen!" + +Man suchte nach ihm und fand ihn ganz allein im Musikzimmer, vor dem +Schrank stehend, in dem seine Violine aufbewahrt war. + +"Was tust du denn da?" fragte Herr Pfäffling. + +"Ich warte auf dich, Vater, schon so lange!" + +Dabei drängte er sich dicht an den Vater und fragte schüchtern: "Gibst +du mir am Sonntag meine Geige auf eine Stunde? Ich kann jetzt mitten +darin aufhören, ich habe es probiert." + +"Wie hast du das probiert, Frieder?" + +"Beim Essen. Dreimal. Aufgehört im ärgsten Hunger, auch bei den +Pfannenkuchen. Die andern wissen es." + +"Ja, es ist wahr," betätigten ihm die Geschwister, die als seine +Tischnachbarn Vorteil aus diesen Proben gezogen hatten. Herr Pfäffling +schloß den Schrank auf. "Wenn es so steht, Frieder," rief er fröhlich, +"dann warten wir gar nicht bis zum Sonntag, denn heute ist ohnedies +Festtag bei uns, du weißt wohl noch gar nichts davon? Da hast du deine +Violine, kleiner Direktorssohn!" + +Ja, das war ein seliger Tag! + +Frau Pfäffling suchte Walburg auf; diese hatte von den Kindern schon +die Neuigkeit gehört, und da sie dem Leben nicht viel Gutes zutraute, +so fürchtete sie auch diese Veränderung. Aber da kam auch ihre Frau +selbst, sah sie mit herzlicher Freundlichkeit an und rief ihr ins Ohr: +"Der Herr Direktor will auch deinen Lohn erhöhen." + +Nun war Walburg getrost, ihr Bleiben war besiegelt, und als sie wieder +allein in ihrer Küche stand, da legte sie einen Augenblick die +fleißigen Hände ineinander und sagte: "Lobe den Herrn!" + +Frau Pfäffling ging hinunter zur Hausfrau. Diese sollte nicht durch +Fremde die Nachricht erfahren. Lange sprachen die beiden Frauen +zusammen, und während sie sprachen, tönte von oben Klavier und Gesang +herunter und Frau Pfäffling erkannte die frohlockende Melodie: ihr Mann +übte mit den Kindern den Chor mit dem Endreim: + +"Drum rufen wir mit frohem Sinn: +Es lebe die Direktorin!" + + +Als Frau Hartwig wieder allein war, mußte ihr Mann sie trösten: "Leicht +bekommen wir eine bessere Mietspartei, sie haben doch recht viel Unruhe +im Haus gemacht und bedenke nur die Abnützung der Treppe!" Dabei suchte +er eine kleine Tafel hervor und gab sie seiner Frau. Sie ging hinaus +und befestigte an der Haustüre die Aufschrift: + +_Wohnung zu vermieten_. + + +Und als sie die Türe wieder hinter sich schloß, fiel ihr eine Träne auf +die Hand und sie sagte vor sich hin: "Das weiß gar niemand, wie lieb +mir die Familie Pfäffling war!" + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10917 *** |
